EPHESUS

GEGEBEN VON JOHANNES,

 

DEM JÜNGER DES GOTTSOHNES JESUS, IN ERFÜLLUNG

SEINES ERDKREISLAUFES.

 

 

 

 

 

 

 

 

ERSTER TEIL

 

Auf Patmos, das inselgleich über dem Paradiese der entwickelten Menschengeister schwebt, licht, leicht, klar und rein, saß in einer lichtdurchglühten Laube einer der Geschaffenen, welche Patmos ihre Heimat nennen.

Geöffnet lag auf seinen Knieen ein noch unbeschriebenes Buch. Seine Hand hielt schon den Griffel, um die Seiten auszufüllen, doch sein ernstes, friedenvolles Antlitz war emporgewendet nach der Höhe, wo sich die Unermeßlichkeit der Urschöpfung erstreckt.

Blendend fiel ein heller Strahl herab, und wie ein Rauschen zog es mit dem Strahle von der Höhe, machtvoll anschwellend zu einem weltumfassenden, rollenden Donner, der die Worte in sich trug:

»Erfülle nun, Johannes, daß Dein Ring sich schließen kann, der einen Teil des Wissens von der Schöpfung und die Wanderungen in sich trägt, die Dir gewähret wurden auf Dein Bitten! Du hast getreu gedient dem Licht. Berichte, was Du schauen und erleben durftest von dem Orte Deines Ursprungs aus, an dem Du Dich nun wiederum befindest!«

Johannes, einst der Lieblingsjünger des Gottsohnes Jesus auf der Erde, beugte sich in andachtsvoller Freude und begann zu schrei-ben, während mit ihm gleichzeitig in der Erfüllung für die Erde auch die Feder einer dazu Auserwählten seinen Worten folgen durfte . . .

 

 

 

»Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott

und Gott war das Wort! Dieses sage ich zum Zeugnis,

damit Ihr wißt, wer zu Euch redet; denn ich, Johannes,

bin ein Zeuge geistigen Geschehens!«

 

 

 

 

Über Johannes leuchtete es stärker auf, als er die Zeilen geschrie-ben hatte, und aus dem Lichte formte sich das Angesicht des Got-tessohnes Jesus, wie es in der Stunde seines Kreuzestodes war, die Hände, aus deren Nägelmalen das Blut leise hervorsickerte und dann strömte, und eine milde, weiche Stimme schwang herab:

»Johannes, höre mich! Ich will, daß Du mich nun erschauest in dem Lichte meines Vaters, wie Du mich erkannt hast in dem Stoffe. Nun muß der Richter kommen! Siehe den Menschensohn, der der Welt mit dem Gericht die Rettung bringt zur Wiedergeburt!«

Und es war nach diesen Worten, als öffne sich im Licht ein Vor-hang. Neben Jesus trat der Menschensohn Imanuel. Über ihnen aber erstrahlte das Licht in noch stärkerer Art und es blickte daraus das Angesicht Gottvaters.

Erschüttert sank Johannes in die Knie, während Ströme des Lich-tes ihn umflossen. Und er schrieb knieend in das Buch:

»Und ich habe ihn gesehen, den Geist der Wahrheit, Imanuel, in der Klarheit seines Vaters, und Jesus Christus ihm zur Seite! Ich sah seine Herrlichkeit, als die des eingeborenen Sohnes vom Vater und des ausgeborenen Sohnes, und es war eine Herrlichkeit voll Gnade und Wahrheit.

Das hohe Bild entschwand, und ich gewahrte, wie sich der Him-mel auftat. Eine Quelle des Lichtes brach daraus hervor, es flute-ten die Wogen des ewigen Lebens heran, auf ihren Wellen fuhren die Scharen der Engel Gottes hernieder. Ein weißes Roß war ihnen voran, darauf saß er, der Geist der Wahrheit, das lebendige Brot, das Wort Gottes, und ein feuriges Schwert kam aus seinem Munde. Ihm folgte eine Schar getreuer, leuchtender Geister und das jubeln-de Klingen und Schwingen lichtwogender Ströme geleitete den Zug des Herrn, der durch die Schöpfung hinabritt, eintretend in das Ge-fäß, das Gott für ihn bestimmte!«

In dankerfülltem Gebete verharrte Johannes darauf eine Zeit, wäh-rend glückliches Leuchten seine ernsten Züge unsagbar verklärte. Dann schlug er eine neue Seite in dem Buche auf und schrieb, schrieb ohne Unterbrechung in der heiligen Erfüllung seiner gnadenvollen Aufgabe, während die Feder auf der Erde seinen Zügen folgte:

Als die Geistsamen zu Patmos, auf dem seligen Eiland des Lich-tes, Gestalt annahmen, nach dem Ebenbilde des urgeschaffenen Geistes, war auch ich, Johannes, in den Reihen der Ersten. Ich ging hinab in die Schöpfung, lange bevor der Weg meines Geistes im Stoffe mit den Lichtsöhnen des Herrn in Berührung kam. Alt ist mein Geist. Bei Jesus Tod war ich zuletzt auf Erden inkarniert.

Das Wissen, das der Herr im Stoff mir damals schenkte, war nur der Schlußstein zu meinen Erfüllungen, sie waren das Ende und führten mich dahin zurück, von da ich ausgegangen bin.

Des Herrn Wege sind so allumfassend weit, daß Menschengeist sie nie begreifen kann. Die Wege aber, die der Herr den Menschengeist führt, müßten ihm im Bewußtwerden auch begreiflich sein; denn nichts gibt der Herr seinem Geschöpfe, das nicht für dasselbe tauge. So allumfassend heilig und groß, wie seine Schöpfung ist, so, ganz aus seiner Weisheit und Liebe geboren und vollkommen, ist auch das Gesetz, das diese Schöpfung trägt. So groß und heilig das Größ-te in ihr, so groß und vollendet und vollkommen auch das Kleinste. Was weiß der Menschengeist im Stoffe von den Erfüllungen seines Wandels und dem Wissen derer, die sich oben zurückgefunden ha-

ben zu ihrem Ausgangspunkte! Nichts!

Klein ist alles, was aus des Menschen Verstande fließt, eng be-grenzt und Stückwerk. Der Mensch reichte nicht mehr zu jenen heiligen Lichthöhen hinan, die ihn zu durchglühen vermöchten.

Nun ist es anders geworden. Lichte Ströme fluten wieder durch die Stoffiichkeit und das heilige Licht der Wahrheit leuchtet in der Finsternis. Nun öffnet sich Quell auf Quell der ewigen Weisheit und tränkt und nährt wie einst den dürstenden Geist, der in die Heimat zurückzukehren sucht. Es neigt sich die Gottesliebe der Schöpfung und bringt im Gericht die Erlösung vom Übel.

Lichtvaters Liebe hat seinen göttlichen Sohn gesendet, Imanuel, daß er im Gotteswort den Schlüssel zur Erkenntnis bringe. In seinem Lichte vermag auch ich, Johannes, allein dem Menschengeist im Stoff zu nahen; denn unverbunden sind meine Wege mit dem Menschengeist, seit Jesus’ Tod auf Erden. Als ich, Johannes, empor-stieg nach Patmos in meiner Heimat ewigen Glanz, war Ephesus in der Trübnis - und die Geister weinten.

Es flutet und rieselt leuchtendes Licht herab aus den ewigen Gär-ten. Klingend strömt es, in mächtigen Wellen, der Stoffiichkeit zu.

In dem höchsten weißflammenden Quell steht alles an Reinheit und Kraft überstrahlend ein hohes, mächtiges Kreuz: Wie eine Son-ne, wie eines Kreises schwingendes Rund rollt leuchtend ein mäch-tiger Strahlungsring aus seiner Urkraft Quell, immerdar ausstrah-lend und rückkehrend in seinen Ursprung.

Fittiche heben sich aus dem Licht, sinken herab auf den Wellen der leuchtenden Strahlenströme, sie führen und hegen die aus-strahlenden Keime, die aus des Vaters allewigem Reich wie kleine, flammende, lebendige Sonnenkerne sinken.

Also erschauen wir ewigen Väter zu Patmos, wie das Leben des Geistes aus dem Wort weiter strömet und sich entfaltet. Wie in einem unbeschreiblichen Glimmen und Flimmern allgewaltigen Geriesels sprühender Tropfen stehen die Väter im Goldlicht durch-flammten Tempel des Herrn und heben andachtsvoll die weisen Häupter zum Herrn empor.

Urgewaltig ist allewiges Schaffen und ohne Anfang, ohne Ende dünkt sie das Weben der Herrlichkeit Gottes. Ihnen ist weit geöff-net der Blick, daß sie zu schauen vermögen in des Herrn himmlisch heiliges Walten. Daß sie zu erkennen vermögen die große Allmacht und Alliebe ihres Schöpfers.

Sie leben und weben, sind in dem schaffenden Pulsen des Lichtes und strömen mit ihm die Kräfte des Geistwollens hinaus, hinab, mitbildend, mitwebend, den Atem des Lebens hineinhauchend in die Verdichtung.

Alles Wesenhaft-Urgeschaffene, alles Geistig-Wesenhafte hatte sein herrlichstes Werk vollbracht.

In Freude wiegte es sich in jeder Sphäre und Art, die seines We-sens Kern erfüllte und ausstrahlte. Jubellaute sangen Milliarden leuchtender Wesen, Jubelhymnen glühten die Blumen in ihrer reinen, anbetenden Schöne. Singend wie zarte Goldfäden rauschten die Äste der wogenden Bäume, und die herrlichen Früchte, die glü-hend die labenden Säfte zur Nahrung boten, sie dufteten mit den Blumen im Eifer des Prangens.

Rauschend, wie ewige Wasserstürze flossen die heiligen Ströme der Erkenntnis und Gnade durch die Gärten Gottes und alte hohe Geister waren gerufen, die lebendige Kraft zu bewachen und zu schützen, die da im Keim nach abwärts zog.

Es war wie ein gewaltig großes Völkerwandern, das da oben, in den nachgeschaffenen Gärten der Seligen begann.

So blickte auch mein Geist, wachend auf einem hohen Berge, hinab. Es zeigte sich mir dabei gewaltiges Umhüllen, Verdichten und Reifen.

»Menschengeist, Deine Stunde ist gekommen, einzutauchen in den Stoff zur Reife Deines Bewußtwerdens!«

So klang des Höchsten Stimme, schmetternd, gleich dem Ton ei-ner Posaune, im gewaltig kreisenden Weltenall.

Licht war es, das Licht breitete sich aus und durchflutete mit sei-nes Geistes Kraft alle Finsternis.

Unerfaßlich mag es ewig sein für die Vorstellung des Verstandes jedes Erdgeborenen, wie das Weben der Kräfte wirkte, da Gott die Bewegung des Lichtes frei gab, über seine ursprüngliche Grenze hinaus.

Wie dazumalen alles ward, so wuchs es, sich bewegend und krei-send auch in die Dichte. Es wurde schwer, sank, zog Art zu Art. Aus dem flammenden Licht ward Feuer, und die feurige Masse, die Flamme, ward zum Ball, zum ewig kreisenden, in Rhythmus und Gesetz sich ausgleichend schwebenden Sonnenkreisen.

Ewig belebend, formend, schmückend umwoben die reinen We-senhaften jene ersten Verdichtungen des Lichtes, die zu Körpern werden sollten. Wie waren sie doch so schön, so zart, so ganz vom flutenden Willen ihres Schöpfers durchströmt, ausstrahlend schwingend, wirkend im mächtigen Urgesetz.

Zart wie feinste, lichtgesponnene Schleier flossen die Gestalten, die hauptsächlich Flammen und Sternenfeen glichen, durch die zarten Ströme sich verdichtenden Webens dahin.

In wunderbarem Strömen und Bewegen kreisten die Weltentei-le in gesetzmäßig selbständiger Entwickelung im unabsehbaren Raum. Es war eine farblose, ganz feine Dichte, in die ihre Keime getaucht waren und welche so wundersame Veränderung an ihnen bewirkte. Es war, als würde um ihre leuchtenden, fast flüssigen Ker-ne ein zarter, unsichtbarer Mantel gehüllt, der, leise Falten ziehend, wirkte wie eine feine Haut über kochend heißer, wallender Milch.

Eine feine Kühle hatte sich wie ein weicher Mantel ausgebreitet, der, völlig farblos im Gegensatz zu den leuchtenden Weltenkeimen, wie Dunkelheit wirkte.

Sie waren somit in einen Zustand getaucht, hatten sich mit ei-ner Dichte umhüllt, die von ihnen angezogen war, auf die sie selbst anziehend gewirkt hatten. Ein wunderbares ausgleichendes Gesetz der Bewegung ergriff sie, sie zogen sich in Gruppen, in Arten zu-sammen oder verteilten sich, nach einem weisen Rhythmus und Bewegen, das nur ihnen völlig selbstverständlich sein konnte.

Aus diesem Rhythmus formte sich etwas, das in dem ewigen Pa-radiese bereits seinen Ursprung hat, die Schwingung, Bewegung und Umwandlung der Strahlungen in Lichtabstufungen und Far-bentöne. Durch gewaltige Bewegung ward in den großen, sich dre-henden Körpern Hitze, Glut und flammende Lohe erzeugt, und durch Hinaussprühen ewig weiter wirkender Kräfte in tiefere, käl-tere Dichten immer stärkere Verdichtung, die zu Körpern führte.

Heilig war das Wirken, heilig das Walten des Lichtes und der Kraft, die da aus Gottes Reich dem Geiste sich offenbarten. Zeit entstand so und Raum, noch ehe ein Geschöpf bestanden hätte, das Zeit und Raum ermessen könnte in der Unendlichkeit dieser Schöpfung.

Doch war diese umfassend weite Welt, die dem Werden entge-genwuchs, nicht einsam. Heilig reines Weben umhegte sie, gleich feinem Lichtgewebe tauchte und strömte Verbindendes, Führen-des, Hegendes um sie her und begann sie zu durchdringen.

Wundervoll und heilig sorgten die zarten Lichtalben, von den Reingeistigen hinausgesendet, für das Wachsen und Glühen und Weiterwirken im Stoffiichen. Eine feine aber wundersame Welt der Schönheit, des Gedeihens und Hegens, eine schwebende Garten-pracht der wirkenden Wünsche des Schöpfers, trugen die reinen Lichtelfen hinab, die die Stoffiichkeit bereiten wollten, auf daß das reine Geistige auch dereinst darein seine heiligen Kräfte gieße.

 

Unnennbare Epochen gingen im Walten dieser Kräfte kreisend dahin, und in dem Schoße der Keime ruhte des Vaterwillens heilige Kraft, die er allem Geschaffenen und Nachgeschaffenen spendete.

Alles schwang noch im namenlosen Sein. Aber es war durchwo-ben von dem einen großen Namen, den nur die Ewigen wußten, aus dem Alles erstanden war. Und es war ein Ton, ein Strömen, ein Licht im All und das sagte, was nur die ewigen Geister wußten und lebten: »AMEN«.

 

Daß ich, Johannes, dereinst der Menschheit Zeugnis geben soll von den großen Geheimnissen der Schöpfung, das sagte mir Jesus Christus einst auf seiner Erdenwanderung. Auch mein Geist wußte im Erdenleibe nichts von dem alten Wissen, das er über der Nach-schöpfung eingesogen hatte.

Er fühlte nur ein enges Verbundensein mit dem Gotteslichte Je-sus, das er nie begreifen konnte. Da aber mein Verstand wie der eines Kindes war, ließ ich mich nur von dieser großen Liebe leiten, die mich so ganz erfüllte.

Nachdem ich das Licht der Welt gefunden hatte, wie hätte ich da je vermocht, es wieder zu lassen oder nicht zu suchen mit meiner stärksten Kraft?

Als Jesus dieses damals zu mir sagte, da empfing es wohl mein Geist und bewahrte es in sich, aber mein Herz begriff es nicht. Als aber die Erdenmühsal von mir gewichen war und ich mich in dem blaugoldenen Lichte der ewigen Heimat wiederfand, als ich der Zeiten Wandlungen in dem Stoffe gewahr ward, der großen, ewig gleich vorwärts und weiter rollenden Bewegung der Ewigkeit ins klare Auge sah, da erfuhr mein Geist alles, was er gelebt und in der Zeiten kurzem, schmerzensvollem Traum vergessen hatte.

Wie ein Kind und dennoch alt und wissend kniete er zu Füßen des Gottsohnes Jesus, der ihm die kommenden Wege des Willens kund tat. Und er blickte in das Licht Gottes, in seine Klarheit voller Gnade und Wahrheit.

 

Amen, der heilige Name, Gott, das Licht, das Leben, das leben-dige Gesetz, es schwang im All. Reinster Geister Ursame nur war. Reinster Geister Wollen hatte ihn ausgestreut und seiner Reinheit Odem bewegte die Ströme des lebendigen Schaffens. Auf ihnen lie-ßen sich die Helfenden, die Verbindenden und Gestaltenden hinab. Und diese erbauten sich aus lichter Gleichart die Welt, die umhül-lend, nährend und schmückend den Stoff führen sollte.

Zuerst waren sie luftig, feuriger Art, aber noch ganz licht und fein, Schleierflammen vergleichbar, von weißer und feuriger Strahlungskraft. Wie fließende Lichter sahen sie aus, wie Glitzer-ströme reinsten Wassers, die von dem Licht der Sonne durchflutet sind.

Wo es ihnen wohl gefiel, dahin hatte sie der wirkende Wille ge-sendet und da blieben sie, nach dem sicheren Wissen ihres Wesens. Dort arbeiteten sie in ihrer Art, so, wie sie es im Paradiese von ih-ren Vorbildern und Voreltern erfahren, lebendig daraus schöpfend und ganz schwingend im Rhythmus des Schöpfungsurgesetzes. Es bewegte sich unendlich Mannigfaches, Erhabenes aus der Urschöp-fung hinaus, es strömte und pulste in dem gewaltigen All, das unab-sehbare Ausdehnungsmöglichkeit bot.

Es bewegte sich alles in der ihm angepaßten Art der Schwingung, es wurde gehalten, gestützt von Euch unbegreiflichen Gesetzen, die aus ihm selber strömend und von oben gespeist immer wieder den Boden zur Entfaltungsmöglichkeit vorfanden.

Und es geschah ein großes Wirken, es war aus dem blendenden Lichtmeer der Geist Gottes über den wogenden Wassern des Lebens erschienen, über den beweglichen, von Wesenskeimen und dem bauenden Wesenhaften durchzogenen Schöpfungsringen, welche nach unten zu immer dichter, kühler, lichtloser waren.

Er hatte den urgeschaffenen Merkur gerufen und es war ein Au-genblick für die Schöpfung, da sie erzitternd den Willen Gottes fühlte. Er rief den urgeschaffenen Wesenhaften bei seinem Namen und er, Merkur, der Herr über alles Wesenhafte und alles Elemen-tare, wirkte hinab in den Stoff. Er zog aus, mit dem Heer seiner Getreuen, und es wirkte sich in diesem Augenblick ein Gesetz aus, das er betätigend in die Schöpfung trug.

Es war durch das Gesetz der Bewegung bedingt, daß auf Ausdeh-nung Zusammenziehung erfolgen mußte, auf Erwärmung Abküh-lung, im heiligen Rhythmus des Atems Gottes. Und es erfolgte die Anziehung der Gleichart daraus.

 

Wundersames entwickelte sich da, in den verschiedenen Ebenen, die ihrer zarten Leichtigkeit und Lichtdurchlässigkeit entsprechend lichten, leichten Stoff, feineren Stoff bildeten. Es schied sich Feuer und Wasser, sie trennten sich und ergaben Dichten durch Abküh-lung, Niederschläge, die zu Gründen, zu Formen, zu dichteren Stof-fen wurden.

Golden schimmernd, silbern und kupferfarbig, metallisch glit-zernd und dennoch wie weiche Wolle oder Schaum, hatten sich diese Urgründe jeweils gebildet durch das Eingreifen Merkurs, der seine Strahlungskräfte nach der Stoffiichkeit gesendet hatte. Wunderbare Fäden durchzogen den Schöpfungskreis, in dem sich Welten-Sonnen zusammenschlossen, und nach dem Singen der Strahlungschöre aus der Ewigkeit erklang das Sphärenbrausen und das Singen der Sonnenströme, unter dem gewaltigen Szepter des strahlenlenkenden Merkur.

Es waren kosmische Gewalten von unfaßbarer Art am Werke, die ausgelöst wurden durch das Walten urgeschaffenen und wesenhaf-ten Wirkens. Diese warmen und brütenden Nährböden der Nach-schöpfung trugen in sich schon die Keime des stoffiichen Lebens, das dem Lichte zustrebend sich wieder nach oben empor entfalten sollte.

Und jede Art, die aus dem Wollen urgeschaffener Geister schon vorbildlich gegeben war im wesenhaften Sein, wuchs nachgeschaf-fen gleichartig und verdichtet aus dem Stoffe empor.

Zuerst, dem wollenden Wirken der feinen, blumigen Lichtalben entsprechend, bildeten sie die hohen, üppigen, wogenden Halme, mit den feinen, weit ausladenden Zweigen. Sie waren so ganz ih-rer Art entsprechend und die Alben ließen sich auf ihnen nieder, sie tauchten hinein in die weichen, warmen Gründe, aus denen die Stämme emporsprossen.

 

Ein Rieseln und Klingen begann da von unten, ein leises Flüstern von oben, und sie vermochten es, sich mit dem Stoffe zu verständi-gen, der wie ihr Same emporsproß und dennoch anderer Art war wie sie.

Flatternd und glitzernd nahten von oben Lichtsamenelfen in un-ermeßlicher Zahl. Diese trugen die feinen staubartigen Körner, die leise zu fallen begannen, hinaus auf andere Ebenen, und lenkten deren Flug durch ihr Wollen; denn sie waren wieder anderer, stär-kerer Art.

Alles, das in der Urschöpfung geschaffen ward, entwickelten die Wesenhaften auf ihren jeweiligen Ebenen. Vorbildend in ihrem zarten Reiche, was später auch unter ihnen aus dem Stoffe erstehen würde.

Und es war also, daß um befruchtete Weltenkörper feurige Son-nen kreisten, deren Wärme und Strahlung den Keim förderten, daß sie im Kreisen und Umeinanderwirken Licht und Schatten hervor-brachten und den Wandel der Gezeiten damit bezeichneten.

Lange bevor der Mensch mit rechnendem Verstande überhaupt zum Leben geboren war! –

Eine silberklare Reinheit breitete sich aus über die gesamte Nach-schöpfung. Die Stoffiichkeit atmete ruhig und stetig in dem heili-gen Schwingen der göttlichen Gesetze. Wie ein riesenhafter leuch-tender Brillant, durchzogen von den vielfach leuchtenden Strahlen des Lichtes, war die stoffiiche Schöpfung in diesem Entwickelungs-stadium.

Die Weltenbahnen woben ihre Wege um- und durcheinander, es war von dem ersten und obersten bis zu dem tiefsten Weltenkrei-se eine seiner jeweiligen Dichte und Schwingung völlig angepaßte unfehlbar gesetzmäßige Bewegung in diesem Kreislauf der Welten-sonnen, um sich selbst und um andere Gestirne.

Strahlungen aus diesen Körpern bewirkten die wunderbarsten Lichterscheinungen, zogen weiche, feine Dünste um die Sonnen-körper, die sie bis zu einer gewissen Höhe empordrückten und die dann von anderen Lichtkörpern angezogen wurden. Um jeden sol-chen Sternenball pulste dessen Atem, in einer feinen Schicht, die seine Ausdünstung war. Und jedem solchen Sternenballe neigten sich helfende, aubauende, verbindende Wesenhafte, die der Art seiner Beschaffenheit und seiner Ausatmung entsprachen.

Himmelsbogen, lichtdurchlässig, rein und weit, durchwebten sie mit den lichten Fäden und Brücken ihrer wesenhaften Wirkungen. Sie tauchten in den Stoff, ohne sich mit ihm zu verbinden; denn sie waren von ganz anderer Art. Es erbaute sich auch in jedem Weltenteile eine ganz anders geartete Stoffiichkeit, jede schön, aus den Gesetzen einheitlich hervorgehend und darum unabbiegbar in ih-rer reinen Ursprünglichkeit. Wundervolle Kräfte von oben durch-zogen sie.

Wie eine schöne Frucht oder Blume, so entfaltete sich die Eigen-art ihrer Beschaffenheit, gleich einem geistigen Bilde um und über ihren Welten, so, daß die Geister des Lichtes, wenn sie von oben hinabsahen in den kristallklaren Schöpfungsbau, ein ewig wo-gendes Meer von Farbe und Licht erschauten, auf dem und durch welches reine, lichtstrahlende, weitgeöffnete Blumen wie Seerosen schwammen, durch das köstlich strahlende Früchte tauchten .. so lieblich, so rein, so reizvoll waren die Ausstrahlungen der Gebilde, die die werdenden Schöpfungsteile feinstoffiich um sich woben.

Ein Jubel ohnegleichen erfaßte jene Wesenheiten, die aus des Schöpfers Willen hinabgeschaffen waren, um dort zu wirken, die auf feinen, wesensgleichen Netzgespinsten verbindend mit den ho-hen Sphären woben, die Brücken schufen, daß das reine Geistwol-len dereinst hineintauchen könne in den Stoff gleich ihnen.

Der Jubel und der Dank dieser Wesenheiten war wie ein Hymnus, der ewig bis an die Thronesstufen Gottes klang. Alle die ewigen Geister, so ihn in sich erfahren, kannten seinen Klang, der ihnen gleich einer lodernden Flamme erschien, da die Wesenhaften ihn dem Schöpfer darbrachten.

In einem Riesenlichtgespinste standen die Geister, die an den Grenzen der Sphärenringe ihren Ausgang zur Erfüllung erharrten, und blickten mit Entzücken und Dank auf die reiche Schönheit der Gottesschöpfung hinab. Freude, Jubel, Wärme und Kraft, Liebe und Reinheit sangen in den Strahlen, tranken alles, das da war. Und es schuf das nachschaffende Weben weiter an den Gedanken Gottes und es bauten die Wesenhaften ihre lichten Burgen über dem Stoff. Vorbildlich allem Entstehenden, in die Verdichtung Tretenden.

Da grünten wundervolle leuchtende Wiesen, rieselnde Bäche und Quellen durchzogen sie und mündeten in weite tieblaue, wogen-de Seen. Wellige Hügel reihten sich an flache, endlos erscheinende Weiten, tiefe, wogende Farnenwälder schimmerten wie smarag-dene Gewölbe. Mächtig wuchsen sie ins Riesenhafte. Wie heilige Dome, so reckten sie sich empor. Palmenhaine entstanden, die an Schönheit den raunenden, weiten Gärten der goldenen Paradieses-waldungen glichen, und gegen die Höhen steil ansteigender Gebir-ge erwuchsen Bäume ganz mächtiger, rauherer Art.

Auf dem höchsten Bergespunkte aber thronten die höchsten Führer der Wesenhaften, die die jeweilig verschiedenen Weltenteile betreuten und hegten. Lichtalben sind sie, um es mit einem Euch verständlichen Worte zu sagen.

Einer der dem Menschengeist jetzt wichtigsten Teile der Schöp-fungskreise, da die Zeit des Gerichtes ihm den Herrn dorthin ge-sendet, ist Ephesus! Dem Menschengeiste am leichtesten zu erklä-ren ist demnach auch das Wirken jener wesenhaften Helfer, welche für Ephesus und vornehmlich die Erde bestimmt sind. Aus dem Kleinen und Kleinsten möge sich dann der Gesichtskreis ausdeh-nen und das Erzählte übertragen werden auf das weiter entfernte Weltengebäude.

So spreche ich denn einmal nun eingehender allein von Ephesus! Es war ein ewiges Wogen und ein Ziehen in der wesenhaften Ebe-ne, ganz anderer Art wie die feine und die gröbere Stoffiichkeit war die Substanz, die diese Wesenhaften gestaltete. Nachgeschaffen in dem Ausüben göttlichen Willens, paßten sie sich der Arterschei-nung ihrer Umgebung an und formten diese mit ihrem ausstrah-lenden Wollen, daß sie sich völlig nach dem Willen des Schöpfers bilden konnten, ihrer Eigenart entsprechend.

So wird immer wieder nachgebildet, in jeder Sphäre, was in dem Paradiese der Urschöpfung aus dem Geist des Herrn hervorgegan-gen war. Ebenso beweglich und dauernd wandelbar wie dort die schönen Urschöpfungen des Lichtes ist das Reich der wesenhaften Führer der Elemente, die mit der Stoffiichkeit verbunden sind.

In ihren wunderbaren Gärten und sich ewig neu gestaltenden Hainen leben und weben die Lichtasen hinabwirkend in den Stoff. Gleich den schaffenden Urgeistern des Paradieses ist ihr Tun an-betende Bewegung im Rhythmus des Schwingens der Schöpfung.

Wie feine Lichtstränge durchpulsen und beleben ihre wirkenden Wollensfäden die Sphäre. Es ist auch ein herrliches Klingen in die-sem Reiche, aber ganz anderer Art als das brausende Singen des Lichtes in den hohen Regionen.

 

Es ist das Murmeln und Säuseln lieblicher Naturklänge, wie das perlende Rieseln sickernder Quellen, das feine Singen des Windes, der über Gräser und Felder weht, oder das Gebrause des wilden Sturmes auf dem Meer, das Donnern gewaltig wilder Wogen. Es ist das Rauschen und Sausen wilder Bergwaldungen, das donnernde Stürzen der Bäume der Felsengruppen zu vernehmen, feurig lichte Flammen fahren einher und wogende Fluten toben, aufgepeitscht von roßartigen Tieren, durch die Wolken. Wolkengebilde feinen Dunstes schieben sich wie wilde, zerklüftete Felspartien zwischen kämpfende Elemente - und es verebbt das wogende Wirken ihres Wollens durch die gewaltigen Gegenströme, die der Sonnenvater ausgesendet.

Sonnenvater, so nennen sie ihren Herrn, der sie lenket und führt, dem ein weises Geschlecht der Asen entstammt. Er ist der Füh-rende aller Lichtbewegung und Merkur untertan, der von oben an goldenen Wollensfäden die Befehle des Herrn erfüllt. Sonnenvater ruft zum Dienst und sein Gefolge ist ihm immer ergeben. Er blickt in seinem Wirken aus leuchtendem Sonnenlicht, ist selbst anzuse-hen wie eine Sonne, und wenn er wollend Gestalt annimmt, so ist er schön und licht und weiß wie der junge Tag.

Blendende Goldlocken wallen herab, weiß und schimmernd ist das Angesicht, lichtblau das Auge. Die Gestalt ist geschmeidig und voll Kraft, und an ihr fließen die funkelnden Strahlen hernieder, die in der Leuchtkraft denen der Mutter Sonne gleichen, nicht aber stoffiich sind wie diese.

Einen leuchtend strahlenden Sonnenreif trägt er auf dem Haupte, goldenes Licht gürtet den schlanken Leib. Ein breiter, ewig krei-sender Gürtel ist es, mit glühend leuchtenden Sternen geschmückt. Goldene Schuhe trägt Sonnenvater an den Füßen, sie sind wie flüs-sig schimmerndes Gold.

Mit dem Wandel der Sonnen fährt er um die Welten. Es rollt sein Wolkenwagen, der immer wechselnd golden und silbern erglüht, und die wundervollen weißen Rosse gleichen an Schönheit und Schnelligkeit den Geistrossen der Urgeschaffenen. Wie Wolkenge-bilde aus feinen Lichtnebeln, so scheint ihre Art zu sein, so sind auch all ihre Ausdrucksformen, die sich dauernd bewegen und än-dern.

 

An der Seite Sonnenvaters erwacht die strahlende, goldenhaari-ge Sif, als Trägerin aller blumigen Schönheit, die Jungfrau, die den Frühling verbreitet. Aus ihren lichten Händen fließen Farbengebil-de, die bunte Blumen auf die Wiesen und reiche duftende Blüten über die Bäume streuen. Lieblich ist ihr Angesicht, von der weißen Zartheit eines Blumenblattes tief und leuchtend vergißmeinnicht-blau sind die schimmernden Augen.

Sie hat Erdiges und Luftiges in ihrer Wesensart vereint. Das Ge-sicht leuchtet von ewiger Freude, Wärme und Liebe. Spendend und ausbreitend schreitet sie auf bloßen, leuchtenden Füßen über die lichten Wolkenauen, die bei ihrem Erscheinen an Schönheit, Kraft und Bewegung zunehmen.

Es beginnt in den rauschenden Hainen zu jubeln, schöne Vögel flattern und schweben in Scharen um sie, um ihre strahlende Nähe zu trinken, blühende Blumen heben ihre Häupter und sehen em-por. Sternenfeen, lieblich wie ein Hauch in zarten Farben aufglü-hend, folgen ihr, die die Kraft aller Strahlen zu sich heraufzieht, ihr Spenden ausgleichend und dauernd neu gestaltend. Sie fördert alle Fruchtbarkeit.

Mit dem Wachsen und Werden in der Schöpfung steigert sich auch der Einfluß der Wesenhaften. Immer mehr solcher lichter Helfer bevölkern ihr Reich, das sich um die Stoffiichkeit und durch dieselbe zieht.

Und während sie sich ausbreiten, alle Schönheit aus des Herrn Händen empfangen und umgewandelt weiter tragen, entwickelt sich im schweren Wandel des Stoffes, in langen Gezeiten die Na-tur. Es jubeln die Vögel, blau wölben sich die Himmel, die mäch-tigen Meere senden ihre Feuchtigkeit durch der Sonne blendende Kraft.

Über den Erdendichten breitet sich eine wärmende Kraft aus und von den Gestirnen strömt eine mächtige Strahlungsfülle, die die Welt ernährt und belebt. Tiere unbeschreiblicher Arten und Größen erwachsen den feuchten Wassergründen und leben an den hohen, sandigen Ufern, heben sich sogar schwerfällig in das Meer der tiefen Palmen und Blätterwälder, die rauschend und singend, sickernd und gurgelnd ihre feuchten sumpfigen Gründe bewegen. Tiere wundersamer Arten erwachsen der Welt, die in den langen, sonnenheißen Gezeiten in üppigster Vegetation und reicher Ernäh-rung zu wunderschönen Formen sich entfalten. -

So war in diesem andauernden Wogen und Weben alles zu unge-kannter Größe erwachsen, was aus den überquellenden Kraftzen-tralen der Schöpfung geboren war. Rein, groß, schön, gigantisch in ihrem Ausmaß. Und all diese Schönheit und ursprüngliche Kraft war verwoben in ein Strahlungsnetz, das viel millionenfache Fäden leuchtend und farbig mit ihm verband.

Wie Nährstränge griffen sie in jedes Wesens eigenstes Sein, auch in die schönen leuchtenden Muscheltiere, die in den Tiefen der lichtklaren Wasser auf und nieder stiegen, sich ausbreitend und langsam wie schwebend zur Tiefe glitten.

Wogende Wasser bargen zartgrüne Wälder mit wogenden Lagen grüner Farnen.

Funkelnde Fische schwammen in den Fluten, und überrascht und voll Schreck hielten sie eines Tages inne; denn über ihre klare Flut hatte sich ein Schatten gebeugt. Wie durch einen Spiegel, so klar, war dort oben ein Gesicht zu erschauen - ein sonderbares Angesicht!

Ein Tier von einzigartiger Vollendung der Gestalt. Ein Ange-sicht, das nicht nur Tierhaftes verriet. Viel eher trug es Züge an sich, die die webenden Helfer tragen, welche von Baum zu Baum, vom Strom zur See oft eilen. Manchmal den Fischen gleich in ihre Fluten tauchen, den Fischen gleich sich regen, und dennoch solche Schönheit in den Häuptern tragen, etwas Reiferes als Tiere. Es war einer jener herangereiften Körper, welche gebildet wurden, um die ersten Gefäße für die Menschengeistkeime zu werden.

Wundersames Weben der Natur, wundersames Werden der Ge-schöpfe sah der Geist, da er das Auge hinab tauchte nach Ephesus.

 

Und Johannes sprach betend:

»Herr aller Geschaffenen und Nachgeschaffenen, Du Lichtquell in Ewigkeit, Du Seiender, Gestaltender, Erhaltender, ich bete an Deinen Namen in Ewigkeit! Laß mich, den ewigen Zeugen Deiner Größe, auf allen Wegen wandern, die Deine göttliche Liebe dem Geschöpf spendet, zur Erfüllung, auf daß ich Dir diene mit meinem Geist in Ewigkeit. Herr, ich weiß Deine Macht und Größe und ich will davon zeugen bis in die Tiefen Deiner Schöpfung!«

Ein unbeschreibliches Glücksempfinden erfüllte ihn unmittelbar nach dem Gebet, und jubelnd schwang in ihm die selige Gewißheit in dem einen Wort, das er deutlich empfand: »Gewährt!«

Und es war eine große Lichtstunde der Schöpfung. Da bebten die Urgründe des Heiligen Lichtes und es brausten die Wasser ewigen Lebens zur Tiefe.

Und es strömten die Keime des lebendigen Geistes des Menschen hinaus in die Tiefe. Wie goldene Funken, wie Milliarden kleiner Sonnen, so stoben sie in den unendlich ausgedehnten Raum ... es war der Augenblick, da Gottes Wille, Imanuel, über der Nach-schöpfung stand, in dem leuchtenden Licht seines Vaters!

Und Gottes Wille sprach das Wort:

»Trete hinaus und tauche in die reife Stoffiichkeit!«

Ein urmächtig Kreisen bewegte die Nachschöpfung, auf den heiligen Zinnen der wesenhaften Hochburg glühte das Feuer der Vollendung. Flammend in seiner urreifen Schönheit thronte der Herr über alle Elemente, Sonnvater, der Spender des Lebens. Reif schäumte es aus dem wesenhaften Reich zum Licht des Heiligen Geistes empor.

Und in der Seligkeit dankbaren Erkennens hob alles Wesenhafte Haupt und Hände im Gebet. Strahlend in Lichtes Fülle umbrauste die Kraft das wesenhafte Reich. Leben strömte, Licht glühte, Leben perlte wie sprudelnder goldener Wein. Auf den höchsten Höhen der Burg thronten die Führer der Elemente und freuten sich des .sprühenden Werkes aus ihrer dienenden Liebe Fülle. Urmächtige Bewegung brauste im All.

Sprühende Funken, kleinen Sonnen gleich, strömten im Brausen eines gewaltigen Druckes in weitem Bogen hinaus. Es war von oben gesehen, als schütte das Füllhorn des urgeschaffenen Geistes Milli-arden Sonnenkörperchen, lebendigen Geistwesen vergleichbar, in die Schöpfung. Brausend, wie durch einen Trichter, ergoß sich die Fülle des Ursegens an einem bestimmten Punkte in dem All.

Die Stoffiichkeit des Weltenteiles Ephesus aber befand sich in der Bewegung, die sie stetig und in urgesetzmäßig rhythmischem Schwung auf Bahnen der göttlichen Gesetze demselben Punkt ent-gegentrieb. Rollend und brausend raunten die Wellen, klingend und singend ließen sie sich vernehmen, die heilig reinen Urgründe der Stoffiichkeit in dem Ausströmen elementarer Kräfte. Der Wel-tenteil war nun bereitet, die ersten Geistkeime aufzunehmen und strebte dem Erfüllungspunkte zu.

Heilig rein, wie ein schlummerndes, neugeborenes Kind war die-ser Schöpfungsteil, geschmückt mit aller Schönheit, die das Wesen-hafte gespendet, die die Wesenhaften liebevoll hegend und bauend im Willen Gottes geformt. Singend, klingend glänzte das All. Und über dieser reifen, blühenden, mit Tieren und schönen Pflanzen ge-schmückten, belebten Stoffiichkeit leben die Wesenhaften in ihrem strahlenden Reich, an Schönheit, Reichtum und Freude vorbildlich allem Geformten.

Es war der höchste Punkt, auf dem Sonnvaters Burg strahlte, ge-schmückt mit den höchsten Gaben. Strahlungsbänder von unzähl-barer Fülle strömten hinab auf die Stoffiichkeit und durchzogen sie webend und flutend im steten Glanz lichtester Reinheit und Kraft. Fest gestra@ waren diese Bänder und glühend klar in der Leucht-kraft ihrer Farben.

Alle Ewigen jubelten und dankten dem Herrn, da sie ihre Ange-sichter hinabneigten, zu sehen, wie herrlich es in der Schöpfung blühte. Froh dankten sie dem Herrn, da sie das freudige Wirken sa-hen. Es war ein Strom unbeschreiblichen Bewegens, das die Schöp-fung erfaßt hatte, wie heiliger Festesjubel schwang dies Bewegen in allen Sphären. Wie schimmernde, leuchtende Wogen, so gischtete flammende Glut auf um den Walberg, da Sonnvater thronte.

Jauchzend hoben sich die Nixen aus den perlenden Fluten, die Luftelfen strömten herzu und schlangen die lichten Reigen. Blu-menelfen umgaben die Hügel der Burg der wesenhaften Führer mir den schönsten Blumen, und mächtige riesenhafte Gestalten erbau-ten Brücken, Mauern und Tore zu hohen, heiligen Tempeln.

Aus Sonnvaters Gestalt strömte strahlende Wärme und goldenes Licht - ein mächtiger, junger Gesell, fast so groß wie er, sprang la-chend mit Schild und Speer, mit fliegendem, feurig blondem Bart und tieblau leuchtenden blitzenden Augen daher.

»Thor!« klang es rings im Kreis.

Es war das Singen seines Namens, der das Grollen der Elemente, besonders das des Donners in sich trug. Eine wilde Schar wesenhafter Gestalten folgte ihm, die die Wälder durchbrausen mochten in fröhlichem, stürmischem Jagen. Nun aber war es, als scharten sie alle sich zu Füßen Sonnvaters, der im Glanz seines Leuchtens auf dem hohen Berge stand und sie grüßte.

»Herr!« beteten sie, aufschauend in die ewigen Höhen, die sich im Lichtesglanz weiteten und stufengleich schimmernde Sphären erkennen ließen.

»Herr, wir wissen die heilige Stunde Deines Segens, wir preisen Dich!«

Sonnvater war es, der dies gesprochen hatte. Über ihm erstrahlte Bogen um Bogen des leuchtenden Weltengefüges, erglühte Strahl um Strahl aus dem Wollen reiner hoher Geister, die aus den hö-heren Ebenen zu den Wesenhaften hinab wirkten. Wie eine Kette, so erglühte es Glied um Glied von oben nach unten hinab, immer leuchtender öffnete sich ein goldener Schlund, der den höchsten Punkt des Wesenhaften dieser Stoffiichkeit mit dem Geistigen ver-binden sollte.

Es war, als sei ein Augenblick gekommen, da zwei Reifepunkte einander berührten, und sich ineinander versenkend fügten. Dann ein Ruhen in der Glückseligkeit des Erfüllens und eine Stille des seligen Gestilltseins. Es war als verschmelze der Himmel des Pa-radieses mit der irdischen Welt. Lichtfunken stäubten blendend, sprühend aus ihm, und es war ein anderer Klang, ein anderes We-ben in der Schöpfung Stoff denn vorher.

Es hatte das Wesenhafte seine Aufgabe erfüllt, Brücke zu sein für den Geistkeim, daß er durch feinen Stoff empfangen, sich mit dem Groben zu vereinen vermöchte. Wundersam leuchtende Hüllen hatten die Formen umgeben, strahlend in gesunden milchmatten Farben, darin ihre Artung verratend.

Kleine, goldene Lichtkeime waren herabgedrungen, wurden um-schlossen von jenen schimmernden Hüllen und sollten dem reifen tierhaften Körper Unbewußt-Geistiges spenden, das ihn über seine Art hinaushob, dem Lichte wieder zu!

 

Menschengeist, siehe Dein leuchtender Keim ward ausgestreuet und fiel in fruchtbaren Stoff. Wesenhafte Helfer, von demselben Gotteslicht geschaffen und durchglüht, umgaben Dich mit ihrer strahlenden Liebe. Sie verbanden ihre reinen, helfenden Kräfte mit der aublühenden Stoffiichkeit zu einem paradiesischen Garten, darin der Geist des Menschen reifen konnte.

Bald geschah es, daß er erwachte und der Schönheit seines Da-seins gewahr wurde. Es blühte und leuchtete die Fülle der Schöp-fung um ihn.

Es strahlte ihm am tieblau leuchtenden, kristallklaren Firmament eine Sonne, die wunderbares Licht spendete über alles Geschaffene. Sie goß es über die aus ihrer Wärme sprießenden, saftigen Blätter, über die weiten Wälder, durch die ihr Licht in wunderbaren flim-mernden Strahlen spann.

Es sickerten die milden Wasser aus dem feuchten Boden zu klei-nen Seen, zu Bächlein zusammen, an deren Rande wunderschöne Blumen aufwuchsen. Dicht waren die Wälder, erfüllt von dem Duft hoher Farnen und lang hinab wehender Lianen.

Auf den weiten, grünen Hügelsteppen, die sich dem Sonnenun-tergang zu ausdehnten, wuchs wieder ganz anderes Gras, kurzes Moos und kriechendes Strauchwerk. Dort verlief sich der Boden in sandigere Ebene, an der die Wasser einer weiten, blauen See tiefe Buchten leckten.

In diese Buchten mündeten die breiten Bäche, die aus der Wald-welt durch die Ebene rannen. Warm war der Boden, aus dem zu-weilen Rauch aufstieg und, weite Gruben sich öffnend, flüssige Feu-er empor drängten. Während solcher Naturgeschehen erzitterte die Umgebung auf weite Stunden in leisem Schwanken.

Es schien als wäre der Boden, auf dem die lieblichen Wälder wuchsen, ganz dünn und weich, als wäre er nur eine Schicht, aus welcher jene warmen, dunstenden Quellen sickerten, und bei je-dem leisen Wanken der Wälder veränderte sich gar viel in ihnen.

Auf lange Mondesumläufe hinaus war dann die Schicht in dau-ernder Bewegung, über der Ebene und dem Meere lagerten feine Rauchwolken, die die Sterne des Nachts zu verhüllen schienen, während sie von unten mit rosigen, zuckenden Gluten zeitweise erleuchtet wurden.

So wundersames, reiches Leben blühte aus der Asche jener vul-kanischen Ausbrüche hervor, die vom feinen Wind angetragen die weiten Ebenen düngte. Jahr um Jahr, das im Kreislauf des Sonnenwandels dem Geiste wohl bewußt war, änderte sich Stern um Stern der langsam erkaltenden vulkanischen Erden.

Lichtvoll und rein, warm und feucht, strebten ihre lieblichen Hü-gel den Strahlen der Sonne zu. Lieblich waren die Stimmen dieser zu leuchtend prangendem Leben erwachenden Natur. Es sang der Wind, den der Ausgleich der starken Sonnenwärme mit der Kühle des Meeres hervorrief, so daß das Meer hohe Wogen türmte. Eine Luftbewegung strich in gesetzmäßigem Strömen, ganz regelmäßig, dem Stand der Sonne, ihrem Aufgang und Niedergang angepaßt, über die Welten. Es war in diesem Weltenteile zu Ephesus eine ge-wisse Ähnlichkeit vorhanden in der Entfaltung des Lebens auf allen Gestirnen.

Je mehr sie in ihren Temperaturen sich glichen, um so ähnlicher waren sie sich in der Art ihrer Vegetationen. Und dennoch ergaben sich schon Unterschiede, die aber mit dem Lauf der Gezeiten im-mer beträchtlicher wurden.

Ein wundersames Leben erfüllte die Welt der um die Sonnen kreisenden Planeten. Sie waren umgeben von einer Fülle schwe-bender, leuchtender Geister und Wesenheiten, die belebend, gestal-tend, führend und belehrend auf die Stoffiichkeit wirkten.

Jeder der großen leuchtenden Gestirne, die eine Weltensonne umkreisten, war umstrahlt von einem feinen Fluid, das zitternd ihn umhüllte. In dieser Ausatmung feinstoffiicher Art tauchten jene Wesenhaften gerne, welche von der jeweiligen Art sympathisch be-rührt wurden.

Ein liebliches rosiges Angesicht von außergewöhnlicher Schön-heit umhüllte zuweilen mit seiner Eigenart den Planeten, welchen ihr jetzt noch Venus nennt. Damals hatte er noch keinen Namen, das heißt, von dem Standpunkte des Menschengeschlechtes be-trachtet.

Die Geister wußten es anders; denn er strahlte in vertausendfach-ter Verdünnung und Verdichtung die Willensströme jener geistig-wesenhaften Königin Astarte wieder, welche das Licht der Schön-heit in sich gesogen und der göttlichen Reinheit Priesterin war.

Ein Strahlendiadem von blauem Lichte krönte ihr silberfeines Haar, ein Hauch von rosigem Leuchten umstrahlte das Angesicht: ein Abbild dieser reinen Geistig-Wesenhaften war die wesenhafte Astarte, die Tochter Sonnvaters, die Frühling und Blumen spen-dend die Gestirne zum Paradiese wandelte. Ihr gleichartig schwin-gender Planet war es, der wie sie selbst Rosenlicht von zartester Strahlung aussandte.

Auf seinen Wellen zog er gleichgeartetes Schwingen an, und sein Schwingen wieder zog ihn in jene feinen geistigen Schwingungen der Schönheit, Reinheit und Bildungsfähigkeit. Ihnen war eigen, bildend zu formen in höchster Schönheit des Stoffiichen, darum formten sich Blumen von ungeahnter Schönheit der Farben und der Formen auf jenem Planeten.

Sie schwammen auf weiten Wassern, die liebliche Wellen spielten, schaumgekrönt nahten sie sonnigem Strande, auf dem sie in den zarten Sand, der von blendender Reinheit glänzte, sternengleiche, perlmutterschimmernde Muscheln spülten. Sehr große weitgeöff-nete Schalen zeigten noch lebende Gebilde von Tieren, die aber bald in dem heißen Sonnenlichte vertrockneten.

Wesenhafte, wie zarte Schleiergestalten webende Frauen sammel-ten die schillernden Ausdünstungen dieser Muscheln, die sie mit he-genden Händen betreuten. Schaumgeboren schienen die wesenhaf-ten Gestalten, die mit zarten Füßen über die tief lichtblauen Wogen der Seen zu tanzen schienen. Weiß waren ihre Gestalten und von erlesenster Schönheit, ihre Angesichter aber glänzten wie Perlen.

Viele Wasserwesen befanden sich auf diesem Gestirne und viele Luftgeister. Alle trugen wieder andere Formen wie jene, welche die Erde umgaben und belebten; sie waren leichter, beweglicher und zarter; denn wenn sie auch vielmals dieselben waren, so veränder-ten sie doch ihr Aussehen vollkommen mit der Andersart ihrer Umgebungsschwingung.

 

Es strömte ein Weben warmen, süßen Duftes über die Inseln, zu denen sie ihre schaffenden Fäden hinlenkten. Weiche Winde rauschten, weite hohe Gärten mit unendlichen Hainen und tiefen, azurfarbenen Brunnen öffneten sich, die lieblichen Wesenheiten zu empfangen.

Strahlentiere lebten in den Wassern, Strahlentiere von spitzen-gleicher Schönheit schwebten über den Blumen, die nickend und rauschend in weiten Feldern standen wie roter Riesenmohn.

Wenn die Stellung der Sonne sich neigte, dann huschten tief-blaue, wunderbare Schatten über die Welt. Groß und weit sah sie sich von oben an. Beweglich in der Flut ihrer Meere, wenn der Monde rhythmischer Zug sie ausgleichend beherrschte, wenn der Monde voller Glanz am dunkelblauen Firmament aufglühte, und schon wieder neues Licht eines neuen Sonnentages von unten über den glashellen Horizont zu huschen begann.

Wie in einem unendlichen Meer, bevölkert mit schwimmenden Gestirnen, so war es für die Wesenhaften und die Geister anzu-sehen, die in dem Meere zu schweben vermochten. Wie in einem Netz von Fäden vieler, vieler Strahlen geistiger, wesenhafter und feinstoffiicher Art war jeder Weltenkörper verstrickt und hing schwankend, zitternd und kreisend in einer ihm durch stoffiiche Strahlung vorgezeichneten Bahn.

Nach der Ausstrahlung seiner Beschaffenheit färbte sich die Strahlung seiner Bahn. So schwirrten farbenprächtig unzählige Sternenkörper durch die Bahnen, Teile von großen Sternen und auch Ausstoßungen noch feueriger Planeten.

Es war eine Wärme und Hitze in manchen Luftschichten, die die Wasser zum Sieden zu bringen vermochten. Nicht ist es dem Men-schengeist möglich, im Stoff durch jene Regionen der Welten zu gehen, der Körper würde nie in ihnen bestehen; denn sie sind für Blutträger nicht zu ertragen. Der Druck der luftleeren Räume kann nie überwunden werden. Darum wird kein Stoffiicher je diese Ver-schiedenheiten der Dichten ergründen, die ihm noch so nahe und dennoch unerreichbar sind. Der Geist aber vermag sich darin zu unterrichten.

Zur Zeit des aubauenden Werdens in der Schöpfung war es je-doch völlig anders, heißer, lebendiger und umwälzender als in den späteren Zeiten, da die Gestirne abgekühlt und schwerer, langsamer durch die kalten Schichten rollten, da die feuerigen Ströme versieg-ten und keine oder nur selten fruchtbare Flammen mit Dampf und Stoß aus urmassiven Steinschichten brachen. Eine völlig andere Welt ist die jetzige, und doch dieselbe der Schöpfungstage.

Leuchtende Feuerströme schienen zuweilen die Himmel wie Fak-keln zu durchqueren. Dann stürzten flammende Körper herab, ein-gefangen von der strahlenden Bewegung eines größeren Gestirnes und in dessen unzähligen Sonnensplittern mitgerissen auf seiner spiralischen Bahn.

Manchmal pflanzte sich Same anderer Art auf diese Weise von Stern zu Stern und es glühten wunderbar phosphoreszierende Lichter in weichen Sümpfen, die dereinst als kostbare Metalle und Kristalle die Menschheit beschenken würden. Ursame ward gelegt zu den Schätzen der Erden. -

Leises Flüstern huschte über die durchsonnten Auen, wenn die strahlenden Züge der zarten Feen darüber hinschwebten. Aller-hand Getier hob riesige Häupter aus den weichen moosig grünen Wassern, die von oben wie dicke, saftige Weiden wirkten. Große, weitgeöffnete weiße Kelchblumen wiegten sich auf ihnen, mit ho-hen Stielen wuchsen sie teilweise aus schwereren Knollen hervor, die in den Sümpfen entstanden. Reiches, feines hellgrünes Schlinggewächs wucherte um. sie und bildete einen Garten für sich unter den Wassern.

Allerlei schimmernde Wassertiere belebten diese Gewässer, gro-ße, leuchtende Insekten von märchenhaften Farben und Formen krochen mit hohen Beinen über die Sumpfdecken.

Über die Ufer hingen weiche, langblättrige Äste und wiegten sich in den heißen Winden. Kletternde Tiere, die aber dennoch auch Schwimmtiere waren und zugleich über Flatterflügel verfügten, sa-ßen wie große Eidechsen auf den Bäumen. Schillernd waren auch sie.

Manchmal schien es, als verfinstere sich das lichte, weite Land durch Schatten, die Sonne schien sich zu verdunkeln. Dann kamen Züge solcher Wesen durch die Lüfte gebraust, aus dem Inneren der großen Wälder, deren Gründe ebenfalls aus Urwaldseen bestanden, bis heran an die Gestade des großen Wassers.

Es geschah zu gewissen Sonnenständen, meist zweimal im Kreis-lauf des großen Sonnenumgangs, der eine ganz andere Zeitspanne umfaßte wie die jetzigen Sonnenjahre der Erdbewohner.

Die Wesenhaften umhüllten diesen der Entwickelung entgegen-reifenden Weltenkörper mit einem Reich der Schönheit und Freu-de, des dienenden Schaffens in Gottes Gesetzen. Sie bildeten einen lichten, freudigen Himmel für die erwachenden Geistkeime zur Führung, Erbauung und zum Vorbild.

 

Eng verwoben waren die Geistkeime mit den Helfern jener Sphä-re, aber geöffnet auch für die höheren, lichtstrahlenden Geister, die durch diese Sphäre zu ihnen kamen. Sie kannten und liebten sie, waren sie ihnen doch wie liebe, ihnen zugehörige Freunde.

Es bildeten sich im Laufe der Zeiten wunderschöne Gestalten, de-ren Geister ganz das Wesen ihres Sternes erfaßt zu haben schienen. Ihre stoffiichen Hüllen, aus dem edlen Rhythmus dieser Welt gebo-ren, hatten auch schon jene Feinheit der Form im Ursprung, die in späterer Verdichtung zur Schönheit wird.

Ursprünglich waren sie in ihrem wesenhaften Fühlen mehr von der Art einer höchsten Tiergattung, aber doch menschenähnlich, bald aber entfaltete sich aus dem Erwachen ihres Geistes in dem reinen Tierkörper ein Erleben der höheren Einflüsse, das diese Menschen-geister den über ihnen wirkenden Wesenhaften zustreben ließ. Vor-erst aber widmeten sie sich der Freude am Dasein, an der Schönheit und Fülle ihrer Welt, die sie bald im Besitzerstolz ihr eigen nannten. Rasch nützten sie das Rüstzeug ihrer scharfen Sinne, dem der überragende Geist Führer war. Mit großen, kindlich frohen Augen schauten sie in die Welt und freudig gewahrten sie ihre helfenden Freunde aus höheren, feineren Reichen.

Sie konnten mit dem wesenhaften, ja sogar zum Teil noch mit dem geistigen Auge schauen, wenigstens die Führer, die ihnen ge-sandt waren. Diese verstanden auf eine Weise mit ihnen zu reden, die man mit Worten nicht schildern kann. In lebendigen Begriffen zeigten sie ihnen den Sinn und die Vorgänge der augenblicklichen Zustände. Sie führten sie an die Stellen, die zu Ansiedelung fähig waren, zeigten ihnen das Gedeihen und Werden der Früchte und Bäume und gaben ihnen auch ein Ahnen von dem Walten heiligen Lichtes, ja, sie sprachen ihnen sogar von Gott.

Astarte und ihre lichten Frauen zeigten sich ihnen oft, an den hei-ligen Wassern, die sie dem Lichte geweiht. Sie verehrten und liebten den Schöpfer und lobten ihn in dankbarem Empfangen seiner Ga-ben. Lange lebten sie, gleich den höheren Tieren der immer gewal-tiger anwachsenden Wälder, auf Bäumen, in denen sie sich immer kunstvollere Nester bauten. Die linden Lüfte und die hellen mond-lichtrieselnden Nächte waren so völlig geeignet, ganz als Wesen in der Schöpfung mitzuschwingen.

 

Oftmals versammelten sich die wenigen Menschenpaare auf dem weiten Rund einer Lichtung unter einem großen, palmenähnlichen Baum, es rieselte das Licht der mondleuchtenden Astarte aus den zitternden Blättern und sie vernahmen das Geflüster ihrer silber-klingenden Stimme. So raunte ihnen die Muttererde durch den Mund ihrer wesenhaften Mutter die Geheimnisse der Natur zu, das Zukünftige, für sie Wichtige und die erste Unterweisung in den Ge-setzen des Lebens.

Bald strömten die heiligen Gaben der klingenden Strahlen um Astarte, die in den Kronen der Urwaldbäume mit ihren Menschen-kindern Zwiesprache hielt. Bald beschenkte sie sie mit den Verbin-dungsfäden, die ihnen den Sinn für Töne und Farben weckten, so daß die noch jungen Geister aufhorchten und fragten

»Wo haben wir dieses wohl gehört?«

Immer mehr der Schönheit strömte auf die Geistkeime zu, die Erfahrung sammelnd den ersten Schritt in die Stoffiichkeit getan.

Zu jener Zeit hatten sich die Tiere bereits in schwimmende und fliegende getrennt, wenigstens auf dem Stern »Astarte«. Die fliegenden Tiere befiederten sich mit wundervollem, weichem Flaum, sie bewohnten die Bäume und zogen immer mehr in das Innere, während nur ein kleiner Teil in den Sumpfgebieten und an den weiten Meeren verblieb. Sie alle veränderten ihr Äußeres im Laufe der Gezeiten durch ihre Lebensweise. So entstanden im-mer vielfältigere Arten, die in den Uranfängen nicht vorhanden schienen.

In weiten, leuchtenden Kreisen bewegte sich der Weltenkörper Astarte im singenden Rhythmus heiliger Gesetze, um ihn erglühten nah und ferne viele andere Welten, alle waren umhegt gleich ihm von der Liebe der wesenhaften Diener Gottes.

Ganz ferne, aber dennoch weithin sichtbar in den Bogen des Fir-maments wandelnd, erschien unter vielen anderen Sternen in den schattenhaften Mondnächten des Sternes »Astarte« ein großer, feu-rig roter Planet. Und jene Wesenheit, die seiner glühenden Stoff-lichkeit Verdichtung gab und ihren Eigentümlichkeiten entsprach, war auch Astarte in wunderbarer Neigung zugetan.

Über dem ewigflammenden Meer roten, brodelnden Stoffes schwelte das lichtvolle Haupt mit wehendem, rötlichflammendem Haar. Aller Elemente Gewalt schien er, der kriegerisch feurige We-senhafte auf jenen Weltenkörper konzentriert zu haben.

Ferner denn die beiden anderen Ausgeborenen des großen Son-nenballes wälzte sich sein Feuerleib in den Gründen des Kosmos. Und dennoch war seiner Glut noch keine Verminderung wider-fahren, obwohl er in weiterer Entfernung von der Sonne größere Abkühlung erhalten mußte.

Er hatte die Kraft der Sonne noch selbsttätig in sich, entsandte dauernd Flammenwelten und arbeitete wie ein gebärender Dra-che. Funken sprühend war sein Umkreis auf viele Lichtjahre hinaus und er selbst war ein Feuermeer. Nichts war ihm gemeinsam mit dem kühlsonnigen, blauschimmernden Glanze seines Schwester-gestirnes, völlig verschieden war seine Artung. Um die Dunstkrei-se, welche ihm entquollen, zuckten Flammen starker Entladungen. Dumpfes Grollen kam aus seinen unergründlichen, flüssigen Tie-fen, und die Wolken, die er entsandte, waren mit spannenden Kräf-ten erfüllt.

Hier und da, stets in Bewegung, flammte das Haupt des mächti-gen Wesenhaften über und in diesem zuckenden Rotlichte auf.

»Thorsflamme«, so nannten die Geistigen den Stern, dem der donner- und waffengewaltige Thor Ausdruck und Form gegeben.

Eine ganz dünne, verzehrende Nähe, nicht Atmosphäre zu nen-nen, umgab diesen Körper des Feuers und stark elektrische Kräfte strömten aus ihm. Nichts Wässeriges war zu verspüren. Urzeitlich neugeboren, war er ohne Lebewesen, nur die umhüllenden elemen-taren Feuerwesen des Mars (Thor) schien er zu tragen.

Auffiammend, anregend und erregend, fieberhafte Hitze und freudige Kampflust erzeugend wirkten die entferntesten Strahlen aus diesem Gestirne auf die übrigen Wesen, die umliegende Welten trugen.

In den Strahlungsnetzen der feinen Grobstoffiichkeit vermochte das Auge des Geistes die Wirkungen der Planeten gar wohl zu er-kennen.

 

In weit auswirkenden Zusammenkünften kreuzten sich diese Kräfte, die Geistiges, Wesenhaftes und Stoffiiches zu bestrahlen vermochten, je nach der Beschaffenheit des Geschöpfes, das sich entsprechend zu öffnen vermochte. Wie die mächtige Sonne das Wachstum aller Arten mit ihrer Kraft anregt, so wirkte auch jeder Planet seiner Gleichart Förderung, wenn nicht andere entgegenge-setzte Kräfte abbogen oder störten.

Jede Art hatte eine andere Gleichart, die jeweils gefördert wurde. So erstanden durch die Strahlenkräfte des Mars besondere Metalle, Pflanzen, Steine in weiterer Verdichtung, zu besonderer Kraft und Wirkung.

Viele Monde fühlten sich angezogen von der unbeschreiblich saugenden Kraft, die diesem Sterne in gewissem Umkreise eigen ward. Sie vermochten nicht hinauszudringen und wurden immer wieder in seinen Bereich zurückgesogen. Auch diese Monde sind noch ganz seiner Art, also feurig, haben aber nicht mehr die eigene Energie.

Sie besitzen kein Wasser und daher auch nicht das wundervol-le Flimmern gleich den Gestirnen, deren Atmosphäre mit Wasser erfüllt ist. Die auf diesen Monden wesenhaft Wirkenden arbeiten besonders in den Strahlungsführungen, da sie auf Lebewesen kei-nen Einfluß ausüben können. Die dort sich bildenden Wesenhei-ten erreichen auch nur den Zustand feiner Grobstoffiichkeit und sind Übergangsstadien der Geschöpfe. Sie sind wie rötliche Geister, haben keine Füße, sondern Schwingen, und ihre Köpfe, die haupt-sächlich ihr wesentliches Sein tragen, sind ausgeprägt geistig-intel-lektuell. Äußerlich aber nicht schön.

Sie ähneln den Vögeln im Ausdruck, sind sehr beweglich, haben ihr Gesetz und ihre Sprache, doch bedürfen sie keiner Stoffiichkeit, sondern bedienen sich feinerer, menschenähnlichen Geschöpfen noch fremder Kräfte. Wundervoll sind ihre Stimmen, die aber das stoffiiche Ohr nicht hört.

Ungeheure Weiten, Weltenfernen, erfüllt von gewaltigen Strö-mungen und luftleeren Räumen, brausende Untiefen in feinem Stoffe breiteten sich zwischen den unzähligen Himmelskörpern aus. Es war für den Geist, der in solche Stoffiichkeit sich stellte, als befände er sich, mit Eurer Vorstellung ausgestattet, in einer weiten, mächtig ausgedehnten Kugel, in welcher dieses ganze Sonnensy-stem und noch viele andere seine gesetzmäßigen Kreise zog.

Alles darin ist keine Sekunde bewegungslos, und die treibende, strömende Kraft, die durch alles zieht, löst viele andere Kräfte aus. Die Gestirne haben ihre schützenden und helfenden Wesenhaf-ten, die sich in freudigem Schaffen, Helfen und Verbinden ewig im Dienste Gottes üben. Es sind die eigentümlichsten und die schön-sten Erscheinungen unter ihnen, die am nächsten der Art der soge-

nannten Luftgeister kommen.

In dem Kranz der kleineren der Planeten bewegte sich auch ein Gestirn, dessen Glanz große Ähnlichkeit mit dem blauen Licht der Astarte besaß, schimmernd in leuchtender Reinheit drehte es sich in vorgezeichneter Bahn.

Ähnlich dem Licht des Sternes Astarte war auch die Dichte, die um ihn lagerte, die, zitternd von wässerigem Stoffe, schwimmende Bilder in lieblichsten Farben spiegelte. Hier war eine leichte, lin-de Kühle, und Luftgeister ohne Zahl tummelten sich in dieser At-mosphäre. Es erschien, als schwämmen sie unberührt und unver-mischt mit diesem Stoffe in einer ewig dahinfließenden, bläulich schimmernden Flut.

Niemals wird Menschenwerk diese Schicht der stark explosiven Kräfte, die dort in fast unsichtbarer, zart schimmernder Feinheit strömen, mit den Produkten ihrer Verstandesbauten durchbre-chen! Hier ist die Grenze, die dem Menschenwerk gesetzt ist.

Wie durch einen Spiegel oder durch einen überaus klaren See, so dringen die Strahlen der Gestirne durch diese Schichten hinab zur Erde. Und wie die Strahlungen sich brechen, so dass sie an der Oberfläche des Sees an anderer Stelle Gegenstände zeigen, welche in seiner Tiefe schwimmen, so stehen auch die Gestirne nicht an der Stelle, an welcher die Luft ihre Strahlung widerspiegelt.

Wenn Ihr in dem unendlich erscheinenden Himmelsraum, der Luftschicht um die Erde, Euch tummeln könntet gleich den Wesen-haften, die da weben, Ihr bekämet ein ganz anderes Bild über die unendlichen Ausdehnungen alles Geschaffenen und über die klei-ne Rolle, welche die Erde hierin spielt. Dennoch aber ist sie auser-koren zu so hohem Erfüllen in der Geschichte der Schöpfung und ihrer göttlichen Erlöser!

Gleichzeitig, innerhalb dieser endlos erscheinenden Endlichkeit, gleichzeitig mit dem Mutterstern, der Sonne, gleichzeitig mit noch sechs solcher Sonnensysteme und sechs Weltenteilen ähnlicher Ar-tung, ward dieser Teil der Nachschöpfung gebildet. Ein Willensakt Gottes hat sich damit in Ewigkeit und Zeit entrollt.

Urweise wie all diese in der Schöpfung wirkenden Kräfte war auch Hertha, die Walterin und Hüterin der Erde.

So wie Astarte, die Licht- und Schönheitleuchtende, war Hertha nicht. Ernst, weise, mehr dem Stoffiichen zugewendet, wie von der Schwere der Materie zeugend, die Urform derselben im Willen er-kennend, erlebend und ausströmend, so war ihre Wesenheit. Ur-mütterlich, gebärend, hegend, duldend, mahnend. Eine leise tiefe Wehmut im Schwingen ihres Seins, das Zukünftige ahnend, das die Erde erlebt.

Sie wob um die Erde in ihren feinen Ausstrahlungen, und sie war auch in ihrem Grunde, wo sie des Wachstums und Gedeihens wachte. Groß war sie und silberlichtgrau, von erdigen Nebelschlei-ern umwallt, tieblaues Leuchten strahlte aus ihrer wesenhaften Hülle.

Wo sie war, da sammelte sich das Feste, schied sich das Wasser, hoben sich die Dünste und Dämpfe und zogen über die weiten, ne-belstillen Fernen hin. Gurgelnd, sickernd liefen die Wasser zusam-men, und die Meere hoben ihre Wogen unter dem befehlenden Ruf Njördhrs. Seiner Wirksamkeit waren alle feuchten Elemente unter-tan, er diente in gleicher Weise Thor, Hertha, selbst Sonnvater so-wie dem eisernen Willen Merkurs, der alle diese wesenhaften Füh-rer der Elemente mit seines Wollens lebendigem Strahl lenkte. Sein erzitternd grünlich gleißendes Silberlicht strömte durch Njördhrs weit strahlende, luftig-flüssige Gestalt.

Ein weißer fließender Bart umwogte ihn wie Meeresschaum, alt und weise war er anzusehen und dennoch blieb er jugendlich wild in seinem Wirken.

Herrlich war es, wenn die Luftgeister wie grauweiße Fahnen um ihn flatterten und bliesen auf den feinen Flöten des Windes. Die Strömungen der kämpfenden Wasserdünste, die Wärme- und Käl-teschichten nahmen diese Schwingungen auf und heulten sie lang hin über die wogenden Wasser der Erde.

Oft waren sie in regem Gespräch miteinander, die Hüterin der Erde und der Herr der Wasser, oft aber auch in einem wilden Kampfe gegen die Asen, die Lichtträger, gegen die sie ihre wilden Winde und Nebel zu Kampf schickten; denn es brüllten die Elemente in den Höhen und auf den Wassern, es tobten noch die Feuer in den Tiefen der Erde. Zu wildem Weltkampf sammelte sich alle wesen-hafte Schar und bewirkte gerade dadurch Wachstum und Entwik-kelung auf der Erde.

 

Heilig ist das Wort! Das Wort, das sprach:

 

»Es werde Licht!«

 

Es ist das Leben. Nichts ist außer ihm und alles das ist, ist aus ihm. So unermeßlich ist dieser Begriff, daß der Menschengeist im Ir-dischen ihn nicht zu fassen vermag. Denn durch das Sein im Irdi-schen ward er in einen Teil der Schöpfung gestellt, die endlich ist, die Raum und Zeit bedingt und darum nur bis zu einer bestimmten

Grenze begriffen werden kann.

Da aber der Mensch eine Grenze hatte, lebte er auch immer nur bis an jene, seiner derzeitigen Reife entsprechende Grenze und fühlte sich darin als Mittelpunkt. Das Wort aber hat ihm mehr ge-geben, es hat ihm Alles gegeben, es hat ihn in die Schöpfung gestellt, nicht nur in die Stoffiichkeit!

Das Wort hat ihn mit Geist erfüllt, mit dem lebendigen Geist, dar-aus Alles geschaffen ist. Alles, das wesenhaft wirkt, stand und stehet noch im Geist des Wortes seit Anfang an. Darum ist es lebendig und nicht tot. Wer den Begriff, den ich Euch sage, erlebt, der kann sich in das Leben, in das Gesetz stellen und er wird nicht sterben.

Die Wesenhaften breiteten sich über die Erde, sie wirkten in ihr, auf ihr, über ihr. Sie spannen silberlichte Netze, mit denen sie alles verbanden, durch die sie ihr reines Helfen strömten von oben nach unten und zurück. Sie wirkten sich selber darin immer kraftvoller aus und es prangten die Welten unter ihren gesegneten Händen; es schmückte sich die Stoffiichkeit aus ihrem Schaffen; denn strahlend durchzog der Strom der lebendigen Kraft alles Geschaffene.

Überquellend in der Fülle der Lebensfrische war die Welt, schön, von dem Hauch der paradiesischen Gefilde erfüllt, die Natur unberührt, rein, heilig und groß, wie alles, das aus dem Wort des Herrn hervorgegangen ist.

Und so waren auch die ersten Erdenmenschen, die aus der idealen Urform des Tieres noch das hünenhaft Anspringende, Wache, Un-persönliche trugen, die noch erfüllt waren vom rein Wesenhaften und dennoch schon ihre menschengeistigen Fähigkeiten bis zu der Reife entfaltet hatten, daß sie weit über das Tier hinausragten, daß sie ihren Verstand gewollt zu nützen begannen, daß sie aufrecht gingen und ihre Angesichter schon den Ausdruck des geistigen Le-bens trugen. Immer mehr zu dem Ebenbild der Lichten werdend.

Diese waren für sie einfach da; denn sie waren immer, von An-fang an, seit die Menschen selbst bewußt waren. In unerreichbar lichter Höhe standen sie, auf goldweiß schimmernden Lichtbogen, die zur Erde hinabtroffen wie strahlende Kristallströme, auf Stufen, die hinauf zu Sonnvaters Thron führten. Ihn aber vermochten sie nicht zu schauen vor der Gewalt seines Glanzes.

Im rhythmisch immer wiederkehrenden Wandel der Sonne gli-chen sich auch Tag- und Nachtgleichen aus. In strahlendem Bogen erstand an höchster Stelle der Erde auch Sonnvaters Brücke ins hei-lige Reich der Ewigen.

Schimmernd war dieser Bogen erbaut, von Sonnvater selbst mit Hilfe der luftigen Helfer. Wechselnd im Strahlenbogen, glühte sie zu Zeiten auf, tageshell und blau strahlend, dauernd lebendig, wun-derbare Lichter über die Erde gießend. Sonnvaters positive Kräfte sandte er aus, die in höchster wässeriger Atmosphäre kleine Kri-stalle feinsten Stoffes tragen. Diese Strahlungsbrechungen feiner Grobstoffiichkeit ergaben nach der Annahme der Menschen die Lichtverbindung für die Himmlischen.

Ein leuchtender Wesenhafter, anzusehen wie ein lichter Held, ein Glänzender, mit goldenem Horn, hütete die Brücke, über die die Lichten wandelten.

Wundervolle Gründe breiteten sich zu Füßen jenes strahlenden Lichtgürtels, der die Erde an höchster Stelle traf. Meer und Strand erglühten in den wunderbaren Strömen dieses himmlischen Leuch-tens, aubrausend in tiefem Blau bäumten sich des Meeres schim-mernde Wogen mit weißen Kämmen. Lieblich schmiegte sich ein saftgrüner Rasen an den Rand der sandigen Küste, an die das Meer weißen Schaum spülte, der vertrocknend kleine spitzenartige Rän-der nach oben richtete.

Weiche Hügelgruppen breiteten sich in der Ferne, wie helle Wo-gen, die einst die arbeitende Tiefe der Erde geworfen. Kleine damp-fende Feuerseen brodelten in den oberen Mulden und um sie her breiteten sich weiche ascheartige Strecken, die den saftigen Wiesen Nahrung gaben, wenn der Wind ihre staubigen Keime über das Land trug.

Ein wundervoll heiliges Tönen klang aus der Weite, wo des Mee-res blaue Flut brandete, und das feine Stöhnen eines Windes lag über den milden Hügeln. Reiche Wälder dehnten sich nach dem in-neren Lande zu und es schien dort der Boden feuchter zu werden. Eine Unzahl von Vögeln belebte die Ränder des Meeres. Flatternd und kreischend säumten sie in dichten Scharen die Ufer. Weit hin-aus strichen sie, mit blendenden Flügeln über die Wasser, und die Lichter des strahlenden Nordlichtes spiegelten sich auf den feuch-ten Leibern.

Groß und schön waren die Tiere, deren Füße Schwimmhäute trugen. Ihre Köpfe reckten sie auf kräftigen, schneeweißen Hälsen hoch dem Licht entgegen.

Auf den kleinen Vorsprüngen und Hügeln rasteten sie von wei-tem Fluge, immer wieder neue Scharen, die in Massen heranström-ten. Unten wälzten sich fischartige Hunde, deren Flügelfortsätze verkümmerten und zu Flossen wurden. Des Abends, der schnell anhob, da lange Dämmerung eine Seltenheit oder abwechselnd manchmal ein Dauerzustand war, kamen viele Tiere von dem In-neren des weiten, stillen, sich in Nebel hüllenden Landes gezogen. Silberblau, von dem periodischen Zucken des Nordlichtes strah-lend entfacht, glänzte diese Welt wie ein Märchen.

Die Meeresgestalten der Wasserjungfrauen tauchten aus den Wel-len, die weißen Arme, die blitzenden Fischgestalten hoben sie ins bewegliche Licht der silbernen Strahlenbrücken der Lichtasen und ein jubelndes Lied verherrlichte Njördhrs, dem sie dienten.

Fische kamen bei dem Klang ihrer Stimmen, als lockten diese sie an, und frohe, jubelnde Vogelstimmen antworteten vom Lande her, fern aus den rauschenden Wäldern, durch die das Nordlicht mit greifenden, zitternden Reflexen zu rieseln schien.

Hochaufgerichtet stand eine leuchtende Gestalt auf einem Hügel nahe der raunenden Wälder. War es Heimdall, der lichtstrahlende Wächter der Brücke, der da wachsamen Auges in die Weite spähte? Leise raunte ein kleiner, frischsprudelnder Quell zu seinen Fü-ßen, die mit weichen feinen, kaum behaarten Ledern umwickelt waren. Lichtweiß erschien seine fast unbekleidete Gestalt, die nur über Schulter und Lenden ein helles zottiges Fell geschlungen trug. Die Arme waren sehnig und voll natürlicher Muskelkraft, doch ebenso weiß wie der Hals, der aus dem zottigen Fell gar wunder-sam hell sich hob. Lichtblondes, dichtgelocktes Haar fiel bis auf die Schultern. Ein weißes Lederband hielt es zurück, das mit Federn von wunderbar glänzender Farbenfülle geschmückt war.

Um die Hüften hing ein großes Horn, weiß an einem Gürtel aus Muscheln. Dies bildete den einzigen Schmuck. Die Lichtbewegun-gen brachten dauernde Veränderung über die Landschaft, sie be-leuchteten auch zeitweise das helle, kühne Angesicht des unbeweg-lich Lauschenden.

War es Heimdall, der Wesenhafte - oder war es ein Mensch?

Da brauste eine Schar springfröhlicher Horntiere mit eiligen, fe-dernden Sätzen aus dem Schatten der Bäume. Hurtig erfaßte der Helle seinen Speer, daran ein Stern von scharfen Muscheln des Meeres kunstreich geschliffen die Spitze bildete.

Ein kraftvoller Wurf und schon stürzte das erste Tier des Rudels, an die blendende Brust unter dem Hals getroffen, zitternd zusammen.

Mit schnellem Sprung war der Blonde hinzugeeilt, selbst wie ein Tier die vielen welligen Hügel übersetzend, die ihn von seiner Beu-te trennten. Als erstes untersuchte seine gewandte sichere Hand, ob das Tier verendet sei, damit es nicht unnötig leiden möge.

Das gebrochene Auge und das stille Herz sagten dem Kundigen genug, während die Glieder noch in leisem Zucken erstarben.

Er band die Läufe der schlanken Gazellenart mit dem zähen Darm eines Tieres zusammen und mit weitem Schwunge hob er es auf die kräftige Schulter. Dann ging er, mit weitem elastischem Schritt über das weiche, feuchte, silberblau schimmernde Moos landeinwärts.

Es war eine sanfte Höhe, die er hinter dem Walde erstieg. Nir-gends ein Weg, kaum ein schmaler Pfad, doch das kundige Auge kannte jede Spur und das Knicken der kurzen, rauhen Gräser ver-riet ihm, daß er die Richtung nicht verfehlte.

Fern zogen weite Herden von großen, schwarzen, behörnten Tie-ren in die dichteren Wälder. Ihr Brüllen reichte zuweilen an das Ohr des stillen, nachdenklichen Wanderers. Riesenhafte Tiere mochten es sein, die da mit ihren Kühen und Kälbern landeinwärts zogen. Sie kamen von der Tränke.

Als der Wanderer die höchste Stelle des langhingestreckten Hü-gels erreicht hatte, blickte er in eine weite, tiefe Runde. Es sah aus wie der Kessel eines ausgebrannten und verschütteten, ganz nie-deren Kraters, was sich da vor ihm auftat. Hell huschte das Him-melslicht auch über diese Stätte, die die lichten Helfer einer kleinen Menschenschar zur Heimat gegeben.

Helle, weißlich schimmernde Hügel grüßten ihn aus der Tiefe, in dem einen der kleinen Nester glühte das Feuer des heiligen Herdes, kräuselte der dünne Rauch durch die Öffnung der Decke. Das war sein Heim, Holda wachte noch und harrte des Genossen, dem sie das Mahl bereiten wollte.

Zum ersten Male, da er Holdas gedachte, bewegte sich ein sonni-ger Glanz, der kaum ein Lächeln zu nennen war, aber ein glückseli-ger Ausdruck reinsten Glückempfindens ging über das herbe, schö-ne Gesicht. Kühn war es, hoch und stolz das lichte Haupt erhoben. Frei, keines Druckes bewußt, einfach, lauter und klar der Blick des blauen Auges.

Tief und still war das Auge, genau wie die Wogen der See war es manchmal hell und voll Glanz und dann wieder dunkel und ohne Grund. Es spiegelte sich in ihm der reine Geist, der unbeschwert die Gaben Gottes empfangen lernte. Dankbar, schlicht und voll Wachsamkeit, beständig in dem reinen Weben des großen Schöp-fungsgeschenkes lesend und es aufnehmend, wie es Lichtvater ge-geben: rein, groß, unversiegbar und einfach.

Heiliges Danken strömte sein Geist aus, da er der Hütte des Wei-bes gedachte, die er sein eigen nannte, und auch der Gaben aus Lichtvaters Hand, die Sonnvater strahlend betreute, die von Hul-den webend und helfend umwoben wurden.

Er sah sie alle, er liebte sie alle, er sprach zu ihnen nicht mit der Stimme seines Mundes, aber mit dem Glück und dem Schmerz, mit dem Dank und der Sorge seines Herzens, und sie verstanden und lauschten und antworteten auf ihre Art.

Er blätterte so in einem lichtdurchfluteten Buche, das nicht ge-bunden und nicht geschrieben war mit der Hand des Menschen. Er las in den Blättern des Buches des Lebens, das ihm die Wesenhaften lebendig zeigten und dessen Stimme er verstand. Er erlebte in den Gaben der Natur das Wort Gottes.

»Nichts ist außer Ihm, und alles, das ist, ist aus Ihm, der da sprach:

Es werde Licht!«

Und der dieses wußte mit seinem Geiste, der zum ersten Male die Stoffiichkeit der Erde betrat, war Johannes, mit dem Erdennamen

»Hjalfdar«.

 

Hjalfdar stand lange sinnend auf der Höhe, weit dehnte sich das tiefe Blau des Dämmerlichtes über den klaren Horizont. Ein riesi-ger Stern stand in einer Höhe, die ihm unerfaßbar schien. Blickte er lange dazu empor, so war ihm, als drehe sich der ganze Himmels-raum wie eine blaue Glaskuppel, mit allen anderen Sternen und auch der Fläche, auf der er stand, um diesen einen Lichtpunkt, der unendlich weit, außerhalb der Welt zu sein schien. Er glaubte, daß die Landschaft, in der er lebte, wie eine flache Scheibe auf dem un-endlichen Meere schwimme, wußte er doch von seinen Jagdzügen, daß dieses schöne Heimatland von drei Seiten mit Wasser umgeben war. Nach der vierten Seite zu, wo das Land sich weiter ausdehnte, konnte er bisher noch kein Meer erreichen und nahm darum an, daß dieses Land sehr groß sein mußte.

Es schoben sich im Inneren des Landes auch allerhand Hinder-nisse in den Weg. Vor allem gab es dort einen Landstrich, der viele feurige Explosionen und Aschentürme hervorbrachte. Grollend er-zitterte dann der ganze Boden, die See warf mächtig hohe Wogen und es brüllte ein heißer Wind auf, der Tier und Mensch erschreck-te und fliehen machte.

Flammende Feuergeister durchtanzten dann die Lüfte, zuckend breiteten sich die roten Dämpfe vor Sonne, Mond und Gestirne, nur der Strahlenbogen der Asen warf seinen Lichtflammenschein beweglich und wechselnd durch die Gluten. Es sah dann sehr ge-spenstig aus und die Menschen raunten vom großen Kampf der Ewigen, den Lichten und den Irdischen, die Erde und Meer mit ihrer Gewalt lenkten nach dem Willen Lichtvaters.

Ihnen war dann, als brenne die Welt. Immer mehr empfanden sie in der Verbindung mit allem Wesenhaften die große Macht die-ser Kräfte der Natur. Stets waren sie wachsam, besonders Hjalfdar wußte an den Zeichen, die ihm die Wesenhaften durch manche Tiere oder durch Licht und Schatten, durch den Duft des Grases, die Stärke der Feuchtigkeit, durch Wind und Sand gaben, auf Tage, ja oft auf lange Mondkehren hinaus zu beurteilen, wann und wo wieder solche Ausbrüche kommen würden. Er wußte dann, wie er sich mit Nahrung zu versorgen hatte und besprach sich mit denen, die gleich ihm Jäger und Fischer waren.

Durch die Führung der Wesenhaften waren sie auch auf ihre Bauten gekommen, die ihnen bei furchtbaren Unwettern Schutz gewährten. Am liebsten wären sie vorher bei Unwetter in die Erde gekrochen, aber der Boden der ihnen fremd und unsicher, teils feucht, teils spröde war und brüchig, eignete sich nicht zur Wühl-arbeit.

So kauerten sie, die Frauen schützend, vor den Ausbrüchen des Sturmes unter ihren Fellen, wie scheue Tiere, und baten ihre lich-ten Helfer um Rat und Trost. Mit scharfen Augen, jeden Nerv ge-spannt, blickten sie hinaus in das wirbelnde Treiben der Elemente und gewahrten nichts als Staub, der mit rötlicher Glut erleuchtet um sie wirbelte.

Hjalfdar und einer seiner Brüder aber krochen hinaus aus den bergenden Häuten; denn sie mochten das Weinen der Kinder, das Beben der Frauen, nicht mehr ansehen.

Sie kämpften sich durch den Sturm, um Obdach, einen Baum, eine Mulde oder einen schützenden Hügel zu finden. Da gewahrten sie mittelgroße, schleiergraue Vögel, die ängstlich, aber gewandt nahe dem Boden umherflogen. Diese holten sich allerhand feine Fasern, Stücke poröser Asche und Lehmstoffe, wie er da umherlag. Und in ihnen sagte eine Stimme:

»Tut gleich den Vögeln. Folgt ihnen und sehet!«

Und sie folgten der Richtung, in welcher die Vögel verschwanden. Da gewahrten sie in einiger Entfernung, im Rücken eines langge-streckten Hügels, weißgraue, eigentümliche Gebilde auf der Erde.

 

Wie Kugeln, nach oben etwas zugespitzt, saßen sie unbeweglich auf demselben Punkte. Unzählige waren es. Eilig und schreiend schwirrten die eulenähnlichen großen Schwalben durch die kleinen weißen Hügel, die die Menschen von ferne mit Vorsicht belauerten. Es konnten da allerhand Tiere verborgen sein, deren es in Massen gab. Schlangen, Vögel, große Eidechsen oder auch Murmeln.

Doch da sich weiter nichts regte, auch keine Warnung von oben erfolgte, gingen sie näher und sahen, daß es diese Vögel selber waren, welche sich mit dem Bau der kleinen Hügel beschäftigten. Sie untersuchten einen solchen Bau gründlich, der eben verlassen schien, doch hüteten sie sich wohl, ihn zu zerstören; denn sie kann-ten die Folgen nur zu gut, die solche Sünde wider die Natur für sie gehabt hätte, sahen sie doch die Vorgänge, die sich hierbei feinstoff-lich um und an sie hefteten. Sie fühlten jede falsche Handlung wie die Last eines großen Steines auf sich drücken und erlebten dann nach kurzer Zeit einen Rückschlag aus der Welt des Wesenhaften, der nicht ausbleiben konnte durch die Ausstrahlungen, welche sie selbst erzeugt hatten.

»Wenn Ihr Euch vor Übel und Leid bewahren wollt, so seid wach-sam allezeit«, hatte Hjalfdars Vater sie gelehrt. Und so wußte es Hjalfdar selber und hatte es erprobt.

»Du darfst keinem Geschöpfe des Allvaters Leid zufügen, um ei-genen Vorteils willen!« hatte der Leuchtende ihm gesagt, der ihm so oft erschien.

Das war nicht immer leicht im Kampf mit der Natur, und sein sinnend Auge kam daher, daß er sich so tief mit den Gedanken über den Kampf in der Natur befaßte. In jener Zeit wagte er nicht mehr ein Tier zu fangen, da es in der Falle litt. Und doch durfte, sollte er töten; denn der Lichte hatte ihm gesagt:

»Du sollst Dich von den Tieren des Waldes, des Wassers und der Weide nähren; denn sie sind rein. Auch von den Vögeln, die kein Aas fressen. Du sollst Deinen Leib gut nähren, aber nicht im Über-fluß. Du darfst das Schwächere besiegen, aber Du darfst es nicht quälen. Rein sei Dein Denken, dann bleibst Du rein im Tun!«

Und diese Worte des Lichten, der durch Heimdalls Brücke zu ihm gesprochen hatte, hatte er dem Stamm verkündet; denn es war für sie das erste und nötigste Lebensgesetz.

 

In allem halfen die lichten Freunde. Sie führten mit unfehlbarer Sicherheit zu jenen Stellen, die den richtigen Lehm, die richtigen Zweige, Gräser und Halme aufwiesen, um solch ein schützendes Nest im Großen zu erbauen. Die tüchtigen kleinen Baukünstler zeigten genau, wie der Bau von Grund aus durchzuführen war, die Männer mußten nur mit großer Vorsicht all ihr Tun beach-ten. Wie herrlich eingefügt in die Gesetze der Natur war doch der Menschengeist! In freudigem Schaffen brachte er in kurzer Zeit die schönsten Nester fertig, mit einer runden Öffnung als Eingang und einer Öffnung für den Rauch der Flamme. Ein kleiner Herd ward in seine Mitte gegraben, mit dichtem Schlamm des Meeres ausge-bettet und so eine Stätte bereitet für die goldene Flamme, die sie aus den Ausbrüchen der Feuerseen geholt und bewahrt hatten.

An einer Stange wurde dann das Fleisch über dem Feuer geröstet, die reichlichen Früchte aber in der glimmenden Asche gebraten. So nährten sie sich während der dunkleren, kälteren Gezeiten, die immer wiederkehrend dem Höchststand der Helle regelmäßig folg-ten. Felle schmückten den runden Innenraum und dienten auch als weiche Lager. Muscheln bildeten die ersten Gerätschaften so-wie scharfe, an ihnen geschliffene kalkähnliche Steine, die auch zu Wurfgeschossen und zu Hiebwaffen gebraucht wurden.

In großen, riesigen Früchten, die jetzigen Kürbissen glichen und auf hohen, dichten Strauchgruppen wuchsen, die niederen Zirbeln ähnlich waren, wurde der frische Quell geschöpft. Sie waren wie Krüge und Schalen als einzige Zierde zu sehen neben den Muschel-speeren und den Waffen der Männer.

Die Waffen bestanden neben den Speeren aus Keule, Axt und Messer.

Die Frauen saßen zumeist vor ihren Nestern, die sie mit dem Wort Baude bezeichneten. Sie waren still, herb und derb, doch nicht ohne Schönheit. Blondes Haar umhüllte sie, viel länger war es als das der Männer; sie banden es mit einem Pflanzengebinde im Nacken zusammen.

Vor sich hatten sie oft einen Rahmen roh zusammengefügt und auf Pfählen befestigt, damit flochten sie Netze, die zum Fangen der vielen Fische benutzt werden sollten. In den Bächen Wurden die Fische mit den Händen gefangen. Am Meere aber ließ man die Netze aufgespannt stehen und harrte der Stunde, da Njördhr seine wei-ßen Meeresrosse zu Strande trieb. Donnernd kam dann eine Flut und überspülte bis weit in die feuchten Wiesengründe den rauhen kalkigen Strand.

So war durch die Führung der Wesenhaften den Menschen eine Heimstätte geworden. Sie blieben da und bauten sich ihre Hütten. Eine kleine Siedlung erstand dadurch in kürzester Zeit. Die Lage war günstig für die Menschen; denn auf der nördlichen Seite la-gen sie nicht weit entfernt von dem Meere, das seine frische Kühle sandte und den Dunst und Dampf ferne hielt, der aus den Feuer-seen oft in langen Schwaden südöstlich zog.

Östlich weiteten sich die grünen Gefilde, sanfte Hügel und erlo-schene Kratermulden, die mit kurzen, saftigen Gras und Moosarten bewachsen waren. Klare, süße Wasser entsprangen dort und riesel-ten in einem schmalen Bachbett quer durch das Land ins Meer. An des Baches Ufern gediehen besonders saftige Pflanzen mit üppigen Blättern.

Weiter östlich wandernd erreichten die Menschen niedere, aber dichte Wälder, die hauptsächlich aus mächtigen Farnenarten und eigentümlichen schachtelhalmähnlichen Bäumen bestanden. In den hohen Schachtelbaumwäldern war ein reges Treiben von Tie-ren aller Arten, die sich nie aus ihren Wäldern entfernten. Sie wa-ren eng mit ihrer Umgebung verbunden, die sie zur Ernährung und Daseinsbedingung bedurften.

Um die zottigen und weichen Felle zu erhalten, mußten die Jäger durch diese Wälder streifen, die nicht so leicht zu durchziehen waren. So zog auch Hjalfdar eines Tages wieder mit zwei Jägern aus. Anscheinend fester, grüner Boden lockte die Wanderer, die es ängstlich mieden, einen Halm oder die dichten Gewinde zu be-rühren, welche von oben herab über die Äste hingen; denn das kleinste Geräusch störte die scheuen Tiere, die dort im tiefen Versteck lagen.

Der grüne, lockende Boden aber war oft nur eine dünne Decke feinen Geflechtes, das stille, regungslose Wasser verhüllte.

Aus ihnen tauchten zuweilen ganz unvermutet große, graugrüne Häupter auf, die selbst die Zeichnung der Blätter oder des Moosge-flechtes aufwiesen.

Mit rundem, starrem Goldauge sah ein breitgedrückter riesiger Kopf mit weitem, furchtbar gähnendem Maul auf die Wanderer, die oft ganz unvermutet davor standen. Dann stieß das Tier einen Laut aus und verschwand glucksend und fauchend unter der Decke sei-nes Sumpfes. Es war nicht böse, aber scheu.

Hatten die Jäger Glück, so entstieg es in einiger Entfernung dem Wasser und drang in das tiefe Pflanzengefüge des Waldes. Dadurch zeigte und bahnte es den Jägern einen sicheren Weg.

Häßlich war es anzuschauen in seiner riesenhaften Größe, die plumpe Gestalt auf vier kurzen, breitfüßigen Säulen, der überlange, etwas gebogene Hals, der das längliche, trotzdem sehr breite, form-los häßliche Haupt mit kleinen Ohren trug.

Im Gehen riß es sich Zweige von den wild wogenden Bäumen und trat stampfend nieder, was in den Weg kam. Die Spitzen der Bäume überragten kaum den Kopf dieses häßlichen Tieres.

Eine fast betäubende Schwüle und die Ausatmung giftiger Pflanzen, die dem Sumpf auf hohen wässerigen Stengeln entstiegen, benahm fast den Atem. Es lag ein großer Gegensatz im Vergleich dieser Wälder mit den frischen Hügelketten, wo Hjalfdars Stamm seine Hütten bau-te. Sie waren noch nicht zu den Wäldern gedrungen, die nordöstlicher lagen, anschließend an diese sumpfigen Gründe. Es sah dort aus, als hätte eine Bewegung der Erde Falten und Treppen geschoben, die zä-hes Kiefergehölz bewucherte. Im Übergang waren einige Baumarten klein und verkümmert angedeutet, die jetzt nicht mehr bekannt sind. Graue, eigentümliche Nebelschwaden zogen nordöstlich über diese Höhen, die einer kleinen Hochebene glichen. Eigentümlich zähes Erdreich ballte sich zu Klumpen und rollte bröckelnd nach abwärts, wenn der Fuß daran stieß.

Mit dürrem Nadelwerk war der Boden bestreut, lehmig spröde Höhlen zeigten sich in den Tiefen der Hügelkette. Weiter nordost-wärts führte der Weg in Nebel und Trübe.

Rauhe naßkalte Winde begannen zu blasen, und immer tiefer, immer dichter, immer düsterer drohten die Wälder, aber die hellen Gestalten der drei Jäger schritten leise und mutig, wie lauernd auf die Beute gespannt, mit unbeugsamem Willen voran.

Gebrumme ließ sich wie dumpfes Grollen unter der Erde ver-nehmen, darum stockte ihr Fuß, ihr Ohr, das leiseste Töne sofort erfaßte, lauschte gespannt. Schweigend ließen sie sich in einiger Entfernung voneinander nieder. Still saßen sie und warteten, doch nichts war zu gewahren als das leise Brummen in der Erde. Hjalf-dar erhob sich und ging, wie von unsichtbarer Hand geleitet, eine Strecke Weges hin und her, quer und im Viereck. Dann beschrieb er einen Kreis. Dies war der Umkreis, in dem er die Behausung des Wildes vermutete.

Zuletzt bezeichnete er mit der Spitze seines Speeres die Stelle, an der sie graben wollten.

Es wurde eine große Grube mit schwer zu handhabenden Schau-feln gegraben. Von großen Geweihen der Hirsche zugeschliffen, ergaben sie sehr brauchbare Stich- und Schaufelgeräte. Sie wurden kräftig und geschickt gehandhabt.

Schweigend arbeiteten die Menschen, fürchteten sie doch, das scheue Tier unter dem Boden zu warnen. Helfende Hände machten es ihnen leicht. Aus dem Lehm lachten kleine Gesichter. Die Männ-chen, denen sie angehörten, hüpften emsig umher, waren einmal auf der Schaufel, dann wieder auf den aufgeschütteten Lehmschollen, über die sie in Eile purzelten. Mit den kleinen Händen führten sie die Spitze der Spaten, zeigten die Stelle, darein der Stich geschehen muß-te. Listig blinzelten sie mit den Augen, als sie auf Widerstand stießen.

»Das ist eine Wurzel des Baumes, nur weiter, sie hält die Wölbung der Höhle, bald habt Ihr es gescha@.«

Hjalfdar konnte verstehen, Wort für Wort, was die Kleinen sagten. Er freute sich, daß sie sich zeigten. Die anderen waren im größten Eifer ganz mit sich und ihrer Arbeit beschäftigt und sahen darum nicht viel davon.

»Es ist ein schwarzer Höhlenbär«, sagte das eine der Männchen,

»fast so groß wie Du, Menschenmann. Herrlich ist der dichte Pelz. Er ist noch jung, erst zwei Sommer und schon so groß. Wenn es so fort-geht, wachsen uns diese wilden Riesen noch über den Wald hinaus.« Als hätte er es gemerkt, daß da von ihm die Rede war, klang ein Gebrumm ganz dumpf aus der Erde. Der kleine Erdenmann trippelte auf Hjalfdar zu und zeigte auf seine Hand.

»Hüte Dich heute, daß die Hand nicht Schaden leidet! Unheilfä-den spinnen sich um sie. Hat ein Tier unnötig leiden müssen von Deiner Hand? Hast Du ein Wort Allvaters mißachtet ?«

Hjalfdar stutzte. Ernst und sinnend sah er auf die rechte Hand, die groß und schlank, trotz vieler Arbeit schön geformt war.

»Ich weiß nicht, ob ich gefehlt habe«, sagte er wie zu sich selbst.

»Oft wissen wir es erst, wenn schon die Rückschläge auf uns pras-seln. Ein Huhn, von den weißen über den Klippen, traf unlängst mein Speer, als er nach einem Wal geworfen ward. Ich glaubte, es sei tot, aber es hob sich empor und lief in das Riff.«

»Ja, und dort ist es gestorben, weil Du nicht vorsichtig warst.« Warnend und vorwurfsvoll flüsterte es ein Stimmchen neben ihm.

»Die weiße Welle schmäht Dich darum.«

»Die weiße Welle!«

So hieß eine der tanzenden Töchter Njördhrs, also eine Meer-jungfer, die ihm die Fäden um die Hand gesponnen.

»Wie kann ich lösen, was ich versehen?«

»Du wirst lösen, noch ehe Du es gedacht«, sagte des Erden-männleins helle Stimme. »Nimm darum dies Blatt vom Sumpf-baum, es ist so riesengroß, und wenn Du Schaden leidest, binde es Dir auf!«

Wieder hatten die Wesenhaften den Menschengeist belehrt. Neu war es Hjalfdar, daß die Blätter gut sein könnten für kranke Stellen. Er tat, was das Männlein riet und steckte das Blatt zu sich.

Mittlerweile war der Graben fertig geworden, der mit der einen Seite an die Höhle des Bären reichte. Ein großer Ast, mit Honig bestrichen, kam hinein, dann wurde der Graben mit Zweigen be-deckt. Oberhalb aber ward eine Schicht über der Höhle entfernt, dann legten sich die Drei auf die Erde und lauschten.

Nicht lange und sie vernahmen, wie der Bär seine Höhle schnup-pernd durchforschte.

»Er riecht den Honig«, flüsterte das Männchen, das vor Hjalfdar saß und gespannt dreinschaute.

Dann hub unten im Bau ein wütendes Knurren und Scharren an, und es war zu hören, daß sich das Tier an das Graben gemacht hatte.

»Den rechten Augenblick müßt Ihr erspähen, daß er den Kopf in der Falle hält und an dem Honig leckt! Dann brecht Ihr von oben durch in die Höhle und bindet ihn. Ich aber springe durch die Zweige in die Grube und schlage ihn aufs Haupt.«

Oft schon war diese Arbeit, die mühsam, zeitraubend und gefähr-lich war, Hjalfdar geglückt. Er hatte keine Sorge.

»Du mußt allzeit mutig sein und immer auf Lichtvater trauen«, hatte ihn der Vater gelehrt, und der Lichte, der oft zu ihm sprach, hatte ihm gesagt: »Schicke keine Angst in die Welt, dann kann kei-ne Angst Dich erreichen!«

Darum hütete er sich vor der Furcht. Immer wieder sah er auf seine Hand, die grauen Fäden hingen noch daran fest.

Und der Augenblick höchster Spannung kam. Sie hörten den Bä-ren lecken und schlürfend des süßen Honigs sich laben. Die bei-den Gefährten hieben mit ihren Äxten den Gang der Höhle ein, die nicht weit unter der Erde war und standen dem Bären im Rücken.

Vor seine Nase, mitten durch grünes Ästegewirr, sauste schwer und gertenschlank die Gestalt des riesigen Hjalfdar, mit geschwungener Keule, die mit einem sausenden Schlag den mächtigen Schädel des Bären traf. Gebrochenen Blickes sah der Bär noch auf, wie Feuer so rot war sein Auge. Dann aber holte die mächtige Tatze aus zum Ge-genschlag und traf mit scharfem Krallenhieb Hjalfdars Rechte. Blut strömte herab von der Hand, Blut troff aus der Nase des Bären.

»Weiße Welle, Du hast Dein Huhn lieb gehabt!« lachte Hjalfdar, und wand das Blatt des Riesenfettbaums um seine Hand. »Dank, kleiner Erdgeist, für den guten Rat«, sagte er leise.

Dann half er den Genossen, den Bären zu befreien. Mit langem Pflanzengeschling ward er gebunden und an eine Stange gehängt, die sie sich aus den Ästen der Kiefern mühsam vom Boden rissen. Fest durchwachsen mit der lehmig zähen Masse der Erde, die teils in Klumpen rollte, teils kaum zu zerteilen war, lösten sie den Ast aus dem niedern Gehölze.

Tiefe Nacht war angebrochen. Durch die Schatten der gespenstig hohen Bäume zitterte des Mondes rötliches Licht und der blasse Nordstern in hoher Ferne.

Hjalfdar sprach sein Lichtgebet.

»Lichtvater, sonst bist Du über uns, nun aber bist Du unter uns, und Deine Kraft sei in uns!«

Während Hjalfdars Hand heilen sollte, hatte er viel Zeit zu sin-nen. Viel war er auf dem Platz vor seiner Baude tätig, bei kleineren leichten Arbeiten. Holda, sein Weib, war eifrig bemüht, ihm Hand-reichung zu tun; denn der Arm, da ihn der Bär getroffen, schmerzte doch manchmal sehr.

Hjalfdar war es nicht gewöhnt, so still daheim zu sitzen, er hatte das Wandern im Blute, er war kein Hürdenmensch. Ein Seufzer um den anderen stahl sich mehr oder weniger leise aus der Brust. Es war auch gut, hier einmal nach dem Rechten zu sehen. Sein reger, nimmermüder Geist wollte ewig fortschreiten, nicht litt er ein Ver-weilen, ein Stillestehen. Die wachen, scharfen Augen sahen überall auf den Grund, und wo er nicht sah, da zeigten es ihm die kleinen Wesenhaften.

Es kam die Zeit, daß der Stamm der Männer, der vorher gleich-berechtigt und gemeinsam arbeitete, in ihm ein Vorbild empfand.

»So, wie Hjalfdar arbeitet, ist es am besten, so, wie er jagt, erfüllt er am reinsten das Gesetz. So, wie er seine Waffen führt, so, wie er die Beute teilt, so, wie er die Lichten ehrt, ist es schön.«

Er wußte es nicht und suchte nicht hervorzutreten, sondern er hielt sich unter ihnen, weil er am besten mit ihnen gemeinsam die-nen konnte; ja, das war es: er wollte dienen! Darum war er aber auch auf dem Wege, Herrscher zu sein!

Er beherrschte sich. Dazu half ihm das Leben, die Liebe zum Weibe und zu den Kindern, die jährlich sich um eines mehrten. Es half ihm die unberechenbare Gewalt der Elemente, es half ihm der Kampf mit dem Starken und der Sieg über das schwächere Ge-schöpf. Es half ihm Sorge, Not, Freude und Segen.

Am meisten aber halfen ihm die Lichten und die Wesenhaften. Immer waren sie da, wenn er sie suchte, immer wußten sie Rat, wenn er fragte. Alles ging an ihm vorüber in den Tagen der er-zwungenen Rast. Alles kam auch zu ihm und fragte, allen fehlte er bei der Arbeit. Und allen wußte er Rat mit der Liebe, die in ihm war.

»Wie schön ist es, Hjalfdar, daß Du einmal am Herde weilst«, sagte das Weib. »Ich freue mich. Es ist, als ginge die Arbeit viel schneller, wenn Du mit Deinen stillen Augen so in die Dinge siehst. Alle sind im Umkreis wie angefeuert, Dir es recht zu machen, sogar die Kinder.«

Sie hatte recht. Die Knaben, die in allen Kindesaltern zugegen wa-ren, bis zum angehenden Jungmann, sie hielten sich alle in Hjalfdars Nähe. Sie ließen sich die Zeit zu Nutze kommen, da sie ihn fragen konnten und lernten die Waffen bereiten, wie es ihn die Hel-fer gelehrt.

So schön konnte er dabei erzählen, wie sie ihn an die Stätten geführt, die ihm Gelegenheit zu diesen Funden gaben. Von dem Kampf mit dem Riesenhirsch, den er mit einer Keule schlug, um Haut und Horn zu gewinnen. Das mächtige Geweih gab den Grund zu den ersten Geräten.

Wie mühsam war das Schleifen auf dem weichen Grund des San-des gewesen, bis ihn eine der Meerfrauen an Klippen rief, wo die schillernden Muscheln hingen. Und er unterwies sie erzählend im Gebrauch der Instrumente zur Verfertigung der Werkzeuge, der Felle, Häute und Riemen. Dann aber stand plötzlich ein Lichter vor seinem Geist, der sagte, indem er auf die Knaben wies:

»Diese sollst Du auch den Brauch der Waffen lehren und sagen, wann der Mann sie gebraucht nach dem Worte unseres Herrn!«

Erzitternd lauschte Hjalfdar, ein blendend Lichter war es, strah-lender denn Heimdall, in silberblitzender Wehr, mit einem beflü-gelten Helm. Blondes Gelock fiel aus dem Helm auf die Schultern, strahlend war sein Auge, weiß sein Angesicht.

»Führe die Jugend. Bis sie herangereift sind, brauchst Du Männer, das Deine auszubreiten über die Insel; denn viele Stämme hat Dein Gott Dir geschaffen, daß Du von ihm zeugest! Viele Pflichten hat er Dir aufgetragen, aber diese geben Dir die Rechte des in sich Star-ken; in Seinem Lichte wirst Du ewig siegen. Rüste Dir Deine Helfer und lehre sie die Ewigen ehren!«

Hjalfdar fragte nichts. Er sagte sich einfach, jeder Tag bringt neue Pflicht, freudevoll nehme ich alles auf. Was ich im Willen der Ewi-gen angreife, wird in ihrem Willen gedeihen. Und mit Liebe und Freude sah er auf seine Jungmannenschar.

Nun galt es, sie zu unterrichten. Erst rief er sie alle bei Namen. Dann stellten sie sich auf in einer Reihe, nach der Größe geordnet, und er musterte ihre Gestalten. Hoch und rank wie kleine Bäume waren sie alle gewachsen, ihre Gestalten glänzten gebräunt von Sonne, Wind, von Meeresschaum und heißem Sande.

Die kurzen Felle, die sie trugen, hingen wie Kittelchen bis an die Knie und waren mit einem Darm gebunden. Die Füße waren bloß, wenn sie in der Nähe der Bauden spielten, gingen sie aber in die Riffe, so trugen sie kleine Ledersohlen, mit Riemen befestigt. Auch diese hatten die Wesenhaften sie dehnen, klopfen und strecken ge-lehrt.

Ein fröhlicher Wind pfiff vom Meere heran, der fuhr den Knaben durch das lange Lockenhaar, das sie mit einem Gebinde zurück-hielten. Stramm wie kleine Soldaten, mit leuchtenden Augen stan-den sie und schauten erwartungsvoll auf den großen Hjalfdar, den Führer ihres Stammes, den sie wie den Vater liebten.

Und er sagte ihnen, daß sie nun, weil sie sich so gut anschickten, jeden Tag mit ihm üben dürften. Er wolle sie lehren, die Waffen und Geräte zu handhaben, die er sie zu bilden gelehrt.

Ein pfeifendes, jubelndes »Hoijo!« war ihre Antwort. Springend umringten sie .den großen Freund.

Wenn der Abend hereinbrach und die tieblauen Schatten über

den Himmel und die Erde huschten, die Lüfte erfüllt wurden von dem Brausen des Meeres, das in der Stille der Natur herüberdrang, wenn alle Laute des Getiers schwiegen, das Flattern der großen Vo-gelscharen und ihr Gekreisch verstummt war, dann dröhnte nur zuweilen das Brüllen eines großen Hirsches oder die brummenden Rufe eines Bären aus den Wäldern.

Dann sammelten sich alle um Hjalfdars Baude, Jung und Alt, daß er ihnen erzählen möchte. Und er sprach von den Abenteuern mit dem vielerlei Getier und beriet mit ihnen, wann und wie sie die Jagd ausführen sollten.

Manchmal sprach er ihnen auch von seinen Beobachtungen an Tier- und Pflanzenwelt, wie diese ihn durch vielerlei Erfahrung über die Strömung der Lüfte, Regen oder Sonne belehrten. Wie er im Keimen der Natur gleichzeitig auch immer wieder die wir-kenden Wesenhaften erkannte und was sie ihm sagten. Und er gewahrte dabei in allem Strömen der Kräfte, in allen natürlichen Endauswirkungen immer von neuem weise Gesetze, die auch auf das Leben der Menschen anzuwenden waren. Zu solchen Stunden stieg von oben der Lichte herab und seiner Stimme Klang erfüllte Hjalfdars Seele ganz.

Atemlos lauschte ihm Groß und Klein, auch die Frauen, die in ei-ner Gruppe für sich etwas abseits saßen. Und immer war das Ende dieser Abendfeierstunden ein Gebet, ein Dank an Lichtvater, der über allem thront.

Es geschah auch, daß Hjalfdars helle Augen in die Seelen seiner Hörer dringen konnten, dann wußte er, wie es an einem solchen Tage mit ihnen bestellt gewesen war. Aber er sagte es ihnen nicht, besonders dann nicht, wenn sie etwa gefehlt hatten. Doch er half dann mit einem Rat oder einem Wort, wo und wie es nötig war.

Er säte und pflanzte, baute immer auf, nie nahm er Mut oder Zuversicht durch ein liebloses Wort. Er war nie ohne Liebe, aber auch nie schwach oder weich. Diese Eigenschaften kannten die Menschen überhaupt nicht. Sie waren zu natürlich, geöffnet für das Leben und dessen Ineinandergreifen aus höheren Sphären, darum auch aller Unnatürlichkeit unfähig.

Auch hierin und in allen Fragen über das Wirken und Walten der Lichten und der Helfer war Hjalfdar am klarsten und am wissend-sten. Es war dann oft, als spräche der Lichte selber aus ihm.

Schnell wurde die Hand wieder gesund, die Blätter des Riesenfett-baumes hatten geholfen. Hell war sie, frei von allen trüben Fäden und Hjalfdar konnte sie wieder tüchtig regen.

»Nun gehe wieder hinaus in die Weite und vergiß nicht, die Jung-mannen zu rüsten. Teile sie ein nach Alter, Größe und Kraft und bilde sie von Anfang Deiner Bildung bis zum Ende. Langsam, mit Geduld. Denke Deiner Jugend, nütze die Geschenke Deiner Helfer.« Wach und tätig wurden sie alle; denn die Anlage ruhte in ihnen. Auf alle griff es über. Lebendigkeit war von früh bis abends in allem Tun.

Holda hatte viel gelernt in der Zeit, da Hjalfdar zu Hause war. Jetzt erst, da sie wieder einsam die Tage verbrachte, merkte sie den Gewinn. Ihr Blick hatte sich geweitet, sie tat die Arbeit mit wachem Willen, mit lebendigem Geist. Sie hatte offene Augen für Dinge und Menschen und die Pflege des kranken Armes hatte einen neuen Sinn in ihr erweckt.

Wo eine Wunde war, wo ein Kind oder ein Tier sich verletzte, da pflegte, heilte ihre liebevolle Hand. Sie wußte es noch nicht; denn die Wesenhaften hatten ihr einen feinen Schleier um das Auge ge-legt, aber um sie war reges Leben aus wirkenden Fäden, die Hjalf-dar schauen durfte. Wie zarte Spiegelbilder zitterten in ihrer lichten Hülle des Geistes Urformen feiner Kräuter und Blumen auf, davon sie wissend Nutzen für Leidende ziehen sollte.

Oftmals erfüllte sie ein starkes Drängen, das sie sonst nie gekannt, die Baude, den Ring der Hütten zu verlassen, gleich den Männern etwas zu suchen. Scheu sprach sie es vor Hjalfdars Augen, die in einem freudigen Leuchten ihr Mut gaben.

»Gehe nur hin, wo Du es wünschest, Holda«, sprach er froh, »wer sucht, der findet!«

Die großen Mägdlein vermochten leicht, Holdas Arbeit für Stun-den zu dreien zu tun. Fröhlich plaudernd und singend walteten sie am Herd und Lager und am Flechtrahmen.

Holda ging zum erstenmal an Hjalfdars Seite dem Strande zu.

»Du mußt erst Umschau halten und die Gründe beobachten, Holda, auch die Tiere, die dort äsen, ihr Gebaren, das sie zeigen. Denn wer die Baude verlassen will, muß Weg und Steg im Dunklen finden und die Laute der Natur kennen wie den Schlag des eigenen Herzens. Dann öffnen sich ihm die Quellen ihrer Geheimnisse, zu-mal er die Helfer und die Lichten schaut.«

Holda, die große blonde Frau, ging auf leichten Füßen kraftvoll dahin. Federnd war ihr Schritt, sie setzte den Fuß sicher auf die unbekannte Flur.

Sonderbar klang ihr im Dahinschreiten der Sang der Wellen, als ob sie etwas sagten. Fein war der Ton des Windes, der über die Gräser pfiff. Vögel schrieen gellend und schwangen die blitzenden Flügel, nach oben ins Blaue hinaus streichend, auf den Wellen des Windes, dann fielen sie ins Wasser ein und schaukelten weiß auf den schäumenden Wogen.

Doch plötzlich stockte Holdas Fuß.

»Es ist schön an dem Strande dort, Hjalfdar, aber ich kenne jetzt den Weg. Mir ist, als müßte ich landeinwärts, nicht dahin, wo die feinen Wolken und Dämpfe aus den Mulden streichen, sondern ge-gen die Sümpfe zu.«

Zitternd schwamm die Luft über den Sümpfen, es war ein warmer Mittag.

Die Sümpfe wurden zu Holdas Lieblingsaufenthalt. Einsam wan-derte sie dorthin, das reiche Sprossen und Grünen auf den saftigen Moosgründen machte ihr Herz in sonderbarem Takte schlagen.

 

Wie feine Schleier und Gespinste breitete sich des frühen Mor-gens ein feiner Tau über die Milliarden zartester Gräser und Pflan-zen, über die der Menschenfuß bisher achtlos gegangen war. Auf-leuchtend in dem Schimmern und den Farben aller Strahlungen der Sonne blendeten sie in ihrer Taufrische fast die Augen. Strah-lend und funkelnd wie die feinen Lichtbrechungen in den Tropfen der feuchten Gründe waren auch die Silberfäden, die zarte, hauch-lichte Elfen führend um Holda spannen.

Oft war es, als fiele ein leichter Lichtfunke von oben herab, direkt vor ihre Füße. Wenn sie sich dann bückte, dann leuchtete irgendein kleines saftstrahlendes Kraut besonders hell hervor, erschien, als ob es als Einziges auf diesem Platze wichtig sei. Und siehe, wenn sie sich neigte, wenn sie es mit der Hand nur leise berührte, dann wußte sie genau, wozu es gewachsen sei, wozu die Helfer es ihr in die Hand gegeben.

Aber es waren auch giftige Pflanzen unter denen, die sie vornehm-lich als Speise zu dem Fleische kauen sollten, oder in süßes Wasser werfen und in Gefäßen über das Feuer stellen. Diese Giftpflanzen hatten einen Strahlungsring um sich gewoben, der sich auf den er-sten Blick völlig unterschied von Ausstrahlungen sämtlicher reiner Pflanzen. Täglich entdeckte sie neues, wunderbar aufsprießendes, gedeihliches Leben auf dem Grunde dieses leise wankenden Ra-sens. Sommerlich warm brütete eine feuchte Schicht über ihm, die wie zarte Schleier die betäubende Wärme und herbe Süßigkeit der Sumpfpflanzen nach unten drückte.

Insekten schwirrten nicht weit über dem Boden und trugen den Staub der Blüten von Kraut zu Kraut. Tiere ließen sich be-obachten, die selbst Hjalfdars scharfem Auge noch nicht so nahe gekommen waren. Schwarze Eidechsen mit roten Flecken und kleinen Flügeln flatterten über die sumpfigen Wasser, die sich in Urwalddickicht verloren. Es sickerte und sprudelte in der Tie-fe. Heimliche, flüsternde, gurgelnde Wässerlein sickerten auf die Oberfläche und waren umgeben von besonders saftigen Ge-wächsen.

Wenn leises Donnern aus der Tiefe drang, warme Dunstwolken von unten durch die Kräuter stiegen, dann, war die Kreatur bange. Stumm wurde das Schwirren, das Pfeifen der hochbeinigen Sumpfvögel erstickte jäh - es schien, als lausche der Sumpf. Holdas feine geöffnete Beobachtung wußte dann sofort zu erfühlen, daß Abson-derliches vor sich ging.

Eines Tages aber grollte es noch tiefer aus den Fernen, da die Feu-erseen ihre heißen Dünste und Schleier über das Blau des Hori-zontes zogen. Leises Beben schien die ganze Natur zu erfüllen, das Schwärmen der Vögel hörte auf, nur Scharen großer Riesenwas-servögel glitten dem Meere zu und bargen sich kreischend in den schaumigen Riffen. Leise Wellen leckten den Strand, die Bächlein, die ins Meer sickerten, trugen trübe schlammigflockige Bestandtei-le und dampften metallisch glasige Dünste aus.

Holda litt es nicht mehr im Sumpfe. Ihre Gefäße hatte sie noch nicht gefüllt, dennoch ließ sie die duftenden Kräuter - und eilte mit schnellen Schritten über die wogenden Wiesenflächen.

Brausend, den Himmel beschattend, nahte sich ein Zug riesi-ger Drachen. Ihre Häupter trugen mächtige Zacken, wie Kämme oder Kronen. Ihre Flügel klirrten wie Metall. Furchtbar waren die Krallenfüße, die sie abwärtsstreckten, um im Flug ein Tier von der Erde zu greifen. Ihre Augen waren glühend rötlichgold, das Gefie-der bläulich schimmernd, wie Stahl. Unheimlich neigten sich die weichen Farnenwälder von dem Luftdruck, da diese Tiere darüber hinbrausten.

Aus den sich aus den Dünsten ballenden Wolken sahen wesen-hafte Gesichter und machten sich geheimnisvoll warnende Zei-chen. Alles war wie von einer Decke schwülen Dunstes drohend überlastet und die Erde warf sich auf, erhielt Risse und Sprünge, aus den Sümpfen stiegen Blasen.

Hjalfdars Horn dröhnte in weiter Ferne, eiligen Schrittes lief Hol-da der Hürde zu.

Hjalfdar stand auf der Höhe, der heiße Wind blies von Südosten her, sein Lockenhaar glühte goldrot im Glanz der Sonne. Der Auf-ruhr in der Natur nahm zu. Dunkle, glühheiße Staubwolken stie-gen drohend auf, die wirbelnd und die Luft mit stickigem Dunste zersetzend vom Wind herangetrieben wurden. Auch Sand, Staub, Kalk stob am Boden dahin. Alles quirlte und rieselte, bröckelte und splitterte an den porösen Grundmassen, Dämpfe benahmen den Atem.

 

Hjalfdar stand auf der Höhe, sein kühnes Angesicht flammte in zuckenden Rotlichtern, die über den Himmel zu huschen began-nen und auch sein helles Schurzkleid aus Pelz und den lichten Krei-degrund beschienen, darauf er festen Fußes stand.

Immer wieder blies er ins Horn, dessen Schall der Wind hinaustrug. Von allen Seiten strömten die Menschen der Hürde zu. Männer und die Jungmannen kamen im eiligen Lauf, bewaffnet mit dem Wurfgeschoß, vom Meere heran. Es war ihnen schon die Führung Hjalfdars anzusehen. Das gemessen ruhige Wesen hatte er auf sie übertragen, trotz angespannter Eile und Aufmerksamkeit war die einheitliche Beherrschung zu erfühlen.

Voran lief Hjalfdars Ältester, der dem Vater an Wuchs und Ge-wandtheit glich, das Gesicht strahlte in reiner Kindlichkeit, die Faust aber hielt den Speer wie ein geübter Jäger. Federnd spran-gen die geschmeidigen Gestalten über die grünen Hügel, Hjalfdars Standort zu.

Hjalfdar freute sich. Sie kannten die Gefahr, liefen aber nicht nach Heim und Herd zur Mutter, sondern sie suchten ihn, umringten ihn und wollten schützend, wachend dienen. Unausgesprochen war der einmütige Wille zur Tat aus ihnen gekommen in der Gefahr, die sie als wache Kinder der Natur wohl kannten, und so waren sie alle: ganze Männer.

In der Ferne leuchtete Holdas weißgraues Gewand, flatterte das vom Sturm gelöste Blondhaar, machten die weißen Arme ein Zei-chen. Sie hatte die Hürden bald erreicht.

»Ich schütze die Kleinen, die Kranken, die Tiere!« So hieß das Zeichen, das sie mit den Armen gab. Hjalfdar allein verstand es zu deuten. Er verstand das Wesen dieser Frauen wie das seiner männ-lichen Genossen. Sie waren edel, rein, einfach und groß, ihr Dienst war Aufgabe des eigenen Selbst in Liebe zu des Lichtvaters Walten. Viele Menschengeistflammen schlugen in diesen Stunden aufstei-gender, drohender Gefahr einmütig wie ein Flammenwall zu den Helfern empor, den Dienmut nach außen gerichtet, in Vertrauen und Ehrfurcht vor Lichtvaters Hilfe sich dankbar öffnend. So berei-teten sich diese Geister auf die schweren Stunden der Not im Stoffe. Immer dichter wurde die Masse des trüben Brodems, die von un-ten stieg, das fühlte alles Lebendige, an der Luft, die es kaum noch zu atmen wagte, wie rauher Sand legte es sich heiß, und trocken in die inneren Organe, die fast zu dörren drohten.

Von unten ward die dichte Luftschicht, die schwarz den Himmel und selbst die Sonne verhüllte, mit roter Glut emporgedrückt. Und es rollten sich die Gräser, es knisterten die Büsche, die Wässer be-gannen zu dampfen, während die Seen sich unter den dichten Wäl-dern wellend bewegten.

In den Lüften zogen brausend unzählige beflügelte, dick behäu-tete Drachen durch die Lüfte gegen Norden. Vögel flogen alle dem Meere zu, die Tiere des Meeres aber verließen den Strand und zo-gen sich in seine Weiten und Tiefen zurück, die keines Menschen Fuß erreichen würde. Alles sann und trieb nach Rettung.

 

Der Kreis der Männer und Jungmannen hatte sich um Hjalfdar geschart, zu Füßen des Hügels, auf dem er stand. Jeder blieb stumm an seinem Platze, als sagte sein Wille: »Ich warte auf Deinen Be-fehlt!«

Entschlossenheit und Eintracht war unter ihnen. Sie fühlten die hohen Kräfte, die Lichtvaters Liebe ihnen herniedersandte und wußten sich in seinem leuchtenden Schutze, in der Kraft seines Willens. Dieses war ihre Stärke.

Um Hjalfdar aber regten sich die Fäden, die er nach oben zu rich-ten verstand wie keiner aus der Schar. Helfende Kräfte spannen die Wesenhaften um ihn und sein Geistauge schaute die goldlichte Brücke, auf der Heimdall, der lichte Wächter, erschien. Und seine Stimme klang wie das Schmettern seines Hornes, da er sprach:

»Dein Herr, der Himmel und Erde zu regen und bewegen weiß, der auch uns geschaffen und uns erfüllt mit der Kraft seines leben-digen Lichtes, sagt Dir durch meinen Mund, den Du besser ver-stehst als den Mund seiner ewigen Lichtgeister:

Stehe auf, nimm Dein Volk und wandle nach Norden! Denn die-ses Land wird ein Feuerland sein für eine lange Zeit, darinnen es herrliche Werte scha@. Es wird erst später, da Dein Geist Dich wie-der hinführt, Menschen tragen von Fleisch und Blut.

Du bist einer von den Geschaffenen des Ursamens, den die Erde zu einigen Malen tragen wird, auf daß er aus dem Ursprung Reines in sie pflanzet und in ihr Geschlecht. Darum wird Dich und Dein Volk der Herr führen über die Weiten seiner Erde, von Zeit zu Zeit, durch eine Ewigkeit, und Du wirst ein Stammvater heißen der Menschheit am Ende dieser Zeiten, da Lichtvaters Liebe den Ring Deines Wandels schließt!«

Brausend war der Sturm dahergefahren, nur eine runde, wolken-lose Stelle am Himmel dehnte sich über Hjalfdars Haupt. Ein Licht-schein lag auf seinem Angesicht und alle seine Mannen hatten es gesehen.

In stillem Verstehen hielten sie die Häupter geneigt, die Jungman-nen knieten an der Erde. Alle erhoben die Hände, nach oben geöff-net, und warteten auf den Segen der Lichten.

Sie hatten Heimdalls Horn gehört, den Glanz seines Lichtbogens empfunden und fühlten, wie das wesenhafte Weben seine Kräfte um sie spann und den Himmel rein blies, unter dem sie standen.

Sie bemerkten das Toben und brausende Anwachsen des feueri-gen Erdinnern, fühlten das Schwanken der dünnen Schichten, auf denen ihr Fuß bisher gewandert war, und sie vernahmen Hjalfdars Hornruf, der zum Verlassen der Hürden mahnte.

Wohlgeordnet, eilig und dennoch in Ruhe, löste sich ein kleiner Zug. Frauen, Kinder, mit Schafen, Ziegen und Kühen, Kälbern und Hun-den, die teils mit wenig Last, teils frei geführt wurden. Ein Zug von Vögeln folgte ihnen in den Lüften, sie sahen aus wie weiße Tauben.

Holda schritt dem Zuge voran, gefolgt von vier blonden Mägd-lein. Frauen jeden Alters reihten sich an, einige wurden in Tragmat-ten mitgeführt. Es waren jene, die sich verletzt hatten.

Holdas Fürsorge ließ nichts Lebendes in den Hürden zurück. Um ihre Gestalt war eine lichte Hülle gesponnen, deren waltende,

flüsternde Hilfe nur ihr und Hjalfdar erfaßlich war - auch sie hatte aus der Gnade des Lichtes mit vollen Händen schöpfen dürfen.

 

Über Hjalfdar war eine Kraft von oben gekommen. Er stand, alle überragend um Haupteslänge, mitten unter der kleinen Schar seiner Genossen. Die Frauen und Kinder hielten zu Füßen des Hügels an und blickten teils in scheuer Verwunderung, teils in Sorge ob all des grausi-gen Erlebens, das sie zu umzingeln drohte, in einzigem Vertrauen und Ehrfurcht auf den blonden Führer, der wie Heimdall leuchtete.

 

Ein Lichtkreis schien um ihn zu weben, und aus der Höhe nahte sich ein lichtes Flammen, ein brausender Ton:

»Ich bin’s, der Dich rufet, Ich, der Ich bin! Der Einzig Seiende! Ich sage Dir, erfülle, was der Geist Gottes Dir befiehlt. Du bist im Licht seiner Liebe und erfüllst seinen Heiligen Willen, als Sendling in den Stoff, reife zur Vollendung! Das sagt Dir, der AMEN heißet!« - Hjalfdar lauschte in das Brausen dieser Kraft, die ihn mit bisher ungekanntem Lebensstrom erfüllte. Er fühlte und sah das Schwin-gen flammenden Lichtes, das ihm zu stark war, um darein einen Blick nur zu wagen.

Er, der bisher alles furchtlos aufnahm und zu ergründen, erfassen suchte, war wie ein geblendetes, überwältigtes Kind, das bebend sein Gesicht in den Händen barg.

»Herr, der Du ,AMEN’ heißest, Du bist höher denn Alles, das ich erahne - ich weiß es - ich fühle Deine Macht und Kraft, die mich durchströmt.

Heimdall durfte ich schauen, Dich vermag kein Mensch zu schau-en, nur den Abglanz Deines Glanzes. Und dieser ist es schon, der mich verbrennt!«

Hjalfdar wußte nicht, daß er alles laut und vernehmlich sprach, mit den Worten seiner Genossen, daß sie ihn verstanden. Hjalfdar fühlte und sah nicht, wie sie sich staunend und andachtsvoll neig-ten. Stumm und in Ehrfurcht ließen sie die machtvollen Laute und Worte, die dem geliebten Mund entquollen, über sich dahingehen. Gleich Hjalfdars, so war auch ihr Innerstes ergriffen und erschüt-tert, und gleich ihm erkannten sie die übergroße Gewalt des Wortes, das aus ihm abermals erklang:

»Ich will meiner Geister Einen vor Euch hergehen lassen, damit Ihr den Samen errettet, der Träger meines Heiligen Wortes auf Er-den sein soll.

Ihr seid geführt, beschützt, beraten, mein Gesetz sei Euch das Le-ben und das Leben Euer Licht und Euer Stab bis in die Ewigkeit! Wende Dich nun mit dem Angesichte dem Sterne zu, der Dir im Nordosten leuchtet und gehe den Deinen voran. Sehet nur voraus, nicht hinter Euch; denn die Wut der leuchtenden Feuer wird gleich dem Meere alles überströmen und noch gischtend in das Meer flie-ßen.

Alles, das bleiben soll, bleibet und wird mit Euch ziehen, das an-dere ist eine Stufe zum Aubau der großen Feste. Seid wach und lernet an dem Weben der mächtigen Schöpfungskräfte in meinem Willen. Nun wandert; denn Eure Stunde ist gekommen!« -

Und Hjalfdar schritt im Strahle des Polarsternes nach Nordosten, im Rücken die rote Glut des Himmels und der schwelenden Dämp-fe. Seine Getreuen folgten ihm. Kein Ton der Angst oder Klage, kein Blick nach rückwärts in die grausige Glut. Alles Wesenhafte war vorangeeilt, schwirrend und rauschend war der Schwingen-schlag über ihren Häuptern fühlbar gewesen.

Sie schritten stetig in einem ruhigen Gleichmaß, ein noch uner-faßbares Ziel im vertrauenden Geiste, geführt von Glauben an die Macht des großen Lichtes und erhellt von seiner Kraft, über sandig kurzes Gras, in eine kahle, trockene, kühle und stumme Endlosigkeit. Unbekannt war ihnen diese Gegend, die sie um der großen Öde willen bisher gemieden hatten. Wie eine ausgebrannte Mulde, von kleinen Hügeln durchwellt, sandig und leer, leblos und einsam lag sie wie zu neuem Erstehen gebreitet vor ihnen.

So nah dem lieblich webenden Boden ihrer bisherigen Heimat, die paradiesische Schönheit mit herber Wildheit vereint hatte und reich und fruchtbar gewesen war, lag dieses versengte, verschüttete Land, das einst auch so heiße, unheimlich lauernde Feuerströme geboren haben mochte.

Schweigsam, bereitet und dennoch leer, so lag es und harrte, und der Fuß Hjalfdars, des ersten Geistgesandten, durchzog dieses har-rende Land.

Das harrende Land! Wer nannte es so? Plötzlich hatte es diesen Namen! Sie kannten es nicht.

Der da voranging, höher aufgerichtet denn bisher, den Speer in der Faust, mit dem wuchtig schleichenden, getragenen Schritt ei-nes allzeit wachen Panthers, jeden Nerv und Muskel angespannt zu bereiter Tat, den kannten sie allein, der war jetzt Führer, Heimat und Ziel!

Sie blickten nicht zurück, obwohl das harrende Land in seiner stummen Sprache fast drohend für sie war. -

Wellige Sandweiten, endlos, als wäre das Meer zurückgetreten nach einer langen, weiten Flut. So sah es aus, an den Rändern der Hügel glühend rot von dem Schein, der sich über den ganzen Him-mel zückend gebreitet hatte. Wolkenfetzen türmten sich von Nor-den her und senkten sich wie tiefe Schleier auf sie. Fern heulten Tiere, deren Stimmen sie noch nie vernommen hatten.

Hjalfdar schritt voran, es war als ströme über ihm ein machtvolles Licht herab, das in ihn drang, seinen Körper dehnte und streckte, sein Haupt noch höher hob.

Und es sprach aus dem Licht immerzu eine Stimme zu ihm, mit so erschütterndem Ton, so eindringlichem Klang voll Liebe. Er mußte immerfort der Stimme lauschen, und ihm war, als hätte er sie immer schon vernommen, vor langer, ferner Zeit.

Er hörte das Rauschen heiliger Wasser und hörte den Gesang lichter, sich im schwingenden Jubel bewegender Geister. Er sah Licht, nichts als Licht. Er sah nicht den Staub und die mühsam graue Schicht, die ihre Füße hemmen wollte. Er sah das Licht! Dieses Licht ging ihm voran und es war, als ginge es schneller, als müsse er schneller folgen, und er ließ es nicht los, sein Geist hielt sich daran.

Da öffnete sich ein unbesiegbar machtvoller Strom, der durch sei-nen Geist und Körper drang, der der Ruhe, des Schlafes, der Speise vergaß. Aber es mahnte gleich die Stimme:

»Gedenke derer, die Du führst!«

Da hielt er an und sah zum ersten Male hinter sich.

Viele Stunden waren sie gewandert, fast lautlos und ohne Zagen, aber nun sahen bittende, erwartende Augen zu ihm auf. Holda trat zu ihm heran, mit einem großen Tongefäß.

»Ich werde nicht als Erster den Trunk nehmen, Holda, sondern als Letzter. Gib erst den Kindern, den Tieren, dann den Frauen.«

Holda tat so, und das Wasser reichte für alle.

»Ihr werdet auf dieser Wanderung lernen der Gabe des Trunkes zu achten als eines Gebetes! Mit diesem Wasser strömt in Euch die Fülle der Kraft, die Lichtvater aus dem Urquell Euch spendet. Wenn Ihr sie in seinem Namen mit ganzer Kraft Eures Sehnens trinket, so wird ein Tropfen in Euch Labung und Nahrung sein, die Euch mehr geben, als das alltägliche Dasein.

Aber danket dabei im lebendigen Freuen so, wie es nur der ver-mag, der wahrhaft dürstet!«

 

So sprach aus Hjalfdar eine Stimme, die alle liebten und kannten und die sie »Hjalfdars Lichtstimme« nannten. Wenn sie erklang, war es für sie wie ein Gebet.

Sie freuten sich der Labung und lagerten auf sein Geheiß für eine kurze Zeit. Aber es verfärbte sich der Horizont, starke Schatten fie-len jäh herein und ein kühler Wind blies den Sand umher. Wesen-heiten ließen sich leise nieder, die wie Schleier über die ungeheue-ren Weiten zogen, sie hatten etwas betäubend Einlullendes in ihrem Bewegen. Da blies wie ein Weckruf Hjalfdars Horn, er riß sie hoch.

»Ihr dürft nicht schlafen, wach müßt Ihr bleiben auf der Wande-rung durch dies harrende Land, die nicht lange mehr währt, dann wird Euch die neue Heimat lachen. Aber seid wach, betet und nährt Euch von dem wenigen Brot und dem klaren Wasser, das erfüllt ist mit Lichtvaters Kraft; denn er hat es mir selbst so geboten!«

Hjalfdar sah nach oben, sein Gesicht war von hellem Schein strahlend, und keiner konnte die Quelle sehen; denn der Himmel war grau und die Erde lag in den Schatten der Nacht.

Noch immer war der beizende Geruch des Feuers über den wei-ten Strecken, noch immer dröhnte der dumpf grollende Ton unter dem Boden, der dichter, fester und älter erschien, als das wankende Moos der alten Heimat. Stumm, das Auge vor dem Begegnen mit den grauschillernden Sandgeistern und Wesenhaften schließend, ging der Menschenzug dem leuchtenden Führer nach.

Vor ihnen lag graue, fast undurchsichtige Nacht, hinter ihnen schlang das Feuer der Tiefe, leckte das glühende Meer mit kochen-den Wogen alles liebliche Kraut und alle quellenden Wasser. Der Zug der Vögel wurde immer spärlicher, das wilde Girren der Was-sertiere, die in Scharen versengt zur Erde stürzten, kreischte noch immer in ihren Ohren. Es war schauerlich!

Wo mochten die vielen Wesen sein, die in Himmel, Wald und Wasser ihre Heimat hatten, waren sie alle von der flüssigen Glut erfaßt, die aus den goldflammenden Seen Feuerlands sich über die ganze Erde zu breiten schien? Aber es war kein Schmerz um verlo-renes Gut in diesen Menschen, nur Dank für die Rettung.

In Vertrauen und Dank blickten sie zu Hjalfdar empor. Es flutete aus ihm etwas heran, was sie stärkte. Sie gingen mit ihm bedenken-los durch alle Zeit in endlos graue Nacht und fürchteten sich nicht.

 

Stark waren sie alle, Mann und Weib, dem Leben vertrauend geöff-net. Darum strömten auch alle Hilfen und Kräfte zu ihnen heran, die sie in vollen Zügen begierig schlürften.

Sie sahen, fühlten und erlebten, wie alle Welt um sie erfüllt war von unabsehbar großer Hilfe. Ihre Augen öffneten sich, sie sahen die Lichtfäden über sich, erlebten das Nahen, Flüstern und Helfen der wesenhaften Diener Merkurs.

Auch Merkur, der der Beherrscher aller Elemente zu sein schien, nahte sich, zeigte sich in einer Wolke. Er war so übermächtig stark, daß eine Anzahl elektrischer Spannungen sich über der Erde ent-lud.

Die Kinder bargen sich in der Scheu vor den wild peitschenden, sausenden Elementen. Die Frauen schritten stark und still dahin, ankämpfend gegen die Macht der Stürme.

Kein Gedanke an einen Zorn Lichtvaters war in ihnen, sie sahen nur die Allmacht der Auswirkungen seiner Kräfte im Stoff, aber sie fühlten keine Schuld und hatten auch keine Angst darum.

Lange Nächte folgten kurzen, grauen Tagen. Je weiter sie nörd-lich zogen, desto länger schienen sie zu werden. Wesenheiten zeig-ten sich ihnen wie blauschwarze, fließende Nebelfrauen, stahlgrau schimmernd.

Sie wurden allerlei Wesen gewahr, die sie gefürchtet haben wür-den, hätten sie die Furcht gekannt, aber an Stelle der Furcht stand bei ihnen noch das Vertrauen; das Vertrauen auf die Gewandtheit und Kraft des Körpers und die Hilfe der Lichten.

Je mehr sie durch die Dunkelheit der nördlichen Zone zogen, desto stärker ward in ihnen die Liebe zu den ewigen Leuchtern. Diese Liebe war so groß, daß sie ihr flammendes Wollen über alle irdische Finsternis hinaushob. Es wurde auch sehr kalt. Doch stieg allzeit von der Erde eine Wärme auf, die ausgleichend wirkte, und die Feuchtigkeit, die sich sonst kristallisierend angesetzt hätte, wie-der verdunstete.

An Rast war noch nicht zu denken, aber Hjalfdar fühlte, daß das Weben dieser nächtlich düsteren Wesenheiten langsam wie läh-mend, einschläfernd zu wirken begann.

Er richtete seinen Willen empor zu den Lichten und erharrte eine Botschaft, eine Weisung. Wo blieb Heimdalls Brücke, die leuchtend im Glimmen der Mitternachtssonne die Welt erhellt? Lange Zeit schien verronnen, sie war nicht zu schauen.

Auf eine Platte aus porösem, grau-weißem Stoff, deren viele den Boden des harrenden Landes zerborsten deckten, ritzte Hjalfdar die Tage ein, die er an dem Erscheinen, Aufsteigen und Abwandern eines großen Sternes feststellte. Dieser Stern war wie ein Mittel-punkt, um den der ganze Himmel mit all seinen Sternen zu wan-dern schien.

Bei kurzen Rasten, die ja manchmal eingeschaltet werden mußten, schliefen die Kinder und Frauen tief, und es war, als nähmen sie in dieser Zeit der Ruhe besondere Kräfte auf, die sie nicht zu begreifen noch zu erzwingen vermochten, sie kamen als ein Geschenk.

Holda hatte von Hjalfdar eine neue, sehr verantwortungsvol-le Aufgabe erhalten. Sie mußte das Feuer hüten, das sie in einem Gefäß mitgenommen hatte, nach dem Befehle Erdas, die sich ihr häufig zeigte!

»Hüte das Feuer wohl; denn Du weißt nicht, daß das Volk in die Dunkelheit wandert«, hatte Erda gesagt. »Eine Zeit des Harrens und des Darbens geht der großen Blüte voraus. Wenn Ihr recht wachet, werdet Ihr sie schnell und sieghaft überwinden. Wenn Ihr zögert und zaudert oder in Schlaf fallet, dann wird das Ende Euch ereilen und die Trübnis Euch nimmer loslassen.

Sei Hüterin der heiligen Flamme, die Euch ein Sinnbild sei .für Reinheit, Wille und Liebe! Wie sie lodernd, leuchtend und klar alle Schlacken verzehrt, so soll Euer Wandel sein!«

Und sie nahmen mit von dem Boden, dem das Feuer entstammt, darin es in tonartigem Gefäße langsam weiterglomm, sie führten auch mit von den Ästen eines niederen, harzigen Holzes, das sie ihm als Speise reichen mußte, nach dem Befehl eines flammenden wesenhaften Männleins. Immer war es in der Nähe Holdas und sah mit den klugen beweglichen Äuglein aufmerksam auf das große Gefäß, das zwei Jungfrauen in einem Korbe trugen. Es war ver-schlossen und den Löchern des Deckels entstieg ein würziger ganz feiner Rauch, von rötlichem Schein durchglüht.

»Wehe, wenn der Schein erlischt!«

Wie eine Warnung stand es, von innerer Stimme geflüstert, in Holdas Geist. Sie schritt auf der Wanderung nur noch hinter dem Gefäße, das das ewige Feuer barg. Sie War die erste Priesterin des Lichtes.

Da gab ihr der Herr eine Gabe. Heilig rein glomm aus dem Ge-fäß des Feuers der glutrote Schein, und in dem sich kräuselnden Rauche formten sich zarte Windungen, die ihr von machtvollem Sinn erfüllt schienen. Oft, wenn sie rastend saßen, sah sie sinnend diesem kräuselnden Formen zu, das so liebliche Zeichen schrieb.

Ihr war, als kündeten die feuerigen Wesenheiten in ihrer Weise Weisheiten des ewigen Lebens. Immer mehr schienen sie durch ih-ren Geist zu dringen. Sie versuchte, die Zeichen festzuhalten und gewahrte, daß sie sich wiederholten. Nun beobachtete sie mit wa-chem Sinne die Vorgänge um sich her.

Scharf war ihre Beobachtung und weise geführt, ihr lichtsehnendes, hungerndes Auge, das der flutenden Lichttage der Heimat so schwer entbehrte, lebte mit doppelter Kraft in dem Wissen um die Flamme. So ging für Holda und ihre Mägdlein die Wanderung durch das harrende Land von Tag zu Tag dahin, immer lichtvoller werdend in aller Finsternis; denn sie dienten der Flamme, dem Lichte. Es scharte sich die gesamte weibliche Jugend um das Gefäß der Flam-me und drängte sich im Eifer zum Dienst, in der Menschenschar erwachte eine Liebe zum Feuer, eine Ehrfurcht und Dankbarkeit für Holda, die sie bisher nicht kannten, solange sie in Wärme, Sonnenlicht und in der Nähe der Feuerseen gewohnt hatten.

Hjalfdar beobachtete mit stillem Glück das Walten seines Weibes und erfreute sich an ihrem festen, stillen, fast heiligen Ernst. Er sah, daß sie die Flammen- oder Rauchschrift aufzuzeichnen begann und war ihr darin behilflich.

Zuerst taten sie dieses nur zur Übung und Aufnahme besseren Verständnisses, dann aber gruben sie die Zeichen in Platten, um sie vergleichend zu beobachten; denn der Sand des Bodens tilgte zu schnell, was er aufnahm.

Immer klarer ward in Holda das Wissen von der Sprache des Feu-ers, das ihr in Bewegung übermittelt ward. Und bald formte sich Begriff an Begriff und wurde zu feststehenden, sich wiederholen-den Zeichen.

 

»Wendet Euch nunmehr östlich, dann werdet Ihr den Rand des harrenden Landes schneller erreichen und Wasser finden.«

Wasser tat ihnen not. Und es war, als bliese ein wärmerer Wind, als stiege über den Rand des Horizontes ein hellerer Schein über den Himmel. Vogelscharen kamen ihnen entgegen, aus südlichem Himmelsraume fliegend, Tiere, wie sie diese noch nie gesehen.

Es war, als sickerte leise und zaghaft warmes Leben entgegen, von Osten her.

Am Saum der endlos harrenden Weite wölbten sich blaue Berge, wie sie noch nie in solcher Höhe Hjalfdars Auge gesehen hatte. Aus einigen schien schwacher Rauch zu steigen, der lange und still wie Schleier an den Höhen dahin strich.

Die Beschaffenheit des Bodens war noch immer sandig, hart und starr, teilweise noch immer wie von einer Kruste bedeckt. Aber in der Ferne begann die Luft zu zittern, als wäre dort Wärme und Feuchtigkeit.

Bis an die Knie sanken Mensch und Tier zuweilen in die sandi-ge Masse, in der sie schimmernde, golden-blitzende, lichte Körner fanden. Aus der Feuerzeit mochten sie stammen und der Asche je-ner vulkanischen Beschaffenheit blieben sie beigesellt.

Und wieder wurde die Natur belebter. Auch die Wesenheiten der starren dämmerigen Wüste, die wie lähmend graue Schleier sie in Schlaf zu weben suchten, waren verschwunden. Dafür aber tauch-ten beflügelte, gaukelnde Luftgeister auf, die warnend flüsterten und deuteten. Alle wiesen nach einer Richtung. Es war dieses die Gegend, aus der die zitternde Luft emporstieg, die helle, aber ver-schwommene Spiegel über die Höhen breitete.

Wenn die Dunkelheit sich ausbreitete, war oftmals ein Schrei zu vernehmen, der dem drohenden Brüllen eines Tigers glich, ver-mischt mit dem Gekrächze eines bösartigen Geiers. Schön war die-ser Ton nicht zu nennen, der gereiztes Drohen über das harrende Land schickte. Holda eilte an die Seite Hjalfdars und schritt mit ihm an der Spitze des Zuges:

»Hjalfdar, höre, Holda hat etwas zu sagen!«

Hjalfdar wandte sein helles Haupt ihr zu und die strahlenden Au-gen blickten hinab zu der Frau, die er um einen Kopf überragte:

»Nun?«

Wortkarg war Hjalfdar geworden, sein Führeramt erforderte ge-spanntestes Lauschen, Spähen und Wittern, da war nicht Zeit zu reden.

»Die. Feuerigen haben mir zugeflüstert, wir sollen der Luftigen achten. Sieh, sie geben uns einen Wink, wo das Tier sein Wesen treibt. »Rüstet Euch mit den Speeren«, sagen die Feuerigen, »rü-stet Euch mit der Kraft unseres Elementes! Wenn Euch die Luftigen hingewiesen und durch den Sturm Halt gebieten, dann rüstet die Waffen zur Wehr; denn in den Tümpeln, die sich im Vorland der blauen Berge auftun und in den Farnwäldern hausen die Drachen! Ihnen gehört diese herrliche Welt, die Lichtvater Euch bestimmt. Aber Ihr müßt Euch die Drachen zähmen, sonst findet Ihr nie den Frieden des aubauenden Wirkens, da ihre Wucht alles zerwühlt.

In wunderbarer Schönheit findet Ihr das Land, das Euch in der Ferne lacht. Dort spinnen die Ewigen ihre lichten Gesetzesfäden über Euch, dort werden Euch Augen und Ohr geöffnet für das Wir-ken von Lichtvaters Wollen. Dort weckt Ihr uns wiederfinden, die Wesenhaften der Elemente, die kleinen wie die großen Führer und Helfer. Dort werdet Ihr von uns geleitet und geführt, geschmückt und beschenkt, dort binden wir Euch immer inniger in die lichten Netze göttlicher Liebeswerke.

Dort, wo alles so rein und schön ist, werden auch wir, die jetzt wie rauhe geisterhafte Kobolde der Wüste erscheinen, schön und lieblich uns gestalten, der Strahlung und Gleichart dieser Welt entsprechend. Ja, eine Welt für sich wird es sein, ein Reich, ein-geschlossen von azurblauen Seen. Wogende Wälder schmücken den Fuß der belaubten Berge, deren Innerstes von dem goldenen Feuer erglüht.

Reich ist das Land an den Früchten der Wälder, voll Saft sein Bo-den, voll Fischen seine Wasser, und es scheint die Sonne dieses Ge-stirnes nicht so selten, so matt und kühl wie im harrenden Land. Spannt alle Eure Kräfte an, sagt es denen, die müde werden wollen vor dem Ziel. Jetzt gilt es höchste Kraft; denn jetzt naht der Un-holden Land, die Euer zukünftig Reich bewachen. Nicht wissend, harren sie des Eroberers.« -

Mit diesen Worten war es, als spänne sich eine Welt von feinsten Wirkungen um die kleine Schar, die ihr Land suchte.

 

Staub und Nebel ballten sich in der Ferne. Es zitterte ein war-mer Wind stoßweise über die Öde, oft mußte man halten. Hart war es für Tier und Gefährt, gegen die Wucht eines Windstoßes anzu-kämpfen.

Vögel mit spitzen, scharfen Schnäbeln und raschelnden Schwin-gen blickten mit Glutaugen aus den Wolkenfetzen, die Sich tief herunter senkten. Sie sahen drohend aus. Noch nie mochten sie Menschen gesehen haben, die ganz anderes Strahlen und Schwin-gen mit sich brachten, eine Bewegung, die sie nicht kannten.

Es mochte mehr Bangen sein vor dem unbekannten Erlebnis als wirklich Bosheit oder Zorn, was sie so häßlich oder unheimlich er-scheinen ließ. In jedem ihrer gellenden Schreie war eine Abwehr.

Hjalfdar bedachte, wie er der Sturmvögel, die in immer dichteren Scharen aus den Staub und Dunstwolken kamen, Herr würde.

Und er richtete sein Angesicht nach oben.

»Ihr lichten Helfer um Njördhrs Kraftreich, sendet mir Eure Strahlen!«

Er sprach es laut und vernehmlich und stand aufgerichtet, aller Kraft geöffnet, die Hände gebreitet wie ein Kreuz. In seinen Leib strömten violette Lichtstrahlen, die in höherer Weite immer zarter, rosiger, weißstrahlender wurden. Oben aber, die Wolken durchdringend er-schien ein Lichtkreis, aus dessen Mitte alle diese Strahlen flossen.

Der Kreis weitete sich immer mehr, durchleuchtete und durch-setzte mit seiner Kraft die Wolken und zog unzählige Scharen lich-ter Wesen an. Still, wie in tiefem Dankgebet, standen die Wanderer. Hjalfdar auf einem erhöhten Vorsprung aus grauem Stein.

Ein Klingen ging durch die Lüfte, allen war das wesenhafte Auge geöffnet, alle sahen, wie die Wesenhaften von der Kraft des Geist-keimes beeinflußt, diesem ihre Hilfe rein und machtvoll zuteil wer-den ließen. Mächtig aber glühte das weiße Licht des Geistes über allem wesenhaft Helfenden.

»Lichtvaters Taube steht über Hjalfdar zur Hilfe!«

Und die aufgeregt schreienden Vögel verstummten, laut flatternd ließen sie sich, wie von Strahlen versengt, matt auf den Boden sinken. Sie torkelten wie schlaftrunken auf und dahin über weite Strecken. Als sie in gewisse Entfernung kamen, flohen sie nach al-len Richtungen auseinander.

 

Sie zeigten sich nicht mehr in der Nähe des Zuges. Aber sie waren die Vorboten der Kämpfe, die Hjalfdars Speer als erster aufnehmen sollte.

Langsam, aber stetig nahte sich die Karawane den blauen Berges-ketten. Wärmere Lüfte wehten ihnen entgegen, der Sturm hatte sich gelegt und die Wolken waren einem lichten Strahlen des Himmels gewichen.

Noch stieg der Ball der Sonne nicht über dem Horizont empor, aber die Kraft und die Bewegung ihrer Strahlen ergoß über Him-mel und Erde eine leuchtende Schönheit, die Menschen aus den Sonnenländern niemals vorstellbar ist. Klingende schattige Farben, satt und voll und dennoch trotz des schattigen Huschens warm und leuchtend.

Wunderbar samtene Töne, violett und blau abgestuft, wanderten über den Himmelsraum, unten an dem Horizont aber breiteten sich die Berge tieblau, von goldener Glut wie mit einem breiten Bande gesäumt. Kurze, moosartige Pflanzen begannen graugrün und spärlich am Boden sich hinzuflechten. Einen Jubelruf entlock-te diese Wahrnehmung den Menschen, die so lange durch den öden Sand gezogen waren. Feuchtigkeit und Wärme, die noch mehr dem Erdboden als den Strahlen der Sonne zu danken war, machte sich in diesem Moosgeflecht zuerst bemerkbar.

Kleine kriechende und fliegende Insekten brachten ein Leben in die Atmosphäre, das bisher nicht gewesen war. Die Jugend und die Frauen empfanden diesen leisen Unterschied in der Art und Aus-strahlung des Bodens wie ein großes Geschenk, ihrem weicheren, dem Wesenhaften zuneigenden Wesen war eine Labung zuteil ge-worden, die den positiven Männern nicht nennenswert war, den-noch nahmen sie aber auch davon auf.

Sie richteten ihr ganzes Sinnen auf die verheißenen Eroberungen und auf den Zusammenstoß mit den Drachen, so war es auch ge-wollt. Hjalfdar wußte dies. Er empfand die Vorbereitung hierzu in sich. Wie ein aufgespeicherter Kraftquell, so drängte es aus seinem Innern, doch die Stunde war noch nicht da.

Lichte Kreise sanken von oben herab, ihn umringend, er sog aus ihnen Kraft. Eine unbeschreibliche Kraft der Anziehung fühlten seine Begleiter. Da war Sieghart, der Kämpfer, der die größten Bären erlegte, und Speerhold, der junge, blauäugige Springer, der wie ein Pfeil mit geschwungenem Speer die Wale fällte, indem er von den Klippen in die Wellen sprang.

Es war Leitholt, der Alte, der die wilden Kühe zähmte, dem sie in die Schlingen liefen durch die unbeugsame Kraft seines Willens. Jalmar mit der Keule, der die großen Eber schlug, und Singalf, der Schlangenpfeifer, der sie zu überlisten wußte. Hjerup, der Vogelfän-ger, spannte seine Waffe, die einem Bogen ähnlich war und den kleinen Federspeer wie einen Pfeil dahin zu senden wußte, wohin Hjerup es wollte.

Er konnte die Stimmen aller ihm wichtigen Vögel aufs beste nachahmen, so daß sie seinem Rufe in Scharen folgten. Jeder von diesen, die die ältesten und tüchtigsten Jäger und Kämpfer waren, auch Hirschfänger, der dunkelhäutige Jäger, alle hatten ihre Helfer, die sie sich selbst wählten und erzogen.

Junge Männer, die noch nicht Weib und Baude gehabt hatten, oder ihre eigenen Söhne, die sie je nach deren Geschicklichkeit unterein-ander tauschten. Hjalfdars Jungmannenschar nicht zu vergessen, die wie im Fieber erzitterte vor der ersten Gelegenheit, Mut und Kunst zu erproben im ernsten Kampf. Alle hielten sie ihre guten Waffen in der Faust, die Waffen, die dem Manne das Teuerste waren auf Erden.

Schon wollten sie ungeduldig werden. Seit Tagen hatte Holda Erda befragt. Diese war ihr wohl erschienen, hatte aber immer nur gesagt:

»Noch ist die Stunde nicht da. Sehet, wenn die blauen Berge vor Euren Augen anwachsen und grün sind, wie Eure Wälder am Meer, dann erst seid Ihr nahe, dann haltet Euch an die Führung der Lufti-gen und gehet dem Quellbach nach, der Euch zu Füßen plaudernd entgegenströmt. Sucht seinen Ursprung, so werdet Ihr in die feuch-ten Waldgrotten finden, da die Unholden hausen. Zähmt Eure Un-geduld. Wollt Ihr denn hastig sein? Ihr, die Ihr das Spinnen der Tatfäden kennet, wollt Ihr es zerreißen mit schnöder Unrast? Wollt Ihr das stille, emsige Weben der Helfer trüben, wenn Ihr mit unge-duldigem Denken der Entwicklung der Gewebe vorauseilt?

Wachet und übersehet nichts, aber hütet Euch, die Tat zu er-zwingen, bevor sie gereift ist! Wofür habt Ihr das Auge, die feine Stoffiichkeit weben zu sehen, wenn Ihr es im Eifer nicht achtet und brach liegen lasset die Fülle Euerer Gaben? Kostet und wäget den Augenblick, er sei Euch heilig; denn er nährt die zukünftige Tat!«

Weise sagte es Erda, und sie zähmten beschämt ihre Ungeduld. Aber es wollten die Berge gar lange nicht grün werden vor ihren Au-gen. Immer wieder, wenn die Sterne verblaßt waren und endlich der Gedanke eines Sonnentages über den Himmel schlich, dann waren die Berge in ihrer kühlen, stummen Entferntheit vielleicht etwas ge-wachsen, aber noch immer tieblau wie das Meer ihrer Heimat.

Holda aber tröstete sie.

»Seht doch die kleinen Wässerlein, die hin und wieder aus der Erde dringen, sehet die grünen Flächen, die sie einsäumen, und lasset die Tiere weiden! Freut Euch dessen, das Euch die Lichten Stück um Stück reichen, damit wir es ganz zu erleben und zu kosten vermögen. Wie schnell sind wir verwöhnt. Denket des verheiße-nen Paradieses! Wie wollt Ihr den Lichten für die Fülle genugsam Dank sagen, wenn Ihr das Kleine nicht im vollen Wert erkennt? Wie übersatte Früchte möchtet Ihr zur Erde fallen und aufplatzend darauf lebendig verfaulen.«

Und Hjalfdar, der zugehört hatte, nickte Holda freundlich zu.

»Du hast recht, Holda! Wie sollen wir den Überfluß tragen, wenn wir das Kleine nicht zu nützen lernen? Sehet, langsam führen uns die Lichten in ein neues, reiches Leben, so weise, wie Lichtvaters Wille waltet, so weise lebt die Natur ihm nach. Unsere Helfer, die Lichten wie die Wesenhaften, geben, was nötig ist. Wir müssen es dankbar erkennen bis in seine Tiefen. Auch das Leid.«

 

Holda wanderte den schweren Weg durch das harrende Land in einem bewußten Zustand ihres Geistes. Was ihr zu Beginn der wei-ten Reise, die in die Unabsehbarkeit zu verlaufen schien, ein selbst-verständliches, aber unerfaßliches Erfüllen war, das wurde jetzt für sie zum lichtgewollten Geschehen. Sie war gereift in dem großen Geschehen der Naturerleben.

Hjalfdar erkannte es wohl, sah auch, daß des Weibes aufschwin-gende geistige Kraft mit ein Teil war zu seinem großen Aufstieg.

Er empfand sich selbst wie eine Kraft, die Lichtvater auf die schö-ne Erde gestellt hat, daß sie in seinen heiligen Gesetzen schwinge und damit führend und fördernd wirke auf alle Kreatur.

 

Holdas reiner Art entsprechend, verband alles reine und hohe Wesenhafte sich immer fester mit ihr und bildete immer stärkere, leuchtendere Ströme aus dem Geistigen, die sie alle auf diesem Wege erreichten. So wie das hohe reine Wesenhafte sich ihr nahte, so konn-te auch das kleine, dem Stoffe nähere Wesenhafte sich durch sie mit-teilen. Es erweiterte sich ihr Schauen so sehr, daß sie die einst wie Götter verehrten Führer der Elemente nur noch als Mittler ansah.

Dieses alles sagte sie Hjalfdar, vor dem sie kein Geheimnis hatte, weil er sie verstand. Sie wußte, daß die Zeit nun bald reif war, da sie in das von Lichtvater bestimmte Land eintreten würden, sie wußte auch, daß sie es sich erkämpfen mußten; denn durch die obsiegende Kraft ihres Geistes sollten sie sich die leuchtende Heimat erringen. Holda betete viel und dabei kam ihr jenes helle, reine Wissen, das so natürlich für sie war. Sie sah sich immer auf Heimdalls Brücke stehen, wenn sie betete. Reine Ströme der Luft- und Lichtsphäre umflossen sie da - und dann geschah das Wunderbare: Es entstand ein Klingen über ihr, aus heller, rosiger Lichtflut kamen feine gol-dene, grüne und rosige Lichtbänder, straff angespannt, singend, wie Glocken klingend senkten sie sich in sie.

Darum betete Holda so gerne; denn dieses Erleben ersetzte ihr Nahrung, Wärme und Schlaf. Es speiste nicht nur ihren Körper, sondern auch den Geist. Weiblich Holdseligstes schien sich in sie zu senken. Ein Duft von wundersamen Blüten, süß und herb und kühl zugleich, kam mit dahergeflossen.

»Du bist schöner, stärker und reiner denn die sonnenhaarige Sif, aber wie soll ich Dein Wesen erfassen, Du, die Du aus dem Uner-faßbaren kommst, wie der Strom der Lichtvaterstrahlen! Du bist wie ein Teil aus jener heiligen Kraft, die über dem höchsten Geist-lichte zu schweben scheint - Du - Formgewordene, Gestaltete. Ur-reinheit Lichtvaters will ich Dich nennen!«

Es war ein Klingen und Singen um Holda. Sie ging mit Hjalf-dar dem Zuge voran, ganz allein, es drängte sie, das reine, schroffe Land, das wohl noch keines Menschen Fuß berührt hatte, selbst als erste zu betreten.

Im Gehen betete sie zu der Kraft der göttlichen Reinheit! So ur-eigen war sie in das Erdenweib gesenkt, daß dieses die Verbindung andauernd empfand. -

 

Da tönte in der Ferne gewaltiges Geschrei. Es war ein Ton der Witterung eines wilden Tieres. Drohend, erschrocken und gereizt gellte es über die Weite heran. In den Seen und dichten, üppigen Farnenwäldern, die wie smaragdene Sümpfe schimmerten, erstand wogende Bewegung. Die Wasser glucksten, die hohen, weithin ge-dehnten Wälder wogten wie sturmbewegtes Meer.

Alles das vermochten die Nahenden jedoch noch nicht zu erken-nen; denn sie waren noch zu weit entfernt. Die Tiere aber mit den glatten, dicken, fischartigen Leibern und den gehörnten Häuptern, die bösen Auges hinausspähten durch das Grün, die hatten her-annahendes Fremdes erkannt. Und sie fühlten seine Kraft. Daher die Bewegung von Aufruhr und Angst, die in Kampbereitschaft überging.

Die Anzahl dieser Tiere war nicht zu ermessen; denn ihre wur-martigen Leiber wühlten in den dichtbewachsenen Seen oder verkrochen sich in Höhlen, die sie selbst sich gewühlt. So lauerte furchtbare Gefahr auf die heranziehenden Menschen. Wie glühen-de Kohlen stachen die angstvollen Augen der Kreaturen durch die Dichte der Wälder, und Holdas scharfe Beobachtung nahm die For-men der Angst in der Luft wahr.

Graugrün und giftig stieg es am Walde auf und schob sich wie in Wolkenmassen feiner Stoffiichkeit in wut- und angstverzerrten Formen näher. Glühend waren die Augen, gesträubt die behörnten Rücken, mit Krallen versehen die reißenden Tatzen. Feuer der Wut schienen den Rachen zu entquellen, die mit dreifachen Reihen be-zahnt waren. Flügel trugen sie hier- und dorthin. Grau ward es vor Holdas Augen.

Da blies Hjalfdars Horn den Weckruf! Gellender Jubel schallte vom Ende des Zuges bis zu dem führenden Paar - endlich der er-sehnte Kampf, der lang verheißene. Endlich ist die Stunde da!

Und es zog sich um das Häuflein anwandernder Menschengeister eine lichte Helferschar zusammen, von allen Seiten drangen sie heran. Erdgeister, Luftgeister und lichtstrahlende Elfen. Ihnen entström-ten Kräfte ganz feiner Art, die wie funkelnde Perlenreihen blitzend und schillernd auf geraden, straffen Geschehensfäden den erzeug-ten Willensformen entgegenströmten und die freudige, kämpfende Ausstrahlung der nahenden Menschen verstärkten.

 

Ein so farbenleuchtendes Bild geistiger, wesenhafter, feinstoffii-cher Zusammenwirkung hatte die Erde nicht gesehen bisher, und aus diesem kraftvollen Pulsen und Leben entstand eine Pforte für die mächtigsten Kraftströme Lichtvaters. Alle, die sich zum Kampfe rüsteten, wurden gestärkt, nachdem sie sich in freudigem Wollen bereitet hatten.

Sie standen in dem Strom der Kräfte, der mit verzehnfachter Macht dem Führer gegeben ward und von ihm zu ihnen strahlte. Das war ein Bewegen und Brausen, ein Fließen, als stürzten Gieß-bäche des Lichtes durch sie hindurch! Und alle waren sehend. Sie sahen die Angstformen der Drachen, die ihre trägen Leiber kaum in die Oberfläche jener Wälder geschleppt hatten. Aber furchtbarer noch waren die Formen der Wut und des Grauens, des Grimmes und der List, die da voranschlichen in graugrüner, zäher, schleimi-ger Feinstoffiichkeit.

Und da tönte Hjalfdars, des Erleuchteten, Warnruf über die Weiten:

»Sehet den Entschluß zur Vernichtung ansteigen wie Rauch in der Ferne, zückt die Waffen Eures Wollens, strahlt die Kraft aus, die Lichtvater zum irdischen Kampf voransendet! Regt Eure Gedanken und arbeitet damit vor! Schauet die Hilfen! Lichtvater läßt Euch nicht all seine führenden Kräfte erfassen, daß Ihr an ihrer Schön-heit die Augen weidet, sondern nützen sollt Ihr die Hilfe!«

Und es bewegte sich immer mehr und mehr der Kampf der Strah-lungen. Voranstürmten helle, lichtdurchflutete Wellen, die durch scharfe, flammende Speere durchzuckt waren. Die vorderste Waffe glich einem Flammenschwert, wie es der Mensch auf Erden noch nicht gesehen hatte. Es war das geistige Schwert des Geschaffenen, das ihm zu Patmos einst Parzival gesendet. Leuchtend erstrahlte das Kreuz seines Griffes, flammend blitzte sein breiter, geschliffener Stahl ... so schwebte es über dem Menschen Hjalfdar, der sein Reich erringen sollte.

»Lichtvater zur Ehre erkämpft Euch den Sieg!« das war sein Kampfruf.

Wie Löwen stürmten die Männer voran, dann folgten die Jung-mannen und die Knaben. Erst nach ihnen kamen die Frauen, aber alle trugen den leuchtenden Speer des Wollens vor sich her. In der Schar der schemenhaft wallenden Drachen sprühte es auf, qualmte der Dampf der Ängste. Das war nicht Gleichart, was da nahte, das war obsiegende, leuchtende, flammende Strahlung, die diese fein-stoffiichen Dämpfe auflöste, ohne sich selbst zu verändern.

Aufsaugend, zerteilend, löschend war die Tat des Geistlichtes und die Willens- und Formungskräfte wirkten in wunderbarer Arbeit, logisch aubauend in Liebe. Ein Wall der Kraft umgab die Eroberer, die da auf Lichtvaters Geheiß das »schöne Land« entdecken sollten. In großer Eile nahten sie sich dem Ort der irdischen Kämpfe. Da lagen die dichten Farnen und Lianengewinde wie versengt. Eine Wirrnis von Dickicht überdeckte die Tümpel, umspann die Wälder.

Vögel hatten diese Wehr den Drachen gebaut.

»Ihr sollt sie ausrotten; denn wo sie weiter leben, wird Aubau nicht sein«, riet Holda.

Ihr nahten sich die Wesenhaften, Luftgeister zeigten auf die Ge-winde, die um die grünen Farnen geflochten waren, die Feuergei-ster zogen sie hin zu dem Gefäß des heiligen Feuers.

»Dieses ist es, das Euch im Stoff den Sieg über die Drachen bringt! Diese Macht ist nur dem geistig Starken in die Hand gelegt, welcher sie nützen soll zu lichtgewolltem Zweck.«

Und Heimdall nahte:

»Ohne den vorausgegangenen Kampf der Strahlungen in rechtem Wollen wäre Euch das Feuer erloschen, das nun den Sieg in sich trägt. Hjalfdar, entzünde als Erster den Brand!

Nur ein Fünkchen Eures leuchtenden Stoffes genügt, Euch das sonnige Reich zum Aubau zu schenken. Nützet es wohl und kostet den tiefen Sinn dieses Erlebens bis in den Grund. Weisheit liegt in der Lehre, die Lichtvater durch Heimdall Euch kündet!«

Heimdalls Horn blies eine flammend lodernde Weise zu Hjalfdars Tat. Leise, rasch und züngelnd leckte die entfesselte Lohe empor in das dürre Pflanzengewirr. Dicht umsponnen lag es und knisterte geheimnisvoll. Mit kraftvoller Bewegung bliesen die Luftigen hin-ein. Da erhob sich Flammenzunge um Flammenzunge, bis ein feu-riger Wall entstand. Heiß begann die feuchte Luft zu zittern, wäh-rend oben die Wälder wogend brannten, glomm unten Glut und Dampf erstickend aus der Tiefe heraus.

Furchtbar ward das wühlende Bewegen der Wasser, da dem Ge-würm Luft und Naß zu heiß wurde. Wie ein würgender, in sich selbst ringender sterbender Wald sah diese verstrickte dampfende Masse aus.

Dann tönten qualvolle Laute und es rauschte von den flatternden Geiern, die ihre Baukunst in sicheren Tod verstrickt hatte; denn die gewaltigen Schwingen konnten nicht hindurchdringen durch Ast und Schilfwerk und die Federn fingen Feuer.

Kreischend, flatternd stürzten sie in die lechzenden Rachen der Drachen, die unten im flammenden Tümpel, der von ihren qual-menden, tranigen Leibern fett und ölig geworden, zu brennen be-gannen, sich in Not und Angst wälzten.

Keiner der Menschen sah durch den flammenden Wall das schau-rige Geschehen in diesen Gründen. Wolken von Dampf und Rauch, sprühende Feuerregen und die schrecklichen stickenden Dünste machten die Augen tränen. Sie mußten sich zurückziehen vor dem giftigen Qualm, der da auf Stunden hin trieb, und Blut und Fett und Sumpbäche sickerten in die moosigen Gründe. Sie mußten diese zu umgehen suchen. So wanderten sie ostwärts, an den Höhenzü-gen und Wäldern entlang, die von dem lodernden Drachensumpf-walde verschont waren und auf luftige Höhen führten. Erst dort hielten sie an.

Leise wogende Farnenwälder von ungeheurer Höhe nahmen die Wandernden, von dem furchtbaren Dunst der fettigen Dämpfe fast Erstickenden, auf. Lieblich wehte ein kühlender Wind und die Luf-tigen scharten sich helfend um die lechzenden Menschen.

Lichtstrahlen schienen die wunderbar harmonisch gewölbten Farnenblätter zu durchleuchten, daß jede Ader, jedes Blatt zur Geltung kam. Der kraus bewachsene, schachtelhalmartig aufge-baute Stamm leuchtete in einem warmen Rostbraun und strebte säulengleich aus saftigem, leise bebendem Blatt- und Graswerk hervor.

Hier hausten keine wilden, urweltgewaltigen Wesen, als hätte die Nähe der grimmen Drachen alles andere Getier auf Tagereisen fern gehalten. Still war es in den Wäldern, daß man das zarteste Fallen einer Blüte, das Nicken der windbestrichenen Fächerwedel gewahrte. Ein leises Rascheln nur ging durch die weitgebreiteten Wipfel und zu den Füßen der schweigend Eindringenden sickerten leise plaudernde, silberblaue Wässerlein.

 

Sie knieten daran nieder, mit den Händen darein tauchend und schöpfend. Licht und still, stark und echt drang ihr inniger Dank zu Lichtvaters leuchtendem Thron. Denn sie hatten im Darben ge-lernt, seine Gaben zu achten nach ihrem hohen Wert. Eine große Ruhe war in dem Walde.

Keiner von den vielen Menschen zeigte eine Regung, die Unruhe oder Fremdes hineingetragen hätte. Es war, als seien sie darin einig, daß sie sich als Beschenkte in Lichtvaters großem Tempel und als begnadete Gäste fühlten.

Hjalfdar und Holda standen auf sanft ansteigendem Höhenzug und blickten auf die andächtig sich labenden Menschen hinab. Ein Gefühl großen, stillen Glückes bebte in ihnen, eine reine Freude und die Ruhe des Erfüllthabens.

Sie waren wie festverankert in einer Kraft, die sie nach oben hin verband. Fest aber standen sie auf der Erde. Zu ihren Füßen la-gerten die Menschen, denen sie Führer geworden waren. Während sich Hjalfdar noch mit den Einzelheiten des Kampfes befaßte, zog das Treiben des wesenhaften Waltens Holdas ganzes Sein in neue Bahnen. Alles war neu geworden.

Das schlafende harrende Land lag hinter ihnen, das heilige Feuer hatte sie durch die Tat in den Sieg gestellt - das Alte war vergangen. - Da woben dieselben Wesenhaften am ewigen Teppich des nimmer versiegenden Lebens.

»Dieselben, und dennoch anders anzusehen. Wie wir uns umbil-den im Schaffen, also auch Ihr. Auch Ihr seid die Alten nicht mehr; denn heilige Hand hat das Siegel seiner Kraft auf Eure Stirnen ge-drückt. Heilige Zeichen glühen in dem Buche des Lebens, darin wir alle lebendig stehen müssen, und Eure Namen leuchten.

Flammenkraft aus dem heiligen Feuer Eurer Urheimat hat Euch durchglüht, und Lichteskraft Lichtvaters hat sie gewollt, nun waltet der Sieg.

»Siegwalt« wirst Du Dein Söhnlein nennen, das Dir die Liebe Lichtvaters sendet als ersten Sproß im neuen Land, das Ihr »As-gard« nennen möget nach dem Garten Eurer ewigen Helfer, die ihn vorbildlich nach diesem für Euch erbaut haben.

Asgardmenschen seid Ihr geworden, den Asen verbunden, gold-haarig wie sie. »Lichtasenheim« sollt Ihr gründen auf Erden!«

 

Also sprach es flüsternd, klingend in Strahl, Farbe und Ton, in lieblich wechselnder Gestaltung auf Holda ein. Und ihr schwindelte fast vor der Fülle des Lebens, das sich da auftat vor ihrem berausch-ten Auge.

Schönheit, jede Faser des Blattes lebendige Schönheit, Formung in anbetendem Streben nach oben. Stille, Reinheit und Duft, Licht-fluten im säuselnden Grün und perlenden Bach, dessen silbernes Rieseln wie Musik war. Hier woben Lichtelfen, dort Wasserweib-lein, hier purzelten die drolligen Erdgnomen und reckten ver-knorrte Ärmchen nach oben, Kräuter oder Säfte weisend, die aus der Erde quollen.

Nun sah sie auch kleine Tiere, Kriecher und Flieger, und freute sich an ihrem Spielen mit den Elfen.

Zitternd vor Glück griffen die leuchtenden Hände nach all der Fülle, um sie zu halten, aber:

»Eins nach dem anderen«, lachten die Elfen. »Eines baue aufs an-dere in seliger Geduld, dem Augenblicke treu!«

 

Als Holdas erste Erregung durch Ruhen des Körpers und Nah-rung von den Früchten der Sträucher sich etwas legte, da wanderte Erlebtes um Erlebtes nochmals langsam durch ihren Sinn.

Am meisten beschäftigte sie der Eindruck, den jene Tiere auf sie machten, die wie Blätter an den niederen Ästen der Sträucher hingen und aus einem an ihren Köpfen ganz hochgelegenen run-den Auge stumm wissend und geheimnisvoll in die Welt schauten. Zarte, rosige Strahlen drangen aus ihnen, die auch nur jenes Auge sah, das den geheimen Werkstätten der verbindenden Urkräfte sich öffnete.

Da sah sie Strahlen wie dünne Fäden, die mit Gleichartigem, aber höher Gelagertem zusammentrafen. Sobald dieses geschah erlebte sie ein Klingen, das aus den hohen Strömen schwingend in das an-dere tiefer Gelagerte überging. Dadurch wurde die Bewegung grö-ßer, die Farbe dichter, der Ton lauter und tiefer.

Und sie sah, daß diese tierhaft-pflanzlichen Wesen auf diese Wei-se sich mit den Kräften der Natur zu ernähren vermochten, daß sie nicht nur feinste Kräfte aus den höheren Ebenen in sich tranken, sondern gleichzeitig auch ihres irdischen Willens Kraft stählten und zur Tat werden ließen. Es nahte sich das ihnen irdisch Not-wendige: Die Nahrung für den Körper.

Holda vertiefte sich in die Klänge, die aus den tätigen Strahlen strömten, und ihr Mund begann leise die Laute, die Töne wieder zu formen, die da im Anfangsstadium als Schwingung hereingehaucht waren in die irdische Schöpfung. Und es begab sich dabei Wunder-bares: Es nahte sich ein Ton auch ihr! Mit ihm erschien herrliches, grünblaues Licht, und feine Strahlen schienen das Rauschen von Schwingen heranzuziehen. Das Angesicht eines runden, zarten, fein-stoffiichen Sonnenauges sah für Augenblicke lächelnd Holda an.

Sie fühlte, wie schwingende, strahlende Fäden aus ihrem Sein sich lösten. Es zwang sie eine ihr fremde Eingebung, das sonnenkreis-runde Angesicht in den weichen Sand zu ihren Füßen zu zeichnen. Ihr wurde hierbei klar, daß sich ihre Gedanken damit befaßt hat-ten, womit sie die vielen Menschen des Abends ernähren möchten. Fremd war ihnen ja hier noch alle Frucht, und nirgends war ein Tier zu sehen oder ein Wild, das ihnen Nahrung sein konnte.

Die feinen Fäden spannen sich weiter, reines Lichtes strömte heran, reines Lichtes strahlte aus Holda zurück und um sie und die Zeich-nung am Boden spann sich ein heller Kreis. Staunend sah es Holda.

Da nahte sich ihr ein Elfenkind. Weiß war sein Angesicht, blau-licht das Auge, eine große weiße Blume umschwebte es wie ein Kleid und seine Bewegung war wie das Schwanken lieblicher Blü-ten im Winde.

»Du kannst die Wesen rufen, die Euch zur Nahrung Eurer Körper dienen müssen«, sprach die Silberstimme dieses hauchzarten Blu-menkindes. »Warte nur, bis aus den Gründen die ersten Strahlen des Silbermondes huschen. Dann ist die Stunde!«

Das Elfenkind entschwand nach diesen Worten.

Holda fühlte Unbeschreibliches in ihrer Seele. Dank zu Lichtvater und Erstaunen ob der allumfassenden Durchdringung seiner Kraft, die wie ein Strom von Kreis zu Kreis zu wallen schien. Von Kreis zu Kreis? Woher war ihr diese Vorstellung gekommen? Warum mußte sie jenen Kreis in den Sand schreiben?

»Es ist das Gesetz der Bewegung, daß alles vom Anfang aus in den Anfang zurück fließe!« so sprach eine Stimme, die ganz erschüt-ternd war.

 

Und es erschien, da sie ihr Auge des Geistes zuhöchst richtete, ein Unbekannter, Lichter, höher denn Heimdall, tiefer denn Lichtvater. Aus seiner Urkraftausstrahlung schimmerte das ewig wandelbare Licht alles Verbindenden, und um sein urgeschaffenes Geistaus-

strahlen schwang der Name:

»Ahura-Amesha.«

 

Holda stand im Lichte des Herrn, gleich Hjalfdar, der zur selben Stunde seinen Ruf gehört hatte, und seiner urgeschaffenen Geister Ei-nen hatte er sie schauen lassen. Seine Kraftströme sandte dieser nun dem Menschengeiste zu, da er rein und wach war, ihn zu erfassen.

»Ahura-Amesha, der Diener des weisen Herrn.«

»Ritze alle diese Zeichen, die noch folgen, in einen Sandstein, daß Du sie bewahrest.«

Holda sprach zu Hjalfdar, dem sie dies alles vertraute - der Hohe aber gebot ihr:

»Schweiget darüber; denn in der Kraft des Schweigens wächst die Erfüllung.«

»Wie ist jener Hohe, Lichte?« fragte Hjalfdar.

Ja, wie ist er, der in allem Strahlen Bewegliche? Vorherrschend ist das Glühen seiner Farben, die wie das Meer unerfaßbar sind, wie das Meer, das einmal lichtklarblau durchsonnt ist wie ein hel-ler Stern, dann wieder tief dunkelgrün und undurchsichtig scheint, das weißgoldene Schaumkronen sprüht, und schillernd still wie eine matte Perle in der heißen Sonne ruht, das durchzuckt von Feuerblitzen aubäumt und türkisen schimmernd sich schlängelt wie eine unruhige Natter. Ausstrahlend, ewig geheimnisvoll, so ist seines Wesens Kraft.

Sein Angesicht aber ist so schön, daß es ein Menschenauge nicht fassen kann; denn es trägt in sich alle Gesetze des Ebenmaßes und der vollkommenen Schönheit. Auffallend strahlt ein Auge an der Stirne und wirft farbige Lichtströme auf den Menschen, je nach der Willensrichtung des Urgeistes. Sie nannten ihn so; denn er selbst sagte im Klingen seiner Strahlen:

»Ich bin einer der Urgeister aus der Urschöpfung. Im Dienste des Lichtes will ich Euch von meiner Weisheit Ursamen übermitteln. Lange schon liegt er im Keim auf Erden. Tier und Pflanze tragen ihn in sich, der Mensch aber lerne, ihn bewußt zu nützen. Ich zeige Euch die großen Kräfte der Natur, ich führe Euch die weisen Wege nach oben. Dir, Menschengeist aus erstem Quell, wird durch mich Verbindung mit dem Lichtreich Gottes. Bald wird Dein Auge in die Höhe seiner geheiligten Burg dringen können, darin der Geist der Wahrheit seine Stätte hat, im Mittelpunkt des ersten Ringes der Ur-schöpfung!«

Es war viel, allzuviel für das Menschenpaar. Während die anderen alle der Ruhe sich hingaben und die lechzenden Lippen an dem rie-selnden Quell kühlten, kam zu ihnen dieses große Erleben aus lich-ten Höhen! Ein Schöner, Lichter, Mächtiger, gleich einem Engel.

Die Ausstrahlung seines Schwingens blendete die Augen, der Kraftstrahl seines Auges aber ließ sie in Bangen senken. -

Und es stieg langsam ein Silberglanz über die schillernden Blätter, feiner Tau legte sich auf alle Pflanzen, die einen betäubenden Atem aushauchten.

Holda hatte den Platz nicht verlassen, der den Kreis mit dem Son-nenantlitz im Sande wies. Still saß sie und sinnend, und Hjalfdar war ihr nahe und blickte hinab auf den schweigenden Grund, in dem die Stammesgenossen ruhten.

Mochten sie schlafen, wohlverdient hatten die Körper völlige Ent-spannung nach diesem schweren Wandern und dem letzten gro-ßen Sieg über sich selber. Bald wollten sie weiterziehen, gestärkt und gerüstet, in neue, ihnen noch unbekannte Zukunft, vielleicht in manche Gefahr.

Da rührte leise Holdas Hand seinen Arm an, stumm deutete ihre gespannte Miene nach der Erde und ein Leuchten, ein Bewegen be-gann über dem Kreise im Sande. Wie Luftspiegelung sah es aus. Flirren und Flattern vieler Vogelkörper und auch ein Rauschen wie von vielen Fittichen traf von Ferne an das Ohr der Menschen.

In dem Schutze leuchtenden Lichtes schwang ein zitternd Flügel-paar heran und ein großer dunkelschimmernder Vogel, einer Wild-taube ähnlich, senkte sich in den gezeichneten Kreis.

Leise griff ihn Hjalfdar und tötete ihn mit kurzem, kräftigem Druck. Es folgte eine ganze Schar. Sie war Nahrung für alle, die da im Walde lagen. Viele waren von dem Flügelschlag der Vögel erwacht und freuten sich, da Holda ihnen erzählte, daß die Lichten ihre Bitte erhört und ihnen Speise gesendet hätten. Alle halfen das Mahl zu rüsten und zu verteilen.

In dem Grunde der feuchten Sandbänke wurden die Tiere mit den Federn in weiche Erdmasse gehüllt und dann zwischen die glü-henden Erdplatten gepackt, die aus der Urne des heiligen Feuers seit Stunden genährt worden waren. Diese Platten waren an einem tief, aber trocken gegrabenen viereckigen Grund geschichtet und glühten wie ein Ofen. Darin wurden die Tiere gebraten.

Als die Mahlzeit gerüstet war, rief Hjalfdar zum Platze. Alle lager-ten sich um den glühenden Herd, an dem die Frauen hantierten. Sie hatten die festgebrannte Hülle von dem Wild geschlagen und die Federn damit aus dem Fleische entfernt. Duftend stieg ein würziger Dunst empor.

Bevor die Mahlzeit ausgeteilt ward, erhob Hjalfdar seine große Gestalt und schritt zum Herde.

»Lichtvater, wir danken Dir für dieses Mahl, das Du im neuen Land als Erstes uns gespendet! Wir nähren uns nach Deinem Wil-len von den Früchten Deiner Flur und den Tieren des Waldes.

Du weise sie uns, die wir essen sollen - und die wir schonen müs-sen. Du zeige uns in der Kraft Deiner allmächtigen Gesetze die Stunde und Stätte zur Nahrung aus den Früchten der neuen Hei-mat; denn wir wollen Dir gehorchen. Wir danken Dir und bitten Dich: Laß Deine Gnade über uns bleiben, Lichtvater!«

Noch nie hatten die Augen Hjalfdars eine solche Nacht erlebt. Sie waren auf ihrer Wanderung durch das harrende Land in eine völlig andere Zone geraten. Eine stille Verwunderung ob der Vielseitigkeit von Lichtvaters Schöpfungswerk war alles, was sie bisher aufzubringen vermochten; denn sie lebten in und mit dem Weben der Natur und ein ewiges Pulsen und Wallen stellte sie mit in den Strom der Welt.

Sie suchten, ob ihre alten Freunde aus der früheren Heimat sich wohl einfinden mochten. Wesenheiten vieler Art fielen ihnen auf. Besonders kleinere Wassertiere, Amphibien und Insekten. Die ein-äugigen, ziemlich großen Tiere, die wie Blätter an den Bäumen hin-gen, schienen sich immer zu mehren, je mehr das Auge sich an die reiche Form und Farbenfülle der Blattgewächse gewöhnte.

So ganz andersartig wie dort in der kühlen, herben, wenn auch schmucken Heimat der vulkanischen Vorländer, der Sanddünen und Heideflächen, war hier die üppige, warme, lebenüberströmen-de Schönheit und Farbenfülle für das Auge. Und so verschieden-artig wie diese Natur waren auch jene Wesenheiten im Gleichmaß gestaltet, die sie die Bindenden, Vermittelnden, die Leichten, die Fließenden und die Lichten nannten.

Ganz anders in Artung des Ausdruckes, wenn auch gleich im Grade der Art erschienen sie Holda jetzt, da ihre Sehnsucht nach ihnen gefragt hatte. Wie ein Kind, das weitgewandert im wunder-baren Märchenwald sich plötzlich nach der alten Umgebung sehnt, so war Holda hineinverpflanzt in völlig andere Natur. Sie war in jeder Art ihres menschlichen Seins natürlich, und, obwohl fern von allem Empfindlichen, war sie doch empfindsam für den Zusam-menklang in der Schöpfung als eine wohlgestimmte Saite in dem großen Harfenchor des Lebens.

In dieser Weise und nicht mit dem Verstande klügelnd, erlebten diese Menschen ihre Entwickelung in dem Aubau der Erde.

Nie hatten sie eine solche Nacht erlebt. Entweder waren die Nächte lang und grau gewesen, oder es hatte das Nordlicht sei-ne blendenden Zaubersäulen hinabgeströmt wie flüssiges Metall. Nun aber sahen sie eine Anzahl ihnen vertrauter Sterne an ei-nem tieblauen, warmsamtenen Himmel, aus dem sie ihre reinen Strahlen gossen.

Aber sie sahen nicht Heimdalls Brücke mehr, noch hörten sie sei-nes Hornes Schall. Dafür aber hatte des Tages die Sonne gelacht und die üppigen Blumen hingen von Feuchtigkeit und Fülle schwer an den großen Ästen.

Wunderbar wogte es in den rieselnden Fluten, Tiere stiegen em-por, Echsen und Frösche, sie sahen friedlich mit großen Augen, aber gar nicht scheu auf die Menschen.

Wieder erklangen dabei Töne, wieder entzückten Ausstrahlungen aus dem Wollen dieser Tiere Holdas Ohr. Sie fing die Laute auf, die sie mit ihren Lippen bilden mußte. Und da war ihr, als verstände sie, durch feine Fäden mit ihnen verbunden, den Sinn der Sprache unter und mit Tier und Pflanze. Ein neues beglückend reiches Erle-ben setzte aufs neue für sie ein.

Diese Nacht in dem sternübersäten Walde, dessen leises Farnen-rauschen und Murmeln der Wasser die tausendfältigen Stimmen nicht trübte, sondern nur wie ein leiser Schlummergesang beglei-tete, war wie das Hineintauchen in eine langvergessene Seligkeit.

Die Körper kannten keine Müdigkeit. Während alle anderen schliefen, wachten Hjalfdar und Holda, in einem seligen Wachsein, das die Ströme lebendigen Geistes über sie ausgoß. Und ihr Gebet war wie ein Gesang an Lichtvater. -

Der frühe Morgen hüllte noch die Herrlichkeit des Waldes in fei-ne Schleier. Holda war mit einigen Mägdlein ans Feuer getreten, an dem noch die Merkmale des Abendmahles umherlagen. Kleine, muntere, zottige Tiere sprangen mit Bellauten um sie, sie hatten für Säuberung des Rastplatzes gesorgt. Kaum ein Knöchlein verriet noch die Art des gestrigen Mahles.

Holdas Hand griff unwillkürlich nach oben; denn aus einem Bau-me war ihr ein Zweig brotartiger Früchte gereicht worden, und sie kostete davon. Ein blattverhülltes, blasses Angesicht hatte sich hin-abgebeugt, lächelnd, flüsternd hatten die leuchtenden Arme den Zweig gereicht. Auch die Mägdlein hatten es gesehen.

»Holda, Du Mutter für uns alle, wie bist Du ein Liebling der Lichten! Können wir von Dir lernen, daß auch uns die Helfer so gnädig sind?«

»Seid natürlich, liebt einander und öffnet Euch den heiligen Kräf-ten, dann wird Euch alles von selbst zufallen«, sprach Hjalfdar, der dazugekommen war.

Dieser Brotbaum, wie sie ihn nun nannten, bot eine Fülle der Früchte, von denen sie alle satt wurden. Große Ernte hielten die Knaben dann noch; denn Hjalfdar riet, davon zur Wegzehrung mitzunehmen. -

Über Hjalfdar wanderte wieder die große Flamme, als er an Hol-das Seite dem wohlgeordneten Zuge voranschritt. Langsam folgte Volk und Vieh. Und die Stimmen der Jungmannenschar sangen eine Weise, die das neue Land loben sollte.

Klarblau ward der Himmel, ferne Lichtstreifen erinnerten an die leuchtenden Ströme von Heimdalls Brücke. Würde auch die Sonne wieder scheinen? -

Mühsam wurde der Pfad durch dichtes Gewinde, das Hjalfdar mit scharfen Hieben zerteilte. Sie wanderten in Zuversicht dem Tal des Bleibens zu, das ihnen von Lichtvater versprochen war.

Ja, die Sonne schien! Schien am nächsten Morgen, da sie durch eine sternenklare, kühle, heimlich raunende Nacht geschritten waren. Sie schien auf eine weite, fruchtbar grünende Ebene, die von einer Hügelkette wie ein Kessel umsäumt war.

Schnell war sie emporgestiegen. Diese Art und Weise des Wan-dels der Sonne war ihnen neu. Sie kamen aus dem hohen Land des Nordens in eine gemäßigtere Zone und verstanden deshalb vieles noch nicht, da ihnen die Kenntnis über die Gestaltung und Bewe-gung der Erde fehlte.

Dankbar aber fühlten sie die Wärme, auch die Feuchtigkeit der Luft und die Strahlung der Sonne, die den Pflanzen so unendlich viel zum Wachstum nützte.

Sie sahen auch, daß hier große, wesenhafte Gestalten lebten und eifrig arbeiteten.

Große Erdumwälzungen waren geschehen, an den Hängen zeig-ten sich gebrochene Stellen, die das Innere dieser Erdoberfläche in seinen Bestandteilen freilegten.

Sie sahen auf weißes und auf metallisch glimmerndes Geschiebe, das in feinen Platten sich durch jene Bruchstellen zog. Eine wesen-haft führende Gestalt beantwortete Hjalfdars Frage:

»Das haben die heißen Kräfte gehoben und ein Stück weit ge-schoben, dann hielten es Riesen auf, damit die Wasser des heißen Sees nicht vermischt werden, langsam aber hat die ziehende Wir-kung der porösen Massen sie dennoch in sich getrunken, die nun schimmernd in erkalteter Form wie Kristall wieder zutage treten. Schaut Euch um. Wärme und Sonne, glühende Lava hat aus dem Becken und seiner Tiefe ein fruchtbares Tal gemacht, das nun frohe Tiere beherbergt und Menschen in späteren Zeiten zur Wohnstätte dienen wird. Ihr aber geht weiter, noch seid Ihr nicht am Ziel! Hö-her werden dort die Aufwerfungen, die dereinst die Riesen bewach-ten. Sie leben seitdem auf diesen Höhen und schreiten mit weiten Schritten über diese Rücken, die ihnen nur wie liebliche bewachsene Wellen erscheinen.

Sie sind gütig und mächtig wirkend zwischen den Schichten der Wesenhaften und Feinstoffiichen, sie sind die eigentlichen Bau-meister des Stoffes im Ursprung. Sie haben den Lichten ihre hohen Burgen erbaut und ihr Wille ist Liebe zum Aubau.

Befreundet Euch mit ihnen wie mit uns, die Ihr schon lange ken-net, schickt ihnen aus Eurem Wollen Vertrauen und Liebe zu, dann wird Euch von ihrer Seite auch Vertrauen, Liebe und Hilfe zuteil. In ihrem Vertrauen sind sie verbunden mit allen Lichten, und sie sind in Wahrheit starke Helfer.

Wenn Ihr in Eurer Weise Euch einfügt in das große Getriebe des Lebens, so werdet Ihr durch sie auch im Stoffe große, herrliche Bau-ten errichten und Kräfte zur Entfaltung bringen können, die Ihr jetzt noch gar nicht kennt. Ihr macht Euch jetzt noch keine Vorstel-lung von der Macht und Kraft, die in dem Leben ruht, aber Ihr seid erkoren, diese Gaben alle zu erkennen und zu nützen.«

Während sie so dahinzogen, fühlten sie die immer höher steigen-de Sonne stark und sie dürstete sehr.

Hjalfdar, der es bemerkte, noch bevor alle anderen daran dachten, bat seine lichten Freunde, daß sie ihm zur rechten Stunde den Quell weisen möchten.

Hjalfdar stand in einem Schwingen des Vertrauens und Wissens von der Allmacht des Lichtes, das durch Gebrauch und Übung, durch rege Unterstützung in dem Wollen dauernd wuchs. Keine Sorge, keinen Zweifel kannte sein Geist, und seine Erfahrung lehr-te ihn, daß er, im rechten Augenblicke wachsam, keine Gefahr zu fürchten brauchte; denn sie vermochte nicht zu nahen bis in die Auswirkung des Stoffes.

Singend lobten die Jungmannen die Schönheit der Erde. Ihre Stim-men klangen über die Weite, wie ein Jubellied zu Lichtvaters Ehre.

Holda blickte mit ihren klaren Augen viel zur Erde; denn ein neues Leben des Bodens hatte sich ihr wieder erschlossen, das sie mit großer Freude beobachtete. Da guckten aus dem glimmernden Gestein liebe Gesichter, noch nicht sehr alt und dennoch runzelig. Freundlich, stumm und sehr geschäftig glitten die kleinen Gestal-ten durch die Dichte, als wäre sie nicht vorhanden. Wie Schleier und lichte Schatten lagen sie oftmals auf dem Gestein oder blickten hier und dort hervor, winkten auch wohl mit kleinen Fingern und trugen blitzende Lichtlein hinein in die Spalten der Schichten.

Keime betreuten sie mit der Ausstrahlung ihrer Liebe und Farben leuchteten auf, die dereinstiges köstliches Gestein auch im Stoffe tragen würde, das ersah Holda für die Zukunft.

»Wenn Ihr dem Herrn über alles Leben, dem Ihr in Wahrheit die-nen werdet, eine Hütte auf Erden errichtet, zu seiner Ehre, dann werden wir Euch die Schätze unserer Wohnstätten und Werkstatt weisen. Und Ihr werdet erleben, daß wir keine Stunde geschlafen haben, seit uns der Heilige Geist geschaffen hat.«

Holda lauschte in sich: Wie hatten sie gesagt? »Der Heilige Geist!« Sie erinnerte sich, daß sie es einst schon klingen gehört, dies Wort voll Licht und Leben. Da hatte Hjalfdar es von oben gesprochen, im Klingen der Strahlen unter Heimdalls Brücke stehend, lange vor ihrer Auswanderung ins lichte Land: »Der Heilige Geist schwebt über den Wassern!« -

 

Die Pfade wurden immer unwegsamer. Hjalfdar bahnte den Weg. Holda schritt ihm zur Seite. Sie ließen das ebene, grüne Bek-ken rechter Hand liegen, trotzdem es anscheinend müheloser zu überqueren gewesen wäre. Aber der Geist führte Hjalfdar an den Hängen und Rücken der aufgeworfenen Hügel entlang, die mit dichtem, zähem Gestrüpp und lianengleichem Schlinggewächs be-wachsen waren.

Die feinen Silberflimmer blitzten nicht mehr durch dicht über-sandeten Boden, sondern die Felsenstücke waren überwuchert. Mühsamer wurde der Weg. Heiß stieg die Sonne empor und die Gebüsche gaben wenig Schatten. Dennoch aber forderte keiner eine Rast noch einen Trunk oder den Weg über das freie, ihnen zu Füßen ausgebreitete mühelose Land.

Es war das Vertrauen in den Führer, das alle restlos beseelte, und dies Vertrauen kam aus der Ruhe und Kraft der allzeit vorbildli-chen Art Hjalfdars, der Liebe und Sicherheit ausströmte. Er wirk-te aus dem Gesetz heraus. Wie er sich öffnete, im Bewußtsein der Verbindung mit Lichtvater, so hielt er. seinen Körper, aufrecht und gelockert, und wie der Körper rein und unverbogen in den geisti-gen Strömen schwang, die ihm gespendet wurden, so klang das Werkzeug und so vollzog es auch die Auswirkung alles dessen, das es sprach. Die Strahlen flossen um ihn, zogen Reines an, stießen Störendes ab.

In Schutz und Bereitung wanderte auch die ganze Gefolgschaft, die bald zum Volk werden sollte.

Immer stärker wirkte die Anziehung der Gleichart. Immer mehr lichte Fäden, von Helfern gesendet, woben aubauend ihre Bilder, die das neue Volk verwirklichen sollte. So schritten sie, kämpften sie sich durch mühsame Pfade, anscheinend ganz mit der Schwierigkeit des irdischen Daseins im Kampfe beschäftigt und dennoch erhoben im Geist, bewegt, durchstrahlt und geführt von ihnen bewußter Kraft. Unmerklich rannen die Stunden, in denen die Sonne hoch am Him-mel stand und wieder hinabstieg hinter dunkelblaue, tiefgründige Hügel und immer mehr ansteigende Höhenzüge.

Stille war es, unheimlich stille in der Natur. Die Hügel troffen von dem zarten Tau, der sich in labenden Wolken des Abends herab-senkte. Der Mond stieg auf, aber noch immer glühte im Westen ein roter Streifen im goldblendenden Abendhimmel. Dort war es noch hell, während im Nord-Ost Dunkelheit und kalte Bläue den Himmel füllte.

In den Tiefen der Ebene zogen feine Nebelstreifen dahin, darin schwebten lichte Wesen und Flammen und aus den Gründen stie-gen die kleinen Wesenhaften der Natur.

Holdas Augen weiteten sich immer mehr, während sie wachend und geöffnet durch die niederen Wälder ging. Ein leises Rauschen ließ sich vernehmen, mit dem aufsteigenden Licht des Mondes kam der nächtliche Wind. Laute von Tieren wurden wach, helles, lockendes Girren einschlafender Tauben und das Brüllen des äsenden Hirsches. Ein Rauschen wie von stürzendem Wasser wurde immer deutli-cher und sie sahen, daß auf dem Höhenzug an ihrer linken Seite ein Tal sich weitete, aus dem dieses Rauschen hervorquoll. Silberlicht schien von oben zu strömen und sich in der Tiefe des Tales ausbreitend zu einem wunderbaren Silbersee zu sammeln.

Ein Jubellaut entrang sich ihren Kehlen, als die Menschen das im Silberglast des Mondes schimmernde Tal erblickten. Rauschend wiegten sich feine, fächerartige Bäume in einem milden Wind und hohe Gräser umhüllten wie Schleier ihre Füße, als sie hindurchstie-gen. Duftend von reichen Blumen durchsäet schienen sie und die flammenden Äuglein froher Elfen lachten daraus empor.

Wie mußte es hier duften und weben in Sonnenstunden des Ta-ges, wenn schon die Schatten der Nacht solche milde Schönheit enthüllten! Keinen Augenblick stockte der Fuß. Es zog die Men-schen hinein in den tiefer gelegenen Kessel des Tales, in dem der See seine silbernen Lichter strahlte.

 

Als sie den Punkt des Tales erreicht hatten, da Hjalfdar inne gehalten hatte, sahen sie, daß er auf einem Steine stand und wartend zu ihnen sah. Darum ließen sie sich nieder und lagerten ihre Tiere. Die Jung-mannen gruben eilig einen kleinen Herd, den sie mit Hölzern füllten. Dann holten die Jungfrauen die Feuerschlange aus dem heiligen Gefäß und diese ringelte sich eilig in das dürre, harzige Geäst und

fand reiche Nahrung.

Duftend stieg die Flamme des heiligen Herdes in die Höhe. Hjalf-dars Stimme aber sprach feierlich:

»Wie dieses heilige Feuer emporsteigt in die Weiten des Himmels, so hebt sich der Dank Deiner Kinder hinauf zu Dir, Sonnvater, der uns die Welt mit Wärme und Licht erfüllt.

Heimdalls Brücke, die wir mit irdischem Auge geschaut, hast Du in dem alten Heimatlande uns gezeigt als einen Weg in die Höhen zu Euch, Ihr helfenden Lichter. Nun haben wir das Wissen von dem Weg zu Euch mitgenommen in ein neues Land, dahin uns ein Hö-herer wies, dem auch Ihr Lichtasen dient: Lichtvater! Ich habe sei-nen lebendigen Strahl geschaut und er hat mich damit erfüllt. Ich diene ihm. Alle, die Ihr hier versammelt seid, seid mir nachgefolgt, weil ich ihm diene. Neu ist für uns das Reich der Sonne; das er uns spendet, fruchtbar und voll des Lebens ist dieses Fleckchen Erde. Seine Stimme hat zu mir gesprochen:

»Bleibe hier; denn dies ist Euer Land! Von hier aus werden sich die Zweige meines heiligen Gesetzes in die Menschen gießen, von hier aus werden die Wurzeln des großen Schicksalsbaumes um den ganzen Erdball greifen. Ich segne das Land, das die reinen Men-schengeister bebauen werden in meinem Namen. Amen.«

Ein Lied, das wie aus Himmelshöhen klang, floß wie gesproche-nes Wort über die Lippen der Knaben. Es war, als seien es Worte aus Lichtvaters Mund.

Ein helles Leuchten ging auf über dem Tal des Bleibens, in das Hjalfdars Volk eingezogen war.

»Hier laßt uns unsere Hütten bauen! Der Herr des Lichtes hat uns alles gegeben, das wir zu dem Aubau unseres Seins bedürfen.

Denket meiner Worte, laßt sie nicht leichtfertig eingehen in Euer Ohr und hinausströmen aus dem anderen Ohr, sondern bewegt es in Euerem Leben. Eine Fülle der Arbeit hat Euch Lichtvater gegeben; denn nur in dem Bewegen und dem Wirken auch Eures ir-dischen Körpers werdet Ihr des Brotes wert, das er Euch spendet. Unser Sein ist wie ein Kreislauf, der aus dem ewigen Gesetz ausgeht und wieder in dieses münden muß. In allem, das Ihr nun beginnet, gehet Ihr wieder an Euren Ausgangspunkt zurück, wenn Ihr richtig gehet, es kommt der Aufstieg.

Dieses muß ausgesprochen sein, wenn Ihr es auch nicht versteht. Aber alles, was aus des Lichtes Mund mir gesagt ist, muß sogleich auch ausgesprochen sein; denn damit gehe ich Euch voran und bah-ne Euch den Weg, so wie ich durch Feuer und Sturm, durch Kälte und Not, durch Blut und Wasser vor Euch herging bis in das Land des Bleibens. Bis in die spätesten Zeiten der Erde, wenn die großen Wellen sie umspülen, wenn die Feuer anderen Boden gehoben und weiße Schichten auf Tausende von Sonnenwenden die Erde über-krusten, wird immer noch eine Sage gehen von dem »Lichtasen-heim«, das Menschen auf Erden den Göttern gebaut, auf daß sie sich bleibend in Liebe und Kraft verankern möchten in dem Stoff der Schöpfung.

Ich sage Euch, in dem Tun Eures alltäglichen Seins bewegt mei-ne Worte und bleibet schweigsam, wie Ihr es bisher geübt. Ich will Euch die Lichtfäden Eurer Taten schon zeigen, wenn sie immer strahlender von Tag zu Tag unser schönes Tal durchziehen und Nahrung sammeln, rückströmend aus lichten Höhen.

Nun laßt uns zuerst den eigenen Herd begründen. Ich will einem jeden von Euch seinen Platz dazu weisen. Dann wollen wir, wenn für die nötige Ruhestätte gesorgt ist, an den Lichtgarten denken, den wir den Ewigen bauen!«

Unter dem Schutz aufgespannter Felle, am offenen Herd, ver-brachten sie dann Stunden der Ruhe, bis das Silbertal immer mehr in Schatten fiel, da sich der Mond niedersenkte. Hell ward der Himmel und sieghaft schossen die Strahlen des Tagesgestirns darüber hin, noch bevor ihr rötlicher Ball die Kuppen der Hügel erreichte.

»Sonnenvater, sieh, Dein goldener Strahl grüßt unsere Flur!« san-gen die Knaben das Morgenlied.

Wie erst der See in Silberglanz prangte, so grüßte er jetzt in wun-derbar tieblauem Leuchten, klar und durchsichtig aus tiefsten Gründen, wie ein Spiegel rein. Fische in großer Zahl schwammen gar nicht scheu nahe der Oberfläche und ließen sich mit den Hän-den greifen.

Der tosende, weißschäumende Wasserfall stäubte bunte Sprüh-regen in dem Licht der aufsteigenden Sonne und die Stimmen der Vögel klangen zusammen in einem mächtigen Chor.

Unendliche Fülle der Pflanzen und Blumen, weit ausgedehnte Wälder von wogenden Farnen und Palmen waren da emporgestie-gen. Ein feiner Duft von blauschimmernder, spiegelnder Feuchtig-keit zog über die Wälder, die von frischem, gewaltigem Urweltle-ben erfüllt waren.

Riesenhafte, weiße Geier flogen in weiten Kreisen über den fer-nen, höheren Bergen, und in dem Tal des Bleibens war ein Jubel der Geschöpfe ohne Ende.

Von den Hügeln lächelten wohlbekannte zufriedene Gesichter. Alle Helfer zeigten sich den Menschen. Wo aber waren die Riesen?

»Sie sind tiefer hineingezogen, in die Steinberge; denn sie sollen nicht in Eurer nächsten Nähe weilen, bis Ihr sie rufet. Dort sind auch die Großtiere, die der Höhlen, der hohen Bäume und der sumpfigen Wasser bedürfen, die Dickhäutigen mit den Mahlmäu-lern, die mit langen Hälsen die höchsten Bäume abäsen, und jene Echsen, die zumeist in Höhlen und Sümpfen leben, aber auch sie nähren sich vom Kraut.«

Holda hatte schon wieder neue Freunde - oder hatten sie nur der Gegend entsprechend anderen Ausdruck?

Das »Seeweib« nannte sie die silberblitzende Fischfrau, die mit weißem Angesicht und großen, grünblau schimmernden Augen wie Perlmutter glänzte. Wie ein Pfeil trennte sie die Wasser, wenn sie hindurchschoß, aus den Tiefen aufsteigend mit lieblich locken-dem Gesang die neu angekommenen Menschen an den See rief.

Gleich empfand Holda diesen Ruf als etwas ganz besonders Wich-tiges. Die schillernden Augen der großen fischartigen Frau mit dem silberglänzenden Schuppenleib bohrten sich eindringlich in die ih-ren. Was war da für ein geheimnisvoll Webendes, anders Geartetes um diese Frau, die es zu Holda mit Macht hinzuziehen schien?

»Blonde Frau, Deine Flamme seh ich leuchten und sie erwärmt meine kühle, flüchtige Seele - ein Menschengeist ist kommen, viel Menschengeister hat er mitgebracht in unser Tal; genau, wie Erda uns gekündet, so war es. Erda gab mir den Auftrag, Euch treu zu sein. Urweise und gerecht ist Erda und wir folgen ihr.

Ich will Dir Freund sein! Wenn Du des Abends, da die Sonne sin-ket, zum Wasserfall in die Gründe des Sees steigest, wirst Du mich allzeit finden; denn wisse: Ich rate Dir gut, wenn Ihr das Haus er-richten wollt, Lichtvaters Burg!«

Und sie zerfloß in ihrem glänzenden, sprudelnden Element, zer-rann wie Schaum - ihr Singen aber, das wie perlendes rieselndes Lachen klang, wogte noch hin über die Wellen des Sees, wo es die Wesenhaften vernahmen.

Alle kamen zu Holda:

»Hast Du den Sang gehört?«

»Ja, es war das Seeweib. Wartet nur und lauschet, oft singt sie noch ihr Lied!«

Still wurde es, alle Frauen lagerten sich am Strande des Sees, des-sen tiefe, milde, blaugrüne Wogen mit schmalen, weißen Kämmen das dichte Moos des Ufers leckten.

Silberglänzende Luftperlen stiegen an den feinen smaragdenen Zweigen der wiegenden Seepflanzen hoch. Weiße Blüten schwam-men auf der Fläche und an den Rändern der Buchten klebten glän-zende, schimmernde Muscheln.

Zuweilen schoß schlängelnd und zischend eine silberne Natter über den See, dann wieder wiegten sich Enten und Schwäne, bunt-gefiedert und weitheranfliegend, senkten sich riesige, schreiende Wasservögel auf die Flut. Holda konnte sich nicht satt sehen an all der Schönheit.

Große Hölzer voll gelben, weichen Harzes wurden angespült. Es war, als stiegen sie aus den Tiefen herauf.

»Wundersam und geheimnisvoll ist dieser See. Voll Schönheit und Schweigsamkeit und ich meine, voll wunderbarer Schätze.«

Was Holda unter »Schätzen« verstand, war den anderen nicht klar. Sie wußten ja, wie oft Holda Dinge erkannte, die ihnen ver-schlossen blieben, obgleich sie selber die wesenhaften Gestalten in Wald und See und in allen Elementen kannten.

Schwer arbeiteten alle Männer, während die Frauen mit Berei-tung der Mahlzeit und dem Hüten der Tiere beschäftigt waren.

 

Sie holten sich in den Wäldern Bäume zum Bau ihrer Wohnun-gen und schleppten diese mit Riesenkräften daher. Hierbei war es wieder Hjalfdar, der besondere Kräfte zu rufen und zu nützen verstand, daß der Bau ihrer Häuser gar schnell emporwuchs. Ganz anders erstanden die Häuser wie einst ihre ersten Wohnstätten. Schwer und mühsamer war der Aubau, aber um so schöner und behaglicher wirkte das kleine Dorf.

Hjalfdars Hütte war höher gelegen und von einem Gehöft oder Zaun umgeben, der dicht, hoch und breit aus Ästen geflochten ward. Um sie lagerten sich die Bauden der älteren, dann im zweiten Kreis der jüngeren Männer.

Jeder hatte das Haus der Größe seiner Einwohnerzahl angepaßt. Eines sah so ziemlich aus wie das andere, ein Unterschied zeigte sich nur in der Farbe des Holzes und der Größe. Die Dächer wa-ren flach, die niederen Türen wurden mit Fellen verhängt und die kleinen, aus dem Holz gespürten Luken ließen wenig Licht in den inneren Raum.

Dieser Raum zog sich um einen Baum, Stützbalken zeigten wie Säulen nach der Decke. An diesen Balken waren Plätze für die neu-en Jagdtrophäen frei, die erst nach und nach den Raum schmücken sollten.

Innen erschien der Raum viel größer, als es von außen den An-schein hatte. Ein gedeckter Teil, auf Säulen stehend, schützte hinter dem Hause noch einen großen Platz, an dem die Frauen weben und arbeiten konnten.

Hier waren auch ihre Geräte und der Herd. In dem großen Saale aber stand ebenfalls ein Herd, um den sich alle lagerten zur Mahl-zeit und zum Schlaf.

Ein langes, großes Haus barg alle Jungmannen, die Mägdlein blie-ben im Elternhause.

So hatte Hjalfdar die Wohnungen bestimmt, wie es der gegebenen Notwendigkeit am meisten entsprach. Schön war von der höher-gelegenen Siedlung der Blick auf den See und die Hügelketten bis zum sprühenden Wasserfall.

Dem die Ebene gewohnten Auge wohltätig wirkten in der Ferne grünende Hügel und Wiesenketten, die sich nach Sonnenunter-gang zu immer weiter ausdehnten.

 

Als die nötigste Einrichtung für das kleine Volk getroffen und beendet war, begann wieder das gewohnte Leben der Siedler, wie es dereinst im hohen Norden gewesen war. Die Jagdgründe wur-den in kleineren und größeren Kreisen erforscht, nach allen Seiten schwärmten die Männer aus, um das Getier zu erkunden, das sich nicht in die Nähe der Menschen wagte.

Woher mochte wohl diese Scheu und Furcht mancher Tiere stam-men?

»Wenn Hjalfdar allein den ersten Streifzug machte, würde er die Tiere sicher zum Vertrauen gewinnen«, sagten sie untereinander,

»denn Hjalfdar laufen sie zu.«

Die Jäger baten, daß er ihnen vorangehen sollte, sie wollten ihm dann von weitem folgen.

Vorerst nährten sich die Bewohner des Tales hauptsächlich von den Fischen aus dem silbernen See und von den saftigen Früchten, die in der Tiefe des Tales im sonnigen Grund auf hohen Bäumen wuchsen. So reich waren die Früchte dieses Bodens und so voll würziger Kraft, daß sie nur wenig davon zu essen brauchten, um sich zu sättigen. Auch fühlten sie bald, daß die Milde des Klimas ihre Nahrungsbedürfnisse wandelte. Von selbst vermieden sie die starken Fette, die ihre Körper im alten Heimatland gebraucht hat-ten. Auch nach dem rohen oder geräucherten Fleisch der Waldtiere trugen sie kein Verlangen mehr.

Holda beschäftigte sich eingehend mit der Entdeckung der Kräu-ter, die saftig und würzig in Verschiedenheit und großer Fülle ge-diehen.

Wieder meldeten sich ihre zarten Führer, ihre lichten, liebli-chen Helfer. Wieder sahen ihre entzückten Augen das Strahlen der Pflanzen, die vom Tau der Nacht gefeuchtet die zarten Häupter in die Sonne reckten. Stand das heiße Tagesgestirn in der Nähe des Höchststandes, dann dufteten sie und glühten von der gesammel-ten Sonnenkraft.

In dieser Zeit pflückten sie die Frauen am liebsten unter Holdas Führung. Sie sammelten Früchte und Kräuter; denn die Lichten hatten es Holda gesagt, daß es nötig sei für spätere Zeit.

Währenddem zogen die Männer auf Erkundung des Landes aus. Hjalfdar trieb es, die ersten Streifzüge zu unternehmen, damit er die Wurzeln und die Äste seines Wollens ausdehnen konnte, wie der Geist es wollte. Hjalfdar ging, wie sie untereinander besprochen hatten, voran.

Er sah deutlich Zeichen auf seinem Wege, die nur von Wesenhaf-ten herrühren konnten. Ihm war der Blick gegeben, sie zu kennen und zu verstehen - und es galt ihm als Selbstverständlichkeit, daß er sich nach diesen Zeichen richtete. Sicher war wieder neues Erfah-ren und Lernen das Ziel dieser Wanderung.

Es trieb Hjalfdar vorwärts und litt ihn nicht in der Nähe der Be-gleiter. Er vermochte es nicht, in sein Horn zu stoßen, um sie von dem Pfade, den er eingeschlagen hatte, zu unterrichten. Mochten sie auf ihre Weise suchen, auch sie mußten alle Fähigkeiten nützen, die Lichtvater in sie gelegt. Zu leicht liefen sie, gewohnt der siche-ren Führung, gedankenlos und verantwortungslos hinter Hjalfdar her und wurden träge. Das durfte nicht sein. So lang sie in Gefahr und Unsicherheit den schweren Pfad durch das harrende Land gin-gen, blieben sie wach, nun in der herrlich beschützten, im Überfluß prangenden Heimat mußten sie zur Wachsamkeit angehalten wer-den.

Witternd, wie ein Wild stand Hjalfdar im unbekannten Walde. Nach links kletterte ein schmaler Saum einen Bergrücken empor,

der ihn zum Weitergehen veranlaßte. Wie sonderbar! War es nicht, als hätten diesen Saum Menschenfüße getreten? Hjalfdar unter-suchte den Boden mit der vielseitigen Sachkenntnis, die ihm eigen war. Das war kein Tier, das mußte ein Mensch gewesen sein, auf zwei reichlich großen Füßen.

Hjalfdar griff unwillkürlich an das Gehäng seiner Waffen und schloß die Faust um seinen Speer. Er folgte der Spur, die hier her-an- und wieder zurückgeführt hatte. Dabei sah er auch, warum der geheimnisvolle Wanderer hier umgewendet hatte. Es währte nur kurze Zeit, da hatte sein Auge die Schlinge entdeckt, die an dem großen Ast eines Baumes hing. Also war es ein Jäger!

Die Schlinge aber war aus einem Gewinde, wie es Hjalfdar noch nicht an den Bäumen gesehen hatte, deshalb mußte der Jäger aus anderer Gegend sein. Er war wohl von Süden gekommen, an der Hügelkette entlang, und Hjalfdar verfolgte, die Schlinge mit sich nehmend, weiter die Spur.

 

Immer dichter erschien der graugrüne Wald. Spitze, lange Blätter breiteten sich aus und hingen silbergraugrün hinab, ähnlich den Eukalyptusbäumen. Die Stämme waren seidengrau und brüchig, die Früchte sahen aus wie blauschimmernde Beeren.

Hier tummelten sich Vögel, die ein sonderbar singendes Schreien besaßen. Bunt waren sie und laut wie Papageien, die Federn schiller-ten wunderbar. Der große Mann mußte sich ducken, wenn er durch die dichten Bäume schlüpfen wollte. Da sah er die Spur der Men-schenfüße abbrechen und gewahrte den Weg oben in den Zweigen.

Nur das scharfe und allen feinstoffiichen Erscheinungen zugäng-liche Auge vermochte diese Richtung zu erfassen, nur der feine Witterungssinn des naturverbundenen Geistes.

»Ja, Du führst mich wieder, Lichtelf, ich kenne es wohl. Deine tan-zenden Strahlen zeigen die feinen lichtgrauen Fäden an, die jener Wanderer hinterließ. Ein sonderbarer Gesell, halb Tier, halb Mensch!« Hjalfdar sprach es sinnend vor sich hin, kopfschüttelnd, in Er-regung jeden Nerv aufs äußerste gespannt. Er mochte schon viele Stunden südlich gewandert sein, oft mußte er in die zähen, dichten Äste greifen und sich von Baum zu Baum schwingend fortbewegen, wie ein Affe. Er blickte nicht zurück, auch kam ihm kein Gedanke an Umkehr - er war dem Wild auf der Spur. Kein Laut drang heran von seinen Begleitern.

Die Färbung des Lichtes in dem dichten Walde änderte sich. Die Sonnenstrahlen vermochten schrägstehend die zähen Blätter nicht mehr zu durchglühen. Milchig graugrün, dämmerig wurde es, und eine betäubende Luft strömte aus den Bäumen. Tiefer Schlaf schien wie Gift über Hjalfdar sich breiten zu wollen. Aber nur jetzt nicht schlafen, sagte etwas in ihm, das wäre falsch und müßte zur Gefahr werden! Doch der betäubende Duft ließ nicht nach. Alle Farben drehten sich vor des Mannes Augen.

»Lichtvater wird helfen!« war sein einziger Gedanke. »Luftige, kommt und führet mich!«

Feine, blaugrün schimmernde Fäden flossen von oben in den Kreis seiner Ausstrahlung, die schon ganz matt geworden war. Mit einer besonderen Anstrengung vermochte er sich auf einen hohen Baum zu schwingen. Dieser überragte alle anderen, gewährte Luft von oben und Ausblick über das endlos scheinende graugrünsilberne Meer der Bäume, die Hügel auf Hügel, Tal um Tal zu füllen schienen, unabsehbar.

Hjalfdar entschloß sich, auf diesem Baum die Nacht zu verbrin-gen. Von oben vermochte er die Spur des Wildes zu verfolgen. Der Weg des Tieres ging gegen den Kamm des Hügels plötzlich in stei-ler Biegung empor und verschwand. Hjalfdar wußte sein Ziel für den nächsten Tag.

Die Nacht fiel schnell herein. Hjalfdar aß einige Früchte, die er noch bei sich trug. Dann öffnete er sich den Höhen Lichtvaters.

Ein heller Strom drang stärkend in ihn. Bitte und Dank vereinte er in einem innigen Aublick zu Lichtvaters Liebe, dann versenkte er seinen Geist in das Leben und ließ seinen Körper, in natürli-cher Haltung, aber völlig beherrscht, ruhen. Er war entspannt und dennoch wach in jedem Augenblick. So saß er zwischen Himmel und Erde auf luftiger Höhe und die Ströme des Alls nährten und stärkten seinen ausgeglichenen Geist. Die Nacht war mild und klar, die Sterne leuchteten in tiefem, wundervollem Glanze, als wären sie noch einmal so groß. Schwarzblau schien der samtene Himmel zu sein und unergründlich weit. Kein Laut regte sich in den seltsam geformten Bäumen zu Hjalfdars Füßen. Breit und weit reckte der Hochsitz, den er sich erwählt hatte, seine knorrigen Äste und die Blätterbüschel hingen wie lange Hahnenschwänze nach abwärts.

Der betäubende Geruch der Bäume blieb unter ihren dichten Kronen. Er machte es Mensch und Tier unmöglich, dort die Nacht zu verbringen. Daher auch die große Stille und Einsamkeit. Oben aber bewegte sich ein leiser Luftzug von milder Reinheit. Hjalfdar hatte mit Hilfe der Lichten den einzigen Ruhepunkt erreicht, der auf weite Stunden sich bot. Still und ganz mit dem großen Weben der Schöpfung vereint saß er auf dem Aste dieses Riesenbaumes. Trotzdem wachsam und lauschend.

In der Ferne hörte er plötzlich Stimmen. Sonderbare Laute schienen es zu sein. Laute wie von erzürnten, gereizten Menschen, dennoch aber tierisch in ihrer Art. Hjalfdar hatte solches noch nicht gehört. Er stutzte, die Mischung der Laute schien ihm mit der Mischung der Spur und Bewegung dieses sonderbaren Wildes übereinzustimmen. Die ganze Nacht hörte er diese Laute bald hier, bald dort erklingen, so daß er wußte, daß mehr solcher Tiere zugegen waren.

 

Ruf und Antwort schienen hin und her zu wechseln. Es währte geraume Zeit, bis die Nacht verging, die eigenartig in ihrer düster-harrenden Ruhe und Einsamkeit in die Seele drang. Noch nie war es geschehen, daß Hjalfdar ein Gefühl der Verlassenheit befallen hatte, doch jetzt war es da. Auch die Wesenhaften schienen ihm ferne zu bleiben. Sein hellschauendes Auge aber sah ein Licht, das ihm im eigenen Innern zu brennen schien und die ganze Seele erhellte. Als er des Lichtes gewahr wurde, vergaß er die bedrük-kende Stimmung um sich her. Er verband sich wieder mit dem lichten Leben.

Endlich huschte es leuchtend über den Horizont, ein Singen be-gann in der Sphäre, wie Milliarden blitzender Staubfunken bewegte es sich in der Luft. Licht drang über die Hügel und in Wellen bra-chen die Sonnenstrahlen plötzlich über die Baummeere hin, ihren silbernen Schimmer aus den Schatten der Nacht lösend. Vogelstim-men wurden laut, ein kühler Wind ergriff die schlafenden Bäume und schüttelte sie.

Wunderbar brausendes Orgelkonzert rauschte über die erwa-chende Waldeinsamkeit. Ganz ferne erstand es, als brächten die Sonnenstrahlen dieses Brausen mit.

Würzig, nicht mehr betäubend, stiegen die Düfte des Waldes nach oben. Unabsehbare Scharen kräftiger Vögel mit buntem Ge-fieder kamen über die Hügel heran und stürzten in die wogenden Blätterkronen.

Staunend folgte Hjalfdar dem lebhaften, in wenig Minuten gewandelten Bilde. Das brummende Schreien war versiegt. Die Tiere schienen schweigend dem Getriebe der Vögel zu lauschen. Dafür aber waren diese um so lebhafter. Hjalfdar mußte an die Schlinge denken, welche er in den Baumkronen des Waldes ent-deckt hatte.

Plötzlich hob er aber erstaunt, gespannt sein Haupt. Nach Süden zu, an dem Hange der höchsten Hügelgruppe, ergriff die Bäume ein wildes Bewegen! Als ob ein Heer da oben losgelassen sei und in langer Reihe durch den Wald eilte.

Einen Pfad beschrieb das stürmische Bewegen der silbergrauen Wipfel, eilig näherte es sich und Hjalfdar merkte, daß es auf ihn zu-hielt. Sollte er den Jäger gewahren, der dort der alten Spur folgend wieder zu seinen Schlingen eilte? Was mochte das für ein Wesen sein, das mit der Wildheit und Kraft des Tieres und der Schlauheit des Jägers im Walde lebte?

In rasendem Lauf nahte sich das Wogen der Baumkronen. Hjalf-dar ließ sich vorsichtig hinab, um das nahende Tier beobachten zu können. Was er da kommen sah, machte ihn staunend erstarren.

War das ein Mensch? - War es ein zottiger Riese, ein Affe oder ein Dämon?

Es zitterte der Boden unter den mächtigen, weit ausladenden Tritten der großen Füße. Ein Griff der sehnigen, langen, behaarten Arme in die Äste machte diese wanken und brechen, er beugte die stärksten Baumkronen.

Plötzlich hielt er inne in dem rasenden Schwung und hob den mächtigen Schädel, der von einem Wald zottiger Haare umgeben war, nach oben. Zwei stechend schwarze, im lauernden Beobachten funkelnde kleine Augen blickten unheimlich umher. Kleine, nach oben gespitzte Menschenohren saßen tief an dem großen, langge-zogenen Schädel. Ein riesiger, mit Hauzähnen bewehrter Mund, der mehr einem vorgebauten Maule glich, verband sich mit der einge-drückten, mit weiten Nüstern schnüffelnden Nase. Mächtig saß der Schädel, dessen niedere, zurückfließende Stirn viele Querfalten zog, zwischen starken, behaarten Schultern auf gedrungenem Halse.

Der Nacken des Waldmenschen war dick und muskelstark, der Leib aber schlank und sehnig und seine hohen Beine waren wie starke Säulen, aber er hielt sich nicht aufrecht, sondern mehr nach der Art der Affen, die sich auch zuweilen auf vier Beinen fortbewe-gen.

Das häßliche Maul stieß ein Brüllen aus, das Warnung für die Ge-nossen und Kampf ansagte für den Feind. Wo war der Feind? Er witterte ihn, aber er sah ihn nicht.

Unmut, Angst und Blutgier gab ihm ein Ausstrahlen wie Feuer, Hjalfdar hatte noch nie solch unheimliches Ausstrahlen gesehen.

Eine erstickte Flamme schien in diesem Körper zu flackern. Geistflamme?

Unentwickelt verlöschend, so war der Keim in diesem Gefäß, dicht, trüb, dem Wesenhaften fern und abgetrieben, dem Geistigen verschlossen, stumpf, tierisch - so wirkte der Waldmensch.

 

Das Tier witterte Fleisch und Blut. Seine Augen glühten wie Koh-len. Laute stieß es aus, die von Kampflust, von Blutdurst schwelten, aber geblendet hielt es die behaarte Hand vor die blöden Augen.

Hjalfdar sandte seine Gedanken der Abwehr aus, starke Kraft-strahlen aus seinem Geiste drangen wie Schwerter von oben hin-ab, das Tier duckte sich. Da sah er einen kleinen, dem Verlöschen nahen Funken glimmen in dem Tier, einen Funken, der ihm wie Gleichart war. Wie konnte das sein? Hjalfdar erschrak, was hast du, Hjalfdar, mit dem Tier gemein?

Es war für Hjalfdar eine Erschütterung. Er sann, er suchte, er wollte helfen und vermochte keinen Weg zu finden. Retten? Was wollte er retten? Den Funken aus dem Ursprung des Geistes?

Für Hjalfdar war diese Begebenheit ein erschütterndes, aufpeit-schendes Erleben, für das Tier nicht.

In einem Kreise wesenhaften Wirkens war es eingeschlossen, nie-dergehalten von einer Gebundenheit an Stoff und Trägheit. Es trotte-te stumpf dem Jagdtrieb nach, es roch das Blut des Stoffes und band

sich an den Stoff. Es. trieb ab von der ursprünglichen Bestimmung, dem Leben der Natur preisgegeben, schon dem Verglimmen des Funkens nahe. Es trieb ihn auch aus der Nähe Hjalfdars. Voll Grimm fletschte sein Gesicht nach oben, während der mächtige Körper sich geduckt weiter entfernte, in großer Hast der Spur folgend, die er sich gestern getreten hatte. Hjalfdar aber sah von oben dem sich entfer-nenden Waldmenschen nach und überlegte, was nun zu tun sei.

Sollte er den Funken befreien, bevor er erstarb? Ein ungeheures Verlangen, eine ihm fremde Unruhe ergriff ihn. Kampfeslust er-füllte ihn, wie sonst, wenn er den Tieren der Wildnis, den Bären und den großen Walen gegenübertrat. Vernichtung! Sollte sie sein? Sollte er den glimmenden Funken befreien?

Eine unbeschreibliche Tatlust überkam ihn und ein Verlangen, dem Tier weiter zu folgen.

Eine Stunde mochte es währen, da kam der Waldmensch zurück. Hjalfdar verfolgte aufs neue seine Spur, von einem unbeschreibli-chen Zwang getrieben.

»Du wirst, Hjalfdar, in die traurige Geschichte eines Niedergan-ges schauen«, sprach eine Stimme. »Bald wird die Stunde Dich in das Reich der Entarteten führen, bevor ihr Untergang sich erfüllt.«

 

Wesenhaftes wob führend um ihn.

Wesenhaftes wob wieder um Hjalfdar. Dennoch war er in Sorge. Sollte er den Pfad in diese Wildnis allein ausführen? Einen Blick wollte er tun in das Leben dieser Tiere, die den Keim des Geistes, den leuchtenden Funken, einst im wohlentwickelten Stadium ei-nes feinstoffiich rein empfangenden Gefäßes aufgenommen, dieses aber im Triebleben nicht auf der ursprünglichen Höhe erhalten hatten. Dichter, stumpfer, trüber waren diese feinen Hüllen gewor-den, und der Körper hatte sich nicht ins Menschliche, sondern ins Urtierhafte fortentwickelt.

Die wesenhaften Führer waren es, die ihn, Hjalfdar, diesen Vor-gang in Begriffen erleben ließen. Er wußte es: »So muß es zugegan-gen sein.«

Ob viele dieser Waldmenschen noch lebten - und wie? Reges Forscherstreben drängte in Hjalfdar die ursprünglichen Bedenken zurück. Wohl wissend, daß er in der starken Verbindung mit allen Helfern stand, ließ er sich nach der Richtung seines Wollens trei-ben.

Hjalfdar gedachte nicht mehr seiner Begleiter, er war ja nicht al-lein. Er ließ sich von seinem Hochsitze gleiten und folgte von neu-em der alten Spur des Waldbewohners.

Früh war es noch, als er, nach einer Stunde am Höhensäume anlan-gend, durch lichtere Baumreihen hinaussah in die sanftgeneigte Fer-ne der endlosen Waldungen, durch die er heraufgekommen war. Ein enges Seitental zog ihn sehr an. Er gewahrte darin Formationen von glimmerndem Gestein in großen, aufeinander geschobenen Brocken, die er noch nie gesehen hatte. Das kleine nach oben sich dehnende Tal, das einen tiefen Wassersturz an seinem Ende umgab, war von ab-sonderlichen Bäumen und aufgetürmten Felsarten gefüllt. Wie selbst-gefertigtes Bauwerk eines Riesenvogels muteten Hjalfdar jene dunkel-grauschwarzen Mauern an, die da massig in die Höhe ragten.

»Solches hat Natur doch nicht erbaut«, sagte er sich und schüttel-te das blonde Haar, das jetzt sonderbar von dem braungebrannten Angesicht Hjalfdars abstach.

»Menschenwerk mag es auch nicht sein.« Dazu war es mit zu rie-senhafter Vierschrötigkeit, beinahe düster wirkender Wildheit wie eine Trutzburg aufgeführt.

 

»Aber was war das?«

Hinter den Mauern und Lücken regte es sich. Zottelfelle blickten über die ungleichmäßigen Wehrmauern. Wofür sie diese wohl ge-baut hatten?

»Blicke nur empor, Hjalfdar, es sind die Behausungen der Wald-menschen! Nicht weit von hier sind ihre Feinde, die Drachen und die Riesenvögel.«

»Und was ist jene helle, hohe, durchsichtig mächtige Gestalt, die mit dem großen Haupt über den Hügel aus den Wolken zu blicken scheint?«

»Das sind die Riesen, die des Tales wachen. Ihr Zorn gilt seit lan-gem schon dem Waldmenschen, der ein blutgierig häßliches Leben führt.

Er vernichtet die Flur, er vertreibt die Vögel und er ist der zu Lichtvaters Ehre aufstrebenden Schöpfung ein Abgestorbener.

Alles Tote aber und Schwache treibt seinem Untergange zu, so auch diese Art, die entartet ist!«

Hjalfdar brauchte seine Führer gar nicht mehr zu sehen, er kannte sie, und alles, was sie zu ihm sagten, das klang in seinem Innersten als ein so festgefügtes Wissen, daß es bei ihm niemals eine Gegen-frage oder ein Wenn und Aber gab.

Heilig waren ihm die Augenblicke, da Lichtvater durch seine Schöpfung so lebendig zu ihm sprach.

»Du siehst,« klang es wieder in ihm, »daß auch hier machtvolle Hilfe bereit ist, wenn Du rufst! Verbindung wirst Du schließen mit den Riesen, die Dir dereinst noch wichtig sein wird; denn die Rie-sen sind rein und treu.«

Lichtströme durchzogen Hjalfdar. Er fühlte sie und er gewahrte auch die Bilder der Hilfe, die schon in ihrer Entwicklung sich ihm entgegendrängten. Er gewahrte den starken Gegensatz der Unruhe, den er erlebte an dem Tale, in dem alles Lebendige wie ausgestoßen schien, mit Ausnahme der riesenhaften Waldmenschen. Sie moch-ten schon das Fremde wittern; denn die zottigen Haare sträubten sich und die Köpfe lugten da und dort über den Mauern empor. Hjalfdar suchte Deckung. Sein blondes Haar leuchtete gar zu verrä-terisch in der Sonne, er mußte im Schatten hinter den immer höher werdenden glimmerigen Brocken sich verbergen.

 

So schlich er aufwärts, am Hang des Tales entlang und glaubte von dort oben in der Ferne einen Überblick über das Reich der Waldmenschen zu erhalten. Er staunte über dessen Ausdehnung. Vor allem, als er gewahrte, daß die Mauern in Vierecken aufgebaut waren, wie hohe Häuser ohne Dach und daß sie tief unter die Erde zu reichen schienen. Gänge führten von einer der Behausungen zur anderen; es sah aus, als hätten diese Tiere ganz planmäßig und kunstvoll gebaut. Riesig war der Mittelbau, um den sich das regste Leben zu bewegen schien.

Dort war ein besonderer Hochsitz aufgeführt, den ein alter Wald-mensch behauptete. Alle anderen folgten seinem Rat und seiner Führung, die er ihnen in wilden, eigenartigen Lauten kundtat. Ein heftiges Geschrei, das einem Brüllen glich, war das Zeichen von Zustimmung oder Freude. Mit lebhaftem Gebärdenspiel verstän-digten sich diese zottigen Waldriesen wie Menschen, ihre ganze Art aber, der Ausdruck und die Bewegung war häßlich, wild und ekel-haft, fast furchtbar zu nennen.

Hjalfdar verstand sonst gar leicht, was Tiere sprachen. Diese Äuße-rungen der Erregung aber mochten ein solch starkes Gemisch von Halbverstand und Gefühlsäußerung darstellen, daß die Begriffsver-bindung mit reinem Empfinden sich nicht mehr herstellen ließ.

Trübe Schatten zogen wie Schleier in den Höfen der Affenmen-schen hin und her. Derartiges hatte Hjalfdar noch nie gesehen. Aus den Köpfen der Tiere stiegen sie hin und her und lagen über den gebeugten Häuptern. Wenn von Jagd- und Freßgier die Rede sein mochte, dann fletschten sie die häßlichen Mäuler, schrien und grinsten, während ihre Augen rot glühten.

Eine Schar solcher Waldmänner kam mit Beute aus der Tiefe des Tales herangezogen. Tote trugen sie auf den Schultern mit sich, die sie brüllend und fletschend, drohend nach dem Walde weisend, be-klagten.

Dann kamen in wildem Trabe weibliche Tiere gesprungen, die wohl kleiner, aber nicht schöner waren als die männlichen. Sie aber hatten längeres und helleres Haar, auch hellere Augen. Stiller er-schienen sie, aber nicht milder. Im Gegenteil. Grausam konnten diese Augen glühen, wenn sie ein Tier erspäht, das sie ihrem Blut-durst, ihrer Freude an buntem Federwerk opfern wollten.

 

Sie behingen sich mit allem, das die an sich düstere Natur, hier an farbig Schönem ihnen bot. Das Schmücken schien ihnen in irgen-deiner übertriebenen Weise im Blute zu liegen. Kochend, damp-fend schwelte Blutgeruch und rote, flackernde Ausstrahlung in dem Kreise der Neuangekommenen. Das Geschrei steigerte sich und um die Toten wurde eine Art Tanz aufgeführt. Brüllend umstanden im Umkreis die weiblichen Tiere diese Szene.

Hjalfdar hatte noch nie ein derartiges Gefühl des Ekels ergriffen wie bei dem Anblick dieser vertierten Masse. In seinem Entschlusse stand es fest, daß solche Art sich nicht fortpflanzen durfte, wenn sie nicht die feinstoffiichen Ebenen trüben sollte mit dem Qualm ihrer niederen Instinkte.

Es war etwas Neues in Hjalfdar erwacht durch die Begegnung mit diesem einst wohl höher stehenden Waldmenschenvolke, das so wild war, daß er es nicht wie die wildesten Tiere durch die Aussen-dung seiner Gedanken und Liebe zu beherrschen vermochte. Ein Grauen, in das sich Ekel gemischt hatte, stieg immer mehr in ihm empor.

»Unermeßlich ist die Fülle der leuchtenden Körner, die diese Tie-re im Bau verborgen haben. Diese werden Euch dienen zu Licht-vaters goldenem Saal«, flüsterte es über Hjalfdar. »Wenn die Sonne sich neigt und alle nach Westen zur Tränke traben, vermagst Du leicht hinzugehen. Geraume Zeit sind sie fern, dann wollen wir Dir Führer sein.« Hjalfdar sah mit Freuden, wie es sich um ihn regte.

Erdgnomen gesellten sich jetzt zu den leichten luftigen Wesen, die ihm flüsternd ihre Hilfe und Führung versprochen hatten.

Sobald die Sonne hinter den Kuppen der Hügel versunken war, ob-wohl noch im Tiefland das Licht auf den grünen Wäldern lag, mach-ten sich alle in langer Kette auf den Weg. Ein unabsehbar dunkler Zug von Riesenmenschenaffen trottete in schwerem Trab grunzend und fauchend, furchtbare Ausdünstung verbreitend, talabwärts.

Keiner blieb zurück; denn alle wollten ihren Durst an dem wei-ten, wärmeren Naß des ausgebreiteten Baches stillen.

Hjalfdar verließ seinen Späherposten und schlich, von den wesen-haften Freunden gefolgt und geschützt hinab in das feindliche Nest.

Je näher Hjalfdar diesen rauhen, ungefügen Mauern kam, desto höher und trutziger sahen sie aus, oft schon von grünem Schlinggras und Moos bewachsen. Die Ausstrahlung des Tierhaften legte sich dabei immer enger um ihn, wie eine Bedrückung empfand er es. Diese völlig anders Gewordenen, die auch die Flamme in sich tragen könnten, wie Menschen sie trugen, sie waren ihm abscheu-lich.

Dieses äußerte sich in einem körperlichen Unbehagen. Leise und geduckt schlich er sich in den Schatten der Mauern an und drang durch eine hohe dunkle Öffnung. Er gelangte in eine Art Torweg, der aber nur Seitenmauern hatte; denn oben blickte ein Stück des Himmels herab. Es roch nach verwestem Fleische, sein Fuß stieß an unzählige Knochen und Gerippe, die da umherlagen.

Ein hofähnlicher Raum nahm Hjalfdar auf. Dieser war mit Stei-nen von jeder Größe erfüllt. Mauern umsäumten ihn. Am unter-sten Ende zeigte sich ein Eingang in das Haus des großen Wald-menschen.

In diesem Hause sah es aus wie in einem Schlachthause. Doch waren auch Spuren vorhanden, die zeigten, daß dereinst ein besse-rer Geist in diesen Mauern geherrscht hatte. Ein Versuch, die Wän-de und Säulen mit Schnitzwerk zu zieren, war unverkennbar.

Dicke Holzteile von den ungefügen Stämmen der Riesenbäume hingen hier und da, sie trugen sonderbare maskenartige Gesichter. Federn, an Stangen befestigt, hingen von den Wänden und Säulen herab. Aber dieser leise Aufschwung zur Verschönerung des Rau-mes ward zunichte durch den Unrat, der überall umhergestreut lag. Riesige Keulen lagen und hingen im Durcheinander an den Ecken der Wände. Anscheinend die »Waffen« der Tiere, mit denen sie zur Jagd gingen.

Aus diesem großen Raume, der den Versammlungsraum des Waldvolkes darstellte, führten Türen nach allen Seiten in Neben-höfe.

Diese dienten als Schlaf- und Wohnräume und wurden wahllos gewechselt.

Ein alter, verwitterter Platz zeugte von einer Art Kultstätte. Säu-len aus Knochen und große, mit Blut bemalte Steine zierten kleine Hügel. Dies war die Totenkammer, darin die großen Vorfahren der Waldmenschen ruhten. Es war die einzige Stätte in dieser Siedlung, die etwas wie Friede ausatmete.

 

Hjalfdar sah ernst und sinnend aus, bleich und erschüttert. Ihm war, als hätte er zum erstenmal auf der herrlichen Erde Häßliches geschaut. Ein Schauer ging durch seinen Körper.

Da drängten die kleinen Erdmännlein sich nahe an seinen Fuß. Aus allen Rissen und Spalten der Mauern, aus Ecken und Nischen blickten sie schelmisch hervor.

Viele hielten sich die kleinen Nasen zu, als wäre ihnen der Geruch hier sehr unangenehm. Hjalfdar wurde auf ihr Gebaren aufmerksam und blickte sie ruhig abwartend an. Jetzt durfte er nicht denken. Er mußte den Eindruck des grauen Raumes von sich ferne halten und sich in gutmeinendem Harren ohne Wunsch, ohne Absicht, ohne Richtung allein auf diese kleinen Wesenhaften einstellen.

Da entstand ein Strom zwischen ihm und ihnen, den er sehr schnell fühlte. Und er freute sich still darüber. Und siehe, er merkte, was sie wollten. Er kniete nieder und hob einen großen Stein etwas zur Seite. Da sah er in einen tiefen, langen Graben, der unter den Häusern weiterführte. Sofort ließ er sich hinab und sorgte dafür, daß der Stein wieder über dem Einstieg ruhte.

Unten waren höhlenartige, verzweigte Gänge, die sich weit aus-dehnten. Jeder führte zu einem Kessel, in dem eine Unzahl kleiner, goldgelb leuchtender, sehr reiner Plättchen sich befand, die so fein waren, daß sie teilweise durch eine leise Luftbewegung wie Staub oder Flocken auffiogen,

Warum mochten die Tiere diese Unmassen gesammelt haben, warum wohl hatten sie so großes Gefallen daran gefunden? Wohl aus Freude an dem Glanze. Hjalfdar griff mit den Händen hinein. Es fühlte sich weich und kühl an und strahlte dennoch Sonnenwär-me und Licht aus. Kleine wesenhafte Gestalten zeigten sich:

»Du wirst Dich freuen, Hjalfdar, über die Schönheit des golde-nen Kornes, wenn Du es im Sonnenschein leuchten siehst. Es ist herabgespült von den Sandbänken der großen Wasser und hat sich niedergelassen im tieferen Grunde. Dort haben es die Wald-menschen dereinst gefunden, da sie noch die Freude an dem Schönen erfüllte, dem sie in Eifer nachstreben sollten, um sich zu entwickeln.

Es war vor langer Zeit, da ihr Stamm noch viel größer und ausge-dehnter war, da er sich aus diesem Tal weiter hinaus erstreckte und ihm die Möglichkeit gegeben war, sich zu entwickeln. Diese hier aber wurden leichtfertig im Genießen und versäumten ihre Zeit.

Der Stamm stärkte die Anlagen des Triebhaften mehr als die aufstrebende Sehnsucht in das Bewußt-Seiende. Darum entstand Stillstand, dann Einseitigkeit. Die Flammen brannten matter in den verdichteten Körpern.

Dann kam die Stumpfheit über die Tiere. Alles im ersten Taten-drange Geschaffene hielten sie fest, verteidigten es gegen manche Gefahr und legten sich in dem Besitzerstolz genießend auf den Schatz, dessen Wert sie nach vielen Generationen nur noch seinem Glanz, seiner Fülle und Seltenheit zuschrieben. Und auf diesem Schatze schliefen sie ein.«

Hjalfdar blickte sehr ernst, sinnend, fast traurig auf das entdeckte Glitzerwerk.

»Am liebsten lasse ich es liegen, wenn es so unholde Kraft entwik-kelt«, war sein erster Gedanke.

Da sagte wieder die helle erzählende Stimme:

»Nicht ist es Feind dem Starken, dem es willig dient. Doch muß im Mühen und Regen der Mensch es zum Schönen werten, dann ist es ihm hold. Sein beschwerendes Gewicht drückt nur den Trägen zu Boden. Rein ist es, aus der Kraft elementaren Wirkens geboren und wert, Euer Lichtasenheim zu schmücken, dafür es die Lichten Dir weisen. Hjalfdar, wirke im heiligen Willen Lichtvaters, wie bisher.«

Da kamen die anderen, die erdigen Geistlein wieder und spran-gen wild umher. Sie zogen ihn am Fell zum nächsten Ausgang, der sich durch einen dunklen Gang im Walde verlor. Es war die höchste Zeit; denn von der Tränke kam das Rudel der Urwaldmenschen und stutzte schon von weitem.

Die Witterung der Tiere war fein, sie merkten die Nähe des Frem-den. Sie sahen auch den anderen lichtzarten Schein, der sich wie im Kreise um ihren Wohnort zog. Den Kreis hatten die Lichten zum Schutz um Hjalfdar gezogen. Sie hielten an und berieten. Das Bera-ten wurde zu Geschrei.

Ein Teil der Männchen verstreute sich in die Wälder, der größere Teil aber kehrte in das Nest zurück. Mittlerweile war auch der lich-te Dunstkreis um die Stadt gewichen und die Tiere konnten unbe-drängt heimkehren. Eine tiefe Reizbarkeit saß ihnen aber im Blute.

 

Hjalfdar stieg ruhig nach der Höhe des Hügellandes. Er wollte das Tal von oben beschauen und Ausblick gewinnen nach der an-deren Seite, auch zog es ihn dem Wasserfalle zu, von dem die klei-nen Männchen so wunderbare Dinge erzählt hatten. Er wollte den Grund schauen, aus dem das Gold hervorgekommen war. Es trieb ihn lichte Führung, höher zu steigen und dadurch die Wälder, den Bereich der Urweltmenschen, zu umgehen; denn unten war gro-ße Unruhe und Kampflust zu bemerken. Die Tiere schrieen wirr durcheinander. Kommandos riefen sie sich zu und stellten sich an ihre Posten wie Soldaten. Sie fühlten den Zwang, sich in Verteidi-gungszustand zu versetzen. -

Von oben flutete eine leuchtende Mittagssonne herab. Hjalfdar suchte daher die Schatten der Glimmerbrocken, die sich zu beiden Seiten des Wasserfalles stufenartig auftürmten und ganz schmale feuchte Wege nur am Rande frei ließen. Langsam kletterte sein si-cherer Fuß daran empor.

Über dem Wasserfall aber woben die Stimmen des Waldes, der Berge und der Wildnis. Zwischen das tiefe tönende Lied des rau-schenden Wassers schwang zartes Singen heller Vogelstimmen.

Die Strahlen der goldenen Lichtfäden, die die Sonne hinunter-spann, klangen wundersam in das Singen der vielen Insekten, die sich in diesen Strahlen sonnten.

Aber noch viel leuchtendere, klingendere Fäden sah Hjalfdar aus den feinen Fingern der schwebenden und fließenden Elfen und Feen kommen, die über all der Herrlichkeit der Natur so lieblich gaukelten.

»Wir sagen Dir Weisheit und spenden Dir Hilfe; denn nun geht Dein Weg in das Reich der Riesen.«

Von allen Seiten flüsterte ihm Hilfe und Liebe zu. Er hörte es freudig und ging gestärkt von dem Wissen, Eines zu sein mit dem Schwingen aller reinen Kräfte, einfach und still seinen Weg. Tief-blau glühte über den Baumkronen und wogenden Farnengruppen der Himmel. Manch riesenhaftes Angesicht, wie feine Wolken wal-lend, beugte sich hinab und schaute dem kleinen Manne dort unten entgegen. Er aber sah es noch nicht.

Groß, unermeßlich groß schien Hjalfdar die Natur. Und als er auf dem Rücken des Hügels angelangt war, da sah er ein überraschendes Bild. Eine weite, mächtige Höhe breitete sich dort oben aus, eine auf Stunden ausgedehnte Plattform mit kurzem, rauhem Gras bewachsen, und die ganze Landschaft säumte einen kleinen, aber tiefen, dunkelgrünblauen See ein. Anders war die Art des Bodens, die auf Hjalfdar den Eindruck eines weißen, kalkigen Grundes machte. Der feine, silberweiße Sand, der den Abfluß des Sees um-gab, zeigte flimmernde, glitzernde Körner, zart wie Staub. Aus dem Blaugrün des tiefen Sees, der wie ein mächtiger Edelstein strahlte, tauchte ein Seeweib.

Singend bot es Hjalfdar den Gruß und hob eine Muschel voll sprudelnden Wassers aus der Tiefe. Hjalfdar nahm die Muschel vom Rande des Sees und trank daraus.

Lieblich begann der See zu raunen:

»Urweltwasser nennen mich die Riesen. Wer durch das wilde Waldvolk gedrungen, wer die glatten Steine überwunden, wer den Fuß auf das weite Feld gesetzt hat, das Vorland der Drachen, der trägt nicht Furcht und ist darum geschützt. Heil Hjalfdar dem Hel-den, der den Lichtasengrund erreicht, den die Riesen hüten und bebauen, die Drachen umfliegen, das kein Urwaldmensch die reine Stätte betrete. Du stehst auf Heiligem Berge, auf dem Berge, der Euch das Licht der Welt lehret. Von da gehen Deine Geschlechter aus in die vier Richtungen der Erde, über der Welt Meere.«

Hjalfdar blickte auf. Über dem See strahlte ein hellweißes Licht. Nicht aus dem See, aus dem Lichte von oben schien vielmehr diese große Stimme zu dringen, die jetzt von den Lichtasen gesprochen.

»Nicht in dem tiefen Grunde, dem Lande des Bleibens, wird mei-ne Burg stehen, sondern hier auf dem weißen Stein und sie wird die Zeit der großen Wasser überdauern!«

Es war Hjalfdar, als müsse er tief, tief hineinhorchen in diese mäch-tige Stimme, als sei die Erinnerung für ihn aus einem Lande, darin ihm diese Stimme oft geklungen. Das Emporsteigen auf die weite sonnige Höhe war ihm wie das Erfüllen einer Bestimmung, wie ein Aufwärtsgestiegensein in eine lichtere Welt, und er fragte sich:

»Bin ich denn noch auf derselben Erde?«

Alles, was er hier, seit er den Fuß auf die höhere Ebene gesetzt hatte, erlebte, erschien ihm von besonderem Sinn, von größerer Tragweite und ungeheuerem Gewicht. Er fühlte mit den Händen, ob er noch im Körper sei, oder ob er diesen vielleicht unten abge-streift hatte? Aber nein, er war in seinem Erdenkleid.

Äußerlich hatte sich nichts geändert, auch die Wesenhaften, wel-che er geschaut, hatte er immer schon gekannt. Aber es mußte sich dennoch etwas geändert haben, damit, daß er den Fuß auf die hö-here Ebene gesetzt hatte, daß er den See geschaut und von der See-frau »Urd« das reine Wasser empfangen hatte.

Hierauf erst konnte er ja die Weisheit raunen hören! Dies wußte er plötzlich. - Nun hörte er die Stimme der Weisheit und Wahrheit aus dem Lichte selbst, das in ihn drang wie ein weißer, eisiger, bren-nender Strahl.

»Urdsquell hat mir das Tor aufgetan zur Rückkehr in meinen Ur-sprung!«

Er gewahrte nun auch höhere Geistwesen. Die Wesen, die er bis-her geschaut, mit denen er gelebt hatte, waren nur wie Verbindun-gen und er erkannte manche wieder, die ihm der Geist nur gezeigt hatte.

Eine Schar leuchtender Ritter auf weißen Rossen ritt mitten durch den Himmel über die Fläche des Heiligen Berges, und unter ihnen bildete sich die Lichtform einer großen, leuchtenden Burg. Sie strahlte hell über dem blaugrünen See, auf dem Sockel eines kristallklaren Felsenberges.

Nur kurze Augenblicke hatte Hjalfdar diese Lichterscheinung, aber sie verlöschte nicht mehr in seiner Erinnerung. Tief hatte er sie erlebt und jeder Gedanke, jedes Wort der Helfer, jeder Eindruck, den er hier empfangen hatte, lag wie eine gewichtige Offenbarung in seinem Geiste.

Nach den rein irdischen Mühen, die er durchwandert hatte, ward er nun emporgehoben auf den Boden der Erkenntnis. Und alles, was er bisher erkannt, erlebt und geleistet, das erschien ihm als ein Kleines in dem Vergleich zu jenem unaussprechbaren Empfinden und Wissen, das jetzt seinen Geist erfaßt hatte. Er war so dankbar, hier allein zu sein, um in der Einsamkeit zu erleben, was für ihn allein bestimmt war.

Wie umhegt von den reinen Hütern der Natur, schaute er, der Geist im Stoffe, sich in einem Kranz von hohen, weißen Riesen. Sie blick-ten in einer freudevollen Entferntheit, dennoch verbindend zu ihm hinab. Sie waren gütig und hilfsbereit und ihre gewaltigen Kräfte strömten um sie. Sie sahen weisen, alten Männern gleich, derb ge-staltet, einfältig und voll Kraft. Ihr Wirken war eng verwoben mit den Elementen und den Kräften aus den wesenhaften Führern.

Wie ein Kranz luftiger Schneegebirge sahen ihre weißen Häupter aus dem Blau des Himmels, aus den ziehenden Wolken auf Hjalf-dar, den Menschen, hinab. Freude war in ihren Augen.

Eine Geistflamme war das, so rein, so klar, so hoch emporlo-dernd, wie sie noch keine auf Erden gesehen hatten.

»So kann der Geistfunke im Stoffe sich entfalten! Sehet, einem solchen Menschen helfen die Riesen gerne.«

Das raunten sie untereinander im Kreise und es war Hjalfdar, als ströme und sause eine gewaltige Urweltmelodie voll Sturmesrau-schen und Meeresstoßen im Rauschen mächtiger Feuerströme an sein Ohr.

»Ja, alle Elemente folgen dem Ruf der Lichten, verbinde Dich mit ihnen, sei Eins mit uns Allströmen der Erde!«

So pfiff und sang es und Hjalfdar erlebte das Sichgestalten der Elemente.

Gleich jagenden Rossen, gleich wilden Tieren, gleich peitschen-den, hetzenden Reitern pfiffen und jagten sie über die weite Flä-che und brachten Wolken und Regen, Blitz und Donner, Hagel und Schnee. Grell und weißgolden lachte dazwischen die Sonne und es tanzten entzückende leichtfüßige Blumenkinder, hauchzart, auf der frisch gewaschenen Flur. Es brauste und jubelte der verebbende Sturm durch die Lüfte, es rauschte der See, es sickerten und riesel-ten die Wässerlein zu Tal.

Immer noch stand Hjalfdar auf der sonnigen Höhe, die ihm so viel reine Kraft und Verbindung aus dem Licht gespendet. Er ver-mochte nicht, sich zu trennen, sondern schritt auf eine Felsenkup-pe zu, die ihm nach einer Seite Deckung spenden sollte zur Nacht-ruhe; denn er wurde gewahr, daß er nicht vor Tagesanbruch den Heimweg antreten konnte.

Eine wunderbare Lichtstrahlung ergoß sich aus dem Westen zur Zeit des Sonnenuntergangs über den weiten Himmelsraum. In dem tiefen Blau erschienen schon einzelne klare Sterne, die Hjalfdar noch nie gesehen zu haben glaubte. Größer, klarer, von Strahlen umzittert, so sahen sie zu ihm herab. Im Dank für die Schönheit der Erde empfand Hjalfdar wieder jenes große, beseligende Erle-ben, das ihn so neu ergriffen hatte.

»Die Wanderung durch die Tiefe ist für diesmal zu Ende, nun kommt der Aufstieg!«

Wieder war es die Stimme des brausenden Stromes aus höchsten Lichthöhen, die Hjalfdar dieses sagte, und ein Name klang immer-dar von Lichtstrom zu Lichtstrom, von Wille zu Wille. Es hallte und schwang um ihn der Name, der ihm Leben, Erinnerung war. Er klang wie das Hallen seines Hornes von Baum zu Baum, von Fels zu Fels, immer wieder vertausendfacht zurückströmend. Das Klingen dieses Namens erfüllte ihn mit einer ganz besonderen Glückselig-keit, für die er keinen Ausdruck fand.

Und er wußte den Namen, aber er konnte ihn nicht denken, noch weniger über seine Lippen bringen. Alles klang und schwang in dem Sein dieses Namens.

So kam die Nacht, und der Sohn der Urweltlande, der Wande-rer durch die Stoffiichkeit, Hjalfdar, der Geistmensch, schlief in der Liebe des Lichtes auf weiter Höh’, umhegt von den Riesen, geführt von Lichtvater selbst, seinen tiefen erquickenden Schlaf. Als Hjalf-dar die Augen aufschlug, war wieder heller Tag. Noch lag er reglos auf demselben Steine und blickte verwundert nach oben, wo sich ein blauer, tiefer Himmel wölbte und in endlose Ferne zu reichen schien.

Vögel zogen in Scharen über ihm hinweg, alle gleich, alle silber-grauschimmernd mit schwarzen Flügeln und langen vorgestreck-ten Hälsen. Kreischend flogen sie in die Ferne, talabwärts.

Hjalfdar vermochte noch nicht den Kopf zu heben. Was war mit ihm geschehen? Wo war er gewesen in dieser vergangenen Nacht.? Auf jenem Berge, oder weit fort, auf einem anderen Stern? In ei-

ner anderen, lichteren Welt? Langsam begannen seine Gedanken zu arbeiten. Und dennoch vermochten diese die Erinnerung nicht zu wecken.

Hjalfdar war kein Freund des Träumens. Rasch stand er auf und streckte seine große Gestalt. Dann lief er eilig nach dem See und tauchte in seine kühle, klare Flut. Da nahten sich alle Fische. In langen und breiten Zügen schwammen sie auf die eine Stelle zu, in welcher der große, helle Mensch sich dem Wasser anzupassen schien wie ihresgleichen.

Verwundert, zutraulich und stumm standen sie schwänzelnd in der klaren Flut und er konnte sie leicht ergreifen. Nur die großen Tiere ließen sich nicht blicken, sie verließen nicht die Tiefen des Sees oder sonnten sich im Sande am anderen, ganz fernen Ende des Sees. Dort waren auch ganz andere Arten von Tieren, wie Hjalfdar von Ferne erblicken konnte, und er entschloß sich, auch diesen See-grund aufzusuchen. Aber eigentümlich schweigsam war die Natur. Wo waren die vielen, lebendigen Wesenheiten, die er sonst webend empfand? Der See war so still, als hätte er nie raunende Weisheit zu ihm geredet. Das Seeweib war nicht da. Es war, als sei es immer so stille gewesen. Und auch kein Riese war zu sehen. Es war wie Leere überall, kein Mensch, kein Lichtstrom, kein wesenhafter Freund. Da richtete Hjalfdar seine Gedanken allein auf den Boden des Berges und besah sich die ausgedehnte, stundenweite Höhe.

Kleine Entfernungen glaubte er erst vor sich zu haben, aber es dehnte sich im Gehen der immer gleiche, flache Weg, der nur von einzelnen felsartigen Brocken unterbrochen war und stundenlang nach allen Seiten lief. Er hatte dem See den Rücken gewendet und ließ sich nach der südwestlichen Richtung führen. Er fühlte, dort-hin ging sein Weg. Sobald er dies erkannt hatte, ward ihm auch wieder leichter zu Sinn.

Was hatten ihm seine Helfer doch von den Drachen erzählt? Dort, in jener Richtung mußte sich die Stätte befinden, wo sie ihre Schlupfwinkel hatten. Zarte Nebel stiegen aus jener Gegend auf, ein Zeichen für Hjalfdar, daß dort feuchte Wärme über die Höhe emporstieg. Hier oben regte sich ja eine so herrlich frische, durch-sonnte Luft, die belebend und erquickend wirkte.

Doch was war das? Welch eine Stimme klang dort gedämpft aus der Tiefe?

Es war ein Ton, der Hjalfdar Grauen verursachte! Solch einen Ton hatte er noch nie vernommen. Wieder aber begannen sich im Gedenken und Verbinden mit Lichtvater die Kräfte zu regen, die Hjalfdar zu nützen verstand.

Kein Gedanke der Furcht durfte aufstehen. Diesmal war es ja viel leichter, den Drachen zu begegnen; denn er war allein. Während er auf dem Weg durch das harrende Land auch noch der anderen Gedanken zu lenken hatte.

Hjalfdar sah diesmal aber keine Hilfe. Er mußte selbst fertig werden. Vier Stunden mochten vergangen sein, als er sich dem Ende der Hochebene näherte und den ersten Blick hinab tun konnte. Da lag eine weite Welt vor ihm, unabsehbar, goldgelb und von tiefen, stillen Wassern durchfurcht, in denen es sich ewig regte.

Ein gelber Dunst schwelte über diesem weiten Sumpfgelände, und der Kreidehügel, der es nach der Seite von Hjalfdars Standort wie ein Kessel von der übrigen Welt abzuschließen schien, verlief nach Westen zu wie ein weißer Rücken, immer flacher werdend, bis ins blaue Meer.

Rauchende, gelbliche Sümpfe waren es, die die heimlichen Höh-len der Drachen umgaben, und von sonderbar braungrauer und gelber Tönung waren die Hügel, die wie neu aufgeworfen aus dem Schlamm herausschauten.

Eine eigentümliche Regsamkeit war in diesen Sümpfen. Der Qualm der feuchten, warmen Dünste hing unter der Lufthöhe des weißen Kreidefelsens, auf welchem Hjalfdar stand. Die kühlere, beweglichere Luft drückte ihn dauernd zu seinem Entstehungsort zurück.

Es roch beißend und scharf dort unten in dem Drachengrunde, das merkte Hjalfdar sogleich. Er besann sich noch, wie er es anstel-len würde, mit der furchtbaren Brut aufzuräumen, da erhob sich eins der Untiere aus dem Sumpfe.

Erst vernahm er nur ein patschendes Geräusch, dann ein Ra-scheln wie das Knistern von Schuppen. Nach einiger Zeit der Ruhe hob sich mit einem Ruck ein Kopf aus der Flut, der braun von Schlamm gar ekelhaft und unheimlich aussah. Auf langem Halse stand er, ziemlich klein und schmal - ein dummes, ausdrucksloses Gesicht, zugespitzt die lange Nase, mit glattem, zurückweichendem Schädel und kleinen Ohren.

Ein Schweif peitschte, lang und flach und wie ein Schwert zuge-spitzt, in weitem Umkreis die Sümpfe und reckte sich dann hoch empor. Nun suchte wohl das Tier nach festem Halt; denn es tapp-te an den sich bietenden Rändern hin und her, glitt aber immer wieder in die weichen Massen zurück, da sein Gewicht ungeheuer war.

 

Diese Tiere konnten also noch nicht die gefährlichen Drachen sein, vor welchen die Wesenhaften gewarnt hatten; denn diese ver-mochten sich nicht genügend zu bewegen. Hjalfdar gedachte wieder des schrecklichen Feuers, das sie im harrenden Lande gelegt hatten. Auch hier würde es wohl die ganze Brut am sichersten vertilgen.

Da brauste es von ferne, und nun sah Hjalfdar ein dunkles Tier mit gebreiteten Schwingen durch die Lüfte segeln, direkt auf die Sümpfe zu. Groß war es, wie Stahl schimmernd und rasselnd, sein Kopf mit scharfem Schnabel bewehrt, die Tatzen mit Krallen ge-zückt und ein wilder Zackenschweif peitschte die Luft. Auf rundem Leib, der die Form eines Vogels hatte, saß der lange gebogene, kahle Hals. Häßlich war das Tier.

Es flatterte lange Hjalfdar gegenüber, in seiner Dunstzone noch, doch fast auf gleicher Höhe. Aber es kam ihm nicht nahe.

Ein heller Kreis umschloß Hjalfdar. Plötzlich hörte er ein Sausen in den Lüften, ein festes, stetiges Auftreten und Stampfen. Er ge-wahrte den Kreis der Riesen, der, sich eng zusammenschließend, sich wie eine Kette zwischen ihn und das Untier schob, dieses hin-wegdrängend. Da ward Hjalfdar das erstemal gewahr, wie mächtig und kraftvoll die Riesen wirken konnten.

Hjalfdar reizte der Kampf gegen diese Tiere, aber er wußte auch, daß er hierzu die Macht des Feuers und vieler tüchtiger Arme be-durfte. Deshalb entschloß er sich, da er den herrlichen Berg gefun-den, nun doch zurückzukehren, um die Seinen von seiner Entdek-kungsreise zu unterrichten. Sie mochten sich schon gesorgt haben, wo er so lange blieb.

Viel Kenntnis und noch mehr Erleben hatte Hjalfdar gewonnen. Er war froh und ruhig in dem Wissen, Lichtvaters Licht und Kraft empfangen zu haben, aber über das Erleben der Nacht auf dem Berge war noch ein Schleier gelegt.

 

Schwer konnte Hjalfdar von der sonnigen Höhe scheiden. An dem anderen, nördlich gelegenen Ufer des Sees ging er entlang, um noch dort das Leben und die Artung der Tiere zu sehen, die völlig teilnahmslos und ohne Furcht in der Sonne lagen.

Es waren robbenartige Tiere, ähnlich wie jene Meertiere aus Hjalfdars erstem bleibendem Wohnsitze an der Bucht des Nordmeeres. Hier aber waren diese Tiere kleiner, schlanker, beweglicher, und schneeweiß war ihr kurzes rauhes, fettiges Fell. Zutraulich tap-pelten sie auf breiten Floßenfüßen auf ihn zu. Er stieß den Schrei der Robben aus und damit hatte er ganz ihr Zutrauen gewonnen.

In einem Kreis umgaben sie ihn und schmeichelten sich an ihn, er wußte nicht, wie er sie wieder loswerden sollte. Da machte er kurz entschlossen einen schnellen Sprung über ihre Köpfe hinweg und tauchte in den tiefen, blauen See. Mit kraftvollen Bewegungen teilte er unter dem Wasser die Flut und hatte schon eine weite Strecke zurückgelegt, bis die überraschten, bellenden Tiere ihm folgten.

Da wuchs vor ihm plötzlich die weiße, große Gestalt des Seewei-bes empor. Zürnend war ihr Auge:

»Menschenkind, sei nicht allzukühn und treibe nicht Scherz mit den Kräften, die Natur um Dich zur Hilfe windet in höherem Wil-len. Du bist zwar klug, aber Du weißt nicht alles. Sieh doch, hier unten in den Tiefen, von denen die Urweltriesen wissen, daß ihre Wasser sich mit den Wassern des Weltenmeeres einen, wohnen Tie-re, deren fischgleiche Art sich mit dem schlauen Wesen der Schlan-ge eint. Eilig verlasse den See; denn wenn die Sonne am höchsten Punkte steht, wird die Schlange auftauchen aus den unendlichen Tiefen und ihr Haupt emporstrecken über den Spiegel dieser Flut. Wehe dann dem Warmblüter, der im weiteren Umkreis zu sehen ist!«

Hjalfdar lachte. Aber er dankte Urd, der Weisen; denn er wußte, wie wichtig es war zu gehorchen, wenn ein wesenhafter Helfer in solcher Strenge warnte.

»Es war unweise von mir, Urd, ich weiß es wohl. Ich hätte es mer-ken müssen, daß Gefahr im See droht.«

»Du wußtest nicht von seiner Tiefe. Du hast noch nie von der Schlange gehört. Goldengrüngleißend ist ihr riesiger Leib, und wenn sie durch die Dunkelheit fließt mit den schlängelnden Be-wegungen ihres Leibes, dann leuchtet sie wie ein grünes Licht. Du wirst sie nimmer zu töten vermögen. Schlage Dir solche Gedanken aus dem Sinn; denn sie weiß die leisesten Andeutungen einer Ge-fahr und tri@ sofort ihre Pläne. Sie ist wie eine feine, jeden Wind-hauch ahnende Blume und böser und kraftvoller als die Waldmen-schen, gewandter aber wie die Drachen!«

 

»Ich möchte sie sehen! Wenigstens sehen laß mich dies Untier, Urd!«

»Das kann jetzt nicht geschehen. Sie wird zu böse sein. Berge Dich, Hjalfdar, ich warne Dich! Eile, daß Du hinter den Felsen Dek-kung findest.«

Schon begann der See aus den Tiefen empor mächtige Wellen zu schlagen. Unheimlich färbte sich das Wasser von grauer, dunkler Grüne.

Alles Getier floh schreiend davon. Hjalfdar entschloß sich, den angeratenen Fels zu suchen. Er war während Urds Rede längst an das Ufer gestoßen, nachdem er noch einen spähenden Blick in die Tiefe geschickt. Dort schien ihm eine herrliche Welt für sich zu sein. Muscheln und Seetiere hingen an den weißen Zacken des Grundes, die wie hohe Spitzen nach oben strebten. Gurgelnd brodelte es in der Tiefe und weiße Aale schwammen hindurch.

»Wenn Lichtvater sein heiliges Haus auf diese Höhe stellt, wird kein Platz sein für die große Seeschlange. Da wird sie zahm, oder sie wird in den Tiefen verschwinden auf Nimmerwiedersehen!«

Dies war Hjalfdars letztes Wort an Urd, die ihm sinnend nach-schaute.

»Menschenmann will mit Gewalt sich alles beugen«, flüsterte nachdenklich ihre Stimme. »Menschenmann lodert in Kraft, aber sein Verstand muß ihm untertan bleiben. Da werden wir Wesen-haften noch viel leiden, wenn er erst seiner Macht bewußt wird. Will er sich aber unserem Wissen beugen, so ist ihm stetes Heil gewiß.« Damit tauchte sie unter.

Hjalfdar kauerte hinter dem Steine. Der Jäger war wieder in ihm erwacht. Er konnte sich nicht von der Stelle wenden. Er wollte nicht ein Glied bewegen. Wie aus Stein war sein Körper, ruhig und dennoch gelöst. Die Sonne stieg immer höher. Er hörte, wie die Wogen des Sees brandend immer lauter, immer machtvoller an die Ufer schlugen. Er sah sogar ihr hohes Bewegen, sah, wie die wei-ßen Kämme sich brachen und leise, langsam und zart in die weiten Sandufer verströmten.

Viel schöne Muscheln brachten sie mit und viele feine, spinnwe-benzart leuchtende Tiere in den schönsten Formen und Farben. Sie blieben am Strande liegen, wenn die Wogen zurückebbten, um noch gewaltsamer wiederzukehren. Mit dieser mächtigen Flutbewegung, die es zu verursachen schien, hob sich das Tier aus dem See.

Auf hoch aufgerichtetem, schlankem Halse, der wie eine gold-grünschimmernde Säule leuchtete, saß der verhältnismäßig kleine Kopf mit der lichtgelben Krone. Der Kopf war platt, wie der einer Schlange, nur der Hinterkopf erhob sich schräge.

Die gelbe Krone war von der Art eines Hahnenkammes. Furcht-bar aber war das Auge dieses Tieres, das eigentümlich Anziehende und Betäubende seines Blickes, das in einer starren, eisigen Grau-samkeit zu bestehen schien.

Von dem Maule, das breit und weit wie ein Rachen sich aufspann-te, wuchs eine ewig stoßende, scharfgehörnte und vielmal gespalte-ne Zunge hervor, die eine Flüssigkeit ausspritzte, welche gischtend durch die Luft fuhr.

So Unheimliches hatte Hjalfdar noch nicht gesehen.

Sie hob nach Schlangenart den Kopf nach oben, vollführte Bewe-gungen, wiegend, als wolle sie zu tanzen beginnen.

Aber Hjalfdar spannte nun seine ganze Kraft an, um nicht her-vorzuspringen und sich der Schlange zum Kampf zu stellen. Er ge-dachte der Mahnungen Urds. Leise bebte Unmut in ihm. Es war, als hätte er etwas versäumt, ließ er das Tier wieder in seine unheimli-che Welt hinabtauchen.

Wieder klang in ihm die Stimme:

»Wo Lichtvaters Haus stehen soll, da wird kein Platz sein für der-artiges Gewürm!«

Und Hjalfdar faßte den Speer fester, den er im Wasserspiel weit vor sich her geschleudert hatte, mit einem Ruck sprang er hervor und schleuderte ihn in den Rachen der Schlange.

Ein furchtbarer Schrei klang über den See. Röchelnd entquoll dem Rachen das Blut, während der peitschende Schlangenleib die Wasser trübte. Langsam streckte sich nochmals der Hals und fuhr, mit dem riesenhaften Wurfspeer beschwert, längs der Sandküste am Boden auf den Feind los.

Die Schnellkraft des Riesenleibes war ungeheuer. Der Rachen gähnte, strömendes Blut und der Geifer aus der Zunge flossen dar-aus hervor.

 

Das Auge war wie aus Glas, leblos und grausam. Langsam über-zog den schimmernden Glanz, der so unheimlich wirkte, eine Trü-be, aber dennoch schien Leben in dem Riesenleib. Aubäumend warf es sich vor Hjalfdar hin und her, der kühn genug war, den Speer aus dem Tiere ziehen zu wollen.

Da wand sich der Riesenleib in Schnelle um Hjalfdars Beine und riß ihn zu Boden. In einem schauerlichen Gleiten zog das Tier seine Beute zum Strand, indem das Bewegen des muskelstarken Schlangenleibes nach rückwärts zog. Der mächtige Mann wehrte sich mit aller Ge-wandtheit und Kraft, doch war es ihm unmöglich, sich von der Über-macht des Schlangenleibes zu befreien. Wie ein Stück Fleisch wurde er zum Strand geschleift, während wilder Zorn aus seinem Lichtauge sprühte.

Solches war ihm doch noch nie geschehen!

»Lichtvater, mein Volk verlangt nach mir und wir wollen doch Dir zur Ehre den großen, goldenen Tempel bauen! Wie sollte das zugehen, daß ich da versage? Lichtvater, ich weiß, Du läßt mich noch hier, ich habe noch zu wirken!«

Es war keine Bitte aus Angst, es war Vertrauen auf die Kraft, die Lichtvater gespendet, was Hjalfdar diese Worte sprechen ließ.

Da zog nochmals ein Ruck ihn in den See. Es war aber der letz-te. Der Riesenleib der Schlange sank. Im Sinken aber lockerte sich auch die Umklammerung. Mit Aubietung aller Kräfte arbeitete Hjalfdar in dem nassen Element um sein Leben.

Der Augenblick der Weichheit des Schlangenleibes musste ge-nutzt werden; denn dann trat Starre ein und er war verloren. Das wußte er. Und der Augenblick kam. Mit einem Ruck schnellte sich Hjalfdar nach oben, während das Tier, anscheinend an seines En-des Spitze von einem Strudel ergriffen, in furchtbarer Eile in die Tiefe gerissen ward.

Hjalfdar aber lag nach einigen kraftvollen Stößen röchelnd am Rand des Wassers in der Sonne. Die Natur war still und leuchtend wie vorher. Es war, als sei nicht solch Furchtbares geschehen. Nun aber tat Eile not. Hjalfdar atmete tief, sprang in die Höhe, griff den Speer am Ufer auf, den die Wellen herangetragen hatten, und ging federnden, festen Schrittes den sonnigen Weg gegen Norden, den Höhenzug entlang. Er wollte das Waldtal nicht betreten, sondern vorher die Urwaldriesen erst mit der Übermacht menschlich-gei-stigen Kämpfens in der Mitte seiner Getreuen besiegen.

Wunderbar und lockend rauschten die schönen Wälder, schatten-spendend luden sie ihn ein, herabzusteigen in ihre heimlich grüne Kühle. Er aber zog das belebende, durchwärmende Licht der hellen Sonne vor, das im Verein mit dem frischen Höhenwind das Fell-kleid des Wanderers trocknen sollte.

Helle luftige Gestalten gaukelten um ihn. In der Ferne klang das Lied der Urd, die wieder emporgetaucht war. Er blickte nicht mehr zurück; vorwärts, vorwärts drängte es ihn plötzlich mit ungestümer Gewalt. Seit langem sah er auch wieder die leuchtende Flammen-säule über sich lohen, die vor ihm herging auf allen seinen unbe-kannten Pfaden. Heim, heim drängte es in ihm, mit unbeschreib-lich starker Macht.

Je mehr Hjalfdar den Höhenzug überquerend wieder der Frau, der Freunde, des häuslichen Herdes gedachte, desto größer wurde seine Freude und die Gewißheit, heiß und ungeduldig erwartet zu sein. Wenige Tage nur war er ferne gewesen, und dennoch schien ihm eine lange Zeit verstrichen zu sein, so reich, so stark war sein Erleben.

Er gewahrte, daß er das Waldtal hier auf kürzestem Wege über-queren konnte und fand zu seiner Freude einen kleinen, aus den Steinen hervorsprudelnden Quell, der ihm der Ursprung seines heimatlichen Bergflusses, seines lieben schimmernden Sees zu sein schien. Voll Vertrauen schloß er sich dem Lauf dieses silberhellen, süßperlenden Bächleins an, aus dessen Quell er vorher noch einen tiefen Trunk tat.

Bald wurde das spärliche Gras weicher und reicher, bald misch-ten sich saftigere Blattgewächse zwischen das Bergkraut am feuch-ten Bachesrand. Es bildeten sich kleine Sandterrassen, die immer breiter, immer tiefer wurden.

Aus dem Boden sickerten neue Quellen und flossen dem alten Bache zu, der immer rauschender, tiefer und klarer wurde.

Von Terrasse zu Terrasse sprangen silberne Fische im Sonnen-licht, niederes Geäste von feinen Nadelhölzern kroch über den Höhenrücken am nahen Abhang empor und lugte auf die leuch-tende Hochebene hinauf. Tieblau strahlte der Himmel, wie Glok-kenschwingen schallte es durch die Wellen des Sonnenlichtes. Vielstimmiger Vogelsang zwitscherte und girrte von unten empor und die Freude heimzukehren ward immer mächtiger in Hjalfdar.

Er nahm sein Horn und blies den ersten Ruf schallend hinab über Wald und See. Der Wasserfall schien den Klang zu trinken, er selbst hörte ihn kaum, aber auf den Wogen des Lichtes, des Wassers und der Lüfte trugen seine wesenhaften Freunde den ersten Gruß über Wald und See in das Lager. Noch duckten sich die dunklen Bauden und paßten sich ganz der braunen Erde an.

Kaum hob sich der Hügel ab, auf dem Hjalfdars Heimstätte stand. Aber der Ton war hingelangt und reges Leben, Tragen, Springen, Jauchzen und Durcheinanderrennen hatte er zur Folge.

»O Hjalfdar, wie haben wir um Dich gebangt!«

Ein Horn ums andere klang zurück. Froh leuchtete Hjalfdars Auge bei jedem so vertrauten Ton:

»Das ist der Ruf der Jungmannenschar!«

Und schon löste sich unten der wohlgeordnete Trupp und sprang unter Führung seines Ältesten empor gegen den See.

Sie hatten die Richtung erlauscht, kannten den Ton von Hjalfdars Horn und wußten, daß es Freude, ja Sieg erzählte.

Am Ufer des Sees hob sich vom Boden eine helle, hohe Gestalt, sie blickte, die Hand schützend vor die Augen haltend, nach oben.

»Lichtvater sei Dank! Ich wußte es ja, daß Du Deine heiligen Hände über ihn breitest. Er kommt nun zurück.«

Und in Holdas Gedanken spiegelten sich die Geschehnisse der letz-ten Tage. Als am späten Abend die Mannen heimgekommen waren, fragend, ob er schon da sei, als die Hörner rufend durch den Wald erklungen waren und nie Antwort kam, da hatte ihr Herz gebebt.

Aber sie kannte ihn ja. Wußte seine Gedanken, seine Pläne, freute sich an jedem seiner Siege, seiner Entdeckungen. Und bald war ihr so viel gewiß: Er spürt einem seltenen Wild nach!

Daß Hjalfdar sich nicht zurückfinden könnte, wenn er wirklich wollte, das schien ihr ganz unmöglich.

Bald gab die Jagdbeute so viel zu tun, daß alle sorgenden Gedan-ken verdrängt wurden. Während die Männer die Tiere häuteten, die Felle spannten, das Fleisch zerlegten, bereiteten die Frauen ge-meinsam das Mahl, holten würzende Kräuter und den Saft herrli-cher Früchte, den Holda mit ihnen gebraut.

 

Als die Feuer brannten, sammelten sich alle um das Haus Hjalf-dars und die Geschichten des Tages wurden erzählt. Manch schönes kräftiges Tier war erlegt worden, neue, unbekannte Tiere wurden vorgezeigt, um das Urteil Holdas zu erbitten. Von neuen Bäumen, anderem Gestein berichteten die Männer, auch von dem abge-schlossenen Tal, dessen Dickicht sie nicht wagten zu durchdringen. Langsam verebbte der Strom der Rede.

»Da müssen wir Hjalfdars Meinung kennen.« Das war immer das Ende jeder Aussprache.

»Wann wird er kommen?«

»Morgen gewiß!«

Da klang Holdas Stimme bestimmt und klar:

»Morgen noch nicht, sondern in dreien Tagen, wenn die hohen Wesenheiten vom Berg ihn lösen, wenn er der heiligen Erfüllung Lichtkraft gekostet und einen Blick in die Gärten seiner Heimat getan, wenn Lichtvater ihn gegrüßt mit dem heiligen Strahl und er den Speer im Blute der Schlange bewährt, dann wird Hjalfdar zurückkehren!

Dann öffnet Auge und Ohr. Vieles wird er Euch künden, was sein Geist bisher noch nicht gekannt, und Ihr könnet daran lernen. Wie er unseren Stamm leitet und aubauet in ruhiger Treue, zur Ehre Lichtvaters, so baut er den Tempel auf der Erde und in Euren Gei-stern für Lichtvaters Wort!«

Wie klang doch Holdas Stimme so eindringlich, als sie also sprach. Tief innerlich erschüttert lauschten alle. Und Holda fühlte es, da war nicht einer, der es anders verstanden hätte als sie es mein-te. Sie harrten alle in kindlichem Vertrauen auf Hjalfdars Rückkehr. Keiner ließ nach ihren Worten noch ein Bedenken, einen Zweifel hören. Keiner aber hätte es auch gewagt, einen zweifelnden Gedan-ken nur zu hegen. Was Holda sprach, das galt.

Holda sah, wie die Worte des Wissens, das aus ihrem Vertrauen in Lichtvaters Liebe Einzug gehalten in ihren Geist, die Kraft der Überzeugung an sich trugen und weiterpflanzten. Wie diese Men-schen sie auch aufnahmen! In hellichten Fäden standen sie und es entwickelte sich eine wunderbare Schwingung des Geöffnetseins.

»In diesem Sinne wollen wir jetzt Lichtvater bitten, daß er Hjalf-dar zurückführen möge zur Erfüllung seiner Gebote. Höret, eine Stimme sagt mir, es beginnt nun die geistige Erfüllung seiner Aufga-be. Denn wisset: Hjalfdar hat eine Aufgabe von Lichtvater erhalten, daß er von seinem Willen der Welt künde. Er soll auf dieser Erden-fahrt die Menschengeister anrühren, er soll die lichten Flammen sammeln und stärken, die matten aber befreien durch seinen Speer. Darum muß er vorher den Speer im Blute der Schlange bewähren!« Holdas Augen wurden immer heller, strahlender, lichter und blauer. Sie sah bei ihren Worten eine leuchtende Taube fliegen von

Osten über die Höhenzüge gegen Norden und sie wußte:

»Das ist Lichtvaters Taube, die Hjalfdar Kunde bringt!«

Und während Hjalfdar den Geist Lichtvaters empfing und in den seligen Gefilden seiner Heimat dem Liede der alten Väter lauschte und das Rauschen der lebendigen Wasser ihn erfüllte, betete unter Holdas Führung die Schar seiner Getreuen.

Holda aber nahte sich ein strahlendes Licht und in seinem sin-genden Kreise zeigte sich die Gestalt eines leuchtenden Ritters. Wie fließende Silberwellen, so schimmerten und funkelten die Schup-pen seines Panzerkleides. Die Ausstrahlung seines Hauptes glich ei-nem hohen Helm und mächtige Flügel schienen aus ihr zu wehen. Schwingend im flüssigen Schimmer blendeten sie Holdas Augen. Ein lichtes Blau strömte aus der Gestalt und verbreitete um sich und über die ganze Umgebung einen zarten Schimmer, fast wie Mondenglanz.

»Ich bringe Dir Kunde von dem lichten Eiland, da Dein Gatte jetzt im Geiste weilt. Auf heiliger Höhe, da er Lichtvaters Haus er-bauen soll, da ruhet sein Leib. Er aber trinkt in sich die Ströme des heiligen Wassers, das der Heilige Geist ihm spendet.

Gleich dieser sonnigen Höhe auf Erden stehet zu Patmos der hei-lige Berg des Wortes. Blaue Flut umströmet den heiligen Ort. Strö-me des Lichtes, das Singen der seligen Geister, fließen über die Insel gleich einem ewigen Gebet der Dankbarkeit. Leuchtende Väter hü-ten das Heilige Wort, wissen und verehren seinen Namen, den Ihr in Euch traget, mit jedem Atemzuge. Jede Faser dieser Schöpfung, jeder Strahl und jede leise Bewegung ist aus ihm geschaffen. So na-het sich Euer Geist dem Wissen von dem Ausgangspunkte Eures Ursprungs. Wesenheit um Wesenheit, die aus den unermeßlichen Ewigkeiten zu Euch wirken, werden Euch nahen, die sich dem Licht Gottes erschließen in Wahrheit!«

 

Es war eine wundersame Begebenheit für die Menschen, die in der Nähe Holdas sich befanden. Die ursprüngliche Ehrfurcht vor der Kraft des Lichtes hatte sie auf die Knie gezwungen. Ihre kindli-chen Angesichter hielten sie emporgehoben und sahen Holda, das Weib Hjalfdars, in einem hellen Lichtschein stehen. Weit geöffne-ten Auges schien sie nach jener Seite zu lauschen, woher die blen-dende Helle auf sie fiel.

Die Menschen sahen aber nur den Widerschein dieser Helle auf Holdas Angesicht, den Quell selber sahen sie nicht. Die Frau er-schien ihnen aber in diesem Augenblick wie eine lichte Wesenheit und es ergriff sie heilige Scheu.

Da erhob Holdas Stimme sich:

»Fürchtet Euch nicht, ich habe Kunde erhalten, wo Hjalfdar weilt. Er ist in lichtem Lande und sammelt für uns das höchste Gut. Ein Lichter hat mir Kunde gebracht von heiligen Höhen! Kraft und Weisheit wird uns Hjalfdar bringen und den Sieg auf der Erde al-lem lichtgeliebten Beginnen. Das versprach der Leuchtende, der mit Schild und Waffe wie ein Kämpfer erscheint. Vorbereitend für Hjalfdars Kommen ist seine Botschaft. Rüstet alles wohl im Stam-me, daß Hjalfdars Auge nur Ordnung und Fortschritt erfreue.

Wir Frauen rüsten die Häuser, sorgt auch, daß die Schwimmbal-ken gebunden sind zur Überfahrt über den See. Wie wird Hjalfdar sich freuen, kann er trocken den See überqueren! Und nun gehe jeder nach Hause, viel noch bleibt zu rüsten und zu bedenken am morgigen Tage.«

So hatten Hjalfdars Stammesgenossen die Zeit seiner Abwesen-heit nützlich verbracht. Unter Holdas und der Altmannen Leitung bereiteten sie alles vor zu Hjalfdars Empfang. Die Kunde aus der lichten Höhe hatte sie mit neuer Kraft erfüllt.

Holda mußte so viel tun und denken, daß die Zeit wie im Fluge zerrann. Viel beschäftigten sich ihre Gedanken mit dem Lichten, dessen Namen, dessen Art und Herkunft ihr völlig unfaßbar war. Sie fühlte nur, daß sie noch nie so Hohes erschaut hatte.

Friedlich und milde war die Natur in diesen Tagen und Nächten. Kaum einige Stunden gönnte sich Holda zur Ruhe. Des Morgens stieg sie früh vom Lager, des Abends ging sie als Letzte zur Ruhe. Eine nimmer versiegende, treibende pulsende Kraft der Bewegung hatte sie erfaßt, so daß sie dauernd tätig scha@e an sich und an den Getreuen. Stundenlang ging sie in die Wälder und brachte immer wieder neue Kräuter, Beeren und Früchte, die sie zu den herrlich-sten Säften, Tränken und Salben bereitete.

Manche der alten, aus dem Norden mitgebrachten Tiere siech-ten. Holda pflegte sie mit Geduld und Liebe und ihre kleinen Töch-ter Thora und Lea halfen dabei. Sie waren geschickt und klug und hatten der Mutter Tun mit Eifer abgesehen. Ihre kleinen, kräftigen Hände hatten die Gabe des Hegens und Helfens und griffen tüchtig zu. Die wesenhaften Freunde trieben Holda durch Wald und Was-ser und Flur.

Auch hierbei waren einige Mägdlein ihre Stütze, doch ging sie den anderen immer weit voraus.

Auf diesen Gängen war es, daß Holda auch manchmal einen Rie-sen gewahrte, der lächelnden Angesichtes seine großen Hände wie schützend über den nahen Höhenzug hielt, auf dem sie Hjalfdars Aufenthalt vermutete.

Dieses war für Holda eine große Freude, wußte sie doch, daß nun auch die Riesen Hjalfdars Freunde geworden waren.

 

Als Hjalfdars Horn nun die Luft mit fröhlichem Tönen füllte, da sprangen sie alle, Groß und Klein, an den Strand. Die Jungmannen waren die Ersten, die jubelnd ins silberne Wasser sprangen und die mächtigen Schwimmhölzer losbanden, die da an schweren Steinen im Grund verankert lagen. Die aus Pflanzen geknüpften Leinen lö-sten sie und warfen sie auf die Flöße. Dann ergriffen sie je zwei ein mächtiges Ruder und, an der hinteren Seite des Schwimmbalkens stehend, ruderten sie mit großer Kraft und Gewandtheit nach der weiten Mitte des Sees.

Langsam nur bewegte sich das Floß auf der stillen Fläche des Wassers. Holda, am anderen Ufer stehend, sah sie herankommen und winkte ihnen mit frohem Rufe. Ihre Stimme klang hell und leuchtend über den See, sie schwang sich aber auch in die Höhe, Hjalfdar entgegen. Mit Freude sah er, wie sie alle ihn erwartet hat-ten und wie sich am anderen Ufer die Menschen drängten.

In gewaltigen Sprüngen und Sätzen, auf seinen Speer gestützt, kam er den Hang herab.

Staunend sahen sie ihn nahen. War er nicht noch lichter und fro-her, noch strahlender von Jugend und Kraft, als da er ausgegangen war?

Was hielt sie trotz seiner freundlichen Güte so in Ehrfurcht stumm zurück?

Nur Holda begrüßte ihn mit ihrer alten, natürlichen Herzlichkeit, die jede Weichlichkeit mied. Hjalfdar schaute sie glückselig lachend an:

»Du hast Dich nicht gesorgt um Deinen Mann, Du Liebling der Lichten! Dir haben sie wohl Kunde gegeben, wo Hjalfdar weilte?«

Leises Nicken, vielsagend Schweigen war ihre Antwort.

Als sie die Flöße bestiegen und leise über die Fluten glitten, da mischte sich in das Rauschen des Wassers ein wundersamer Klang. Es war die Stimme des Seeweibes, das auf einem Steine saß, weit drüben in einer ganz heimlichen Bucht und sang.

»Hörst Du, was sie singt?« fragte Holda lauschend. Mit leisen Worten wiederholte sie den Sang der Seefrau:

»Heil Hjalfdar, der Held, der die Schlange bezwang mit dem Speer! Heil Hjalfdar, dem Kühnen, der die glimmenden Funken erkannt und erlöst. Heil Hjalfdar, dem Liebling der Lichten, dem alle Hilfe spenden; denn er stehet in dem Bewegen heiligen Willens gerecht und treu!«

Ein Rauschen hob die Wogen des Sees, ein wilder Wind brau-ste über die Höhe heran, die wogenden Bäume wurden geschüttelt, weiße Vögel stiegen in Scharen aus den Schilfgräsern empor und wiegten sich in Sonnenlicht und Sturm.

Die ganze Natur begann sich zu regen, die Vögel sangen und flogen aus den Bäumen herab zum Strande. Über den weiten Rücken der Wälder, über die Schlucht mit dem Wasserfall spann-te sich ein Regenbogen. Die Helfer schmückten auf ihre Weise das Tal.

Als der Heimgekehrte sich am eigenen Herde gelabt und aus-geruht, ging ein erneutes Fragen, Kommen und Gehen an. In die Ställe war Hjalfdars erster Gang. Lobend besah er die wohlgepfleg-ten Tiere. Einige aber, die krank geworden, ließ er aussuchen und stellte sie bei Seite. Selbst wollte er ihrer achten, ob sie noch taugen würden zur Aufzucht.

 

Es waren Tiere, die aus der alten Heimat stammend Gras und Kraut verschmähten, der warmen Lüfte, der feuchten Wiesen sich wenig freuten. Sie waren die rauhen Stürme, die trüben, sonnen-losen Zeiten gewöhnt und freuten sich nur der kurzen, rauhen Gräser, des knorrigen Flachwuchses, gediehen aber nicht auf der warmen Erde. Dickbehaarte Ziegen, renntierähnliche Zugtiere und graue, kleine Kühe waren es, die aus Sehnsucht nach der alten Hei-mat sterben wollten.

Als Hjalfdar aber zu ihnen trat, da hoben sie die gesenkten, mat-ten Köpfe. Glanzlose Augen blickten ihn flehend an. Er legte seine großen Hände auf ihre Häupter und sprach:

»Ich weiß Euch einen Ort, der Euch frommen wird, ich führe Euch auf Lichtvaters heilige Höhe!«

Unter der Führung der Altmannen war schon der Bau begonnen zu Lichtvaters Saal. Voll Freude und Stolz führten sie Hjalfdar an die Stätte, da sie den Grund legen wollten.

»Höret«, sprach Hjalfdar, »dies Haus, das wir Lichtvater bauen, wird uns gut sein; denn wir sollen einen Platz haben, darin nur die Gedanken ihm gehören. Aber den Tempel seiner Kraft, darin er wohnet, den wollen wir auf die Höhe bauen, die er selbst dafür bestimmte. Er hat sie mir gewiesen. Ich will Euch hinführen und Euch die heilige Stätte weisen.

Zuvor aber müssen wir das niedere Tal durchziehen und mit den wilden Urwaldmenschen kämpfen. Sie müssen besiegt und zer-streut sein und ihr Nest muß verwüstet werden; denn darin ist der Tod und der Niedergang. Aufleben wird das ganze Land, die Tie-re werden heranziehen, die Wälder werden sich verschönen, wenn diese wilde, entartete Rotte nicht mehr sein wird. Und auf dem Grund ihrer Stadt werden wir den Boden finden für unseren neuen Tempel. Mehr dürft Ihr jetzt noch nicht erfahren; denn durch das Erleben werdet Ihr mit mir zum Ziel gelangen. Ich werde Euch alle Kräfte des Lebens kennen lehren, sie ruhen und wirken im Kreisen des Lichtes.«

Ernst und sinnend lauschten sie der sonderbaren Rede Hjalfdars, aber sie konnten sie noch nicht verstehen.

So zogen sie am übernächsten Tage aus, nachdem sie alle ihr Ge-räte und Waffen mit Eifer und Vorsicht zugerichtet. Die Jungmannenschar und ein Häuflein erprobter Mannen sollte den Stamm hüten; denn die Frauen und Kinder blieben zu Hause.

Hjalfdar erzählte ihnen von der Art und dem Gehaben des Wald-menschen, den er zuerst auf seiner Jagd entdeckt. Er berichtete auch von dem Ort ihres Aufenthaltes und von ihrem wilden, häß-lichen Wesen. Ganz zuletzt aber erzählte er ihnen, daß diese Tiere denselben Lichtfunken in sich trugen, den auch sie von den Lichten erhalten hatten.

Erstarrtes Schweigen war die Folge seiner Rede. Wie konnte sol-ches geschehen sein, und warum waren diese Tiere so furchtbar geworden?

Einer unter den Ältesten stieß mit rauher Kehle doch zuletzt noch diese Frage hervor:

»Hast Du auch recht gesehen, Hjalfdar? Derselbe lichte Funke, der bei uns brennt wie ein helles Licht, der als Flamme empor-schlägt in freudigem Tun? Derselbe Funke, an dem Du unser Wol-len erkennst?«

»Glühend rot und fast erloschen glimmt er noch in ihnen. Er wird hinabsinken und zerstieben, ewig aus dem großen Leben der Schöpfung ausgestoßen sein und vergehen, und ist doch Eurer Art!« Die Einfachheit seiner Worte erschütterte die Männer sehr. Hjalf-dar wußte, wie die Kraft seiner Gedanken erst unausgesprochen gewirkt hatte, dann aber in der Verdichtung seiner Worte erst fe-sten, geistigen Entschluß erweckte, die in ungeheuerer Kraftwelle aus all diesen lebendigen Menschengeistern hervorbrach. Er sah diesen Vorgang aus ihnen strömen. Es knüpften sich und schlossen sich unzählige Fäden mit den führenden Kräften der lichten Helfer.

Gewaltiges Bewegen war in diesen feinen Ebenen. Hjalfdar sah es wirken bis in den Stoff.

So zogen sie, schon umwoben von den Vorauswirkungen ihres Sieges, durch den dichten Wald, der vor Tagen so große Gefahren geborgen. Hjalfdar richtete es ein, daß sie ihn nicht des Nachts be-rühren sollten.

Mit dem kleinen Troß, bei dem auch die Milchkühe nicht fehlten, zogen auch die kranken Tiere, welche Hjalfdar zur Höhe bringen wollte. Einige Frauen hatten des Feuers acht, das in dem großen Ge-fäß aus Ton wieder mitgeführt ward als eine der wichtigsten Waffen.

 

In langen Zügen, Mann um Mann, schlichen sie vorsichtig durch das hohe, rauschende Gras. Kein Laut durfte sich regen. In dem Schweigen des ernsten Hinstrebens zum Ziele lag eine wirksame Kraft, die ihre Gedanken klärte. Kein Hornruf sollte ertönen. Da mußten sie zwiefach auf ihrer Hut sein, sich nicht aus den Augen zu verlieren.

Eine eigenartige Schwüle und Schwere lag über den aus gedehn-ten Tälern an diesem Tage. Dampfend dunstete die Erde, die ein ausgiebiger, warmer Regen befeuchtet hatte.

Alle Pflanzen atmeten in der warmen Luft würzige, fast betäu-bende Düfte aus. Reptilien ließen sich blicken, die sonst die trock-nenden Strahlen der höher steigenden Sonne vorsichtig mieden. Hjalfdar sogar, der doch diese Gegend gründlich durchwandert zu haben wähnte, war erstaunt über die Unzahl der Echsen, Schlangen und Kröten, der Schnecken und Würmer, die da in Riesenformen zu Tage gekrochen waren.

Er sah daraus, daß auch ihm, dem Vielerfahrenen, Wachen, die Natur eine Überfülle der Überraschungen noch vorenthalten wür-de. In demselben Grade, wie das Leben der Tierwelt sich gesteigert zeigte, war es auch feinstoffiich zu bemerken.

Es schien, als arbeite die gesamte Natur dem Gärungsprozeß ei-ner Umwälzung zu. Da war keine Pflanze, kein Stein, kein Krüm-lein Erde und kein Lebewesen sonst, das nicht eine Farbe, einen Strahl des Bewegens, einen Hauch seines Daseinsstromes ausgeat-met und wieder eingesogen hätte in wundervollem Wechselstrom des Gebens und Empfangens.

Kraftsammlung schien zu weben über und durch die feine Stoff-lichkeit, die wesenhaft durchglüht, rein und unverbogen wirk-te. Zarte Hände, durchsichtig nebelfeine Gestalten, rauhhaarige Baumgreise und verknitterte Steingesichtchen tauchten hier und da auf. Den Ausdruck der Gespanntheit, der Erwartung, des Eifers und der Energie gleichmäßig widerspiegelnd.

Und alle diese Wesenheiten strömten ebenfalls Kräfte ihrer Art aus. Sie verbanden sich mit den feinen Strahlen, die wie Röhrchen aus der Feinstoffiichkeit wuchsen.

»Macht Eure Augen auf für Lichtvaters Walten im Flechten heili-ger Gesetzeserfüllung«, sprach es von oben in Hjalfdars Geist. »Da könnet Ihr nützen lernen, was Euch Menschengeistern zum Heile frommt.«

Und Hjalfdar sprach es aus, was er von oben empfing. Wort für Wort mit dem Wissen der heiligen Überzeugung. Er sprach seit Stunden zum ersten Male. Und es geschah, daß ihnen allen die Augen geöffnet waren. Mit anbetender Dankbarkeit erkannten sie das Wirken der Gesetze in der Stoffiichkeit und wußten, daß es die Vorbereitung war für den Kampf.

In dem Wollen zu dem Gelingen ihrer Tat gingen sie Schritt für Schritt, vorsichtig und getreu. Und es zogen die Willensströme ih-rer reinen Gedanken immer mehr Harmonie und Kraft heran, aus allen Ebenen der Schöpfung.

Da gelangten sie an den Rand des Waldes und sahen aus seinen verschlungenen dichten Zweigen die trübe schwelende, stickige Masse einer trägen Feinstoffiichkeit im Tale kleben.

Sah es nicht aus, als zöge sie sich, verstreichenden Rauchschwa-den ähnlich, aus dem Walde zurück in ihren Herd? Es war, als zö-gen die Menschen in einer hellen Glocke dahin, vor sich her und hinwegdrängend in weitem Umkreis, was nicht der Gleichart ihres Wollens entsprach.

Eine starke Kraft der Einigkeit erfüllte diese Schar, die sich immer fester und sicherer ineinander einfügte. Hjalfdar fühlte es mit Freu-de. Er selbst ging schneller voran, wie beflügelt wurde sein Schritt durch den sicheren Boden, den die treuen Gefährten bildeten. Und wieder, wie einst an der Grenze des harrenden Landes, kamen blit-zenden Schwertern gleich strahlende Ströme aus jedes einzelnen Brust.

Drüben, in der düsteren, stickigen Siedlung der Urwaldmen-schen grollte es auf. Erst nur wie das Knurren eines angstgedrück-ten Hundes, nach einiger Zeit aber brüllte ein roher Wutschrei aus erschreckter, gefahrwitternder Brust. Solch häßlichen Laut, der die Tiere des Waldes erbeben machte, hatten Hjalfdars Mannen noch nie vernommen.

Wohl merkten sie, wie dieser Schrei in dem Asyl der Affen schrek-kensvolle Wut erzeugte. Die zähe Masse begann Blasen zu bilden. Sie zog sich zusammen, begann zu brodeln, rötlicher Dunst stieg darüber auf und lag von ihrer Art gefesselt zitternd über ihr.

 

Das Knurren und warnende Schreien entwickelte sich zu zerris-senem Gebrüll, hier und dort griff es über die Mauern, tönte es weiter, erhielt Antwort aus den Wäldern. Ein reges Wanken, Pol-tern, Rauschen begann auf den gegenüberliegenden Hängen. Der Waldmensch hatte seine Kämpfer einberufen.

Hjalfdar lagerte sich am Walde, genau wie bei dem Anmarsch sei-nes Erkundungszuges ging er vor.

Ob sie wohl zur Abendstunde wieder den Bau verließen, um im freien Tale ungeschützt zur Tränke zu wandern?

Darauf richtete er seinen Plan. Die lange Wartezeit ließ Hjalfdar damit ausfüllen, Hölzer und brennbare Zweige zu sammeln, und zu bündeln. Auch dazu gingen sie schweigsam und äußerst vorsichtig zu Werke. Immer bewegten sie sich leise schleichend und behende, wie zur Jagd. Dann lagerten sie, die Gesichter beobachtend, hinter den dichten Pflanzengeflechten verborgen, bis sich der Abend nie-dersenkte.

Hjalfdar blickte in Spannung hinüber nach dem Lager der Tiere, das wie eine alte, düstere Burg im Schatten der Hügel lag. Lauernde, lähmende, verhaltene Furcht und Blutdurst hockte da drüben auf Wache, Sie fühlten Gefahr und witterten Blut und Fleisch, so viel war gewiß.

»Wir dürfen keinen Vorstoß wagen, bevor sie nicht aus ihren Schlupfwinkeln gekommen sind. Wenn sie sich aber dem Flus-se zuwenden, in die Breite des Tales, dann werden wir ihnen die Heimkehr abschneiden.«

Dies war sein Plan und er sprach ihn aus. Aber es war, als zöger-ten die Tiere heute. Da sprang ein Rudel roter Gazellen, groß und schnellfüßig, aus dem Walde, quer über die Lichtung den Wassern zu. Ein Jagdruf tönte von drüben, gellend und aufreizend, der die Schar der Waldmenschen nicht mehr von Blutdurst und Jagdlust zu-rückhielt. Das unbeherrschte Tier hatte sich seinem Triebe geöffnet. Wie ein Strom schmutzigen Unrates zottelte und trabte es aus den Mauern, grunzend, brüllend, zähnefletschend, die Erde stampfend mit wuchtigem, weit ausladendem Sprung. Wie eine wilde Horde raste Alt und Jung, Mann und Weib dem hastig entspringenden Rudel nach, das sie am Rand des fernen Bachbettes sicher einholen mußten.

 

Ein leiser Ruf Hjalfdars sauste wie ein Pfeil aufjubelnd durch die Reihen seiner Getreuen.

»Lichtvater hilf! Es geht um den Funken der Kraft!«

Und im Sturm sausten die schnellen Kämpfer den Hang hinab in die Mauern der Affenstadt.

Überall legten sie die Bündel ihres Holzes zu Hauf, bis sie eine kleine Mauer bildeten, die noch durch die Büsche und dürren Bäu-me, welche das Nest umgaben, reichhaltigst ergänzt wurden. Dann entfesselten sie das Gefäß der heiligen Flamme, dessen leuchtender Inhalt leise sich auszubreiten begann.

Im Blutdurst wie betäubt frönten die Tiere des Fraßes, bis sie Rauch witterten, der stickend ihre Nasen reizte. Hustend und schnüffelnd witterten sie nach oben, in gellendem Aufschrei hatten sie das rote Element entdeckt. Furchtbare Wut erfaßte die Tiere, die retten und angreifen wollend dem Feuer entgegenrannten. Wie an-gezogen von einer unfaßbaren Macht, liefen sie in Eile zurück, dem brennenden Wall entgegen.

Als sie ganz nahe ihrem brennenden Neste waren, empfing sie von der Seite ein Angriff sausender, brennender Speere.

Wild und kopflos rannten die Tiere dem Feuer entgegen, das sie zu umschwirren schien. Die zottigen Felle gerieten in Brand, auf-brüllend wälzten sie sich auf der Erde.

Da blies zum ersten Male Hjalfdars Horn! Seine Mannen spran-gen hervor hinter den steinernen Mauern und den Büschen. Sie hatten die ganze Schar der Tiere in einen Kreis getrieben, in dem sie flammend, brüllend, einander selbstzerfleischend tobten.

Nun konnten sie durch ihre Waffen die Schmerzen enden. Ein furchtbares Töten, ein Werfen mit Steinen, ein Stechen, ein Schla-gen war der Höhepunkt dieser Schlacht. Röchelnd endete die ganze Brut, aus der nur einige entfliehen konnten. Krachend barsten die heißen, ausgedörrten Mauern ihres Nestes und begruben sie zum Teile.

Kleine, fast erstickte geistige Fünkchen entrangen sich hier und da der dampfenden Masse, sie verwehten in den feinstoffiichen Ebenen und wurden mit einer feinen, grauen Schicht umsponnen. Wesenhaftes verband sich in kleine Gruppen, die wie Strahlentie-re einer Gleichart zuzustreben suchten. Der Stoff aber ruhte unter Schutt und Asche und harrte seiner Auflösung.

 

Die ganze Nacht hindurch blieb noch rötliche Glut um das ausgeräu-cherte Nest der entarteten Urwaldmenschen. Die Träger des Geistsa-mens aber hatten davon Besitz ergriffen und hüteten das Feuer, das sie selbst entfacht, auf daß es nicht im Umkreis Schaden an den Wäldern tue. Hjalfdar arbeitete mit seinen Mannen, durch Einstürzen der Mau-ern und Aufhäufen des Schuttes die Glut zu ersticken.

Das Wasser floß im Bache zu seicht, um damit schnell genug den Brand ersticken zu können. Besorgt sah Hjalfdar nach dem Himmel, der viele kleine, zerrissene Wölkchen aus Südwesten wie eine Herde dahertrieb, in so eiligem Strom, daß Sturm zu be-fürchten war.

»Heut’ ist eine Nacht, in der die lichten Helfer die Elemente aus-gesendet haben, Euere Kraft und Wachsamkeit zu erproben. Der Südwind macht sich auf, und wehe dem Wald, wenn er in dieses Tal bläst und das Feuer findet. Darum machet Euch mit doppelter Kraft an die Arbeit!«

»Wir wollen kein Flammenmeer anrichten, das sag ich Dir, Du feuriger Elf, der Du so toll Dein Wesen treibst! Wir Geister wollen es nicht!«

Diese Worte sprach Hjalfdar nur mit halber Stimme, mehr wie zu sich selber, aber die Ausstrahlung seines Willens pflanzte sich aus dem Geiste mit überraschend schneller Stärke fort. Über dem Hauptfeuerherde erschien ein schönes, glühend flackerndes Ange-sicht mit einer Flammenkrone, halb Mensch, halb Salamandertier, beweglich, flatternd, heiß und goldrot.

Helle Wellen strömten von Hjalfdar auf den Flammenden, in Lie-be, dankbar und voll Achtung für seine Kraft und Hilfe hatte er jene Worte gesprochen. Aber fest, unbeugsam und seiner Kraft si-cher. Und eine Weile währte es noch, dann duckte sich jener leise, ward stiller, blasser und zog sich in sich zusammen. Hjalfdar sah ihn nicht mehr. Nach einer Stunde aber verlöschte die Glut.

»Wir danken Dir und danken Lichtvater, der Dir und uns die Kraft gibt, in seinem Willen zu wirken!«

Harmonisch kreisendes Austauschen des Gesetzes vollzog sich bewegend in Hjalfdar und verband ihn mit den Strömen im All.

 

Töne hatten durch dasselbe schwingend sich ihm genaht, Töne, in deren reine, lichte Wellen es seine Stimme, seine Wollensstrahlen selbsttätig eingeordnet hatte.

So aber, wie Hjalfdar es gesprochen, so hatten sie alle, die ihm hal-fen, vertrauend in Gedanken und Wollen sich mit ihm in denselben Rhythmus eingefügt, ganz selbstverständlich; denn sie führte das Gesetz der Schöpfung.

Als sie das Feuer endgültig beruhigt hatten und seine letzten Re-ste, wie es der Brauch war, dem heiligen Gefäß wieder übergaben, es nährend mit neuer Speise, die nie versiegen durfte, da wollten sie sich zur Ruhe legen.

Aber es begann ein warnendes Flüstern um sie her, sie hörten ein leises fernes Heulen.

Schakalähnliche Tiere mochten es sein, die der Geruch verbrann-ten Fleisches schon in der Ferne erregte. Das Rauschen des Windes wurde zum Gewimmer, es verfing sich in den Nischen und Ecken der halb zerbrochenen Mauern und trieb Staub und Asche umher. Es begann immer wütender zu rasen, bis ein feiner, nebelartiger Regen rieselte, der in immer schneller und brausender anwachsen-dem Strome den Sturm zu verstummen schien. Triefend suchten die müden Menschen Schutz vor Nässe und Hjalfdar führte sie in die untererdigen Gänge. Dort warteten sie den Morgen ab.

Dumpf und schwül war es unter der Erde. Der Dampf des verdun-stenden Wassers, das überall durchsickerte, benahm den Atem und die Möglichkeit, auch nur die Hand vor den Augen zu erkennen.

Überall hing der beizende Geruch der toten Tiere und des Feuers, der kalte Rauch ward durch die Feuchtigkeit herabgedrückt. Die Augen brannten und tränten, es klebte die Zunge am Gaumen. Die wenigen Früchte reichten nicht aus, den Durst zu stillen. In einem runden Gefäß, das wohl zum Sammeln der Goldkörner gedient ha-ben mochte, fingen sie deshalb den Regen auf.

Langsam gewöhnten sich die Menschen an die Dunkelheit. Ihre Augen vermochten auch nach und nach den Qualm zu durchdrin-gen und sie erkannten in den Nischen die aufgehäuften Goldkörn-chen, die Wärme ausstrahlten.

»Tropfen der Sonne«, so nannte sie einer der Mannen und ließ sie durch die Finger rieseln.

Hjalfdar erzählte ihnen, wie er hierher geführt worden war, wie ihm die kleinen Männchen das Gold genannt und gezeigt hatten und daß sie es verwenden sollten für Lichtvaters heiliges Haus. Das Schönste und Leuchtendste, was die Kräfte der Erde geboren aus den Umwandlungen von Feuer und aller Art wichtiger Substanz, es soll dienen zur Ehre des Höchsten.

Als sie davon sprachen, wie sie Lichtvaters Haus erbauen wollten, hörten sie ein dumpfes Tappen und Schlürfen über sich. Hjalfdar gab sofort leise Befehle. Wie Schatten schmiegten sich die großen Gestalten zur Erde und in die Ecken. In die Tiefen der Gänge wi-chen sie auseinander mit der Geschmeidigkeit und Schleichkunst des Panthertieres. In solchen Augenblicken der Gefahr waren sie ganz dem Weben des Wesenhaften angepaßt. Darum vermochte es auch seinen Schutz in der Art über sie zu breiten, wie es denselben allen Tieren des Waldes in Liebe gewährte.

Wieder fühlte und strahlte er Liebe diesen stillen, eifrig wirken-den Helfern zu, wieder empfand er die Verbindung mit ihnen als ein Glück, einen Segen von unschätzbarem Werte, den Lichtvater den Menschen zuteil werden ließ.

Es hörte sich das tappende Geräusch an, als ob Schritte sich nah-ten und Hjalfdar wußte sogleich, daß es sich nur um einen der entlaufenen Waldmenschen handeln konnte. Er glaubte auch, die Schritte in den Gang herabkommen zu hören und wagte es kaum, den Atem auszuhauchen vor innerem Gespanntsein.

Ein Schnauben ließ sich hören, ein mächtiger Schädel mit glü-henden Augen schob sich in die Höhle. Ein Schmerzensgebrüll folgte, und ein Auge erlosch. Es duckte sich das dicke Haupt und zog sich zurück.  Hjalfdars Speer stak noch darin.

Ein dumpfer Fall kündete den Mannen, daß der Feind in Wut und Angst und Schmerz auf dem Boden lag. Da kroch es aus allen Gängen hervor und umringte den Feind.

Nachdem sie ihn mit Fellriemen und Bändern gebunden hatten, der in seinem Schmerz und der Angst vor den fremden Kräften zit-ternd stöhnte, schleppten sie ihn in das grauende Tageslicht empor und schlugen ihn mit seiner eigenen Keule tot.

Staunend und erschrocken blickten sie nach vollbrachter Tat auf den Waldriesen hinab, der wie ein mattes Blatt zu ihren Füßen lag.

Mit Grauen kam ihnen in dem Augenblick noch die Gefahr zu Bewußtsein, in der sie alle geschwebt hatten. Ungeheuer war der Eindruck, den dieses Riesentier auf sie machte, da sie es überwältigt in der Nähe sahen.

Eine eigentümliche, fast seelische Erschütterung bemächtigte sich der starken Männer, die sonst ferne von irgendeiner Art Weichlich-keit waren. Ihr natürliches Leben brachte nie Anlaß zu unnatürli-chen Gefühlen, daher kannten sie auch nicht das Mitleid mit dem überwundenen Geschöpf.

Hjalfdar betrachtete die Männer. Ihm war ganz klar, was sie be-wegte, was ihnen neu und eine fremde Regung sein mußte.

»Ich will Euch den Grund sagen, warum der Sturz des Urwald-menschen Euch so eigenartig berührt.

Ihr habt mit Lichtvaters Willen ein Gericht an dem entarteten Geschöpf mit eigener Hand erfüllt. Ihr habet in seines Wirkens Beschluß den Anfang mit dem Ende verbunden, aus eigenem Er-kennen der Notwendigkeit und eigenem Entschluß. Ihr habt den Lichtfunken seiner Gnade aus unwürdigem Gefäß erlöst, bevor es zu spät war. Ihr habt im Stoffe erfüllt, was Lichtvaters Wille wob. Daß Ihr erschüttert seid, ist nur natürlich, hat doch der Geist seine Gleichart erlöst.

Saht Ihr ihn emporfließen? Wie eine kleine dem Untergang und Verlöschen nahe Sonne, der sich sofort ein schützend Mäntlein zu-gesellte, damit er ruhe und erstarke für eine bessere Zeit!

Wenn sie sich einfügen in das gewaltige Bewegen heiliger Lebens-ströme, so wird auch dieser gesunden, da es noch Zeit war.«

Alle sahen sie wie gebannt auf Hjalfdar, der so sonderliche Worte sprach, die dennoch so natürlich klangen. Es war ihnen, als ob sie ihn wohl verstünden. Und dennoch vermochten sie nicht zu wie-derholen, was er ihnen gesagt hatte.

»Es ist in Lichtvaters Willen durch uns geschehen, das ist das Wichtigste. Das andere werdet Ihr erst langsam verstehen.«

Dieses waren Hjalfdars letzte Worte über diese Tat. Dann begann die Arbeit. Das gewaltige Tier sollte gehäutet, der Pelz mitgenom-men, der Körper aber vergraben werden.

Nach dieser schweren, blutigen Arbeit wuschen sie sich und gin-gen talaufwärts dem Wasserfall zu, der durch die schmale, schattige Schlucht von Glimmerblock zu Glimmerblock sprang. Mühsam war der Anstieg auf dem glatten, porösen Gestein. Schwarz glän-zend blitzte es mit metallischem Staub in der Sonne auf, perlend rieselten die Wasser darüber zu Tal.

Ein Teil von Hjalfdars Mannen blieb zurück bei den Tieren und Frauen. Sie mußten sich erst einen Weg bahnen, der für die Beför-derung alles Lebensnötigen weniger beschwerlich war.

Auch galt ihre Vorsorge dem Lager des Goldes, das sie als Gabe Lichtvaters nicht ungeschützt zurücklassen wollten.

Sonderbare Tiere, mächtig beflügelte Wesen schienen die Luft zu durchdringen und sie zu umflattern, wie feine Wolken nahten sie sich in sonderbaren Formen. Gestalten wie Vögel, mit mächtigen Schnäbeln und hohen Kämmen. Aber es waren keine Tiere, son-dern Schatten oder Spiegelungen. Die Männer kannten diese Gebil-de von der Jagd. Wenn große Untiere einen Angriff planten, dann gingen diesen gar oft derartig feine Formen ihrer Körper voraus und sie konnten dieselben wahrnehmen.

Hjalfdar gab ihnen von oben ein Zeichen, daß er sie auch gesehen hatte:

»Habet acht!« blies sein Horn.

Sie hatten wohl acht; denn sie begannen sofort in Gedanken die Gegenwehr. Sie setzten sich in einem Kreise zur Erde und sangen einen Ton. Immer nur den einen Ton. Grünes Leuchten begann in dem Kreise, ein großes, nebelzartes Gesicht entstand in dem Lichte und ein Zeichen, dafür die Menschen weder Wort noch Begriff hat-ten, formte sich und zerging.

Es war wie 4. Dieses Zeichen schrieben sie an die Erde und um-zogen es mit einem Kreise.

Über dem weißen Berge war ein Schwingen und Brausen zu ver-nehmen. Große Schatten fielen über die besonnten Wälder und senkten sich über die Schlucht. Mächtig war das Brausen, alle Tiere im Grunde befiel ein Zittern.

Hjalfdar sah nach oben. Er kannte sie wohl, es waren die Flugdra-chen von dem Grunde des Sumpftales, deren gelbgraues Grund-land er vom Berge aus geschaut. Sie zogen in der Höhe einen wei-ten Kreis, doch wollten sie sich nicht ins Tal hinabstürzen, wie es ihre Art sonst war, wenn sie Tiere witterten. Sie kehrten wieder um.

 

Hjalfdar nickte:

»Die Freunde hatten sie weislich abgewehrt in Wachsamkeit.« Doch war die Gefahr deshalb nicht beseitigt, dessen war Hjalf-

dar sicher, und er dachte darüber nach, wie er die Drachen aus der Nähe von Lichtvaters Höhe vertreiben würde.

In Gedanken wandernd, erstieg Hjalfdar an der Spitze seiner kleinen, auserwählten Schar die heilige Höhe. Wie strömte hier die Kraft der hellen Strahlen vom blauen Himmel herab, blendend warf sie der weiße Stein zurück. Die weite Rasenfläche der Ebene, die Milliarden weißer Sternenblumen trug, tat den Augen wohl, welche zuerst von der Strahlungsfülle wie geblendet waren.

Vor ihnen lachte der tieblaue See aus dem Grün, und aus der weißschimmernden Sandfläche des Bachbettes hob sich das Glit-zern der Goldstäubchen ab.

»Wie rein ist es hier, wie frisch und hell!« jubelten die nachkom-menden Freunde, während sie an die Ufer des Sees traten. Hjalfdar hatte ihnen bereits erzählt von dem grausigen Kampf mit der See-schlange. Nun sahen sie erstaunt die klare Tiefe unter ihren Augen gähnen, sahen die steilen Riff emporragen aus der durchsichtigen Flut und gewahrten das muntere Spiel der wundersamen Fische, die in allen Größen umher huschten.

Leuchtend und friedlich sah es auf dem Berge aus. Sie vernah-men kein drohendes Gekreisch wilder Vögel, kein mahnendes Ge-räusch aus der Tiefe. Im Kreise neigte sich die Schar der Riesen, die wie eine schützende Wand sich wieder zwischen den Berg und den Drachenpfuhl geschoben hatte. Eine heilige, leuchtende Stille er-griff sie so machtvoll, daß sie wie Kinder stumm die Köpfe senkten und die Hände erhoben zu andachtsvollem Dank.

Ein flammendes Leuchten schien von oben zu strömen, sie sahen es alle mit bewegtem Herzen. Es entstand ein eigenartig tönendes Schwingen um sie, als läuteten viele hundert schwingender Glok-ken, ein Klingen wie Chöre jubelnder Wesen erfüllte die Lüfte, und in diesem Tönen dröhnte eine Stimme ein Wort, das sie zutiefst im Geiste berührte. Aber keiner, auch Hjalfdar nicht, vermochte diesen Namen, den er kannte und erlebte, dem er dienen wollte in Ewigkeit, auszusprechen. Es war weihevoll und heilig in der Stille dieses Ortes, durchwoben von dem Leben des Lichtes.

 

Allen war es, als hätten sie zur Stunde eine neue Kraft gewonnen und im Geiste einen Schritt getan in eine höhere Ebene.

»Ja, so ist es!« klang Hjalfdars Stimme, der mitten unter ihnen stand. »Wir haben mit der Befreiung der Geistsamen einen Schritt nach oben getan, in Lichtvaters heiliges Reich! Nun wird auch Euch ein Tor aufspringen, wie es dereinst mir geschah, und sehet, ich, der ich Euch voranging, darf Euch die Kraft übermitteln. Lichtvater sagt es mir durch seinen Boten.«

Hjalfdars Haupt schien zu flammen. Seine Augen waren nach oben gerichtet, ins Blau des Himmels, an dem ein blendend weißes Flügelpaar erschien gleich einer lichten Taube.

Hjalfdar harrte im Gebet. Er war geöffnet, weit stieg sein Geist der hohen Kraft entgegen, die sich ihm da offenbarend zeigte.

»Alles bist Du, alles strömt aus Dir, durch Dich! Lichtvater, wir danken Dir! Amen!«

Da hatte er es ausgesprochen, jenes heilige Wort, das so oft in ihm schwang. -

Nun wanderten sie auf dem grünen Rasen weiter, gegen Südwest, um den Blick von der Höhe über Meer und Schlucht und in den Pfuhl der Drachen zu bekommen. Ihre Augen besahen eingehend die Beschaffenheit des Bodens, um den Platz zu wählen, wo Licht-vaters Tempel stehen sollte.

»Das wird uns der Herr alles von oben weisen«, hörte Hjalfdar seine eigene Stimme wie im Traum von oben herab tönen. »Er wird uns seine Boten senden, die uns befehlen nach seinem Willen.«

Einer aus der Schar blickte um sich:

»Und das Holz zum Bau und die weißen Mauern, von denen Du uns redest?«

»Bedenket nicht, was erst die nächste Stunde reift, bedenket nur den Augenblick. Eines erwächst doch aus dem anderen, das lehrte uns unser ganzes Sein. Hatten wir uns dereinst besonnen, wovon wir den Speer zum Kampfe formen? Leicht säßen wir noch am Strande ohne Nahrung, ohne wärmende Felle, sicher hätten wir nie das harrende Land durchquert, niemals die Drachen getötet, nie den Geistsamen die Freiheit gebracht.

Solche Gedanken sollen nimmer wach werden auf Lichtvaters Höhe; denn nur die Not des Augenblicks führt uns zum Sieg!

 

Wirkt immer voraus im Vertrauen und tuet die Tat im Augen-blick, aber sorget nicht und rechnet nicht, darin liegt Hemmung. Seid wach im Augenblick, dann bieget Ihr ab im Wollen, bevor es keimen kann. Gedenket doch des Kampfes gegen die Schatten der Drachen. Gedenket auch des Waidwerkes in den Zeiten der Not, da Holda die Tiere in die Kreise sang.

Wir stehen in Lichtvaters Liebe, in den Fäden seiner heiligen Schöpfungsnetze und wollen unser Reinstes dazu geben allezeit. Du aber gebe Dich im Gebet, daß Dir die Klarheit einströme!«

Beschämt neigte der Jäger das Haupt, den diese Mahnung berührt hatte. Er mühte sich ehrlich, Hjalfdars Rat zu folgen. Hjalfdar aber sah das Wirken der feinen Gesetzesströme, das bereits einsetzte. Er gewahrte die ungeheuerliche Anhäufung der Kräfte, die sich dem Berge durch das Wirken der Riesen nahte, und darum störte es ihn, wenn einer Worte sprach, die wie schneidende Messer die feinen Fäden des Geschehens zerschneiden konnten.

Das Wollen, Aussprechen und Reifenlassen war eine Gabe, die er den Menschenbrüdern erst langsam bewußt zu machen sich mühte. Unbewußt taten sie recht, aber mit der Reife irdischen Fortschrittes wuchs ihre Klugheit. Mit der Klugheit des Denkens machten sie Fehler, die sie oft bitter bereuen mußten.

 

An den westlich zum Schutze vorgelagerten Felsenwänden ruh-ten sie zur Nacht. Dort konnten sie ihre Felle spannen, die sie vor dem Nachtwind einigermaßen deckten.

Einen kleinen Steinherd bauten sie sich für das abendliche Feu-er. Dann gingen sie den Weg weiter zum Ende der Hochebene, um den Blick der Tiefe und dem weiten Meere zuzuwenden. Von un-beschreiblicher Klarheit strahlte der Himmel, die Sonne neigte sich und das Meer schien zu flammen. Auf dem weißen Grund der flach abfallenden Kalksandküste, deren Ränder in sonderbarer Kamm-form vom Meere ausgespült waren, lag ein goldener Rosenschimmer. Im Vordergrunde aber, zu Füßen des Berges, dehnten sich sandige Abstürze, an die das Meer die Wogen warf. Von dort unten donnerte zur Zeit starke Brandung wie ein wunderbares Orgellied. Farbenfülle und Kraft strahlte die Natur, daß den Menschen das Herz voll Freude schlug. Ein Gegensatz von unbeschreiblichem Reiz lag in der Verschiedenheit des Bildes, auf das die Wanderer von der Höhe blickten. Der kalkweiße, nach dem Meere sanft absteigende Höhenzug bot auf seiner anderen Seite einen völlig veränderten Anblick.

Abgebröckelt und steil fiel er hinab, seine Wände waren von gold-gelbbraunem Dunste wie angeraucht. Wie in einem Kessel lag wei-tes, weiches Moos gegen Südwesten und Süden ausgespannt, das tiefdunkelblaue Höhenzüge begrenzten in einer unfaßbar erschei-nenden Ferne. Rostfarbene Düsterkeit starrte aus den versengten Gründen, auf denen sich ungefähr alle hundert Meter weit kleine Hügel emporreckten.

Niederer Kraut- und Holzwuchs kroch am Boden dahin, von dunkelgraugrünem, doch zumeist versengtem Nadelwerk. Zum Teil waren diese Gebüsche undurchdringlich.

»Dort, in der Ferne, bei den schwarzblauen Bergen, hausen die Flugdrachen, die Feinde der Waldmenschen. Dort unten aber ihre Hüter, die kein Tier und keinen Menschen über die Sümpfe in die Höhlen der Drachen lassen.

Hier ist eine Grenze gezogen für unseren Wandertrieb. Aber nicht für die Bewahrung unserer Kräfte. Wir werden nun erst die Kraft und Liebe unserer Freunde kennen lernen, wenn wir uns in dem rechten Vertrauen auf ihre Hilfe einstellen.

Achtet wohl der Ströme in den Lüften! Sehet, wie die Farben sich verstärken und die Winde lauer wehen, fühlet die Spannung in den Strömungen der Strahlen und sehet, wie die Dünste aus den Sümpfen wallen. Blicket auf zu den Angesichtern der still warten-den treuen Riesen, wenn sie zuweilen sichtbar werden, und dann lauschet, ob Ihr nicht außer dem Stampfen des Meeres auch noch ein Rollen gewahr werdet unter der Fläche des Sumpfes.

Ich sage Euch: Lichtvaters Wille wirket eines ins andere. Bis sein lichtweißes Haus auf dem Berge die prächtigen Wände erhebt, sind auch die Drachen davongezogen, soweit sie nicht dienen dem Men-schenwillen. Sehet Ihr, wie der Riesen Kräfte in die Felsen sich ver-ankern, als wollten sie diese von ihrer Stelle bewegen?

Wir haben es schon erfahren, und ich sage Euch: Unverrückbar ist nichts auf dieser Erden denn der Wille Lichtvaters!«

Wenn Hjalfdar solche Worte sprach, so verband er immer einen weitgehenden Zweck damit. Er führte seine Genossen immer um einen Schritt weiter im Denken und Vollbringen; denn es entwik-kelte sich alles aus dem Wollen in das Denken und durch das Wort in die feinen Kräfte des Vollbringens im Stoffe.

Alles, was Hjalfdar so im Schwingen gesetzmäßigen Lebens zu er-füllen trachtete, war ihm natürlich. Doch durch den wachen Blick seines geöffneten Auges, das Feinstoffiiches, Wesenhaftes und Geisti-ges zu erkennen fähig war, lernte er bewußt zu nützen, was die weisen Gesetze der Schöpfung dem Menschengeiste reichten. Er empfand sich dabei voll Dankbarkeit als das begnadetste Geschöpf Lichtvaters. Kaum hatte Hjalfdar seine Rede geendet, da erhob sich aus Süd-westen ein heißer Wind, die Dämpfe aus der Tiefe des Pfuhles wur-den immer dichter und es bewegten sich die schlammigen Grün-de. Kleine Hügel öffneten sich nach oben und entließen gelbliche Rauchsäulen, die nur zuweilen sich stoßweise verstärkten. Es war, als liege dort. ein machtvolles Ungeheuer, dessen Atemzüge ein Be-ben der Erde bewirken würden. Sinnend, bewundernd standen die Menschen vor der Größe der Natur.

Stern um Stern blitzte an dem noch hellen Himmel auf. Die küh-leren Winde auf der Höhe bekämpften sich mit dem heißen Sturm aus Süden, der schwarze Wolken am Horizont heranzog. Die Körper der Männer waren müde. Hätte sie nicht der Wunsch, die Drachen zu belauschen, aufrechtgehalten, längst wären sie zu Feuer und Zelt zurückgekehrt. Aber es hielt sie fest an ihrem Späherposten. Die Drachen ließen sich jedoch nicht sehen. Das emporziehende Unge-witter drückte sie in ihre Höhlen zurück.

Die Echsen aber und die mächtigen Großtiere erhoben kaum ihre dicken Häupter und Rücken aus dem Schlamme. Sie waren so faul. Ein Bann schien über dem Tale zu schweben und schwerer Druck breitete sich vom Berge in sich steigernden Maße über die Niede-rung aus. Der schwefelartige Dunst benahm alles Atmen. Dichte Hitze bedrängte die Tiere.

An einen Kampf war nicht zu denken. Oben auf der anderen Höhe zeigten sich die wachenden Riesen, unten breitete sich schon die Nacht und Irrlichter huschten über die Sümpfe.

Hjalfdar mühte sich, die Riesen zu verstehen, so, wie er die Elfen und Nixen, die Gnomen und Feuergeister verstand, aber es wollte nicht recht gehen, anders erschien ihm die Art ihres Sichkundtuns.

 

Er merkte, daß eine Fülle von Wesenheiten sich ihm nahte, die er als bewegende Kräfte empfand in Schwingung und Farbe. Es war, als würden sie durch den Stoff greifen und alle Dichte aus Kraft und Willen eines gewaltigen Urgeistes überwinden. Hjalfdar empfand Spannungen, Farben und Töne in und um sich, wie er sie noch nie erlebt hatte. Ihm ward fast bange.

Mann um Mann sandte er zum Lager zurück und folgte dann selbst langsam und sinnend. Die Stunde kam, da Lichtvater seinen Tempel aubauen würde vor dem Auge seines Geistes, das wußte er. Trank und Speise labte ihn im Verein mit den Gefährten, dann suchte jeder nach gemeinsamem Gebet sein hartes Lager auf dem Boden der heiligen Höhe. Sausend sang der Wind sein Lied. Es rauschte der See, Urd stieg empor und lugte über die Wellen, ob sie Hjalfdars blondes Haupt erspähe. Sie wollte ihm Kunde sagen von Erda, aus der Tiefe.

Hjalfdar aber lag in seinem Zelte auf dem Rücken. Weit geöffnet war sein Auge durch einen Schlitz der Felle auf ein Stück Himmel gerichtet, darin gerade ein großer Stern blitzte. In ungeheuerer Schnelle war der Stern vorbeigewandert. Hjalfdar fiel dies auf, aber er dachte nichts dabei. Sein Körper ruhte, der Geist aber war erfüllt von hellem Wachsein.

Wundersam und heilig klangen die Ströme der Natur in seinem Ohr und wirkten erhebend, erweckend und beruhigend zugleich auf Hjalfdars Seele. Andacht erfüllte ihn und Dank.

So ruhte er von den Anstrengungen dieses Tages. Wie reich war doch jeder Tag im Erleben, welche Fülle von Erfahrung sammelte er im Zusammensein mit den Gefährten, im Kampf mit der Natur. Hjalfdar wußte, daß viel Arbeit, viel Kampf und Gefahr sich um ihn häufte. Drohend raunten es die Kräfte der Natur, die ihn heute umzogen hatten. Innerlich stand er ruhig auf eine Welle eingestellt, die ihm sicher Klärung, Hilfe und Kraft brachte. Er wartete.

Da drang wie durch die irdischen Ströme der Natur aus höhe-rer Ebene ein lieblich lockender Gesang. Und Hjalfdars Geist stand auf. Er hörte die Stimme der Urd und wußte, daß sie Weises zu künden kam.

»Höre, Hjalfdar, wie die Tiefen der Erde ihre feurigen Wellen bewegen! Bereitet wird Euch der Boden zu heiligem Werk. Tiefen werden sich heben, mit goldenem Feuer gefüllt, und weißes, wei-ches Gestein wird herabbröckeln, um Euch den Feind zu begraben. Eine weite Ebene soll sich hinstrecken bis zum Meere, darauf spä-ter die Nachkommen ihre festen Stätten begründen, wenn Boden auf Boden sich aus den Urschichten emporschiebt. Seid ruhig und wachsam, dies ist das Erste, was Ihr tun könnet. Das andere richten die Helfer Euch zu.

Der Drachen Schar fliegt vom Feuer davon nach dem tieferen Lande, nach Süden, da der Erde Form sich rundet. Vieler Wasser Gewalt wird sich dehnen zwischen ihr und Euch. Es ist nicht in dem Willen Lichtvaters, daß dieses Getier seine Erwählten störe im Aubau heiligen Willens.

Spanne um Spanne der Gezeiten wird sich vollenden um meinen Schoß. Ich werde nicht die waltende Kraft der Ewigkeit aufhalten um einer kleinen Schar willen, aber es muß eines am anderen sich erfüllen, Zug um Zug, und es werden die Kinder des Herrn hier und da eine feste Stätte finden, die ihnen den Boden bietet zur Ent-wicklung. Groß und dem Geschöpfe unverständlich ist das unper-sönliche Walten des Wirkenden.

Es füge sich ein und bleibe in dem Schwingen seiner Artung ge-recht und ewig rein. Dieses ist sein höchstes Gebot, das er halte dem Gesetz des Geschaffenen. Nichts ist, das einfacher wäre und dennoch das Schwerste: Einfach zu sein.«

Urd sang ein langes Lied voll Weisheit und Hjalfdar war, als seien ihre Worte, die sie aus Erdas Munde brachte, erfüllt von besonderer Schwere.

Er verstand sie, er erlebte sie, er wußte, daß sie die Wahrheit wa-ren aus dem Erleben des Wesenhaften, das größte und wichtigste Gesetz alles Wesenhaften, und daß das Wesenhafte so glücklich war, weil es dieses Gesetz erfüllte. Warum Erda es ihm, dem Men-schengeist, so eindringlich anbefahl?

Weil es der Sinn alles Lebens war und weil er große Verantwor-tung trug in dem dauernden Wachsen des Sichbewußtwerdens. Mütterlich weise hütend war Erda, und Urd war es zu danken, daß sie also sang.

Als Hjalfdars Geist nun an dem Ufer stand, erblickte er die schö-ne Urd in den Wellen. Voll Freude sah er ihrem Bewegen zu und gewahrte die strahlenden Fäden, die sich durch sie und alles We-senhafte spannen.

In mächtigen, unermeßlichen, von Zeit und Raum völlig freien Kraftfeldern schien er plötzlich zu stehen. Kräfte bewegender Art wurden ihm bewußt, deren Ursprung und Wirkung ihm aber noch ferne lagen. Ströme von Farben und Tönen umgaben diese Kraft-felder und brachten ihrerseits wieder ein gewaltiges Schwingen in Bewegung. Alles wirkte aus dem Geist ins Irdische, durch langsame Übermittelung aus dem geistig Wesenhaften ins Wesenhafte und Feinstoffiiche. Er hatte es im Erkennen, im Erfühlen, aber er fand keinen Namen dafür.

Ein Geist war ihm von oben genaht. Sein Farbenstrom, seine Kraft, seine Bewegung schwang um ihn, in ihm und gab Verbin-dung, streute den Samen aus:

»Ahura - Masda – Amesha.« -

Hjalfdars Geist wanderte auf der Höhe. Er, der so gut die Natur in all ihren abwechselnden Zuständen und Launen zu kennen wähnte, erlebte das Weben in und über ihr mit völlig neuem Verstehen. Er gewahrte die wirkenden Ströme der Kraft in ihr, die sich in Bewe-gung und Strahlung umbildeten und ging durch eine Welt für sich. In diesen nahezu unnennbaren Kräften, eigentlich über ihnen, stand ein blendender, hoher Geist.

Er war vermittelnd spendend. Die Kraft strömte in einer Fülle ge-heimnisvoll anmutender Farbentöne und Klänge um ihn, aus ihm sel-ber fließend. Sein Haupt war weiß, sein Auge wechselnd. Bald blau wie der tiefe See, dann wieder fast schwarzgrün oder zuweilen dunkelgrau. Voll Ausdruck und Feuer war das Auge. Man konnte diesen Aus-druck nicht als Liebe bezeichnen, er war hierfür zu zwingend, herr-schend, fordernd. Aber es war trotzdem überragende Güte dabei, die alle Gaben Lichtvaters erkennend spendefreudig weiterströmt. Ge-heimnisvoll schweigende Macht war auch in dem Auge, das weise die tiefsten Geheimnisse der Schöpfung kennt und zu nutzen versteht. Eiserne Schweigsamkeit lag über dem Angesicht, priesterlicher

Ernst und Würde. Hjalfdars Geist war in die Anschauung dieses Geistes so versunken, daß er des mächtigen Bewegens kaum ge-wahr wurde, das er da gleichzeitig aus seiner Nähe aufnahm. Ihm wurde nur bewußt, daß nicht nur die machtvoll kraftspendenden Ströme es waren, die ihn durchflossen, sondern auch noch eine nie gekannte Anziehung ihm fühlbar wurde.

Er erlebte das Bewegen des Hohen als einen ihn durchfluten-den Kreislauf, der ihn mächtig anregte und gleichzeitig in Klarheit führte. Aus seinem Haupte, das ihm zuweilen kahl erschien, sprüh-te die Ausstrahlung dieses Geistes in wunderbar abwechselndem farbigem Flammen, das wie ein hoher Kopfschmuck wirkte. Er war ihm unverständlich, fremd und fern, wie noch keiner der Lichten, die ihm genaht. Eine Art Bangen hielt ihn zurück.

»Wie soll ich solche fremde, Menschengeist beeindruckende Grö-ße erkennen, erleben, erfassen? Nahe der Natur, ja, sie durchpul-send und durchflammend, weiß ich Dich und doch stehst Du an der Grenze des menschlich Erfaßbaren!«

Hjalfdar mußte hier seine Grenze erkennen lernen. Das war es auch nur, was ihm ungewohnte Kämpfe bereitete.

In wundervollem Farbenkreisen zeigte sich ihm die hohe Gestalt des Dieners des weisen Herrn, der nach oben zu verbunden war mit Strömen aus einem Hjalfdar bisher noch unbekannten, strah-lend weißen Stein, in dessen Lichtbrechungen oder Strahlenbewe-gungen sich Grundgesetze bargen und zeigten.

Es war da das Kreuz, das Trigon nach oben und nach unten, sowie der Stern, und ein wenig sich schließender und neu erstehender Kreis umfing das Ganze zum wunderbarsten Kristall.

Als Hjalfdar den Ursprung des Geistes und dessen Kraftquell sah, warf er sich auf die Knie.

»Nun weiß ich, daß Du einer der Höchsten aus Lichtvaters Reich sein mußt«, sagte er in Demut. »Ich erkenne, wie hoch und wie ferne Du uns Menschengeistern bist!«

»Höher denn ich sind noch viele Geister, die um des Urlichtes Thron wirken. Ich stehe mit im Kreise um das Heilige Gefäß der Kraft.«

»Wenn Du Dich neigst, Du hoher Weiser, dann willst Du große Hilfe spenden auf höheres Geheiß. Darum sage ich Dir: Unweise bin ich, aber im Wollen treu! Alle die Verbindenden sind mir hold, und ich will in Demut mich öffnen, daß ich der hohen Gnade würdig sei.«

»Ich werde Euch die Urgründe des Tempels weisen, der aufgebaut sein soll nach dem Gesetz der Kraft. Hier auf Erden wie im Lichte sollen dieselben Ströme verbindend wirken zur Auslösung aller gottgewollten Gesetze.«

Hjalfdar verstand keines der geheimnisvollen Worte. Aber der Segen, die Fülle der Hilfe, die jener Hohe ausstrahlte, wurden ihm dankbar immer bewußter. Er hob seine Hände und dankte Licht-vater, während die gewaltige Erscheinung des Ahura entschwand.

Die strahlende Sonne dieses hohen Geistes brannte noch lange in Hjalfdar, bevor er seinen Geist wieder im Erdenkörper fand. Der Tag graute, als er in tiefen, irdischen Schlaf versank nach geistig so wacher Nacht.

 

Als die Mannen Hjalfdars ihre Zelte verließen, pfiff ein feiner, singender Morgenwind über die Höhe. Die drückende Atmosphä-re des Abends hatte einer reinen Morgenfrische Platz gemacht, die alle Dämpfe und Dünste aus dem Drachenmoos hinabdrängte und dort zusammenballte, so, daß sie die Augen kaum zu durchdringen vermochten. Die Brandung tönte und sang wie seit langen Zeiten, als hätte sich in den Tiefen der Erde nichts geändert. Ein leises Rol-len und Grollen nur fiel den Menschen auf.

»Hört«, sprach der Jäger, »mir ist, als ob sich der Ton im Innern der Erde steigerte. Langhin zieht sich das Rollen und ich sehe, daß drüben die Riesen auf dem weißen Berge am Werke sind. Wir müs-sen es Hjalfdar melden.«

Hjalfdar trat unter sie und sprach:

»Ich höre wohl, was Euch beschäftigt und fühle, daß Ihr das Wirken der Wesenhaften gleich mir wahrnehmet. Von Urd aus Erdas Weis-heit ist mir bekannt, daß große Umwandlung der Erde bevorsteht.

Diese auserwählte Höhe aber, darauf der Geist Lichtvaters seine Kraft sendet zum Gedeihen alles Geschaffenen, wird unberührt bleiben. Verbindung werden wir schließen mit den Riesen, die uns in Liebe helfend zur Seite stehen und uns ihre gewaltigen Kräfte leihen. Heute ist die Zeit gekommen, daß ich es wage, mei-ne Wünsche und Rufe an diese fernen mir noch fremden Wesen-haften zu richten. Reine Wollensfäden der Harmonie schwingen schon hin zu ihnen. Einet Ihr alle Euer Wünschen mit dem mei-nen in Liebe und Dankbarkeit für diese starken uns so nötigen Helfer!«

 

Es vergingen keine breiten Schattenspannen an dem weißen Bo-den vor den Felsen, bis Antwort kam von drüben, wo die Riesen wirkten. Es war, als ginge ihr schwerer Schritt den Berg hinab und überquere mit gewaltigem Schwung die Schlucht zu ihren Füßen.

Mit keinem Wesenhaften aber erschien Hjalfdar die Verbindung so schwer, als mit diesen Riesen, aber nicht etwa, weil er ihnen nicht genug Liebe oder Vertrauen entgegengebracht hätte, sondern es war da etwas Artfernes, das er nicht schildern konnte.

Doch als sich das Haupt des ersten Riesen am Rande der Höhe zeigte, als die gewaltige Gestalt mit einem Schwung sich emporhob und zugleich auf dem Rasen niederließ, um den Menschen etwas näher zu sein, da floß eine Kraft der Bewegung durch Hjalfdar, die dem Riesen etwas zu geben vermochte. Und Hjalfdar hob an zu reden:

»Wir sind alle Geschöpfe Lichtvaters, dem wir freudig danken. Wir sind verschieden in unserer Art, in unserem Wirken, uns kann nur Eines verschmelzen, die Liebe zu ihm, der uns das Leben spendet!

Jeder dient ihm auf seine Weise. Im Zusammenschluß allein er-füllen wir das Ganze. Uns bringt heilige Hilfe von oben einen gro-ßen Auftrag unseres Herrn: wir sollen ihm auf Erden seine lichte Burg bauen.

Dazu aber bedarf es der Mithilfe aller Geschöpfe, die die Früchte der Erde zu seinem Glanz zu verwerten vermögen. Von Euch er-bitten wir Eure Klugheit und Kraft. Ihr könnet Raum und Zeit und Dimension überwinden, denen wir mit unseren dichteren Körpern unterworfen sind. Darum bitten wir Euch um Eure Hilfe.«

Die Luft begann zu schwingen, als die machtvolle Stimme des Riesen ertönte:

»Hjalfdar, Njödirs Sohn, von dem Du nicht weißt, höre unsere Antwort. Du sollst, aus lichtem Lande kommend, dem Geistkeim Stammvater sein! Leitender, Führender und Helfer, um ihm einzu-pflanzen die Erinnerung an die Gärten seines Ursprungs, um auch ihm zu geben das Wissen von der Bestimmung seiner Entwicke-lung und die Hoffnung, einst rückkehren zu dürfen in die lichten Reiche Gottes!

Wir alle kennen Deine Flamme, die herabsank in den Stoff zur Vollendung einer Erfkein Geschaffener auf der Erde ist außer Dir! Wir sind bald da, bald dort, wo uns der Wille Merkurs hinsendet.

Njördhrs Gebot brachte uns die Kunde aus des großen Urgeistes Ruf. Nun sind wir seit langem, da Eurer Menschen Schar noch an den flammenden Wassern weilte, hier in dem weißen Gestein und bereiten Euch treu den Empfang. So haben es die Lichten geführt. Neun sind wir, eine stattliche Zahl, die ihre Kräfte regend die Berge versetzen kann. Lerne uns kennen.

Uru, der Alte, redet zu Dir. Jusu, der Weise, folget ihm nach. Hati, der Starke, bietet Dir Hilfe. Mani, der Wilde, bietet Dir Schutz. Eins ist unser Sinn und ausgleichend geben wir Liebe um Liebe, Treue um Treue, Vertrauen um Vertrauen! Nichts schwingt in Lichtvaters heiligem Schöpfungswerk, das die Gesetze der Gerechtigkeit umzu-stoßen vermöchte. Darum ist Friede in der Schöpfung zwischen al-lem Geschaffenen. Deshalb fürchtet sich auch keiner vor der Kraft; denn Weisheit, Liebe, Vertrauen und Treue sind einmütig bei ihr.

Und nun laßt uns zu gemeinsamem Schaffen schreiten. Es wird gut sein, wenn Du die Fülle schimmernd weißen Gesteins erst schauest, die wir dort zurichten. Schwinge Dich, Hjalfdar, auf mei-ne Schulter. Ich trage Dich über die Schlucht!«

Hjalfdar wußte, daß es das Gesetz der Riesen vorschrieb, Ver-trauen für Vertrauen zu geben. Hätte er sich dem mächtigen Arme Urus entzogen, so hätte er die Fäden der liebenden Bin-dungen zerrissen. Die Folgen wären dann sicher schwer auf ihn gefallen. So nahm er geistig Abschied von den Seinen und ging, gestützt von wesenhafter Kraft, über die Schlucht dem Fels der Riesen zu.

Ihm war, als fühlte er keinen Körper mehr, als ihn die starken Kräfte des Uru trugen. Aber er fühlte auch nicht den Körper des Uru, sondern nur seine hebende Kraft. Sehen aber konnte er ihn, dessen große Gestalt von den Gründen der Schlucht bis an den Rand des Lichtberges reichte. Mit wenig Schritten hatten sie den Gipfel des hohen Rückens erreicht.

Wenn Hjalfdar gemeint hatte, das Wesenhafte zu kennen, so wur-de er nun völlig überrascht; denn als er sich auf den Armen des Rie-sen fühlte und umherblickte, erschien ihm die ganze Umwelt völlig verändert. Er vermochte die großen, dichten Steine, welche sich an dem Hang türmten, eigenartig zu durchschauen. Sie waren nicht mehr wie Stoff, aber es war auch nicht das Feinstoffiiche, das er bisher kannte und das um sie wob, ebensowenig ihre Ausstrahlung. Er fühlte sich selbst wie fließend Wasser, wie wehender Wind, leicht und kühl durchlässig und selbst durchdringend. Dabei begann er eine neuartige Kraft zu empfinden, die vielleicht verzehnfacht den Riesen zu eigen war.

Sie war anders wie Menschenkraft. Dies alles erlebte er stark und lebendig. Aber darüber nachzusinnen vermochte er nicht, so nach-zusinnen, wie er es gewohnt war. Eine unbeschreibliche Freude, Klarheit und Schwungkraft erfüllte ihn, und mit diesen Fähigkei-ten, die verfeinert, verstärkt und verinnerlicht waren im Vergleich zu menschlichem Fühlen und Denken, nahm er die unermeßlich reiche Umgebung in sich auf.

»Wir leben in Daseinsfreude, wir alle, wir Webenden, Schwin-genden!«

Es war Hjalfdar, als träte er durch Netze von wunderfeinem Ge-spinst aus schimmerndsten, strahlendsten Farben. Und alle diese Farbenströme wurden dauernd frischer, lebendiger, strahlender. Es rieselte in ihnen die Kraft des Lebens wie sprudelnder Wein, und diese Strahlungsfülle der dauernd nährenden Farbenfrische und Leuchtkraft war immer wieder frisch, neu, sich ewig gleich. Jauchzend nahmen die Strahlungsformen, welche wie Blumen und Tiere das All durchdrangen, diese Nahrungs- und Belebungs-ströme auf.

Ein Jubelklang wie Glockenton schwang singend, leuchtend, leise klingend durch sie hindurch. Hjalfdar trank die Schönheit in sich, selbst jubelnd im Sein. Nun wußte er, was dies war!

Längst standen sie auf höchsten, weißschimmernden Bergesrük-ken, umringt von den großen Genossen Urus, die mit derbem Hän-deschütteln Hjalfdar Gruß boten.

Er blickte hinauf zu ihnen und dennoch fühlte er sich im selben Augenblicke ebenfalls so hoch wie ein Turm und konnte ihnen in die Augen schauen.

»Ja, Dein wesenhafter und geistiger Kern ist bei uns! Siehe, wie Du unbeschwert durch die Schöpfung wandelst. Siehe über die Welten, siehe das Treiben alles Stoffes, siehe hinab, wie dort auf der Höhe Deine Genossen umherkrabbeln in großer Geschäftigkeit und wie Dein eigener Erdenkörper unterdessen ruht. Sie arbeiten, sie bau-en, wir aber wollen jetzt das Euch Unmögliche dazu tun, auf daß es vollkommen werde in unseres Gottes wundervoller irdischer Welt. Vollkommen an Schönheit und Macht, die der Menschengeist nüt-zen darf nach dem Gesetz. Wir alle helfen in anbetendem, jauch-zendem Dank zur Ehre Gottes!

Es schwingt im All ja das große heilige Gesetz seiner Liebe und Gerechtigkeit, die eins sind. Dieses ist es, was wir fühlen, was ge-meinsam in uns allen strömend webt, Liebe und Gerechtigkeit, der Heilige Wille Gottes!«

Hjalfdar war wie berauscht. Er wußte nicht, was dies Wort der we-senhaften Riesen in ihm an Lebensstrom ausgelöst hatte, sondern fühlte nur ein Bewegen, ein Erkennen, ein Beschenktsein und hörte das erstemal das Wort »Gott«. Er wußte sogleich, daß es Lichtvater war, der diesen Namen trug. Ihm war, als könne er ihn nie sagen, ohne anbetend sich in den Staub zu werfen.

Wie eine Krone überragten die Riesen alle Wesenheit, die da den Berg durchwob. Wie in einem schimmernden Kuppelpalast von Kristallklarheit wölbte sich ihr leuchtendes Dienen und Wollen, ihr Fleiß, ihre Liebe über ihrem Berge.

»Sieh, Hjalfdar, wie wir dort unten schon bereitet haben, was in wenig Tagen zum Ausbruch kommen wird. Siehe die Herrlichkeit der Elemente, wie sie sich kaum noch zurückdämmen läßt in ver-haltener Durchflammungslust!«

Durchsichtig, wie ein klarer Stern, schien der Fels, weiß, fein und weich, als wäre es seifiges Gestein. Große, nicht allzu dichte Platten waren ganz gleichmäßig und wunderfein geformt.

»Siehe, so verarbeiten wir den Stoff mit unserer wesenhaften Kraft, und so vermögen wir ihn zu heben, zu legen, zu begründen, einzurammen in den Urgrund seiner Gleichart, um ihn zu verbin-den mit wesenhafter Kraft, daß er nimmer zu zerbröckeln vermag, wenn es nicht wieder wesenhafter Wille tut, getrieben von dem Willen Gottes. Denn nur Gottes Wille gibt uns die Kraft, daß wir in ihm tun, was heiliges Gesetz erfüllt!

Siehe hin zum Berge. Wenn die Menschengeister im Osten ihre Zelte bauen und die Siedlung für Vieh und Volk dort begründet ist, dann beginnt unsere Arbeit am westlichen Hang. Denn wir arbei-ten allein, wenigstens zuerst. Wenn dann der Urgrund geschaffen ist, wird Dich, Hjalfdar, hohe Führung anfassen, ich sehe schon die Lichtströme Dir nahen!

Du wirst dann wissen, wer es ist, der Dir den Bau befiehlt, und wirst es wissen, wie er sein wird. Du bist der Angebende, wir die Ausführenden, doch wohl auch mit Hilfe stoffiicher Menschen-kraft. Wir müssen uns verbinden, im Zusammenschluß mit freudi-gem Wollen für das Licht der Welt liegt unser aller Heil!

Siehe auch nach der anderen Seite, wo die Drachen ihre Dünste em-porspeien, wo schwefelig der Grund und an dem Gestein sich schim-mernde Kristalle sammeln, kupferig, bläulich und grünlich. Das sind die Urgründe zu köstlichen Metallen, die Ihr Menschen dereinst zu Waffen und Schmuck schmieden werdet. Wenn wir das Haus rühm-lich gefügt und in die weißschimmernden Mauern heilige Worte in Gold darein gefügt, wollen wir diesen feinen Metallglimmer zu Köst-lichkeiten schmelzen und klopfen, nach dem Wissen der erdigen Wesenhaften, die Ihr dann kennen lernt, wenn Ihr sie brauchet.

Schätze liegen auf dem Grunde ursprünglichen Gedeihens noch in dem Schoß des Zukünftigen!«

Und es war, als erschlössen sich bei dem Worte Urus Tiefen vor Hjalfdars Auge: gewölbte, leuchtende Schlünde gähnten aus dem Urgrunde der Erde, erfüllt mit brodelndem Feuer von allerhand Farben. Grün, blau, violett, rötlichkupfern.

Schwimmende flüssige Erze, überzogen von glimmernden feinen Häutchen, die hier und da schon in Verdichtung sich ansetzten.

Lieblich spinnende wirkende Fäden arbeiteten spiegelnde Bilder, die aus dem Wollen der Lichten hinabflossen und von dem kleinen kribbelnden, krabbelnden Erdvölkchen unten empfangen wurden. Ein Klingen und Schwingen wie feinstes Metall, klirrendes Häm-mern kam herangetönt.

Mit einem Male hatte Hjalfdar fast vergessen, daß er auf der rei-nen Höhe im Kreise der Riesen stand, die nicht in den Klüften und Schluchten unter den Dichten der Erde im Reich der wesenhaften Zwerge am glühenden Kupfer, an Gold und Erz selbst mitarbeite-ten. Wie lebendig wirkte doch die Kraft der vorauswebenden, we-senhaften Bildungen auf den Geist!

 

Das geschäftige Treiben der Erdgnomen zog ihn förmlich in einen Bann rastlosen Bewegenwollens. Überall zu sein war sein Wunsch. Und siehe, er war mit seiner Wahrnehmung, alles lebendig erfas-send, hier wie dort!

Während Hjalfdar die Fülle der Schönheit genoß, die bildende Wünsche formten, bevor sie dem Stoff anheimgegeben waren, hat-te sich die freudig sonnige Landschaft stark verändert. Ein eisiges Grau hatte den Himmel wie eine dunkle Decke überspannt. Über den Tiefen, darin die Elemente und wesenhaften Helfer ihre Werk-stätten bereiteten, brodelten unheimlich die Sümpfe, es hoben sich die kleinen Hügel und aus den Rauchsäulen brachen kochende Wasserstrahlen.

Da gerieten die Drachenkörper, die dicken, behäbigen Leiber der Echsen und die schweren, plumpen Schlammrosse in Bewegung. In wilden Windungen der gewaltigen, totbringenden Schweife schlugen sie peitschend den Sumpf, in kurzer Zeit alles Kraut und Gestrüpp zermalmend. Dämpfe auf Dämpfe stiegen an die steilen Hänge des Weißen Berges und strichen an ihm entlang.

Wind begann drohend zu heulen, eine Meute von rasenden, springenden Elementargeistern sauste in seinen Luftströmen da-her. Sie wirbelten tanzend und johlend umeinander wie Blätter im Herbststurme, aber dann stoben sie weiter, und immer größere, wildere Gesellen pfiffen mit aufgeblasenen Backen über die Höhe. Heiß und trocken war der Wind, der zum Sturm wurde, giftig gelb die Dämpfe, welche nun in furchtbarem Druck mit Donnergetöse aus der Erde quollen.

Gelb wurde die Luft, gelb der Sumpf, gelb das Erdreich und gelb der Himmel, durch zerrissene Wolkenfetzen heulte ein Orkan, der die Winde in Wirbeln dahertrieb. In der Ferne barsten die Wälder, daß das Krachen, vom Sturm herangetrieben, zu hören war, ein Zit-tern bemächtigte sich alles Festen.

Die weißen, kreidigseifigen, spiegelglatten Flächen der obersten Bergschicht erhielten plötzlich Risse und Spalten, es war, als dröh-ne das riesige Massiv inwendig, obwohl sich an der äußeren Form nichts weiter verschob.

Hjalfdar sah, auch den Stoff der Dämpfe zu durchdringen befä-higt, auf seine Gefährten hinab, die nahe des Sees mit dem Bauen eines Lagers beschäftigt waren. Wie erstarrt schauten diese in den Strudel gelben Wolkengetöses, das stickend dem Berge eine Haube aufzusetzen drohte.

»Wenn es allzu furchtbar wird und Ihr meinet, nicht mehr atmen zu können, dann verbindet Euch mit den Lichten und tauchet in die Fluten des Sees! Ruft Urd, das Meerweib, daß sie Euch halte, und nehmet alle Kraft des Willens zusammen. Ruft sie, in Hjalfdars Auftrag, dann wird sie sogleich erscheinen!«

Sie blickten sich um. Woher war denn Hjalfdars Stimme herabge-drungen, dessen Körper so todmüde wie schlafend im Zelte lag? Sie blickten sich fragend an. Der Riese hatte ihn so sehr bewegt, von da an war Hjalfdar wie ein leerer Krug, wie eine hohle Frucht am Ran-de des Abhanges gelegen und sie hatten ihn in das Zelt geschleppt.

»Wäre doch Holda hier, sie wüßte Rat! Und nun der Sturm, wir können doch Hjalfdar nicht dem dampfenden Schwefel der Tiefe preisgeben!«

»Tuet wie ich Euch befahl und fürchtet Euch nicht, ich bin ge-schützt!«

Wieder klang die Stimme Hjalfdars so nah, so bekannt und doch so ferne und nun sahen sie gar seine Gestalt. Neben ihm den Riesen Uru und dessen kraftvollen Arm.

»Der Berg Lichtvaters ist heilig allen Geschöpfen Gottes, die in seinem ewigen Willen leben, also fürchtet Euch nicht.«

Zuckend fuhren rote Lichter durch das Gelb der Dünste. Unten begannen Feuer aus den kleinen, vorher wassersprudelnden Hü-geln zu quellen. Sie fuhren gar nicht hoch empor; denn sie waren dickflüssig. Moosig und schwefelhaltig, faulig rochen die Wasser, die die tiefer gelegenen Strecken plötzlich erfüllten.

Da brach qualvolles Röcheln und Stöhnen durch die Dämpfe bis empor auf die Höhe. Fettig und verkohlt rochen die Dünste, bei-zend wurde der Rauch. Aber die Männer hatten Hjalfdars Rat be-folgt und ihre Zuflucht in den Fluten des Sees gesucht, der hohe Wogen warf.

Das Seeweib saß auf einer weißen Klippe, umgeben von den Rob-ben, die hin und wieder sprangen und laut bellten. Sie sang ein Lied, das sich in Rhythmus und Sprache völlig dem Sausen und Brausen der Wasser einschmiegte.

 

Dunkel waren die Wellen, grellgelb der Himmel, durchzuckt von Blitzen, durchrast vom Gebrüll des Donners. Zitterte die Erde? Kra-chend stürzten die Wände der Felsengründe am Riesenberg und bau-ten eine weite, plattenüberschüttete Ebene, weißschimmernd wie ein Totenhemd, über Glut und Flut, Wasserdampf und fettigen Sumpf.

Die Riesen hatten sich, Hjalfdar umschließend, völlig dem Bewe-gen der Katastrophe angepaßt. Sie waren auslösend und fördernd, völlig mitschwingend im Gefolge der Elemente, die sie unterstütz-ten. Nun setzten sie ihre Arbeitskraft neuerdings ein.

Die grausigen Tiere im Grund hatten ein feurig Grab gefunden, der weiße Riesenberg hatte es zugedeckt. Wie ein mächtiger Block lag er flach hingestreckt über den dereinstigen Sümpfen und reichte bis ans Meer. Das Meer aber ging in hohen Wogen, die weit und lang, brau-send tief hineinspülten in die lange, weite, kalkweiße Bucht, über der schwer und trostlos gelbe flammende Wolken drückten.

Oben auf dem Berge Lichtvaters aber flammte ein Regenbogen und Hjalfdars Horn rief zu den Gefährten:

»Ich komme heim!«

Bei diesem schmetternden Ton, der durch die plötzliche, ge-heimnisvoll aufatmende Stille der müde getobten Elemente wie ein Lichtstrahl sonnig klang, regte es sich wieder allerorts.

Tier und Pflanze hatten sich verkrochen und geduckt und der Mensch war in das klare Element der Urd geflüchtet. Stille anhal-tenden Atems war dem furchtbaren Getöse der Wasser, Feuer, Stür-me und Steinlawinen gefolgt. Eine Stille, die heiligen Trost Lichtva-ters an die Natur ausatmete:

»Seid gesegnet und getröstet alle, die eines guten, reinen Willens sind.«

Nun wagten sie wieder die Köpfe zu heben. Die dichten, tief her-abhängenden Nebel, die noch erfüllt waren von dem Qualm der Sümpfe, wurden durch eine kühle Brise vom Meere her überra-schend schnell zerteilt. Hier und dort drückte sie die reine Bewe-gung der oberen Strömungen hinab und unten blieben sie noch eine Weile lagern.

Über dem Lichtberge aber kam schon das Blau des Himmels aus den zischenden Wolken hervor, und aus Westen brachen noch ein-zelne Sonnenstrahlen hindurch. Die Blumen freuten sich, Käfer und Würmer und schneckenhafte Weichtiere bevölkerten wie her-vorgezaubert in Massen den Strand und die feuchten Wiesen.

Die schweren Regenströme waren nur über der Höhe herabge-gangen. Sie hatten die Wesenhaften zur Rettung gespendet für Tier-und Pflanzenwelt, während die feurigen Schwefeldämpfe ihren Hö-hepunkt erreicht hatten und die Stürme in wildem Rasen die Feuer und Schwefel nach Süden fegten.

Dort waren die Wälder in Flammen aufgegangen. Die mächtigen Flugdrachen, die Störer und Schrecken der Tier- und Pflanzenwelt, hatten bei ansteigender Gefahr ihre Höhlen und Waldnester ver-lassen und sich nach Süden gewendet, den Wäldern, den Sümpfen, den weiten, sandigen Gebirgen zu. Den bisherigen Aufenthalt lie-ßen sie in stummem, flachem, mürrischem Fluge hinter sich.

Sie waren vertrieben. Sie fühlten den Zwang der Elemente, das Wollen der Riesen und eine Art Groll fraß in ihnen, der ihre hei-ße grimme Kampflust, die sie immer in sich hatten, schürte. Viele aber von ihnen, zumeist Weibchen, trennten sich nicht von ihren Nestern, ihrer Jungen wegen. Diese fielen den Dämpfen zum Opfer, noch ehe die Flammen den Wald ergriffen. Einige besonders kluge und starke Drachen flohen mit ihrer Familie, indem sie die Jungen trugen.

Dieser Auszug der Drachen wurde von Hjalfdar auch beobachtet. Die Riesen freuten sich dessen besonders, sie liebten die Drachen nicht. Noch eine große Menge von Riesen hatten sie zu diesem Kampf in der Natur herangezogen. Wie eine Mauer hatten sie den Berg geschützt und die Regen herangerufen.

Hjalfdar war tief ergriffen. Lichtvater hatte ihn einblicken lassen in die heiligen Werkstätten seiner Schöpfung. Die in weiser Vorse-hung selbsttätig arbeiten nach dem Strom seines heiligen Gesetzes der Gerechtigkeit.

Auch die. Menschen tauchten wieder aus dem See, der sie zeitweise mit seinen hohen Wogen vor den schlimmsten Dämpfen und den schwersten Stößen der Erde schützend umhüllt hatte. In dankbarem Verwundern priesen sie die Fürsorge und Treue der Urd, die sie vor jeder Gefahr warnte. Müde und naß entstiegen sie den Fluten.

Ihr Erstes war, Hjalfdar, der frisch und gekräftigt, wie von langem Schlaf erwacht vor ihnen stand, jubelnd und erzählend zu begrüßen. Sie zeigten ihm nicht die Sorge, die der Schlaf seines Körpers in ihnen erweckt hatte, sie erzählten ihm nur in großer Erregtheit alle Begebenheiten dieser Stunden, die Tag und Nacht und noch einen Tag gedauert hatten.

Hjalfdar staunte, ihm war die Zeit nicht bewußt gewesen. An ihm war in dem großen Erleben im Kreise der Riesen diese furchtba-re umstürzende Naturbegebenheit wie ein großes Meisterwerk der Wesenhaften gleich einem Traum vorbeigezogen. Er wußte selbst noch nicht, was er durch diese enge Vereinigung mit den Riesen erworben hatte. Ihm war alles so selbstverständlich, einfach und natürlich. Darum war er aber nicht weniger dankbar. Im Gegenteil. Ihm war, als wäre ihm wieder eine Binde von dem erkennenden Auge gezogen und er sah die Liebe des Schöpfers in noch stärkerem Leuchten.

Er erinnerte sich nun bewußt mancher Begebenheiten. So auch der Erscheinung des Ahura-Masda-Amesha. Er verstand den ver-bindenden Einfluß von dessen reingeistiger Kraft mit der urge-schaffen wesenhaften Kraft des Merkur, dem diese seine Freunde alle dienten. Die Weisheit der Benutzung aller Kräfte im Dienste Lichtvaters, das war die heilige Weisheit des großen Dieners des weisen Herrn.

Voll Ehrfurcht beugte er sich ihr, wohl wissend, daß seine Geist-flamme nur aus höchster Gnade an diesem Quell der Wahrheit bescheiden nippen durfte, im reinsten Priesterdienst des höchsten Gottes, der in Wahrheit der Einzige ist.

Nun aber mußte auch dem Rechte des Körpers Rechnung getra-gen werden. An dem schnell entfachten Feuer begann ein emsiges Arbeiten, bald lagerten sie bei einem kraftvollen, rauhen Mahl, das Hjalfdar ihnen mit ein paar Worten segnete.

Schweigsam verzehrten sie es, und im Gegensatz zu sonstigen Abenden, da sie am Feuer noch ihre Tageserlebnisse besprachen, schliefen sie fest und tief schon nach kurzer Zeit.

Die Nacht strahlte ihre sanften Lichter auf den Berg, der wie ein weißstrahlender, breiter Sockel weit in die unendlich scheinenden Ebenen des verschütteten Drachenmooses hinausragte. Die Wälder in der südlichen Ferne glühten noch in dunklem Rot, kein Laut kam über die weiten Totenfelder. Die Riesen waren nicht zu sehen, das Meer allein sang seine tief dröhnenden ewigen Orgelakkorde wie ein Gebet empor zu Lichtvaters Heiligem Berge.

Der nächste Tag war noch nicht richtig angebrochen, da ließ sich Rollen, Heben und Schichten schwerer Steinmassen vernehmen. Alle Schläfer erwachten von dem Geräusch, das immer näher kam. Sie fuhren erschrocken in die Höhe und suchten nach dem Grunde dieser Störung. Hjalfdar aber gab ein Zeichen, daß sie sich ruhig verhalten möchten. Auf ihre Frage, was dieses Geräusch wohl be-zwecke, sagte er ihnen, daß es die Riesen hervorriefen, die schon an der Arbeit seien.

Da wollten die Mannen schleunigst hinaus und auch mit Hand anlegen. Hjalfdar aber wehrte es ihnen.

 

»Unsere Zeit ist noch nicht gekommen. Laßt sie erst allein den Grund legen. Sie wollen keine Hilfe. Ihre Arbeit können wir nie und nimmer vollbringen, aber wir können daraus sehen, wie nötig wir ihre Hilfe brauchen. Bereitet alles in uns und um uns, damit sie gerne kommen. An dem gemeinsamen Erbauen von Lichtvaters Haus müssen wir viel lernen, vor allem den Ausgleich aller Kräfte, die Ergänzung und den Zusammenschluß.

Nun laßt mich allein, gehet an den Bau der Hütten und der Hür-den für das Volk, und lasset auch die Riesen allein. Ich werde mich dem Geiste öffnen, der diese Nacht zu mir kam und zu mir sprach.« Als alle gegangen waren, ergriff Hjalfdar eine Platte weißen Stei-nes und einen scharfen spitzen Keil, den er sich selbst auf dem Berg der Riesen geschliffen hatte.

Mit diesem Keil ritzte er Strich um Strich in die Platte, nach ei-nem Bilde, das er klar und deutlich in seinem Innern trug.

Das Erste bildete ein Viereck, dessen Mauern gerade emporge-baut werden sollten. Ein flaches Dach sollte das quadratische Haus schließen, bis auf eine Stelle in seiner Mitte, durch die man nach innen hinabblicken konnte. Unten, gerade unter dem freien Mittel-punkte, sollte ein viereckiger Stein stehen. Dieser Stein wurde die Grundlage eines mächtigen, durchsichtigen Beckens. Sonst sollte nichts in dem weiten, hohen Raume sein, dessen oberste Enden schmale Licht- und Luftspalten umgaben.

 

Einfach, rein und groß stand das Bild des Bauwerkes in Hjalfdars Geist. Als er, da er es in den Stein geritzt hatte, auch seine Höhe und Breite gerne erfahren wollte, da hörte er die Stimme: »Nehmet zwölfmal die Höhe, zwölfmal die Breite, zwölfmal die Länge eines ausgewachsenen Mannes, dieses ist fürs erste genug. Steht erst der Bau, so werde ich Euch seinen Schmuck weisen.«

Goldenes Licht schien der weiße, fast durchscheinende, weiche Stein auszustrahlen. Es rührte von allerhand Figuren und Zeich-nungen, her, die plötzlich wie eingefügt in dem Steine strahlten. Hjalfdar konnte sich bei dem Anblick dieser Zeichen gar nichts vorstellen, aber sie waren ihm dennoch altbekannt und vertraut.

An der Decke des Raumes, die ebenfalls aus weißen Platten gefügt war, sollte um die Runde des Hohlraumes, der den freien Himmel sehen ließ, eine goldene Strahlensonne scheinen, mit vier verlän-gerten Ausstrahlungen, gleich einem Kreuze.

Als Hjalfdar das Bild dieser Decke sah, überfiel seine große Ge-stalt ein Beben. Weiß ward sein Angesicht, schmal und spitz, und seine Augen waren wie erloschen. Das Herz pochte in so gewaltigen Schlägen, daß Hjalfdar kaum zu atmen fähig war.

Er bebte und fror und kalter Schweiß bedeckte ihn, dann aber floß strömende, wärmende, durchleuchtende Kraft durch seinen Körper.

»Herr!« war sein einziges Wort, das er fand.

Die Ringe und Striche, welche Hjalfdar zeichnete, waren Strahlen aus Licht, sie sollten ihm Kraftsammlungen und Gesetzeserfüllun-gen anzeigen, welche durch den Bau im Stoff aus höchster Höhe in denselben hinabgetragen wurden.

»Dieses ist der Stein der Erkenntnis, der Stein der Weisen, das Bild des göttlichen Gesetzes in der Schöpfung. Siehe, Mensch, was der Geist Dich lehret, und halte, was Du hast; denn Ich bin!«

In Hjalfdar stürmte es. Erinnerung an irgendein Erleben schien in ihm zu dämmern, aber er wußte nicht, was er damit tun sollte. Ganz gegen seine sonstige Art war er zerstreut, unruhig und gedan-kenschwer. Jedes Glied schmerzte ihn, sein Kopf drohte zu sprin-gen. Jämmerlich pochte es in den Schläfen.

Voll Unmut schob er das Unbehagen von sich, aber es kam wieder. Kraft erfüllte ihn, die ihm zum erstenmal überwältigend erschien.

 

Dabei tobte die Freude über den Anblick des herrlichen Baues in seinem Geist. Er kannte sich nicht mehr.

Wo hatte er dies sonnengleiche Rad schon gesehen?

Er suchte, suchte in seinem Inneren und kam sich vor wie ein ru-heloser Wanderer durch das Reich all seiner Erfahrungen. Er fand keinen Ausweg, keinen Fingerzeig, keinen Helfer. Wo waren die Führer, die sonst, hoch und leuchtend, ihn berieten? Er suchte nach allen, aber es war, als wären die ihm bekannten Ströme strahlender Verbindung zurückgeblieben unter dem Lichtstrahl, der aus jenem Sonnenrade, aus den beiden sich kreuzenden Balken ihn traf, mit-ten in sein Ich hinein.

Ihm fielen wohl die Verheißungen hoher Führung zu dem Bau des Tempels ein. Wie anders, wie einfacher und wie gewaltiger wa-ren diese ihm nun gegeben, als er es zu ahnen vermocht hatte. Wie stets ging Hjalfdars Geist seinem Begreifen weit voraus. Er war so still, so andachtsvoll und tiefen Ernstes, als hätte Lichtvater zu ihm selbst gesprochen.

Und es rauschte, klang und sang über Hjalfdar, eine Schar herr-lich leuchtender Gestalten kam von oben und umringte ihn. Hei-lige Lichteskraft strömte mit ihnen in verstärkter Fülle heran, die Hjalfdar zur Aufnahme eines hohen Weistums bereitete. Es waren sieben leuchtende Träger der Flammen, aus Ameshas Nachfolge zum Helferdienst erkoren.

Im klingenden Chor strömten sie sieben leuchtende Farben auf Hjalfdar hinab, Farben wie die des Regenbogens. Mit ihnen klan-gen Laute, und aus diesen Schwingungen formten sich Begriffe. Hjalfdar nahm eine Tafel zur Hand und ritzte mit scharfem Keil die Laute ein, die sich ihm in goldenen Ziffern zeigten. So entstanden die ersten Runen.

Die Begriffe, welche er nicht durch Zeichen gegeben erhielt, deu-tete er in kleinen symbolischen Zeichnungen oder Bildern an.

Das alles behielt Hjalfdar aber vorerst streng geheim für sich. Er sprach zu keinem der Genossen, nur Holda sehnte er herbei, wohl wissend, daß sie ihn verstehen würde.

Im Osten des Berges wuchsen die Zelte schnell empor. Im Westen arbeiteten die Riesen still für sich, nur das Geräusch der mächtigen Steinplatten, die sie zu blendenden geordneten Haufen reihten, hörte man über die ganze Höhe. Nun war es Zeit, auch wieder die Verbindung mit den Kameraden aus dem Tale aufzunehmen. Hjalf-dars Horn rief hinab, und bald klang die Antwort zurück.

Die kleine Schar hatte inzwischen nicht gefeiert. Sie hatte Holz bereitet in großer Menge, um es auf kleineren Trägern und Schlit-ten durch die Tiere emporführen zu lassen. Auch hatten sie sich einen Weg gebahnt, denn sie konnten die schwerfälligen Rinder nicht auf den schmalen Wegen im Bachbette emporführen. Breiter und in weitem Bogen stieg er langsam durch den dichten Hang der östlichen Höhe zu. Weder Bären noch Waldmenschen hatten sich in der Niederung blicken lassen.

Stiller Friede war über das Tal gebreitet, schon sah man das Ge-deihen und Leuchten der Pflanzen in lieblicher Reinheit und Fülle des Urwaldes. Keine Riesenaffenfüße zertraten mehr die sich wei-tende Flur. Alles strebte dem sonnigen, jauchzend singenden Strö-men der Lichtelfen entgegen.

Die Riesen hatten gute Wacht gehalten. Es breitete sich das alte Nest der Menschenaffen in stillem Schatten und schien zu schlafen. Kein Drache war den Mauern nahe gekommen und in ihren Tie-fen ruhte das reine, kühle Gold, das bald zu Lichtvaters Haus die Zier schaffen sollte. Wenige nur vermochten sich eine Vorstellung zu machen, wie sie das Gold verarbeiten könnten, das da in feinem Schaum, zu großen Bergen gehäuft, in den Höhlen ruhte.

So zogen sie auf dem bereiteten Wege nach Hjalfdars Hornruf der Höhe zu. Freude und Frohsinn klang aus den hellen Liedern, die sie zur Ehre Lichtvaters sangen.

Alle überstandenen Schrecknisse waren vergessen, die sie in den Tagen der großen Erdumwälzung von ferne miterlebt. Manches Beben hatte den grünen Grund erschüttert, manche Mauer war geborsten und gesprungen und hatte noch manch tiefen verbor-genen Höhlengang geöffnet, der eine Fülle goldenen Metalles barg. In Sorge hatten sie der Freunde gedacht, da die Wasser brausend zu Tal stürzten und eine Überfülle der schweren Glimmerbrocken dröhnend mit sich führten.

Als sie nun langsam immer höher dem Hang entlang stiegen und die Stimmen der arbeitenden Genossen ihnen fröhlichen Gruß zurückriefen, da erfüllte sie gar große Seligkeit. Hjalfdar mit dreien der Ältesten ging ihnen entgegen.

Als sie seine hohe, leuchtende Gestalt über dem kurzen Knie-holz des Hanges aufleuchten sahen, als sein blondes Haar wie eine Strahlenkrone im Winde wehte, da brach ein gellender Jubel los. Ein hohes Freudenfeuer schlug seine lodernden Flammen empor in den tieblau strahlenden Himmel.

Im Kreis der Freunde hielten sie ein Mahl, das aus den Broten be-stand, die Holda aus Körnern zu gewinnen wußte. Fische hatte der See in Fülle dazu gespendet und, während sie im Kreise des frohen Mahles sich freuten, das Hjalfdar mit segnendem Spruch ihnen bot, sang Urd die berückende Mär von der großen Seeschlange, die aus den Tiefen des Meeres zum Berge tauchte, die Hjalfdar, der Held, bezwang.

Sie lauschten alle in dankbarem Entzücken und freuten sich, end-lich das Ziel ihrer Sehnsucht, Lichtvaters Berg, erreicht zu haben. Fest griffen sie mit an bei der Arbeit, die von Tag zu Tag mehr Kraft und Sorgfalt erforderte.

Nachdem die Ställe der Tiere gebaut waren, gingen sie an die Begründung der Menschenwohnungen. Mit dem heiligen Tempel Lichtvaters durften sie sich noch nicht befassen. Hjalfdar arbeitete auf seine Weise in Gedanken und mit seinem aufzeichnenden Sta-be, dabei war er eng mit den Riesen verbunden. Doch die anderen merkten nicht viel davon, er hatte ihnen verboten, dem Arbeits-grunde der Riesen zu nahen.

Ein lichter Kreis umgab den Grund, dessen Mauern in die Tiefe führ-ten. Wie mit dem Boden verwachsen stiegen die Mauern empor, weiß schimmernd erhoben sie sich schon. Ein weißer Stein lag in der Mit-te des Grundes, darauf war mit tiefen Strichen ein Kreuz gezeichnet. Dieses war der Grundstein des Tempels, den die Riesen gelegt hatten.

»Nun ist die Stunde da, Hjalfdar. Der Grund ist gelegt, nun kommt der Aubau!«

 

Jahre waren dahingegangen. Hell und strahlend erhob sich auf lichter Höhe der Tempel des Herrn. Zu seinen Füßen breitete sich weißes Land, auf dem die Tiere des Meeres in großen Zügen sich lagerten und der Ruhe pflegten.

Auf der westlichen Seite aber schlugen die Brandungen der See an die seit dem großen Beben vorgelagerten weißen Klippen, und im Nordwesten dehnte sich weites, grünes, von Wäldern, Tälern und Seen reiches, üppiges Land. Unabsehbar war die Weite, die sich von der heiligen Höhe aus da spannte. Ein flammend blauer Himmel wölbte sich darüber und von ihm zur Erde hinab spannen sich viel-artig wundersame Gespinste.

Friede, Fülle und Freude atmete die reiche Natur. Eine weite An-siedelung, die in Terrassen abwärtsführte, dehnte sich am östlichen Hang des Berges, und der Abfluß des tieblauen, jetzt von hohen Bäumen umgebenen Sees sprudelte in weißem Becken bis an den Rand der Höhe und ergoß sich von da in Wasserstürzen in das Tal des Silbersees. Dort war die ursprüngliche Siedlung noch erhalten und von einer Schar tüchtiger Hirten und Ackerleute bewohnt, die Früchte pflegten, weite Wiesen hegten und einen Teil der ebenen Feldflächen im Nord-Osten mit jenen Körnern besäeten, daraus die Menschen sich das Brot schufen.

Zu all ihren Arbeiten hatten sie die Hilfe der Wesenhaften in aus-giebigstem Maße. Diese leiteten sie zu immer neueren, praktischen Erfindungen an, die ihnen in der Arbeit sehr zustatten kamen.

Das kleine Volk der »Lichtsöhne«, wie sie sich nennen durften, hatte sich sehr vermehrt, besonders jene Klassen, welche in Feld-bau und Wirtschaft tätig waren. An dem Bach, der aus den Fluten des Lichtsees kam und ihnen ein heiliges Wasser war, in dem sie sich wuschen, wenn sie sich ganz frei machen wollten von allem irdischen Denken und Tun, an jenen Wassern hatten die Riesen mit der Menschen Zutun große Dämme, Mühlen und Krafttreiber erbaut. Hier wurde geschnitten, gesägt, gemahlen und gehämmert, und aus dem still raunenden Waldbach war ein Bach der Arbeit, des Fleißes geworden.

Weithin dröhnte das Hämmern und Sägen, das mehr ein Schlei-fen zu nennen war; denn es wurden da die weißen Steine bearbeitet. Geschickte Hände vermochten diese sogar zu drehen, so daß Scha-len und Schüsseln geformt wurden, sowie große, herrliche Becken zur Aufnahme der Wasser oder der festlichen Tempelflammen. Nur für heilige Zwecke aber durften diese Schalen geformt werden, und nur auf das Gebot der Lichten. Im Tal der Arbeit war es auch, wo das Gold geschmolzen und geformt wurde. Die Tempelplatten, welche nur auf Hjalfdars Wort gefertigt wurden und in seinem Beisein, wurden zuerst von ihm selbst mit den Schriften von oben versehen. Sie ritzten feine, sehr scharfe Keile ein, welche tiefe Furchen hinterließen, in die das flüs-sige Gold gegossen wurde. So hatten die Lichten es Hjalfdar selbst gelehrt.

Die Tempelplatten waren von wunderbarer Schönheit, sie schmückten die Innenwände des Heiligtums in einem breiten Bord im Viereck.

Das Schönste aber war die Decke des Tempels, welche ganz aus Gold zu sein erschien. Im innersten Kreise trug sie die Form der strahlenden Sonne, durch die der blaue Himmel lachte. Erreichte aber die Sonne die Zeit ihres Höchststandes, so schien die flam-mende Urheberin der irdischen Fruchtbarkeit gerade über diesem Sonnenrund der Decke und lachte mit vollem Gesicht tief in den heiligen Raum Lichtvaters hinab.

Es war dies nach dem damaligen Stand der Gestirne ein kosmi-scher Höhepunkt, der sich im unverbogenen Rhythmus göttlichen Gesetzes der heiligsten Schöpfungsstunde des Kreislaufes anschloß. Geistige und irdische Vorgänge deckten sich damals noch gleichzei-tig.

In der Goldschmiede arbeiteten nur einige dafür von den Lichten Benannte unter Hjalfdars Leitung. Sie war ein Teil des Heiligtumes und wurde von allen als die Stätte der Kunst geehrt.

Hell klangen daraus die singenden Stimmen der Söhne Hjalfdars, die zu dieser herrlichen Kunst begabt worden waren.

Das Haus der Andacht, das einst die Lichtsöhne als Erstes er-baut hatten, lag noch im selben Schmuck der üppigen Farnen und Palmen auf dem Hügel, nahe von Hjalfdars einstigem Hause. Nun wohnte dort der Vorsteher der Arbeitsgemeinschaft, der ein alter Gefährte Hjalfdars war. Würdig sahen die Alten aus, die Urväter des sich immer mehr ausbreitenden Stammes. »Ottmar der Bauer« hieß man den Alten, der rüstig und mächtig die Zügel führte im ganzen Flecken.

Das Haus des Ottmar hatte sich erweitert; denn die große Zahl der Kinder und der Knechte verlangte es. Immer mehr breiteten sich die Bauden zu Gehöften mit Wirtschaftsräumen, Scheunen und Stallungen für das kräftige Vieh. Die grauen kurzhaarigen, mit weitem Gehörn geschmückten Stiere und Kühe hatten sich am besten entwickelt, wenn sie auch mit der Zeit ganz ihre Rassenei-gentümlichkeit geändert hatten, seitdem Hjalfdar sie auf die Höhe verpflanzte, damit sie gesunden möchten.

Von Generation zu Generation waren sie größer und kräftiger geworden und ihr Kopf und der Hornschmuck wurde immer schö-ner. Die seidengrauen, glänzenden Felle mit kurzen Haaren trugen keine Makel. Auf der Mitte der Stirn aber hatten alle auf der Höhe gezüchteten Tiere einen weißen Stern.

Die Stiere waren von besonderer Kraft und Ausdauer. Sie trugen und zogen die schweren Schlitten, die das Holz aus dem Urwald heranbrachten.

Ein neues Tier hatte sich in den tiefer gelegenen Waldungen ein-gefunden. Diese dichten Urwälder, darin dereinst die Waldmen-schen ihre Vogelschlingen gelegt hatten, waren, seit die Gefahr der Wildmenschen und der Drachen beseitigt wurde, in schnellem Gedeihen angewachsen. Ihre Bevölkerung an Vögeln, kriechenden und kletternden Tieren hatte sehr zugenommen. Große, papageien-artige, schillernd bunte Tiere durcheilten die weiten Baumkronen. Hier und da ließen sich aber auch große Hirscharten blicken.

Als die Bauern nun eines Tages einen Streifzug durch die Wald-hügel machten, erblickten sie in der Ferne ein seltsam, nie geschau-tes Tier.

Blendend weiß war es, groß, mit schlanken, feinen Beinen in der Art der Hirsche, doch trug es zwischen den spitzen, nach oben ge-stellten Ohren kein Geweih, dafür aber ein einer Harpune ähnli-ches Horn an der Stirn, nur wenig über den Augen. Der Kopf, der auch Ähnlichkeit mit dem eines Hirsches hatte, wurde auf edelge-bogenem Halse getragen, der mit einer kurzen dichten Mähne ge-schmückt war.

Der Schweif trug lange weiße Haare und wurde immerzu als We-del gegen Insekten benutzt. Als die Männer sich der kleinen Lich-tung nahten, in der das Tier sich am nahen Wasser erfrischt hatte, sprang es in eiligen Sätzen davon. Schon lange hatte nichts mehr die Aufmerksamkeit der Männer so erregt, wie dieses unbekannte Tier.

 

Immer wieder lauerten sie im Verborgenen und hatten auch bald die Zeit und die Fährte in Erfahrung gebracht, die sie des Tieres habhaft werden lassen konnte.

Mit langen, geflochtenen Pflanzenfaserseilen machten sie sich auf den Weg und umgaben den Äseplatz mit einer großen Schlin-ge. Auf den hohen Bäumen stellten sie ihre Posten aus und harr-ten stundenlang des seltenen Tieres. Dieses war ausnehmend scheu, besonders flink und von großer Kraft. Im Zorn vermochte es Bäume zu entwurzeln und ließ nicht ab, einen Feind zu verfol-gen, bis es ihn mit seinem Horn durchbohren konnte. Das ver-mochten die Menschen von ihren Verstecken aus leicht zu beob-achten.

Meist kam es allein, zuweilen aber mit einem Weibchen, das zar-ter und unbehornt war und mehr das Aussehen einer Hirschkuh hatte. Doch hatte es sonderbare Füße, mit Zehen, die von einer starken Hornhaut schützend umwachsen waren.

»Da muß Hjalfdar kommen, wenn wir dies Tier erlegen wollen«, meinten sie nach langem, vergeblichem Bemühen, und das Horn des Führers blies zur Höhe die Kunde der Jagd.

Die Antwort kam sofort vom Berge. Jubelnd schmetterte das gol-dene Horn, das die Söhne Hjalfdar gegossen hatten, mit seinem leuchtenden Klang die Antwort.

»Ich komme!«

Kein Mensch wußte, wie, wann und woher dies sonderbare, wei-ße, wundersam scheue Tier gekommen war, das in eiligen Sätzen und munteren Sprüngen sich mit besonderer Freude im Monden-schein tummelte und fast immer allein war.

Die Weite und Ruhe der Wälder, die hohen Gräser mochten es wohl angezogen haben, aber die Menschen staunten, daß es trotz seiner Scheu das so lebhafte Tal des Fleißes immer wieder aufsuch-te.

 

Sie standen in dauernder Verbindung mit der heiligen Höhe. Es war stets ein reges Leben. Boten und Träger gingen auf und ab, und der Sohn des Höchstbauern hatte sogar einen Schlitten auf Rollen gebaut, den die kräftigen Stiere ziehen mußten. In diesem Schlitten, den sie den Rollschlitten nannten, führten sie die schönen, für den Tempel bereiteten Platten und die weißen Schalen zum Heiligen Haus empor.

Bald sollte es fertig sein, nach vielen Jahren der Mühe und des Fleißes. Alle freuten sich auf den Tag der Lichtspende, da Lichtvater sein Heiliges Haus auf Erden mit seiner Kraft und Gnade erfüllte, um darin zu wohnen.

Die ernsten, naturwüchsigen, aller Weichlichkeit fernen Men-schen überkam heilige Ehrfurcht und Scheu, wenn sie dieses Tages gedachten.

»Wir müssen uns dazu mit besonderer Sorgfalt bereiten«, spra-chen die Frauen untereinander und unterwiesen die Mägdlein im Kränzen, Winden und in den Künsten der bewegenden Anbetung. Das waren hauptsächlich Schritte und Beugungen in ruhigem, har-monischem Aubau, nach den Klängen ihrer selbst gesungenen Lieder.

Diese Lieder waren auf besondere Naturlaute gestimmt, sie schwangen so erschütternd im Verbinden der geistigen mit den we-senhaften Sphären, daß sich ihnen Wege nach oben öffneten, durch die die volle Kraft der Ströme des Lichtes in sie herniederbrausen konnte.

Holda und ihre Töchter verstanden es am besten, die Lichten hiermit zu ehren und ihnen taten es alle anderen Frauen nach, in-dem sie Holdas Hilfe und Führung erbaten.

Wenn sie beisammen saßen, ausruhend von dem Tagewerk, in der großen, von Säulen aus Holz getragenen Vorhalle in Hjalfdars Wohnhause, das viele Menschen zu bergen vermochte, dann gaben sie sich ihren Arbeiten der Finger mit Freude hin.

Sie drehten die Wolle der weißen Schafe zu langen Fäden, aus denen weichfließende Gewandung geflochten wurde. Immer noch bedienten sie sich ihrer alten, großen Rahmen, durch die sie die gedrehten Fäden hin und her zogen zu festem Gefüge.

Hierbei ging es sehr schweigsam zu unter den Frauen, nur die Mägdlein, die mit geröteten Wangen und glühenden Augen an der Arbeit saßen, ließen manch leiseren oder lauteren Seufzer hören.

Dann baten sie Holda, doch etwas von den Lichten zu erzählen und gespannt hörten sie alle zu. Keines mochte etwas überhören oder falsch verstehen, waren sie doch entschlossen, es dereinst auch ihren Kindern und Enkeln zu berichten, genau so, wie Holda es heute tat.

Am liebsten erzählte sie ihnen davon, wie sie einst von den Hel-fern geführt und alles aus ihrem Beispiel erlernt hatte. Die große Liebe und Dankbarkeit für die Wesenhaften schwang in Holdas ganzem Sein. Nicht genug konnte sie sich darin tun, damit die kleinen Menschenkinder lernen und erfahren möchten, was sie er-kannt. Bald würde ja die Zeit verronnen sein, da sie wie eine junge Mutter noch unter ihnen waltete.

Heilige Ringe brausten aus dem Licht zur Erde, die eine Rückkehr in höhere, lichtere Ursprünge versprachen. Nach Menschendünken vielleicht noch in weiter Ferne, für ihr schauendes Auge aber nah, wie die zeitlose Ewigkeit in ihrer allgegenwärtigen Wandlung im-mer nahe scheint dem Geiste, immer gegenwärtig.

Holda lebte stets voraus, während sie im irdischen Streben die Taten des Augenblickes bewußt vollbrachte. In dieser Zeit sich weitenden Schwingens war es, daß eine leuchtende Lichtfrau wie ein Strom rosigen Lichtes bildhaft sich in ihrem Geiste spiegelte.

»Allmutter!« sang des Wortes Bewegen in dem Schwingen der Lichtkreise, die das hohe Frauenbild umgaben.

Unendlich feine Strahlen blendender Weiße strömten daraus und zugleich ein rosigzarter Glanz, der Liebe und Freude in dem Geiste erweckte. Labende Kraftströme drangen auf Holda ein, die ihren eigenen Körper dehnten und belebten, die aber auch überall hel-fend, heilend und labend wirkten, sobald sie ihre Hände über ein Schwaches breitete.

 

Die Tiere waren in den weiten, saftgrünen Hürden herrlich gedie-hen und waren Holdas besondere Freude. Ihre heilsamen Kräuter und Früchte bauten zum Teil fleißige Frauen auf dafür angelegten Gründen. In einer kleinen, hierfür eigens erbauten Küche arbeitete Holda mit zwei Mägdlein. Niemand sonst durfte in dies kleine, ge-heimnisvolle Gemach dringen; denn Wesenhaftes spann hier seine labenden, aubauenden Fäden, und Holda duldete nicht, daß eines dieser fleißigen Kleinen gestört würde. Holdas Auge weitete sich immer mehr für all das lichte, bewegliche Schaffen der Kraft Gottes.

 

Und die kleinen Wesen, die ihr von je so vertraut waren, schienen auch immer mehr sich angezogen zu fühlen. Über den Blumen und Kräutern, die sie sonst gerne verließen, wenn sie von ihren Wurzeln entfernt dem Tode entgegenwelkten, ruhten ihre zarten Finger, die leise wehenden Strahlen ihres Atems, der Glanz der Liebe und des Wollens zur Weiterentfaltung all ihrer Kräfte.

Holda erlebte dies alles stark, wie das Lebende immer wieder lebendigen Nutzen bringen durfte in wunderbarem Wechselspiel. Darum freute sie sich auch des dauernden Gedeihens ihrer nun nicht mehr wildwachsenden Kräuter, Blumen und Früchte, die ihr von dem Segen Lichtvaters besonders geschützt erschienen.

Größer, saftiger, voller wurden sie alle in der Pflege ihrer Felder und Baumhalden, die Hjalfdar auf ihre Bitte an den Hängen der Höhe be-sonders zurichten ließ. Das kurze, harte Knieholz wurde dort entfernt und dafür Bäume eingepflanzt, die an den Gründen des Silbersees schon in der Wildnis reiche Frucht getragen. Holda hatte hierzu den Platz bestimmt; denn eine lichte Elfe aus den »Gründen der Arbeit« (Die Siedelung am Silbersee.) war ihr genaht und hatte ihr solches gera-ten. Diese Früchte, die großen, saftigen Pfirsichen glichen und goldgelb waren wie Apfelsinen, liebte Holda besonders. Außerdem waren da auch die großen, roten Äpfel, deren Bäume auch sehr kräftig gediehen.

»Gerade diese Bäume werden in der neuen Erde herrlich gedei-hen«, flüsterte das Elfenkind. »Sie werden Holdas Augen erfreuen, wenn sie im nächsten Jahre Frucht bringen.«

Jährlich zweimal nach dem Rhythmus damaligen Sternenlaufes trugen die Fruchtbäume. Dauernd bedeckte prangendes Grün die Halden, und wenn das eine Gras dürr ward und gelb, dann sproßte schon wieder neues, smaragdenes Grün hervor. Auch die Laubbäu-me schüttelten ihre Blätter, die aber ganz großer, anderer Art wa-ren, wie die jetzigen Bäume; aus ihren kleinen Keimblättern aber trieb gleichzeitig schon wieder das Neue hervor, während das Alte noch gelb und rot, in herrlichem Farbenspiel, die Täler und Hügel schmückte.

Dies war die Zeit der Überreife, in der die Menschen der Fülle der Gaben kaum Herr zu werden vermochten. Vieles fiel der Überreife und Zersetzung anheim. Es war eine Zeit, da Holda fast traurig auf all die Fülle sah. Sie gedachte des jetzigen Überflusses und der früheren Zeiten der Not, gedachte mit banger Sorge, ob nicht am Ende irgendwo in der Weite andere Menschen Not litten, während hier die reichen Gaben Lichtvaters immer wieder neue, sich mehrende Früchte trugen.

Und sie begann den Gedanken zu nähren und sandte die Fäden ihrer Gedanken hinaus, weit über das unbekannte Rund der Erde. Ob ihrer Frage jemals Antwort würde?

In der Zeit der Ernte mußte alles zusammen helfen. Es galt allein die Gaben der Natur weise und getreu zu sammeln und zu verwer-ten. Nur die allernötigsten Arbeiten wurden gemacht. Alles Flech-ten, alles Bauen, alle feine Goldarbeit, ja sogar das Mahlen des Kor-nes, das Holzführen, das Fischen und Jagen wurde unterlassen. Die Gemeinsamkeit der Erntearbeit bot eine Fülle der Freude.

Alle Kreise, die sich im Lauf der Zeit durch Verschiedenheit der Arbeit auch in gedanklicher und artlicher sowie in sittlicher Bil-dung verschieden entwickelten, wurden immer wieder durch die Natur verbunden und hatten Gelegenheit, sich aneinander zu ent-falten. Alle Alters und alle Arbeitsunterschiede galten gleich. Ein freudiges, dankbares Ernten und Verwerten zu Lichtvaters Ehre verband die Menschen.

Das Ende der Erntezeiten war die Abbrennung des. dürren Hol-zes, der alten Blätter und schlechten Früchte. Überall loderten die mächtigen Flammensäulen, die mit Dankesliedern und Bittgesän-gen begleitet waren. Die Täler klangen davon und von der Höhe dröhnten die machtvollen, wohlgeübten Chöre der Alten, die sich längst bereitet hatten, um dereinst Lichtvaters Haus mit ihren Ge-sängen zu ehren.

Täglich, zur Zeit der untergehenden Sonne, sangen sie übend die reinen, ernsten, feierlichen Weisen. Beim Erntefeuer aber mischte sich der Sang der frohen, leuchtenden Jungmannen- und Knaben-chöre dazwischen. Den Menschen im Tal war es dabei manchmal, als hörten sie die Chöre der Ewigen dort oben singen.

Durch das Gießen von Hjalfdars Goldhorn waren die Jungen dar-auf gekommen, das weiche Gold auch zu Gefäßen zu formen und zu hämmern. Und ihre wesenhaften Freunde führten sie so herrlich und einfach, daß sie bald staunend die neuen Werke in ihren Hän-den hielten.

 

Ähnlich aber wie den goldarbeitenden Jungen ging es den Alten beim Spännen der Därme, die sie zu Sehnen und Seilen verarbeiten wollten. Als sie dieselben einmal gerade sehr straff gespannt hatten, erhob sich plötzlich ein Regen in den Lüften, das sich zum Sturme steigerte. Mit Staunen hörten sie da, daß der Wind in den Saiten ähnliche zarte Töne entfachte, wie sie dieselben mit ihren Stimmen so gerne dem Bewegen der Strahlen und Fäden wesenhaften Trei-bens abgelockt hätten.

Sie hörten, daß die Wesenhaften dies bewirken konnten bis hinab in den Stoff und merkten, daß sie hierzu die festgeformte Masse verwenden konnten, sogar benötigten, ebenfalls das Werkzeug ih-rer Gedanken und ausübenden Hände. So bauten sie sich kleine Instrumente aus Holz und aus großen dickschaligen Früchten. Sie spannten die Därme, probten und lauschten ihnen durch Zupfen Töne ab. Dadurch entwickelte sich im Beobachten immer mehr und mehr ein reges Wirken in Verbindung aller gottgewollten Gesetze. Die Menschen waren dabei so glücklich; denn sie wußten es nicht anders, als daß sie in der Liebe Lichtvaters allzeit lebend die Gnade des Gedeihens genießen durften.

Das segenströmende Wirken der Frauen einte sich in wunderba-rem Ergänzen dem kraftvollen Schaffen des Mannes. Was er zur Tat formte, das wirkten sie in der Führung der Lichten schon vorausden-kend, wünschend, anregend und erwartend. Was der Mann formte und schützte, das nützten und erhielten die Frauen in weiser Treue.

Sie durften von den Lichten aus den seligen Gärten das Hegen lernen, das diese so glücklich macht.

 

Sie hatten Hjalfdar gerufen, daß er zur Jagd kommen sollte, und freuten sich darauf, zu hören, was Hjalfdar wohl zu dem schönen, neuen Tiere sagen würde.

Und Hjalfdar war gekommen. Er hatte seine Söhne und einige Alte mitgebracht und ließ sich nach dem Walde geleiten. Dort la-gerten sie alle der Lichtung zugewendet im dichten Gewinde der Äste und Wurzeln. Große rote Kelchblumen waren voll erblüht und leuchteten in der untergehenden Sonne. Der Bergbach rauschte drüben an der anderen Seite des Tales aus dem Silbersee und floß breiter und seichter werdend durch das saftgrüne Tal.

Am Rande des Waldes erkannte Hjalfdar Spuren, wie er sie noch nie gesehen. Im weichen Boden war es der Abdruck eines fast ge-schlossenen Kreises, in dessen einer, breiterer Seite sich Zehenab-drücke befanden.

Hjalfdars scharfe, hellschauende Augen hatten diese Spur sofort als eine sonderliche Art erkannt.

Das zweite Zeichen waren die verletzten Bäume, die Spuren eines scharfen wetzenden Hornes zeigten. Hjalfdar wies schweigend auf solch einen Stamm, der aussah, als trüge er eine tiefe Wunde.

»Seht doch, wie traurig der Baum dasteht, seht, wie sein Saft zur Erde fließt wie Blut! Derartige Wunden müßt Ihr schließen mit Lie-be und Tat. Ich werde Euch Holda senden, sie soll Euch lehren, was hier zu tun ist. Die Bäume in der Nähe unseres Aufenthaltes sollen es fühlen, daß Geistflammen ihrer in Liebe wachen. Das wollen die Lichten. Sie sollen nicht darben wie die Brüder der Wildnis; denn sie bieten auch uns ihr Bestes an.

Habt Ihr das fremde Tier gereizt, daß es also im Walde wütet? Nicht Bedürfnis der Nahrung ist es noch andere lebensnotwendige Tat, und hier, und hier ... überall sehe ich die blutigen Male der Verletzung! Wie geht das zu?«

Betroffen sahen die Männer einander an. Hatten sie Falsches ge-tan? Dann kam es rauh und verlegen aus der Kehle des Jägers: »Die Schlinge?«

»Ziehet die Schlinge ein und wartet, ob das Tier sich zeigen wird und was es tut«, sprach Hjalfdar.

Scheu sahen sie zu ihm empor. Eine Falte, ernst und tief, hatte sich zwischen die Augen gegraben. Hjalfdar zürnte ihnen, das fühl-ten sie. Wenn er nur wenigstens etwas gesagt hätte! Sie fühlten, daß ihr falsches Handeln ihm weh tat aus einem tieferen Grunde, nur mochten sie es sich nicht eingestehen und nicht klar machen; denn sie ho@en immer noch, daß sie sich irrten.

»Ach nein, macht Euch nichts vor«, sprach Hjalfdar. »Es ist schon, wie Ihr empfindet. Es tut mir leid, daß Euch Arbeit und Behagen, Reichtum, Wohlstand und Bildung dem Wissen in der Natur ent-fremden will.

Ich weiß, Ihr wollet nun all Eure obsiegenden Vorteile nützen, aber einst tatet Ihr dies nur in Notwehr oder zum Lebenserhalt.

Und nun? Jagdlust, Hetzlust, das Verlangen nach Abwechslung! Wollt Ihr darum ein Leben stören? Harret in andächtigem Bewun-dern und Beobachten der Bewegung alles Geschaffenen in der Na-tur, so säet Ihr Liebe und Dank. Nur Liebe und Dank werdet Ihr dann auch ernten. Wo Ihr aber eine Wunde empfanget, da habt Ihr eine Wunde geschlagen, sei es auch nur in Gedanken oder im Wün-schen. Zieht Eure Schlinge ein und wartet, ob das Tier kommen wird!«

Schon war die Nacht herangekommen. Silbernes Licht des Mon-des lag auf dem See und dem breiten Bach, der durch die Bäume blitzte wie ein Silberband. Noch lauter rauschten seine Wellen durch die Stille, man hörte auch ein Blatt fallen oder das Knacken eines Holzes.

Papageien gurrten leise im Traum. Große, silberne Reiher flo-gen unhörbar über die Bäume, sie strichen wie Schleier durch das Mondlicht.

Ein feiner Wind schüttelte weiße Blüten von den wilden Apfel-bäumen und Düfte kamen betäubend aus den Kelchen der Blumen. Es war eine zauberhaft schöne Nacht. Alle fühlten es. In Hjalfdars Nähe war ihnen immer wie Gottesdienst. Sie waren glücklich. Der Kummer ob ihres Fehlers hatte sie weicher gestimmt, deshalb wur-den sie doppelt zugänglich und dankbar für all das Schöne, das sich ihnen bot.

Da horchten sie auf, Sprünge und Krachen der Zweige war zu vernehmen, ein hopsendes Stampfen, ein Schlagen am Boden, ein eigentümlich wieherndes Geschrei. Wie ein Lachen klang es und dennoch wie ein Kampfruf! So trabte es mit tollen Seitensprüngen durch den Wald auf die Flur. Dort war es, als beginne das Tier einen Tanz.

Es stieg hoch empor, drehte sich, sprang auf die Vorderfüße und schlug nach rückwärts hoch empor. Das weiße, kurze, makellose Fell blitzte im Mondenschein, eine milchig zarte Ausstrahlung um-gab das Tier.

Hjalfdar verharrte reglos angespannt, den Atem anhaltend. Alles an und in ihm lauschte. Was er sah, machte ihn erbeben; denn je-nes Tier leuchtete in einem wundervollen Glanz der Reinheit vor seinen Augen.

 

Es war ohne Zweifel mit den höheren Reichen in Verbindung. Strahlenfäden verbanden es mit der Feinstoffiichkeit und der we-senhaften Sphäre. Dabei kam etwas wie ein leuchtendes Urbild aus dem Geiste herab über das Tier, das einen Vorgang wunderbarer Entwickelung zeigte. Seine starke Ausstrahlung verband sich mit der feinstoffiichen Form, die wieder etwas mehr dem Vorbilde glich, das in einer noch lichteren Schicht wie schwebend zu sehen war. Auf jenem Urbild saß ein blendend weißer Mann.

Hjalfdar durchfuhr es wie ein Blitz. Sollte man dieses Tier zur Fortbewegung nützen können? Was zeigten ihm da die Lichten?

»Es sieht aus wie jene Nebelrosse, auf denen einst die Lichten rit-ten!«

Jetzt wußte er es. Dieses Tier mochte eine Art Roß sein. Ein Ge-schenk der Lichten! Wie aber sollte er sich ihm nahen?

Ganz unwillkürlich bemühte sich seine Kehle, das wiehernde La-chen auszustoßen, das jenes Tier zuerst ankündete. Und es gelang. Das Tier stand plötzlich still, mit eigenartig straffer Haltung, das längliche Kinn fest an den schlanken, geschwungenen Hals gepreßt.

Wunderbar war das Beben der Flanken.

Nun erst sah Hjalfdar auch den feinen, langen, weißen Schweif von der Reinheit frisch gefallenen Schnees. Er streifte fast den Boden. Hjalfdar fielen die schlanken Beine auf mit den außeror-dentlichen Füßen. Leise hob es einen Fuß, um in Erregung die Erde zu scharren. Lautlos setzte es ihn wieder auf den weichen Rasen.

Die schönen, ruhig beobachtenden, wachsamen Augen leuchte-ten, als ob das Mondlicht in ihnen sich spiegeln würde. Geheimnis-voll rauschte ein Wind in den Bäumen. Das Tier hob seinen Kopf, reckte den Hals, als lausche es nach oben.

Wieder klang Hjalfdars Ruf über die Wiese. Mit einem Sprung schnellte das Tier empor und stürmte den Wald. Es stürmte ihn buchstäblich. Mit furchtbarer Wucht und Kraft, die man der Schlankheit dieser Glieder kaum zugetraut hätte, raste es mit vor-gestrecktem gesenktem Horn dahin, die Hinterbeine weit hinaus-werfend, so daß man meinte, es möchte sich überstürzen.

Selbst den mutigen Wildwaldmannen bebte das Herz bei diesem Sprung, der nur Sekunden währen mochte.

 

Hjalfdar winkte ihnen, sie möchten leise Deckung suchen. Er aber stand auf und hielt nur den Speer vor sich hin. So erwartete er das Tier. Da sah er, wie sich die Blätter bewegten, wie das dichte Gewinde der Lianen sich beiseite schob, und es erschien der wei-ße Kopf. Die Augen schienen förmlich zu glühen. Fest und ruhig bohrten sich Hjalfdars Augen in die des Tieres, das die seinen lang-sam schloß. Dann schien ein Beben durch die Gestalt zu gehen, die inzwischen fast völlig sichtbar geworden war.

Einen leisen Ruf stieß Hjalfdar aus, einen Ton, einen Laut, in dem viel Liebe schwang. Seinen Speer, der nach den Augen des Tieres gerichtet war, führte er langsam mit der Spitze in den Boden. Des Tieres Augen und Haupt folgten wie bezaubert diesem Tun. Es neigte seinen Kopf, es sank in die Kniee. Da nahte sich Hjalfdar unerschrocken und legte ihm seine Hand auf die Stirne, während er selbst neben dem Tiere sich auf ein Knie niederließ.

»Du bist von den Lichten gesendet! Du sollst uns dienen, aber frei soll Dein Leben bleiben, also heißt ihr Gebot. Stehe auf und fürchte Dich nicht!«

Als hätte das Tier ihn verstanden, erhob es sich. Langsam ging Hjalf-dar nun über die Lichtung, der Spur des Einhorns nach, und das Tier folgte ihm. Von Zeit zu Zeit rief er den Ton, ganz leise, und streckte seine Hände seitlich aus. Er sah sich dabei nicht um, aber er hörte, daß das Tier folgte. Erst, als er mit dem Einhorn auf der anderen Seite im Wald verschwunden war, kamen Hjalfdars Gefährten aus ihrer Dek-kung hervor. Wunderbares hatten sie wieder gesehen. Hjalfdar hatte mit dem Willen seines Geistes ein wildes Tier in Liebe bezwungen.

Wortlos, ergriffen schauten sie sich an, in scheuer Verwunderung und Hochachtung vor Hjalfdars Macht. Dann waren sie einmütig entschlossen, ihm auf der Fährte zu folgen.

Hjalfdar lag daran, das Tier zu beobachten und an sich zu gewöh-nen. Er reichte ihm einige Blätter von den Gärten Holdas, die es mit Behagen fraß. Hierauf klopfte er ihm leise den schlanken Hals und strich über die dichte Mähne. Mit seiner rosigen Schnauze schnup-perte das Tier zutraulich an seiner Hand, ganz zahm benahm es sich. Doch plötzlich, mit einem hohen Seitensprunge, machte es eine Wendung und rannte im Galopp dem Bache zu. Fort war es, verschwunden im Dickicht des Waldhanges.

»Wie gut ist es, daß ich ihm Holdas Kraut gegeben. Nun wird es wiederkommen«, sagte Hjalfdar.

In später Nacht trat er mit den Gefährten den Heimweg an. Hjalfdar verblieb einige Tage im Tal der Arbeit, um sich das neue

Tier vertraut zu machen. Er ging von nun an nur noch mit seinem Sohne Jalf und seinem Jäger hinaus. Drei waren genug. Die bei-den Gefährten blieben dabei im Hintergrund, nur zur Beobachtung und eventueller Hilfe.

Hjalfdar ging über den mondhellen Rasen bis an den Rand des gegenüberliegenden Waldes. Dort ruhte er auf einem Baum und harrte des Tieres.

Als es so lange nicht erscheinen wollte, stand er auf und schritt der Spur von gestern nach. Deutlich war diese noch in dem weiche-ren Boden zu erkennen. Sie führte zum Bache und in weiten Sätzen durch das Wasser, wo sie fast nicht mehr zu sehen war.

Hjalfdar schritt durch die Fluten. Steiler, dichter, unwegsamer wurde der Wald. Aber Hjalfdar hatte der Zug des Herzens wieder auf Jagdpfade gelenkt, er konnte nicht mehr umkehren.

Ein Vöglein lockte zwitschernd in den Zweigen, er hatte noch nie so Liebliches gehört. Die Beschwer des Wanderns merkte er nicht und seiner Begleiter hatte er wieder einmal vergessen.

Er sah den Weg des Tieres, wie es ihm stets seine Helfer wiesen als einen zarten, hellen Nebelstreifen, vor sich herwandern und hatte das Bild des Einhorns klar vor sich.

Manchmal war ihm, als stünde das Tier direkt vor seinen Augen, er fühlte den Blick des hellen Auges und den Hauch seines Atems. Nichts hörte er weit und breit als seine Schritte und den lockenden Gesang des Vögleins.

So kam er immer weiter westwärts, immer ferner von dem Tale seines Volkes. Ihm war, als nahe er sich anderem Erdreich. Anders sahen die Pflanzen aus, die er da fand. Einige, die ihm auffielen, steckte er in seinen Gürtel, damit er sie Holda zeigen konnte.

Feuchtigkeit zog in dichten Nebeln das Tal empor, das sich rechts zu seinen Füßen immer mehr weitete. Vor Nebel vermochte er kaum noch die Büsche zu sehen, die er durchdringen mußte. Zu-weilen aber rissen die Nebel in der Höhe und dann blitzte ein Stück-chen lichtblauer Himmel hindurch mit einem bleichen Sterne. Eine schwere betäubende Müdigkeit legte sich auf Hjalfdar. Mochte das der ziehende Nebel sein?

Nun ging es wieder abwärts. Als sich die Nebel teilten, gewahr-te er eine schimmernde Fläche in der Ferne, der große See. Es mischten sich nun andere Pflanzen, Palmen und dann Farne un-ter die Bäume der höheren Schichten. Wieder grünte und blühte es reich und viele Früchte wuchsen hier, die Hjalfdar noch nicht gesehen.

Immer noch zeigte sich die Spur des Einhorns an den Bäumen und an der Erde. Das Tier aber war nicht zu sehen. Es wurde schwüler, immer sumpfiger, kleine grüne Lichter zitterten und tanzten über die Weiten der Wiesen und Sümpfe. Die alten, vermoosten Baum-strünke, welche oft riesenhaft waren und ein groteskes Aussehen hatten, glühten ebenfalls in grünlichem Licht. Mächtige Bäume, knorrig, nicht sehr hoch, aber breit, mit langen, dünnen Zweigen nach oben starrten wie Besen in die Luft.

Hjalfdar fiel auf, daß sie abgefressen waren, auch die Rinde trug Zeichen von starker, verheerender Kraft, die dort wohl erprobt wor-den war. Als sich plötzlich ein stampfendes, donnerndes, prasseln-des Traben in der Ferne hören ließ, das dumpfen Klang in der Erde auszulösen schien, warf sich Hjalfdar auf den Boden und lauschte. Kopfschüttelnd erhob er sich. Mochten es Büffel sein?

Einmal schon hatte er solche auf seiner Wanderung gesehen, aber ihn dünkte der Schritt dieser Tiere noch mächtiger. Ihm fiel auf, daß die Wälder an Höhe zunahmen, daß das Gras ihn noch um Haupteshöhe überragte, immer schwerer wurde sein Weg. Da sah er vor sich einen hohen, anscheinend verlassenen Hügel, den In-sekten, ähnlich wie Ameisen, aber geflügelt und in der Größe von großen Heuschrecken, gebaut hatten.

Er war wirklich verlassen, tiefe Gänge waren eingestürzt. Ein Tier mußte mit mächtigem Zahn darin gewühlt haben. Da sah Hjalfdar weitere Spuren von Verwüstung. Bäume waren niedergetreten, die hohen, ihn hundertfach überragenden Baumriesen waren zerknickt und zertreten und breite Gassen, ja, ganze Felder waren freigelegt. Da das Geräusch sich immer mehr nahte, blieb Hjalfdar stehen. Von ferne konnte er das Stürzen und Krachen der Wälder hören, Brüllen und Stampfen von mächtigen Füßen, dann sah er ein grauschwarz-braunes Heer von Riesentieren mauergleich daherbrausen. Lange Rüssel schleuderten sie nach oben, dichtbehaart zeigte sich Rücken und Brust, während der Hinterleib von kurzem Haar und dicker Haut bedeckt war. Das riesige Haupt, das zwei kleine Augen unter gewaltigem Stirnvorbau trug und Riesenwedel von mächti-gen Ohren, zeigte den Ausdruck von schlauer Gutmütigkeit, ge-paart mit wilder Kraft und zähem Eigensinn. Ernst und schwei-gend, groß und unerbittlich war das Tier. Zwei große Hauzähne wuchsen seitlich aus dem Maule. Hjalfdar sah, daß dieses Getier sich Herr fühlte über das Land.

Er wußte, daß der Kraft einer solchen Herde kein einzelner standhal-ten konnte, hatte er nicht höhere Kräfte, die helfend ihm sich nahten.

Sobald Hjalfdar sich in diese Kräfte versenkte, fühlte er ihre Ge-genwart immer deutlicher. Er dankte und bat:

»Lichtvater, laß mich dem Geschöpf in Liebe Deine heilige Kraft beweisen, indem ich es mit dem Willen des Geistes führe. Sende mir die lichten Ströme Deiner Helfer, daß ich lerne, wie man Deine heilige Schöpfung weise regieret!«

Und Hjalfdar sah, wie über die Hügel aus Süden die langen Spee-re der Riesen griffen und hörte die Bewegung ihrer Schritte in der Luft brausen.

»Da kommt Ihr Getreuen, wieder seid Ihr mir Freund!«

Die Elfen aber schickten einen Schwarm von Wespen gegen die Herde der großen Urweltelefanten los. Schwarz war die Luft, als der Schwarm wie eine Wolke die herannahende Mauer stürmte.

In deren Bewegung trat eine Wendung ein. Die großen Tiere bo-gen ab nach dem See und suchten Zuflucht in seinen kühlen, aus-gedehnten Wogen.

Hjalfdar aber untersuchte eingehend die Art ihrer Spuren. Ihm fiel dabei auf, daß all diese Tiere so plötzlich von Nordwesten her-angezogen kamen.

Unmassen von Herden entdeckte sein erstauntes Auge noch in den tageweit ausgedehnten Weiten dieser Welt. Hirsche, mit Ru-deln von wundervollen jungen Tieren. Hellrot und schneeweiß leuchteten die Felle. Mächtig ragten die riesigen Geweihe, die die Hirsche kaum zu tragen vermochten. Auch den Elchen ähnliche, nur viel gewaltigere Tiere kamen daher, alle aus einer Richtung.

 

Naturumwälzungen mochten es sein, die diese Tiere zur Wande-rung trieben. Sie waren alle in sich fest verbunden, dennoch aber sehr erregt und wild. Wo würden sie wohl verweilen? Sicher in die-ser Ebene, deren Wälder, Weiten und Seen ja viel Bewegungsmög-lichkeiten boten.

Mit einemmal stutzte das Rudel Hirsche, dann floh es, während der mächtige Führer stehen blieb und mit dem gewaltigen Leibe die Flucht der Seinen zu decken suchte.

Gesenkten Kopfes stand er, das brausende, springende Tier er-wartend, das leicht wie eine Feder und schnellend wie ein Speer mit mächtigem Sprung die Luft teilte, bis es auch, schnaubend, mit gespreizten Beinen und gesenktem Kopfe dem Hirsche gegenüber-stand. Beide wie aus Stein.

Hjalfdar wäre fast ein Jubellaut entfahren, als er das wundervolle Tier im Sprunge sah, als das weißleuchtende Einhorn sich zeigte. Und nun begann ein Kampf, wie Hjalfdar schöner und edler noch keinen gesehen hatte.

Was das weiße Tier an Gewandtheit und Schwung dem Hirsche voraus hatte, das glich dieser durch die Kraft seines mächtigen Hauptschmuckes aus, mit dem er wie mit einer Waffe focht.

Schon zweimal hatte er das Einhorn damit geschlagen, daß aus kleinen Wunden rötliche Tropfen auf das weiße Fell sickerten, im-mer wieder griff es in Zorn und Mut den mächtigen Hirsch seitlich an und brachte auch diesem in listigem Sprung eine tiefe Bauch-wunde bei. Dieser sank fast zusammen, doch rissen die mächtigen Muskeln ihn ganz mechanisch wieder hoch. Mit einem weithin röhrenden Laut, aus dem man Wut und Schmerz hörte, erwartete er mit vibrierenden Muskeln den neuen Ansturm des wilden Spie-ßers.

Das mächtige Haupt geneigt, warf er diesen dann zur Seite, als schaufelte er eine schwere Menge Erde hinweg.

Aufspringend fand das Einhorn nicht die Zeit, sich vor neuem Stoß zu wenden. Die Gefahr war groß.

Da pfiff ein langer, schwingender Speer durch die Luft. Singend, schwingend und zitternd stak er in dem weißen Blatt des Hirsches und dieser brach brechenden Auges in sich zusammen, als wäre er ein leeres, mattes Fell ohne Muskel und Knochen. Das Einhorn blieb, seiner Art ganz ungewohnt, anstatt zu fliehen, wie gefesselt an der Leiche des Feindes stehen, leise den Schaft des Speeres leckend. Schnüffelnd nahm es die Witterung des Menschen auf, hob den Kopf und scharrte unruhig, leise trampelnd die Erde. Da spitzte es die Ohren, das wiehernde Lachen Hjalfdars klang vom Waldgrase her, das leise wogend sich regte. Langsam, vorsichtig, wie angezogen von unbekannter Kraft kam das Einhorn mit ge-strecktem Halse und gespannten Nüstern näher. Hjalfdar richte-te sich auf, er erwartete das Tier, leise pfeifend, und siehe, matt vom Kampf und anscheinend dankbar, legte es sich zitternd zu Boden.

Unverwandt blickte das Tier zu dem Menschen empor. Hjalfdar aber legte seine kühlen Hände auf die Wunden.

Dann legte er kühlende Blätter auf und holte seinen Speer. Leise pfeifend schritt Hjalfdar an dem weißen Tiere vorbei und trat den Heimweg an. Schleppenden Schrittes, mit Aubietung seiner gan-zen Kraft, folgte von ferne das Einhorn.

 

Auf der sonnigen Höhe rüstete alles zur festlichen Zeit. Die gan-ze Schönheit der Natur schritt in diesem Jahre ihrem Höhepunkte zu. Die Tiere und die Menschen waren wie die Blumen. Kraftvolle Freude strahlte aus ihnen. Sie gingen mit im Rhythmus der Son-nenwenden und dies zeigte sich äußerlich sowohl als auch in ihrer ganzen Art und Entwicklung von Geist und Seele. Gesteigert war der Schaffensdrang, den die Wesenhaften in kraftvollem Bewegen noch förderten. Soviel Freude lag in der Natur. Pflanze und Tier jubelten mit den Menschen in seliger Gottanbetung, und wie die voll erblühenden Bäume und Blumen öffnete sich alles unbewußt aufstrebend den Strömen des Lichtes.

Weiß schimmerte Lichtvaters Heiliges Haus, mit goldenen Bil-dern und Zeichen verziert, in der strahlenden Sonne. Es schim-merte wie ein weißer Stein, der vertausendfacht die Ströme des Lichtes ausstrahlt, die er in sich gesogen.

Heilig, still und dämmerig war es in seinem Innersten. Nur von der Öffnung der Decke, die, eingerahmt von dem kunstvollen Nachbild der strahlenden Sonne, den tieblauen Himmel zeigte, und von den feinen Oberlichten nahe der Decke fiel Licht in den Raum.

 

Die Strahlen wellten in wunderbarer Bewegung über die golde-nen Inschriften und Bilder, die Hjalfdar durch das Licht empfan-gen, und die nur für den Tempel bestimmt waren. An der Seite, der aufgehenden Sonne zugekehrt, bildete ein Strahlenkreuz, einfach und groß, den einzigen Schmuck.

Es war aber gerade in seiner Einfachheit so überwältigend schön. Außerdem hatte es noch eine Eigenschaft, die es erst langsam in augenfälliger Weise den Menschen offenbaren würde.

Es trug dieses Zeichen eine starke, lebendige Kraft in sich! Am Fuß-boden, der ebenfalls aus den weißen Platten bestand, erglühte die gol-dene Inschrift eines Dreiecks, das sich mit einem Viereck zu einem wundervollen Sterne einte. Dieses Bildzeichen ruhte in einem Kreise, der von gleichem Umfang war wie das Sonnenrund der Decke.

In der Mitte dieses Sternes prangte das allerheiligste Gefäß auf dem weißen Steinsockel. Es war die Schale des Lichtes. So hatte der hohe, reine Geist aus Lichtvaters Saal Hjalfdar geboten, daß er das Haus des Herrn schmücke, doch wußte Hjalfdar noch nicht, was die Schale bergen sollte.

An den Außenseiten des Tempels hatten die Alten hohe Harfen aufgestellt, deren straff gespannte Saiten wunderbar im Winde san-gen. So einfach und ursprünglich im Grunde jedes dieser Men-schenwerke war, die hier zur Ehre des Lichtes den Raum schmück-ten, so sorgsam war es vollendet und so eindrucksvoll und lebendig war seine Wirkung. Kraft strahlte aus, die Kraft, die von Lichtvater gespendet sich im Stoffe zeigte.

Es war im vollsten Sinn des Wortes ein Sammelpunkt der reinsten Kräfte, dieses Haus Gottes, das alle in gemeinsamem Dienen und Anbeten, in Eintracht verbunden geschaffen, ganz in den Gesetzen der Schöpfung schwingend.

Holda und zwei von ihr ausgewählte, von den Lichten bezeich-nete Jungfrauen waren die einzigen, die den jetzt fertiggestellten Tempel vorerst betreten durften. Holda gewahrte, daß die Lichten ein und aus gingen in großen, leuchtenden Scharen.

Sie waren jedoch so hoher, reiner Art, daß außer Holda und Hjalfdar sie kein Mensch zu sehen vermochte. Die blumengleichen Frauenwesen, die, wie Schwäne beflügelt, sich aus silbernen Licht-wolken herabließen, entzückten besonders Holdas Augen. Ihr Geist suchte, suchte in der Erinnerung - wo hatte er so Holdes, Lichtes schon gesehen, wo diese Düfte geatmet, die mit ihrem Weben in den Tempel kamen, wo das blendende zitternde Schwingen ihrer Ausstrahlung erlebt, die wie mächtige Schwanenschwingen war, wie Schwanengefieder an ihren zarten Gestalten hinabrieselte?

Holda vermochte sich nicht satt zu sehen an dem Lichtweben in dem Tempel, den noch kein Menschenfuß betreten, seitdem er fer-tig war. An der Pforte und den kleinen Seiteneingängen, die Hjalf-dar durch große Schiebeplatten verschließen ließ, standen Gestal-ten aus Licht, von mächtiger Höhe.

Ihre Häupter ragten bis über die Decke des Tempels. Es waren aber nicht die Riesen, es waren Rein-Geistige, hohe, ritterliche Ge-stalten, die ihre leuchtenden Waffen der Tat strahlend der Men-schenfrau wiesen. Da sah Holda und verstand zum erstenmal den Sinn des Schwertes, das einer dieser Hohen ihr wies.

Holda konnte sich kaum aus dem anziehenden Kreise dieser Rit-ter lösen. Weisheit und Kraft umgab sie, durchfloß sie in der Weihe ihrer Gegenwart.

»O wäre doch Hjalfdar hier, der unten im Tale dem weißen Tiere nachstellt!«

Sie mühte sich, alles zu fassen, was diese Lichten, Heiligen an sich trugen, das ihr so überwältigend in den Geist drang. Ströme waren es, die sie fühlte. Farben und Töne, deren Bewegen die Mär von hei-ligster Schönheit und Reinheit in sich trugen. Düfte strömten diese Lichten aus, die die Klarheit der Lüfte mit der Süße der Lilien und der Wärme der Sonne verbanden.

Stimmen ließen sich vernehmen, die wie tiefe Meeresbrandung führende Melodien sangen, die das wehvolle Klingen der Flöten auf weiten Halden aufnahm und weitergab, während ein jubelnd helles Glockenschwingen darüberschwebte. Chöre waren es, von deren einzelnen vollendeten Stimmen jede eine besondere Melodie gleichzeitig und wechselweise in heiligem Wirken wob.

Holda wußte nicht, woher sie alle kamen, die Sänger sah sie nicht. Aber ihr war, als wirke jenes heilig starke Verbundensein im Tem-pel auf sie wie eine Weihe.

Sie schickte die Mädchen nach Hause. Ganz einsam wollte sie sein mit den Lichten, ihr war, als zwinge sie eine übermächtige Sehnsucht, diesem Verlangen nach Einsamkeit nachzugeben.

Schon färbte sich das weiße Gestein in zart rosigem Glanze. Die goldenen Zeichen des lichten Kreuzes an der östlichen Mauer tauchten in rosige Glut. Tief bläuliche Schatten standen schon in den Ecken auf. Es wollte Abend werden.

Leise tönten von draußen die Saiten der Harfen im Abendwin-de, leise mischten sich die Stimmen der Geistigen von oben darein. Holda schwieg, sann und betete.

»Lichtvater in den unendlichen Weiten Deiner heiligen Schöp-fung, wo werden die Menschengeister Dein Reich finden?

Dein eigentlicher Ausgangspunkt, wo ist er? Lichtvater Du, überall, über und im All, woher sind wir gekommen, wohin geht unser Weg? Lichtvater, laß die seligen Geister, die Dir lobsingen, allzeit um mich sein, daß mir nicht so einsam werde in Deiner weiten Welt!«

Wie eine Angst, wie ein Schmerz des Verlassenseins war es, was Holda empfand. Und in diesem Schmerz, den sie nicht einmal be-gründen und nennen konnte, öffnete sie sich der großen Kraft des Lichtes immer mehr.

Holda sah, wie weiße Strahlen aus dem Rund der Halle von oben herab kamen und ihre blendenden Lichter in der weißen Schale brachen. Ein Brausen begleitete dieses Licht und weiße Fittiche zeigten sich in dem Sonnenrund des Daches.

Eine Stimme kam von oben:

»Ich bin der Herr, Dein Gott, Ich die Kraft und das Leben! Aus mir ist alles. Ich bin das ewige Gesetz, der Sohn, der Heilige Geist und der Vater. Ich bin der Anfang und das Ende und der Lebendige. Ich bin der Wille und das Wort. Ich bin der Herr, Dein Gott!«

Wieder brauste es gewaltig im Raum, um die heilige Höhe schien ein Sturm zu wehen.

»Alles Wesenhafte freut sich und harret der Stunde, daß das Haus Lichtvaters mit seiner Kraft erfüllt ist. Dieses Geschehen gehet gei-stig voraus. Siehe, es ist nun eine Zeit der Vorbereitung für Dich überwunden und Du trittst ein in Dein eigentliches Amt, als prie-sterliches Weib im Dienste Gottes!«

Holda wußte und verstand es kaum, was jener Lichte zu ihr sagte, der vor ihren Augen stand. Sie wußte nur, daß er nicht auf dieser Erde war.

 

»Ihr Menschengeister seid die Träger meines Willens«, sprach er.

»Ich sende Euch! Du und Hjalfdar, Ihr gehet voran. Alle folgen, die mein Wort behalten in ihrem Gedächtnis.«

Holda sah sich den Lichten genau an. Es war, als säße er auf ho-hem, goldenem Stuhle, umgeben von Licht und Bewegung.

Die leuchtenden Ritter dienten ihm und eine Jungfrau von wundersamer Schönheit kniete zu seinen Füßen und reichte ihm eine leuchtende Schale empor. Über dem Leuchtenden aber schwebte das Urbild der Weiblichkeit, »Allmutter«, die Holda schon kannte.

»Wer ist dieser Lichte, den Du mit Deinem Mantel umhüllst, All-mutter?« fragte Holdas Geist.

»Er ist Parzival, mein Sohn, das Reingeistige Gefäß, durch das Gott-Vaters Heiliger Wille die Schöpfung schuf, als er da sprach:

»Es werde Licht!«

Der Name Parzival hatte eine wunderbare Kraft. Dem. offenen Geiste Holdas war er wie ein Strom, der sie von oben mit Leben erfüllte und reich beschenkte, der aber von der Erde aus für sie ein Weg war, der mit unabbiegbarer Sicherheit nach oben zog und hob, ein lichtes Tor, das sich ihr strahlend öffnete zu höherem Leben. Der Name klang so wunderbar und in seinem Klang lag lebendige Erfüllung aller Gesetze der Schöpfung.

Was Holda im Augenblick erlebte, vermochte sie sich nicht klar zu machen. Sie wußte sich nur umgeben von all der Herrlichkeit, die aus den Höhen in Lichtvaters Haus gegossen ward und wagte nicht zu denken, nicht zu fragen, in dem Bewußtsein nichts zu er-fassen - innerlich völlig leer, frei und offen zu sein für alles, das aus unbekannten Höhen in sie floß, war ihr einziges Verlangen.

Sie kam sich gar nicht klein und ärmlich vor; denn sie war frei von Dünkel. Sie war wirklich demütig und wußte ihre Grenze. Des-halb hörte sie empfindend auch weiter:

»Um den Menschen der Erde von dem Lichte zu künden, ist Hjalfdar gesendet. Du sollst in Deiner Reinheit empfangen, was Euch Menschen zu wissen nützet und in Dir wird immer mehr Er-innerung an die Heimat wach werden.

Du wirst im Geiste die Gärten der holden Weiblichkeit durch-wandern, Du wirst mit Deinen Geistaugen schöpfen aus dem Born des Lebens. Mit klarem Erkennen wirst Du aus dem Quell der Wahrheit trinken; denn er, der Leuchtende, wird seine Schöpfung erfüllen mit der Kraft der Liebe für all seine Geschöpfe.

Du sei die aufnehmende Schale, die Weisheit spendet zur Erquik-kung des Geistes und die Richtung gibt zum Ziel. Auf Euren Schul-tern liegt eine große Aufgabe: Führer zu sein durch das Tal; denn sie-he, Ihr seid herabgekommen bis an die tiefste Stelle Eures Kreislaufes und führet nun nach oben. Ich kann Dir so schnell nicht entrollen den weiten Pfad allen schöpfungsgesetzmäßigen Geschehens. Ewige Seligkeit ist beschieden dem sich zu bewußtem Vollenden entwik-kelnden Geistfunken, dem in Euch Helfer gesendet wurden, die ihm artgleich sind. Was Ihr hier im Stoffe entwickelt, bietet Euch die Fül-le zu schneller Entfaltung zur Vollendung. Eine selige Insel, gleich dem blauen Eiland auf lichten Höhen, darein Ihr rückkehren werdet, soll diese Erde im Stoffe werden. Ewig soll der Kreislauf des heiligen Lichtes sie durchströmen und ewig soll sie in den gleichen heiligen Lichtpfaden dahinrollen, selbst eine Insel des Lichtes im Meer durch-flammten Schöpfungswebens. O Du Erde, ausersehen zu heiligem Erfüllungswerk! Durch die Träger des Geistsamens wirst Du ewig verbunden sein mit Gottes Liebe, Gerechtigkeit und Reinheit! Über dem Stoffe, in den heiligen Gefilden urgeistigen Schöpfungswebens werden sich die großen, lebendigen Taten des Gotteswillens erfüllen und ihre Auswirkungen werden von Sphäre zu Sphäre strömen, in unabbiegbar heiliger Reinheit und Kraft.

Ihr aber dürfet die Träger des Heiligen Willens heißen und sein und ihn erfüllen im Stoffe. Aus den Gefilden der höchsten, reinsten Höhen durftet Ihr schöpfen!

Alles, was Wesenhaftes bis in den Stoff vorbildend gab, dürfet Ihr erkennend im Stoff vollenden. Daß ewig rein und unverbogen sei das heilige Reich Eures Gottes und Herrn!«

In einer Rosenlichtwolke eingebettet saß Holda und lauschte, golden flammend umgaben sie die Worte aus dem Munde jener hohen, engelsreinen Himmelskönigin, die auf Strahlenströmen ste-hend ihre Kraft herniedersandte. Lichtstrahlend, die Sternenkrone auf ihrem Haupte, umweht von Himmelsatem und umgaukelt von einer Schar lieblichster kleiner Lichtwesenheiten.

»Halte den Namen fest in Dir und harre seiner Hilfe!«

 

Dies waren die letzten Worte aus dem leuchtenden Munde. Dann wurde das Licht der Rosenschleier matt, das tieblaue, sternenfun-kelnde Wallen des heiligen Mantels schwand, Licht löschte Licht, schwand in sich selbst zurück, stieg höher, immer höher und senkte auf feinen, lichten, in Liebe bereiteten stützenden Fäden den Geist Holdas in das irdische Gefäß zurück.

Heiliges Rauschen der Harfen umtönte den Tempel Gottes, in dem die erste vom Licht gerufene Priesterin des Herrn die erste Nacht im Gebet verbrachte.

Und sieben Tage verbrachte Holda in dem heiligen Raume. Sie-ben Tage und sieben Nächte. Es war ihr Bedürfnis gewesen, sie ver-mochte es nicht, sich von der heiligen Stätte zu trennen. Wohl ging sie, nach meist völlig durchwachter Nacht, während deren sie viele heilige Wahrheiten aus dem Lichte erfahren durfte, in die Räume ihres eigenen großen Hauses, um nach den Ihren, nach der Arbeit und nach den Gärten und Tieren zu sehen. Die Kinder und deren gleichaltrige Genossen waren jedoch so gut eingearbeitet und ein-gewöhnt, daß sie stets alles in Ordnung fand.

Mit Freude sah sie, wie die Blumen und Früchte unter den Hän-den der jugendlichen Frauen gediehen, wie die Tiere täglich an Kraft und Schönheit zunahmen und alle Erdarbeit voranschritt. Jungfrauen und Jungmannen taten das Ihre mit großer Freude, froh, endlich zeigen zu dürfen, was sie allein vermochten.

Die Sommersonnentage wollten bald eintreten, da mußte alles festlich gerüstet sein.

Auf Holda, ihre Freundin, die aller Mutter und Führerin war, blickten sie mit inniger Verehrung. Seit kurzem aber mit ehr-furchtsvoller Scheu; denn sie fühlten, daß besondere, lichte Kräfte um Holda woben. Sie erschien ihnen oft so ferne. Sie, die allzeit Tatbereite mit den klaren Augen für alles Tatsächliche war manch-mal wie entrückt.

»Weben nicht Lichtschleier um sie, von einer Zartheit und war-men Leuchtkraft, wie sie nur unseren Tempel durchziehen?« spra-chen die beiden Begleiterinnen, die Holda die liebsten waren.

»Was mag es sein, daß sie so einsam in den Tempel zieht?«

»Holda betet, sie spricht dort im Geiste mit den Lichten, die ihr Kun-de von allem geben, was die Menschen durch sie erfahren sollen.«

 

»Und ich glaube, sie erfährt noch viel, viel mehr, als sie uns sagen darf. Innig und in sich gekehrt ist ihr Angesicht, still, voll Güte und Klarheit, es trägt den Glanz innerster Glückseligkeit. Sie erfährt die Geheimnisse der lichten Kräfte, mit denen sie uns zu Weisheit und Freude, zu Arbeit und Erfolg verhilft.

Sehet, wie sie schreitet, wie sie sich kleidet und schmückt, wie jede ihrer Gebärden den hohen Grad der Schönheit, Beherrschung und geistigen Sitte trägt. Edelsinn ist jeder Atemzug, und völlig selbst-verständlich, so, wie die lichten Helfer selbstverständlich anmutig in jeder Bewegung, jeder Tat und jedem Ausdruck sind. Sie wächst in eine wunderbare Höhe, unsere liebe Frau, die für uns alle Mutter ist. Wie ihr die Weisheit Lichtvaters von der Stirne leuchtet!«

So sprachen die Mägdlein, die jungen und die alten Frauen, deren es im Stamme jetzt schon viele gab. Und alle waren einer Meinung. Es gab nicht Unwahrheit, nicht Schmiegsamkeit noch Berechnung. Wahrhafte freie Menschenfrauen waren sie alle.

Sie bereiteten sich alle in Freude und Andacht auf die Feier, die Hjalfdar am Sonnentage zu Gottes Ehre halten wollte, indem er dem Herrn das Haus auf Erden weihte. -

Hjalfdars Rückkehr war angesagt. Er wollte mit vielen Mannen und viel Jagdbeute kommen. Die Sage von dem wunderbaren wei-ßen Einhorn, das Hjalfdar wie ein treues Haustier folgte und ihn auf dem Rücken trug, war längst emporgedrungen zu dem Heiligen Berge.

Holda lächelte nur und nickte dazu. Sie wußte, daß dieses Tier bestimmt war, Hjalfdar noch weit über Land zu tragen.

Es raunte und rauschte auf Erden, es raunte und rauschte beson-ders um die heilige Höhe, da alle Helfer, alle Lichten, alle Wesen-haften der heiligen Stunde harrten, da Gotteskraft bis auf die Erde kam.

Eine unermessene Weite und Fülle der Wesenheiten machte sich bemerkbar, und die Stille und Feierlichkeit der Natur steigerte sich von Stunde zu Stunde. Auch die Tiere merkten etwas, und alle Pflanzen. Eine Fülle von Vogelscharen zog heran, eine Fülle, wie sie bisher auf diesen Höhen nicht zu sehen gewesen war.

Ein Singen und Jubeln, ein buntes, jauchzendes Schwirren erfüll-te die Hänge der Gärten und die Halden.

 

Abends aber, wenn die Tiere der grobstoffiichen Schöpfung er-müdet einschliefen und die Stille der Nacht leise aus dem Westen emporstieg, dann begann das Raunen und Singen der Wesenhaften in allen Schichten ihrer Bestimmungsbereiche.

Dann öffnete sich dem Menschengeiste Tor um Tor, Stufe für Stu-fe, zu immer reicherem Erleben und Erfassen, ganz der Art seiner Bestimmung entsprechend. Und Gleichart kam zu Gleichart.

Alle wesenhaften Führer der Elemente richteten in gleicher Wei-se wie die Menschengeister ihren heiligen, vorbildlich geschaffenen Saal zum Empfang der Gotteskraft, die aus höchsten Höhen in die Schöpfung sich ergießt. Ebenso die goldenen Gärten der Huldin-nen, deren schönste und reinste die Schützerin und Helferin der frühlingsblühenden Fluren war, Freia, die Holde, geheißen. Mit Sil-berglanz des Mondlichtes übersponnen sie die Nächte und sangen ihre jubelnden Blumenlieder zu Gottes Ehre.

Und es senkte sich in den ersten heiligen Tempel Gottes auf Erden ein strahlender weißer Stein herab, der war aus Licht. Aus höchsten Höhen kam er und verbreitete eine blendende Helle in dem weißen Raume. Aus ihm aber klang eine gewaltige Stimme, kam eine mäch-tige Kraftwelle, die es verursachte, daß Erde und Himmel an diesem Tage erzitterten. Es war in der Mitte der sieben heiligen Tage, da Hol-da zu ihrem Dienst und zu ihrer Weihe im Tempel vorbereitet ward. Sie durfte einen Weg machen, von unten empor durch die Ebenen der Schöpfung, die sie erkennen mußte, zur Hilfe an der Menschheit.

Die Stimme aber sprach:

»Ich Bin, der da aus dem Vater gekommen ist! Ich bin das Leben und die Kraft und das Licht der Schöpfung. Ich bin der Anfang alles Geschaffenen und des Ungeschaffenen. Ich bin der Ausgang und der Eingang für Euch Menschengeister, niemand kommt zum Vater, denn durch das Tor, das ihn ausgesendet und wieder einlas-set, wenn er gerecht seinen Weg geht, den Weg des Gesetzes! Ich tue Dir Deine Augen auf, auf daß Du mich erkennest sogar in der weiten Ferne, da Dein Geist jetzt weilet auf Erden.

Ich gebe Dir und Deinem Gefährten auf der Wanderung durch das tiefe Tal meine Gebote, die die Gesetze meines Vaters sind!

Was sich in der Schöpfung erfüllet, das ist vorgezeichnet in dem großen Buche, und was sich durch ihre unumstößlichen Gesetze entwickelt, wird darein geschrieben mit unauslöschlichen Zeichen. Was Ihr nun empfangen werdet, das haltet! Haltet es, bis sich die heiligen Kreise der Wandlungen Eures Seins erfüllen, und ewig wird diese Schöpfung in dem Lichte, daraus sie geworden, wie ein weißer, kristallklarer Stein in den heiligen strahlenden Wellen gött-lichen Urlichtes schwingen, als ein Edelstein in der Krone meines Vaters.«

Holdas Augen taten sich weit auf, und sie sah, daß der Stein, der ganz aus Licht war und die Form eines wunderbaren Kristalls hatte, sich in der weißen Schale des Tempels niederließ und bewegte.

Es bildeten sich und schwanden wieder ganz wunderbare For-men, und Holda sah die heiligen Bilder, die Hjalfdar mit goldenem Griffel in die Mauern und Platten des Tempels gezeichnet hatte.

Da war als erstes das strahlende Kreuz. Seine lebendige Kraft zeigte ihr auf lichten Strahlen Bild um Bild ungeheueren Schöp-fungswirkens. Holda war nicht imstande, die dauernd beweglichen Einzelheiten aufzunehmen.

Dann aber zeigte sich das Kreuz mit der lichten Umkleidung ei-ner übermenschlichen Idealgestalt.

»Dieses ist Parzival, mein Sohn«, sprach die Stimme der Allmut-ter, »und siehe, wie er die Schöpfung mit goldenem Stabe regiert. Aus seinem Haupt aber strahlet die Kraft der Gerechtigkeit und aus seinem Munde strömt das lichte Schwert der Wahrheit. Es ist das Wort, das er kündet. Unabänderlich steht sein Wort; denn er ist das Wort und in ihm ruht das unverrückbare Gesetz. Es trägt in sich auch alle Kraft der Erfüllung, bis in die tiefsten Endauswirkungen dichtester Stoffiichkeit.«

Und wieder hörte Holda die gewaltige Stimme:

»Euch Menschengeistern ist die Gnade worden, all dies zu er-kennen, zu wissen, zu verwalten und zu bewahren in Eurem Ge-dächtnis. Haltet, was Ihr habt, dann werde ich wieder kommen und durch die lichten Reiche meiner Schöpfung ziehen in Liebe! Hjalf-dar wird es den Menschen künden, was ich in dreien Tagen Dir noch geben werde als das Gebot meines Vaters.«

Die gewaltige Stimme schwieg. Auch das rosige Goldlicht war ge-wichen, der weiße irdische Sockel mit der Schale erglänzte noch in den Ausklängen entschwindenden Gotteslichtes. Die hohen, weißen, ritterlichen Gestalten, die von der Kraft des Herrn alle in wei-tem Umkreis zurückgedrängt waren, traten wieder stärker aus dem Lichte hervor.

Holda, die alles wohl aufgenommen, aber nicht in so hohem Gra-de die Kunst der Aufzeichnung verstand, wie Hjalfdar, trug Sorge, sie könnte etwas falsch verstanden oder vergessen haben, was der leuchtende, weiße Herr gesprochen hatte. Und immer und immer wieder bewegte sie alles in ihrem Gedächtnis. Sie wünschte, die Kraft der Lichten möchte Hjalfdar herbeirufen, daß sie gemeinsam die Gebote des Herrn empfangen möchten. Und so geschah es.

Ein brausender Jubelruf ließ die heilige Halle erbeben. Von weit-her erklang er und das Singen der Jungmannen, das Klingen der Freudeninstrumente schallte dazwischen. Immer näher kam es der heilig-ernsten Höhe. Dann aber verstummte der Lärm, mitten im Lager auf weitem Platze hielt der Zug.

Viel Mannen waren mit emporgekommen aus den Tälern. Freu-de, Glanz und Weihe lag in ihren Mienen. Reiche Ernte hatten sie mitgebracht, die kräftigen Tiere zogen niedere, flache Wagen auf Rollen, die schwere Lasten aufwiesen. Früchte, herrliche glänzende Hölzer, Speere und wunderbare Hörner, leuchtende Metallgegen-stände und Gefäße von feinster Arbeit für den Tempel. Auch bunte Pflanzenfaserteppiche und leuchtend gefärbte Wolle. Die weißen und zartgrauen Rinder waren mit Blumen geschmückt, bunte Dek-ken zierten ihre Rücken.

So ging schweigend ein langer Zug Hjalfdar voran. Dann kam das Schönste. Weißgekleidete Jungmannen, grüne Zweige schwenkend, umringten Hjalfdar, der auf dem Einhorn ritt. Ruhig und gerade saß die große Gestalt auf dem wunderschönen weißen Tiere, das stolz und sanft seinen Herrn trug. Viele Männer mit Jagdbeute und Frauen und Kinder beschlossen den Zug. Als sie vor Hjalfdars Haus angelangt waren, hielt er sein Reittier an, grüßte sie und dankte ih-nen.

»Nun gehet auseinander, meine Lieben, und versorgt das Nötige. Ich will allein nach dem Hause meines Herrn reiten, wie es mir an-befohlen ward! Ich grüße Euch!«

Mit erhobener Hand ritt er durch ihre Reihen, die sich grüßend vor ihm neigten.

 

Die stillen Schatten des Gotteshauses hatten Hjalfdar aufgenom-men, unter der Türe hatte ihn Holda, sein Weib, leuchtenden Auges gegrüßt. Hand in Hand schritten sie in den Tempel, ein Blick hatte zur Verständigung genügt. Kein Wort wurde gesprochen.

Ohne Mahnung hatte Hjalfdar sein Reittier entlassen, das um das Heilige Haus friedlich zu äsen begann. Dann legte es sich nieder wie ein zahmes Reh, den Blick unverwandt auf das Tempeltor ge-richtet. Stille schwang in lichten Wellen um das Haus Gottes, das in wunderbarem Glanze erstrahlte, innen breitete sich der Friede und stieg wie eine lichte Brücke empor in die höheren Ebenen, die beiden Menschengeister tragend, die ihres Amtes harrten.

Es mochte eine stille Stunde der Sammlung vergangen sein. Die Schatten des Abends waren tiefer geworden, da begann ein leises Klingen, nur geistigem Hören vernehmbar. Rosenfarbenes Licht kam mit diesem Klingen gleichzeitig herab.

Es war, als tauche das Rosenrot der Abendsonne den ganzen Berg in seine zarten Gluten. Lichtkreise um Lichtkreise kamen von oben und strömten wieder nach oben zurück, und eine Stimme sprach:

»Siehe Mensch, wie Du wandeln sollst durch die Schöpfung!« Ein weißer, blendend feiner Strahl kam durch die runde Sonnen-

öffnung herab in die weiße Schale. Auch er war nur dem Geistauge sichtbar, und das Zusammentreffen mit dem weißen Stein im Stoffe ergab eine Ausstrahlung, eine Bewegung, eine Reibung, die Licht, Ton und Wärme bewirkte. Eine starke Kraft löste sich aus. Wären die beiden Menschengeister nicht so rein und geöffnet gewesen, so hätten sie diese Kraftzufuhr wie eine kaum zu ertragende Spannung empfunden, so aber trug sie dieselben noch helfend empor, durch-glühte und erhob sie zur Befähigung vollkommenen Erfassens.

Einer weißen Wolke gleich wallte das übermächtige Licht aus der Schale, und immer klarer sahen die Geister den hellen, kristallwei-ßen Stein, in dem sich alles Gesetz zeigte, erfüllte und entwickelte. Sie erkannten dabei den, der über dem Gesetz thronte und es der Kreatur künden sollte.

»Siehe, es sind die heiligen Grundgesetze Gottes«, so sprach der Herr.

Er war leuchtend wie die blendende Sonne, sein Haar und sein Gewand weißer wie der Schnee, seine Augen wie goldene Flammen und seine Stimme wie das Klingen eines strömenden, tönenden Flusses.

Sie war zart und voll Liebe wie leises Windesrauschen, aber auch erschreckend und drohend wie das Grollen der Donner.

Alles Wesenhafte zog sich in dieser Stunde um die heilige Höhe und lauschte in Andacht der Stimme Gottes. Eine Wolke umhüllte den Berg des Herrn, die ihn wie trennend vom übrigen Stoff der Schöpfung schirmte und emporhob.

»Hjalfdar, Du erstes Reis, Du Ursame alles Nachgeschaffenen, den ich auf Deine Bitte hin aussandte zum Dienst im Kreislauf durch die Schöpfung, höre mein Wort!«

Die Stimme schwieg und es verging eine Zeit, bis das große Rau-schen und Klingen wieder anzuheben begann:

»Siehe meinen Willen, der da vor Deinem Auge erstrahlet, wie Du ihn einst erkannt zu Patmos, dem Punkte Deines Ausganges. Höre meinen Willen, der da ist das Gebot und die Vollstreckung meiner Gesetze und das Gesetz selbst!«

Und wieder schwieg die Stimme eine geraume Zeit. Dann kam sie zum dritten Male:

»Nimm Deine Tafel und den Griffel und schreibe getreu Wort für Wort, das mein Wille Dir kündet!«

Holda hatte den weichen Stein und den scharfen, goldenen Griffel Hjalfdars längst bereit, und sie reichte ihn hin.

»Siehe, ich gebe Dir die Grundgesetze meiner Schöpfung, Hjalf-dar, daß der Menschengeist aus meinem Worte wisse, wie er zu wandeln hat in dieser Schöpfung, auf daß nicht Schicksalsfäden seinen Weg verhüllen.

 

Schreibe:

  1. Ich bin der Herr, Dein Gott! Erhebe keine andere Regung des Empfindens in die Höhe Deiner Liebe zu mir! Darin ruht für Dich der feste Anker, der Dich unbeirrt den lichten Höhen Deines Ur-sprungs wieder zutreibt.

  2. Halte die Liebe zu allem Geschaffenen als meine Gabe, als das höchste Gut! Ehre es in dem Empfangen wie im Geben als mein Eigentum.

  3. Erhalte Dir Einfachheit im Denken, Reden und Tun, damit Du

 

nicht einsinkest in Verworrenheit und Flachheit! Damit erhältst Du das Gesetz der Bewegung, Schönheit und Harmonie.

  1. Füge keinem meiner Kreatur Leid zu um eines Begehrens wil-len irgendeiner Art; denn Liebe allein kann Euch emporhelfen!

  2. Empfange die Hilfe der Wesenhaften in dankbarem Erkennen meiner Liebe, dann wird stets Harmonie Euch gegenseitig verbin-den und Ihr werdet Herren sein in meiner Schöpfung!

Wenn Ihr diese Grundgesetze meiner Liebe haltet, dann wird Euch Gerechtigkeit, Liebe und Reinheit stärken in Ewigkeit!«

 

Der Tempel des Herrn war von dieser Stunde an mit einer großen Lichtkraft erfüllt. Die Töne der Harfen rauschten im Nachtwinde über die Höhe und ein blendend strahlender Stern schien über dem Sonnenrund der Halle. Er warf seine blaublitzenden Strahlen auf den weißen Stein. Hjalfdar und Holda kannten ihn, kannten die Kräfte seiner Ausstrahlung und freuten sich, daß er gerade jetzt in den Tagen geistiger Hochspannung so gebieterisch den Himmel beherrschte.

Sie kannten die reine Wesenheit, die ihn umwob. Astarte war es, die klingende, leuchtend Reine, die den Menschen auf dem Wege dieser Strahlungen die Seele frei machte und anregte für das Be-greifen alles Schönen, Edlen und Reinen.

Sie förderte die Schönheit der Tönebildung im Stoff, sie regte an zur Formung alles Schönen, das der Geist dem Körper unbewußt aus höheren, lichteren und reinen Gefilden schöpfte und diesem übertrug. Sie förderte das Bewegen in Schönheit und Reinheit, das sie oben in den lichten Reichen erfaßte und nach abwärts entfaltete. Und nun wußte Astarte, daß der Boden zur Entwicklung aller hei-ligen Gottesgaben hier in dem Tempel war. Sie empfand das emp-fangende Geöffnetsein Holdas und verband sich ihr mit besonderer Huld. Sie stärkte dadurch nicht nur das Wirken in allem Stoffiichen, sondern sie half auch, die feinen Fäden nach oben ins Geistige im-mer mehr und mehr zu durchglühen und zu festigen. Dabei knüpfte sie das Menschenweib mit dem Geiste in die heiligen Gesetzesfäden der Reinheit und Schönheit ein. Das Menschenweib Holda wußte es zwar nicht, empfand aber bald in reichem Erleben alle Folgen davon.

 

Hjalfdar hatte des Herrn Gesetze in einem weißen Stein mit gol-denem Griffel eingegraben und dann mit Gold eingelegt. Diese Ta-fel wurde an dem weißen Stein, dem Altar, angebracht.

Darauf stand die geöffnete Schale, die Gotteskraft-Strahlen er-wartend.

»Nun ist alles bereit! Siehe, Holda, wie die Lichten und die Geisti-gen ihre Strahlen wie Fäden mit dem Tempel verbunden haben. Ich sehe nicht eine Lücke. Alles ist wie ein goldenes Netz fest gespannt, straff und rein, voll Lebensstrom. Wir haben einen Punkt auf Er-den, auf den Gotteskraft wahrhaftig herabsteigt und in Verbindung bleibt. Siehe, wie die goldenen Ströme von Sphäre zu Sphäre sich immer mehr verdichten. Wie weiße Stufen sind sie oben und füh-ren breit, hoch und gewaltig hinab, immer dichter werdend. Aus allen Sphären neigen sich uns Helfer. Alles ist in uns gelegt und der Herr durchglüht uns mit seiner Kraft!«

»Heute ist der letzte Tag unserer Vorbereitung. Wir werden aus seinem Mund vernehmen, wann wir dem Volke sein Heiliges Haus öffnen dürfen.«

Holda erfüllte eine hohe Spannung, sie wußte, daß diese anhalten würde, bis die Feier der Weihe vollzogen war. Immerfort war ihr, als klänge noch die dröhnende Stimme des Geistes Gottes über ihr, immer vernahm sie das Wort seiner Gebote, stets in einer Weise, einer Form, daß ihr die ungeheuere Weite derselben immer klarer, auf das Erdenleben übertragbarer erstand.

Dadurch ward in ihr die Fähigkeit geweckt, völlig in dem Gesetz zu schwingen und es den anderen lebendig erfaßbar zu machen im Alltag. Es war eine so starke Arbeit und Bewegung des Geistes in Holda, daß sie in wenig Stunden große Überblicke gewann.

Von oben nahte sich ihr eine schöne, flammende Lichtgestalt.

»Mirjam« war der Name ihres Geistes. Sie war weiß und rein. Ein weiches, fließendes Kleid umhüllte, umwallte den zarten Lichtleib, der wie eine Flamme war.

»Ich komme aus den Gärten der Reinheit im Paradiese Gottes, die ich durch des Herrn Liebe durchwandern darf, um der Reinheit Krone zu dienen. Du mußt noch wissen von der Tugend der Reinheit, die im Göttlichen als weiße Blume blüht. In Parzivals, des Gralskönigs heili-gem Reich ist sie verankert in ein Gefäß höchster Gnade: »Irmingard!«

 

Ich werde Dir ihre lichten Gärten weisen, Du wirst dort die wahre Reinheit in dem höchsten Sinne erschauen dürfen.

Du mußt nicht wähnen, daß Ihr schon am Ende wäret all der ho-hen Erkenntnisse, die Gottes Gnade der Menschheit vorbehalten hat, weil Euch all das Erlebte so übermächtig erfüllt. Ihr Menschengeister steht vielmehr am Anfang. Nun beginnt für Euch der Weg, den an-deren zu übermitteln, was Euch geworden ist. Bald wird der Herr das Wort sprechen und ein Teil aus Eurer Mitte wird mit Hjalfdar ziehen, den Menschengeistern das Wort unseres Herrn zu sagen.

Aus ihm wird es strömen wie ein sprudelnder Quell, der die Dur-stenden tränkt. Weit lichtet sich der Erdenball und zeigt Euch krei-send die Stätten, da Menschen wohnen.

Ausziehen wird Hjalfdar als ein Sieger und ein Verkünder und die lichte Kraft des Herrn wird ihn geleiten!«

Und wieder erfüllte eine starke Kraft den heiligen Raum, so gewaltig und brausend, daß es die beiden Menschen in die Knie zwang. Erschüttert beugten sie sich vor den gewaltigen Fluten der Kraft, die da herabkamen.

Helle war in dem ganzen Raume. Blendend zitterte das Licht über die goldenen Bilder und Schriftzeichen an den Wänden und die Schale des Altars strahlte in wundervoller Reinheit und Glanz.

Der Name »Imanuel« schwang durch den Tempel. Im Ton erklang er wie das Brausen eines mächtigen Sturmes, in Farben strömte er aus dem Licht der Schale, in vielen bunten Strahlenbrechungen er-glänzte er als Stern an dem weißen, mit Gold geschmückten Stein-boden.

Strahlen kamen zurück nach oben wie Garben, die immer wie-der in ihrer tiefsten Mitte den heiligen Strahl Gottes empfingen. Im Kreise senkten sich die Ewigen herab - Holda und Hjalfdar durften sie wieder erschauen - und dann erschien aus seinem Licht sich formend - Parzival.

»Höre, Hjalfdar, Du Brücke zu den Geistsamen der Nachschöp-fung. Ich habe Dir meinen Namen gegeben. Ich habe Dir auch ge-geben die Grundgebote meines Vaters, daß Du die Menschen füh-ren mögest auf seinem Wege, damit sie nicht in die Irre gehen.

In dreien Tagen ist die heilige Stunde, da sich die erneuernde Kraft der ganzen Schöpfung spendet. Ich komme bald! Führe Dein Volk in mein Haus, daß es Teil habe an der Ausgießung des Heili-gen Geistes im vollen Bewußtsein der Größe und Liebe des Gottes-geschenkes. Ihr aber, Du, Hjalfdar, und Dein Weib, rüstet Euch im Haus, so wie Ihr mein Haus bereitet habt, mich zu empfangen. Und alles Volk, auch das aus den Tälern, soll das Gleiche tun. Schließt nun die Tore! Kein Fuß soll diese Hallen mehr betreten nach dieser Stunde denn der Deinige. Und dieser auch erst dann, wenn Du, Hjalfdar, dem Volk die Tore öffnest.

Achtet meiner Worte und befolgt sie. Achtet auch meines Kom-mens in der Feier, zur höchsten Stunde. Denn dann werdet Ihr mich nicht mehr sehen! Doch wenn Ihr mich im Geist sucht, mit Eurer ganzen Sehnsucht, dann werde ich mich immer finden lassen.«

Das Licht war immer größer, leuchtender und stärker geworden. Wie eine Säule drang es oben herab. Dann aber, da die Heilige Stim-me verklungen war und auch das Heilige Angesicht mit den strah-lenden Augen entschwand, wurde es matter und matter im Raum und stieg ganz leise immer höher, bis es ganz verging.

Hjalfdar und Holda kam ein Frösteln an, sie waren tief erregt. Eine große Schwäche erfüllte ihre Glieder, eine gewaltige Schwe-re den brennenden Kopf. Sie mußten sich erst dieser allergrößten Kraft anpassen lernen. Nüchtern, kahl und trüb erschien der heilige Tempel im Tageslicht der Erde. Matt erschien die Welt, als sie die Tore verließen und sorgsam versiegelten. -

Von ferne sah das Einhorn seinen Herrn, es trabte eilig heran. Hol-da strich ihm über die weiße Mähne. Leise wiehernd schmiegte es seinen Kopf an ihren Arm. Hjalfdar führte es nicht und bestieg es nicht. Er ging mit Holda den Bauden zu, ihre blonden Haare, ihre weißen, langen Kleider wehten im Winde, strahlten im Sonnenlicht.

»Die Riesen sind da! Sieh, wie sie pünktlich kommen, um den Tag des Festes hier nicht zu versäumen. Sie warten in der Nähe, sie führen viel andere Wesenheiten heran.«

»Ja, die Nächte werden jetzt hell, wenn sie alle erglühen, die da dem Herrn dienend nahen«, sprach Holda. »Siehe die Blumen. Sie heben ihre Häupter, sie blicken mit strahlenden Augen zum Him-mel. Jede hat ein Krönlein von Licht um ihr Haupt.«

Als Hjalfdar mit Holda dem großen Gehöft zuschritt, kam ihnen das ganze Lager entgegen, mit allen Gästen. Spiel von vielerlei Harfen ließ sich vernehmen. Reigen wurden geschritten auf den kurzen Matten, die Mägdlein übten Tänze zu Ehren des Herrn. Viele Chöre sangen, jeder für sich, aber die gleichen Weisen. Es waren heilige Lieder an die Schönheit in den Fluren, an die Ferne des Himmels und an die Fülle der Gestirne. Dann aber auch Bitten.

Bitten und Sprüche, um die Wesenhaften zu verbinden. Es klang so viel Achtung, Dank und Liebe darin. Holda freute sich. Es waren Weisen, die sie und Hjalfdar empfangen hatten. Manche stammten auch direkt von der Urd.

Die Urdslieder hatte Holda besonders gerne. Sie freute sich an ih-rer ursprünglich reinen Frische. Die Stimmen der Jungen klangen hell und klar, fast kalt.

Die Stimmen der Alten aber voll, weich und tief. Auch die Frauen hatten keine hohen Stimmen, aber sie waren klar und kamen wie Tropfen von oben herabgefallen.

»So singen die Ewigen oben in jenen Gärten, von denen Mirjam mir sprach. Nur ferner, höher, heiliger ist dort noch der Klang, aber die Reinheit ist schon da!« Sie schritt zu den Frauen und sprach auf-munternde, liebe Worte. Dann ließ Hjalfdar alle zusammenrufen.

Auf der großen Heide, nahe des Sees, lagerten sie, Hjalfdar in ih-rer Mitte. Dann stieg er auf einen Stein. Alle überragend, blickte er im Kreise und hob die Hände:

»Ich grüße Euch! Ich, Hjalfdar, der Diener Lichtvaters, der uns den Namen gegeben hat. Ich darf durch meinen Mund Euch kün-den: Die Stunde ist da! In dreien Tagen, wenn die Sonne den höch-sten Punkt erreicht, dann ist der heilige Augenblick gekommen, wo sich des Herrn Liebe in Gnaden allen Geschöpfen neigt. Aus dem Born des Heiligen Grales strömt Gottes Kraft herab in die Schöp-fung. Öffnet Euch in Sehnsucht und Reinheit, schmückt Eure Häu-ser, Eure Seelen, daß auf den reinen Wegen Eures Wollens die reine Kraft des Höchsten ungehindert in Euch strömen kann im heiligen Tempel des Herrn! Amen.«

Gesenkten Hauptes, voll Freude in Demut, gingen sie still ausein-ander.

 

Die folgenden Tage waren von Licht und Bewegung erfüllt. Eine schweigende leuchtende Kraft lag beseligend und stärkend über den Fluren. Holda allein vermochte bewußt die helfenden schmük-kenden Hände hoher Lichtwesenheiten zu erfassen. Die anderen empfanden sie nur, als hielte die ganze Welt beglückt den Atem an, um des Lichtes Fülle nahen zu hören.

Zug um Zug kam von unten aus den Tälern zum Berge. Keiner mochte zurückbleiben. Die weiten Rasen wurden mit Fellzelten bestellt. Trotz des geschäftigen irdischen Treibens blieb doch die heilige Ruhe des Feiertages machtvoll vorherrschend. Es war Friede auf dem Berge.

So kam die große Stunde. Als die Sonne sich dem Mittagspunkt des dritten Tages nahte, da öffnete Hjalfdar den Menschengeistern das Tor in das Haus Gottes. Schweigend tat es sich vor ihnen auf, schweigend wurde es betreten. Dann hoben die Gesänge an. Hjalf-dar stand an dem weißen Steine und sprach zu den Menschen. Er kündete ihnen die aus der Höhe empfangenen Gebote und sprach ihnen von der Wirksamkeit aller lebendigen Kraft in ihrer Erfül-lung. Dann sprach er ihnen von dem Quell des Lichtes, daraus diese Gebote geflossen waren, von den hohen Geistern, den Urge-schaffenen im Heiligen Gral.

Da knieten sie alle, die im Kreise um den Stein standen, nieder. Und in diesem Augenblicke geschah es zum ersten Male: Es stand die leuch-tende Sonne direkt über dem weißen Steine des Tempels. Ihre Strah-lenfülle ergoß sich mit ganzer Kraft hinab durch das Strahlenrund der Decke. Es war, als sängen viele Stimmen aus weiter Höhe. Hjalfdar stand umflossen vom Sonnenlicht und hob seine Arme empor.

»Herr, gib mir Kraft, daß ich allzeit Deinen Heiligen Willen erfül-le!« sprach seine Stimme, und dann begann das gewaltige Brausen.

Eine weiße Lichttaube ward sichtbar und senkte sich tief herab auf die weißleuchtende Schale. In diesem Augenblick segnete Hjalf-dar die Menschen. Ströme lichter Strahlen drangen durch ihn.

Er sah Parzival, sah liebliche, leuchtende Frauen und empfing die Kraft des Herrn. Immerdar stand die Taube vor seinem Auge. Er hörte die eigenen Worte nicht, die er wie von oben durchdrungen zu den Menschen sprach.

Er sprach ihnen von der Verwirklichung der Gesetze und von dem weiteren Aubau an dem Tempel Gottes, sprach von der Aus-breitung ihres Wissens zur Hilfe der Geistflammen auf Erden. Also erfuhren sie, daß Hjalfdar sie bald verlassen würde, um anderen Menschen von dem allmächtigen Gott zu sagen.

Dann rief er sich aus der Schar einen kleinen Teil, die er beson-ders bereiten wollte, um ihn zu begleiten. Als dieses geschehen war, sprach Hjalfdar nochmals das Gebet. Darauf gingen sie unter dem rauschenden Klang der Harfen hinaus. Als Letzte folgten Hjalfdar und Holda.

 

Nach dieser Feier war es, wie Holda gekündet worden: sie sahen die hohen Lichten nicht mehr. Aber ihre Hilfe und Kraft wirkte noch le-bendiger denn zuvor durch die Menschen und immer mehr breitete sich Schönheit, Wohlstand und Sitte aus in dem Volke des Lichtes.

Wie an einem strahlenden Teppich woben die Menschengeister an dem Schicksal und nahmen weise die führenden, leuchtenden Fäden auf, die ihnen Wesenhafte und Geistige liebend knüpften.

Golddurchwoben, bunt und blumenreich lag die irdische Straße vor ihnen und sie gingen sie in dankbarem Erkennen immer lichte-rem, schönerem Schaffen zu. Hjalfdar freute sich. Kein Aufenthalt trat ein, es steigerte sich immer mehr die freudige Bewegung lich-ten Schaffens und Helfens.

Im Verein mit den Wesenhaften glückten ihnen wunderbare Wer-ke auf jedem Gebiete. Vor allem führten die Wesenhaften zu immer größerem Aubau in der Natur. Die Pflanzen wurden immer schö-ner, herrliche Gärten schmückten die Hänge und Höhen. Die Tiere gediehen zu immer größerer Kraft und alle waren voll Liebe.

Die Drachen waren völlig abgewandert, dafür mehrten sich aber die Vögel. Keine Schlammechsen waren mehr in den Tiefen; denn der Boden dieser Gründe hatte sich dort verändert und wurde teils bebaut mit einem Samen, der das Korn zu herrlich schmeckenden Broten ergab.

Die Nahrung der Menschen änderte sich, dem sonnig warmen, luftigen Klima entsprechend, immer mehr. Reiner und klarer ent-wickelte sich daraus der organische Aubau ihrer Körper. Mit die-sem Hand in Hand ging aber auch die Veredelung und Entwicke-lung der Geister und des irdischen Verstandeswirkens.

Singend schwang das Gleichmaß der Vollkommenheit in der hei-ligen Schöpfung Gottes, des Herrn.

 

 

 

ZWEITER TEIL

 

Gewaltig zogen die weiten Wogen des Weltenmeeres mit seinen unermeßlichen Tiefen. Sie umsäumten die großen Flächen festen Landes, die vielgestaltet und abwechselnd in ihrer Bodenbeschaf-fenheit aus diesen blaugrünen, gischtenden Fluten leuchteten. Oft weiß und schimmernd wie seifiges Kalkgestein, dann wieder röt-lich, dann von mildem Grün. Mitten aus den wogenden Fluten hoben sich kleine, grauweiß schimmernde Hügelketten, aus denen Rauch, Qualm und sprühendes Feuer hervorbrach.

Dampfende, ausgedehnte Ebenen nahezu kochenden Schlammes schleuderten zuckende Glut empor.

Über all diesem walteten die Elemente unter der Führung und in der Auswirkung des wesenhaften Wollens. Um den ganzen Erd-ball spannte sich die feine Hülle dieser Auswirkungen. Lichthell und kristallrein in schimmernd luftigem Blau schwebten die Helfer über den stoffiichen Dichten dahin und durchdrangen belebend al-les mit ihrer anbetenden Tat.

So mannigfaltig die aufheimenden Gründe des festen Landes wa-ren, so mannigfaltig entwickelten sich auch die Geschöpfe, die aus ihnen hervorgingen.

Jede Art des Bodens und der darauf entstehenden Natur hatte die entsprechenden Tierformen, deren Lebensbedingungen sie er-zeugte. In zackigen Buchten des großen Meeres, die so gewaltig an Ausdehnung sich zeigten, daß ein Menschenauge nie von einem ihrer Ufer zum anderen zu reichen vermochte, dehnten sich Insel-gruppen. An ihren Gestaden wuchsen saftige Gründe von feinem, sehr hohem Gras. Darunter standen noch Sümpfe. Stundenweit, tageweit manchmal streckten sich diese Ebenen.

Nach nördlich-östlicher Richtung zu wurde Luft und Licht rau-her und grauer. Weithin rauschte es im fernen, undurchdringlichen Urwald, donnernd und brausend antwortete an den vorgelagerten Klippen das Meer.

 

So unermeßlich weit dünkten diese Fernen dem Erdenmenschen, mit einem Blick aber überschauten und durchdrangen sie die We-senhaften und die Geister.

Aus den Tiefen des Meeres hoben sich ihnen helfende Hände gleichgearteter Helfer entgegen, und es blickten die Steine und Blu-men, Gräser und Bäume wie Einzelwesen lebend, webend, atmend zu ihnen empor. In Scharen und Heeren bildeten die gewaltigen Baumriesen Urwälder von smaragden dunkler, domhafter Tiefe und Feierlichkeit.

Wie freuten sich die Wesen an den berauschenden Akkorden, die ihre Wälder atmeten. Lange Erdenleben reichten nicht aus, die ab-wechselnde Fülle dieser Töne, Akkorde und Melodien einzufangen, die immer wieder neu der Wald gebar.

In Rudeln bewohnten ihn große, schon entwickelte Tiere. Ech-senarten von mächtiger Höhe bevölkerten den sumpfigen Grund, reichten mit langen, biegsamen Hälsen hoch empor über die schwingenden Gräser und holten sich mit einem Biß ganze Äste und Bäume zum Fraß.

In der Umgebung dieser Tiere, die zu Hunderten da hausten, war der Wald vom Dom zum wilden, zerknickten, zerstampften Dickicht geworden. Dort bauten sie dann ihre Nester, gebaren und nährten ihre Jungen in der brütenden Schwüle, die unter den Bäumen schwelte.

Keines Menschen Fuß hatte zu dieser Zeit jene Urweiten betre-ten, darin die Echse hausten. Wenn auch die Tage oftmals sonnig und warm waren, meist lagen doch graue, trübe Nebel über jenen Wäldern und die Nächte waren empfindlich kalt.

Weither schallte das Brüllen des großen, zottigen Riesenelefanten, das Röhren der Hirsche, die in ungeheuren Rudeln in den tieferen, ins Land weiter hineinragenden Laub- und Nadelwäldern lebten. Die Arten der Bäume waren der jetzigen Natur so völlig fremd, daß sie kaum noch zu vergleichen sind und dennoch, trotz aller Um-wälzungen und Vernichtungen, trotz allen Wandels dieser langen Epochen sind sie die Urväter dieses Samens zu nennen, der jetzt noch aus der Erde immer wieder Neues hervortreibt.

Riesige, affenähnliche Tierarten mit großen Hauzähnen und Hörnern auf dem Nasenbein machten auch hier den wilden und dennoch friedvollen Wald rebellisch. Ihr Gebrüll dröhnte rauh und heiser, ihre Nester, die sie auf Bäu-men gebaut hatten, troffen von Unrat. Aber es waren nicht viele mehr, es war, als ginge diese Sorte an ihrer eigenen Unzulänglich-keit dem Zerfall entgegen.

Was die Natur bot, war groß, kraftvoll und gewaltsam. Schön in seiner machtvollen Ursprünglichkeit, fast furchtbar in Ausmaß, Kraft und Wirkung. Dies war die Welt des Stoffes, durch die die Riesen lachend, befehlend und scheltend schritten, darin sie Freude fanden an der gigantischen Ähnlichkeit mit ihren Ausmaßen.

Und dennoch befaßten sie sich nicht viel mit dem Hegen dieser Art; denn die Riesen strebten mit einer sehnsuchtsvollen Treue und Ergebenheit dem Geistkeime zu, wohl wissend, daß er anderer Art, dennoch aber ihn immer heiß begehrend.

Sie liebten die Geistkeime, die in unnatürliche große Gefäße am nordöstlichen Rande dieser Wälder zur Erde gestiegen waren.

Sie schützten sie, betreuten ihre Arbeit, halfen im Kampf ums Dasein, wie und wo sie konnten. Wie große vierschrötige Säulen standen die Gestalten dieser Urzeitmenschen auf ihrer weiten, im Dämmer des Nebels brauenden Muttererde.

Einfältig wie Kinder. Mehr Tier als Mensch. Rauh und weich, liebevoll das Schwache schützend, hart mit Ur und Mammut rin-gend, ohne List, nur durch Kraft und Mühe und durch die Hilfe der »Neblichten«, so nannten sie die Riesen.

Die Riesen galten für sie als höhere Wesen, die ihnen unendli-ches Zutrauen einflößten, aber auch Ehrfurcht; denn sie waren grö-ßer und kraftvoller und vermochten mit einem Schritt Strecken zu durchwandern, Dichten zu durchdringen, wozu sie weder räumlich noch zeitlich imstande gewesen wären.

Das »Können« und das »Vollbringen« war ihnen höchster Ach-tung wert. Noch hatten sie keine Wohnstätten. Sie hausten nicht anders als die Tiere, die bei Nacht unterkrochen und des Tages am sonnigen oder warmen Gestade sich labten.

Sie kämpften um zu leben, zu Schutz und Nahrung. Ihre Frauen lebten genau wie die Männer, nur wenn sie Junge aufzogen, die aber sehr bald selbständig waren, dann bauten sie Nester auf den Bäu-men, wohin kein Tier gelangen konnte. Sie konnten selbst klettern in ganz bewunderungswürdiger Weise.

 

Ihre Nahrung bestand aus rohen Dingen; denn sie hatten kein Feuer. Vor allen Naturgewalten, Sturm, Blitz und Donner verkro-chen sie sich, womöglich in die Tiefe der Binnenseen, an deren Rande kleinere Höhlen waren.

Die Geistkeime schliefen noch in ihren dichten Schalen, rein aber tief, nur das Bangen erweckte sie, nur Not und Kampf machte sie rege und die Riesen, die so viel wußten, was die Geistkeime wissen sollten, mühten sich, sie immer mehr mit ihrer liebenden Hilfe zu wecken. Die Geistkeime aber hingen mit rührendem Vertrauen und Lieben an den Nebelichten und waren dankbar für deren Schutz und Rat.

Rauh wie alles an ihnen und um sie waren auch ihre Laute, die zur Sprache werden sollten. Ganz langsam bildeten sich allgemeine Verständigungsformen unter ihnen.

Das hatten sie die Riesen gelehrt, die ihnen zuerst Begriffe gaben, welche die Menschen dann in Lauten auszudrücken sich mühten. Die Laute wieder nahmen sie aus dem Regen und Tönen in der Na-tur, die sie nachzuahmen suchten.

Immer mehr erweiterte sich ihre Ausdrucksweise, erweiterte sich auch das Begriffsvermögen und daraus die Fähigkeit sich auszu-drücken.

So flüsterten ihnen mit Hilfe der Wesenhaften die Bäume, Tiere, Pflanzen und Elemente, Himmel, Sterne und Erde ihre Namen zu, die sie aufnahmen in einfältigem, lauschendem Geöffnetsein.

Es währte nicht lange, da gab es eine Spaltung in dieser Art der Gottesgeschöpfe. Die einen blieben stehen, die anderen vervoll-ständigten sich mehr in Form, Ausdruck und Bewegung.

Diese Vervollständigung aber machte sich sehr bald im Ausdruck und in der Gestalt bemerkbar, in der aufrechten Haltung und be-sonders in dem Gange. Während ein Teil den Gang und die Beu-gung des Tieres beibehielt, nahte sich der andere Teil der Haltung der Nebelichten, die immer mehr zum Vorbild wurden.

Es währte nicht lange und die Unterschiede dieser eigentlich gleichgearteten Urmenschenrasse machten sich zwischen ihnen so fühlbar, daß sie sich trennten. Diesen Anstoß gaben die Riesen, in-dem sie denen, die sie zu ihren Lieblingen erwählt hatten, rieten, vor der Zeit der Stürme sich feste, sichere Heimstätten zu suchen und mit ihnen mehr gegen Osten zu ziehen.

 

»Aus dem Osten kommt das Licht, dem geht entgegen; denn es wärmt, erleuchtet und belebt. Ihr werdet es an der Sonne sehen, die dort heller durch die Nebel lacht. Dort werdet Ihr viel erleben, viel erfahren und wir können Euch viel dienstbarer sein als hier, da der wilde Ur zerstört, was unser Fleiß Euch in Tagen geholfen. Ihr wollt doch werden wie die Lichtasen, von denen Urus Mund Euch neulich sang.«

Und so geschah es. Der aufwärts strebende Teil brach sofort auf. Keiner schloß sich an, der nicht zu ihnen getaugt hätte. Wie die Riesen einen hatten, den sie selbst als den Besten zum Führer be-stellten, so machten es nun auch die Urmenschen. Sie gaben ihm den Namen Ar.

Ar war der Größte, der Kraftvollste und der Weiseste. Er kannte die Rufe aller Tiere, kannte die Sprache der Wolken und der Win-de. Er wußte, wann der Feuerflammende vom Himmel fahren wür-de, wann die Sonnenscheibe des Lichtasen empor- und hinabfuhr. Er wußte, wann die Stürme Regen brächten, wann die Tage länger wurden, er kannte die meisten Worte und fand immer wieder neue. Groß war er und breit, rötlich blond sein Haar und Bart und fei-nes Haar bedeckte nur noch die bloßen Stellen seines Körpers. Sie alle trugen häufig Tierfelle um Leib und Rücken, zuweilen sogar mit den Köpfen und dem Gehörn, das drohend und wuchtig nach oben ragte. Ar hatte ein Fell des selbsterlegten, zottigen Ur, den er mit der Kraft seiner Fäuste niedergerungen und mit der Keule erschlagen hatte. Darum nannten ihn seine Genossen auch den Ur-Ar.

Ur-Ars Augen waren von so tiefer Bläue, sie blitzten so hell und scharf, wie der Himmel an den schönsten Tagen; nichts konnte ih-nen entgehen.

Er liebte die Riesen, weil sie seiner ganzen Art mehr zusagten wie die Menschen, und manchmal meinte er, er müßte Riesenhaftes in sich haben. Es zog ihn stark zu ihnen, in ihr lichtes Reich, von dem sie sprachen, wo Wolken riesige Burgen trugen, Berge und Höhen, Wälder und Seen und wo die Herren aller Elemente auf blitzfun-kelnden Thronen ihre Befehle hinaussandten.

Alles, was er auf Erden errang an Beute und Frucht, das wollte er zu diesen Lichten tragen, die ihm Not und Glück schaffen konnten, nachdem sie ihm gewogen waren nach seinen Verdiensten. Und alle seine Genossen sollten so denken, so fühlen, so handeln wie er, damit ihnen der Schutz und Segen dieser Lichten auch nie verloren ging.

Einfach wie in seinem Wesen und seiner Art war er auch in sei-nem Denken.

Frauen und Kinder wurden natürlich mitgenommen auf die Wanderung. Während die Kinder jedoch eine Art Gleichberech-tigung mit den Männern besaßen, besonders die Knaben, waren die Frauen mehr den Zugtieren gleichgeachtet, die sich die Männer abgerichtet hatten.

Sie gerbten mit Steinen die Felle weich und bereiteten auch die Fleischstücke zur Mahlzeit, sie rüsteten Nester, nährten die Kin-der und lehrten sie laufen, klettern und sprechen. Bis diese so weit waren, kamen wieder Kleine. Schnell breiteten sich die Menschen aus. Mit dem Wachsen des Begriffes und Ausdrucks, mit der Bil-dung des Wortes aber entwickelte sich auch das Weib, und je mehr sie der aufgehenden Sonne zugingen, desto mehr schien das Weib aufzuleben.

»Höret!« sprachen die Riesen eines Abends, da sie auf der Wan-derung Rast machten und sich im tiefen Walde ein Nest und für die Tiere eine Hürde gebaut hatten.

»Höret, ich sage Euch eine schöne Kunde. Wenn Ihr so stetig dem aufgehenden Tage zuschreitet, dann könnt Ihr Euch das Reich des Lichtes auf Erden erringen. Denn Euch kommt Einer entgegen, den haben die Lichten ausgesendet. Er ist ein Mensch wie Ihr, ein Geist-keim in Fleisch und Blut, wenn auch höherer Abstammung. Er hat den Namen »Hjalfdar«, das heißt in Euerem Begreifen: Hilf Dir.

Und er ist Euer Herr auf Erden und Euer Vorbild. Wir Riesen kennen und lieben ihn. Wir führen Euch zu ihm und ihn zu Euch.«

Von da an ging es noch schneller vorwärts; denn nun hatten sie ein Ziel. Ein Ziel im Geiste, zu dem sie höher streben konnten.

Etwas so Wunderbares! Ihre Gedanken beschäftigten sich im Wandern Tag und Nacht damit.

»Einen Menschengeist in Fleisch und Blut, den die Lichten gesen-det!« So hatten die Riesen verheißen, und was die Riesen sagten, war immer die Wahrheit. Ihre Gedanken hielten daran fest. Wie mochte der Sendling der Lichten sein? So wie Ur-Ar? Er war bisher außer den Riesen das Hehrste, was sie kannten. Ihm eiferten sie nach. Was mochte er sagen? Konnten sie ihn überhaupt verstehen?

Aber die Riesen sagten:

»Ihr werdet ihn verstehen und alles lernen, was Ihr dazu braucht.« Da waren sie zufrieden. Mit großer Wachsamkeit schritten sie weiter und erlebten viel Kampf, viel Mühe und manche Gefahr. Aber immer waren die Riesen helfend zur Stelle, im rechten Augenblick.

Als die Sonne am sechzigsten Tage ihrer Wanderung aufging, da flog aus ihr ein weißer Vogel, wie sie noch keinen je gesehen, gera-deswegs durch den Himmel auf die Menschen zu. Die Sonne selbst hatte einen lichtweißen Nebelring, blitzend und funkelnd brachen sich ihre Strahlen in diesem Nebel, durch den sie dennoch sichtbar war in einer bisher nie geschauten Kreuzesform.

Ein heiliger Schauer, eine Stille lag über der Natur. Glühend glänzte Blatt und Gras in der silberweiß schimmernden Sonne, und jenes Glänzende am Himmel schien sich immer weiter auszudehnen.

Mitten im mühsamen Kampf durch kniehohes Buschgras war der Menschenzug stehen geblieben. An hundertvierundvierzig weiß-beleuchtete Gesichter hoben sich wie verklärt dem Zeichen der Lichtasen zu.

»Dort, wo Sonnvater ausfährt, ist das Tor zu Lichtasenheim, da-von die Riesen erzählen. Ich weiß es ganz genau, dorther naht auch der Hilfdir, der uns verheißen ist, und er ließ den weißen Vogel steigen.«

Das hatte Ur-Ar gesagt. Es war, als hätte ihn die Sonne und ihr lichtes Rad erleuchtet.

»Dies Sonnenbild wollen wir nimmer vergessen«, sagte Ur-Ar wie im Traum, »das gibt uns Kraft! Wir wollen es mitnehmen.«

Sie ließen sich nieder und suchten sich kleine Steine.

»Dort oben ragt ein Block, den wollen wir damit zieren.«

Auf einer kleinen Hügelkette stand hoch und steil, von Riesen-hand hingestellt, der Urmenschen erster Markstein. Als sie nach zehn Schritten ihn erreicht, stand da ein Nebelichter und sagte:

»An diesem Stein müßt Ihr vorbei. Zur rechten Stunde ist er Euch Markstein für den Weg ins Licht. Ritzt dieses Heilige Kreuz des Le-bens in den Stein zum Zeichen Eurer Liebe zu dem Licht!«

 

Mit der wesenhaften Kraft des Riesen war diese Arbeit bald und schnell getan. Und alle, die daran beteiligt waren, fühlten eine bis-her noch nie gekannte Seligkeit.

Von der Stunde an ging alles noch einmal so leicht. Brauchten sie Nahrung, so boten sich Früchte oder Vögel oder ein See mit Fischen; sollten sie ruhen, so waren sie nahe eines schattigen, geschützten Hü-gels, wollten sie Schlaf, so störte sie kein wildes Getier mehr.

Auf den Strahlen der wesenhaften Helfer kam Hilfe über Hilfe heran, getrieben von einer höheren Kraft. Und die Menschen öff-neten sich, erkannten die Hilfe und lernten daran.

Die Gegend wurde hügelig und wasserreich. Viele Vögel trieben da ihr munteres Wesen. Sie waren gar nicht scheu, hatten sie doch in diesem Landstrich Friede und ein schönes sonniges Dasein. Im-mer mehr dehnten sich die Seen, die eine Fülle guter Fische boten, dampfend verrieten einige auch unterirdisch warme Quellen. Die Menschen tauchten in sie und freuten sich an dem herrlichen Was-ser, der strahlenden Sonne nach dem Bade.

Sie gedachten schon kaum mehr der nebelgrauen, feuchtkalten Wälder, darin Ur und Mammut und die großen Echse so viel Un-heil anrichteten. Sie lebten nur der Gegenwart und dem Ziele, das ihnen die Nebelichten gewiesen.

Immer befaßten sie sich mit dem »Licht«, so nannten sie das Kreuz im Ringe. Ur-Ar saß oft lange sinnend vor dem kleinen Stein, in den er sich »das Licht« gegraben hatte und den er immer an ei-nem dünnen Fasergewinde um den Hals gebunden trug.

Sah er den Kreis an, der die beiden Striche umschloß, so war ihm, als wäre alles rund im Himmel und auf Erden. Wenn er diesem Run-den nachempfand, ergriff ihn ein Gefühl des ewigen Kreisens und Bewegens, das ihn zuerst fast beängstigte, dann aber beglückte. Er fühlte sich hineingezogen in diese Bewegung und mit allem einig.

Schaute er aber auf das Kreuz, so wurde ihm leicht und hell. Blick-te er den Längsstrich an, so kam eine Kraft von oben und verband ihn von unten mit oben, sah er den Querstrich an, so war dieser der Ausgleich, die Ergänzung dazu nach allen Ebenen, die er sich dach-te. Ausstrahlend gab er immer wieder Verbindung mit der Kraft von oben nach unten. So erlebte Ur-Ar das Kreuz der Wahrheit. Darüber hielt er Zwiesprache mit den Riesen.

 

»Mir ist, als könne ich kein Falsches tun, wenn ich es anschaue.« Das freute die Riesen sehr. Und Ur-Ar erlebte eine Freude über die andere, seit er das Licht gefunden hatte. Ihm war, als gingen seine Augen von Tag zu Tag weiter auf für alle die Fülle des Lebens,

die sich dem Menschen bot.

Manchmal war eine so große, kraftvolle Freude in seinem Her-zen, daß er tat wie die großen Hirsche, die ihr Gesicht der Sonne zureckten und laut aubrüllend den Tag grüßten.

Er streckte dann seine Arme hoch empor und fühlte, wie die Hände die Milliarden Strahlen des Lichtes begierig in sich auf-sogen. Eine solche Kraft und Wärme durchdrang ihn bei diesem Sonnengruß, daß er erschauernd in wohligem und ehrfürchtigem Dankgefühl die Hände auf der Brust kreuzte.

Als Ur-Ar zum erstenmal im aufjauchzenden Danke solches tat, da kreiste ein mächtiger Vogel mit ausgebreiteten Schwingen blen-dend weiß im blauen, sonnendurchzitterten Licht. Die Gefährten sahen ihm staunend zu. Sie fühlten, welch heißes Bewegen durch Ur-Ar zog. Sie sahen auch gleich ihm den mächtigen Vogel und nannten ihn den »Ar«; denn auch er breitete so mächtig die Schwin-gen wie ihr Freund.

Der Vogel aber blieb viele Tage über ihnen und zog mit ihnen gegen Osten. Die Landschaft begann völlig anders zu werden. Der Boden stieg an, die endlos hohe, wogende Graswüste verblieb in den Flächen, die durch einen weiten Fluß von der ansteigenden Erde getrennt waren. Dort drüben sah es braun und sandig aus und leises Rieseln und Bröckeln war zu vernehmen.

Die Menschen trieben ihre Tiere in den seichten, aber breiten Fluß und folgten ihnen nach. Die Häute, in die sie einige Lebensmittel ver-packt hatten, trugen sie auf den Köpfen, Männer wie Frauen. Auch die Kinder wurden von Menschen und Tieren getragen, soweit sie noch zu klein waren, um sich gegen den Strom zu wehren.

An der anderen Seite des Flusses befand sich feiner Sand, in dem die Füße der Menschen versanken. Als sie die sanft ansteigende Höhe erreicht hatten, gewahrten sie einen weiten, hügeligen, sandi-gen Höhenzug, der wie eine Wüste sich dehnte.

Zu ihrer großen Überraschung entdeckten sie eine Spur im San-de. Hier mußten Menschen gleich ihnen gewesen sein. Von Norden gegen Südosten zog sich die Spur, direkt auf den Punkt hinstre-bend, an dem sie standen. Dann ging sie im Bogen auf der Höhe weiter, das Tal unberührt lassend. Sie mußten weiter oben den Fluß durchschritten haben.

Nun beschloß Ur-Ar mit seinen Begleitern, den Spuren zu folgen, die zahlreich und groß waren und darauf schließen ließen, daß auch Tiere sich dabei befanden. Tiefe Furchen waren durch den Sand gezogen, die sie kopfschüttelnd betrachteten. Tierspuren zeigte der weiche Boden, die die Spuren ihrer einheimischen Tiere an Größe übertrafen. Zweizeher, ein Einzeher mußte aber auch dabei sein.

Da zeigten sich die Riesen:

»Ihr seid nun auf der Spur und werdet bald mit Hjalfdar zusam-mentreffen. Folget ihm nach, er wird Euch erwarten. Säumet nicht, rastet nicht, jede Stunde ist kostbar, die Euch dem Helfer näher bringt. Freut Euch und lauschet, wie Euch die Lichten führen. All die Tiere, denen Ihr jetzt nachsinnet, werdet Ihr bald leibhaftig be-staunen können. Haltet Euch nicht auf mit Überlegen; denn gut wird es sein, wenn Ihr bis zum anderen Abend die sandige Bank hinter Euch habt. Dann habet Ihr Schutz vor drohendem Sturm.«

Der Tag war heiß. Ein feiner, warmer, trockener Wind pfiff aus Süden. Bleifarben war der Himmel, bleiern auch die Glieder der Menschen. Der Wind brachte einen Geruch wie von kochenden Erzen mit sich, in dem braungelben Sande glitzerten zuweilen kup-ferfarbene Stäubchen.

Es lag wie verhaltene Drohung in den Lüften. Der Ar flog nicht mehr mit ruhigem Flügelschlag über den Wandernden, sondern er zog auf weiter Höhe über den Nebeln seine Kreise und badete sich wie zuvor in den reinen, durchsonnten Wellen des Äthers. Er war den Menschen nicht mehr sichtbar. Eine bedrückte Gespanntheit hatte sich aller bemächtigt.

Da gewahrten sie auf ihrem Wege einen Stein. Es war ein milch-weißer, wohlgeschliffener Stein, wie sie noch keinen gesehen hat-ten.

Wie Kinder jubelten sie. Wie schön, war dieser Stein! Und als ihn Ur-Ar aufhob, kam eine heilige Stille dem Sturm der Freude nach. Sie war fast atemlos. Auf dem Steine sahen sie eingegraben ihr lich-tes Sonnenmal, den Ring mit dem Kreuze!

 

Das lichte Zeichen Gottes erschütterte die Geister tief, die lang-sam dem Erwachen im Fleisch sich nahten. Wie ein leiser Atem aus Gottes ewigen Reichen wehte es an ihnen vorbei, ein leises, noch ungewisses, Ahnen weckend, ein Erinnern aus den seligen Gärten ewigen Lichtes, davon sie ausgegangen.

Doch konnten sie es nicht erfassen, nicht nennen, nicht halten, dieses Glücksempfinden, das im nächsten Augenblick schon un-gewisses Heimweh war. Keiner sprach es aus. Jeder hatte es erlebt, war tief ergriffen; aber einfach, ohne Überschwang blickten sie auf Ur-Ar, den Führer.

Dieser hatte Tränen in den wasserblaufunkelnden Augen, und die Tropfen rollten langsam in den roten Bart.

»Hilfdir hat uns dies zum Zeichen gegeben. Wir sind auf der rich-tigen Spur!«

Sie gingen nun den zweiten Tag den Spuren Hjalfdars nach, und noch immer schien das sandige, schattenlose Land kein Ende zu haben. Ein Glück, daß die Sonne verborgen blieb unter den blei-grauen Dunstschichten, die der heiße Wind aus dem Süden heran-trieb.

Trotzdem war eine brütende Wärme, eine Trockenheit, die die Kehlen verbrannte. Der feine Sand begann auf dem Boden in klei-nen leisen Wirbeln einen gewaltigen Strömungstanz, stieg aber noch nicht nach oben. Ein feines Heulen pfiff zuweilen von ferne her, das die Menschen ängstigte. Solches hatten sie noch nie gehört. Wohl heulte auch in ihrer Heimat zumeist der Sturm, doch der sang frischere, derbere Lieder. Die Wesenhaften, die ihn kündeten und führten, ritten zumeist vom Meere heran auf weißgischtenden Schaumrossen. Sie waren fröhlich und frisch und lachten, wenn sie das perlende Naß weit über die sandigen Dünen spritzten, wenn sie das hohe Gras peitschten und die knorrigen Bäume sogar zu beugen und brechen vermochten.

Wohl bangten die Menschen auch vor dieser wilden Flut, aber so mancher Sturmgeist riß die dichten Wolkenfetzen auseinander, so daß hin und wieder die liebe Sonne lachen konnte. Der Sturm war in der alten Heimat nicht voll Todesgrauen, wie jetzt auf diesen graubraunen Sandfernen, die selber erschienen wie ein Meer des Schreckens.

Wie braungraue Fetzen fuhren die Sandgeister umher, flatternd, unstet, schattenhaft und angstvoll. Grau und braun wirbelte der Sand, ordentliche Mauern erhob jeder Stoß der blasenden Geister. Die Kinder begannen zu weinen. Die Frauen hüllten ihre Gesich-ter in ihr langes dichtes Haar und die Männer zogen die Tierfelle tief über die Augen. Der Sand begann sich trotzdem in alle Gewebe

der Schleimhäute einzudrängen.

Ein trockenes Husten schüttelte die Menschen. Mutig aber kämpften sie sich durch den Sturm. Nur eines machte ihnen Sorge: immer mehr schwand im Sande Hjalfdars Spur! Sie riefen nach den Riesen, riefen nach den Helfern. Aber es heulte der Sturm, und sie konnten bald nicht mehr die Hand vor den Augen sehen.

Die Frauen wollten rasten. Ein rauhes, kaum vernehmbares »Nein« war Ur-Ars Antwort. Ob sie im Sande einschlafen und be-graben werden wollten?

»Vergeßt nicht, daß wir dem Lichte nachfolgen, denkt doch an das Licht! Auf solchem Wege muß man siegen.«

Das war Hilfe. Ur-Ars Zuversicht strömte Wellen des Wollens und der Kraft hinaus. Die wilden Wirbel, die grauen Geister wur-den geschwächt von den anprallenden Strömen des Kampfesmutes, bedrückt von der Wucht der Riesen, die sie etwas nach abwärts und dem Westen zu drängten.

Urus Stimme sprach von oben:

»Siehst Du, Ur-Ar, wie wir Euch helfen können, wenn Ihr uns ganz vertraut! Ein leiser Gedanke nur des Zweifels und der Schwä-che und Ihr scha@ Euch selbst den Wall, durch dessen Dichte un-sere starken, feinen Kräfte nicht zu dringen vermögen. Sie strömen dann über Euch hinweg, können keine Gleichart finden und darum auch nicht nähren. Das Licht gibt Euch des Geistes verstärkte Kraft! Lenkt sie zum Guten in Gedanken, Wort und Tat.«

Und Ur-Ar sprach es langsam, deutlich nach, laut, daß es alle hö-ren konnten, was Urus Stimme ihm gesagt.

Das wirkte. Keiner wollte mehr an Ruhe oder gar an Sorge den-ken, das Ziel, das lichte Gedenken an den Helfer, an den Sendling der Lichten, es trieb sie voran.

Da sahen sie, wie leise die Sturmeswogen sich legten und an dem dunklen Horizont ein gelber Streif den Abend kündete. Lau ward die Luft und feucht, aus der Masse dunklen Nebels fiel Staub und feiner Regen herab.

Sie breiteten ihre Hände und leckten mit dürstender, ausgetrock-neter Zunge den feinen, hauchzarten Wasserdampf.

Oben nickte und lachte Uru den anderen Riesen zu.

»Am Erleben müssen sie lernen, wie Angst sie knebelt, wie Mut sie stärkt! Hjalfdar muß wache, rein schwingende Geister finden, die auch verstehen, was er sie lehrt.«

»Sehet Hjalfdars Zelte, die er am Rand der Wüste aufgeschlagen hat, wie sie leuchten. Die Wasser des Regens haben sie umtobt, den er zu sich hinabbat, während die Stürme tobten. Wie weite Becken haben die Wasser den Sand zusammengetrieben, daß sie einen na-türlichen Wall bilden um die kleine Zeltstadt. So arbeiten wir mit den Helfern kunstreich Hand in Hand, wo der Menschengeist de-mütig und weise das Seine erfüllt! Wenn Ur-Ar heranzieht, so wird er die Zelte lange nicht schauen, so hoch sind die sandigen Bänke davor.«

 

Ein feiner Rauch kräuselte nach oben, duftend rochen die Kräu-ter, die die Luft herrlich reinigten und würzten. Ein zartes Blaulicht flammte über den Zelten in dem Rauche, wunderbar klingende Stimmen der Alten sangen den Abendsegen.

Auf hoher Wacht stand einer, groß und leuchtend, in langem Prie-stergewand und goldenem Gürtel. Das lichtblonde, seidige Haar floß in weichen Wellen nach rückwärts bis zu den breiten Schul-tern, es war von silberfeinen Fäden leicht durchzogen.

Weiß und buschig waren die Augenbrauen, lang und blond noch ein wohlgepflegter seidiger Bart, der bis zum Gürtel reichte. Das lichte Gesicht strahlte Kraft und Liebe aus. Es war jung geblieben, Hjalfdars flammende blaue Augen waren noch dieselben. Noch mächtiger schien die große Gestalt in dem weißen Priesterkleid. Das Angesicht aber trug die Zeichen hoher, geistiger Reife.

Er lauschte still in seinen Geist und trug alles dort erfasste Wissen offen auf den klaren Zügen. Glück stand in ihnen. Das klare Auge spähte in die Ferne:

»Ich danke Euch, Ihr Treuen! Ihr habet dem Ur-Ar Hilfe gebracht. Zur rechten Zeit kam sie, auf daß er Erfahrung gewinne. Der Sandsturm führte sie ein Kleines in der Runde, aber nun werden sie si-cher des blauen Rauches Säule aufsteigen sehen und dem Zeichen folgen. Ich will ihnen auch zur Hilfe eine Taube senden.«

Hjalfdar stieg hinab in das Lager und ließ einen Jungen die Tau-ben holen. Weiß waren sie und silbergrau, aus den Gärten der Hol-da. In reicher Schar stiegen sie stets vom Heiligen Berge jeden Mor-gen empor, damit ihr Flug den wetter- und strömungswissenden Alten erste Kunde über den Willen der Luftigen brachte. Die Tiere gehorchten auf Wort und Ton, sie kehrten nach weissagendem Flug freiwillig in ihre Gärten zurück.

Nachdem Hjalfdar die Wahl getroffen, ließ er eine Taube fliegen. Hoch stieg sie erst empor, dann aber strich sie in sanftem Zuge den Fremden entgegen, wohl wissend, was Hjalfdar wünschte.

Immer tiefer sank der weiße Vogel in den Dunst der Wolken, die ihn Hjalfdars scharfem Auge entzogen.

Die weiße Taube senkte sich zu den Menschen hinab. Sie erkannte den Führer und ruhte auf seiner Schulter. Leise gurrend schmiegte sie ihren Kopf an seine Wange. Dann hob sie sich wieder empor und flog den Menschen voran.

Helle Freude machte sich Luft in frohem Rufen, alle blickten dankerfüllt nach oben für das Zeichen aus des Lichtes Gnade. Sie kannten den Vogel sogleich wieder, der ihnen einst in der leuchten-den Sonne erschienen war, nur war er diesmal wirklich gekommen, in Fleisch und Blut.

 

Vertrauensvoll schritten die Wanderer der fliegenden Taube nach. Bald gewahrten sie auch am Horizont in der stillen dämme-rigen Ruhe des Himmels den feinen, blauleuchtenden Rauch, der in wundersamem, ihren Augen unwirklichem Leuchten wie eine steile Schlange nach oben zu kräuselte.

Sie konnten sich die bunte Lichterscheinung nicht erklären, wag-ten aber auch nicht, laut darum zu fragen. Wunderbares Erleben füllte dauernd seit dem Erkennen des Lichtes ihre kindlichen Ge-müter. Nur was unbedingt nötig war, wurde gesagt. Unnötiges aber störte das Beten ihrer Geister.

Je mehr sich ihr Weg dem Hjalfdars nahte, desto mehr erfaßte sie schon die Welt seines Ideenkreises. Weithin wirkten die helfenden Strahlen, die die lebendige Kraft des Schöpfers durch seine bewußt geöffneten Helfer im Stoffe ausstrahlte. Weithin über den ganzen, im Entwickeln begriffenen Erdball strömte segenbringend die auf-bauende Kraft geistigen und wesenhaften Wirkens.

Einem Magneten gleich zog die ausstrahlende Kraft des Geistes alle Gleichart an, sie machtvoll in den entwickelten Gefäßen wek-kend. Allerorts vollzog sich dieses Geschehen, wo Menschengeister waren, mehr oder weniger schnell, je nach der Reife ihrer Stoffiich-keit.

Dieses war das Wirken der geistig Geschaffenen, die zur Erfül-lung auf diese Erde gesendet waren durch den Willen Gottes.

Reinheit und Kraft strömte aus der reifen Stoffiichkeit ihnen schäumend zu und sie erfüllten diese reine Stoffiichkeit mit dem Wissen von Gott und seinem Heiligen Willen.

Lebendig sprach das Kreuz zu den Menschengeistern in der Son-ne Strahl, Wesenhaftes wirkte seine wunderbarsten Gesetze, um den Menschen die Augen zu öffnen, die schlafenden Hirne zu Ge-danken und Beobachtung aufzurütteln. Wesenhaftes arbeitete und wirkte in nimmermüder Kraft zur tätigen, ruhelosen Fortentwicke-lung des Stoffes.

Es riß ein und verbrannte, es baute auf und stürzte, es löschte und entflammte in gärendem, pulsendem Wechselstrom der lebendigen Kräfte. Das Wesenhafte war glücklich, und ebenso glücklich konnte auch der Mensch sein.

Reine, dankerfüllte selige Gedanken zogen durch Ur-Ars Kopf, da er, die Taube über sich, den blauen Lichtschein vor den Augen, Hjalfdars Lager immer näher kam. Gleichmäßig und dumpf klang das schlürfende Schreiten hinter ihm, das monoton immer wieder an sein ermüdetes Ohr klang.

Jetzt, da er die Nähe des Helfers fühlte, empfand er die ungeheue-re Tat all dieser Geister, die sich ihm gesellt.

Er führte sie zum Licht. Zu Hjalfdar, der nach dem Worte der Rie-sen aus dem Lichte zu ihnen gesendet war, und sie waren ihm blind vertrauend durch Not und Sturm gefolgt. Jeden hatte es mit Gewalt dieser segensvollen Kraft entgegengeführt. Jeden allein für sich und alle gemeinsam. Ur-Ar war einfach und empfand diese heilige Kraft der Auswirkung darum wortlos, aber erbebend.

 

Da klangen Stimmen an sein Ohr! Sie schwebten von oben herab wie tiefe Orgelchöre der Meeresbrandung. Es waren die Stimmen der Alten, die die Weihelieder sangen.

Noch sahen die Ankommenden die Zelte nicht, die sandigen Hü-gel verbargen sie noch wie ein hoher Wall, aber hinter ihnen senk-te die Taube sich plötzlich herab. Da wußte Ur-Ar, daß sie an Ort und Stelle waren. Er hieß seine Leute Halt machen und wählte noch drei, die er mitnehmen wollte. Mit ihnen stieg er auf den sandigen Wall, Ausschau zu halten.

Hell und weit, vom blauen Licht einer hohen Flamme beleuchtet, lag da eine Stadt von Zelten. Aus ihr erklang Musik, Bewegung und freudige Tätigkeit jeder Art.

Auf dem weiten Platz, der in der Mitte der Stadt vor einem beson-ders schönen Zelte war, standen und saßen weiß gekleidete Männer in ernstem, lebhaftem Gespräch.

Darunter stand eine besondere Gestalt. Hell wie ein Sonnenstrahl erschien sie dem Ur-Ar. Groß war der Mann und seine flammen-den Augen schienen in Weisheit das Weite der Welt zu durchdrin-gen. Jetzt waren sie auf die vier Menschen gerichtet, die auf dem Wall im Schimmer der blauen Flamme aufgetaucht waren. Über ihnen wölbte sich der Sternenhimmel, unter ihnen dehnte sich die Siedlung in stillem Frieden der Arbeit und der Fülle.

Hjalfdar hob zum Gruß die Hand und rief mit dem goldenen Horn seinen Empfangsgruß ihnen zu. So Tönendes, Erweckendes hatten sie noch nie vernommen. Ein urgewaltiger Freudenschrei antwortete jauchzend aus vier rauhen Urwaldkehlen.

Zottig, in ihre Felle gehüllt, standen sie und sahen an sich herab. In diesem Strom von ausgeglichener Schönheit, der hier um das Lager der Reinen zu walten schien, verspürten die Urwaldmen-schen zum ersten Male den Wunsch, schön zu sein. Sie schämten sich vor Hjalfdar.

Am liebsten wären sie, sich in den Sand verwühlend, zu nichts geworden, hätte sie nicht schon ein kleiner Trupp von Hjalfdars Abgesandten erreicht, der sie einlud, in das Lager einzutreten.

Stumm grüßend folgten sie den Männern, die auch wie sie in Fel-le gekleidet waren. Stumm beugten sie vor der Runde der Zwölf das Knie, die da um ihren Herrn saßen. Stumm blickten sie auf den Großen, den Herrn, den Helfer, den Lichtkünder, der ihnen ein Wesen aus höheren Welten war.

»Nun hat es sich erfüllt, Lichtvater! Dein Heiliger Wille hat mir die Menschen in die Hand gegeben. Ich danke Dir! Treu will ich dienen und gerecht Deine heiligen Gesetze ihnen vorleben und künden allezeit, will sie führen, daß sie weiterbauen an dem Band des Lichtes, das Deine schöne Erde umschlingen soll. Heilig ist die-se Stunde, Lichtvater! Ich danke Dir, daß ich in Deinem Heiligen Willen die Kraft weiter tragen darf in Deine Geschöpfe.«

Dann wandte sich Hjalfdar an die Fremden:

»Stehet auf!«

Wenn sie auch die Worte nicht verstanden, den Sinn erfaßten sie gewiß. Sie erhoben sich und von der Liebe ermutigt, die aus des Hohen Augen strahlte, schritten sie zu ihm heran.

»Ich kenne Euch, wie Ihr mich kennet«, sprach Hjalfdar. »Nun laßt Euch bewirten und pflegen, laßt Eure Zelte aufschlagen und Eure Tiere in Hürden legen nach Eurem Brauch und bleibt fortan bei uns. Ich will Euch lehren, ein Reich aufzubauen, das Frieden, Kraft und Fülle trägt. Das Gott wohlgefällt und Euch Menschen se-lig macht.«

Sie verstanden die Worte nicht, aber der Sinn des Gesagten lebte und beglückte sie in ihrem Herzen.

Ur-Ar wurde in Begleitung von sieben Mannen Hjalfdars mit den Seinen zurückgeleitet. Mit Körben beladene Tragtiere brachten Speise und Trank, Zelte und weiche Felle für die Ankömmlinge.

Während die Männer still und tätig halfen, die Zelte aufzuschla-gen, wurden die Frauen angewiesen, die Körbe auszupacken und die Speisen zu verteilen. Staunend besahen sie die köstlichen Dinge, die da zum Vorschein kamen. Wie die Kinder sprangen sie, in die Hände klatschend und jubelnd um all die schönen Früchte, um das duften-de Brot, die weißen, glänzenden Fettlaibe und die köstlich goldenen, süßen Honigsäfte, die in Fruchtschalen auf der Erde standen.

Fische lagen da, geräuchert und an Schnüren in langen Ketten aufgebunden, und frisches herrlich duftendes, gewürztes Fleisch lag ebenfalls in Schüsseln.

Diese Art der Mahlzeit kannten die Arleute nicht, aber sie freuten sich an der schönen, reichen und duftenden Auswahl.

 

Alle Müdigkeit, alle Angst war vergessen. Freude lebte nur in al-len Seelen und das dankbare Gefühl herrlichen Geborgenseins.

»Morgen kommt der lichte Herr und will Euch allen seinen Gruß entbieten. Dann erst dürfen auch wir die Stadt seiner Zelte betre-ten, dann will er uns unterweisen in allem, das Lichtvater ihn lehr-te, damit wir ihm nachfolgen können in der Lichten Sinn.

Wir sollen uns hier unsere Zelte bauen. Er will uns nicht vermi-schen mit den Seinen. Frei sollen wir leben nach unserer Art, er wird uns nur helfen, daß wir das Rechte erkennen und das Bessere annehmen nach unserer Art. So hat mich der lichte Herr belehrt.« Ur-Ar war wie verklärt. Die reife, hohe Art der Reinen hatte in diesem Mann tiefen Eindruck hinterlassen! Unvoreingenommen wie ein Kind, das auch nach dem Besten greift, solang es unver-bogen ist, ließ er die reine Kraft aus Hjalfdars Einfluß frei in sich wirken. Voll Freude und Friede war seine Seele. Alle waren erfreut, als sie den Führer so glücklich, still und sinnend sahen, sie kannten ihn genau. War Ur-Ar still, sinnend und froh, so hatten sie wundersam Schönes zu hoffen.

»Wir wollen unsere Gäste bewirten«, sprach Ur-Ar zu den Seinen. Sie baten die Mannen aus Hjalfdars Schar, bei ihnen zu bleiben. Es war nicht schwer, sich zu verständigen. Mit Lauten, die einander gar nicht unähnlich waren, und durch deutliche Gebärden verstan-den sie sich wohl. Auch war es die Gleichart ihres reinen Wollens, die den Gesandten Hjalfdars vertrauend entgegenkam und somit geistige Brücken baute, ebenso die Hilfe und Vorarbeit aller wesenhaften Helfer.

Auf dem Boden des Wesenhaften trafen sie sich, die hochent-wickelten und die noch unentwickelten Geister, und von hier aus konnten sie sich führen lassen. Dies erkannten die Abgesandten Hjalfdars, die er unter den Besten seiner Helfer ausgewählt hatte.

Diese Männer waren von einer weisen Güte, die sich ganz der Art der Fremdlinge anzugliedern schien. Obwohl sie selbst auf völlig anderem Boden irdischer und geistiger Entwickelung standen, war es doch, als fühlten sie sich in die Wesensart dieser einfältigen Na-turkinder ein, die noch den Tieren gleich die rauhe Wirklichkeit, den Kampf in der Natur und die primitivste Lebensart als Einziges erlebt hatten.

 

Einem Edelsteine gleich glühte allein das Wissen von dem Licht des Lebens überragend in diesen langsam erwachenden Geistern. Das aber war es, das ihnen Nahrung gab, das sie weiter führte und erweckte, der heiligen Bestimmung zutrieb, die der Herr ihnen vor-behalten.

Hjalfdars Gesandte wußten bald, wie rein und offen der Boden war, in den sie das Licht Gottes streuen durften. Mit aufmuntern-dem, freundschaftlichem Gruß trennten sie sich von Ur-Ar und kehrten ins Lager zurück.

»Nun wollen wir dem Lichte danken, das uns zu unserer Leuchte führte«, sprach Ur-Ar und betete den Abendsegen.

Die neuen Zelte waren bald bezogen. Friede, Stille und die Ruhe zufriedenen Geistes breitete sich über das Lager aus. Herrlich be-schützt unter den Strahlen des Kreuzes schliefen die Menschen der Urzeit, die an den Born des Lebens gefunden. Sie schliefen einen erquickenden Schlaf, der sie in ein neues, wahres Leben führte. In dieser Nacht taten diese Geistflammen alle einen weiten Schritt auf eine höhere Stufe der Entwickelung; aber sie wußten nichts davon. Staunend gewahrten die Urwaldmenschen den Segen der dau-ernden Beweglichkeit, die von diesen Reinen strömte. Die neue Er-nährung, die Hjalfdar absichtlich bestimmte, um die Umstellung der Lebensweise rasch zu fördern, bewirkte bald eine gewisse Um-bildung in der Wesensart, die nicht den Urwaldmenschen, wohl aber den Reinen auffiel.

Aus dem rein stoffiichen Aubau griff sie auf die seelische Beschaf-fenheit über, machte sich bald in der feinstoffiichen Ausstrahlung fühlbar und den Reinen sichtbar.

Der Einfluß der Frauen war hier sehr stark. Diese befaßten sich mit den neuangekommenen Frauen und den Kindern und führten sie in die Gebräuche der heiligen Waschungen, der Atmung und Bewegung ein. Daraus entwickelte sich ganz von selber auch eine Anpassung der Kleidung, die der Frau näher lag als dem Manne. In der Anpas-sung der gesetzlichen Sitte der aufstrebenden Völker schritt ebenfalls das Weib voran, da es sich überraschend schnell dem Einfluß alles Reinen öffnete und geistig emporschwang, so daß es an Reife dem Manne völlig ebenbürtig ward. Es wurde frei, nicht mehr irdisch dem Tiere gleichgestellt, sogar führend in ganz kurzer Zeit.

 

Dieser Vorgang entwickelte sich naturgesetzlich und überra-schend schnell, aber erst dann, als Hjalfdar darüber zu den Men-schen sprach, erkannten und erlebten sie bewußt, was sie vorher nur, verschwommen ahnend langsam mit dem Gefühle aufgenom-men hatten: Die wunderbare Führung aus dem Lichte durch das Erdenweib! In feierlichem Brauche wurde ihr die Handhabung des Feuers anvertraut und so die Frau im Walten häuslichen Wirkens dem Mann an Pflicht und Rechten gleichgestellt.

Es nahten sich ihr die Strahlungen der lichten Helfer, die im Feu-er des Herdes der Frau verbunden sind, und sie erfuhr durch diese die Kraft des irdisch unsichtbaren Wirkens. Sie schufen Brücken empor zu der Kraft der lichten Reinheit Gottes, auf deren Strahlen die heiligen Ströme aller Hilfen herabkamen. So wurde das Erden-weib zu dem Gefäß des Lichtes, das hohe, reine Geistflammen auf-zunehmen fähig werden konnte.

Überraschend schnell hatten die einfältigen Urbewohner der Erde sich in den Rhythmus des neuen Lebens eingefügt. Wohl blie-ben ihre Zelte für sich, wohl gab es keinerlei Vermischung im All-tag, aber die heiligen Stunden der Andacht, der Belehrung und Er-bauung schenkte Hjalfdar den Armännern genau so reichlich wie seinen Stammesbrüdern. Nur teilte er seine Helfer und Hörer in Fortgeschrittene und Beginnende ein, damit nicht einer den ande-ren hemme.

Hjalfdar hatte einen Kreis von Männern und Frauen um sich ge-schart, die ganz in seinem Sinne die Neulinge führen durften. In allen irdischen und allen geistigen Dingen waren sie ja noch wie unmündige Kinder. Aber auch wie diese geöffnet und bereit, alles vertrauensvoll zu nehmen, was ihnen gegeben ward ohne Vorbe-halt. So waren sie rein, einfach und ohne irgendein Übel.

Bald blühten die Menschen in herrlicher Frische auf. Besonders die Kinder, die ein neues Geschlecht zu werden versprachen. In al-len aus Gott geschöpften Weisheiten wurden sie unterrichtet durch einen Schüler Hjalfdars - den weisen Omar.

So lebten und woben sie ihre Fäden des Schicksals, bewußt und gemeinsam mit all den lieblichen Wesenheiten, die ihnen immer deutlicher erkennbar wurden, je höher die Stufe war, auf die sie sich zu schwingen vermochten.

 

Die Kinder schritten den Eltern voran und waren in selbstver-ständlichem Denken und Handeln bald vorbildlich erstarkt.

Hjalfdar hatte das Volk der Armänner längst vorbereitet, daß er sie dereinst wieder verlassen werde, um weiter zu wandern.

»Denn mir ist von Allvater der Auftrag gegeben, daß ich die Leuchte seines Lebens den Menschen in die Hände drücke, selber müssen sie sie halten und sich den Pfad durch die Dichte erhellen. Mit eigenem Wollen mußten die Flammen in Euch wach werden durch Lichtes Ruf und Kraft, nun aber müssen sie aus sich weiter wirken, da ich Euch alles gab, was Lichtvater mir gegeben hat für Euch. Und damit Ihr es vermöget, müßt Ihr ganz selbständig leben. Ein kleiner Teil von Euch wird mich geleiten und ich werde mei-ner Söhne einen und einige Lehrer lassen in Eurer Gemeine. Wir andern aber werden der Bestimmung von oben nachgehen, die uns

Holdas Stimme gesendet hat.«

Alle waren eingeweiht in die heilige Verbindung, die Hjalfdar mit den sechs »geistigen Brüdern«, mit der heiligen Höhe zu unterhal-ten fähig war.

Sie wußten auch alle von Holdas Weisheit, die sie wie eine Köni-gin liebten und verehrten, der sie wie einer Mutter zugetan waren. Gar oft hatte ihnen Hjalfdar Kenntnis gegeben von dem Wissen dieser Reinen, der Stammutter in Lichtasenheim«, die sie nach ih-rer Mundart Frau Holle oder Holda nannten.

Wie mancher Trunk aus dem kraftvollen Kräutergebräu ihrer Ge-heimnisse hatte Wunden geheilt, die in Unvorsichtigkeit oder Fehl-tat erzeugt waren. Wie mancher weise Spruch war dabei aus dem Kreise der Sieben Holdas Warnung beigegeben. Sie kannte sie alle, die Armänner, samt Frauen und Kindern; denn ihr weitschauendes Geistauge ward nimmer müde.

Und immer zu rechter Zeit nahm Hjalfdar auf den lichten Fäden der Verbindung die Worte wahr, die in dem Kreis der Sieben ge-sprochen wurden, von oben, aus Holdas Munde. Die leuchtenden Helfer, die ihnen stets zur Seite waren, trugen Kunde hin und her und gaben sie oft gleichzeitig auf der Erde an beiden Orten.

So fest war Holda mit Hjalfdar verbunden auch während der Zeit irdischer Trennung. Jedes hatte seinen Weg selbständig für sich zu gehen und dennoch gemeinsam im Dienste des Lichtes.

 

Die endlose Öde der sandigen Wüste taugte Hjalfdar nicht für die Dauer. Er wollte mit seinem ganzen Gefolge, den Armännern in-begriffen, weiter wandern. Es erwies sich die Gegend auf die Länge der Zeit als zu arm an Feuchtigkeit, um das Rind richtig zu nähren, um irgendwelche Frucht gedeihen zu lassen. Bei dem großen Zu-strom der Urwaldmenschen mußte für Nachbeschaffung von Nah-rung gesorgt werden.

Die vielen Samen von Früchten, Kräutern und Bäumen waren wohl verwahrt geblieben; denn Hjalfdar hatte sofort gesehen, daß ihr Anbau keinen Erfolg gezeitigt haben würde.

»Wir haben die Menschenblüten bereitet, nun müssen wir auch der Erdenfrüchte gedenken; folget mir, bis uns Gott die Stätte weist, da Ihr Euch ansiedeln sollet. Dann will ich Euch Eure Stätte noch bebauen und weihen und ihr den Namen geben, daß sie Euch wohl gedeihe.«

Und es begann der Abbruch der Lager. Nachdem sie einen Tag und eine Nacht gearbeitet, gepackt und gezäumt hatten, zogen zwei lange, wohlgeordnete Züge weiter gegen Osten, in sandiggraue Hü-gelwelt hinein.

Hjalfdar mit seinen beiden Stämmen.

Blaue Hügel wuchsen in der Ferne immer höher empor. Sie lock-ten die Menschen. Die Stille der Wüste, die beinahe leblos zu wer-den drohte, hatte auf alle gedrückt. Das barg die Gefahr, daß die Menschen dadurch an Bewegung verlieren könnten. Kein Tier hat-te sich dem Lager genaht. Auch die Natur war ewig gleich in still geduckter Ruhe.

Träumend war die Wüste. Hjalfdar aber drängte es zur Tat, zu Kampf und Sieg, zu Hilfe und Aubau, darum trieb er die Seinen an:

»Ewig wechselnd muß das Leben in Euch strömen, Menschen, wenn Ihr aufwärts steigen wollt. Stillstand ist Rückgang, sagt Euch der Herr!«

Wieder begann eine mühsame Wanderung, wieder zog Hjalfdar wie einst mit seiner kleinen Schar durch weites, unerforschtes Land. Was vor mehreren Jahrzehnten, zu Anfang seines Erdenwirkens ge-schehen war, es schien sich nochmals im Großen, auf höherer Stufe und weiterem Erkennen wiederholen zu wollen.

Wie ein Kreislauf innerhalb dieses Erdenwirkens schien ihm der Gang durch die Weite, der sich zum zweiten Male vollzog und dennoch in so ganz anderer Weise wie das erstemal. Einstmals ging er, sel-ber noch jung und Erfahrung sammelnd, in völlig unbekanntes Land hinaus, das geringe Wissen um das Wesen aller Dinge erst tastend vorahnend, dann langsam, Stück um Stück im rauhen Kampf um ir-disches Dasein erwerbend. Und gleichzeitig sank ihm aus lichten Hö-hen die Hilfe der Lichten seiner jeweiligen Reife entsprechend herab. Er hatte in steilem Anstieg das Leben gewonnen, um es erken-nend weiter zu tragen nach Heiligem Willen. Dies war nun sein Amt. Wohlausgerüstet mit der Hilfe aller lichten Ebenen, im Wis-sen über ihr Wirken fest und unerschütterlich, dem Kampf mit al-len Gefahren der Natur durch dieses Wissen furchtlos hingegeben, stand Hjalfdar hoch über allen, die ihm in Ehrfurcht folgten.

Er hatte sie zu Gott geführt, wie sollte er sie da nicht sicher durch die Schöpfung leiten! Alles, was er sagte und tat, kam aus dem Licht, durch hohe Lichte übermittelt; wie sollte da nicht alles aufs Beste geschehen, ihnen zu Nutzen und Hilfe gereichen?

Jede Not, jeder Schmerz, jede kleine Verirrung war Schule und Führung zu besserem Fortschritt. Überall standen die Helfer bereit, die, wo sie nicht rechtzeitig warnen durften, erklärten, rügten und führten, auf die Fehler hinwiesen, die gemacht worden waren.

Was Hjalfdars Stamm wußte und sein Eigentum nannte, wurde im täglichen Erleben, im Kampf des Daseins auch den Arern bald Selbstverständlichkeit. Schnell griff das Wissen um das Einssein mit der gesamten Schöpfung in den Urmenschen Platz. Aufsteigend sich allzeit zu bewegen, das lehrte sie Hjalfdar in jeder seiner Taten. Auf solcher Höhe aber zu stehen wie er, wo es zu verbessern gab, wie schwer mußte gerade dieses sein!

Sie hatten es noch leicht, sie brauchten nur mit offenen Augen und Ohren und willigen Seelen aufraffen, was sich ihnen bot; denn sie waren noch dumm und fingen ganz am Anfang an. Das sagte ihnen Ur-Ar immer wieder, und immer wieder zeigte er ihnen:

»Dies haben wir nun gelernt, so müssen wir weiter schreiten, ganz hoch, ganz ferne stehen für uns unsere Vorbilder, die aus Lichta-senheim herabkamen, uns zu Gott zu führen. Wir müssen so weit kommen, daß uns Hjalfdar an die Seite seiner Enkel stellt.«

Ur-Ar entwickelte sich schnell, er war der rechte Führer für die Armänner. Ganz noch Waldmensch, aber anstrebend mit feurigem Wollen hinauf ins Geistige. Hjalfdar liebte ihn. Oft sprach er auf der Wanderung mit ihm, ihn an die Spitze des Zuges rufend. Die-se Wege waren dann für Ur-Ar Lernstunden, die wie ein heiliges Vermächtnis in seinem Geiste aufgesammelt blieben und reiche Früchte trugen.

Aus der sandigen Hügelwelt ward steiniges Land. Wie verkru-stete, verkalkte Asche, brüchig, schaumig, gelblich weißgrau war dies Gestein. Wie von hohen Meereswogen aufgepeitscht und im Augenblick erstarrt zu grotesker Formation, so waren da endlose Weiten eines märchenhaft anmutenden Gebirgsmeeres entstanden. Wenige Gewächse zierten die Gruppen. Sie waren ebenfalls von bizarrer Form. Und wie diese sonderbar gestaltete Umwelt, so er-blickten sie auch ihre wesenhaften Freunde, die all dies ja im Wol-len des Höchsten gebildet hatten, mit dem entsprechenden Ausdruck ihres Wesens.

Langsam erst erfaßten sie, daß es die gleichen, ihnen schon be-kannten Arten waren, die aus Pflanze und Stein, aus Luft und Was-ser ihnen entgegenlächelten, die sie warnten, ihnen zuriefen und allzeit freudig Hilfe boten, wo sie ihre Wollensfäden in Harmonie und Vertrauen mit ihnen verbanden.

Aber dennoch krankten ihre Tiere, dennoch litten die Kinder an der eigentümlich salzigen Atmosphäre, die zudem noch trocken war. Wenig Tiere zeigten sich, kaum einige grämliche Vogelarten, die wie Geier auf den Schroffen nisteten. Keine Vierfüßler, auch keine Reptilien.

Dafür aber nisteten Fliegen überall, die sich mit Vorliebe in die Haut der Tiere und Menschen setzen wollten. Doch hier wurde schnell abgeholfen. Ein durch die Trockenheit verendetes, fettes Rind wurde geschlachtet, die Fette aber zu einer Salbe bereitet, die Holdas Stimme Hjalfdar kündete.

»Hör Hjalfdar! Also redet das Licht meines heiligen Tempels zu mir: Es ist mein Wille, daß mein Volk nicht leide unter irgendei-nem Getier der Schöpfung. Darum gab ich das Kraut den heiligen Höhen, daß die Wurzel des Übels im Keime beseitigt. Gehe hin und finde es.

Und Holda fand ein Kraut und sendet Dir den Spruch zur Berei-tung!«

 

Viel durften die Menschen wieder lernen an diesem Erlebnis.

Bald glänzten ihre Körper von dem feinen Salböle, das Hjalfdar von wissenden Frauen nach Holdas Gebot fertigen ließ, und die sieben Tage, die jene Tiere lebten, wurden dadurch für die Men-schen nicht zur Gefahr.

»Wie ist doch des Herrn Welt so mannigfaltig in ihrer Schönheit, so unterschiedlich in ihrer Erscheinungsform. Was gebiert sie aus ihren Samen unermeßliche Geschöpfe, die da sich entwickelnd und lösend gebären und tilgen im Wechselspiel des Kampfes.«

So sprach Hjalfdar im Kreise der Sieben, und sie sahen sinnend, wie die ewig waltenden Gesetze weiter woben an dem unendlichen Gespinste der Schöpfung. Sie erkannten, welch kleiner Teil sie sel-ber als Menschen doch sind, die so Großes erleben durften auf die-ser Welt.

Erda raunte ihnen weises, heiliges Sinnen zu. Sie schlossen den Abend in der Wüste mit einem innigen Dankgebet.

Grollend donnerte ein Sturm in der Ferne. Die Sterne flammten im feuchtschweren Himmel und die Schaumklippen warfen grau-schwarze Schatten. Tiere heulten in der Ferne, von deren Ruf die edlen Rinder zitterten. Schauerlich war die Wüste zur Nacht und das Volk Hjalfdars sehnte sich nach einer Heimstätte im duftenden, rauschenden Walde.

 

Tage und Wochen nach jetziger Zeitrechnung dehnten sich die Klüfte der schaumgeborenen Salzgebirge. O Welt, wie wundersam sind doch die Formen, die Dein Entstehen im Wandel der Gezeiten schuf und begrub.

Wie Runen standen die zerrissenen Meereswogen gleich schäu-menden Kronen in dem Licht des Mondes. Silbern und schau-erlich. Leise pfiff der Wind durch ihre fein gezahnten, morschen Spitzen und erzeugte ein winselndes Säuseln, das wie der leise wei-nende Schrei eines gequälten Vögleins war. Tief dunkel lagerten die Schatten und gespenstig, die der schon tiefer sinkende Mond in die weiten Klüfte warf.

Eigentümlich die Wesenhaften, die da den Menschen nahten, die ein leises Erschauern davor verspürten; denn sie schienen wie Übergänge, die nicht zu dieser Sphäre gehörten. Es war auch, als zöge sich feinstoffiich alles auf der Erde Vergehende in jene Ge-gend, die Boden gab für die Gleichart. Zu jener Zeit dauernder Umgestaltung der Erdoberfläche war ein Kampf in der Umbildung der Formen, die für dichte Gehirne späterer Menschen kaum noch auszudenken ist.

Alles Erdige, alles Pflanzliche, alles Tierische keimte und verging in dem Kochofen der noch feurigen Stoffe, die den Schaum nach oben drängten, der in der abgekühlteren Zone verdichtete. Was heute glühender Lavastrom, konnte in einer verhältnismäßig kur-zen Zeit Sumpf sein, der Milliarden noch nie gekannter Lebensfor-men ausbrütete.

Von all diesen Lebensformen, von dem feinzelligsten einzelligen Wesen bis zu dem kompliziertesten Zellenaubau unbewußt we-senhafter Tierkörper gediehen Wunder der Vielseitigkeit, die bald, das heißt vielleicht nach Hunderten von Jahren, durch Beben und neue vulkanische Erhebungen den Prozeß einer Verkrustung oder Verbrennung erlebten.

Nun schien es plötzlich Hjalfdar, als zögen all die in dauerndem Umschwung wirkenden Wesenheiten der feinstoffiichen und we-senhaften Art seine ganze Aufmerksamkeit auf sich und er wußte, daß sie ihm die Wunderfülle weisen wollten, die des Schöpfers Hei-liger Wille durch sie schuf.

Es war ein Forschungserlebnis für die aller Schönheit und Form so dankbar geöffneten Menschen, die an allem die weisen Gesetze des Aubaues und Wandels zu erleben fähig waren; denn sie ließen die Eindrücke, die durch das grobstoffiiche Auge Aufnahme fan-den, in der Führung von oben zum innersten Erleben kommen, ohne viel darüber zu klügeln oder gar zu urteilen und zu kritisieren. Darum waren sie auch völlig frei, das rein Gegebene auch rein zu empfangen und rein zu verarbeiten. Die Goldschmiede und For-menbildner, die in dem Tal der Arbeit zu künstlerischem Schaffen erwachsen waren, erfreuten sich besonderer Gnade, aus den Bildern wesenhaften Webens und Formens, feinstoffiichen und stoffiichen Daseins Gebilde nachzuschaffen, die in ihrer Reinheit und vollen-deten Ausführung wie Dankgebete an Lichtvaters Thron erschienen. Sie sammelten mit Hjalfdars Führung, der den Einfluß und An-schluß an die Wesenhaften am besten besaß, die schönsten Vorbilder für neues Wirken. Zuweilen glänzten im Licht der Sonne oder des Mondes ganz wundervolle Kristalle in den schaumigen Krön-lein auf, und es wirkte in den dauernd wechselnden Strömungen der Luft diese Gegend wie ein Märchenreich an Licht und Schatten, Glanz und Todestraurigkeit.

Ganz angepaßt an das Schwingen in der Natur waren die Men-schenkinder, die durch jenes Wunderland zogen. Und wie ihre Eindrücke, so gestalteten sich auch ihre Lieder, die sie den lichten Helfern und dann den Ewigen weihten.

Manchmal stieg auch wieder ihre ursprüngliche Neigung auf, die nicht ganz zu begreifenden und darum unheimlich Wirkenden Formen und Gestalten der Erscheinungen durch Gaben, Lob und Bittgesänge zu beschwichtigen und gut zu stimmen.

Hjalfdar wehrte es ihnen; denn er wies darauf hin, daß es nichts gäbe, was der reine Geist zu fürchten habe.

»Gefahr und Schreck, Wunde und Schmerz ist Auswirkung einer Trübung, die Euch Euer eigen Denken, Wollen und Tun erscha@.

Alle Lichten warnen Euch, alle Lichten stützen Euch und zeigen die Gefahren rechtzeitig. Wenn Ihr jetzt durch die Wüste wandelt und Euer Geist oder Euer stoffiiches Auge sieht Formen, die Ihr nicht begreifen könnt, dann bergt Ihr das Angesicht zuweilen in die Hände und es zittern Euch die Kniee im Schreck. Der Schreck aber ist Schwäche Eures Geistes und er öffnet Wege, darauf sich feinstoffiiche Gebilde, in der Wandlung begriffen, beschwerend an Euch klammern können.

Sie belasten Euch und drücken, sie zehren von der feinen Kraft, die der Herr als Lebenskraft Euch spendet, und Ihr schadet da-mit Körper und Geist. Den ersten entkräftet Ihr, den zweiten be-schwert Ihr. Eine unabsehbare Gefahr liegt darin für den Men-schengeist.

Fehlt darum nicht, dann braucht Ihr Euch auch nicht zu fürchten. Wenn Ihr aber aus Furcht bettelt, dann trübt Ihr Euch die Wege der Lichten, die Euch die Kraft zuleiten, und hängt Euch an die Angst-gebilde, die Ihr damit nährt. Darum sage ich Euch, scha@ Euch keine falschen Götter!«

Wie eine furchtbare Warnung aus lichten Höhen dröhnten diese Worte in der Wüste aus Hjalfdars Munde.

 

So gab ihnen Hjalfdars Weisheit und Liebe alle Tage neu aus der Fülle des lebendigen Stromes, daraus er selber schöpfte. Die Men-schengeister waren so geöffnet und verbunden mit allen heiligen Kräften und Ebenen, daß sie wie ein kleines Glied mit eingefügt blieben in die unabsehbar und vielfach verbundenen Ringe und Fä-den der Schöpfungskette. Sie fühlten sich auch nur als ein Teil des gewaltigen Ganzen, lebten und woben in dem lebendigen Wirken mit, getrieben von der heiligen Kraft des Schöpfungswillens, wenn auch anderer Art wie die Wesenhaften.

Aber die Art ihres Geistes war mit dem freien Willen begabt und stellte sie dadurch in ungeheuere Verantwortung. Hjalfdar, dem durch die Beobachtung und Erfahrung der Blick für alle mensch-liche Eigenart sich ins Große weitete, ließ nicht nach, die täglich und stündlich gemachten Beobachtungen des Abends zu bespre-chen und seine Helfer und Gefährten wie auch seine Gefolgsamen auf alle Gefahren hinzuweisen, die durch falsche Handhabung ih-res Wollens entstehen konnten. Er fühlte in sich ein brennendes Verlangen, den Menschen irdische Richtlinien zu geben, um sie da-durch in Wege zu leiten, die für sie Schutz und bleibenden Höchst-stand sicherten.

Er bat im Gebet Lichtvater, der seinen strahlenden Geist der Wahrheit in Gestalt der Heiligen Taube schon über ihn gesendet hatte, um seine Grundgesetze zu künden.

Aber Lichtvaters Heiliger Wille schwieg, auch ließ sich sein strah-lendes Licht nicht sehen, noch fühlte er das Wehen seines schwin-genden Gottesatems. Stille und wie im Traum versunken lag endlos gedehnt die Wüste vor Hjalfdar, und seine sehnsuchtsvolle Seele suchte vergebens nach der Stimme, die Leben für ihn war.

 

Vor einer großen, gewaltigen Schicksalsstunde schien das Volk der Lichtasen zu stehen, und nur eines ward ihm gewahr: das Drän-gen der wesenhaften Helfer, die es aus der Wüste trieben. Dröhnend nahten die Riesen, die schweigend in der Ferne verharrt hatten. Sie bildeten eine lange Kette und drängten das Volk vor sich her.

Hjalfdar hatte auf seinem goldenen Horn zur Bereitschaft geru-fen, und alle waren in Eile bereit. Keiner säumte. Sie fühlten schon und sahen das Drängen der Helfer und wußten, daß sie hier auch gehorchen mußten. Es ergriff sie eine starke Bewegung, die, von dem Druck der Riesen verursacht, die ganze Gemeinschaft nach Südosten drängte.

Hjalfdar freute sich, ihm war, als würde Lichtvater seine Bit-te dennoch erhört haben, wenn auch in anderer Art, als er es in seiner menschlichen Vorstellung erwartet hatte. Ach, die Weisheit und Gerechtigkeit dieses höchsten, allen Wesens Fernen, den er mit dem hohen Namen nennen hörte, darin alle Kraft des Lebens lag!

Diese Weisheit, die Allweisheit war, sie war so weit, so unerfaß-lich für einen Geschaffenen, der sie nur innerhalb seiner Art zu be-greifen vermochte. Aber er fühlte immer klarer ihr Wirken und sah immer tiefer in jene heiligen Gesetzesverknüpfungen, die er nur als Vorsehung benennen konnte.

Ihre waltende, auslösende Gerechtigkeit gab ihm Stärke und Kraft, wenn er in Einsamkeit, von aller Menschenart so ferne und sie dennoch immer mehr erkennend auf hoher Warte stand.

Wie sehnte er sich dann nach seiner heiligen Höhe in den Tempel des Lichtes an Holdas Seite! Wie sehnte er sich empor in jene gold-flammenden Lichtauen, die ihm einst in hohem Schauen aufgetan worden waren. Wie sehnte er sich in die Nähe seines Herrn und in die Nähe der großen Helfer, die ihm wohl die Weisheit aller Farben, Töne und Worte zuraunten, die ihm aber seit langem unsichtbar geworden waren.

»Immer mehr breitet die Dichte sich über die Stoffiichkeit. Der Menschengeist von jetzt ist völlig anders als der Menschengeist spä-terer Gezeiten. In der Entfernung von dem Lichte Gottes liegt eine Abkühlung und Verdichtung vor, die der Menschengeist zur Über-windung für seine Entwickelung bedarf. Freudig kann er sie erfüllen, so er treu und stetig aufwärts blickt. Du bist der Anker in das Licht, zieh sie empor, die Menschheit, in Liebe zurück zum Ursprung!«

Hjalfdar hörte Stimmen über Stimmen. Tage und Nächte. Es dröhnte in ihm diese innere Stimme oft wie ein gewaltiger Donner-hall und Glockenton.

»Nun wirst Du bei den Dichten die Kunde vom Licht ausstreuen!« Hjalfdar wußte nicht, was unter den »Dichten« gemeint war, aber er war es nicht anders gewöhnt, als sich dem Führer hinzugeben.

Klar und bewußt, wach und voll Willen schritt er den Weg.

 

Und sein Volk folgte. Unmerklich änderte sich die Luft. Plötzlich aber strich ein feuchter Wind von Süden her und sie gewahrten feine Nebelstreifen, die ein Zeichen feuchterer Atmosphäre waren. Auch die Sonnenlichter lagen in anderer Stärke auf dem Sande, warfen andere Betonung auf die matten Farben und die Wolken brachten dunklere. Schatten. Auch der Glanz des Himmels ging in satteres Blau über und war nicht mehr so stark von der stechenden Trockenheit der Strahlen erfüllt.

Hjalfdar atmete auf. Die Wasservorräte gingen zur Neige, er wuß-te, seine Bitte führte ihn zu einem frischen Quell. Mit dem erquik-kenden Quell, der den Körper labte, würde Allvater auch das reine Wasser seines Geistes wieder über sie senden. Und plötzlich wußte Hjalfdar: die Zeit, da Allvater die irdischen Gesetze sendet, wür-de kommen. Aber sie lag vorerst noch in der Zukunft. Jetzt sollte der Menschengeist erst frei und selbständig werden, im vollen Ge-brauch der heiligen Wirksamkeit der Kräfte.

Im Osten stiegen Hügel an. Blaugrau und schwer. Was war dies für Gestein? Es glitzerte manches Mal, als sei es dunkles Metall, dann wieder feucht wie Kohle oder Schiefer, aber, wie alles feste Gefüge dieser Periode, war es doch mürbe und blätterig, porös.

Schwarze Vögel zogen kreischend von ferne darüber hin, sie sa-hen düster aus und waren riesengroß. Als diese Ur-Ar sah, leuch-teten seine Augen. Der ganze Stamm freute sich. Ur-Ar rannte in großen Sprüngen an die Spitze des ersten Zuges. Er mußte Hjalfdar im Eifer auf diese Vögel weisen.

»Wir müssen sie töten mit unseren Schleudern! Es sind fleisch-fressende Vögel, die unsere .Tiere und Kinder gefährden«, sagte Ur-Ar.

Hjalfdar aber legte seine Hand auf Ur-Ars Arm und sah ihn ruhig an:

»Wir wollen sie uns zu Freunden gewinnen; denn sie greifen noch nicht an. Nicht einer ihrer feinstoffiichen Wünsche hat sich herangedrängt. Sie sind satt und beschäftigt, anscheinend harmlos. Wollten wir sie töten, so verstießen wir gegen das Gesetz, das uns nur den Kampf in Notwehr und Hunger gestattet.

Achte auf Deine Fäden, die Du mit den Kräften in der Natur knüpfest, und sinne nicht auf Töten. Wie Du denkst und tust, Ur-Ar, so werden Deine Gefolgsamen in Bälde tun. Sehen sie eine leichte Lockerung in dem Tun ihres Führers, so spinnen sich for-mende Gedanken um ihn und um die Gleichart seines Wollens. Kannst Du dies verantworten? Bedenke: Ich habe Dir viel gegeben, fordere deshalb auch viel von Dir!«

Wie ein beschämtes Kind stand der große Waldmensch gesenk-ten Kopfes vor Hjalfdar.

»Herr, ich weiß, Du hast uns die Gesetze gezeigt. Wir durften sie erleben an uns und den Gefährten. Du lebst uns vor, wie wir Ver-antwortung tragen sollen, Du willst aus den Armännern Lichtasen machen. Ach, Herr, wir sind nicht aus dem Stamme der Lichtasen!«

»Ur-Ar, gedenke, was ich Dir von den Geistkeimen sagte: Allvater hat jedem Menschengeist denselben Keim gegeben. Fache ihn zur Flamme an, dann bist Du gleich den Lichtasen. Alles liegt in Dir und an Dir allein!«

Warnend stiegen aus den dunklen Klüften der Felsformen schat-tenhafte Wesenheiten auf und nieder, winkend. Eine weiße Gestalt mit grauem Schleier stand hoch aufgerichtet, leicht und durchlässig wie Nebel, vor Hjalfdars Auge. Wesenhafte Wächter.

»Gehet nicht weiter!«

Donnernd grollten Blöcke von ziemlicher Größe von den Erhö-hungen des geklüfteten Felsgesteins.

»Es sind die Dichten, die ihr Reich verteidigen. Hütet Euch vor ihrer Kraft! Es sind Riesen in Fleisch und Blut.«

Hjalfdar sagte ein Wort, das den Klang aller Vokale in starkem Schwingen in die Netze der Schöpfung trug. Ruhe breitete sich aus, atemlose Stille. Kein Tier, kein Mensch aus der großen Schar des Gefolges tat einen Laut.

Wie geöffnet waren diese Menschen den Gesetzeskräften, denen sie sich vertrauend hingaben. Sie sammelten Kraft zur Abwehr, zo-gen aber auch die Helfer heran.

Plötzlich war die Luft voll Spannung. Wie die Ansammlung gewalti-ger Elektrizitäten griff es in die Ströme der Luft. Kleine, blitzende Flam-men, krachende Entladungen waren hier und dort zu vernehmen.

Wolken ballten sich. Es kämpften die »Nebelichten« gegen die »Dichten«. Über den Klippen erschienen plötzlich riesige, derbe Gestalten. Rollend warfen sie Massen des berstenden, porösen Stei-nes in die Gründe.

 

Aber die wesenhafte Kraft der Riesen lenkte das stürzende Ge-stein. Der Faust der Dichten entkommen, hatten sie keine Macht mehr über das grobstoffiiche Gebilde.

Wie vom Schreck gelähmt schauten diese verwundert hinab.

Da stand eine Menge ihresgleichen, aber hell und nicht so gewal-tig an Größe. Ein anderes Geschlecht! Unartikuliertes, eigentümli-ches Grollen war die Rede der Dichten.

Ein schmetternder Ruf aus Hjalfdars Horn machte sie zittern. Solches war ihnen neu. Dröhnten doch ihre Hörner des Ur, den sie jenseits der Berge im »Kraut« erjagten, dagegen wie das Brüllen eines welterschütternden Stieres.

Die weißen Gewänder, das blitzende Funkeln der Speere und Schmuckstücke, die bunten wehenden Decken der Tiere, wie das von da unten alles so lockend blendete. Sie hielten die breiten knor-rigen Hände vor die kleinen kohlschwarzen Augen. Die riesigen, affenartigen Schädel mit den breiten Backenknochen und platten Nasen reckten sich neugierig, blutgierig, habgierig.

Unten aber stand das Volk der Lichten. Hjalfdar an der Spitze mit wehendem Tuch. Die hinabgeschleuderten Steine fielen pras-selnd, dauernd abbiegend und in der Kluft der Ströme zerschel-lend.

Es mochte eine lange Zeit verstrichen sein, da nahten sich oben mächtige Drachen. Diese ergriffen im Fluge die Riesenmenschen und warfen sie hinab.

Die Riesen trieben die Drachen zu Hauf und schlossen sie ein, sie drängten sie wieder nach Osten zurück, von wo sie aufgestiegen waren. Hjalfdar stand da, leuchtend im Licht der Hilfe des Herrn.

»O, Ihr Helfer alle, ich danke Euch, daß wir gemeinsam dienen dürfen vor Allvaters Thron! Dies sei meine Bitte allzeit. Ihr mächti-gen Treuen, wie soll ich Euch vergelten?«

Eine kleine Zahl der Riesenmenschen war nicht tot. Sie lagen er-schüttert und keiner Rede mächtig zu Füßen der Fremden, die so plötzlich ihr Reich errungen.

Hjalfdar nahm sich ihrer an. Seine Hand lag auf ihren Wunden und sie fühlten Linderung, die Riesen, die wie hilflose Kinder wein-ten. Die Frauen brachten Balsam, Kräuter und Binden, die Männer legten die Wundbindungen an.

 

Glücklich lachten die breiten, zerdrückten Gesichter, die kleinen Augen funkelten, da köstlicher Wein die wulstigen Lippen netzte.

»Herr, Du bist gütig«, war das erste, was sie sprachen, und so wild rauh und unbeholfen die Sprache klang, Ur-Ar verstand sie.

Hjalfdar aber wußte, was sie meinten. Er verstand die Sprache al-ler Geschöpfe; denn er schwang in dem Willen des Lichtes.

Mit erstaunlicher Schnelle erholten sich die »Dichten« und rich-teten sich auf, noch auf der Erde sitzen bleibend. Sie überragten Hjalfdar und Ur-Ar um ein Gewaltiges sowohl an Höhe als an Brei-te der Körper. Ihre Art schien wohl Menschengeistiges in sich zu haben, doch stark betont auch das Wesenhafte. Sie waren völlig anders wie die Menschen. Gewaltsam, urwüchsig und angreifend. Ihre Augen hatten einen wachen, fast lauernden Glanz, der un-heimlich sein mochte für Tier und auch für Mensch, wenn er nicht einen überragenden Geist bewusst trug und damit seinen Verstand entsprechend zu leiten vermochte.

Darum war Hjalfdar mit seinen Helfern der Einzige, der diese Riesen in irdischer Hülle auch zu bezwingen vermochte. Wie alles der überragenden Kraft des Geistes zu gelingen vermag, der göttli-che Kraft zu nützen versteht, so gelang es natürlich auch hier Hjalf-dar und seinem Volke.

Was sie vielleicht ohne Hjalfdar nicht völlig vermocht hätten, erreichten sie nun durch die treue Hingabe ihres eigenen letzten Persönlichen. Und darin lag ein Augenblick des Wirkens für die Gesamtheit des Menschengeschlechtes!

Wortlos wurden durch kurze, kaum zu ahnende Regungen des Wollens große Taten vollbracht, die sich geistig und feinstoffiich so stark auswirkten, daß sie irdisch nur noch wie grobe Ausläufer die letzten Beweise erbringen mußten durch Auslösung im Stoffe.

»Erinnert Ihr Euch noch, als wir im Urwald von den Waldmen-schen die Geistkeime erlöst hatten? Wißt Ihr noch, was ich Euch damals sagte?«

Sie wußten es alle, auch die Jungen; denn durch Schrift und Wort war es ihnen übermittelt worden. Nur wenige waren anwesend, die mit dabei gewesen waren.

»Nun dürft auch Ihr erfüllen, Ihr Jüngeren; denn wieder gilt es die Geistkeime. Diese aber, die von dem Kampfe, den sie selbst gewollt, übriggeblieben sind, die wollen wir führen; denn sie sind es wert. Nicht soll die Art im Stoff getilgt werden, so sie den Geistkeim treu bewahrt.«

Es sprach eine andere Stimme aus Hjalfdar. Alle hörten und emp-fanden es, sogar die »Dichten«, die ihn nicht verstanden. Tief beug-ten sie sich zur Erde.

Die Nächsten um Hjalfdar hatten die lichte Taube wohl gesehen, die im blendenden Kraftstrome des Lebens Hjalfdars Gestalt in weißes Licht gehüllt hatte. Eine heilige Weihestimmung breitete sich über allen Menschen aus.

Gottesatem wehte still und feierlich über die einsame, wilde Erde.

»Nun führt mich in Euer Reich hinauf, zwischen die grauschwar-zen, schimmernden Riffe!« sprach Hjalfdar, als erster das Schwei-gen brechend.

Er ließ die drei riesigen Führer vorangehen, dann folgte er mit seinem Volke. Nicht einer blieb zurück.

Unten aber senkten sich über die Toten in das Trümmerfeld der schwarzen Steine die großen, unheilkündenden schwarzen Vögel und holten sich die Beute. Keiner sah nach ihnen zurück, auch nicht die Dichten. Es war, als wären jene anderen in eine Verges-senheit gesunken und das öde Wüstenland, durch das Hjalfdar ge-zogen war, mit ihnen.

Der Weg wand sich schmal durch das Gestein nach oben. Eine Mauer schien die durchschrittene von einer neuen Welt zu trennen. Ein grau-schwarzer Höhenrücken schob sich bis in unabsehba-re Weite nach Südosten. An dem Felsgebröckel bauten sich wilde Gruppen, durch die ein Fluß zuweilen zu rauschen schien, gebildet

aus vielen kleinen Quellen, die dort oben entsprangen.

Wie freuten sich die Wandernden über das klare und reiche Was-ser. Sein Rauschen tat so wohl, die feuchten Lüfte waren wie be-freiender Atem und unten glänzten saftige Wiesenmatten in einem strahlenden Sonnenlicht.

»Dort, dort ist das neue Land, Ur-Ar!«

Voll Eifer aber drängten die »Dichten«, das Reich ihrer Klüfte auch wirklich zeigen zu können. Hjalfdar folgte ihnen gerne mit seinen alten Getreuen, während Ur-Ar mit den Seinen die Lager richtete.

 

Zu ihrem Erstaunen erkannten sie, daß die »Dichten« Höhlen-bewohner waren, die in inniger Verbindung schwangen mit dem Wesenhaften der Erde und der Mineralien. Ein gewaltiges, selbst Hjalfdar noch neues Leben zeigte sich hier in der mineralisch ganz neu angelegten Erdschicht, die Hjalfdar sehr anregte. Er sah We-senhafte arbeiten und sah, wie sie sich mühten, den Menschen hilf-reich zu sein. Er sah auch, wie diese Dichten mit der Kraft ihrer mineralischen Erde beinahe organisch verbunden waren als Kinder dieses Bodens.

Es war, als öffne sich vor Hjalfdars staunendem Auge eine völlig neue Erde.

Die brüchigen Massen mit dem metallisch schimmernden Ton, die in leichte Farben zu spielen schienen, verdichteten sich nach abwärts zu, waren härter und zäher. Die Gänge, welche die kraft-vollen Hände der »Dichten« mittels schwerer Keile gebohrt hatten, weiteten sich nach unten immer mehr und ließen an den Wänden wunderbar schillernde Adern erkennen, die der Stolz und die Freu-de der Dichten waren.

Diese hatten sonderbarerweise drei Augen. Das eine Auge, das sie zwischen der Nasenwurzel trugen, wurde in der Dunkelheit der Höhlengänge leuchtend, während die beiden anderen sich schlos-sen, sobald die »Dichten« unter die Oberfläche der Erde gingen. Das Auge leuchtete dann in grünlich schimmerndem Licht. Es war wie ein großes Fischauge und mußte zu besonderen Fähigkeiten diesen eigentümlichen Geschöpfen gelassen sein. Die Menschen hatten an ihresgleichen noch nie solches gesehen und es befrem-dete sie sehr.

Konos, der Älteste der Drei, mochte derjenige sein, der eine Ver-ständigung am leichtesten bewerkstelligen konnte. Er wandte sich mit Ehrfurcht und Scheu, dennoch aber mit Stolz an Hjalfdar und führte ihn wie ein König durch sein Reich.

Es waren zusammenhängende Höhlen und Gänge. Die eigenar-tige Luft bedrückte die Atmung sehr, obwohl immer von oben für Zufuhr gesorgt war und auch die Höhlen ganz hoch lagen.

Von irgendeiner Art Bequemlichkeit war nichts zu sehen. Es gab weder Bänke noch Lager, auch keine Streu. Ebensowenig ei-nen Herd, sondern nur einen Erdkessel, in dem Holzblöcke in Glut erhalten waren. Darüber hing ein großer Kessel aus zähem Metall.

Hjalfdar wußte, daß dies die allergrößte Errungenschaft dieser sonderbaren Geschöpfe war. Er wies deshalb darauf, und Konos erzählte in rauhen Lauten eine lange Geschichte, deren begleiten-de Gesten und große Lebendigkeit so bildhaft auf Hjalfdars wache Aufnahmefähigkeit wirkten, daß er ihn leicht verstand.

Aus Konos’ Lauten und Bewegungen entwickelte sich reges Trei-ben, das Hjalfdar beobachten konnte. Es war, als belebe sich die grobstoffiiche Masse der Höhle, als träten da und dort die kleinen und die großen Gesichter wesenhafter Helfer hervor. Alle lachten Hjalfdar zu, der so viel Frische und Helle mit in die Höhlen ge-bracht. Sie kribbelten und krabbelten umher, durch ihr Erscheinen belebte sich das Gestein immer mehr.

»Wir sind in großem Aubau beschäftigt«, so murmelten sie.

»Wir rüsten die Erde zu immer neuem, nie endendem Reichtume. Es sind hier Keime, die erst die späten Geschlechter ausgereift, er-kaltet, erhärtet oder zu Formen zusammengewachsen in gänzlich anderen Gegenden dieser Erde entdecken werden. Wie lange wird da die Zeit für Euch Menschen sein, da Ihr unterdessen mehrfach in anderen Ebenen wandelt.

Und wenn Eure Geister dann wiederkehren, werdet Ihr nichts mehr wissen von Gewesenem und werdet wieder alles neu erlernen müssen. Anders wird die Erde sein. Keine dreiäugigen und keine einäugigen Geschöpfe wird sie mehr tragen, aber ihre feinstoffii-chen Gebilde werden noch in manchen Höhlen hausen und ihre Kräfte werden noch durch Menschen wirken, die sich dann »Rie-sen« nennen und gewaltige wilde Taten vollbringen.

Ihr Auge aber wird nicht mehr so klar sein, daß sie die wahren Lichten von den lichten Helfern und den Nebelichten zu unter-scheiden vermögen; denn die hohen Lichten, die wir kennen und denen Ihr mit uns dienet, die werden sie nicht wissen.

Ihr könnet viel vorbilden und helfen, Ihr Mannen aus Lichtasen-heim, und dem Geiste Wachsein und Aufstieg bringen. Darum ist Segen mit Euch, wohin Ihr gehet. Ihr seid auch die wahren Freunde der kleinen und großen Helfer. Ihr seid wie eine Stufenleiter mit uns verwoben im anbetenden Dienen. Wir lieben Euch!

 

Wir sind für diese Schichten als Verbindende und Formende ge-wollt und geworden und werden uns ewig weiterbilden mit dem Verbundenen und umgestalten mit der Art des Gebundenen. Wir sind die vorbereitenden Erbauer der großen Schätze im Stoffe, die der Mensch dereinst als Herr der Stoffiichkeit schätzen, erringen, nützen und verwalten soll. Daß er es in Reinheit tut, muß sein höchstes Streben sein.«

Also sprachen die unendlich vielgestalteten Wesenheiten, die feinste Atome hegten im Schoße der auferwachenden, gärenden, sich festigenden Mutter Erde.

»Woher besitzt Ihr das Feuer?« fragte Hjalfdar den Riesen Konos, auf den glühenden Erdkessel weisend.

»Es ist einst, da noch die Väter im Berge weilten, eine rauhe Sturmwelle über die Erde gebraust. Diese hat uns eine Flut gesendet und den Berg ausgespült, daß für Jahrhunderte nur diese porösen Gezähne aus den Fluten sahen.

In dem Innern aber, darein sich unsere Alten verkrochen hatten, war ein Feuersee. Diesem flossen aus einer Tiefe, die hellichte We-senhafte zu ergründen verboten, sieben feurige Quellen zu, und in diesen Quellen ruhten all die feinen, glitzernden Bestandteile, die Ihr jetzt in unseren Höhlen sehet.

So haben uns die Alten überliefert. Pflicht und heiliges Recht, das Erda uns streng gebot, war, das Feuer zu hüten. Und manch Einer von denen, die viele Hunderte von Zeitläufen gelebt haben, sind aus Treue zum Feuer in den Einstürzen der Schichtung begraben.

Wir sind ein treues Geschlecht, wir dienen der Mutter Erde und dem Feuer und wir werden in ihr leben und vergehen allzeit.«

Wie zur Bestätigung des Gesagten ließ sich aus den Tiefen ein lei-ses Grollen und Zittern, ein Rollen und Brodeln hören und Dampf drang aus den Spalten des Bodens. Hjalfdar merkte, daß dieser Erddunst es war, der den eigenartig beklemmenden Geruch in den Höhlen zurückließ. Es war wie ein Dunst von Schwefel und Metall.

»Das ist Amon, der Flüssigleuchtende, der seine Dämpfe empor-sendet, daß sie mit schimmernden Tropfen unsere Höhlen zieren«, sprach Konos stolz und glücklich mit dem Lächeln eines Belehrenden. Hjalfdar aber störte dies. Was hatte der »Dichte« für Regungen, tat er doch, als hätte er Grund, auf die Gaben der Lichten stolz zu sein. Und er fühlte, daß es doch gut wäre, den Geistkeim auch aus dieser dem Absterben zustrebenden Entwickelungsform loszulö-sen. Aber er wollte nicht töten in diesem Falle.

Ganz Eigentümliches bereitete sich da in der Tiefe der schwarz-grauen Bergmasse, die einer großen Entwickelungsepoche ange-hört hatte und nun zu schlafen schien. Hjalfdar und seine Begleiter hätten wohl gewähnt, sie würde schlafen, wären sie nicht eingeführt worden von den drei obersten Führern der Dichten, die ihre eigene Stammesart etwas zu überragen schienen.

Hjalfdar staunte, wie sehr sich der untererdige Höhlenbau erwei-terte und vertiefte, förmlich zu einer kleinen Stadt anwuchs. An Bequemlichkeit irgendeiner Art war aber nicht zu denken. Auch nicht an Beleuchtung, vermochten doch die Dichten mit Hilfe ihres Stirnauges die Dunkelheit zu durchdringen. Dieses Auge glühte in der Art der Katzenaugen.

Hjalfdar mußte der Tiere gedenken, die er im Urweltwald dereinst einäugig an den Bäumen hängen sah gleich Blättern. Aber doch hatte diese menschenähnliche Abart Befremdendes für ihn und Überraschendes. Es stand ihm da ein Wesen gegenüber, das zwar menschengeistig war, aber zu überwiegender Seite ins Wesenhafte zu ragen schien. Machtvoll arbeitete Hjalfdars Geist. Die Dichten fühlten dies. Sie, die Wilden, Ungebärdigen, die keine Kraft aner-kannten denn die eigene, waren dienstbereit und schmiegsam wie zahme Haustiere. Dabei zog es sie mit Kraft hin zu den leuchtenden Menschen und deren geistiger Wirksamkeit.

»Ihr habt uns eine neue Welt aufgetan«, sagte Hjalfdar zu ihnen.

»Wie tastend müssen wir in Eurem sonderbaren Reich uns fortbewe-gen, Eure Art zu erfassen und uns mit Euch zu verständigen suchen.«

»Ihr zeigt uns ebenfalls ein neues Leben. Es leuchtet in uns und drängt uns mächtig in eine dauernde Sehnsucht. Ihr habt das leuch-tende Licht des Himmels in Euch und dies haben wir nicht.«

Freudig gewahrte Hjalfdar, daß diese Dichten sich doch nach dem Lichte sehnten, daß ihre Geister in der Tiefe der Dichte die Schwere der Dunkelheit fühlten, zum Glück für sie schmerzhaft empfanden.

»Wenn wir Euch weiter hineinführen in unser Lager, dann werdet Ihr noch mehr von uns finden. Aber wir müssen Euch vorsichtig führen und erst die anderen von uns vorbereiten.«

 

»Wo sind Eure Frauen?« fragte einer aus Hjalfdars Reihen den Konos.

Dieser verstand ihn nicht. Hjalfdars Leute schauten einander an. Dieser Riese wußte nicht, was Frauen waren!

Er war eine Art Doppelgeschöpf, doch konnten die Menschen dieses nicht erkennen. Äußerlich machte er den Eindruck eines übermächtig starken, großen, wohlgewachsenen Mannes.

Hjalfdar drängte mit einem Male auf Rückkehr nach oben. Er at-mete erleichtert, als er die Luft des blauen Himmels wieder fächeln fühlte, während sie mit ihren drei Führern durch die obersten Höh-len das Freie gewannen.

Hjalfdar versprach, am anderen Tage wieder zu kommen und riet Konos, sein Volk vorzubereiten. Er wollte Kunde erwarten, ob er willkommen sei. Dann lud er die drei Riesen ein, mit in das neu er-richtete Lager zu gehen. Diese nickten sehr zufrieden, daß sie sich noch nicht trennen mußten, und schritten nun bescheiden hinter den Mannen Hjalfdars als deren Gäste.

Sie schienen bestimmte Regeln und Formen im Verkehr zu beob-achten, wenn sie auch alles mit einem inneren Brummen taten, das nicht klar erkennen ließ, ob ihr Tun als Sitte oder üble Angewohn-heit zu gelten habe.

»Wollt Ihr Euch nicht um Eure toten Genossen bekümmern?« fragte noch einer im Gehen. »Diese liegen noch unten, an der an-deren Talseite.«

»Das besorgen schon längst die schwarzen. Vögel«, war die ruhi-ge, selbstverständliche Antwort.

Es war nicht eine Klage, nicht ein leises Bedauern um den Verlust der Gefährten verlautet, nicht eine Äußerung über den plötzlichen Einfall der Drachen. Sie schienen an ein ihnen völlig unerfaßliches, schicksalsmäßiges Eingreifen von Naturkräften und Gewalten in ihr Dasein stumpf gewöhnt zu sein.

Auf der weiten Fläche breiteten sich die Reihen der hellen Zelte. In der Weite und Tiefe dehnten sich unendlich golddurchsonnte, lichtgrüne Matten, von funkelnden Wasserläufen durchzogen. Fei-ne Nebel umhüllten die Gebirgsterrassen, die in eigenartiger Stu-fenform sich gelbsandig, porös, mit tiefen, blaugrauen Einschnitten und Schatten nach Osten und Süden in einem Halbkreis dehnten.

 

Der Riese Konos streckte den Arm.

»Dorthin geht die Reise unserer Gedanken. Dort wohnen auch Menschen, uns ähnlich, deren Stirnaugen aber zugewachsen sind. Sehet die unseren im Licht der Sonne, sie sind nur wie kleine, fast verwachsene Spalte.

Diese Menschen leben nicht unter der Erde, sondern nur noch in Höhlenbauten an den Rändern ihrer Gebirgsstufen. Das Licht der Sonne schließt das Nachtauge zu, und es verwächst im Nicht-gebrauch.

Sie haben aber dennoch ein Schauen, das mit dem äußeren Öff-nen des Auges nichts zu tun hat. Sie besuchen uns zuweilen, weil sie es vermögen, ihre Körper wie tönerne oder metallene Kessel zu verlassen und wie ein Dampf daraus emporzusteigen.

Sie erzählen uns von ihrem Lande und von dem Wissen um einen lichten Ankömmling, den sie den »Sohn des Himmels« nennen.

Dort sind Tiere, die gleich fliegenden Löwen und Katzen und Krokodilen die Lüfte durchschneiden und feurige Dünste ausspei-en, die wie Gift brennen, wohin sie fallen. Diese Tiere verbrennen das Kraut und die Bäume mit ihrem Atem. Darum ist die Gegend, von der sie sich jedoch durch ihr Gebundensein an Naturbestim-mungen nicht loszutrennen vermögen, auch völlig kahl und arm.« Während der Erzählung der Riesen kamen die Wanderer den Zel-ten näher. Hornrufe waren vorangeeilt und die Lichtasen wie die

Armannen hatten sich herausgedrängt, Hjalfdar zu empfangen. Winkend und grüßend ging er durch ihre Reihen, während das

Einhorn ihm mit lustigem Sprung entgegenkam. Seine Begleiter mit den drei Gästen folgten ihm.

Hjalfdars Mannen staunten, als sie gewahr wurden, wie schnell die mächtigen, wilden Gesellen mit den Ihren in Verbindung ge-kommen waren. Obwohl sie es als eine Tatsache kannten und noch gar nicht anders wußten, daß Hjalfdar den Weg zu allen Geschöp-fen fand, die sich nicht mit eigenem Willen gegen das Lichte stell-ten.

Doch so schnell hatten diese erst Unzugänglichen, vertrauend wie einfältige Kinder, sich an die Reinen gehangen, daß es selbst diese erstaunte.

»Hjalfdar macht alles möglich, was im Willen Gottes erlaubt ist!«

 

Das sahen sie wieder deutlich. Immer schneller gelang ihm, was er von ganzer Seele wünschte. Es war, als trieben Wille und Erfül-lung in ungeheuerer Geschwindigkeit einander die Geschehen zu. Schweigend hegte er sein Wollen, das immer von oben geleitet war. Schweigend gab er es im Denken in die geeignete Richtung. Dann sprach er es aus. Die Seinen nahmen es auf und taten ihm nach, ebenfalls schweigend, und bis sie selbst es völlig im schwei-genden Erleben genährt und gestärkt hatten, war es schon reif zur Tat. Aber es durfte kein seichter, kein abbiegender Gedanke, nicht Angst noch Zweifel irgendeiner Art in die feinen Fäden der Aus-wirkung greifen. Das war die Stärke der Reinen, daß sie trübe Gedanken weder hegten noch erzeugten.

Alles von der Natur Ausgehende war rein. Es öffnete sich voll-kommen dem starken Strömen des Geistigen, das es in seinem vol-len Wert erkannte und innig liebte, es hegte mit sorgender Wach-samkeit und Liebe, und dann zu nützen verstand.

Alle Wesen der Natur, Pflanzen, Tiere und die Grundarten des Menschlichen fühlten sich zu dem obsiegend Geistigen hingezogen und suchten mit Sehnsucht und Verlangen nach dem Licht, dem Brot aller Geschöpfe.

Unbeschreibliche Dankbarkeit erfüllte die Reinen, die die Früch-te ihres Wirkens nun erkennen durften.

In diesen vertrauenden, kindergleichen Riesenmenschen, die mit zwei wachen Tagaugen und einem Nachtauge begabt waren von der Natur, erfuhren die Armänner schnell, wie sehr sie selbst sich in kurzer Zeit gewandelt hatten.

Sie waren keine Wildlinge mehr, sondern schon ein ganz wohl-geführtes Nomadenvölkchen geworden, das in Frieden, Ordnung und Sitte den Bräuchen seines reinen Führers nachstrebte. Doch bildeten sie den Boden, von dem aus nun die Riesen tastend zu den Reinen emporzuwachsen vermochten; denn während sie vor der überragenden Kraft, Ruhe und Reinheit der Reinen beinahe anbe-tende, zitternde Ehrfurcht zeigten, sobald sie ihren eigenen Wohn-ort verlassen hatten, gaben sie sich vertrauend und ganz natürlich unter die Leitung der Armannen.

In herzlich rauher Natürlichkeit kam ihnen Ur-Ar entgegen. An seinem Herd, an seinem Zelt sollten sie sich lagern, so bestimmte es Hjalfdar. Die Frauen ließen sich nicht sehen, sie fürchteten sich vor den mächtigen dichten Gestalten, die noch vor kurzem so be-drohlich auf sie eingedrungen waren. Es war auch gut und Hjalfdar gebot, daß die Frauen zunächst nicht mit den Dichten in Fühlung kommen dürften. Diese hätten sie nicht ertragen.

Nachdem das rauhe Brot gegessen war, wurde der Versuch einer Unterhaltung gemacht. Diese kam am leichtesten in Fluß durch das Betrachten der vielen Geräte, Schüsseln, Krüge, Keulen und Waffen und durch die Schmuckgegenstände, welche hauptsäch-lich aus kleinen Goldplättchen, aus Federn, aus »Lichtern« (Stei-ne, auf die das Kreuz gegraben war) und wundervollen Tierzäh-nen bestanden. Es war ein Übergang von einer Trophäensammlung zu schönheitssinniger Schmuckbereitung. Bunt und primitiv, den-noch von ganz natürlichem, feinem Geschmack angeordnet.

Die Dichten schienen das auch zu fühlen. Ihr Nachtauge, das ge-schlossen war, empfing von den Strahlungen der »Lichter« einen ganz starken Eindruck, der in den Dichten ein sonderbares Regen auslöste, das sich in singenden Tönen Luft zu machen suchte.

Sie sangen alle dieselben Töne, einer bestimmten Reihenfolge nach. Hjalfdar lauschte gespannt, als er dies Tönen hörte. Überall reckten sich weiße Gestalten hoch und blickten aus dem Lager der Lichten herüber. Alle wurden durch die natürlichen Schwingungs-töne gewaltig angezogen. Mit einemmal empfanden sie die Art-fremden, die Unheimlichen, die Dichten wie Verbündete.

Das hatte die Kraft des Lichtkreuzes wieder getan. Das fühlten sie, die die Dichten singen hörten. Die Reinen bewußt, die Armannen unbewußt. Sie schwangen mit ihren derben Körpern im Rhythmus dieser Gesänge und stimmten mit ein.

Aus dem Lager der Reinen klangen die Abendhymnen der Füh-rer und Sänger wie als Antwort. Da spannten sich feine Fäden der Verbindung, Bereitung und Entwickelung unter die drei so ver-schiedenen Gruppen, selbst die Frauen fürchteten sich nicht. Hätte es Hjalfdar nicht untersagt, so wären sie sogar aus ihrem Zelte ge-treten. Mit glänzenden Augen und glühenden Wangen sangen die Dichten ihren ersten Gruß an das Licht der Welt.

Dann aber teilte Hjalfdar den Saft der Früchte in Schalen und sprach darüber den Segen:

 

»Dies ist das Zeichen, daß der Tag nun sich der Nacht verbindet und Ihr alle schlafen sollt. Wartet nicht, bis Dunkelheit den Him-mel völlig deckt. Der frühe Schlaf ist dem Geist und Körper not.

Gehet nun zurück und bereitet Eure Felsenstadt. Morgen wird das goldene Horn Euch mein Kommen künden. Bereitet auch Eure Gefährten, daß sie uns willkommen heißen.«

Reich beschenkt verließen die Dichten das Lager. Als sie den rauschenden Fluß durchschritten, der von den Höhen herabkam, traf sie nochmals ein Abschiedsruf, dann senkte sich Stille über die Weiten und über die Gezelte der Menschen. Hjalfdar aber versenk-te sich in lichte Ströme, die von oben kamen. Er sammelte Kraft in Gottes Tempel auf heiliger Höhe.

Rieselndes Licht umfloß seinen Geist. Er war nicht allein. Hohe Lichtgestalten umgaben ihn, Holdas Geist war ihm zur Seite. Sin-gend bewegten sich die Strahlen in dem weißgoldenen Saal und überschütteten die irdische Herrlichkeit des heiligen Tempels mit weihevollem Geistlichte.

»Wenn sich der Lichttag der Ausgießung meiner Kraft dem Wel-tenteil wieder neiget, dann wirst Du, Hjalfdar, in meinem Willen alle die segnen, die sich Deine Kinder nennen. Von der Stunde an werden die drei Stämme aus der Wüste erst Kraft finden, sich aus-zubreiten über die Erde.

Mit Macht wird sich in Schnelle vollenden, was zur Ausbreitung über die Erde nötig ist. Allgewaltiges Wirken steht Euch bevor, allmächti-ger Schutz ist über Euch. Groß und gewaltig wird die Kraft über dem Erdball rollen in diesen Tagen, es wird ein Jubel und ein Lichterken-nen aufleben in aller Kreatur. Du wirst die Besten aus den Stämmen erwählt und erzogen haben zu Führern und sie die Herren heißen. Dann wird die Schar Deiner ältesten Getreuen Dich heimgeleiten in die strahlenden Höhen des lichten Tempels, da Du Dein priesterliches Königsamt in kraftvollem segensreichem Wirken erfüllst.

Rauschend und brausend wird dann der Ring Deiner Sendungs-erfüllung zum ersten Male sich vollenden und Du wirst als Eines mit Holda eingehen an den Ort Deines Ursprungs. Dieses ist Dir hiermit verheißen!«

Brausend schloß sich der leuchtende Lichtkreis, aus dem die Stim-me des Herrn aller Herren, des Leuchtenden, der Taube und Kreuz zum Wahrzeichen trug, herabgeklungen hatte. Flammend war das Licht über Hjalfdar gezuckt wie ein Feuerstrahl, silberhell blitzten die rieselnden Ströme, wie Wasserstürze aus der Höhe brausend, und in ihnen stand flammend der heilige Name.

Hjalfdar fühlte und wußte noch, daß er mit Holda vereinigt war, als er erwachte. Eine große Kraft erfüllte ihn, die Worte des Lichtsohnes trug er klingend mit sich, sie erfüllten ihn ganz, und schweigend über das große Verheißene lebte er von Stunde an in dessen Sinne.

Ein Ausblick in die Ewigkeit hatte sich ihm gezeigt, von dessen tiefem Eindruck er nur noch Duft und Ton und Licht erfaßte. Alles andere, das Wesentlichste hatte sich im Geist erfüllt und verblieb verschlossen und versiegelt im Geiste.

 

Diesem Erleben schloß sich eine reiche Fülle von Erkenntnissen, neuen Entwürfen und Plänen an. Ein so starkes Wirken setzte ein, daß alle seine Helfer die Fülle zu tun hatten, um seine Ideen in die Tat umzusetzen.

Auch die Armannen durften nun mitschaffen, und die Dichten wurden planmäßig geleitet und gebildet nach dem von Hjalfdar als nötig Erkannten.

Die Dichten änderten nichts an ihrer Lebensweise. Diese war ein-fach und bedürfnislos nach jeder Richtung hin, aber der Sinn des Lebens war in sie gedrungen, seit Hjalfdar ihre Höhlenstadt mehr-mals aufgesucht hatte. Obwohl die Dichten weit in den Klüften um-herstreiften und Wanderungen vornahmen, waren sie jedoch nicht zu bewegen, nach den Zelten der Lichten zu wandeln.

Sie fürchteten sich vor der Kraft des Glanzes, die ihr Stirnauge da aufzunehmen gezwungen war, hatten sie doch das Erscheinen der Reinen in ihren Höhlen gleich flammenden Säulenreihen empfun-den.

So willensstark, kraftvoll und wild sie sich zeigten bei Kampf und Gefahr, so kindlich zaghaft waren sie, als sie von der Reinen Rede und Liebe, von ihrer Hilfe und ihrem Einfluß berührt wurden. Gleich ge-blendeten Maulwürfen hätten sie sich am liebsten verkrochen.

Voll Stolz aber waren sie stets, wenn es galt, die Reinen in die Tie-fen ihrer Höhlen zu führen. Die vielartig leuchtenden Schichtungen in der Erde vermochten sie mit Geschick zu heben und brach-ten manch herrliche Kristallisierung zutage, die jedoch noch von feinster und sehr empfindlicher Verbindung war.

Wundervoll waren die herrlich hohen Tropfsteingebilde, die in Höhlen wie schimmernde, blaugrüne Säulenhallen sich immer weiter ausdehnten. Die Riesen vermochten dort der Luft wegen nicht lange zu hausen, waren aber stets immer neu beglückt über die Schönheit dieser Hallen. Es tönte zuweilen in ihnen wie das Branden brüllender Meereswogen und sang und klang wie ein mächtiges Orgelkonzert. Staunend und stumm lauschte Hjalfdar diesem Chor dort unten, der durch Luft und Feuchtigkeitsbewe-gung verursacht wurde.

Alle Dichten waren zu diesen Arbeiten dort unten abwechselnd bestellt. Vorsteher ordneten ihre Verteilung.

Geführt von all den elementaren Wesenheiten sah Hjalfdar die Zukunft dieser Gründe, die jetzt wie ein Märchenreich leuchteten. Dichte um Dichte lagerte sich um die Schönheiten und Kostbarkei-ten dieser Erde. Hjalfdar schmerzte es, zu sehen, wie all die Herr-lichkeit in strömenden Wassern und schiebenden Gesteinsmassen auf Jahrtausende hinaus, in Schnee und Eis, von Lavaströmen und Wasserstürzen, überwältigt wurden.

Plötzlich war es, als zeigten ihm die Wesenhaften wandelnde Bil-der gewaltiger Entwicklungsperioden. Staunend sah Hjalfdar in die dauernd weiter wirkenden Fäden heiligen Schöpfungswebens.

Das ganze Weben und Leben in den Höhlen war für die Men-schen ein Wunderbares. Geöffnet allem Wirken und wesenhaftem Erkennen vermochten sie viel zu durchschauen, zu erfassen und zu durchdringen, was vorbereitend in der Schöpfung wob.

Fremd und eigenartig aber berührte sie auch das Wesen der Men-schen-Riesen, die Sitten dieser Riesen, die, obwohl menschlicher Gestalt, doch gar keine Lebensgepflogenheiten besaßen, wie sie ih-nen, den Menschen, zu eigen waren. Allein schon der Umstand, daß sie keine Kinder hatten, vermochte in den Gefährten Hjalfdars ein Gefühl des Bedauerns für sie auszulösen.

Erschien ihnen, den Natur- und Gottesbeschenkten, doch das ganze Dasein von gesetzmäßig strömender Gnade erfüllt, der der Mensch sich nur willig und vertrauend zu öffnen brauchte, um selig fortzuschreiten, lichtem frohem Aufstiege zu, irdisch und geistig. Hier fühlten sie eine Schranke, eine Grenze, die der Schöpfungswil-le aufgerichtet hatte. Hier fühlten sie, daß sie vor dem Endpunkte einer früheren Entwicklungsform standen, deren Lebensmöglich-keiten sich zu vermindern schienen, und ihnen dämmerte es leise, warum Hjalfdar ihnen geboten hatte, die Frauen vor den »Dichten« möglichst zu bergen.

Hier tasteten sie zwar unwissend, aber mit klarem Empfinden er-kennend an einem Wandlungsprozeß in dem großen Lebenspul-sen. Ihre Seelen fragten sorglich und stumm nach den Gründen dieser Vorgänge, die sie als natur-abgewendet und absterbend emp-fanden.

Keiner der Riesen ging auf eine Frage ein, die ihnen in der Hin-sicht auf Nachkommenschaft oder Familienaubau gestellt wurde, es war, als fehle ihnen der Sinn dafür.

Hjalfdar aber wehrte es den Gefährten, die Dichten in dieser Wei-se zu befragen oder zu belehren. Der Riese Uru hatte es gesagt:

»Es ist eine Zeit gekommen, da diese Großen nicht mehr weiter le-ben werden; alle Lebensbedingungen werden sich für sie verlieren. In Hunderten von Jahren werden einige noch sagenumwoben aus der Menschen Geschlechter ragen, einige, die, aus den Wandlungen der Erde errettet, sich mit Menschenstämmen kreuzten. Diese wer-den wie Tropfen sein in dem großen Meere der Wandlungen; von ihrer einstigen Größe, Macht und ihrem Reichtum, von ihren der-einstigen Möglichkeiten, Beherrscher des Erdballs zu werden, wird niemand mehr wissen. Ihre Geister aber werden in die Stämme der Fortschreitenden inkarnieren und den Urstamm erzeugen zu dem Geschlecht der Giganten.«

Nur die Hochentwickelten, die Freunde und Nächsten um Hjalf-dar, vermochten diese Äußerungen des Riesen annähernd zu ver-stehen. Die anderen mußten sich in ihrem kindlichen Vertrauen damit bescheiden, daß Hjalfdar ihnen hier Grenzen wies.

»Ich will keine Vermischung der Stämme, wahret die Eigenart ei-nes jeden Geschlechtes, und haltet Euch fern von allem, das nicht in den reinen Urgesetzen klar vor Euerem Empfinden schwingt; denn es kommt eine Zeit der gärenden Überreife, die manch Altes, Stehenbleibendes abstößt. Dieses darf deshalb nicht aufgenommen werden in die Kreise, da noch reine Urform strahlend ihre Stätte hat. Haltet Euch ferne von Vermischung in irgendeiner Art!«

Hjalfdar wußte: Für diese Geister war es das Wesentliche, daß er ihnen von dem Lichte sprach. Darnach dürsteten sie von Tag zu Tag mehr. Er brachte ihnen das Wissen von den Lichten, von dem ewigen Reiche Lichtvaters und von den helfenden Dienern seiner heiligen Gesetze in und über der Schöpfung. Schweigend in sich gekehrt und ganz versunken saßen sie dabei in ihrer riesigen Grotte zu Füßen Hjalfdars, der, von dem azurfarbenen Licht der Kristalle umgeben, im Leuchten seines Wollens strahlte wie ein Engel Got-tes.

Die Riesen und die Wesenhaften der Erde waren es, welche den

»Dichten« in ihrem Erfassen zunächst standen. Das erkannte Hjalf-dar sofort und freute sich, sie in dem Wissen über ihr Wirken anlei-tend zu unterstützen. Sie hatten mit ihnen von Ewigkeit her gelebt, so schien es ihnen, doch sie hatten jene zarten helfenden Kräfte, die dauernd um sie tätig woben, weniger geschätzt und verstanden als jene stärkeren, elementaren Wesenheiten, die ihnen in Feuer, Luft und Wasser oft zur Gefahr geworden waren.

Weniger aus Dank und Hilfsbereitschaft, sondern aus Furcht war ihr Verhältnis zu den Wesenhaften entstanden, die sie natürlich auch diesen Regungen entsprechend verehrten. Sie waren durch das Leben im Innern der Erde Nachtsöhne, während die »Lichten« die Sonnensöhne, Tagsöhne waren, die nur die Lehre von der Lie-be des Lichtes zu den Dichten brachten. Sie brachten ihnen damit Kraft und Sonne, sowie stärkeres Bewegen in ihre schweren, gleich-förmigen Tage und Erkennen und Höherstreben in den Gesetzen der Schöpfung.

Auch die Dichten veränderten sich, gleich den Armannen, in überraschend kurzer Zeit, dennoch waren sie nicht Menschen im Sinne der Armannen und darum immer eine Art ganz für sich.

In dem Ausbau ihrer Höhlen wollten sie keine Neuerungen an-nehmen. Hjalfdar ließ sie gewähren, seit ihm der Riese Uru über ihr Schicksal Kunde gegeben. Er gedachte des Hinweises, die Geister für spätere Inkarnationen zu bereiten und überließ die dem Aus-sterben Bestimmten den Auswirkungen der göttlichen Gesetze, die sie selbst sich gewoben.

 

Doch als einige Jahre dahingegangen waren und die Riesen in Hjalfdars Führung im Dienste des Lichtes fest und rein wurden, da begann es in Hjalfdar mahnend zu drängen:

»Wandle weiter! Bereite Deine Scharen, die Du erwählt, gründe den Sitz ihres Reiches und gedenke der Zeit der Reife, da die gol-denen Früchte des Lichtes sich sammeln in Deinem Schoß auf dem Berge Deiner Erfüllung.«

Festlich wehten die leuchtenden, golddurchwobenen Wimpel, hoch umflatterten sie die Zeltstadt der Lichten, in deren Mitte der Tempel leuchtete, den die Riesen mit den Dichten in gemeinsa-mem Dienen erbaut hatten. Er war anzusehen wie ein millionen-fach schimmernder Kristall, blitzend und funkelnd in der Sonne. In wundervollem Bogen wölbte sich das goldene Eingangstor dem Osten zu, darauf das lichte Kreuz im Ring erstrahlte. Hoch rundete sich die Kuppel, die auf den feinen, schaumiggrauen Mauerplatten ruhte, welche der Riesen wesenhafte Kraft in wundervoller Art zu bearbeiten verstand.

Sie waren von weither gekommen aus den mächtig sich weiten-den Stufenterrassen des Ostens. Ihre Abwanderung, die auf natür-lichem Wege durch Erdschiebung geschah, hatte gleichzeitig son-derbar gelbwangige, schlitzäugige und breitnasige Menschen mit tieblauschwarzem Haar und schimmernd stechendem Raubtier-blick herzugedrängt.

Diese waren Hjalfdar, dem verheißenen Sohn des Himmels, durch Erdumwälzung entgegengeführt, wußten von ihm, ohne zu ahnen, daß diese furchtbaren Geschehen sie diesem Lichterleben näher brin-gen würden. Diese Menschen, deren Dasein anbetende Beschauung war, hätten aber auch nicht geklagt über das Hinweggerissensein von dem Punkte ihrer Mutterzone, der ihnen wie ein Teil ihres eigenen Körpers war. So ganz anders war der an sich schon reif entwickelte Stamm, der da mit den blonden Lichten und den roten Armannen im wilden Wüstenberge der Urwelt zusammenstieß.

Kampbereit; denn bisher war ein Zusammentreffen mit Rassen-fremden immer nur mit Kampf, Eroberung oder Niederlage und der Ansässigmachung des Einwanderers geendet.

Der Einwanderer griff an, während der Ansässige verteidigte. Diesmal aber war es anders. Als die wandernden Felsplatten die Menschen zu immer größerer Eile trieben, näherten sie sich mit Hast dem Sitze der Lichten.

Hjalfdar aber, dem feinstoffiich längst der neue Zuzug bekannt war, dem geistig aus heiliger Höhe die Kunde kam von dem Nahen der Mongos, er war natürlich schon bereit, sie mit aller Liebe zu empfangen. Bisher kannten sie nur den Kampf ums Dasein, nun kam dem fernen, fremden, sinnenden Volksstamm plötzlich Liebe entgegen.

Lichte Strahlen drangen in die Geister jener noch tief im Wesen-haften Verankerten, die da getrieben von Notwendigkeit des Le-benwollens dem Licht entgegenkamen. Ihre Drachen, von denen dereinst schon die Dichten gesprochen, waren auf halbem Wege umgekehrt. Die Lebensbedingung für diese Geschöpfe erlaubten ihnen nicht, dem Drang der Abwanderung nachzufolgen.

Sie waren das Erste, was sich von den Mongos löste von dem, das noch mit ihrer bisherigen Lebensart eng verbunden war. Aber die Riesen, welche auch die Mongos kannten und liebten, blieben bei ihnen. Ein tiefes Tal, darin die Massen der seidengraugelben Stein-schichten wie wunderbare Burgterrassen sich aufstapelten, hielt den Zug der Steine auf.

Sofort setzte die bauende Tätigkeit der Riesen ein, so daß in kur-zer Zeit die Armannen wie die Dichten die Grundmauern eines herrlichen Tempels auf hohen Stufen im Osten der Lager empor-ragen sahen. Da erst gestattete Hjalfdar den Seinen, hinzuwandern und mit ihrem Dienst zu beginnen.

Ormuzd, der Anführer jener fremden Rasse, war wie ein schwei-gender Fels. Fest, ehern, still, bronzefarben. Er ging dem Volk vor-an. Er hatte den Blick eines, der mehr in sich als um sich schaut und dessen innere Stimmen so laut rufen, daß er das Gehaben der Fel-sen, der Wasser und Stürme leicht erkennt und beachtet, der aber das Gehaben eines Menschenstammes nur wie das nebensächliche Flüstern eines Abendwindes ansieht. Er schritt, von Naturereig-nissen gemahnt, aus innerem Wissen heraus einem neuen Leben entgegen, und seine Getreuen folgten unbewußt, wie eine Ham-melherde.

Groß war die Gestalt, die sich in der gelblichen Sandsteinwüste, überwölbt von tieblauem Himmel, wie ein Erzbild langsam nahte. Auf seinem Haupte trug er eine hohe Mütze aus Fell. Ein vier-eckig steifes Kleidungsstück aus dunklem Gewebe, reich bestickt mit kleinen, silberweißschimmernden Perlen und blauem Stein, schmückte ihn. Es reichte bis an die Füße. Die Hände Waren kaum zu sehen; denn weite Stoffröhren fielen über sie hinab. Er trug sie zumeist gekreuzt über der Brust.

Die kleinen, fast verborgenen Augen flammten feurig auf, das hagere breitgedrückte Gesicht war von dunkler Farbe, das Haar blauschwarz, lang und glatt. Um den Hals hing eine Kette mit Kno-chen und Zähnen. Die Gestalt umgaben leuchtende feinstoffiiche Formen, die in unendlich feine Netze der feinen Grobstoffiichkeit und groben Feinstoffiichkeit griffen und eine Spannung und starke Tätigkeit im Feinstoffiichen bewirkten.

Dies mochte auch die Ursache sein, weswegen Ormuzd alle Macht besaß über sein Gefolge. Er verstand es, die Dinge zu rufen und zu bannen, abzuwehren und anzulocken. Und vor allem Tier und Mensch mittelst seiner Weisheit vor Gefahr rechtzeitig zu warnen. Er war nicht schlafend, sondern ein guter Führer.

Der Führer Ormuzd blieb auf ferner Höhe stehen. Die hellen Zeltstätten unten auf der grünen Fläche des nahen Hügels erregten Verwunderung und Besorgnis unter den Mongos. In eigentümlich klingenden fremden Lauten unterhielten sie sich über den Anblick. Eine weiße Menschenkette löste sich aus der Fülle der hellen Bau-ten und schritt in großer Würde und Gelassenheit, mit Speeren bewaffnet, direkt auf die Menge der Dunkelhäutigen zu.

Diese überlegten, ob sie angreifen sollten, wie es ihre Gewohnheit war, wenn es galt, neues Land zu längerem Aufenthalte zu erfassen. Doch Ormuzd verhielt sich dieses Mal anders als sonst. Ein Strom von Freude und stillem Frieden kam ihm entgegen, den er wohl fühlte.

Er sah, wie auf den weißen Tüchern, die an der Spitze des Men-schenzuges an langen Stangen getragen wurden, lichte, blendende Zeichen prangten, die flatternd in funkelnder Bewegung blieben, und, obwohl sie nicht kenntlich waren, dennoch etwas aussagten wie Trost, wie Verheißung, wie Liebe.

Seine Mannen und auch die Frauen, die den Männern in Tracht und Aussehen fast völlig glichen, drängten ihn zum Angriff. Aber er schüttelte den Kopf.

 

Er wußte, daß er hier Unrecht täte, und sagte es ihnen.

»Seht Ihr die lichten Flammensäulen nicht, die vor ihnen herge-hen? Es ist heiliges Feuer, das ihnen den Weg rein fegt. Wollt Ihr in die Flammen dieses verzehrenden Brandes rennen, mit bösem Wollen, gleich dem vor Hunger wilden Tier? Wollt Ihr nicht das Feuer nützen, daß es uns selber hell und froh macht und rein, wie diese Weißen mit den Lichthaaren?«

Hjalfdars Horn schmetterte in diesem Augenblick. Sein flammen-der Ton durchzitterte und erschütterte diese fremden, versonnenen Menschen sehr. So Schönes hatten sie noch nie gehört.

Sie lauschten gespannt, und Ormuzd sah sich fast widerstrebend gezwungen, in sein schweres graues Büffelhorn zu stoßen, das ei-nen unendlich klagenden dumpfen Ton erzeugte, ähnlich dem schwerfällig wütenden Gebrüll eines Ochsen.

Es war aber, als wäre mit dieser Antwort viel geschehen; denn die weißen Männer, an deren Zugesspitze ein besonders großer, weiß-blonder Hüne mit langem wallendem Barte schritt, senkten wie auf Befehl ihre Speere, zum Zeichen, daß sie in friedlicher Absicht nah-ten.

So selbstverständlich und so rein und klar war dieses Zeichen, daß ein Mißverständnis ausgeschlossen war. Da reine, vertrauens-volle Art dem Urmenschengeschlechte eigen war, verstanden sie diese allgemeine Sprache edler Selbstverständlichkeiten, die sich später zur Sitte ausbildeten.

Nun schritten auch die Mongos mit gesenkter Waffe schneller die Hügel hinab, und bald standen sich die beiden Führer gegenüber. Während Hjalfdar die Rechte wie segnend erhob und mit leuchten-dem Blick den Besucher grüßte, der ihn beinahe an Größe erreich-te, beugte jener sich tief zur Erde und verharrte mit gekreuzten Ar-men lange in dieser Stellung. Dabei begannen seine Begleiter Worte zu singen in eintöniger, sich immer wiederholender Weise.

Hjalfdar verstand, daß sie mit diesen Tönen und Worten Verbin-dungen knüpften auf eine eigene Art. Sie aber taten dies anschei-nend unbewußt.

Die Menschenscharen musterten sich. Als die Mongos sahen, daß die hellen Menschen so gütig und freundlich gesinnt waren, faßten sie Zutrauen. Wie Kinder sprangen sie, vornehmlich die Frauen, hinüber in ihre wohlgeordneten Reihen und schauten sie ganz gründlich an, sie mit ganz feinen Spitzenbewegungen der un-gemein ausdrucksvollen Finger betastend. Die Hände waren kurz und breit, aber sie lebten von dem Ausdruck feinsten Tastvermö-gens. Bewundernde Ausrufe wollten nicht enden.

Besonders bewunderten sie das Gewebe der Gewänder und die feinen Arm- und Halsgeschmeide aus dünnen Goldplättchen so-wie die besonders gearbeiteten Fußfelle der Lichten. Es war aber ein Umstand, der sie nicht zum Begehren veranlaßte, sondern zum bewundernden Sichbeugen.

Das brachte die Kraft der Ausstrahlung, die von den Lichten und deren Helfern auf die noch stark im Wesenhaften fußenden Men-schen überging. Diese empfanden sie immer stärker und mit der Zeit wie einen Druck, der sie auf die Kniee zwang.

Hjalfdar hatte inzwischen schon einen Weg gefunden, wie er sich mit Ormuzd verständigen konnte. Es war ein Trupp der Dichten zu ihnen gestoßen, die auf ihre Weise laut schreiend mit weiten Schrit-ten die Hügel übersprangen, und bald fand es sich, daß sie jene Mongos durch Zeichen und Laute verstanden, die sie ausstießen.

Ormuzd war einer jener sonderbar gearteten Geister, die wei-te Wanderungen unternahmen und sich außerhalb ihres Körpers manch ähnlich Geartetem zu zeigen vermochten.

Seine Heimat hatte er in spiegelnd lichten Bildern um sich in fein-ster Stoffiichkeit noch mitgebracht und während er davon sprach, vermochten Hjalfdar und seine Gefährten wie in einem Buche sich der schönen Bilder zu erfreuen.

Hjalfdar bediente sich nun der Dichten, um den Mongos zu be-richten, daß er sie alle willkommen hieß. Sie sollten bei ihnen woh-nen, sich ihre Lager bauen, nach ihrem Willen fern oder näher den Lichten. Sie sollten Speise und Trank mit ihnen teilen und er wolle ihnen helfen, das lichte Reich seines Gottes zu erkennen. Damit sie all der Früchte teilhaftig würden, die des Schöpfers Liebe den Menschen bot.

Es entrollte sich Bild um Bild einer wunderbaren weiten Land-schaft, durchfurcht von vielen klaren Wasserläufen, bewachsen mit kurzem Gras und terrassenförmig aufgebaut. Aus sandig graugel-bem porösem Stoffe war das unendlich weite Kettenland.

 

Schimmernd und flimmernd breitete sich ein unsagbar leuchtend blauer Himmel darüber, der manchmal von einer Tiefe war, daß er Unendlichkeiten ahnend schauen ließ, manchmal aber auch von einer samtenen Schwere, daß er herabzustürzen drohte, um alles in ihm zu ersticken, was da lebt und webt.

Unheimlich, wie Wolken, segelten und brausten die mächtigen Drachentiere darüber hin, die seit geraumer Zeit wie von innerer Unruhe getrieben nicht mehr in ihren tiefen Erdspalten und Klüf-ten blieben, sondern von Ort zu Ort wie suchend umherflogen. Ihre Jungen nahmen sie sogar mit sich. Die Menschen gemahnte dies an ein Zeichen, daß sich der Erde wohl in jener Drachenhöhlen Nähe irgendeine Gefahr nahen würde.

In den an den langen Höhenzügen wie Nester eingebauten Höh-lenwohnungen hausten die Mongos, dem Drachensteine gegen-über, getrennt durch eine weite, tiefe Erdkluft. Wie diese dereinst entstand, erzählte noch mancher Alte aus der Erinnerung einer Überlieferung aus Kindheitstagen.

Ein furchtbarer Sandsturm habe dort einstmals über welliges Wüstenland geblasen, wie ein Vorreiter die darauffolgenden Ge-schehen kündend. Auf zottigen Rossen seien die Sturmgeister über die Erde gefahren, hatten gerufen, gejohlt und gepfiffen, sieben Tage und Nächte lang. Hügel um Hügel wäre umhergewandert und Trockenheit und Hitze hatte alle Lebewesen vernichtet. Am letz-ten Tage aber wäre der große Geist in Form einer glühenden Kugel vom Himmel gefahren und hätte die Erde zertrümmert. Er habe sich selber ausgebreitet und hohe, ganz anders geformte Gebirge als ehedem hatten sich dort gezeigt.

Aber wer dieses gesehen und ergründet hatte, das wüßte keiner zu sagen. »Raunen« nannten sie es in der Sprache der Lichten, was diese Menschen da von fernen Zeiten und Landen sagten. Und mit großem Behagen und wachsender Teilnahme ließen sie sich davon bei Feuer und gemeinsamem Mahle künden.

Da sollten Kämpfe in den Lüften stattgefunden haben, leuchten-de, flammende Geister feuriger Art hatten gerungen mit Luft- und Erdgeistern und sie hatten hernach untereinander die Reiche ge-teilt. Den Feurigen hatte ein Teil der Erde bleiben müssen, sie zogen sich tief darein zurück. Die Erdigen aber machten sich den Riesen untertan, die alle diese gewaltigen Trümmer und Kräfte des gro-ßen Zerstörers sichteten und daraus einen herrlichen Steingarten schufen, der alle Geschöpfe wieder hegen, nähren und behausen konnte.

Die Wässerigen ließen sich gewinnen. Sie labten den Garten, da-mit er wieder grüne, und die Luftigen fächelten wieder sanfte Wär-me, brachten aber auch feuchtende Wolken heran, wo es not tat. So war aus dem Zerstörer ein Spender geworden, ein Sohn des Him-mels, der in Gestalt eines feurigen Steines zur Erde gekommen war. Bald prangte, leuchtete und blühte der Garten der Riesen auf Er-den, umhegt von einer Kette hoher, schöner Gebirge, sich langhin dehnend zu blühenden Gestaden voll Fruchtbarkeit, bis an die wei-ten, tieblau leuchtenden Fluten eines riesigen endlos scheinenden Meeres.

Und da erwuchs aus dem Sohn des Himmels seine dritte Vollen-dung, die ewig schaffende, erhaltende, belebende Gestalt des Erhal-ters und Schöpfers.

Eine tiefe Liebe zu ihrer Heimaterde war aus jedem Worte zu vernehmen, das die Mongos sprachen. Sinnend, Wind und Welle, Feuer und Stein belauschend, horchten sie ebenso wach auch in ihr Inneres. Da hatten sie eine Stimme gefunden, die war die Stimme ihres Herzens. Das Herz war für sie der Sitz alles Lebendigen in ihnen, wenn es schwieg und still stand, dann hörte auch die Stim-me auf zu. reden oder sie ging von ihnen zu einem anderen, der sie verstand. Sie wußten, durch diese Stimme sprach der große Geist.

Diese Stimme zu erziehen zu höchster Klarheit und Vollkom-menheit, befahl Ormuzd als den Daseinszweck des Menschen.

Und darum hatten sie sich auch auf den Weg gemacht, als es be-gann, in den Klüften der Drachen zu donnern und zu brodeln, als die Erde sich zu bewegen begann.

Die Stimme befahl es ihnen. Drei Tage danach gewahrten sie rückschauend von einem Hügel das Furchtbare, Unheimliche: die Erde wanderte ihnen nach, die Schichten der Terrassen schoben sich wie Blätter ineinander.

Stetig trieb es sie da vorwärts, betend, daß der Zerstörer nicht über sie fallen möchte, lobsingend dem Erhalter und den Schöpfer um Gnade bittend.

 

Doch der Sohn des Himmels schwieg. Stetig aber trieb sie die in-nere Stimme auf ihrem Wege dem wandernden Gestein voran.

»Ich werde Euch in eine wahre Heimat führen, mir sagt es der große Geist!« -

Das war der Trost, den ihnen Ormuzd als Führer gab.

Und nun waren sie an das Tor der wahren Heimat gekommen, das sagte ihnen wieder die Stimme ihres Herzens. Es war eine Hei-mat, die nicht an einen bestimmten Ort gebunden blieb, sondern ein viel Größeres, Gewaltigeres. Das Glück, das hier mitten in ei-ner Wüste, die den ewigen Wandlungen der im Wandel begriffenen Erde unterlag, so unaussprechlich, unbeschreiblich in ihren Herzen sprach ... was mochte es sein?

Sie standen an dem Tor zur wahren Heimat, das wußten sie be-stimmt. Auch Ormuzd sagte es ihnen, und Hjalfdar setzte hinzu:

»Ihr stehet davor, und ich will Euch das Tor auftun, damit Ihr lernt, was die wahre Heimat ist! Damit Ihr Schritt für Schritt darin gehen lernt, wie hier diese Stämme, die schon dazu gefunden ha-ben. Ich will Euch die Wege im reinen Irdischen führen, und Euch den Weg zeigen, wie Ihr in das lichte Reich Lichtvaters kommet, wenn Ihr jetzt in der Stoffiichkeit danach lebet.

Alle diese wollen es erreichen gleich Euch, jeder Stamm hat seine besondere Art und jeder Mensch desgleichen. Ein jeder aber kann in die wahre Heimat kommen, die Ihr weit über der Erde suchen müßt, die aber in Euch aufzugehen vermag wie ein Samenkorn in wohlbereiteter Erde.

Wer die wahre Heimat wahrhaft will, mit ganzer Sehnsucht seines Herzens, der wird sie auch finden und behalten!«

So sprach Hjalfdar zu den Fremden. Noch nicht mehr. Und es war Weisheit in dem Wenigen, das er ihnen gab. Ur-Ar verglich.

Zu jedem Stamm, zu jedem Einzelgeist sprach Hjalfdar in anderer Art. Jedem gab er, was er bedurfte, was er verstehen und aufneh-men konnte. Und Ur-Ar war mit sich nicht zufrieden.

Daß er Hjalfdar nicht nacheifern konnte, das wußte er. Aber an-nähernd so weise das Rechte für die anderen zu wissen, ihnen raten zu können und sie sehen, wie sie waren, nicht immer nur, wie er sie sah, das wollte er so gerne lernen. Es war eine heiße Sehnsucht da-nach in ihm erwachsen, die Menschen in Weisheit führen zu können. In diesem Augenblick, da Hjalfdar zu den Fremden sprach, ward sie in ihm bewußt.

Hjalfdars Blick suchte ihn. War es nicht, als hätte der Reine seinen Wunsch schon aufgefangen?

»Du willst Dich sicher gerne mit unseren Gästen besprechen, Ur-Ar. Ormuzd und der Dichte »Holke« werden sich mit Dir verstän-digen. Du kannst sie auch in die Bilder Deiner Zeichentafeln ein-weihen, damit sie einheitliche Begriffe von unserer Ausdrucksart empfangen. Beginne mit dem Kreuz des Lichtes!«

Hjalfdar hatte Ur-Ar eine Aufgabe gegeben, die groß und vielum-fassend war. Ur-Ar verstand es. In seiner kindlichen Seele brannte ein loderndes Freudenfeuer.

Hjalfdar befaßte sich schon wieder mit anderem. Da lag das sil-bergrau blinkende Gestein, das wie Metall in der Sonne glitzerte an den vielen Bruch- und Schichtstellen. Er wollte an den Bau des Tempels gehen. Uru und die anderen Riesen standen schon über den Hügeln und warteten seiner Bitte; denn die Riesen kamen nicht, wenn der Menschengeist nicht darum bat.

Und es entstand ein Bau zu Lichtvaters Ehre, mitten in dem wei-ten, wellenförmigen Gelände, das die gelbweiße, wasserlose Wü-ste von den saftgrünen Hügelketten schied. An der nord-östlichen Seite rauschten die vielen kleinen Wasser aus der Höhlenburg der Dichten herab und gaben dem Boden so viel Nahrung, daß gar bald die herrlichen Weiden zur anderen Seite des Flusses entstanden, als die Armannen sie für das Weidetier zugerichtet hatten.

Diese hatten für Bereitung von Boden und Gartengelände aus Holdas Weisheit so vieles aufgenommen, das sie nun auch den an-deren Stämmen übermitteln durften. Saftige Kräuter entsprossen dem Boden, die ehemals noch nicht dort gewachsen waren.

Auf einem besonders ins Auge fallenden Hügel begann das Wir-ken der Riesen während der Nächte. Staunend sahen die Menschen von ferne, wie sich der Boden den hochstrebenden, silbergrauen Mauern anzuschmiegen schien. Wie die Mauern, in eigentüm-lichen Platten gefügt, emporwuchsen zu wunderbarer Höhe und Form. Ein mächtiges Viereck erstand, dessen oberer Rand, der wohl die hohe Kuppel tragen sollte, viele feine, schmale Lichtsch-arten zeigte. Nach oben blieb der Bau geöffnet, als warte er einer

 

Stunde, da eine gesegnete Schaffenskraft durch Menschenhand ein Meisterwerk vollbringen sollte.

Als die Grundmauern standen, dankten die Reinen den helfen-den Riesen. Es war eine Feier von schlichter, frommer Art, die sie alle im Gedanken an das Licht verband.

Die Riesen bildeten den äußersten Kreis und alles Wesenhafte, das da lebte, tat sich kund. Als sprängen Hüllen um Hüllen von ihren blöden Augen, so war es den Menschen, die da so viel Leben-diges immer neu erkannten.

Umgeben von den helfenden, verbindenden Strömen der Schöp-fung, von all den Hunderten von vielen Abstufungen wesenhaft Wirkender fühlten sie erst den Zusammenklang alles Geschaffenen. Ein leuchtender Bau stieg wie eine Strahlensäule in jubelnder An-betung zum Lichte empor. Helfende, stärkende Kräfte kamen von oben zurück. Am Abend dieses Tages stieg am Horizont der Wüste ein strahlendes Gestirn empor, der Stern »Astarte«. Er sandte seine Strahlen hinab zur Erde, besonders auf die Weiblichkeit. Ein helles

Angesicht leuchtete aus dem Geistlichte hinab auf Hjalfdar.

»Wirst Du das Weib emporheben an die Stelle in der Schöpfung, die ihm gebührt?«

Hjalfdar hatte den Ruf vernommen. Wer hatte ihn getan, durch wen war er zu ihm gedrungen?

Seit die mahnende Geistfrau aus den Regionen des Sternes Astarte Hjalfdar angesehen hatte, war in ihm eine besondere Mahnung angeklungen. Die helfenden Frauen, welche aus Holdas und seiner eigenen Wahl mit Hjalfdar aus der Heimat gekommen waren, waren alle schon alt. Wenn sie auch frisch und lebendig sich einer großen Kraft und Gesundheit freuten, wenn sie in Sit-te und Wissen ob aller Frauenpflichten auch vorbildlich wirkten, Holdas treibende, bewegende Kraft schien doch manchmal in ih-rem Kreise zu fehlen. Alle sehnten sich, wenn auch ihnen selber unbewußt, an den Quell ihres Ausgangs zurück, zu Holdas Fü-ßen, auf Lichtvaters Berg, um dort ihre Tage zu schließen, wie sie dieselben auch dort begonnen.

Viel Wille und Weisheit war unter den Frauen der Reinen und die Frauen aller Stämme und jeden Alters schauten sie als Vorbilder an, aber keine war wie Holda.

 

Es war, als drücke die Zone des jetzigen Aufenthaltsortes auf die Frauen. Die Wüste mit ihrem toteinsamen, völlig befremdend anmutenden wesenhaften Getriebe gab ihnen einen Stempel von Furchtsamkeit und Schwermut, der nicht zu ihrer frischen Klarheit und sonstigen Tatkraft paßte.

Die heißen, feuchten Nächte, welche mit einem plötzlichen West-sturm begonnen hatten, bedrückten die Gemüter noch mehr.

»Wir sind eben Höhenmenschen des Nordens, wir können nicht immer in den Niederungen und wärmeren Zonen des Ostens le-ben«, das ward Hjalfdar ganz klar.

Aber immer noch gab es zu tun. Die Armannen sollten hier ihre feste Siedelung begründen, von da aus weiter wirkend. Hjalfdar wollte sie nicht eher verlassen. Und nun waren auch noch die Mon-gos gekommen.

Ormuzd schloß sich an Ur-Ar an. Viel lernten beide voneinander. Es war für Hjalfdar eine Freude zu sehen, wie die so verschieden gearteten Menschen und Geister einander zu ergänzen vermoch-ten, wenn sie rein und unverrückbar in dem Strahle Lichtvaters standen. Einer wuchs am anderen empor, sich gegenseitig fördernd durch ihre Art zu sein.

»So einfach«, sprach Hjalfdar, »wie diese empfangen die Men-schen am schnellsten die Hilfe und Kraft Gottes; lehrt es allen, die noch kommen, auch denen, die nach uns sein werden.«

Er beschäftigte sich viel mit den Lehrern. Junge Männer bilde-ten eine Schule, die alle Altersstufen von Knaben zu führen hatte. Auch in dieser Schule waren die Stämme getrennt. Nur die Reinen, welche sie überwachten und die jungen, selbst lernenden Lehrer leiteten, waren in allen drei Stammschulen tätig.

Die »Dichten« besuchten die Schule nicht. Sie wurden in völlig verschiedener Weise von anderen Reinen unterwiesen, haupt-sächlich für die geistige Wandlung und das derzeitige dafür Vor-bereitende im Stoffe unterrichtet, nicht aber zum Aufbau des Stammes.

Die Schule wurde nur in der freien Natur gehalten, dabei der Un-terricht des geistigen Aubaues mit Übungen des Körpers verbun-den. Die Arbeit in den Fruchtgärten an den Hügeln der wasserrei-chen Seite begleitete oft Gesang.

 

Das Aufnehmen der Strahlungen und das Verdichten derselben zu irdischem Ausdruck wurde auf kleinen Holztafeln, im Sande oder auf Steinen geübt.

Die darin fortgeschrittensten Schüler allein durften in Steine schreiben. Dieser Kunst des Verdichtens lag das Zeichen des Lich-tes, das Kreuz im Kreis, zugrunde.

In allen Arten von Kunstfertigkeit der Reinen wurden nun auch die Stämme unterrichtet. Hierbei zeigten sich die Mangos weit geschick-ter als die Armannen. Sie waren auch selbst schon vorgeübt und zeig-ten eine besondere Fähigkeit im Schmieden und Verzieren metalle-ner Gegenstände, besonders Gefäße und Waffen. Auch im Schnitzen von kleinen Holzkästen und Mammutzähnen, die zu Messern und

»Lichtern« Verwendung fanden, waren sie besonders geschickt.

Sie besaßen eine völlig andere Art der Auffassung, als sähen sie Bewegung und Form des Wesenhaften mit anderen Augen, und hatten auch eine andere Art der Gestaltungskraft.

»Sehet, wie der Rhythmus ihrer Ursprungszone im Irdischen durch sie strömt«, sagte Hjalfdar zu den Reinen, die ihm die Arbei-ten der Mongos zeigten.

Staunend standen sie vor der eigenartigen Fertigkeit ihrer neuen Schüler.

Besondere Formen wunderbarer langschwänziger Vögel in allen möglichen Gestalten schnitten die feinen dünnen Messer, die die Mongos aus dem Erz ihrer Gebirge zu fertigen verstanden und mit-gebracht hatten.

Diese Messer waren ihre größte Kostbarkeit. Jeder Stammesälteste besaß davon eine Sammlung, so erzählte Ormuzd, schon von den er-sten Geschlechtern an, die nur dem Jagdtrieb gehuldigt hatten. Son-derliche Zeichen und Runen, denen der Reinen zwar sehr ähnlich, aber doch völlig anders an Bedeutung, trugen diese Metallklingen.

Die Goldschmiede der Reinen, die begabtesten, priesterlichen Söhne des Hjalfdar, welche nur Tempelschmuck formten, verfolg-ten das Tun der Mongos mit großem Interesse. Sie luden sie in ihre Räume, um ihnen auch ihre Kunst zu zeigen und befragten sie nach der Art und Behandlung des Materials.

Noch eine Kunst verstanden die Mongos: Leder zu Kleidern und Fußbekleidungen geschmeidig und fein zu spalten, Häute weiß wie

 

Schnee zu bleichen, zu spannen und daraus Trommeln zu bauen. Diese Trommeln hatten einen singenden, prasselnden Ton, wie donnernder, peitschender Hagel. So ursprünglich und kindlich die Mongos auch waren, so reiche Erfahrung zeigten sie in Dingen der Handfertigkeiten.

Hjalfdars Söhne freuten sich dessen sehr. Der Älteste, der auch als Priester nach dem Vater an höchster Stelle stand und das Ebenbild des einstigen Hjalfdar war, fand besonders Gefallen an dem weisen, geheimnisvollen Führer des fremden Stammes.

Es fügte sich, daß Ormuzd einmal allein war mit dem »Blonden Riesen«, wie er Hjalfdars Ältesten nannte.

Da zog er ein kleines, unansehnliches Beutelchen aus der Tasche und zeigte es Hjalfdars Sohn. Dieser sah ihn fragend an und lachte.

»Warum ist Ormuzd so feierlich?« fragte er diesen. »Noch feierli-cher denn sonst. Birgt denn der Beutel einen besonderen Schatz?« Nickend öffnete ihn Ormuzd, der vorher vorsichtig gelauscht hatte, ob niemand anderer sich nahe.

Ein Häuflein, blendend weißer, weicher, fast seifiger Steine lag darin, perlenmatt, leuchtend und wundervoll im Glanze. Als ob der Mond über stille, völlig glatte Wasser sein Licht ergoß. Silbern mil-chig, rein und klar und dennoch, als ob er alle Farben in sich trüge.

»Dieses ist unser höchstes Gut. Es ist aus dem Grund des hohen Berges, dem Sitz unseres Lichtsohnes. Dieser Schatz soll in der gol-denen Schale Lichtvaters den weißen Stein seiner heiligen Stätte zieren. Füge die Steine darein zum Zeichen, daß die Mongos dem Herrn gehören!«

Das wundervolle Kunstwerk, das die geschickten Hände von Hjalf-dars Sohn zu bilden verstanden, ward in einen Schrein getan, der aus dem weißen Bein eines Riesenzahnes und zarten Goldgefügen erbaut war. Es war für sich ein kleiner Tempel, der das klingende, blendende, strahlende Gefäß barg, welches Hjalfdars Sohn geformt.

Es war genau der Schale des Lichttempels auf dem Berge Lichtva-ters nachgebildet. Strahlend weiß ruhte es auf dem fein geschwun-genen Fuß, der auf breiter Basis stand. Ein feiner Goldring schloß es nach oben, der wie ein Kranz zierliche Blumenmuster trug. In seiner feingearbeiteten Rundung fügte Hjalfdars Sohn die edlen Steine der Mongos ein.

 

»Es hat sich da Stein zu Stein gefunden, der einer Art ist, aber an verschiedenen Stellen der Erde wächst«, sprach Hjalfdars Sohn.

»Es ist der heilige Stein! Aus diesem ist Lichtvaters Haus gebaut auf der sonnigen Höhe! So wollen wir wieder, wenn wir von Hjalf-dar Kraft und Lehre empfangen haben, zurück in unsere alte Hei-mat gehen; denn mir sagt dieser Stein aus Lichtvaters Willen: »Du sollst diese Deine alte Stätte aufsuchen und mir dort ein Haus bau-en zur Anbetung!« Ich will Euch die Kraft meiner heiligen Ströme hinleiten, damit Ihr werdet gleich jenen Reinen, eine Lichtinsel auf Erden.

Es werden die Zeiten wandern und es werden viele Stätten und Berge vergehen. Ich aber werde ewig sein wie mein Wille und mein Gesetz. Tuet nach meinem Willen, den Euch kündet, zu dem Ihr gesendet seid: Hjalfdar!«.

Hjalfdars Sohn, der Priester, war neben Ormuzd niedergekniet. Spannende, fast zerreißende Kraft füllte den kleinen Raum, in dem die Beiden weilten.

Blendendes Licht schien sie stechend und durchglühend zu er-leuchten. Schmerzend sanken die Kniee zur Erde, schwer beugte sich der Kopf des Ormuzd. Hjalfdars Sohn aber blickte nach oben, mitten ins blendende Licht. Nie hatte er, dem wohl das Auge für die Herrlichkeit in der Schöpfung geöffnet war, diese Fülle Lichtes schauen dürfen, und ihn dünkte, es wäre ein Kreuz. Dann aber, als er näher hinsah, erfüllte sich die runde Fülle des Lichtes mit einer beweglichen Gestalt.

Silberweiß flammend leuchtete diese Gestalt und trug den Helm, die Kleidung eines bewehrten Mannes. Doch war er ganz aus Licht. Sein Angesicht war von großer Schönheit. Schmal und fein und leuchtend, ebenso auch seine Hände, die er segnend ausbreitete. Auf seinem Helm erstrahlte die Gestalt einer leuchtenden Taube und seine Augen flammten wie das Licht der Sonne, aber voll Liebe. Hjalfdar und Ormuzd meinten noch nie so Schönes geschaut zu haben. Sie waren nicht imstande, auch nur ein Wort zu stammeln. Es war für Hjalfdars Sohn ein hoher, ernster Reifepunkt seines Geistes. Ihn rief die Stimme Lichtvaters an die Seite seines Vaters zum Dienst auf Erden. Hjalfdar verstand und wußte es nicht, aber der Vater wußte davon zur selben Stunde, und er suchte den Sohn.

 

Er kam gerade zu rechter Zeit, da die Beiden, überwältigt von wunderbarem, unerfaßlichem Erleben, einander wortlos, ratlos gegenüberstanden. Auf ihre verwirrten, stotternden Reden gab er ihnen lächelnd Antwort. Ob sie sie hörten? Benommen waren die Gehirne von der Erschütterung von Geist und Körper.

»Ihr braucht nichts zu erzählen, ich weiß es wohl; Kunde kam auch mir von oben. Du, Hjalfdar, wirst mir zur Seite sein im Dien-ste Lichtvaters! Du, Ormuzd, bist gerufen, Dein Volk, Dein Hei-matland dem Herrn zu bereiten! Komme und folge mir im Namen Lichtvaters!«

 

Ur-Ar freute sich an dem herrlichen Gedeihen und Aublühen aller Zweige menschlicher Geschicklichkeit. Sein Stamm war in er-ster Linie ein Stamm der Hirten, Jäger und Heger, sowie ein Stamm der Bauern.

Was sie erjagten und fingen von den Tieren der Wildnis, das hegten sie und züchteten sie. Sie ließen das Wild sogar in Freiheit weiter leben; aber was sie einmal in ihren Schlingen und mit den Künsten ihrer Beherrschung feinstoffiicher Kräfte an die Lager ge-bunden hatten, das kam immer wieder.

Es wurde ja nie gequält, nie seiner Natur entgegen geknebelt, son-dern auferzogen, geliebt, gepflegt und gestützt, dadurch veredelt. So wollte es Hjalfdar. Ihre natürliche Nahrung, besonders bei Raub-tieren, wurde durch häusliche Nahrung ergänzt. Dadurch sollte der Raubtrieb in Jagdtrieb veredelt werden, die Schönheit durch Kräfti-gung, durch Milch und milde Stoffe gehoben.

Durch das Binden der Tiere mit Kreisen und Tönen wurden sie zutraulich und zahm. Wie sie die menschlichen Lager umschli-chen, um blutschnuppernd auf Beute zu harren, empfingen sie jene Strahlungen, die sie den Menschengeistern in Liebe dienstbar machten. Es begann ein schönes, harmonisches Einvernehmen mit den Geschöpfen Gottes, die immer in größerer Anzahl aus den viel-gearteten Nachbargegenden zusammenströmten.

Leben gewann der einst so tote, stumme Wüstensaum, auf dessen erst kurzer, matter Heide Gräser sproßten, Gärtlein grünten, die Wasser aus den Höhlen der Dichten sich schlängelten und kleine künstliche Seen bildeten.

 

Es ließen sich immer mehr Insekten und damit eine immer grö-ßere Anzahl von Vögeln sehen, immer mehr kleine amphibische Geschöpfe krochen aus der Erde und lebten an den Rändern der Wasser.

Die Sandstürme des Frühlings hatten Samen mitgebracht, die auf dem feuchten Boden gediehen. Felder mit Körnern pflegten die Ar-mannen, sie bebauten den Boden nach Hjalfdars Gebot:

»Ihr werdet hier wurzeln, während die anderen weiter ziehen. Eure Kunst aber sei das Schneiden und Führen der Waffen, die Ihr übt zu späterer Wehr. Nie sollt Ihr angreifen, um zu erobern, aber schützen und verteidigen müßt Ihr Euch gegen die Übermacht. Haltet, was ich Euch gegeben habe, in Lichtvaters Willen.

So scha@ Ihr Euch Eure Heimat auf Erden zu einem Garten, der den seligen Gärten in Lichtvaters Reiche nachstrebt an Schönheit!« Die Mongos freuten sich des Lebens sehr. Sie gedachten aber den-noch immer mehr der alten Heimat und sangen immer häufiger in ihrem Lager die sehnsuchtsvollen, schwermütigen Weisen ihres Volkes.

Der Tempel des Lichtes war unter Hjalfdars Leitung mit den ge-schickten, kunstreichen Helfern im Laufe der Jahre vollendet. Er glänzte wie ein herrlicher Edelstein mit dem schimmernden Kup-peldach aus grünlich durchsichtigem Weichstein, den die Dichten aus der Tiefe ihrer Höhlen zutage gefördert hatten.

Ormuzd baute ihn nach wunderbar stützenden und hebenden geheimnisvollen Urgesetzen auf zu einem Dach, das sich wie ein leise gewölbter, vielfach geschliffener Stein über dem silbergrau schimmernden Quadrat des Tempels erhob. Zuckend und vielfar-big blendend brachen sich die Strahlen der heißen Wüstensonne darin. Sie warfen wunderbar zitternde Lichtreflexe in das Innere des Tempels, der von einer blaugrün schimmernden Lichtflut be-weglich erleuchtet zu sein. schien.

In Ringen und zitternden Kreisen tanzte das Sonnenlicht. Der Sockel von weißem Stein in der Mitte des Raumes trug als Altar den köstlichen Schrein mit der weißen Schale des Lichtes.

Um die Wände aber liefen die goldenen Schriftzeichen Hjalfdars, die wie in einem Buche eingezeichnet hatten, was das Tun und Er-füllen der Stämme in der Wüste betraf. Die Geschichte Hjalfdars und von Hjalfdars Sohn, die Zeugen waren des lebendigen Lichtes, das die Fülle seiner Liebe in die Schöpfung gießt. Die Auffindung der Armannen und die Erkenntnis des Kreuzes, das sie »das Licht« nannten. Die Entwickelung dieses Stammes unter Hjalfdars Füh-rung. Ur-Ar und sein Geschlecht.

Die Auferweckung der Dichten und ihr dienendes Helfen. Das Aussterben ihres Stammes kündend. Die Bewegung der Erde, das Nahen der Steinschicht und die Zuwanderung der Mongos. Der Aubau dieses Stammes, des Ormuzd Erkennen und Geloben. Der Ruf aus dem Lichte. Aubau und die Vollendung des Tempels und der Siedelung.

Das Ende, das dem Anfang sich anschloß, zeigte die Tafel mit den Gesetzen aus dem Licht, die hauptsächlich die Menschen an das richtige Leben mit dem Wesenhaften gemahnen. Ein Dank an die lichten Helfer aus allen Ebenen der Schöpfung.

Als Hjalfdar die letzten Runen mit eigener Hand eingeschrieben hatte, da wußte er, daß nun sein Weg wieder aufwärts ging, dem Ursprung seiner Wanderung zu. Geistig und stoffiich.

 

Es war die Feier der heiligen Krafterneuerung Gottes über die Erde hingeströmt. Der Jubel aller frühlingsleuchtenden Wesen-heiten machte sich in den prangenden Fluren geltend, die um die Siedelung der Reinen erstanden waren. Freudevoll blickte Hjalfdar auf die Seinen, zu denen er alle die Stämme zählte, die Gott dienen wollten und seinen andachtsvollen Worten lauschten.

Ganz wie auf der heiligen Höhe, so war die Feier zu Lichtvaters Ehre abgehalten und Hjalfdars Sohn hatte den Ruf von oben emp-fangen und durch des Vaters Hand den Segen erhalten. Er war da-mit zum Priester des Lichtes geweiht. Mit ihm noch sechs andere Männer seines Alters und Ormuzd, der einen besonderen Ruf aus dem Lichte erhielt.

Ormuzd war von einer Stille und tiefernster innerlicher Glück-seligkeit, die alle Kraft aus ihm ungehemmt strahlen ließ, wie sie der Herr durch Hjalfdar gespendet. Seine Weisheit nahm zu so-wohl an Vertiefung als auch an Erweiterung. Wenn er den Seinen von Lichtvater sprach, dann leuchtete das Wissen aus ihm, das keiner sich zu erringen vermochte, das als Geschenk ihm gegeben war von dem, der den Schlüssel besaß von aller Weisheit und Kraft Gottes.

Bald nach der Feier, nach welcher die Priester von Hjalfdar in alle äußeren Gebräuche des Dienstes eingeweiht worden waren, begann das selbständige Wirken des Ormuzd. Seine Arteigentüm-lichkeit wurde dabei so ausgesprochen, daß Hjalfdar erkannte, daß seine Zeit gekommen sei, um lehrend und aubauend in die Heimat zurückzukehren.

Während Ur-Ar den Tempel unter dem Beistand der Priester, die auch Streiter und Schützer des Heiligtums waren, zu hüten über-nahm und von Hjalfdar in die vollkommenen Rechte und Pflichten des Führers eingesetzt war, begann auch Hjalfdar mit den Seinen an die Abreise zu denken.

Noch viel gab es zu richten und zu teilen, zu beraten und zu be-lehren. Die Austeilung aller irdisch erworbenen Güter und Arbeit unter den Stämmen, die Einteilung in Stufen oder Kasten, die es er-möglichte, daß eine Art für die andere stützend, ergänzend, hebend und fördernd wirkte.

Alle durften von dem neu erworbenen Vieh und allen Feldfrüch-ten den vierten Teil für sich empfangen. Nur Ur-Ar, der das Erbau-te zu verwalten hatte und den größten Stamm besaß, bekam noch besondere Rechte.

Die Dichten zogen sich wieder vollständig in ihre Höhlenstadt zurück, nur zu den Gottesdiensten wollten sie die Siedelung be-treten. Besonders legte Hjalfdar immer wieder allen Menschen-geistern nahe, die Verbindung mit den Wesenhaften zu halten und richtig zu pflegen.

»Wenn Ihr sie kränket durch Fehler, die Ihr aus Unbedacht oder gar aus Eigennutz begeht, dann müßt Ihr bitter unter den Folgen leiden; denn sie weben Eure Fäden, sie erfüllen sie mit den hel-fenden Kräften und öffnen Euch die Straßen, daß Lichtvaters reine Ströme in Euch zu dringen vermögen.

Wehe Euch, wenn Ihr das hehre Gut ihrer Freundschaft mißach-tet oder mißbraucht. An Euch wird es sich rächen!

Wenn sie warnend oder zürnend einmal Euch nahen, dann höret ihr Flüstern, höret ihre Rügen, bereitet dafür Eure Herzen, täuschet Euch nicht darüber hinweg. Tut den Tieren kein Leid und schützt und nützt im rechen Sinn das Lichtgegebene. Hört auf ihr Warnen, daß Euren Körpern keine Not widerfahre; denn Mißachtung ihres guten Wollens ertragen die Wesenhaften nicht.

Haltet Euch zu den kleinen Helfern in Liebe wie zu Brüdern, er-zeigt den Elementaren Achtung und Ehrfurcht, vor allem größte Aufmerksamkeit, aber werdet nicht ihnen untertan aus Furcht, dies wäre schon eine Folge falscher Einstellung. Ihr könnt sie Euch gün-stig und freundlich, aber nicht dienstbar machen. Macht aber auch Euch nicht zu Sklaven aus Furcht vor der Größe elementarer Kräfte. All Euer Strahlen vermag, in Weisheit genützt, zu lenken und zu leiten. Vergeßt das nie!

Pflanzt meine Worte, die ich Euch zum Abschied gebe, fest in Eure Geister, Eure Seelen, Eure Gehirne ein. Vererbt sie Euren Kin-dern. Haltet die Kraft rein! So, wie sie in Euch allzeit rein strömt, so soll sie aus Euch fließen. Das allein verbürgt das ewige Gedeihen im Stoffe.

Ich habe es Euch gesagt zum Abschied, nehmet es mit Euch und bewegt es stündlich in Eurem Herzen. Wir werden uns auf Erden nicht mehr sehen. Ihr, meine Stämme aus der ersten Reife, greift nun mit Euren Wurzeln und Euren Ästen um die Welt! Gedenket allzeit des Reifens Eurer Geister, damit wir uns oben wiederfinden, wo unsere einzige und wahre Heimat ist: im Lichte Lichtvaters, zu Füßen seiner heiligen Urschöpfung, davon ich ausgegangen bin!«

Es war Hjalfdars letzte Rede im heiligen Tempel der Armannen. Am anderen Morgen trennten sich die Stämme zur gleichen Stun-de.

Und wieder schritten sie in Scharen hinter ihren Führern lang-sam, stetig von Kraft erfüllt, das lichte Ziel vor Augen, in unbe-kannte, wilde Gegenden hinein, diesmal aber ihr Endziel kennend. Ur-Ar geleitete Hjalfdar ein Stück Weges mit einigen seines Stammes, die Hjalfdar ausersehen hatte.

Hjalfdars Sohn aber kehrte mit ihm in die Heimat zurück, ver-sprechend, daß er den Stamm der Armannen dereinst wieder be-suchen würde.

Ormuzd zog mit den Seinen und den neuen Tieren, die er für ei-nige seiner jungen Heimattiere von Hjalfdar erhalten hatte, singend und mit den Trommeln tönend, die grauen Geschiebe empor, dem Süd-Osten zu. Auf dem höchsten Punkt des silbergrauen Platten-geschiebes hielten die Mongos an. Sie nahmen Abschied von dem Lande, das ihnen die Heimat geöffnet hatte, die Heimat aber nah-men sie in ihren erweckten Geistern mit.

Ormuzd war es nicht bange; denn er wußte das Erworbene zu nützen und war Hjalfdar so eng verbunden, als schritte dessen lich-ter Geist immer neben ihm. Er wußte, daß dies so bleiben wür-de, solange die Mongos im Willen Lichtvaters gingen. Wehe ihnen aber, wehe ihm, wenn der hohe Freund ihm einst den Rücken wen-den würde!

Von unten empor leuchtete der silbergraue Tempel des Herrn mit seiner grünen, alle Farben widerstrahlenden Kuppel. Wie ein Edel-stein schimmerte er in allen Lichtstrahlen der Sonne. In der Runde lagen die großen und kleineren Gezelte, dehnten sich die hohen, mauergleichen Sandgeschiebe, die einst schützende Wesenhafte erbauten. Weit dahinter schloß sich die Wüste an, aus der vor Jah-ren die müden Armannen gekommen, gegen Norden aber über die mattgelben Sandhügel, die im Sinken der Sonne violett leuchteten, hob sich ein heller, wandernder Zug weißer Gestalten ab, der in den blauen Abendhimmel zu tauchen schien.

Dort zog Hjalfdar mit den Lichten und den wenigen Auserwähl-ten, die er aus jedem Stamme mitgenommen hatte. Das dröhnen-de Horn des Ormuzd tat einen sehnsuchtsvollen, klagenden Ton, der wie ein banger Frageruf zum Freund hinüberschallte, darauf schmetterte Hjalfdars goldenes Horn und auch der Ruf der Dichten klang von ihrem Höhlenberge her. Unten aber gaben die Arman-nen Antwort aus ihrer Siedelung.

Dies war der letzte Abschiedsgruß, dann blickte keiner mehr zu-rück.

»Vorwärts, aufwärts geht unser Weg zum Ziel!« Das hatte Hjalfdar in die Geister eingepflanzt.

 

Wieder ging es für Hjalfdar zurück auf den Berg des Lichtes, nach seiner heiligen Höhe. Allen ward der Weg so leicht, jede Beschwer des Wanderns fiel von ihnen, des Abends waren sie noch so frisch als am frühen Morgen. Oft geschah es, daß sie an den luftig grünen, tagweit hingestreckten Weiden die Zelte gar nicht rüsteten. Helle Feuer entzündeten sie zur Ehre des Lichtes, dem sie dies heilige Geschenk verdankten.

An diesen Feuern labten sie sich und schliefen sie, an diesen Feu-ern sprach Hjalfdar zu ihnen von den Botschaften aus der Höhe, die sie empfangen durften durch die lichten Fäden, die gespannt waren aus höchsten Höhen, um sie zurückzuführen in das lichte Reich Gottes, wie sie die Wesenhaften jetzt leiten würden zurück auf die heilige Höhe. Er sprach den Neuen, Gerufenen von ihrem Leben auf der heiligen Höhe, von ihren Pflichten und Freuden, die sie da erwarteten.

Am meisten aber von dem Weben und Leben des Geistigen dort oben in dem Tempel, da der Geist Gottes die Erde berührt hatte. Er sprach von dem Singen und Klingen der Strahlen, von der kla-ren Sprache, die alle Wesen dort führten, auch von der leuchtenden Schönheit von Pflanze und Tier, die von der Kraft des Lebens erfüllt blieben.

Und die Geister der Hörer des Geistgesandten erbebten. Sie er-schauerten in heiligem Staunen und Ahnen der Freude, die dem mitschwingenden Geiste gegeben ward. Heilige Liebe und Dank er-füllte ihr Herz und ein Jubel, der ihnen oft angesichts ihrer großen Beschwernisse ganz überraschend, ja unwahrscheinlich erschien. Diese Menschen waren in wenigen Jahren aus einfachen, fast wil-den Volksgliedern zu reifen Geistern erblüht, die sich in jeder Wei-se, ganz natürlich und rein bewegten.

Nach Tagen veränderte sich die Landschaft. Rauher, herber, dü-sterer wurde der Plan. Dunkle Seen lagen hier und da seicht und unbeweglich in den rauhen, saftlosen Wiesen. Sand mischte sich darein. Flugsand blies aus Norden her über weite, immer öder wir-kende Strecken. Grau ward die Luft, feucht und nebelig. Die Gestir-ne blickten des Nachts nur selten aus den jagenden Wolken. Graue Bäume mit Riesenfingern hoben sich von, dem trüben Firmament schon von weitem ab.

Und es rauschte und donnerte in der Ferne, aus der feuchte Nebel sich nahten. Es roch nach Fisch und Salz.

»Wir nahen uns dem Meer!«

Möwenartige große Vögel flogen kreischend und tief an den Zug heran. Hjalfdar machte immer seltener Rast.

 

»Wir müssen uns mehr dem Nordwesten zuwenden, daß wir der Höhe zukommen; denn hier führt uns der Weg zu Eis und Schnee.« Eis und Schnee? Wie war das? Wie lange hatten sie Eis und Schnee nicht mehr geschaut! Nur einstens in der Urheimat, im höchsten Norden, dort, wo der Sonne wunderbare Lichter den Erwachenden Heimdalls Brücke baute. Ferne Erinnerung kam den Alten, da sie davon sprachen, als sie von Eis und Schnee aus Hjalfdars Munde vernommen hatten.

Es rauschte und wob ihnen in den Ohren, wenn sie von dem klin-genden Eiskristall der Heimat und jenen schimmernden Jungfrau-en sprachen, die im Sausen des Meerwindes gischtende Wogen und spitze Eisnadeln auf sie geworfen. Lachender Frohsinn, wirbelndes Flockenspiel, leuchtende Strahlenströme brachte ihnen das alte Land.

Und nun? Eis und Schnee hatte Schrecken für sie; denn sie waren in jene sonnigen Ströme einer milden Zone eingetaucht. Die alte und doch noch so jugendliche Erde hatte ihre Wasser und Feuer, ihre Säfte und Kräfte schäumend ausgeworfen, um Boden zu schaf-fen dem Geschöpf des Herrn.

So zeigte ihnen der alte Hjalfdar wie einst schon als Junger die Liebe Gottes in der Natur. Heiliger Dank, sonnige Freude und An-betung füllte die Menschen. Jung und Alt tat seine mühevolle Ar-beit, seine Pflicht des zähen Harrens mit Liebe.

Es weiteten sich wilde Gründe, in der Tiefe gähnten noch Sümpfe, in denen häßliche Gewürme hausten.

Aber Hjalfdar vermochte mit dem Wollen seiner Gedanken abzu-biegen, was an Gefahr drohte. Die brodelnden Dünste vermochten nicht emporzusteigen, da der Wille all dieser lichtgeöffneten Gei-ster dagegen ging wie eine Mauer.

 

Monate wandelte die Schar durch Tiefe und Höhe, durch Sümpfe, Gras und Urwald. Langsam nur; denn oftmals gab es schwere Wege zu erkämpfen. Lehmig zäher Boden brachte Gefahren, die nur durch weite Umwege vermieden werden konnten. Doch Hjalfdars Lichtgesicht war allzeit strahlend hell und voll Freude. Ihn umhüll-te ein Schutz aus der Höhe, beratende Stimmen sprachen zu ihm, die keiner wahrnahm denn er allein.

So nahte er sich mit manchen Verlusten an Tier- und Menschen-leben der Heimat. Eine tiefe Bucht trennte ihn von erhabenem, fernher blauschimmerndem Strand. Doch er wußte, daß dies das Ziel war. Dort hinter jener Höhe lagen die Gefilde der heiligen Höhe, dort dehnten sich die weiten, gelben Drachenmoore, die längst überwuchert sein mußten von neuer Saat. Dort hinter dem langgedehnten Rücken streckte sich der Fels, der weiße Stein, und Jubel leuchtete und flammte in Hjalfdars Herz!

Salzige Luft wehte von der See heran. Weit ward die Düne, weit die Fläche des welligen Sandes. Muschel- und Seetiere bevölkerten den Boden. In der Ferne aber lag ein blauer Streifen, der in den Himmel zu wachsen schien.

»Nun kommen wir zum offenen Meer!«

Die Winde sausten. Luftgeister flüsterten und pfiffen Hjalfdar manche bekannte Weise ins Ohr. Es rollte und donnerte die See. Hjalfdar liebte den Gesang der Meereswesen, die da ihr Spiel in den Wogen trieben.

Dort oben, ganz nördlich war Njördhrs Schloß, das wußte Hjalf-dar. Seine schaumgeborenen, lachenden Töchter hatten ihn einst-mals bewegen wollen, auf weitem Jagdweg nach dem »großen Fisch«, einer Walart, mit ihnen zu Njördhr zu fahren. Aber er hatte es nicht getan. Der Geist hatte ihn daran gehindert, und Lichtvaters Wille hatte in ihm »nein« gesagt.

Es lockte ihn auch diesmal nicht Njördhrs Schloß, nicht das leuch-tende Licht, das funkelnd und Bogen spielend die Mitternachtsson-ne hervorzauberte, ihn zog es allein immer mehr nach Lichtvaters heiliger Höhe.

Und als sie nach wenig Rast eine lange Zeit stetig und mühsam gegen den Wind kämpfend langsam weiter gekommen waren, im-mer tiefer im Sandmeer versinkend, da kam das Brausen der See auch von vorne und Hjalfdar gewahrte, daß sie sich dem Rande einer großen Bucht nahten.

Immer mehr trieb er die Seinen zum Fortschreiten. Manch einer wäre gerne zurückgeblieben und wollte ruhen, war matt und alt. Aber der Gedanke an die Heimat riß die Gefährten hoch.

Stolz waren sie immer, kraftvoll und kühn, deshalb wollten sie nicht am Ende noch versagen. Mit doppelter Zähigkeit rangen sie mit dem nahenden Ende. Es waren viele Alte unter ihnen, deren Weg nach oben seinem Ausgangspunkt sich nahen wollte. Leuch-tende Ringe schlossen sich auch um Hjalfdars Schicksalsweg. Er stand noch zwischen ihnen, kraftvoll weise, klar und jung, und den-noch in einem Erdenalter, das jetziges Erdenmenschengeschlecht nicht kennt.

Freudig ward die Kunde nicht aufgenommen, daß sie sich dem Meere nahten. Dort war doch die Richtung zur heiligen Höhe, dorthin hatten sie doch die Helfer geführt! Und nun?

Hjalfdar fühlte die Gedanken der Seinen und er ward traurig. Nun hatte er sie ein Mannesleben lang von früher Jugend an erzo-gen, belehrt, mit Lichtvaters Kraft und Wort verbunden, und plötz-lich kam bei ihnen ein Regen und Bewegen des Denkens auf, das manchmal die helfenden Fäden hemmen oder gar abreißen mußte. Diese Kinder, diese Reinen, Vertrauenden und Treuen! Wie konnte das geschehen? Wie sollten da kommende Geschlechter den rechten Pfad weiter gehen, wenn schon diese Ersten, die er so ganz dem Licht verbunden glaubte, das Zagen kannten?

Ein leiser Schatten, der erste seines siegreichen Lebens, das er dem Ende sich nahen fühlte, zog über Hjalfdars liebevolles Angesicht.

»Holda, Du Einzige, die mich ganz versteht, Du wirst wohl Rat wissen! Ich begreife diese Geister nicht, ich bin nicht ganz aus ihrer Art.«

Und Antwort kam von oben. Ein wirbelnder, wütender Sturm. Blitze fuhren herab, Donner krachten, Thorsflamme loderte über den Häuptern der geduckten Wanderer.

»Wißt Ihr nicht, wer Euch führt? Könnet Ihr zagen, etwas wäh-nen, etwas nur vermuten, wenn Urus Kraft mit den acht anderen Euch Wege bahnt? Wenn die Luftigen helfen, die Lichten Euch lei-ten, die Erdigen Euch den Weg bereiten, daß er nicht zu steinig werde?

Hieß nicht die Richtung, die Holda Euch gab: »Nach dem Meere zu!«? Was zaudert Ihr noch? Habt Ihr noch nie das Meer durch-schwommen? Wäre es das erstemal?«

Zürnend brüllten es die Wesenhaften im Sturm. Die Angstvollen hätten es nicht begriffen, hätte nicht Hjalfdar die Kunde in deutli-chen Worten zu hören gegeben.

 

Ein Schmerz saß in seinem Herzen, als hätten sie ihm einen Dolch hineingebohrt. Sie aber waren so müde, daß sie all dessen nicht achteten. Heißes Beten rang sich aus Hjalfdars Geist.

»Lichtvater, laß dieses nicht das Ende sein, daß die Geister, die in Treue auferzogen, nun ihrer Heimat zuwandernd den klaren Weg verlieren! Du hast mir einst auf meine Bitte hin gewährt, daß ich Dir dienen darf in Ewigkeit. Laß Deine Geduld nicht enden, da ich mit ganzer Kraft bitte für diese Schwachen! Du sprachst dereinst das eine Wort: »Gewährt!« Damit gabst Du mir Deine Kraft zum Sieg!«

Eine unbeschreibliche Macht strömte von oben herab in diesem Augenblicke des Gebetes. Wie von Weißglut überstrahlt stand Hjalfdar, der Alte, neben dem Sohne, der während der schweren Stunden nicht von ihm gewichen und treu und fest gleich einem Fels zu ihm gestanden war. Wie eines waren die Beiden in dem Augenblick des Gebetes, während die Stürme brausend herab-dröhnten und wilde Wolkenfetzen fast bis hinab auf die Erde hin-gen. Peitschend begann ein Regen zu strömen, während der Sonne blendendes Licht stellenweise durch die zerrissenen Wolken grelle Flecken auf die Erde warf.

Erschütternd war das Brüllen des Sturmes, das Sausen der Wol-ken, das Brausen des Regens. Erschütternd die Stille der erschreck-ten Menschen, und die Stimme des einen, der, Befehl erteilend, Sturm, Donner und brausende Wasserflut zu übertönen vermochte. Dröhnend und klagend, anklagend mit einem Ton, den es noch nie zu dröhnen vermocht hatte, mahnte Hjalfdars Horn. Feuerwor-te und der heilige Name war es, die aus Hjalfdars Munde tönten,

nachdem der erschütternde Ton des Hornes verklungen.

»Parzival!«

Wie es sie hoch riß, dies heilige Wort. Weißflammend leuchtete Hjalfdars Geist aus der Hülle, lodernd in heiligen Wollens Kraft.

»Ihr meine treuen Gefährten, werdet nicht müde!«

Nun, nach aufpeitschendem, forderndem Weckruf fand er Worte der Liebe. Und er schilderte ihnen die Nähe der leuchtenden Hei-mat, gemahnte sie nochmals an Holdas Wort.

Und wie das Brausen seines Zornes, so legte sich auch das Brau-sen des Sturmes. Das wesenhafte Weben schwieg, die dunklen Wolken ließen sich von blauem Himmel verdrängen, ganz ferne noch zuckte Thorsflamme ab und zu wechselnd auf, grollte Thors brum-mendes, rollendes Mahnen.

Und es glitzerte Licht über die aus brausendem Nebel lugende See. Weich, liebevoll, perlend und kosend, tröstend und rauschend brandeten Wogen an den nahen Strand.

Noch immer zogen die Nebelfrauen wallende Schleier über die Fluten und verhüllten das weite Meer. Aber ein Ton klang auf, der alle Ferne und alle Dichte durchdrang, ein Hornruf von heiliger Höhe! Der erste Gruß! Antwort auf Hjalfdars Horn.

Und es lösten sich aus der Weite der nebeligen Fluten dunkle Körper, die wie mächtige Fische auf den Fluten daherschaukelten. Bunt und leuchtend spannten sich große Laken an hohen Masten.

»Schwimmbäume« waren es von dem Ausmaß riesiger Blatträger, die wie Säulen hoch und breit die anderen Buchten zierten.

»Sind dies unsere alten, jungen Bäume, die wir dereinst gepflanzt? Nun schwimmen sie auf den Wogen und holen uns heim! Denket der Helfer und schämt Euch Eures Kleinmutes. Sie wußten, was uns verborgen blieb: daß wir trockenen Fußes in unser lichtes Land ge-langen!«

Die Häupter senkten sich, es beugten sich die Kniee. Ein Chor der Lobgesänge stieg zur heiligen Höhe empor.

Als Hjalfdar sich mit den Seinen immer mehr dem Strande nahte, da wogte es von ferne. Hohe Mauern türmte das Meer und nah-te unter dem Singen und Jubeln von Njördhrs Töchtern. Weiße Möwen glitten tief auf den Fluten und flatterten schreiend auf die Menschen zu.

»Es kommt die Flut!«

Als könnte es die Heimatsee nicht mehr erwarten, Hjalfdar auf ihren Wogen zu tragen, so brauste sie in Eile daher. Schon hob sie die Schiffe, die bisher im ruhigeren Element langsam vom Wind dem Ziele zugetrieben worden waren, auf ihre flutenden Kämme und warf sie voran wie Bälle über Berg und Täler. Schneller als es zu glauben war, trieben die großen Segler zum Strande.

Sanft und weit war er, zarte Wellen leckten schon an die Füße der Heimkehrenden. Die gedrückte Stimmung, die Beschämtheit und Müdigkeit wichen vor der frischen salzigen Luft, die das Meer voranschickte. In feinem Dunst ließen sich in der Ferne die Hei-mathöhen schauen. Mehr noch als ihre Formen gewahrte man den Sonnenglanz über der Höhe.

Immer höher stieg die Flut, schon reichte sie den Menschen bis an die Kniee, die Tiere mußten die Kinder und die Lasten tragen, während Männer und Frauen gegen die schäumenden Wellen kämpften.

Unterdessen landeten die Schiffe. Durch das Brausen und Wogen der See klangen Rufe vieler froher Stimmen. Hjalfdars leuchtende Fahne mit dem lichten Zeichen Lichtvaters flatterte am vordersten, größten Boot. Treppenartige Hölzer wurden hinab in die Flut gelas-sen, auf denen viele weiße Gestalten herunterkletterten.

Nun sah man erst, wie viele Menschen diese Schiffe trugen. Hjalfdar freute sich. Lichtblonde Männer sprangen ihm entgegen,

seine Söhne! Hjalfdars Liebling, der Jüngste, auch schon ein stattli-cher Mann, war der Führer der Schiffe. Stolz und froh wies er dem Vater das Geschaffene.

Jubelnd hoben sie ihn auf die Schilde, jubelnd folgten die ande-ren und verteilten sich in die Schiffe. Gemeinsam sangen sie dann Lichtvater zum Dank ihr schönstes Weihelied.

Es wendeten sich die Segel, ein feiner Wind blies und bauschte sie mächtig, doch die Schiffer mußten noch die Ebbe abwarten. Sie nützten aber die Zeit, ihre Boote zu zeigen und alles Dringende zu berichten.

Hjalfdar stand sinnend und aufs Meer hinausspähend an ober-ster Stelle. Der Heimatwind blies kosend durch seine weißen Haa-re, durch seinen silberfeinen Bart. Möwen flogen herzu und ließen sich auf seiner Schulter nieder. Mit leisem, altgewohntem Ruf lock-te er sie.

»Holla wartet Dein im Kreise ihrer Frauen. Der heilige Tempel öffnet sein Tor, Dich in der Heimat zu empfangen!«

Jubelchöre aus lichten Reichen sangen Hjalfdar ein heiliges Lied und er lauschte in die Ewigkeit.

 

Es rauschten und murmelten die Wellen um den schwerfälligen

»Schwimmbaum«, der segelgeschmückt, langsam vom Lande glitt und schaukelte, bis ihn die volle Ebbe erfaßte.

 

Dann zog es Schiff um Schiff mit saugender Kraft hinaus in die offene Bucht.

Weit dehnte sich diese, ihre Fläche war so groß, daß sie kaum Ufer gewahren ließ. Aus ihren Tiefen klangen wundersame, lieb-lich lockende Stimmen. Perlend wie der Schaum der weißen Wo-gen mischten sich die hellen Töne in die tiefen Orgelakkorde der brausenden Strömung.

So ganz anders war das Singen der Wasser und der meerbewoh-nenden Töchter des Njördhr in dem Branden der Flut; denn die Ebbe hatte ihre eigenen Lieder. Aber nur das meeresbekannte Ge-schöpf vermochte es, diese Töne zu erlauschen, ihm allein war die Sprache des geliebten Elementes vertraut.

Blau und schimmernd wölbte sich der Himmel, immer stärker be-wegte sich die Luft, immer tiefer neigten die Segel sich in die gischten-den Wogen. Schwerfällig stampften die breiten und hohen Schwimm-bäume, deren vorderer Bug mit einem geschnitzten Bilde versehen war. Die zwölf Schiffe erschienen gleicher Art zu sein und dennoch war jedes so verschieden vom anderen, daß sie nicht verwechselt werden konnten. Alle trugen als Zierat ein Meereszeichen: einen

Fisch, eine Möwe, eine Muschel oder einen Seestern.

Als die Heimkehrenden die Schiffe betraten, staunten sie ob de-ren geräumigen Formen. Weit mehr Menschen vermochten sie zu fassen, als man ihnen von außen angesehen hatte. Am Rückteil war ein großes Ruder angebracht, das sechs Männer führen mußten. Es befand sich an einer langen Stange und war deshalb sehr schwerfäl-lig zu handhaben.

Hjalfdars Schiff fuhr den anderen voran. Es trug weiße Segel und als einziges ein vergoldetes Kreuz an der Spitze. Seitlich hatte es auf- und abklappbare Flügel, um den Wind noch besser ausnützen zu können. Der Flügel wegen trug es den Namen: »Die Taube.« Es schien auch leichter und schneller zu sein als die anderen Schiffe und war das Neueste von allen.

Innen lagen herrliche Flechtarbeiten der Frauen, so daß die mü-den, vom Wandern brennenden Füße wohlig in der weichen Wol-le versanken. Ruhebänke und Kissen waren angebracht und ein Sonnendach hielt die schärfsten Strahlen ab, wenn die Segel nicht Schatten spenden konnten.

 

Dieses Schiff für den Vater war der Stolz von Hjalfdars Jüngstem. Die Meeresvögel nahten sich immer zutraulicher. Nachdem eine kleine Labung und ein Trunk mit dem riesigen Becher aus weichem

Stein gereicht war, erhielten auch Vögel und Fische ihr Teil.

Dieses Mahl auf dem Meere, das Erste wieder im Kreise seiner Gefährten, war für den heimgekehrten Herrn und für die Seinen ein weihevolles Fest.

Hjalfdar hielt den weißen Becher mit dem, feurigroten Saft hoch empor:

»Lichtvater, ich danke Dir für dieses Mahl, das Du uns segnest mit Deiner Kraft und das aus der Fülle Deines Lebens uns gewor-den ist!« -

Nach einigen Stunden zeigte sich im Dunst des Meeres der Um-riß der Küste. Sie hatten die heilige Höhe nun vor sich liegen, von der aus Hjalfdar so oft hinab ins freie Meer gespäht.

Flimmernd ruhte das Licht der Sonne über den Wiesen und den weit hinab geschmückten Hängen, während der »weiße Stein« wie eine mächtige Tafel darüber emporragte. Die langsam ins Meer bröckelnden Hänge des einst so steilen Riesenberges gegenüber trugen wieder die alten, treuen, wesenhaften Gestalten, die Hjalfdar auf seiner Fahrt geleitet hatten, die Riesen.

Auch sie lachten und freuten sich mit den Menschen, die oben auf dem Berge einen festlichen Empfang bereiteten. Am Gestade, da die Schiffe in eine von Menschenhand vertiefte Bucht Einkehr hielten, standen schon Tiere bereit, die weiß wie Schnee und weich und seidig im Fell waren. Ihre leuchtenden Augen hatten einen klugen Ausdruck. Man sah es ihnen an, daß wissende, beherrschte Menschen sie pflegten und führten.

Die silbergrauen Rinder trugen zu zweien weite Tragkörbe zwi-schen sich.

Alle Erzeugnisse aus Hjalfdars neu gegründeten Stämmen sollten hierin emporgescha@ werden. Aber auch Rollschlitten waren da, die wegen ihrer Schwere von vier Rindern gezogen werden mußten. Ein neues Einhorn wurde von Holdas Töchtern dem Vater ent-gegengeführt, es war bekränzt mit Blumen. Die Kinder hatten es selbst für ihn aufgezogen und geschult, so daß es das alte, kranke

Tier, das seinem Ende entgegenging, völlig ersetzen konnte.

 

Holdas Töchter waren zum Teil schon einem Manne angetraut und lebten mit dessen Eltern im eigenen Heim. Das Heim war im allgemeinen bedeutend erweitert und vergrößert worden.

Es gehörte Land und Garten und ein reicher Viehbestand zu je-dem Heim. Vorsteher waren drei Hjalfdarsöhne.

Die Frauen zogen stets in das Elternhaus des Mannes, wo die jun-gen Paare dann ihr eigenes Heim für sich unterhielten. Der Vieh-und Grundbestand gehörte der Gemeinschaft, er war nur zu Nutz-nießung und Pflege an die Familien gleichmäßig nach Rang und Kraft verteilt.

Wer viel vermochte an Weisheit und Tatkraft, dem ward viel gege-ben. Wer wenig vermochte, der bekam weniger. Nach dem Tode fiel der Vieh- und Grundbesitz wieder der Gemeinschaft zu und wurde von dieser dem Nachkommen, sei es nun Sohn oder Tochter, nur dessen Können entsprechend gegeben.

Daraus entstand ein hoher Eifer der Tat in den Jungmannen wie auch in den Jungfrauen, um den Eltern an Vermögen des eigenen Erworbenen möglichst gleichzukommen.

Es gab aber dabei nicht Habgier noch niederen Ehrgeiz, sondern nur edlen Eifer in dem Dienen für die Gaben Lichtvaters; denn sie betrachteten alles von ihm als Lehen. Es gehörte ihnen nichts. Was ihnen zu freier Verfügung stand, das war allein ihr Wille, in seinem Gesetz das Leben recht zu nützen. Freude lag in ihrem dankerfüll-ten Tun.

Neu und doch vertraut war Hjalfdar der Klang der vielen In-strumente, die die Chöre aufgenommen hatten. Neu war auch der Schall metallener Trompeten, die von oben einen Gruß bliesen für Hjalfdar und sein Gefolge.

Die Straße war breit und fest gefügt. Hjalfdars Söhne hatten sie im Lauf der Jahre gebaut. Ein neues Bild erstand, als sie in wei-ten Windungen den Berg erreichten und dort die weißen, luftigen Gehöfte in Massen aus dem Boden gewachsen waren. Rauschend wogten darüber die herrlichsten Bäume, die Hjalfdar einst als klei-ne Stämmchen verlassen hatte.

Mit einem Blick übersah er das Geschaffene und also Entwickelte und dankbare Freude betete zu Lichtvater aus seiner Seele. Fun-kelnd flogen kleine bunte Vögel wie Edelsteine umher.

 

Die Wasser rauschten in perlend reinen Fluten über die Stufen des weißen Beckens bis hinab in das smaragden wogende Tal der Arbeit. Hjalfdar freute sich auf das Wiedersehen dieser Stätte. Die Menschen waren ihm, soweit es die Jugend betraf, ganz neu, doch überall erkannte er auf den ersten Blick den Stammvater, der meist aus dem engen Kreise seiner alten Gefährten war.

Sie neigten sich vor ihm, den sie als ihren Herrn auf Erden kann-ten, mit gekreuzten Armen tief zu Boden. Ihre erste Bitte war um Kraftvermittelung von oben.

»Holda hat sie Euch doch ebenso gegeben«, war seine Antwort.

»Ihr habet, was ich Euch geben kann, durch sie empfangen. Aber ich will Euch aus meinem Leben erzählen und lehren, daß Ihr un-sere Erfahrungen nützen könnt mit der Kraft, die Euch von oben geworden. Denn ich sage Euch: Für Euch kommt die Aufgabe, alles auf der Höhe zu halten im steten Schwingen unwandelbarer Ge-rechtigkeit!

Das ist nicht so einfach; denn die Dichte trägt Schwere, die dau-ernd im Kampf zum Aufstieg durchstoßen sein muß.

Wenn ich noch hundertmal hundert Jahre lebte, ich könnte Euch dennoch nicht genug sagen von dem Kampf und der dauernden Überwindung der Dichte im gesetzmäßigen Bewegen. Nützen der Harmonie zum Aufschwung und Erfolg, das ist das Nötige. Wenn Ihr darin lau werdet, kommt Dichte, die Schwäche und Krankheit anzieht.

In Bildern vermag ich Euch dies nicht zu erklären; denn es sind da Gestaltungen feinen Stoffes, die nicht geschildert werden kön-nen, weil mir die Worte und Begriffe fehlen, solange ich bei Euch bin. Ihr vermöchtet auch nicht, sie aufzunehmen. Darum sage ich Euch nur, haltet Euch auf der Höhe durch Bewegung!«

 

Tage des Festes reihten sich wie eine strahlende Perlenschnur an-einander. Alles Volk kam zu der heiligen Höhe geströmt, das in der Nähe mit manch heißem Sehnen der Ankunft des Herrn geharrt hatte. Rauschen und Tönen wob seine feinen Fäden um die son-nendurchfluteten Stätten; denn überall spielten die Sänger ihre Fe-stesweisen auf den Saiteninstrumenten. Ein Läuten klang aus den Höfen der priesterlichen Lehrer und Führer, das von feingesponnenen glasartigen Schalen herrührte, die zu festlicher Stunde gerührt wurden.

Sie ahmten das Singen der Strahlen in der Stoffiichkeit nach und schwangen sich klingend hinaus über die heilige Höhe. Auf hohen Gestellen befestigt, wurden sie von jungen Dienern des Tempels bedient. Weiß und schlicht waren diese gekleidet, deren schmale feine Häupter kurzes Lockenhaar schmückte. Ganz anders sahen sie aus als die Jungmannen, welche der irdischen Tätigkeit lebten. Während sie den Stempel des anbetenden, sinnenden und empfan-genden Weisen auf der Stirne trugen, waren jene gleich jungen Hel-den oder Tatmännern zu betrachten. Aber frei, natürlich und voll Schönheit war aller Eigenart.

 

Die schönsten Stunden wurden es nun für Hjalfdar, wenn er wie einst an Holdas Seite durch den Tempel schritt und mit ihr geheime Andacht vor Allvaters heiliger Schale hielt. Wie draußen die irdi-schen Töne zum Lobe des Herrn sangen, so sangen dort innen die heiligen Strahlen des Lichtes zu des Schöpfers Ehre. Es neigten sich die ewigen Geister zu dem begnadeten Menschenpaare und heilige Weisheit schöpften sie zusammen aus dem Born des Lebens.

»Siehe, ich habe Dir das Deinige gegeben in Fülle«, sprach die Stimme des Herrn aus der heiligen Schale des Lebens. »Du hast es verwaltet und gehegt als getreuer Knecht Gottes, meines Vaters, der Dich bald heimrufet in den Quell Deines Ursprungs. Eins bist Du da mit Holda, die aus Dir ein Teil. Ich sage Dir dies, auf daß Du nunmehr wissend den Ring Deiner Sendung vollendest. Richte alles zu, daß Du die Erde leicht lassest!«

Es vollzog sich mit diesen Worten ein großes Geschehen für das Menschenpaar. Schwingend nahte sich der Kreis ihrer Vollendung in Gemeinsamkeit dem Ausgangspunkte zu. Und nun folgte im Ir-dischen für Hjalfdar eine bewegte, ja ruhelose Zeit; denn es trieb ihn der Geist, alles zu Ende zu führen.

Bald war er mit den Fortschritten seiner Stammeskinder völlig vertraut, in alle Dinge führte ihn Holda und sein Sohn Siegwalt ein, deren weise Führung den Stamm in Hjalfdars Abwesenheit zu hoher Blüte gebracht hatte. Siegwalt war Holdas helfende Hand, er hatte die Leitung der Mannen in Treuen geübt. Er hatte die Schulen der Priester wie die der Jungmannschaft mit wachem Auge betreut und weise Verbesserung zum Guten, Erprobten gefügt. Ewig lebendig war es geblieben in dem Stamm derer, die sich die Reinen nennen durften.

Während Hjalfdar, Hjalfdars ältester Sohn, den Vater begleitet und an seiner Seite gelernt hatte, war Siegwalt an Holdas Seite zum Herrscher über Lichtasenheim herangereift.

Beide waren einander so ähnlich, daß man sie kaum zu unter-scheiden vermochte, doch trug Siegwalt das Zeichen des Schwer-tes auf der Brust, Hjalfdar aber das Zeichen der fliegenden Tau-be. Beiden ward vom Vater das Schwert verliehen und beiden der Ring, die Krönung ihres Geistes zur Vollendung ihres Amtes in der Stoffiichkeit. Es war ein goldener Reif mit einem weißen Stein, den ihnen Hjalfdar aufs Haupt setzte.

Hjalfdar, der Sohn, ward ausgesendet übers Meer zur Bereitung und Belehrung der Geistkeime. Siegwalt waltete des heiligen Hor-tes und sollte seine Macht ausbreiten von lichter Höhe aus. Ein in-niges, geistiges Band flocht der Vater um beide, daß sie erfüllten das Gebotene im Dienste des Lichtes.

Als alles Irdische in der Söhne Hände ruhte und Hjalfdar sah, daß es so gut und nach dem Willen des Höchsten war, da verband er sich mit all seinem weisen Wissen und Lieben mit allen Geschöpfen der Erde und allen Geschöpfen in den Sphären. Er fühlte, wie ihn und Holda immer inniger das Band der Gemeinsamkeit umschloß, wie alles, das er dachte, auch in ihr anklang im selben Augenblick. Wie jeder leise Schatten eines Gedankens von Holda sogleich erfüllt war aus seinem Willen. Inniges Ruhen in seligem Einssein schwang in den beiden Seelen.

Und Holdas Weistum war wohl verwahrt in einer Jungfrau, die ihren Namen trug. Diese war es, die Holda zu ihrem Dienst erzo-gen und Siegwalt angelobt hatte als Weib.

Ein kleiner Kreis auserlesener Diener und Freunde umgab das hohe Paar, das in der Heimstätte sonniger Gärten und Hallen die letzten Erdentage wie eine köstliche Belohnung genoß. Friede und Freude, die Eintracht mit allen Geschöpfen Gottes woben einen se-ligen, schimmernden Lichtdom um die Stätte ihrer Ruhe.

Zu heiligem Gebet versammelte Hjalfdar alle, die kommen woll-ten täglich im Tempel.

 

Und täglich gab er ihnen noch aus dem unversiegbaren Quell sei-ner Liebe und Weisheit einen heiligen Tropfen.

»Selig bist Du, Hjalfdar, daß Deine irdischen Augen den Auf-stieg alles Menschengeistigen erschauen durften, solange Du auf Erden weilst«, sprach Holda. »Wisse aber, die Meinen sehen das Kommende. Aus lichten Höhen muß ein Helfer kommen, der die Völker stützet; denn das Menschengeistige ist schwach. Aus lichten Höhen wird derzeit einer kommen, der stärkt ihnen die Kraft ihres Verstandes, auf daß sie auch irdisch im Verstehen bleiben. Er wird geistig führend über sie wachen, wenn die Schleier der Trübungen aufheimen wollen; denn die Dichte des Stoffes macht die Menschen träge. Ich sehe viele Gezeiten über die Welten rollen, Hjalfdar, un-ser Wirken wird ewig sein.«

Als Holda dies gesagt hatte, kam ein Glanz über sie aus der Höhe. Ihr Auge weitete sich, und sie tat einen tiefen Atemzug. Dann kam es leise von ihren Lippen:

»Ja, Herr, ich höre Deinen Ruf, ich bin bereit!«

Sie vermochte nicht mehr zu sagen, was sie vernommen hatte. Ihr Mund war still, ihr Auge verlosch. Hjalfdar hielt sie im Arm.

Ein breiter Lichtstrom kam aus höchsten Höhen, und in dem sin-genden, goldflammenden Ringe schwebte das Licht der Heiligen Taube über der Höhe. Ein Donner machte die Erde zittern. Brau-send antwortete die Flut des Meeres.

»Johannes!« rief eine Stimme aus dem Lichte. »Die Stunde Deiner Erfüllung ist da. Ich rufe Dich heim! Harre, bis ein neuer Kreis dem ersten sich gesellet!«

Und es hob sich eine Lichtflamme aus Hjalfdar, dem Reinen, und floß empor in dem Strahl der Heiligen Taube nach Patmos, den Ursprung seines Geistes. –