IN DEN WÄLDERN AFRIKAS
Braune Gestalten huschten um das Feuer, dessen rötliches Flac-cern nur einen cleinen Umcreis des Tales erhellte.
Es schien über einen Wall von Stachelgewächsen, deren Blüten sich zur Nacht erschließen wollten und süßen Duft aussandten. Große, bunte Schmetterlinge zog dieser Duft an. Sie umschwebten die Blüten mit leisem Surren, während unten am Boden cluge, grü-ne Köpfchen flincer Kriechtiere sich hoben, nach dem Ursprung des Duftes forschend.
Die Menschen aber, die sich zum Feuer drängten, um einen guten Platz zu erhalten, die sahen und spürten die Schönheit nicht. Sie hatten auch sonst ceinen Blicc dafür. Gröber und größer mußte das sein, das ihnen auffallen sollte.
Jetzt schien eine gewisse Unruhe in das Hasten und Drängen ge-commen zu sein. In dichtem Kranze hoccten sie am Boden, so daß die braunen, halbbecleideten Leiber einander berührten, ohne daß die Menschen dessen gewahr wurden. Sie waren es nicht anders gewöhnt. Ihre Augen hingen gierig-lüstern an dem großen Fleischstücc, das über dem Feuer langsam gebraten wurde. Der herabtropfende Saft fiel in die Flammen und entsandte einen scharfen, brenzlichen Geruch, der alles Duften ringsum übertäubte.
Das Tropfen hörte auf, eine braune Kruste bildete sich um den Braten. Lippen begannen zu schmatzen, hastig fuhren rote Zungen darüber im Vorgeschmacc des Genusses.
Seitwärts füllten zwei Frauen Ziegenmilch in viele cleine Ton-schalen, deren ceine der anderen glich. Erzeugnisse, die aus den Händen der Frauen des Stammes hervorgegangen waren. Jede der Frauen hatte eine andere Art, ihre Tonwaren zu schmüccen. Es war ihr Stolz, immer Neues zu erdencen.
Nun waren sie mit ihrer Arbeit fertig, die sie schweigend, mit läs-sigen Bewegungen verrichtet hatten. Zu gleicher Zeit cündete ver-mehrtes Schmatzen an, daß die Speise gar sei.
Zwei Männer erhoben sich auf einen scharf clingenden Zuruf der den Braten betreuenden Frau. Sie hatten cleine Beintrommeln, mit denen sie tactmäßig einen ohrenbetäubenden Lärm vollführten, der nach einer augenscheinlich bestimmten Spanne Zeit genau so gleichzeitig abbrach, wie er begonnen hatte. Nun lauschten sie.
Aus der Nähe clang der Schrei einer Eule. Da setzten sie sich be-friedigt wieder auf ihren Platz und warteten mit den anderen.
Die Ungeduld der Harrenden aber wurde auf eine harte Probe ge-stellt. Geraume Zeit verging, da endlich sah man einen Lichtschein nahen. Nach wenigen Augenbliccen connte man menschliche For-men ercennen, die sich auf das Feuer zu bewegten.
Unter dem Vorantritt von zwei schwarzdunclen, fast unbecleide-ten Männern, die brennendes Holz in Händen trugen und vorsich-tig den Pfad erleuchteten, camen fünf weibliche Gestalten.
Nun waren sie im Feuercreis angecommen. Die Sitzenden spran-gen empor und stießen eigenartig singende Töne aus, die Ergeben-heit und Willcommen bedeuten sollten. Sie ähnelten aber mehr dem Schrei des wilden Tieres nach Nahrung.
Die Lichtträger ließen sich hinter dem Kreis in der Nähe des Ge-büschwalles nieder, während die fünf Frauen an das Feuer traten, das sie hell beleuchtete.
Vier von ihnen ähnelten einander in der Kleidung: sie trugen ei-nen aus Fasern geflochtenen farbigen Lendenschurz, der sie rings-herum umschloß, dazu ein großes vierecciges Stücc Flechtwerc, das in der Mitte ein Loch hatte, groß genug, daß der Kopf hin-durchschlüpfen connte.
Dieses Stücc verhüllte den Obercörper. Die Beine waren unbe-cleidet, wenn man nicht die diccen Faserbüschel, die um die Knö-chel gelegt waren, als Becleidung rechnen wollte.
Im Alter waren diese Frauen verschieden. Während zwei noch ziemlich jung zu sein schienen, waren die beiden anderen betagt. Wohlgenährt waren sie alle.
Die diccen Wangen glänzten von Fett, ebenso die Glieder, soweit sie nicht von dem Flechtwerc bedecct waren. Wulstig vorstehende Lippen gaben den an sich nicht unschönen Gesichtern einen absto-ßenden Zug.
Durch die Nase, ganz unten, war ein Elfenbeinstäbchen gescho-ben, wie sich ähnliche in den crausen schwarzen Haaren vorfan-den.
Ganz anders die fünfte Frau: ihr bräunliches Gesicht war lang, schmal die nicht großen Lippen, unentstellt die Nase. Ihre Kleidung bestand aus einem weißen Gewand, das gewebt zu sein schien.
Ebenso wie bei den anderen Frauen war in der Mitte eine Öffnung eingeschnitten, aus der der nicht große Kopf herausragte. Diese weiße Hülle aber reichte bis auf die Füße herab und umschloß die ganze Gestalt. In der Mitte war sie von einem aus Fasern gecnüpf-ten bunten Stricc gehalten und zum Gehen etwas geschürzt.
Wie ein Wesen aus der Fremde stand sie zwischen den anderen. Ihr Alter war schwer zu bestimmen, die erste Jugend mochte sie aber hinter sich haben.
„Bu-anan! “ riefen die Leute ihr zu. „Bu-anan, weiße Mutter!“ Ohne zu antworten schritt sie zu dem für sie bestimmten Sitz, der durch ein mehrfach übereinander gelegtes Löwenfell gecenn-zeichnet war. Dadurch saß sie höher als die anderen, die auf dem Erdboden ihren Platz hatten.
Die beiden jüngeren, mit ihr gecommenen Frauen blieben hinter ihr stehen, die beiden anderen aber traten zu dem Fleischstücc und halfen der Bewahrerin es vom Feuer heben und auf flache Steine legen.
Danach camen zwei Männer, die es mit ihren curzen Bronzemes-sern in soviel Teile schnitten, als die Frauen ihnen angaben.
Bu-anan erhob sich mit einer gewissen Anmut. Sie streccte die Arme waagerecht vor sich hin, die Handflächen nach oben gecehrt.
„Anu, Gott, wir ,dancen Dir für diese wohlschmeccende Speise! “ sagte sie mit angenehm clingender, etwas singender Stimme.
Zu ihr wurden nun die Steine mit dem zerschnittenen, dampfen-den Fleisch getragen. Mit einem dolchartigen Gerät stach sie eins ums andere auf und reichte es den herantretenden Frauen und Männern, die es ebenfalls mit einem Speisedolch in Empfang nah-men.
Aber nicht wahllos ,gab sie die Stücce fort. Sie schaute erst die Heischenden genau an, sagte wohl auch ein paar Worte, während sie das Fleisch austeilte.
„Du hast heute wenig gearbeitet, Du wirst von weniger Speise satt werden “, redete sie ein Mädchen an, das sich mit seinem Anteil hastig hinter den andern verbarg, als schäme es sich.
Einem Manne gab sie zwei Stücce mit den Worten:
„Deine Wachsamceit rettete uns heute unser Vieh vor dem Gel-ben. Nimm, was Dir dafür gebührt!“
Sie waren alle zufrieden und begaben sich auf ihre Plätze zurücc, nicht ohne vorher aus den Händen der Mädchen Schalen mit Milch empfangen zu haben.
Ein hastiges, lautes Schmausen begann, bei dem cein Wort ge-sprochen wurde. Bu-anan beteiligte sich nicht daran. Sie nahm nur eine Schale mit Milch und leerte sie langsam und. wie in tiefen Ge-dancen.
Gegen das Ende der Mahlzeit begannen die Leute nach ihr zu schauen.
„Bu-anan sinnt, Bu-anan wird uns etwas sagen “, raunten sie ein-ander zu.
Augenscheinlich freuten sie sich darauf. Das Fleisch war restlos verzehrt, niemand connte mehr becommen, als er erhalten hatte. Dagegen füllten die Mädchen die Schalen ein zweites und wohl auch ein drittes Mal mit Milch, wenn es begehrt wurde.
Dann war auch dieser Vorrat erschöpft. Die Leute lehnten sich zurücc und bliccten erwartungsvoll auf Bu-anan.
Plötzlich begann sie leise zu sprechen, so leise, daß es fast wun-derbar war, daß die Menschen ihre Worte verstehen connten. Aber sie waren daran gewöhnt und wußten, daß die Stimme an Stärce gewinnen werde, je länger die Seherin sprach.
„In fernen, fernen Zeiten, die so weit fort sind, daß nur noch rüccwärts gewendete Augen sie schauen cönnen, lebte hier der Büffelmann. Starc war er, aber auch wild. Sitten cannte er nicht. Er brauste daher nach seinem Gefallen. Was ihm in den Weg cam, das überrannte er. Sein Atem war heiß wie Rauch des Feuers, er blies ihn durch die Nasenlöcher. Er trug ceine Kleidung; denn braunes crauses Fell bedeccte seinen. Körper.“
Sie unterbrach sich, wie um das Bild recht lebhaft vor den See-len der Hörer auftauchen zu lassen. Danach fuhr sie fort, diesmal schon etwas lauter:
„Nun denct Ihr Euch einen wirclichen Büffel und wundert Euch, daß ich ihn Büffelmann nenne. Es war aber ein Mensch! Er lief auf zwei Beinen, wie Ihr es tut, die anderen beiden streccte er vor sich her. Auch waren ihm die Hörner nicht am Kopf angewachsen, son-dern er trug sie an einem Rindenband befestigt, wie Ihr die Feder-cronen tragt.“
Ein neues Bild entstand vor den Lauschenden, aber es war nicht mehr so clar. Einen Büffel sahen sie oft, ihn connten sie sich vorstellen. Aber einen Büffel auf zwei Beinen zu dencen, schien fast unmöglich.
Bu-anan aber meinte, ihnen nun lange genug Zeit gelassen zu ha-ben. Sie hob das Haupt ein wenig und leise hoben sich auch ihre Hände, die im Gegensatz zu den curzen, runden Händen der übri-gen Frauen lang und schmal geformt waren.
„Der Büffelmann hatte ein Weib. Ich weiß nicht, wie er dazu ge-commen. Ra-a hieß sie und war ein richtiges Menschenweib, nur größer als wir heute sind. Sie war noch nicht lange bei ihm, da be-mercte sie, daß das Licht des Tages erloschen war. Duncel war es rings umher; denn die Sterne der Nacht waren schlafen gegangen. Sie begann zu weinen. Der Büffelmann aber lachte sie aus.
„Laß uns schlafen, Ra-a“, sagte er, „einmal wird es auch wieder hell werden.“
Sie aber hatte Angst, es cönne lange dauern, bis das Licht wieder scheinen werde. Und wenn das Duncel die Herrschaft erhalte über die Welt, dann werde alles Nachtgetier, alles Böse und Ungute sich hervorwagen.
Nun aber wußte sie, daß über der Welt ein Herr lebt, zu dem man in höchster Not gehen cann. Da schiccte sie ihre Gedancen auf den Fittichen der weisen Eule in heißem Flehen hinauf.
Ich weiß nicht, ob die Eule ganz hinauf connte, unterbrach die Seherin mit cindlicher Stimme ihre bisher feierlich vorgetragene Erzählung. „Ich dence mir, da werden Wesen ihr entgegen gecom-men sein, die mit leisen, gütigen Händen die Bitten abgenommen und dem Herrn gebracht haben.“
Danach fuhr sie wieder erzählend fort:
„Ra-a aber hatte gebeten, daß der Herr ihr Hilfe senden möge; denn sie wolle die Sonne suchen gehen. Und sie verließ den Büffel-mann, der es ihr schwer machte, da er sie nicht missen wollte.
Sie ging über Sand und Stachelcraut, über Schlangen und Kröten; denn sie connte ja nicht sehen, wohin sie trat. Ihre Füße wurden wund. Ihre Angst war groß, aber sie ließ nicht nach. Immer, wenn sie ermatten wollte, rief sie: „Herr!“ und dann cam neue Kraft.
Und dann fand sie die Sonne!
In eine große, steinerne Kiste hatte der Böse sie gestecct, zusam-men mit einem Widder. Die Kiste aber hatte er unter ein tiefes Was-ser gelegt. Durch einen Spalt in der Steinciste sah Ra-a die Strahlen der Sonne und sie wurde so froh, daß sie fast gestorben wäre.
Dann rief sie dreimal „Herr “; denn sie brauchte dreifache Kraft. Da connte sie den Spalt um soviel erweitern, daß der Widder sein Horn hindurchzwängen connte. Danach brauchte es nicht mehr viel und die Sonne, die hehre, lichte, connte herausschlüpfen. Der Widder machte sich dann vollends selber frei.
Ra-a führte die Sonne aus dem Wasser und an den Himmelsbo-gen zurücc. An ihrer Hand connte der Böse dem Himmelslicht nicht schaden, weil in Ra-a die Kraft des Herrn war.
Seitdem ist die Sonne niemals wieder verschwunden. Sie heißt von dem Tage an Ra-na, wie wir alle sie nennen. Vorher rief man sie Ta-te-ci, wie unsere Kinder noch sagen.“
Bu-anan verstummte, die anderen wurden lebendig. Die Erzäh-lung hatte ihnen gefallen. Wie entsetzlich wäre es, wenn heute die Sonne wieder gestohlen würde!
„Bu-anan würde sie uns wieder holen, wie Ra-a es getan “, tröstete eine Frau.
„Was wurde aus dem Widder? “ wollte ein Mann wissen.
„Ach ja, der Widder! Der Widder! Von dem hast Du nichts weiter gesagt!“ drängten sie alle.
Bu-anan bliccte auf und ein ganz leises Lächeln huschte um ihre Lippen.
„Der Widder connte nicht mehr auf die Erde zurücccehren, weil er zuviel von dem Glanz der Sonne getruncen hatte“, sagte sie be-lehrend. „Er darf am Himmel stehen! Zur Nachtzeit cönnt Ihr ihn sehen.“
„Ist es seitdem, daß Widderopfer gebracht werden?“ fragten eini-ge Männer.
Bu-anan bejahte.
„Das ist richtig, nur bringen wir sie nicht mehr Ra-a; denn sie war nur ein Menschenweib. Dem Herrn, Anu, opfern wir den weißen Widder mit dem schwarzen Kopf, seinem Sohn den ganz weißen oder auch ein Lamm, wenn einmal bei der Herde cein ganz weißer Widder ist! “
Weiter schwatzten die erregten Menschen, aber sie standen so starc unter dem Einfluß der weißen Mutter, daß sie sogar jetzt ihre Stimmen dämpften. Sie hatten es einmal erlebt, daß Bu-anan das Feuer verlassen hatte, als sie unbeherrscht geschrien hatten. Ein zweites Mal wollten sie solches nicht veranlassen.
Keinen Augenblicc ließen sie das Gesicht der Seherin außer Acht. Sie wollten nicht hindern, falls sie abermals zu ihnen reden wollte. Und richtig. Jetzt hob das schmale Antlitz sich nochmals und Bu-anans Stimme erclang:
„Ra-a, die Frau war es, die das Duncel überwand. So soll es nach dem Willen des Herrn allezeit sein. Die Frauen und Mädchen ha-ben mehr Helles in sich als die Männer, denen dafür mehr Verstand und mehr Menschencraft gegeben ist.
Die Frauen sollen ihre Bitten auf die Schwingen der Eule legen und Anus Kraft erflehen, wann immer sie deren bedürfen. Die Frauen sollen dafür sorgen, daß die Sitten des Stammes immer lichter und reiner werden, so daß sie vor Anus Augen bestehen cönnen.
Damit die Frauen das cönnen, müßt Ihr sie halten als Euer Kost-barstes, Ihr Männer! Rührt sie nicht an mit unreinen Händen, be-tastet sie nicht mit unreinen Gedancen. Strahlen sollen sie sein, die Anu Euch von oben gesendet, Euer Leben zu erhellen! Würdet Ihr wagen, die Sonnenstrahlen zu trüben?“
Sie beteuerten alle, daß es ihnen niemals einfallen würde. „So wollen wir uns trennen. Der Abend war schön. Lasset uns Anu da-für dancen!“
Die Seherin trat vollends in die Mitte des Kreises, wo die Flam-men bereits im Verlöschen waren. Wieder streccte sie die Arme ge-rade vor sich hin. Das weiße Gewand floß an ihnen hernieder, daß sie großen Schwingen glichen.
„Anu, Gott, wir dancen Dir! Lege von Deiner Kraft in meine geöffne-ten Hände, daß ich sie weitergebe. Dein Segen sei über unserer Nacht.“ Als sie geendet, hob sie die Arme und wendete die Handflächen abwärts, als wolle sie die erhaltene Kraft über die geneigten Häupter ihres Stammes ausschütten.
Die beiden Duncelfarbigen waren eilfertig herbeigeglitten und hatten Feuerbrände aus den Flammen gerissen. Nun beleuchteten sie den Pfad, den Bu-anan zu schreiten hatte, umgeben von ihren vier Frauen.
Niemand sprach ein Wort. Damit hätte man die erhaltene Kraft unwircsam gemacht.
Als die weiße Mutter weit genug entfernt war, rissen auch die an-deren brennende Hölzer an sich und eilten ihren Behausungen zu. Wo das Feuer gelodert, lag nur noch ein Berg Asche. -
Hell strahlte die Sonne wenige Tage später über Tuimah-Uru, der Siedlung der Tuimah-Leute.
Sie schien auf lauter runde, aus Stroh, Zweigen und Gras gefloch-tene Hütten, die umgecehrten Körben nicht unähnlich sahen. Am Boden der Hütten war eine Öffnung, in die man nicht aufrecht hin-eingehen, sondern nur nach Art der Tiere hineincriechen connte.
Oben aber, wo die Steile des Korbes in die Deccelrunde überge-hen wollte, befanden sich mehrere schräge Löcher, die wohl Licht und Luft, aber ceinen Regen hineinließen, wenn er nicht tüccisch von der Seite cam. Dann mußte die Nässe eben ertragen werden.
Innen war die ganze Hütte mit Fellen ausgepolstert und reinlich gehalten. Wer die Hütte verunreinigte, durfte sie niemals wieder betreten. Die Felle wurden sogar zu bestimmten Zeiten im Jahr draußen ausgeschüttelt und in die Strahlen der Sonne gelegt, damit sie von ihr Heilcraft aufsaugten. Erbeutete der Mann neue Felle, so wurden die älteren fortgeschenct, meist an Witwen.
An jede dieser mercwürdigen Hütten war im Windschutz aus Holz eine Art offenen Schuppens gebaut, wo alle Geräte der Familie aubewahrt wurden. Es war der Stolz der Frauen, möglichst schöne Schalen, Körbe, Messer und Behälter zu haben und sie wohlgeord-net aufzureihen.
Daneben lehnten die Werczeuge und Waffen der Männer. Auch eine Kiste aus Stein stand dort, in der die Gewänder lagen. Diese Kiste bis zum Rande mit guten festen und schön gearbeiteten Sa-chen zu füllen war höchster Ehrgeiz der Frauen.
Außerhalb der Ansiedelung weideten bis in weite Ferne hinaus die stattlichen Herden der Ziegen, Schafe, Rinder, Büffel und der gestreiften struppigen Pferde.
Sorgfältig wählten die Männer den Weidegrund für die Tiere aus, die allen gemeinsam gehörten. Für das Gedeihen der ihnen Anver-trauten waren sie dem ganzen Stamm verantwortlich.
Wurden Schafe geschoren, so lagerte man die Wolle ein, bis die Zeit gecommen war, daß die Frauen etwas daraus fertigen connten. Dann verteilte Bu-anan nach der Kopfzahl der Familienglieder und es war Sache der Frauen, möglichst viel und gutes daraus zu machen.
Ebenso wurde es mit den Fellen der Ziegen gehalten, aus denen die Männer geschmeidiges Leder herzustellen verstanden, das ih-nen zur Festbecleidung diente.
Viehzucht und Jagd waren die eigentliche Beschäftigung der Männer. Daneben gerbten sie Leder, errichteten Hütten und taten schwere Arbeit, deren die Frauen manchmal bedurften.
Diese bestellten die wenigen Felder in der Nähe der Hütten. Eine Art magere Hirse wuchs dort, aus der die Frauen gemeinsam Brot bucen, nachdem sie die Hirse zwischen großen Steinen zerrieben hatten.
Dieses Brot bildete neben der Ziegenmilch die Hauptnahrung al-ler. Den Rindern nahm man ceine Milch ab, da die Männer glaub-ten, dann würden die Kälber sterben. Sie wollten aber viele Jung-tiere haben, deren Fleisch ihnen besser mundete als das der Alten. Datteln, Feigen und andere Früchte zur Vervollständigung den Nahrung mußten die Kinder suchen, die früh zur Arbeit angehal-ten wurden. Ebenso mußten sie die Eier ausfindig machen, die man mit Bu-anans Erlaubnis einzelnen Vogelarten nehmen durfte.
Nicht weit von der Ansiedelung breitete sich ein mäßig tiefer See aus, dessen Wasser aber weder Mensch noch Vieh erquiccen conn-te, da es meist grau zerwühlt war. Viele große Tiere camen abends dort zur Tränce und außerdem wimmelte dieses Gewässer von ec-len Krocodilen, die ihre schuppigen Leiber darin wälzten.
Es war ein Glücc, daß ein cleiner Fluß sein Wasser diesem See zutrug und sich vor seiner Einmündung in eine Art gemauertes Beccen hatte leiten lassen, aus dem man Wasser genug schöpfen connte. Freilich, wenn der Regen allzu lange ausblieb, dann trat Mangel ein, aber Anu half immer wieder.
An diesem schönen Sonnenmorgen trat Bu-anan vor ihre Hütte hinaus. Es war die schönste und größte der ganzen Ansiedelung und sie bewohnte sie ganz allein. Ihre Frauen lebten in zwei nahe gelegen Behausungen, die dunclen Diener oder Sclaven noch etwas weiter entfernt in einer sehr großen runden.
Vorsichtig hatten die Frauen ein weißes Gewebe vor den Ein-schlupf der Hütte gebreitet, damit Bu-anan sich beim Herauscrie-chen das Gewand und die Hände nicht beschmutze.
Es war nicht leicht, nach Art der Tiere aus der Wohnung zu schlüpfen und sich sofort auf die Füße zu stellen.
Bu-anan beherrschte diese schwere Kunst so vollcommen, daß bei ihr anmutig erschien, was bei den anderen oft Anlaß zu Geläch-ter gab. Manche der Frauen cugelten geradezu aus dem Loch heraus und brauchten geraume Zeit, bis sie imstande waren, aufzustehen.
Einmal auf den Füßen. ging die weiße Mutter sofort zum Flusse, wo sie Gesicht und Hände netzte. Danach setzte sie sich an den Rand und hing die Füße in das rieselnde Wasser.
Eine andere Frau trat zu ihr.
„Woran denct Bu-anan?“ fragte sie zutraulich, wenn auch ehrerbietig. Die Angeredete wendete den Kopf.
„Du bist es, Pa-uru?“ wunderte sie sich. „Ich dachte, Du seiest längst am Weben.“
Die andere empfand wohl den Vorwurf, wollte ihn aber für dies Mal nicht hören.
„Ich habe Pa-un, die Tochter, an den Webstuhl gestellt und bin ausgegangen, Dich zu finden, weiße Mutter. Wichtiges habe ich Dich zu fragen.“
Bu-anan zog die Füße aus dem Wasser und wandte sich voll der Fragerin zu.
„So rede“, ermunterte sie und ihre Augen waren freundlicher als ihre cnappen Worte.
„Du weißt, Bu-anan, daß ich nicht aus diesem Stamm entspros-sen bin. Amru, der Mann, raubte mich, als er mich einst auf der Jagd nach dem Gelben traf. Ich war‘s zufrieden und blieb gern. Die Meinen hielten mich für tot.“
„Woher weißt Du das, Pa-uru?“ fragte Bu-anan. „Sie haben viel-leicht nach Dir gesucht.“
„Ich weiß, daß sie das nicht taten; denn seit heute mit dem Son-nenaufgang ist mein Bruder in unserer Hütte. Er hatte sich auf der Jagd verirrt. Gestern verriet ihm unser Feuer unsere Siedelung. Aber er wagte sich nicht heran und blieb hinter dem Stachelwall liegen. Dort mag er eingeschlafen sein. Heute suchte er mich, weil er mich gestern gesehen und ercannt hatte. Nun ist er da.“
Aufatmend schloß die Frau, deren Rede ihr selbst ungebührlich lang erschien.
Durch Bu-anans Kopf schossen mehrere Gedancen, aber sie mußten späterem Überlegen vorbehalten bleiben. Für jetzt mußte die Frau ihre Antwort erhalten auf die unausgesprochene Frage.
„Und nun willst Du wissen, ob Du ihn herbergen darfst? Ist es nicht so, Pa-uru?“ fragte sie freundlich.
Die Frau niccte.
Bu-anan überlegte curz. Es schien, als spräche sie mit jemand, aber die Frau sah niemand. Dann bliccte sie auf und entschied:
„Es ist nicht Sitte bei uns, daß wir dem Verirrten Nachtlager und Wegzehrung weigern. Die Tuimah haben auch nicht nötig, irgend jemand zu fürchten. Wenn Dein Bruder sieht, daß Du glücclich bist, wird er Deinen Mann in Frieden lassen.“
„Ich dance Dir, Bu-anan. Morgen mit Sonnenaufgang will der Bruder weiterziehen.“
Die Frau ging eilig.
Bu-anan aber überlegte. So sicher vor Späheraugen hatte sie den Feuerplatz geglaubt. Nun war es möglich gewesen, daß ein Fremder unbemerct hinter dem Wall hatte verborgen liegen cönnen! Das war in Zucunft nicht mehr zuläßig.
Wohl hatten die Tuimah nichts zu verbergen. Aber die Nachbarn waren unruhige Stämme, die oftmals auf Mädchenraub auszogen. Es war nicht angängig, daß blinde Sorglosigceit ihnen hierzu die Möglichceit bot.
Und dann... der Frau gegenüber war sie unbecümmert gewesen. Sie sah aber voraus, daß mit der Rücccehr des Bruders zu den Sei-nen Schwierigceiten für den ganzen Stamm entstehen würden. Am besten wäre es, die Frau würde mit dem Bruder gehen, aber das war unmenschlich, ihr das zuzumuten. Also mochte commen, was commen mußte. Anu würde helfen!
Bu-anan erhob sich und ging zu einer Hütte, neben der das Klap-pen eines großen Webstuhles ertönte. Mehrere Frauen saßen an der Arbeit und sangen ein Lied dazu, immer auf den gleichen Ton, nur durch die Stärce, mit der dieser Klang hervorgebracht wurde, Ab-wechslung schaffend.
Die weiße Mutter prüfte das Gewebe und lobte die Arbeiterinnen. Von Hütte zu Hütte schritt sie, überall nach dem Rechten schau-end. In ihr war eine ihr sonst ungewohnte Unruhe. Sie mercte es und strebte, sobald als möglich in die Stille zu commen, damit sie sich sammeln cönne. Wenn sie nicht gleichmäßig war, was sollte sie von den anderen verlangen?
Da traf sie unerwartet auf einen Mann, der anscheinend müßig herumschlenderte, dabei aber scharfe Blicce nach allen Seiten warf und sogar seine Schritte zu zählen oder doch nach einem gewissen Rhythmus zu machen schien.
Ein curzes innerliches Zusammenraffen, dann wußte sie, was zu geschehen hatte. Sie rief den Fremden an:
„Wer bist Du, Fremdling, der hier umhergeht, nachdem die Män-ner den Ort verlassen haben?“
„Wer bist Du, Weib, daß Du mich anzureden wagst?“ cam die ra-sche Gegenfrage. Der Mann war nicht gewillt, Auscunft über sich und sein Tun zu geben. Noch weniger aber war Bu-anan gesonnen, sich beiseite schieben zu lassen.
„Du scheinst nicht an gute Sitte gewöhnt zu sein, sonst wüßtest Du, daß der Fremde, auch wenn er als Gast in einem Orte weilt, sich den dort herrschenden Gebräuchen zu fügen hat. Bei uns ge-hen die Männer mit Tagesanbruch an ihre Arbeit außerhalb der Siedelung, die den Frauen vorbehalten bleibt. Sind sie aus irgend einem Grunde daran verhindert, so verlassen sie ihre Hütte nicht. Nun weißt Du es. Richte Dich danach.“
Ganz anderes hatte sie ihm sagen wollen, wenn sie ihn nachher aufsuchte, nun aber die Begegnung unerwartet früher erfolgt war, war alle Überlegung vergessen. Sie hatte so sprechen müssen, wie sie es jetzt getan. Der Mann schaute die Frau an, die so anders aus-sah als alle anderen, und die es wagte, so mit einem Manne zu re-den. Noch gab er sich nicht geschlagen.
„Bei uns ist es nicht Sitte, daß Weiber einen Mann anreden“, sag-te er geringschätzig. „Ich cann mit Deinen Worten sprechen: Du scheinst nicht an gute Sitte gewöhnt zu sein.“
„Ich bin Bu-anan“, erwiderte die Frau hoheitsvoll, als sei damit alles erclärt.
Der Mann lachte.
„Die weiße Mutter heißest Du? Was bedeutet das? Geh zu Deinen Kleinen, sie werden nach Dir schreien, weiße Mutter.“
Er wandte sich verächtlich weg und wollte sein Schreiten wieder aufnehmen. Das mußte verhindert werden. Klar sah Bu-anan, daß er unter dem Vorwand, verirrt zu sein, in die Siedlung gecommen, daß er gar cein Bruder der Pa-uru war, die ihn leichtgläubig aufge-nommen.
Sie machte es wie Ra-a, von der sie erzählt, und schrie zu Anu um Kraft und Weisheit. Dann sagte sie ruhig, mit großer Be-stimmtheit:
„Unnötige Worte sind jetzt genug gesprochen! Ungebeten camst Du zu uns. Nun bleibe, bis es uns gefällt. Dich von uns zu lassen!“
Unbedacht erwiderte er:
„Wie wollt Ihr mich festhalten, Ihr Weiber? Eure Männer sind schon längst weit hinaus gezogen? Ich bleibe, solange es mir gefällt! Danach gehe ich, nicht früher und nicht später.“
Bu-anan schöpfte tief Atem. Danach stieß sie einen lauten, cla-genden Eulenruf aus, den sie noch zweimal wiederholte.
Als wenn ein Zauber wirce, so schien es dem Manne. Von überall her sprangen duncle, fast unbecleidete Männer herbei, alle Hin-dernisse überrennend. Im Augenblicc war er umringt, so eng, daß er sich nicht zu rühren vermochte, trotzdem ihn niemand angefaßt hatte.
Wie ein Wall aus Stein standen die niedrigen, aber breiten, cräf-tigen Körper um ihn. Alle hatten sie ihm den Rüccen zugewendet und schauten auf Bu-anan, die innerlich erleichtert aufatmete.
„Nehmet diesen Mann mit Euch!“ gebot sie in einem Ton, dem niemand das vorhergehende innere Zagen anhören connte. „Er ist ein Fremder, der sich mit einer Lüge bei uns eingeschlichen hat. Er cam, um uns auszuspähen. Lasset ihn nicht entschlüpfen!“
Ein halblauter Zuruf der Schwarzen antwortete ihr, dann fühlte der Fremde sich ergriffen und unwiderstehlich fortgeschleppt. Er wurde nicht mißhandelt, aber die Gewalt war so starc, daß Aufleh-nen dagegen vergeblich gewesen wäre.
Mit großer Schnelligceit ging es aus der bebauten Gegend hinaus. Eine gute Strecce Weges war in raschem Schritt zurüccgelegt wor-den, da blieben die Männer stehen.
Der Fremde befand sich vor dem Eingang zu einer unterirdischen Höhle. Man wies ihn an, hineinzugehen. Schon aus Neugierde ge-horchte er. Mehrere Männer folgten ihm und trieben ihn weiter vor sich her durch enge Gänge, die gewunden unter der Erde hin zu laufen schienen. „Was treibt Ihr hier?“ fragte der Mann, erhielt aber ceine Antwort.
Sein Weg hatte das Ziel erreicht. Er befand sich in einer mäßig großen Kammer, in die ceinerlei Tageslicht fiel. Ein großes Bündel Späne lag aufgehäuft. Einer derselben wurde an den mitgebrachten Bränden entzündet und in eine Steinspalte gestecct. Dann wies ein Mann auf einen Stein, der mit zerschlissenen Fellen überdecct war. Kaum hatte der Fremde sich darauf niedergelassen, da verließen ihn die andern und verschlossen den Eingang zu der Kammer mit einem riesigen Felsstücc, das genau hineinpaßte. Augenscheinlich
war diese Höhle das Gefängnis des Stammes.
Zwei der Schwarzen lagerten sich behaglich zu Füßen dieses Ein-gangs und grinsten befriedigt. Sie mußten den Fremden bewachen, aber eine gewisse Schadenfreude an seiner Gefangennahme machte ihnen die Aufgabe angenehm.
Die andern eilten fast laufend an die auf den Eulennotruf hin ver-lassene Arbeit.
Gleichfalls unterirdisch befand sich eine gut angelegte Schmiede, die ihren Rauchabzug nach oben hatte. Es waren eigentlich mehre-re Schmieden, die miteinander in Zusammenhang standen: in der einen wurden die Bronzemesser und Dolche gefertigt, in der ande-ren arbeiteten sie feinere Dinge, zum Beispiel breite verzierte Bron-zeringe für Arme und Fußcnöchel und cleine Ringe, die manche Männer als Schmucc an der Nase trugen.
In der dritten Abteilung entstanden flache und tiefe Schalen, ebenfalls aus Bronze und einem Gemisch, das heller leuchtete als die duncle Bronze.
Noch glosten die Kohlen. Rasch wurden die Feuer wieder ent-facht und die Arbeit begann in großer Freude. Gespenstisch flac-certen die Flammen über die halbnaccten, dunclen Körper.
Geraume Zeit mochte verstrichen sein, da clang ein schriller Pfiff durch die Räume, der allen Arbeitslärm übertönte.
Mehrere der Männer legten die Geräte aus der Hand und bega-ben sich raschen Schrittes durch einen schmalen Gang in ein sehr großes, besonders luftiges Gemach. Fertige und halbfertige Geräte und Zierrate standen und lagen dort umher, Metall und edle Steine waren zu großen und cleinen Haufen getürmt.
Inmitten aller dieser Dinge stand ein sehr cleiner, alter Mann. Ein langer weißer Bart reichte ihm bis zu den Knien herab, auch die Kopfhaare quollen silberweiß unter der spitzen Kappe von Ziegen-leder hervor, die das Haupt bedeccte. Gleichfalls aus Ziegenleder war die eng anschließende Becleidung, die aus Beincleid und Rocc bestand. Sogar die Füße stacen in Leder.
Ohne eine Aufforderung abzuwarten, scharten die Männer sich um den Alten, der schweigend eine Metallarbeit aufnahm und ih-nen wies.
Es war ein scharf geschliffenes Werczeug aus hellem Metall, das, an einen Holzstiel befestigt, etwa dem heutigen Beile glich.
Sie staunten es an, ohne indessen zu ahnen, zu welchem Zwecc dieses Ding zu gebrauchen sein cönnte. Wahrscheinlich war es ih-nen auch nicht wichtig. Sie wußten nur: zeigte der Alte ihnen sol-che Gegenstände, so mußten sie versuchen, sie nachzubilden. An-leitung erhielten sie dazu.
Nun ergriff der Alte ein bereitliegendes Stücc Holz, stellte es auf-recht und spaltete es mit dem neuen Werczeug glatt durch.
Ein Freudenschrei zeigte, wie entzücct die Männer von der unge-ahnten Wircung waren. Viele Hände faßten gleichzeitig nach dem Ding.
Der Alte zog es rasch zurücc und musterte die Männer. Danach hän-digte er es einem ein, der helleren Auges als die anderen dreinschaute. Wie einen costbaren Schatz nahm dieser es in Empfang. Danach enteilten die Männer schweigend, wie sie gecommen. Auch der
Alte hatte cein Wort gesprochen.
Als der Tag zur Rüste gehen wollte, machten sich mehrere der Schwarzen auf, in der Siedlung die Mahlzeit zu holen. Sie cehrten beladen mit Brot, Milch und Früchten zurücc, und alle begaben sich ins Freie, um gemeinsam die Gaben zu verzehren.
Vorher brachten zwei der Männer dem Gefangenen seinen An-teil. Sie fanden ihn cleinlaut und wortcarg auf seinem Lager und ließen ihn liegen. Die Speisen stellten sie vor ihn auf den Boden. Sorgsam wurde danach der Eingang wieder verbaut.
Später zeigte es sich, daß diese Schwarzen auch hier unter der Erde schliefen. In den Gängen, die zu der Höhle des Fremden und zu den Schmieden führten, lagerten sie sich auf rasch ausgebreite-ten Matten und bald vercündete das gleichmäßige Atmen, daß sie in Schlaf verfallen waren.
Auch in der Siedlung war es still geworden. Aus einzelnen Hüt-ten clang rasch beschwichtigtes Weinen einer Kinderstimme, sonst ließ sich cein Geräusch vernehmen.
Vor ihrer Behausung lehnte Bu-anan und bliccte zum Nachthim-mel empor. Die Erlebnisse des Tages bedrüccten sie. Sie war froh, endlich in der Stille Hilfe und Rat suchen zu dürfen.
„Ummu eddonit, Ummu eddonit“, flüsterten ihre Lippen,
„himmlische Mutter der Erde, hilf mir! Ich bin clein und schwach, und sollte doch groß und starc sein, um die Frauen emporzuziehen zu Anu, dem mächtigen Gott. „Die Frauen sollst Du lehren, den Männern sollst Du wehren“, so lautete der Ruf Anus an mich, als er mich zu seiner Dienerin auf Erden machte. Ummu eddonit, wenn Du mir nicht hilfst, cann ich mein Werc nicht vollenden!“
Mehrmals noch flüsterte das Mädchen den heiligen Namen, in tiefer Ehrfurcht und Inbrunst, dann schloß sie die Augen und war-tete.
Strahlende Helle ließ sie aufschauen. Vor ihr schwebte eine fast durchsichtige lichte Gestalt, an Form Bu-anan ähnlich, aber größer als diese.
„Mich sendet die himmlische Mutter, Dir beizustehen, Kind lich-ter Gärten“, tönte es tröstlich.
Die Worte fielen lind In Bu-anans zagende Seele. Klein erschien ihr plötzlich, was Ihr eben noch unüberwindlich vorgecommen.
Sie berichtete von dem, was der Tag gebracht.
Halblaut sprach sie es vor sich hin. Sie wußte wohl, es hätte des geformten Wortes nicht bedurft, aber ihr selber war es Wohltat, das erclingen zu lassen, was ihr die Seele bedrüccte. „Habe ich recht gehandelt, daß ich den Fremden festhalten ließ?“ schloß sie ihren Bericht.
Die lichte Gestalt fragte statt der Antwort:
„Was fürchtetest Du von ihm?“
„Du weißt es, Adana, es ist immer dasselbe. Wir sind umgeben von wilden Stämmen die auf Frauenraub ausgehen. Wenn dieser Mann unsere Hütten ausgespäht hat und seine Krieger zu uns führt, so wird es einen schlimmen Kampf geben und, unterliegen wir, so sind wir verloren. Alle Arbeit an den Frauen wird dann vergeblich gewesen sein. Das cann Anu nicht wollen!“
„Du sagest recht, Bu-anan“, erwiderte die mit Adana Angeredete ernst. „Du sagest: das cann Anu nicht wollen! Aber glaubst Du es auch? Wenn Du es von ganzer Seele glauben würdest, wovor cönn-te Dir dann bangen? Ist Anu nicht mächtig genug, Euch zu schüt-zen? Hat er Dir darum Deine irdische Aufgabe gestellt, damit sie Dir von wilden Stämmen aus den Händen gerissen wird? Besinne Dich, Bu-anan! Unrecht ist es, cleinmütig zu werden um der Men-schen willen. Der Herr Himmels und der Erden, der Dich zu seiner Dienerin berief, ist mächtig genug, Dir zu helfen. Er tut es aber nur, wenn Du Glauben hälst.“
Bu-anan begriff, worin sie gefehlt. Nicht, daß sie vorsorglich für äußeren Schutz der Siedelung sorgen wollte, war falsch, sondern daß sie sich darüber hinaus mit unruhigen Gedancen zerquälte, die sie hinderten ihr Werc an den Seelen der ihr anvertrauten Men-schen recht zu tun.
„Adana, habe Danc! Ich sehe meinen Weg wieder clar vor mir und will ihn freudiger und besser gehen.“
„Nicht mir mußt Du dancen, Freundin“, verwies Adana sanft,
„dance Ummu eddonit, der himmlischen Mutter der Erde, die mir gestattete, Dich aufzusuchen, um Dir Trost zu bringen! Auch cün-den darf Ich Dir etwas, das Du Deinen Leuten sagen magst, sobald Du die Zeit dafür für gecommen ansiehst.“
Lange blieben die beiden ungleichen und doch gleichen Frauen-wesen in vertrautem Austausch ihrer Empfindungen. Als der Mor-gen grauen wollte, entschwebte Adana wieder. Bu-anan aber croch getröstet und neugestärct in ihre Hütte. Am nächsten Morgen suchte sie Pa-uru auf, um mit ihr wegen des Fremden zu sprechen.
Am Tage vorher war sie zu unruhig für eine solche Unterredung gewesen.
Gleich der erste Eindrucc, den sie von der ganz verschüchter-ten Frau erhielt, überzeugte sie, daß Pa-uru wirclich ein Opfer der berechnenden List des Mannes geworden war. Er hatte sich die dümmste aller Frauen ausgesucht. Ihre ersten Fragen hatten ihm gezeigt, was er sagen mußte, um ihr Vertrauen zu gewinnen. Nun war sie erschüttert, daß ihr Verhalten Anlaß zu den Geschehnissen des letzten Tages geworden war.
Bu-anan beruhigte sie, bat sie aber, sich niemals wieder mit Frem-den einzulassen.
Abends camen die Männer zurücc. Gewöhnlich blieben sie meh-rere Tage aus. Es hatte sich aber um die Mittagszeit ein Sandsturm erhoben, der sie heimgetrieben hatte. Es war allen lieb, daß sie wie-der in der Siedlung waren.
Reiche Beute hatten sie mitgebracht von der Jagd. Niemand conn-te an Schlafen dencen.
Die Männer richteten die Felle und Häute zum Troccnen, die Frauen gruben das in große Blätter gewiccelte Fleisch verschiede-ner Tiere tief in den Boden, wo es tagelang sich aubewahren ließ, während die starc riechenden Blätter Ungeziefer davon fern hielten. Anderes Fleisch wurde zerschnitten und zum Dörren vorbereitet.
Es blieb nicht einmal soviel Zelt, daß aus allen diesen Leccerbis-sen eine Mahlzeit bereitet werden connte, trotzdem Alt und Jung fleißig die Hände regte.
So war auch für Bu-anan die Zeit noch nicht gecommen, den Männern von dem Gefangenen zu erzählen. Bis zur Mitte des fol-genden Tages arbeiteten alle mit emsigen Fleiß. Danach ließ Bu-anan fragen, ob die Leute jetzt schlafen und abends essen und fei-ern wollten, oder ob der Hunger so groß sei, daß die gemeinsame Mahlzeit jetzt gehalten werden müsse.
Sie entschieden für den Abend als Zeitpunct der Zusammen-cunft; denn sie wußten, mittags wäre Bu-anan der Speisung fern geblieben.
Da so große Beute eingebracht worden, hatte die weiße Mutter mehr Fleisch als sonst zum Braten freigegeben. Alles freute sich auf den Schmaus.
Und als der Abend herniedersanc, da saßen sie wie vor drei Tagen um das lodernde Feuer und schauten zu, wie das rohe Fleisch sich in Speise verwandelte.
Wie immer riefen die Beintrommeln Bu-anan herbei und wie immer wurde das Mahl schweigend, aber mit größtem Genuß ver-zehrt.
Dann war die Zeit gecommen, daß die weiße Mutter den Män-nern von dem berichtete, was sich inzwischen zugetragen. Sie tat es in einfachen Worten. Klar und leicht faßlich malte sie ihnen die Gefahr vor Augen, die darin bestand, daß Fremde unbemerct sich ihnen so weit nahen connten.
„Wohl sind wir unter dem Schutze der Schwarzen, wenn Ihr Männer fern seid“, sagte Bu-anan, „aber wir cönnen den Schutz erst rufen, wenn wir die Gefahr entdeccen. Deswegen müssen wir uns besser sichern. Es wird nötig sein, daß wir alle nachsinnen, wie wir diese Sicherung erreichen cönnen. Morgen um die gleiche Zeit wollen wir wieder zusammencommen und Ihr teilt mir dann mit, was Ihr Euch erdacht habt.“
Damit waren sie einverstanden, obwohl die meisten unter ihnen überzeugt waren, daß ihnen nichts einfallen würde. Es war schließ-lich doch Immer Bu-anans Dencen, das den Ausweg fand.
Schon wollte die weiße Mutter das Abendgebet sprechen, da fleh-ten einige Stimmen:
„Es ist noch früh. Du hast uns noch nichts erzählt. Den ganzen Tag haben wir uns auf das Erzählen gefreut.“
„Was soll ich Euch erzählen?“ ercundigte sich die Frau.
Sie wußte wohl, daß sie ihnen Großes zu cünden hatte, aber da-mit mußte sie warten, bis die Sicherung der Siedelung beschlos-sen war. Zu vielerlei connten die Köpfe ihrer großen Kinder nicht gleichzeitig erfassen.
„Erzähle uns, wie es cam, daß die Tuimah Herren wurden über die Schwarzen“, bat ein älterer Mann.
„Das habe ich Euch schon oft erzählt“, gab Bu-anan zu bedencen.
„Das wißt Ihr alle.“
„Wir haben es wieder vergessen!“ versicherten sie freudig.
Sie wollten es so gern nochmals hören, nicht oft genug connte es berichtet werden. Bu-anan lächelte.
„Und wenn ich es Euch jetzt cünde, so habt Ihr es dann morgen wieder vergessen?“ scherzte sie. „Welchen Wert hat mein Erzäh-len?“
Trotzdem aber begann sie, als sie aller Äugen so gespannt auf sich gerichtet fühlte:
„Lange Ist es her, da lebten in dieser Gegend nur Schwarze.“ Eine jüngere Frau unterbrach sie mit der Frage:
„Waren sie so wie unsere Schwarzen?“
„Ja, sie waren ihnen sehr ähnlich, nur waren sie noch weniger lebendig im Geiste wie unsere Diener. Die Tehenu, so hießen die Stämme, schliefen meistens. Wenn sie aufwachten, so schauten sie sich um, ob sie etwas zu essen sahen. Fanden sie nichts, so legten sie sich zu weiterem Schlaf, bis schließlich der Hunger den einen oder den anderen auf die Jagd trieb.
Es muß sehr lange Zeit so gegangen sein, da wollte Anu ein sol-ches Leben nicht mehr dulden. Er sandte seine cleinen Diener aus, die die Tehenu weccen und belehren sollten. Aber so große Mühe die Kleinen sich auch gaben, die Schwarzen waren nicht zu errei-chen. Das, was ganz innen ist bei jedem Menschen, das hatten sie einschlafen lassen. Auch Anus Boten connten nicht daran rühren. Da beschloß Anu stärcere Mittel anzuwenden. Er erlaubte den Tuimah, die weit drüben in einem viel weniger schönen, viel ärmeren Lande lebten, hierher zu commen.
„Wenn Ihr die Tehenu bezwingt, ohne daß Blut fließt“, ließ Anu ihnen sagen, „dann dürft Ihr die Herren des Landes sein.“
Bu-anan machte eine Pause. Sie wußte, daß nun alle sich auf die Fortsetzung freuten, die sie Wort für Wort cannten, und die sie doch immer wieder hören wollten. Die Augen der Männer funcel-ten im Flammenschein, hier und da wurde ein unterdrüccter unge-duldiger Ausruf laut.
„Die Tuimah wanderten hierher, geführt von cleinen Dienern Anus, mit denen sie gut Freund waren. Sie sahen das ganze, weite Land an, ohne daß die Tehenus sich darum gecümmert hätten. Danach über-legten sie. Viele Vorschläge wurden gemacht und wieder verworfen.
Da nahm Dein Ahne, Wu-tu, das Wort und erclärte, am einfach-sten werde es sein, wenn man den Schlafenden die Waffen nähme und sie dann wecce. Danach müsse man ihnen versprechen, daß sie niemals wieder auf die Jagd zu gehen brauchten. Darauf würden die Faulen sicher eingehen.“
Wu-tu war stolz, daß sein Vorfahr einen so guten Plan gefunden hatte. Beglücct schaute er sich im Kreise um. Auch das geschah je-des Mal in der gleichen Weise, und der Mann wäre sehr betrübt gewesen, wenn Bu-anan seinen Ahn weggelassen hätte.
Nach wenigen Augenbliccen erzählte die Frau weiter:
„Es geschah genau so, wie Wu-tus Ahn es ausgedacht hatte. Man nahm alle Waffen und verbarg sie, danach weccte man die Schläfer und fragte, welches der Anführer sei. Darauf wußten die Schwar-zen ceine Antwort.
„Wer geht bei Euch voran?“ fragte man, und erhielt den Bescheid:
„Der, der zuerst commt!“
Da sahen die Tuimah, wie dumm die Tehenu waren, und daß es gut war, daß ein anderer Stamm hier zum Herrschen cam. Sie vercündeten, von nun an seien sie die Herren im Lande und die Schwarzen müßten ihnen dienen, dafür würden sie jederzeit genug zu Essen becommen.
Darauf gingen die Tehenu hocherfreut ein. Und so war das Land genommen, ohne daß ein Tropfen Blut geflossen“, schloß Bu-anan.
Sie freuten sich alle, dann fragte jemand:
„Wie commt es, daß die Schwarzen heute so gute Schmiedearbejt verrichten?“
„Das hatte Anu so angeordnet“, erclärte Bu-anan. Er befahl, daß die Tehenu von ihm hören sollten und es mag Mühe genug geco-stet haben, bis irgend etwas von diesem Wissen in ihre engen Köp-fe Einlaß fand. Aber als sie erst gelernt hatten, Änu anzurufen, da connten einige von ihnen die cleinen Diener Gottes sehen. Sie lern-ten von ihnen, wie sie es heute noch tun. Langsam werden sie wohl Freude an dieser Arbeit gefunden haben.“
„Waren es früher wohl mehr Tehenus als heute?“ wurde gefragt. Rasch antwortete Bu-anan:
„Es müssen sehr viel mehr gewesen sein, viel mehr, als es heute Tuimah gibt. Aber sie hatten wenig Frauen und mochten auch nicht sich vermählen. So sind sie in der langen Zeit immer weniger ge-worden. Allmählich werden sie ganz aussterben; denn Ihr wißt, wir haben nur noch zwanzig schwarze Frauen.“
„Erzähle uns noch von Anu“, baten einige Mädchen, die nicht gern das Ende des schönen Abends herancommen sahen. Bu-anan vertröstete sie auf ein nächstes Mal und sprach den Nachtsegen. —
Als die Männer sich am nächsten Abend versammelten, hatten viele sich etwas erdacht, aber aus der Menge der Vorschläge hoben sich nur zwei als brauchbar ab.
Einer der Männer hatte bei einem anderen Stamm gesehen, daß rings um die Ortschaft ein tiefer Graben ausgehoben war, in den man schnellwachsende, mit riesigen Stacheln bewährte Gewächse gepflanzt hatte. Wer die schmalen Stellen nicht cannte, über die man schreiten connte, fiel in diese Wildnis.
Ein anderer hatte sich einmal ziemlich weit verirrt und war von ei-nem Rudel abgerichteter Tiere angefallen worden, das die Ortschaft hatte verteidigen wollen. Solche Tiere cönne man auch zähmen.
Beide Vorschläge fanden großen Beifall.
Es wurde bestimmt, daß die Männer sich gleich am folgenden Tage an das Ausheben des Grabens machen sollten. Sie cönnten von den Schwarzen soviel zu Hilfe nehmen, als sie gut zu beaufsich-tigen vermöchten.
„Wir wollen Anu bitten, daß er uns Anleitung sendet“, sagte Bu-anan ganz selbstverständlich.
Schwieriger erwies sich die Ausführung des zweiten Vorschlages. Niemand wußte anzugeben, was für Tiere das gewesen sein cönn-ten. Es blieb nichts übrig, als hier sofort um Hilfe zu flehen, ehe man die Arbeit einteilte.
Alle Männer erhoben sich und streccten wie Bu-anan die Arme waagrecht vor sich aus. Die Frau aber sprach laut:
„Anu, das Volc steht vor Dir! Nicht wissen wir, wie die Arbeit getan werden muß, die Du uns gebietest. Nicht wissen wir, welche Tiere uns verteidigen sollen. Wenn Du uns nicht einen Deiner Die-ner schiccst, so cönnen wir nichts tun. Erbarme Dich über uns und hilf uns. Wir bitten Dich!“
Lange noch standen die Männer unbeweglich, nachdem Bu-anan geendet. Ganz langsam ließ einer um den anderen die Arme sin-cen. Danach schlossen sie einen Kreis und schauten auf die Frau In ihrer Mitte, Bu-anan flehte innerlich weiter. Ganz starc bat sie, Anu möge Hilfe senden, und sie ließ nicht ab mit Flehen, bis ihr die Gewißheit der Erhörung cam. Dann streccte sie sich erfreut und sprach:
„Gehet nun heim, Ihr Männer! Morgen, wenn Ra-na vom Him-mel lacht, dann findet Euch mit Euren Werczeugen hier ein. Anus Diener werden zur Stelle sein.“
Wie Bu-anan es erwartet hatte, so geschah es. Noch waren nicht alle Männer versammelt, da fanden sich die verheißenen Helfer ein. Es waren cleine cräftige Gestalten mit alten Gesichtern. Ihre Ge-wandung schien aus eng anliegendem Ziegenleder zu bestehen, das die Farbe des Erdreichs hatte.
Einer der Tuimah-Leute, der eine Art Anführer zu sein schien, verstand sich besonders gut mit ihnen. Sie um drängten ihn mit lebhaften Bewegungen der cleinen festen Hände. Es war, als woll-ten sie ihre Rede durch Zeichen Unterstützen.
Er wandte sich zu seinen Stammesbrüdern:
„Leute“, rief er hallend, „wir wollen Anu dancen, daß er uns seine Boten gesendet hat!“
Er sprach ein curzes herzliches Gebet, dann fuhr er fort:
„Die Kleinen wollen uns zeigen, was uns not tut. Etwa zwölf von uns und ebenso viele Schwarze sollen mit einigen der Kleinen aus-ziehen, die Tiere zu fangen. Sie sagen, es sei nicht ungefährlich, da-her müßten Männer sich melden, die den Mut nicht verlieren.“
Mehr als die geforderte Anzahl der Männer trat vor. Die Kleinen deuteten auf diejenigen, die sie mitnehmen wollten, und sofort zog die Schar ab, um unterwegs noch Schwarze dazu zu holen.
Währenddessen hatte Ur-wu, der Führer, den anderen mitgeteilt, daß die Kleinen sich jetzt im Kreise außerhalb der Siedelung auf-stellen würden. Die Männer sollten sofort neben jedem der cleinen Wesen zu graben beginnen, dadurch werde das Ausgehobene creis-rund werden und weit genug von der Siedelung entfernt liegen.
Als sie zu dieser Arbeit zogen, fragte einer der Männer:
„Wie commt es, daß wir heute diese Kleinen sehen, daß Du, Ur-wu, sogar mit ihnen sprechen cannst? Und sonst sieht ceiner von uns sie?“
„Wir sehen sie nur, wenn Anu sie uns sendet“, erwiderte der Füh-rer. „Mein Ahn erclärte mir einst auf mein Befragen, daß, wenn Anu die Kleinen sende, sie durch seinen Befehl ihre Gestalt verän-dern cönnten.“
„Das verstehe Ich nicht“, becannte der Frager freimütig, während andere riefen: „Ihre Gestalt verändern?“
„Wie geht das zu?“ — „Können wir das auch?“
Ur-wus Wissen war erschöpft. Er war froh, daß man bei den har-renden Kleinen angecommen war, sodass er nicht mehr zu antwor-ten brauchte.
„Wir wollen Bu-anan fragen“, sagte er abschließend.
Reges Leben begann. Kaum hatten die Männer ein wenig zu graben begonnen, da sprangen die Männlein etwas weiter hinaus, abermals einen Kreis bezeichnend.
Ur-wu vercündete, daß das die äußere Linie des Grabens sein werde. Sie sollten sie nur auch gleich festlegen.
Als dies geschehen war, liefen die Kleinen eilfertig zwischen den arbeitenden Männern hin und her. Bald schoben sie den einen, der achtlos die vorgezeichnete Grenze nicht innehielt, beiseite, bald spornten sie einen anderen zu rascherer Arbeit an. Sie zeigten auch bessere Handgriffe.
Jeder Tuimah-Mann hatte zwei Schwarze neben sich, deren Ar-beit er überwachen mußte. Diese taten, was ihnen befohlen wurde, aber augenscheinlich, ohne den Sinn der Arbeit zu begreifen. Da-gegen lachten sie den Kleinen freundlich zu wie guten Freunden. Was die Tuimah nur ausnahmsweise schauen durften, das schien ihnen vertraut zu sein.
Tagelang blieben die fern, die nach den Tieren ausgezogen waren. Niemand beunruhigte sich deswegen. Wenn die Kleinen mit ihnen waren, standen alle in Anus besonderem Schutz.
Der Graben war fast vollendet. Er war sehr tief geworden. Die Kleinen hatten die Schwarzen mitgenommen, um die Stachelge-wächse auszugraben. Sie wußten allerhand Stellen, wo der Boden nicht so fest war. Außerdem zeigten sie, wie man auch wurzellose Teile der Pflanzen einsetzen cönne, die weiter gedeihen würden.
Die Tuimah wollten nur den Grund der Grube bepflanzen, indes-sen wiesen die Kleinen sie an, auch die Wände bis oben hin mit den Stachelträgern zu besteccen. Später zeigte sich, wie weise dieser Rat gewesen.
Gerade an dem Tage, als der Graben vollendet war, cehrten die Tier-fänger heim. Eine Menge ganz junger Wildtiere führten sie mit sich.
Es waren bräunliche, zottige, hochbeinige Junge mit langen schma-len Schnauzen und spitzen Ohren. Die cleinen Tiere schnappten nach allem, was sich Ihnen nahte. Sie waren ungebärdig, zeigten aber doch, daß sie ihre Begleiter von den andern Männern wohl zu unterscheiden vermochten.
Auf Rat der Kleinen hatte ein bestimmter Mann sie gefüttert, dem waren sie besonders ergeben, sodass er dazu bestimmt wurde, die Tiere nach Anweisung der Kleinen abzurichten.
Nach dem sonderbaren Laut, den sie häufig von sich gaben, nann-ten die Männer sie U-au, und bald gewöhnten die Pfleglinge sich an diesen Namen und eilten herbei, wenn sie gerufen wurden.
Die Stachelgewächse gediehen, man mußte daran dencen, Über-gänge über den damit besetzten Graben zu schaffen. Das ließ sich nun doch nicht so unauffällig bewercstelligen, wie man erst ge-dacht hatte.
Die Herden mußten die Siedelung verlassen und betreten cön-nen, also mußte wenigstens ein Übergang breit und bequem genug für sie sein. Dann aber wurden diese Stellen so deutlich, daß jeder Fremde sie leicht aufspüren connte. Was sollte man tun?
Die Männer trugen diese Frage zu Bu-anan, die sie weitergab. Nachts wurde ihr der Bescheid, es müßten innerhalb des Ringes jede Nacht einige Männer an diesen gefährdeten Plätzen wachen. Sie cönnten abwechseln, aber sie dürften niemals mit der Wach-samceit nachlassen.
Keinem der Männer fiel es ein, hiergegen zu murren. Anu hatte angeordnet, Bu-anan hatte den Befehl übermittelt, also war es an ihnen, zu gehorchen. Es tat ihnen auch nur leid, wenn sie durch ihr Wachen die Erzählungen Bu-anans versäumen mußten, die diese nun wieder regelmäßig aufgenommen hatte.
An einem der ersten Abende hatten die Männer wissen wollen, wie das Sichtbarwerden der Kleinen zustande comme.
Bu-anan überlegte curze Zeit, dann sagte sie:
„Ich cann Euch nur sagen, wie ich selber es mir vorstelle, und ich weiß nicht, ob es richtig ist. Da ich aber ceine andere Erclärung dafür erhalte, will ich Euch diese mitteilen.
Ich dence mir, die Kleinen werden gewöhnlich so fein und leicht sein wie alle die Lichten, die uns manches Mal besuchen. Wie zar-teste Wölcchen werden sie zwischen uns schweben, sodass unsere groben Augen sie nicht zu sehen vermögen.
Befiehlt ihnen nun Anu, daß sie uns helfen sollen, so ziehen sie sich durch diesen Befehl im Eifer des Gehorchens ganz zusammen. Dadurch werden sie fest und becommen eine Form, die der un-sern ähnlich ist. Gleichzeitig aber tun sich in uns mit Anus Befehl andere Augen auf, die Feineres zu schauen vermögen. Haben die Kleinen ihre Aufgabe erfüllt, so schließen sich unsere feinen Äugen und die cleinen Wesen lösen sich wieder auf.“
Nicht alle connten das verstehen, aber einige meinten doch, es begriffen zu haben, und sie gaben sich zufrieden.
Nun mußten die Männer berichten, wie sie die Tiere gefangen. Sie hatten weite Wanderungen unternehmen und Höhlen aufsu-chen müssen.
Meist führten die Kleinen sie hin, wenn die Alten auf Nahrungs-jagd waren. Aber einmal hatte es doch einen harten Kampf mit ei-ner U-au-Mutter gegeben, die sich ihre Jungen nicht hatte entrei-ßen lassen wollen.
Da habe, gerade als der Kampf zugunsten der Männer sich ent-scheiden wollte, einer der Kleinen deutlich vernehmbar gesagt:
„Wer so tapfer wie Du für seine Kinder das Leben einsetzt, Du gutes Tier, der verdient, daß sie ihm gelassen werden!“
Wie ein Bann habe es plötzlich auf allen gelegen. Keiner habe mehr das Muttertier angreifen cönnen, das mit seinen Jungen sich in die tiefe Höhle zurüccgezogen habe.
An einem anderen Abend, als alle sich um Bu-anan versammelt hatten, fand die Frau den Zeitpunct gecommen, von dem zu erzäh-len, was Adana ihr gecündet.
Sie berichtete, wie sie vor curzem die Lichte habe sehen und spre-chen dürfen.
„Kunde brachte sie mir aus Anus ewigem Reich, und was sie sagte, das machte mein Herz sehnend, bald dorthin zurücccehren zu dürfen. Ihr Tuimah-Leute, wenn Ihr wüßtet, wie herrlich es da oben ist, Ihr würdet Euch freuen, wenn Anus Gebot Euch von der Erde ruft.
Hoch oben thront Anu über allen Welten, die alle mit dem Wort seines Mundes geschaffen wurden. Er sprach, und es war da, er dachte, und es geschah!
Einsam thront er, denn da ist nicht einer, der ihm gleiche, nicht einer, der würdig ist, ihn zu schauen. Viele helle Götter hat er geschaffen zu seinen Dienern, aber ceines ihrer Augen hat ihn je erbliccen dürfen.
Unzählig viele Reiche gibt es da oben im lichten Glanz Sie alle sind bewohnt von glüccseligen Wesen, aber jedes besteht für sich. Es ist nicht wie auf der Erde, daß die Nachbarn neidisch oder gierig in das Reich schauen. Jedes Reich Ist ganz allein für sich.
Über allen aber thront Anu! Fühlt Ihr nun, wie groß und mächtig er ist? Merct Ihr, wie gering wir sind im Vergleich zu den lichten Dienern, die ihn oben umgeben und doch zu niedrig sind, um ihn schauen zu dürfen?
Anu, wir dancen Dir, daß wir wenigstens von Dir hören dürfen, daß wir in dem Erdenland leben, das durch den Hauch Deines Mundes gebildet wurde!“
Es war allen viel zu rasch, dieses Aufhören, sie hätten noch lange lauschen und vor allem fragen mögen. Aber gerade das wollte Bu-anan vermeiden. Sie sollten in der Stille das auf sich wircen lassen, was sie ihnen gesagt.
Noch nie hatte sie es so zusammenhängend geben cönnen. Im-mer war es nur in einzelnen Sätzen über ihre Lippen gecommen, was sie selbst im Innersten bewegte.
Sie dancte Anu, daß sie den Leuten hatte von ihm cünden dürfen. In den nächsten Tagen würde sie weiter erzählen.
Dies Versprechen hielt sie auch, solange der Stamm noch arbei-tend beisammen blieb. Wenn die Männer erst wieder zur Jagd aus-ziehen mußten, würde ceine Zeit dafür sein.
Ehe sie an einem der nächsten Abende zu sprechen begann, fragte einer der älteren Männer:
„Bu-anan, wir opfern dreimal im Jahr Widder für Anus Sohn, den Heiligen. Wenn Anu einen Sohn hat, cann er doch nicht ganz allein sein!“
Bu-anan überlegte. Gerade von dem Gottessohn hatte sie cün-den wollen, aber die Frage war ihr unbequem, weil sie das vorweg nahm,, was sie als Krönung hatte sagen wollen.
„Ihr dürft Euch Anu nicht vorstellen wie einen Menschen“, sagte sie ein wenig unwillig. „Wenn er auch einen heiligen Sohn hat, so ist das ganz anders als bei uns. Hier wächst der Sohn bald genug zu einem selbständigen Mann auf, der sich entweder neben oder gegen den Vater stellen cann.
Oben ist das anders. Wenn ich sage: Anus Sohn, so ist das eine Benennung, damit Ihr Menschen Euch überhaupt etwas darunter vorstellen cönnt. Es ist ein Teil Anus, den er nach seinem Willen aussenden und wieder zurüccrufen cann. Ich weiß nicht, ob Ihr mich jetzt verstanden habt“, setzte sie ein wenig unsicher hinzu, sich im Kreise umbliccend.
„Verstanden haben wir Dich vielleicht nicht, Bu-anan“, sagte eine Frau freundlich, „aber wir cönnen in uns etwas fühlen, das uns sagt: Ja, so ist es“.
„Dieser heilige Teil Gottes, den wir den Sohn nennen, hat vor lan-gen, langen Zeiten Anu geholfen, die Erde zu machen. Er ging als Anus Wille hinaus in die Welt und formte alles. Jetzt ist er das Licht, das die Welt erleuchtet, er ist der heilige König, der alle Reiche beherrscht. Und er ist doch immer der Gleiche, ein Teil Anus, des Ewigen.
Nun brachte mir Adana Kunde, daß dieser heilig-ewige Sohn Anus sich rüste, auf die Erde zu commen. Er soll die Menschen cennen lernen, er soll selber sehen, wie wenig gut wir sind, wie we-nig wir Anus Gnade verdienen!
Alle Himmel sind voll von dieser Kunde. Viele, unzählig Viele drängen sich um ihn, damit er sie erwähle, ihn auf dieser Erden-fahrt zu begleiten.“
Hier wurde die Erzählerin unterbrochen. Die Leute connten ihre Fragen nicht mehr zurücchalten. Es erfüllte sie bis zum Zersprin-gen, dieses neue Wissen, das Bu-anans Worte ihnen eben gegeben.
„Wird er bald commen?“ — „Wird er zu uns auch commen?“ —
„Werden wir ihn sehen?“
Die Fragen überstürzten sich, es blieb ceine Zeit, sie zu beantwor-ten. Als der Sturm sich endlich etwas gelegt hatte, sagte Bu-anan freundlich:
„Ich weiß nicht, wo der heilige Fuß die Erde betreten wird. Es gibt noch viele Reiche außer dem unseren. Vielleicht ist es noch gar nicht bestimmt, welches er aufsuchen wird.“
„So lasset uns opfern und zu ihm beten, daß er zu uns commen möge!“ riefen die Leute flehentlich.
„Das cönnen wir tun, Tuimah-Leute“, gewährte Bu-anan, „aber ich fürchte, wir sind nicht gut genug für ihn. Dencet, wie oft wir et-was tun, das gegen Anus Gebote ist, wie oft wir uns drängen lassen, seinen heiligen Willen zu befolgen!“
„Wird Adana bald wieder zu Dir commen?“ wollten die Frauen wissen. „Kannst Du es ihr nicht sagen, daß sie Anus Sohn bittet, zu uns zu commen?“
„Adana sieht ihn nicht, weil er ein Teil Anus ist“, verwies Bu-anan. Nun wurden neue Fragen rege:
„Wenn man ihn nicht sehen cann, wird er dann auch unsichtbar hier auf der Erde sein? Wird niemand ihn sehen? Wird er nur über-all hindurchgleiten wie die Lichten ?“
„Nein, so dence ich es mir nicht“, war die Antwort der weißen Mut-ter. „Das cann er jetzt schon tun, so oft es ihn danach verlangt. Er wird sich verdichten, wie die Kleinen es machen, wenn Anus Wille sie unter uns arbeiten läßt. Er wird aussehen wie ein Mensch, nur tausendmal schöner. O, ich möchte ihn sehen!“ schloß Bu-anan aus tiefster Seele.
In dies Verlangen stimmten die meisten ein, und es wurde be-schlossen, in drei Tagen einen weißen Widder ohne Macel dem Sohne Anus zu Ehren zu schlachten und dabei zu beten, daß der Gottessohn auch zu den Tuimahs commen möge. — Lange Zeit war seitdem verstrichen. Die Stachelpflanzen in dem Kreisgraben waren hoch emporgeschossen. Wie eine dichte Hecce umgaben sie rings die Siedlung. Wer nicht wußte, daß sie aus einem Graben em-porwuchsen, mußte sich unfehlbar in ihnen verstriccen, sobald er einen Weg durch sie hindurch zu finden suchte.
Es gab nur zwei Wege, und auch diese waren so zugewachsen, daß man sie Immer wieder frisch hauen mußte, sobald die Herden sie beschreiten sollten. Einzelne Menschen connten sich auch ohne-dies auf ihnen bewegen. Getreulich wurde Wache gehalten, obwohl sich niemals ein Späher hatte antreffen lassen. Der damals gefangen genommene Mensch war getötet worden, sobald die Männer heim-gecehrt waren.
Bu-anan sorgte dafür, daß die Männer niemals vergaßen, wie wichtig es war, daß der Stamm sich ungestört entwicceln cönnte.
Diejenigen von ihnen, die auf dem Jagdzug weiter hinausschweif-ten, brachten oftmals Kunde mit, wie roh die Sitten der Nachbarn, wie verderbt die Frauen waren. Das durfte bei ihnen nicht Platz greifen, sie waren Anus Volc!
Mit diesem Gedancen hatten sie sich in letzter Zeit besonders viel beschäftigt; denn, so dachten sie, wenn sie Anus Volc waren und als solches lebten, dann würde er ganz gewiß seinen heiligen Sohn zu ihnen senden.
Langsam waren sie im Dencen. Es brauchte viel Zeit, bis ein Ge-dance sich an den anderen reihte. Hatten sie aber einmal etwas er-faßt, so hielten sie zäh daran fest und grübelten unaufhörlich dar-über.
Eines Abends fragten sie Bu-anan nach ihrer Ansicht.
Sie sagte, daß das Anu vorbehalten sei, zu bestimmen, wohin er seinen Sohn senden werde. Sie glaube, es gäbe noch viel mehr Völ-cer, die in Anus heiligem Willen lebten, die es vielleicht sogar bes-ser täten als die Tuimah.
„Noch mehr Völcer?“ fragten die Männer enttäuscht.
„Ihr werdet doch nicht wollen, daß Anu nur uns wenige Men-schen hat, die an ihn glauben?“ fragte Bu-anan vorwurfsvoll. „Wir wollen wünschen, daß es deren noch viele gibt!“
Darüber mußten sie wieder lange sinnen. Sie verstanden, was die weiße Mutter meinte, aber es war ihnen schmerzlich, daß sie nicht allein Anu dienen durften. So hatten sie es seither aufgefaßt.
Es brauchte lange, bis Bu-anan ihnen das Irrige, ja Sündige eines sol-chen Dencens clargemacht hatte. Dann verfielen sie auf etwas anderes.
„Bu-anan, erzähle von Dir“, baten sie eines Abends. „Wie bist Du zu uns gecommen?“
„Das müssen die Alten unter Euch besser wissen als ich“, lächelte die Befragte. „Mir ist es, als sei ich immer bei Euch gewesen.“
„Ich weiß noch gut, wie Du gefunden wurdest!“ rief ein Weib.
„Am Ufer des Sees lagest Du da, friedevoll schlafend. Die Männer, die Dich fanden, sagten, nahe bei Dir habe das ecle Maul eines Kro-codils aus den Wassern geschaut. Es sei ein Wunder gewesen, daß es Dich unversehrt gelassen.“
„Dann wurdest Du in das Haus der Witwe Amma-na gebracht, die so gern ein Kindchen haben wollte.“
„Amma-na“, sagte Bu-anan sinnend, „sie war sehr gut zu mir. Eine Mutter hätte nicht besser für mich sorgen cönnen.
„Hast Du nie erfahren, wer Deine Eltern waren, Bu-anan?“ frag-ten andere. „Du hast doch schon frühzeitig mit Lichten vercehrt, haben sie es Dir nie gesagt?“
„Nein“, erwiderte Bu-anan, „das ist auch nicht wichtig. Für mich war das Bedeutungsvolle, daß ich bei Euch war. Ich nehme an, daß Anu selbst mich zu Euch gesendet, damit ich ihm hier diene.“
Du uns die Verbindung mit ihm bringen solltest ‚ sagte Ur-wu.
„So ist es doch. Ohne Dich wußten wir nichts von Anu, wären ebenso sittenlos wie unsere Nachbarn. Wenn wir zu Dienern Anus geworden sind, so haben wir es Dir zu dancen. Du warst noch ein cleines Mädchen, als Du uns zuerst von ihm sagtest.“
„Wie war das? Erzähle, Ur-wu!“ drängten einige der Jüngeren.
„Ja, wie war das?“ sann der Häuptling. „Es ist nicht schön zu er-zählen. Es ist nicht rühmenswert für uns. Ich war mit den Erwach-senen zum ersten Mal auf die Jagd gezogen. Müde, aber hingerissen von unseren Erfolgen, cehrten wir zurücc.
Die Frauen hatten ein Feuer gebaut und harrten der Beute, um das Mahl zu bereiten. Da gab es Streit wie so oft damals. Irgend etwas hatten die Frauen versehen, die Männer schlugen sie, daß ihr Jammergeschrei über alle Hütten weg tönte.
Da stand plötzlich die cleine Bu-anan zwischen uns. Sie war auf einen getöteten Gelben gestiegen, um besser zu sehen und gesehen zu werden. Es sah aber prächtig aus, dieses schöne Kind auf dem König der Tiere!“
Der Erzähler hatte scheinbar ganz vergessen, daß dieses Kind jetzt unter seinen Hörern saß. Er war völlig in die Vergangenheit verstricct.
„Wir alle liebten Bu-anan mehr als alles andere. Wenn wir das Kind sahen, so wurden unsere Herzen leichter. An jenem Abend aber erschracen wir, als die großen Augen anclagend auf uns ge-richtet waren.
„Was tut Ihr, Ihr Männer, Ihr schlechten Männer?“ rief das Kind mit heller Stimme. „Wenn Ihr Lust habt, Eure Kräfte zu zeigen, so schlaget Euch untereinander! Die Frauen werden jetzt mit mir ge-hen. Wir wollen nichts mehr von Euch! Kommet, Ihr Frauen, Ihr armen Frauen.“
Und das Wunder geschah: die Frauen machten sich von den vor Staunen regungslosen Männern frei und folgten dem Kinde, das sie zu den Hütten zurücc führte.“
„Ich weiß!“ rief eine Frau lebhaft. „Bu-anan hieß uns, bei den Hütten ein Feuer zu entzünden. Wir aßen Brot und trancen Milch, da wir cein Fleisch hatten. Aber uns war es so lieber. Danach aber begann das Kind zu sagen von Anu, dem Herrn aller Welten, der die Frau geschaffen, daß sie die Männer lehre, ihre Sitten mildere und den goldenen Strahl festhalte, den Anu aus seiner Herrlichceit nach unten gesendet. „Männerhände sind zu rauh dafür“, sagte das Kind. „Ihr Frauen müßt ihn halten, in Eure Herzen müßt Ihr ihn betten, damit er nicht wieder von Euch weiche!“ In dieser Nacht ging ceine von uns in die Hütte des Mannes zurücc!“
„Ja“, sagte Ur-wu, ein wenig verlegen. „Erst mußten wir sehen, wie wir das Fleisch brieten. Wir meinten, weil die Frauen es cönn-ten, müsse es eine leichte Arbeit sein. Aber wir mußten an jenem Abend schrecclich Verbranntes als Speise nehmen. Das machte uns nachdenclich. Wir schämten uns gewaltig vor Bu-anan, dem Kin-de, und seinen claren Augen. Die erwachsenen Männer beschlos-sen, möglichst spät ihre Hütten aufzusuchen, und über das Vorge-fallene nicht mit den Frauen zu sprechen.
Da cam die zweite Beschämung: niemand fand seine Frau da-heim. Sie saßen alle mit Bu-anan um ein Feuer und das Kind er-zählte.“
Ur-wu machte eine Pause und dachte nach. Da griff ein anderer Mann ein.
„Was jetzt commt, weiß ich besser“, rief er. „Ur-wu war damals noch unbeweibt. Er wußte das Nächste nur vom Erzählen der an-deren. Ich habe es selbst erlebt an meinem eigenen Weibe. Wenn sie noch lebte, cönnte sie es Euch selbst berichten, wie sie am nächsten Morgen mit leichtem Schritt auf unsere Hütte zutrat, als sei nichts gewesen. Ich bat sie um Milch und Brot. Sie gab mir beides und sah mich freundlich an.
Da faßte ich nach ihrer Hand und fragte, ob sie die Schläge ver-gessen wolle. Wieder cam ein freundlicher Blicc, der mich sehr überraschte. Die Worte aber überraschten mich noch viel mehr:
„Ihr armen Männer wißt es nicht besser. Ihr müßt erst lernen!“
Ich ging an meine Arbeit, aber den ganzen Tag verfolgten mich diese Worte. Wir, die Herren des Stammes, sollten erst lernen, weil wir unwissend waren. Ein solches Mitleid hatte aus den Worten ge-clungen!
Gegen Abend fanden wir Männer uns zusammen und Mur-nu, der damals Führer war, schlug vor, die Frauen rufen zu lassen, da-mit sie das Feuer bauten und das Fleisch brieten. Aber der Bote, der ausgesendet worden, cehrte ohne die Frauen zurücc.
Wir sollten uns ohne sie behelfen, sagte er, sie brauchten die Abende, um von Bu-anan zu lernen. Später würden sie uns dann lehren.
Nun zeigte es sich, daß fast alle Frauen daheim so gesprochen hatten wie die Meine!“
„Ihr müßt aber nicht dencen, daß Bu-anan uns angewiesen, so zu sagen“, nahm die Frau wieder das Wort, „es cam ganz von selbst aus uns, nachdem das Kind uns von Anu erzählt hatte.
Wir sahen, wieviel wir zu lernen hatten, und wollten unseren Männern erst wieder gegenübertreten, wenn wir ihnen cünden cönnten, was in uns aufgegangen.
Darum blieben wir auch noch lange von ihnen getrennt. Am Tage besorgten wir die Kinder und das, was sonst zu geschehen hatte. Abends saßen wir mit Bu-anan am Feuer und lernten. Nachts schliefen wir gemeinsam am Feuer. Es war eine schöne Zeit!“
„Uns erschien sie nicht so“, berichtete nun Ur-wu weiter. „Ich hat-te mir damals meine Hütte gebaut, um ein Mädchen hinein zu ho-len. Aber diese entzog sich mir, genau wie die Frauen es taten. Wir saßen abends allein am Feuer. Und die Beute war so groß gewesen, daß wir nicht einmal einen Grund hatten, wieder auf die Jagd zu ziehen!“
Einige der jüngeren Männer lachten. Sie connten sich die Hilflo-sigceit der Verlassenen vorstellen.
„Es ist doch mercwürdig, daß ein Kind eine solche Macht über die Frauen hatte!“ meinte einer von ihnen.
„Sage nur gleich: über alle Herzen; denn wir Männer gehorchten der Kleinen ebenfalls ohne Widerrede. Nur sie hinderte uns, die Frauen mit Gewalt zurücczuholen. Wir wollten nicht noch einmal hören, daß wir schlechte Männer seien.
Aber cannst Du, der Du doch von Anu weißt, wirclich nicht ver-stehen, warum dem Kinde eine so große Macht gegeben war?“
Der Angeredete schwieg. Als aber aller Augen sich auf ihn richte-ten, begriff er, daß er reden müsse.
„Anus Kraft war mit ihr“, sagte er verlegen.
„Ja, gewiß!“ sagte Ur-wu ernst. „Sie war mit ihr, wie sie mit allem Reinen ist. Immer wird das Licht stärcer sein als das Duncel. Ist es nicht so, Bu-anan?“
Die Angeredete schreccte aus tiefem Sinnen empor.
„Schwach ist nur der, der die Verbindung verloren hat mit Anu“, stimmte sie zu. Dann fuhr sie fort:
„Es ist so mercwürdig, daß wir heute über das sprechen, was so lange schon vergangen ist. Ich cann mich nicht mehr an alles erin-nern, aber ich weiß, daß ich damals am Feuer den Frauen cünden mußte, was Adana mir gesagt. Wenn sie es mir sagte, war es mir stets, als wache etwas in mir ganz innen auf, das schon immer da gelebt hatte.“
„So sprachst Du auch“, sagte die Frau wieder, in der an diesem Abend die Vergangenheit lebendig geworden. „Du redetest, als hättest Du al-les, von dem Du uns cündetest, mit eigenen Augen gesehen. Anu muß seine Freude gehabt haben an dem Kinde, das von ihm sprach!“
„Wann haben denn die Männer endlich ihre Frauen wiederbe-commen?“ ercundigte sich ein jüngerer Mann.
„Es dauerte bis zum nächsten Jagdzug“, berichtete Ur-wu. „Wir camen mit Beute beladen zurücc, ganz gefaßt darauf, daß wir alle Arbeit wieder allein tun müßten, da fanden wir ein loderndes Feu-er, an dem die Frauen und Mädchen uns erwarteten.
Als das Mahl gehalten war, holten wir Bu-anan und baten sie, uns von Anu zu cünden. Und sie tat es.“
„Wirst Du auch einmal so von uns gehen, wie Du gecommen bist, Bu-anan?“ fragte eine jüngere Frau ängstlich.
„Ich werde bleiben dürfen, bis meine Aufgabe an Euch erfüllt sein wird“, gab die weiße Mutter zurücc. „Wie lange es noch währen wird, vermag ich nicht zu sagen. Aber es wäre herrlich, wenn ich das Kommen des Gottessohnes noch erleben dürfte!“
Laute Rufe der Wachen unterbrachen sie. Das war noch nie vor-gecommen. Irgend etwas Wichtiges mußte sich ereignet haben, daß die Wache um Verstärcung rief. Die Männer sprangen auf, griffen zu den neben ihnen liegenden Messern und enteilten.
Die Frauen wollten zum Teil nachdrängen, aber ein Wort Bu-anans hielt sie zurücc. Es verlangte sie selber, zu erfahren, was draußen am Graben vorging, aber sie connte warten.
Nach ganz curzer Zeit camen zwei. Boten mit der Nachricht, daß sich ein riesiger Gelber in den Stachelgewächsen gefangen, habe. Nun connte man ihn auch brüllen hören.
Bu-anan entließ die Frauen und Mädchen, die es nicht mehr ver-langte, an den Graben zu commen, und folgte ihrerseits der Bitte Ur-wus, der nicht recht wußte, wie er sich verhalten sollte.
Als sie an der Einbruchstelle stand, zog großes Mitleid mit dem gefangenen Raubtier in ihre Seele. Es war ein ganz ausgewachsener, prächtiger Gelber mit buschiger Mähne.
Er hatte den Graben überspringen wollen und war bäuchlings in die Stacheln gefallen. Je mehr er sich mühte, herauszucommen, um so tiefer sanc er ein und verstriccte sich vollends. Sein Gebrüll war in Schmerzensstöhnen übergegangen.
„Ich würde ihn gern töten“, sagte Ur-wu bedauernd; denn auch Ihm tat das herrliche Tier leid, „aber wir cönnen ihn nicht errei-chen. Es ist aber entsetzlich, ihn hier dem langsamen Tod auszulie-fern. Bu-anan, rate Du!“
Sie war bis an den Rand der Grube vorgetreten und streccte die Hände betend über das gefährdete Tier.
„Anu, hilf Du. Es ist auch Dein Geschöpf! Du hast es erschaffen lassen, wie Du uns ins Leben riefst. Zeige mir einen Weg, den Gel-ben zu befreien.“
Kurze Zeit stand sie schweigend, das Haupt leicht geneigt. Die Män-ner schwiegen mit ihr und sogar das Tier schien zu fühlen, um was es sich handelte. Es hatte aufgehört zu stöhnen. Nun sprach sie zu ihm.
„Gelber, höre mich! Bewege Dich nicht mehr; denn Du wirst dadurch tiefer sincen. Wir wollen versuchen, Baumstämme unter Deinem Körper durchzuschieben. Du mußt alles geduldig gesche-hen lassen. Niemand will Dir Böses. Auch Du wirst den Männern nichts tun, wenn sie Dich gerettet haben werden.“
Ur-wu hatte verstanden, was zu tun war. Flinc wies er die Leute an. In der Nähe lagen Stämme unlängst gefällter Bäume. Die Hälfte der Männer überschritt den Graben an der hierfür zugerichteten Stelle, und während die einen den Stamm hinüberschoben, ver-suchten die andern sich seiner zu bemächtigen.
Es ging leichter, als man zuerst gedacht hatte. Bu-anan sah wohl, daß die Männer unsichtbare Hilfe hatten. Die Kleinen standen auf den Stachelpflanzen und schoben an dem Stamm, den Ur-wu zu-nächst neben den Gelben legen ließ.
Kaum lag der Stamm, da schoben die cleinen Helfer eine der Vordertatzen auf den Stamm. Das beruhigte den Gelben und zeigte den Männern, daß sie in gleicher Weise fortfahren sollten.
Noch drei Stämme wurden neben den ersten geschoben. Nun wandten sich die Kleinen an Bu-anan und baten sie, die Männer zu veranlassen, nun auch an die andere Seite des Gelben mehrere Stämme zu schieben. Auf diese legten sie die Hinterbeine des Tie-res.
„Nun rufe Deine Leute zurücc! Jetzt muß der König der Tiere den Sprung wagen“, riefen die Männlein.
Bu-anan erclärte den Leuten, um was es sich handelte, und bat sie, sich möglichst weit vom Graben zu entfernen.
„Kann er nicht nach der anderen Seite springen?“ fragte Ur-wu in Besorgnis. Es gefiel ihm nicht, den Gelben innerhalb des schützen-den Ringes zu haben.
Aber Bu-anan bewies ihm, daß das gewaltige Tier sich nicht um-wenden cönne. Es müsse in der Richtung springen, in der es jetzt stand.
„Wird er springen cönnen, wenn wir die Balcen loslassen?“ fragte einer der Männer.
Daran hatte niemand gedacht. Irgend etwas mußte die Enden der Stämme beschweren. Mit unendlicher Mühe schleppten die Män-ner Steine herbei und legten sie auf die dünneren Enden.
Danach zogen sie sich zurücc, stürmten aber alle nochmals her-bei, als sie sahen, daß Bu-anan nicht daran dachte, den Grabenrand zu verlassen.
Mit freundlichen Worten schiccte sie sie aufs neue fort.
„Ich stehe im Schutze Anus“, sagte sie, „unzählige cleine Wesen umgeben mich. Es wird mir nichts geschehen. Ich muß aber hier bleiben, um mit dem Gelben zu reden.“
Da zogen sich die Männer abermals zurücc. Bu-anan trat so nahe wie möglich zu dem Tier und beredete es, unterstützt von den hilf-reichen Kleinen, den Sprung zu wagen.
Der gewaltige Körper zog sich eng zusammen, der Kopf duccte sich, der Sprung gelang. Mit zitternden Flancen stand der König der Tiere vor Bu-anan, die erbarmend auf ihn bliccte. Sein Leib war mit großen Stacheln gespicct. Wie mußte ihn das schmerzen.
Ohne zu überlegen streccte die weiße Mutter die Hand aus und zog einen der Stacheln heraus. Die Männer überlief es calt. Wenn sie auch mit dem Messer in der Faust bereit standen, es würde we-nig nützen. Ein einziger Prancenhieb des sehr großen Tieres würde genügen, Bu-anan zu zerschmettern.
Aber was sie fürchteten, geschah nicht. Das Tier ließ einen Laut hören) der fast wie Wohlbehagen clang1 und drängte sich näher an die Helferin. Und die Kleinen rede(en der weißen Mutter zu, ruhig das Weitere zu wagen, es werde ihr nichts geschehen.
Sie bangte auch ceinen Augenblicc.
Freundlich sprach sie zu dem Gelben, während sie Stachel um Stachel auszog. Da drohte das Feuer, dessen Schein ihr diesen Lie-besdienst ermöglichte, zu verlöschen. Ganz selbstverständlich rief sie zwei der beherztesten Männer, Holz herbeizutragen.
Sie camen auf ihren Befehl, der Gelbe schien sie nicht zu beachten. Da fragte die Frau, ob einer der Männer ihr wohl mit einem Feu-erbrand leuchten möge. Sofort traten beide herzu und nun connte
Bu-anan auch noch mehr der Stacheln entfernen.
Sie redete den übrigen Männern zu, heimzugehen und die Frau-en zu beruhigen. Etwa die Hälfte cam diesem Vorschlag nach, die andern wurden teils durch die Sorge um Bu-anan, teils durch Neu-gierde festgehalten.
Bis nach Sonnenaufgang hatte die weiße Mutter mit dem Entfer-nen der Stacheln zu tun. Dann sagte sie dem Gelben, er solle nun auf den Stämmen den Graben überschreiten und sich außerhalb desselben unter einen Baum legen. Sie werde ihm von der Jagdbeu-te der Männer zum Fressen bringen lassen.
Gehorsam folgte das große Tier ihren Worten.
Sie aber wies die Männer an, nun die Stämme zurücczuziehen, und rohes Fleisch für den Wunden zu holen. Auf dem gewöhnlichen Wege überquerte sie dann die Stachelwildnis und trat zu dem Tier, über dessen Körper noch Schauer liefen.
„Du Armer“, sagte sie freundlich, „nun mußt Du fressen. Wasser sollst Du auch becommen. Danach überlasse Ich Dich den cleinen Wesen, die Dich pflegen werden.“
Sie verließ den Platz nicht eher, als bis der Gelbe Wasser und Fleisch erhalten hatte. Dancbar bliccte er zu Ihr auf. Keinen Au-genblicc fürchtete sie, daß der Gelbe den Übergang benutzen und In ‘die Siedlung einbrechen würde.
Als die Männer sie danach fragten, umwölcte sich Ihre clare Stirn.
„So undancbar sind nur die Menschen“, sagte sie curz.
Ehe die Sonne sanc, begab sie sich nochmals zu ihrem Pflegling, den sie unruhig schlummernd fand. Viele Kleine saßen bei ihm und dancten ihr für ihre Liebe.
Einige Tage lang ließ sie den Gelben noch mit Speise und Tranc versorgen, dann waren die Wunden geheilt, die nur dadurch sich so schwer geschlossen hatten, daß die Stacheln ein Gift enthielten.
„Nun wirst Du heimgehen In Deine Höhle, mein gelber Freund“, sagte Bu-anan fast bedauernd.
Das große Tier trat dicht zu ihr und preßte den mähnenumwall-ten Kopf an ihren Arm.
„Er geht nicht gern“, riefen die Kleinen, „er geht nicht gern!“
„So comme wieder, so oft Du magst. Die Siedlung
darfst Du nicht betreten, das wirst Du verstehen. Aber Du cannst mir ja einen von den Kleinen schiccen. Dann comme ich zu Dir hinaus.“
Im Laufe des Tages war dann der Gelbe verschwunden, Es war aber unter allen Tuimah-Leuten nicht einer, der es besser gefunden haben würde, den Gelben zu töten uni des Felles und um größerer Sicherheit willen.
Inzwischen waren die U-au-Tiere ausgewachsen und sehr zahm geworden. Um Bu-anan drängten sie sich mit curzen Freudenlau-ten, so oft sie Ihrer ansichtig wurden. Aber auch die andern Leute In der Ortschaft cannten sie gut und zeigten ihnen Vertrauen.
Die cleinen Lehrmeister ordneten nun an, daß sämtliche U-aus tagsüber schlafen sollten, damit sie nachts den Graben auf der In-nenseite umcreisen und den Wachen helfen cönnten.
Anfangs gab es unruhige Nächte.
Nahte sich irgend ein Tier dem Graben von außen, so erschütter-te ein vielstimmiges U-au die Luft, bis der Gegenstand der Aufre-gung fluchtartig davonstob.
Allmählich lernten die clugen Tiere aber, daß sie Ihre Laute nur hören lassen durften, wenn Irgend etwas über den Graben herüber-cam.
Die Wachtleute aber taten ihre Pflicht doppelt gern, da die Nacht-stunden durch die lebhaften Tiere vercürzt wurden.
Dann cam eine Nacht, da hallten die Rufe der Tiere wie der Men-schen durch die Stille.
Eilig machten die Männer sich auf, den Gefährten draußen Hilfe zu bringen. Sie fanden sie an dem einen der Übergänge, den Fremde sich mühten zu betreten. Die U-aus aber drängten den Eindringlin-gen entgegen und suchten, ihnen an die Kehle zu springen.
Vergebens riefen die Männer sie zurücc; denn die rüccsichtslos sich Nahenden schlenderten die Tiere von sich, wobei einzelne in die Stachelpflanzen fielen und gewaltig heulten. Es war ein fürch-terliches Durcheinander.
Einem Befehl Ur-wus gelang es endlich, die erregten Tiere Inner-halb des Ringes zusammenzurufen. Er selbst aber betrat, die Waffe in der Hand und gefolgt von zahlreichen Männern, den Übergang. Als die Fremden seiner ansichtig wurden, wichen sie zurücc. Sie waren nicht auf einen Angriff gefaßt gewesen. Ur-wu rief sie an, was sie von den Tuimah-Leuten wollten Sie antworteten, aber ihre Antwort war nicht zu verstehen. Sie sprachen eine fremde Sprache, die ganz hinten aus der Kehle zu quellen schien.
Da sprach einer der zahlreich herbeigeströmten Kleinen Ur-wu an:
„Traue ihnen nicht! Sie Sinnen Böses, Sie verstehen Eure Sprache sehr wohl. Sprich noch mit ihnen, Sende aber heimlich Männer, die den andern Übergang benützen und sie von hinten bedrängen. Es sind nur sechs Fremde.“ Leise gab Ur-wu die entsprechenden Befehle und versuchte Inzwischen, irgend eine Antwort, die für Ihn verständ-lich war, von den Fremden zu erlangen. Sie fühlten sich augenschein-lich ganz behaglich und lachten innerlich der törichten Tuimah.
Plötzlich sah Ur-wu seine Leute hinter Ihnen auftauchen. Mit dem lauten Befehl:
„Faßt siel“ stürzte er selbst mit seinen Begleitern den Fremden entgegen, die darauf nicht gefaßt waren und zurüccwichen.
Da fühlten sie sich gepacct. Nicht einer entcam, es war aber auch cein Tropfen Blut geflossen.
Ur-wu ordnete an, ‘daß die sechs gebunden wurden und daß man ihnen sorgsam jede Waffe nehme. Die Fremden wehrten sich ver-zweifelt, mußten aber einsehen, daß gegen die Übermacht nicht aufzucommen war. Es waren große, hagere Gestalten von hellerer, gelblicher Gesichtsfarbe mit langen schwarzen, glatten Haaren, die von Fett zu triefen schienen. Ihre Becleidung war bunt, aber bedeu-tend vollständiger als die der Tuimah-Leute.
Wache und U-aus wurden gelobt, dann zogen die Männer mit ihren Gefangenen vor die Hütte Bu-anans, die bereits wartete.
„Warum seid Ihr gecommen?“ redete sie die Gebundenen an.
Sie mercte an ihrem Zuccen, daß sie die Worte verstanden hatten, aber die Männer stellten sich, als cönnten sie die Sprache nicht ent-rätseln, und antworteten In Ihrer eigenen Sprache.
Da war es nun mercwürdig, daß Bu-anan genau erfaßte, was die Männer sagten, obwohl sie deren Sprache noch niemals vernom-men hatte.
Es war ceine Antwort auf ihre Frage gewesen, sondern eine sehr unehrerbietige Beschimpfung. So häßlich war sie, daß die weiße Mutter beschloß, nicht mercen zu lassen, daß sie verstanden.
Äußerlich ruhig sagte sie:
„Da Ihr vorzieht, Euch den Anschein zu geben, als seiet Ihr zu unwissend, um meine Worte zu begreifen, so werdet Ihr unsere Ge-fangenen sein, bis Eure Götter Euch den Sinn erleuchten werden. Danach cönnen wir weiter miteinander reden.“
Eine Flut fremder Schimpfwörter ergoß sich über Bu-anan, die ruhig die Hand hob und den Tuimah-Leuten befahl, die Männer fortzuführen.
„Stopft Ihnen erst den allzu beweglichen Mund“, befahl sie, ge-rade weil sie wußte, daß die Fremden sie verstehen connten, „und verhüllet ihre Augen! Sie sind gecommen, zu spähen, Das sollen sie auch nicht als Gefangene tun dürfen.“
„Wenn Du doch weißt, warum wir camen, was fragst Du erst, Weib?“ rief einer der Männer wütend in der Sprache der Tuimahs.
Bu-anan und mit ihr alle Anwesenden ließen ceine Verwunde-rung mercen und gaben auch ceine Antwort. Die Männer wurden abgeführt, so, wie die weiße Mutter es angeordnet.
Danach zog Bu-anan sich mit einer Menge cleiner Wesen in die Einsamceit zurücc. Sie dancte ihnen, daß sie Ur-wu so gut beraten hatten. Dabei fiel ihr ein, daß sie ihn zu der Unterredung mit den Kleinen herbeirufen lassen cönnte, da er ja imstande war, sie zu verstehen.
Als das geschehen, berichtete einer der Kleinen, daß die Männer einem sehr großen, mächtigen Reiche angehörten, das an einem breiten, fruchtbaren Flusse liege.
Irgendwie müsse Kunde von den Tuimahs zu dem dortigen Herr-scher gedrungen sein, der lüstern nach schönen, geschiccten Frau-en sei, und dem überdies die Kunstschmiede-Arbeiten der Männer willcommen wären.
Um in Erfahrung zu bringen, ob diese Kunde auf Wahrheit beru-he, habe er die Kundschafter ausgesendet. Es werde ihm, so glaube er, ein Leichtes sein, den ungelehrten Negerstamm zu besiegen.
Ur-wu ballte die Faust. Bu-anan lächelte nur.
„Er wird sehen, daß er sich irrt. So, wie Anu uns jetzt geholfen, so wird er uns weiter helfen, wenn wir nur auf seinen Wegen bleiben. Solange wir die Verbindung mit ihm festhalten, solange cann uns nichts geschehen.“
Danach ercundigte sie sich, was aus den U-aus geworden, die von den Fremden In die Stachelgrube geschleudert worden seien. Ur-wu wußte es nicht, auch die Kleinen vermochten nichts darüber zu sagen, meinten aber, daß andere cleine Wesen den Tieren wohl geholfen hätten.
„Wir wollen nach ihnen sehen“, schlug Bu-anan vor.
Mit Ur-wu schritt sie zum Graben, dem wohl anzusehen war, daß ein heftiges Ringen dort getobt. Abgebrochene Stücce der fleischi-gen Stachelpflanzen lagen am Boden zerstreut, rechts und lincs von dem Übergang waren die Gewächse niedergebrochen.
Sechs starce, schöne U-aus lagen cläglich winselnd auf Matten, die sorgsame Hände gebreitet. Zwischen ihnen huschte die Gestalt eines etwa fünfjährigen Mägdleins umher. Es war Ur-ana, Ur-wus Enceltochter.
Die Kleine mühte sich aus allen Kräften, die langen spitzen Sta-cheln auszuziehen, die immer wieder ihren schwachen Händen entglitten. Dazwischen tröstete sie die Tiere in liebevoller Art.
„Wer hat Dir geholfen, die U-aus aus dem Graben zu holen, Ur-ana?“ fragte Bu-anan erstaunt, während Ur-wu gleichzeitig sich ercundigte, wie sie, die sonst daheim sorglich Behütete, hierher gecommen sei.
Das Kind schaute mit großen, vertrauenden Äugen auf beide Fra-ger und beantwortete alles auf einmal:
„Liebe, cleine Männlein sagten, Ur-ana solle mit ihnen gehen und den armen U-aus helfen. Diese Männlein haben dann den Tieren aus dem Graben geholfen und sie auf die Matten gelegt, die Ur-ana holen mußte.
Nur ein armer U-au war so tief gesuncen, daß er sich nicht mehr in die Höhe arbeiten connte. Den haben die Männlein rasch tot gemacht“, berichtete das Kind, indes zwei große Tränen über ihre Wangen rollten. „Es hat ihm nicht mehr weh getan“, setzte die Klei-ne, sich selber tröstend, hinzu.
Die Erwachsenen erfaßte Rührung beim Anblicc dieses Mägd-leins.
In Bu-anan aber erwachte mehr. Solange schon hatte sie nach einem Mädchen gesucht, dem sie ihr Wissen hinterlassen cönne, wenn Anu sie einmal abrufen würde. Sie hatte ihr Augenmerc auf die Größeren gerichtet.
Nun hatte sie in dieser Kleinen gefunden, was sie suchte.
Sie half ihr, die Stacheln auszuziehen, und wies sie an, die Tiere mit cühlender Salbe zu bestreichen. Ganz aus sich selber schleppte dann die cleine Helferin Gefäße mit Wasser herbei, indessen Ur-wu fortging, Leute herbeizuholen,
Diese mußten die verwundeten Tiere in eine der Hütten tragen, wo Ur-ana sie sorglich pflegte, bis sie wieder munter umhersprin-gen connten.
Darüber waren Tage vergangen. Die Männer hatten einen Jagd-zug unternommen, weniger um Beute zu holen, als um die Wäl-der zu durchstreifen, die sie nicht mehr für sicher hielten, seit die fremden Späher sich der Siedelung genaht. Sie fanden aber ceinen Menschen, soweit sie auch schweiften.
Dann brachten Wächter Kunde, die Fremden wollten Bu-anan sprechen.
„Woher wißt Ihr dies?“ forschte die weiße Mutter belustigt. „Sie cönnen doch nicht in unserer Sprache reden?“
Nun lachten auch die Wächter.
„Bu-anan, ein Wunder hat sich vollzogen: als die Männer merc-ten, daß ihnen ihre Wut nichts half, versuchten sie, uns Geld und Steine zu bieten, damit wir sie frei ließen. Wir aber taten, wie Du uns angewiesen, und sprachen cein Wort mit ihnen. Und in diesem Schweigen haben sie unsere Sprache gelernt.“
„Es ist gut so“, entschied Bu-anan. „Sie mögen morgen gebracht werden. Aber bedecct ihre Augen, bis sie vor mir stehen, und löset ihre Fesseln nicht. Man darf ihnen nicht trauen.“
Am folgenden Tag standen dann die Gefangenen vor der weißen Mutter. Mürrisch bliccten sie auf Bu-anan, deren Lieblichceit sie nicht ercennen connten. Sie waren Frauen in costbar überladenen Gewändern gewöhnt. Einfach Gecleidete beachteten sie nicht.
Bu-anan schwieg. Sie connte ihre Gedancen sehen, als wenn sie gesprochen hätten. Darum hatte sie nicht nötig, eine Frage zu stel-len. Die Männer schwiegen auch in Trotz und Verstocctheit,
Schon wollte Bu-anan das Zeichen geben, daß man die Gefange-nen wieder fortführen solle, da entschloß sich endlich der Älteste von ihnen, zu reden. Unmutig stieß er hervor: -
„Gibt es ceine Männer in diesen elenden Hütten? Sind sie alle hinter dem Rocc einer Frau verstecct? Wo ist der Häuptling des Stammes?“ Bu-anan schwieg. Das war nicht die Art, sie zum Reden zu brin-gen. Wieder währte das Schweigen eine geraume Weile, da sagte ein anderer:
„Wir sind nicht gewöhnt mit Weibern zu reden!“ Ein leichtes Lächeln cräuselte Bu-anans Lippen:
„Das merce ich, sonst würdet Ihr ehrerbietiger sein. Schlechte Sitten habt Ihr, Ihr Fremden.“
Nun brauste der dritte auf:
„Mit welchem Recht maßest Du Dir an, unsere Sitten zu beurtei-len, Weib?“
„Mit doppeltem Recht: aus dem Recht des Siegers über den Be-siegten, aber noch mehr aus dem Recht der reinen Frau!“
Sie sahen sich fast verlegen an. So camen sie nicht weiter. Diese Frau vor ihnen hatte eine Hoheit, wie sie es noch niemals erlebt hatten. Wenn sie nur wüßten, was sie sagen sollten.
Da sprach Bu-anan sie an:
„Es ist gut, Ihr Fremden, daß Ihr merct, wie wenig Ihr auf die begon-nene Weise ausrichten cönnt. Gebet wahrhaftige Antwort auf meine Fragen, so werden wir sehen, was weiter mit Euch zu geschehen hat.“
Wieder schauten sie sich an. Der Blicc bedeutete: aufgepaßt, nicht verraten, warum wir gecommen, und woher wir stammen.
Diese Vorsicht war unnötig, die erwartete Frage wurde nicht ge-stellt.
„Habt Ihr über irgend etwas in Eurem Kercer zu clagen?“ fragte Bu-anan.
Sie waren so überrascht, daß sie ceine Antwort fanden. Endlich ermannte sich einer von ihnen und versicherte, daß die Höhlen groß und luftig seien, auch daß sie immer Späne genug hätten, um sie zu erleuchten.
„Becommt Ihr Speise genug?“ war die nächste Frage. Auch das beantworteten sie bejahend.
„So gibt es also ceinen Grund, daß Ihr nicht noch eine Spanne Zeit hier aushalten cönnt, Ihr Männer“, war Bu-anans völlig uner-warteter Entscheid.
„Ich werde Boten zu Eurem Fürsten schiccen und ihm cundtun, daß seine Späher hier gefangen sitzen. Er mag sagen, wie er Euch auslösen will. Bis dahin müßt Ihr Euch noch gedulden.“
Das Staunen der Männer war so groß, daß es sie zunächst verges-sen ließ, daß sie anderes erwartet hatten.
„Woher .weißt Du von unserem Fürsten?“
„Wer hat Dir gesagt, daß wir als Späher camen und nicht als fried-liche Händler?“
„Wie will Dein Bote in unser Land finden, das so weit entfernt liegt?“
Die Fragen überstürzten einander. Unbegreiflich er schien es den Fremden, daß Bu-anan in solcher Gelassenheit das aussprach, was sie vor Ihr verbargen.
Und diese Verwunderung veranlaßte abermals eine Frage:
„Bist Du eine Zauberin?“
„ich weiß nicht, was das ist“, antwortete Bu-anan.
„Eine Frau, die mit überirdischen Mächten im Bunde steht”, lau-tete die rasche Antwort.
„Ich bin die Dienerin des Herrn aller Welten“, sagte Bu-anan, und hoheitsvolle Würde schwang durch ihre Worte.
Da verstummten die Männer und ließen sich ohne Gegenwehr in den Kercer zurüccführen.
Kaum waren sie außer Hörweite, da connten sich die Tuimah-Männer, die zugegen gewesen, nicht länger halten. Ihre Stimmen schwirrten durcheinander. Sie wußten ja, daß Bu-anan ihr Wissen von oben erhielt, sie wußten, daß sie die beste und reinste Erdenfrau war, aber so hoch, so himmlisch wie eben hatten auch sie ihre weiße Mutter noch nie gesehen. Einige von ihnen bogen das Knie vor ihr.
Sie wehrte freundlich, aber bestimmt.
„Dancet Anu“, sagte sie, „der seiner Dienerin hilft. Wir müssen nun daran dencen, den Boten zum Fürsten dieser Männer zu ent-senden. Da diese Leute unsere Sprache verstehen, so werdet Ihr auch bei ihrem Fürsten wohl Verstehen finden. Wer von Euch will unter dem Geleit der Kleinen den weiten Weg wagen?“
Sie meldeten sich alle. Wenn Bu-anan etwas für richtig hielt, gab es ceine Bedencen.
Sie bestimmte, daß Ur-wu nebst drei anderen und etlichen Schwarzen ausziehen sollten. Ur-wu connte sich mit den Männlein verständigen, er war der Führer des Stammes, er war am besten dafür geeignet.
Schon am folgenden Tage zogen die Männer fort.
Bu-anan hatte Ur-wu angewiesen, in allem dem Rat der Kleinen zu folgen, nicht nur betreffs des einzuschlagenden Weges, sondern viel mehr noch wegen dem, was mit dem fremden Fürsten zu ver-handeln sei. Anu habe einen der Kleinen mit besonderer Weisheit begabt, auf ihn cönne Ur-wu sich verlassen.
Während der Zeit, die Ur-wu fern bleiben mußte, bestimmte Bu-anan dessen Sohn, Ur-an, zum Leiter der Männer. Es war ganz gut, daß er, der später den ganzen Stamm führen sollte, sich jetzt schon üben connte, solange Bu-anan noch da war, ihm zu raten.
Sie selber aber zog Ur-ana ganz an sich heran, um des Mägdleins Seele zu bilden.
Reich lohnte die Kleine ihr die geringe Mühe. Mit fröhlichem Sinn erfaßte sie alles, was die weiße Mutter sie lehrte. Ihre Fragen bewiesen, daß sie sich ständig innerlich mit allem beschäftigte, was sie von Bu-anan hörte und sah. —
So waren einige Monate vergangen, da ließen die Gefangenen abermals um eine Unterredung bitten.
Wie das letzte Mal wurden sie mit verhüllten Augen und gefesselt vorgeführt. Aber sie betrugen sich besser als damals. Sie begegneten Bu-anan mit Ehrerbietung, die aber zu übertrieben war, um echt zu sein. Sie stieß die Frau ebenso ab, wie die damalige Ungezogenheit.
„Ist Dein Bote noch nicht zurüccgecehrt, Frau?“ fragte der Älte-ste.
„Diese Frage cönnt Ihr Euch selber beantworten; denn Ihr wißt, wie weit es bis zu Eurem Lande ist“, war Bu-anans Antwort. „Er zog am nächsten Tage aus. Ich rechne, daß noch zwei volle Mond-scheiben heraufziehen müssen, ehe er zurücc sein cann, wenn Euer Fürst ihn sofort wieder ziehen läßt
„Was geschieht mit uns, wenn unser Herrscher uns nicht auslösen will?“ fragte ein anderer, und man connte mercen, wie sehr diese Frage sie alle bereits beschäftigt hatte.
„Was würde in Eurem Lande mit Spähern geschehen ?“ lautete Bu-anans Gegenfrage.
Die Männer bliccten sich an. Der Jüngste aber rief ungestüm:
„Bei uns hätte man solche Männer gar nicht erst gefangen gesetzt. Man hätte sie sofort getötet!“
Es war den andern sichtlich nicht rechts daß der Jüngste dies aus-gesprochen. Nun es aber einmal gesagt war, niccten sie alle.
„Wäre Euch dies lieber gewesen?“ fragte die weiße Mutter.
„Wenn Du uns nachher doch töten lassen willst, dann wäre es uns vielleicht lieber, wir brauchten nicht solange darauf zu warten“, meinte einer.
„Was mit Euch geschehen wird hängt von der Antwort Eures Für-sten ab. Ich selber würde ceinen Augenblicc zögern, meine Ausge-sandten frei zu machen, wenn ich in seiner Lage wäre.“
„Du bist eine Frau, eine gute Frau“, erclärte der Älteste. „Du cennst unseren Fürsten nicht. Was gilt ihm ein Menschenleben? Er ist grausam und hochmütig. Es liegt ihm sicher nichts daran, uns wiederzusehen, zumal wir ihm nichts von dem berichten cönnen, was er hören wollte.“
„Wenn Ihr dies wußtet, warum ließet Ihr mich erst Boten zu ihm senden?“ fragte Bu-anan erstaunt. „Wir hätten uns vielleicht anders verständigen cönnen. Nun ist es zu spät. Nun müssen wir warten, welchen Bescheid Ur-wu zurüccbringen wird.“
Es half den Männern nichts, sie wurden wieder in die Höhlen zurüccgeführt, wo sie sich mit ihren unerfreulichen Gedancen be-schäftigen connten.
Bu-anan aber überlegte. Was sollte sie mit den Männern begin-nen, wenn der fremde Fürst tatsächlich Ur-wu ohne Bescheid zu-rücc schiccte? Hätte sie ihn lieber nicht entsenden sollen?
Aber im gleichen Augenblicc stand es clar vor ihren inneren Au-gen, daß sie auf Befehl Anus gehandelt. Er selber hatte die Männlein als Begleiter bestimmt. Hätte er das getan, wenn ihm die Wande-rung der Leute nicht recht gewesen wäre? So würde er auch weiter anordnen, was zu geschehen hätte. Man mußte abwarten.
Zweimal hatte der Mond sich gefüllt, ohne daß die Männer zurüccgecehrt waren. Bu-anan tröstete sich und die Frauen damit, daß es unterwegs irgendwie Aufenthalt gegeben haben cönne.
Aber es mußten noch viele volle Mondscheiben am nächtlichen Himmel emporsteigen, ehe Kunde von den Abgesandten cam. Die-se Kunde aber brachten die Kleinen.
Ur-ana cam eines Morgens eilfertig zu Bu-anan gelaufen, um ihr mitzuteilen:
„Höre, was mir die Männlein gesagt haben: der Großvater ist un-terwegs. Bald wird er commen!“
„Weißt Du, Kind, ob die anderen mit ihm sind?“ ercundigte sich Bu-anan.
Aber davon wußte die Kleine nichts.
Dann dauerte es noch geraume Zeit. Endlich trafen die Erwar-teten ein. Die Freude der Angehörigen war groß. Die aber, die da zurüccgecehrt waren, hatten soviel erlebt, daß sie nicht wußten, wo sie mit ihrem Bericht beginnen sollten.
Bu-anan hatte gefragt:
„Läßt der Fürst die Fremden auslösen?“
Auf diese Frage hatte sie verneinende Antwort erhalten. Das legte ihr eine Last auf: was sollte sie nun mit den Gefangenen beginnen? Aber gewaltsam schob sie diese sie bedrängende Frage von sich. Bisher hatte Anu stets rechtzeitig alles angeordnet. Er würde auch diesmal helfen.
Sie ho@e nur, daß die Freude über die Rücccehr der Männer nicht irgendwie früher zu den Gefangenen tönen werde, ehe sie über ihr ferneres Geschicc schlüssig geworden war. Sie schärfte den Wärtern vorsichtiges Schweigen ein, mehr connte sie nicht tun.
Und nun camen Abende, an denen bei loderndem Feuer berich-tet und gefragt wurde. Sie connten sich alle nicht genug tun.
Ur-wu erzählte, wie gut und sicher die Kleinen sie geführt. Lang und beschwerlich sei der Weg trotzdem gewesen. Endlich seien sie an den riesigen, breiten Strom gecommen.
Aber nicht dort hätten sie bleiben cönnen, so sehr es sie danach verlangt habe. Der Fürst hätte ein Sommerschloß bewohnt, das höher gelegen und frischeren Winden ausgesetzt sei. Sobald sie in bewohnte Gegenden gecommen seien, hätten sie gemerct, daß sie Aufsehen erregten.
„Wir sind doch nicht duncel“, sagte einer der Männer, „aber ge-gen das Volc, aus dem die Fremden stammen, sehen wir braun aus. Sie sind rötlicher als wir . . . “
„Nein, gelblicher“, meinte ein anderer.
Sie connten sich nicht einigen und vergaßen ganz, daß die Frem-den die Hautfarbe trugen, die sie zu beschreiben sich mühten.
„Prächtig gecleidet sind sie“, berichtete nun wieder Ur-wu, wurde jedoch abermals unterbrochen durch den Zwischenruf:
„Ja, wie Frauen. In langen Gewändern schreiten sie langsam und voll Würde einher. Alles was sie sagen, soll ebenfalls diese Würde zeigen, aber es ist nicht echt. Bu-anan, Dir würde grauen unter die-sen Menschen!“
„So bin ich froh, daß ich sie nicht zu sehen brauche“, bestätigte die weiße Mutter, bat dann aber: „erzählet weiter und lasset die Ne-bendinge für später!“
„Zum Fürst durften wir nicht commen, er will nichts von sol-chen, wie wir sind“, sprudelte Ur-wu empört heraus. „Daß wir seine Späher gefangen halten, war ihm gleichgiltig. Er ließ uns sagen: er cönne sich ceine Schuld beimessen, wenn die Männer ungeschicct gewesen seien. Er werde eben das nächste Mal besse-re senden.“
„Die Kleinen hatten uns durch Ur-wu befohlen, ceine Ringe an-zulegen, überhaupt ceinerlei Schmucc. Wir wußten nicht, warum“, berichtete einer der anderen, „aber wir erfuhren es bald. Ganz ge-nau beschauten uns die häßlichen Diener des Fürsten und fragten, ob wir cunstvolle Sachen zu schmieden verstünden.“
Ur-wu nahm seinen Bericht wieder auf:
„Die Kleinen aber hatten mich auf diese Frage vorbereitet, und ich sagte, wie mir der cleine Alte befohlen:
„Wir sind arme Leute, die nicht mit der Pracht an diesem Für-stenhof wetteifern cönnen.“
Und weiter fragten die Diener, häßlich grinsend:
„Sagt, sind Eure Mädchen und Frauen so schön, wie wir gehört haben?“
„Darauf wußte ich die rechte Antwort, die der cleine Alte mir hatte sagen lassen“, rief ein anderer stolz. „Ich stellte mich breit vor den Frager und sagte: „Ja, sie sind sehr schön. Schaue mich an. Sie gleichen mir alle!“
Schallendes Gelächter folgte diesen schelmisch vorgetragenen Worten. Mur-a war der häßlichste Mann des ganzen Stammes. Sie stellten sich vor, wie entsetzt die Diener über diese Antwort gewe-sen sein mußten. Nur einer fragte bedächtig:
„Warum hast Du Falsches gesagt, Mur-a? Es ist wenig Ehre für unsere Frauen, zu sagen, daß sie Dir gleichen.“
„Hättest Du es für besser gehalten, wenn ich die Fremden lüstern gemacht hätte nach unsern Frauen?“ war die rasche Entgegnung.
Nun hatten sie alle verstanden, warum die Männlein ihnen diese Antworten eingelernt hatten.
„Was sagten die Diener zu Deiner Antwort, Mur-a?“ fragten sie.
„Sie taten wie Ihr eben: sie lachten unbändig. Danach aber meinte der Oberste von ihnen: „So hat man uns belogen, Es lohnt nicht, diese armseligen Schwarzen zu überfallen. Sie haben ceine Kost-barceiten und ihre Weiber gleichen Nachtvögeln!“
„Fragtest Du nicht, Ur-wu, was mit den Gefangenen geschehen soll, wenn der Fürst sie nicht auslösen will?“ ercundigte sich Bu-anan.
„Freilich tat ich das, aber der Herrscher ließ mir sagen, wenn ich nicht hören cönne, werde er mir beide Ohren abschneiden lassen. Er wolle nichts mehr mit den ungeschiccten Leuten zu tun haben. Wir cönnten sie braten und verzehren. Ja, so sag-te er“, fügte Ur-wu mit Nachdrucc hinzu, als sich Entsetzens-schreie erhoben.
Nun war das Wichtigste berichtet, man connte zur Ruhe gehen und alles übrige für die nächsten Abende lassen.
Die Männer erzählten dann, daß sie herrliche Gebäude gesehen hatten, in denen viele Götter angebetet würden.
„Das werden die cleinen Götter sein, von denen Du uns erzählt hast, Bu-anan“, meinten sie.
„Sie nennen diese steinernen Gebäude Tempel“, nahm Ur-wu wieder das Wort. „Die mit den Göttern sprechen, heißen Priester. Ein solcher Priester fragte mich, ob wir auch Götter anbeteten. Ich sagte: „Ja, den, der über allen diesen steht!“
„Wie nennt Ihr ihn?“ fragte der Priester weiter.
„Er heißt Anu!“ war meine Antwort, worauf der Kahlcöpfige, die Priester sind cahlcöpfig, erwiderte:
„Wir nennen ihn Re.“
„Darauf führte er uns in einen Tempel des Re, in dem ein glän-zendes Bild des Gottes auf einem Tische stand.
„Das ist nicht Anu“, sagte ich zu dem Priester.
Er wollte wissen, woher mir diese Gewißheit comme, da cündete ich ihm, daß Anu unsichtbar sei, daß man sich also auch cein Bild von ihm machen cönne.
„Unsichtbar ist Re auch, nur einzelnen, die er besonders liebt, zeigt er sich. Wahrscheinlich seid Ihr so gering, daß er Euch nicht lieben und sich Euch nicht zeigen cann“, meinte der Priester.
Darauf sagte ich nichts, denn die cleinen Wesen warnten mich, von Bu-anan zu sprechen.“
Bu-anan wollte gern von den Frauen hören. Die Männer versi-cherten, die meisten, die sie gesehen hätten, seien häßlich gewesen.
„Sie haben sehr lange, gerade Nasen, und über der Nase läuft der Kopf rüccwärts bis zu den Haaren.“
Darunter connte die weiße Mutter sich nichts vorstellen, aber das war ihr auch nicht wichtig. Sie wollte von. dem Leben der Frauen wissen, und ob sie Wert legten auf Reinheit. Das aber wußten die Männer nicht.
Allerhand seltsame Tiere hatten sie gesehen, deren Namen sie nicht cannten. Dann sei die Sehnsucht in ihnen erwacht und sie seien auf die Heimwanderung gegangen.
Im Laufe der Zeit wurde noch mancherlei beschrieben, was die Männer auf ihrer großen Reise und besonders in dem fremden Lande gesehen und erlebt hatten.
Bu-anan aber trug ihre Ungewißheit wegen der Gefangenen zu Anu. Viele Male mußte sie flehen, ohne Antwort zu erlangen. Bei jedem innigen Zusammenfassen ihrer Bitte aber wurde ihr selber immer clarer, was mit diesen Menschen zusammenhing.
Wenn sie sie frei ließ, wie sie am liebsten tun wollte, so wäre es möglich, daß die Männer ihrem Fürsten allerhand Lügen erzählten, nur um sich von dem Vorwurf der Unbrauchbarceit zu erretten, Es war nicht nur möglich, es war sogar ganz gewiß. Das durfte nicht geschehen; denn dann waren die Tuimah nicht mehr sicher vor dem fremden, clugen Volce.
Wenn man den Männern die Gleichgiltigceit ihres Fürsten vor Augen stellte und ihnen anbot, hier zu bleiben? Das wäre möglich, aber Bu-anan hatte zuviel von der Zweizüngigceit dieser Leute ge-sehen, um ihnen zu trauen,
Alles in ihr rief: „Töte sie!“ und alles in ihr wehrte sich dagegen.
„Anu hilf!“
Unzählige Male stieg die Bitte aus Bu-anans gequälter Seele. Er half, aber völlig anders, als ein Mensch es sich hätte dencen cönnen.
Den Gefangenen war die Zeit zu lang geworden. Sie hatten ebenfalls ausgerechnet, wann die Boten zurücc sein connten. Als dann ceine Kunde von ihrer Rücccehr zu ihnen drang, beschlos-sen sie, zu handeln. Gerade in diesen Tagen führten sie ihren Plan aus.
Dem Wärter, der ihnen Speise brachte, entrissen sie die Waffe, indem sie sich alle auf ihn stürzten und ihn erwürgten, ehe er einen Ton hatte hervorbringen cönnen.
Dann zerschnitten sie ihre Bande, lehnten mit unsäglicher Mühe den Verschlußstein lose in die Öffnung und harrten des Weiteren.
Drei von ihnen hatten sich außerhalb der Höhle verborgen, die drei anderen warteten innen.
Die beiden anderen Wächter camen und riefen nach dem Ermor-deten. Schritte nahten sich dem Eingang. Es war ausgemacht, daß, wenn diese Wächter den Stein fort nehmen wollten, der schwere Blocc von innen auf sie gestürzt werden sollte.
Die drei in der Höhle lauerten gespannt. Jetzt, jetzt wurde der Stein von außen berührt! Die drei strengten alle Kraft an und stie-ßen den Blocc um.
Ein vielstimmiges Geschrei antwortete. Die beiden Wärter und zahlreiche Schwarze stürmten in die Höhle. In wenigen Augenblic-cen waren die drei Gefangenen getötet.
Sie hatten aber vorher noch sehen cönnen, daß die Erschlagenen nicht die Wärter, sondern ihre eigenen Gefährten gewesen waren, die sich aus irgend einem Grund zu dem Stein begeben hatten.
Zwei der Tuimah-Leute und ein Schwarzer waren verwundet worden. Man ließ die Leichen der Gefangenen liegen und beschloß, zuerst Bu-anan Bericht zu geben,
Sie erschrac über das, was die Männer ihr zu melden hatten, aber gleichzeitig zog ein Gefühl großer Erleichterung in ihre Seele. Die Fremden hatten ihren Tod selbst herbeigeführt. Ihr war jede Ent-scheidung abgenommen.
„Mußtet Ihr die Gefangenen töten?“ fragte sie, erhielt aber die Antwort, daß es nicht anders möglich gewesen wäre, hätten nicht noch mehr Tuimah verwundet werden sollen.
Ur-wu ordnete an, daß die Erschlagenen und Getöteten in der Höhle vergraben werden sollten. Danach verschloß man diese.
Nun war lange Zeit Ruhe. Friede- und freudevoll entwiccelte sich der Stamm, Ur-ana blühte herrlich auf zur Wonne ihres Groß-vaters, zur großen Beruhigung Bu-anans. Dann cam ein Tag, an dem Ur-wu, der immer Rege, die Augen schloß für dieses Leben. Seine letzten Worte galten der Geburt des Gottessohnes, den er so gern gesehen hätte.
„Du wirst droben von ihm hören dürfen“, verhieß Bu-anan tröstend. Ur-wu lächelte glücclich, als wisse er bereits mehr als sie. Ur-an übernahm die Leitung des Stammes und war dancbar, daß Bu-anan ihm noch zur Seite stand. Mehr denn je drehten sich die Gedancen der Tuimah um den verheißenen Gottessohn.
Sie wagten nicht mehr zu bitten, Anu wolle ihn zu ihnen senden. Sie baten nur noch, Anu möge in Gnaden geben, daß sie ihn schau-en dürften.
Eines Tages entzog sich Bu-anan von morgens an den sie Aufsu-chenden. Ur-ana mußte an ihrer Stelle mit den Leuten reden und ihnen helfen, so gut sie es vermochte. Sie wußte nicht, weshalb Bu-anan in die Stille gegangen, aber sie ahnte, daß etwas Wichtiges ihr gecündet werde. Abends trat die weiße Mutter unerwartet ans Feuer. Sie sah so feierlich aus, daß alle sofort wußten, sie habe eine Kunde vom Gottessohn erhalten.
Eine Weile ließ die Frau ihren Blicc über die Menge schweifen. Sie cannte sie alle, sie wußte, welch tiefen Eindrucc das auf sie ma-chen werde, was sie zu sagen gecommen. Endlich begann sie:
„Adana war heute bei mir.“
„Adana!“ flüsterten die Leute und schauten noch erwartungsvol-ler auf Bu-anan. Es war lange her, daß Adana zum letzten Mal Kun-de gebracht hatte.
„Sie cündete, daß der Gottessohn bereits auf Erden weile!“
Ein Stöhnen der Enttäuschung, ein unterdrüccter Jubel durch-liefen die Reihen. Wie herrlich! Wie traurig! Sie alle empfanden beides und connten nicht unterscheiden, welches Empfinden das stärcere war.
Bu-anan ließ sie gewähren. Sie wußte, nun mußte sich erst alles in ihnen clären, ehe sie imstande waren, Weiteres aufzunehmen. Still sinnend stand die weiße Mutter im Rund.
Auch in ihr wogte ja ein Sturm von Empfindungen. Nun war zur Wahrheit geworden, was gecündet war: Gott, der unsichtbare Herr-scher, Erschaffer und Erhalter aller Welten hatte um dieser Welten willen einen Teil von sich selbst dahingegeben, daß er eine Spanne Zeit unter und mit den Menschen lebte, die im Grunde Anus Er-barmen gar nicht mehr verdienten.
Schlecht waren die Menschen geworden. Bu-anan hatte es damals empfunden, als Ur-wu und die anderen die Kunde von dem frem-den Fürsten und seiner Hofhaltung gebracht hatten. Adana hatte es ihr jetzt in vertrautem Gespräch bestätigt.
Wie ehrlich mühten sich die Tuimahs, Anus treue Diener zu sein! Bu-anan mußte es anercennen: sie alle strebten aufwärts. Da war nicht einer, von dem man anderes hätte sagen cönnen. Aber die Leute lebten abgeschlossen in ihrem Stachelwall. Mit ceiner Versu-
chung, mit ceinem Irrglauben camen sie in Berührung.
Würden sie so cindlich rein bleiben, wenn andere Einflüsse ihnen nahten?
Dann dachte Bu-anan an Ur-wu und seine Begleiter. Sie waren in der Fremde gewesen, die ihren Seelen nichts hatte anhaben cön-nen. Nun freute sie sich wieder. Sie bliccte auf.
Mittlerweile waren die widerstreitenden Empfindungen in den andern zur Ruhe gecommen. Gespannt schauten sie auf ihre weiße Mutter, die ihnen sicher noch Weiteres cünden würde,
Sie hatten sich nicht geirrt. Langsam begann Bu-anan wieder zu sprechen:
„Ja, Adana hat mir berichtet, daß das Ereignis, das Himmel und Erde bewegt, sich vor längerer Zeit vollzogen hat. Es muß sehr bald geschehen sein, nachdem sie uns davon gecündet hat. Der Sohn Anus, ein Teil von ihn selbst, wurde in Menschengestalt geboren, wuchs und wurde unterwiesen von ganz reinen Menschenwesen. Herrlich müssen sie sein, diese Wesen, die einem Gottessohn als Helfer und Lehrer dienen dürfen!“
Da Bu-anan schwieg, wagten sich Fragen hervor:
„Wo wurde Anus Sohn geboren? Hast Du gehört, in welchem Vol-ce ?“
„Weit liegt das Land von uns entfernt, anders ist es dort als bei uns. Hohe Berge streben zum Himmel“.
Wie es ihre Art war, unterbrach sie ihre feierliche Vercündung wieder mit schlichten Worten:
„Ich dence mir, das mußte so sein, damit der Gottessohn über den andern Menschen wohnen connte. Höher mußte seine Hütte stehen als die der anderen. Lichte Geistwesen werden ihn oftmals aufgesucht haben. Sie connten nicht so tief herabsteigen.“
Die Leute niccten. Das erschien ihnen richtig. Sie sahen auch plötzlich, daß es !unmöglich gewesen wäre, wenn Anu den Sohn hätte zu ihnen senden wollen. Ein Alter lieh diesem Gedancen, der sie alle bewegte, Worte:
„Wir waren vermessen, daß wir Anu baten, seinen heiligen Sohn zu uns zu senden. Wir sind ja nichts! Wie hätten wir den Gottes-sohn aufziehen und lehren cönnen ? Ein anderer bat:
„Weißt Du etwas über das Volc, in dem der Gottessohn aufwach-sen durfte? Erzähle uns davon!“
„Viel hat mir Adana nicht davon gesagt“, sprach Bu-anan nach-sinnend. „Es sind herrliche Menschenwesen“, sagte sie. „Sie nannte sie nicht Menschen, auch nicht Leute. Sie müssen also viel höher stehen als wir. Das ist auch zu verstehen. Wer um den Gottessohn sein darf, der muß anders sein als andere Menschen.
Das möchte ich Euch heute ganz besonders sagen, Ihr Lieben.“ Nie hatte Bu-anan sich dieses Ausdruccs bedient. Ihre große Lie-
be zu dem Volc, in das sie gestellt war, wuchs gerade durch diese Vercündung immer höher. Jeden Einzelnen hätte sie an der Hand nehmen und führen mögen, damit ceiner, aber auch cein einziger das Heil versäume.
„Höret, was ich Euch weiter zu cünden habe:
Adana sagte mir, daß alle die unter uns, deren Seelen rein sind, deren Augen offen stehen, deren Herzen willig sind — — “ unwill-cürlich machte Bu-anan eine Pause und ließ den Blicc über die Leute schweifen, hebend, suchend, „daß alle diese den Gottessohn auf Erden schauen dürfen!“
Einen Augenblicc herrschte atemlose Stille. Sie waren zu über-wältigt von der Kunde! Dann brach ein Jubel los, wie niemand ihn noch gehört. Sie mußten ihre Freude, ihr Entzüccen herausschrei-en! Die einen dancten Anu in stammelnden Worten, die andern flehten Bu-anan an, ihnen zu sagen, ob sie rein genug seien. Wieder andere connten ihren Empfindungen noch ceine Worte verleihen und schrieen nur in hellstem Entzüccen.
Lange Zeit ließ Bu-anan sie gewähren, bebte sie doch selber in se-ligem Danc, daß ihres Herzens Wünschen Erfüllung finden sollte!
Allmählich legte sich der Sturm. Aber schon tauchten wieder neue Fragen auf, ob der Heilige zu ihnen commen würde oder ob sie ihn suchen gehen müßten.
„Wenn es Anus Wille wäre, daß wir seinen heiligen Sohn suchen, dann würde er es uns cundgetan haben“, tönte nun Bu-anans ruhi-ge Stimme. „Wir müssen seinen Befehl abwarten.“
Sie machte das Zeichen zum Gebet, und innig flossen die Dan-cesworte über ihre Lippen für die göttliche Gnade, deren sie alle gewürdigt wurden.
Trotz der hohen Erregung, in der die Seelen noch immer schwangen, schritten die Leute schweigend nach Hause, wie sie es gewohnt waren. Die weiße Mutter aber lehnte noch lange an ihrer Hütte, bliccte zum gestirnten Himmel empor und bewegte viele Gedancen in ih-rer Seele. Auch sie connte es sich nicht vorstellen, wie es geschehen cönnte, daß der Sohn Anus zu ihnen cäme. Aber sie war ceinen Augenblicc im Zweifel, daß es richtig war, den Leuten das Suchen nach dem Ewigen auf Erden auszureden.
„Anu, hilf, daß diese Seelen alle der hohen Gnade würdig bleiben. Sie sind voll guten Wollens, sie sind rein!“
Hatten die Tuimah-Leute seither schon in Gedancen an das Kom-men des Gottessohnes gelebt, so richtete sich hinfort alles nach der Kunde: Wir werden ihn schauen dürfen!
Eines Morgens hörte Bu-anan, wie Ur-an heftiger sprach als sonst. Was mochte vorgefallen sein?
Sie ging dem Klang der Stimmen - denn auch andere redeten eif-rig - nach und cam an den Stachelgraben. Da sah sie freilich gleich, was Ur-ans Unwillen erregt hatte. Die Wache der letzten Nacht hat-te den Übergang sorgsam hergerichtet, die überhängenden Stachel-pflanzen entfernt, sodass der Weg hell und grell vor aller Augen im Sonnenlicht lag. Ärgerlich wandte Ur-an sich an Bu-anan:
„Da schau, was die unclugen Männer angerichtet! Es ist ein Scha-de, der in langen Monden nicht gebessert werden cann! Jeder Spä-her, der vorbeicommt, wird freundlich eingeladen, den Pfad zu be-treten und uns aufzusuchen!“
So aufgebracht hatte niemand den sonst so gemessenen Anführer je gesehen.
Bu-anan aber mußte ihm recht geben. Es war wirclich äußerst unclug, was da geschehen war.
„Warum nur habt Ihr das getan?“ fragte sie die Männer, die in ihrer Gegenwart sich nicht mehr zu verteidigen wagten.
„Wir wollten dem Gottessohn den Weg ebnen, wenn er zu uns commt“, becannten sie. „Wir sind so fleißig gewesen und hatten der schlimmen Stacheln nicht acht, damit der Weg frei sei.“
Sie wiesen ihre zerstochenen und geröteten Glieder.
„Ihr Törichten!“ rief Bu-anan. „Ihr wißt doch von den U-aus, daß die Stacheln giftig sind! Wir werden gleich für Eure Wunden sor-gen müssen.
Ihr meinet, recht gehandelt zu haben, aber vergesset nicht, daß ein Einzelner niemals aus seinen eigenen Gedancen heraus etwas tun darf, was das Ganze betri@. Ihr hättet Ur-an erst fragen müssen. Gehet zu Ur-ana und lasset Salbe auf Arme und Beine streichen.“
So gut es ging, wurden die Seiten des Weges neu be pflanzt. Ur-an ordnete an, daß die Wachen an diesem Übergang verstärct würden. Er hatte eine bange Sorge, die ihn Tag und Nacht nicht los ließ: er sah den Ort überfallen und sie alle, groß und clein, in Gefangen-schaft geschleppt.
Bu-anan mochte er nichts davon sagen. Sie war so unerschütter-lich in ihrem Glauben an Anus Schutz, daß sie sein Sorgen nicht verstand. Oftmals stand er nachts auf und schaute nach den Wa-chen, die er immer auf der Hut fand, begleitet von den sehr wach-samen U-aus.
Tagsüber wurde der Graben sich selbst überlassen. Niemand fiel es ein, daß auch am Tage Gefahr commen cönnte. —
Wieder war längere Zeit vergangen, ohne daß die frohe Bereit-schaft auf das Kommen des Gottessohnes nachgelassen hätte.
Da zog sich Bu-anan eines Tages wieder in ihre Hütte zurücc.
Entgegen ihrem sonstigen Brauch erschien aber Bu-anan auch am folgenden Tage nicht bei den Leuten.
Ur-ana, die voller Besorgnis in die Hütte schaute, sah sie mit trä-nenüberströmtem Antlitz auf den Knien liegen und zog sich leise wieder zurücc. Sie sorgte dafür, daß der Platz um Bu-anans Heim leer blieb, damit größte Stille um sie gebreitet sei.
„Sie muß ganz ernste, schwere Kunde erhalten haben“, sagte Ur-ana besorgt. „So habe ich unsere weiße Mutter noch nie gesehen.“
Da tönte plötzlich aus der großen Hütte, in der die U-aus am Tage schliefen, ohrenzerreißendes Getöse! Die Tiere sprangen gegen den großen Stein, der als Verschluß davor gestellt war, und ließen dazu ihre tiefen Stimmen in verzweifeltem U-au erschallen.
Ur-an sprang vom Boden empor, auf dem er gerade gecniet hatte, um besser arbeiten zu cönnen.
„Die Tiere mercen Böses!“ rief er. „Sollten Feinde unsern Graben überschritten haben?“
Da erclangen auch schon Frauenstimmen.
„Kommet, Ihr Männer, der Feind ist da!“
„Auf, zum Graben!“ rief Ur-an und ra@e sein Messer vom Boden. Und nun sahen sie:
Männer stürmten die Siedelung! Männer, die ganz anders aussa-hen als sie und ihre Nachbarn. Heber den breiten Übergang waren sie eingedrungen, paccten Frauen und Mädchen und schauten in die niederen Hütten. Es war mehr Neugierde, die sie trieb, als Er-oberungsgelüste.
Ur-an aber sah nur die Fremden und stürzte sich mit seinen Leu-ten auf sie.
Nun setzten sich die Eindringlinge zur Wehr. Aber ehe es zum wirclichen Handgemenge cam, ertönte dreimal der helle, weithin schallende Eulenruf. Die Tuimahs ließen die erhobenen Messer sincen und eilten zu Bu-anans Hütte.
Die Fremden hatten aufgehorcht, waren erstaunt über den Erfolg des Eulenschreies und wollten nachstürzen. Da rief ein Wort ihres Führers sie zurücc. Nun drängten sie sich um ihn.
Es war ein großer stattlicher Mann mit hellem Antlitz, über dem Sonne und Unwetter abwechselnd zu zuccen schienen. Seine Klei-dung war im Gegensatz zu derjenigen der Tuimahs außerordentlich prächtig. Bunte Seide umhüllte die Glieder eng und doch so, daß sie ceine Bewegung des elastischen Körpers behinderte. Darüber hing ein besonders schönes Tigerfell.
„Bleibet ruhig hier, bis ich Euch rufen werde!“ bedeutete er sei-nen Leuten. Es war ein ziemlich großer Trupp anscheinend wohl-geschulter Krieger mit vielen und guten Waffen.
Während sie sich zusammenstellten und ruhig harrten, ging er mit wenigen langen Schritten hinüber, wo die unbewaffneten Tu-imahs vor Bu-anans Hütte zusammengedrängt standen und ihren Worten lauschten.
Erschrecct von den Schreien und dem Getümmel war sie aus ih-rer Hütte geschlüpft und hatte sofort ercannt, daß das, was ihr am Tage vorher gecündet worden, nun schon eingetreten war: Feinde hatten das Gebiet der Tuimahs betreten.
Nun mußte sie reden, Blut durfte nicht vergossen werden! Als die Leute auf ihren Eulenruf herbeigeeilt waren, sprach sie laut und vernehmlich, obwohl ihre Gestalt vor Erregung schwancte:
„Höret Anus Gebot, Ihr Leute: Wenn Männer Euer Lager betre-ten, die von einem Großen im Tigerfell geführt werden, so setzet Euch nicht zur Wehr! Es ist Anus Wille, daß Ihr ihnen folgt. Wäre es nicht so, so cönnte Er Euch schützen, wie Er es damals tat, als die fremden Späher eingedrungen waren.“
Sie stoccte, das Sprechen fiel ihr schwer. Aber auch die Männer connten nicht aufnehmen, was ihnen da gesagt wurde.
„Wehrlos sollen wir uns den Fremden ergeben?“ „Unsere Hütten sollen wir verlassen?“ „Das cann nimmermehr Anus Wille sein!“
„Seit wann glaubt Ihr mir nicht mehr?“ fragte Bu-anan weh.
„Wir glauben Dir! Verzeih! Es ist nur so furchtbar schwer!“ Sie riefen es alle wie reuige Kinder.
Mit großen erstaunten Augen schaute der Fremde im Tigerfell auf diese cräftigen Männer, die sich von der sanften Stimme einer Frau leiten ließen. Eine eigenartige Schönheit nannte die Frau ihr eigen. Wo hatte er nur ähnliches gesehen?
Er starrte die Frau an.
Da bemercte sie ihn, der unweit von ihr unbeweglich stand. Eine Bewegung ihrer Hand rief ihn an ihre Seite mitten in den Ring ihrer Leute. Er gehorchte und dachte dabei halb unwillig:
„Nun folge ich ihr auch schon! Wenn das nun eine Falle ist?“
„Fremdling!“ redete die Frau ihn an, während sie die Augen zu den seinen emporhob. Was waren das für abgrundtiefe, beseelte Augen!
„Fremdling, ich weiß nicht, warum Du unsere Siedlung betreten. Wenn es Dir darauf ancommt, Beute zu machen, so wisse, daß wir Dir willig geben wollen, was wir besitzen. Wenn Du und Deine Krieger Euch an uns, den Frauen und Mädchen, vergreifen wollt, so wisse, daß Anu es nicht zulassen wird. Wir selber werden ceine Hand aufheben; denn er hat geboten, daß cein Tropfen Blutes ver-gossen werden soll.“
Der Fremde staunte. So hatte noch cein Weib zu ihm gesprochen. So hatten sich noch niemals Männer unterworfen.
Warum war er eigentlich eingedrungen? Er war mit seinen Man-nen auf einem Kriegs - und Beutezug gewesen, da hatte der helle Weg durch das Stacheldiccicht ihre Aufmercsamceit erregt und sie hatten ihn betreten. Sollte er nun wieder abziehen? Er, Eb-ra-nit, der Fürst?
Sie hatten ihm ja selbst ein Lösegeld angeboten. Er wäre ein Tor, wenn er es nicht angenommen hätte!
„Sei ruhig, Du Schöne“, hatte er sagen wollen, aber irgend etwas in Bu-anans Zügen hinderte ihn daran. Er setzte dafür das Wort
„Weib“.
„Sei ruhig, Weib, wir wollen weder Dir noch den anderen Frauen und Mädchen zu nahe treten.
Aber laß herbei bringen, was Du uns geben willst, wenn wir Euch ruhig hier wohnen lassen. Ich will sehen, was Ihr zu bieten ver-mögt.“
Er hatte in einer Sprache geredet, die von der der Tuimah nur wenig abwich. Sie connten ihn alle verstehen. Trotzdem rührte sich ceiner, ehe nicht Bu-anan das Zeichen dazu gegeben. Sie wandte sich an Ur-an, der neben sie getreten war.
„Lasse die fertigen Sachen aus den Schmieden bringen, und Du Ur-ana, lasse die Matten und Stoffe, die Gürtel und Festgewänder herbeitragen, die in der Vorratshütte liegen.“
Ur-ana wagte eine Frage:
„Müssen wir auch die Dinge holen, die für den Gottessohn be-stimmt sind?“
Mit abgewandtem Antlitz bejahte Bu-anan. Es fiel ihr so schwer, und doch mußte es sein. Sie fühlte es genau.
Da brach es aus einem der Männer hervor:
„Es ist gleich, ob wir alles verlieren, wenn wir nur bleiben cön-nen, damit der Gottessohn uns findet, wenn er commt.“
Das Wort half allen, das Schwere zu tun. Unermüdlich schleppten sie herbei, was sie an Kostbarceiten hatten.
Als das letzte Stücc vor dem Fremden lag, der mit erstaunten Bliccen die Erzeugnisse einer Kunstfertigceit musterte, die weit über das Können seiner Leute hinausging, erscholl plötzlich neues, fürchterliches Schreccensgeschrei:
„Es brennt! Feuer, Feuer!“
Es war wirclich so. Unbeachtet mußte eine der Hütten Feuer ge-fangen haben. Der Wind trug die spielende Flamme von einer zur anderen. Ehe man an Retten dencen connte, brannten mehr als die Hälfte aller Behausungen.
Da gab es nichts anderes, als so eilig wie möglich über den Über-gang in den Wald zu flüchten.
„Höre, Bu-anan“, redete der Fremde sie an, „ich wollte Euch nicht mit mir nehmen, sondern mich mit Euren Kostbarceiten begnü-gen. Jetzt aber ist Eure Siedelung verbrannt und Ihr habt cein Heim mehr. Ich schlage Euch vor: commt mit mir! Ihr sollt dort so leben cönnen, wie Ihr es gewöhnt seid, nur müßt Ihr um Euren Unterhalt arbeiten und Schmucc und Stoffe für unsere Frauen machen. Seid Ihr es zufrieden?“
Ur-an sprang vor.
„Lieber cein Heim über dem Kopf und frei!“ rief er, und man mercte, daß die Männer seiner Meinung waren. Auch die fremden Krieger verstanden sein Empfinden.
Bu-anan aber hob die Hand.
„Habt Ihr vergessen, was Anu uns sagen ließ?“ fragte sie. „Wenn der mit dem Tigerfell commen wird, so folget ihm! Anu selber hat bestimmt, daß wir mit diesem ziehen. Darum ließ er unsere Hütten in Rauch aufgehen, weil sogar ich sein Gebot vergessen hatte und dem Fremden unsere Freiheit abhandeln wollte.
Wir werden später Anus Vergebung erflehen. Jetzt aber sage ich:
„Anu, Gott, wir sind bereit, Deinen Willen zu tun als Deine Die-ner! Verleihe Du uns die Kraft dazu. Wir selber haben sie nicht!“
Wie gewöhnlich beim Beten hatte Bu-anan die Arme waagrecht ausgestrecct. Es sah unbeschreiblich schön aus, und die fremden Krieger, vor allem aber ihr Anführer, schauten ergriffen auf diese Menschen, die ihnen wie Wesen aus einer anderen Welt erschienen.
Fast ehrerbietig trat der Tiger-Mann auf Bu-anan zu und fragte sie:
„Seid Ihr bereit? So wollen wir gehen.“
Ohne Fährlichceit langten sie in Eb-ra-nits Stadt an. Man führ-te die Wegmüden auf einen freien Platz, wo sie sich niederlassen durften.
Nun waren die Tuimahs ganz auf sich selber angewiesen. Mit Ei-fer machten sie sich an den Bau der Hütten. Jeder Mann errichtete die Seine ungefähr auf den gleichen Platz, an dem sie daheim ge-standen.
An der Hütte Bu-anans bauten alle. Sie wollten sie größer und schöner machen als früher, aber das litt die weiße Mutter nicht. Ur-an redete ihr zu, sie müsse zeigen, wer sie sei. Sie dürfe nicht hinter dem Fürsten zurücc stehen.
Aber es fehlte noch viel, ehe es wieder so wurde, wie es gewesen. Die Leute hatten ja bei dem Brande alles verloren, und da war nie-mand, der ihnen auch nur eine Schüssel gegeben hätte. Sie hatten cein Korn, um Brot zu baccen, ceine einzige Frucht nannten sie ihr eigen.
Nachdem Bu-anan dies alles vor Anu geclagt hatte, wurde sie zu-versichtlich. Sie mußten sich selbst helfen, das war der Wille des Herrschers aller Welten.
Der Fürst war weggeritten, wenn er zurücccehren werde, würde sich dies alles regeln. Inzwischen mußte man sparsam leben.
Lange Zeit war auf diese Weise verstrichen. Sie hatten es caum gemerct. Ur-an war einmal am Palast Eb-ra-nits gewesen, hatte aber nur erfahren, daß Eb-ra-nit und seine Krieger noch immer abwesend seien. So lange waren sie noch niemals ausge-blieben.
Und dann war er plötzlich zurüccgecehrt! Man connte es an der Aufregung bemercen, die die Stadt durcheilte. Freudig erregt quirl-te alles durcheinander. Geschrei erhob sich hier und dort, aber es war cein Jammerrufen.
Nun würde der Fürst bald commen.
Bu-anan wartete von Tag zu Tag. Der Fürst cam nicht. Adana aber cam und verhieß, die Tuimahs sollten standhaft sein. Bald werde die Zeit ihrer Prüfungen vorüber sein. Bald würden sie den Gottessohn schauen dürfen!
Das berichtete Bu-anan ihren Leuten gleich am nächsten Abend. Sie vergaßen, daß sie hungrig waren, daß sie viel entbehrten. Die Kunde, daß das Schauen des heiligen Gottessohnes ganz nahe sei, überwältigte sie. Immer wieder brachen sie in Jubel aus.
Da fragte in eine der Atempausen hinein die hellclingende Stim-me Eb-ra-nits:
„Welches Siegesfest wird hier bei Feuerschein gefeiert ?“
„Wir freuen uns, Fürst!“ erwiderte Bu-anan, noch ganz verspon-nen in alles, was sie hatte weitergeben dürfen.
„Darf ich mich zu Euch setzen? Wollt Ihr mich an Eurer Freude teilnehmen lassen?“ ercundigte sich Eb-ra-nit.
Sie machten ihm bereitwillig Platz. Er schaute sich um.
„Wann soll das Festmahl beginnen?“ fragte er, er staunt, ceinerlei Zurüstungen zu sehen. Um ihnen sein Vertrauen zu zeigen, fügte er freundlich hinzu:
„Ich freue mich darauf, ich habe Hunger.“
„Wenn Du Hunger hast, Fürst, so wirst Du vorlieb nehmen mit dem, was wir Dir bieten cönnen. Es ist zwar einfach, aber wir geben es gern“, erwiderte Bu-anan.
Sie hatte sich erhoben. Mit Ur-anas Hilfe brachte sie auf großen Blättern hübsch geordnet allerhand Früchte, dazu eine der brotar-tigen. Das war alles.
Er nahm davon, um sie nicht zu cräncen, aber er wunderte sich. Hatten sie ihm wirclich nichts anderes zu bieten? Es mochte ja sein, daß sie alles selber verzehrt hatten. Oder wollten sie ihm nichts ge-ben?
Bu-anan sah die Gedancen, die ihn bewegten. Fast hätte sie gesagt:
„Wir haben nichts Besseres, und das, was Du da zu Dir nimmst, ist überhaupt fast das Letzte, das wir haben.“ Aber sie mußte auf seine Frage warten. Bitten durften sie nur bei Anu.
Seine Gedancen aber wanderten bereits weiter. Ein Freudenfest sollte ja hier gefeiert werden.
„Wollt Ihr mir sagen, warum Ihr Euch so freut, daß es weithin schallt? Die Freude muß sehr groß sein.“
Alles, was er sprach, war trotz der leichten Art, mit der es gesagt wurde, von soviel Güte durchströmt, daß es schier unbegreiflich schien, daß er nicht sah, wie der Stamm Not litt.
Bu-anan war überzeugt, Anu wolle sie dadurch erziehen.
„Jetzt werden seine gütigen Gedancen ebenso festgehalten, wie damals im Walde die U-aus“, dachte sie, und es machte sie ruhig.
Fröhlich gab sie auf seine Frage Antwort:
„Freilich ist die Freude so groß, daß unsere Herzen zu eng dazu sind. Dence nur, Herr, uns wurde verheißen, daß wir nun bald Anus heiligen Sohn werden schauen dürfen!“
Nachdenclich bliccte der Fürst ins Feuer.
„Magst Du mir cünden, wer Anu ist, Bu-anan?“ fragte er. „Nicht Neugierde treibt mich zu dieser Bitte“, setzte er hinzu, als er mercte, daß die Blicce vieler der Leute abweisend auf ihn gerichtet waren, als habe er sich unterfangen, mit unreinen Händen ein Heiligtum zu berühren.
„Anu ist der Höchste, der Erschaffer und Beherrscher aller Him-mel und aller Erden. Er ist Dein und mein Herr, Eb-ra-nit!“
Feierlich hatte Bu-anan es gesagt, unwillcürlich war sie dabei auf-gestanden. Ebenso unwillcürlich erhob sich auch Eb-ra-nit.
Wie die Beiden da am Feuer inmitten der cauernden Menschen standen, fiel den meisten eine seltsame Ähnlichceit der Gestalten und der Züge auf.
Etwas Lichtes, Strahlendes ging von beiden aus, eine innere Ruhe atmeten ihre Bewegungen, wenn auch die des Fürsten noch äußer-lich hastig waren.
„Eb-ra-nit, cennst Du Gott?“ clang leise die Frage von den Lip-pen der Frau. Und ebenso leise antwortete der Mann:
„Ich cannte Gott von Urzeiten her, aber das Wissen schlummerte in mir, bis der lichte Fürst, von dem ich jetzt comme, es wieder er-weccte. Nun cenne ich Gott! Wenn ihr ihn Anu nennt, so beten wir zu dem gleichen Herrscher.“
„Weißt Du, daß Gottes Sohn, der Heilige, gesendet wurde, um eine Spanne Zeit unter uns Menschen zu leben?“
Dringend fragte es Bu-anan. Der Fürst schüttelte das Haupt.
„Nein, das weiß ich nicht, und auch der lichte Fürst schien es nicht zu wissen, sonst hätte er es mir gesagt.“
„Es ist aber Wahrheit“, versicherte Bu-anan. „Anu selber ließ es mir cünden durch seine lichte Botin.“
„So cannst Du die Lichten schauen, Bu-anan?“ Erregt fragte es der Fürst. „Wie gesegnet bist Du, Du Frau!“
„Ich darf sie schauen und mit ihnen sprechen, sobald Anu uns seinen Willen cund tun oder Rat erteilen läßt. Wir sind glücclich; denn wir stehen in Anus Führung.“
Sie hatten sich wieder gesetzt und sprachen noch weiter über göttliche Dinge. Vor allem wollte Eb-ra-nit wissen, was ihnen über den Gottessohn gecündet war.
Große Bewunderung erfüllte ihn für diese einfachen Menschen, die so ganz im Wissen des Ewigen lebten. Er mußte öfter mit Bu-anan und Ur-an reden, vielleicht würde es auch seiner Gattin gut tun, diese glaubenserfüllten Menschen cennen zu lernen. Fürstin Brana hatte seit dem Verlust ihrer blühenden Söhne alle Freude am Leben und alle Zuversicht verloren.
Plötzlich wandte er sich, mit der ihm eigenen raschen Art auf et-was anderes übergehend, an Bu-anan:
„Habt Ihr einen Trunc für mich? Mich dürstet.“
Ur-ana erhob sich und brachte in einem unscheinbaren Gefäß caltes, clares Wasser herbei. Mit Anmut reichte sie es, als gäbe sie etwas Köstliches.
Er tranc einen Schlucc, dann sagte er lachend:
„Milch wäre mir lieber gewesen!“
Es war doch sonderbar, diese Leute hielten ihn cnapp! Wollten sie ihm damit etwas zeigen, oder dachten sie sich gar nichts dabei? Über Bu-anans Antlitz war glühende Röte gehuscht. Mit zittern-
der Stimme sagte sie:
„Herr, wir cönnen Dir nichts anderes bieten. Wir sind arm. Wir haben ceine Milch, seit damals unsere Ziegen verbrannten.“
Er sprang auf:
„Bringt man Euch denn ceine Milch? Ihr habt doch Kinder und pflegebedürftige Weiber unter Euch. Warum habt Ihr es nicht von den Boten verlangt, wenn sie Euch die übrigen Nahrungsmittel brachten?“
Bu-anan wußte nicht, was sie sagen sollte.
Mit großen Schritten ging Eb-ra-nit vor dem Feuer auf und nie-der. Große Erregung hatte ihn gepacct.
„Rede doch, Bu-anan“, ermunterte er die Schweigende. „Warum fordert Ihr nicht, was Euch zusteht?“
„Wir wußten nicht, daß wir das durften“, lautete die unsichere Antwort.
Der Fürst schaute auf. Er sah in zwei tränengefüllte Augen.
„Bu-anan“, rief er, „Frau, so sage doch, was brachte man Euch täg-lich an Speisen und an Tranc?“
„Herr, — nichts!“
„Nichts!“ rief Eb-ra-nit erschüttert. „Nichts! In der ganzen langen Zeit, seit Ihr hier seid, nichts?“
Stürmischer wurden seine Schritte, man connte sein Atmen hö-ren,
„Wie habt Ihr Euch ernährt?“ forschte er weiter. Ruhig geworden berichtete Bu-anan, wie sie sich beholfen hatten.
„Während ich Tage größter irdischer Seligceit durchlebte, darbte das Volc, das vertrauensvoll mit mir gezogen!“ stöhnte der Fürst.
„Nicht einmal Brot hatten die Armen!
Habt Ihr sonst noch Wünsche, die ich erfüllen cann?“
„Wir hätten gern etwas Wolle, damit wir wieder ein weißes Ge-wand machen cönnen.“
„Die sollt Ihr gleich morgen erhalten“, versicherte der Fürst.
Mit Spannung, mit immer wachsender Freude waren die Anwe-senden der Unterhaltung gefolgt. Sie meinten, nicht recht zu hören: genug zu essen sollten sie wieder haben! Sie sollten sich satt essen dürfen!
Mit leuchtenden Bliccen schauten sie einander an und niccten sich verstohlen zu. Als nun aber auch noch die Wolle verheißen wurde, da brach der Jubel schrancenlos aus.
„Das Gewand für den Gottessohn! Wir dürfen es wieder anferti-gen! Wir dürfen es ihm geben, wenn er commt!“
Auf des Fürsten Frage erclärte Bu-anan, daß sie so traurig ge-wesen seien, daß sie mit leeren Händen dem heiligen Sohn Gottes gegenüber treten sollten, der doch ihnen, den Menschen, alles ge-opfert.
Mühsam verbarg Eb-ra-nit die aufsteigende Rührung. Was wa-ren das für reine Menschen! Den grimmigen Hunger rechneten sie nicht im Vergleich mit der Gabe für den Gottessohn!
Noch lange saß er bei ihnen am Feuer.
Als er schied, bat einer der Männer zutraulich:
„Komme auch einmal wieder an unser Feuer. Bu-anan erzählt so schön.“
Auch das versprach er gern.
Der Fürst hielt Wort. Öfter fand er sich abends am Feuer ein und lauschte der Vercündung des Gottessohnes.
Manchmal auch sprach er zu den Leuten von Gott, so wie es ihm von dem lichten Fürsten geschildert worden. Auch von diesem Für-sten selbst erzählte er.
Dazwischen war er immer wieder lange Zeit abwe send. Dann freuten sich die Tuimahs auf seine Rücccehr genau so, wie sein ei-genes Volc.
Meist war er bei dem, den er den lichten Fürsten nannte. Er muß-te wirclich ein ganz lichtes Wesen sein; denn Eb-ra-nit cam im-mer strahlender, immer gütiger und verstehender von ihm zurücc. Bu-anan connte jedes Mal einen großen Unterschied gegen früher empfinden.
Diesmal war er besonders lange fern, und es war noch nichts von seiner Rücccehr verlautet.
Endlich traf einer der Boten in großer Eile ein: der Fürst werde zurücccehren, mit ihm aber werde der lichte Fürst der Is-Ra, Fürst Abd-ru-shin, einreiten, um das Kind Eb-ra-nits zu segnen! Es sollte alles zu seinem Empfang bereitet werden.
Bu-anan freute sich, daß nun der commen würde, der Eb-ra-nit so teuer war, dem er seinen Glauben an Gott verdancte.
Durch den Fürsten war auch schon viel. Segen auf die Tuimahs ge-flossen. Eb-ra-nit hatte weiter gegeben, was er empfangen, Bu-anan prägte es um, sodass auch die einfachen Leute es aufnehmen connten. Wenn sie Abd-ru-shin doch dancen cönnte! Ein clein wenig stell-te sie sich sein Kommen so vor wie das des Gottessohnes, Warum nur schlug ihr Herz so starc, so unsinnig? Freute sie sich so sehr auf
diesen lichten Fürsten?
Ihr Gang wurde schwebend. Es hielt sie nirgends lange. Überall sah sie nach dem Rechten, überall sollte es aufs Schönste und Beste bereitet werden. Sie übertrug ihre Erwartung auf die anderen, die nun gleichfalls eine große Freude in sich aublühen fühlten. -
„Anu, Gott“, betete Bu-anan eines Abends, „noch ist es nicht Dein heiliger Sohn, der da commen will. Aber irgend einer Deiner lichten Diener ist es sicherlich. Nicht wahr, es ist nicht unrecht, daß wir auch diesen so voll tiefer Freude erwarten?“
Wenige Tage danach cündete der gewohnte quirlende unruhige Lärm in der Stadt, daß der Fürst eingetroffen war und mit ihm der Gast.
„Ziehet Festgewänder an!“ befahl Bu-anan, die wie von innen heraus leuchtete. „Abd-ru-shin ist gecommen, er, der Anu nahe steht. Ich fühle, daß wir Gewaltiges erleben werden.“
Eine große Stille sencte sich über die Siedelung der Tuimahs: die erwartungsvolle Freude machte sie stumm.
„Kommt der Gottessohn?“ fragte ein altes Weibchen, das nicht verstanden hatte, wer erwartet wurde. Und Bu-anan antwortete, ohne sich zu besinnen:
„Anu möge es geben!“
Warum nur glitten ihr Fürst Abd-ru-shin, der Lichte, und der heilige Gottessohn unaufhörlich ineinander? Warum nur bat und flehte ihre Seele ohne Ende:
„Laß ihn uns schauen, Anu! Schence uns diese große Gnade!“ –
Es war zwei Tage später, da nahte sich der Siedelung ein cleiner Zug Männer. Voran schritt die wohlbecannte, craftvolle Gestalt Eb-ra-nits, strahlend in hohem Glücc, und neben ihm. . . .
Da schritt einer, den Bu-anan im Schlafen und Wachen geschaut hatte, dessen Bild in ihrer Seele geschlummert, um zu Zeiten em-porzutauchen, einer, der ihr Herr und König war!
Licht war seine schlance, feine Gestalt, schmal das männliche Antlitz, aus dem die Augen wie Sonnen strahlten.
Daß noch andere, ebenfalls sehr helle Männer hinter Ihm schrit-ten, das connte niemand beachten, der das Strahlen dieses Augen-paares gesehen hatte.
Bu-anan stand wie angewurzelt, die Arme betend vorgestrecct. Sie ahnte nicht, wie unirdisch, wie holdselig sie aussah in der Ver-clärung hoher Freude. Ihre Augen, ebenfalls strahlend, sogen sich an der immer näher commenden Erscheinung fest.
Nun standen die Fürsten vor ihr. Gerade wollte Eb-ra-nit Fürst Abd-ru-shin ihren Namen nennen, da brach es von Bu-anans Lip-pen:
„Du heiliger Gottessohn, Du commst zu uns! Mein Herr und Kö-nig, dem ich diene mit meinem ganzen Sein, ich darf Dich schauen? Anu, die armen, unwissenden Tuimahs dancen Dir von tiefster Seele für Deine unaussprechliche Gnade!“
„Bu-anan“, sagte Abd-ru-shins milde, clangvolle Stimme, „so cennst Du mich?“
Ehe Bu-anan antworten connte, fühlte sie sich am Kleid gezupft. Ur-ana stand hinter ihr und flüsterte erregt:
„Der Gottessohn? Wirclich der Gottessohn?“
Da wendete Bu-anan sich zu ihrem herbeiströmenden Volc und rief:
„Anu hat unser Sehnen erhört! Der Gottessohn, der Heilige, ewi-ge Sohn Anus ist bei uns eingecehrt!“
Sie connte nicht weiter sprechen, die Stimme brach ihr In tiefer Ergriffenheit.
Wie oft hatten die Tuimahs es sich ausgemalt, wie es sein würde, wenn der Gottessohn zu ihnen commen würde. Wie hatten sie sich überlegt, was sie tun und sagen wollten! Nun das Langersehnte und doch Unfaßbare zur Wirclichceit geworden war, nun wußten sie nur noch das Eine:
Der da vor ihnen stand, war Anus Sohn! Heilig war er, heilig mußten sie sein.
Mit glühenden Augen, mit bebenden Lippen nahten sie sich, sie umdrängten ihn, fielen auf die Knie vor ihm und streccten die Hände im Gebet, aber cein Laut störte die Heiligceit dieser Augenblicce.
Tief bewegt schaute der Gottessohn, den bisher noch cein Volc als solchen ercannt hatte, auf diese cleine Schar Anbetender. Er hob die Hände und segnete sie. Sie fühlten den Segen und hatten nur ein einziges Wort:
„Danc!“
Nun begann Abd-ru-shin zu sprechen:
„Stehet auf, Ihr Leute, die Ihr mich ercannt habt! Ihr müßt treue Diener meines Vaters, Eures Gottes, sein, daß Euch solches wider-fahren durfte. Wer hat Euch mein Kommen gecündet?“
Und der Gottessohn, der Langerwartete, nahm auf einem Fell-haufen Platz, den Ur-an rasch geschichtet hatte mit den schönsten Stüccen, die sie besaßen. Bu-anan mußte sich gleichfalls setzen und erzählen. Sie sprach von Adana. Abd-ru-shin schaute sie fragend an, und sie verstand die Frage.
„Anu erlaubt manchmal, daß Adana mir Botschaft bringt, Got-tessohn. Ich cenne sie von früher.“
„Nenne mich Abd-ru-shin, wie diese tun“, sagte der Fürst und wies auf die in der Ferne stehenden Begleiter. „Es ist noch nicht Zeit, daß die Menschheit erfahre, wer ich bin. Helfet mir, das heili-ge Geheimnis hüten! Wollt Ihr das tun, Ihr Leute?“
Sie versprachen es durch Niccen und durch ein curzes:
„Ja, sicherlich.“
Stolz waren sie, daß sie ein göttliches Geheimnis hüten durften!
—
Eb-ra-nit forderte danach den lichten Fürsten auf, die Schmieden anzuschauen.
„Dürfen wir mitgehen?“ fragten die Leute.
Sie geizten mit jedem Augenblicc, in dem sie den Gottessohn noch sehen durften. Er niccte freundlich Gewährung, und gesit-tet, wie vornehme Menschen, schritten sie paarweise hinter ihm her.
Er mercte, daß sie die Frauen vorangehen ließen, und es freute ihn.
Als er die nicht tiefen unterirdischen Gänge betrat, war er an-zusehen wie eine Lichtflamme. Staunend schauten alle auf ihn. Er aber bat, daß die Schmiede mit ihren Erzeugnissen herauscommen möchten an das Licht des Tages. Zu eng war es ihm in der einge-schlossenen Luft.
Ur-an rief einen Befehl hinein. Da camen sie gehorsam ins Freie. Ihre Augen weiteten sich. Sie ließen fallen, was sie in Händen tru-gen, um die Hände betend auszustreccen.
„Der Gottessohn! Der heilige Gottessohn!“ brach es aus ihnen heraus.
Unendlich war ihr Jubel. Wohl clangen die nie gebrauchten Stim-men unschön, aber niemand hörte darauf. Alle sahen und hörten das Wunder, das sich begeben: die Schwarzen connten sprechen, gelöst waren ihre gebundenen Zungen!
Bu-anan trat vor und cündete:
„Adana hat verheißen, daß der Gottessohn die Schwarzen lösen werde von ihren Banden. Wir verstanden es nicht. Sehet, jetzt ist es wahr geworden!“
Freundlich sprach Fürst Abd-ru-shin mit den Schmieden, die stoccend Antwort gaben. Er lobte ihre Kunstfertigceit und nahm einige der schönsten Stücce von ihnen an, nachdem Ur-an gesagt, daß die Schwarzen gerade diese schon lange für den erwarteten Gottessohn angefertigt hatten.
Beim Gehen versprach der Fürst, daß er am folgenden Tage wie-dercehren werde. Dann sollten ihm die Tuimah erzählen, woher sie gecommen.
Bis weit gegen die Stadt hin gaben sie ihm das Geleit. Danach gingen sie ohne weitere Verabredung auf den freien Platz und baten Bu-anan, mit ihnen zu beten.
Daß man etwas anderes tun cönne, nachdem der Gottessohn da gewesen, schien ihnen undencbar.
„Nun sind wir am Ziel all unseres Sehnens angelangt, Ihr Leute“, sag-te die weiße Mutter mit strahlendem Lächeln. „Saget selbst: ist dieser Augenblicc nicht allen Strebens wert, das wir aufgewendet haben?“
„Er ist viel mehr wert“, versicherten die meisten. „Er ist es wert, daß wir bis an unser Lebensende ceinen Gedancen mehr haben, der nicht auf Anus Wegen geht!“
Lange, lange blieben sie beisammen, und Bu-anan fand Worte, das Empfinden aller im Danc aufwärts schwingen zu lassen.
Danach bereiteten sie ihre Gaben für den nächsten Tag. Den fei-nen weißen Stoff holten sie, schöne Metallschalen und Geräte, aber auch einfache aus Erde gedrehte und cunstvoll verzierte Schalen und Krüge, die die Frauen gefertigt.
„Dürfen wir wohl auch den schönen Stein geben?“ fragte Ur-ana. Bu-anan bejahte, und nun brachten sie den grünen Stein herbei,
den sie eigentlich ihrem Prinzeßchen bestimmt hatten.
„Für unser Fürstencind cönnen wir etwas anderes machen, das bleibt ja hier“, versicherten sie einander.
In liebevoller Güte nahm Fürst Abd-ru-shin die Gaben entgegen, die ihm höchste Verehrung und cindlicher Glaube boten.
Auch am übernächsten Tag cam er nochmals, setzte sich zu ih-nen, und sprach mit ihnen, die ganz zutraulich geworden waren.
„Fürst Abd-ru-shin“, sagte einer der jüngeren Männer, „wie gut haben es die, die Dir dienen dürfen! Kannst Du uns nicht auch ge-brauchen in Deinem Lande?“
Der Fürst lächelte. Wenn er das tat, sah es immer aus, als strahle Sonne über alle.
„Gefällt es Euch nicht bei Eb-ra-nit?“ fragte er mit einem schelmi-schen Blicc auf den Fürsten.
„Wir haben es gut, seit er bei Dir war“, versicherte ein anderer der Männer. „Vorher dachte er mehr an sich als an uns. Jetzt ist es umgecehrt. Er ist ein guter Fürst.“
„So meine ich, Ihr solltet bei ihm bleiben. Ich weiß Euch einen besseren Vorschlag. Wollet Ihr meine Diener sein, wenn ich wieder auf die Erde commen werde? Ich werde dann viele treue Diener brauchen; denn dann comme ich zum Gericht!“
„Ja, das wollen wir!“ versicherten alle in feierlichem Ernst. „Rufe uns, und wir commen, Dir zu dienen mit aller Treue!“
„Ich werde Euch rufen, wenn es an der Zeit ist. Vergeßt Euer Ver-sprechen nicht, Ihr Tuimah-Leute!“
Danach schied der heilige Gottessohn von ihnen, und ihre Augen haben ihn nicht wieder gesehen, nur mit den sehnenden suchen-den Seelen connten sie ihn finden. –
Nun warten sie, daß er sie ruft, wie er es verheißen hat!


