LAO-TSE
DIE BISHER UNBEKANNTE
LEBENSGESCHICHTE
DES CHINESISCHEN WEISEN
UND SEIN WIRKEN
AUFGENOMMEN DURCH BESONDERE
BEGABUNG
EINES DAZU BERUFENEN
Li-Fu-Tai saß vor seiner Hütte in beschaulicher Ruhe. Über ihm spannte sich ein tiefblauer Himmel, aber er schaute nicht empor zu ihm. Rings umher dehnten sich wogende, grüne Reisfelder, aber Li-Fu-Tai achtete ihrer nicht.
Er hatte sich ganz in sich zurückgezogen, seine Seele grüßte andere Seelen auf anderen Gefilden.
Ein kleines, gelbes Hündchen sprang herbei und suchte die Aufmerksamkeit des Menschen auf sich zu lenken. Aber alle seine drolligen Sprünge, sein lustiges Kläffen waren vergeblich, des Menschen Seele war nicht in ihrer Körperbehausung.
Mit spitzen, weißen Zähnen packte das Hündchen das blaue Gewand Li-Fu-Tais, als aber auch das Zupfen fruchtlos war, lief das Hündchen eilfertig in die Hütte zurück.
Aus dieser trat eine Frau und näherte sich dem Manne. Als sie jedoch den abwesenden Ausdruck seiner Züge gewahrte, ergriff sie schweigend die am Boden stehenden Schöpfgefäße und entfernte sich mit ihnen.
Nun war es ganz still um den Träumenden.
Fern her segelte eine weiße Wolke, ein sonderbares Gebilde. Sie kam näher, immer näher, schärfer umrissen erschienen ihre Formen, die die Gestalt eines riesigen Drachen annahmen. Als sie ganz nahe bei Li-Fu-Tai angelangt war, schien sie sich zu senken. Flimmernd hob sich der Kopf des Wolkendrachens vom Himmelsblau und eine Stimme tönte wie das Brausen des Windes bald laut und bald leise:
„Höre mich, Li-Fu-Tai! Schang-Ti sendet mich, mit Dir zu reden. Kehre zurück aus den Gärten der Seelen!“
Unbeweglich blieb die Gestalt des Menschen, aber seine Seele folgte dem Ruf und einte sich ihm, doch blieb sie halb über, halb hinter ihm stehen. Und sie lauschte dem, was der Bote Schang-Tis ihr zu künden hatte.
Dieser begann von neuem:
„Menschenseele, höre! Treu denkst Du Deines Volkes und sinnest Tag und Nacht, wie Du die Herrschaft der Dämonen rechen kannst. Aber Deine Kraft ist zu schwach, das weißt Du. Du bist auch nicht bereitet, Gedanken des Himmels in Dich aufzunehmen und sie weiter zu geben an solche, die ihrer bedürfen und zu Schang-Ti darum flehen. Aber wisse:
Droben in einem der höchsten Seelengärten wurde eine Seele bereitet seit langem schon. Sie nahm höchste Weisheit in sich auf und erhielt die Fähigkeit, Kraft aus der Gottheit zu schöpfen, wann immer sie ihrer benötigen wird.
Diese Seele ist ausersehen, Deinem Volke ein Führer zu sein, und Dich hat Schang-Ti erwählt, dieser Seele die irdische Heimat zu bereiten. Das soll Dein Lohn sein für Deine Treue gegen Schang-Ti und gegen Dein Volk. Sage, Li-Fu-Tai, willst Du diese Seele aufnehmen und hüten als Geschenk der Götter?“
Und Li-Fu-Tais Seele neigte sich und legte ein heiliges Gelüble ab vor Schang-Tis Boten. Danach trat sie in den Menschenkörper zurück. Li-Fu-Tai fiel zu Boden, berührte mit der Stirn dreimal die Mutter Erde und betete an. In diesem Augenblick wußte er, was vorgegangen war, und heilige Ehrfurcht ergriff ihn. Die Wolke aber verschwand wieder. In ununterbrochener Bläue lachte der Himmel auf den gesegneten Menschen hernieder.
Sein Weib kehrte von der Wasserstelle zurück. Er ging ihr ent-gegen, nahm ihr die Eimer ab und trug sie in die Hütte. Keinen Augenblick dachte er daran, sie teilnehmen zu lassen an dem, was er soeben erlebt. Es war noch früh genug, ihr davon zu sagen, wenn die heilige Seele eingekehrt sein würde.
Fünf Jahre schon lebten sie zusammen, ohne daß die Götter ihren Bund gesegnet hatten. Nun wußte Li-Fu-Tai, warum dies hatte sein müssen. Die heilige Seele sollte nicht einer unter vielen sein, sondern in Abgeschlossenheit aufwachsen dürfen.
Er aber, Li-Fu-Tai, mußte sich nun bereiten, er mußte sich täglich vertiefen in die heiligen Schriften, die von den Göttern und vor allem von Schang-Ti, dem obersten aller Götter, berichteten. Er mußte immer bewußter seine Seele aussenden in die Gärten des Lichtes, mußte dort daheim werden, damit er der kommenden
Seele ein guter Führer sein könnte. Aber auch um sein irdisches Besitztum mußte er sich besser kümmern als seither. damit der Kommende nicht Mangel leide.
Wu-Li, das Weib, staunte in den nächsten Monaten oftmals über den Fleiß des Mannes, der sich nie genug tun konnte. Aber es war ihr recht so. Sie fühlte, daß ihr jetzt eine neue Aufgabe zufiel, voll Freude bereitete sie sich dafür.
Ängstlich beachtete sie alles, was ihr erfahrene Frauen rieten. Nach dem Untergang des Tagesgestirns durfte sie keinen Schritt mehr aus der Hütte wagen, damit nicht unholde Dämonen ihr nahen und sie erschrecken könnten. Allerhand Kräuter mußte sie suchen und ständig bei sich tragen, um gute Geister in ihre Nähe zu ziehen.
Die ganze Luft war ja erfüllt von Geistern jeglicher Art, man konnte gar nicht vorsichtig genug sein, damit man nicht Schlimmes an sich und das werdende Kindlein zog. Und wie sehr mußte man sich hüten, neidisch oder hämisch zu sein, damit die kommende Seele nicht etwa in den Körper eines Fuchses fahren mußte. jede der Nachbarinnen wußte anderen Rat.
Wu-Li hörte auf jeden, bis sie eines Tages fand, daß viele der Ratschläge sich widersprachen. Wem sollte sie folgen? Mit ihrem Manne darüber zu sprechen, kam ihr nicht in den Sinn. Er dachte sicher wie die meisten Männer, daß es den Frauen am Verstand mangele, so daß man nicht ernstlich mit ihnen reden könne. Sie wollte sich erst gar nicht einer Zurückweisung aussetzen.
Eines Morgens ging sie sehr früh zur Wasserstelle. Diese lag zwichen hohen Fächerpalmen eingebettet. Smaragdgrünes Moos wuchs rings umher, das ein prächtiges Polster zum Ruhen geschaffen.
Wu-Li kniete sich nieder, um Wasser zu schöpfen, da sah sie neben ihrem eigenen Abbild eine wunderliebliche Frauengestalt, wie sie solche noch niemals erschaut.
Rasch wandte sie sich um. Wirklich, da stand ein Frauenwesen in weißem Gewande. Alles an ihr war licht und hell, sogar die langen Haare, die wie ein Mantel um sie her fielen.
Aber sonderbar, es schien Wu-Li, als könne sie die Stämme der Palmen durch die Gestalt hindurch sehen. War es ein Himmelsbo-
te? Ein Dämon konnte es nicht sein. Wohl hatte man Wu-Li erzählt, daß die Dämonen manchmal prächtige Gestalten annahmen, aber diese Frau sprach zu Wu-Lis Seele und ruhig überließ sie sich dem beglückenden Gefühl, das die Erscheinung in ihr erweckte. Nachdem das Menschenweib lange geschaut hatte, wagte sie die Frage:
„Wer bist Du und woher kommst Du, Du Wunderschöne?“ „Ich bin eine Dienerin der Kwang-Non und komme aus den Gärten der Seelen. Eine Seele will einkehren bei Dir. Du sollst sie pflegen und hüten und stets dessen eingedenk sein, daß Schang-Ti, der Erhabene, sie zu Dir sendet! Bereite Dich, sie würdig zu empfangen. Großes soll diese Seele vollbringen. Du aber mußt alle Gedanken an unholde Dämonen von Dir weisen. Sie können sich Dir nicht nahen, solange Deine eigenen Gedanken sie nicht herbeziehen. Bete ohne Aufhören zu Schang-Ti, rufe zu Kwang-Non, und Segen wird um Dich gebreitet sein wie ein heiliger Mantel.
Meide den Verkehr mit den Nachbarinnen, gehe in die Wälder und suche die heiligen Stätten auf. Bereite in Deiner Hütte einen Altar und bringe Blumenopfer.“
Schon längst hatte Wu-Li sich betend geneigt und die Stirn auf den Moosteppich sinken lassen. Überwältigt war sie von der Heiligkeit des Augenblicks. Als die holde Stimme nun schwieg und das Weib aufschaute, fand sie sich allein. Aber hohe Freudigkeit erfüllte sie. Als Wu-Li noch am gleichen Tage am besten Platz der Hütte einen Altar errichtete, schaute Li-Fu-Tai sie fragend an, als erwarte er Aufklärung. Da er aber nicht mit Worten fragte, ward ihm auch keine Antwort.
Staunend beobachtete er den Aufbau des Hausaltärchens. Das feinste, am reichsten gestickte Seidenstück breiteten Wu-Lis kleine Hände über den Lacktisch. Danach stellte sie eine bronzene Räucherschale in die Mitte, rechts und links davon zwei kostbare Vasen mit Blüten. Das war alles.
Nun mußte Li-Fu-Tai doch fragen; denn er vermißte alle Anzeichen des Ahnenkults, wie Amulette, Standbilder und Schriften. Ein Altar wurde errichtet, um daran anzubeten, das war klar. Sollte er, der Herr des Hauses, aber dort seine Gebete verrichten, so mußte er auch erfahren, wem sie galten,
„Will die Blüte meines Hauses mir nicht sagen, wem sie den Altar weiht?“ fragte er freundlich, obgleich er sich ärgerte, daß er die Frage erst stellen mußte.
Er hatte schroff Auskunft verlangen wollen, aber da erinnerte er sich, daß Harmonie in dem Hause schwingen sollte, daß die kommende Seele beherbergen durfte. Nun war er selber überrascht, wie wenig Überwindung es ihn kostete, freundlich zu sein. Noch mehr überraschte ihn aber die Antwort seines Weibes:
„Altar und Opfer gelten Schang-Ti.“
Das war noch nie dagewesen, daß dem höchsten der Götter ein Altar in einer gewöhnlichen Wohnhütte errichtet worden war! Entsetzt starrte Li-Fu-Tai sein Weib an! Sollte die Erwartung der ihr beschiedenen Freude ihre Sinne verwirrt haben? Er mußte ihr dies anmaßende Beginnen auszureden versuchen.
Gütig wandte er sich ihr zu und wollte zu sprechen beginnen, da sah er an dem Altar eine lichte Frauengestalt stehen. Sie hob segnend die Hände über Räucherschale und Blumen, danach auch über Wu-Li, die anbetend zu Boden gesunken war. Also sah sein Weib die Lichte auch? Staunend dachte es der Mann, während er langsam neben Wu-Li zu Boden sank.
Da begann die Gottesbotin zu reden. Mit heller leiser Stimme verkündete sie, daß Schang-Ti Altar und Blumenopfer gnädig angenommen habe. Die Eheleute sollten nicht nachlassen mit Beten. Ihre Hütte müsse zum Tempel Gottes werden, in dem Frieden und Freude die Herrscher seien.
Danach war die Holde verschwunden, aber Mann und Weib fanden durch das gemeinsame hohe Erleben den Weg zueinander und berichteten gegenseitig, was sie hatten erschauen und hören dürfen. Wieder waren einige Monate verstrichen. Li-Fu-Tai hatte sein Heim für einige Tage verlassen müssen, da es die Zeit der großen Märkte war, auf denen Seide und Reis verkauft und dafür Lebensmittel in Vorrat eingetauscht wurden.
Wu-Li wurde die einsame Zeit nicht lang. Sie hatte mancherlei zu bereiten für die kommende Seele, daneben zog sie die schönsten Blumen im kleinen Garten für die täglichen Opfer auf dem Hausaltar. Diese Blumen aber hatten schon lange den Neid und die Neugier der Nachbarinnen, von denen Wu-Li sich so merkbar zurückgezo-
gen hatte, erregt. Solange der Mann anwesend war, hatten sie nicht zu fragen gewagt, aber diese Tage, da Wu-Li mit dem kleinen, gelben Hund allein war, wollten sie nützen, um hinter das Geheimnis zu kommen, das offenbar mit der Aufzucht der Blüten verbunden war. Sie hatten untereinander verabredet, wie sie das Weib beschwatzen wollten.
Früh am Morgen kam die am nächsten wohnende Nachbarin und bat um Feuer, da das ihre über Nacht erloschen sei. Wu-Li erschrak. Wo das Feuer erlischt, da steht es nicht gut um den Haushalt. Jedenfalls wollte sie die Frau nicht im Hause haben. Sie bat sie, im Garten zu warten.
Das war gerade, was die Nachbarin gewünscht hatte. Sie ging von Staude zu Staude und betrachtete die Blumen. Als Wu-Li dann mit brennenden Spänen aus dem Hause trat, war es der Fremden gar nicht eilig, das geschenkte Feuer unter ihr Dach zu tragen. „Du hast herrliche Blüten, Wu-Li“, begann sie schmeichelnd. „Wohl keine Frau in der ganzen Gegend kann sich so rühmen. Was machst Du mit den Blumen, die Du täglich abschneidest ?“ „Ich nehme sie in die Hütte und freue mich daran“, war die rasche Antwort.
„Das kannst Du im Garten auch tun, dazu brauchst Du die Blüten nicht abzuschneiden“, murrte die Nachbarin. „Wir wollen uns auch daran freuen. Willst Du mir nicht von Deinen Blumen geben?“ Wu-Li wußte nicht, was sie antworten sollte. Da bückte sich die Nachbarin und wollte einen Stengel mit drei herrlichen weißen Trichterblüten pflücken. Ehe sie aber ihr Vorhaben ausführen konnte, sprang der kleine Hund herbei, den niemand beachtet hatte. Feindselig knurrte er die Fremde an, der er in diesem Augenblick groß und gefährlich erschien. Mit einem Aufschrei ließ sie den Stengel los und eilte mit den fast verbrannten Spänen davon. Wu-Li liebkoste das Tier und freute sich, die Neugierige los zu sein. Aber Ruhe sollte sie vorerst nicht finden. Bald nachher erschien eine andere der nahe wohnenden Frauen und erzählte, daß sie einen Bittgang zu dem viele Meilen entfern Tempel der Göttin Kwang-Non machen wolle. Sie habe die absicht ihr Früchte, Reis und Blüten zu bringen, Wu-Li sollte ihr die weißen Trichter schenken. Gerade diese aber hatte für den Altar gezogen.
„Schang-Ti“, flehte sie innerlich, „Du hast mir sagen lassen, ich dürfe Dich anrufen, wenn ich Hilfe brauchte. Laß Dir die Blüten nicht nehmen, sie sind für Dich!“
Kaum hatte sie dies leise Gebet vollendet, da tönte eine milde Stimme neben ihr:
„Wer der Göttin opfern will, muß selbstgezogene Blüten bringen. Was hilft es Dir, wenn Du die herrlichen, weißen Trichter opfern wolltest? Die Göttin würde doch wissen, daß sie aus Wu-Lis Garten stammen.“
Zwischen den Frauen stand die lichte Gottesbotin, aber diesmal sah sie nicht so durchsichtig aus, sondern glich einem Erdenweibe. Als solches erschien sie auch der Fremden, die ganz erstaunt sagte: „Ich wußte nicht, Wu-Li, daß Deine Schwester zu Besuch bei Dir weilt. Sie hat aber recht, ich darf keine fremden Blumen opfern.“ Damit verabschiedete sich die Nachbarin und auch die Helferin war wieder verschwunden.
Wu-Li brach die vielbegehrten weißen Blüten und trug sie betend zum Hausaltar. Dort warf sie sich zu Boden und dankte Schang-Ti für seine Hilfe. Danach setzte sie sich an ihre Stickerei. Sie hatte Kwang-Non ein Tuch zum Verhüllen des Rauchgefäßes gelobt als Dank für das Geschenk, das in der heiligen Seele zu ihr kommen wollte.
Langsam und bedächtig wählte sie die Fäden und zog sie sorgsam durch das Gewebe. Sie hatte guten Unterricht genossen, bis sie Li-Fu-Tai als seine Ehefrau gefolgt war. Kluge, gute Frauen wohnten bei den Tempeln der Hauptgötter und verbrachten ihr Leben, indem sie anderen halfen.
Über der Arbeit sann die junge Frau dem allen nach. Sie war noch sehr klein gewesen, als ihr die Mutter starb. Der Vater, ein Kriegsmann in gehobener Stellung, war meist abwesend. Daheim aber gab es nur Brüder, die alle älter waren als die kleine, wenig beachtete Schwester.
So wurde das Kind den guten Frauen übergeben und wuchs in ihrer Hut mit einer Menge anderer Mägdlein auf. Sie wurden streng gehalten und durften gar manches lernen. Einige erzog man zum Dienst in den verschiedenen Tempeln der Göttinnen, deren es schier unzählige gab.
Wu-Li versuchte, sich aller Namen zu erinnern, aber lächelnd mußte sie davon abstehen. Sie hatte schon früher kaum gewußt, wie die Göttinnen hießen und warum sie angebetet wurden. War das Unrecht? Die guten Frauen hatten sie scharf deshalb getadelt und manche Träne war darum geflossen. Aber die Götter mußten ihr doch nicht zürnen darob, sonst würden sie ihr jetzt nicht die heilige Seele in Obhut geben. Die heilige Seele! Wie sie sich auf das Kindlein freute!
Leise begann sie, mit dem Seelchen zu plaudern, und es war ihr, als gäbe das Ungeborene Antwort.
„Du mußt vergessen, daß ich aus den heiligen Gärten zu Dir komme, Du, die Du mir Mutter sein willst. Du mußt mich lehren und leiten, als sei ich ein ganz gewöhnliches Kind. Sonst werde ich meine Aufgabe nicht erfüllen können.“
„Seele, welche Aufgabe harret Deiner?“
„Ich soll die Dämonen bekämpfen und ausrotten und den hellen Geistern die Wege bahnen zu der Menschen Seelen.“ „So wirst Du ein Krieger sein auf Erden?“ mit leisem Seufzer fragte es die Frau.
„Nicht mit Waffen werde ich kämpfen, nicht Fleisch und Blut werde ich bekriegen. Die Geister müssen geistig besiegt werden.“ „Kann ich Dir helfen, Du kommende Seele? Sage, was darf ich für Dich tun?“
„Schaffe Frieden und Harmonie rings um mich her von meinem ersten Atemzug auf Erden an, und bleibe in der Wahrheit, wie Du jetzt darin stehst, so wirst Du helfen, mir den Boden zu bereiten, auf dem ich gedeihen kann. Du wirst die Waffen schmieden helfen, die ich zum Kampfe brauche.“
„Seele, wer sendet Dich?“
„Mich sendet Einer, der soviel höher ist als Schang-Ti, wie dieser. über Euch Menschen steht. Kannst Du Dir das vorstellen? Schang-Ti ist nur einer seiner Diener. Erhaben ist er und mächtig, weise und gerecht.“
In Ehrfurcht erschauernd hörte es die Frau. Sie wollte reden, aber die Stimme versagte ihr. Endlich entrang sich ihr die Frage: „Wie heißt der, von dem Du also sprichst?“ Aber sie erhielt keine Antwort.
Lange saß sie, in tiefes Sinnen verloren. Danach trat sie zum Altar, aber nicht Schang-Ti suchte ihr Gebet, sondern den Erhabenen, der über allen anderen war. Und etwas ganz Neues durchströmte sie, ein Gefühl von Glück und neuer Kraft, wie sie es nie gekannt. Von diesem Tage an betete sie nur noch zu dem Erhabenen, aber es war ihr nicht möglich, Li-Fu-Tai davon zu sagen. Eine tiefe Scheu vor der Heiligkeit dessen, was die kommende Seele ihr mitgeteilt, verschloß ihr die Lippen.
In ruhigem Gleichmaß vergingen die Tage bis zur Stunde, da die alte Nachbarin ihr das Neugeborene in die Arme legte. Es war ein Knabe von zierlicher Gestalt und sehr heller Hautfarbe. Die Alte machte den Priester, der den Knaben segnen sollte, darauf aufmerksam, und dieser befragte Li-Fu-Tai.
Der stolze Vater, der sich die größte Mühe gab, gleichgültig zu erscheinen, was ihm durchaus nicht gelingen wollte, wußte allerhand zu berichten.
„Schaue mich an, würdiger Vater der Tempel“, sagte er. „Auch ich habe eine hellere Hautfarbe als alle Nachbarn. Die Zeit hat den Unterschied wohl geringer gemacht, aber in den Tagen der heiligen Waschungen tritt er deutlich zutage. Das kommt daher, daß meine Ahnen nicht in dieser Gegend geboren, sondern über ein riesenhohes Gebirge hier eingewandert sind.“
„Weißt Du, aus welchem Lande sie kamen?“ wollte der Priester wissen.
„Sie nannten es Tarim und die Überlieferung erzählt, daß das ganze Land anders gestaltet war als dieses hier. Andere Pflanzen seien dort gewachsen, andere Tiere habe man getroffen.“ „Warum verließen denn Deine Ahnen dies besondere Land?“ fragte der Priester ein wenig spöttisch.
Auch darauf wußte Li-Fu-Tai zu antworten.
„Vom Vater zum Sohn pflanzte sich das Wissen um das Geschehen, das lange zurückliegt, fort. Der Ahnherr, der mit seinen Söhnen ausgewandert ist, tat dies auf Befehl eines der Götter.“ Der Priester unterbrach ihn:
„Welcher Gott mag ihm den Befehl erteilt haben?“
„Ich weiß es nicht,“ sagte Li-Fu-Tai etwas zögernd. „Der Name, der auf uns kam, hat mit keinem der unsern Ähnlichkeit, und doch waren meine Ahnen rechtgläubige Männer.“ „Wie hieß dieser Name fragte der Zuhörer dringend. „Er klingt etwa wie Jahwa,“ erwiderte Li-Fu-Tai.
„Jahwa, Jahwa ?“ überlegte der Priester. „Du hast recht, das ist kein Göttername, wie wir ihn kennen. Wahrscheinlich wurde der eigentliche Name durch die Überlieferung verstümmelt. Ja, so wird es wohl sein! Erzähle weiter!“
„Der Befehl, den mein Ahnherr Li-Pe-Yang erhielt, lautete etwa so: Gehe gen Süden über das hohe Gebirge. Scheue keine Gefahr. Vor wilden Tieren und unwegsamen Schluchten wirst Du bewahret bleiben, denn Du gehst auf Gottes Wegen.
Wenn Du die Berge überschritten hast, wandere weiter gegen Süden, aber wende Dich dabei ein wenig dem Aufgang der Sonne zu. Du wirst in ein fruchtbares Land kommen, wo die Männer rote Knöpfe auf ihren schwarzen Mützen tragen. Dort schaue Dich um. Großes Sterben hat Land und Wohnstätten besitzerlos gemacht. Findest Du ein Stück, das Dir gefällt, so gehe zum Priester und bitte ihn darum. Sage ihm, daß Gott Dich sendet, und er wird Dir zu Willen sein.“
„Eine merkwürdige Überlieferung,“ wunderte sich der Priester. „Weißt Du auch, zu welchem Zweck Dein Ahnherr gerade hierher kommen mußte?“
„Auch das wurde uns mitgeteilt,“ versicherte der Gefragte. „Gott habe ihm gesagt, aus diesem Teil des Reiches der Mitte solle einmal das Licht über das ganze Reich scheinen, ein Licht, vor dessen Glanz die Dämonen fliehen würden.“
„Und um seine Nachkommen dieses Lichtes teilhaftig werden zu lassen, unternahm Euer Ahn die beschwerliche Reise?“ überlegte der Priester. „Wahrlich, eine solche Selbstlosigkeit ist es wert, daß Ihr ihn besonders in Ehren haltet. Ich sehe, Ihr habt da einen schönen Altar erbaut. Opfert nur fleißig, das wird dem Kinde den Segen der Ahnen bringen.“
Würdevoll verließ der Priester die Hütte. Li-Fu-Tai aber war ein Neues aufgegangen in der Seele. Wie, wenn dieses Kind ausersehen war, das Licht zu bringen? So würde es sein! Sicherlich, so mußte es sein! Vielleicht war dieses Neugeborene der wiedergekommene Ahnherr! Dann hätte man das Kindlein Pe-Yang nennen sollen! Daß er daran nicht gedacht! Nun hatte der Priester es als Li-Erl gesegnet, der Name war ihnen schön und passend erschienen, ihm und seinem Weibe. Nun mußte das Kind ihn tragen, bis seine Taten später einmal einen Namenswechsel rechtfertigten.
Leise trat Li-Fu-Tai an das Lager der Frau, die glückselig den kleinen Li-Erl betrachtete. Es war wirklich ein holdes Knäblein. Mit leiser Hand hatte Wu-Li alle Amulette und Kräuter beiseite geschoben, mit denen die Freundlichkeit der Nachbarinnen das Neugeborene bedeckt hatten, um es vor Dämonen und Zauber zu schützen. „Du bist geschützt, mein kleiner Krieger des Hocherhabenen,“ flüsterten ihre Lippen, und es schien ihr, als lächle das Kind. - Die nächsten Jahre vergingen ohne besondere Ereignisse. Der wahrhaft fromme Sinn der Mutter wußte in der Hütte Frieden und Einigkeit, damit aber auch Freude und Glückseligkeit aufrecht zu erhalten, obschon es manchmal nicht leicht war.
Li-Fu-Tai lebte in steter Erwartung, aus seinem Sohn den Ahnherrn hervorbrechen zu sehen; mindestens mußte diese Knabe völlig verschieden sein von allen anderen Menschensöhnen. Er beobachtete das Kind beständig, erlebte dabei aber manch Enttäuschung. Li-Erl entwickelte sich genau so, wie andere gesunde Kinder es auch tun. Zur rechten Zeit lernte er gehen und reden, fiel ins Wasser und faßte ins Feuer.
Hatte er irgendeine kindliche Untat vollbracht, so zürnte der Vater bitter ob der Unart des Sohnes. Die Mutter aber wehrte allzu heftiger Strafe, dämpfte auch die Vorwürfe, ohne, daß sie viel Worte darum machte. Ihr erschienen alle den Vater erzürnenden Taten des Kindes der gleichen Quelle zu entspringen: einem übergroßen Wissensdrang. Den spürte die Mutterseele in allem, was der Kleine tat. Er fragte wenig, zog es vielmehr vor, seine Fragen im Erleben zu beantworten.
Trotz dieser gelegentlichen Ärgernisse aber schien es, als sei die Hütte ein Tummelplatz aller guten Geister, als wehe ein Hauch überirdischen Friedens durch sie.
Das fiel den wenigen Besuchern auf, die von Zeit zu Zeit sich einstellten, sei es, um Handel mit dem Vater zu treiben, oder um die kunstreichen Hände der Mutter in Bewegung zu setzen Es konnte vorkommen, daß sie geradezu fragten, welch linde Luft die Hütte erfülle. An den merkwürdigen Altar hatten sie sich gewöhnt; einige allerdings schoben das „Besondere“, das Li-Fu-Tais Heim erfüllte, auf die Strömungen, die von diesen Andachtsplatz ausgingen. Morgens und abends führte Wu-Li ihr Söhnchen zum Altar und gewöhnte es, seine kindlichen Gebete dort zu verrichten Sie versuchte, ihm von dem Erhabenen zu erzählen. Der Priester hatte sie besondere Gebete gelehrt, die ihr Sohn sprechen sollte Sie sprach sie mit ihm, fügte aber stets aus eigenem Herzen noch Bitten und Dank hinzu.
Das griff Li-Erl bald auf und tat es ihr nach. Es schien ihm selbstverständlich, daß er alle seine Wünsche am Altar äußerte, aber auch jede Freude dorthin trug.
Eines Tages fand ihn die Mutter - er mochte etwa drei Jahre alt sein - wie er vor dem Altar den Boden mit der Stirne berührte und flehte:
„Erhabener, ich habe Hunger!“
Lächelnd hob Wu-Li das Kind auf und fragte: „Warum bittest Du mich nicht ?“
Da schaute der Knabe mit großen Augen in die ihren und erwiderte:
„Alles kommt von dem Erhabenen, wenn Erl ihn bittet, wird er es Dir schon sagen.“
Wenig später war es, da fand Wu-Li in der Dämmerung das Kind in lebhaftem, halblautem Gespräch mit jemand, den sie nicht sehen konnte. Der Kleine stand vor einer Matte und sagte, gerade als die Mutter hinzutrat:
„Ich habe Dich sehr gut verstanden, Tsin-Hi. Ich werde meinen Vater bitten, aber Du mußt mir helfen, daß er nicht sagt, ich sei zu jung.“
Danach verneigte der Knabe sich mit allem Anstand, als wolle er sich von einem sehr Vornehmen verabschieden. Wer hatte ihn das gelehrt ? Wo hatte er dergleichen gesehen?
Im ersten Augenblick wollte Wu-Li ihr Kind fragen, mit wem es gesprochen. Aber gleichzeitig wußte sie, daß Erl das niemals sagen würde, ja mehr noch, niemals sagen dürfe. Sie hatte ja auch zu niemand von der Erscheinung gesprochen, die ihr vor der Geburt des Kindes geworden.
Jede törichte Frage ihrerseits würde das Kind scheu machen und die Harmonie stören. Von selber aber erzählte Erl ihr nichts über die Begegnungen mit Tsin-Hi (Himmelssohn), die ihm anscheinend ganz gewohnt waren. Scharfes Beobachten zeigte ihr, daß danach des Kindes Augen strahlender waren als sonst, und daß er freudiger und fröhlicher war.
Als der Vater am folgenden Tage nach kurzer Abwesenheit heimkehrte und sein Söhnchen begrüßte, fragte er wie gewohnlich: „Hat mein kleiner Lichtseher irgendeinen Wunsch?“ Lichtseher war der Kosename, den der Vater ihm gegeben hatte im Gedanken an die Ahnen-Überlieferung. Die Mutter fand den Namen sehr passend, weil das Kind wirklich stets nur das Lichte, Helle zu sehen und zu lieben schien aber in jeder Gestalt aus dem Wege ging.
Gewöhnlich beantwortete der Knabe die stets gleichbleibende väterliche Frage mit einem Lächeln, heute aber sagte er: „Ich wartete schon darauf, daß der Vater fragen würde. Ich habe einen sehr großen Wunsch.“
Bei diesen Worten glitt er von des Vaters Seite und warf sich vor dem Altar zu Boden.
„Erhabener, hilf mir! Ich möchte Lesen und schreiben lernen.“ Wäre das Bild nicht so rührend gewesen, der Vater hätte lachen müssen über die Ernsthaftigkeit, mit der der noch so kleine Knabe nach dem Wissen der Erwachsenen strebte.
„Komm zu mir, Li-Erl,“ sagte er freundlich, warum will mein Sohn nicht warten, bis die Zeit zum Lernen herbeigekommen sein wird?“
„Weil es eilt.“
„Und was willst Du mit dem Erlernten anfangen?“
„Ich brauche es für mein Leben.“
Ganz ruhig und selbstverständlich kamen die Antworten. Der Vater aber wollte prüfen, ob es dem Knaben wirklich ernst sei. Er setzte ihm auseinander, daß die chinesische Sprache sehr umfangreich sei. Einfache Gelehrte könnte nur etwa den dritten Teil derselben erlernen. Das genüge allerdings für Handeldel und Verkehr. Diejenigen, die sich der Gelehrsamkeit ergeben, und Bücher lesen und solche vielleicht selbst verfassen wollten, müßten noch etwa das Doppelte dazu lernen. Er selbst, Li-Fu-Tai, versteht allerdings diesen zweiten Grad der Sprache. Er habe etwa zwanzig Jahre gebraucht, dies zu erlernen.
„So lehre mich dieses, mein Vater,“ bat der Knabe. „Danach müssen wir dann andere Lehrmeister suchen.“
„Ich meine, Dir wird genügen, was ich Dir zeigen kann,“ sagte der Vater halb belustigt. Das Kind aber schüttelte ernsthaft den Kopf und bat: „Laß uns sofort beginnen, ich habe keine Zeit zu verlieren.“ Täglich übte nun der Dreijährige mit Pinsel und Tusche die kunstvoll geformten Wörter seiner Sprache, und bald merkte der Vater, daß er ein sehr ungeschickter Lehrmeister war. Er beherrschte das, was er lehren sollte, doch nur mangelhaft trotz seiner langjährigen ernstlichen Studien. Das Kind aber erfaßte alles in größter Klarheit und behielt, was man ihm einmal gesagt.
Wider Erwarten wurde sehr bald ein Lehrer gefunden. Die Priester, die in der Nähe am Tempel lebten und lehrten, weigerten sich, ein so junges Kind unter ihre Schüler aufzunehmen, und machten Li-Fu-Tai Vorwürfe, daß er zu hoch hinaus wolle mit dem Knaben. Etwas bedrückt machte der Vater sich auf den Heimweg. Li-Erl harrte so voll Verlangen der Kunde, die der Vater ihm bringen würde. Was sollte er ihm sagen ?
In seinen Gedanken hatte er des Weges nicht acht gegeben und prallte mit einem Manne zusammen, dessen Äußeres seine Blicke anzog.
Es war ein ältlicher, ärmlich gekleideter Mann, dessen Tracht sich wesentlich von der der Umwohner unterschied. Sein dunkles Gesicht war von zahlreichen Runzeln durchfurcht, buschige, fast weiße Brauen schützten die tiefblauen, leuchtenden Augen. Diese Augen ruhten fragend auf Li-Fu-Tai, so daß dieser fast wider Willen sich entschuldigte und etwas von „tiefen Gedanken“ stammelte. „Womit beschäftigten sich diese Gedanken?“ fragte der Fremde freundlich. Seine Stimme hatte Wohlklang, seine Aussprache war rein. „Ich suche einen Lehrer für meinen Sohn,“ antwortete der Gefragte fast hastig.
Danach war er ärgerlich über sich selber; denn was gingen den Fremden seine Angelegenheiten an?
Dieser aber schien gar nicht überrascht, sondern sagte:
„So mußten wir ja zusammentreffen. Du suchst einen Lehrer, ich schaue nach einem Schüler aus. Allerdings weiß ich nicht, ob ich heute schon finden darf, was ich suche.“
„So bist Du ein weiser Mann?“ sagte Li-Fu-Tai erstaunt. „Vielleicht kannst Du mir dann helfen. Mein Sohn möchte unsere Sprache lesend und schreibend erlernen. Die frommen Väter weigerten sich, ihn aufzunehmen. Ich will die Dienste nicht umsonst haben, ich kann sie bezahlen,“ fügte er mit gewissem Stolz hinzu. Der Alte musterte ihn durchdringend.
„Wie alt ist Dein Sohn?“
Eben dieses scheute der Vater sich zu sagen. Er wich aus und berichtete, ein wie eifriger Schüler der kleine Erl sei. Kurze Zeit lauschte ihm der Gelehrte, dann sagte er nachdrucksvoll: „Du mußt meine Frage beantworten, es hängt alles davon ab.“ „Sein Jahresring hat sich noch nicht viermal geschlossen,“ sagte der Vater zögernd.
Da straffte sich die Gestalt des Alten.
„Laß uns in Deine Behausung gehen,“ sagte er fast freudig. „Ich muß den Knaben sehen.“
Danach sprachen sie kein Wort weiter, bis die Hütte Li-Fu-Tais in Sicht kam. Auf der Schwelle stand Li-Erl und schaute aus. Als er aber sah, daß der Vater nicht allein war, gab er die Absicht, ihm entgegenzulaufen, auf. Er versteckte sich hinter allerhand Hausrat, der vor der Hütte umherlag, und mußte erst gerufen werden. Nun standen sich der Alte und das Kind gegenüber und musterten sich gegenseitig. Es war, als sänken ihre Augen ineinander. Dann legte der Alte seine braune, runzlige, aber edel geformte Hand auf den Kopf des Knaben und murmelte leise Worte.
„Ich will Deinem Sohn ein Lehrer sein, solange er noch von mir lernen kann,“ wendete er sich an den Vater. „Einzig zu diesem Zweck bin ich aus fernem Land hierher gekommen.“
Ungläubig starrte Li-Fu-Tai den Sprechenden an. Sollte hier abermals um seines Kindes willen jemand aus der Ferne hergereist sein? „Darfst Du mir erzählen, wer Dich schickt und woher Du kommst?“ fragte er bescheiden.
„Später,“ beschied ihn der Alte. „Wir müssen jetzt ausmachen, wie wir es miteinander halten wollen. Hast Du Platz für mich in
Deiner Hütte?“ Li-Fu-Tai verneinte, machte sich aber anheischig, dicht daneben eine eigene Hütte für den Gelehrten zu erbauen. „Wie nenne ich Dich?” wollte er wissen, und erfuhr, daß der Lehrer Lie-Tse genannt werden wolle. Ob das sein eigentlicher Name war, blieb ungesagt.
Nun kam Wu-Li, die bei den Seidenraupen gearbeitet hatte, herbei. Ohne Scheu trat sie auf den Unbekannten zu und begrüßte ihn wie einen lieben Gast. Erstaunt schaute Li-Fu-Tai auf seine sonst so scheue Frau.
„Weißt Du, wer dies ist?“ fragte er sie. Ohne Zaudern kam ihre Antwort:
„Es ist der gütige Weise, der Erl unterrichten wird. Er wird bei uns wohnen und uns Vater sein. Ich bin ihm und Schang-Ti dankbar dafür.“
„Woher weißt Du das?“ drang der Gatte weiter in sie. „Ich habe ihn dreimal nachts im Traum gesehen und mit ihm gesprochen. Wir kennen uns ganz gut.“
Fröhlich sagte es Wu-Li und war sich nicht bewußt, daß sie etwas Besonderes aussprach.
Li-Erl aber stand die ganze Zeit glückselig daneben. Er konnte es erwarten, bis der Weise Zeit für ihn hatte, würde er doch später immer für ihn da sein.
Schon am folgenden Tag wurde mit dem Bau der Hütte begonnen. Bambusstäbe wurden ineinander gefügt. Wu-Li brachte Matten und seidene Decken, kleine Bronzevasen und Gefäße aus köstlicher, weißer Erde, reinweiße und bemalte. Solche Schalen hatte man noch nicht lange und nur reiche Leute konnten sie sich leisten.
Noch ehe alles vollendet, begann die Unterweisung des Kindes. Da zeigte es sich, daß der Kleine weit mehr wußte, als sein Lehrer erwartet, aber auch als sein Vater geahnt hatte. Der Unterricht füllte eigentlich den ganzen Tag aus; denn Lie-Tse ließ das Kind nicht von seiner Seite, und was sie sprachen, wurde zur Lehre.
Längere Zeit war vergangen und der Weise lebte als verehrtes und vertrautes Glied des Haushaltes bei Li-Fu-Tai, da nahm dieser seine einstige Frage nach dem Woher und Warum seines Kommens wieder auf.
Der Knabe war bereits zur Ruhe gegangen. Lie-Tse erzählte: „Weit, weit von hier bin ich daheim, Tibet nennen wir unser Land, und selten verläßt einer der Unseren den heimatlichen Boden. Mir aber war schon in der Jugend Botschaft von den Göttern gekommen, ich solle mich bereiten, dereinst einem Wahrheitsbringer Lehrer und Helfer zu sein. So habe ich den größten Teil meines Lebens wartend und lernend verbracht, fast fürchtete ich, die Zeit versäumt zu haben und nicht würdig befunden zu sein. Da endlich kam drei Nächte nacheinander Kunde zu mir von dem Knaben, zu dem der Höchste aller Götter mich senden wollte. Ich machte mich bereit, ohne zu wissen, welches Land ich zu suchen hatte.
Als ich aber die Grenzen meiner Heimat hinter mir gelassen, da stieß ich auf eine Gruppe von Reisenden, die mir zuriefen, sie warteten schon einige Tage auf mich, sie sollten mich sicher zu meinem Schüler geleiten. Ein kleines flinkes Pferd führten sie für mich mit, auch Mundvorrat genug für die wochenlange Reise.
Als endlich eines Tages diese Ortschaft vor uns lag, erklärten sie, am Ziele angekommen zu sein. Sie verabschiedeten sich und machten sich unverzüglich auf den Rückweg. Ich konnte ihnen nicht einmal meinen Dank anders als in Worten bezeigen.“
„Der sie gesandt, wird sie belohnen,“ meinte Wu-Li nachdenklich.
Wieder mußte Li-Fu-Tai über sein Weib staunen. Woher kam ihr solches Wissen und die Sicherheit dem Gelehrten gegenüber? Dieser aber nickte ihr freundlich zu:
„Du hast recht, Wu-Li,“ meinte er, „so habe ich auch gedacht und mir keine Sorgen gemacht.”
„Hast Du denn nicht gefragt, wer die Leute gesendet?“ fragte Li-Fu-Tai fast ungestüm. „Sie konnten doch auch Betrüger sein?“ „Sehe ich so aus, als wenn Betrüger bei mir Kostbarkeiten finden könnten?“ lächelte Lie-Tse. „Außerdem sprachen sie von meinem Schüler, von dem kein Mensch wußte. Da war mir klar, daß Gott sie auf irgend eine Weise zu meiner Hilfe gesandt hatte.“ „Gott, sagst Du,“ nahm Li-Fu-Tai nachdenklich die Worte des Alten auf. „Glaubst Du nicht an die Götter? Welchen Gott meinst Du?“
„Ihn, den Einzigen, den Erhabenen, den wir mit dem unaussprechlichen Namen nennen. Ihn, den Dein Weib an Eurem Altar anbetet, und den auch Dein Knabe schon zu verehren gelernt hat.“ „Und die Götter, die ich anbete?“
„Das sind seine Diener,“ gab Lie-Tse ruhig zurück. Vielleicht hatte er erwartet, daß Li-Fu-Tai weiter fragen werde. Aber nachdenklich verschloß sich der Hausvater in sein Inneres. Wohl wußte er, daß er eine besondere Seele in Hut genommen, wohl war ihm klar, daß dadurch auch sein bisheriges Leben und Denken sich ändern würde, ja sich ändern müsse, aber er wollte bedächtig vorangehen. Alles Rasche widerstrebte ihm. Für jetzt erschien es ihm genug, daß er diesen Gelehrten dem Sohne zu Liebe um sich duldete. Die Nachbarn kümmerten sich kaum um den Alten, den sie für eine Art Diener halten mochten. Er ließ sich mit niemandem in ein Gespräch ein, wurde er aber angeredet, so gab er freundlich Antwort. Als der Knabe etwa sechs Jahre alt war, fanden Wu-Li und Lie-Tse es an der Zeit, daß er in den Tempel geführt wurde. Der Vater, den man auch befragt hatte, schob dem Gelehrten die Entscheidung zu. So kam der Tag, an dem Li-Erl zum erstenmal das Innere des Tempels sehen sollte. Es war nur eine kleine, anspruchslose Pagode, die wenig über die Baulichkeiten ringsum heraus ragte. Aber Wu-Li hatte immer die Schnitzereien innen und außen, die Lackarbeiten und die Bronzegefäße als das Schönste angestaunt, das man sehen konnte. Sie war überzeugt, der Kleine mit seinem für Schönheit empfänglichen Herzen werde überwältigt heimkommen. Statt dessen trat ein sehr müdes Kind über die Schwelle und antwortete auf die raschen Fragen der Mutter nur mit einem Lächeln. „Kannst Du Dir erklären, was mit Erl vorgegangen ist?“ fragte die Mutter den Begleiter. Auch dieser sah aus, als ob er lieber nicht reden wolle, dann aber sagte er:
„Der Knabe kann das, was in seiner Seele lebt und das, was er im Tempel sah, nicht in Einklang bringen. Darüber wird noch viel Zeit vergehen müssen, bis er begreifen lernt, daß die Menschen das Göttliche zu sich herabziehen, um es anbeten zu können.“ „Ich verstehe Dich nicht, Lie-Tse,“ sagte die Mutter ganz verwirrt. „So wirst Du um so besser verstehen können, was in der Seele Deines Kindes vorgeht.“
Wie oft schon hatte Wu-Li ähnliches erfahren: der Alte redete scheinbar mit so einfachen Worten, aber der dahinter liegende Sinn blieb ihr verborgen.
Einige Tage blieb der Knabe nachdenklich, dann legte er auf ei-nem Spaziergang seine Gedanken vor seinen alten Lehrer. „Was machen sie im Tempel, Lie-Tse?“ begann er etwas kläglich. „Alle Bilder, die sie als Götter verehren, sind Dämonen! Schau sie nur an, Du mußt es ja auch sehen.“
„Sieh, Li-Erl, die Menschen wollten gern Bilder der Götter haben. Sie hatten aber keine Vorbilder. Wie Menschen wollten sie sie nicht formen, das schien ihnen nicht erhaben genug. Was sie aber an Unirdischem sahen, waren eben nur Dämonen. Weiter reicht der Geistblick der meisten Menschen nicht aus. So bildeten sie die Götter nach den Dämonen und fügten nur die Eigenschaften hinzu, die sie an ihnen verehrten.“
„Was sagen die Götter dazu?“ wollte das Kind wissen. „Es muß ihnen doch nicht recht sein.“
„Nein, es ist ihnen nicht recht, deshalb bildeten sie droben eine Seele, die kommen und den Menschen das Rechte zeigen soll.“ „Wird sie bald kommen?“ fragte Li-Erl eifrig.
„Sie weilt schon auf Erden. Sobald Gottes Zeit da sein wird, darf sie ihre Aufgabe beginnen. Aber sage mir, Kind, was kannst Du aus dieser Erfahrung im Tempel lernen?“
Einen kurzen Augenblick zögerte die Antwort, dann aber rief der Knabe:
„Daß die Menschen keine Götterbilder machen sollen, sie können es doch nicht und verderben alles.“
„Weißt Du jetzt, warum Deine Mutter auf den Hausaltar kein Standbild gestellt hat? Sie kann es nicht in Worte fassen, aber ihre Seele weiß und empfindet das alles. Du hast eine sehr gute Mutter.“ Während der letzten Worte war Wu-Li zu den vom Ausgang Heimkehrenden getreten. Der Knabe lächelte ihr zu, und sie fühlte einmal wieder die Verbundenheit mit ihm und mit den Gärten des Lichtes. Li-Erl besuchte die Gottesdienste im Tempel nun regelmäßig; denn es lag im Plane, der Lie-Tse von oben vorgeschrieben war, daß der künftige Wahrheitsbringer alles kennen lernen sollte. Es durfte ihm nicht leicht gemacht werden, die Wahrheit zu finden.
Lie-Tse sagte ihm nur wenig, auch auf seine Fragen ließ er ihn meist die Antwort selber suchen.
Über dem allen vergingen Jahre. Aus dem Knaben war ein Jüngling geworden, der auch den dritten Grad der Sprache beherrschte, viel gelesen hatte und auf Wunsch seines Lehrers mit den Priestern verkehrte.
Dabei zeigte sich, daß Li-Erl keine Kampfnatur war. Gingen seine Ansichten und die der Priester auseinander, was oft geschah, dann schwieg er und suchte eine Brücke oder doch wenigstens ein Verstehen. Das schuf ihm Freunde unter den Männern, die sonst wohl seine Gedanken als unmöglich abgelehnt hätten.
Sein Lehrer aber fand die Zeit gekommen, daß er einen bedeutenderen Tempel sehen und gelehrtere Männer kennen lernen sollte. Das war schon lange der Wunsch des Vaters gewesen, der sehr stolz auf seinen klugen Sohn war. Er machte nur zur Bedingung, daß Lie-Tse den jungen Mann begleiten sollte. Außerdem gingen noch zwei Diener mit, um die beiden zu versorgen.
Der Abschied von der Mutter fiel Li-Erl schwer, trotzdem freute er sich auf alles Neue, das es zu sehen gab. Er war auch ganz der Meinung seines Lehrers, daß die Reise zu Fuß gemacht werden müsse, wenn man sie richtig genießen wolle. Er wollte alles sehen, was es unterwegs zu sehen gab, alles kennen lernen, was er noch nicht kannte.
Dessen gab es eine Menge. Sie wanderten zunächst gen Sonnenuntergang, und nach wenigen Tagen veränderte sich die Landschaft. Die hügelige Ebene seines Heimatlandes verschwand, immer höher bauten sich die Felsen auf zu Bergen und ganzen Zügen. Auch andere Bäume wuchsen dort: Nadelhölzer an Stelle der breit ausladenden Palmen.
Mit offenen Augen schaute Li-Erl um sich und hatte tausend Fragen an seinen Lehrer. Dann plötzlich wurde er still. Lie-Tse, der fürchtete, die Anstrengung des Dahinschreitens möchte doch zuviel für den Jüngling sein, schaute besorgt auf seinen Schüler. Aber die Besorgnis wich augenblicklich: so sah kein übermüdeter Mensch aus! Die Augen leuchteten, um den Mund lag ein Lächeln, aber die ganze Wesenheit Erls war deutlich mit etwas beschäftigt, das sich der Kenntnis des Lehrers zunächst entzog. Er fragte nicht. Abends, als sie unter dem Sternenhimmel rasteten, begann der Jüngling:
„Siehst Du sie auch, mein Vater, die guten Geister, die die Berge und Schluchten bevölkern? Siehst Du die Wesen, die in den Bäumen wohnen? Ganz anders sind sie als bei uns. Alt, uralt erscheinen sie, grau und rissig wie die Bergschrunden, man könnte sich fürchten. Aber sie sind gut, ich weiß es.“
„Nein, Li-Erl, ich sehe sie nicht,“ gab Lie-Tse zu, „aber ich weiß von ihnen. Diener sind es des großen Gottes, der uns und alles erschaffen hat. Helfer werden sie Dir sein, wenn Du Deine Aufgabe erfüllen darfst.“
„Willst Du mir sagen, was meine Aufgabe sein wird?“ bat der Jüngling bescheiden.
Aber Lie-Tse lehnte ab.
„Wenn es Zeit dazu sein wird, wird der, der Dir den Auftrag gab, ehe Deine Seele in diesem irdischen Körper wohnte, Dich daran erinnern. Dann wirst Du wieder wissen, zu welchem Zweck Du auf die Erde gekommen bist.“
Die Diener hatten sich entfernt, um ungestörter plaudern zu können. Nun eilte einer derselben mit allen Anzeichen großen Schreckens herbei. Ein böser Dämon habe sich unweit ihres Feuers gezeigt, ein fürchterlicher Geselle mit fratzenhaften Zügen. Es sei sicher auf aller Leben abgesehen.
Lie-Tse schüttelte das Haupt, während Li-Erl aufsprang und ehe man ihn hindern konnte, in der Richtung nach dem Feuer zu enteilte.
Entsetzt rief der Diener:
„Ihm nach, es kann sein Tod sein. Ihr durftet ihn nicht gehen lassen. Er ist uns anvertraut!“
Aber Lie-Tse schüttelte abermals das Haupt.
„Es ist gut so. Er muß die Bösen kennen lernen.“
Und der Alte blieb ruhig sitzen. Der Diener aber sprang seinem jungen Herrn nach und fand ihn regungslos in der Nähe der Feuerstelle stehen.
Mit weit aufgerissenen Augen schaute Li-Erl auf das Bild, das sich seinen Blicken bot. Der andere Diener lag am Boden und auf ihm kniete ein Unhold von abstoßendem Äußeren. Haarig und struppig gemahnte er an ein wildes Tier und auch die blutunterlaufenen Augen paßten dazu. Bewegungen und Kleidung aber waren ganz menschlich. Grinsend blickte das Scheusal auf.
Als sich kein Zug in Li-Erls Antlitz veränderte, wurde die Haltung des Dämons unsicher. Wieder warf er einen raschen Blick auf den Jüngling, wandte aber sofort die Augen ab. Dabei schien es dem jungen Menschen, als werde der Dämon kleiner. Keinen Augenblick kam ihn Furcht an. Glühende Wißbegierde erfüllte ihn und ließ ihn unverwandt auf diese ihm völlig neue Erscheinung blicken. Er hatte gewußt, daß es Dämonen gibt, hatte oft von ihnen gehört, gesehen aber hatte er noch keinen.
Er wollte zu ihm reden, ihn auffordern, von dem schwer geängstigten Diener abzulassen, doch er konnte zu seinem eigenen Erstaunen kein Wort hervorbringen. Ihm schien, als halte ihn irgend jemand ab, tätig einzugreifen. Nur schauen mußte er, unausgesetzt schauen.
Und nun wurde es ganz deutlich: je länger er mit forschendem, durchdringendem Blick auf die Ungestalt blickte, desto undeutlicher wurden ihre Umrisse. Immer kleiner schien sie zu werden. Die feurigen Augen erloschen, die krallenbewehrten Arme schrumpften ein und ließen dadurch von ihrem Opfer ab. Und auf einmal war die ganze Erscheinung verschwunden. Der am Boden Liegende erhob sich, noch von Grauen geschüttelt.
Li-Erl wandte sich zum Gehen, aufs tiefste beschäftigt mit dem, was er gesehen und erlebt hatte. Die Diener löschten das Feuer und folgten ihm. Sie fühlten sich in seiner Nähe sicherer.
Schweigend ließ sich der Jüngling seinem Lehrer gegenüber nieder, auch dieser sprach kein Wort. Und doch fühlte Li-Erl, wie Lie-Tses regste Teilnahme bei ihm war. Es war ein wundersames Schwingen zwischen ihnen, das besser war als die eifrigste Unterhaltung.
Auch in den folgenden Tagen kam keiner von ihnen auf das Erlebnis zurück, das in Li-Erls Seele einen tiefen Eindruck gemacht hatte. je länger er darüber nachdachte, desto gewisser wurde ihm, daß das unerschrockene Anschauen zerstörend auf den Dämon gewirkt hatte. Wenn einer kommen würde, wie verheißen war, der die
Dämonen vernichten sollte, dann würde er also wohl mit Geisteswaffen und nicht mit Schwert und Beil zu kämpfen haben. Möchte doch die Güte der Götter bald wieder einen Dämon des Weges senden, damit Li-Erl das Neuerlernte an ihm erproben könnte. Unzählige Male wünschte es der Jüngling, dann wurde sein Wunsch erfüllt.
Dieses Mal trat der Dämon ihm selber entgegen, als er, etwas entfernt von den anderen, im halben Dämmern einen hohen Wald durchschritt. Ein wie ein Krieger gekleideter, fellbedeckter Unhold sperrte ihm den Weg und schwang eine plumpe, eisenbeschlagene Keule.
Im ersten Augenblick zuckte doch ein Erschrecken durch des Jünglings Seele, zu unvorbereitet traf ihn der grausige Anblick. Aber gleich hatte er sich wieder gefaßt. Er trat einen Schritt zurück, um sich an einen Baum lehnen zu können, dann stütz er die Hände auf den Wanderstab und schaute das grimmige Scheusal an. Dabei dachte er:
„Gottes Geschöpf bist Du nicht, der Erhabene kann keine solchen Gebilde erschaffen! Woher stammst Du dann aber?“ Da brüllte der Dämon ihn mit überlauter Stimme an:
„Aus Deinem Innern!“
Daß der Unhold eine nicht laut gesprochene Frage beantwortete, überraschte Li-Erl nicht. Er war durch seinen Umgar mit guten Geistern an dergleichen gewöhnt. Aber wie die Frage beantwortet worden, das warf sein inneres Gleichgewicht beinahe um. „Wenn etwas Derartiges aus meinem Innern kommen kann wie mag es da aussehen?“ dachte er entsetzt.
Dabei aber hatte er seine Aufmerksamkeit abgelenkt, der Dämon hatte es benützt, um bedrohlich näher zu kommen.
„Ach, Du meinst wohl, wenn Du mir Rätselfragen über mein: Inneres stellst, leichteres Spiel mit mir zu haben,“ rief ihn Li-Erl, aufgerüttelt, ganz laut entgegen.
Und unverwandt richtete er den Blick seiner strahlender Augen auf den Feind. Und es ging wie das erste Mal: langsam schrumpfte die Gestalt zusammen, bis sie verschwunden war.
Li-Erl schüttelte sich. Er hatte viel gelernt. Nicht einer Augenblick durfte man in solcher Gefahr sich irgend welchem Nachsinnen hingeben. Es galt, immer wach zu sein, wollte man den Dämonen siegreich begegnen. Daß er die Kraft zum Siege in sich hatte, davon war er überzeugt. Es lag also nur an ihm, wenn ihm ein Unhold gefährlich werden konnte.
Das alles wurde dem Jüngling zur Gewißheit. Etwas anderes aber beschäftigte ihn unaufhörlich. Der Dämon hatte gesagt, er stamme aus Li-Erls Innerem. Das konnte eine glatte Lüge sein, berechnet, ihn aus seiner Wachsamkeit abzulenken. Aber irgendwie fühlte der junge Mann, daß etwas Wahres darin verborgen war. „Sieht es so in mir aus?” fragte er sich wieder und wieder. Tagelang grübelte er darüber, endlich entschloß er sich, seinen Lehrer zu fragen. Dazu mußte er ihm allerdings die zweimalige Dämonenbegegnung schildern, von der er seither geschwiegen. Ruhig hörte der Alte ihn an. Als Li-Erl schließlich die ihn so mächtig bewegende Frage nach dem Ursprung des Dämons stellte, lächelte Lie-Tse fein.
„Der Unhold hatte recht: er war ein Erzeugnis Deines eigenen Innern. Auch der erste Dämon, den Du gesehen, war von Menschen geschaffen. Damals entsprang er der Furcht der Diener, die in ihm Form annahm, und verstärkt zu ihnen zurückkehrte. Bei Dir war es nicht Furcht, das den Dämon in die Erscheinung treten ließ. Besinne Dich, was es gewesen sein mag.”
„Mein eigener Wunsch!” rief Li-Erl aufs Höchste überrascht. „Ich hatte ja an gar nichts anderes mehr gedacht, als daß ich solchen Unhold abermals sehen und an ihm meine Kraft erproben wollte.” Danach versank er wieder in Schweigen; denn nun folgten die Gedanken einander unaufhörlich.
Über dem allen aber näherten sie sich der Hauptstadt des Bezirkes, die das Ziel ihrer Wanderung war. So weitläufig und so prächtig hatte Li-Erl sich die Stadt nicht vorgestellt. Fast alle Gebäude bestanden aus zwei Stockwerken, darüber hinaus aber ragten solche von vier und mehr Absätzen.
Lie-Tse erklärte, daß dies die Pagoden, die Tempel seien. Sie sahen freilich anders aus, als das dürftige Tempelchen seines Heimatortes. Durch ein reich mit geschnitzten Drachen verziertes Tor führte ihr Weg. Das Tor war kunstvoll geschlossen durch ineinander sich schiebende Balken.
Davor saß eine Wache, ein kriegerisch aussehender Mann in reichem Gewand, der das merkwürdig geformte breite Schwert auf den Knien hatte. Er befragte die Ankömmlinge sehr genau nach dem Woher und Wohin, auch über Zweck und Ziel ihrer Reise. Lie-Tse gab Auskunft, aber äußerst wortkarg. Sein Schüler war das an ihm gewöhnt, wunderte sich aber doch, daß der Weise diesem „vornehmen” Manne gegenüber nicht von seiner Gepflogenheit abwich.
Indessen mußte des Lehrers Antwort den Wächter wohl zufriedenstellen; denn er erhob sich umständlich, legte das Schwert auf einen Tisch und begann, die Balken auseinander zu schieben. Dabei unterbrach er sich aber immer von neuem, um die Wanderer nochmals eingehend zu betrachten.
Endlich klaffte ein Spalt in dem Tor, weit genug, daß ein Mann hindurchschlüpfen konnte. Da stellte sich der sehr dicke Wächter davor und wollte noch etwas wissen.
„Du hast gesagt, alter Vater,” begann er, „daß Du der Lehrer dieses jungen Mannes seiest. Bist Du ein Lama?”
„Ja”
„So grüße ich Dich mit doppelter Ehrfurcht, Du Weiser, Freude wird mir erblühen, daß ich heute Worte mit Dir wechseln und Dein von den Göttern gesegnetes Angesicht schauen durfte.” Tief verneigte sich der Mann und trat achtungsvoll zur Seite. Rasch schritten die beiden Ankömmlinge durch die Torspalte. Li-Erl war froh, daß sie endlich eintreten konnten in die Stadt, die ihm geheimnisvoll und wunderbar erschien.
Zielbewußt lenkte Lie-Tse seine Schritte durch ein Gewirr von Gassen und Gäßchen hindurch, und Li-Erl folgte, obgleich es ihn zog, rechts und links stehen zu bleiben. Wichtig und herrlich dünkte ihn alles, was er sah.
Nicht weit von einer der großen Pagoden machten die Wanderer vor einem mit viel rotem Lack verzierten Hause Halt. Der Alte klopfte eigenartig rhythmisch an die Tür, gleich danach tat sie sich auf.
Es war ein sehr einfaches Bürgerhaus, das sie betraten, wenn gleich es dem Jüngling wie ein Palast erschien. Ein Vorraum nahm sie auf, in dessen Hintergrund von bunten Papierlampen beleuchtet ein Altar stand, der augenscheinlich dem Ahnenkult diente. Matten und Schlafrollen bedeckten den Boden, die Wände waren bunt bemalt.
Ein alter Mann trat zu dem Weisen und unterhielt sich mit ihm in einer Sprache, die Li-Erl nicht verstand. Danach wandte er sich zu diesem und redete ihn freundlich in seiner Muttersprache an: „Sei willkommen in meinem niedrigen Hause, Du Sohn der Himmelsgärten. Solange Du hier weilen magst, steht es zu Deiner Verfügung. Deine Befehle werden vor den meinen ausgeführt werden. Dein Hiersein wird mir Ehre und Freude sein.“
Li-Erl war wohl von Kindheit an die etwas gezierte Sprache gewöhnt, aber so übertrieben wie hier war sie ihm noch nie erschienen. Er wußte nicht, was er darauf erwidern sollte. Wie konnte ihn der Fremde einen Sohn der Himmelsgärten nennen! Das gebührte ihm nicht.
Unsicher blickte er seinen Lehrer an, der es übernahm, für ihn Dank zu sagen. Danach wurde ihnen ein Raum angewiesen, in dem sie sich ausstrecken und von der immerhin beschwerlichen Reise ausruhen konnten. Ihre eigenen Diener brachten ihnen die Mahlzeit und sorgten für ihre Bequemlichkeit.
Viel hatte der Jüngling zu fragen, aber die Müdigkeit übermannte ihn, er mußte alles bis zum Morgen verschieben.
Als er andern Tages erwachte, fand er Lie-Tse nicht mehr an seiner Seite. Er rief die Diener herbei und erfuhr von ihnen, daß der Alte bereits in den Tempel gegangen sei und bald zurückkehren werde.
Li-Erl verzehrte eine ausgiebige Mahlzeit und machte sich dann zum Ausgehen bereit. Von seinem Wirte sah er nichts. Als sein Lehrer nicht kam, begann er, das Haus zu betrachten. Außer dem Vorraum und seinem Gemach gab es noch vier ähnliche Räume, die anscheinend alle bewohnt waren. Hinten waren Küche und Kammern für die Dienerschaft angebaut. Alles machte den Eindruck gediegener Wohlhabenheit.
Lange beschaute der Jüngling alles, was sich seinem Auge bot, dann verlangte es ihn, mehr zu sehen. Gestern hatte er wohl gemerkt, daß auch dieses Haus zwei Stockwerke hatte. Das erste hatte er in Augenschein genommen, nun wollte er auch das zweite sehen.
Vergebens schaute er sich nach einer Stiege um. Es gab nicht einmal eine Leiter, die hinaufführte. Vielleicht mußte man an einem Seil klimmen! Als Li-Erl auch dieses vergeblich suchte, kam sein Lehrer zurück. Nun war die erste Frage gleich:
„Wie kann ich nach oben kommen?“
„Gar nicht,“ war Lie-Tses ruhige Antwort.
Der Jüngling glaubte, nur er solle nicht hinaufgehen, aber damit war das Rätsel des Aufstieges nicht gelöst.
„Wie kommen die andern hinauf?“ fragte er nun. Und wieder lautete die Antwort.
„Gar nicht.“
„Ja, wohnen sie denn nicht auch oben? Wie kommen sie in ihre Räume?“
Fast ungeduldig fragte es Li-Erl.
„Da oben wohnt kein Mensch. Das ist der Aufenthaltsraum der Ahnen und guten Geister. Die darf man nicht stören. Dort hinauf geht niemand.“
Staunend blickte Li-Erl den Alten an und vergaß über der Fülle der Gedanken, die sich ihm aufdrängten, die übrigen Fragen, die ihm morgens noch so wichtig gewesen waren.
Wenn in allen zweistöckigen Häusern die oberen Stockwerke unbewohnt waren, so würden diese in den Pagoden wohl ebenfalls nicht für Menschen betretbar sein. Ob die Götter dort wohnten? Und wie waren sie wohl untergebracht? Jede Pagode hatte doch viele Stockwerke? Es war Li-Erl sehr recht, daß sein Lehrer mahnte, sie wollten den in der Nähe befindlichen Tempel aufsuchen. Dort würde er sicher alles erfahren, was er zu wissen begehrte.
Viele Stufen führten zu der Pagode empor, rechts und links auf diesen Stufen standen kleine steinerne Geisterbilder, zwischen denen die Tempelbesucher hindurchgehen mußten. Und es war Li-Erl, als raune eine Stimme:
„Wer sich der Gottheit naht, muß das Geisterreich nicht scheuen.” Er hatte auch keinerlei Scheu vor den fratzenhaften Nachbildungen, kühn schaute er sie an, während er zwischen ihnen Stufe um Stufe emporstieg. Aber jetzt, was war das?
Das waren keine steinernen Bilder mehr, das waren bewegliche, durchsichtige Gestalten, die ihm Grimassen schnitten, lange, dürre
Arme nach ihm reckten, sich wie in hohnvollem Lachen zu schütteln schienen.
Li-Erl nahm allen Mut zusammen. Er wollte keine Angst zeigen, aber innerlich begann sie Besitz zu ergreifen von ihm. Wenn er die Augen schloß, mußte er die Gestalten nicht sehen, vielleicht würde der Aufstieg dadurch leichter werden.
Er versuchte es, aber da stolperte er. Unwillkürlich griff er nach seinem Lehrer, doch dieser sonst so hilfsbereite Mann wich vor seinem Griff zurück. Allein sollte er gehen! Kaum war ihm das bewußt geworden, da wuchs sein Mut.
Wohl schienen die Dämonen - denn solche mußten es doch wohl sein - sich näher zu ihm zu bewegen, aber er riß gewaltsam die Augen auf und starrte sie an. Da hörten ihre Bewegungen auf, sie nahmen feste Formen an, und nach wenigen Augenblicken sah er wieder steinerne Gebilde auf den Stufen stehen.
Da war es Li-Erl, als reiße ein Schleier vor seinem inneren Auge entzwei. Klar sah er die Verbindung, die zwischen den Phantomen der Reise und diesen Gebilden bestand. Und aus dem eigensten Erleben heraus wußte er, daß man beiden nur scharf in die Augen zu sehen brauchte, um sie zu bannen.
Glückselig war er über die gewonnene Erkenntnis, er hätte jubeln mögen, wenn sie nicht eben die oberste Stufe betrete hätten. Damit hatten sie den Tempeleingang erreicht, der in eine: überaus prächtig geschnitzten Tor bestand. Rot und golden leuchtete es, aber auch Grün und Schwarz hob sich dazwischen ab. Tempeldiener in reich gestickten Seidengewändern schritte bedächtig auf und nieder, die Hände in den weiten Ärmeln verborgen.
Lie-Tse trat zu einem abseits sitzenden Krämer, um Opfer gaben zu erhandeln. Er erstand allerhand Früchte, eine Schal mit gekochtem Reis und eine Taube. Erstaunt schaute Li-Erl zu. Daheim hatten sie nur Blumen auf dem Altar niedergelegt Blumen, die die Mutter selbst gezogen.
Langsam trat der Jüngling an der Seite seines Lehrers in die Tempel-Vorhalle ein. Betäubender Geruch umfing seine Sinne. Aus offenen Schalen stieg Rauch empor und wob bläulicher Dunst um die Schnitzereien der Decke. Sonderbar geheimnisvoll erschien das dem Besucher, der der-gleichen noch nie gesehen hatte. Und dieser
Rauch war es, der den Wohlgeruch ausströmte. Es war aber kein einzelner Duft sondern eine Mischung aus welkenden Blüten und schwelender Harzen mancherlei Art. Fast benahm es den Atem. An den Wänden standen Holzstandbilder, reich geschnitzt und bemalt. Zum Teil waren sie auch mit seidenen Gewändern bekleidet. Alle aber trugen, so kostbar sie auch waren, fratzenhafte, abscheuliche Züge. Unwillkürlich erschauerte Li-Erl.
Da begann eines dieser Standbilder mit langsamen Bewegungen auf die beiden Besucher zuzuschreiten. Kalte Angst griff an des Jünglings Herz, aber er besann sich auf das jüngst Erlernte und starrte das vermeintliche Phantom so unverwandt wie möglich an. Da begann die Gestalt zu reden. Vorwürfe machte sie ihm ob des unbescheidenen Anstarrend.
Lie-Tse raunte ihm zu, er solle sich verneigen. Aber es bedurfte eines entschiedenen Befehls des Lehrers, ehe Li-Erl sich entschloß, dem Phantom Ehrfurcht zu bezeugen. Er tat es ungeschickt genug, aber der Entsetzliche mochte wohl zufriedengestellt sein, langsam schritt er weiter und ließ die beiden Besucher vorbeigehen. Kaum waren sie außer Hörweite, da flüsterte Lie-Tse: „Das ist einer der Priester dieses Tempels, Du darfst nicht wieder einem solchen die schuldige Ehrfurcht verweigern.”
Li-Erl wollte fragen, wurde aber mit rascher Bewegung zur Ruhe verwiesen, denn im Weiterschreiten waren sie an den kostbar gestickten Seidenvorhang gekommen, der das Innere des Tempels von der Vorhalle trennte.
Allerhand Musikinstrumente ertönten in seltsamem Rhythmus, besonders vorherrschend war eine Art kleiner Trommel, die einen hohen hellen Ton von sich gab, nicht unähnlich dem Schrei eines Wasservogels. Düfte und Rauch mehrten sich.
Li-Erl schritt wie durch einen Nebel in das Innere des Tempels. Überall standen Bildwerke aus Holz, aus weißer Erde, aus Stein und Bronze. Eilig glitt Lie-Tse daran vorbei. Ihn verlangte es, seinen Schüler sofort vor das Hauptbild zu stellen.
Wieder erstiegen sie Stufen und standen plötzlich vor einem goldenen Gitter in reichem Rankenwerk. Da sie stillstanden, hob der Jüngling das Haupt und fand sich einem ungeheuren Bildwerk gegenüber. Überlebensgroß saß da eine Gestalt in vollkommenster Ruhe. Es war so wohltuend nach all den bisher geschauten Fratzen, nun eine derartige Verkörperung der Seelenharmonie zu sehen. Ob wohl die Züge weniger abstoßend waren als die der anderen?
Zaghaft fast blickte Li-Erl empor und ein Laut höchsten Ent-zükkens entschlüpfte ihm wider Willen. Das Antlitz der Gestalt war von vollendeter Schönheit. Die ebenmäßigen Züge schienen durch ein Lächeln belebt, aber sogar dieses betonte den Frieden, der von dem Götterbild ausging.
In tiefer Andacht versunken stand Li-Erl lange Zeit und schaute zu dem Angesicht empor. Dann wandte er sich an seinen Lehrer mit der geflüsterten Frage:
„Wer ist dies?”
Lie-Tse bedeutete ihn, er müsse schweigen. Danach wandten beide sich zum Gehen. Keiner mochte nach diesem tiefen Eindruck noch etwas anderes in Augenschein nehmen.
An den Tempel schloß sich ein Hain mit allerhand kostbaren Gewächsen und schattigen Bäumen. Dorthin führte der Alte. seinen Schüler und nahm mit ihm auf einer Rasenbank Platz. Lange Zeit sprach keiner von ihnen, endlich begann Li-Erl: „Wer ist der Gott, den wir soeben geschaut? Ist es ein Bild des Erhabenen, von dem Du mir erzählt?”
„Von dem Erhabenen kann niemand sich ein Bild machen, Li-Erl; denn niemand hat ihn je gesehen, niemand wird ihn jemals schauen dürfen. Dieses Bild aber, das Dich so ergriffen hat, ist die Verkörperung einiger seiner Eigenschaften. Gehe oftmals hin und forsche, was Du in ihm finden wirst. Das Bild wird Dir die Größe des Erhabenen enthüllen, wenn Du recht zu sehen vermagst.”
„Wie ist es möglich, daß die Priester dieses Tempels so fratzenhafte Züge haben? Sie dienen doch dem Erhabenen, dessen Eigenschaften ein solches Abbild der Ruhe ergeben?”
„Sie wissen nicht, wen sie anbeten. Sie halten das Standbild für einen ihrer Götter.”
„Aber auch dann dürften sie nicht so aussehen,” beharrte der Jüngling verständnislos. „Ihre Züge sind roh, wie aus Holz geschnitzt, unbelebt ...”
Lie-Tse fiel ihm ins Wort.
„Was Du da siehst, sind nicht die Züge der Priester, Li-Erl. Sie tragen Masken, holzgeschnitzte Masken. Darunter haben sie Menschengesichter wie Du und ich.”
Fast lächelnd sagte es der Lehrer, der nun erst die Empörung des Schülers verstand. Dieser aber entrüstete sich nur um so mehr. „Sind es Masken, so erklärt mir das das sonderbar Starre, Verzerrte aller dieser Züge. Aber ist es nicht eine Schande, wenn Priester sich hinter Masken verbergen, besonders, wenn sie im heiligen Tempel aus- und eingehen?”
„Das verstehst Du wirklich nicht, mein Sohn,” belehrte der Alte freundlich. „Diesem Brauch liegt ein tiefer Sinn zu Grunde. Die Priester wollen mit diesen Masken sagen, daß sie in dem Augenblick, da sie der Gottheit dienen, aufhören Menschen zu sein. Niemand darf sie kennen, niemand soll etwas von ihrem Leben wissen. Sie wollen sich damit herausheben aus der Masse der übrigen Menschen.” „So ist es eigentlich etwas Schönes, Durchdachtes, was sie so handeln läßt,” gab Li-Erl nachdenklich zu. „Aber warum wählen sie solch abscheuliche fratzenhafte Masken? Wollen sie damit Ehrfurcht erwecken, oder Angst und Schrecken verbreiten?” „Ich glaube, sie wollen sich nicht schöner machen als die Bilder ihrer Götter.”
Li-Erl seufzte. Ihm graute plötzlich vor allem, das er noch würde lernen müssen.
Nach längerem Schweigen nahm Lie-Tse das Wort: „Als wir Einlaß in die Stadt begehrten, wolltest Du mich etwas fragen. Weißt Du es noch? Jetzt ist die Zeit gekommen, daß ich Dir antworten darf.”
Ohne Besinnen antwortete der Schüler:
„Gewiß weiß ich es noch, mein Vater. Der Wärter fragte, ob Du ein Lama seiest, und Du bejahtest seine Frage. Was ist ein Lama?” „In unserm Lande nennt man die Priester so.”
Lie-Tse wußte, daß die Antwort nicht genügen würde, aber er wartete weitere Fragen ab. Nur wenn der Schüler wißbegierig weiter forschen würde, durfte ihm Aufschluß werden. Rasch genug folgte die Frage:
„Aus welchem Lande kamst Du?” Und ohne die Antwort abzuwarten, bat Li-Erl:
„Erzähle mir endlich, warum Du zu uns kamst, wer Dich gesendet und ob Du nun für immer bei uns bleibst.” Langsam begann Lie-Tse:
„Weit, weit von hier liegt in Gebirgen eingebettet mein Heimatland. Wir nennen es Tibet, das Gesegnete. Anders als in diesem Reich der Mitte leben bei uns die Menschen. Ihr Leben ist streng geregelt und alle dienen dem Hocherhabenen, Einen, den sie anbeten, ohne sich ein Bild von ihm zu machen.
Jeder unserer jungen Söhne wird so erzogen, daß er zu jeder Zeit Dienst im Tempel übernehmen kann. Das dünkt uns der erhabenste Beruf eines Mannes, und gerade darum dürfen ihn nur wenige ausüben.
Jährlich wird eine kleine Zahl erwählt, die dem Tempel geweiht wird. Die anderen müssen ein Handwerk ausüben oder das Vieh versorgen. Eine geringe Schar lernt Waffen führen, damit wir den Nachbarn gegenüber nicht wehr- und machtlos sind. Wir selber fangen keine Kriege an, da wir in den Gesetzen des Ewigen leben. Die dem Tempel Geweihten lernen nun unter Anleitung der älteren Priester weiter. Uralte Schriften besitzen wir, die wir lesen dürfen, und aus denen wir Herrliches vernehmen. Oftmals aber wird einem der älteren Lamas Kunde von oben zuteil, aus der unsere Wissenschaft sich weiter ausbaut.
Die nun, denen solche Verbindung mit der oberen Welt beschieden ist, werden von den übrigen Priestern und Lamas hoch geachtet. Sie dürfen die gelbe Kappe tragen als Zeichen ihrer Verbundenheit mit dem Lichte.”
Ungestüm unterbrach ihn Li-Erl:
„Und ein solcher Lama bist Du, mein Vater? Trägst Du auch eine gelbe Kappe? Wie sieht sie aus?”
„So,” erwiderte Lie-Tse ruhig und holte aus der Brustfalte seines Gewandes ein Stück gelben Seidenzeuges.
Er entfaltete es und setzte die eigenartig geformte Kappe, die über Ohren und Nacken bis zum Hals herabreichte, auf sein Haupt. Unbeschreiblich ehrwürdig sah der Alte mit dieser Kopfbedeckung aus.
In Li-Erl begann eine leise Ahnung aufzudämmern, daß es wohl eine besonders gnädige Fügung des Erhabenen war, die ihm den
Alten zum Lehrer gegeben. Andächtig staunte er ihn an. Der Weise aber verbarg seine Kappe wieder und fuhr fort zu erzählen: „Hoch in den Bergen lag das Kloster, in dem ich amtete. Wir bewahrten eine uralte Überlieferung, daß wir nur, solange wir uns ganz rein von jeder fremden Lehre hielten, in der Verbindung mit den ewigen Gärten bleiben könnten. Die Menschheit würde langsam immer mehr dem Verderben entgegengehen, aber der Erhabene würde ihr Hilfen senden. Wenn wir uns rein erhielten, so dürften diese Hilfen immer aus unserm Volke kommen.”
Seufzend hielt Lie-Tse inne und schloß die Augen. Trübes mochte vor seinem inneren Blick vorbeiziehen. Er wurde sehr blaß. Aber gewaltsam schüttelte er die Gedanken ab und berichtete weiter: „Trotzdem wir dies wußten, konnten wir nicht verhindern, daß ein fremder Geist langsam Besitz von so manchem unserer Brüder ergriff. Wir befestigten die Grenzen des Landes, wir wehrten den Nachbarn den Eintritt, und doch kamen neue Gedanken zu uns, wie durch die Lüfte getragen.
Da schlossen sich die Klöster völlig ab, um wenigstens hier die alte Reinheit zu bewahren. Auch das Meine war wie eine befestigte Burg, in der strengste Regeln herrschten.
Immer neue Pläne ersann ich, wie ich jungen Nachwuchs erziehen und dann unter die Wankenden unten senden wollte. Sie mußten doch der wahren Lehre noch zurückzugewinnen sein. Da erhielt ich eines Nachts Befehl vom Erhabenen, alles zu verlassen und in ein fremdes Land zu ziehen.”
„Hast Du selbst mit dem Erhabenen sprechen dürfen?” wollte Li-Erl atemlos wissen.
„Das darf kein Mensch,” verwies ihn Lie-Tse. „Der Erhabene hat zahllose Boten, die er aussendet, seinen Willen kund zu tun. Auch zu mir kam eine solche Lichtgestalt und kündete mir, der Erhabene, Unaussprechliche, wolle in einem großen Volk kindlicher Menschen einen Wahrheitsbringer erwecken. Er zeigte mir die Seele, die oben in den Gärten der Ewigkeit wanderte, der Verkörperung harrend. Und ich sah, daß diese Seele sehr rein war.”
„Dieser Seele sollst Du auf Erden Lehrmeister und Führer sein,” verkündete mir der Lichte. „Darum mache Dich auf und wandere in das Land, dahin diese Seele gesendet wird.”
Und ich ließ alles dahinten, um dem Gebot des Erhabenen nachzukommen. Fast vier Jahre lang mußte ich wandern, da langte ich in Deiner Heimat an, Li-Erl.”
Tief ergriffen hatte der Jüngling gelauscht. Jetzt senkte er das Haupt und flüsterte leise:
„O Du Erhabener, den ich von ferne erahne, ich danke Dir! Ich bin Deiner Güte nicht wert, aber ich will Dein Diener sein.” Durch dies Gespräch mit dem greisen Lehrer war manches in der jugendlichen Seele aufgegangen, das wie unter Schleiern geruht hatte. Helles Licht fiel auf so manches, das dem Jüngling bisher unerklärbar erschienen war. Vor allem hatte er sich schon sehr lange mit der Frage beschäftigt:
„Woher wußte seine Mutter von dem Erhabenen, dem sie den Altar errichtet hatte? Warum war gerade sein Elternhau in der ganzen Gegend das Einzige, in dem der Glaube an die Götter eine Ergänzung erfahren hatte? Sie hatten ja die alten Götter nicht aufgegeben, aber sie beteten über ihnen allen einer Neuen, Machtvolleren an. Warum war das so?”
Wenn Li-Erl nun über diese Fragen nachdachte, dann drängte sich ihm unwillkürlich auch schon die Antwort entgegen: „Du sollst ein Wahrheitsbringer werden!”
Was schloß dies Wort alles in sich! Ungeahnte Weiten eröffneten sich dem jungen Geist, der jauchzend sich vor etwas beugte, das er noch nicht zu fassen vermochte. Wahrheitsbringer! Diener des Hocherhabenen! Wer aber die Wahrheit bringen sollte, mußte sie selber erst erhalten haben. Wann würde das sein? Bedurfte es dazu besonderer Einweihung?
Lie-Tse, den er endlich befragte, schüttelte das Haupt. „Du bist geweiht, Li-Erl. In dem Augenblick, als der Erhabene in den Lichtgärten Deine Seele herausheben ließ und zu seinem Dienste berief, in dem gleichen Augenblick floß auch der Strom der Weihe über Dich hinweg. Seitdem führen Dich lichte Hände von oben her. Hier unten wurde ich auserwählt, Dir das zu vermitteln, dessen Du bedarfst an irdischem Wissen.”
Der Jüngling schwieg lange nach dieser Antwort. Er mußte erst innerlich damit fertig werden, ehe er weiter fragen konnte. Dann wollte er wissen: „Warum hast Du mich hierher in die Tempelstadt geführt, wo ich auch kein einziges Wort von dem Erhabenen erfahren kann? Du konntest mich daheim besser unterweisen, mein Vater.”
„Auf Befehl des göttlichen Boten, der mich in allem leitet, was Dich betrifft, führte ich Dich hierher, damit Du aus eigenem Erleben die falschen Lehren der Priester kennen lernen solltest. Wer Licht bringen soll, muß das Dunkel kennen, das er zu erhellen berufen. Ich werde Dich von morgen an in unmittelbaren Verkehr mit den Priestern und Weisen bringen, von denen Du unendlich viel zu lernen vermagst, wenn Du die Tore Deines Geistes öffnest. Nicht alles ist falsch, was sie sagen.
Höre, nimm auf in Dich und lerne unterscheiden. Vor allem aber laß sie niemals merken, daß Du ein Berufener bist.”
Und wie Lie-Tse es gesagt, so geschah es. Vom nächsten Morgen an wurde Li-Erl Schüler der Priester. Sie aber merkten bald, daß sie ihn wenig lehren konnten. Da er auch des dritten Grades der Sprache in Wort und Schrift mächtig war, konnte er alles lesen, was ihm und ihnen wichtig dünkte. Das aber war den Gelehrten nicht recht, die solches Wissen lieber für sich behalten hätten.
Sie begriffen überhaupt nicht, warum der junge Mann nach Weisheit strebte. Fragten sie ihn, ob er Priester werden wolle, so antwortete er ablehnend, ohne indes weiter auf die Frage einzugehen. Wollte er aber nicht Priester werden, so hatten sie keine Lust, ihm Antwort auf seine zahlreichen Fragen zu geben. In diesem Zwiespalt wendeten sie sich an Lie-Tse.
Zunächst verlangten sie von ihm, er solle sich ausweisen. War er der Lehrer des Jünglings, so mußte er hohes Wissen besitzen. Warum wandelte er dann so unauffällig und schlicht unter dem einfachen Volk, statt mit allen ihm zukommenden Würden aufzutreten.
Er sagte ihnen, daß er ein Lama sei und zu der gelben Priesterschaft gehöre, daß er aber vorziehe, unerkannt zu bleiben. Vor allem solle sein Schüler nicht eher von seinem Range wissen, als bis er verstehen könne, was geistig damit verbunden sei. Er habe zwar erfahren, daß der Alte ein Lama sei, aber es habe keinerlei Eindruck auf ihn gemacht. So solle es noch längere Zeit bleiben.
Die Priester schüttelten die Köpfe. Da aber Lie-Tse ihnen allen an Rang weit überlegen war, mußten sie sich seinem Wunsche fügen. Nun wollten sie aber wissen, was der Weise mit seinem Schüler vorhabe.
„Er soll lernen, was Ihr ihm bieten könnt, danach will ich ihn andern Meistern zuführen”, war die unbefriedigende Antwort. Nun wurde eingehende Beratung gehalten, in der die Gemüter sich erhitzten, ohne daß man sich einigen konnte. Die Mehrzahl der Priester war dafür, den Jüngling mit seinem Lama in eine andere Stadt, zu anderen Tempeln, zu weisen. Dann waren sie aller Verant-wortung ledig.
Einige wenige aber stimmten darin überein, daß man eine be-stimmte Lehrzeit, etwa zwölf Monde, ausmache und indessen versuche, dem Schüler so wenig wie möglich zu sagen. Nur ein einziger alter Priester sprach gegen sie alle: er erbot sich, Li-Erl zu unterweisen nach bestem Können. Zürnten die Götter dann, so wolle er alle Schuld auf sich nehmen.
Dieses Anerbieten entschied: Li-Erl wurde dem greisen Maru zugewiesen und zwar auf unbestimmte Zeitdauer.
Viel Schönes erwuchs für Lehrer und Schüler aus dem Unterricht, der beiden Gewinn brachte. Lie-Tse nahm niemals daran teil. Was er in den vielen Stunden tat, in denen Li-Erl im Tempel weilte, das wußte niemand. Kam der Jüngling aber erfüllt von allem Gehörten heim, so fand sich sein Lehrer rasch genug wieder ein. Maru antwortete auf die zahlreichen Fragen des wißbegierigen Schülers nach bestem Wissen, trotzdem sie ihn meist sehr überraschten. Er erkannte tiefes Denken in allem, wie er es bisher noch nirgends gefunden.
Eines Tages kamen sie auf die Pagoden zu sprechen. Li-Erl fragte, was die verschiedenen Stockwerke bedeuteten, und erhielt die Antwort, daß dort die Wohnungen der Götter seien. Danach schwiegen beide lange Zeit, denn Li-Erl überdachte immer erst jede Antwort, bis er inne ward, ob sie ihm genügte. Diese genügte nicht. „Wohnen die Götter wirklich in den Pagoden? Sie können doch nicht in allen zugleich sein, im ganzen Lande verstreut. Oder wohnen sie nur zeitenweise da, bald dort, bald hier ihren Wohnsitz nehmend?” wollte er wissen.
Maru geriet in Verlegenheit. Darüber hatte er sich noch niemals den Kopf zerbrochen. Lange sann er, dann kam ihm ein Einfall, der ihm helfen konnte.
„Du mußt Dir das nicht greifbar vorstellen, Li-Erl”, sagte er sehr bestimmt. „Die Götter werden droben wohnen. Wir aber möchten sie in unserer Nähe haben, darum weisen wir ihnen Plätze an, in denen wir sie als uns besonders nahe empfinden. Das Volk allerdings glaubt, daß die Erhabenen wirklich in unsern Pagoden wohnen, und es ist glücklich in diesem Gedanken.”
Sehr erfreut war Maru über diese Auskunft, seinem Schüler aber genügte sie durchaus nicht.
„Nimmt das Volk wirklich solche Unmöglichkeiten für wahr an?” fragte er zweifelnd. „Es muß doch in der Menge der Menschen immer solche geben, die denken und nicht ohne weiteres nachsagen, was die andern ihnen vorreden!
Das ist ja gerade das Gute, daß das Volk schlicht und einfach das aufnimmt, was ihm von den Priestern gesagt wird.”
Sehr abschließend sagte es Maru, fügte dann aber mit leichtem Lächeln hinzu:
„Wohin kämen wir, wenn alle Menschen so gründlich wären wie Du, Li-Erl?”
„Das ist ja ganz entsetzlich”, brach es aus dem Jüngeren. „Also die kindliche Gläubigkeit der einfachen Leute macht Ihr Euch zunutze, um ihnen allerhand Unwahres aufzubinden! Und zu solchen Dingen hast auch Du Deine Hand gegeben, Maru?”
Der Lehrer schaute verständnislos auf ihn.
„Was ist daran Entsetzliches? Jeder bekommt das, was gut für ihn ist. Glaube mir, Li-Erl, das Volk ist glücklich in seinem Wahn, der niemand Schaden bringt.”
„Doch, er bringt Schaden”, unterbrach Li-Erl heftig. Er hatte völlig den bescheidenen Ton verloren, in dem er sonst zu dem so viel älteren Lehrer sprach. Mächtig wogte es in seiner Seele. „Er bringt Schaden! Er hindert die Menschen, weiter zu suchen, bis zu dem Hocherhabenen vorzudringen, der über den Göttern regiert. Man darf das Volk nicht länger so dahinleben lassen. Wenn sie glauben, daß die Götter in den Pagoden wohnen, ihnen also ständig greifbar nahe sind, so nehmen sie auch selbst verständ-
lich an, daß alles Unrecht, das begangen wird, unter den Augen der Götter geschieht, ohne daß diese sich dagegen wehren. Das ist der Grund, warum Unzucht und Sünde ständig zunehmen. Ich sehe es jetzt ganz klar. Würdet Ihr das Volk darüber aufklären, daß die Götter hoch über ihnen wohnen und nur durch ein fleckenloses Leben zu erreichen sind, es würde besser um die Menschen stehen.” Staunend hatte Maru gelauscht. Er fühlte die Wahrheit, die in den ungestümen Worten an seine Seele zu dringen suchte, und er verschloß sich ihr nicht.
„Li-Erl, wer immer Dich solches gelehrt haben mag, er hat recht gehandelt”, sagte er bewegt. „Ich bin nicht zu alt, um von Dir und durch Dich zu lernen. Freilich sehe ich nicht, wie man bessern könnte, was in Jahrhunderten verfehlt wurde. Aber vielleicht ist es Dir beschieden, die Hilfe zu finden, nachdem Du den Schaden entdeckt.”
„Was meinst Du?” setzte er nach einigen Augenblicken hinzu, während welchen Li-Erl bemüht war, sein Gleichgewicht wieder zu finden. „Man müßte die Pagoden abreißen. Dann wäre dem Glauben ein rasches Ende bereitet.”
Aber noch während er sprach, fand er selbst, daß dieses Mittel völlig ungeeignet war. Das sagte er, und der Jüngere stimmte ihm bei.
„Es wäre auch schade”, meinte dieser, „um die ehrwürdigen Bauten, bei deren Anblick mir immer ganz eigenartig zu Mute wird. Wer sie zuerst errichtete, hatte sicher anderes im Sinn, als eine Scheinwohnung für die Götter zu schaffen.”
Lange noch beschäftigten Li-Erl diese Gedanken. Am folgenden Tage legte er sie Lie-Tse vor, nachdem er ihm von dem Gespräch mit Maru erzählt hatte.
„Weißt Du, mein Vater”, fragte er, „warum die Pagoden in dieser einzigartigen Weise erbaut wurden? Weißt Du, was die vielen Stockwerke bedeuten, die sich da gen Himmel erheben?” „Du sagst recht, Li-Erl”, erwiderte Lie-Tse sinnend. „Sie erheben sich gen Himmel und sollen uns von dem, was wir Himmel nennen, zu dem weisen, was in der Unendlichkeit die Himmel sind. Sie sollen uns den Weg vor Augen führen, den die Seele zu gehen hat, wenn sie sich der Ewigkeit nahen will.
Stufe um Stufe muß sie erklimmen, um in die Nähe der Götter zu gelangen. Menschenfüße dürfen die oberen Stockwerke nicht betreten. Der, der die erste Pagode schuf, dachte sich die höheren Teile bewohnt von den zarteren Gestalten der Menschen, ihren feinen Körpern, ihren Seelen. Daraus mag später der Unglaube entstanden sein, als seien diese Stockwerke die Wohnungen der Götter.” „Ich verstehe Dich nicht ganz, mein Vater”, sagte Li-Erl nachdenklich. „Was meinst Du mit den feineren Körpern der Menschen?” „Du weißt, daß wir außer dem sichtbaren Körper einen unsichtbaren mit uns tragen, ja wahrscheinlich nicht nur einen, sondern mehrere. Das, was in allen diesen Körpern lebt, ist unsere Seele. Das alles weißt Du. Ich habe Dich auch gelehrt, daß wir bei unserm Abscheiden von dieser Erde nur den sichtbaren Körper zurücklassen. Nun denken wir aber, daß dann die unsichtbaren alle in die ersten Stockwerke der Pagoden eingehen, bis es ihnen gelingt, sich wiederum von der äußersten Hülle frei zu machen. Danach ziehen sie ins zweite Stockwerk. So geht es weiter. Je leichter der Körper wird, desto höher wird die Wohnung der Seele sein, bis sie zuletzt eingehen darf in die Gärten der Götter.”
Ergriffen hatte Li-Erl gelauscht.
„Ist das wirklich so?” fragte er, nur halb überzeugt. Und Lie-Tses Antwort lautete ganz schlicht
„Ich weiß es nicht anders.”
Wieviel schöner war diese Erklärung als Marus Antwort! Den ganzen Tag beschäftigte Li-Erl sich damit, ohne Maru aufzusuchen. Aber auch noch andere Gedanken bestürmten ihn: Wo fand er die Wahrheit?
Lie-Tse wußte anderes und besseres als die Priester, aber die volle Wahrheit schien es nicht zu sein. Da fiel ihm das Wort „Wahrheitsbringer” wieder ein. Wenn er dazu bestimmt war, mußte er doch zuerst die Wahrheit finden! Da waren die alten, quälenden Gedanken aufs neue.
Wieder nahm er seine Zuflucht zu Lie-Tse, doch dieser konnte oder wollte nicht antworten. Ausweichend sagte er:
„Du wirst alles erfahren, wenn es an der Zeit ist. Jetzt lerne, was sich Dir bietet, und versuche, die in Dir aufsteigenden Fragen zurückzuschieben.”
Am nächsten Tage wanderte Li-Erl zu Maru, der weder nach dem Grund seines Ausbleibens fragte, noch auf das letzte Gespräch zurückkam. Statt dessen schlug er dem Schüler vor, einmal die unterirdischen Räume des Tempels zu besuchen.
Zaghaft nur hatte er es angeboten, als er aber den regen Eifer bemerkte, mit dem der jüngere den Vorschlag annahm, da ergriff es auch ihn, als solle er einem unerwarteten Erlebnis entgegengehen. In großer Spannung schritten beide die anfangs bequemen Stufen hinab, die aber bald in gewundene, enge Gänge mündeten. „Hier heißt es achtgeben”, sagte Maru langsam, „sonst verirren wir uns und finden nicht wieder heraus.”
„Du kennst doch sicher den Weg”, meinte Li-Erl unbesorgt, erstaunte aber, als ihm die Antwort ward:
„Den kennt niemand ganz genau.”
„Wie ist das möglich?” war die rasche Frage des Schülers. Er mußte sich aber mit dem Bescheid begnügen, daß Maru ihm das später sagen werde. Für jetzt solle auch Li-Erl die Augen offenhalten, um sich den Weg genau einzuprägen.
Mit dem Ernst, mit dem er alles tat, widmete der Jüngling sich völlig dem Auftrag und versuchte, sich Merkmale und Windungen des Weges einzugraben. Dabei stockte natürlich das Gespräch, und obwohl manches Merkwürdige unterwegs die Fragelust anregte, wurde alles auf später verschoben.
Nun kamen sie wieder an leiterartige Stufen, die tiefer führten. Glatt waren sie, wie von Schleim überzogen, und unwillkürlich schauderte Li-Erl beim Betreten derselben.
„Mußte er wirklich hier hinabsteigen?” fragte er sich, fühlte sich aber im gleichen Augenblick umdroht von den fratzenhaften Gebilden, die er schon mehrfach geschaut.
Da wußte er ganz genau: ein einziges Hingeben an die Furcht vor ihnen, würde ihn stürzen machen. Also mußte er mutig ihnen entgegenschauen. Er wollte es tun, aber - - er fand in sich den Mut nicht mehr, der einzig ihm helfen konnte. Von allen Seiten bedrängte es ihn. Er fühlte Schwindel, ein Vergehen der Sinne. Nun mußte er kommen, der unausbleibliche, grausige Sturz in die Tiefe! Nach Maru zu rufen, hatte keinen Zweck; noch niemals hatte der greise Lehrer ihm in derartigen Augenblicken zur Seite gestanden.
„Mut, Mut”, flehte er innerlich. „Ich soll doch ein Wahrheitsbringer werden!”
Und dies eine Wort „Wahrheitsbringer” zerteilte zauberhaft den ihn umgebenden Nebel. Nun wußte er, wo er sich Kraft holen dürfe, die ihm mangelte.
„Erhabener, ich bin nichts, sei Du stark in mir!”
Laut entrangen sich die Worte seiner zugeschnürten Kehle. Da fühlte er sich glühend durchströmt, während gleichzeitig Kühlung ihn umwehte. Neben ihm stand der Gottesbote und wehrte mit blankem Schwert das Gelichter ab, daß es schlotternd ins Nichts versank.
Leicht und frei stieg Li-Erl abwärts, bis er wieder festen Boden unter den Füßen hatte. Da verließ ihn sein Helfer, aber die Kraft blieb bei ihm und erfüllte ihn ganz.
Maru, der von allem nichts gemerkt zu haben schien, wandte sich seitwärts einem grünlich überzogenen Tore zu, das er umständlich öffnete.
Sie traten in eine große Halle, die erfüllt war von dem Licht unzähliger Opferschalen. Bei dem Flackern dieser Flämmchen unterschied man zahlreiche Gebilde, die an den Wänden lehnten. Es waren geschnitzte oder aus Stein gehauene Bilder von Göttern und Dämonen, die nur zu besonderen Festlichkeiten benützt wurden. Grauenhaft war der Anblick aller dieser Fratzen, aber es focht Li-Erl jetzt nicht mehr an.
Nachdem sie diese Halle durchschritten, kamen sie in Gewölbe, die mit verschwenderischer Pracht an Edelsteinen und künstlichem Schnitzwerk ausgestattet waren.
Hier begann Maru endlich zu sprechen. Er erklärte, daß dies die Gräberstadt der Priester und Edlen sei, die hier warteten, bis die Götter sie nochmals auf die Erde rufen würden. Darum seien ihnen auch kostbare Gewänder und edles Gestein beigegeben, damit sie nicht arm und bloß wieder erscheinen müßten, sondern gleich zeigen könnten, daß sie Besonderes seien.
Li-Erl begriff das nicht.
„Unsere Priester und Edlen werden doch verbrannt auf hohen Stößen wohlriechenden Holzes”, sagte er ungeduldig. „Ich habe das selbst angesehen.”
„Hast Du die Toten wirklich gesehen?” fragte Maru dagegen. „Sieh, Li-Erl, wenn ein Mann stirbt, der seinem Volke ein Segen war, so wird er in den Gräberstädten beigesetzt, an seiner Stelle aber verbrennt man ein Bild, damit das Volk befriedigt ist.” „Also auch hier wieder Betrug!” rief Li-Erl schmerzlich erregt. „Es wird Zeit, daß dem irregeleiteten Volke die Augen geöffnet werden.” „Und was versprichst Du Dir davon, wenn Du dem Volke von der Gräberstadt erzählst?” wollte Maru wissen. „Schweige über alles, was ich Dir zeige, Li-Erl. Großes Unheil würde entstehen, wenn Du reden würdest, Unheil, das kein Mensch ungeschehen machen könnte. Was Jahrhunderte Brauch war, wird nicht durch eines Menschen Hand geändert.”
Der Jüngere schwieg, nicht, weil er überzeugt war, sondern aus dem Übermaß seiner Gefühle heraus. Maru aber hatte Bangen, mehr zu zeigen, und wandte sich zum Rückweg. Er fürchtete, Li-Erl werde bitten, weitergehen zu dürfen, aber entgegen seiner wißbegie-rigen Natur fand sich der Jüngling sofort bereit, die Gräberstadt zu verlassen.
Eilig durchschritten sie Gewölbe und Halle, auch das Erklimmen der schlüpfrigen Stiege machte wenig Mühe. Dann aber standen sie vor einer Menge abzweigender Wege, von denen Maru bald diesen, bald jenen als richtig erkennen wollte. Wenige Schritte aber genügten, ihm das Irrige zu zeigen. Immer hastiger wurde sein Ausschreiten, immer ängstlicher sein Blick.
Endlich wandte er sich an Li-Erl mit der Frage, ob er sich den Weg gemerkt habe. Forschend schaute der Schüler sich um und gewahrte auf einem der Wege einen leisen Lichtschimmer. Das mußte der richtige sein.
Unbedenklich schritt er darauf zu und fand dann auch bald Merkmale und Zeichen, die ihm vorher aufgefallen waren. Un-angefochten kamen sie bis zu der breiten Treppe, die nach oben führte, und merkten nun erst, daß der Lehrer hinter dem Schüler hergewandert war. Das war ein sehr grober Verstoß gegen alle Sitten, und Li-Erl beeilte sich, die Vergebung des Alten zu erflehen.
Dieser aber sagte würdevoll:
„Es war ganz richtig so, Li-Erl. Wo der Schüler Besseres weiß als der Lehrer, soll er auch voraufgehen dürfen.”
„Was wäre geschehen, wenn wir den Weg verfehlt hätten?” wollte Li-Erl wissen.
Maru setzte sich auf eine der Stufen und erklärte. Die Gräberstadt müsse vor spähenden Blicken und unberufener Neugier geschützt werden, die sich je und je dorthin wage. Darum seien eine Unmenge Wege angelegt, von denen aber nur. etwa die Hälfte zum Ziele führe. Die übrigen seien Scheinwege, die irgendwo im Felsen oder an Wasserläufen oder in anderen Wegen endeten. Wenn man den Weg verliere, so laufe man Gefahr, nicht wieder an die Oberfläche zu kommen und unten zu verhungern.
Alle Jahre finde man vor den großen Festen die Leichen solcher, die ihre Neugier mit dem Tode büßen mußten. Er, Maru, kenne zwar die Wege, da er als junger Priester hier unten geamtet habe, aber er sei sie so lange nicht mehr geschritten, daß ihm bange geworden sei. Darum sei es gut gewesen, daß Li-Erl sich alles gemerkt habe.
Schon wollte der Jüngling hierauf von dem Licht erzählen, das ihm die rechte Straße gezeigt, da fühlte er einen leichten Druck gegen seine Lippen und verstand, daß Maru hiervon nichts wissen dürfe. Nochmals aber begann der greise Priester den Schüler zu beschwören, niemals und gegen niemand ein Wort von der Gräberstadt zu erwähnen. Li-Erl schwieg. Dringender wurde Maru. Da sagte der Jüngling freundlich:
„Ich werde mit Lie-Tse reden, danach werde ich wissen, ob ich später einmal das Geheimnis enthüllen darf.”
Lie-Tse! Das war ein Rettungsanker. Der Lama würde nicht zugeben, daß die heiligen Gebräuche ins Volk getragen würden! Erleichtert atmete Maru auf und stimmte dem Vorschlag bei. Gleichzeitig aber beschloß er, mit dem Lama zu reden und ihn zu bitten, seinen Schüler jemand anderem zu übergeben. So lieb ihm Li-Erl geworden war, mit der Unterweisung dieses ganz Besonderen waren zuviel Angst und Schrecken verbunden.
Seiner Gewohnheit nach ließ Li-Erl erst einige Tage verstreichen, in denen er versuchte, selber etwas Klarheit in die ihn bedrängenden Fragen zu bringen, ehe er sie seinem greisen Lehrer vorlegte. Inzwischen aber war Maru bei Lie-Tse gewesen und hatte die ihm übertragene Aufgabe in die Hände des Lama zurückgelegt. Zu sehr bangte ihm vor den Folgen einer weiteren Aufklärung dieses denkenden Schülers.
Er hatte gehofft, in Lie-Tse volles Verständnis für seine Sorgen zu finden, mußte aber die Überraschung erleben, daß der Lama alles ganz selbstverständlich aufnahm, was gesprochen worden. „Meinst Du, Maru”, hatte er gesagt, „daß die Götter eine so besondere Unterweisung für Li-Erl erheischen würden, wenn er selber nicht ein Besonderer wäre? Die Wege eines solchen aber sind dem gewöhnlichen menschlichen Denken verborgen. Wenn wir nach dem Willen der Götter unsern Schüler alles lehren, was wir selber wissen, so haben wir genüg getan, und dürfen das, was daraus entstehen wird, ruhig. den Göttern überlassen.”
Einen Augenblick lang erschrak Maru: hatte er zu früh seine Pflicht verlassen? Aber dann siegte die große Erleichterung, und er kehrte zufrieden in seinen gleichförmigen Alltag zurück. Nun wartete Lie-Tse, daß Li-Erl mit ihm sprechen werde. Als zunächst keine Frage an ihn gerichtet wurde, der Jüngling aber auch dem Tempel fernblieb, schlug der Alte ihm einen Ausflug in die Umgegend vor.
Freudig nahm Li-Erl an und schon am nächsten Morgen wanderten die beiden in die lichte Frühe hinaus. Lie-Tse schlug einen Pfad ein, der gewunden aufwärts in die Berge führte. Längst schon hatte. Li-Erl gewünscht, dorthin zu gehen. Er freute sich des Weges, wunderte sich aber, daß sein betagter Lehrer so leichtfüßig neben ihm herschritt.
Lie-Tse lächelte.
„Die Berge meines Heimatlandes sind viel höher als diese. Ich bin das Steigen von klein an gewohnt.”
„Erzähle mir von Deinem Lande”, bat Li-Erl kindlich, und der Lama willfahrte.
Er wußte, daß es dem Jüngling nicht um Äußerliches zu tun war. Gütig berichtete er von dem Leben in den abgeschlossenen Klöstern, und an der Art, wie seine Erzählung aufgenommen wurde, konnte er merken, welche Fortschritte sein Schüler gemacht hatte. „Erzähle mir von dem Erhabenen”, bat Li-Erl, als Lie-Tse schwieg. „Du weißt von ihm”, erwiderte der Lama. „Alles, was ich weiß, habe ich Dir im Laufe der Jahre gekündet. Nun müssen andere
Dich weiter unterweisen und das Beste wirst Du in Dei-nem eigenen Inneren finden.”
„Wie sollte das zugehen?” wollte der Schüler wissen. Lie-Tse schüttelte abweisend den Kopf.
„Warte und bete”, sagte er und verfiel in langes Schweigen. Der Pfad war steiniger und steiler geworden, das Sprechen mußte ohnehin aufhören. Langsam klommen sie bergan, jeder mit seinen Gedanken beschäftigt, die ganz nahe beisammen waren, ohne daß sie es wußten.
Nach einigen Stunden endete der Pfad auf einer Hochebene von wilder Schönheit. Große Steinblöcke lagen umher, der Pflanzenwuchs hatte längst aufgehört. Scharf pfiff der Wind über die große Fläche. Zauberhaft war die Fernsicht. Li-Erl, der desgleichen noch nie gesehen, stand in Andacht versunken.
„Warum betet man in Tempeln und Pagoden an?” fragte er nach längerer Zeit. „Hier oben fühle ich mich dem Erhabenen ein wenig näher. Es ist, als spürte ich die Ströme, die aus der Höhe kommen. Ich meine nicht das Windessausen”, setzte er fast verlegen hinzu, „ich fühle unendliche Kraft mich durchfluten.”
„Nicht jeder kann hier heraufsteigen”, gab Lie-Tse ausweichend zur Antwort, aber damit war der Schüler nicht zufrieden. „Das ist nur ein äußerlicher Grund, mein Vater”, murrte er. „Darf ich den wahren Grund nicht wissen?”
„Wie in allem Irdischen ist Äußerliches und Innerliches so eng verflochten, daß es kaum zu trennen ist”, gab Lie-Tse zurück. „Es ist schon so, daß man Gott da anbeten darf, wo man ist. Man kann ihn auch überall finden. Wer das Bedürfnis hat, ihn hier oben zu suchen, dem wird es nicht verwehrt.”
Sie hatten auf einem großen Block Platz genommen und blickten um sich. Während aber die Augen des Alten friedevoll auf den Niederungen ruhten, suchten die Blicke des Jüngeren begierig in die Felswüste einzudringen, die sich hinter ihnen erhob.
Endlich brach Li-Erl das Schweigen:
„Darf ich Dich etwas fragen, mein Vater?” begann er. An diesem zaghaften Anfang merkte der Lehrer, daß Li-Erl eine Frage zu stellen hatte, mit deren Beantwortung er selber nicht fertig werden konnte. Bejahend neigte er das Haupt und der Jüngling erzählte nun von dem jäh abgebrochenen Besuch der Gräberstadt.
„Ist es nicht eine Sünde gegen das Volk, wenn man ihm immer wieder Wahrheiten vorenthält?” fragte er dann ungestüm. „Warum sagen die Priester nicht, daß viele von ihnen nicht verbrannt werden?”
„Denke nach, Li-Erl: was würde die Folge sein, wenn das Volk dies erführe?”
„Sie würden den Priestern nicht mehr glauben.”
Lehrer und Schüler schwiegen, dann nahm letzterer wieder das Wort:
„Ich habe lange darüber gegrübelt. Es wäre nicht schlimm, wenn das eintreten würde. Man müßte gleich dazu sagen, daß die Priester ihr Unrecht eingesehen haben und ferner nur noch die Wahrheit künden wollen.”
Lie-Tse unterdrückte ein Lächeln.
„Damit würde das Volk sich nicht zufrieden geben”, meinte er. „Sie würden den Priestern auch diesen Vorsatz nicht mehr glauben, zum mindesten würden sie bezweifeln, daß die Priester die Kraft haben würden, ihn zu halten. Nein, wenn man dem Volk helfen will, muß man anders vorgehen.”
Wiederum langes Schweigen. Da trat, auch von Lie-Tse gesehen, eine lichte Gestalt hinter Li-Erl und legte ihm die Hand auf das Haupt. Glühende Kraft durchdrang den Jüngling und mit ihr strömte neues Wissen in ihn ein. Er selber begann zu glühen und gab sich rückhaltlos dem Neuen hin.
Als die lichte Gestalt verschwand, sprang Li-Erl auf. „Jetzt weiß ich, was zu geschehen hat: Man muß freilich dem Volk zeigen, daß es bisher belogen wurde, aber man muß es dann auf einen ganz neuen Weg führen. Alles, alles muß anders werden!” Lie-Tse nickte langsam mit dem Haupte und aus seinen Augen brach ein warmer Strahl. Li-Erl sah es nicht. Zu beschäftigt war er mit dem, was sich ihm da enthüllen wollte.
„Man mußte das Volk anders führen als seither! Wer sollte das tun? Wenn er in Wahrheit der Wahrheitsbringer war, dann mußte dies wohl seine Aufgabe werden?” Diese und ähnliche Gedanken stürmten auf den Jüngling ein, der schwer atmend an einen der
Steinblöcke gelehnt stand. Er, er sollte das tun? Er war doch noch so jung? Was wußte er vom Leben?
Als er in seinen Überlegungen bis an diesen Punkt gekommen war, antwortete der Lama, als habe er die Gedanken Li-Erls gelesen. „Gar nichts oder doch nur sehr wenig weißt Du erst vom wirklichen Leben, Li-Erl. Verstehst Du jetzt, warum der Erhabene mir auftrug, Dich immer wieder in andere Verhältnisse zu führen, Dich Neues kennen lernen zu lassen, auch wenn dies Neue nicht mit seinen heiligen Gesetzen in Einklang steht?”
„Ja, Vater, ich verstehe und ich danke Ihm und Dir!” rief der Jüngling überwältigt. Dann aber bat er, in kindlichem Ungestüm, der noch nicht der Reife des Mannes gewichen war: „Zeige mir mehr, laß uns von hier fortgehen, damit ich weiter lernen kann!” „Das war meine Absicht. In den nächsten Tagen werden wir in die Hauptstadt unseres Landes ziehen, damit Du weltliches Leben und Treiben kennen lernst. Du bist gefestigt genug, daß Dich das Gleißende, das Du schauen wirst, nicht abzuziehen vermag vom Pfad der Tugend.”
Wiewohl Lie-Tse diese, zuversichtlichen Worte sprach, klang doch ein eigener, fast fragender Ton hindurch, der das Herz des Jünglings traf.
„Ich soll die Dämonen bekämpfen, da darf ich die Versuchungen nicht fürchten. Ich werde beten, wenn sie mir nahen. Dann werde ich gefeit sein.”
Sie sprachen nicht mehr viel, diese Beiden, die sich auch ohne Worte verstanden. Als sie heimwärts schritten, war fest beschlossen, daß sie schon am folgenden Tag auf die Wanderschaft gehen wollten. -
Nun wanderten sie schon einige Tage lang auf belebten Straßen, die wieder einer Ebene zuführten, anfänglich schritt Li-Erl noch wie im Traum befangen einher, sein Geist arbeitete stark in ihm und verschloß sich gegen äußere Eindrücke. Aber immer klarer wurde er sich bewußt, daß dies nicht gewollt war: Mit wachen Augen sollte er alles schauen, das ihm im Leben begegnete! In sich aufnehmen sollte er, was er sah, Gutes und Böses, um daran zu lernen und sich für seine Aufgabe zu bereiten.
Der Lama sah, was in ihm vorging, jedoch wollte er das innere Arbeiten seines Schülers nicht beschleunigen. Er wartete. An einem heißen Mittag kamen sie. auf der staubigen, breiten Straße, die sie beschritten, an einem Bettler vorbei. Deren gab es viele, überall am Wege traf man sie, wie sie flehend die Hände den Vorübergehenden entgegenstreckten und mit eintönig klagender Stimme ihre Leiden aufzählten. Man war so daran gewöhnt, daß man ihrer kaum mehr achtete. . .
Dieser Mann aber war anders. Er erhob sich aus seiner kauernden Stellung, als die beiden Wanderer nahten. Mühsam nur konnte er dies tun mit Hilfe einer Art Korbes, in dem er steckte. Die schwer arbeitenden Bewegungen zogen die Blicke Li-Erls auf sich. Dabei nahm er auch den Mann in Augenschein. Er war für einen Bettler merkwürdig sauber, wenn auch in zerrissene Lumpen gekleidet. Sein Gesicht, von Alter und Entbehrungen durchfurcht, hatte nichts Abstoßendes. Vor allem waren es die leuchtenden Augen, die fast sprechend auf Li-Erl gerichtet waren, die seine Aufmerksamkeit fesselten.
Er konnte nicht vorübergehen, ohne dem Armen eine Gabe zu reichen. Dies tat er aber nicht so, wie man gewöhnlich Almosen gibt, indem man sie dem Menschen zuwirft wie einem Hund, sondern er trat auf den Bettler zu und sprach ihn freundlich an: „Schweres hast Du zu ertragen, mein Vater”, kam es fast ohne Wissen des Redenden über seine Lippen. „Gestatte, daß ich Dir ein wenig das Leben erleichtere. Der Erhabene, der auch Dich kennt, wird meine geringe Gabe an Dir segnen.”
Lie-Tse lauschte ergriffen den Worten des Jünglings. Er wußte, daß von nun an Li-Erl in sein Inneres lauschend reden und handeln würde, zunächst allerdings noch unbewußt, dann aber erstarkend in der geistigen Führung mit klarer Überlegung.
Während den greisen Lama diese Gedanken erfüllten, hatte der Bettler sich verneigt. Danach sprach er mit angenehmer, volltönender Stimme:
„Ich danke Dir, Du Gesegneter des Hocherhabenen. Wie Du mir heute eine Gabe reichst in seinem Auftrag, daß sie meines Leibes Notdurft lindere, so wirst Du einst Deinem Volke das bringen, dessen es bedarf. Lahm ist es wie ich, Lumpen sind seine Herrlichkeit,
Lumpen, die seine Blöße kaum decken. Aber noch weiß es dies nicht. Dich aber sehe ich”, die Stimme des Mannes wurde fast zum Gesang und seine Augen schienen in entlegene Fernen zu blicken, „Dich aber sehe ich, umgeben von guten Geistern, die Lumpen abreißen, daß die Menschen sich winden in Scham! Danach aber reichst Du ihnen Köstliches, das sie umhülle, Herrliches, das ihr Inneres füllt und sie wiederum erhebt! Du gehst auf den Wegen des Erhabenen, sein Segen ist mit Dir. Ich danke ihm, daß ich Dich schauen durfte!”
Der Bettler schwieg. Tief ergriffen hatten die Wanderer gelauscht und seine Worte klangen in ihnen nach. Dann wollte Li-Erl sich fragend an den Mann wenden, jedoch dieser winkte, sie sollten weiterziehen. Er hielt jetzt die Augen geschlossen und war in sich zusammengesunken.
Lie-Tse ergriff die Hand des Jünglings und führte ihn hinweg. Er fürchtete, Li-Erl werde nun wieder in Träumerei verfallen, doch war sein Schweigen anderer Art. Es dauerte nicht lange, da blickte er mit hellen Augen um sich und begann auf alles zu achten, das in ihren Weg kam.
Die Kleidung der ihnen Begegnenden war ganz verschieden von der ihren, die in Li-Erls Heimat üblich war. Dort trugen die Männer weite blumenblaue Gewänder ohne jede Verzierung, außer dem Familienschild vorn auf der Brust. Es war dies eine je nach dem Reichtum des Trägers und der Vornehmheit seiner Abkunft verschieden große Stoffplatte, auf die sein Name in farbiger Seide gestickt war. Außer diesem Namen konnten auch noch Taten der Ahnen in Bildern darauf zu finden sein. Dieses Familienschild war allen Bewohnern in Li-Erls Heimat äußerst wichtig. Es wurde für jeden Knaben bei seiner Mannbarwerdung angefertigt und zwar so dauerhaft, daß es für sein ganzes Leben reichen konnte. Lieber verzichtete man auf Seide für das Gewand und begnügte sich mit einem solchen aus Pflanzenfasern, als daß man an dem Familienschild gespart hätte. Auch Li-Erl trug ein solches, von den geschickten Fingern seiner Mutter überaus kunstvoll bestickt.
Hier aber zeigte keiner der Landesbewohner solchen Schild. Sie trugen schwarze Gewänder aus schimmerndem hartem Stoff, der sich dem Körper kaum anschmiegte. Darunter hatten sie farbige
Beinkleider aus weicherem Material. Die schwarzen Gewänder waren durch Stickereien verziert. Darüber trugen die Männer noch Ketten aus verschiedenartig geformten Kao-ling-Perlen oder auch aus farbigen Holzstückchen und Steinen.
Und wie Li-Erl die Vorüberschreitenden anblickte, um all das Neuartige in sich aufzunehmen, so folgten die Blicke der andern den beiden Wanderern, in deren einem sie unschwer einen Lama erkannten.
Bisher hatte Lie-Tse es vermieden, die Nächte in Ortschaften zu verbringen. Solange Li-Erl als Träumer gewandert war, wollte sein Lehrer die Menschen meiden. Das war jetzt anders. Bereits die folgende Nacht lenkte Lie-Tse seine Schritte einer größeren Ansiedlung zu und begehrte in einem stattlichen Hause Nachtlager. Verwundert blickte der Jüngling um sich. Vieles war anders, als er es gewohnt war. Man nahm sie freundlich auf und ließ sie an der Mahlzeit von gekochtem Reis und Früchten teilnehmen, danach gab man ihnen Kopfrollen und Decken und wies ihnen eine Ecke der großen Eingangshalle als Schlummerstatt. Gesprochen wurde nicht viel, kaum daß der Hausvater nach dem Woher und Wohin gefragt hatte.
Den müden Wanderern aber war es erst recht nicht ums Reden gewesen. Forschend hatte Li-Erl sich überall umgeschaut. Er fand nirgends einen Altar, an dem er seine Gebete hätte verrichten können. Da trat er ins Freie und suchte den Erhabenen unter dem schwarzblauen, sternenübersäten Himmel.
Gestärkt erwachten die Reisegefährten am folgenden Morgen. Es war noch früh am Tage, aber reges Leben bewegte sich bereits um sie her. Jeder ging seinen Geschäften nach und hatte weder Zeit noch Lust, sich um die Gäste zu kümmern.
Sie durften an dem Morgenmahl, das in heißem Tee und einer Art flacher Brote bestand, teilnehmen, danach gab Lie-Tse dem Hausvater kleine, flache Kao-ling-Scheibchen, die gern angenommen wurden. Nun wandte der Lama sich zum Gehen, aber Li-Erl hielt es noch fest. Er konnte nicht weiter wandern, ohne die Frage nach dem Altar gestellt zu haben. Fast demütig wandte er sich an den Hausvater und fragte: „Möchte mein Vater mir nicht weisen, wo er anbetet? Mir ist es Bedürfnis, seinen Ahnen meine Verehrung zu bringen, nachdem ich unter ihrem Dache geruht.”
Verwundert schaute der Mann auf den Sprecher. So hatte noch niemand ihn gefragt. Wortlos wandte er sich und schritt nach dem rückwärtigen Teile des Hauses, die Wanderer durch einen Wink bedeutend, ihm zu folgen.
Durch eine verschiebbare Tür, die von einem reichgestickten Vorhang verhüllt war, betraten sie einen großen Raum, an dessen breiter Wand ein Altar errichtet war. Nichts fehlte darauf, das der Ahnenkult, auch in Li-Erls Heimat, verlangte: Vasen mit Blumen, Rauchgefäße, Ahnenbilder, Götterbilder und Schalen mit Reis, Gefäße mit Tee und schöne Früchte bedeckten in sinnvoller Anordnung den Tisch, über den eine gestickte blauseidene Decke gebreitet war.
Schweigend traten die Drei an den Altar, um ein stummes Gebet zu sprechen. Darauf legte Lie-Tse einige der weißen Scheibchen neben eine Blumenvase und sagte:
„Wir sind auf der Wanderung und haben nichts, Deine Ahnen zu erfreuen, Gastfreund. Wir geben, was wir haben.”
Freundlich blickte der Mann auf ihn und erwiderte: „Die Ahnen danken Dir und werden nicht versäumen, Segen auf Euren ferneren Weg zu erbitten.”
Nun begann Li-Erl, sich weiter in dem Raum umzuschauen. Das machte dem Manne Freude, der augenscheinlich stolz war auf seine schöne Andachtshalle. Er machte den Jüngling nun seinerseits auf manches aufmerksam, das ihm sonst entgangen wäre. Stickereien und Tuschzeichnungen hingen an den Wänden und berichteten von den Taten der Vorfahren.
Unter diesen Bildern standen am Boden auf hölzernen Sockeln größere und kleinere Vasen aus Kao-ling oder Bronze. Es fiel Li-Erl auf, daß neben kunstvoll bemalten Vasen von sehr edler Form auch solche aufgestellt waren, die ungeschickt geformt und kaum geziert waren. Dies beschäftigte ihn so, daß er fragen mußte. Bereitwillig gab der Mann Auskunft, der durch das Interesse Li-Erls ganz aus seiner Schweigsamkeit heraustrat.
„Du mußt wissen, daß diese Gefäße aus verschiedenen Zeiten und Geschlechtern stammen. Wenn einer unserer Ahnen starb, so stellten wir ein Gefäß, das er besonders in Ehren gehalten oder gern benützt hatte, hier auf. Gewöhnlich ließ man sich zu diesem Zwekke schon bei Lebzeiten eine Vase anfertigen, die den Mitteln des Bestellers aber auch seinem Geschmack entsprach.
Du siehst hier große und kleine, einfache und kostbare Vasen. Auch die meine steht schon in Bereitschaft, damit sie aufgestellt werden kann, sobald ich meinen Ahnen folgen werde.” Damit wies er in eine Ecke, wo von seidenem Tuche verhüllt, ein umfangreiches Gefäß der Verwendung harrte. Gern hätte Li-Erl unter das Tuch geschaut, wagte es aber nicht.
Nachdem Lie-Tse dem Mann einige freundliche Worte über diesen schönen Andachtsraum gesagt und ihm gedankt, wandte er sich zum Gehen, aber Li-Erl war noch nicht befriedigt: „Haben alle Leute in dieser Gegend solche Andachtsräume?” wollte er noch wissen und er erhielt den Bescheid, daß nur die Armen sie entbehren mußten. In der Regel enthielt jedes Haus einen Raum für die Ahnen, der dem Hause ebenerdig angebaut war. „Ihr habt auch zweistöckige Häuser, sah ich gestern”, fragte Li-Erl weiter. „Wohnen bei Euch die Ahnen nie im oberen Stock-werk?” Der Mann schüttelte verneinend den Kopf.
„Nein, da wohnen die Lebenden. Wenn eine Familie zu groß wird, so baut man oben auf das Haus so viele Räume, wie gebraucht werden. Dort hinauf zieht dann der verheiratete Sohn mit den Seinen. Habt Ihr in Deiner Heimat soviel Platz im Hause, daß alle unten leben können?”
Li-Erl berichtete, daß daheim nur kleine Häuser gebaut würden. Wenn ein Sohn heiratete, so würde ihm auf dem Grund und Boden des Vaters ein eigenes kleines Haus errichtet. Das konnte sich der Mann gar nicht vorstellen. Da mußten die Gefreundeten des Gastes ja unermeßlich reich sein, wenn sie so viel Boden besaßen! Plötzlich wollte der Mann noch mehr von Li-Erls Heimat hören. Er, der bisher keinen Augenblick Zeit für seine Gäste zu haben schien, wollte sich ihnen nun völlig widmen. Er bat, sie möchten wenigstens noch einen Tag lang bleiben, und freudig willigten die Wanderer ein. Nun war es Li-Erl, der erzählte. Mit der Freudigkeit der Jugend schilderte er Elternhaus und Garten. Auf einmal wußte er, daß er auch von dem Altar sprechen mußte, den die Mutter vor seiner Geburt errichtet.
Erstaunt sah Lie-Tse auf ihn. Das war dem Jüngling doch bisher so heilig gewesen, daß er nie davon geredet hätte! Aber freimütig kündete der Schüler von dem Heiligtum, ja, mehr noch; er begann von dem Hocherhabenen zu reden in einer Weise, daß die Zuhörer begeistert lauschten.
Dem Manne hatten sich noch seine erwachsenen Söhne zugesellt und nahmen gierig auf, was Li-Erl ihnen bot. Dann begannen sie zu fragen, und wunderbar: auf alles wußte der Jüngling erschöpfende Antwort.
Beseligt im Geben fragte er nicht, woher ihm diese Antworten kamen. Aber als er sich nach einem herrlichen Tage ermüdet auf sein Lager streckte, da kam das große Erstaunen über ihn. Und nun fragte auch Lie-Tse
„Sage, Li-Erl, wer hat Dir diese Kunde von dem Erhabenen gegeben?”
„Ich wußte bis heute selber kaum die Hälfte von allem, was ich künden durfte”, antwortete Li-Erl nachdenklich. „Mir war, als werde mir leise gesagt, was ich zu antworten hätte.” - - „Oh”, jubelte er plötzlich, „dies ist der Weg, wie ich die Wahrheit finden soll! Indem ich andern helfe, den Hocherhabenen zu erkennen, finde ich ihn selbst immer besser und vollkommener, finde ich die Wahrheit in allen Dingen.”
Beglückt blickte er Lie-Tse an, der sich mit ihm freute. Noch im Einschlafen murmelte Li-Erl:
„So habe ich heute ein Großes gelernt: Gib von der Kraft, die Dir der Hocherhabene verleiht, soviel Du immer auszuströmen vermagst, in höherem Maße wird sie in Dich einströmen!”
Am folgenden Morgen war es der Lama, der zum Aufbruch drängte. Ungern sah der Gastfreund die Wanderer scheiden, die er nicht allzu gern aufgenommen hatte. Er dankte Li-Erl und bat ihn, einmal wieder zu kommen. Er müsse doch sehen, ob seine Lehre Früchte getragen!
Die Wanderung des Tages war weniger beschwerlich, da die Ausruhe vorhergegangen war und Li-Erl durch sein Erlebnis wie beschwingt blieb. Gegen Mittag erreichten sie einen großen Strom, dergleichen Li-Erl noch nie gesehen hatte. Er stand lange auf der
Brücke, die sich darüber wölbte, und schaute den Wellen zu, die gelblich und ungestüm darunter brausten.
„So ähnlich ist unser Leben”, sagte Lie-Tse. „Unaufhörlich strömt es aus ewigen Quellen dem ersehnten Ziele zu, oftmals Dinge mit sich führend, die seine Reinheit trüben.”
„Aber sieh”, rief Li-Erl, „jetzt legen die Wellen den Unrat am Ufer ab und strömen befreit weiter. Das ist tröstlich!”
Sehr erfreut war er, als Lie-Tse ihm sagte, daß ihr Weg nun tagelang an den Ufern dieses Stromes dahinführen werde. Am Abend erbaten sie in einer stattlichen Ortschaft Nachtlager, wurden aber an mehreren Häusern unfreundlich abgewiesen. „Wir haben hier keine öffentliche Herberge”, sagte man ihnen. „Geht weiter zur nächsten Ortschaft, da findet Ihr, was Ihr sucht.” Die Beiden taten, wie ihnen geraten worden und langten bei einbrechender Nacht in der sehr unsauberen Ortschaft an. Die Herberge machte keine Ausnahme von dem allgemeinen Zustand. Wären die beiden nicht so müde gewesen, sie wären weiter gegangen. Ein häßliches altes Weib nahm sie auf, setzte ihnen Reis und Tee vor und wies ihnen eine Ecke zum Schlafen an. Lie-Tse fragte nach dem Herrn des Hauses und bekam die Antwort, er sei mit seinen Söhnen über Land gegangen.
Trotz ihres Abscheus vor der Schlafstelle, legten die Wanderer sich doch endlich zur Ruhe. Sie waren übermüdet und schliefen rasch ein.
Mitten in der Nacht erwachte Lie-Tse an einem leisen Geräusch. Er blickte nach Li-Erls Lager und merkte, daß der Jüngere gleichfalls wachte und lauschte.
Deutlich hörte man Flüsterstimmen, aber Li-Erl konnte nicht verstehen, was gesprochen wurde, die Worte waren ihm fremd. Lie-Tse dagegen fuhr von seinem Lager empor. Die Leute sprachen in den Lauten der Sprache aus Tibet. Jedes Wort verstand er, aber jedes Wort rief auch seine Empörung wach! Der Man hatte die Absicht, die Fremden zu töten, da er Geld bei ihnen vermutete. Leise erhob sich der Alte, zog aus den Falten seines Gewandes die gelbe Mütze, die Li-Erl schon einmal hatte sehen dürfen, und setzte sie aufs Haupt. Dann zog er einen bestickten breiten Streifen hervor, den er um die Schultern legte, so daß die Enden vorn fast den Boden berührten. Unbeschreiblich ehrwürdig sah er aus. Li-Erl war so erstaunt, daß er der Geräusche kaum mehr achtete. In diesem Augenblick aber betraten zwei Männergestalten den Raum. Sie trugen eine Papierlampe, deren Schein voll auf Lie-Tse fiel. Entsetzt fuhren die Männer zurück.
„Ein Lama!” riefen beide wie aus einem Munde und berührten den Boden mit den Stirnen wieder und wieder. Zürnen aber herrschte Lie-Tse sie an und hielt ihnen ihr Unrecht vor. Sie bebten vor Angst.
Erstaunt beobachtete Li-Erl. War dem Alten solche Mach über die Menschen gegeben?
Lie-Tse hatte geendet, wankend verließen die Männer den Raum. Nun aber wollte Li-Erl wissen, was sich zugetragen. Sein Lehrer berichtete ihm, aber der Jüngere war damit nicht zufrieden. „Sage mir, mein Vater”, bestürmte er Lie-Tse, „wie komme es, daß die Männer Angst haben vor Dir? Kannst Du sie bestrafen? Was ist eigentlich ein Lama? Du mußt mehr sein als ein Priester Gottes, sonst hättest Du nicht solche Macht.”
„Morgen auf dem Wege will ich Deine Fragen beantworten, mein Sohn”, verhieß der Alte, „für heute laß Dir genügen, daß uns nichts Böses widerfahren wird. Die Männer haben geschworen, unser Leben zu schützen.”
Ohne weiteren Zwischenfall verlief die Nacht. Morgens wurde den Gästen eine reichliche Mahlzeit bereitet. Von den Männern ließ sich keiner sehen, die alte Frau konnte sich nicht genug tun in Unterwürfigkeit und Dienstleistungen.
Sobald als möglich brachen die Wanderer auf und schritten in den frischen Morgen hinein. Li-Erl konnte es kaum erwarten, bis Lie-Tse beginnen würde zu sprechen. Aber sie waren bereits einige Stunden lang gegangen, ehe der Alte sich zu reden entschloß. „Du fragtest mich heute Nacht, mein Sohn”, so begann er fast zögernd, „was ein Lama ist. Ich sagte Dir früher schon, daß in unserm Lande die Priester so genannt werden. Jeder Lama genießt Ansehen; denn er hat mehr gelernt als alle anderen, und er hat sein Leben Gott geweiht, der bei uns, wenigstens war es früher so, der Regierende aller Gedanken und Taten ist.”
Seufzend unterbrach er sich, und Li-Erl benützte die Pause, um rasch einzuwerfen:
„Du sagst früher, mein Vater, ist es jetzt nicht mehr so? Warum wurde es anders? Wenn ein Volk von dem Hocherhabenen weiß, dann muß es doch mit ganzer Kraft an ihm hängen?” „Viele Fragen auf einmal, Li-Erl”, lächelte der Lama gutmütig. „Wir wollen die Beantwortung aufschieben, bis ich die Frage nach dem Lama beantwortet haben werde. Vielleicht wird Dir dann manches andere noch klar.
Also, ich sagte: ein Lama genieße großes Ansehen in unserem Lande und überall, wo Tibetaner in fremden Ländern sich niedergelassen haben.
Die Lamas, die ihr Leben nach Gottes Willen zu verbringen suchen, leben ausschließlich im Gedanken an ihn. All ihr Tun wird dadurch bestimmt, ob sie nun im Tempel opfern, zum Volk reden, Kranke besuchen oder Arme unterstützen, Trauernde trösten: die Menschen an sich sind ihnen nichts als Geschöpfe ihres Herrn, dem sie in ihnen dienen.
Durch dieses ganz in-Gott-versenkt-Sein aber kommt es, daß die meisten der Priester heller sehen und hören als andere Menschen. Ihre innere Verbundenheit mit den oberen Welten erzeugt eine größere Feinfühligkeit für alles, was außerhalb der groben Materie vor sich geht. Daher kommt es, daß solche Lamas, auf Außenposten geschickt, wo kein Befehl von ihren Führern sie erreichen kann, nur in ihr Inneres zu horchen brauchen, um ganz genau zu wissen, was sie in jedem Augenblick zu tun haben. Wie soll ich es nur ausdrücken, damit Du ganz erfassen kannst ... ?”
Rasch unterbrach ihn Li-Erl, der strahlenden Auges gelauscht hatte: „Ich verstehe es gut, mein Vater! Die Lamas leben ein völlig in sich abgeschlossenes Leben mitten im Wirken für andere. Ihre Seelen gehören Gott, ihr Wissen und ihre Kräfte ihren Mitmenschen. Nicht wahr, so ist es?”
„So sollte es wenigstens sein”, sagte Lie-Tse und blickte mit Wohlgefallen auf den Schüler.
„Ich wußte es, denn Du bist so, mein Vater!”
„Nun gibt es aber unter den Lamas solche”, fuhr der Greis fort, „die gewürdigt werden, noch weiter zu schauen als die andern. Sie dürfen mit den Boten Gottes reden und die Befehle aufnehmen, die Gott ihnen für alle sendet. Sie vermitteln sie und sorgen für ihre Ausführung. Je und je bedient sich Gott auch eines solchen gelben Lamas für ein besonderes Erdenwerk ...”
Wieder unterbrach Li-Erl jäh:
„Wie bei Dir, genau wie bei Dir! Du mußtest zu mir kommen, damit ich ein Wahrheitsbringer werden kann. 0, Lie-Tse, wie ist das alles so unausdenkbar groß und erhaben! Der Hocherha bene denkt in seiner Unendlichkeit an uns kleine Menschen, er wägt, was uns nützt und sorgt seit Hunderten von Jahren, daß zur rechten Zeit jemand da ist für irgend eine bestimmte Auf gabe! Das müßte man unter die Menschen rufen, bis sie alle, alle es hören und erahnen! 0, Lie-Tse!” Tief ergriffen schwieg der Jüngling. Nach wenigen Augen blicken aber wandte er sich an seinen Lehrer, der ruhig sinnend neben ihm schritt:
„Vergib, Vater, ich habe Dich wieder unterbrochen. Wann werde ich lernen, nicht zur Unzeit zu reden?”
„Ich sagte”, fuhr Lie-Tse ruhig fort, „daß Gott sich der gelben Lamas manchmal zu besonderen Werken bedient. Das wissen unsere Tibetaner, und darum verehren sie die gelben Lamas ganz besonders. Es muß auch so sein”, sagte der Erzähler ohne jede Überheblichkeit, „denn sonst könnten wir nicht Gottes Gebote durchführen. Oft genug hat Gott durch irgend ein Ereignis unsern Worten Nachdruck verliehen, so daß den Widersetzlichen die Strafe ohne unser Zutun auf der Stelle ereilte.
Das erklärt Dir auch, warum die verbrecherischen Männer heute Nacht vor mir bebten. Sie fürchteten Gottes Gericht, das sie ja sicher früher oder später ereilen wird, denn sie sind große Übeltäter.” „Sind es Leute aus Deinem Lande?” fragte Li-Erl. „Ihr sprachet anders miteinander wie wir es hier tun.”
„Leider sind es Leute aus Tibet, die dort ihrer Übeltaten wegen geflohen sind”, gab Lie-Tse zurück.
„Ach, ich glaubte, in Tibet seien alle Leute rechtschaffen”, seufzte Li-Erl enttäuscht.
„Das waren sie einmal vor etwa hundert Jahren noch”, gab Lie-Tse zurück. „Ich glaube, ich sagte Dir schon früher, daß wir versucht haben, wenigstens in den Klöstern versucht haben, alte Zucht aufrecht zu erhalten. Aber sogar dort ist der Geist des Bösen eingedrungen, wenigstens in Klöster, die in der Ebene liegen. Unsere Bergklöster sind noch verschont geblieben. In ihnen wird Gott gedient aus tiefster Seele, und auch die Bewohner der umliegenden Ortschaften, die mit den Klöstern eng verbunden sind, wissen nichts Besseres, als Gott dienen zu dürfen.”
Wehmütig schwieg der Lama, Li-Erl aber griff seine Worte auf und fragte:
„Du sprichst seit Tagen immer von Gott, und ich glaube, Du meinst damit den Hocherhabenen. Warum tust Du das? Schang-Ti wird auch ‘Gott’ genannt.”
„Ja, es ist ein Gott unter vielen, der Hocherhabene ist Gott. Früher wurde nur er mit diesem Namen genannt, dann gewöhnten sich die Menschen, als sie die Verbindung mit ihm verloren hatten, daran, seine Diener als Götter anzusehen und auch so zu nennen. Es wird eine Zeit kommen, wo allein er, der Hocherhabene, ganz allein wieder den Gottesnamen führen wird.”
„Wollen wir nicht bis zu jener Zeit ihn nicht mehr mit dem mißbrauchten Namen nennen?” bat Li-Erl. „Es schmerzt mich, wenn Du, mein Vater, den Hocherhabenen so rufst.”
„Es sei, wie Du es wünschest”, erwiderte Lie-Tse ernsthaft. Er wußte, daß es so richtig war.
Nun schwiegen sie wieder lange Zeit, und Li-Erl ließ seine Blicke über die sanften Hänge der Hügel schweifen. Immer aber kehrten sie voll Entzücken zum Flusse zurück. Plötzlich kam ihm ein Gedanke, dem er sofort Ausdruck verleihen mußte:
„Sieh das viele Wasser, mein Vater. Wie gut wäre es, wenn die Menschen sich mehrmals im Jahre darin waschen würden. Man müßte es durch ein Gesetz vorschreiben, damit sie es auch wirklich tun!”
Ganz begeistert war er von diesem Gedanken und spann ihn weiter aus.
„Mir scheint, ein Mensch, der nichts Unreines an seinem Körper duldet, wird auch die Seele rein erhalten. Denke nur daran, wie schmutzig die meisten meines Volkes aussehen! Wenn ich einmal etwas zu sagen haben sollte, so werde ich verlangen, daß alle Menschen sich im Flusse waschen.”
„Zum Glück gibt es noch mehr Flüsse in Deinem Lande, Li-Erl, sonst müßten die Leute weite Reisen antreten, um Dein Gebot zu befolgen”, lächelte der Lama.
Aber auch ihm erschien der Gedanke gut. Neues von mancherlei Art drängte in dem Jüngling empor. Mit Freude sah es der Alte. Wenn nur die Zeit bald kommen wollte, in der es verwirklicht werden durfte.
Noch aber hatte Li-Erl viel zu schauen und kennen zu lernen, bis es so weit war! Sie waren nun schon geraume Zeit gewandert und näherten sich der Hauptstadt.
Immer reger wurde der Verkehr auf den Straßen. Zweirädrige, von weißen Rindern gezogene Karren kamen ihnen entgegen oder überholten sie. Reiter auf struppigen Pferdchen zogen vorüber, Lastträger eilten mit gleichmäßig raschem Schritt ihres Weges, die Lasten auf dem Kopf oder auf dem Rücken befördernd. Die Bekleidung aller dieser Menschen war wieder verschieden von der, die die Leute der letzthin durchwanderten Provinz trugen. Deutlich spiegelte sich in der Gewandung der Rang des Bekleideten ab. Die arbeitenden Männer hatten lange Beinkleider aus gefärbtem, meist verwaschen blauem Baumwollstoff und kurze Jacken mit weiten Ärmeln in der gleichen Farbe. An den Füßen trugen sie nichts, doch hatte jahrzehntealter Schmutz sie wie mit festem Leder überzogen.
Die Reiter hatten enge, lange Hosen aus Leder und eine gleichartige ärmellose Weste, die eigentlich nur aus zwei viereckigen Stükken bestand. Diese deckten Brust und Rücken und wurden unter den Armen weitläufig zusammengeschnürt. Anscheinend war für diese Platten gegerbtes Fell verwendet; denn an den Rändern hingen die langen Tierhaare hervor.
Unter dieser Weste trugen die Männer ein kurzes Kleidungsstück mit langen engen Ärmeln, das je nach dem Rang des Tragenden aus Baumwolle oder Seide war. Je vornehmer der Reiter, desto schöner war auch das Brustleder geziert. Meist führten diese Reiter Waffen mit sich: kurze Schwerter und lange, lanzenartige Spieße, die durch eine an der Weste angebrachte Lederschlaufe geschoben waren. Lie-Tse bedeutete seinem Schüler, daß diese Reiter zu der Wache des Kaisers gehörten. Wahrscheinlich müßten sie in gewissen
Abständen die Stadt und ihre Umgebung umreiten, um über die Sicherheit zu wachen.
„Wohnt denn in der Stadt, der wir uns jetzt nahen, der Kaiser?” fragte Li-Erl. „Werden wir ihn sehen dürfen? Hast Du ihn schon einmal gesehen? Ist er jungt Wie heißt er?”
„Ich will versuchen, alle diese ungestümen Fragen auf einmal zu beantworten”, sagte Lie-Tse mit leisem Tadel.
„Wir gelangen jetzt in die Hauptstadt des ganzen unermeßlich weiten Reiches der Mitte. Sie liegt hier an diesem Fluß und heißt Kiang-ning. Der Fluß wird Jang-tse-kiang genannt. Die Stadt ist viele hundert Jahre alt und stark befestigt, wie Du sehen wirst. Einer der sechs starken Türme wird bald in der Ferne auftauchen. In Kiang-ning wohnt der Herrscher, der über das ganze Reich mit seinen zwanzig Provinzen gebietet. Er heißt Hou und entstammt dem mächtigen Geschlechte der Tschou, das seit über fünfhundert Jahren dem Lande die Kaiser geboren hat.
Sehen wirst Du den Kaiser, der sich Sohn des Himmels nennen läßt, wahrscheinlich auf einem seiner Empfänge, bei denen Arm und Reich sich vor ihm verneigen darf, ob Du aber in Berührung mit ihm kommen wirst, vermag ich nicht zu sagen. Das liegt in dem Willen des Hocherhabenen und wird Dir zur rechten Zeit bewußt werden.” Sie waren auf bequemer Straße rüstig ausgeschritten, und plötzlich tauchte einer der von Lie-Tse verheißenen Türme am Horizont auf. Li-Erl hatte ihn sich etwa wie eine sehr umfangreiche Pagode vorgestellt und war nun erstaunt, ein sehr breites steinernes Gebäude zu sehen. Es war rechteckig mit schiefen Wänden, da das Rechteck des Bodens bei weitem größer war als das deckende. Auf Li-Erls Frage erklärte Lie-Tse, daß diese Türme im Falle feindlichen Ansturms unzähligen Kriegern zum Aufenthalt dienen müßten, daher die Größe der Bauwerke. Die schiefen Wände aber seien mit Bedacht errichtet, um stürmendem Steinhagel weniger Angriffsfläche zu bieten.
„Wenn wir näher kommen, wirst Du sehen, daß jeder dieser Türme nochmals einen ebensolchen kleinen auf sich trägt.” Li-Erl schauderte. „Warum müssen solche Dinge sein?” fragte er. „Die Menschen sollen in Frieden leben. Wenn sie dem Hocherhabenen richtig dienen, dann können sie nicht untereinander uneins sein.”
Er hatte aber keine Zeit, diesen Gedanken nachzuhängen, zu viele neue Eindrücke stürmten auf ihn ein. Die Stadt schien wie von einem Gürtel üppiger Obstgärten umgeben, die von arbeitenden Frauen und Kindern belebt waren, zwischen denen zahllose kleine Hunde umhersprangen, die ihn an das Hündchen daheim gemahnten. Erst am folgenden Morgen durchschritten sie das Tor an der Ostseite der Stadt. Es war den Türmen ähnlich aus festen Steinen erbaut und zeigte keinerlei Zier. Das enttäuschte Li-Erl, der Schöneres gesehen hatte. Als sie aber Auskunft über sich gegeben hatten und in die Stadt eintreten durften, forderte Lie-Tse seinen Begleiter auf, sich umzuschauen.
Da war dieses nackte steinerne Tor wie verwandelt. Die ganze, der Stadt zugekehrte Seite war mit hölzernem Schnitzwerk köstlichster Art wie überzogen. Farbenprächtig schimmerte es. Zum Stehenbleiben und Staunen aber war keine Zeit. Li-Erl wurde von eiligen Fußgängern fast umgerissen und mußte sich entschließen, dem rüstig voranschreitenden Lie-Tse zu folgen, der in ein Gewirr kleiner Gassen einbog, die von allerhand Gerüchen erfüllt waren. Die Ankömmlinge mußten sich durch Menschen, Tiere und Geräte förmlich hindurchwinden. Es schien, als spiele sich das Leben dieser Bewohner gänzlich auf der Gasse ab.
Endlich mündete ein besonders enges Gäßchen unerwartet auf einen freien Platz. Hier erhob sich ein großer, schöner Tempel mit gelbem Dach und hoher Pagode. Zahllose Stufen führten zum Portal hinauf.
„Dies ist der Tempel des Himmels,” erklärte Lie-Tse. „Da sich die Kaiser Söhne des Himmels nennen, darf dieses Dach die gelbe kaiserliche Farbe tragen. Wir werden diesen Tempel bald betreten. Für jetzt laß uns den Gastfreund aufsuchen, der uns angeboten hat, zunächst bei ihm zu wohnen.
Es ist ein sehr gelehrter Lama aus Tibet, der schon lange in Kiang-ning lebt und sich mit dem Ordnen der Handschriften im Kaiserpalast beschäftigt. Von diesem Manne kannst Du viel lernen, sobald es Dir gelingt, ihn auf Dich aufmerksam zu machen. Gewöhnlich ist er so in seine Arbeit versenkt, daß er seiner Umwelt nicht achtet.” Einen Augenblick schwieg der Lama, dann fuhr er freundlich fort: „Du wunderst Dich, warum ich Dir das nicht schon früher erzählte. Auf dem Wege solltest Du durch nichts abgelenkt werden, und jetzt ist es ja noch Zeit genug, daß Deine Gedanken sich dem Gastfreund zuwenden.”
Wieder schritten sie durch ein Gewirr von Gassen und blieben endlich vor einem unscheinbaren Hause stehen, das sich aber doch von den andern durch größere Sauberkeit und eine etwas andere Bauart unterschied.
Es war Li-Erl bereits aufgefallen, daß die meisten Häuser ohne Sorgfalt errichtet waren. Nicht alle Mauern waren gleich lang, so daß die kleinen Gebäude schief und krumm in den Gassen standen. Nicht einmal die Türen hatten rechteckige Form, sondern schienen irgendwie in die Vorderwand hineingeschnitten.
Das sehr kleine Haus, das sie jetzt betraten, war auffallend sorgfältig errichtet. Wohl war das Material nicht besser als das der umliegenden Häuser: wenige Steine, Holz und Stroh, aber es war zweckmäßiger verwendet. Auch das Innere zeichnete sich durch wohltuende Sauberkeit aus.
Ein alter Mann nahte sich den Wanderern, brach aber, als er Lie-Tses ansichtig wurde, in jubelnde Worte aus, die Li-Erl nicht verstand. Dann zog er den Saum von Lie-Tses Gewand an die Lippen, neigte sich vor Li-Erl und verschwand hinter einem wunderbar schönen Vorhang, auf dem ein einziger großer Drache gestickt war. Bald danach erschien der Herr des Hauses, ein weißhaariger, ehrwürdiger Mann mit ebenso strahlenden Augen unter buschigen Brauen wie Lie-Tse sie hatte.
Die Landsleute Li-Erls schnitten sich die Augenbrauen ab, daß sie ganz flach im Gesicht standen. Es war ihm schon aufgefallen, daß alle Leute aus Tibet, die sie getroffen hatten, diese Haare wild wachsen ließen.
Davon konnte aber doch das vertiefte Leuchten der Augen nicht herrühren? Das mußte aus den Seelen kommen. Und Li-Erls Seele flog der des Gastfreundes entgegen in großer Freude. Dieser aber neigte sich tief und sprach:
„Willkommen in meinem Hause. Es sei das Deine, so lange Du darin weilen magst.”
Li-Erl nahm ohne weiteres an, daß diese Worte Lie-Tse galten, aber sein Erstaunen war groß, als der Alte fortfuhr:
„Li-Erl, Sohn der himmlischen Gärten, Großes hat Gott mir gewährt, daß ich Dich schauen darf. Rein hast Du Dich erhalten, wie er Dich sandte. Rein sollst Du unter die Menschen gehen, das verlöschende Licht zu entfachen, die Wahrheit wieder zu bringen auf die in Sünde erstickende Welt.”
Der Angeredete wußte nicht, was er sagen sollte. Zu groß war, was er eben vernommen. Er wußte wohl, daß er zum Wahrheitsbringer erkoren, aber noch hatte niemand außer Lie-Tse davon gesprochen, noch lag ihm die Zeit seines Wirkens unwahr scheinlich fern. Er ahnte nicht, daß dieses Wirken bereits in aller Stille begonnen, und daß er gezeichnet war als Gottes Bote mit einem für Menschenaugen unsichtbaren Zeichen.
Aber auch Lie-Tse war betroffen. Er, der immer um Li-Erl gewesen, hatte dieses Zeichen nicht bemerkt. Jetzt sah er es, da der Gastfreund es erkannt hatte. Reine Freude erfüllte ihn. So gestaltete sich der Einzug in das Heim des Pe-Yang völlig anders, als die Wanderer erwartet hatten. Froh und frei stand der Jüngling hinfort zwischen den beiden gelehrten Greisen, von ihnen lernend, ihre große Weisheit nützend, und doch der Spendende! Er gab unbewußt Kräfte, die ihm von oben zuströmten, weiter, er stärkte ihre alt und müde gewordenen Seelen, daß sie voll neuer Zuversicht ins Leben schauten, neue Aufgaben erahnend. Am liebsten hätte Li-Erl sich sofort um Belehrung an Pe-Yang gewendet, dessen einfachste Worte ihm schon tiefgründig erschienen, aber die beiden Lamas hatten anderes im Sinn.
Zunächst sollte der Jüngling die Hauptstadt kennenlernen, und das brauchte Zeit. Unterwarf sich Li-Erl anfangs nur widerwillig dieser Anordnung, so fand er rasch Gefallen daran und freute sich jeden Tag aufs neue über alles, was sich ihm bot. Die Tempel, deren es zahlreiche gab, waren überreich geschmückt, und es fanden sich viele Dinge von wirklicher Schönheit neben zahllosen Abstoßendem und Fratzenhaftem.
Den Priestern, mit denen er zusammentraf, fiel er nicht auf. Sie konnten das Zeichen nicht sehen und betrachteten ihn als unreifen, wissensdurstigen Schüler aus der Provinz. Da er aber von einem Lama begleitet war, duldeten sie ihn. Pe-Yang nahm an diesen Ausgängen nie teil, aber er ließ sich abends berichten, und aus der Art, wie er Li-Erls Schilderungen aufnahm, lernte dieser. Immer deutlicher empfand Li-Erl, daß der Kampf gegen die Dämonen, gegen den finsteren, zerstörenden Glauben an diese von Menschen geschaffenen Gebilde seine erste Aufgabe sein müsse.
Er versuchte, auch mit Pe-Yang darüber zu sprechen, fand aber keinen Widerhall. Freundlich lauschte der alte Lama seinen Worten, ohne seinerseits ein einziges hinzuzufügen. Das fiel Li-Erl auf. Er wandte sich an Lie-Tse, um den Grund zu erfahren. „Du mußt ihn selber danach fragen, Li-Erl,” war die unbe-friedigende Antwort.
Längere Zeit verstrich, ohne daß Li-Erl die Frage wagte. Eines Tages, als entsetzliche Vorkommnisse in einem der Tempel den Jüngling tief erregt hatten, aber brach es aus ihm hervor:
„Ich erzähle Dir so Schreckliches, mein Vater. Ich möchte von Dir hören, wann die Zeit gekommen sein wird, daß Wandel geschaffen werden kann. Ich möchte von Dir wissen, was Du darüber denkst, denn Deine Gedanken sind tiefer als die anderer Menschen, und Du schweigst! Warum tust Du das? Bin ich zu kindisch, um an Deiner Weisheit teil zu haben?”
„Li-Erl,” sagte der Alte mit tiefer Stimme, der man die innere Bewegung anhörte, „Li-Erl, nicht zu kindisch bist Du Aber besinne Dich: zum Wahrheitsbringer bist Du gesendet aus himmlischen Gärten. Sollte der, der Dich auserwählt, Dir nicht die Wege weisen, die Du schreiten sollst? Da darf kein Menschenwort Dich leiten wollen, kein Menschenwissen sich Dir nahen! Ich darf nur anhören, was aus Deiner Seele sprudelt, damit es Ruhe in Dir werde, ehe Du an Deine Aufgabe herantrittst. Mehr darf keiner von uns tun. Ein Mehr wäre Sünde gegen Gott.”
Ergriffen schwiegen alle drei. Über den Jüngling aber kam es wie eine Weihe. Von dieser Stunde an sah er sein Leben anders, ergriff er alles, was sich ihm bot, in völlig neuer Weise. Er war gereift, war sich der göttlichen Führung bewußt geworden.
Da trat Neues in sein Leben. Schon am nächsten Morgen führte Pe-Yang ihm einen jungen Würdenträger, der als Schüler öfters ins Haus kam, zu und ordnete an, daß Hai-Tan künftig Li-Erl begleiten und ihm auch anderes als die Tempel zeigen sollte. Hai-Tan war bedeutend älter als Li-Erl, aber er hatte ein unbefangenes, fröhliches
Wesen und freute sich, durch Bekanntmachen Li-Erls mit allem, was Kiang-ning Schönes bot, dem alten Lehrer gefällig sein zu können.
Ein ganz neues Leben tat sich vor Li-Erl auf. Anfangs wagte er sich nur zaghaft in die prächtigen Bazare, wo köstliche Waren feilgeboten wurden. Dann aber fand er Gefallen an dem Schönen, für das seine Sinne von jeher sehr empfänglich gewesen waren. Hai-Tan führte ihn auch in die Stätten der Arbeit, wo Kaoling und Seide erzeugt wurden. Er hatte überall Zutritt und nahm den wißbegierigen Jüngling gern mit. Ihm selbst erschien jetzt alles wichtiger, seit er das Interesse Li-Erls wahrnahm.
Von tieferen Dingen sprachen sie nie. Es widerstrebte Li-Erl, der scherzenden Art Hai-Tans mit dem zu begegnen, was seine Seele bewegte, und der junge Mandarin schien nichts anderes zu begehren.
Eines Tages versprach Hai-Tan seinem Begleiter eine ganz besondere Freude. Er dürfe ihn am Abend in eine Gaststätte begleiten. Li-Erl konnte sich nichts darunter vorstellen, aber da der Ältere mit solch geheimnisvoller Freude davon sprach, freute er sich auch. Es war jedenfalls etwas ganz neues, am Abend durch die Straßen Kiang-nings zu gehen.
Hai-Tan suchte niemals Gäßchen und Winkelgassen auf, sondern führte seinen Begleiter stets über prächtige Straßen. Längst schon hatte er darauf bestanden, daß Li-Erl sein heimisches, unscheinbares Gewand gegen seidenes Zeug vertauschte, das nicht von der Kleidung anderer junger Männer abstach.
Sie betraten am Abend einen hell erleuchteten Raum, in dem viele Menschen speisten. Es schien absonderliche Gerichte zu geben, die Li-Erl noch niemals gesehen hatte. Hai-Tan forderte ihn auf, davon zu kosten, aber er war nicht dazu zu bewegen, sondern verlangte Reis und Früchte. Hai-Tan lachte.
„Du wirst schon lernen, Gefallen daran zu finden. Jedenfalls mußt Du Saké trinken, das gehört sich.”
Aber schon nach dem ersten Schluck dieses berauschenden Getränkes wies Li-Erl den Becher mit aller Entschiedenheit zurück und bestellte den gewohnten Tee. Der Wärter, der die Getränke brachte, grinste unverhohlen, aber Li-Erl tat, als merke er es nicht.
Als sie mit Speisen fertig waren, wollte er heimgehen, doch Hai-Tan bedeutete ihn, daß nun die Freude erst beginne.
Sie schritten einem anderen Raume zu, aus dem Musik tönte. Es waren eigentümliche Klänge von besonderem Rhythmus, die Li-Erl unangenehm erschienen. Er konnte sich nicht Rechenschaft ablegen, warum sie ihn so berührten, aber am liebsten hätte er den Heimweg angetreten. Da war es ihm aber, als würde jemand leise zu ihm sprechen:
„Du sollst schauen, soviel Du vermagst, auch wenn das, was Dir gezeigt wird, nicht in den Gesetzen Gottes schwingt.” Ach ja, er mußte ja auch Unschönes kennenlernen. Fest machte er sein Herz und trat ein. Es war ein mäßig großer Raum, der durchaus mit Teppichen belegt und verhangen war. Auf Kostbarkeit oder Schönheit war nicht Rücksicht genommen, es erweckte nur den Anschein großer Bequemlichkeit.
An der Rückwand standen und saßen auffallend gekleidete Frauen mit Saitenspielen, die sich in den Hüften wiegend ihren Instrumenten eintönige Klänge entlockten. Sie schienen es ohne Freude zu tun, und es wirkte auch freudlos auf Li-Erl.
Die wenigen Besucher dieses Raumes saßen verstreut auf weichen Kissen am Boden; auch sie strahlten keine Freude aus. „Weshalb geht man hierher?” fragte Li-Erl verwundert. Hai-Tan lachte.
„Du wirst es gleich sehen,” gab er geheimnisvoll zur Antwort, danach setzten auch sie sich, nachdem der Ältere sorgfältig den Platz gewählt hatte.
Die Musik begann eine neue Weise. Im Hintergrund verschoben sich Vorhänge und sieben eigenartig bekleidete Mädchen traten heraus. Entsetzt blickte Li-Erl auf sie.
„Wie dürfen Mädchen sich vor den Männern zeigen?” rief er fast laut aus. „Sogar bei den Ritterspielen machen Männer die Frauenrollen, denn die Götter haben verboten, daß Mädchen sich zur Schau stellen!”
Hai-Tan zuckte mit den Achseln.
„Du junger Heiliger wirst noch manches sehen, was Dein ab-geschlossenes Leben Dich nicht gelehrt hat. Deswegen sollst Du ja gerade mit mir gehen. Glaube mir, wenn alle Menschen nur täten, was die Götter erlaubt haben, es wäre ein langweiliges Leben. Gerade das Verbotene macht das Leben schön.”
Wieder bedurfte es der ganzen Kraft Li-Erls, ihn hier festzuhalten. Ungute Strömungen umwogten ihn und schienen ihn zu umschnüren. Schwer ging sein Atem. Da rief er in seinem Inneren zu Gott: „O Du Erhabener, auf dessen Befehl ich hier sein muß, laß mich nicht Schaden nehmen, und laß dieses schreckliche Schauen nicht vergeblich sein.”
Danach lehnte er sich in seine Kissen zurück und versuchte, möglichst gleichmütig zu betrachten, was es zu sehen gab. Hai-Tan aber lächelte: der junge Mann würde sich schon gewöhnen! Nun begannen die Mädchen tanzend auf die Besucher zuzuschreiten. Sie neigten sich im Klange der Instrumente, sie drehten sich und verrenkten ihre Glieder. Schön war es wahrlich nicht, was sie taten, dachte Li-Erl. Aber er konnte auch nicht leugnen, daß die Gestalten schön waren. Besonders ein junges Mädchen von schlankem Wuchse zog aller Blicke auf sich. Fein und zart waren ihre Glieder.
Plötzlich brach sie mitten im Tanze ab und eilte nach den Vorhängen zurück, aus denen sie getreten war. Ein älteres Mädchen versperrte ihr den Weg und rief ihr hastig ein paar Worte zu, auf die die Kleine antwortete.
Der Tanz brach ab, alle Mädchen scharten sich um die Beiden. Erstaunt blickten die Gäste auf die Gruppe. Etwas Derartiges war noch nie dagewesen. Aus dem Hintergrund gesellte sich eine alte Frau zu den aufgeregten Tänzerinnen, danach ein alter Mann. Die Erregung wuchs immer mehr.
Nach längerem Hin- und Herreden schritt der Mann auf die beiden Besucher zu, die zuletzt gekommen waren. Er wandte sich an Li-Erl:
„Herr, wir bitten Dich, den Raum zu verlassen. Ta-Li will nicht vor Dir tanzen.”
Alles blickte entsetzt oder schadenfroh nach dem Ausgewiesenen hin und Hai-Tan rief:
„Das ist eine Schmach, die man meinem Freunde nicht ungestraft zufügen darf. Ihr werdet bereuen, was Ihr getan; denn er steht unter meinem Schutze.”
Da erhob sich Li-Erl. Ohne weitere Überlegung sprach er mit klingender Stimme
„Du irrst, Hai-Tan. Es ist keine Schmach, sondern eine Ehre für mich, wenn ein Mädchen sich besinnt, daß es gegen der Götter Willen handelt. Wie eine Blume soll das Weib im Leben der Männer stehen: rein und froh. Solche Mädchen aber, wie diese hier, sind in den Kot der Straße getreten, niemand kann sich ihrer mehr freuen.” Die Besucher waren aufgesprungen. Sie wollten den Sonderling sehen, der es wagte, an diesem Orte zu predigen. Aber erstaunt schauten sie auf ihn. Es war ein schöner Jüngling mit strahlenden Augen. Leuchten ging von ihm aus. Betreten wichen sie wieder zu-rück. Auch der Mann wußte nicht, was er darauf sagen sollte. Unter den Mädchen aber entstand eine Bewegung. Die Jüngste lag weinend am Boden, das Gesicht verhüllt. Eine der Älteren aber trat auf Li-Erl zu mit mehr Anstand, als er erwartet hatte und sagte: „Herr, ich danke Dir! Von heute an werden meine Schwester und ich andere Wege des Erwerbs suchen. Niemand hat so zu uns gesprochen wie Du, alle haben uns in diese Arbeit gedrängt und uns gepriesen, daß wir es taten. Du aber mußt ein Bote der Götter sein, daß Du unsere Herzen so gefangen genommen. Ich war noch niemals im Tempel, aber ich werde von morgen an die Priester aufsuchen. Ich danke Dir!”
Sie neigte sich anmutig und trat eilends zurück. Sanft half sie der am Boden liegenden Schwester auf und verließ mit ihr den Raum. Da drängten auch die bisher unentschlossen stehenden Mädchen nach. Das Fest war zu Ende! Die Besucher entfernten sich zögernd. Auch Li-Erl wollte sich zum Gehen wenden. Da vertrat ihm der alte Mann den Weg.
„Du hast mein Geschäft verdorben, Fremdling. Was gibst Du mir dafür?”
Er hatte mit Li-Erls Unerfahrenheit gerechnet, aber Hai-Tan vergessen. Mit scharfer Stimme erinnerte dieser ihn daran, daß er die Anzeige bei den Priestern zu scheuen habe. Daß er am besten täte, eiligst in eine andere Stadt zu ziehen.
Mit großen Augen schaute Li-Erl auf die Beiden.
„Du Mann,” sagte er, „Dir ist wohlbekannt, daß Du tatest, was den Göttern nicht gefällt. Willst Du nicht froh sein, daß Du noch recht-
zeitig auf Dein Tun gewiesen wurdest? Gib Dein unrecht Geschäft auf, so wirst Du Deinen Lohn von oben empfangen.”
Der Mann lachte ein übles Lachen und eine Flut häßlicher Reden entquoll seinem Munde. Li-Erl wandte sich ab und verließ mit Hai-Tan das Haus.
Schweigend legten sie den langen Weg bis zu Pe-Yangs Behausung zurück. In Li-Erl arbeitete und wogte es. Hai-Tan aber erahnte leise, daß dieser Unerfahrene, auf den er ein wenig spöttisch geblickt, reiner und besser war als andere Menschen. Er wollte nicht mit seiner Weltweisheit das kindliche Wissen Li-Erls stören.
Beide Gefährten durchwachten die Nacht. Li-Erl versuchte, einen Weg zu finden, wie man solchen armen Mädchen helfen, wie man solche schlimme Männer hindern könne, ihr böses Gewerbe weiter zu treiben. Nach seiner Gewohnheit wollte er erst selber mit seinen Gedanken fertig werden, ehe er mit den Lamas sprach. Hai-Tan dagegen war von Li-Erls Wesen in tiefster Seele gepackt, ohne es zu wissen. Ein Sehnen nach Reinheit, nach Verbindung mit den Göttern entstand in ihm und wuchs, je weiter die Nacht vorschritt.
Am nächsten Tage kam er nicht zu Li-Erl, der ihn, in seinen Gedanken befangen, nicht vermißte. Abends aber erschien er, ein veränderter Gefährte.
„Ich kann Dir nichts mehr zeigen, Li-Erl,” begann er fast demütig. „Was ich kenne, würde Dich alles herabziehen. Nun ist die Reihe an Dir, mich zu lehren. Du weißt Dinge, die hinauf führen. Die zeige mir.”
Große Freude durchzog Li-Erls Seele. Wenn Hai-Tan sich von dem irdischen Trachten losmachte, so konnte er der Freund werden, der helfende, den Li-Erl sich ersehnte.
Die ganze Nacht sprachen die beiden miteinander. Am Morgen traten sie gemeinsam vor Lie-Tse, ihm zu sagen, daß Hai-Tan willens sei, Li-Erl fernerhin als Helfer und Beschützer zu begleiten, daß es ihm aber nicht mehr möglich sei, dem Freunde anderes zu zeigen, als was er zu sehen begehre.
Lie-Tse schien durchaus nicht überrascht. Er hatte kommen sehen, was sich da begeben. Aber er kündete Li-Erl, daß seine Zeit nun verstrichen sei. Er, Lie-Tse, dürfe jetzt in sein Kloster nach Ti-
bet zurückkehren, nachdem Li-Erl einen irdischen Schützer gefunden und Pe-Yang als Lehrer ihm zur Seite stehen würde. Li-Erl erschrak. So lange er denken konnte, war Lie-Tse ihm zur Seite gewesen, nun sollte er ihn künftig entbehren! Er liebte seinen Lehrer und kannte niemand, dem er in gleichem Maße Vertrauen schenkte. Pe-Yang verehrte und bewunderte er, aber er war kein Ersatz für den väterlichen Freund. Er bat, der Lama möge noch eine Zeitlang bei ihm bleiben, bis er sich an den Gedanken der Trennung gewöhnt habe. Aber ruhig schüttelte Lie-Tse das Haupt. „Gottes Auftrag war, Dich so länge zu begleiten, bis Du selber Dir einen weltlichen Begleiter erwählen würdest. Das ist geschehen. Nun rufen mich meine Pflichten zurück in mein Kloster.” „Darf ich mit Dir ziehen?” fragte Li-Erl, den das Plötzliche völlig betäubt hatte. „Schon lange wünschte ich, Tibet und das Leben in den Klöstern aus eigener Anschauung kennen zu lernen.” Er hatte gehofft, Lie-Tse werde der Bitte willfahren; denn oftmals hatte der Lama darauf hingewiesen, wie nützlich eine Kenntnis von Tibets Sitten dem jungen Wahrheitsbringer sein könne. Aber auch jetzt verneinte der Alte.
„Es ist noch nicht an der Zeit. Wir werden uns wiedersehen; wenn Du älter und reifer geworden sein wirst. Auch ich habe in diesen Jahren manches gelernt, das ich in meinem Kloster nützlich anzuwenden hoffe. Danach will ich Deinem Kommen ent-gegenleben, Li-Erl.”
Er veranlaßte den Jüngling, mit ihm in den Tempel des Himmels zu gehen, wo sie in einer verborgenen Nische besonders gern den Hocherhabenen angerufen hatten. Dort beteten sie miteinander und der greise Lehrer segnete den Schüler, dem er jahrelang sein Bestes gegeben. Und während Li-Erl noch in Andacht versunken auf den Knien lag, ging Lie-Tse langsamen Schrittes aus dem Tempel und war verschwunden.
Während der nächsten Tage ging Li-Erl umher wie im Traum. Er konnte sich in die Abwesenheit Lie-Tses nicht finden, obwohl er sich sagen mußte, daß sein Lehrer ihn in den letzten Monaten sehr viel sich selbst überlassen hatte. Aber abends war er doch zu treffen gewesen und hatte oft genug geholfen, Ordnung in Li-Erls Gedanken zu bringen.
Hai-Tan war bekümmert, daß seine Bitte, Li-Erl begleiten zu dürfen, den Lama zur Abreise veranlaßt habe. Er verstand die Zusammenhänge nicht und vermutete Eifersucht im Handeln des Alten. Als Li-Erl dies merkte, bemühte er sich, zu erklären, wie jede Tat, ja fast jedes Wort des greisen Lehrers von Gott bestimmt gewesen, um des Schülers Leben in ganz festgelegter Art zu formen. Über dem Erklären aber ging ihm selber die Selbstlosigkeit des Lamas und das Überwältigende der göttlichen Führung auf, so daß er staunend und anbetend in sich still wurde.
Nun trat er auch wieder in Pe-Yangs Arbeitsgemach, wo er den Weisen über seinen Schriften fand, als seien nicht Tage seit ihrem letzten Sprechen vergangen. Freundlich nahm Pe-Yang es auf, als Li-Erl bat, ihm nunmehr regelmäßigen Unterricht. zu erteilen. „Ich will es gern tun, Li-Erl,” sagte der Lama gütig. „Aber eines muß ich Dir vorweg sagen: Bisher regelte Lie-Tse Dein Leben so, wie die Götter es ihm wiesen. Er ist gegangen. Ich aber erhalte keine Weisungen von oben, die Dich betreffen. Ich habe nur den Auftrag, Dich das zu lehren, was Du begehren wirst. In Deiner eigenen Hand wird künftig die Gestaltung Deines Lebens liegen.” „Wie kann ich wissen, was ich tun soll!” rief Li-Erl ratlos aus. „Indem Du in Dich hinein horchst, mein Sohn,” gab der Alte ernst zurück. „Du wirst geführt, höre auf die Führung. Erbitte Dir alle Tage offene Ohren für die Stimmen von oben, die manchmal nur leise und zart erklingen werden. Sie werden Dich weisen. Dann lasse alles andere beiseite und tue, was die Stimmen von Dir fordern, und Dein Leben wird genau so geführt werden wie seither bis zu dem Zeitpunkt, wo Du gereift genug sein wirst, Dich selber und danach Dein Volk zu führen. Mühe Dich, denn diese Zeit kommt nahe herbei.”
Des Hinweises auf die Stimmen hätte es wohl kaum bedurft. Li-Erl war gewohnt, auf sie zu lauschen. Aber es war ihm eine Stärkung, daß der Lama so selbstverständlich und doch so feierlich von ihnen sprach. Er hatte diese Gedanken noch nicht völlig zu Ende gedacht, da fragte Pe-Yang:
„Wie hast Du Dir das Lernen bei mir vorgestellt, Li-Erl?” Und als dieser betroffen schwieg, weil er keine Antwort zu geben wußte, fragte Pe-Yang weiter:
„Willst Du immer nur dann kommen, wenn es Dich drängt, Neues zu hören, oder wollen wir täglich bestimmte Stunden der Arbeit vorbehalten?”
„Darf ich alle Morgen zu Dir kommen wie heute?” bat Li-Erl. „Ich weiß, daß ich von Dir Aufschluß darüber erhalten kann, wie die Welt beschaffen ist, die wir nicht sehen.”
Dies sagte er ohne Überlegung, ganz von innen heraus, und staunte dann selbst über seine Worte.
Pe-Yang aber lächelte freundlich.
„So bist Du auf dem rechten Wege, Schüler. Viel kann ich Dich nicht lehren, aber was ich selber weiß, sei Dein.” Danach aber wurde er ernst und sagte:
„Du weißt, daß ein unsichtbarer, hocherhabener Geist uns alle regiert. Du weißt, daß wir viele Namen für ihn haben. Er hat alles geschaffen, was wir sehen und alles, was wir nicht sehen. Aber wie ein Großer auf Erden nur anordnet und Diener hat zur Ausführung, so hat er auch nur in allem den Anfang selber gemacht, das Übrige überließ er seinen Geschöpfen.
Alles Lebende auf Erden mit Ausnahme der Menschen schuf die Sonne, in die der Hocherhabene seine Wärme hineingelegt. Tiere und Pflanzen, Wolken und Wogen sind Sonnengeschöpfe, die von ihr abhängen. Auf Befehl des Hocherhabenen regelt sie ihr Leben, ihr Wohlbefinden, ihr Vergehen. Goldgelb ist sie, darum ist gelb unsere heilige Farbe.”
Aufmerksam lauschte Li-Erl. Er konnte sich nicht vorstellen, wie die Sonne Tiere und Pflanzen schuf. Er hatte nur beobachtet, wie sie Keime entfalten ließ, aber diese Keime mußten doch zuerst dagewesen sein. Daß sie erhaltende und vernichtende Kraft hatte, das wußte er, aber schaffende?
Das war nun schon das erste, was unverstanden und unverstehbar an seine Seele pochte. Wer sollte ihm antworten? Heiß wallte die, Sehnsucht nach seinem alten Lehrer in ihm auf. Lie-Tse hatte niemals etwas gesagt, das Widerspruch in ihm wachrief. Aber das mußte nun wohl so sein.
Er wagte nicht zu fragen, denn ohne Unterbrechung entwickelte der Alte ihm sein Wissen vom Unsichtbaren. Vieles war herrlich, Li-Erl konnte es ohne weiteres glauben. Aber dann kam anderes, das sich wie eine graue Wolke über des Jünglings Sinne legte. Eben jetzt sagte Pe-Yang:
„Ich will Dir ein Geheimnis künden, Li-Erl. Der Hocherhabene hat viele Kinder, Söhne und auch Töchter. Die sendet er in gewissen Zeitabständen auf die Erde, damit das Wissen von ihm nicht aufhöre, und damit sie ihm Kunde bringen von dem Tun und Treiben der Menschen.” Nun unterbrach Li-Erl doch.
„Lie-Tse sagte, mein Vater, daß der Hocherhabene nur zwei Söhne habe, die erst in urfernen Zeiten die Erde betreten würden. Was meinst Du mit den andern Kindern? Ist das nur ein menschlicher Name für Wahrheitsbringer? Dann finde ich ihn aber anmaßend und schlecht.”
Li-Erl hatte sich in Eifer geredet, seine Augen funkelten. Pe-Yang blickte ihn zufrieden an.
„So gefällst Du-mir, Li-Erl. Bleibe so bescheiden. Das kann Dir nur nützen.”
Danach versank er in Schweigen und nach wenigen Augenblikken wendete er sich wieder seinem Buche zu, als sei niemals eine Unterbrechung in seiner Arbeit eingetreten. Augenscheinlich wollte er heute nicht mehr reden.
Sehr bestürzt suchte Li-Erl sein eigenes, schmales Gemach auf. Er durchmaß es mit stürmischen Schritten. Augenscheinlich war er auf Befehl des Hocherhabenen zu Pe-Yang gekommen. Wenn dieser ihn aber nun Falsches lehrtet. Noch wußte er, was Lie-Tse ihm gesagt, aber wie würde es werden, wenn er tiefer in das Wissen des Lama eindrang? Konnte er dann selber unterscheiden? Große innere Not überfiel ihn, ganz verlassen kam er sich vor. Und mitten im Ringen und Kämpfen wurde ihm bewußt, daß auch dieses zur inneren Erstarkung dienen sollte. Und allein war er auch nicht. Wie früher schon, konnte er einen lichten Boten Gottes sehen, der sich ihm nahte, ihm Klarheit zu bringen.
Hold wie Gesang dünkte ihm die Stimme, wiewohl er sich bewußt war, daß sie nur in seinem Inneren ertönte.
„Li-Erl,” erklang es, „verzage nicht. Du sollst ein Künder des Hocherhabenen werden. Viel unsichtbare Helfer umgeben Dich. Bleibe Dir dessen bewußt in jeder Lage. Deines Lebens, und Du wirst die Hilfe spüren.”
„Gottesbote, ich danke Dir!” rief Li-Erl, den große Zuversicht zu erfüllen begann. „Einsam glaubte ich mich und noch so unwert des hohen Auftrages. Hilf mir! Sage mir, was ich mit den Weisheiten Pe-Yangs beginnen soll, die doch keine Wahrheiten sind.” „Li-Erl, Du sollst die Weisheit der Welt kennen lernen. Du sollst erfahren, was die Menschen glauben, die überhaupt sich noch mit den Gedanken an den Hocherhabenen befassen. Die anderen sind leicht zu durchschauen: sie leben nach eigenem Gefallen fern alles Geistigen dahin. Sie werden vergebens ihre Fangarme nach Dir ausstrecken. Aber Weise, Gelehrte und fromme Männer, denn Pe-Yang ist ein frommer Weiser, haben zum Teil das Wissen um Göttliches durch eigene Gedanken ersetzt. Das sind die Leute, die denen gefährlich werden können, die nach Gott suchen.
Du trägst die Wahrheit von oben in Dir. Laß sie erwachen, Li-Erl! Was immer Du auch hören magst: lausche in Dich hinein und vergleiche. Hält es dem nicht stand, was tief innen in Dir lebt, so ist es falsch, so gut es auch klingen mag.
Merke aber auch wohl auf: was Du auf solche Weise erfahren wirst, soll Dir die Waffen in die Hand drücken zum Kampf gegen alles Dunkel! Du sollst ein lichter Künder Gottes werden, Li-Erl. Vergiß das nicht. Licht soll in Dir und um Dich sein. Darum wirf auch alles Grübeln und Zagen von Dir. Es ist unmännlich und falsch.” Schon wandte der Bote sich von ihm, da ertönte nochmals seine Stimme:
„Vergiß nicht, an jedem Tag Verbindung mit dem Hocherhabenen zu suchen. Wiewohl niemals ein Mensch ihn erreichen kann, so führen doch viele Fäden, Brücken, Strahlen in seine Nähe. Jeder Gottsucher nennt das, was er gefunden, anders, aber es ist immer das Gleiche: das, was die von oben stammende Seele wieder nach oben zieht.” Erquickender Schlaf umfing Li-Erl, der spät am Tage neugestärkt und frohgemut erwachte. Er trat vor den kleinen Altar, den er in einer Ecke seines Gemachs sich errichtet hatte, ähnlich dem der Mutter daheim. Heiße Dankgebete stiegen auf zu dem Hocherhabenen, der ihn, den jungen Li-Erl, eines so großen Amtes gewürdigt. Und während er betete, war es ihm, als tue sich hier und dort in seinem Geiste ein Türchen auf, daß er schauen durfte in niegeahnte Weiten künftigen Schaffens und geistigen Wissens. -
Hai-Tan habe mehrmals nach ihm gefragt, berichtete der alte Diener. Nun harre er eines Rufes. Aber Li-Erl wollte damit bis zum kommenden Tage warten. Er liebte das Alleinsein mit seinen Gedanken.
Am nächsten Morgen zur gewohnten Stunde erschien er bei Pe-Yang, der sich ihm freundlich zuwandte. Hatte er ihn gestern nicht vermißt? Aus seinem Benehmen ließ sich auf nichts schließen, es war gleichmäßig gütig.
Kaum hatte Li-Erl Platz genommen, so fuhr der alte Lama da fort, wo er stehen geblieben war, ehe des Schülers Ausruf ihm den Faden der Rede durchschnitten hatte.
„Gott, der Hocherhabene, sendet seine Söhne und Töchter zur Erde. Das darfst Du Dir nicht vorstellen, als geschehe das mit ei-nem großen Aufwand von Pracht. Nein, Li-Erl, sie sind nicht anders als Du und ich.”
Einen Augenblick zögerte Pe-Yang und schaute durchdringend auf den vor ihm Sitzenden, doch dessen Antlitz blieb unbeweglich. „Wie andere Menschen auch werden sie auf die Erde geboren, meistens zwei zur gleichen Zeit, damit sie es leichter haben. Aber sie müssen an verschiedenen Orten leben und dürfen sich nur manchmal begegnen. Unsere Gelehrten haben errechnet, daß jetzt wieder die Zeit für einen Gottessohn gekommen ist.” Wieder schwieg der Alte einen Augenblick. In Li-Erl aber sprach die innere Stimme ganz laut, so daß er äußerlich ruhig bleiben konnte.
Pe-Yang begann von neuem:
„Alte Weissagungen weisen auf diese Zeit, und unsere Gelehrtesten bestätigen sie. Ein Gottessohn wird kommen, der Menschheit von Gott zu erzählen, vom Licht zu künden und die Dämonen zu vertreiben. Schlicht und einfach wird er aufwachsen, danach aber wird er große Pracht entfalten. Zum Herrscher des unermeßlich großen Reiches der Mitte wird er werden. Alle Großen werden ihm untertan sein. Male es Dir nur recht aus, Li-Erl,” rief der Alte begeistert.
Sein Schüler aber sagte gänzlich nüchtern, wenn auch freundlich: „Möchtest Du nicht an Stelle von ‘Sohn Gottes’ ‘Bote des Hocherhabenen’ sagen, Pe-Yang? Mich dünkt, das würde richtiger sein.”
Der Lama starrte den Jüngling an, als könne er nicht fassen, was er gehört.
„Bote des Hocherhabenen?” fragte er halblaut. „Befiehlst Du, daß ich so sage?”
Li-Erls Verstand wollte einwenden, daß er, der Jüngere, dem alten Meister nichts zu befehlen habe, aber etwas in, ihm war stärker und siegte.
„Ja, Pe-Yang, ich wünsche es,” sagte Li-Erl ruhig. Und Pe-Yang neigte sich und sprach schlicht:
„So geschehe nach Deinem Willen, Gottesbote.”
Danach aber wandte er sich wieder seinem großen Buche zu und die Unterredung war für heute beendet.
Diesmal hatte Li-Erl viel gelernt. Er hatte gemerkt, daß Pe-Yang ihn für einen Gottessohn hielt. Da war es hohe Zeit gewesen, ihn eines besseren zu belehren. Aber ob der Lama eingesehen hatte, daß er Falsches gedacht? Die innere Stimme sagte das Gegenteil. Li-Erl mußte zufrieden sein, daß sein Lehrer wenigstens die falsche Bezeichnung nicht mehr gebrauchen würde. Das andere mußte der Zeit überlassen bleiben.
Weiter aber fühlte Li-Erl, daß die Reden Pe-Yangs eine gewisse Probe für ihn waren. Er sollte zeigen, wie weit er sich durch Gedanken an irdische Macht und Pracht verlocken ließ. Nun, derartiges hatte nichts Blendendes für ihn, das schien ihm sicher. Aber sein Lehrer konnte keine Unterbrechung ertragen. So oft Li-Erl in gewohnter ungestümer Weise einen Einwurf machte, schwieg Pe-Yang. Wie geduldig war Lie-Tse gewesen! Ob sich aus solchen Unterweisungen wohl jemals ein Gespräch mit Rede und Gegenrede würde entwickeln lassen, wie Li-Erl es liebte?
In diesem Augenblick betrat Hai-Tan das Gemach, hocherfreut, den Freund wohl und munter zu sehen. Li-Erl aber, in seine Gedanken versponnen, vergaß, daß sie sich zwei Tage lang nicht gesehen hatten, und rief ihm entgegen:
„Sage, Hai-Tan, schweigt Pe-Yang immer, wenn man seine Rede unterbricht?”
Hai-Tan lachte.
„Gewiß. Er ist wie eine große Spindel, von der Du Seide in beliebiger Länge abwickeln kannst, solange Du nur sanft ziehst. Unter-
brichst Du ihn aber durch Frage oder Einwurf, so reißt der Faden und die Spindel kommt zur Ruhe.
Pe-Yang nimmt sich dann nicht die Mühe, anzuknüpfen, sondern hält augenscheinlich das Maß seiner Weisheit für diesen Tag für erfüllt. Er versinkt wieder in seine eigene Gedankenwelt. Es ist ein herrliches Mittel, ihn zum Schweigen zu bringen, wenn man genug hat, oder sich an seiner Rede ärgert, was auch manchmal eintritt.” Als Hai-Tan erfuhr, daß Li-Erl noch gar nicht darüber nachgedacht habe, was der Freund ihm zeigen solle, überschüttete dieser ihn mit Vorwürfen.
„Alle meine Besitzungen, meine Diener und mein Geld stehen zu Deiner Verfügung, Li-Erl. Alles Schöne, das Kiang-ning bietet, alles Wissenswerte vermag ich Dir nahe zu bringen, und Du mißachtest mein Bestreben, Dir zu dienen!”
„Du irrst, Hai-Tan. Ich schätze Deine Hilfe so hoch ein, daß ich sogar Lie-Tse darum aufgeben mußte,” sagte Li-Erl ein wenig wehmütig.
Da war der Freund wieder versöhnt, wollte aber nochmals auffahren, als Li-Erl begehrte, die Straßen der Armen zu sehen. „Dazu brauchst Du mich doch nicht!” rief er. „Die kann Dir jeder Bettler zeigen.” Aber Li-Erl blieb fest. Auf Hai-Tans Rat zogen beide Freunde Dienerkleidung an und gingen dann in den Osten der Stadt, um vor allem den „Armenpriester” aufzusuchen.
Dieser, ein alter, recht unwissender Mann, amtete an einem fast verfallenen Tempel, dem „Tempel der Armen”. Solchen nämlich, die nicht mehr imstande waren, sich gut zu kleiden, war der Eintritt in die anderen Tempel der Stadt verboten. Sie hatten ihren abgesonderten Andachtsplatz.
„Sind nicht vor dem Hocherhabenen alle Menschen gleich?” fragte Li-Erl, angewidert von diesem Herausheben des Elends. „Nicht alle,” lautete die ruhige Antwort. „Der junge Herr weiß doch, daß wir nicht zum erstenmal auf der Erde sind. Wer im vorigen Leben rechtschaffen war, hat das zweitemal ein angenehmes Sein in Wohlstand und Behagen. Wer aber Sünde getan hat, muß als Bettler wiederkommen. Will der junge Herr verantworten, daß die Vornehmen des Reiches mit Sündern zugleich anbeten?” Li-Erl gab sich noch nicht zufrieden.
„Warum kommen die Sünder als Bettler? Doch nur, damit sie gut machen können, was sie gefehlt. Wenn nun ein Sünder gebüßt hat, dann gilt er doch vor dem Hocherhabenen ebenso viel wie ein anderer Frommer?”
„Ja, später einmal. Wenn er in die ewigen Gärten eingeht, dann fällt die gebüßte Schuld von ihm ab, aber solange muß er sich als unter allen anderen Menschen stehend betrachten. Der junge Herr muß mich anschauen. Wäre ich wohl Priester an diesem Tempel des Elends, wenn ich mein erstes Leben sündlos verlebt hätte? Auch ich büße mit den andern, nur kann mein Vergehen nicht so schlimm gewesen sein, sonst wäre ich jetzt nicht Priester.”
Trotzdem Li-Erl mit diesen Auskünften nicht zufrieden war, lockte es ihn, noch weiter mit dem kindlichen Alten zu reden. Pe-Yang konnte er nicht fragen, ohne ihn verstummen zu machen, jemand anderen hatte er nicht. So fragte er denn:
„Meint denn mein Vater, daß mit diesem zweimaligen Leben alles zu Ende sei? Wenn nun ein Mensch auch noch als Bettler schlecht bleibt? Was dann?”
„Gewiß bleibt er schlecht, junger Herr,” erwiderte der Alte seelenruhig. „Es gibt sehr wenige gute Bettler, die meisten taugen ganz und gar nichts. Aber das schadet nichts. Durch ihr jämmerliches Leben haben sie alle Schuld des vorigen gebüßt, und was sie in diesem Sein begingen, wird ihnen nicht angerechnet. Sie haben sich ja nicht selbst in diese niedrige Umgebung begeben.
Li-Erl schauderte. Wieviel Unwissenheit! Wieviel Irrglauben! Auf seinen Wunsch nannte ihm der Priester einige Namen von Armen, die einer Unterstützung würdig zu sein schienen. Lieber noch hätte Li-Erl solche gewußt, die der Priester für verloren hielt, aber dieser wollte nicht antworten. So mußte Li-Erl sich hier der Führung überlassen. Das erste Hüttchen, das sie aufsuchten, beschrieb der Priester ihnen so genau, daß sie nicht fehlen konnten. Es verdiente kaum den Namen einer Behausung; denn Verfall und Schmutz hatten Besitz ergriffen von ihm.
Üble Luft drang durch den unverhüllten Eingang, der zugleich als Lichtöffnung diente. Auf dem Boden wateten die Füße durch allerlei Unrat der Stimme entgegen, die aus einem Winkel grämlich nach ihrem Begehren fragte.
Freundlich gab Li-Erl Bescheid. Sie seien die Diener eines wohlhabenden Mannes, der gern etlichen Armen Gutes erweisen würde, und seien gekommen zu sehen, wo es ihm fehle.
Die unfreundliche Stimme war wie verwandelt, als sie geschmeidig Auskunft gab. Es fehle ihm an allem. Die Menschen hätten ihn vergessen, niemand kümmere sich um ihn.
„Wenn das der Fall wäre, Alter,” sagte Li-Erl bestimmt, obgleich er in der Dunkelheit nicht sehen konnte, ob der Arme wirklich alt war, „wenn das der Fall wäre, so hätten wir niemals von Dir gehört. Der Armenpriester tut viel Gutes an Dir. Vergiß das nicht!” „Nun ja, der Armenpriester schaut manchmal nach mir, aber seine Gebete helfen mir nicht, und Gaben kann er mir nur selten bringen, er ist selber arm.”
„Warum helfen seine Gebete nicht, er ist doch ein frommer Mann?”
Li-Erl fragte es ernsthaft, und den Armen durchfuhr ein Schreck. Wie, wenn der Fremde selber fromm wäre, dann hätte er sich das Almosen verscherzt. Nun mußte er einlenken.
„Seine Gebete werden mir erst im Jenseits helfen, aber ich darbe im Diesseits,” sagte er.
„Noch bist Du nicht verhungert,” unterbrach Hai-Tan das Gespräch.
Es drängte ihn, den Raum zu verlassen, in dem es ihm fast übel wurde. Da zeigte sich die wahre Natur des Armen. Aus der Äußerung Hai-Tans entnahm er, daß er wahrscheinlich keine Gabe erhalten werde. Nun kochte es in ihm, und alles üble Denken machte sich in schlimmen Worten Luft. Er sprang von seinem Lager auf, tobte im Raume umher, warf allerhand Plunder gegen die Besucher und bespie sie. Sie sahen nun, daß es ein großer, kräftiger, noch junger Mann war.
Hai-Tan schritt zum Ausgang, aber Li-Erl wollte noch nicht nachgeben.
„Du scheinst gesund zu sein,” sagte er freundlich. „Warum bleibst Du Bettler? Arbeite und erwirb Deinen Unterhalt. Ich will Dir gern dazu behilflich sein.”
Der Tobende hielt inne und betrachtete seinen Besucher von oben bis unten.
„So hat noch niemand zu mir gesprochen. Muß ich denn nicht ein Bettler bleiben, da ich als solcher geboren bin? Beweise mir, daß ich mein Leben ändern kann, und ich will es tun!”
„Hast Du einmal einen von den großen blauen Schmetterlingen gesehen, die um die Teesträucher wippen?” fragte Li-Erl den Mann. Dieser bejahte, erstaunt, was nun weiter kommen werde. „Weißt Du, daß dieses schöne Tier aus einer gefräßigen, unzufriedenen Raupe stammt?”
„Ja,” lautete die Antwort. „Solche Raupen habe ich oft gesehen.” „Nun, wenn jeder bleiben müßte, wozu er geboren,” erklärte Li-Erl, „so müßte die Raupe ihr Leben lang Raupe sein, und wir hätten keine blauen Schmetterlinge.”
Hai-Tan war über die Nutzanwendung mindestens ebenso erstaunt wie der Bettler, aber er schwieg und sann. Das tat aber auch der Arme. Plötzlich hob er den gesenkten Kopf.
„Herr, die arme Raupe will Schmetterling werden,” sagte er mit weicher Stimme. „Darf ich Dein Diener sein?”
Einen Augenblick zögerte Li-Erl. Durfte er dem Gastfreund einen solchen Menschen ins Haus bringen? Aber seine innere Stimme bejahte die Frage und freundlich sagte er dem Manne:
„Wir wollen es miteinander versuchen. Gehe zum nächsten Wasser und reinige Dich von Kopf bis zu Fuß. Für Kleidung werde ich sorgen.”
„Womit soll ich mich bedecken, wenn ich sauber bin, und Du bist noch nicht da?” fragte der Mann bescheiden.
Li-Erl überlegte. Dann verhieß er dem Manne, er werde ihm zuerst saubere Kleidung bringen, ehe dieser das Bad aufsuche. „Kannst Du bei Sonnenuntergang am Tempel der Armen sein?” fragte Li-Erl.
Der Mann bejahte, und die Freunde schritten weiter. Hai-Tan wollte die aufsteigende Rührung unterdrücken und sagte gemacht spöttisch: „Wenn wir heute noch viele Armenbesuche machen, Li-Erl, wirst Du mit einem ganzen Dienertroß daheim ankommen!” „Spotte nicht,” bat Li-Erl, „dieser ist anders als die anderen. Ich mußte ihn aufnehmen. Er wird mir sehr nützlich sein.” Da schwieg Hai-Tan, dem ein leises Verstehen kommen wollte, daß sein Freund höheres Wissen besaß als andere Menschen.
Der nächste Arme, den sie aufsuchten, war wirklich krank und bewohnte eine ebensolche Ruine wie der andere. Er war dankbar für freundliche Fragen und gab bereitwillig Auskunft. Li-Erl beschenkte ihn mit Tee und etwas kleiner Münze aus Kao-ling. Danach aber fragte er:
„Warum meinst Du wohl, daß Du so leiden mußt, mein Bruder?” Der Arme schaute ihn verwundert an. Bruder hatte ihn noch niemand genannt, aber die Antwort verstand sich von selbst. „Ich habe im ersten Leben Sünde getan, Herr,” sagte er freimütig. „Wenn Du nun das nächste Mal wiederkommst, wirst Du dann wieder reich und glücklich sein?”
Wieder hatte Li-Erl eine Frage gestellt, die den Armen verblüffte. „Herr, spotte nicht,” sagte er, „niemand kommt öfter wieder als einmal. Zwei Leben hat jeder Mensch, danach darf er in den ewigen Gärten leben.”
„Das wußte ich nicht,” gab Li-Erl zu. „Ich komme aus einer andern Provinz, da weiß man dies nicht.”
Der Arme erschrak. Woher mochte dieser Frager stammen? Vielleicht war er ein Dämon in Menschengestalt, gekommen um ihn, den Armen, vollends zu verderben. Jämmerliche Angst prägte sich auf seinen Zügen aus.
„Herr, nimm Deinen Tee und verlaß meinen armen Raum. Ich will lieber gar nichts haben, als Gemeinschaft mit Dämonen,” wimmerte er.
Li-Erl versuchte ihn zu beruhigen. Er sprach ihm von den Göttern, damit der Arme merken konnte, daß auch er von ihnen wisse. Von dem Hocherhabenen zu reden, wagte er nicht. Zu verschüchtert war die Jammergestalt auf dem armen Lager.
Nach langer Zeit gelang es Li-Erl, den Armen zu überzeugen, daß er weder ein Dämon, noch ein Ungläubiger sei. Dann nahm der Kranke auch das Geschenk an, aber diesmal ohne Freude. Als die Freunde wieder in der Gasse standen, bekannte Li-Erl wehmütig: „Das habe ich gründlich falsch gemacht. Ich hätte erst bei dem dritten oder vierten Besuch, wenn die Leute zutraulich waren, so fragen dürfen.”
„Ja, hast Du denn die Absicht, diese Besuche fortzusetzen?” fragte Hai-Tan erschrocken. „Ich hatte gehofft, mit dem heutigen Tage würdest Du genug davon haben.” „Nein, Hai-Tan,” sagte Li-Erl. „Ich muß oftmals zu jedem dieser Leute gehen, damit ich genau über sie alle Bescheid weiß. Glaube mir, ich brauche das für mein Leben. Aber nun sage Du mir, Hai-Tan: Glaubst Du auch, daß die Armen für begangene Sünden büßen müssen und danach in die ewigen Gärten und ihre Freuden eingehen dürfen?”
Hai-Tan zuckte mit den Achseln.
“So lehrt man hier,” sagte er gleichmütig. „Ich habe noch nicht darüber nachgedacht, da ich kein Armer bin. Da ich aber nicht weiß, ob dies mein erstes, oder schon mein zweites Leben ist, halte ich mich so ehrbar wie möglich, um nicht nächstes Mal als Bettler kommen zu müssen oder gar verstoßen zu werden in die Gruben der Verzweiflung.”
„Was ist das für eine Lehre!” rief Li-Erl entsetzt aus. „Wer lehrt Euch solches? Bei uns glaubt man ganz anderes.”
„Wer die Lehre gebracht hat, weiß ich nicht,” gab Hai-Tan zu. „Schon unsere Vorfahren dachten so, aber man spricht nicht darüber. Wir besuchen die Tempel und glauben, was wir wollen. Jeder kann dabei denken, was er mag, niemand fragt danach.” „Aber, Hai-Tan, kannst Du dabei glücklich und zufrieden sein?” drang Li-Erl in den Freund.
„Du siehst ja, daß ich es bin,” lachte Hai-Tan. „Zerbrich Dir doch nicht den Kopf mit solchen Dingen. Genieße Dein Leben. Und wenn Du nur auf Deine Weise glücklich sein kannst, so wird Dich niemand hindern.”
Sie waren in eine andere armselige Gasse gekommen und frag-: ten dem Manne nach, dessen Namen sich Li-Erl angemerkt hatte. Da erfuhren sie, daß er soeben gestorben sei. Aus einem Haus ganz in der Nähe trugen arme Leute seinen Leichnam heraus, in üble Lumpen gewickelt, unsorgfältig und ohne Anteilnahme. Da wandte Li-Erl sich angeekelt ab und gab für heute die weiteren Besuche auf.
Die Freunde kehrten in Li-Erls Wohnung zurück und vertieften sich in eine Schrift, die Pe-Yang ihnen vor kurzem zum Studium gegeben hatte. Es war, als wolle Li-Erl alle Gedanken künstlich in sich betäuben. Fast hätte er darüber den Armen vergessen, der am Tempel auf ihn wartete.
„Er wird auf und davon sein, nachdem Du ihm die gute Kleidung gegeben,” weissagte Hai-Tan.
Aber er hatte sich geirrt. Auf den Tempelstufen wartete ein anständig gekleideter, sauber gewaschener Mann, dessen schwarze Haare rings um den Kopf glatt geschnitten waren.
Er sprang auf, als er die Freunde gewahrte, und schritt auf sie zu. Es war ein noch junger Mann von fast edlen Gesichtszügen und raschen, kräftigen Bewegungen.
„Wie nennst Du Dich?” fragte Li-Erl freundlich.
„Ich heiße Wu-Fu,” erwiderte der neue Diener, „aber, Herr, Du magst mich nennen, wie es Dir gefällt.”
„So heiße von heute an Wai,” gab Li-Erl fast ohne Wollen zurück. Und Wai hieß der Diener, der einst ein verachteter Armer gewesen, eine lange Zeit. Er war der Treueste der Treuen, ein Schutz für Li-Erl in jeder Lage seines Lebens. Er verließ ihn niemals mehr und dankte ihm seine Güte durch frohes Dienen.
Im Hause Pe-Yangs fiel es nicht auf, daß Li-Erl einen Diener mitbrachte. In den ersten Tagen duldete der alte Helfer des Lama ihn neben sich, dann trat er zurück und überließ Wai die persönliche Bedienung Li-Erls.
In Wais Begleitung suchte dieser nun wiederum die Armenstadt auf. Wohl kannten diese Ausgestoßenen einander kaum, da keiner sich um den andern zu kümmern pflegte. Aber einige ragten im Guten oder Bösen doch aus der unheimlichen Masse und waren daher in Wais Gedächtnis geblieben.
Er führte seinen Herrn zuerst in ein Bettlerhaus, von dessen Bestehen auch Hai-Tan keine Ahnung gehabt hatte. Diejenigen Bettler nämlich, die noch eine zerfallende Hütte ihr eigen nannten, einen Raum, in dem sie nach Belieben schalten konnten, waren die oberste Schicht der Armen.
Weit größer aber war die Zahl derer, die nichts besaßen. Auch diese teilten sich nochmals: in solche, die durch Betteln soviel erwarben, daß sie täglich eine Kleinigkeit für ihr Nachtlager zu bezahlen imstande waren, und solche, die durch Krankheit gehindert, oder auch durch unausrottbare Trägheit, nichts mehr erbettelten. Erst diese waren die wirklich Armen in den Augen der anderen.
Zuerst brachte Wai seinen wißbegierigen Herrn in ein Bettlerhaus, in dem für das Unterkommen gezahlt wurde. Es lag mitten im Gewirr der schmutzigsten Gäßchen, selber sich in nichts als durch die Größe von den andern Hütten unterscheidend. Die beiden Besucher, Hai-Tan war schaudernd daheim geblieben, kamen zu einer Zeit, wo die Bewohner dieses Hauses ausgeflogen waren. Vor der Einlaßöffnung räkelte sich ein in Lumpen gehüllter, aber überaus kräftiger Mann. Er kannte Wai nicht und konnte nicht begreifen, was die beiden anständig gekleideten Fremden hier wollten. Er sprach von seinem „Gebieter”, der ihm vielleicht zürnen würde, wenn andere Augen als die der Bewohner die Zuflucht geschaut, und auch einige Münzen machten ihn nicht gefügiger. „Mein Gebieter hat mich hierhergestellt, damit ich Unbefugten den Eintritt wehre,” brummte er. „Wie kann ich wissen, ob Ihr nicht die Absicht habt, hier zu übernachten, ohne zu bezahlen?” „Du hast ja mehr als den Preis des Nachtlagers erhalten,” begütigte Wai. Aber mit schlauem Grinsen behauptete der Mann: „Das Geld habt Ihr mir gegeben, die Summe für das Nachtlager muß ich meinem Gebieter abliefern.”
„Nun gut, so werden wir Dir für alle Fälle das Nachtlager bezahlen,” schlug Li-Erl vor.
Dagegen wußte der Mann nichts einzuwenden. Der Klang von Li-Erls Stimme wirkte zwingend auf ihn, die Aussicht auf das Geld bestimmte ihn. Mürrisch trat er zur Seite und wies auf eine Papierlampe, die nebst andern am Eingang hing.
Es war notwendig, sich des Lichtes zu bedienen. Die Wanderer wären ohne dasselbe rettungslos gestolpert, so groß war der Wirrwarr in dem an sich geräumigen Schlafraum. Jeder kleinste Platz schien ausgenutzt, überall lagen harte Schlafrollen. Die Decke war niedrig, die Luft unerträglich. Schon nach wenigen Augenblicken verließen die beiden das von Schmutz starrende Haus. Der grimmige Pförtner schien sehr erleichtert, als die beiden wieder im Freien standen. Was er von ihnen befürchtet, ließ sich nicht sagen, aber er witterte irgend eine Gefahr für seinen Gebieter. Li-Erl begann ein Gespräch, indem er dem Manne ein Päckchen Tee zuschob: „Bedarfst Du selber dessen nicht, so gib es weiter!” sagte er freundlich. Der Mann aber entgegnete:
„Erst komme ich, dann die andern. Ich habe lange keinen wirklichen Tee mehr gesehen. Ich bin nicht so dumm, diesen zu verschenken.”
„Bezahlt Dich denn Dein Gebieter nicht ausreichend für Deine Dienste?” fragte Li-Erl, worauf der Mann brummte:
„Ich bekomme nichts als die ständige Unterkunft in diesem Hau-se und das Essen, das ich zweimal im Tage dort im Kosthause einnehmen darf. Wenn der junge Herr solche Dinge vielleicht zu seinem Studium braucht, so kann er sich das Kosthaus ansehen. Er wird dann selber merken, daß wir dort keinen Tee erhalten.” „Wieviel Leute können hier schlafen?”
„Soviel wie bezahlen können,” lautete die Antwort. „Ich zähle sie nicht.”
„Mußt Du Deinem Gebieter denn nicht das Geld abliefern?” „Freilich muß ich das tun. Alle Tage in den Morgenstunden kommt sein Bote und nimmt mir ab, was ich erhielt.” Wai lachte. „Natürlich legst Du etwas davon für Dich zur Seite,” sagte er in fragendem Ton.
„O nein, das tue ich niemals. Mein Gebieter erwartet alle Tage eine bestimmte Summe zu erhalten. Erreicht das, was ich eingenommen habe, diese Summe nicht, so werde ich geschlagen. Übertrifft die Einnahme aber einmal die Summe, so darf ich mir im Kosthause Reis geben lassen. Das ist besser, als Geld haben.”
„Wer ist Dein Gebieter?” wollte Li-Erl wissen. Geheimnisvoll wurde die Stimme. des Hüters:
„Oh, er ist ein sehr erhabener, mächtiger Mann. Er wohnt in der Kaiserstadt, das hat mir sein Bote verraten. Aber niemand darf seinen Namen wissen, auch der Bote weiß ihn nicht. Er hat noch viele solche Häuser in der Armenstadt. Der Bote geht von einem zum andern und sammelt die Einnahmen.”
Trotzdem der Mann nun ganz zutraulich geworden war, drängte Li-Erl zum Gehen. Zuviel schwere Gedanken bestürmten ihn, er wollte in der Ruhe der eigenen Behausung erst damit fertig werden. Indessen schlug Wai vor, daß sie noch das Kosthaus aufsuchen wollten, da sie ohnehin in der Gegend waren.
Li-Erl gab nach und schweigend legten sie die wenigen Schritte bis zum bezeichneten Hause zurück. Es schien etwas weniger bau-
fällig als die Umgebung, konnte sich aber in Schmutz mit ihr messen.
Wie überall führte auch hier ein Ausschnitt ins Innere, das von Papierlampen mäßig erhellt war. Auf dem bloßen Boden saßen hier und dort Leute in Lumpen, die ihre Mahlzeit einnahmen. In kleinen Schüsselchen stand ein sonderbares Gemenge vor ihnen, neben einzelnen stand ein Becher mit Tee.
Die neuen Besucher wählten einen Platz, der etwas sauberer erschien als die übrigen. Sofort erschien ein dicker, nachlässig gekleideter Mann, der ihnen seine schmutzige Hand entgegenstreckte. „Magst Du uns Tee bringen, mein Freund?” bat Li-Erl freundlich. Der Mann rührte sich nicht, sondern hielt die Hand nachdrücklich vor Wais Augen, in dem er den Älteren ehrte. Dieser begriff nun.
„Ach, Du willst erst Deine Bezahlung? Wieviel kostet der Tee?” „Für sieben Kao-ling kannst Du genug zu essen und zu trinken haben für Dich. Dein Begleiter muß ebensoviel bezahlen.” „Das ist überfordert, Bursche,” krächzte eine Stimme, die einem zerlumpten Mann in der Nähe anzugehören schien. „Wenn Ihr nur Tee trinken wollt, genügt ein Kao-ling. Die Schüssel voll Essen aber kostet drei.”
„Ich sagte aber, für sieben könnten sie sich satt essen,” wandte der Dicke ein.
„Ich will Dir sieben für mich geben,” verhieß Wai. „Mein Begleiter ist leidend und bedarf nur des Tees.”
Mit diesen Worten ließ er acht Münzen in die Hand des Mannes gleiten. Dieser schlürfte davon und kam nach kurzer Zeit mit zwei Bechern dampfenden Tees und einem Schüsselchen zurück, in dem die gleiche Masse sich befand wie in allen andern. In der Nähe sah sie sehr unappetitlich aus.
Li-Erl griff hastig nach dem heißen Getränk und führte es an die Lippen. Angeekelt schob er sodann den Becher zurück. Wie Tee schmeckte das nicht, weit eher wie Wasser, in dem man Schüsseln gespült.
Wai nahm einige Stäbchen voll aus der Schüssel. Vor kurzem wäre er um die warme Kost froh gewesen, sie schien ihm auch jetzt erträglich. Aber ein Blick auf seinen Herrn ließ ihn vorzeitig die
Mahlzeit beenden. Leichenblaß und mit allen Zeichen der Übelkeit war Li-Erl zusammengesunken.
Wortlos umfaßte Wai den Jüngling und schleppte ihn aus dem Hause, in dem sich niemand weiter um die beiden kümmerte. Raschen Schrittes trug er Li-Erl durch das Gassengewirr, bis sie endlich an eine Art großen Gartens kamen.
Hier ließ er ihn vorsichtig auf einem großen flachen Stein nieder und stützte ihn, bis er wieder freieren Blickes um sich schauen konnte.
Danach gingen sie langsam und schweigend heimwärts und während Li-Erl sein Lager aufsuchte, bereitete Wai unter des alten Dieners Weisung köstlich duftenden Tee.
Erst am folgenden Morgen vermochte Li-Erl zu sprechen. Er schämte sich, daß Ekel ihn derartig übermannen konnte, aber Wai ließ ihn nicht darüber reden. Voller Wichtigkeit berichtete er, daß er abends das Kosthaus nochmals aufgesucht habe, aber weniger gut gekleidet.
„Ich suchte zuerst meine Hütte auf, die ich noch leerstehend fand. Dort bedeckte ich mich mit Lumpen ... Du mußt nichts befürchten, Herr,” schaltete er lächelnd ein, „ich habe gebadet! Danach trat ich in das Kosthaus und ließ mir ein Schüsselchen voll zu essen geben, dessen Inhalt zwar entsetzlich schmeckt, den ich aber trotzdem sehr lobte.
Da ich das absichtlich laut tat, wurden die andern aufmerksam. Sie lachten mich aus und riefen mir zu, daß das Essen aus dem zusammengekocht werde, was einige von ihnen erbettelten. Gegen einige Münzen lieferten bestimmte Bettler abends den Inhalt ihrer Säcke in dem Kosthause ab.
Da graute auch mir, Herr,” sagte Wai fast entschuldigend, als er die Wirkung auf Li-Erl wahrnahm. „Du aber, Herr, brauchst nicht mehr selber solche Orte aufzusuchen, dazu bin ich jetzt da. Ich bin auch gleich noch in dem Armenhaus gewesen, in dem man nichts zu zahlen braucht. Die Leute frieren nicht,” sagte er selber schaudernd, „wie Klumpen liegen sie übereinander. Es vergehe keine Nacht, ohne daß es zu Schlägereien wohl auch zu Messerstichen komme, sagte man mir. Es ist so fürchterlich, daß ich lieber im Freien umkommen als in einem solchen Hause nächtigen möchte,” schloß Wai. Als Hai-Tan später kam, um sich nach dem Verlauf des Tages zu erkundigen, erzählte Li-Erl wenig, sprach aber entsetzt davon, daß wohlhabende Männer solche Armenhäuser besäßen. Davon hatte Hai-Tan noch niemals gehört, versprach aber, sich vorsichtig danach zu erkundigen.
„Ach, Hai-Tan,” sagte Li-Erl klagend. „Wohin man schaut, gibt es Übelstände und Arges!”
„Brauchte ein Wahrheitsbringer zu kommen, wenn es anders wäre?” fragte Hai-Tan aufmunternd. „Nur weil unser armes Reich im eigenen Schlamme erstickt, müssen die Götter Hilfe senden. Freue Dich, Li-Erl, daß die Zeit naht, da wir den Gottesboten sehen werden.” Noch hatte Hai-Tan nicht erfaßt, wer dieser Helfer war. Er hielt Li-Erl für einen Wegbereiter. Wai aber hatte atemlos gelauscht und schaute mit weit geöffneten Augen auf seinen Herrn. Danach verließ er schweigend das Gemach.
Einige Wochen vergingen ohne besondere Ereignisse. Morgens lauschte Li-Erl Pe-Yangs Weisheiten, die nicht immer Widerspruch in ihm erweckten. Oftmals waren sie von seltener Tiefe und Wahr-heit. Einmal sprach der Lama von der Art, wie man sich in die Welt einfügen könne.
„Zwei Arten gibt es,” sagte er nachdrücklich, „mit der Umwelt zu leben, wenn man unter „Leben” mehr versteht als nur zu atmen und Nahrung aufzunehmen. Entweder Du empörst Dich innerlich gegen alles, was Dir unrichtig erscheint, und lässest diese Empörung ihren Weg nach außen nehmen. Dann bist Du ein Kämpfer, der, wenn er stark genug ist, mit der Waffe in der Hand das Bessere herbeizwingen kann.
Aber, Li-Erl, was so gewonnen, hält nur kurze Zeit; denn es ist von außen aufgepflanzt. Oder Du lässest die andern machen und lebst ganz stark Dein inneres Leben, bis auch dieses nach außen durchbricht, dann aber die Seelen überflutend Wandel schafft. Ich glaube, Li-Erl, das wird Dein Weg sein, Du Gesegneter unseres Gottes.” „Sage mir mehr von dem Hocherhabenen,” flehte Li-Erl, der ganz vergaß, wie unbefriedigend früher diese Auskunft ausgefallen war. Entgegen seiner Gewohnheit ließ Pe-Yang sich durch die Bitte nicht zum Schweigen bestimmen, sondern blickte Li-Erl nur eine Weile gütig forschend an.
„Von ihm kann ich Dir nichts sagen. Blicke in Dein Inneres. Dort wirst Du alles Wissen von ihm finden, dessen Du bedarfst. Aber um das zu tun, mußt Du in die Einsamkeit gehen. Nimm Deinen Freund und Deinen Diener mit Dir und entferne Dich von den Menschen.
Wohin Du gehen sollst, wie lange Du dort bleiben sollst, das wird Dein Führer Dir zeigen. Ich habe meine Aufgabe an Dir erfüllt, Li-Erl. Ich sende Dich dem besseren Lehrer zu: dem Geist von oben, der Dich ergreifen wird, nachdem Du vorbereitet bist. Der Hocherhabene segne Dich, mein Sohn. Ich danke ihm, daß meine Augen seinen Boten haben schauen dürfen!”
Pe-Yang hatte sich erhoben und breitete segnend beide Arme aus. Heißer Dank erfüllte Li-Erls Seele in diesem Augenblick. Deutlich sah er, wie alles, was Pe-Yang ihn gelehrt, von oben geführt worden war. Er spürte, wie der Lama ihm wirklich sein Bestes gegeben.
Worte fand er nicht für diesen Dank, aber er neigte sich und führte den Saum von Pe-Yangs Gewand an die Lippen. Danach verließ er das Gemach, um es nie wieder zu betreten.
Als Hai-Tan von Li-Erls Entschluß hörte, sich in die Einsamkeit zurückzuziehen, verlangte er stürmisch, ihn zu begleiten. Das hatte Li-Erl gehofft, aber der Entschluß mußte unbeeinflußt aus Hai-Tan selber kommen. Während dieser nun ging, die Vor-bereitungen zu treffen, überließ sich Li-Erl seinen Gedanken, die zu Gebeten wurden. Und der lichte Bote Gottes erschien und sprach mit ihm. „Li-Erl, nun soll Deine Ausbildung ihrem Ende nahen. In der Einsamkeit sollst Du lernen, was Dir zu wissen noch fehlt. Wohin Du gehen sollst, wird Wai Dir sagen, ohne daß Du ihn darum befragst. Wai ist Dir beigesellt nicht nur als Diener, das ist die äußere Form seines Um-Dich-Seins, sondern als Wegweiser durch die Straßen der Menschen. Unbewußt wird er Deine irdischen Schritte leiten, folge ihm.
Hai-Tan aber wird Dich beschützen, so Du dessen bedarfst, und wird Dir durch seinen Reichtum die Wege ebnen. Bediene Dich seiner. Ich selber aber werde um Dich sein und Dich unterweisen, sobald Du in völliger Stille und Abgeschlossenheit meinen Worten lauschen kannst.”
Der Bote verschwand. Dankend erkannte Li-Erl die Güte des Hocherhabenen, in dessen allmächtiger Hand die Fäden seines Geschickes und seiner Aufgabe ruhten.
Da trat Wai herein.
„Herr, ich habe nachgedacht über das, was Du Hai-Tan und mir gesagt. Ich glaube, ich weiß einen Ort, der Dir gefallen würde. Einige Tagereisen von hier, im Gebirge, steht eine steinerne Hütte, in der einstmals ein weiser Mann gelebt. Sie ist so weit von der Menschen Behausungen entfernt, daß niemand Dich stören würde, und doch nahe genug, daß ich die wenigen Lebensmittel herbeischaffen könnte, deren wir bedürfen.”
„So laß uns morgen in der Frühe dorthin aufbrechen,” entschied Li-Erl ohne alles Zögern.
Auf sehr bequemen Pfaden führte Wai am nächsten Tage die Freunde ins Gebirge. Hai-Tan, der die erste Begegnung mit dem Diener miterlebt hatte, konnte nicht genug staunen über die Art, wie dieser die selbsterwählten Pflichten erfüllte.
Aus dem mürrischen, tobenden Armen war ein umsichtiger, aufopfernder Begleiter geworden, dem es niemals am richtigen Takt fehlte. Gar zu gern hätte Hai-Tan gewußt, ob Wai wirklich als Armer von armen Eltern geboren worden, aber Li-Erl bat ihn, von Fragen abzustehen.
Nach etlichen Tagereisen, die in der kühleren Jahreszeit nicht beschwerlich waren, langten die drei Wanderer eines Mittags an der von Wai beschriebenen Stelle an. In halber Höhe eines ziemlich unzugänglich scheinenden Berges war auf einer kleinen, grasbewachsenen Ebene eine steinerne Hütte erbaut, die noch vor züglich im Stande war. Auch sauber gehalten erschien sie, so daß die Freunde mit Freuden Besitz von ihr ergriffen.
Das Innere bestand aus zwei festen Kammern und einer Nebenraum, der dem früheren Bewohner als Küche und Stall gedient zu haben schien. Die größere der Kammern, die überdies eine Fensteröffnung hatte, richtete Wai ohne weitere Fragen für seinen Herrn her. Hai-Tan erhielt die Kammer, in die man zunächst von außen eintrat, und die Licht und Luft durch die Tür erhielt. Diese war aus festen Balken gefügt, so daß sie Schutz bei Kälte bedeutete. In dem Nebenraum machte Wai es sich bequem.
Er begann sofort damit, einen Vorrat an Holz zusammenzutragen, so daß die Freunde sehr bald warmen Tee erhielten. Nun stellte sich heraus, daß Wai in seinem sehr umfangreicher Bündel fast nur Dinge mitgeführt hatte, die seinem Herrn zur Bequemlichkeit dienen sollten. Für sich selbst war er unbeschreiblich bescheiden. An einem der nächsten Tage suchte er menschliche Behausungen auf und kam mit einer langhaarigen, trächtigen Ziege zurück, die er Wu rief. Sie bewohnte mit ihm seinen Raum und wurde, ebenso wie das Zicklein Fu, das bald erschien, seine Freundin und Gespielin. Mit der Milch aber pflegte er seiner Herrn und dessen Freund. Li-Erl hatte inzwischen in seiner Kammer einen Altar errichtet, dessen Geräte er in seinem Bündel mitgeführt hatte.
Hai-Tan aber hatte viel und mancherlei heraufgeschleppt, ohne zu überlegen, ob er in der völligen Weltabgeschiedenheit davon Gebrauch würde machen können. Nun spottete er über sich selbst und bedauerte, daß er auch nicht einen einzigen Gegenstand mitgebracht, mit dem er seinen Altar hätte schmücken können. In der nächsten Zeit machte er dann weite Wanderungen, die sich sogar über mehrere Tage erstreckten, um Altargeräte zu erhandeln, aber auch, weil er Gefallen daran fand, wieder unter Menschen zu kommen.
Li-Erl aber, der völlig sich in das Leben von innen heraus und nach oben hinauf verspann, freute sich stets, wenn Hai-Tan fern war.
Das konnte dem feinen Beobachter Wai nicht verborgen bleiben. Er überlegte lange, wie er es anfangen sollte, Hai-Tan unauffällig zu entfernen. Oftmals rief er die Götter um Hilfe an, da wurde sie ihm. Ein halberwachsener Knabe fand mühselig den Weg zu dem Steinhaus und berichtete, Hai-Tan habe das Bein gebrochen und liege unten in guter Pflege. Wai möge von Zeit zu Zeit kommen, sich Geld und Rat von ihm zu holen; denn er selbst, Hai-Tan, werde wohl kaum mehr imstande sein, den Berg zu erklimmen. Wai freute sich so sehr, daß er mit keinem einzigen Gedanken des Bedauerns an den Verunglückten dachte. Nun erst würde seinem Herrn volle Ruhe beschieden sein. Er selbst hielt sich so stark zurück, daß Li-Erl ihn tagelang, ja schließlich wochenlang nicht zu Gesicht bekam. Nur seine treue Fürsorge war zu spüren.
Und wie die Monate fortschritten, so wuchs die Verbindung Li-Erls mit der oberen Heimat. Wahrheit um Wahrheit erschloß sich ihm in der Stille. Alle seine Fragen fanden Beantwortung und sein Ungestüm legte sich. Ein wundersamer Friede erfüllte sein Herz und schuf in ihm das Verlangen, allen Menschen diesen Frieden zuteil werden zu lassen.
Ein Jahr war vergangen wie ein Traum und doch reich an innerem Erleben. Auch an Wai war diese Zeit nicht spurlos vorübergegangen. Er hatte sich vertieft und war gereift. Vor allem aber war ihm zur Gewißheit geworden, was er in den letzten Tagen in Kiang-ning nur geahnt; er wußte, daß Li-Erl der verheißene Wahrheitsbringer war. Ein Glück ohnegleichen erfüllte ihn, daß er ausersehen war diesem Hohen zu dienen. Er fragte nicht nach dem „Warum” Schlicht nahm er die große Gnade als völlig unverdient, aber darum auch als um so überwältigender und verpflichtender hin.
Hai-Tan aber langweilte sich bei den einfachen Leuten, die ihn gepflegt hatten und bei denen er seine Tage mit Lesen und Nichtstun verbrachte. Nach Kiang-ning zurückzukehren verbot ihm die Treue, die er Li-Erl gelobt hatte. Er wollte in der Nähe des Freundes bleiben, aber stürmisch erhoffte er ein Ende dieser Abgeschlossenheit.
Was dann werden sollte, danach fragte er nicht. Er hatte sein Ge-schick an das des Jünglings gebunden, weil er fühlte, daß damit auch sein Weg aufwärts gehen mußte, aber das übrige überließ er Li-Erl.
Auch dieser fragte nicht, was weiter zu geschehen habe. Er war wunschlos glücklich in diesem letzten Abschnitt seiner Lehrzeit, deren Ende er nahen fühlte.
Eines Morgens ging er weit in die steinigen Bergspalten hinein, die auf- und abwärts führten, scheinbar in krausem Durcheinander, und doch sinnvoll, sobald man sie von der Bergesspitze aus betrachtete. Oft hatten sie ihm als Sinnbild des menschlichen Lebens gedient. Auch heute war er in solchen Gedanken befangen und stieg, bis er an einen großen Steinblock gelangte, der ihm den Weg sperrte. Dort ließ er sich nieder und beschaute aufmerksam die Umgebung. Wie mühten sich allerhand Pflänzlein, in den Spalten Wurzel zu fassen! Wie war der Same hierher gekommen? Hatte ein Vogelschnabel ihn hier herauf getragen? Unmöglich! Hier hausten nur große Raubvögel, die sich um Samenkörner nicht kümmerten. Gute Geister mußten das getan haben. Es gab ja gute Geister ebenso wie es Dämonen. gab, das wußte er. Die Dämonen entsprangen den Hirnen der Menschen. Wer hatte die guten Geister geschaffen? In ihm antwortete es: „Kannst Du noch fragen, wenn Du das Wort „geschaffen” anwendest?”
„O Du Hocherhabener, so hast Du auch die gütigen Wesen gebildet, die allem Lebenden helfen!” rief er hocherfreut aus. „Ich hätte es wissen können; denn alles Gute und Schöne hat seinen Ursprung in Dir!”
Nun war es ihm, als würden neue Augen in ihm aufgetan, so daß er alle die Wesen, die Luft und Erde bevölkerten, sehen konnte. Zwiesprache hielt er mit ihnen und lernte mancherlei Neues über Berg und Tal, Strom und Wind. Auch die Nacht über blieb er im Freien, um von den Gestirnen zu hören. Erst als der Morgen graute, kehrte er in sein Gemach zurück, wo der sehr besorgte Wai mit heißem Tee auf ihn wartete.
Noch mehrmals hatte Li-Erl diese Schauungen freundlicher Geister, dann mußte er wohl genug von ihnen wissen, denn das innere Auge schloß sich wieder für sie. Einige Tage später weilte Li-Erl abermals im Geröll des Felshanges. Da hörte er die Stimme des Gottesboten, die ihn feierlich anredete:
„Deine Lehrzeit ist zu Ende, Li-Erl. Zum letztenmale trägst Du heute diesen Namen. Von nun an wirst Du Li-Pe-Tan heißen als Zeichen, daß der Hocherhabene Dich sendet. Gehe zurück unter die Menschen und bringe ihnen die Wahrheit. Nicht mit dem Schwerte sollst Du kämpfen, sondern mit den Waffen der Geduld und des Friedens.
Großes wirst Du vollbringen, so Du stets Deine Kraft von oben holst und den Geboten des Allerhöchsten treu bleibst. Dunkles Lila soll die Farbe Deiner Gewänder sein. Willst Du sie sticken lassen, so wähle dafür reines Weiß und schimmerndes Gold. Andere Farben dürfen sich in Deiner Bekleidung nicht finden.
An den Füßen sollst Du weiche Leder mit Riemen gebunden tragen, damit sie nicht im Staub der Straße unschön werden. Der
Hocherhabene hat Deine Stirn gezeichnet mit einem Male, das Dich allen wirklich reinen Herzen kenntlich machen wird als seinen Boten. Es ist ein Stern aus zwei sich kreuzenden Dreiecken. Das gleiche Mal nimm als Dein neues Namensschild. Kehre zurück nach Kiang-ning und lasse Hai-Tan für alle diese Dinge sorgen. Danach, wenn Du die neue Kleidung trägst wirst Du vor dem Kaiser erscheinen. Grüble nicht, was Du sagen willst; zur rechten Zeit wird es Dir von oben gegeben werden, Sinne auch nicht, wie Du vor sein Angesicht gelangen sollst Dafür wird Dein Führer sorgen.
Tue stets ganz einfach, wozu die innere Stimme Dich dräng und Du wirst das Rechte tun, solange Du die Verbindung mit dem Hocherhabenen behältst. Weißt Du aber nicht, was zu geschehen hat, so rufe nach mir. Ich bin immerdar in Deiner Nähe. Noch lange, nachdem der Bote verschwunden war, meinte Li-Pe-Tan die klingende Stimme zu hören und die leuchtende Strahlen zu sehen. Tief ergriffen und doch unendlich glücklich machte er sich dann auf den Weg zum Steinhaus, wo er Ws seiner harrend fand. „Herr, denke nur, was geschehen ist!” rief der Diener ihr entgegen. „An unserm Hause ist die größere Hälfte des Dache eingebrochen, ohne jede äußere Ursache! Soll das bedeuten, da wir weiterziehen sollen?”
Erfreut blickte Li-Pe-Tan auf den Sprechenden.
„Ja, das soll es heißen, Wai”, antwortete er mit froher Stimme. „Wir kehren für eine kurze Spanne Zeit nach Kiang-ning zurück, wo ich allerhand Geschäfte habe. Danach aber ziehen wir in die weite Welt. Freust Du Dich darauf, Wai?”
„Wai geht überall hin mit seinem Herrn, aber er bleibt auch gern daheim, wenn sein Herr bleibt”, war des Dieners Antwort. Danach machte sich der Mann daran, die wenigen Habseligkeiten in ein großes Bündel zu packen. Nur die Altargeräte über ließ er Li-Pe-Tan zum Tragen.
Ehe dieser es gedacht, stand man reisefertig und es blieb nichts übrig, als sich auf den Weg zu machen. So rasch hatte Li-Pe-Tan sich seinen Aufbruch nicht vorgestellt, aber ihm fiel ein, daß er in solchen Dingen Wai folgen solle. So nahm er in Gedanken Abschied von der Örtlichkeit, in der er reiche Monate verbracht hatte.
Nach einigen Stunden Weges standen sie vor dem ganz überraschten Hai-Tan.
„Wie gut, daß Ihr heute gekommen”, rief dieser ihnen entgegen. „Morgen kommt ein Wagen, der mich nach Kiang-ning bringen soll. Mein Vater hat nach mir verlangt, dem Rufe muß ich Folge leisten. Nun könnt Ihr mit mir fahren. Morgen hättet Ihr mich nicht mehr gefunden!”
Da sah Li-Pe-Tan, wie gut er daran getan, Wai zu folgen. Der Freund aber freute sich, daß die Zeit der Abgeschlossenheit ihr Ende erreicht hatte.
„Du hast Dich stark verändert”, sagte er plötzlich, den Freund scharf musternd. „Du bist männlicher geworden, aber Deine Züge schimmern eigenartig, und von Deiner Stirn geht ein Strahlen aus.” Nun berichtete Li-Pe-Tan von der Namensänderung; da wurde Hai-Tan nachdenklich.
„Hast Du Dir den Namen selbst gewählt?” fragte er gespannt. Li-Pe-Tan verneinte. Da neigte Hai-Tan sich bis zur Erde und führte den Saum des Gewandes von Li-Pe-Tan an die Lippen. „So bist Du nicht der Wegbereiter des Gottesboten, sondern dieser Bote selbst! Manche Priester würden sagen, Du seiest der Sohn des Allerhöchsten. Li-Pe-Tan, laß mich hinfort Dein Diener sein.”
„Du bist mein Freund und Schützer”, erwiderte der Wahr-heitsbringer ernst. „Das sollst Du auch bleiben, solange Du selber mich begleiten willst.”
Am folgenden Tage kamen sie in Kiang-ning an und wurden von Hai-Tans Vater mit Freuden in seinem schönen Palast aufgenommen. So jammervoll die Hütten der Armut und die Häuschen der Gelehrten waren, so prunkvoll waren die Paläste der Reichen und Vornehmen. Große Gärten umgaben sie, die wiederum wie ein Gürtel um den herrlichen Kaiserpalast angelegt waren.
Es erschien. Li-Pe-Tan ganz unwirklich, daß er im vornehmsten Viertel der Residenzstadt, der sogenannten Kaiserstadt, wohnen sollte. Aber überall wurde er mit größter Ehrfurcht aufgenommen. Solange an seinen Gewändern genäht wurde, blieb Li-Pe-Tan in seinem schön eingerichteten Gemache. Danach aber machte er seinen Ausgang in den Tempel des „Sohnes des Himmels”.
Es waren viele Mandarinen und Würdenträger in weit prunkvollerer Gewandung anwesend, aber Li-Pe-Tan leuchtete so stark aus ihnen allen heraus, daß der Kaiser aufmerksam wurde und nach ihm fragte. Man konnte ihm aber nicht viel Auskunft geben. Der Mann im lila Gewand sei ein Weiser, der im Hause Tsong- Tans wohne und wahrscheinlich von weit her komme. Damit mußte der Kaiser sich zufrieden geben. Es genügte ihm aber nicht, und nachmittags schickte er zu Tsong-Tan, er möge mit seinem Gaste an den Kaiserhof kommen.
Li-Pe-Tan staunte. Er hatte nun schon oftmals die Führung von oben in sein Leben eingreifen gefühlt, aber immer aufs neue war es ihm wunderbar. Wie unerhört glatt wickelte sich die Bekanntschaft mit dem Kaiser nun wieder ab! Er wollte jetzt auch gewiß nicht bangen wegen dessen, was er sagen sollte.
Zur festgesetzten Stunde trugen Diener die beiden Männer in Tragstühlen an den Kaiserpalast, wo sie von zahlreicher, prächtig gekleideter Dienerschaft empfangen wurden.
Tsong, der ein sehr verdienstvoller Feldherr des Kaisers war, wurde ehrerbietig begrüßt, als aber Li-Pe-Tan aus seinem Tragsessel stieg, neigten sich alle bis zum Boden. Es ging etwas ungeheuer Ehrfurchtgebietendes von ihm aus, das vergessen ließ, wie jung er war und aussah.
Von einem Marschall in reich gesticktem Gewande geleitet, durchschritten die Besucher Räume von unbeschreiblicher Schönheit. Jeder Gegenstand war in schimmerndem Perlmutter eingelegt, in dem das Sonnenlicht farbiges Aufleuchten hervor rief. Die Füße schritten über dicke Matten aus bunter Wolle gewebt. Wohin das Auge schaute, standen Blumen in schönen Ge fäßen. Li-Pe-Tan war so gefesselt von allem, was er sah, daß er des Zwekkes seines Besuches ganz vergaß und erst daran erinnert wurde, als er merkte, daß seine Begleiter sich zur Erde warfen.
Erstaunt blickte er auf Tsong-Tan, der vor ihm her auf den Knien vorwärts rutschte. Mußte er das auch tun? Wahrschein lich. Er wollte doch nicht auffallen.
Es ging besser, als er gefürchtet. Und plötzlich hörten die Begleiter auf, sich vorwärts zu bewegen. Da blickte Li-Pe-Tan empor und fand sich vor einem goldenen Thronsessel, hinter dem mit riesigen Dra-
chen bestickte gelbe Seide ausgespannt war. Auf dem Throne saß ein noch jüngerer Mann in gelbseidenem, reich mit Stickerei und Pelz verziertem Gewande. Auf dem Haupte trug er eine niedrige goldene Krone, die mit Edelsteinen überladen war. An den Seiten hingen Schnüre kostbarer weißer Perlen bis auf die Brust herab. Eine goldene Kette lag um seine Schultern, an der vorn ein Drache in bunten Farben hing. Die Züge des Kaisers waren angenehm und edel. Ein Zug unendlichen Schmerzes schien darauf eingegraben, der Li-Pe-Tan stark fesselte. Er konnte den Blick nicht wieder wegwenden. Und Hou-Tschou fühlte den Strahl aus den klaren Augen des Besuchers und richtete die seinen auf ihn. Augenblicke lang ruhten die beiden Augenpaare ineinander, das tottraurige des Kaisers in aller seiner Pracht und das leuchtende des Weisen, und nur zögernd ließen sie sich los.
Dann aber rief Hou-Tschou mit heller, klingender Stimme, an der man merkte, wie jung der Träger dieser höchsten Würde war: „Erhebet Euch von den Knien, und Du, fremder Weise tritt an die Stufen meines Thrones, damit ich Dich befragen kann.” Die Besucher kamen der Aufforderung nach, und währen Tsong unter den vorgeschriebenen zahllosen Verbeugungen zur Seite trat, wo viele prächtig gekleidete Höflinge standen, schritt Li-Pe-Tan unbekümmert vorwärts, neigte sich leicht, stützt einen Fuß auf die unterste Stufe des Thrones und blickte zu dem Herrscher empor. Durchbohrende Blicke trafen ihn, die ihm das Ungehörig seines Benehmens deutlich machen wollten. Er aber verstand sie nicht, sondern schaute sich nur nach dem Urheber um. Da trafen seine Augen auf einen älteren, finsteren Mann, dessen dünne Schnurrbartspitzen bis auf die Brust herabhingen.
Im Gegensatz zu allen andern Anwesenden war er schwarz gekleidet. Über dem Gewand aus schwerer Seide trug er einen schwarz gefärbten Metallpanzer, aus unzähligen Ringen bestehend, der keine seiner Bewegungen hinderte. Die recht Faust hielt ein riesiges Schwert umklammert. Seine Züge waren roh. Er schien in allem der Gegensatz seines Gebieters zu sein.
Mit leichtem Schauder wandte Li-Pe-Tan sich ab. Der Kaiser begann zu fragen. Woher der Fremde sei, wie er heiße, aus welchem Stamm er entsprossen und was er hier in Kiang-ning zu tun gedenke.
Vorsichtig antwortete der Gefragte. Ganz gegen seine sonstige Offenheit gab er ausweichende Antworten und schuf damit ohne sein Wollen den Zauber des Geheimnisvollen um sich. Dazu kam noch sein freimütiges Betragen, das man hier am Hof nicht gewohnt war. Die Höflinge schauten einander an. Sie hatten den Eindruck, der Fremde müsse ein Kaisersohn aus fernen Landen sein, der unerkannt unter ihnen leben wolle. Daher erzähle er das Märchen von seiner Geburt im Reiche der Mitte.
Auch der Kaiser mochte Ähnliches glauben. Ihm tat die un-gezwungene Art des Gastes wohl, und er wünschte, daß er öfter mit ihm zusammenkommen könne. Aber das hing von so vielem ab! Leise seufzend dachte es Hou-Tschou, während er den Worten des Fremden lauschte.
„Was gedenkst Du jetzt zu tun?” fragte er.
Die übliche Antwort auf diese Frage wäre gewesen: Was mein hoher Herr befiehlt. Der Kaiser hielt fast den Atem an vor Spannung, ob der Gast sich dieser Worte bedienen werde, und es huschte fast wie ein Lächeln über seine Züge, als Li-Pe-Tan ohne Besinnen sagte: „Das weiß ich noch nicht, hoher Kaiser. Lange bleibe ich jedenfalls nicht hier. Ich harre eines Rufes, der mich in andere Gegenden Deines Reiches führen soll.”
Atemlos lauschten die Höflinge. Was würde der Herrscher jetzt sagen? Einen Augenblick schwieg er, dann entgegnete er: „So laß mich wissen, wenn der Ruf an Dich ergangen sein wird. Ich möchte Dich aber vorher noch sprechen”, fügte er nach kurzem Zögern hinzu.
Li-Pe-Tan schien es, als fliege ein rascher Blick zu dem schwarzen Mann an seiner Seite. Dieser nahm hier das Gespräch auf, indem er mit rauher Stimme sagte:
„Dazu wird kaum Zeit sein, Beherrscher des Reiches. Du hast anderes zu tun, als fremde Weise zu empfangen, die gut tun würden, unsere Stadt bald zu verlassen.”
Danach klatschte er in die Hände als Zeichen, daß die Audienz beendet sei. Höflinge traten auf die Gäste zu und führten sie, ihnen kaum Zeit zu Verneigungen lassend, aus dem Saal.
Wie betäubt schritt Li-Pe-Tan an Tsongs Seite durch die schier endlosen Gemächer und Gänge, bis sie wieder bei ihren Tragstüh-
len anlangten. In flinkem Trabe schafften die Träger sie in das Heim des Feldherrn zurück. Dort wartete Hai-Tan voll Spannung, was Vater und Freund zu berichten hätten, „Wen zürnt”, sagte Tsong mit Nachdruck.
„Das tut er oft”, meinte der unbekümmerte Sohn, während Li-Pe-Tan fragte:
„Heißt so der Schwarze neben dem Thron?”
Statt aller Antwort sagte der Feldherr mit Nachdruck: „Du weißt nicht, was Du mit diesen Worten gesagt hast, Li-Pe-Tan. Der Schwarze neben dem Thron, die dunkle Wölke, die unsern erhabenen Herrscher überschattet. Das Böse im Leben des Guten! Du hast recht, Li-Pe-Tan. Das ist er.”
„Wie ist es möglich, daß er einen Empfang des Kaisers beenden darf, solange der Kaiser noch spricht?” empörte sich Li-Pe-Tan, erhielt aber als Antwort:
„Wen darf alles, was er will.”
„Ist er allmächtig?” fragte der Fremdling.
„Allmächtig?” höhnte Hai-Tan. „Er glaubt es zu sein, aber er wird auch einmal das Ende seiner Macht sehen. Hou-Tschous Vater Siang hat er vor Jahrzehnten abgesetzt, danach, als er sah, daß das Volk nicht ohne Kaiser sein und Wens Regierung nicht anerkennen wollte, setzte er den Entthronten wieder ein.
Siang war Kaiser nur dem Namen nach. Wen regierte. Und sein Regiment ist scharf, launisch und ungerecht. Dann starb Siang und Hou-Tschou kam auf den Thron. Aber auch er kann sich nicht behaupten gegen den düsteren Wen. Er muß tun, was sein Kerkermeister begehrt. „Kerkermeister” nennt das Volk den Schwarzen, und es murrt gegen ihn. Wenn es doch die Kraft zur Empörung fände!” Li-Pe-Tan hatte mit steigender Entrüstung gelauscht. Wie war so etwas möglich! Und draußen in der Provinz wußte man nichts davon? Oder hatte nur er nichts gewußt, weil er so in sich abgeschlossen seinen Studien gelebt hatte ?
Hai-Tans Gedanken aber waren weiter gezogen und beschäftigten sich mit Wens Ungnade gegen den Freund.
„Meinst Du, Vater, daß Li-Pe-Tan in Gefahr ist?” fragte er besorgt. „Sollen wir heute noch aufbrechen?”
Tsong schaute auf.
„In meinem Hause ist mein Gast sicher”, entgegnete er voll Würde. „Wir wollen abwarten, ob Wen etwas unternehmen wird.” Li-Pe-Tan hatte die Begegnung mit dem Kaiser, der eigentlich ein Gefangener war, sehr erregt. Unaufhörlich beschäftigten sich seine Gedanken mit ihm. Wer ihm helfen könnte! Da wurde er sich bewußt, daß der Bote des Hocherhabenen ihm diese Unterredung verheißen hatte. Also lag es im Willen des Allerhöchsten, daß er den Kaiser gesprochen. Umsonst aber geschah niemals etwas. Hatte er den Kaiser gesprochen, so würde er weiter mit ihm in Berührung kommen. Also durfte vielleicht er, als der Wahrheitsbringer, auch dem traurigen Herrscher ein Helfer sein!
Als seine Überlegungen an diesen Schluß gekommen waren, warf er sich vor seinem kleinen Altar auf die Knie und flehte zu dem Hocherhabenen, er solle ihn wissen lassen, wie er dem Kaiser dienen könne. Bei dem Wort „dienen” stockte er. Er war Gottes Diener, dienen durfte er keinem Menschen, aber wohl helfen. Am folgenden Tage sandte einer der Priester am Tempel des „Sohnes des Himmels” eine Schrift, die niemand zu entziffern verstand. Li-Pe-Tan wurde gebeten, sich daran zu versuchen. Obwohl auch er solche Zeichen niemals gesehen, fiel es ihm nicht schwer, den Sinn der Worte zu übertragen. Es war ihm, als spreche jemand leise Satz um Satz ihm zu, er brauchte nur zu schreiben. Es war ein Lobpreis auf den Höchsten der Götter, der Macht und Erhabenheit in glühenden Worten schilderte.
Mit großer Freude erledigte Li-Pe-Tan die Aufgabe, ließ dann aber die Schrift noch liegen, da Hai-Tan darauf aufmerksam machte, die Priester würden nicht trauen, wenn das, was keiner von ihnen gekonnt, so rasch getan worden.
Am Abend brachte ein verhüllter Bote ein Zettelchen für Li-Pe-Tan. Er wurde aufgefordert, nach Einbruch völliger Dunkelheit die Hintertür in Tsongs Haus zu öffnen und dort eines Gastes zu harren. Da der Bote nicht auf Antwort gewartet hatte, konnte Li-Pe-Tan auch nicht fragen, wer ihn gesendet.
Er vermied Hai-Tan und suchte Tsong auf. Er wollte wissen ob er der Aufforderung folgen dürfe. Es konnte doch auch Verbrecher sich auf diese Weise Einlaß in den Palast des Feldherrn verschaffen wollen. Tsong überlegte nur kurze Zeit.
„Tue, was verlangt wird, Li-Pe-Tan”, sagte er dann. „Ich werde verborgen im Hintergrund bleiben, um nötigenfalls Dich und mein Haus zu schützen. Es ist gut, daß Du Hai-Tan nichts hiervon gesagt hast. Er würde Wen dahinter vermuten, währe ich etwas ganz anderes glaube.” Zur festgesetzten Zeit stand Li-Pe-Tan an der geöffnet Tür. Er hatte nicht lange zu warten. Ein Tragstuhl brachte den mit seidenen Tüchern verhüllten Gast, der hastig ins Haus trat, während die Träger mit dem Stuhl sich in den Garten zurückzogen.
„Führe mich in ein Gemach, wo wir allein sprechen können,” erklang eine Stimme, die Li-Pe-Tan bekannt vorkam.
Er besann sich, wo er sie wohl gehört habe, während er seinen Gast in sein eigenes Gemach führte. Dort warf der Fremde ungestüm die Tücher ab und stand einfach gekleidet, aber doch vornehm und edel vor dem erstaunten Weisen. Es war der Kaiser, der zu ihm gekommen war!
Li-Pe-Tan warf sich zu Boden aus innerstem Antrieb, nicht, weil die Sitte es vorschrieb. Aber der Herrscher hieß ihn aufstehen und sich zu ihm setzen.
„Wir wollen nichts Unnötiges sprechen und tun, Li-Pe-Tan”, sagte er wehmütig. „Meine Zeit ist kurz. Du wirst wissen, daß ich wie ein Gefangener gehalten werde. Ich bin nur der Mantel, den Wen umnimmt, um als Herrscher unerkannt zu bleibe Solange er einigermaßen gerecht regierte, habe ich schweigend geduldet, was mein Vater vor mir auf sich genommen hatte. Nun aber soll ich Übeltaten, Ungerechtigkeiten und Schurkerei mit meinem Namen decken. Das kann ich nicht länger.
Ich habe zu den Göttern gefleht, und es wurde mir verheißen, ein Mann in lila Gewand mit dem Sechsstern auf der Brust werde mir Lehrer und Helfer werden. Du bist der Mann, Li-Pe-Tan. Hilf mir!” Der Angeredete wußte nicht, was er antworten sollte. Dann sagte er ganz einfach:
„Ich habe zu dem Hocherhabenen gefleht, daß er mir erlauben solle, Dir zu helfen, Kaiser. Dies ist seine Antwort. Ich gehorche.” Es war beiden Männern, als sei etwas ganz Großes in ihr Leben getreten. Für Li-Pe-Tan bedeutete die Bitte des Kaisers den Anfang seiner Aufgabe. Hou-Tschou aber stand in diesem Augenblick am entscheidenden Wendepunkt seines ganzen Seins. Und tief ergriffen schwiegen beide, während ihre Gedanken als Gebete emporstiegen. Danach begann der Kaiser:
„Heute mußte ich heimlich zu Dir kommen, Li-Pe-Tan. Aber das widerstrebt mir. Rufe ich Dich indessen öffentlich und biete damit Wens Absichten Trotz, so könnten meine getreusten Diener Dich nicht schützen.”
„Aber Gott kann mich schützen. Er wird es tun, ich fürchte mich nicht”, war Li-Pe-Tans ruhige Antwort.
„Wenn Du Furcht vor Menschen hättest, wärest Du nicht der, der mir verheißen wurde. Aber ich sehe kein ruhiges Vorwärtsschreiten, solange ich mich nicht völlig von Wen freigemacht habe. Laß uns in dieser Nacht beide zu den Göttern flehen. Sie werden uns antworten, dessen bin ich gewiß. Dann werde ich morgen um die gleiche Zeit ein letztes Mal heimlich zu Dir kommen, damit wir den Antworten entsprechend unsere ferneren Beschlüsse fassen können.”
Rasch schlug der Kaiser die verhüllenden Tücher um sich und trat aus dem Gemach. Schweigend schritt Li-Pe-Tan voraus und brachte ihn ungesehen ins Freie, wo die Träger bereits seiner harrten. Unangefochten langte die Sänfte am kaiserlichen Palaste an. Die beiden aber, die sich heute gefunden, verbrachten die Nacht in heißen Gebeten. So innig Li-Pe-Tan auch flehte, er erhielt keine andere Antwort als:
„Harre des Kommenden!”
Wohl konnte er den Sinn der Worte nicht verstehen, aber so oft er darüber grübeln wollte, verwirrten sich ihm die Sinne, so daß er deutlich sah, er müsse ganz schlicht dessen harren, was kommen sollte, ob das nun ein Mensch war, wie er annahm, oder ein Geschehen.
Der Kaiser, der sich ganz in Meditationen vertieft hatte, nach dem, wie er gelehrt worden war, erhielt den Bescheid, daß die Gestaltung des Verkehrs mit Li-Pe-Tan erst am übernächsten Tage in seine Hand gelegt werde, er solle geduldig warten.
So sandte er am nächsten Abend heimliche Botschaft an den Weisen, daß er ihn erst am kommenden Abend erwarten dürfe. Weder Li-Pe-Tan noch Hai-Tan verließen in diesen Tagen den Palast des Tsong, sie hatten genug Beschäftigung mit dem Entziffern von Schriften, die ihnen die Priester abermals zugeschickt hatten. Gegen Abend aber wurden sie durch gewaltigen Lärm von ihrer Arbeit abgezogen. Ständig anschwellendes Tosen und Schreien schien die Straßen um die Paläste zu erfüllen.
Wai trat verstört in das Gemach und bat die Freunde, sich nicht hinaus zu wagen. Etwas Entsetzliches müsse geschehen sein. Es sei gut für jeden, der jetzt nicht auf öffentlichen Wegen angetroffen werde. Was mochte sich zugetragen haben?
Unwillkürlich brachte Li-Pe-Tan das unbekannte Geschehen mit der Antwort von oben in Verbindung. War es das, dessen er harren sollte? Betend zwang er alle seine Sinne zur Ruhe. Zur rechten Zeit würde er erfahren, was er wissen mußte.
Plötzlich stürmte Tsong mit allen Zeichen größter Aufregung ins Gemach. Er, der sonst so Ruhige, bebte an allen Gliedern. „Fürchterliches hat sich zugetragen!” rief er. „Wen ist im kaiserlichen Palast ermordet worden. Wenn der Täter nicht entdeckt wird, so kann auf uns alle, die wir seine Gegner waren, der Verdacht fallen. Ich bin meines Lebens nicht mehr sicher, und auch Ihr würdet gut tun, zu fliehen!”
„Wen tot!”
Das war das Geschehen, das verheißen war. In Dank und Freude dachte es Li-Pe-Tan, dann aber wandte er sich mit eindrucksvoller Ruhe an den erregten Feldherrn.
„Denke doch nach, Tsong”, forderte er ihn auf. „Der Kaiser wird aufatmen, von Wen befreit zu sein. Der Form wegen wird er nach dem Täter forschen, aber Dir wird kein Haar gekrümmt werden. Nicht fliehen darfst Du, sondern Dein Leben mußt Du erneut in den Dienst des Herrschers stellen, der Deiner jetzt bedarf. Eile in den Palast, stelle Dich an Hou-Tschous Seite. So ist es Deiner würdig. Wai und ich aber werden warten, wie der heutige Abend über uns entscheiden wird.”
Wunderbar wirkte die Ruhe auf die andern. Ohne zu fragen folgte Tsong den Worten seines Gastes, während Hai-Tan fast traurig fragte:
„Und von mir redest Du nicht! Was soll ich tun?”
„Das mußt Du selber entscheiden, Hai-Tan”, lautete Li-Pe-Tans freundlicher Bescheid. „Noch weiß ich nicht, ob ich hier in Kiang-
ning bleiben, oder ob ich schon morgen meine Wanderung antreten werde. Wenn Du mir Gefährte und Beschützer bleiben willst, werde ich Dir dankbar sein.”
An diesem Abend harrte Li-Pe-Tan vergebens seines Besuchers. In der Nacht aber trat Gottes Bote zu ihm und forderte ihn auf, am nächsten Tage die Reise nach Tibet zu unternehmen. Es sei an der Zeit, das Kloster Lie-Tses aufzusuchen. Vom Kaiser werde er vorher noch hören.
Frohere Kunde hätte ihm kaum werden können! Wenn er etwas dringend gewünscht hatte, so war es das, Lie-Tse aufsuchen zu dürfen und das Leben in tibetanischen Klöstern kennen zu lernen. Nun durfte es früher geschehen als er gedacht.
Er weckte Wai und beauftragte ihn, alles zu der Reise zu richten. Da stellte es sich heraus, daß Wai in der Stille bereits vorgesorgt hatte. Er hatte Reittiere gekauft und ein Saumtier hatte Decken und Wassersäcke besorgt, kurz, es war alles in bestem Stande für einen Ritt ins hohe Gebirge.
Verwundert erkundigte sich Li-Pe-Tan, wie dem Diener solches in den Sinn gekommen.
„Herr”, sagte Wai einfach. „Du hast einen unsichtbaren Hüter, der mir die notwendigen Befehle gibt. Ich bin gesegnet, daß ich sie hören darf.”
Am frühen Morgen stürmte Hai-Tan in das Gemach Freundes. „Der Mörder ist gefunden”, rief er erfreut, „es ist ein Lastträger, der seine Schuld ohne Scheu zugibt, trotzdem er weiß, daß der Kaiser ihn richten lassen muß. Er sagt, das Volk habe Wens Regierung nicht mehr ertragen wollen. Das Los habe ihn zu der Tat bestimmt, zu der Tausende willens gewesen wären. Ich hoffe, man wird ihn rechtzeitig befreien”, setzte Hai-Tan hinzu.
Wenig später kam ein kaiserlicher Diener, der Li-Pe-Tan seinem Herrn entbot. Ernst empfing ihn der junge Herrscher. „Wir bedürfen der Heimlichkeit nicht mehr, Li-Pe-Tan”, begrüßte er den Eintretenden. „Meine Fesseln sind gesprengt durch die Liebe des Volkes. Möge es nie zu bereuen haben, daß es mich zum alleinigen Herrscher gemacht hat.”
Li-Pe-Tan wollte sprechen, doch der Kaiser ließ ihn nicht zu Worte kommen.
„In der nächsten Zeit gibt es nun viel für mich zu tun. Ich muß mir Einblick in alle Zweige der Verwaltungen verschaffen, muß sichten und anordnen. Die Götter mögen mir helfen, daß ich es auf rechte Art tue! Danach aber dürfte die Zeit gekommen sein, zu der ich Dich als Lehrer bei mir aufnehmen kann.
Ich habe eine Bitte an Dich, Li-Pe-Tan”, sagte Hou-Tschou zaghaft. „Wäre es Dir möglich, die Würde eines Lamas zu erringen? Ich weiß, daß ich mit diesem Wunsch vielleicht Deine Pläne durchkreuze, aber es ist mir wichtig, daß ich dem Volke gegenüber durch Deine Würde gerechtfertigt bin, wenn ich Dich dann an meine Seite rufe.” „Ich bin auf dem Wege nach Tibet”, sagte Li-Pe-Tan fast feierlich. Tief bewegte es ihn, daß seine Führung auch dies vorausbestimmt hatte. Er berichtete Hou-Tschou von seinem Auftrag und dieser freute sich aufrichtig.
„Noch eine Bitte habe ich an Dich”, verkündete der Kaiser danach. „Ich möchte, daß Du noch einen Diener, den ich Dir bestimmen werde, auf Deine Reise mitnimmst. Er ist gewöhnt, Lasten zu tragen und die niedrigsten Arbeiten zu verrichten. Ich weiß, daß er Dir treu dienen wird, wie er mir Treue bewiesen hat. Frage nicht nach seinem Namen und seiner Herkunft. Du magst ihm einen neuen Namen geben.”
In Li-Pe-Tan stieg eine Ahnung auf, wer der Diener sein mochte, und Freude erfüllte sein Herz über diesen Beweis von zartem Denken. Wahrlich, Hou-Tschou verdiente alle Hilfe, die ihm zuteil wurde! Der Abschied war kurz; denn sie rechneten auf ein Wiedersehen, auch wenn es Jahre dauern sollte bis dahin.
Am Ausgang des Palastes wartete Wai im Gespräch mit einem einfach gekleideten Manne, dessen Antlitz durch einen großen flachen Flechthut beschattet war. Dieser Mann schloß sich Li-Pe-Tan auf dem kurzen Heimweg an und meldete, kaum in Tsongs Palast angekommen, daß er der von Hou-Tschou bestimmte Träger sei. Li-Pe-Tan nickte beistimmend und fragte dann Wai:
„Wie wollen wir den Mann nennen?”
Ein Lächeln überzog das ernste Antlitz des Vertrauten, der vordem ein Bettler gewesen war.
„Es scheint, daß Deine Umgebung irgendwie mit der Armut zusammenhängt, da unsere Namen auf „ai” endigen. Fürst Hai (Hai-
Tan), ich Wai ... nun, so wollen wir diesen Mann Lai rufen.” Li-Pe-Tan lachte fast wider Willen.
„Es ist gut so”, stimmte er bei, „aber sorge dafür, daß keine Verwirrung entstehe.”
Danach suchte er Hai-Tan auf, den er eifrig bei Zurüstungen zu der Reise fand.
„Selbstverständlich komme ich mit Dir”” rief er dem Freunde entgegen. „Tibet war schon lange das Ziel meiner Sehnsucht. Du mußt mir nur erlauben, daß ich meinen Diener Dai mitnehme.” Ein lautes, belustigtes Lachen unterbrach ihn.
„Es werden der Armen immer mehr”, rief Li-Pe-Tan, „wieviel, ,ai’ werden sich mir noch gesellen?”
Darauf erklärte er dem verständnislos Dreinschauenden, was ihn so lachen gemacht, und Hai-Tan lachte mit.
Gegen Abend brach die kleine Schar auf. Es lag Li-Pe-Tan daran, möglichst unauffällig die Stadt zu verlassen, daher ritten sie zu verschiedenen Toren hinaus und trafen sich erst ein gutes Stück weit außerhalb.
Li-Pe-Tan hatte sich Lai als Gefährten erwählt, aber sofort darauf verzichtet, als Wai dies widerriet. Zu genau wußte der junge Weise, daß er Wai in allen Stücken folgen solle, die Reise oder dergleichen betrafen.
Wieder erwies sich der Rat als gut. Es war beobachtet worden, daß sich am Palast ein Mann zu Li-Pe-Tan gesellt hatte, den die kaiserlichen Diener nicht kannten. Nun war aber entdeckt worden, daß der Mörder Wens aus dem Gewahrsam entflohen war. Sofort hatte sich der Verdacht auf Li-Pe-Tan gelenkt.
Als er ans Tor kam, fand er dort Freunde des Wen, die ihn festhalten und ausfragen ließen. Der Wahrheit gemäß aber konnte er sagen, daß er den Mann nie zuvor gesehen habe, auch seinen Namen nicht wisse. Auch vermöge er nicht anzugeben, wo dieser Mann sich augenblicklich aufhalte. Da mußten die Mandarinen ihn ziehen lassen.
Im Weiterreiten aber sann Li-Pe-Tan dem eben Erlebten nach. „Wie einfach ist es, zu gehorchen”, dachte er, „und wie selten tut man es. Gewöhnlich findet man seine eigenen Gedanken immer am zutreffendsten.”
Und nun begann eine Reise, die über drei Monate währte. Wai schien den Weg gut zu kennen. Er führte durch abgelegene Öden und steinige Halden, rauhe Bergpfade empor und wieder hinab. Oft mußten weite Umwege gemacht werden, um aus den unwirtlichen Gegenden wieder zu menschlichen Behausungen zu gelangen, wo Rast gemacht werden konnte und Vorräte erworben wurden. Pelzgewänder mußten gekauft werden, denn je höher die Reiter vordrangen, um so kühler wurde es. Mit Schaudern dachte Li-Pe-Tan daran, daß Lie-Tse diesen Weg zu Fuß gemacht hatte. Was mochte er unterwegs gelitten haben! Ob er wohl am Leben war? Endlich eines Mittags näherten die Reiter sich einer Ortschaft, die eng in die Felsen hineingebaut war. Die Hütten ähnelten aufgetürmten Felsstücken und schienen völlig ungeeignet zu menschlichen Behausungen.
Als die Reisenden dann aber ein Nachtlager in einer dieser mißachteten Hütten nehmen durften, merkten sie erst, wie zweckmäßig der Bau war. Rauhe Winde pfiffen darüber hin, ohne Schaden zu tun, und die dicken Steinbrocken hielten die Kälte ab. Innen waren die Wände mit Pelzen und Fellen verkleidet. Die Luft war schlecht, aber warm. Die angebotene Nahrung war äußerst bescheiden: harte, flache Brote, deren Zusammensetzung Li-Pe-Tan nicht zu erraten vermochte, und Milch von den Bergziegen, die die Hütte teilten.
Kindlich freute sich die Familie, die Gastfreundschaft ausübte, als Li-Pe-Tan ihnen von dem Tee vorsetzte, den Wai für die Reisenden bereitete. Mit leichtem Lächeln legte Wai etwas Fett dazu, das ihm zu Li-Pe-Tans Gebrauch nicht mehr gut genug schien. Mit Freudenrufen stürzten sich die Leute über die willkommene Gabe und rührten sie in den Tee. Schaudernd sahen die Reisenden zu, nur Wai schien nicht überrascht.
„Was machen die Leute, sie verderben den Tee?” rief Li-Pe-Tan entsetzt.
„Herr, so dünkt er ihnen besser. Laß ihnen die Freude”, begütigte Wai, der zum Erstaunen seines Herrn mit den Leuten in ihrer Sprache redete.
Von diesen Hüttenbewohnern erfuhr Wai dann die ungefähre Lage von Lie-Tses Kloster, so daß man am nächsten Tage zielbewußt wei-
ter in die Berge vordringen konnte. Es dauerte aber doch noch über eine Woche, ehe auf schroffem Felsen die Klosterfestung sich zeigte. Wie eine Festung sah das aus, was sich den forschenden Blikken bot. Dicke Mauern umgaben weit hinab das Kloster mit allen Nebengebäuden. Luken waren in diesen Mauern, durch die wahrscheinlich Wachen ausspähten.
Auf gewundenem Pfade langten die Reiter an einem festen Tore an. Es waren nicht die ihnen bekannten Tore aus Balken kunstvoll zusammengeschoben, sondern die Balken bildeten eine Fläche, die von eisernen Bändern gehalten war. Sonderbare Zeichen waren auf diese Fläche mit roter Farbe gemalt.
Mit freudeleuchtenden Augen schaute Wai auf dieses Tor. Er sah ganz verändert aus, sein Herr mußte immer wieder nach ihm blikken, vermied aber, nach dem Grund seiner Freude zu fragen. Das Tor war verschlossen, öffnete sich auch nicht, als die Reiter mit Steinen danach warfen, weil sie kein anderes Mittel wußten, sich bemerkbar zu machen. Sollten sie die Mauer zu umreiten versuchen, um vielleicht ein geöffnetes Tor zu finden? Alle wandten sich fragend an Wai, dem plötzlich ein Gedanke, oder war es eine Erinnerung, zu kommen schien.
Er sprang vom Pferde und ging auf das Tor zu. Dort beschaute er eifrig jeden Stein der Einfassung, der ihm erreichbar war. Nun schien er gefunden zu haben, was er suchte. Mit beiden Händen griff er in eine Felsspalte und zog irgend etwas mit allen Kräften heraus. Es kam aber nichts zum Vorschein, dagegen begann ein gewaltiges Geräusch wie das Läuten einer sehr großen Glocke. Und je eifriger Wai zog, desto mehr verstärkte sich das Geläut. Aufatmend ließ der Diener endlich ab. Im gleichen Augenblick öffneten sich die Flügel der Tür und mehrere ehrwürdig aussehende Männer boten sich den Blicken der Reiter. Die alten Priester traten zur Seite und machten Platz für den ehrwürdigsten von allen, in dem Li-Pe-Tan seinen Lehrer erkannte.
„Willkommen, mein Sohn”, begrüßte ihn Lie-Tse. „Seit Tagen erwarte ich Dich. Ich freue mich, daß Du glücklich angekommen bist.” Dann wandte der Lama sich an Hai-Tan, auch ihn zu grüßen und nickte den Dienern, die auf die Knie vor ihm gefallen waren, gnädig zu.
Voll Staunen schaute Li-Pe-Tan auf den treuen Hüter seiner Kindheit. Völlig verändert sah er hier aus. Seine Gewandung war kostbarer als alles, was Li-Pe-Tan je gesehen. Edelsteine schimmerten an den Säumen. Auf dem Haupte trug er die gelbe Mütze, an dem rechten Zeigefinger einen Ring mit einem großen gelben Stein. Ehrwürdig und gebietend zugleich erschien der Greis. Es schwindelte Li-Pe-Tan, wenn er daran dachte, wie einfach dieser hohe Lama in seinem Elternhaus gelebt hatte.
Aber Lie-Tse ließ ihm nicht viel Zeit zum Staunen. Diener geleiteten die Ankömmlinge in die für sie bestimmten Gemächer und berichteten, daß der erhabene Vater, der oberste aller Lamas, Li-Pe-Tan und Hai-Tan in einigen Stunden zur Mahlzeit erwarte. Zur festgesetzten Zeit wurden die Freunde von Dienern abgeholt und in ein kleines Gemach geleitet, wo sie Lie-Tse trafen. Ganz allein wünschte er heute die Mahlzeit mit ihnen einzu- nehmen, um die Bestimmungen für ihren weiteren Aufenthalt im Klo-ster treffen zu können.
Die tiefe Würde, die von dem ehemaligen Lehrer ausging machte Hai-Tan verstummen, und auch Li-Pe-Tan wagte kaum den väterlichen Vertrauten anzureden.
Nachdem die Diener die wenigen, aber sorgsam bereitetes Speisen aufgetragen und sich zurückgezogen hatten, sprach Lie-Tse ein Gebet, in dem er Gott für seine Güte dankte. Verlegen schaute Hai-Tan darein, der solches nicht gewöhnt war Danach gab er sich dem Speisen hin, während der Lama nach Li-Pe-Tans Absichten zu fragen begann. Hocherfreut war er zu vernehmen, daß sein Schüler weiter lernen wollte. Er hatte es erwartet.
„Von morgen früh an trittst Du als Lernender Bruder in das Klo-ster ein, Li-Pe-Tan. Es wird von Dir abhängen, wieviele Jahre vergehen werden, ehe Du es als Lama wieder verlassen kannst. Natürlich steht es Dir frei, jederzeit zu gehen, aber dann ohne die Würde, die Du anstrebst.
Wai wird als Dienender Bruder Aufnahme finden, dies entspricht seinen Wünschen. Für Hai-Tan und seinen Diener gibt es außerhalb des Klosters ein nettes Haus, in dem er ganz nach Belieben leben und die Zeit seines Aufenthaltes verbringen kann; wie es ihm gefällt. Was aber fangen wir mit Lai an?”
Lie-Tse fragte es sehr nachdenklich. Li-Pe-Tan hatte es sich so einfach gedacht, den Flüchtling; denn daß er ein solcher war, wurde ihm immer deutlicher bewußt, in der Einsamkeit des Klosters zu vergraben. Nun merkte er, daß nicht jedermann ohne weiteres Aufnahme finden konnte. Lie-Tse betonte dies auch noch. „Wir nehmen hier nur äußerst selten Angehörige eines anderen Volkes auf, Li-Pe-Tan. Daß Du uns willkommen bist, verdankst Du der Führung Gottes, die Dich uns schon melden ließ. Wai ist Tibetaner, wie Du vielleicht gemerkt haben wirst. Ich sehe, er hat Wort gehalten und Dir nichts von seinem Leben erzählt. Du sollst später Genaues darüber erfahren.
Du aber, Hai-Tan, hast gar nicht den Wunsch, Dich strengen Klosterregeln zu fügen. Lediglich das Bestreben, Deinem Freunde zu dienen, führte Dich hierher. Wir wollen Dir den Aufenthalt so angenehm wie möglich machen. Dein Diener mag für Dich sorgen. Aber Lai?”
Der Lama versank in tiefes Nachdenken, dann aber hob er entschlossen das Haupt.
„Ich will ihn dem Gärtner zur Hilfe zuteilen. Dort wird er mit unserm Leben verbunden sein, ohne mehr daran teilnehmen zu müssen, als ihm selbst lieb ist. So wird sich ganz von selbst entscheiden, welchen Weg er danach einschlagen wird.”
Hai-Tan war ziemlich bestürzt, daß er ohne weitere Frage beiseite geschoben wurde. Aber er mußte sich gestehen, daß ein Leben nach strengen Ordensregeln in einem ihm fremden Glauben ihm sehr unbequem gewesen wäre. Dagegen nahm er die Trennung von Li-Pe-Tan schwer.
Gleich nach der Mahlzeit mußte er aufbrechen, um noch vor Einbruch der Dunkelheit das ihm bestimmte Heim zu erreichen. „Wann darf ich wiederkommen, um Li-Pe-Tan zu sehen?” fragte er in der Erwartung, daß auch hier die Antwort lauten würde: „Wann immer es Dir beliebt.” Statt dessen aber sagte Lie-Tse freundlich: „Das läßt sich noch nicht bestimmen. Zunächst muß der Schüler mit seiner Umgebung und der Sprache unseres Landes vertraut werden. Er wird jede freie Minute des Tages hierfür ausnützen müssen. Du wirst Bescheid erhalten, wenn Dein Kommen angenehm ist, lebe wohl.”
Diener kamen, auch Dai hatte sich eingefunden und ehe Hai-Tan alles genau durchdacht hatte, fand er sich schon auf dem Wege in das Leben außerhalb der Klostermauern.
„Weißt Du, warum Dein Freund so rasch entfernt wurde, Li-Pe-Tan?” fragte Lie-Tse gütig.
Der Schüler blickte ihn fragend an.
„Er trägt noch kein Verlangen nach Gott in seiner Seele. Seine Gedanken und Empfindungen würden uns alle hier störend umgeben und besonders Dir das Einleben schwer machen. Was ihn erfüllt, ist nur der Wunsch nach dem Beisammensein mit Dir. Gerade deshalb muß ich ihm dies weigern. Es ist nicht möglich, daß eine Seele sich Gott naht, um im Grunde einem Menschen nahe sein zu können.
Ist Hai-Tans Empfinden rechter Art, so wird er seine Ober-flächlichkeit abstreifen und dann dringend nach Gott verlangen. Damit ist ihm dann für Zeit und Ewigkeit geholfen. Findet er sich aber mit dem angenehmen Leben ab, das ihn in der Ebene erwartet, dann ist er nicht der, der Dir ferner Schützer sein darf. Verstehst Du mich, Li-Pe-Tan?”
„Ja, mein Vater, ich verstehe Dich und verehre Deine Weisheit.” Mit klarer Stimme sprach es der Schüler, der glücklich war, wieder unter dieser gütigen Führung lernen zu dürfen.
„So will ich Dich jetzt in Dein künftiges Gemach bringen, da Du nicht mehr als Gast, sondern als Bruder bei uns leben willst. Und noch eins, mein Sohn: wir sind hier menschlich alle gleich, eine Fürstenwürde gibt es nicht. Würde verleiht nur der Grad des Wissens um Gott. Du heißest also künftig nur Li-Pe, wie Du einst Li-Erl gerufen wurdest.”
Unter diesen Worten war Lie-Tse durch einen langen schmalen Gang, in den durch kleine Fenster Licht von außen hereinfiel, geschritten. Nun wurde er von einem andern breiteren Gang gekreuzt, der zu beiden Seiten Öffnungen in Manneshöhe hatte. Diese Öffnungen führten in sehr kleine in den Fels gehauene oder auch gemauerte Gemächer, in denen außer einem großen Stein, der wohl als Lager diente, kein Gegenstand sich befand. Jedes dieser kleinen Gemächer hatte oben an der Außenwand ein Fenster, doch ließ sich nicht hinausschauen. Nur frische, recht kalte Luft strömte herein.
In eines dieser Behältnisse wies Lie-Tse den Schüler. „Sieh hier Deine künftige Behausung, Li-Pe”, sagte er freundlich. „Du bist Besseres gewöhnt, aber Du mußt lernen, daß, wer Gott sucht, alles andere entbehren kann. Du wirst hier Deine freie Zeit und die Nächte verbringen. Zum Lernen kommst Du in einen Saal, wo Dir ein Platz angewiesen wird. Die Mahlzeiten nehmen die Schüler gemeinsam ein.
Merke Dir Deine Zelle, die siebente von der Ecke, denn es ist untersagt, andere Zellen zu betreten. Und nun komm, daß ich Dich Deinem Lehrer vorstelle.”
Li-Pe schaute erschrocken auf. Er hatte zuversichtlich geglaubt, Lie-Tse werde ihn selber unterweisen. Es traf ihn hart, daß dies nicht so war, aber kein Wort der Widerrede entfloh ihm, er drängte sogar jeden Gedanken daran zurück. Gehorsam wollte er sein, nur so konnte er Gott seinen Dank beweisen.
Als ob der Lama seine Gedanken lesen könne, flog ein froher Blick zu dem Schüler hin. Li-Pe würde alle in ihn gesetzten Erwartungen übertreffen, dessen war er gewiß.
Mehrere Gänge wurden durchwandert, alle glichen sich. Wie würde er sich je darin zurechtfinden? Kaum hatte er das gedacht, da sagte der Lehrer freundlich:
„Es ist leichter als Du meinst, Li-Pe, und für den Anfang, wird Dich ein älterer Schüler zum Lernen und zu den Mahlzeiten abholen, ebenso wird er Dir zeigen, wo Ihr Euch wascht und ankleidet. Aber versuche nicht, mit ihm zu sprechen. Die Klosterregel untersagt überflüssige Worte.”
Nun öffnete Lie-Tse die Tür zu einem großen Saal, in dem eine Menge niedriger Tischchen, wie Li-Pe sie sonst zu den Mahlzeiten gewohnt war, aufgereiht standen. Davor kauerten lesend und schreibend viele alte und junge Klosterschüler, alle in dunklen, schmucklosen, weiten Gewändern von verschiedenen Farben. Ob diese Farben eine Bedeutung hatten? Rasch sah Li-Pe sich um, ob er ein lila Gewand entdecken könne, doch ehe er festgestellt, daß ein solches nicht vorhanden war, trat ein alter weißhaariger Mann mit langem weißem Barte auf die Ankömmlinge zu, sich tief vor Lie-Tse verneigend. Die Schüler arbeiteten weiter, ohne scheinbar auf die Unterbrechung zu achten.
„Mi-Yang, hier bringe ich Dir den neuen Schüler, von dem ich Dir schon gesprochen”, redete Lie-Tse den Alten an und bediente sich dabei Li-Pes Heimatsprache.
Mi-Yang antwortete geläufig in derselben Weise und hieß Li-Pe willkommen.
„Du wirst zuerst unsere Sprache erlernen müssen, damit Du dem Gottesdienst in der Kapelle folgen kannst”, sagte der Lehrer. „Ich werde Dir einen älteren Schüler beigeben, mit dem Du vier Wochen lang alle Tage eine Stunde im Garten auf- und abgehen und die Aufgaben erlernen kannst. Danach wirst Du unsere Sprache können.” Er sagte es so bestimmt, daß auch in Li-Pe kein Zweifel daran aufstieg.
Während ihm nun Mi-Yang seinen Platz zeigte, der nahe an einem großen hellen, aber geschlossenen Fenster war, verließ Lie-Tse das Gemach, ohne auch nur ein einziges Wort noch an Li-Pe zu richten. Dieser setzte sich vor sein Tischchen, wie die andern es machten, und Mi-Yang brachte ihm eine kostbar geschriebene Schrift in seiner Sprache, über die der Schüler sich voll Eifer neigte. Er mochte wohl ohne Unterbrechung drei Stunden lang gelesen haben, da tönte wundervoller Gesang durch den Raum. Entzückt hob Li-Pe das Haupt, aber er sah nicht, wo die Klänge herkamen. Feierlich tönte die Weise, feierlich und erhebend schienen auch die Worte zu sein, die er noch nicht verstand.
Alle Schüler schoben ihre Arbeitsgeräte leise zusammen und warfen sich vor ihren Tischchen auf den Boden, auch Li-Pe tat es. Es war ihm in dieser Feierlichkeit wahres Bedürfnis.
Als die Klänge verstummt waren, erhoben sich alle, ordneten sich paarweise und schritten aus dem Saal. Ein junger Mann mit edlem, ansprechendem Antlitz war neben Li-Pe getreten; wahrscheinlich war es sein Helfer.
Da kam auch schon Mi-Yang auf die beiden zu.
„Dies ist Tschai-Su, der Dir in diesem Jahr behilflich sein wird. Du darfst ihn fragen nach allem, was Du wissen mußt, aber je weniger Du fragst, desto besser wird es für Euch beide sein.” Alles in Li-Pe sehnte sich, zu erfahren, was der wundervolle Gesang bedeute, woher er komme und wer ihn ausführe. Aber er bezwang sich, und es ging leichter, als er gedacht hatte.
Durch einige Gänge, die allen andern glichen, gelangten die lernenden Brüder nun zum Speisesaal, wo sie sich vor niedrigen Tafeln bequem niederlassen durften. An einer besonderen Tafel saßen sieben greise Lamas. Wahrscheinlich lauter Lehrer, dachte Li-Pe; denn er sah, daß auch Mi-Yang unter ihnen war.
Einer der Greise erhob sich, entblößte sein Haupt und sprach ein kurzes, Li-Pe unverständliches Gebet. Aber wiewohl er die Worte nicht verstand, ergriff ihn doch der innige Ton, in dem sie gesprochen wurden.
Danach wurden die Schüsseln mit Reis und die Becher mit Tee aufgetragen. Außerdem erhielt jeder Schüler ein flaches, wohlschmeckendes Brot und so viel Früchte, als er genießen wollte. Während des Essens las einer der Lehrer langsam und deutlich aus einem Buche vor. Niemand sprach.
Nach der Mahlzeit schritten die Schüler wieder paarweise in einen Hof, in dem ein schöner Brunnen klares Wasser in ein kostbar geziertes Becken sprudeln ließ. Dort reinigten sich alle Gesicht und Hände, danach wanderten sie durch den sehr großen, schön angelegten Garten, in dessen einer Ecke Lai eifrig mit dem Karren von Erde beschäftigt war.
Der Garten war mit einer lebenden Hecke von anderen Gärten abgesondert. Li-Pe konnte gar nicht genug staunen, daß in dieser Höhe und dieser frischen Luft so schöne Pflanzen gedeihen konnten. Sie wurden augenscheinlich mit größter Sorgfalt gepflegt. Eine Glocke schlug an; sofort begab die stumme Schar sich in das Kloster und den Arbeitssaal zurück, wo einer der anderen Lehrer einen Vortrag zu halten schien.
Aufmerksam lauschten die Schüler und Li-Pe, obwohl er kein Wort verstand, wagte nicht, sich in seine Schrift zu vertief Die Ansprache mochte etwa zwei Stunden gedauert haben, schloß der Lehrer und trat auf den neuen Schüler zu, den er in dessen Heimatsprache anredete:
„Mit Befremden sehe ich, daß Du zu denen gehörst, die den Wert der Zeit nicht kennen. Ich hatte erwartet, Du würdest Dich: in Dei-ne Aufgabe vertiefen, da Dir mein Vortrag nichts sagen konnte. Du aber hast die kostbare Zeit zum Nichtstun verwendet. Du wirst heute Nacht das Versäumte nachholen.”
Li-Pe war tief betroffen. Er hatte nicht gewagt, zu stören. Viel lieber hätte er gelesen, als den Worten zu lauschen, die unverstanden an seinem Ohr vorüberrauschten. Aber zu entgegnen wagte er nichts. Er erhob sich und verneigte sich. Prüfend schaute der Lehrer ihn an, ehe er den Saal verließ.
Ein jüngerer Lama trat herein und verteilte Schriften an die Schüler. Li-Pe erhielt eine solche in seiner Sprache. Es war Aufforderung, sich in den Satz zu vertiefen:
„Der Geist erzeugt die Einheit.
Die Einheit wird zur Dreiheit.
Aus der Dreiheit kommen alle Wesen.”
Sobald der Schüler glaubte, verstanden zu haben, was der Satz besagen wolle, solle er in seinen Worten die Erklärung darunter schreiben.
Li-Pe erglühte. Das war herrlich! Das war unbeschreiblich schön und erhaben! Es schien ihm, als habe er immer gewußt, was diese Worte bedeuteten. Es war das größte Geheimnis Gottes! Verzweifelt schaute er sich nach Schreibzeug um. Die andern Schüler entnahmen einer Tasche, die unter ihrem Gewand auf der Brust angebracht war, Pinsel und Tusche. Er allein hatte noch nichts. Zu fragen wagte er nicht. Und doch verstrichen kostbare Minuten!
Schließlich faßte er einen Entschluß. Er erhob sich, trat zu seinem Gehilfen und nahm wortlos aber mit freundlichem Blick dessen Schreibzeug.
Entsetzt schaute ihn der Beraubte an. Dann begann er zu lachen und dieses Lachen ergriff auch die Umsitzenden. Auf einmal war ihnen der Neuling nicht mehr fremd. Es war ein feiner Bursche, der sich zu helfen wußte. Tschai-Su bezwang das Lachen gewaltsam, nickte dem Räuber freundlich zu und schritt an eine Wandnische, wo er Schreibzeug für Li-Pe holte.
Voller Eifer machte dieser sich an die Arbeit. Er wollte möglichst schöne Zeichen malen, aber die Worte strömten ihm so unaufhörlich zu, daß seine Hand kaum folgen konnte. Sein Pergament war zu Ende.
Wieder blickte er sich suchend um. Was taten die andern in solchem Fall? Sie schrieben langsam und mit vielen Überlegungspau-
sen, ihre Blätter waren noch nicht halb bedeckt. Also mußte er sich wieder selbst helfen. Er ging zu der Nische und fand auch wirklich Pergament, von dem er zwei Blätter nahm. Niemand kümmerte sich um ihn, also mußte es wohl so richtig sein.
Gerade als er den letzten Pinselstrich getan hatte, ertönte wieder herrlicher Gesang von Männerstimmen. Er schien aus der Wand zu dringen, in der in zwei Reihen Löcher sich befanden. Dann sammelte ein Schüler die Blätter ein und als er bei Li-Pe drei in Empfang nehmen mußte, hob er sie hoch empor, so daß alle sie sehen konnten. Da lächelten alle Gesichter dem Neuen freundlich zu, sie freuten sich.
Nun geschah alles wie es zu des Tages Mitte gewesen war, nur daß die Schüler sich nach der Mahlzeit und der Reinigung im Hofe in die Kapelle begaben. Li-Pe meinte, etwas so Erhabenes könne es auf Erden nicht geben.
Auf hohen Säulen, die im Halbrund an der Querwand standen, brannten Flammen in bunten Schalen. Alle diese Farbenstrahlungen verwoben sich zauberhaft. Vor den Säulen stand ein mit weißer Seide überdeckter Tisch, auf dem eine einzige rubinrote Schale prangte. Zu Füßen der Säulen aber befanden sich farbige und bronzene Gefäße voller leuchtender Blumen aus dem Garten. In Reihen traten die Schüler in den abgegrenzten Raum, der ihnen zugewiesen war, und warfen sich auf die Knie. Vor dem Tisch sprach Lie-Tse ein Gebet, zuerst tibetanisch, dann wiederholte er es in Li-Pes Sprache.
Er dankte Gott, dem Allerhöchsten, daß er den Suchenden habe finden lassen, daß er seinem Boten die letzte Weihe zuteil werden lassen wolle.
Die Andächtigen erhoben sich und lauschten stehend einem feierlichen Gesang von Männerstimmen. Danach verließen sie paarweise die Kapelle und schritten in den Garten hinaus. Nach wenigen Minuten aber zogen sie in ihre Zellen ein.
Auch Li-Pe wollte die seine betreten, wurde aber von Tschai-Su an der Hand zurückgehalten. Freundlich führte der Gehilfe ihn in den Arbeitssaal zurück und legte die Schrift auf seinen Tisch, die Li-Pe am Nachmittag hätte beenden sollen. Danach verließ er ihn.
Eigentlich war Li-Pe viel zu erfüllt von der Erhabenheit der kurzen Andacht, um nun eine Abhandlung über die Verbindung von Raum und Zeit in sich aufzunehmen, aber er wollte gehorchen! So vertiefte er sich in die Schrift und versuchte, sie verstehen. Seite um Seite las er, immer mit dem Bewußtsein, daß er nichts davon begriff. Die Sätze waren so schwierig zusammen gestellt, daß sie verschiedene Deutungen zuließen. Zuerst wollte er verzagen, dann aber sagte er sich, daß er ja noch Schüler sei Irgend ein Lehrer werde seinem mangelnden Verständnis aufhelfen. Danach ging es rasch voran mit dem Lesen. Ehe noch der flackernde Docht seines Öllämpchens erlosch, hatte er die Aufgabe beendet. Aber er wagte nicht, den Saal zu verlassen, fürchtete auch, ohne Hilfe seine Zelle nicht finden zu können. Durch das Fenster flutete der Vollmondschein. Li-Pe stieg auf sein Tischchen und öffnete das Fenster. Wie die Gestirne zu seiner Seele sprachen! Ganz versunken war er in ihren Anblick.
Was ihm erst als ungerechte Strafe erschienen war, dünkte ihm nun große Freude. Und dann tönten Stimmen um ihn her. „Du tatest recht, Li-Pe, daß Du unbedingt gehorchst. Nur wer das gelernt hat, kann auch von andern fordern. Lerne am Tage, was Deine Lehrer Dir bieten können, nachts aber blicke in Dich. In Dir liegt die Wahrheit, liegt alles Wissen um Gott, dessen Du bedarfst. Schaue um Dich, und Du wirst die Bestätigung alles dessen finden, was Du in Dir erweckst.”
Betend und lauschend verbrachte Li-Pe die Nacht und war erstaunt, als am Morgen der Lehrer den Saal betrat, um nach ihm zu sehen. Mit harten Worten ließ er den Schüler an. Das sei noch nie dagewesen, daß ein lernender Bruder die ganze Nacht in dem Arbeitssaale zugebracht habe. Er solle nicht glauben, daß er mit seinem starren Sinn hier lange geduldet werde. Zur Strafe für seine Verfehlung dürfe er nicht am Morgenmahl teilnehmen.
Den Imbiß verschmerzte Li-Pe leicht, aber die Morgenandacht entbehrte er schwer.
Als dann alle Schüler zur Arbeit erschienen, streifte ihn mancher bedauernde Blick. Es war sicher, daß die Brüder auf seiner Seite standen. Gesprochen aber wurde nichts. Jeder bekam seine Arbeit zugewiesen, die er schweigend verrichtete.
Es ging schon auf Mittag zu, da trat Mi-Yang herein. Er hielt eine Anzahl Blätter in der Hand. Alle unterbrachen ihre Arbeit und blickten den Lehrer an.
Dieser hielt nun eine Ansprache, in der Li-Pe manchmal seinen Namen zu hören meinte, aber er verstand noch kein Wort davon. Danach las Mi-Yang etwas von einem der Blätter vor. Alle Köpfe drehten sich dem Neuen zu. Li-Pe wurde bange: Hatte er schon wieder gegen irgend eine Regel verstoßen?
Da trat Mi-Yang vor ihn hin und sprach zu ihm in seiner Sprache. „Was Du gestern geschrieben, Li-Pe, ist so reif, daß ich Dich. nichts mehr lehren kann. Unser Vater hat verfügt, daß Du unter die Helfenden Brüder aufgenommen wirst. Zuvor aber mußt Du unsere Sprache erlernen. Das wird jetzt Deine alleinige Aufgabe sein. Du wirst einen eigenen jungen Lehrer erhalten, der Dir hierbei helfen wird. Je eher Du Dein Ziel erreicht haben wir um so besser wirst Du in den Geist unseres Klosters eindringen können. Folge mir.” Ganz verwirrt erhob sich Li-Pe und schritt hinter dem ehrwürdigen Greis her, der ihn in einen anderen Flügel des Klosters führte. Auch hier gab es Zellen, aber sie waren geräumiger und enthielten alles, was zum Arbeiten und Schlafen nötig war.
Die Fenster waren so angebracht, daß man durch sie hindurch in den Garten schauen konnte. Schreibgerät und Pergamente lagen in Menge auf einem Tischchen. Gleich nachdem Li-Pe eingetreten war, kam ein junger Bruder in blauseidenem Gewand, der sich Ya-Mi nannte und sofort begann, Li-Pe zu unterweisen.
Hier hörte man den erhebenden Gesang nicht, der die Schüler zu den Mahlzeiten gerufen hatte. Statt dessen trat ein Dienender Bruder unter die Tür, rief etwas und reichte Li-Pe ein Bronzebecken mit Wasser und ein Tuch dar. Er hielt es, solange dieser Gesicht und Hände reinigte, und verschwand dann wieder. Ya-Mi aber sagte, daß der Bruder berichtet habe, das Mahl sei bereit.
Weit größer war der Saal, in dem Li-Pe heute seine Mahlzeit einnahm. Er war auch schön geschmückt. An langen niedrige Tischen hockten die Helfenden Brüder in verschiedenfarbige Gewändern, immer die gleichen Farben an dem gleichen Tische. Auch hier waren sieben ehrwürdige Alte zugegen, auch hier wurde ein Gebet gesprochen und danach vorgelesen. Das Mahl schien sich nicht von dem der Schüler zu unterscheiden. Nach Schluß desselben betrat Li-Pe an Ya-Mis Seite einen großen schönen Garten, wo sie kurze Zeit hin und her gingen. Danach kehrten sie in Li-Pes Zelle zurück und nahmen ihre Arbeit wieder auf.
In gleicher Weise verflossen viele Tage, ohne daß Li-Pe seinen alten Lehrer zu Gesicht bekam. Jeden Tag verstand er mehr von den Gebeten und von den Andachten, die ihm in ihrer Kürze und Innigkeit über alles Begreifen schön erschienen. Jeden Tag amtete ein anderer Lama dabei.
Auch die Lehrer und Schüler aus dem ersten Saal sah Li-Pe nicht. Wenn er am Tage eifrig gelernt hatte, dann gab er sich nachts ganz der Versenkung in das hin, was in ihm erwachte.
Immer neue Erkenntnisse strömten ihm zu. Es war, als ob das gleichmäßige Leben in dem uralten Kloster das Schwingen um und in ihm befördere.
Eines Morgens hatte er ein lila Gewand aus köstlicher Seide in seiner Zelle gefunden nach Art der Kleidung der Helfenden Brüder. Aber beim Mahle suchte er vergeblich nach lila Gewändern, zu denen er sich hätte gesellen können. Ratlos blickte er sich um. Da trat einer der Alten zu ihm und sprach ihn tibetanisch an:
„Wir haben außer Dir keinen Bruder, der diese Farbe tragen darf. Setze Dich zu den gelben Brüdern. Später findest Du dann einen anderen Platz.”
Einen Augenblick ruhten die Augen des Alten durchdringend auf Li-Pe. Dieser aber hatte alles verstanden, verneigte sich und schritt auf den Tisch der Gelben zu, die ihm bereitwillig Platz machten. Er war nun von Ya-Mi getrennt, aber nur bei der Mahlzeit, bei der ohnehin nicht gesprochen wurde.
Abermals verging einige Zeit in der gleichen Weise, da wurde Li-Pe eines Morgens zu Fu-Yang, dem Lama, der die Helfender Brüder leitete, beschieden. Er fand ihn in einem prächtigen Gemache, kostbar in gelbe Seide gekleidet.
Li-Pe, der gewohnt war, Gelb als Himmelsfarbe nur bei dem kaiserlichen Hause zu sehen, nahm ohne weiteres an, daß Fu-Yang ein Fürst sei, wie er die Gelben an seinem Tische alle für Prinzen gehalten hatte.
Tief neigte er sich, doch der Lama schien es nicht zu beachten. Nachdem er einige Augenblicke schweigend den vor ihm Stehenden betrachtet hatte, begann er:
„Du hast Dir genügend Kenntnisse unserer Sprache erworben, Li-Pe, um nun als Helfender Bruder unter uns arbeiten zu können. Es werden Dir die reiferen Lernenden zugeteilt werden, daß Du ihnen helfest, sich für ihre Aufgabe zu bereiten. Sie sollen unser Land durchziehen und das Wissen von Gott allüberall erneuern und vertiefen. Es wird Deine Pflicht sein, zu forschen, wie weit sie selber das wissen, was sie andern bringen sollen.
Du wirst also alle Tage eine Ansprache vor ihnen halten, ihnen Arbeiten zuteilen und in Rede und Gegenrede ihren Geist immer regsamer machen.”
Antwort erwartend schaute Fu-Yang den Helfenden an. Li-Pe aber fragte leise:
„Werde ich das können, mein Vater? Als Lernender kam ich her!” Freundliche Antwort wurde ihm.
„Du kannst, was Du sollst. Lie-Tse selber hat Deine Aufgabe be-stimmt. Ihm wurde sie von Gott für Dich zugewiesen.” Und schon am gleichen Morgen mußte Li-Pe sein Amt antreten, an das er mit großem innerem Zagen heranging. Aber siehe da, sobald er vor der kleinen Schar Lernender stand, die mit verlangenden Augen auf ihn schauten, da strömte ihm das zu, was er sagen sollte. Er merkte nicht, daß er sich der fremden Sprache bediente, ganz geläufig war sie ihm.
Er kündete von Gott, der vor aller Welt Anfang war, kündete von ihm, der alles geschaffen und alles erhält, von ihm, der warten kann, bis die Menschen ihn finden; denn er braucht sie nicht. Sie bedürfen seiner.
So hatte noch niemand zu den Schülern gesprochen, und sie fühlten, daß es ein ganz Großer war, der sie lehrte. Und während Li-Pe in begeisterter Freude seines Amtes waltete und hoffte, immer besser hineinzuwachsen in den Jahren, während deren es ihm anvertraut sein würde, wußten die besser mit den Regeln des Klosters bekannt Seienden, daß ihr Glück nur von kurzer Dauer war. Nach wenigen Monaten trat Fu-Yang in Li-Pes Zelle, um ihm mitzuteilen, daß er in den Stand der Lehrenden Brüder erhoben wor-
den. Seine Aufgabe sei jetzt, die Helfenden, die zu Lehrern gebildet würden, zu fördern.
Abermals gab es einen Wechsel von Zelle und Speisesaal, von Garten und vor allem von Schülern. Er fand sich als Lehrer der Gelben, die ihn voll Freude aufnahmen.
Aber auch hier herrschte Schweigen wie überall. Nur das unbedingt Notwendige wurde gesprochen. Noch hatte Li-Pe niemand nach Sinn und Zweck der ihm langsam vertraut werdenden Klosterregeln fragen können, aber er vermißte es auch nicht mehr. Wie er das Schweigen als köstliche Gabe empfand, so begann er zu verstehen, warum die völlige Trennung aller Klosterinsassen so streng durchgeführt wurde, warum er selber immer weitergeschoben wurde, sobald er begann, sich in einen Platz einzuleben. „Alles flutet”, sagten die inneren Stimmen. „Ihr Menschenseelen dürft niemals stehenbleiben, sonst sterbt Ihr ab. Weiter, immer weiter müßt Ihr aufwärts streben, es gibt kein Ende für Euch.” Und Li-Pe strebte und lernte, lehrte und half den Schwächeren durch sein Beispiel.
Dann ging es wieder weiter. Von den Lehrenden kam er zu den Suchenden Brüdern und damit zum erstenmal seit seinem Eintritt ins Kloster in Lie-Tses Nähe.
Die Suchenden bildeten nur einen kleinen Kreis, etwa dreißig Brüder, die von Lie-Tse selber unterwiesen wurden. Täglich nach der Morgenandacht wies er ihnen ein Thema zu, das sie im Lauf des Tages überdenken und noch vor Abend auf dem Pergament erläutern sollten. Einmal in sieben Tagen wurden dann die Arbeiten durchgesprochen, die alle einen hohen Grad von Reife verrieten. Gütig und verstehend schwebte Lie-Tses Geist über ihnen allen und half ihnen, noch tiefer in die ewigen Wahrheiten einzudringen. Voll Bewunderung und Verehrung schaute Li-Pe zu seinem ehemaligen Lehrer empor und verstand nun erst das Opfer, das dieser ihm auf Gottes Gebot gebracht. Aber nicht ihm, dem Menschen, hatte es gegolten, sondern dem Wahrheitsbringer. Dies Bewußtsein erfüllte Li-Pe stets mit neuer Kraft.
Das erste Thema, das Li-Pe bearbeiten durfte, lautete: „Wer Wissen sucht, nimmt täglich zu, Wer den Geist sucht, nimmt täglich ab.”
Nur kurze Zeit saß Li-Pe sinnend vor seinem Pergament. Danach schrieb er:
„Wer nur Wissen sucht, erlangt, was er suchte, wird gelehrt und aufgeblasen.
Wer den Geist von oben sucht, muß abnehmen, immer mehr und mehr, bis von ihm selber nichts mehr vorhanden ist. Dann erst kann der Geist ihn durchdringen und ihn aufwärts führen, dorthin, wo er herkam.
Wer sich fürchtet, sich selbst aufzugeben, der soll das Suchen nach dem Geist unterlassen.”
Einige Tage später lautete das Thema
„Wo der Geist herrscht, gehen keine Geister um.”
Auch dieser Satz dünkte Li-Pe leicht zu verstehen. Aber immer noch konnte er aus den Erklärungen Lie-Tses lernen und wenn er abends seinen Tag überschaute, kam er sich unermeßlich reich und begnadet vor.
Dann hatte auch das ein Ende. Lie-Tse ließ ihn zu sich rufen und erklärte ihm, daß er reif befunden sei, die Würde eines Lamas zu erhalten. Er solle sich sieben Tage in der Stille seiner Zelle bereiten. Die Mahlzeiten würden ihm dorthin gebracht werden. Danach aber werde er, Lie-Tse, mit hoher Freude den einstigen Schüler in der heiligen Kapelle segnen, die Li-Pe bisher noch nicht betreten habe.
Wieder ein neuer Abschnitt seines Lebens! Es schwindelte Li-Pe. Wie lange war er nun schon hier im Kloster. Rückschauend dünkte es ihm, es müßten nahezu zwei Jahre gewesen sein, im Erleben erschien es ihm viel kürzer.
Und nun sollte er der hohen Würde teilhaftig werden, nach der er gestrebt. Er wußte, es war die Führung des Hocherhabenen, die ihn dazu befähigt hatte, weil er dies für seine Aufgabe brauchte. Sollte er seinem Volke die göttliche Wahrheit nahebringen, so mußte er in überragender Weise auftreten, sonst würde niemand auf ihn hören. Aber warum jetzt daran denken? Die sieben Tage waren ihm geschenkt worden, damit er ganz tief in sein Inneres hineinlauschen und sich ganz weit nach oben aufschließen könnte. Bereiten sollte er sich! Bereiten, um eine neue, große Kraft aufnehmen zu können.
„O Du Hocherhabener,” flehte er, „Du hast mich gewürdigt, Dein Künder zu sein auf der Erde. Nimm mir alles Eigne, laß mich ganz nur Dein Diener und Bote sein. Nichts begehre ich für mich, denn ich bin glückselig, daß ich Dir dienen darf.”
Am Morgen des ersten Tages beschloß er, diese sieben Tage mit Fasten zu verbringen. Das dünkte ihm gut und weise. Als daher das Mahl gebracht wurde, schaute er gar nicht danach hin. Da erhob sich durch das geöffnete Fenster ein Windstoß und wehte ihm ein kleines Pergamentblatt vor die Füße, das anscheinend bei den Speisen gelegen hatte. Er hob es auf und las: „Dem Hocherhabenen ist nicht damit gedient, daß man den von ihm gegebenen Körper entbehren lasse. In einen schwachen Körper kann kein starker Geist einziehen. Nimm und iß.” Und Li-Pe gehorchte, sann aber dem eben Gelernten nach und fand, daß alle die als heilig verehrten Priester, die durch Fasten oder Kasteien sich für das Leben unter den Menschen unfähig machten, Unrecht taten.
Er hatte von einem alten Lama gehört, der sich an einen Baum gebunden hatte, den Körper am Stamm angelehnt, die Arme über zwei verschieden hohe Zweige geschlungen. In dieser Stellung sollte er sein halbes Leben verbracht haben, bis er völlig erstarrt war. Menschen, die ihn aufsuchten, um ihn anzubeten, schoben ihm Bissen in den immer etwas geöffneten Mund.
Li-Pe hatte dieses Alten immer nur mit Schaudern denken können. Heute wußte er, warum. Nein, er wollte für seinen Körper Sorge tragen, wollte sich äußerlich rein erhalten wie innerlich. Durch diese Gedanken fiel ihm sein Volk ein, das teilweise in Schmutz verkam. Wie reinlich war hier alles im Kloster, wie sauber jeder Einzelne. So sollte das ganze Volk sein, dann würden vielerlei Krankheiten fernbleiben.
Das war der Gewinn des ersten Tages. Klar zeigte sich ihm diese eine Seite seiner Wirksamkeit, die er bisher als nur Äußerlichem geltend nicht beachtet hatte.
In der Nacht aber durfte er Zwiesprache halten mit Gottes lichtem Boten, der ihm die Freudigkeit an seiner Aufgabe tief in die Seele senkte. In einer Hochstimmung, wie er sie nie zuvor empfunden, begann Li-Pe den zweiten Tag. Was würde er bringen? Er wollte sich ganz treiben lassen. Ein Dienender Bruder trat ein und brachte ein kleines oftmals gefaltetes Pergament, auf dessen Seiten Drachen gemalt waren, Drachen und Dämone. Ein beigelegtes Streifchen von Lie-Tses Hand geschrieben enthielt die Worte: „Kennst Du sie?”
Schreckliche Gebilde waren es. Und Li-Pe sann, wie er selber einst solche Wesen gesehen, wie er aber auch gelernt hatte, ihrer Herr zu werden. Hieß nicht die Verheißung, die seine Mutter erhalten hatte: „Dämonen solle er bekämpfen und ausrotten und den lichten Geistern die Wege bahnen zu den Menschen.”
Nun wurde es Zeit, daß er in diese Aufgabe eintrat! Viele Jahre seines Lebens waren schon vergangen. Aber der Hocherhabene hatte seine Vorbildung geregelt, also war noch nichts versehen. Er überlegte, wie er mit den Dämonen in Berührung kommen könne. Seit er im Kloster war, hatte er keine Spur von ihnen gesehen. Also mußte er schlechte Menschen aufsuchen, um die Unholden zu verjagen? Den ganzen Tag vertiefte er sich in diese zweite Seite seiner Aufgabe, bis auch sie ihn mit Freudigkeit erfüllte, die in der Nacht durch den lichten Boten noch verstärkt wurde. Nun war Li-Pe gespannt, was der nächste Tag bringen werde. Mit dem Morgenmahl sandte Lie-Tse ihm ein kostbares Öllämpchen aber keinen Tropfen Brennstoff dazu. Li-Pe freute sich der Gabe, betrachtete sie von allen Seiten, wußte aber sonst nichts damit anzufangen.
„Wenn ich nur Öl hätte!” rief er laut. „Sie ist so schön, sie muß herrlich leuchten, diese Lampe.”
Er hatte aber diese Worte kaum gesprochen, da ging ihm der Sinn der Gabe auf. Wie eine kostbare Lampe war sein Volk. Aber es fehlte an dem, was es leuchten machte. Dieses Öl sollte er ihm bringen: das Wissen um den Hocherhabenen. Wie war er doch begnadet vor allen Menschen!
„Dies ist die schönste Seite meiner Aufgabe,” tönte es in ihm. Aber der lichte Bote zeigte ihm in der Nacht, daß keine ohne die andere richtig geschehen konnte. Erst sollte er die Körper heben, dann die Gemüter von Angst und Furcht befreien und ihnen Besseres zeigen, dann aber das Wissen um Gott an die geläuterten Seelen herantragen.
Die nächsten vier Tage vergingen allzu rasch im Sinnen über diese dreifache Aufgabe, in Bitten um Kraft und in Loben und Danken. Am letzten Abend traten Diener in das Gemach, die im Auftrage Lie-Tses reiche Gewänder in lila Seide mit Gold gestickt brachten. Eine lila Mütze von gleichem Schnitt wie die gelbe seines Lehrers lag dabei.
Er wurde in ein Bad geführt, das in einer Zelle in den felsigen Boden gegraben war, und in das Diener erwärmtes, duftendes Wasser gossen. Dann schnitt ihm ein Mann die Kopf- und Barthaare zu, darauf geleiteten sie ihn in sein Gemach zurück, wo neben einem Becher mit Tee eine kleine bronzene Figur stand.
Mit einem Ruf des Entzückens ergriff Li-Pe sie. Es war eine Nachbildung der Götterstatue, die er einst betrachtet. Wundervoll war die Ruhe in den Zügen des Gottes. Und Li-Pe erinnerte sich, wie Lie-Tse ihm gesagt, die Menschen hätten Eigenschaften des Hocherhabenen gebildet, da sie ihn selbst nicht zu bilden vermöchten. „Habe Dank für diese Mahnung, mein Vater,” rief Li-Pe. „Immer ähnlicher soll ich dieser Ruhe und Abgeklärtheit werden, wenn ich als Gottes Diener unter den Menschen wirken darf.”
Nun brach der Tag an, der Li-Pe die neue Würde bringen sollte. Früh am Morgen trat Lie-Tse bei ihm ein. Ein solcher Friede ging von dem Greise aus, daß in Li-Pe der heiße Wunsch entstand: „Wenn ich so werden könnte wie er!”
Nach kurzem innigem Gebet forderte der Lama seinen einstigen Schüler auf, ihm zu folgen. Mit Wohlgefallen betrachtete er den Jungen, der so selbstverständlich die kostbaren Gewänder angelegt hatte, als sei er von Jugend auf gewohnt, dergleichen zu tragen. Die lila Kappe hielt er in der Hand, und Lie-Tse nahm sie an sich, um sie ihm erst in der Kapelle wieder zu geben.
Nach kurzer Wanderung durch Li-Pe bisher unbekannt gebliebene Gemächer langten sie bei der Kapelle an, die sie gemeinsam betraten.
Die Pracht, die hier entfaltet worden war, übertraf alles, was Li-Pe je geschaut. Die Seitenwände waren mit goldenen Blätterranken überzogen, aus denen Blüten, aus Edelsteinen gebildet; aufleuchteten. Einige Blumen waren als Lampen verwendet, wohlriechendes Öl verbrannte in ihnen und verteilte die Farben der Edelsteine auf die nächste Umgebung. Von der Decke hing eine riesengroße, goldenrote Lampe herab.
Auf dem Tische stand die rubinrote Schale, von Lampen und Bronzevasen mit Blumen umgeben. Weiche Matten bedeckten den Boden.
Etwa vierzig Lamas waren versammelt, davon die Hälfte über den Gewändern Mäntel in der Farbe ihrer Kleidung trugen. Auch hier waren die Farben bestimmend für die Plätze gewesen, die die Träger einnahmen. Li-Pe wurde ein Kissen in der Mitte der Lamas angewiesen, auf dem er knien durfte, während Lie-Tse an den Tisch trat. Wunderbare Männerchöre erklangen, aus den Lampen stieg der Duft der kostbaren Öle, leichter Rauch legte sich wie Nebel über die Sinne. Es war Li-Pe, als sei er nicht mehr auf Erden, sondern weit hinaus entrückt.
Dann erhob Lie-Tse seine Stimme im Gebet. Nachdem er geendet, herrschte minutenlanges, feierliches Schweigen. Nun rief er: „Li-Pe, von heute an Li-Yang, tritt herzu, daß ich Dich segne!” Fast schwankend erhob sich der Gerufene und trat vor den Tisch, das Knie vor dem Heiligen beugend, das sich ihm offenbaren wollte. Er sah um Lie-Tse die lichten Diener Gottes stehen, er sah Strahlen von oben brechen, und als sein Blick diesen Strahlen folgte, war ihm, als schaue ein Antlitz, erhaben und voll göttlicher Güte, auf ihn nieder. Und dieses Antlitz kannte er. Vor Urzeiten mußte er es geschaut haben.
Da sprach Lie-Tse:
„Vor Urzeiten hat Gott Dich durch seinen hocherhabenen Sohn erwählen lassen, daß Du zeugest von ihm. Wie Du heute vor mir stehst, so standest Du damals vor dem allerheiligsten Angesicht, und wie Du heute die Knie beugst, um durch mich den Segen von oben zu empfangen, so legte der Allerhöchste damals durch seinen ewigen Sohn seinen Segen auf Dein Haupt.
Gesegnet bist Du, zweifach gesegnet. Du trägst das Licht des Hocherhabenen in Dir, und Du darfst diesen Schatz Deinem Volke bringen.
Du bist bereitet worden auf Gottes Geheiß für Dein hohes Werk. Nichts ist versäumt worden an Dir, aber auch Du selbst hast alles getan, was Gott von Dir verlangte.
Wenn Du heute die Würde eines Lama erhältst, die noch niemals einer aus Deinem Volke erhalten hat, so handeln wir damit in Gottes Auftrag. Diese Würde soll Dein Geleitbrief auf Erden sein. Abschließen soll sie Dich von anderen Menschen:
Des zum Zeichen umkleiden wir Dich mit dem Mantel der Seeleneinsamkeit.”
Auf einen Wink Lie-Tses traten zwei Lamas heran und legten einen lila Mantel von schwerem Stoff um Li-Yangs Schultern. Segnend ruhten die Hände des Greises auf dem jugendlichen Haupt, das sich in wahrer Demut beugte.
Leiser Gesang erklang, während dessen löste sich aus jeder Gruppe ein Lama und trat zum Tische. Sieben Farben, sieben Lamas umstanden Li-Yang.
Es schritt der Gelbe auf ihn zu, heftete ein kunstvoll gesticktes gelbes Band an die Innenseite des Mantels und sprach dazu: „Bruder, möge das Himmelslicht nie von Dir weichen.” Der Blaue kam, steckte sein blaues Band neben das gelbe und sprach:
„Die Wahrheit sei in Dir und um Dich.”
Der Grüne brachte sein Band mit den Worten:
„Sei der ersehnte Helfer Deinem Volke und Dir wird geholfen werden.”
Nun kam der Braune:
„Vergiß nicht, daß Du auf der Erde für die Erde wirken sollst, so wirst Du recht im Geiste wirken.”
„Und vergiß die Liebe nicht zu allen Kreaturen,” mahnte das rote Band.
Silbern schimmerte das Band, das ihm mit den Worten gegeben wurde:
„Reinheit geleite Dich.”
Zuletzt trat ein Lama in schwarzer Gewandung an Li-Yang heran und sagte:
„Lebe so, daß Du den Heimweg in ewige Reiche nicht zu scheuen hast.”
Damit war die Feier beendet. Feierlich brausten die Chöre aufs neue und paarweise schritten die Lamas in den blühenden, duftenden Garten. Lie-Tse gesellte sich Li-Yang und führte ihn zu einem
Ruhesitz an der Seite eines kleinen Weihers, in dem goldene Fischchen mit schleierartigen Schwänzen lustig hin und wieder schwammen.
„Du wirst nun noch kurze Zeit bei uns im Kloster bleiben, mein Sohn,” begann der Alte, der fast von Rührung übermannt war. „Ich danke Gott allezeit, daß er mich wert gehalten, seinen Boten zu lehren und zu führen. Wir werden nun in naher Gemeinschaft stehen und Du darfst mich nach allem fragen, was Dir vielleicht noch unklar geblieben an unsern Regeln.”
Ohne sich einen Augenblick zu besinnen, rief Li-Yang: „Vater, sage mir, was bedeutet die rote Schale auf dem Tisch? Ich fühle, daß sie da sein muß, aber ich weiß nicht, warum es so ist.” Lie-Tse blickte ins Weite.
„Wirklich erklären kann ich es Dir auch nicht, mein Sohn. Aber ich will Dir von dem Begründer aller unserer Klöster erzählen, vielleicht verstehst Du dann manches besser.”
Eine kurze Zeit lang herrschte Schweigen. Lie-Tse schien seine Gedanken auf den einen Punkt zusammenzuziehen und Li-Yang bereitete sich, aufzunehmen.
Dann begann der Oberlama langsam:
„Lange ist es her. Wir können die Zeit nicht mehr zurückrechnen, da kam in unser Land ein Weiser, der sich Miang-Fong nannte. Wir glauben, daß es ein gottgesandter Lichtbringer war. Damals wußte noch niemand von Gott, auch nicht von Göttern. Die Menschen beteten die Dämonen an, fürchteten sie und brachten ihnen Opfer. Du kannst Dir nicht vorstellen, wie entsetzlich diese waren. Während die Menschen im allgemeinen unwissend und rauh von Sitten waren, hoben sich einige besonders Kluge aus der Masse hervor. Sie behaupteten, einen unsichtbaren Herrscher zu haben, für den sie allerhand Namen und Bezeichnungen wußten. In seinem Auftrag begannen sie, über die andern zu herrschen.
Sie nannten sich Priester und bestimmten die Opfer, die den Dämonen gebracht werden sollten. Eltern mußten ihre neugeborenen Kinder, Männer ihre Weiber schlachten, wenn die Priester es befahlen. Wer den Zorn der Priester erregt hatte, dem wurden die Augen ausgestochen und so verstümmelt wurde er irgendwo im Gebirge ausgesetzt.
Die Menschen litten unter diesem Druck. Alle Freudigkeit war erstorben. In Angst und Zittern verbrachten sie ihr Leben. Da kam Miang-Fong. Zahllos sind die Erzählungen in unserem Volke, wie er unter sie getreten, sie ermuntert und getröstet, ja, wie er schließlich den Priestern Trotz geboten und ihnen die Opfer entrissen habe. Er muß wahrlich in Gottes Kraft gehandelt haben, sonst hätte er nicht vollbringen können, was er tat.
Um ihn scharten sich solche, die ihm ihr Leben oder das ihrer Lieben dankten. Dazu gesellten sich im Laufe der Zeit auch andere, die in seinen Taten sahen, daß er ein Lichtgesandter war; denn er brachte Licht in ihre Finsternis.
Aus diesen Anhängern schied er eine Schar aus und siedelte sie mitten im Gebirge an, damit den Grund zu dem ersten Kloster hier im Lande legend. Er wollte diese Menschen nicht für immer von ihren Nebenmenschen abschließen, aber er wollte sie in der Stille und Abgeschiedenheit umwandeln. Danach wollte er sie aussenden, daß sie andere für das neue Leben gewönnen. Was er geplant hatte, gelang ihm, wie alles, was er begann. Noch zu seinen Lebzeiten konnte er zehn weitere Klöster gründen, darunter auch das unsere, das sich allerdings im Laufe der Jahrhunderte durch Um- und Anbauten völlig geändert hat. Auch die Kapellen sind schöner und reicher als zu Zeiten Miang-Fongs, aber die Art unserer Gottesdienste und die Anordnung des Tisches haben wir getreu beibehalten, wie sie uns überliefert wurde.
‘Von Gott könnt Ihr Euch kein Bild machen, soll unser geistiger Vater gelehrt haben, darum stellet niemals eine Bildsäule auf den Tisch, wie andere Völker es tun. Im Reich der ewigen Gärten haben die seligen Geister eine rote Schale in ihrem allerheiligsten Tempel. Sie schöpfen aus ihr alle Kraft, deren sie bedürfen. Tut wie sie. Wenn Euer Glaube rein und lauter ist, wird Gott auch in Eure Schale seine Kraft senken.”
Ergriffen hatte Li-Yang gelauscht.
„Vater, ich danke Dir. Deine Worte gaben mir mehr, als nur die Antwort auf meine Frage. Du hast mir gezeigt, welches auch mein Weg sein wird. Wie Miang-Fong bin auch ich gesendet, Dämonen und Unglauben zu bekämpfen und den reinen Geistern den Weg zu bahnen. Wie herrlich ist das!”
Nach kurzem Sinnen fragte Li-Yang weiter:
„Hat Miang-Fong auch die Rangordnung unter den Brüdern be-stimmt, mein Vater?”
„Nein, Li-Yang,” erwiderte Lie-Tse. „Spätere Oberpriester haben alles ausgestaltet, bis es zu dem festen Gefüge wurde, das Du jetzt kennen gelernt hast.
Wo die Bruderschaft eines Klosters fest im Glauben blieb, da war Gottes Geist und seine Hilfe sichtbar mit ihr. Dort wurde immer einem der Lamas die Gnade zuteil, mehr zu, sehen und zu hören als andere Menschen. Er konnte sich mit seinen Fragen an Gott wenden, und Gottes Boten brachten ihm Antwort. Einen solchen Lama hob Gott selbst aus den anderen heraus. Er erhielt die Würde des Oberlamas und damit die gelbe Kappe.”
„Gab es in jedem Kloster immer nur einen gelben Lama?” wollte Li-Yang wissen. Bereitwillig antwortete Lie-Tse:
„Es kam vor, daß ein zweiter oder auch gar noch ein dritt Lama fast gleichzeitig aus der gleichen Bruderschaft hervorgingen, dann aber wurden die Überzähligen in irgend einem anderen Kloster, das ohne Oberhaupt war, gebraucht. Rechtzeitig kam Botschaft von Gott, wer auswandern sollte, und wohin er. seine Schritte zu lenken habe.”
„Während Du die vielen Jahre bei mir warst, Lie-Tse, war da Dein Kloster ohne Oberhaupt?”
„Nein, Li-Yang, kurz bevor ich, mich auf den Weg zu Dir machte, erstand uns ein zweiter gelber Lama, dem ich mein Kloster anvertrauen konnte. Ich glaubte dann, er werde an meiner Stelle für immer dieses Kloster leiten, und ich würde, wenn meine Aufgabe an Dir beendet sei, eine fremde Bruderschaft aufsuchen müssen. Statt dessen hat mich Gottes Gnade hierher zurückgeführt. Wenige Tage vor meinem Eintreffen war mein Stellvertreter auf Gottes Befehl an einen anderen Ort gezogen.”
„Ist es richtig, daß der Oberlama dieses Klosters zugleich der Oberste aller gelben Lamas ist?” erkundigte sich Li-Yang. „Woher weißt Du das, mein Sohn?” fragte Lie-Tse dagegen, doch konnte Li-Yang ihm nur sagen, daß es ihm so scheine. „Du hast recht, dieses Kloster ist das führende im Land. Sollte je ein Streit entstehen, so müßte der Oberlama unser Bruderschaft ihn schlichten. Auch allerhand andere Ämter und Würden sind mit unserm Kloster verbunden, solange die Bruderschaft in Gottes Wegen wandelt.”
Lie-Tse schwieg. Li-Yang aber überlegte: Wieviel hatte der Greis aufgegeben, um Gottes Gebot zu folgen. Wie selbstverständlich wäre er an die Stelle eines untergeordneten Lamas getreten, wenn Gott es von ihm gefordert hätte. Wäre er, Li-Yang, zu gleichem Opfer fähig?
„Sage mir, mein Vater,” begann der Jüngere dann wieder, „warum werden nur die Lernenden Brüder von den wundervollen Männerchören zu den Mahlzeiten gerufen? Sie sind damit vor allen anderen bevorzugt.”
„Kannst Du das nicht verstehen?” lächelte Lie-Tse. „Siehe, die Schüler bedürfen noch, daß ihnen der Segen Gottes, der in den Mahlzeiten liegen kann, vor Augen geführt wird. Sie sollen sich durch diese Gebete, die ihnen vorgesungen werden, innerlich sammeln, daß sie mit Lob und Dank gegen Gott zu dem Mahle schreiten. Später werden sie es dann ohne diese Mahnungen tun.” „Ich habe niemals etwas so Erhabenes gehört wie diese Männergesänge,” sann Li-Yang. „Werden die Sänger besonders geschult?” „Ja, alle jungen Schüler werden auf ihre Stimmen geprüft. Hat Gott ihnen Wohlklang geschenkt, so erhalten sie besonderen Unterricht, damit sie, sobald sie unter die Helfenden aufgenommen werden, in den Männerchor eintreten können, dem sie dann durch alle weiteren Grade hindurch angehören, solange ihre Stimmen Gott noch zu loben vermögen.”
„Meine Stimme habt Ihr nicht geprüft,” sagte Li-Yang, „ich möchte wohl wissen, ob ich singen kann.”
Abermals lächelte Lie-Tse.
„Welchen Nutzen hätte es gehabt, Dich zu prüfen? Bedenke, wie kurz Du unter den Lernenden warst! Nicht um unsern Chor zu verstärken, sandte Gott Dich zu uns.”
Ein Dienender Bruder zeigte sich in der Ferne, es war Zeit für Lie-Tse, ins Kloster zurückzukehren. Er nahm aber den jungen Lama mit sich.
In der nächsten Zeit waren sie unzertrennlich. Es lag Lie-Tse daran, den einstigen Schüler noch in alles einzuführen, was ihm vielleicht bei seiner Aufgabe dienlich sein konnte, und Li-Yang war glücklich, seinen Lehrer ungehemmt nach allem fragen zu können, was er so lange hatte zurückschieben müssen, „Was bedeutet es, daß ich als Einziger eine lila Gewandung habe?” fragte er eines Tages, als ihm in der Kapelle die Fülle der Farben wieder großen Eindruck gemacht hatte.
„Deine Farbe ist von oben bestimmt worden, Li-Yang,” war die ausweichende Antwort des Greises, Das befriedigte aber den Frager nicht. Er wollte mehr wissen. „Hattet Ihr niemals einen lila Lama?”
„Doch, Li-Yang, mehrere, aber sie trugen ihr Gewand immer auf ausdrücklichen Befehl Gottes. Man sagt, Miang-Fong sei ebenfalls lila gekleidet gewesen. Laß Dir das genügen, mein Sohn.” Zahlreich waren die Arbeiten, die Li-Yang übertragen wurden. Es gab Schriften zu entziffern und aus der tibetanischen in die Sprache des Reiches der Mitte zu übertragen. Vorträge durfte er halten bald vor dieser, bald vor jener Gruppe der Brüder. Daneben durchschritt er mit Lie-Tse alle Räume und Gänge des sehr ausgedehnten Klosters, damit er alles kennenlerne und sich vorstellen könne, wie die Gelasse genau so planmäßig zusammen-stimmten wie die Gruppen der Brüder. Bei diesen Gängen traf er mehrmals auf Wai, der sich tief vor ihm neigte. In den Gärten fand er Lai eifrig bei der Arbeit. Lie-Tse sagte, daß man sehr zufrieden mit beiden sei, es ihnen aber freistellen werde, ob sie sich Li-Yang anschließen wollten, wenn er das Kloster demnächst verlasse.
Es war die erste Andeutung an baldigen Abschied. Li-Yang ahnte, daß dieser selbst nicht auf sich warten lassen werde. Dann kam er sogar noch schneller, als Li-Yang geglaubt. Eines Tages wurde gemeldet, daß ein prächtiger Reiterzug mit Tragsesseln und Packtieren sich dem Kloster nahe.
„Das gilt Dir, Li-Yang,” sagte Lie-Tse freundlich ernst. „Der Kaiser läßt seinen Ratgeber mit allem Prunk abholen, der seiner Würde zukommt.”
„Der Kaiser?” fragte Li-Yang verwundert. „Wie kann er wissen, daß ich fertig bin?”
„Ich habe Hai-Tan zu ihm gesendet und um passendes Geleit für Dich ersucht,” war die überraschende Antwort.
Zwei Tage durften Menschen und Tiere in der Umgebung des Klosters ausruhen. Währenddessen aber wurde ein großes Fest gerüstet: Der Abschied des neuen Lamas. Es dünkte Li-Yang noch erhabener als das letzte.
Lie-Tse sprach zu allen Brüdern und kündete, daß Li-Yang ein Wahrheitsbringer sei, von Gott selber seinem Volke gesandt. Er flehte Gottes Segen auf jeden seiner Wege herab. Danach sollte Li-Yang zu den Brüdern reden.
Er bat Gott um das rechte Wort und sprach dann aus seinem tief bewegten Inneren heraus. Allen dankte er für die Förderung, die sie ihm hatten zuteil werden lassen, für die Güte, mit der sie ihn, den Landfremden, aufgenommen.
Dann aber strömten die Worte unaufhaltsam: Seine Aufgabe, wie sie ihm in den Nachtwachen aufgegangen war, stellte er vor sie hin, und die Art, wie er sie zu erfüllen gedachte. Sie fühlten alle, daß ein ganz Großer zu ihnen sprach.
Der Abschied selbst war kurz. Lie-Tse drängte zum Aufbruch und geleitete mit allen Lamas den Scheidenden an die Mauerpforte. Noch einmal segnete er den einstigen Schüler, dann öffnete sich das Tor, durch das er, der Bote Gottes, hinausschritt in Leben und Wirken. Kindheit, Jugend und Lehrzeit lagen hinter ihm, nun kam die reife Tat! -
Draußen fand er Hai-Tan seiner wartend. Der Freund prallte zu-rück, als er Li-Yangs ansichtig wurde, dann aber neigte er sich tief vor ihm.
„Ein Lama bist Du geworden; ein Weiser Gottes,” rief der Überraschte. „Du hast Dich aber auch äußerlich verändert. Niemand wird Dich mehr erkennen!”
Wai, Lai und Dai traten heran, ihre Ehrfurcht zu bezeugen, danach erst ließen sie die Boten des Kaisers herzuschreiten. Li-Yang verschmähte den kostbaren weichen Tragsessel und bestieg ein prächtiges Pferd, das reich mit Gold geschirrt war. Viele Male übernachteten sie unterwegs in seidenen Zelten, die die Diener errichteten. Es war wie in einem Märchen, und doch schien es Li-Yang so unwichtig, wie er reiste, daß er sich rasch an alles gewöhnte.
Seine Gedanken weilten zum Teil im Kloster und verfolgten dort den Tageslauf, dessen erhebende Andachten er schmerzlich entbehrte, zum Teil aber zogen sie vor ihm her und suchten klar zu werden über das, was in der nächsten Zeit zu geschehen habe. Endlich langten sie in Kiang-ning an. Wie anders war er einst eingezogen! Was hatte er seither erleben und in sich aufnehmen dürfen!
Sein Gefolge geleitete ihn zum Kaiserpalast, während Hai-Tan den Palast seines Vaters aufsuchte mit der Bitte, ihn rufen zu lassen, wenn Li-Yang Zeit für ihn haben werde. Die einstigen Freunde hatten unterwegs wenig miteinander gesprochen, denn Li-Yang war das Schweigen gewohnt, und Hai-Tans Ehrfurcht war zu groß, um die Schranke zu durchbrechen.
Diener führten den Lama in mehrere schöne Gemächer, die für ihn bereitet worden. Er sollte sich einige Tage von der Reise erholen und dann vor dem Kaiser erscheinen. Ganz ungestört konnte Li-Yang die neuen Eindrücke in sich aufnehmen.
Er sorgte zuerst für die Errichtung eines Altars in einem der Gemächer, das er zu seiner Kapelle bestimmte und entsprechend einrichtete. Gegen Abend ließ er sich Dienerkleidung von Wai bringen und durchstreifte mit diesem die Basare und Stätten der Handwerker, um eine rote Glasschale zu finden, die ihm würdig genug erschien. Aber er fand keine. Die Glasarbeiter schüttelten den Kopf: rotes Glas könne man nicht anfertigen. Sie wiesen grünes und blaues, sogar gelbes, doch das konnte Li-Yang nicht befriedigen. Da wußte Wai Rat. Er berichtete, daß in einem der entlegenen Stadtteile etliche Tibetaner wohnten. Vielleicht könnten sie eine solche Schale aus Tibet herbeischaffen.
Am nächsten Abend machte Li-Yang sich dorthin auf den Weg. Er fand ärmliche, aber saubere Hütten und ernste Menschen, deren Züge sich verklärten, sobald Li-Yang in ihrer Sprache mit ihnen redete. Von einer roten Schale aber wollten sie nichts wissen. Li-Yang merkte, daß sie ihr Heiligtum nicht vor einem Fremden preisgeben wollten, und verabschiedete sich, ohne weiter in sie zu dringen. Am folgenden Abend aber nahm er nur einen dunklen Mantel über seine Lamakleidung und begab sich abermals in die Tibet-Vorstadt.
Die Leute wurden ängstlich, als er wiederum erschien, doch beruhigten sie sich sofort, nachdem er Wai den Mantel übergeben hatte. Nun wurden sie zutraulich wie Kinder. Er sprach mit ihnen von Gott. Da wich der letzte Zweifel und sie führten ihn in eine kleine anspruchslose Kapelle, die mitten zwischen den Hütten versteckt war. Auf dem Tische derselben prangte eine herrliche rote Schale. „Es ist die Arbeit Kuang-Fongs,” sagten sie und wiesen auf einen älteren Mann, der sich im Hintergrunde hielt.
„Die Arbeit ist herrlich,” lobte der Lama. „Willst Du mir für meinen Gottestisch eine ähnliche Schale anfertigen? Es soll Dein Schade nicht sein.”
„Vater,” stammelte Kuang-Fong, „wenn Du die Schale haben willst, um Gott zu dienen, so nehme ich keinen einzigen Kaoling dafür. Aber etwas anderes sollst Du dafür geben: Du sollst uns hier in dieser Kapelle manchmal einen Gottesdienst halten. Wir haben weder Lama noch Priester.”
Das versprach Li-Yang mit großer Freude, Gleich am folgenden Morgen kam er und fand die Männer festlich gekleidet und die kleine Kapelle geschmückt. Sogar einen wohltönenden Chor nannten sie ihr eigen.
Seine Rede suchte Li-Yang dem Verständnis dieser einfachen Leute anzupassen, und es gelang ihm. Sie baten ihn dringend, wiederzukommen. Ihm selber schlug das Herz in hoher Freude über diesen Beginn seiner Arbeit.
Als er in den Palast zurückgekehrt war, kam Botschaft vom Kaiser, der ihn zu sich beschied. Wie würde er Hou-Tschou finden? Der Herrscher war männlicher geworden und freier in Bewegung und Rede. Er empfing Li-Yang mit großer Ehrfurcht und doch wie einen vertrauten Freund.
„Du bist schneller fertig geworden, als ich erwartet,” sagte er, „aber keinen Augenblick zu früh. Ich brauche Deinen Rat und Dei-ne Belehrung. Du wirst Dich mit dem Gedanken vertraut machen müssen, Deinen Hauptwohnsitz hier aufzuschlagen.
Damit Dein Aufenthalt einen allen Menschen verständlichen Grund habe, möchte ich Dir das Ordnen und Sichten der umfangreichen Schriftensammlung übertragen, die ich von meinen Vorgängern geerbt habe. Du sollst sie vervollständigen, anschaffen, was
Du für wünschenswert hältst. Räume und Geldmittel werden Dir zur Verfügung stehen, ohne daß Du darum zu bitten brauchst. Das ist Deine Aufgabe vor der Welt. Der Freundschaftsdienst aber, den Du mir leisten sollst, ist der, daß Du mich mit dem Glauben an den alleinigen Gott vertraut machst. Ich will hierin meinem Volke vorangehen. Gemeinsam wollen wir es dann nachziehen. Willst Du mir das versprechen, mein Freund?”
Freudig willigte Li-Yang ein. Wenn er gemeinsam mit dem Kaiser am Wohl des Volkes arbeitete, wie konnte er besser seine Aufgabe erfüllen?
Hou-Tschou berichtete nun, daß er sich in der Zwischenzeit vermählt habe mit einer liebreizenden Prinzessin aus vornehmem Stamm. Auch ein Thronfolger sei ihm geboren, dessen Lehrer Li-Yang einst werden müsse.
„Morgen wird ein großer Empfang veranstaltet, da werde ich Dich, den weisen Lama, den neuen Schriftenverwalter, den Mandarinen und allem Volk vorstellen, Li-Yang,” schloß der Kaiser. Und so geschah es.
Niemand erkannte einen Sohn ihres Volkes in dem Weisen, der mit besonderen Ehren dem Hofe eingefügt wurde. Sofort aber entstand eine Spaltung unter den Hofleuten.
Die einen sahen, daß er noch sehr jung war, wie weise mußte er sein, um schon die höchste Würde erlangt zu haben! Sie sahen auch, daß er edelstem Stamme entsprossen sein mußte; denn seine Züge waren wohlgebildet, seine Hände schlank und fein. Ihre Herzen flogen ihm zu. Alles Gute erwarteten sie von ihm. Zu allen Diensten waren sie für ihn bereit.
Die andere, leider größere Partei aber sah in ihm den Landfremden, der sich eindränge in das feste Gefüge ihrer Regierung. Sie waren einig, daß sie alle Kräfte anspannen müßten, um den Kaiser vor seinem Einflusse zu schützen. Sie waren einig, daß sie alles tun wollten, was möglich war, um den Eindringling wieder hinauszudrängen.
Jeder Mandarin aber hatte zahlreiche Dienerschaft, die ganz im Banne des Herrn stand, dem sie zu eigen war. So kam es, daß sich an diesem ersten Tage die Spaltung von oben her auch unter den Hofschranzen und Dienern fortsetzte. Diese trugen ihre Meinun-
gen wieder unter das Volk, doch fanden sie hier nicht so willige Ohren. Das Volk wollte selbst sehen, selbst hören, ehe es Partei nahm.
Mit feinem Empfinden hatte Li-Yang gemerkt, was um ihn her vorging, aber es focht ihn wenig an. Als nach dem Empfange der Kaiser etwas bedrückt auf die entstandene Spaltung anspielte, rief sein Ratgeber heiter:
„Hatte der Kaiser etwas anderes erwartet? Es wären keine Menschen, wenn sie nicht sich auflehnten gegen den Fremden, der plötzlich mit so hohen Ehren zwischen ihnen erscheint! Ich bin auf Ärgeres gefaßt, aber es kann mich nicht schrecken. Gott selber hat mir die Aufgabe zugeteilt, er selber wird für mich eintreten. Habe ich nicht Hilfe genug?”
Diese Zuversicht belebte auch den Kaiser, der besser als Li-Yang wußte, wieviel Unfrieden durch diese Spaltung an den Hof getragen werden konnte. Aber vielleicht war das gerade nötig? Auch er wollte sich auf die Hilfe verlassen, die ihm Li-Yang zugeführt hatte. Er begab sich mit dem Lama in seine Gemächer und ließ sein Söhnlein bringen. Der Kleine, wenig über ein Jahr alt, streckte dem Vater, aber gleich danach dem Fremden die Arme entgegen, als fühle er, daß es ein ganz besonderer Mensch sei.
„Schau ihn Dir nur an, Han,” scherzte der Kaiser gutgelaunt, „dieser wird Dich einmal erziehen und unterweisen, damit Du ein besserer Herrscher werdest als Dein Vater.”
In den nächsten Tagen ließ Hou-Tschou dem Lama Arbeitsräume und Schriftensammlung zeigen mit der Bitte, Li-Yang möge eine bestimmte Zeit an jedem Tage festsetzen, wo er bei der Arbeit zu treffen sei.
Das geschah, und schon am folgenden Morgen erschien der Kaiser, sich Unterweisungen zu erbitten. Es wurde nun beschlossen, daß diese Lehrstunden täglich das Erste sein sollten, das Hou-Tschou unternahm.
Er erwies sich als sehr eifriger und denkender Schüler, der viele Fragen in Bereitschaft hatte. Trotzdem konnte Li-Yang mit dem eigentlichen Künden von dem alleinigen Gott nur sehr langsam vorgehen, da erst viel Altes ausgerottet werden mußte. Vor allem konnte sich der Schüler nicht überzeugen, daß die Dämonen Ge-
bilde menschlichen Denkens und Fühlens waren. Er hielt sie für wesenhaft und sogar für vernunftbegabt.
Vergeblich erzählte Li-Yang von seinen eigenen Erlebnissen. Hou-Tschou verschanzte sich hinter dem Einwand, daß Li-Yang eben ein Wesen aus den himmlischen Gärten und kein wirklicher Mensch sei. Daher sei ihm auch Macht gegeben über die Dämonen und bösen Geister.
„Ich werde nicht eher wirklich daran glauben können, als bis ich es selber erlebt habe,” schloß der Kaiser eines Tages ein eifriges Gespräch über diesen Gegenstand.
War die Lehrstunde beendet, so ließ Hou-Tschou sich gern darüber berichten, was Li-Yang am Tage vorher unternommen. Der Lama war viel unterwegs mit Wai, um den Samen seiner Lehre unter die Leute zu streuen. Außerdem begannen sie ihn jetzt auch im Palast aufzusuchen unter allerhand Vorwänden. Die einen behaupteten, sie wollten geistige Hilfe haben, die anderen suchten gelehrte Gespräche. Manchmal kamen auch Kranke, die geheilt werden wollten, doch wies Li-Yang diese zurück. Es gab im Reiche der Mitte einen ausgebildeten Ärztestand, der eifersüchtig über seine Rechte wachte.
Eines Tages hatte Hou-Tschou erfahren, daß Li-Yang sich geweigert, einen der vornehmsten Mandarinen zu besuchen, um ihn von seinem lange währenden Leiden zu befreien. Der Herrscher meinte, bei der hohen Kraft, die dem Lama geschenkt worden, müsse es ihm ein Leichtes sein, die körperlichen Leiden der Menschen zu lindern oder zu beheben.
Li-Yang versuchte dem Kaiser zu erklären, daß er sich seinen Weg nur unnötig erschweren würde, sobald er versuchen wollte, in die Pflichten anderer einzugreifen.
„Wir haben Almosenspender,” beharrte Hou-Tschou, „und doch suchst Du die Hütten der Armen auf, um ihre Not zu lindern.” „Das tue ich, soweit es mir möglich ist, im Verborgenen,” gab Li-Yang zurück. „Es erregt auch kein Aufsehen, wie es eine Heilung tun würde. Schenke ich einem Bedürftigen, so tue ich es, um seine Seele empfänglicher zu stimmen. Heile ich einen unheilbar Kranken, so zeige ich damit, daß ich mehr vermag als die Ärzte. Ich soll ein Helfer der Seelen sein und nicht der Körper.”
Damit schloß Li-Yang, als wünsche er nichts mehr über diesen Gegenstand zu sagen, nahm aber gleich danach mit halbem Lächeln den Faden wieder auf:
„Allerdings, etwas muß ich auch für die Körper tun, o Kaiser. Wir werden schlimme Seuchen im Lande haben, wenn wir das Volk nicht zu größerer Reinlichkeit anhalten. Hier in Deinem Palast inmitten gepflegter Umgebung kannst Du Dir den Schmutz nicht vorstellen, der Deine Untertanen einhüllt. Es muß etwas dagegen geschehen.”
„Meinst Du, Li-Yang, ich dürfe einmal in Dienertracht abends mit Dir ausgehen, um selber zu sehen?” fragte der Kaiser, setzte aber hastig hinzu: „Nicht, weil ich Dir nicht glaube, sondern weil es mich wirklich verlangt, einmal alles das mit eigenen Augen zu sehen, von dem Du mir erzählst.”
„Das wird, sich leicht machen lassen, Hou-Tschou,” gab Li-Yang bereitwillig zu. „Gleich heute Abend können wir gehen, wenn es Dir so recht ist. Du mußt nur gestatten, daß Wai uns begleitet, denn er kennt Wege und Menschen und kann uns auch als Schutz dienen.”
„Was ist dieser Wai eigentlich für ein Mensch?” wollte der Kaiser wissen. „Er ist kein Sohn unseres Reiches, ich möchte ihn viel eher für einen Tibetaner halten, und sein Benehmen ist so, als sei er edlem Stamme entsprossen. Weißt Du etwas von ihm?” „Ich fand ihn als verkommenen Armen in elender Hütte und nahm mich seiner an. Seitdem vergilt er mir die geringe Wohltat mit unwandelbarer Treue. Er ist Tibetaner, das hat mir Lie-Tse gesagt. Mehr weiß ich nicht von ihm. Ich mochte ihn niemals befragen. Wünschest Du es aber, o Kaiser, so soll es geschehen.” Die Neugier des jungen Herrschers war geweckt worden, er gestand, daß er sehr gern wissen möchte, wer sich hinter der Person des Dieners verbarg. Da erinnerte sich Li-Yang, daß Lie-Tse ihm versprochen hatte, er solle später Näheres über Wai erfahren. Vielleicht war diese Zeit jetzt gekommen.
Li-Yang schickte nach dem Diener, der seine Überraschung, in des Kaisers Gegenwart erscheinen zu dürfen, geschickt verbarg und mit edlem Anstand die Herren begrüßte. Als er erfuhr, aus welchem Grunde er gerufen worden sei, überzog flammende Röte sein
Antlitz. Li-Yang bemerkte es und Wai tat ihm leid. Gütig redete er ihn an:
„Wenn Du vorziehst, über Deine Vergangenheit zu schweigen, Wai, so soll es Dir gewährt werden, trotzdem der Kaiser gern etwas über Dich wüßte. Deine Treue hat es verdient, daß ich ihr unbedingt vertraue.”
„Nicht darum zögere ich, Herr, weil ich etwas zu verbergen hätte,” sagte Wai freimütig, „sondern weil ich fürchte, Du wirst mich nicht mehr in Deinen Diensten behalten wollen, nachdem ich gesprochen habe. Sprechen aber muß ich, da Du mich dazu aufgefordert. Lie-Tses Befehl lautete: „Schweige, bis Li-Yang selber Dich fragen wird. Dann wird die Zeit zum Reden gekommen sein.” „So will ich Dir versprechen, Wai, daß, was immer Du mir auch entdecken wirst, es nichts an unserm Verhältnis ändern soll.” Wai lächelte fein, danach hub er an:
„Ich war noch sehr jung, als ich als Schüler in das Kloster kam, das Du auch kennst, Herr.”
Mit Mühe hielt Li-Yang einen Ausruf des Staunens zurück. Er wollte den Sprecher nicht unterbrechen, war nun aber aufs höchste gespannt, was er zu sagen habe.
„Mehrere Jahre hatte ich bereits gelernt, da teilte uns Lie-Tse mit, daß im Reiche der Mitte ein Knäblein das Erdenlicht erblickt habe, das aus den himmlischen Gärten stammte und berufen sei, das Licht aus seiner oberen Heimat in sein Volk zu tragen. Viele Helfer werde der Weise einst brauchen, wenn er seine Aufgabe antreten werde. Herrlich schilderte Lie-Tse diese Aufgabe, es packte uns alle. Ich aber wurde ganz besonders ergriffen und rief: „O, daß ich einer dieser Helfer sein dürfte!”
Mit seinen durchdringenden Augen schaute Lie-Tse mich an, als wolle er in meiner Seele lesen, danach sagte er: „Wuti, wenn es Dir ernst ist, mit diesem Begehren, so sprich es nochmals aus. Aber überlege, ehe Du Dich bindest.” Erfüllt von großer Freude rief ich abermals: „Laß mich einer dieser Helfersein!”
„Vergiß nie, daß Du Dich dem Dienste des Wahrheitsbringers gelobtest, Wuti”, sagte Lie-Tse ernst. Dann war jahrelang nicht mehr die Rede davon. Unser geistiger Vater wurde in geheimem göttlichem Auftrag fortgerufen in ein fernes Land, mehr erfuhren wir damals nicht. Niemand wußte, ob wir ihn je wiedersehen dürften. Sein Stellvertreter, Fu-Tse, war uns ein gütiges Oberhaupt, aber Lie-Tse konnte er nicht ersetzen. Ich war inzwischen auf der Leiter der Brüder aufgestiegen und hatte es bis zum Suchenden Bruder gebracht, da war eines Tages Lie-Tse wieder unter uns, nachdem sein Vertreter wenige Tage vorher fortgerufen worden war. Unsere Freude war unbeschreiblich.”
Aufatmend schwieg Wai einen Augenblick und schaute seinen Herrn an. Dieser nickte ihm zu, und Wai fuhr fort.
„Wenige Tage nach seiner Rückkehr ließ Lie-Tse mich rufen und fragte mich, ob ich mein Versprechen halten wolle. Glückselig bejahte ich. Da sagte er mir, es sei nun an der Zeit, daß ich mich in das Reich der Mitte aufmachte. Er selber hatte dort alles für mich vorbereitet, eine armselige Hütte erstanden, in der ich als Bettler hausen sollte. Nun lehrte er mich, daß ich möglichst rauh und ungebildet wirken müsse, damit Du, Li-Yang, auch an meine Armut und Verkommenheit glaubtest. Der Bettlerpriester hatte Auftrag, Dir meinen Namen und meine Hütte zu nennen. Alles Weitere würde so vor sich gehen, wie es von oben gewollt sei. Ich war kaum in Kiang-ning angelangt und hatte die Hütte bezogen, da nahmst Du auch schon Deinen Weg zu mir, Herr. Das Weitere weißt Du. Ich habe mich oft geschämt, daß ich in dem Bestreben, möglichst schlecht zu erscheinen, so ungut mit Dir umgegangen bin. Vergib es mir!” schloß Wai.
Li-Yang schwindelte fast. Auch hier Führung, wie in seinem ganzen Leben! Warum aber hatte Lie-Tse diesen Weg gewählt, um ihm einen Helfer zu senden? Er würde ihn mit Freuden willkommen geheißen haben, wenn er in Lie-Tses Auftrag zu ihm gekommen wäre. Warum diese Verstellung? Noch zerbrach Li-Yang sich den Kopf, um Antwort auf diese Fragen zu finden, da sprach der Kaiser sie unbewußt aus:
„Wie weise handelte Lie-Tse,” sagte er sinnend. „Er wußte wohl, daß Du auf sein Wort hin unbedingt jeden Diener in Deine Dienste genommen haben würdest. Aber er wollte, daß Du Dir den Helfer erringen solltest. Du hast Gutes ihm getan, weil Du meintest, er bedürfe dessen. Statt dessen bedurftest Du der Gelegenheit, um zu zeigen, ob Du reif warst, Dir nun Helfer zu suchen.
„So ist es, Herr,” sagte Wai, der von nun an wieder Wuti hieß. „Lie-Tse sagte mir, als wir uns in Tibet wiedersahen, daß Deine Güte gegen mich Dir die ersten Schleier vor Deiner Aufgabe weggezogen habe. Nun aber halte Dein Versprechen und laß mich weiterhin Dein Diener bleiben.”
„Nicht mein Diener, Wuti,” gab Li-Yang zurück, „sondern mein Helfer, der zu sein Du einst versprochen. Wir sind Brüder aus der gleichen Bruderschaft, das bindet!”
Erfreut sagte es Li-Yang.
Sie besprachen nun auch den abendlichen Weg, an dem der Kaiser unerkannt teilnehmen sollte, und auf den er sich sehr freute. Es war etwas ganz Neues in dem Leben dieses gewissenhaften Herrschers, der immer darauf bedacht war, Gutes für sein Volk zu finden. Traurig aber kehrte er in der Nacht heim. Solche Verkommenheit, solche Laster, solchen Schmutz und Unrat hatte er nicht zu sehen erwartet. Es bedurfte aller Überredung Li-Yangs, um ihm zu beweisen, daß es in seine kaiserliche Hand gelegt sei, dies alles im Laufe der Zeit zu ändern:
„Ohne Dich, Li-Yang, hätte ich in Unkenntnis weiter dahingelebt,” rief Hou-Tschou bitter aus.„Du mußtest mir. erst die Augen öffnen für mein eigenes Volk. Jetzt. aber. will ich nicht säumen, die nötigen Gesetze zu erlassen, damit: es besser bei uns wird.” „Ich fürchte, mit Gesetzen allein wird es nicht getan sein,” erwiderte Li-Yang. „Wir werden wohldurchdachte Pläne ersinnen müssen, wie wir gegen alles vorgehen, das Dir der Abend enthüllt hat, mein Kaiser. Laß uns zur Ruhe gehen, vielleicht bringt der Schlaf uns die Gedanken, deren wir bedürfen.”
Und während der Kaiser sein Schlafgemach aufsuchte, warf sich Li-Yang vor seinem Altar auf die Knie und flehte, Gott möge ihm helfen, die richtigen Ratschläge zu finden.
Am Morgen erschien Hou-Tschou nicht zur gewohnten Zeit, statt- dessen wurde Li-Yang zum Kaiser gerufen, den er von Räten umgeben im Thronzimmer fand. Alle schienen in großer Erregung, soweit man bei diesen Männern, die so völlig gewohnt waren, ihre Gefühle zu verbergen, davon reden konnte.
„Höre, Li-Yang,” rief der Kaiser dem Eintretenden zu. „Schlimmes hat sich begeben! Mein oberster Arzt meldet mir; daß in einer der Armenvorstädte eine sehr ansteckende Seuche ausgebrochen sei. Es wird nichts übrigbleiben, als diese Vorstadt niederzubrennen, damit das Übel nicht weiter um sich greife.”
„Niederbrennen?” stammelte Li-Yang völlig verständnislos. „Mit allen Menschen, die dort wohnen?”
„Nein, Li-Yang,” gab der Kaiser zurück, „die Menschen werden aufgefordert, binnen weniger Stunden ihre Behausungen zu verlassen und ein Zeltlager weit draußen vor der Stadt zu beziehen. So wird das immer bei uns gemacht,” fügte er erklärend hinzu. „Dann werden die Häuser niedergebrannt, wobei darauf zu achten ist, daß nicht mehr verbrennt, als man beabsichtigt.”
„So wollt Ihr Gesunde und Kranke gemeinsam in das Lager senden?” fragte Li-Yang.
„Sie wohnen ja auch jetzt beisammen,” antwortete der Arzt an des Kaisers Statt. „Nur sind sie dann für uns andere unschädlich, während sie jetzt die größte Gefahr für die ganze Stadt bedeuten. Gewöhnlich macht man das dann weiter so: die Gesunden ziehen ganz von selbst weiter hinaus als die Kranken. Haben sie sich dann sicher niedergelassen, so zünden sie das Krankenlager an, in dem kaum mehr Lebende zu finden sein werden.”
Li-Yang schauderte, aber im Augenblick konnte er nichts gegen diese eingewurzelten Gebräuche unternehmen. Jetzt kam es vor allem darauf an, Vorkehrungen zur Sicherung der Stadt zu treffen. Wahrlich, dies war die beste Gelegenheit, die Gesetze gegen Schmutz und Unrat zu erlassen.
Auch der Kaiser dachte so, das merkte Li-Yang bald. Die Räte wurden vorerst entlassen, um das in die Wege zu leiten, was herkömmlich war. Danach aber beschlossen Hou-Tschou und Li-Yang durchgreifende Maßnahmen zur Säuberung der Stadt, die allgemach zur Reinigung des Landes führen sollten.
Li-Yang fiel es ein, daß der Kaiser am Abend vorher in einem der schlimmsten Armenviertel gewesen. Wie, wenn er sich die Seuche geholt hätte? Er sprach diesen Gedanken aus, aber Hou-Tschou schüttelte das Haupt: „Ich war auf guten Wegen, da konnte mir nichts zustoßen,” sprach er feierlich. Immer aufs neue erkannte Li-Yang, daß der Kaiser in Wahrheit weit über das Volk erhaben war.
Wieviel leichter wurde ihm selber alles dadurch gemacht! Nicht auszudenken war es, wie schwer sein Weg geworden wäre, wenn der Kaiser ihm feindlich gesinnt gewesen. Und doch! Trotz Hou-Tschous Bereitwilligkeit zu allem Guten, es schien fast unmöglich, die tausendjährigen Gebräuche zu tilgen und Besseres an ihre Stelle zu setzen. Man konnte immer nur schrittweise vorgehen, eins ums andere in Angriff nehmen.
Für heute setzten die beiden, denen das Wohl des Volkes so stark am Herzen lag, ein Gesetz auf, wonach tägliche Waschungen für die ganze Bevölkerung vorgeschrieben wurden. Der Kaiser teilte seinen Untertanen mit, daß eine grimmige Seuche ausgebrochen sei, gegen die man sich nur durch übertriebene Sauberkeit schützen könne. Daß das noch nicht genügte, wußten beide, aber vorerst ließen sie es dabei bewenden, trug dieses neue Gesetz doch sicherlich schon genug Unruhe in Stadt und Land.
Wie sie vorausgesehen, so geschah es. Eine große Erregung bemächtigte sich der Bevölkerung. Das war noch niemals Brauch gewesen, daß der Kaiser Vorschriften für das Leben der Einzelnen erließ! Ob man sich wusch oder im wärmenden Schmutz verharrte, war eigene Angelegenheit, stand außerhalb aller Gesetze. Fast drohte ein Aufruhr auszubrechen, der nirgends einen Damm fand. Die Priester standen auf Seiten des erregten Volkes. Sie selber kannten den Nutzen des Wassers kaum und wollten ihn auch nicht auf Befehl kennen lernen.
Die Mandarinen, die das Richtige der kaiserlichen Verfügung einsahen, stellten sich gegen sie, weil sie von dem landfremden Lama ausging. Täglich und stündlich wuchs die Unruhe der Bevölkerung. Man zog wohl zum Flusse, aber nur, um dort zu toben und zuschreien.
Da erkrankte hier ein Mann, dort wieder einer, an einer anderen Stelle legte sich eine ganze Familie. Nun kam noch der Schrecken zu der Erregung. Wild tobten die Massen. Da wo das Armenviertel der Bettler an den Fluß stieß, brandete es förmlich vor aufgeregten Menschen. Und plötzlich, niemand wußte zu sagen, wie es gekommen, stand auf dem Dach einer verfallenen Hütte der Lama in seinem lila-seidenen Gewand, das weithin leuchtete. Er hob die Arme gen Himmel und rief das eine Wort: „Gott!”
Da verstummten die Massen, wie von fremder Macht ergriffen. Danach breitete er die Hände über das unter ihm stehende Volk und rief abermals nur ein Wort:
„Menschen!”
Es packte sie, wie noch nichts sie erfaßt. Schweigend blickten sie zu ihm empor, des weiteren harrend. Er aber begann mit weithin tragender Stimme:
„Mein Volk, höre mich!”
Murren erhob sich:
„Was will er? Mein Volk sagt er. Wir sind nicht sein Volk. Er ist nicht unser Herrscher! Er ist nicht unseres Stammes.” Das Murren schwoll an, Li-Yang merkte, daß er weiterreden müsse. Abermals hob er die Hände, die Menge schwieg.
„Euer Herrscher bin ich nicht, aber aus Euren Reihen stamme ich. Ich bin ein Sohn des Reiches der Mitte trotz der Gewandung, die ich tragen darf. Warum sollte nicht auch einmal einer der Unsern Lama werden? Gott selber hat mir befohlen, Euch zu Liebe ein Weiser zu werden und alles zu erlernen, was Euch nützen kann.” Im Augenblick war die Stimmung der übererregten Menge umgeschlagen. Kaum hörten sie, daß er einer ihres Volkes war, da jauchzten sie ihm zu. Das war noch nie dagewesen, daß einer aus dem Reiche der Mitte es zum Lama gebracht.
Wie klug mußte er sein und wie gut! Und Gott selber hatte es ihm befohlen? Sie merkten gar nicht, daß er von Gott sprach, statt von Göttern. Ihr Jubel riß sie fort. Sie schrieen, er solle weiter sprechen, sie wollten mehr hören. Er willfahrte, hatte er doch noch viel zu sagen.
Er sprach von der fürchterlichen Seuche, die das ganze Land bedrohe, sprach von den seitherigen Maßnahmen, die nur mangelhaft seien.
„Wenn wir immer nur niederbrennen, bleibt zuletzt nichts mehr übrig. Mit sehenden Augen gehen wir alle in den Tod und rühren keine Hand, um uns zu retten, solange es noch Zeit ist!” „Weißt Du Mittel zur Rettung, o Weiser?” scholl eine Stimme aus der Masse, und hundert andere nahmen den Ruf auf. Der gerufen hatte, war Lai, der in unauffälligem Gewande sich unter das Volk gemischt hatte.
Wieder hob Li-Yang die Hand und rief tönend:
„Wohl weiß ich Mittel! Gott selber hat sie mir kund getan! Ich will sie Euch sagen, aber Ihr müßt auf mich hören und den Vorsatz fassen, mir zu folgen.”
Hundertstimmig antwortete es:
„Das wollen wir, rede!”
Als wieder Ruhe eingetreten war, verkündete Li-Yang: „Krankheiten des Körpers entstehen da, wo der Körper schlecht gehalten wird. Ihr, alle habt es oft erlebt, daß eine Wunde schlimm wird, sobald Schmutz hineingelangen kann. Krankheiten nisten sich ein, wo sie Schmutz antreffen, in dem sie sich breitmachen können. Versteht Ihr das?”
Bejahende Rufe antworteten, überschrieen sich und steigerten die Erregung der Menge nun auf andere Weise.
„Fort mit dem Schmutz!” riefen sie. „Lasset uns die Hütten voll Unrat verbrennen!”
Schon wandten sich einige, um den Worten die Tat folgen zu lassen, wobei sie natürlich nur die Hütten der andern angezündet hätten, da hemmte Li-Yangs Zuruf ihre Schritte.
„Wir wollen handeln wie weise Menschen, nicht wie Toren!” ermunterte er sie. „Gehe jeder in sein Heim und schaffe alles heraus, was nicht mehr brauchbar ist. Das tragen wir hier am Flusse auf diesem freien Platz zusammen und verbrennen es. Was noch zu verwenden ist, müßt Ihr hier am Flusse waschen. Danach müßt Ihr auch Eure Häuser und Hütten von innen und außen reinigen, und zuletzt müßt Ihr selber in den Fluß steigen und darauf saubere Gewänder anlegen.”
„Wir haben keine”, riefen mehrere Stimmen.
„So geht zum Priester der Armen, er wird Euch helfen”, ermunterte Li-Yang.
Darauf machte er die Zeiten mit ihnen aus, zu denen alles zu geschehen hatte. Er stellte ihnen vor, daß sie nicht ohne Aufsicht Feuer entzünden dürften; denn zu leicht könnte sich Wind erheben und die Flammen auf die Strohdächer tragen. Er, Li-Yang, werde den Kaiser bitten, um Mittagszeit Bewaffnete in Mengen zu entsenden, die das Feuer bewachen sollten. Freudig stimmte die Menge zu und enteilte, um das herbei-zuschaffen, was verbrannt werden sollte.
Unangefochten schritt Li-Yang in den kaiserlichen Palast zurück, um Hou-Tschou Bericht zu geben und seine Hilfe zu erbitten. Der Kaiser war freudig bewegt.
„Wenn es Dir gelingt, Li-Yang,” sagte er, „das Volk in diesem einen Viertel zu lenken, so werden die andern bald folgen.” „Gott, mein Herr, der mir heute geholfen, wird weiter helfen”, sagte Li-Yang zuversichtlich.
In gehobener Stimmung begab er sich mit den ihm zugeteilten Dienern und Bewaffneten zum Flusse zurück. Er hatte diese Helfer weniger wegen der Feuersgefahr als wegen der erregten Menge mitgenommen.
Als er an den freien Platz kam, fand er schon Berge übelriechenden Gerümpels, stinkender Lumpen und verfaulender Abfälle aufgehäuft. Er ließ die Diener einen Kreis schließen, der nur auf seinen Befehl durchbrochen werden durfte, wenn immer neue Massen Unrats herbeigetragen wurden.
Darauf ließ er die drei größten Haufen entzünden, die mit schwelender, rauchiger Flamme brannten. Grüne und gelbrote Feuerzungen schossen hier und da empor, und plötzlich erhob sich irgendwo der Ruf
„Sehet die Dämonen über den Flammen!”
Heulend wichen die Menschen zurück, einige, die ganz von Sinnen zu sein schienen, sprangen in den Fluß, wo er tief war, und wollten sich nicht retten lassen.
Li-Yang schrie zu Gott. Worte fand er nicht für sein Flehen, nur den Gottesnamen wiederholte er unzählige Male in heißer Inbrunst. Da kam himmlische Ruhe über ihn.
Man hatte einen Haufen großer Steine herbeigetragen, um die Reste des Feuers später auswerfen zu können. Auf diesen Steinberg stellte sich der Lama, hob wie am Morgen die Hände und rief:
„Warum fürchtet Ihr Euch, Ihr Menschen? Die Dämonen weichen vor der reinen Flamme, die alles Unreine verzehrt. Sie können Euch nichts anhaben. Sie dürfen Euch nichts tun; denn Ihr handelt auf Gottes Befehl, Gott selber schützt Euch.”
Seine Worte wirkten augenblicklich. Dennoch aber rief eine kreischende Männerstimme:
„So beweise uns, daß die Dämonen unschädlich sind. Blicke hinter Dich, ein entsetzliches Ungeheuer schleicht auf Dich zu, zeige, daß es Dir nicht schaden kann.”
Li-Yang schaute sich um und sah wirklich ein fürchterliches drachenartiges Gebilde auf sich zukommen. Gebietend streckte er den Arm aus und rief:
„Stehe stille!”
Der Dämon gehorchte. Nun wandte er sich wieder zu dem Volk, das wie gebannt auf ihn und das Trugbild schaute. „Liebe Leute, dieses Untier ist Eurer Furcht entsprungen. Es hört auf zu bestehen, sobald Ihr Euch nicht fürchtet!”
Er merkte aber, daß sie viel zu erregt waren, ihn zu begreifen. Die Erklärungen mußte er für ein anderes Mal aufsparen, hier hieß es handeln. Kurz entschlossen wandte er sich abermals der Schreckgestalt zu, die leise zu schwanken schien, und rief:
„Im Namen des allmächtigen Gottes befehle ich Dir, daß Du vergehest! Aus Furcht bist Du geboren, aus unreinen Gedanken entstanden, löse Dich auf, wie Furcht und Unreinheit sich lösen werden!” Noch während er sprach, wurden die Farben des Dämon blasser, wie grauer Nebel stand er noch einen Augenblick an seiner Stelle, danach verschwand er in dem Rauch, der von den Flammenstößen herüberwallte.
Schweigend stand die Menge. Bei einigen löste sich die ungeheure Spannung in Weinen, andere begannen zu beten. Keiner wagte zunächst ein lautes Wort. Li-Yang aber rief:
„Meine Brüder, Ihr sehet, daß der schlimme Dämon, sich auflöste, als die Furcht, die ihn erzeugt, der Unerschockenheit unterliegen mußte. Wie ich heute den Dämon verscheucht, so könnt Ihr alle es tun, sobald Ihr beherzt auf ihn schaut und zu Gott, dem Allmächtigen, betet.”
Da endlich tönte die Frage, auf die Li-Yang gewartet: „Wer ist Gott? Wir wissen nichts von ihm. Willst Du uns von ihm künden?”
Und Li-Yang. versprach, wenn die große Reinigung durchgeführt sein würde, in den Haupttempel dieser Vorstadt zu kommen, und ihnen von Gott zu sprechen. „Aber Ihr müßt auch diesen Tempel säubern”, schloß er, und sie versprachen es.
Nun aber hatten nicht nur die Bewohner dieses Viertels, sondern auch die kaiserlichen Diener und Bewaffneten Li-Yangs Sieg über den Dämon gesehen. Während das Volk das große Erleben in die Stille trug und über den Reinigungsarbeiten in sich wirken ließ, verbreiteten die Kaiserlichen überall, was sie gesehen. Über ganz Kiang-ning zog die Kunde, daß der fremde Lama Dämonen vertreiben könne.
Als Li-Yang abends in den Palast zurückkehrte, wurde er zu Hou-Tschou gerufen, der ganz erfüllt von dem war, was er vernommen. „Wie gern wäre ich dabei gewesen, Li-Yang”, rief er dem Lama entgegen. „Du weißt, daß ich sehnlich wünsche, mich von der Natur der Dämonen zu überzeugen. Aber ich muß noch warten.” Als Li-Yang schilderte, wie ruhig die Bewohner des Viertels die Reinigungsarbeiten in Angriff genommen hatten, sagte Hou-Tschou: „Das ist Deinem Einfluß zu danken, Du Weiser. Niemand als Du hätte die erregte Menge willig machen können. Der Anführer der Bewaffneten berichtete mir, daß unter seinen Leuten mehr als die Hälfte Dir feindlich gesinnt gewesen seien. Nach dem heutigen Erlebnis aber stehen sie alle zu Dir. Wahrlich, Gott schenkt mir hohe Gnade, daß er Dich mir gegeben!”
In den nächsten Tagen schritten die Arbeiten in der Vorstadt fort. Li-Yang, Wuti und Lai waren zugegen, mit Rat und Tat helfend. Aus anderen Stadtvierteln aber kamen Boten mit der Bitte, Li-Yang möge dorthin kommen und ihnen helfen, wie er den Armen am Flusse geholfen. Und Li-Yang übertrug die Aufsicht in diesem Viertel an Wuti und ging mit einem Trüpplein Bewaffneter in ein anderes Viertel, wo Handwerker und Lastträger hausten. Hier hatte er wenig Mühe, die Leute seinen Plänen geneigt zu machen; denn Angst vor der überall auftretenden Seuche und das Beispiel des Armenviertels waren seine besten Verbündeten. Auch hier gab es mancherlei zu verbrennen, aber doch weit weniger als in der ersten Vorstadt. Als er alles angeordnet hatte, ließ er Lai als Aufsicht zurück und zog weiter.
Etwas außerhalb der Stadt, am Flusse, war eine Siedlung der Fischer und Bootsleute, aus der mehrere Seuchenfälle gemeldet worden waren. Dort wollte er mit der großen Reinigung fortfahren. Da erreichte ihn eine Bitte des Kaisers, er möge in den Palast zurückkehren. Eiligst machte Li-Yang sich auf den Weg. Die kaiserlichen Diener hatten sein Reitpferd mitgebracht. Aber das Volk murrte, als er fortritt. Vergessen war, daß er viele Tage ihnen geopfert. Sie hatten Angst und er sollte ihnen helfen, nun ritt er weg! Und die unzufriedenen Gedanken ballten sich um ihn, so daß sie ihm fast das Atmen verwehrten. Da wurde er ihrer inne, wandte sich und sah, daß eine Menge Menschen hinter ihm herliefen, ihn zurückzurufen. Und er sah ihre Gedanken wie schlimme Dämonen rings umher gaukeln. Da rief er, sein Pferd anhaltend:
„Leute, seht Ihr, wie schlecht Ihr seid? Seht das, was von Euch ausgeht!”
Er wies mit dem Finger auf die Gebilde, die fratzenhaft auf und nieder tanzten. Da ward es allen gegeben zu schauen, was er zeigte. Gelle Aufschreie entrangen sich der Menge, die entsetzt zu-rückwich. Er aber bannte die Unholde, wie er solche seither aufgelöst. Und das Volk brach in Jubel aus und rief:
„Li-Yang ist kein Mensch, er ist ein Gott! Wir wollen keine anderen Götter mehr. Li-Yang sei unser Gott.”
Der Lama wurde traurig. Wie leicht war das Volk zu lenken! Beständigkeit fehlte ihnen. Aber jetzt bot sich ihm immerhin ein Weg, ihre Herzen zu erfassen. Freundlich sprach er zu ihnen: „Höret, Ihr Leute! Ich bin kein Gott!”
Murren unterbrach ihn, aber lauter wiederholte er: „Nicht ich bin Gott, sondern Gott ist mein Herr, ich bin sein Diener. Betet ihn an, der mir die Macht gegeben hat über die Dämonen und unsaubern Geister. Machet ihn zu Eurem Herrn und Ihr werdet glückselig sein. Für jetzt aber laßt mich ziehen. Der Kaiser bedarf meiner. Ich kehre wieder und helfe Euch. Seid dessen gewiß.” Da ließen sie ihn fortreiten, doch standen sie noch lange beisammen und sprachen über die Vertreibung der Dämonen. Im Palast wurde Li-Yang schon sehnlich erwartet. Niemand wußte, was der Kaiser von dem Lama begehrte, dessen Gegenwart er dringend wünschte.
Ohne Zögern begab sich der Weise in die kaiserlichen Gemächer, wo er den sonst so gelassenen Herrscher in hoher Erregung fand. Bei seinem Söhnchen hatten sich die Anzeichen der Seuche eingestellt. Der Arzt erklärte, daß es keine Hilfe gäbe. Man müsse das Kind in einen entfernten Teil des Palastes bringen, um es dort einsam sterben zu lassen. Nur so könne es möglich sein, daß das Kaiserpaar verschont bliebe. Natürlich durfte die Dienerschaft nichts davon erfahren; denn sinn- und gedankenlose Flucht aller würde die Folge sein. Während der Kaiser sprach, hatte Li-Yang zu Gott gefleht, und ihm war die Gewißheit geworden, daß Gott seine Macht beweisen wollte, um des Kaisers Seele fest und sicher im Glauben zu machen. Ruhig ließ sich der Lama zu dem kranken Kinde führen, das übel aussah. Ganz allein lag es wimmernd in dem hohen Gemach, in das kein Sonnenstrahl und keine frische Luft eindrang, Fenster und Türen waren fest verstopft. Die Wärterinnen waren wahrscheinlich geflohen, die Kaiserin aber hatte der Arzt, wie Li-Yang später erfuhr, in ihre Gemächer eingeschlossen.
In innigem Gebet trat Li-Yang an das Lager des Kleinen, neigte sich über ihn und lauschte, wie der Atem ging. Das Wimmern war bei seinem Eintritt verstummt. Dann befahl er, die Fenster weit zu öffnen. Aber da war niemand, der dem Befehl hätte nachkommen können. Ohne zu zögern, machte Hou Tschou sich selber ans Werk, und in dem Augenblick, als die frische. Luft aus den Gärten in das Gemach strömte, schlug das Kind die Augen auf.
Leise legte Li-Yang seine schmale Hand auf die Kinderstirn und betete. Der Kaiser trat unhörbar auf die andere Seite des Bettes und Unaussprechliches zog durch seine Seele. Wenn Gott ihm das Kind ließ? Über alles menschliche Verstehen würde es sein, aber bei Gott war nichts unmöglich, hatte Li-Yang gesagt.
Da wendete sich dieser zu ihm, lächelte ihm zu und sprach: „Siehe, o Kaiser, Dein Sohn schläft. Schon verbleichen auf seiner Haut die blauen Verfärbungen, ruhig geht der Atem. Er wird leben bleiben! Sorge dafür, daß eine zuverlässige Wärterin sich an seinem Bette einfindet, und gib Befehl, daß die Fenster Tag und Nacht geöffnet bleiben.”
Er wollte gehen, aber Hou-Tschou hielt ihn zurück. „Wie soll ich Dir danken, mein Freund?” fragte er ergriffen. „Nicht mir mußt Du danken, danke Gott, dem Allerhöchsten, indem Du ihm dienst aus allen Kräften. Aber laß uns nach der Kaiserin sehen, damit Angst und Sorge sie nicht empfänglich für das Gift der Seuche machen.”
Li-Yang hatte die Kaiserin noch niemals gesehen, aber ganz selbstverständlich schritt er mit Hou-Tschou zu ihren Gemächern. Li-Fu-Ti war ein liebreizendes Persönchen. Mehr noch als ihre Schönheit nahm der Blick ihrer schmalen Augen gefangen. Tiefe Gedanken offenbarte dieser Blick. Sie hatte sich namenlos um ihr Kind gesorgt und schritt selber in seine Gemächer, um es zu pflegen. Von Fürsorge für sich selbst wollte sie nichts wissen, und Li-Yang fühlte auch, daß sie gesund und unversehrt war. Nun wollte er in das Fischerdorf zurückkehren, doch der Kaiser gab ihm zu bedenken, daß die Mandarinen empört seien, daß der Lama alle seine Kräfte den Armen und Verachteten widme, anstatt den Vornehmen und Edlen zu helfen.
„Hast Du ihnen nicht gesagt, o Kaiser, daß sie verständig genug sind, selber Wandel zu schaffen und Vorkehrungen zu treffen?” Wohl bejahte der Kaiser, fügte aber hinzu, daß sie alle so angsterfüllt seien, daß man ihnen helfen müsse.
Da kam Li-Yang der Gedanke an Hai-Tan. Er schickte nach ihm und übertrug ihm die Anleitung der Reinigung in den Palästen. Hai-Tan war wenig erfreut, eine so untergeordnete Arbeit tun zu sollen. Als er aber hörte, daß der Lama in gleicher Weise in den ärmsten Vierteln tätig sei, machte er sich ohne Zögern an seine Aufgabe.
Tage und Wochen vergingen in angestrengter Arbeit. Von Kiang-ning aus mußte immer weiter ins Land vorgedrungen werden, aber schließlich wurde man der Seuche Herr. Nun nützten die kaiserlichen Gebote auch: man hatte selbst erlebt, wie Reinlichkeit Segen trug, nun wollte man überall dieses Segens teilhaftig werden. Li-Yang wußte wohl, daß Gottes Kraft mit ihm gewesen war und das beste zum Einhalt der Krankheit getan hatte, aber er betonte das jetzt nicht, um dem Volk nicht Grund zu geben, in die alte Unsauberkeit zurückzusinken.
Seit wenigen Tagen saß er wieder bei seinen Schriften im kaiserlichen Palast und harrte eines Befehls Gottes. Ganz klar sah er, daß er nun hinaus müsse in das weite Land, aber er wollte warten, bis Gott selbst ihm den Weg dazu wies. Dann würde es an der Zeit sein. Hou-Tschou trat ein. Alles an ihm atmete Freude und Tatkraft. Das war früher nicht so gewesen. Erst seit der Seuchenbekämpfung war ein unbändiger Sieger- und Verkündermut über den Herrscher gekommen. Er beneidete Li-Yang, der von Gott öffentlich würde sprechen dürfen, und, so gern er den Weisen in seiner Nähe gehalten hätte, er konnte es kaum erwarten, bis der Lama seine lange Fahrt antreten würde.
„Weißt Du, Li-Yang,” fragte er noch im Eintreten, „daß im Osten unseres Reiches, da, wo das große Wasser an seine Küsten spült, eine wahre Dämönen-Plage ausgebrochen ist? Reisende Kaufleute brachten gestern die Kunde, daß meilenweit die Bewohner von Angst geschüttelt würden, so daß viele stürben. Was meinst Du, daß geschehen soll?”
„Was meint mein Kaiser?” erkundigte Li-Yang sich, bei dem es feststand, daß dies das von Gott erbetene Zeichen sei. „Ich meine, Gott selber ruft Dich dorthin, daß Du ein Ende machest mit dem Irrglauben.”
„So will ich noch heute aufbrechen”, rief Li-Yang freudig, doch der Kaiser widersprach.
„Laß uns nichts übereilt. Tun”, warnte er. „Nicht allein sollst Du unter die erregten Menschen ziehen. Du sollst Diener und Bewaffnete mitführen, wie es Deinem Stande gebührt. Je mehr die Menschen Dich ehren, um so eher werden sie auf Dich hören. Es wäre schade, wenn Du unnütz Zeit verlieren müßtest, bis sie merken, wer Du bist. Du mußt als Lama und Ratgeber des Kaisers auftreten. Mit allen Vollmachten will ich Dich ausrüsten. Glaube mir, Li-Yang, ich kenne unser Volk!”
„Laß uns Wuti fragen, o Kaiser”, meinte Li-Yang. „Er wurde mir von Gott als Wegbereiter beigegeben, seinem Rat soll ich mich fügen.”
Wuti wurde gerufen und erschien. Auch ihn erfüllte hohe Freude in dem Gedanken, daß jetzt die eigentliche Arbeit beginnen, daß er den Wahrheitsbringer begleiten dürfe. Er stimmte völlig den Vorschlägen des Kaisers bei, und so gern Li-Yang in aller Stille ausgezogen wäre, um Gott zu den Seelen zu bringen, er mußte inmitten einer stattlichen Schar fortreiten, um zunächst sich grobstofflich seinen Weg zu bahnen.
Eine große Zahl Bewaffneter wurde aufgerufen, an deren Spitze Hai-Tan sich stellte. Er sollte der Schützer des Lamas sein und kam sich sehr wichtig vor. Gerade auf seine Begleitung hätte Li-Yang gern verzichtet.
Es schmerzte ihn, daß Hai-Tan noch keinen Schritt Gott entgegen getan hatte, obwohl er oftmals Gelegenheit hatte, ihn zu erkennen. Was sollte eine solche Hand bei dem heiligen Werke? Aber der lichte Bote Gottes, dem Li-Yang alle diese Fragen vortrug, entschied für Hai-Tans Mitreise.
Wuti und Lai hatten sich die Sorge für das leibliche Wohl der Schar vorbehalten und die Aufsicht über die sehr zahlreichen Diener. Hai-Tan erhielt ein auffälliges, buntgemaltes Pergament, in dem der Kaiser hatte niederschreiben lassen, daß alles, was Li-Yang anordne, von ihm, dem Kaiser, bestimmt sei. Auch eine Drachenfahne, golden mit grünem Grund, sollte in der Schar mitgeführt werden.
Am übernächsten Morgen begann der Auszug mit einem feierlichen Gottesdienst im Tempel, an dem außer dem Hof die ganze ausziehende Schar teilnahm.
Es war das erstemal, daß solche, die noch nichts von Gott wußten, gewürdigt wurden, mit den anderen zu ihm zu beten. Der Kaiser hatte es absichtlich so angeordnet in der Hoffnung, daß damit ein Same ausgestreut würde, der nach Li-Yangs Heimkehr reiche Frucht tragen sollte.
Unterwegs sprach Li-Yang alle Morgen vor dem Weiterreiten ein inniges Gebet inmitten seiner ganzen Schar. So gewöhnte er die Krieger und Diener, von Gott zu hören, so daß sie empfänglich sein würden, wenn er dann Gott künden würde.
Nach mehreren Tagereisen näherte sich Li-Yangs Zug einer größeren Stadt, der ersten in dem von der Dämonenplage befallenen Gebiet. Der Lama äußerte die Absicht, hier mit seiner Arbeit zu beginnen, und gab Wuti Auftrag, für Unterkommen im Stadtgebiet zu sorgen. Und während die Hauptschar langsam weiterzog, ritten Wuti und Hai-Tan mit einer Anzahl Krieger und Diener rasch voraus. Am Stadttor angekommen ließ Hai-Tan die Drachenfahne entfalten, um die sich sofort eine große Menschenmenge zu sammeln begann. Als diese Hai-Tan groß genug erschien, befahl er, an die Metallscheiben zu schlagen, wie immer geschah, wenn etwas ver-
kündet werden sollte. Danach hob er das kaiserliche Pergament hoch empor, damit alle es sehen könnten, und las es darauf mit schallender Stimme ab. Nun wußten alle, welcher erhabene Weise in ihre Stadt einziehen wollte. Erregt zerstob die Menge, um die Kunde weiter zu tragen, Hai-Tan aber ritt vor das Haus des obersten Würdenträgers und verlas die kaiserlichen Worte abermals. Nun machte sich der Mandarin mit verschiedenen seiner Beamten auf, Li-Yang entgegen zu schreiten, so daß dieser beim Einreiten in die Stadt feierlich empfangen wurde.
Das war wenig nach seinem Sinn. Er murrte innerlich und beschloß es in Zukunft anders zu halten. Diesmal konnte er nichts mehr ändern. Er ließ sich zu dem ihm von Wuti besorgten Heim geleiten, einem Hause, das voller Freude von seinen seitherigen Bewohnern geräumt worden war, um dem Lama Platz zu machen.
Auch das behagte Li-Yang nicht. Er wollte doch niemand vertreiben! Die Leute taten ihm leid, die nun heimlos auf der Straße standen, wie er sich vorstellte. Aber Wuti erklärte ihm, daß diese Menschen von allen anderen beneidet würden. Es sei hohe Ehre und großes Glück, daß sie einem Lama, dem Berater des Kaisers selbst, dienen durften.
Das Haus war ziemlich unsauber, aber die Diener richteten in kurzer Zeit alles aufs Beste. Es zeigte sich, daß Wuti jegliches mit sich führte, was zu Li-Yangs Bequemlichkeit gereichte. Selbstverständlich wurde sofort ein Altar in gewohnter Weise aufgestellt in dem größten der vorhandenen Räume, so daß Li-Yang nun hier Andacht halten konnte. Es widerstrebte ihm aber, zu diesem ganz persönlichen Altar die Schar seiner noch immer an die Götter glaubenden Begleiter heranzulassen, daher gab er Befehl, daß auf einem freien Platz ganz in der Nähe ein großes Zelt zu diesem Zweck aufgeschlagen wurde.
Dort betete er alle Morgen mit seinen Leuten und sprach ihnen von Gott, und im Laufe der Zeit stahlen sich einzelne Stadtbewohner herzu, die er nicht fortweisen ließ.
Während der ersten Tage durchwanderte Li-Yang mit einigen Begleitern die Stadt, auf eine Gelegenheit harrend, die ihn den Menschen nahe bringen sollte. Aber wohin er kam, wich die Menge ehr-
fürchtig zurück. Er mußte sich darauf beschränken, die Stadt und ihre Bewohner äußerlich kennen zu lernen.
Die verschiedenen Tempel und Pagoden suchte er auf in der Hoffnung, dadurch Verbindung mit der Priesterschaft zu erlangen. Aber auch diese zeigte sich in ihrer Ehrfurcht völlig unzugänglich. Da griff er zu seinem alten Mittel: Im Gewande eines Dieners nahm er mit Wuti an Tempelfeiern und Andachten teil und betrat die Hütten der Armen. Was er da zu sehen bekam, betrübte ihn. Irrglaube und Unglaube machten sich gleichmäßig breit unter den Massen. Unrat und Verkommenheit, Lasterhaftigkeit beherrschten die Menge. Es war sicherlich schlimmer damit bestellt als in Kiang-ning.
Der Mandarin suchte ihn auf. Er kam in Prunk und Pracht; denn er wollte zeigen, daß man in der Provinz auch wisse, was einem Stellvertreter des Kaisers gebühre. Nun war Hai-Tan in seinem Element. Überall suchte er es dem Stadtbeherrscher zuvor zu tun. Die Pracht, die sich ohne Wissen und gegen den Willen Li-Yangs um ihn her entfaltete, war ohnegleichen.
Obwohl es innerlich dem Lama zuwider war, äußerlich paßte er in den Rahmen, der ihn umgab. Eine unbeschreibliche Hoheit ging von ihm aus, der ohne Selbstüberhebung den Besuchern entgegentrat. Die herkömmlichen Zeremonien beobachtete er, doch sorgte er dafür, daß ihnen nicht mehr Platz eingeräumt wurde, als unbedingt nötig war.
Darauf begann er den Mandarin über die Dämonenfurcht zu befragen, die der äußere Anlaß seines Kommens gewesen. Der Würdenträger wand sich und wollte auf dieses Gespräch nicht eingehen, aber Li-Yang gab nicht nach. Ruhig und fest stellte er seine Fragen, und schließlich mußte der Würdenträger gestehen, daß es fürchterlich aussehe in seiner Stadt.
Die ganz Armen schienen unter besonderem Schutz der Götter zu stehen: ihnen nahten keine Dämonen, ihnen zeigten sich keine Drachen. Aber alle anderen lebten in zitternder Angst. Ihm selber war erst am Abend vorher ein entsetzliches Gebilde erschienen, das sich sogar bei geschlossener Pforte in seinen Palast gedrängt habe.
„Und wie banntest Du den Dämon?” fragte Li-Yang freundlich.
„Ich ließ den Priester am obersten Tempel holen, als aber dies vergeblich war, als der Würdige in gleicher Angst wie ich zu zittern begann, da. . .”
Der Lama ergänzte die unvollendet gebliebene Rede: „Da verkrocht Ihr Euch Beide im Dunkeln, um nichts mehr sehen zu müssen. War es nicht so?”
Der Mandarin nickte. Li-Yang aber begann ihm zu erklären, daß die Dämonen in all ihrer Furchtbarkeit nur Gebilde menschlicher Gedanken seien.
„Wenn Du das meinst, so hast Du noch keine gesehen”, sagte der Besucher hastig.
Auch darüber wurde er aufgeklärt und endlich versprach der Lama, am folgenden Tag in den Palast des Mandarinen zu kommen, wo alle Abende zur gleichen Stunde ein solches Ungetüm sich zeige. Pünktlich zur festgesetzten Stunde fand sich Li-Yang bei dem Stadtbeherrscher ein. Größte Verwirrung herrschte in dem Palast, der Dämon hatte sich früher eingestellt als gewöhnlich, damit des Lamas Befürchtung zunichte machend, er könne gerade diesmal ausbleiben. Kaum konnte man den Besucher zum Herrn des Palastes führen, niemand getraute sich in die Gemächer, darin der Unhold sein Wesen trieb. Li-Yang suchte sich selbst seinen Weg, von dem Gewirr verängstigter Stimmen geleitet.
Er fand den Mandarinen auf den Knien, umgeben von mehreren Vornehmen. Sie hatten die mit seidenen Tüchern verhüllten Gesichter den Wänden zugewandt, während in der Mitte des Gemachs ein riesiger, grimmiger Dämon auf- und niederwallte. Bei Li-Yangs Eintritt verstummte das Wimmern der Menschen, und das Gebilde verlor an Deutlichkeit.
„Höre mich, Fu-ji,” redete der Weise den Hausherrn an, der bei dem Klang der hellen Stimme sich ein wenig aufzurichten schien, „dieser Dämon ist ein Erzeugnis Deiner eigenen Furcht. Vertraue auf Gott, in dessen Auftrag ich hier stehe! Habe den Mut, Dich umzukehren und dem Feind ins Auge zu blicken. Ich verspreche Dir, er wird verschwinden.”
Zwingend wirkten die Worte auf den Zagenden. Mit einem Ruck riß er das verhüllende Tuch ab und wandte sein Antlitz voll dem Dämon zu.
„Er ist kleiner geworden!” jubelte er.
Kaum hörten das die andern Anwesenden, als sie sich ebenfalls wandten, um mit eigenen Augen das Wunder zu bestaunen. „Gebilde menschlicher Furcht, ich befehle Dir, Dich aufzulösen!” rief Li-Yang.
Er wußte, daß es dieser Worte nicht mehr bedurft hätte, aber um der ungläubigen Menschen willen sprach er sie. Das Gebilde verschwand. Wie leise Nebel wallte es noch während einiger Augenblicke, danach war nichts mehr davon zu sehen.
Nun warfen sich alle vor Li-Yang auf die Knie und wollten ihn anbeten. Mit bestimmten Worten verwies er es ihnen, hieß sie dagegen, sich um ihn zu scharen. Und danach kündete er ihnen von Gott dem Allmächtigen, der Herr sei über Himmel und Erde, über Götter und Menschen.
Freudig lauschten sie alle, die eben noch in so großer Angst gestanden. Es war etwas ganz Neues, das sie da erfahren durften, daß es ein Wesen gebe, das ihnen wohlgesinnt sei, das ihnen Kraft geben und ihnen helfen wolle.
Gläubig nahmen sie die Verkündung auf. Li-Yang aber spürte, wie mit jedem Worte seine eigene Kraft wuchs. Immer überzeugender sprach er. Danach erklärte er ihnen das Wesen der Dämonen, doch könnten sie ihn nicht verstehen. Da beschloß er ein Wagnis. Er verbot, daß außerhalb des Gemaches etwas von der Vertreibung gesagt werde. Es sollten Diener gezwungen werden, den Raum zu betreten. Ihre übergroße Furcht werde neue Dämonen erzeugen. Danach könnten sich alle überzeugen, wie die Gebilde an ihrem Mut vergehen würden.
Und wie er es beschlossen, so geschah es. Eine Menge kleiner Scheußlichkeiten kamen mit den zitternden Dienern in den Raum. Unter denen aber, die der Vertreibung beigewohnt hatten, erhob sich Gelächter. Sie konnten nicht mehr begreifen, daß sie vor Derartigem gezittert. Über dem Lachen aber zerstoben die Phantome.
Die Dankbarkeit des Mandarinen kannte keine Grenzen. Er wußte nicht, wie er sie besser beweisen könne, als daß er sich auf der Stelle diesem höchsten Gott angelobte, in dessen Kraft Li-Yang das Große vollbracht hatte.
„Wenn es Dir ernst ist damit, Fu-ji”, sagte der Lama, „so komme morgen in den Tempel, den ich unweit meines Heimes errichten ließ. Dort wirst Du mehr über Gott erfahren und zu ihm beten können.”
Als Li-Yang am Abend diesen Tag überdachte, fiel ihm auf, daß alles ganz anders vor sich gegangen sei, als er in Kiang-ning geplant hatte. Nun sah er plötzlich, wie gut es gewesen, daß er mit solcher Pracht seinen Einzug gehalten und dadurch von Anfang an etwas gegolten habe. Wie gut es ferner gewesen, daß er den ersten Dämon im Hause des Mandarinen bekämpft hatte. Hätte er dies Werk im Armenviertel getan, so wäre vielleicht der Vornehme sein Gegner geworden, während er jetzt einen wohlgesinnten Helfer an ihm hatte bei seiner ferneren Arbeit.
Je mehr Li-Yang diesem nachsann, um so kleiner wurde er vor sich selbst. Alles würde er falsch gemacht haben, wenn er sich nicht von oben hätte leiten lassen.
„Hoher, allmächtiger Gott,” flehte er, „ich will gar nichts mehr selber sein. Mache mich immer mehr und besser zu Deinem Werkzeug, Deinem Diener!”
Am nächsten Morgen fanden sich Fu-ji und seine Beamten im Tempel ein und lauschten andächtig der Ansprache Li-Yangs. Danach baten sie, alle Tage kommen zu dürfen, was ihnen gestattet wurde. Die Kunde von den Geschehnissen des vorherigen Abends aber hatte sich über. die ganze Stadt verbreitet. Von allen Seiten strömten die Menschen herbei, den Lama zu sehen, sich vor ihm niederzuwerfen und um seinen Segen zu bitten. Sie bestürmten ihn mit Bitten, er möge auch bei ihnen die Dämonen vertreiben. Er versuchte, ihnen zu sagen, daß es bei ihnen stände, die Dämonen erst gar nicht aufkommen zu lassen. Aber das begriffen sie nicht. In ihrer großen Not wollten sie Hilfe sehen, Hilfe von außen her erfahren.
Da wies er sie an Wuti, damit dieser festlege, wohin Li-Yang zunächst gehen solle. Wuti aber hatte die richtige Weise, mit ihnen zu verkehren. Ehrfurchtsvoll sprach er von dem Lama, aber ohne die übertriebene Redeweise, die Hai-Tan anwendete. Froh und zuversichtlich versprach er den Flehenden die erbetene Hilfe, aber er wies sie dabei auch auf ihre innere Verfassung hin.
Er riet ihnen, Mut und Vertrauen an Stelle des Verzagens und der blassen Furcht zu setzen. In jeder Weise war er dem Lama der Helfer, der in seinem Sinne arbeitete. Und Li-Yang dankte Gott, daß er ihm diesen Bruder an die Seite gestellt.
Etwa einen Monat lang vertrieb der Kaiserliche Ratgeber Dämonen in dieser Stadt und ihrer Umgebung. Danach zeigte sich kein solches Gebilde mehr, die Menschen atmeten auf und ein großer Teil der Einwohner hatte Gott erkannt.
Nun ließ Li-Yang einen großen schönen Tempel erbauen, der Gott geweiht wurde. Einen Namen gab er Gott nicht, es wäre ihm wie Entheiligung erschienen. Er bediente sich der Bezeichnung, die seine fromme Mutter einst für ihn gefunden: der Hocherhabene. Nun galt es, einen Priester für diesen Tempel zu finden. Wuti mochte er nicht entbehren, selber konnte er nicht länger an diesem einen Ort verweilen.
In seiner Bedrängnis wandte er sich flehend an Gott. Es war ihm ein wahres Anliegen, die Menschen, die eben erst den Alleinigen gefunden hatten, nicht ohne Hilfe zu lassen. Zu leicht würden sie in ihren alten Unglauben zurücksinken. Und weil es ihm so ernst war mit seinem Flehen, erstarkte dieses, wurde übermächtig und drang empor, bis an die Stufen von Gottes Thron.
Da hörte Li-Yang wieder die helle Stimme des lichten Boten: „Verzage nicht, Li-Yang, die Seelen, die Du erretten durftest aus der Macht des Dunkels, sind Gottes Eigentum. Er sorgt für das Seine. Ehe Du riefest, antwortete er Dir und sandte Hilfe.” Große Zuversicht erfüllte den Betenden. Er beschloß, so lange an dem Orte zu bleiben, bis die Hilfe eintreffen würde. Als er sich am folgenden Morgen zum Tempel begab, stand ein einfacher Mann davor, dessen Züge ihm bekannt erschienen.
Der Fremde verneigte sich und trat hinter Li-Yang in den Tempel, voll Andacht teilnehmend. Beim Fortgehen schloß er sich abermals dem Lama an. Hai-Tan wollte ihn fortweisen, doch der Mann erklärte, eine Botschaft zu haben, die er dem Weisen persönlich überbringen müsse. Da ließ Hai-Tan ihn gewähren.
Mit Hai-Tan selber war es sonderbar. Er durfte seit kurzem auf seine Bitte an den Andachten im Tempel teilnehmen. Mächtig arbeitete die Kraft von oben an seiner Seele, aber er hatte Angst, sie könne übermächtig in ihm werden. Er wollte noch nicht Gott angehören, weil er ganz richtig fühlte, daß er dann sich aufgeben müsse. Li-Yang aber ließ ihn gewähren. Er mußte selber das Irrige seines jetzigen Tuns einsehen, eher würde er den rechten Weg nicht finden In Li-Yangs Heim angekommen, trat der Fremde auf den Lama zu und übergab ihm ein schmales Pergament, eine Schrift von Lie-Tse. Nun wußte Li-Yang plötzlich, wo er den Fremden gesehen hatte. „Waren wir nicht zusammen im Kloster, mein Bruder?” fragte er freundlich.
Der Mann bejahte und berichtete, daß vor Monaten Lie-Tse ihn aufgefordert habe, als Helfer Li-Yang nachzuziehen. Er sei zuerst in Kiang-ning gewesen, dann aber sei er ihm weiter gefolgt. Er sei froh, den Lama getroffen zu haben.
Lie-Tse schrieb wenige Worte:
„Mein Sohn, Gott der Erhabene ist mit Dir in allem Deinem Tun. Ihm danke ich mit Dir vereint. Auf seinen Befehl wird in bestimmten Zwischenräumen ein Helfer zu Dir kommen. Es sind erprobte Brüder, denen Du Tempel und Gemeinde anvertrauen kannst.” Wenige Tage genügten, um den Tibetaner in sein Amt einzuführen, danach zog Li-Yang weiter.
Wohin er kam, überall ging es in ähnlicher Weise: Er half den Geängstigten und durch diese Hilfe führte er sie zu Gott. Doch sein Tun blieb nicht unbekannt. Der Ruf seines Wirkens zog ihm weit voraus und während er die Furchtsamen mit Hoffnung erfüllte, entfesselte er grimmige Feindschaft bei den Priestern. Ob die Menschen an ihre Götter oder an andere glaubten, war ihnen im Grunde gleichgültig, aber für sie ging es um ihr Bestehen. Wurden die Leute den Göttern und Tempeln entfremdet, so hörten die Opfer und Gaben auf, von denen die Priester sich nährten. Das priesterliche Ansehen schwand, damit auch das äußerliche Wohlleben, dessen sie sich seither erfreut hatten.
Wohl versuchte hier und da einer der Tibetaner, die stets rechtzeitig eintrafen, um die neuerbauten Tempel zu betreuen, die Priester seines Ortes für Gott zu gewinnen, es war stets vergeblich. Zäh hielten sie an ihrem Irrglauben fest und eiferten gegen Gott und seine Anhänger. Frieden zu bringen war Li-Yang ausgezogen, Hader und Unruhe ließ er hinter sich. Es kam vor, daß seine. Bewaffneten eingreifen mußten, um ihm eine Möglichkeit für sein Wirken zu erschließen. Traurig wurde Li-Yang. Ein Wahrheitsbringer sollte er sein, ein Bringer des Unfriedens erschien er sich. Sollte er nicht lieber nach Kiang-ning zurückkehren und die Leute hier sich selbst überlassen? Wohl litten sie unter der Dämonenplage, aber sie litten gemeinsam in Einigkeit. Sein Tun erst brachte die Spaltung.
Wenn er nur mit Hou-Tschou hätte reden können! Was mochte der Kaiser denken, wenn gerade aus dem Teil seines Reiches, in dem sein Ratgeber weilte, die Kunde von Erregung, Erbitterung und Bruderzwist eintraf?
Da flehte. Li-Yang zu Gott aus bekümmerter Seele:
„Herr, weise mir, wo ich gefehlt habe, daß es also geht mit meinem Werke, das ich auf Deinen Befehl tue. Zeige mir, ob ich heimkehren soll, oder ob ich weiterarbeiten darf in Deiner Kraft.” Da sah er in der Nacht ein Gesicht:
Er sah Männer am Bau eines prächtigen Tempels. Herrlich waren die Balken gerüstet, köstlich die Farben. Wunderbare Seide lag bereit, Decken und Wände zu bespannen. Aber, Li-Yang erschrak, sie errichteten das Bauwerk auf einem halb in Trümmer gefallenen Gebäude, von dem man nicht erkennen konnte, welchem Zwecke es diente. „Haltet ein!” rief Li-Yang erregt. „Ihr könnt nichts Neues erbauen, solange das Alte, noch dazu in so falscher Weise darunter steht und liegt.”
Aber die Männer schauten kaum auf und arbeiteten weiter. Einer aber sagte ruhig:
„Es wird richtig sein, wie wir es machen. Der Lama Li-Yang will Gottes Tempel in die Menschheit bauen, ohne daß das Alte ausgetilgt werden darf. Wegräumen des Alten macht Lärm und Beschwer. Er will aber, daß alles sanft und sacht vor sich gehe. Er ist ein Lama, er wird recht haben!”
Das Gesicht verschwand, Li-Yang aber hatte seine Antwort. Er schämte sich. Aus der Scham erwachte der Vorsatz, in Zukunft kräftiger zupacken zu wollen, damit das Alte rascher stürze. Dabei dachte er an Hai-Tan. Wieviel hatte er an ihm versäumt, dadurch, daß er ihn in seiner Unentschlossenheit und Feigheit hatte weiterwandern lassen. Hai-Tan war ihm doch auf die Seele gelegt. Er mußte Gott wertvoll sein, sonst wäre er ihm nicht mitgegeben worden. Und diesen Menschen hätte er ruhig die falsche Straße einschlagen lassen!
Er mußte mit ihm reden. Wenn er sich mit aller Inbrunst Gottes Hilfe dazu erbat, würde er siegen. Die Nacht verging in Dank und Lob. Am Morgen aber trat zu ganz früher Stunde Hai-Tan ins Gemach. Das war völlig ungewohnt. Etwas Besonderes mußte ihn treiben, und dieser Antrieb mußte stark sein; denn Hai-Tan begann ohne die üblichen Zeremonien:
„Li-Yang, bist Du noch mein Freund?”
Der Lama bejahte nachdrücklicher, als er es am Abend vorher gekonnt hätte.
„Ist es eines Freundes würdig, den andern sich so völlig selbst zu überlassen, wie Du es mit mir tust?” fragte Hai-Tan mit Nachdruck. „Ich wehrte mich gegen Deinen Gott, den ich zwar anerkennen wollte, aber nicht als den Meinen. Ich wollte mich nicht von ihm überwältigen lassen. Und nun ist er mir doch zu mächtig geworden. Wuti trat heute Nacht an mein Lager und sagte ernsthaft: „Hai-Tan, wie lange willst Du noch versuchen, Dich gegen Gott, den Allmächtigen, in Trotz zu verschanzen? Erkannt hast Du ihn längst, aber Du liebst Dich selber zu sehr. Hüte Dich, daß Du nicht im Dunkel versinkest!”
Ich konnte ihm nicht antworten, denn er enteilte. Nun aber komme ich zu Dir und verlange von Dir, daß Du mir helfest, mich selbst aufzugeben und Gott anzugehören.”
Da erzählte Li-Yang dem Freunde alle Erlebnisse dieser Nacht, und aus den Trümmern von Hai-Tans Trotz und Eigenliebe blühte ihre Freundschaft auf schöner denn je, um nie zu welken.
Über all diesen Geschehen waren Jahre vergangen. Bis dahin, wo die Wogen des Meeres sich am Ufer brachen, war Li-Yang vorgedrungen, bald nach rechts, bald nach links abbiegend, um das Land in möglichster Breite zu durchqueren.
Das Meer selbst hatte einen tiefen Eindruck auf sein empfängliches Herz gemacht. Es schien ihm ganz besonders Gottes Allmacht zu predigen. Vor dem salzigen Duft, den der landeinwärts wehende Wind mit sich trug, hielten Dämonen und andere Gebilde nicht stand. Die Menschen, die hier lebten, waren gewohnt, allen Ge-
fahren zu trotzen. Sie hatten keine Gedanken übrig für Furcht und Angst.
Dagegen fand er hier anderes: zu selbstsicher waren die Leute. Sie verließen sich auf ihre Kraft und ihre Gewandtheit, auf die Schärfe ihrer Augen und ihre Geistesgegenwart. Sie meinten, Hilfe von oben in irgend welcher Gestalt nicht nötig zu haben.
Li-Yang, der sich von diesem ganz besonderen Menschenschlag sehr angezogen fühlte, beklagte ihre Einstellung und versuchte, ihnen Gott auf irgend eine Weise nahe zu bringen. Er sprach mit den Weibern, die am Strande, der Boote harrend, Netze ausbesserten. Bisher hatte er vermieden, sich an das andere Geschlecht zu wenden. Aber der Gedanke an seine Mutter, den er wie ein Heiligtum im Herzen verschlossen trug, führte ihn zu den zahlreichen Müttern, die sich hier nicht wie sonst überall verbargen.
Auch sie waren rauhes Leben und tätiges Zupacken gewohnt. Als er sie zum erstenmal anredete, warf eine Frau ein aufgewickeltes Tau nach ihm, das ihn fast getroffen hätte. Sie wollten ihn verscheuchen, das war sicher. Erst als Wuti ihnen sagte, daß er ein Priester sei, bequemten sie sich, auf seine Worte zu hören.
Er fragte sie, ob nicht oftmals ein Unglück geschähe, was sie dann täten und ob sie wüßten, daß ihr Geschick sicher geborgen in der Hand Gottes läge. An ihren erstaunten Blicken sah er, daß er ebenso gut tibetanisch hätte reden können, die Frauen verstanden gar nicht, was er von ihnen wollte.
Wieder mußte Wuti eingreifen und vermitteln. Er bat eine der Frauen um einen Fisch. Sie gab ihn zögernd, als er aber Kaolingmünzen dafür darreichte, brachten andere Weiber ebenfalls Fische herbei. Fröhlich nahm er sie alle und häufte sie neben Li-Yang auf. Danach begann er ein freundliches Gespräch mit den zutraulicher Gewordenen. Scherzend fragte er nach den Söhnen, wie alt sie seien, und ob auch sie einst Seefahrer werden wollten.
Über dem Geplauder, dem Li-Yang erstaunt zuhörte, löste sich ein älteres Weib aus der Gruppe. Sie trat langsam auf den Lama zu und schaute ihn an. Er wußte sich diesen Blick nicht zu deuten und nahm an, er gelte seinem lila Gewande. Da begann die Frau langsam zu sprechen:
„Herr, bist Du aus Tibet?“
Li-Yang sagte, er sei zwar im Reiche der Mitte geboren, aber Tibet sei ihm zur zweiten Heimat geworden.
Da entrunzelten sich die Züge des Weibes und sie sagte: „Meine Mutter kam aus Tibet und hat mir erzählt von den frommen Brüdern, die in Klöstern aufwachsen. Leute, die solche Gewänder tragen wie Du, hat sie mir auch beschrieben. Sie nannte sie Lamas und sagte: „Wenn Du, mein Kind, einmal einem Lama begegnen solltest, so flehe ihn an, Dir etwas von dem ewigen Gott zu erzählen, den sie in Tibet anbeten.“
Hocherfreut begann Li-Yang seine Kunde. Er erzählte, daß nun auch weite Strecken im Reiche der Mitte zu diesem Hocherhabenen gefunden hätten.
Das Weib rief ein paar Freundinnen herbei und forderte sie auf, zuzuhören. Es dauerte gar nicht lange, da saß Li-Yang in-mitten der Netze flickenden Schar und sprach von Gott. Langsam wurden einige der verschleierten Augen heller, langsam schienen sich die verwitterten Züge zu glätten.
Bis zum Abend blieb der Weise bei den einfachen Fischerfrauen. Dann, als die Boote in Sicht kamen, und als reges Leben am Strande begann, machte er sich auf und kehrte in seine Herberge zurück. Voll Erwartung schritt er am nächsten Tage wieder zum Strande und ... fand ihn leer und verlassen. Stundenlang wartete er, aber niemand kam. Da schlug Wuti vor, sie wollten zu den Fischerhütten gehen, aus denen Rauch zu kräuseln begann, ein Zeichen, daß sie belebt waren. Sie taten es, aber keine der Frauen wollte sie einlassen. Ja, niemand wagte es, mit ihnen zu sprechen.
Von Hütte zu Hütte schritten sie, überall die wegweisende Gebärde, der sie nicht zu trotzen wagten. Endlich fanden sie die Alte, die zuerst Li-Yang angeredet. Aber auch sie wandte ihnen den Rücken. Da beschwor der Lama sie beim Andenken an ihre Mutter, ihm zu sagen, was diese schlimme Veränderung bewirkt habe. „Die Männer haben uns geschlagen”, sagte die Frau leise. „Wir dürfen nicht mit andern Männern reden. Sie haben auch gesagt, was Ihr uns erzählt, sei Irrglaube und werde uns den Zorn der Götter zuziehen. Gehe wieder fort, sonst werden sie Dir nach dem Leben trachten.” Diese Auskunft war alles, was Li-Yang erreichen konnte, und sie machte ihn sehr traurig. In der Nacht bat er Gott um Befehl, was er tun solle. Der lichte Bote brachte ihm Bescheid, er solle diese Leute zunächst sich selbst überlassen. Einige der ausgestreuten Samenkörner würden Frucht bringen, wenn er nicht mehr hier sei. Er aber solle nach Kiang-ning zurückkehren, wo er gebraucht werde. So rüsteten sie am nächsten Tage zur Heimreise und beschlossen, alle die Orte aufzusuchen, wo Tempel erbaut worden waren. Das war ein Ritt mit immer wechselnden Eindrücken. Noch hatte sich die Unruhe nicht gelegt, die durch die Gottesverkündung ins Volk getragen worden war. Sie kamen an Orte, in denen der alte Irrglaube wiederum den Sieg davongetragen hatte. Der tibetanische Priester fristete ein kümmerliches Leben, wenn er nicht ganz verjagt worden war. Der Tempel war eingerissen oder verbrannt. In anderen Orten herrschte reges, geistiges Leben. Wohl wurden die Gottgläubigen angefeindet, aber fröhlich gingen sie ihrer Arbeit und ihrem Glauben nach. Nicht selten war außer dem einen Tempel noch ein zweiter, wohl gar ein dritter erbaut worden. An diesen Stellen nahm man Li-Yang mit Freuden auf. Er mußte in jedem der Tempel zu der Menge sprechen und erfuhr manchen Beweis: tiefen Glaubens und wahrer Sinnesänderung. Dämonen waren nirgends mehr aufgetaucht. Wiederum vergingen über dieser Reise viele Monate, aber eines Tages zeigten sich in der Ferne die Pagoden von Kiang-ning, und nun begann Li-Yang sich auf das Wiedersehen mit Hou-Tschou zu freuen.
Hai-Tan hatte rechtzeitig Boten vorausgesandt, und der Kaiser selbst ritt seinem Ratgeber entgegen. Er hatte sich sehr verändert. Das junge Gesicht war männlich geworden, schmal und scharfgeschnitten. Ein ganz dünner, wohlgepflegter Bart, auf der Oberlippe entsprossen, hing in zwei langen Enden auf die Brust herab. Aber die Augen hatten den gleichen innigen Ausdruck wie früher, und als die Freunde erst allein in dem kaiserlichen Gemache beisammen waren, merkte. Li-Yang, daß Hou-Tschous Seele nur noch schöner und reifer geworden war. Wieder hatte er den Eindruck, daß der Kaiser weit über sein Volk herausrage. „Du bist zur rechten Zeit zurückgekehrt, Li-Yang”,, hatte Hou-Tschou ihn begrüßt. „Mein Sohn Han hat das Alter erreicht, da er Deines Unterrichtes bedarf. Außerdem kam heute Morgen ein Bote aus Tibet, Dich zu suchen. Er harrt Dein in Deinen Gemächern.”
Als nach einigen Stunden der Lama diese Gemächer aufsuchte, fand er dort einen Dienenden Bruder aus dem wohlbekannten Klo-ster. Dieser brachte ihm ein umfangreiches Pergament und versicherte, er stehe zu jeder Auskunft zur Verfügung, wenn eine solche noch notwendig sei, nachdem Li-Yang die Schrift gelesen. Die ganze Nacht verbrachte dieser mit Lesen. Mehr wie einmal mußte er das Pergament aus der Hand legen, um dem nachzusinnen, was er erfahren.
Lie-Tse schrieb, daß er zu alt geworden, um fernerhin als Oberster über allen Lamas zu stehen. Auf Gottes Befehl habe er diese zusammengerufen und sie über seinen Nachfolger bestimmen lassen. Da habe sich nun ergeben, daß die Wahl auf zwei Lamas gefallen sei. Der eine, der hinfort den Namen Miang-Tse führen solle, sei zum Obersten seines Klosters ernannt worden. Der andere aber, der als Oberhaupt aller Lamas, gleichviel wo sie sich aufhielten, erwählt worden sei, habe den Namen Lao-Tse bekommen und sei niemand anderer als Li-Yang. Die Wahl der Lamas sei in Übereinstimmung mit dem göttlichen. Willen erfolgt.
Lie-Tse bitte ihn nun, sich sofort nach Tibet aufzumachen, damit er selber ihn in seine Pflichten einweisen könne. Danach dürfe er ruhig wieder in das Reich der Mitte zurückkehren; denn seine neue Würde werde ihn niemals seinen Ämtern dort abwendig machen. Im Gegenteil werde er seinen Auftrag unter seinem Volk als Lao-Tse noch besser erfüllen können als seither. Eile aber tue not, der Oberlama solle sofort aufbrechen.
So mußte Li-Yang am folgenden Morgen dem erschrockenen Kaiser mitteilen, daß er ihn für unbestimmte Zeit verlassen müsse. Als aber Hou-Tschou den Grund erfuhr, wurde er freudig bewegt und dankte Gott, der seinem Volk so hohe Gnade widerfahren lasse. „Als Lao-Tse wirst Du uns noch tiefer zum Segen werden, mein Freund!” rief er mehrmals aus. „Wie sind wir reich, Dich in unserer Mitte haben zu dürfen!”
Auch die Getreuen jubelten und neigten sich tief vor dem mit neuer Würde Bekleideten. Am gleichen Tage noch wurde der Ritt nach Tibet angetreten auf kürzestem Wege.
Viel hatte Lao-Tse erlebt, seit er zum erstenmal in gleicher Richtung geritten war. Während sein Pferd Meile um Meile zurücklegte, in schlankem Trab eine Talschlucht durcheilte, um dann wieder mit sicherem Tritt Felsen empor zu klettern, hatte der Lama Zeit, alles zu überdenken.
Immer größer wurde ihm die Gnade Gottes, immer heller trat die Führung, die sein ganzes Erdenleben geordnet, vor sein inneres Auge. Wunderbar war es, wie immer das, was er gerade am nötigsten hatte, bereits vorhanden war.
Wie die kunstvoll gefügten Balken an den Toren seiner Heimat, so schlossen sich die Geschehen ineinander und wiesen ein Ganzes. Aber es durfte kein Balken sich verbiegen, kein Mensch durfte seiner Führung widerstreben oder gar taub für sie sein. Sein eigenes Erleben bewies ihm das zur Genüge.
Die Menschen auf diese göttliche Führung hinzuweisen, das mußte jetzt seine Hauptaufgabe werden. Die Menschen wollten viel zu viel tun. Geschäftig schufen sie sich Unruhe und dadurch Not. Stillhalten sollten sie, sich auftun, nach innen lauschen, dann würden sie glücklich und zufrieden werden, dann würden sie den Weg nach jenen Höhen wiederfinden können, denen sie entstammten. Dies alles wollte er mit Lie-Tse durchsprechen. Lie-Tse! Mit unendlichem Dank gedachte er des Alten. Ob er ihn wohl noch unter den Lebenden antreffen würde?
Kaum hatte er dies gedacht, da ritten ihm drei Klosterbrüder ent-gegen, die ihm den Willkommen seines greisen Lehrers brachten. Er lebte noch und sehnte sich, den Wahrheitsbringer zu sehen und zu segnen. Die Boten wiesen einen noch kürzeren Weg, der verhältnismäßig bequem in die Höhe und zum Klostertor führte. Dort war alles, wie Lao-Tse es vor vielen Jahren verlassen. Nichts schien verändert. Die gleichen Gestalten schritten durch Gärten und Gänge. In freudiger Hast folgte Lao-Tse dem Bruder, der ihn in die Gastgemächer führte, wo alles bereit lag, dessen er bedurfte, um die Spuren des Rittes zu tilgen.
Ein überaus kostbar gesticktes lila Gewand war ausgebreitet, daneben lag die gelbe Kappe. Fast wagte Lao-Tse nicht, sie zu ergreifen. Jetzt wußte er, was ein gelber Lama ist! Und er sollte diese hohe Würde bekleiden?
Als er fertig war, führte ein Bruder ihn zu Lie-Tses Gemach, wo er seinen Lehrer allein fand. Sie blieben auch allein, die Beiden, die sich so viel zu sagen hatten. Alt, uralt war der Greis geworden, aber seine Augen strahlten in jugendlichem Feuer, es schien Lao-Tse, als habe ihr Glanz sich noch vertieft.
„Mein Sohn”, begrüßte der Alte seinen Gast, „mein Sohn! Ich freue mich, daß meine alten Augen Dich nochmals sehen dürfen, daß sie auf Deiner Stirne das Zeichen Gottes schauen. Der gottgesandte Wahrheitsbringer für Dein Volk bist Du. Nun hilf auch dem Unsern, daß es Gottes nicht vergesse. Fordere Rechenschaft von dem Tun der Lamas in allen Klöstern und halte sie an, daß sie in Gottes Gesetzen wandeln. Neuer Geist aus bösen Regionen will einziehen auch bei uns; vertreibe ihn, wie Du die Dämonen zerteilst. China ist Deine Mutter, aber Tibet ist Dein Vater. Vergiß über dem einen des andern nicht.” „Mein Vater”, wagte Lao-Tse, der ergriffen den Worten des Greises gelauscht hatte, einzuwenden, „wenn ich im Reiche der Mitte weile und für mein eigenes Volk sorge, wie kann ich wissen, was hier vorgeht? Wenn ich aus Liebe zu Tibet, das mir all mein Wissen vermittelt hat, hier nach dem Rechten sehen will, wie kann ich sicher sein, daß ich nicht getäuscht werde?”
„Vergiß nicht, daß Du mit dem heutigen Tage ein Gelber wirst, Lao-Tse. Noch ahnst Du nicht, was das besagen will. In der Feier heute Abend will ich es Dir künden. Bis dahin gedulde Dich. Jetzt aber versprich mir, um was ich Dich bat. Meinst Du, Gott habe Dei-ne Wahl bestimmt, wenn er Dir nicht die Mittel gäbe, Dein Gelübde zu erfüllen? Er verläßt Dich nicht, wenn Du Deinem Schwur treu bleiben willst.”
„Wie kann ich mich bereiten zu der Feier heute Abend?”. Lao-Tse fragte es leise. Lie-Tse schaute ihn freundlich an:
„Dein Ritt hierher war beste Bereitung, mein Sohn. Viel hast Du währenddessen gelernt. Ich freue mich über Dich!”
Lange noch sprachen die Beiden zusammen und Lao-Tse gab seiner Bewunderung für die göttliche Führung Ausdruck, die ihn zutiefst erfaßt hatte.
„Werden alle Menschen so bis ins Einzelne geführt, mein Vater?” fragte er sinnend.
„Gewiß, wenn sie nur besser auf ihre Führung horchen wollten”, lautete die Antwort. „Jeder Einzelne könnte Wunder erleben, wenn er selber sich nicht immer wieder alles verdürbe.”
Ein Diener trat herein und meldete Miang-Tse, der den neuen obersten Lama begrüßen wollte. Ein älterer, würdiger Mann in der Tracht, die auch Lie-Tse vordem getragen, trat auf Lao-Tse zu, der in ihm den gelbgekleideten Lama erkannte, der ihm einst das gelbe Band angeheftet.
Freudig war das Erkennen bei beiden, die berufen waren; gemeinsam über Tibet zu wachen. Dann aber ließ Miang-Tse Lehrer und Schüler wieder allein, gemeinsam nahmen sie ihre Mahlzeit ein, danach begehrte der Greis zu ruhen.
„Gehe in den Garten, Lao-Tse”, forderte er ihn auf. „Dort wirst Du viele gute Gedanken Deiner harrend finden.”
Lao-Tse befolgte den Rat, innerlich ein wenig lächelnd über die Ausdrucksweise Lie-Tses. Aber dieses Lächeln schwand, nachdem er wenige Augenblicke zwischen den Blumen auf und niedergegangen war. Es schien ihm, als strömten ihm unaufhörlich Gedanken in den Düften der Blütenkelche zu, Gedanken, die er noch nie gedacht.
Er sah herrliche Gebilde einer überirdischen Welt vor seinem geistigen Auge auftauchen, und während er sie bewundernd in sich aufnahm, wurde ihm bewußt, daß er sie früher einmal geschaut haben müsse. Ein Verwobensein mit anderen Ebenen umspann ihn. Herrlich war es, was er empfand und geistig erlebte! Nur schwer fand er sich zurück, als Diener kamen, ihn zum Tempel zu geleiten. Vorher wurde er, wie einst, in eine Badezelle geführt. Der herrliche Männergesang, der eine seiner köstlichsten Er-innerungen war, grüßte ihn bei seinem Eintritt in den Tempel, in dem er zum Lama gesegnet worden. Wie damals fand er alle übrigen Lamas versammelt. Sie saßen im Halbkreis um zwei Stühle, auf deren einem Lie-Tse Platz genommen hatte. Der andere wurde Lao-Tse angewiesen. Miang-Tse stand vorn am blumengeschmückten Altar. Er war ein würdiger Nachfolger Lie-Tses, und doch war ein großer Unterschied in der Art, wie jeder von ihnen sein Amt ausübte. Lao-Tse wurde sich dessen immer mehr bewußt, und unwillkürlich fragte er sich:
„Welchem von beiden ähnelst Du?”
Von Herzen wünschte er, seinem alten Lehrer gleich zu werden. Miang-Tse verlas eine Schrift, in der erklärt wurde, warum über den obersten Lama hinaus auf Gottes Befehl noch ein höherstehender Lama ernannt worden sei.
Dieser habe darüber zu wachen, daß alle Lamas voll ihren Dienst erfüllten, daß sie nicht einen Schritt vom rechten Wege abwichen. Grauenvoll drängten Unglauben und Gottesleugnung sich auch in Tibet ein. Die Klöster mindestens müßten erhalten bleiben. Lao-Tse habe nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, jeden säumigen Lama unverzüglich zu ermahnen, zu warnen oder zu strafen, je nachdem Gott es verlangen werde. Jeder Lama habe auf Befehl Lao-Tses vor diesem zu erscheinen, wo immer er sich auch aufhalten möge.
Dem obersten Lama schwindelte es. Wie sollte er die Brüder zur Rechenschaft ziehen, wenn er meilenweit von ihnen entfernt war! Wie sollte er wissen, was in Tibet vorging?
Da war es ihm, als gehe von Lie-Tse ein Strom von Ruhe auf ihn über. Konnte der Greis wissen, was ihn bewegte? Konnte er Gedanken lesen?
Nachdem wieder herrliche Chöre erklungen waren und Miang-Tse ein Gebet gesprochen hatte, trat er zurück in die Reihen der um die beiden Sessel stehenden und knieenden Lamas.
Lie-Tse erhob sich. Festen Schrittes trat er vor, umwallt von einem silbergrauen Gewand, auf dem herrliche lila Steine in Silberfassung blitzten.
Er wandte sich ausschließlich an seinen ehemaligen Schüler den er zu sich gerufen hatte, und der demütig vor ihm kniete: „Mein Sohn”, begann er, „Dir will Angst werden ob der neuen Pflichten, die Du auf Gottes Befehl übernehmen sollst. Vergiß nicht: wem Gott einen Auftrag gibt, dem schenkt er auch die Kraft dazu. Er fordert nichts, das sein Diener nicht leisten könnte.
In dieser Stunde werden Deine Sinne innerlich weiter aufgetan als seither. Du wirst Dinge schauen können, die Menschenaugen verborgen sind. Lichte Boten werden Dich begleiten als Deine Diener. Sie werden Dir Kunde bringen von allem Geschehen, das Dir zu wissen not tut.
Ob Du in Tibet oder im Reiche der Mitte Dich aufhalten wirst: das Tun und Reden derer, die Dir übergeben sind, wir Dir gegenwärtig sein, als weilest Du mitten unter ihnen. In geringerem Gra-
de wird diese Fähigkeit und Gnade jedem obersten Lama beschert, auch Miang-Tse wurde am Tage seine Weihe damit begabt, aber Du, als der Erste aller Lamas, hast noch höhere Gnade empfangen in den geistigen Dienern, die ständig um Dich sein werden.” Ein Strom von sieghafter Kraft und hohem Glück flutete durch den Knieenden. Wahrlich, Gott hatte für ihn gesorgt über alles Bitten hinaus!
Lie-Tse sprach weiter. Er erinnerte Lao-Tse daran, daß er das Geheimnis des Erfolgs für sein Wirken bereits gefunden habe. Nicht kämpfen solle er, noch zum Kampf aufreizen, sondern in Gelassenheit und Harmonie mit Gottes Gesetzen die Menschen lehren, auch ihrerseits den Frieden in Erfüllung des göttlichen Willens zu suchen. „Zwei Aufgaben wurden Dir genannt, mein Sohn, ehe Du noch unsere Welt betratst: die Dämonen solltest Du vertilgen. Das war die erste Aufgabe, und Du hast sie treulich erfüllt. Die zweite lautete: den guten Geistern solltest Du die Wege bereiten. Du hast die Kunde von Gott zu den Menschen gebracht. Das war selbstverständlich, auf andere Weise hättest Du überhaupt nichts ausrichten können. Nun aber sollst Du daneben Dir angelegen sein lassen, dem Volk eine Verbindung mit den helfenden Geistern zu bahnen. Dein Volk braucht Geister. Bisher fanden sie nur schlimme, die Angst und Schrecken verbreiteten. Lehre Du sie die Wesenheiten finden, von denen sie lernen können, wie man Gott recht dient. Du wirst offene Herzen finden, wenn Du an Stelle des Dunklen das Lichte setzest. Mehr brauche ich Dir nicht zu sagen. Du bist geführt.” Mit innigem Gebet erhob der Greis beide Hände über Lao-Tses Haupt, sie dann noch einen Augenblick auf demselben ruhen lassend.
Danach nahm er von dem Tisch ein handgroßes Schmuckstück. Es war aus Gold kunstvoll gefertigt und bestand aus zwei gleich großen, sich kreuzenden Balken, deren jeder vier Edelsteine trug. Alle diese Steine waren verschieden an Farbe und, Leuchten. In der Mitte, wo die Balken sich trafen, prangte ein riesiger wasserheller Stein. Das Schmuckstück hing an schwerer goldener Kette. An dieser legten die Greisenhände es jetzt dem Knieenden um. „Auf Gottes Befehl trage das Zeichen Deiner Würde und Deiner Pflichten. Lasse es nie von Dir Wo Du es nicht öffentlich tragen magst, laß es in den Falten Deines Gewandes verborgen sein. jeder Stein bringt Dir anderes: Reinheit, Wahrheit, Liebe und Gerechtigkeit reden daraus zu Dir, aber auch Wissen von göttlichen Dingen, Weisheit im Verkehr mit den Menschen.
Was die drei letzten Steine bedeuten, mögest Du selber finden. Hast Du es in Dich aufgenommen, so bist Du damit an die Grenze dessen gelangt, was sterbliche Geister zu erfassen vermögen. Darüber hinaus gibt es nichts. Und nun erhebe Dich und sprich von hier aus zu denen, die Deiner Hut anvertraut sind, und laß Dir in Stellvertretung des Höchsten die Treue geloben, die sie ihm schuldig sind.” Ohne Vorbereitung fand Lao-Tse die richtigen Worte, um an die Herzen der einzelnen zu pochen. Wunderbar fand er die Zusage Lie-Tses erfüllt: er konnte sehen, wem es ernst war mit seinem Gelöbnis, aber auch den erkannte er, der nur zögernd sich nahte, und den, dem es überflüssig schien, daß „ihnen ein Aufpasser gesetzt worden war”.
Die Feier war beendet, die Lamas schickten sich an, die Kapelle zu verlassen, da bat Lie-Tse:
„Verweile noch einen Augenblick, mein Sohn.”
Willig ließ sich Lao-Tse neben dem Greis auf dem Sessel nieder. Leiser Gesang umtobte sie. Er kam nicht von Männerstimmen, herrlich weich klangen die Töne, unirdisch in ihrer Lieblichkeit. „Hörst Du sie?” fragte Lie-Tse mit verklärtem Antlitz, das er nach oben wandte, „hörst Du sie? Sie wollen meine Seele heimgeleiten in den ewigen Garten, in dem ich hinfort als Gottes Diener weiter arbeiten darf.”
„Mein Vater!” stammelte Lao-Tse erschrocken.
Aber als er das Leuchten in den Zügen des Greises sah, verstummte er und lauschte mit ihm. Es war, als näherten sich die Klänge, danach schien heller Lichtschein. von oben herein zu brechen, der den ehrwürdigen Lama ganz umhüllte. Dann entfernten die Töne sich und nahmen den Glanz mit sich. Mit ihm aber war auch Lie-Tses Seele gegangen. Er war erlöst.
Lange stand Lao-Tse neben der entseelten Hülle dessen, der ihm Lehrer und Freund gewesen. Sein ganzes Empfinden war Dank. Dank für den, der ihn geleitet; Dank gegen Gott, der die teure Seele so gnädig hinweggenommen hatte.
Endlich löste sich der Lama und machte sich auf, andere zu rufen. Wohl war die Trauer des ganzen Klosters groß, aber sie war in edlem Ernst gehalten. Es fand sich, daß Lie-Tse alles für sein Scheiden bis ins Kleinste bestimmt und vorbereitet hatte. Er wollte wie seine Vorgänger in den Felsengräbern beigesetzt werden, die sich hinter den Gärten befanden.
Noch am gleichen Abend öffneten die Brüder das von dem Heimgegangenen bezeichnete Grab, das sich als völlig leere Höhle erwies. Sie wurde mit Blumen ausgekleidet, Schalen mit Rauchwerk wurden aufgestellt und Ölflammen brannten. Inmitten der Höhle wurde ein Gerüst errichtet, auf das man den mit wohlriechenden Salben und Binden bereiteten Leichnam legte.
Noch einmal durften alle das teure Antlitz sehen, dann breitete Lao-Tse ein seidenes Tuch darüber, während Miang-Tse den ganzen Körper mit dem Mantel verhüllte. Drei Tage blieb alles unverändert. Mehrmals am Tage sangen die Männerchöre ernste Weisen. Die Morgen- und Abendandacht wurde am Grabe gehalten statt in den Kapellen.
Danach fand ein besonders feierlicher Gottesdienst statt, den Miang-Tse leitete, bei dem aber auch Lao-Tse sprechen sollte. Er hatte sich während dieser Tage ganz in Gebet versenkt, und es war ihm oftmals gewesen, als wandle seine Seele auf anderen Ebenen. Als er nun vor die Andächtigen trat, um zu ihnen zu reden, da erfüllte sich seine Seele mit überirdischen Gedanken.
Er war nur noch Werkzeug für das, was ein anderer durch ihn künden wollte.
„Ihr Brüder, höret!” begann er, und seine Stimme tönte weit hinaus über alle Versammelten hin. „Lie-Tse ist aufgestiegen in Höhen, davon sich Euer Geist kein Bild machen kann. Er hat dem Hocherhabenen ohne Wanken und ohne Eigenwollen treu gedient. Dienen darf er ihm jetzt auch in den ewigen Gärten, wo alles Wollen sofort zur Erfüllung wird. Er sieht nun den, der uns gesendet, daß wir der ins Dunkel sich wendenden Welt das Licht Gottes bringen, er sieht ihn und betet ihn an. Wir aber sollen ihm nachstreben, damit wir einst wie er emporgehoben werden.
Herrlich sind die ewigen Gärten, in denen selige Wesen sich ergehen, beglückte Geister im Dienste Gottes geschäftig sind. Auf lich-
ten Stufen steigen sie empor zum Wohnsitz des Hocherhabenen. Von ferne sehen sie diesen lichten Ort, aber sie können ihn nicht erreichen; denn niemand vermag sich dem Hocherhabenen zu nahen Trotzdem erfüllt sie hohe Freude; sie wollen nichts anderes, als im Kreise gleicher Wesen zu dienen, zu loben und anzubeten. Frei und leicht bewegt sich Lie-Tses Seele zwischen den anderen. Ihr wurde der Lohn für ihre Treue.
Entsetzliches aber erwartet den, der von Gott weiß und tut nicht nach seinen Befehlen, wie den, der matt und lässig wird in seiner Arbeit. Brüder, lasset nicht nach, Gott zu dienen, das Wohl des ganzen Volkes hängt an Eurer Treue. Von Euch wird Gott einst die Seelen dieser Menschen fordern. Sorget, daß nicht durch Euer Verschulden eine davon verloren gehe!”
Unter feierlichen Gesängen wurde das Grab vermauert. Später sollte ein schöner Stein davor gestellt werden, wie ein solcher schon vor etlichen Grabkammern stand.
Am folgenden Tage brach Lao-Tse auf, um an den Kaiserhof zurückzukehren. Der Abschied von den Brüdern war herzlich, sie hätten ihn am liebsten für immer festgehalten, fühlten sie doch den großen Geist, der aus ihm sprach. Aber sie verstanden, daß seine Pflichten bei seinem eigenen Volk lagen, und wußten, daß sie ihn jederzeit erreichen konnten. Das mußte ihnen genügen. Nach viel kürzerer Zeit, als der Kaiser erwartet, traf sein Ratgeber wieder bei ihm ein. Aber Hou-Tschou, der ihn schwer entbehrt hatte, war es keinen Tag zu früh. Große Pläne hatte der Herrscher inzwischen erwogen: er wollte einige der Göttertempel schließen lassen und dafür andere erbauen, in denen der Hocherhabene angebetet werden sollte. Allmählich wurde es Zeit, daß das Volk zum rechten Glauben geführt wurde! Hou-Tschou konnte es kaum erwarten, bis er diese Pläne würde ausführen können.
Ohne seinen Ratgeber aber wollte er nichts unternehmen. Nun war Lao-Tse wieder eingetroffen, und schon in den ersten Stunden des Beisammenseins sprach ihm der Kaiser von dem, was sein Herz bewegte.
Ganz leise fürchtete er, der Lama werde ihm das Vorgehen ausreden wollen. Wie freute er sich, als Lao-Tse völlig einverstanden war und auf raschen Beginn der Bauten drang.
Das war Arbeit für die nächsten Monate, in die die Freunde sich gern und eifrig vertieften. Daneben begann der Unterricht des kleinen Prinzen, der ein sehr gewecktes Kind war. Willig ließ Han sich in allem unterweisen, vor allem aber liebte er die Stunden des Tages, an denen sein Lehrer ihm von Gott und Gottes Geboten kündete. „Warum glauben in unserm Volk noch so viele an falsche Götter?” fragte er oftmals. „Wenn ich einmal Kaiser sein werde, dann lasse ich alle Untertanen töten, die nicht zu dem Hocherhabenen beten.” Nur schwer konnte Lao-Tse ihn von der Unrichtigkeit dieses Vorsatzes überzeugen. Er dachte wie seine Vorfahren:
„Was ist ein Menschenleben? Ist es mir und meinem Vorhaben im Wege, so muß es beseitigt werden.”
Aber Lao-Tses unermüdlicher Geduld gelang es, dieses falsche Denken auszurotten und das viele Gute, das in Hans Seele schlummerte, zum Leben zu erwecken.
Schon fing das Leben um Lao-Tse an, in ruhigere Bahnen einzulenken, so daß der Weise sich fragte, ob er auch wirklich alle Aufgaben erfülle, da wurde er unsanft gerüttelt.
Die einstige Spaltung, die vom Hofe ausgehend die Großen im Reiche in zwei Lager geteilt hatte, war nur scheinbar überbrückt. Zunächst hatten alle sich vor der Tatsache gebeugt, daß der Lama mit einer bisher noch nie dagewesenen Würde bekleidet worden war. Unangreifbar erschien er dadurch auch seinen Feinden. Als er aber nun so selbstverständlich friedevoll neben dem Kaiser dahinlebte, mit Rat eingreifend und stützend, da hob die Feindschaft in den Seelen der Menschen ihre unzähligen Häupter. Was nicht ans Tageslicht hatte treten können, das hatte im Geheimen um so mehr gewühlt. Es bedurfte nur einer kräftigen Hand, um alle diese gefährlichen Funken zum verderbenbringenden Brande aufflammen zu lassen. Und diese Hand fand sich.
Moru-Tan, einer der vornehmsten Mandarinen, der Anspruch zu haben glaubte, unter des Kaisers allernächsten Ratgebern die einflußreichste Stelle zu bekleiden, war durch die Bevorzugung Lao-Tses schwer beleidigt.
Nachdem er alles versucht hatte, sich mit List vorzudrängen, nachdem ihm jeder geheime Plan mißglückt war, fand er Tag und
Nacht keine Ruhe mehr. Er begann, sich nach Bundesgenossen umzusehen.
Äußerst vorsichtig ging er zu Werke. Es war aber nur schwierig, bis er die ersten Drei oder Vier entdeckt hatte, danach brachten diese ihm immer neue Anhänger zu, so daß er bald eine große geheime Gefolgschaft hatte.
Noch wußte niemand Zweck und Ziel dieser Verbindung. Unklar ahnten alle, daß es auf den Sturz Lao-Tses abgesehen war, und der war ihnen allen wichtig. Die einen ärgerten sich, daß er sich von ihnen völlig zurückgezogen hatte und mit niemand verkehrte, die anderen neideten ihm das Vertrauen des Kaisers, wieder andere aber waren empört, daß er die alten Götter entrechtete. Ganz Kiang-ning schien wie untergraben von diesem geheimen Bund, der sich bereits auf andere große Städte auszudehnen begann. Es wurde Zeit, daß Moru-Tan ihn planmäßig ausgestaltete. Zu diesem Zweck ließ er die erreichbaren Mitglieder auf einen bestimmten Abend zusammenrufen. Er besaß weit draussen vor Kiang-ning ein Landhaus, das geräumig erbaut, früher immer bewohnt gewesen war. Dort aber war vor mehreren Jahrzehnten ein grausamer, unaufgeklärter Massenmord begangen worden, den abergläubische Priester den Dämonen zuschrieben. Seitdem verfiel das Gebäude, es wurde von allen gemieden. Dorthin berief Moru-Tan die Seinen. Zur festgesetzten Stunde betrat er den notdürftig hergerichteten Saal und fand ihn angefüllt mit Männern jeden Standes und Alters. Es war eine unheimliche Menge. Die Luft war erfüllt von Gerüchen mannigfacher Art, atemraubend schlug sie dem Eintretenden entgegen. Angsterzeugte Dämonen umflatterten die Häupter der Anwesenden, von wenigen gesehen, von allen gefühlt.
Moru-Tan mußte allen Mut zusammennehmen, alle Gedanken des Hasses in sich lebendig machen, um an den für ihn bestimmten, etwas erhöhten Platz zu gehen. Danach aber sprach er zu den Leuten, und im Reden wuchs seine Beredsamkeit. Wie von fremder unheimlicher Macht wurde er hingerissen.
Er schilderte, wieviel Unheil für das Volk aus dem neuen Glauben entstehen könne. Er bewies, daß der Landfremde fremd sei in ihren Sitten und Gewohnheiten. Neues könne man nicht aufpflanzen, so wie der Kaiser und sein Ratgeber es wollten. Neues könne nur aus dem Willen des ganzen Volkes heraus entstehen.
Seine Worte begeisterten die Hörer. Als er schloß, fragten sie ihn, was er zu tun vorschlage. Er erwiderte, daß er das in der nächsten Versammlung sagen werde, für heute sollten sie heimgehen und das Gehörte überdenken. Das war aber nicht nach ihrem Willen. Rufe wurden laut:
„Lao-Tse soll nach Tibet zurückkehren!” - „Der Kaiser wird ihn nicht von sich lassen!” - „So muß der Kaiser die Regierung niederlegen!”
Dieser letzte Ruf pflanzte sich von Mund zu Mund fort, wie ein einmal ins Rollen gekommener Ball. Alle Rufe Moru-Tans waren fruchtlos. Was er entfesselt hatte, konnte er nicht wieder eindämmen.
Das aber hatte er nicht gewollt! Dem Kaiser sollte kein Leid geschehen, er sollte nur ihn als Ratgeber annehmen. Er hatte nur Lao-Tses Sturz, noch lieber seinen Tod gewollt.
Um aber Ruhe in die Masse zu bringen, zeigte er sich ihrem Rufen willfährig. Er versprach, auf Mittel und Wege zu sinnen, um den Kaiser zu stürzen. Sie aber sollten nichts unternehmen, damit der geheime Bund nicht vorzeitig entdeckt werde. Das mußten sie versprechen. Danach gingen sie auseinander, froh, dem unheimlichen Orte den Rücken wenden zu können. Moru-Tan aber bestieg eilends seinen Tragsessel, sorgenbeladen und von Angst gepeitscht. Er kannte nur den kleinsten Teil seiner Anhänger. Würde er sich auf diese erregte Menge verlassen können? Wenn aber der Kaiser vorzeitig von den Plänen erfuhr, so war die seidene Schnur sein Lohn. Er selbst würde seinem Leben auf diese schmachvolle Weise ein Ende machen müssen.
Während dieses alles weit draußen vor sich ging, war Lao-Tse allein in seinem Gemach mit der Entzifferung einiger Schriften beschäftigt, die er kürzlich aufgestöbert hatte. Aber während sein Verstand sich mühte, Sinn in die krausen Zeichen zu bringen, ging seine Seele andere Wege. Es war ihm, als würde sie an der Hand genommen, um an einen anderen Ort geführt zu werden. Er sah sich selbst an dem großen mit Schriften bedeckten Tisch, sah, wie sein Haupt sank und der verlassene Körper in Schlummer verfiel. Er aber schwebte aus Kiang-ning hinaus und wurde in das verlassene Landhaus geführt. Alle Besucher sah er eintreten. Viele kannte er, andere Gesichter prägten sich ihm ein. Und dann war er Zeuge dessen, was da vor sich ging.
Weder Unruhe noch Empörung erregten seine Seele. Sie nahm nur auf, was sie wissen mußte, um Unheil im Lande zu verhüten. Sie wußte sich geborgen in Gottes Führung, wußte, daß das, was sie jetzt erlebte, gerade in dem Miterleben von Gott gewollt war. So würde sie auch erfahren, was Lao-Tse weiter zu tun habe. Die gleiche Ruhe erfüllte den Lama, als die Seele wieder in ihren Körper zurückgekehrt war. Er dankte Gott und bat ihn um weitere Erleuchtung. Dem Kaiser aber beschloß er vorerst nichts zu sagen. Am folgenden Tage besuchte ihn Moru-Tan. Das war noch nie vorgekommen, und Lao-Tse war gespannt, welches Anliegen den Mandarin zu ihm führte. Daß es nur ein Vorwand sein konnte, war ihm sofort klar.
Der Besucher erschöpfte sich in Ehrfurchtsbezeugungen weit über das Maß der sonst gebräuchlichen Zeremonien hinaus, dann begann er:
„Erhabener Vater. Es drängt mich, den neuen Glauben, den Du lehrst, nicht nur mit den Lippen zu bekennen, sondern ihn in meine Seele aufzunehmen. Ich komme, Dich zu bitten, daß Du mich nebst sechs gleichgesinnten Freunden als Deine Schüler aufnehmen und uns unterweisen mögest.”
Sinnend ruhten die Blicke Lao-Tses auf dem Bittenden. Es schien ihm, als habe nur sein äußeres Ohr die Worte gehört, während das innere ganz anderes vernahm. Er wußte, daß der Mandarin diese Verbindung mit ihm suchte, um ihn in Sicherheit zu wiegen, um über alle seine Schritte unterrichtet zu sein und schließlich, um Gelegenheit zu bekommen, ihn zu beseitigen.
Das war bei einem Manne von Moru-Tans Gesinnung so natürlich, daß der Lama darüber nicht staunte. Schwer aber wurde es ihm, nicht hierauf, sondern auf die äußerlich gehörte Bitte antworten zu müssen. So bedurfte er einiger Augenblicke, bis seine Antwort bereit war, dann sagte er: „Eure Bitte ehrt mich, Moru-Tan. Sie ehrt auch Dich, sofern sie wirklich dem Wunsche nach Gotteswissen entsprungen ist. Ist sie dies, so darf ich sie erfüllen. . .”
Der Besucher wollte ihn unterbrechen mit Beteuerungen, doch Lao-Tse ließ es nicht zu
„Nein, Moru-Tan, darauf darfst Du mir jetzt nicht antworten. Halte Zwiesprache mit Deiner Seele, und wenn Du dann sicher bist, daß sie es ist, die Dich zu mir treibt, dann komme wieder am ersten Tage nach dem nächsten Vollmond.”
Mit Bedacht hat Lao-Tse diesen Tag gewählt, da in der Vollmondnacht die nächste Zusammenkunft des geheimen Bundes stattfinden sollte.
So rasch wollte Moru-Tan sich aber nicht zufrieden geben. Er bat, Lao-Tse möge jetzt schon überzeugt sein von seinen ehrlichen. Absichten. Er könne sich gar nicht vorstellen, welche anderen Gründe einen Menschen zu solcher Bitte veranlassen könnten. „Weißt Du das wirklich nicht?” fragte Lao-Tse gleichmütig. Diese Gelassenheit hatte etwas Aufreizendes für den Mandarin. Er versuchte nochmals, in den Lama zu dringen, doch dieser erwiderte mit der gleichen unpersönlichen Freundlichkeit, daß er bei dem bleiben müsse, was er einmal gesagt habe.
Unsicher geworden verließ ihn der Besucher. Noch am gleichen Tage ließ sich ein Händler bei ihm melden, der schöne Gegenstände tibetanischer Arbeit zum Verkauf zeigen wollte. Wuti bekam Auftrag, sie anzusehen. Er war ganz entzückt von der Schönheit der Schalen, Vasen und Kästchen. Trotzdem hatte Lao-Tse keine Lust, sich die Dinge anzuschauen. Erst als er hörte, daß der Händler sehr arm sei, ließ er sich bewegen.
Der Mann, der nun das Gemach betrat, war ihm sofort bekannt, es war einer der nächtlichen Verschwörer. Lao-Tse wußte, daß er auf der Hut sein müsse.
Absichtlich berührte er nichts von den angebotenen Gegenständen, so sehr der Händler ihn auch dazu drängte. Schließlich kaufte er einiges, um den Mann los zu werden.
Da zog dieser eine kleine Phiole unter dem Gewand hervor, die kunstvoll mit Gold bemalt war und eine Flüssigkeit wie Wasser enthielt.
„Dieses kostbare kleine Gefäß will ich dem Wohltäter der Armen schenken”, sagte er geschmeidig. „Es enthält einen herrlichen Wohlgeruch, der Deine Sinne erfreuen wird. Du mußt sofort daran riechen, um mir zu sagen, ob dieser Geruch Dir angenehm ist, oder ob ich ihn mit einem anderen vertauschen soll.”
Mit diesen Worten lockerte er den Stöpsel des Fläschchens und schob es Lao-Tse zu. Dieser aber trat einen Schritt zurück und sagte:
„Es genügt, wenn Du daran riechst! Ich werde dann sofort wissen, wie die Flüssigkeit beschaffen ist!”
Der Händler weigerte sich ungeschickt. Er behauptete, für seine Nase sei der Duft zu kostbar. Das fiel Wuti und Lai auf, die anwesend waren, und Lai trat barsch auf den Mann zu.
„Es gibt keine Weigerung, wenn der Lama etwas anordnet”, sagte er, ergriff die Hand des Mannes, die das Fläschchen hielt, und führte sie zu dessen Nase.
Dabei fiel der gelockerte Stöpsel zu Boden. Ein böser Geruch verbreitete sich, so daß Lai sich beeilte, die Flasche wieder zu schließen. Er konnte sie gerade noch rechtzeitig ergreifen, ehe der Händler entseelt zu Boden fiel. Wuti und Lai waren tief erschüttert. Das war ein Anschlag auf das Leben des Lamas gewesen!
Besonders Wuti konnte kein Ende finden mit Selbstanklagen, war er es doch gewesen, der dem Händler wider Willen des Weisen Zutritt verschafft hatte. Lao-Tse selber blieb ruhig wie bisher. „Bringt die Leiche fort”, forderte er, und auf die Frage, wohin sie den Mann und seine Sachen schaffen sollten, erwiderte er ohne Zögern „Lasset sie nebst allen Sachen zu Moru-Tan tragen. Er wird wissen, was weiter zu geschehen hat.”
Warum gerade der Mandarin dazu ausersehen war, konnten die Beiden nicht verstehen, aber sie waren an unbedingten Gehorsam gewöhnt, wußten sie doch, daß alles, was Lao-Tse anordnete, in Übereinstimmung mit den göttlichen Gesetzen geschah. Sie folgten auch diesem Befehl, erwarteten aber, daß Moru-Tan voller Entrüstung anfragen werde, was er mit dem Toten zu tun habe. Aber keine Anfrage erfolgte. Das gab ihnen zu denken.
Der Mandarin aber war zu Tode erschrocken, als der Tote zu ihm gebracht wurde, und er in demselben einen seiner Freunde erkannte. Wenn nicht einmal sein Vertrauter den Zeitpunkt hatte abwarten können, was sollte er an den andern noch erleben? Angst und Unruhe waren seine ständigen Begleiter.
Indessen vergingen die Tage äußerlich ruhig wie immer. Lao-Tse hatte nichts an seiner gewöhnlichen Lebensweise geändert. Alle Morgen hielt er Andacht im neuerbauten Tempel, mehrmals in der Woche besuchte er die Gebetstätte der Tibetaner im Armenviertel. Bei einem dieser Besuche drängte sich ein Mann in seine Nähe. Der Lama durchschaute ihn und sagte mit deutlich vernehmbarer Stimme:
„Mein Freund, gib den Dolch, den Du trägst, meinem Diener. Noch ist es nicht Zeit, mich zu ermorden.”
Der Mann war so erschrocken, daß er wirklich die Hand aus dem Gewand zog und die krumme, scharfe Waffe Lai aushändigte. Die Menge wollte sich auf ihn stürzen, aber Lao-Tse schützte ihn: „Er handelte im Auftrag eines anderen, lasset ihn laufen. Du aber, mein Freund, sage diesem anderen, daß es töricht ist, sich an Lao-Tse vergreifen zu wollen, solange Gott ihn schützt.”
Wie der Wind war der Mann verschwunden, aber seine Botschaft hat er bestellt.
Nun ergriff noch ärgere Angst Moru-Tans dunkle Seele. Er hätte so gern den Zeitpunkt der nächsten Zusammenkunft ver-schoben, aber das war unmöglich. Zu viele wußten davon, die nicht zu erreichen waren. Und wenn er der Versammlung fernblieb? So würden sie ohne ihn etwas Törichtes beschließen und, falls sie entdeckt würden, ihn ganz gewiß nicht schonen. Er mußte weiterführen, was er selber begonnen.
Seine Unruhe trieb ihn in einen der wenigen noch geöffneten Göttertempel Mit reichen Opfern wollte er sich Ruhe erkaufen. Aber mitten im Tempel begegnete ihm ein Dämon von einer Scheußlichkeit, wie er noch niemals einen gesehen. Er erschrak gewaltig, dann aber schien es ihm, als sei es eine günstige Gelegenheit, Lao-Tse zu schaden. Der Mandarin ließ sich beim Kaiser melden und beklagte sich, daß trotz Lao-Tses Anwesenheit in Kiang-ning immer noch Dämonen ihr fürchterliches Wesen treiben könnten. Der Herrscher ließ sich schildern, wo und wie Moru-Tan einen solchen geschaut. Danach fragte er:
„Warum hattest Du Angst, Moru-Tan?”
Der Befragte erschrak gewaltig, schluckte einige Male, als wenn ihm das Reden schwer falle, danach antwortete er:
„Warum sollte ich Angst gehabt haben? Es gibt nichts, das mir solche einflößen könnte.”
Diese Rede klang aber ziemlich kläglich.
„Und doch mußt Du Dich gefürchtet haben, Moru-Tan”, beharrte Hou-Tschou. „Nur Angst erzeugt Dämonen.”
„So. muß ein anderer sich geängstigt haben”, behauptete Moru-Tan. „Es war dann ein Dämon, den jemand anders erzeugt hat. So wird es auch sein, denn der Dämon tat mir nichts. Ich konnte ungehindert den Tempel verlassen.”
Der Kaiser seufzte. Immer noch diese Dämonenfurcht! Wenn er selbst einmal ganz genau wissen würde, wie der Zusammenhang war, dann würde er auch besser dagegen auftreten können. Aber jetzt mußte er reden, um Moru-Tan abzuweisen. Was. sollte er nur noch sagen?
Da trat Lao-Tse ein. Ohne zu fragen, um was es sich hier handle, und ohne vom Kaiser aufgefordert zu sein, wandte er sich an Moru-Tan und sagte freundlich:
„Wende Dich um und schaue.”
Fast wider Willen tat der Mandarin, wie ihm befohlen, und auch der Kaiser schaute in die Richtung, in die Lao-Tses Finger deutete, Da wuchs aus der dunklen Zimmerecke ein gewaltiger Unhold hervor. Zottig sah er aus, wiewohl er in reicher Mandarinenkleidung zu stecken schien. Er schwankte langsam hin und her, jetzt begann er unheimlich zu grinsen und bewegte sich auf Moru-Tan zu. „Lao-Tse, würdiger Vater, rette mich!” flehte dieser, sinnlos vor Angst. Gespannt schaute und lauschte Hou-Tschou.
„Wer hat diesen Dämon erzeugt?” fragte der Lama, wider Willen ein wenig lächelnd. „Ich betrete eben erst das Gemach, unsern höchsten Herrscher wirst Du doch nicht feiger Angst zeihen wollen. Wer bleibt da übrig, Moru-Tan?”
Näher und näher kam das Gebilde auf den Mandarin zu, der vor Grauen mit den Zähnen klapperte.
„Gib die sinnlose Angst auf”, forderte Lao-Tse, „und der Dämon wird vergehen.”
„Ich habe keine Angst mehr”, log der Zitternde.
Da geschah etwas, was Lao-Tse noch niemals gesehen hatte. Aus der Ecke löste sich ein zweiter Dämon, der sich dem ersten gesellte.
Er schien ihn niederringen zu wollen, dann plötzlich wandte auch er sich gegen den Mandarin, den Urheber dieser Schrecken. Gespannt schaute nun auch Lao-Tse und vergaß ganz des bebenden Menschen. Dieser aber begann entsetzlich zu schreien. Noch nie war solches in des Kaisers Gegenwart geschehen, aber jetzt hatte der Mann alle Selbstbeherrschung verloren. Er warf sich zu Boden und zog eine der dicken Matten über den Kopf.
Sofort stellten die Gebilde sich darüber, ihm die Luft raubend. Da befahl ihnen Lao-Tse, daß sie von ihrem Opfer ablassen sollten. Als Moru-Tan die gebietende Stimme hörte, wuchs ihm wieder etwas Mut, und in gleichem Maße verblaßten die Unholde. Der Kaiser war Zeuge, wie sie langsam zurückwichen, ihre Farben verloren und sich danach in Nebel aufzulösen schienen. Zu gleicher Zeit raffte Moru-Tan sich vom Boden auf und verließ geduckt und beschämt das Gemach.
Lao-Tse schritt zum Fenster und öffnete es. Andere Luft sollte aus den Gärten hereinströmen, aber es widerstrebte ihm, in diesem Augenblick einen Diener kommen zu lassen. Er mußte mit dem Kaiser allein sein. Er wußte: jetzt hatte es Hou-Tschou gepackt. Dieser saß noch ganz benommen von dem eben Erlebten. Dann fing er langsam an zu fragen:
„Also war es doch Angst, die den Dämon entstehen ließ? Ich sagte nur so, weil ich es so von Dir gehört, mein Freund, aber ich glaubte nicht an meine eigenen Worte.”
„Darum nützten sie auch nichts. Man muß alles, was man sagt, in sich erleben, sonst ist es wertlos und bliebe besser ungesagt.” „Wie kamst Du nur so im rechten Augenblick zu mir?” fragte Hou-Tschou weiter. „Und wie konntest Du wissen, was wir gesprochen hatten?”
„Ich sah Euch von meinem Arbeitsplatz aus, o Kaiser”, gab Lao-Tse so selbstverständlich zurück, als sei ein solches Schauen aus ei-nem anderen Teil des Palastes etwas ganz Alltägliches. Der Kaiser starrte ihn an. Daß der Lama über besondere Kräfte verfügte, das hatte er schon mehrmals erfahren, aber dieses Wissen grenzte ans Übernatürliche.
Lao-Tse aber begann, langsam im Gemach auf- und abschreitend, dem Kaiser zu erklären, daß Lama-Sein nicht nur eine äußerliche
Würde sei, sondern daß damit auch göttliche Gnadengaben verbunden seien. Eine derselben sei das Schauen wichtiger Vorgänge, die sich ganz entfernt abspielen könnten.
Es dauerte geraume Zeit, bis der Kaiser verstanden hatte, dann aber wandelte seine Freundschaft für Lao-Tse sich in so hohe Ehrfurcht, daß er meinte, nie wieder harmlos mit dem Hochbegnadeten verkehren, zu können.
„Was ist ein Kaiser im Vergleich mit Dir, o Lama?” fragte er demütig.
Dann aber wollte er wissen, welchen Grund Moru-Tan zur Angst gehabt haben könne.
„Er wandelt auf bösen Wegen”, versetzte Lao-Tse. „Sein Gewissen läßt ihm Tag und Nacht keine Ruhe, er fürchtet sich vor sich selbst. Das erklärt die Erscheinung des Dämons im Tempel. Hier aber wollte er mir schaden, und als ich gerade in diesem Augenblick Dein Gemach betrat, begann er zu zittern und das Gebilde stieg auf.”
„Es kam aber aus der Zimmerecke”, wandte der Kaiser ein. „Wenn es von ihm ausgegangen wäre, hätte es über ihm schweben müssen. Es entstand aber hinter ihm und bewegte sich auf ihn zu.” „Auch das ist leicht erklärt”, sagte Lao-Tse. „Wenn jemand in Angst ist, vergrößert jedes Dunkel die Furcht. Also entsteht der Dämon dort, wo seine Angstgefühle sich anklammern. Ist aber der Dämon einmal erzeugt, so beginnt sein Schöpfer sich vor ihm zu fürchten, und nun wandelt das Gebilde auf ihn zu.”
„Wie es auch sein mag, eins weiß ich nun sicher: daß die Dämonen Erzeugnisse des Menschen sind und vergehen müssen, sobald ein Mutiger ihnen entgegentritt”, sagte Hou-Tschou. „Ich möchte zu gern selbst einmal meine Macht an ihnen versuchen.” „Auch dazu wird sich Gelegenheit finden”, schloß Lao-Tse die Unterredung.
Der Kaiser war etwas enttäuscht. Er hatte erwartet, der Lama werde ihm diese Gelegenheit sofort schaffen. Dieser aber, der des Kaisers Gedanken fühlte, sagte:
„Es tut nicht gut, willkürlich solche Gelegenheiten herbeizuführen.” Danach schritt er zum Gemach hinaus, wie er es betreten hatte. Es machte den Eindruck, als wisse er nichts davon.
Wenige Tage noch mußten vergehen, ehe der Mond die volle Scheibe zeigte. Lao-Tse hatte zu Gott gefleht, daß er ihm das Rechte weise, das er zu tun habe. Danach wandte er keinen Gedanken mehr an die Verschwörung. Seine Schriften nahmen sein Denken sehr in Anspruch. Es waren Niederschriften eines alten Weisen, der vor etwa zwei Jahrhunderten gelebt hatte. Sie waren es wert, der Vergessenheit entrissen zu werden.
Lao-Tse wollte sie in neuerer Sprache niederschreiben und dadurch auch andern zugänglich machen. Er freute sich über tiefgründige Sprüche wie:
„Nimmst Du den Tod nicht ernst, so wird das Leben Dich in Ernst eintauchen.
Lebst Du aber im Gedanken an den Tod, so wird das Leben Dir nichts anhaben können.
Im Gedanken an den Tod und das, was darauf folgt, wirst Du durch das Leben schreiten als einer, der es lebt, und seine Schärfe nicht fühlt.”
Über diesen Arbeiten verflossen auch die letzten Tage und die Nacht des Vollmondes zog herauf. Nicht nur mit der Seele wollte Lao-Tse diesmal an der Versammlung teilnehmen. Er hatte Gottes Befehl erhalten, daß er für die andern deutlich sichtbar in dem Landhause anwesend sein sollte. Wuti begleitete ihn. Beide hatten weite Mäntel über ihre Gewänder gezogen. Auch Wuti trug die Tracht eines Priesters zu feierlichen Gelegenheiten.
Als sie an das Tor des zerfallenden Gebäudes kamen, waren schon viele Leute versammelt. Sie traten mit anderen herein, die gleichfalls Einlaß forderten. Sorglos ließ man jeden in das Innere gehen, der herbeikam.
Drinnen in dem saalartigen Gemach, wo auch letztes Mal die Massen versammelt waren, schritt Lao-Tse auf eine kleine Erhöhung zu, die genau derjenigen gegenüber lag, auf der Moru-Tan das letztemal gestanden. Es war für den Lama weit schwerer, in dem Halbdunkel etwas mit seinen körperlichen Augen zu erkennen als am letzten Abend mit der Seele.
Aber kaum hatte er das gedacht, da erschlossen sich ihm auch noch die Seelenaugen, und scharf sah er nun alles, was im Saale und in den Menschenseelen vorging. Er sah Haß und Eifersucht,
Neid und Geringschätzung, aber auch Neugierde und Gleichgültigkeit, Begierde nach Reichtum und Ruhm, den einige erhofften. Es ekelte ihn. Unzählige Dämonen vergifteten wieder die Luft des Raumes. Aber etwas Neues sah er: an der Mauer hinter dem Platze Moru-Tans standen feine Wesenheiten, die sich mit den Steinen zu schaffen machten, aus denen die Mauer gebildet war. Es war kein Zweifel, sie lockerten überall das Gefüge. Die Balken, die die Decke trugen, waren eingeknickt und wurden von riesigen Wesenhaften gestützt.
Dergleichen hatte Lao-Tse noch nie gesehen, aber er wußte sofort, daß das Gottes wesenhafte Diener seien, von denen Lie-Tse ihm gekündet. Er schaute und staunte. Grausiges bereitete sich da vor, er durfte es nicht hindern. Er wollte auch nicht.
Nun trat eine dieser feinen Gestalten auf ihn zu und bedeutete ihm, daß er mit Wuti den Stein, auf dem sie standen, nicht verlassen dürfe. Zahllose Wesen drängten sich um ihn. Er wußte, sie warteten des Augenblicks, um ihn zu erretten.
Langsam hatte sich der Raum gefüllt, es waren noch mehr Menschen anwesend als letztes Mal. Nun kam auch Moru-Tan, prächtig gekleidet, aber schneeweiß vor Angst. Lao-Tse sah, daß er nur darauf wartete zu reden, um über dem Sprechen Mut zu bekommen. Nun war es so weit, Moru-Tan begann:
„Ihr Leute alle! Ihr seid zusammen gekommen, um Wandel zu schaffen in unserm Lande. Nicht ziemt es uns, uns unter die Faust eines Landfremden zu ducken, der seine Macht über unseren schwächlichen Kaiser ausnützt, um durch ihn unser Volk zu beherrschen. Er hat uns Kunde von einem Gott gebracht, der mächtiger sein soll, als unsere Götter, die schon unsere Ahnen anbeteten. Wer außer ihm hat je von solchem Gott gehört? Seinen Gedanken ist er entsprungen ...”
Sekundenlang konnte er nicht weiter reden. Ein jäher Donnerschlag unterbrach ihn, dumpf rollte es in der Erde. Er faßte sich, so rasch es gehen wollte.
„Hört Ihr,” rief er laut, um seine Stimme zur Festigkeit zu zwingen, „unsere Götter wehren sich gegen das Gebilde einer herrschsüchtigen Phantasie! Wir dürfen nicht dulden, daß dieser Gott in unserem Lande angebetet werde.”
„Und warum nicht?” fragte Lao-Tses klare Stimme vom andern Ende des Gemachs.
Er hatte den Mantel abgeworfen und stand da in der ganzen herrlichen Pracht seines Gewandes als oberster Lama. Es war, als ob alles Licht sich auf seinen Goldstickereien sammle, solcher Glanz ging von ihm aus.
Alle Köpfe hatten sich ihm zugedreht. Moru-Tan, der seinen Einfluß gefährdet sah, aber rief überlaut
„Hinaus, Du Verräter! Was hast Du hier zu schaffen? Wer hat Dich gebeten, heute zu kommen?”
„Der Gott, den Du leugnest, Moru-Tan”, war Lao-Tses ruhige Antwort. Danach aber wandte er sich an die Versammlung: „Ich wußte, daß Ihr heute über mich zu Gericht sitzen würdet. Das ließ mich gleichgültig. Ich wußte auch, daß Ihr Euch erkühnt, über den Kaiser zu urteilen. Das wird Euch Schaden bringen; denn er ist der beste Herrscher, den dieses Reich je besessen. Aber Ihr erfrecht Euch, in Gedanken den Hocherhabenen anzutasten: dazu kann ich nicht schweigen! Als sein Diener stehe ich hier und fordere Euch auf: verlaßt diesen Raum, ehe das Gericht über Euch ergehen wird!”
In den fernsten Winkel war die tönende Stimme gedrungen. Unbeweglich stand Lao-Tse, neben ihm Wuti. Es sah aus, als könne jeder geschleuderte Stein die beiden treffen, aber niemand wagte, einen Stein zu erheben. Bis in die Seele erschrocken waren sie alle. Einige begannen wirklich, den Saal zu verlassen. Sie standen unter dem Bann der großen Persönlichkeit. Die andern versuchten, sie zurückzuhalten. Moru-Tan wurde sinnlos vor Angst. Er kreischte und brüllte:
„Vernichtet ihn, der es wagt, mir zu trotzen. Vernichtet ihn, auf daß sein Gott uns nicht vernichte!”
Was waren das für Worte? Die Hörer begriffen sie nicht. Glaubte er nun doch an den Gott, den er eben als so ohnmächtig geschildert?
In die Verwirrung hinein tönte abermals Lao-Tses ruhige Stimme und aller Lärm verstummte:
„Menschen! Gott ist über Euch! Er, der Hocherhabene, duldet nicht, daß seine Kreaturen sich in Gedanken über ihn erheben. Er will ein Ende machen mit Abgötterei und Irrglauben. Lasset Euch von ihm künden. Alle Tage will ich es tun im Tempel. Lasset Euch weisen! Aber jetzt verlasset den Raum, ehe das
Gericht über Euch hereinbricht.”
Diesmal schnitt hallender Donner ihm die Rede ab, und die Erde grollte und bebte vernehmlich. Große Angst bemächtigte sich aller. Sie schrieen und tobten. Und über allen Lärm erhob Moru-Tan abermals seine Stimme und brüllte:
„Ich fluche Dir und Deinem unsichtbaren Gott!”
Da wankte die Erde, die Wesenhaften stießen an die Träger und an die Mauern, Blitze zuckten und langanhaltendes Donnerrollen übertönte die Todesschreie der zermalmten Menschen. Lao-Tse und Wuti aber wurden von den sie umringenden Wesen ohne Schaden ins Freie gedrängt.
Tief erschüttert schritten sie der Stadt zu. Wuti war wie betäubt, während Lao-Tse dem Wirken von Gottes Allmacht nachsann. Als sie sich den Häusern näherten, merkten sie, daß auch hier das Erdbeben nicht spurlos vorbeigegangen war. Manches stattliche Gebäude lag in Trümmern. Im Armenviertel, durch das ihr Weg führte, bildeten ganze Straßenzüge einen einzigen Schutthaufen. Überall Verwüstung und Jammer, irrende, erregte Menschen und Verwundete, die sich vergebens nach Pflege umsahen. Wo Lao-Tse auf einen Verstümmelten oder Verletzten traf, trat er zu ihm und verband ihn, so gut er es vermochte. War kein Stoff dafür zu finden, so zerriß er seine und Wutis Unterkleidung. Er tat es alles mit gelassener Selbstverständlichkeit, als sei er nur zu diesem Zwecke hierher gekommen, und nicht, als habe er soeben dem grauenvollsten aller Schauspiele beigewohnt.
Nachdrücklich wies er auch Wuti an, ihm zu helfen, so daß dieser aus seiner Erstarrung geweckt wurde. Dann aber wurde es ihm klar, welcher großen Gefahr Lao-Tse soeben entronnen und wie der Einsturz des alten Gebäudes eine schlimme Verschwörung beendet habe.
Als der Lama keine dringende Arbeit mehr fand, zog bereits die Sonne ihre Bahn. Er machte sich auf den Weg zum Palast. „Wie werden wir den finden?” jammerte Wuti. „Er ist ein so hohes Gebäude, daß er gewiß am allermeisten Schaden genommen hat.”
„Ich glaube nicht, daß auch nur ein Stein verschoben wurde”, war Lao-Tses zuversichtliche Antwort. „Was wir heute Nacht erlebten, war ein Strafgericht. Ein solches aber hatte Hou-Tschou nicht nötig.”
Es erwies sich, daß der Weise richtig gesprochen hatte. Der Palast und der Tempel Gottes waren unversehrt, aber viele andere Paläste hatten großen Schaden gelitten. Am schlimmsten sah es um Moru-Tans Behausung aus. Der ganze stattliche Palast war ein Trümmerhaufen, nur wenige Diener hatten sich retten können und berichteten klagend, daß ihr Herr unter dem Schutt begraben liegen müsse. Langsam ging Lao-Tse zwischen den Palästen umher und fand die Bestätigung dessen, was er erwartet: die Heime aller derer, die an der Verschwörung beteiligt gewesen waren und die nun draußen unter den Steinen erschlagen lagen, waren so zerstört, daß niemand sagen konnte, wer bei dem Einsturz ums Leben gekommen war. „So will Gott, daß die Verschwörung verborgen bleiben soll”, sann Lao-Tse. „Wunderbar hat er alle Spuren getilgt. Dort draußen wird niemand nach den Hunderten fehlender Männer suchen. Jeder nimmt an, daß sie in ihren Häusern starben. So werde auch ich nicht darüber sprechen. Es ist für Hou-Tschou besser so.” Auf Wuti konnte er sich verlassen, nachdem er ihm die Not-wendigkeit des Schweigens klargemacht hatte.
Früh suchte er den Kaiser auf, um sich von ihm von der Schrekkensnacht erzählen zu lassen. Hou-Tschou war so erfüllt von all den verschiedenartigen Eindrücken, daß es ihm gar nicht auffiel, daß sein Ratgeber nichts darüber zu sagen hatte. Es waren schon zahlreiche Meldungen gekommen über vermißte Mandarinen, Lao-Tse nannte noch einige Namen solcher, die er draußen im Landhause gesehen hatte. Im Laufe des Tages wurden auch diese als vermißt gemeldet.
Sehr schlimm hatte das Erdbeben auch in dem größten der noch geöffneten Göttertempel gewütet. Es war der, in dem Moru-Tan seine letzte Andacht gehalten hatte. Die Götterbilder waren umgestürzt, zerschlagen und zerstört worden und hatten im Fall noch viel Schaden angerichtet, sogar den Hauptpriester erschlagen. „Laß es uns als Zeichen nehmen, noch eifriger als seither an den Bauten der Gottestempel arbeiten zu lassen”, schlug Lao- Tse vor, der das Empfinden hatte, es müsse noch mehr geschehen, um einer ähnlichen Verschwörung vorzubeugen.
Der Kaiser stimmte bei, wenn er auch des Lamas Beweggrund nicht kannte. Er benützte die Gelegenheit, um in allen Straßen einen Aufruf verlesen zu lassen, daß das Erdbeben ein Gericht Gottes gewesen sei, dem mit den Schuldigen auch viele Unschuldige hätten zum Opfer fallen müssen. Er hatte Lao-Tse nicht befragt wegen des Wortlautes, der ihm vortrefflich schien.
Der Lama aber war nicht zufrieden. Er stellte ihm vor, daß er sich damit ein Urteil über Gottes Handeln angemaßt habe: Gott sei die Gerechtigkeit, es sei nicht möglich, daß Unschuldige im Wüten der Elemente umkommen könnten, ohne daß Gott es aus irgendeinem Grunde so bestimmt habe.
„Ich kann mir aber nicht denken, womit Leute wie Moru-Tan und seine Freunde Gottes Strafe verdient haben können”, sagte der Kaiser nachdenklich.
Gern hätte der Lama ihm die richtige Antwort darauf gegeben, aber irgend etwas mahnte ihn innerlich, daß noch nicht die Zeit gekommen sei, von der Verschwörung zu reden. Er schwieg. In den nächsten Tagen liefen auch aus den Städten der Umgegend Berichte über das Naturereignis ein. War es auch nirgends so schlimm gewesen wie in Kiang-ning, so hatten doch alle Orte, aus denen Leute zur Versammlung gekommen waren, erheblichen Schaden zu beklagen.
Überall gab es Arbeit genug mit dem Beseitigen der Trümmer, dem Ausgraben der Toten und dem Neuaufbau des Gestürzten. Die zahlreichen Leichen schaffte man ans Flußufer und verbrannte sie dort miteinander. Was man fand, war so verstümmelt und entstellt, daß sich von niemand sagen ließ, wer er einst gewesen, so legte man auch niemand in eine Felsenhöhle, wie man es sonst wohl mit Vornehmen getan hatte.
Mit diesen Arbeiten hatte Lao-Tse nichts zu tun. Er saß wieder eifrig über seinen Schriften, entzifferte, übersetzte und vertiefte sich in die alte Weisheit, die er da ausgrub.
Und eines Tages trat seine Seele wieder ganz bewußt eine weite Fahrt an. In ein Kloster fühlte er sich versetzt, das er nicht kannte, dessen Namen er aber sofort erfuhr. Es war eines der in der Ebene gelegenen Klöster, um die Lie-Tse schon gebangt hatte. In einem großen Saale traf er die Lamas dieses Klosters, aber nicht zur Andacht waren sie versammelt. Sie berieten einen Vorschlag, den ihnen der Oberlama unterbreitet hatte. Es war ein jüngerer, heftiger Mann, der mit großem Nachdruck seine Ansicht verfocht. Lao-Tses Seele erbebte, als sie erfuhr, um was es sich handelte. Der Oberlama, Wi-Fu-Yang mit Namen, fand es an der Zeit, daß die Klöster sich frei machten von der Oberhoheit des Bergklosters. Sie wollten Miang-Tse mitteilen, daß sie meinten, genau das gleiche Recht zu haben, sich selbst zu regieren und eigene Regeln für sich aufzustellen. Sie hätten keine Lust mehr, so abgeschlossen von der Welt zu leben.
Man könne Gott erst recht dienen, wenn man Verkehr mit Andersgläubigen hätte, die man zum wahren Glauben bekehren könne. Außerdem wolle dieses Kloster die zeit- und kraftraubende Schule abschaffen. Es wollte sich dem eigenen Studium und allerhand Künsten widmen und darin bahnbrechend vorangehen. Überhaupt sei Tibet noch viel zu weit zurück. Man müsse die Fortschritte, deren sich andere erfreuten, sich zu eigen machen. Man solle Mönche in das Reich der Mitte entsenden, um dort zu lernen. Nicht alle Brüder waren der Meinung ihres Oberhauptes. Die Älteren waren ausnahmslos dagegen, doch sie wurden überschrieen. Nun aber kamen auch jüngere zum Wort, die sich äußerten, es sei nicht gut, geheiligte Regeln gewaltsam durchbrechen zu wollen. Der Streit der Meinungen tobte hin und her.
Da merkte Lao-Tses Seele, daß einer der älteren Brüder sie sehen konnte. Nun begab sie sich zu ihm und hielt Zwiesprache mit seiner Seele. Der Bruder, Ra-Tschou, erbebte vor Freude über das, was er erleben durfte. Er sah den Obersten aller Lamas! Er hörte ihn reden! Und nun beauftragte Lao-Tse ihn auch noch, den Brüdern zu sagen, was er gehört!
In den Aufruhr der Stimmen hinein erhob Ra-Tschou die seine und es entstand Stille. Alle mußten auf ihn hören, als ob ein Befehl dazu von innen her an jede einzelne Seele ergangen sei. „Brüder, hört mich,” rief Ra-Tschou, „Lao-Tse ist mitten unter uns!”
Ausrufe des Staunens, des Zweifels wurden laut, denen solche größten Entzückens begegneten. Wieder verschaffte der Alte sich Gehör.
„Ihr müßt mich reden lassen, Brüder. Lao-Tse befiehlt es!” Nun trat lautlose Stille ein. Manche Augen suchten nach der Erscheinung, aber es war vergebens, nur Ra-Tschou war begnadet, sie wahrzunehmen. Dieser aber fuhr nun fort:
„Brüder, Lao-Tse ist erschüttert über Euer Denken. Er kann es nicht begreifen, daß tibetanische Brüder soweit von dem rechten Wege sich entfernen können. Weislich wurde der Aufbau der Bruderschaften geordnet. Gottes Wille ist darin deutlich erkennbar. Und wie in jedem einzelnen Kloster die Ringe der Brüder gefügt sind, so stehen die Klöster untereinander in innerem Zusammenhang, eines das andere stützend und fördernd.
Daß Ihr das nicht erkennt, daß Ihr es nicht mehr wißt, ist tief traurig. Trotzdem habt Ihr nicht das Recht, mit ungeschickten, ungeduldigen Fingern das lösen zu wollen, was Gott hat binden lassen. Wer aus dem festen Gefüge heraustritt, sei es ein Einzelner, sei es ein ganzes Kloster, der tritt damit aus der Gemeinschaft mit Gott und fällt dem Dunkel anheim. Lie-Tse, Euer heimgegangener Meister, bangte für Euch, darum hat er nach Gottes Willen mich über Euch alle gesetzt, damit ich Euch zusammenhalte.
Gehet Ihr zu den Ungläubigen, so werdet Ihr Euch beflecken und Schaden davontragen an Euren Seelen. Wer in den Ruß der Laternen faßt, bekommt schwarze Hände. Hütet Euch vor diesen schwarzen Händen, Brüder!
Ich, Lao-Tse, bin in der Stunde der Gefahr zu Euch gesendet worden. Ihr sehet dadurch, wie Gott Euch führt! Ich bin bei Euch und verlange, daß Ihr jetzt abstimmt darüber, wer im Kloster nach den alten Regeln gern und freudig bleiben will, und wer es verlassen will, um in Freiheit nach eigenem Wohlgefallen zu leben. Meinet aber nicht, mich täuschen zu können. Wie meine Seele alle Eure Körper sieht, so sieht und versteht sie, was in Euren Seelen vorgeht. Nun stimmet ab!”
Die für solche Zwecke vorgesehenen Brüder machten sich an die Arbeit des Stimmenzählens. Es ergab sich, daß von den zweihundertsiebenzehn Brüdern nur fünf gegen das Bleiben waren. Sie wurden von den übrigen entfernt an eine Wand des Saales gestellt. Wi-Fu-Yang, als Oberlama, hatte sich der Abstimmung enthalten dürfen.
Abermals beauftragte Lao-Tses Seele Ra-Tschou, ihr seine Stimme zu leihen, und freudig willfahrte der Alte.
„Brüder,” rief er in die Menge hinein, die lautlos lauschte, „Brüder, Ihr habt gewählt! Ich freue mich über alle, die noch im letzten Augenblick zurückgetreten sind von dem verderblichen Wege. Machet Euch mit neuem Eifer und tiefer Demut an Eure bisherigen Aufgaben und Gottes Segen wird mit Euch sein.
Wi-Fu-Yang möge zu mir kommen nach Kiang-ning. Heute in drei Monden erwarte ich ihn. Er möge morgen bei Sonnenaufgang aufbrechen. Gott selber wird ihm Führer senden, die ihn sicher geleiten.
Die fünf Brüder aber, die sich die Freiheit erwählt haben, sollen sie erhalten. Nehmet ihnen die Gewänder und kleidet sie in die Sachen, die Ihr für Bettler und Arme bereitliegen habt. Sie sollen das Kloster verlassen und sich hinfort bei keinem der Brüder mehr zeigen!”
Da erhob sich Wi-Fu-Yang und übertrug die Leitung des Klosters während seiner Abwesenheit einem der andern Lamas, der darüber wachte, daß noch in der gleichen Nacht die fünf Abtrünnigen ausgestoßen wurden. Wi-Fu-Yang aber machte sich bei Sonnenaufgang auf seine weite Reise zur Hauptstadt des Reiches der Mitte. Lao-Tse hatte nun erfahren, wie buchstäblich alles in Erfüllung ging, das Lie-Tse ihm verheißen. Er konnte teilnehmen an dem, was in Tibet vor sich ging, ohne daß er sein Amt im Kaiserpalaste verlassen mußte. Immer tiefer versank er in Anbetung des allmächtigen, ewigen Gottes.
Einige Tage später war es. Lao-Tse erging sich im Garten. Er lauschte dem Gesang eines kleinen, wunderfeinen Vogels, der ihm etwas sagen zu wollen schien. Immer die gleichen Töne waren es, die an Lao-Tses Ohr schlugen. Sie wurden immer dringlicher, aber der Lama konnte sie nicht verstehen.
„Kleiner Federbote,” sagte er freundlich, „was hast Du mir zu künden?”
Die gleichen Töne antworteten ihm, so von Süßigkeit erfüllt, daß es schien, als wolle dem kleinen Sänger die Kehle springen. „Ich verstehe Dich nicht, Vögelchen”, sagte der Lama bedauernd. „Du bist so schön und hast solch liebliche Stimme, Willst Du mir Gottes Größe durch Dich selbst kundtun?”
Die Töne brachen jäh ab, der Vogel entflog. Über den Weg eilten Diener herbei, die dem in den Vogel versunkenen Lao-Tse bisher entgangen waren. Er sollte sofort zum Kaiser kommen. Merkwürdiges habe sich begeben. Die Diener hätten gern sich überstürzend das berichtet, was sie wußten, aber der Weise gab ihnen keine Gelegenheit dazu. Was er erfahren sollte, würde er von Hou-Tschou selber hören. So gütig er mit allen unter ihm Stehenden war, er hielt stets eine Grenze ein, über die Vertraulichkeiten sich nicht hinüberwagten.
Der Kaiser war im sogenannten Regierungsgemach, einem ungeheuer großen Saal, in dem der kostbare Thronsessel der einzige Schmuck war, alles andere war so gehalten, daß es dem Gebrauch diente. Der Saal war von einer erregten Menge erfüllt, die sich nach vorn, dem Throne zu drängte, von dem sie durch ein dickes rotes Seil abgesperrt war, das an den Wänden durch zwei vergoldete Drachenmäuler lief, über die Breite des Saales aber überdies von Dienern gehalten wurde.
Als Lao-Tse eintrat, machte die Menge willig Platz. Es war, als fühlte jeder, daß nun Ruhe in die Aufregung, Klarheit in das Gewirr kommen werde. Mit seinem elastischen, gar nicht zeremoniellen Schritt trat der Lama an das rote Seil, das auf einen Wink des Kaisers niedergelassen wurde, so daß er es überschreiten konnte. Hou-Tschou winkte den Freund an seine Seite. Einer der Mandarinen trat vor und verlangte unbedingte Stille. Der Kaiser wolle reden, wer auch nur ein Wort ungefragt über die Lippen gleiten lasse, werde aus dem Saale entfernt werden.
Das Brausen der Stimmen war verstummt, der Herrscher sprach. Er wandte sich zwar nur an Lao-Tse, aber er redete so vernehmlich, daß alle Anwesenden ihn verstehen konnten.
„Sonderbares hat sich begeben, o Lama aller Lamas”, begann Hou-Tschou. „Man hat vor kurzem drei Männer aufgegriffen, die zwar lebten, aber so fest ineinander verkrampft waren, daß man sie nicht voneinander hatte lösen können. Es war am Morgen nach der Erdbebennacht gewesen und man nahm an, daß sie im Freien von dem Geschehen überfallen worden und den Verstand verloren hätten. Das Merkwürdigste ist, daß sie drei verschiedenen Schichten entstammen: ein Mandarin, ein Priester und ein Bettler!” Der Kaiser schwieg einen Augenblick, Lao-Tse aber war sofort klar, daß diese drei dem Einsturz des Landhauses entkommen sein müßten. Sollte Gott sie haben erretten lassen, damit sie Zeugnis ablegten? Hatte er, Lao-Tse, deshalb über das Vorgefallene schweigen müssen?
Nun fuhr der Herrscher fort.
„Man pflegte die Armen, so gut es gehen wollte. Schließlich gab ihnen ein Arzt einen Schlaftrunk und im Schlafe lösten sich die verkrampften Glieder. Gestern Abend haben sie die Sprache wiedergefunden. Was sie sagen, ist aber so abenteuerlich, daß man es für Gebilde des Wahnes halten möchte. Ich habe beschlossen, die Männer selber zu befragen. Soeben werden sie gebracht.” Unruhe wollte wieder aufkommen unter der Menge, aber überall erhoben Diener ihre merkwürdig geformten Stäbe zum Zeichen, daß jeder einzelne scharf beobachtet werde. Da zog wieder Schweigen ein.
Aus einer Seitentüre schritten Diener mit den drei Erretteten. Dem Throne gegenüber stellten sie sich an dem roten Seil auf. Blasse Gesichter waren es, die sich da zeigten. Auf allen lag ein Ernst, der Bürge dafür war, daß sie nur die nackte Wahrheit sprechen würden. Lao-Tse erkannte sie alle drei. Es waren die, die auf seinen ersten Anruf den Saal zu verlassen gestrebt.
Gütig redete der Kaiser sie an.
„Ihr werdet schwach sein, Freunde. Setzet Euch auf die Matte, Ihr könnt auch so antworten.”
Das war es, was Lao-Tse immer wieder zu Hou-Tschou zog: diese Menschlichkeit und Güte, die noch kein Kaiser vor ihm gezeigt. Der jetzige Herrscher dachte niemals an sich, war immer nur für sein Volk beschäftigt ... und doch hatte ein solcher Aufstand geplant werden können!
Der Mandarin und der Priester ließen sich auf ihre Füße nieder und schauten dankbar zum Kaiser empor, der Bettler blieb stehen, sich nur am Seile haltend. Auch das gab Lao-Tse zu denken, der immer in allem den dahinter liegender Sinn sah.
Auf des Kaisers Befehl, zu sagen, wie das Erdbeben sie überrascht, blickten sie sich an, als wollten sie die Antwort auf eine Frage finden, die sie alle beschäftigte. Mandarin und Priester schauten beiseite, der Bettler aber blickte offenen Auges der Frager an und sagte: „Vergib mir, o Kaiser, wenn ich, Dein unwertester Diener; hier zu sprechen wage. In dem Greuel des Geschehens habe ich Gott gefunden, den allein Wahren, Hocherhabenen. Er gebietet meiner Seele, Dir die Wahrheit zu sagen. Du mußt aber Geduld haben; denn meine Erzählung ist lang.”
Hou-Tschou wandte sich an die beiden anderen.
„Es ist mir recht, daß dieser spricht, aber wäre es nicht Eure Sache, mir an seiner Stelle zu berichten?”
Sie schwiegen verlegen. Da gab er dem Bettler einen Wink und dieser begann. Er erzählte, wie er von anderen gedrängt worden sei, einer Versammlung im Landhause Moru-Tans beizuwohnen. Einen Ruf des Staunens konnten die Hörer nicht unterdrücken, aber die Stäbe der Diener hoben sich, Stille trat ein.
Ungeschickt zwar, aber doch anschaulich, schilderte der Bettler diese erste Zusammenkunft. Er ließ nichts Wichtiges aus, weder, daß es sich darum gehandelt habe, Lao-Tse gewaltsam zu entfernen, noch daß man in der Erregung gewagt habe, des Kaisers Abdankung zu fordern.
Ein Schatten glitt über Hou-Tschous offenes Antlitz, aber er unterbrach den Sprecher nicht.
Von der zweiten Versammlung berichtete dieser, und nun er-griff das Staunen auch den Kaiser genau so wie alle Anwesenden. Lao-Tse hatte beigewohnt? Lao-Tse hatte sich wissend in die Mitte seiner Gegner gewagt? Der Lama hatte das Wort ergriffen? „Wir drei und einige andere drängten darauf dem Ausgang zu,” schloß der Bettler, „denn der Lama aller Lamas hatte gesagt, wir sollten den Saal verlassen, ehe Gottes Gericht kommen werde. Das wollten die Umstehenden nicht dulden. Nur dadurch, daß wir drei, die wir uns gar nicht kannten, uns fest aneinanderklammerten, gelang es uns, den haltenden Fäusten zu entkommen und ins Freie zu gelangen. Dort fielen wir über einen Hügel hinunter und blieben betäubt liegen, bis man uns am folgenden Morgen fand. Was im Saale geschah, vermag ich nicht zu berichten.”
Des Kaisers Blicke suchten Lao-Tse, der in seiner gewöhnlichen ruhigen Haltung neben ihm stand.
„Weißt Du uns mehr zu sagen, mein Freund?” redete er ihn an, ganz vergessend, daß er ihm den vertraulichen Titel vor aller Ohren gab.
Aber ehe der Lama sprechen konnte, wünschte der Kaiser eine Bestätigung darüber, ob das, was der Bettler gesagt, der Wahrheit entspräche. Er wandte sich mit dieser Frage an Mandarin und Priester, die mit niedergeschlagenen Augen stumm nickten. Dann aber besann sich der vornehme Mann und sprach:
„Wohl weiß ich, daß die seidene Schnur mir gewiß ist, ob ich schweige oder rede; denn nur mit meinem Leben kann ich büßen, daß ich an der Verschwörung teilgenommen. So will ich wenigstens nicht mit einer Feigheit abscheiden: was der Bettler sagte, ist wörtlich wahr! Es ist alles so zugegangen, wie er es schilderte.” Ein freundlicher Blick des Kaisers traf ihn. Dann erzählte Lao-Tse, was sich noch weiter begeben. Als er von dem Fluche Moru-Tans sprach, ließen sich überall im Saal Entsetzensschreie hören. In höchster Erregung lauschten die Anwesenden der Erzählung vom Abschluß des grausigen Dramas.
Als der Lama geendet, blieb der Kaiser lange Zeit in Schweigen versunken. Dann nahm er das Wort:
„So habe ich recht gefühlt, wenn ich empfand, daß das Erdbeben ein Gericht Gottes war! Es war aber auch ein Schutz Gottes für unser Land. Stellet Euch vor, in welches Elend ein
Kampf der Massen gegeneinander das . ganze Volk gestürzt hätte. Ihr brauchtet nicht zu solchen Gewaltmaßnahmen zu greifen, um mich zu entfernen. Ich werde gehen, sobald Ihr es verlangt. Gottes Güte hat Krieg und Aufruhr im Innern unseres Landes verhütet, indem der Allgewaltige die Empörer mit einem einzigen Streich tötete.
Ihr drei, die Ihr entkommen seid, um Zeugnis abzulegen, sollt frei und unangefochten Eures Weges ziehen dürfen. Der Arme wird Land und Wohnstatt, Arbeit und Hilfe erhalten, damit er für seinen Freimut belohnt werde. Du, ein Vornehmer meines Reiches, kannst leben wie seither, nur vergiß nicht, daß über Dir Gottes Allwissen steht. Du, der Priester, wirst Dein Amt niederlegen; denn es gebricht Dir an allem, ein Diener Gottes zu sein! Die Götzendiener aber werden verschwinden in diesem Lande, wenn ich weiterhin Herrscher bleiben werde.
Ich werde einen Aufruf an das ganze Volk veranlassen. Es soll selber bestimmen, wen es als Herrscher künftig haben will. Und nun gehet alle und danket Gott mit mir für seine helfende Gnade!” Lange dauerte es, bis der Saal leer war. Nur zögernd verließ die Menge den Platz, an dem sie so Erstaunliches gehört. Der Kaiser war mit einigen Mandarinen und Lao-Tse durch eine Seitentür in seine Gemächer getreten. Hier begehrte er, mit dem Lama allein gelassen zu werden.
„Mein Freund, warum hast Du mir dies alles verschwiegen?” fragte er Lao-Tse eindringlich.
„Gott hatte mir Schweigen auferlegt. Ich begriff nicht, warum dies sein sollte. Heute ging mir der Sinn dafür auf, hätte ich Dir das Begebnis erzählt, es hätte nicht diesen tiefen Eindruck machen können. Auch hätten die Massen die Möglichkeit einer solchen Verschwörung abgestritten. So, wie Du es heute erfuhrst, hörten auch Vertreter aus allen Schichten die Erzählung mit an und überzeugten sich, daß sie auf Wahrheit beruhte.”
Und nun berichtete Lao-Tse alles, was er erlebt, als die erste Versammlung stattgefunden, was er in der zweiten gesehen und gehört, und Hou-Tschou fand nur noch Worte des Lobens und Dankens. Unbegreiflich erschien es dem Herrscher, wie er sich in Moru-Tan bis zuletzt hatte täuschen können.
„Ich werde nun niemand mehr trauen”, versicherte er, und es war ihm Ernst damit. Lao-Tse aber tadelte ihn und sagte:
„Weil etliche versagen, denen Du Vertrauen schenktest, darum willst Du alle verwerfen? Bedenke, Hou-Tschou, wie der Hocherhabene mit uns Menschen verfährt!”
„Er ist allwissend, aber wie kann ich wissen, wem ich vertrauen darf?”
„Hast Du nicht mich zur Seite, Dich zu warnen? Und wenn mir untersagt wird, Dich vorzeitig aufmerksam zumachen, so sollst Du aus den Erfahrungen lernen und Gottes Schutz steht über Dir.”
Langsam zog Ruhe ein in Palast und Stadt, und auch die vom Kaiser ausgeschriebene Abstimmung über sein Gehen und Bleiben vermochte nicht, das Volk zu erregen. Diejenigen, die unzufrieden gewesen waren, lagen erschlagen, die anderen hatten noch niemals sich Gedanken gemacht, ob eine andere Art des Beherrschtwerdens vielleicht vorteilhafter sein könne.
Einstimmig entschied das Volk für Hou-Tschous Weiterregieren. Einige wenige aber benutzten die Gelegenheit, um den Kaiser zu preisen und ihm zu danken für seine seitherige Führung. Dieser aber war so mißtrauisch geworden, daß Lao-Tse ihm erst bestätigen mußte, daß diese Kundgebungen aus dankbaren Herzen geflossen waren, ehe Hou-Tschou wagte, sich ihrer zu freuen.
Die letzte Sprosse Zeit war heiß und trocken gewesen. Der Reis und das Korn waren in den Halmen vertrocknet, ehe sie hatten Ähren tragen können. Das Vieh fand karge Nahrung. Hunger grinste dem Volk entgegen, als die Zeit der Ernte gekommen war. Und die sorglos dahinlebenden Bewohner des unermeßlich großen Reiches erwachten aus ihrer Unbekümmertheit und verfielen in Verzweiflung.
Hou-Tschou selber hatte dessen nicht acht gehabt, und seine Räte waren sorglos gewesen wie das Volk. Solange sie denken konnten, hatten die Ernten immer noch gereicht. Daß es einmal anders kommen könnte, daran dachte keiner.
Nun war die Not groß, und während viele Menschen in dumpfes Brüten fielen, bemächtigte sich der anderen große Erregung, die von Tag zu Tag wuchs.
Der Kaiser berief seine Räte und bat um Vorschläge, wie dem Elend abzuhelfen sei. Was sie rieten, war unbrauchbar. Sie erschöpften sich in jammern und Klagen. Der einzige Rat, der schließlich zum Beschluß gebracht werden sollte, ging dahin, daß jeder fünfte Mann mit Weib und Kindern auswandern müsse. Wohin? Das blieb ihm überlassen, nur aus dem Reich der Mitte müsse er ausziehen. Obwohl die meisten Räte diesem Vorschlag begeistert zustimmten, wußte doch niemand zu sagen, wie er auszuführen sei. Wie konnte man im Innern des Landes wissen, ob die Ausgewiesenen auch wirklich außer Landes gingen, oder ob sie sich irgendwo an-
ders niederließen? Da schlug ein anderer vor, ein Gesetz zu erlassen, wonach die Kranken und Schwachen keine Nahrung mehr bekommen sollten.
Da erwuchs ein Zorn in Hou-Tschou, dessen er sich nicht für fähig gehalten hatte. Mit donnernden Worten hielt er dem letzten Sprecher seine Unmenschlichkeit vor, verwarf die Unfähigkeit seiner Räte und entließ sie alle in höchster Ungnade. Mit Lao-Tse allein geblieben, wandte er sich, noch immer in heller Erregung kochend, an diesen:
„Und Du, mein Freund, warum redest Du nicht? Du siehst meine Not, die die Not des ganzen großen Volkes ist, und vermagst zu schweigen ? Verstummst Du vor der Unmöglichkeit jeglicher Hilfe?”
„Ich schweige, o Kaiser, weil der Hocherhabene es mir befohlen. Er will nicht, daß sein heiliger Rat sich mit den törichten Ratschlägen der Menschen mische. Schon lange hat Gott mir die Wege zeigen lassen, wie dem Jammer abzuhelfen ist, aber ich mußte schweigen, damit das Volk erkenne, wie so gar nichts es ist ohne den Hocherhabenen!”
Kaum hatte Lao-Tse zu sprechen begonnen, da legte sich die Erregung des Kaisers. Ruhe und Frieden zog in sein Herz das an solches Gleichmaß gewöhnt war. Aufmerksam lauschte er. Lao-Tse aber berichtete, daß er auf Befehl des Allerhöchsten in den Ebenen von Tibet, wo in diesem Jahre die Ernte besonders reich ausgefallen sei, Korn und Reis, Tee und Früchte habe aufkaufen und einlagern lassen. Man müsse das Volk in Gruppen teilen, wie es jetzt schon in Provinzen eingeteilt sei.
In jeder Provinz sollten vierundzwanzig Gruppen entstehen, über denen Leiter zu wachen hätten. Diese Leiter müßten so rasch wie möglich in Erfahrung bringen, wie viele Menschen ihre Gruppe umfaßte und wieviel Lebensmittel vorhanden seien. Danach werde ihnen das Fehlende aus den angesammelten Beständen zugehen können, die Hai-Tan jetzt schon sehr geschickt verwalte. Voll Freude hörte der Kaiser, aber es stiegen ihm doch Bedenken auf. „Viele Provinzen unseres Volkes sind arm. Wie werden sie Lebensmittel kaufen können? Und ich habe kein Mittel, die Reichen zu bestimmen, daß sie für die Armen zahlen.”
„Meinest Du, Hou-Tschou, daß, wenn der Hocherhabene sich herabläßt, den Menschen einen Plan zu zeigen, daß in diesem Plane Fehler oder Lücken sind? Sollte er, der alles überschaut, nicht auch an dieses gedacht haben?”
„Es ist, wie Du sagst”, gab Hou-Tschou beschämt zu. „Laß mich hören, was der Hocherhabene von uns verlangt, damit auch hier ein Weg erschlossen werde.”
„Der Weg ist sehr einfach. Wir werden die Lebensmittel nicht mit Geld zu bezahlen brauchen, sondern mit Erzeugnissen aus unserer weißen Erde, dem Kao-ling. Überall, wo ich Lebensmittel kaufte, versprach ich Gegenstände aus Kao-ling dagegen: Schalen, Vasen, Trink- und Eßgeräte, sowie Ziergegenstände. Es ist alles aufgezeichnet, was nun angefertigt werden muß. Wir müssen in jeder Provinz Stellen errichten, wo diese Dinge hergestellt werden.
Wer zu arm ist, um Lebensmittel zu kaufen, muß sie sich erarbeiten. Damit wird auch der Müßiggang, der leider ein so verbreitetes Laster in unserm Volke ist, eingedämmt. Wir werden frohere und glücklichere Menschen haben nach dieser Zeit der Not.” Nun zog reinste Freude in. des Herrschers Herz. Er dankte dem Hocherhabenen aus aufrichtiger Seele und wiederholte: „Wahrlich, es ist leicht, Kaiser zu sein, wenn man Gott zum Helfer hat!”
Wenn Hou-Tschou wußte, was er zu tun habe, so war es ihm stets ein Leichtes, alles in die Wege zu leiten. Er hatte eine ganz besondere Begabung, großzügige Einrichtungen zu treffen, und die Hilfe von oben fehlte ihm nicht. So waren in kurzer Zeit die Gruppen eingeteilt, die Leiter bezeichnet und in ihr Amt eingesetzt, und es entstanden überall im Lande die Stätten, da Kao-ling verarbeitet wurde.
Auf Lao-Tses Rat unternahm jede Arbeitsstätte eine andere Art der Herstellung. Die eine erzeugte nur flache Schalen, die andere hohe Gefäße, wieder eine andere die sehr begehrten Drachengestalten und anderes. Jedermann fand Arbeit, der ihrer begehrte. Dann aber kamen Meldungen fast von allen Seiten, daß es unzählige Frauen ohne männliche Versorger gäbe. Und Lao-Tse ordnete an, daß ihnen die hergestellten Gegenstände zur Bemalung übergeben würden. Sie hatten leichtere Hände bei der Pinselführung.
Bisher waren die Sachen nur mit wenigen bunten Strichen bemalt worden, nun bedeckten sie sich mit drolligen Figürchen, Blumen, Ranken, Tierbildern oder Landschaften, je nach der Geschicklichkeit der Malerin. Jede Frau durfte nur das malen, was sie von Anfang an unternommen hatte. Dadurch gestaltete sie es immer besser, hatte immer reichere Einfälle und die Ge-schicklichkeit ihrer Finger wuchs.
Schon schienen alle Menschen wohlversorgt, da kamen aus dem Südwesten des Reiches die Meldungen, daß keine Kao-ling-Erde mehr aufzutreiben sei. In ihren Gründen wachse sie nicht, und die andern Provinzen wollten keine abgeben. Da mahnte Lao-Tse die Leute, sich die ungeheuren Vorräte an Seide nutzbar zu machen, die bei ihnen lagerten. Sie sollten versuchen, die einfarbigen Stoffe mit dem Pinsel zu bemalen, dann sollten sie das Erzeugte schicken, er werde sehen, Absatz dafür zu finden.
Und er fand ihn. Mit Hilfe der Brüder in den tibetanischen Klöstern sandte er die Seidenstoffe weit hinein in das große Nachbarland. In all dem regen Treiben war die gefürchtete Hungerszeit verstrichen, ohne daß viele etwas davon gemerkt hatten. Einzelne freilich, die nicht hatten arbeiten wollen, mußten ihre Torheit mit dem Leben büßen, aber jeder solcher Todesfall feuerte die anderen nur um so mehr an.
Als nun die Zeit der Aussaat gekommen war, blieben wohl viele arbeitende Hände den Arbeitsstätten fern, weil sie auf den Feldern zu schaffen hatten, aber die anderen arbeiteten um so eifriger, einmal, weil sie bis zur Ernte doch noch Lebensmittel verdienen mußten, dann aber auch, weil sie Freude und Glück in der Arbeit gefunden hatten.
Auch die Seidenraupenzüchter machten sich mit vermehrtem Fleiß an ihre Tätigkeit. Das ganze große Volk der Mitte hatte einen Aufschwung genommen, war beweglich und dadurch befriedigter geworden. In dieser Zeit war es, daß Lao-Tses Seele wieder zu wandern begann. Bald besuchte sie die Klöster in Tibet, bald schwang sie sich in ferne Gefilde empor, in denen sie Wunderbares in sich aufnahm. Es ward ihr gegeben, die Wesenhaften, die das Volk einst als Götter verehrt hatte, bis es sich selbst aus diesen Göttern Fratzen geschaffen, zu sehen und mit ihnen zu verkehren.
Vieles lernte die Seele von ihnen, immer mehr wuchs ihr Verstehen des Göttlichen aber auch des Menschlichen. Die Wesenhaften, die einst das Volk geführt hatten, kannten das Gute, das in ihm schlummerte, von Dunklen überwuchert, und sie zeigten Lao-Tse, wie er dieses Lichte in den Seelen wieder befreien, wie er dem Licht von oben Zugang verschaffen könne.
Wenn Lao-Tse in den stillen Stunden der Nacht solche Seelenwanderung antrat, so blieb er während der Tagesstunden meist für sich allein und in sich selber abgeschlossen. Mußte er aber unter Menschen treten, so ergriff alle ein Gefühl der Reinheit, die von dem Lama ausging. Eine kindliche Heiterkeit lag auf seinen klaren Zügen, Friede und Harmonie atmeten seine Worte, und sein Rat war hilfreich und gütig.
Der Kaisersohn Han reifte unter seiner weisen Leitung stetig heran zu einem klugen, starken Menschen, der verhieß, einst ein ebenso guter Herrscher zu werden, wie sein Vater es war. Er lernte leicht und hatte Interesse für alles.
Lao-Tse nützte dies, um ihn auch solche Dinge erlernen zu lassen, die er als Kaiser zwar nicht ausführen, aber doch beurteilen mußte. Er ließ ihn einmal monatelang in der Kao-ling-Werkstätte einer Nachbarschaft arbeiten, und groß war die Freude, als Hans Arbeiten als besonders gelungen gelobt wurden.
Durch diese Arbeiten kam der junge Prinz in nahe Berührung mit allen Schichten der Bevölkerung. Der Künstler, der die Entwürfe machte, nach denen die Gegenstände gefertigt wurden, war ihm ebensowenig fremd, wie der Aufseher, der den Frauen die bemalten Sachen abnahm, oder der Arbeiter, der Schüsseln und Schalen drehte.
Anfangs fehlte es nicht an Vornehmen, die den Kaiser auf dieses Treiben aufmerksam machen zu müssen glaubten. Sie hielten es eines Kaisersohnes für ganz unwürdig, sich derart unter Arbeitende zu mischen. Hou-Tschou aber riet ihnen, sich in Gedanken mit anderem zu befassen. Han werde nach Gottes Willen erzogen, den niemand besser kenne wie der Lama aller Lamas.
Er sagte Lao-Tse nichts von diesen Gesprächen, aber der Weise wußte ohnehin davon und war dem Kaiser dankbar, daß er ihm auch hier seinen Weg erleichterte.
Sobald Han alt genug war, um beurteilen zu können, was er sah und erlebte, nahm ihn Lao-Tse in die Armenviertel mit. Anfangs überwog bei dem Prinzen der kindliche Spaß an der Verkleidung und dem Unerkanntbleiben, dann aber wurde seine Seele ergriffen und sein Geist sann auf Mittel zur Abhilfe.
Wie war solch trostlose Armut möglich neben dem ungeheuren Reichtum, der sich in den Palästen rings um den Kaiserpalast breitmachte! In allem, was Han unternehmen wollte, um den Armen wirklich zu helfen, fand er Unterstützung bei Lehrer und Vater. Aber sie griffen niemals ein, immer mußte er selber seine Pläne erdenken, die Mittel zur Ausführung ausfindig machen. Kam er danach zu ihnen, so waren sie bereit.
Drei jüngere Brüder wuchsen am Kaiserhofe neben Han empor. Sie wurden von guten Lehrern sorgfältig erzogen und Lao-Tse überwachte ihren Unterricht. Zu mehr blieb ihm keine Zeit. Es kam immer wieder vor, daß seine Seele nach Tibet gerufen wurde, wo es bald dieses, bald jenes zu ordnen gab. Einmal mußte er sogar persönlich hinüber reiten, um nach dem Rechten zu sehen. Das war, als Miang-Tse, obwohl noch jung an Jahren, abberufen wurde, um in die ewigen Gärten einzugehen.
So rechtzeitig erhielt Lao-Tses Seele Kunde hiervon, daß er am Tage vor des Oberlamas Hinscheiden im Kloster am Berge eintraf. Sein Kommen beugte großen Verwickelungen vor; denn entgegen sonstigen Gebräuchen hatte der scheidende Oberlama seinen Nachfolger nicht bezeichnet.
Stimmen wurden laut, daß nun einmal ein anderes Kloster zur Führung berechtigt sei. Die Bruderschaft auf dem Berge wollte ihr Vorrecht nicht aufgeben, aus anderen Klöstern kamen Abgesandte, um ihre Stimmen geltend zu machen. Dies alles wurde durch Lao-Tses Ankunft plötzlich abgeschnitten.
Mit einer Würde ohnegleichen nahm er die Zügel der Regierung in seine feste Hand. Niemand. hätte sie ihm streitig zu machen gewagt. Freundlich, aber bestimmt, sandte er die fremden Brüder nach Hau-se, nachdem er ihnen gemeinsam in einem der Säle mitgeteilt, wie es Gottes Wille sei, daß gerade dieses Kloster das Führende bleibe. „Nicht umsonst liegt es auf dem Berge, höher als alle anderen Klöster. Wie es räumlich aus Euch herausragt, so auch geistig. Sit-
ten und Gebräuche haben sich hier am reinsten erhalten, aber, was noch weit wichtiger ist, die Verbindung mit dem Hocherhabenen ist hier stärker als anderswo. Überdies bin auch ich aus diesem Klo-ster hervorgegangen. Solange ich lebe, soll es keinen Oberlama aus einer anderen Bruderschaft geben.”
Es blieb ihnen nichts übrig, als heimzuziehen. Aber sie hatten von dem Lama aller Lamas einen so tiefen Eindruck erhalten, daß sie gar nicht daran dachten zu murren.
Danach trat Lao-Tse an das Lager Miang-Tses, der mit Sehnsucht seiner harrte. Freundlich begrüßte er ihn und sagte:
„Bruder, ich mußte erst Ordnung schaffen rings um Dich her, ehe ich Deiner Seele helfen konnte, die irdischen Bande zu lösen.” Und Miang-Tse, der wochenlang kein Wort mehr gesprochen hatte, so daß alle Brüder meinten, er habe die Sprache verloren, tat seinen Mund auf und sprach deutlich und vernehmlich: „Du sagest recht, Hochweiser, daß Du meine Seele lösen mußt. Schwer sind die Bande, darein sie sich verstrickt. Ich kann nicht in die ewigen Gärten eingehen, wenn Du mir nicht hilfst.” Lao-Tse hatte schon vor seinem Abritt aus Kiang-ning gesehen, was den Oberlama bedrückte, aber er wollte es von ihm selbst hören, um ihn nicht der Wohltat des Sich-Aussprechens zu berauben. Und Miang-Tse bekannte, daß er stolz gewesen sei auf sein Amt, daß er es oftmals ausgeübt, ohne sich von Gott dazu Rat oder Befehl zu holen. In dem Bewußtsein des Erhabenseins über die andern habe er oftmals Brüder willkürlich bedrückt und ihre Seelen betrübt. Schweigend lauschte Lao-Tse. Ihm tat der Bruder leid, der menschlicher Eitelkeit zum Opfer gefallen war. Und er hatte ihn nicht warnen dürfen. Gott selber hatte ihn gewarnt durch mancherlei Vorkommnisse, auf die der Verblendete aber nicht geachtet hatte.
So mußte er jetzt seine Taten durchleben bis zum bitteren Ende, mußte sehen, wieviel Bande er sich selber angelegt und mußte die Unfähigkeit erkennen, auch nur eines zu lösen. Aber Lao-Tses Seele wußte, daß er Trost und Hilfe bringen durfte, sobald auch das Letzte gesagt und bekannt war. Darum ermunterte er jetzt auch den Sterbenden zum Weitersprechen: „Weißt Du, warum Du so früh aus Amt und Arbeit abgerufen wirst, Miang-Tse?”
„Mein falsches Tun gefiel Gott nicht, darum ruft er mich ab.” „Was aber war die unmittelbare Ursache zu Deiner Erkrankung? Weißt Du das, Bruder?”
Es wurde dem Oberlama schwer, auch noch dies Allerletzte zu bekennen. Hätte er geahnt, daß Lao-Tse auch dieses wußte, das Sprechen wäre ihm leichter gefallen. Aber gerade dieses sollte er nicht wissen. Es war ein Stück seiner Ablösung, daß er seiner Eitelkeit zum Trotz sich so tief demütigen mußte.
Endlich brach er doch das Schweigen, das ihn immer fester zu umklammern schien.
„Ich will bekennen, o Lama aller Lamas”, stöhnte er. „Aber das Bekenntnis wird mir das Leben nehmen.”
Wieder Schweigen, drückendes lastendes Schweigen. Lao-Tse sprach kein Wort, aber er nahm die Kette mit dem Lamaabzeichen von seinem Halse und legte sie auf die Brust des Schweratmenden. „Bruder”, rief dieser in Entzücken, „das tust Du für mich! Nun gibt es nichts mehr, was mir noch schwer fallen wird.” Und ohne Stocken bekannte er, daß er habe versuchen wollen, wie weit seine Macht als Oberlama reiche. Allerhand Versuche seien ihm geglückt. Er habe Kranke durch Auflegen der Hand heilen können. Daß sie später in noch schwerere Krankheit gefallen seien, habe er auf ihre Sündhaftigkeit geschoben, statt den Fehler bei sich zu suchen. Er habe Schriften entziffern können, die niemand seither zugänglich gewesen seien.
Alles das habe ihn zu immer tolleren Versuchen verleitet. Eines Tages seien Fremde, gelehrte Männer aus Westland, zu ihm gekommen. Er habe sie heimlich im Kloster aufgenommen, um von ihnen zu lernen. Es sei ihm nicht eingefallen, Gott um Erlaubnis zu befragen. Er habe gemeint, wenn er recht viel Neues erlerne, komme das dem Kloster und ganz Tibet zugute.
Manches hätten die Männer ihm gezeigt, vor allem aber hätten sie ihn in der Kunst des In-Sich-Selbst-Versinkens unterwiesen. Sie hätten ihn gelehrt, seine Seele bewußt aus dem Körper zu senden. Und nun sei er in den Zellen der Brüder erschienen, habe ausgespäht, was sie taten und dachten, und sei immer Übermütiger geworden. Vor einigen Monaten seien die Fremden reichbeschenkt in ihre Heimat zurückgekehrt. Er aber habe nun ohne ihre Hilfe immer ge-
wagtere Versuche gemacht. Eines Nachts hatte er seine Seele in die ewigen Gärten senden wollen, um Lie-Tse zu suchen und ihm zu zeigen, daß er mehr könne als der einstige Oberlama. Und nun sei ihm Lie-Tse wirklich erschienen. Nicht als Bewunderer, sondern als strenger Richter sei er vor ihn getreten und habe gesagt: „Du Narr, der Du die Dir von Gott geschenkten Kräfte zu tändelndem Spiel und zur Befriedigung Deiner Eitelkeit verwendest, wisse, daß Du im Gebet weit höher hättest gelangen können, als Du jetzt im Leichtsinn gestiegen bist. Du bist noch am äußersten Rande der zweiten Schöpfung. Die Erste wirst Du niemals erreichen, wenn Du nicht Dein ganzes Leben änderst von Grund auf. Der Hocherhabene wird Dich abberufen und läutern lassen, danach magst Du aufs Neue den Aufstieg versuchen, aber so leicht wird er Dir nicht wieder gemacht werden.”
Erschöpft schwieg der Sprecher, heiße Tränen rannen über sein von der Krankheit abgezehrtes Angesicht.
Lao-Tse war tief ergriffen. Wiewohl er alles schon in großen Zügen gewußt hatte, packte es ihn doch, es aus dem Munde des Irregegangenen zu hören.
„Miang-Tse, Dein Weg ist Dir vorgezeichnet. Was Lie-Tse Dir darüber gesagt, ist der Wille Gottes, des Hocherhabenen. Es ist ein gnädiger Urteilsspruch. Nochmals darfst Du den Aufstieg zu den ewigen Gärten beginnen, und das jetzige Erleben wird in Deine Seele eingebrannt sein und Dich warnen vor jedem falschen Tritt. Gehe getrost hinüber, wo Reinigung Deiner wartet, und von wo Du die neue Pilgerfahrt wirst antreten dürfen.”
„Ich kann nicht gehen”, weinte Miang-Tse, „denn ich habe Gott zu tief erzürnt. Denke doch, Lao-Tse: uns Lamas wird die göttliche Kraft in weit höherem Maße zuteil als allen anderen Menschen. Und dieses Gnadengeschenk habe ich nichtachtend mißbraucht!” In heißem Weinen verstummten die Worte. Lao-Tse aber neigte sich über den gefallenen Bruder, ergriff dessen heiße Hand und sagte mit unendlicher Milde:
„Was durftest Du einst dem Sünder sagen, der von Herzen bereute? Miang-Tse, wie hießen die heiligen, von Gott selbst verordneten Worte?” Der Lama aller Lamas richtete sich auf und reckte die rechte Hand über den Sterbenden:
„Bruder, Du hast gesündigt. Bruder, Du bereust. So tief Deine Reue, so hoch ist Gottes Gnade. Ich schneide in sei Namen Deine Bande durch. Rein steige Deines Wesens Kern empor und büße alles, was er verschuldet. Danach beginne Deinen Lauf von neuem in der Kraft des Hocherhabenen, der keinem Reuigen das Tor zur Besserung verschließt. Gehe in Frieden!”
„Herr Gott, Du Hocherhabener, ich danke Dir”, rang es sich von Miang-Tses Lippen, dann schied seine Seele.
Das war das zweite Sterben, das Lao-Tse im gleichen Gemach dieses Klosters erlebte. Wie verschieden die Beiden! Wie würde sein Scheiden einst sein?
Betend blieb er noch lange neben dem Lager stehen, dar rief er die Brüder, die nichts von der Verfehlung ihres Oberhauptes zu wissen brauchten.
Er selbst aber zog sich in die für ihn vorbereiteten Gastgemächer zurück, um im Gebete Gottes Willen zu erforschen. Wer sollte der Nachfolger werden?
Und es ward ihm gegeben, Lie-Tse in einem sehr hohen Garten zu erreichen, und hohes Glück erfüllte ihn. Sein alter Lehrer aber sprach:
„Du möchtest wissen, wen Du zum Oberlama ernennen sollst. Wähle selbst!”
Und es war, als öffnete sich ein Strahl nach unten. Leuchtend hell schien er das All zu durchschneiden, seine Spur aber blieb wie eine Lichtbahn stehen. Auf dieser glitten die Seelenaugen Lao-Tses im Schauen abwärts.
Da sah er die zum Totengebet versammelten Lamas Kloster und über jedem stand das Bild seines Geistigen. Schöne Bilder waren es zumeist, rein und lauter. Nur wenige wiesen Trübungen auf. Eines aber überstrahlte sie alle. Ohne Besinnen sagte Lao-Tse „Diesen hier möchte ich wählen, mein Vater.”
„Es ist Fu-Yang, der kurze Zeit Dein Lehrer war. Du hast recht gewählt.”
Der Strahl zog sich eilends zurück, das Bild verschwand, aber immer noch weilte Lao-Tses Seele bewußt im Garten neben Lie-Tses Geist. Dieser aber sprach zu seinem einstigen Schüler: „Wenn Du im Kloster alles geordnet hast, so reite eilends nach Kiang-ning. Der zweite Teil Deiner Aufgabe wartet auf Dich. Hilfreiche gute Geister sollst Du Deinem Volke weisen, das nicht ohne sie sein kann. Halt sollen die noch so kindlichen Menschen finden an den wesenhaften Dienern Gottes, des Herrn.”
„Vater, mir will scheinen, als hätte ich die erste Aufgabe noch nicht recht erfüllt”, klagte Lao-Tses Seele. „Wohl habe ich Angst und Furcht vermindern können, wohl habe ich die Anbetung der Dämonen zerstört, indem ich bewies, daß diese Gebilde Erzeugnisse schlechten menschlichen Denkens seien. Aber aus der Welt geschafft habe ich sie damit nicht!”
„Du tatest genug. Indem Du die zweite Aufgabe erfüllst, wird auch die erste noch Nutzen haben. Erfülle das Denken der Menschen mit guten Geistern, so haben die schlechten keinen Platz!” Am folgenden Tage eröffnete Lao-Tse den versammelten Lamas und danach allen Brüdern, daß nach Gottes ewigem Willen Fu-Yang, von heute an Fu-Tse, zum Oberlama ausersehen sei. Da freuten sich alle; denn der Alte war beliebt bei Schülern und Brüdern. Er selbst aber begriff nicht, daß wirklich er zu der Würde berufen sei, und bat Lao-Tse, sich zu besinnen, ob er den Namen recht verstanden. Fu-Hi-Yang sei viel geeigneter als er. Als aber Lao-Tse versicherte, daß kein Irrtum möglich, da übernahm er voll heiligen Ernstes sein Amt, das er noch lange verwalten durfte. Nachdem Miang-Tse mit Würden beigesetzt worden war, wenn auch weder mit dem Prunk noch mit der Liebe, die einst Lie-Tse zu Grabe geleitet, brach der Lama aller Lamas nach dem Reich der Mitte auf.
Erschütterndes hatte er wieder erlebt. Auf dem Ritt ließ er die Erinnerungen durch seine Seele ziehen. Dann aber erfüllte ihn der Gedanke an seine zweite Aufgabe. Wie sollte er es anfangen, seinem Volk Kunde von den wesenhaften Dienern Gottes zu bringen? Er flehte zum Hocherhabenen, ihm den Weg zu weisen, und getrosten Mutes ritt er in Kiang-ning ein.
Hier hatte sich in seiner Abwesenheit allerhand zugetragen, das Hou-Tschou mit Sorgen erfüllte. Er hatte Lao-Tses Rat sehr vermißt, wiewohl er sich bewußt war, daß dies eine Probezeit für ihn selbst bedeutete. Er mußte lernen, selber Verbindung mit Gott zu suchen. Bisher hatte er den Hocherhabenen immer nur angebetet. Er hatte auch getan, was Gott durch des Lamas Mund von ihm verlangte, nun mußte er versuchen, Gottes Willen selber zu erfühlen. Man hatte Lao-Tses Ritt nach Tibet nicht verheimlicht. Mit allen ihm zustehenden Ehren war der Lama in großer Begleitung fortgeritten. Niemand wußte, wann er wiederkehren würde. Jedenfalls würde er Monate lang fernbleiben, diese Zeit mußte genützt werden. Und die Priester der wenigen noch geöffneten Göttertempel in und um Kiang-ning kamen mit ehemaligen Priestern und heimlichen Feinden des Lamas zusammen, um Rat zu halten, wie man wieder zu Macht und Ansehen im Reiche gelangen könne. Wohl hatten sich Stimmen erhoben, die an Moru-Tans grausiges Geschick erinnerten, aber sie wurden niedergeschrieen. Moru-Tan hatte dem neuen Gott geflucht, das wollten sie ja nicht tun, sie wollten nur den alten Göttern wieder zu ihrem Recht helfen und sich selbst damit an erste Stelle setzen.
Vorschläge um Vorschläge waren gemacht worden. Einige wurden ausgeführt und trugen Unruhe in die Bevölkerung. Man hatte zwei Leiter der Arbeitsstätten zu gewinnen vermocht. Diese erklärten nun eines Tages, daß sie nur noch solche Arbeiter beschäftigten würden, die vor Beginn der Arbeit zu den im Vorraum aufgestellten Götterbildern beten würden.
Anfangs weigerten sich die Männer, denen es ernst war mit ihrem Glauben. Nach wenigen Wochen schon entbehrten sie den Lohn ihrer Arbeit schmerzlich, und um nicht mit Weib und Kind verhungern zu müssen, beugten sie sich.
Aber wenn die Feinde auch einen äußeren Erfolg dadurch zu verzeichnen hatten, waren sie sich doch bewußt, daß er nicht nachhaltig war. Innerlich hatten sie die Abtrünnigen nicht zurückgewonnen und das Gerücht ihres Vorgehens hatte sich weiterverbreitet und überall Unwillen hervorgerufen. Sie wagten nicht, noch weitere Leiter auf ihre Seite zu ziehen.
Sie versuchten, die Armen, die noch den Göttern treu geblieben waren, durch Verheißungen großer Geschenke zu bestimmen, daß sie unter Ihresgleichen Leute dem alten Glauben zurückgewannen. Für jede reuige Seele hatten sie einen Preis ausgesetzt. Aber nur wenige bemühten sich, diesen Preis zu verdienen, und diese wenigen stießen auf Widerstand bei denen, die sie zu überreden versuchten.
Der Widerstand war so nachdrücklich, daß er den andern zu denken gab. Sie forschten weiter, was die Neuglaubenden so fest an Gott band. Auf diese Weise hörten sie, vielleicht zum erstenmal, von dem Segen, den der Gottesglaube brachte. Und anstatt Seelen den Göttern zurückzuführen, schwuren sie selbst dem alten Glauben ab.
Da verfiel ein Priester auf einen ganz besonderen Plan. Sie wollten Prinz Han auf ihre Seite bringen. Wenn sie den zukünftigen Kaiser in Händen hatten, konnten sie ihre Bedingungen stellen. Anfangs meinten sie, ihn mit Hilfe eines wunderbar schönen Mädchens, das sie ihm in den Weg führten, verlocken zu können Indes hatte der in sich weit über seine Jahre gefestigte Prinz keinen Blick für alle Reize, die sich ihm boten. Im Gegenteil: er schickte die Diener, die sich dazu hergegeben hatten, ihn in Berührung mit dem Mädchen zu bringen, einfach fort.
Er wollte seinem Vater von dem Erlebnis erzählen, doch traf er ihn in ungünstigem Augenblick. Hou-Tschou hatte soeben Kunde von dem Vorgehen der Arbeitsleiter erhalten und war sehr erregt. Da meinte Han, die Erregung nicht verstärken zu dürfen. Er schwieg. Die Gegenpartei aber war um so eifriger. War der Prinz mit solchen Mitteln nicht zu gewinnen, so mußte Gewalt angewendet werden. Oftmals wanderte Han, nur von einem Diener begleitet, in sternklaren Nächten durch die Gärten, um den Lauf der Gestirne zu beobachten.
Der treue Diener erkrankte eines Tages auf unerklärliche Weise und mußte durch einen anderen ersetzt werden. Dieser aber war ein Geschöpf der Priester und verriet ihnen jede Bewegung seines Herrn. So wurde es möglich, daß bei Nacht die Gartenpforte offenstand und ein Trupp Bewaffneter den Prinzen überfallen und fortschleppen konnte. Der Diener war allen Verdacht abzulenken, gleichfalls mitgenommen worden
Es war die gleiche Nacht, in der Lao-Tse Kiang-ning erreichte. Niemand wußte von seiner Heimkehr. Gerade, als er mit seinem Gefolge durch das große Tor einreiten wollte, sah er ein Bild vor sich: Prinz Han, der anscheinend leblos dem Flusse zugetragen wurde. Was mochte da vor sich gegangen sein? Ein innerer Aufschrei zu Gott genügte, um ihn wissen zu lassen, was zunächst zu geschehen habe. Er wendete sein Pferd, rief seinen Begleitern zu, ihm zu folgen, die Packtiere und ihre Wärter aber außerhalb des Tores warten zu lassen, und sprengte auf geradestem Wege zum Flusse. Im Geiste sah er die Stelle, die er erreichen mußte, wenn er den Bösewichtern zuvor kommen wollte. Da lag im Mondenschein eine große Barke, wie Händler sie zum Fortschaffen schwerer Lasten benutzen. „Einige von Euch müssen sich so geräuschlos wie möglich in den Besitz des Fahrzeuges setzen”, rief er.
Lai nebst einer Anzahl Diener sprangen vom Pferde und eilten auf die Barke. So sicher waren die Verbrecher gewesen, daß sie nur zwei Ruderknechte als Wache zurückgelassen hatten. Diese waren rasch überwältigt, geknebelt und gebunden, und Lao-Tses Diener versteckten sich hinter Kisten und Tauen.
Inzwischen hatte der Lama einem Teil seiner Begleiter mitgeteilt, was er befürchtete, und sie beschlossen, daß die Hälfte von ihnen auf einem Umwege gegen die Stadt zurücksprengen sollte, um so den Verbrechern in den Rücken zu kommen.
Kaum waren sie indessen abgeritten, als der Trupp mit seiner kostbaren Beute sich dem Ufer nahte. Die Bösewichter hatten nicht zu reiten gewagt, um Aufsehen zu vermeiden. Der Weg zu Fuß aber war anstrengend gewesen und die Last nicht leicht. So waren sie erschöpft, als sie endlich in der Nähe der Barke anlangten. Lao-Tse ritt ihnen entgegen, zunächst allein.
Sie erschraken, als sie ihn erkannten, und warfen die hindernde Last rücksichtslos von sich. Dadurch kehrte Prinz Hans Bewußtsein wieder und seine Augen verfolgten voll Staunen, was nun geschah. Da stand der Lama aller Lamas waffenlos aufrecht vor den Übeltätern, die blitzgeschwind zu ihren Waffen griffen.
Eine Handbewegung des Lamas wies sie zurück.
„Was treibt Ihr, arme mißleitete Menschen?” redete er sie an, aber seine Stimme klang nicht weich wie sonst, sie sprühte Zorn. „Waget es nicht, mich anzurühren! Der Gott, dessen Diener ich bin, würde jede Waffe gegen Euch selbst lenken.”
Stumm standen sie und ließen Arme und Waffen sinken. Nur einer hatte sich leise hinter den Lama geschlichen und versuchte, von hinten auf ihn einzudringen. Aber als Lao-Tse die Worte aussprach, daß jede Waffe sich gegen den Träger kehren würg stolperte der Mann und fiel in seinen krummen Dolch.
Entseelt lag er am Boden. Lao-Tse aber trat einen Schritt zur Seite, um den andern den Anblick frei zu geben.
„Sehet hier, er hat sich selbst gerichtet! So wird es jedem von Euch ergehen, der mich zu berühren wagt.”
Das Entsetzen lähmte sie alle, sie ließen sich binden und wurden von den Dienern in die Stadt zurückgebracht und in den Gewahrsam im Kaiserpalast gegeben. Der Lama aber wandte sich dem Prinzen zu, der noch kaum an seine Rettung zu glauben wagte. Ehe man im Palast auf sein Verschwinden aufmerksam geworden war, befand Prinz Han sich bereits wieder in seinen Gemächern und versuchte, sich klar zu erinnern, wie Gefangenschaft und Befreiung vor sich gegangen waren.
Lao-Tse aber wußte nun, warum Lie-Tse so stark auf baldige Rückkehr gedrungen.
Am nächsten Morgen durchschwirrten Gerüchte über die Ereignisse der Nacht die ganze Stadt. Hou-Tschou war entsetzt, als er hörte, welchem nichtswürdigen Plan seiner Gegner Lao-Tses rechtzeitiges Erscheinen ein Ende bereitet. Er konnte nicht verstehen, wie der Lama zur Kenntnis des Unheils gekommen war, und Lao-Tse hatte große Mühe, dem Kaiser begreiflich zu machen, daß nur die Verbindung mit der Lichtwelt droben derartiges ermögliche. Danach aber wünschte der Herrscher, daß die Bevölkerung der Stadt erfahre, was geplant gewesen, und wie es vereitelt wurde. Er berief seine Würdenträger zusammen und ließ ihnen alles berichten. Danach ließ er einen großen Empfang im Palast veranstalten. Zu diesen Empfängen durfte jeder kommen, der anständig gekleidet war. Immer drängten sich eine Menge Menschen herzu; denn es war üblich, daß bei solchen Gelegenheiten der Herrscher zu seinem Volke sprach.
Diesmal aber war die Schar zu groß, als daß alle im Thronsaal Platz gefunden hätten. Ratlos standen die Beamten, die die Zeremonien zu überwachen hatten, vor der Volksmenge. Endlich beschlossen sie, es dem Kaiser zu melden; denn einfach die Hälfte der Erschienenen fortzuweisen, wagten sie nicht. Als sie mit der
Meldung bei Hou-Tschou eintraten, rief dieser ihnen entgegen: „Verlieret keine Zeit mit unnützen Reden. Lasset die Wände zum zweiten Saal entfernen und richtet den Thronsitz in der Mitte auf, das wird genügen.”
Freilich genügte es, um die Massen aufzunehmen, aber die Beamten hatten Sorge, daß der Kaiser auf dem Thron nicht genügend gesichert sei, man konnte nicht wissen, was die Gegner planten. Aber Hou-Tschou wies diese Bedenken zurück.
„Beim Empfang bin ich so sicher, als sei ich von Leibwachen umgeben. Die Absperrung durch das rote Seil genügt, wie sie allen meinen Vorgängern genügt hat.”
In Eile entfernten sich die Beamten, um alles vorbereiten zu lassen. Der Kaiser, der ihnen Anordnungen gab, ohne daß sie gefragt hatten, war ihnen unheimlich.
Wenige Stunden später saß Hou-Tschou in prächtigem gelbem Gewand auf dem Thron, um ihn und hinter ihm standen seine Ratgeber, an erster Stelle Lao-Tse.
Nun wurden die Verbrecher gebracht, gefesselt, aber nicht geknebelt. Eine Reihe Bewaffneter trennte sie von den Anwesenden. Danach betrat Prinz Han den Saal und nahm unweit des Kaisers Platz. Alles ging langsam, äußerst feierlich vor sich. jede Unruhe erstickten die Diener mit den sonderbaren krummen Stäben, mit denen sie von weit her einen ihnen Mißliebigen um den Hals fassen und herausziehen konnten.
Ein Mandarin trat bis an den roten Strick und verkündete, daß der Kaiser zu seinem Volke sprechen wolle. Dann begann Hou-Tschou zu reden. Er schilderte, wie die Gegner des neuen Glaubens Lao-Tses Abwesenheit benutzt hatten, um sich wieder in den Vordergrund zu drängen. Daß ihnen dazu kein Mittel zu schlecht gewesen wäre, ja, daß sie sogar sich an der Person des kaiserlichen Thronfolgers vergriffen hätten. Der Anschlag wäre ihnen geglückt, wenn nicht der Hocherhabene selbes eingegriffen hätte. Hierauf forderte der Mandarin einen der Gefangenen auf, zu erzählen, wie es ihnen gelungen, sich in den Besitz der Person des Prinzen zu setzen.
Der Mann hoffte, durch freimütiges Bekennen sein Leben zu retten, und sprach darum ohne Scheu. Da kam auch zu daß sie den prinzlichen Diener vergiftet hatten, um eines ihrer Werkzeuge an dessen Stelle schieben zu können. Die Uruhe im Volke wuchs mehr und mehr. Immer wieder mußte des Redende minutenlang schweigen, bis die Ruhe wieder hergestellt war.
„Wir hatten alles genau erwogen, und der ganze Anschlag schien geglückt, da führte der Zufall uns den Lama in den Weg”, schloß der Erzähler.
„Nicht der Zufall war es, mein Freund,” nahm Lao-Tse das Wort. „Der Hocherhabene wollte verhindern, daß Prinz Han einem so üblen Anschlag zum Opfer fallen sollte. Euer Vorhaben hätte das ganze Volk geschädigt, das seinen Prinzen liebt, wie es seinen Kaiser verehrt.”
Rufe der Zustimmung wurden laut und lächelnd warte der Lama, bis die Erregung sich gelegt. Dann erzählte er von dem Bild, das er hatte schauen dürfen, und von aller Hilfe, die ihm geworden. „Wer ist unter Euch, der dies alles hört und nicht dabei er- kennt, daß der Hocherhabene höher und allmächtiger ist als alle Götter? Ihm ist Euer Volk wert, sonst würde er nicht immer wieder seine Macht beweisen, sonst würde er Euch in Dunkel und Sünde verkommen lassen. Danket ihm durch die Tat!”
Nun fehlte noch der Urteilsspruch über die Verbrecher, den Kaiser selbst aussprechen mußte. Er begann damit, saß diese Männer, bis auf einen, nur Ausführende im Auftrag anderer gewesen seien. Man habe sich der Rädelsführer bemächtigt, ihrer warte der Tod aller Volksfeinde. Die übrigen aber sollten Besserung geloben, und frei ausgehen.
Trotzdem man ihnen sofort die Fesseln abnahm, trauten sie ihrem Glücke noch nicht. Solche Milde und Gnade war doch unmöglich! Fragend schauten sie zum Kaiser empor, dieser aber sagte: „Wäre ich noch Diener der Götter, hätte ich anders geurteilt. Gehet heim und danket Gott.”
Wenige Tage nach diesem Geschehen ging Lao-Tse wieder in einfacher Kleidung durch eines der ärmeren Viertel. Er hatte erfahren, daß sich Frauen und Kinder dort um einen Mann zu scharen pflegten, der ihnen Geschichten erzählte. Mehr hatte man dem Lama nicht darüber sagen können, nun wollte er selbst hören und sehen.
Es war um die Zeit, da die Arbeitsstätten geschlossen wurden und die Männer heimkehrten. Sie alle schienen der gleichen Stelle zuzustreben, und Lao-Tse schloß sich mit Wuti ihnen an.
Es hatte kürzlich hier ein Brand stattgefunden, der viele Häuser vernichtet hatte. Die Trümmer waren noch nicht zur Seite geräumt. Auf ihnen saßen in Gruppen die Frauen und Kinder, die herzutretenden Männer stellten sich hinter ihnen auf. Das alles ging so selbstverständlich vor sich, als werde es schon längere Zeit so gehalten.
Mitten zwischen den Frauen, etwas erhöht auf zusammen-getragenem Gerümpel, saß ein Mann in einfacher Kleidung. Seine Gesichtsbildung verriet ihn als einen im Westlande Geborenen. Die schwarzen Haare fielen wie bei den Tibetleuten bis zur Schulter herab, nur strichen die Einwohner von Tibet sie glatt von der Stirne aus zurück, während die Westländer sie in der Mitte teilten und hinter die Ohren drückten. Lao-Tse stellte sich so, daß er gut hören, indessen von dem Manne nicht gesehen werden konnte.
Als der Zustrom der Männer beendet, begann der Erzähler, Er begleitete seine mit singender Stimme vorgetragenen Worte mit langsamen Bewegungen der sehr langen, schmalen Hände; und es war, als schüfen diese Handbewegungen alles bildhaft. Man sah, was er berichtete, deutlich vor sich.
Er erzählte Märchen, wie sie dem Kindersinn der Hörer an-gepaßt waren. Erstaunliche Begebnisse auf dem Meere und zu Lande waren es, Errettungen aus Not, Unglücksfälle, die schlechte Menschen als gerechte Strafe trafen.
In jeder der Geschichten waren es kleine Wesen, die nur Einzelne zu sehen vermochten, die Hilfe oder Strafe brachten, Atemlos lauschte die Menge. Als der Mann geendet, brachten viele Hörer ihm Gaben. Er und ein plötzlich neben ihm auftauchender Begleiter sammelten dankend, was sie erhielten, dann waren die beiden Männer auf einmal verschwunden.
Lao-Tse und Wuti mischten sich nun erst recht unter die Menge, um zu erfahren, wer der Mann sei und wo er wohne. Das wußte niemand zu sagen. Er sei eines Tages dagewesen und habe begonnen, zu erzählen. Täglich wisse er neue Geschichten, die gut zu hören seien. Aber er werde nun wohl bald weiterziehen. Die Bewohner anderer Vorstädte hätten auch schon um seinen Besuch gebeten. Das war alles, was in Erfahrung gebracht werden konnte. Sinnend ging der Lama heim. Das, was der Mann erzählte, lehnte sich eng an den zweiten Teil der ihm, Lao-Tse, zugewiesenen Aufgabe an. Hier war ein Weg, den Menschen die wesenhaften Diener Gottes nahe zu bringen!
Abend für Abend fand sich Lao-Tse bei dem Erzähler ein und lauschte seinen Märchen. Der Mann sagte kein Wort, das der Lama hätte verdammen können. Da stand es bei Lao-Tse fest, daß ihm dieser Westländer als Werkzeug in den Weg geführt worden. Nachts rief er nach dem lichten Boten Gottes, um mit ihm zu beraten. Der Bote erschien, aber er sprach nicht. Dagegen nahm er Lao-Tses Seele mit sich und zeigte ihm den Mann. Nicht mehr in einfacher Kleidung, sondern in einem Gewande, das denen der Tibetpriester ähnelte, kniete der Märchenerzähler in einer außerhalb der Stadt gelegenen Hütte vor einem Altar des Hocherhabenen. Und Lao-Tse hörte die Worte seines Gebetes:
„O Du Hocherhabener, verleihe mir, daß ich den, dem ich hier auf Erden dienen soll, bald finde! Ich bin bereit, mein Leben diesem Dienste zu weihen, denn Du selber hast es mir geboten. Aber drei Jahre lang suche ich nun schon und kann den von Dir Gesegneten nicht finden.”
Und Lao-Tses Seele trat zu dem Betenden und sprach mit ihm. Da wurde der Mann getrost und freudig und versprach, am kommenden Tag in den Kaiserpalast zu kommen. Lao-Tse aber staunte von neuem Gottes Führungen an und dankte aus tiefstem Herzen. Während er sich zergrübelte, wie er dem Volk das bringen könnte, was ihm befohlen war, hatte Gott bereits Werkzeug und Hilfe für ihn gerüstet!
Am nächsten Morgen meldete Wuti, daß der Märchenerzähler aus der Vorstadt sich eingefunden habe und den Lama aller Lamas zu sprechen begehre. Wie erstaunte er, als Lao-Tse den Mann empfing wie einen vertrauten Bekannten.
Sindhar hieß der Westländer, dessen Vorfahren bereits von dem Alleinigen Gott gewußt hatten. Er war Schreiber gewesen, aber in seiner Seele hatte nur ein Wunsch gelebt: Gott durch sein Leben dienen zu dürfen. Dieser Wunsch war zum täglichen Gebet geworden, das so ernstlich gewesen, daß es bis zu Gottes Thron vorgedrungen war. Da hatte er eine Stimme vernommen:
„Gehe in die Kaiserstadt im Reiche der Mitte und erzähle den Frauen und Kindern in den Vorstädten die Märchen, die Du hier abends Deinen Bekannten und Freunden erzählst. Dabei wirst Du den finden, dem Du Helfer werden sollst. Es ist der Wahrheitsbringer Gottes, der Dein bedarf. Dienst Du ihm recht, so dienst Du Gott.”
Schon am nächsten Tage hatte Sindhar alles verlassen und war auf die lange, lange Wanderschaft gegangen. Über hohe Berge und durch tiefe Täler mit reißenden Wassern habe sein Weg geführt, aber wiewohl ihm niemand hatte sagen können wie die Kaiserstadt hieß und wo sie zu finden, sei er doch keinen Augenblick unsicher gewesen. Es habe ihm immer geschienen als sei sein. Pfad erhellt, und ohne Fährlichkeit sei er nach beschwerlichen Monaten in Kiang-ning angekommen.
„Warum hast Du nicht nach mir gefragt, Sindhar?” erkundigte sich Lao-Tse. „Vielleicht hätte man Dich doch zu mir gewiesen, wenn Du den Wahrheitsbringer genannt hättest!”
„Herr, Du denkst wohl nicht daran, daß Gottes Befehl lautete: Erzähle Deine Märchen, dabei wirst Du ihn finden. Ich durfte nicht nach Dir fragen, sondern hatte nur ganz einfach zu erzählen. Und dabei habe ich Dich ja auch gefunden.”
Nun beschloß Lao-Tse, an diesem Abend in seiner Gewandung als Lama dem Erzählen beizuwohnen. Anfangs wollte er den dunklen Mantel umhängen, danach werde alles weitere sich von selber ergeben.
So geschah es. Neben dem Erzähler lehnte an diesem Abend die hohe Gestalt des Lamas, in den dunklen Mantel gehüllt, von niemand erkannt. Aller Augen hingen an Sindhar. Als dieser nun wieder eine Erzählung beendet hatte, in der die kleinen Wesen im Wald ein böses Tier von einem schlafenden Knaben abgelenkt und das Kind dadurch vom sicheren Tode errettet hatten, ergriff Lao-Tse das Wort:
„Was Sindhar erzählt, ist gut zu hören, nicht wahr, Brüder?” Laute Zurufe aus der Menge versicherten ihn der Zustim- mung.
„Es ist aber nicht nur angenehm zu hören, es ist auch lehrreich, denn es ist die lautere Wahrheit!”
Während dieser Worte hatte Lao-Tse den Mantel abgelegt und stand in der von allen gekannten lila Gewandung vor ihnen. Und er fuhr fort, ihnen zu zeigen, daß Gott nicht nur unter den Menschen seine Diener habe, sondern daß das ganze Weltall erfüllt von ihnen sei. In jeder Form lebten und webten sie.
„Einst konnten alle Menschen sie sehen, als die Menschen noch weniger schlecht waren und Gottes Willen erfüllten. Da waren diese kleinen und großen Wesen ihnen Freunde und Helfer, ja sogar Lehrmeister. Das war ein freudenreiches Leben; denn es ist herrlich, wenn man sich allüberall umgeben fühlt von Hilfe und Liebe. Aber die Menschen vergaßen Gottes und suchten sich an seiner Stelle Götter, die sie anbeteten. Ja, schließlich erniedrigten sie sich so tief, daß sie die aus ihrer eigenen Angst geborenen Dämonen zu Göttern machten.” Laute Rufe unterbrachen den Sprecher:
„Das sind wir gewesen!” - „Das haben wir getan!”
Allmählich trat Ruhe ein, da fragte ein alter Mann mit lauter Stimme:
„O Du großer Lama, können wir denn nicht wieder gut werden? Können wir die Verbindung mit Gottes kleinen Dienern nicht wieder erlangen?”
„Das könnt Ihr, wenn Ihr wollt in ernstem Streben”, war Lao-Tses Antwort. „Ich will nun alle Abende mit Sindhar kommen und Euch von Gottes Dienern erzählen. Ihr aber müßt Euch mühen, in Wahr-heit zu Dienern Gottes zu werden. Dann werdet Ihr mit den anderen wieder verbunden sein.”
Und wie Lie-Tse es einst vorausgesagt, so geschah es: begierig nahm das Volk die Kunde von den wesenhaften Dienern des Hocherhabenen auf. Wie eine Welle von Freude flutete es aus den Vorstädten in die Stadt selbst. Jeder sprach von dem, was ihn beglückte: von den kleinen und großen guten Geistern, die sich den Menschen hilfreich erwiesen.
Es kam vor, daß Menschen sich zu Lao-Tse drängten, um ihm mitzuteilen, daß sie tatsächlich Hilfe erfahren,. ja, einige berichteten auch, daß sie die Wesenheiten gesehen hätten. Es ward ihm aber gegeben, auch hier das Wahre vom Falschen zu unterscheiden.
Mit ruhiger Stimme antwortete er auf diese Erzählungen, wies Übertreibungen in ihre Grenzen zurück und brandmarkte Unwahrheiten. Dadurch beugte er vor, daß ein Taumel die Massen ergriff, der ungesund gewesen wäre. Es wagte nur der von diesen Dingen zu reden, dem sie zur Wahrheit geworden waren, und gerade ein solcher schwieg meist.
Es wurde dem Lama zur inneren Gewißheit, daß er nun eine Zeitlang Sindhar auf seinem Zuge durch das Land begleiten müsse, um auch an anderen Orten die Kunde in der rechten Weise zu verbreiten. Er wollte aber mit Gefolge reisen und den Westländer in dasselbe einreihen.
Als Hou-Tschou mit allem einverstanden war, bat Lao-Tse, Prinz Han möge ihn begleiten. Der Kaiser. sah sofort die ungeheuren Vorteile, die für den Thronfolger aus dieser Reise erwachsen konnten. Zog er unter Lao-Tses Führung durch das Land, so brachte ihm alles, was er sah, doppelten Nutzen, es wurde gleich in der rechten Weise ausgedeutet. Unbeschreiblich viel konnte Han dabei lernen.
Er selbst war mit Freuden zu diesem Ritt bereit, denn je älter er wurde, um so mehr bedrückte ihn die halbe Untätigkeit, zu der er an des Vaters Hof verdammt war. Wohl lernte er und arbeitete mit den Geringsten seines Volkes, aber wenn er sah, wie rastlos tätig der Vater um des Volkes Wohl bemüht war, so stieg in ihm ein großes Verlangen empor, es ihm gleichtun zu dürfen.
Immer wieder war es dem Lama gelungen, solcher Stimmungen bei dem Prinzen Herr zu werden, aber auch Lao-Tse verhehlte sich nicht, daß hier wertvollste Kräfte brachlägen. Nun konnte die Rei-se, die viele Monate währen mußte, dem abhelfen.
Der Kaiser aber war neugierig geworden, als er so viel von dem Märchenerzähler hörte, ohne ihn je gesehen zu haben. Er verlangte, daß Sindhar vor der Abreise seinen Wohnsitz im Palast nähme und jederzeit erzählte, sobald der Kaiser es wünschte.
Der Westländer war gern bereit und besann sich auf seine schönsten Märchen. Das erstemal hatte Hou-Tschou niemand zum Zuhören aufgefordert als seine Söhne und Lao-Tse. Wunderbar ergriffen fühlte er sich sowohl von dem, was da berichtet wurde, als noch mehr von der Art, wie Sindhar sprach.
„Sind alle Leute Deines Volkes wie Du?” fragte er den Erzähler, nachdem dieser geendet.
„Herr, nicht alle glauben an Gott. Wir sind nur sehr wenige, die ihn erkennen durften. Aber diese werden wohl genau so sein wie ich. Ich weiß es nicht.”
„Wodurch hörtet Ihr von Gott, dem Hocherhabenen ?” fragte Hou-Tschou weiter.
„Meine Vorfahren wußten schon von ihm. In unserer Familie hat sich dies Wissen bis auf den heutigen Tag erhalten. Man sagt, vor langen Zeiten sei ein Wahrheitsbringer in Gottes Auftrag durch unser Land gezogen.”
„Ob wohl Gott, der Herr, jedem Volk einmal Gelegenheit gibt, von ihm zu hören?” sann der Kaiser. Prinz Han antwortete rasch: „So wird es sein. Gott ist die Gerechtigkeit, da kann er nicht zulassen, daß es Völker gibt, die nichts von ihm wissen dürfen. Ein Volk erfährt früher von ihm, das andere später, aber einmal erfahren sie alle von dem, was ihre Seelen rein machen kann.” „Warum bekommen nicht alle gleichzeitig davon zu hören?” erkundigte sich einer der jüngeren Prinzen, gab aber gleich selber die Antwort auf seine Frage: „Wahrscheinlich hängt es von der Reife ab, die ein Volk erreicht hat. Wer es noch nicht verstehen kann, dem läßt Gott auch noch nichts sagen.”
Es wurde nun beschlossen, daß Sindhar alle Abende vor dem Kaiser erzählen sollte, bis die Zeit der sorgfältig vorbereiteten Abreise gekommen. Die Vornehmen wurden aufgefordert, zuzuhören, und täglich fanden sich mehr Lauschende ein. Jedesmal sprach dann auch Lao-Tse und schaffte Bahn in den Seelen zum Verständnis des Ineinanderwirkens aller Gotteskräfte.
„Du gehst, mein Freund”,. sagte Hou-Tschou am letzten Abend zu dem Lama, der abschiednehmend vor ihm stand. „Du lässest mich wieder allein, und mir will bange werden. Immer noch habe ich nicht genügend gelernt, mich von Gottes Stimme führen zu lassen.” „Du wirst es in diesen Monaten lernen, mein Kaiser”, war Lao-Tses zuversichtliche Antwort. Es war eigen: wenn der Lama etwas mit der ruhigen Bestimmtheit aussprach, die ihm eigen war, glitt Zuversicht und Frieden auch in die andere Seele hinüber. Erregung und Kleinmut konnten nie lange bleiben, wo er anwesend war.
Ein stattlicher Zug zog am nächsten Tage aus dem Haupttore von Kiang-ning ins Weite. Alle Teilnehmer waren erwartungsvoll und froh. Neues gab es zu sehen und zu erleben! Da war wohl niemand, der nicht gern mit ihnen getauscht hätte.
Prinz Han ritt an Lao-Tses Seite und staunte, welch meisterlicher Reiter sein Lehrer war. So bewundernd blickte er den Lama an, daß dieser schließlich lächelnd sagte:
„Du meintest wohl, Han, ich könne nicht reiten?”
„Daß Du reiten kannst, wußte ich, sonst hättest Du die Sänfte dem Sattel vorgezogen. Aber ich konnte mir nicht denken, daß Du auch in dieser Kunst Meister bist.”
„Wer sich stets bemüht, alles, was er tut, so gut zu tun, wie es irgend möglich ist, wird auch das meistern können, was sonst fernab seiner gewöhnlichen Arbeit liegt.”
Nach vorher festgelegtem Plan ritten sie von Ortschaft zu Ortschaft, von Stadt zu Stadt. Überall schuf Sindhars Erzählkunst den aufnahmebereiten Boden für Lao-Tses Lehren. Aber die vorgesehene Zeit reichte bei weitem nicht aus. Nirgends wollte man die Künder fortlassen, überall bat man, noch zu bleiben. Und oft waren die Gründe hierfür so triftig, daß Lao-Tse einwilligen mußte.
Er tat es gern, solange seine Seele bei nächtlicher Umschau in Kiang-ning keine Veranlassung zu beschleunigter Heimkehr fand. Hou-Tschou führte die Zügel der Regierung mit fester Hand. Strenger war er geworden, seit der milde Ratgeber an seiner Seite fehlte. Es war gut so: niemand würde wagen wie in früheren Zeiten, Verschwörungen anzuzetteln.
Von Zeit zu Zeit sandte Lao-Tse einen Boten mit Nachrichten in den Kaiserpalast. Dabei schrieb er oft von Vorkommnissen, die sich während seiner Abwesenheit zugetragen, so daß der Kaiser beruhigt wußte, die Verbindung zwischen ihm und dem Lama sei durch nichts unterbrochen.
Über zwei Jahre dauerte nun schon die „Märchenfahrt”, wie der Prinz die Reise nannte. Keinem der Teilnehmer erschien sie zu lang. Sie waren nun in den Osten des Landes und damit an die Meeresküste gekommen, in die Gegenden, wo einst Lao-Tse die Dämonen-Angst vertrieben hatte.
Regen Fleiß fanden sie dort. Es waren in fast jeder größeren Ortschaft Arbeitsstellen entstanden, in denen entzückende Sachen aus Kao-ling angefertigt wurden. Noch nirgends hatten die Reisenden Schöneres gesehen. Hauchdünn waren die Schalen, zierlich die Malereien, die längst schon von Männern an den Arbeitsstätten selber ausgeführt wurden.
Dämonen und Drachen wurden mit dem Pinsel festgehalten, aber immer in einer Art, die zeigte, daß die Malenden sie weder anbeteten noch in Angst vor ihnen vergingen. Es war vielmehr wie das befreite Lachen von Kindern über ausgestandenen Schrecken, das die Pinsel führte.
Gern wanderten Lao-Tse und Han durch diese Arbeitsstellen und beschauten alles. Da fiel ihnen auf, daß unter den Arbeitenden mehrfach Leute eines fremden Volkes zu treffen waren. Kleiner waren sie als die Söhne des Reiches der Mitte, behender und schlanker. Ihre Augen, die schiefer standen und nur wie Schlitze im Gesicht erschienen, blickten forschend, gierig und listig in die Welt. Befremdet erkundigte sich Lao-Tse nach den Fremden und erfuhr, daß sie mit Schiffen gekommen seien. Zuerst seien solche fremde Gäste nur erschienen, um Waren zu kaufen. Anfangs hätten sie mehr bezahlt, als die tibetanischen Händler, dann aber hätten sie immer weniger geben wollen, bis die Leiter den Verkauf verweigert hätten. Plötzlich seien sie als Arbeiter angetreten. Es sei niemand recht; denn die Fremden wollten nichts von Gott wissen und machten sich auch über die Sitten und Gebräuche lustig, aber man habe nicht gewußt, wie man ihrer Herr werden solle.
„Aber merkt Ihr denn nicht, Leute,” rief Lao-Tse, „daß diese Fremden Euch listig Eure Kunst absehen, um sie dann in ihrem Land ausüben zu können?”
„Bringt uns das Schaden?” wollten die Männer wissen. „Freilich bringt das unserm Volk Schaden, dem die kleinen Diener Gottes diese wundervolle Kunst gezeigt haben, damit es eine Quelle des Einkommens habe für alle Zeiten.
Zahlreich ist unser Volk, wie die Sandkörner hier zu meinen Füßen. Wir müßten alle verhungern, wenn wir nicht für unsere Arbeiten Lebensmittel eintauschen könnten. Lehren wir aber andere Völker unsere Kunst, so werden sie nichts mehr von uns tauschen, und der Hunger, den die Wesenhaften abwehren wollten, wird Sieger sein in unserm Lande.
Rechtzeitig führte Gott mich hierher, um weiteres Unheil zu verhüten. Im Namen des Kaisers gebiete ich, daß alle Fremden die Arbeitsstätten verlassen. Nur Söhne unseres Volkes und Anbeter des Wahren Gottes dürfen fortan hier Beschäftigung finden.” Die zusammengerufenen Leiter der nächsten Arbeitsstellen wurden angewiesen, diesem Gebot entsprechend am nächsten Morgen die Fremden fortzuschicken.
Es war überflüssig: niemand kam. Spurlos waren die lästigen Ostländer verschwunden samt ihren Schiffen. Nun gab Lao-Tse Anweisung, daß keine Stadt mehr solche Leute durch ihre Tore lassen sollte. Der Verkauf der Arbeiten konnte nach wie vor durch die tibetanischen Händler geschehen, die allen wohlbekannt waren. Der Lama fürchtete, daß die schlauen Füchse auch auf andere Art sich das Wissen um die Kunst zu eigen machen könnten, wenn sie nur erst im Lande waren. Das sollte ihnen gewehrt werden. Wohin er kam, sprach Lao-Tse in den Städten und mit den Leitern in diesem Sinne und fand überall offene Ohren und bereite Herzen. Prinz Han aber hatte inzwischen an einer Arbeitsstelle mit-gearbeitet, an der hauchdünne Schalen hergestellt wurden. Doch wie er sich auch mühte, er brachte es nicht fertig, das Kao-ling so fein auszudrehen. Da sagte ihm ein alter Arbeiter, daß einmal ein kleiner Mann bei ihnen gewesen, der ihnen gezeigt habe, daß sie noch eine andere Erdart beimischen müßten. Seitdem würden ihre Arbeiten so besonders zart.
Han belehrte die Leute, daß dies sicherlich einer der wesenhaften Diener Gottes gewesen sei. Doppelt schade sei es, daß dessen Unterweisung nun auf das fremde Volk übergegangen. Das stärkte den Entschluß der Männer, künftig keinen Fremden mehr zu dulden. „Konntet Ihr nicht auch etwas von den Fremden lernen?”erkundigte sich Han.
Die Männer verneinten. Obwohl die Ostländer sich viel besser und weiser gedünkt, seien sie doch lässig in ihren Sitten gewesen, vor allem habe man ihren glatten Worten niemals trauen dürfen. „Herr, sie lügen!” schloß der Mann überzeugt. -
Das dritte Jahr ging seinem Ende zu, da ritt eines Tages der lange Zug der Reisenden durch Kiang-nings Haupttor, überall freudig von der Menge begrüßt. Viel hatten sie gesehen und erlebt, viel gab es zu erzählen, zu berichten und zu fragen. Ganz Kiang-ning war noch tagelang wie ein aufgestörter Haufen der kleinen Waldameisen, und überall zeigte sich Freude.
Nur in Prinz Hans Seele saß ein Stachel, der ihm manche trübe, zum mindesten nachdenkliche Stunde bereitete. Er meinte, sein Denken genügend beherrschen zu können, daß niemand etwas davon merkte, aber er hatte nicht mit Lao-Tses Seele gerechnet. Sie ging der seinen nach und versuchte, den Verzagten zu stärken und ihm unauffällig den Weg zu weisen, auf dem er zu innerer Befriedigung gelangen konnte.
Eines Morgens trat Han in Lao-Tses Gemach, noch ehe es Zeit zu ihrer gewöhnlichen Aussprache war. Er schien von einem Gedanken ganz erfüllt zu sein, und der Lama wußte, daß nun seine stille Aussaat aufgegangenn war.
Es bestand ein großer Unterschied zwischen Hou-Tschou und seinem Sohne. Wenn der Kaiser etwas auf dem Herzen hatte, so sagte er es ohne Umschweife. Schon in den. ersten. Minuten ihres Zusammenseins wußte Lao-Tse, weswegen der Herrscher zu ihm gekommen.
Han aber begann stets von völlig anderem zu reden, und viel kostbare Zeit ging verloren, bis man endlich über die Hauptsache sprechen konnte. Oftmals hatte der Lama den Prinzen darauf aufmerksam gemacht, aber ohne Erfolg. Drängte man ihn aber, zur Sache zu kommen, so verlor Han allen Mut von dem zu reden, das ihn beschäftigte.
So ging es auch diesmal. Han fragte nach den Schriften, die auf dem Tische des Lamas lagen, erzählte, wie seine Brüder sich nicht genug tun könnten mit Ausfragen über die lange Reise Lao-Tse wartete geduldig. Endlich holte der Prinz tief Atem und sagte: „Meinst Du nicht auch, ich sei zu alt, um ein so untätiges Leben zu führen wie vor unserer Reise?”
Als der Lama schwieg, fuhr Han fort:
„Ich habe immer gesonnen, wie ich das ändern könnte. Nun ist mir aber in den letzten Nächten irgendwie geholfen worden. Ich habe endlich einen Weg gefunden, der richtig zu sein scheint. Fu-Kung, der seither die Würde des Schatzmeisters bekleidete, ist sehr alt geworden. Ich hörte, er wolle den Kaiser bitten, daß er sein Amt niederlegen dürfe. Meinst Du nicht, Lao-Tse, ich dürfe den Vater anflehen, mich an diese Stelle treten zu lassen?”
Dringlich sagte es der junge Prinz, die Augen unterstützten seine Worte. Lao-Tse freute sich: Gerade dieser Posten ließ den künftigen Kaiser wichtige Einblicke tun, die ihm später nützlich sein würden. Han war alt genug, eine solche Verantwortung auf sich zu nehmen, und auch äußerst gewissenhaft. Trotzdem wollte der Lama seinem ehemaligen Schüler das Weittragende seines ,Wunsches vor Augen führen.
„Hast Du bedacht, Han,” fragte er, „daß dieses Amt eins der verantwortungsvollsten und schwersten ist? Es wird Dir wenig Zeit bleiben für Studien, Ausritte und dergleichen. Du wirst ja nicht nur die Schätze zu verwalten haben, die dem Reich, also dem Volk gehören, sondern Du wirst alle Gelder in Empfang nehmen, alle Zahlungen machen und über alles Rechenschaft ablegen müssen. Es geht nicht an, daß Du Dich auch nur bei einer einzigen dieser Pflichten vertreten läßt. Beamte darfst Du haben, aber Du selber mußt ihre Arbeiten überwachen und genau wissen, wieviel Gelder täglich durch Deine Hände gehen.”
„Das habe ich mir ganz genau so vorgestellt”, erwiderte Han frohgemut.
Daraus, daß der Lama ihm kein glattes „Nein” entgegengehalten, schöpfte er die Hoffnung, den Ratgeber des Kaisers als Verbündeten zu gewinnen, falls der Vater Schwierigkeiten in seinen Weg legen würde.
Und nun kam auch die Bestätigung dieser Hoffnung. Lao-Tse schaute freundlich auf den Jüngling, der um ein nützliches Glied des Ganzen zu werden, willig Wohlleben und Vergnügungen aufgab, und sagte:
„So wollen wir zum Vater gehen, Han, ehe er Kunde von Fu-Kungs Absichten erhält. Es könnte sonst: sein, daß er schon jemand anderen das Amt versprochen hat und sein Wort halten muß.” Gemeinsam, gingen sie zu Hou-Tschou. Dort überließ der Lama dem Prinzen das Wort. Han mußte selber den Vater bitten, der nicht wenig erstaunt war über des Sohnes Entschluß. Er ließ ihn ausreden, stellte danach fast dieselben Fragen wie der Lama und sagte schließlich:
„Als ich so alt war wie Du jetzt,, da war ich freilich schon Kaiser, aber nur dem Namen nach. Du kennst meine Lebensgeschichte und weißt, wie schmählich Wen mich ausnützte. Was ich damals empfunden, macht mir Deinen Wunsch verständlich, und darum gewähre ich Deine Bitte.
Aber verstehe recht: Du kannst nicht heute Schatzmeister werden und dann, wenn Dir die Arbeit oder die Verantwortung zuviel wird, wieder abdanken. Nur mein Tod oder der Deine machen Dich frei von den Banden, die Du selber Dir auferlegst. Denn daß mein Sohn sein Amt schlecht ausüben könnte und darum vorzeitig abberufen werden müßte, das ist eine Annahme, die außer dem Bereich jeder Möglichkeit liegt.”
Hocherfreut dankte Han dem Vater, und es wurde verabredet, daß er sofort nach Fu-Kungs Abdankung den Räten als Nachfolger vorgestellt werden sollte. Inzwischen wollten sie von der Angelegenheit schweigen. Der Prinz bat, ob er unter Fu-Kungs Leitung zuerst noch sich einarbeiten dürfe. Hou-Tschou überlegte und gewährte dann die Bitte, doch wollte er erst Fu-Kungs Abschied abwarten, um den alten, verdienten Mann nicht aus dem Amt hinaus zu drängen. Wenige Tage später aber legte der Alte Siegel und Schriften in seines Kaisers Hand zurück, aus der er sie empfangen. Gern übernahm er es, den Prinzen mit allen Obliegenheiten bekannt zu machen, bat nur; daß Han möglichst rasch sich einarbeite. Gleich am folgenden Tag trat der Prinz sein neues Amt an, das ihm viele Arbeit und Sorgen machte, ihn aber tief befriedigte.
Aus dem Osten des Landes kamen Boten, die Klagen der Städte und Ortschaften brachten. Die Ostländer, denen der Eintritt in die Städte erfolgreich verwehrt worden sei, landeten jetzt irgendwo an den Küsten und versuchten, sich in der Kleidung des Landes den Arbeitsstellen zu nahen. Wo ihnen das nicht gelänge, hätten sie bereits mehrmals Männer geraubt, wahrscheinlich um sie mit in ihr Land zu nehmen und von ihnen gegen Entgelt oder mit Gewalt die Herstellungsweise zu erfahren.
Schatzmeister Han war gerade beim Kaiser, als wieder derartige Nachrichten kamen. Erregt rief Hou-Tschou aus: „Was kann man gegen dieses Raubgesindel tun?” Nachdenklich entgegnete Han: „Wir müßten eine hohe Mauer längs der Küste aufführen lassen, damit die Räuber gehindert würden, bei uns einzudringen.” „Das ist ein sehr guter Gedanke”, sagte Lao-Tse. „Die Klo-stergründe in Tibet sind zu dem gleichen Zwecke von hohen Mauern umgeben. Vor einigen Nächten sah ich im Geiste solche Mauer, gegen die Gewaffnete vergebens anstürmten. Selbst wenn die Ostmänner mit Waffengewalt kämen, würde die Mauer ihr Vorhaben nichtig machen.”
Hin und her wurde beraten, dann aber sagte der Kaiser den Boten rasche Abhilfe zu und sandte Baumeister, die die Mauern aufführen lassen sollten.
„Soweit unser Land vom Meer umspült wird, muß die Mauer gehen”, befahl er.
„Das genügt nicht”, warf Lao-Tse ein. „Die Männer sind listig wie die Füchse. Sie würden bei Nacht einfach im Nordreich landen und von dort in unser Land eindringen. Wir müssen von der Meermauer noch ein Stück landeinwärts bauen lassen. An die Ecke muß ein fester Wachtturm gestellt werden, damit man das Land vor der Mauer nach beiden Seiten überschauen kann. Ein ebensolcher Turm muß jedesmal da entstehen, wo unten in die Mauer ein Tor kommt, denn wir können unser Land nicht ganz vom Meere abschneiden.”
„Was machen wir da, wo unser Fluß ins Meer mündet?” fragte Han. „Wir können ihn doch nicht verbauen!”
„Eine so kurze Strecke wird vielleicht auch ohne Mauer zu bewachen sein”, meinte der Kaiser. „Es soll den Ostmännern wohl schwer werden, flußauf zu fahren.”
Mit den erforderlichen Geldmitteln ausgerüstet, verließen schon nach kurzer Zeit Baumeister und Handwerker Kiang-ning, um sich zu Schiff flußabwärts ans Meer zu begeben. Die Arbeiter wollten sie in der dortigen Bevölkerung anwerben, ebenso hofften sie, die nötigen großen Steine vorzufinden.
Gern hätte Han sie begleitet, es lockte ihn gewaltig, bei dem Bau der Mauer, die sein Gedanke gewesen war, die oberste Aufsicht zu führen, aber sein Amt hielt ihn fest. Es war das erste Mal, daß er es als ein wenig lästig empfand. Aber tapfer überwand er diese Regung.
Auf Lao-Tses Rat hatte man mit dem Bau der Mauer an zehn verschiedenen Stellen begonnen, so daß mehr oder weniger die ganze Küste belebt und dadurch bewacht war. Als die Leute erst merkten, daß das Bauwerk zum Schutz ihrer Arbeitsstellen und ihrer selbst errichtet wurde, halfen alle, die entbehrlich waren. Es machte ihnen Freude, den listigen Fremden die Pläne zu vernichten. Wie die Kinder lachten und scherzten sie bei ihrer Arbeit, und je höher die Mauer wuchs, desto froher wurden die Bauleute. Aber es dauerte lange, bis nach Kiang-ning gemeldet werden konnte, daß von den zehn Bauwerken etwas sichtbar war. Steine mußten gehauen und zurechtgeschlagen werden. Unmittelbar am Meer aber waren sie nicht zu finden. Weit hinein ins Land mußte man gehen, und das Abschleppen der Steintrümmer kostete Kraft und Zeit. Unverdrossenheit notwendigen Arbeiten gegenüber aber war eine der Haupttugenden der Söhne des Reiches der Mitte. Niemals wurde ihnen irgend etwas zuviel, was die Baumeister verlangten. Auch als die Arbeitsstellen für Kao-ling-Sachen zeitweise geschlossen werden mußten, weil alle Männer bei dem Bau gebraucht wurden, gab es keine Klagen. Vielleicht war es ganz gut, daß etwa sich einschleichende Fremde nichts mehr zum Absehen vorfanden! Längst schon hatte Lao-Tse durch Gottes lichten Boten erfahren, daß die Erbauung der Mauer mit dem Willen des Allerhöchsten in Einklang stehe. Ja mehr noch: oftmals wurden ihm nachts Verbesserungen gezeigt, die anzubringen seien, manchmal erfuhr er auch ganz Neues.
So kam eines Nachts der Befehl, die Mauer so breit zu machen, daß zwei Wagen einander darauf ausweichen könnten. Hou-Tschou sah das Praktische dieser Anordnung sofort ein und gab die Weisung an die Baumeister weiter.
Da enstand Bestürzung; denn lange Stücke der Mauer waren begonnen, etwa ein Drittel in der gewünschten Breite. Was tun? Man konnte doch nicht alles einreißen!
Ein besonders geschickter Bauleiter kam auf den Gedanken davor zu bauen. Das geschah. So hoch die Mauer gerade stand, wurde die erforderliche Breite darangefügt und dann auf beiden Untergründen weitergebaut. Daher staunten spätere Geschlechter das Unbegreifliche an, daß die Mauer am Meere an manchen Stellen im Unterbau aus zwei verschiedenen Bauwerken zu bestehen schien. Prinz Han aber erwog in Gedanken, ob es nicht zweckmäßig sei, das ganze Land mit solcher Mauer zu umziehen. Sein Vater verspottete ihn. Das Land war genugsam geschützt durch die hohen Berge, die es lange Strecken weit umgäben. Noch sei es keinem Nachbar eingefallen, feindlich in das Land einzubrechen. Aber Han, der viele alte Schriften gelesen hatte, bewies den Kaiser, daß das bereits verschiedene Male geschehen war. Und was einst sich zugetragen, könne wieder eintreten.
„So baue die Mauer, wenn Du einmal Kaiser sein wirst”, gewährte Hou-Tschou gutgelaunt. „Ich habe andere Baupläne.” Erstaunt schauten Han und Lao-Tse den Sprecher an, der sich an ihrem Staunen weidete. Dann begann er:
„Ehe ich mein Amt niederlege, möchte ich dem Hocherhabe nen, dessen Kraft uns alle so gnädig geleitet hat, meine Dankbarkeit beweisen und zugleich meinem Volk ein Zeichen geben, daß sie Gottes nicht vergessen dürfen. Ich möchte. deshalb hier in Kiang-ning einen ganz großen Tempel erbauen, wie unser ganzes Reich keinen solchen aufzuweisen hat.
Ich habe viel darüber nachgedacht und sowohl die Stelle aus-gesucht, wo er stehen soll, als auch die Steine, aus denen die Wände bestehen sollen. Ich will sehen, ob einer meiner Baumeister imstande ist, mir ein Bild zu zeichnen, das dem ähnlich sieht, was vor meinen Augen stehet.”
Und Hou-Tschou ließ die geschicktesten Bauleute kommen, teilte ihnen seine Absicht mit und hieß sie, Zeichnungen anzufertigen. Aber nichts, das sie machten, konnte ihn befriedigen. Da ließ er im ganzen Lande verkünden: wer das richtige Bild des künftigen Tempels bringe, solle reich belohnt werden.
Aus allen Gegenden kamen Zeichnungen, schwarze und farbige. Sie stellten eine Pagode in abgeänderter Form dar, so daß das Bauwerk auf Schönheit keinen Anspruch mehr machen konnte, oder sie legten die Form ihrer Wohnhäuser zugrunde, reich bemalt und geschmückt, und auch das gefiel dem Herrscher nicht:
Er konnte das, was vor seinem geistigen Auge stand, nicht beschreiben. Sobald er anfing, davon zu reden, verwischte sich ihm das Bild, und der Hörer konnte nicht begreifen, wie das, was Hou-Tschou schilderte, ausführbar sei.
Da wurde eines Tages bei Lao-Tse ein Mann gemeldet, der ein Schreiben von Fu-Tse überbrachte. Der Oberlama schrieb, daß der Bote ein grundgelehrter Mann sei, der von weit her ins Bergkloster gekommen. Sie hätten ihn gern bei sich gesehen; denn man könne viel von ihm lernen. Er aber habe weitergestrebt und sich nicht halten lassen. Wohin er aber wollte, habe er nicht gesagt, es erwecke den Anschein, als wisse er es nicht. Da habe Fu-Tse ihn an den Lama aller Lamas gewiesen, vielleicht könne dieser ihm helfen. Lao-Tse betrachtete den Mann. Es war eine hohe, aufrechte Gestalt mit geschmeidigen Gliedern. Das Haar, das er nach Art der Tibetaner trug, umrahmte ein edelgeschnittenes Gesicht von heller Hautfarbe.
Die Kleidung war sauber und von gutem Stoff, aber völlig anders als sie im Reich der Mitte oder in Tibet getragen wurde. Lange bis auf die Knöchel reichende enge Hosen umschlossen die Beine und reichten nach oben bis unter die Arme. Darüber trug der Mann eine kurze Jacke aus dem gleichen Stoff. Auch diese legte sich eng an den Körper an. Darüber hing ein faltenreicher, sehr langer Mantel. Der Kopf war unbedeckt.
„Wie nennst Du Dich?” fragte Lao-Tse den Gast.
„Nenne mich Hai-Wi-Nan, so wird es recht sein”, gab der Mann in eigenartigen Kehllauten zurück.
„Wo kommst Du her?” forschte Lao-Tse weiter.
„Das will ich Dir sagen, nachdem Du mir eine Frage beantwortet hast, von der sehr viel abhängt.”
Der Lama fühlte sofort, daß etwas Besonderes an dem Manne sei. Er nickte Gewährung.
„Sage mir: aus welchem Lande stammten Deine Vorfahren?” „Mein Vater nannte das Land Tarim, aber ich weiß nicht, ob er den Namen richtig übernommen hat, und ich weiß nicht, wo das Land liegt.”
Da warf der Fremde sich auf die Knie vor Lao-Tse und ergriff den Saum seines Gewandes.
„So bin ich endlich am Ziel!” rief er erfreut aus. „Auch ich bin aus Tarim, das durch hohe Berge von Tibet geschieden ist. Ich sollte den suchen, dessen Vorfahren aus unserm Lande ausgewandert waren, damit dem Reich der Mitte jetzt ein Wahrheitsbringer erstehen könne. Dem Hocherhabenen sei Dank, daß meine Augen Dich schauen dürfen.”
„Und warum solltest Du mich suchen, Hai-Wi-Nan?” erkundigte sich der Lama, dessen Seele ein Ahnen erfüllte, daß hier wieder ein gottgesandtes Werkzeug vor ihm stehe. „Ich soll hier im Lande Gott dem Allmächtigen einen Tempel bauen, wie er vorzeiten in dem Unseren stand. Herrlich und prächtig soll er werden. Sieh hier das Bild!”
Mit diesen Worten zog der Tarim-Mann eine Rolle aus dem Gewand und entfaltete sie. Lao-Tse entfuhr ein Ausruf freudigsten Staunens. Was er da sah, waren die Umrisse des Tempels, den er nachts oft von weitem erblicken durfte, hoch oben in den ewigen Gärten. Es mußte eine sehr genaue Nachbildung des hehren Bauwerkes sein.
„Gefällt es Dir?” fragte der Mann erfreut. „Darf ich es bauen?” „Wir müssen sofort zum Kaiser gehen. Ich bin sicher, er wird Dich von Herzen willkommen heißen.”
Sie gingen zu Hou-Tschou, der seinen Augen kaum zu trauen wagte, als er das Bild, das ihm geistig vor Augen schwebte, nun auf dem Pergament sah. Lao-Tse erzählte ihm, woher der Mann stamme und wie er hierher gelangt.
„Du mußt sofort mit dem Bau beginnen, Hai-Wi-Nan”, sagte der beglückte Herrscher, „Such Dir Helfer und Handlanger, fordere die Summen, die Du zu Deiner Arbeit brauchst und karge nirgends, vor allem aber setze auch Deinen Lohn fest.”
„Wenn ich hier baue, so geschieht es im Auftrag des Hoch-erhabenen. Ihm dienen zu dürfen, ist mir Lohn genug. Laß mich irgendwo wohnen und gib mir Unterhalt, dafür will ich Dir dankbar sein, mehr nehme ich nicht.”
Hou-Tschou wollte jetzt nicht in den Fremden dringen, aus Angst, dieser könne wieder gehen. Später würde er doch wohl wegen des wohlverdienten Lohnes mit sich reden lassen. So ließ er ihm Wohnung im Palast anweisen, damit er jederzeit zur Hand sei, wenn der Kaiser ihn zu sprechen wünschte. Danach brachte er ihn selbst an den für den Tempel ausersehenen Platz. Aber der Baumeister schüttelte das Haupt.
„Gottes Tempel muß frei stehen, nicht überall von Häusern und Alltagsgetriebe beengt sein”, sagte er sehr bestimmt. „Laß mich Dir einen Platz weisen, der mir gestern beim Kommen aufgefallen ist.” Und er führte Hou-Tschou und Lao-Tse aus der Stadt hinaus gegen einen Wald von Palmen hin. Es fiel ihm gar nicht ein, daß er den Kaiser damit zwang, zu Fuß zu gehen, ihn, der sich am liebsten in einer Sänfte tragen ließ.
Lao-Tse hatte zuerst daran gedacht, die Pferde kommen zu lassen, aber als Hou-Tschou in seinem Eifer selbstverständlich mit dem Fremden ging, da unterließ er die Fürsorge und freute sich. Nun waren sie an der von Hai-Wi-Nan bezeichneten Stelle angelangt. Es war ein großer, fast kreisrunder, freier Platz im Walde. Hohe Palmen neigten ihre Wipfel, ein kleiner Fluß plätscherte unweit vorüber. Merkwürdig war, daß der große Platz von festen, hohen Steinen eingefaßt erschien. Wie in den Boden eingegraben standen sie aufrecht und trotzig da.
„Gefällt Dir die Stelle, Kaiser?” fragte Hai-Wi-Nan.
Hou-Tschou bejahte. Er war wie in einem Bann. Alles, was er im Geiste gesehen, schien sich verwirklichen zu wollen. Er hatte nicht gewußt, daß es einen Ort hier so nahe seinem Palaste gab, der so vollkommen dem geistigen Vorbild entsprach.
Lao-Tse aber kannte diesen Ort. Oftmals war er hier gewesen, wenn seine Seele sich nach ruhe und Stille gesehnt hatte. Aber doch mutete er ihn fremd an. Was war nur so anders? Jetzt plötzlich wußte er es: er hatte niemals diese Steineinfassung gesehen. „Seit wann stehen die Steine hier?” wollte er wissen. „Seit ich hier vorüberritt”, war Hai-Wi-Nans Antwort. „Wir waren so sicher, daß der Tempel hier gebaut werden würde, daß ich sie gleich aufstellen ließ.”
„Und wer hat diese riesigen Blöcke herbeigeschafft und eingegraben in so kurzer Zeit?” fragte Hou-Tschou etwas mißtrauisch. „Schaue dorthin, Kaiser”, deutete der Fremde. „Dort stehen sie, Gottes wesenhafte Diener, die Tag und Nacht am Werke waren, damit heute schon der Platz Deines Besuches würdig ist.”
Des Kaisers Geistaugen wurden aufgetan, er sah riesige Ge-stalten, die zwischen den hohen Palmen standen und ihn erwartungsvoll anblickten. Trotz ihrer übermenschlichen Formen hatten sie nichts Furchteinflößendes. Kindliche Gesichter schauten ihn an. „Kommet her, Ihr Großen!” rief der Kaiser erfreut. „Lasset Euch danken!”
Sie traten auf den freien Platz, aber sie sprachen. kein Wort, dagegen sprach Hai-Wi-Nan wieder:
„Sie möchten gern weiter helfen am Werk, wenn Du, Kaiser, es erlaubst. Ich brauche aber noch andere Arbeiter. Wird Dein Volk mit diesen zusammen arbeiten können?”
Da erzählte Lao-Tse dem Baumeister, wie das Volk der Mitte schon lange von den Dienern Gottes wisse. Mit Freuden und in hohem Glück werde jeder mit ihnen schaffen, der dessen gewürdigt werde.
Rasch wurde nun alles Notwendige bestimmt und bald begann ein rastloses Arbeiten in der Waldlichtung. Kostbare Steine aus weit entlegenen Brüchen brachten die Riesen herbei und stellten sie auf, wie Hai-Wi-Nan sie anwies.
Die Menschen mußten die Steine zusammenfügen und die Kleinarbeit machen. Bald hatten sie jede Scheu vor den Gottesdienern verloren. Fröhlich arbeiteten sie miteinander. Scherz und Freude begleitete das Werk.
Überall aber im Lande waren Künstler rastlos tätig, nach den Weisungen Hai-Wi-Nans für den notwendigen Schmuck des Gottestempels zu sorgen. Wieder kochte das ganze große Reich in emsigem Schaffen. Jeder wollte etwas dazu beitragen, daß das Werk Gottes würdig werde, jeder wollte daran mitarbeiten. Die Regsamkeit schuf Freude und Frohsinn. Es war keine Zeit zu kleinlichem Streit untereinander, Frieden herrschte in den Jahren, da der Tempel entstand.
Es war Hou-Tschous liebste Erholung, nach den Beratungen mit seinen Mandarinen sich zum Tempelplatz zu begeben. Meist schritt er zu Fuß wie das erstemal. Als Lao-Tse ihn einmal fragte, warum er nicht lieber reite, sagte er fast verlegen:
„Es kommt mir anmaßend vor, wenn ich die Stelle, da Gottes Heiligtum stehen soll, anders als zu Fuß betrete.”
Natürlich mußten nun auch alle, die ihn begleiteten, auf Pferde oder Sänfte verzichten.
Jeden siebenten Tag ließ Hai-Wi-Nan die Arbeiten ruhen. Das war etwas ganz Neues im Reiche der Mitte, und auch in Tibet hatte Lao-Tse das nicht gefunden. Er befragte den Baumeister, warum er das tue, und dieser erklärte ihm, daß Gott es seinem Volk so befohlen habe. Jeden siebenten Tag sollte alle Arbeit ruhen, damit die Seelen der Menschen sich Kraft von oben holen könnten. Darum seien an diesem Tage auch die Andachten besonders feierlich und lang.
Das gefiel dem Lama, und er sprach mit dem Kaiser, ob sie nicht auch im Reiche der Mitte diesen Ruhetag einführen könnten. Hou-Tschou war gleich bereit. Ein Anfang war ja ohnehin gemacht, da alle am Tempelbau Beschäftigten feiern mußten.
Das Volk freute sich dieses Neuen, das auch dem Ärmsten unter ihnen einen Tag schenkte, an dem er nach Belieben leben konnte. Wohl begriffen sie, daß dieser Tag hauptsächlich Gott geweiht sein sollte, aber sie rechneten, daß doch irgend etwas auch für sie abfallen würde. Es war nicht ganz, wie Lao-Tse es sich gedacht hatte, aber er wußte, mit Gewalt war hier nichts zu machen. Langsam mußte man die Menschen der besseren Einsicht zuführen. Die Vornehmen aber grollten. Nun konnte das armselige Volk an jedem siebenten Tag sich in Gärten und Anlagen ergehen! Überhaupt waren die Vornehmen nicht immer einverstanden mit allem, was jetzt in dem großen Reich vor sich ging. Früher, unter den andern Kaisern, waren sie es gewesen, die alles be-stimmten, um die sich alles drehte. Ihre Vorväter waren die Mächtigen gewesen, um das gewöhnliche Volk hatte niemand sich gekümmert. Erst Lao-Tse mit seinen Reden, daß es vor Gott nicht auf Stand und Adel ankomme, sondern auf die Beschaffenheit der Seelen, hatte Wandel darin geschaffen. Hou-Tschou hatte diese Lehre allzu willig aufgenommen. Von jeher hatte er sich als Kaiser des Volkes und nicht des Standes gefühlt. Nun gingen alle seine Gesetze darum, das Volk zufrieden, froh und gesittet zu machen. Ganz unverhohlen sagten es sich die Mandarinen, wenn sie unter sich waren, daß es weit besser wäre, das Volk bliebe unwissend und sittenlos. Dann sei der notwendige Abstand besser gewahrt.
Daß ein Sindhar, von dem man nichts wußte, als daß er auf Straßen und Märkten Märchen für Geld und Gaben erzählt hatte, ungehindert bei dem Herrscher aus und ein gehen konnte, daß er wie ein naher Freund mit dem Lama aller Lamas gereist war, das sei der Anfang des Verderbens. Wo Ehrfurcht vor den Oberen aufhöre, da beginne der Niedergang eines Volkes.
Oftmals waren die Vornehmen Kiang-nings heimlich zusammen, sie wollten keinen Umsturz erdenken, aber es erleichterte sie, sich Gleichgesinnten gegenüber auszusprechen. Manchmal kamen auch Mandarinen von auswärts dazu, die am Kaiserhof Anliegen hatten oder befohlen waren. Von ihnen erhofften die Ansässigen zu hören, daß es in der Provinz besser zugehe, daß man dort die neuen Gedanken noch nicht in die Tat umgesetzt habe.
Aber Lao-Tses Anwesenheit im ganzen Lande und der stille Einfluß, den er auch ohne an Ort und Stelle zu sein, ständig ausübte, hatte überall das Neue siegreich sich erheben lassen.
Da brachte eines Tages ein Mandarin aus dem Süden. des Reiches die willkommene Kunde, daß auch dort jetzt ein ganz großer Weiser erstanden sei. Kon-Fu-Tse nenne er sich. Er sei noch jung, aber man fühle das Bedeutende seines Wissens. Dabei sei er allem Neuen abhold und verkünde das Alte in zwingender Weise. Scharenweise strömten die Menschen ihm zu und ließen sich von ihm belehren.
„Glaubt er an den neuen Gott?” wollten die gespannt lauschenden Mandarinen wissen.
„Das weiß man nicht. Fragt man ihn, wie ich es getan habe, so sagt er: Glaube sei eigenste Angelegenheit des Menschen. Damit müsse jeder es halten, wie er wolle. Es sei auch ganz gleich, an was man glaube, wenn dieser Glaube nur Früchte trage.”
„Was versteht er unter Früchten?” war die nächste Frage. „Er verlangt von den Menschen, daß sie gewisse Tugenden pflegen: Selbstzucht und Opferwilligkeit, aber versteht mich recht: nicht Opferwilligkeit den Armen oder überhaupt einzelnen Menschen gegenüber, sondern für irgendeinen großen Gedanken, für ein Ganzes. Einem solchen Gedanken zuliebe muß man auch lügen und stehlen können, sagt Kon-Fu-Tse, wenn man damit nur das erwünschte Ziel erreicht.”
„Mir scheint,” nahm ein alter Mandarin das Wort, „daß der neue Weise das zu fördern strebt, was wir alle als Verlust beklagen: die Sittenlosigkeit der Menge. So wenig mir das gefällt, was Du da von ihm berichtest, unsern Wünschen scheint er Erfüllung bringen zu wollen.” Man sprach hin und her, schließlich beseelte alle das Verlangen, den Weisen kennen zu lernen.
„Es muß auch ein Oberlama sein, da er seinem Namen das „Tse” hinzufügt. Weißt Du, wo er seine Studien gemacht hat?” „Das weiß niemand. Über sein Leben schweigt der Weise. Er sagt, das gehe niemand etwas an.”
Am nächsten Tage berichteten einige Mandarinen dem Kaser, was sie vernommen. Klüglich aber erzählten sie nichts von den Lehren des neuen Oberlamas; denn sie wußten, daß Hou-Tschou dann von Anfang an gegen ihn eingestellt gewesen wäre
Der Herrscher, dessen Gedanken in jedem freien Augenblick sich mit dem Tempelbau beschäftigten, empfand keine Neugierde, den fremden Weisen kennen zu lernen. Als die Mandarinen dringlicher wurden, wies er sie ab mit den Worten:
„Wenn er sein Wissen von Gott hat, so wird er ganz von selber hierher kommen. Ich kann warten.”
Wenige Tage danach aber begann Lao-Tse von dem Weise zu sprechen.
„Haben Dir die Mandarinen von ihm erzählt?” fragte Hou Tschou lächelnd.
Der Lama verneinte.
„Ich habe ihn heute Nacht gesehen. Ich sage Dir, o Kaiser, je eher wir ihn kommen lassen, um so besser wird es sein.”
„Ist er so bedeutend?” fragte Hou-Tschou erstaunt, erschrak aber, als Lao-Tse erwiderte:
„Bedeutend ist er, aber er bekommt Wissen und Kraft von dem Gegenpol.”
„Was meinst Du damit? Was ist der Gegenpol?” wollte der Herrscher wissen, dessen Teilnahme nun plötzlich geweckt war „Gott, der Hocherhabene ist das Licht. Ihm steht einer gegenüber, den ich nicht zu nennen vermag, der ist das Dunkel. So wie Gott mich führen läßt, so läßt dieser Herr des Dunkels den neuen Weisen führen, daß er der Sünde wieder Tür und Tor öffne.”
„So wollen wir ihm verbieten zu lehren!” sagte Hou-Tschou gegen seine Gewohnheit hastig. „Wenn er nicht gehorcht, so wollen wir ihn außer Landes weisen. Vielleicht können wir einen Grund finden, ihn zu töten!”
„Auf diese Art läßt sich der Herr des Dunkels nicht bekämpfen, dessen Diener er ist. Wir müssen ihn kommen lassen, ihn selber hören und seine Lehre vor aller Welt als irrig brandmarken”, war Lao-Tses Rat.
Es wurde beschlossen, daß nicht der Kaiser, sondern der Lama aller Lamas, dem selbstverständlich auch dieser fremde Lama unterstehen mußte, Kon-Fu-Tse kommen lassen solle. Dann werde man weiter sehen.
Bis zum Eintreffen des Weisen, selbst wenn er sich nach Erhalt der Botschaft sofort auf den Weg machte, mußte geraume Zeit vergehen. Der Kaiser vergaß fast, was hier bevorstand.
Um so mehr dachte Lao-Tse daran. Er wußte, daß Kon-Fu-Tse aus keinem der Tibetklöster hervorgegangen war. Wahrscheinlich trug er seine Würde zu Unrecht. Es würde einen harten Kampf mit dem Herrn der Finsternis geben, aber Gott mußte siegen. Das wußte Lao-Tse. Nun war der Bote schon fast einen Monat wieder zurück. Er hatte berichtet, daß er dem Weisen an verschiedene Orte habe nachreiten müssen, ehe er ihn getroffen habe. Kon-Fu-Tse aber habe sich bereit erklärt, so bald es ihm möglich sei, nach Kiang-ning aufzubrechen.
Eines Tages nahte sich ein stattlicher Zug dem Haupttore der Stadt. Voran schritten Läufer, in bunte Seide gekleidet, die mit buntumwickelten Stäben Platz schafften für ihren Herrn. Dieser ruhte in einer halbverhängten Sänfte, die von vier kräftigen Männern getragen wurde. Daran schlossen sich Fußgänger und Reiter, deren Pferde sich der langsamen Gangart nur widerwillig anpaßten. Den Beschluß machte ein großer Troß mit Packtieren und Bewaffneten. Es wurde dem Kaiser gemeldet, ein fremder Herrscher nahe sich. Als aber der Zug Einlaß begehrte, stellte es sich heraus, daß es Kon-Fu-Tse mit seiner Begleitung war.
Der Weise verlangte, sofort im Kaiserpalast Wohnung an-gewiesen zu erhalten, da er als Gast des Kaisers komme. Lao-Tse, der diesen Wunsch vorausgesehen, hatte ihm in einem, anderen Paläste einige Gemächer einräumen lassen.
Hai-Tan, dessen Pflicht es war, fremde Gäste in Empfang nehmen und zu versorgen, trat auch diesem Lama entgegen und begrüßte ihn mit Höflichkeit. Danach teilte er ihm mit, das man nicht auf so zahlreiche Begleitung gerechnet habe. Es weg sich aber im Laufe des Tages unschwer Unterkunft für alle finden lassen. Hochmütig entgegnete der Gast:
„Ich bin es nicht gewohnt, von Schülern und Gefolge getrennt zu wohnen. Sorge dafür, daß ich es hier nicht anders finde, als es zu meiner Bequemlichkeit nötig ist.”
Um Hai-Tans Mund zuckte ein spöttisches Lächeln, das dem andern entging. Ruhig erwiderte er:
„Ich werde umgehend dafür Sorge tragen, daß Du mit den Deinen vereint wohnen kannst. Es müssen aber Vorkehrungen dafür getroffen werden. Bis diese beendet sind, werde ich vor dem Tor einige Zelte aufschlagen lassen, damit Ihr müden Wanderer Euch ausruhen könnt.”
Es blieb der Schar nichts übrig, als zwei Tage außerhalb Stadt zu warten. Bequeme Zelte waren zwar aufgeschlagen worden, aber für ihre Mahlzeiten mußten sie selber sorgen, als wenn sie noch unterwegs wären.
Am dritten Tage endlich erschien Hai-Tan, um Kon-Fu-Tse selber in die Stadt zu geleiten, wo außerhalb des Palästegürtels ein leerstehendes Haus den Bedürfnissen angepaßt worden war. Es gab Unterkunftsmöglichkeit für Menschen und Tiere, für den Weisen waren zwei große Gemächer eingerichtet worden. So hatte er sich das nicht gedacht, aber er merkte, daß er der Schlauheit Hai-Tans nicht gewachsen war, und außerdem wollte er es nicht von vornherein mit dem Kaiser verderben. Er richtete sich ein und verlangte dann, vor den Herrscher geführt zu werden. „Wenn Du erfrischt genug bist, um einen Besuch machen zu können,” sagte Hai-Tan freundlich, „wirst Du zuerst den Lama aller Lamas aufsuchen müssen, der Dich kommen geheißen.” Kon-Fu-Tse zuckte zusammen. Das hatte er nicht erwartet, aber er wollte sich das auch nicht bieten lassen.
„Es liegt mir daran, zuerst den Kaiser zu begrüßen”, sagte er hoch-
mütig. „Ob ich Lao-Tse überhaupt aufsuche, weiß ich noch nicht.” Äußerlich gleichmütig gab Hai-Tan zurück:
„Von Lao-Tses Willen wird es abhängen, ob Du bei dem Kaiser vorgelassen werden kannst, Fremder. Du scheinst die Gebräuche unseres Reiches nicht zu kennen, trotzdem Du, wenn mich nicht alles trügt, ein Sohn unseres Volkes bist. Wie dem auch sei: da Du ein Lama bist, unterstehst Du der Oberhoheit des Lamas aller Lamas, das wirst Du wissen. Du hast schon viel Zeit verloren, ihm Deine Ehrfurcht zu beweisen. Laß uns sofort aufbrechen, damit wir ihn im Palast antreffen, später ist er unterwegs.”
Und Kon-Fu-Tse fügte sich, schlangenklug.
Hai-Tan selber geleitete ihn zu Lao-Tse, der den Ankömmling mit freundlicher Würde empfing. So, gerade so hatte er ihn in der Nacht gesehen, da ihm Kunde geworden von seinem Wirken.
Es war ein mittelgroßer, schlanker Mann mit ungeschickten Gliedern und plumpen Händen, die von niedriger Herkunft zeugten. Das Antlitz von schwarzen, ringsum nach Art des Reiches der Mitte verschnittenen Haaren umgeben, war scharf. Listige, unruhige Augen funkelten daraus hervor.
Lao-Tse sah aber noch mehr, als was sich mit irdischen Augen wahrnehmen ließ. Er sah die innere Zerrissenheit des Mannes das Geltungsbedürfnis um jeden Preis, die Geldgier und den Machthunger. Und Lao-Tse grauste es.
„O Du Hocherhabener,” flehte er innerlich, „gib mir Kraft daß ich diesem die Maske vom Antlitz reiße und seine Lehr unwirksam mache!”
Inzwischen waren die vorgeschriebenen Verneigungen ab gemacht worden, die beiden Lamas und Hai-Tan hatten sich in Kreise mehrerer Mandarinen niedergelassen. Da fragte Lao- Tse: „Du bist ein Lama. An welcher Schule hast Du Dir dies Würde erworben?”
Einen Augenblick zögerte der Gefragte, dann antwortete er „Gott hat mir geboten, darüber zu schweigen.” Langsam erhob sich Lao-Tse:
„So wirst Du verstehen, daß ich nicht dulden darf, daß Du in unserm Lande lehrest.”
„Du hörst doch, daß es Gottes Wille ist,” rief Kon-Fu-Tse ungeduldig.
Mit eindrucksvoller Würde gab Lao-Tse zurück:
„Hier im Lande läßt der Hocherhabene nur mir seinen Willen kund tun. Ich bin sein Diener. Wärest Du von ihm gesandt, so wüßte ich es.” Zornig sprang Kon-Fu-Tse auf.
„Beweise, daß Du Gottes Willen hörst!”
„Du selbst verlangst es, Kon-Fu-Tse. Ich hätte sonst geschwiegen”, sagte Lao-Tse sehr langsam und würdig. „Laß mich Dich fragen: wo warst Du, ehe Du hier im Lande als Lama, der Du nicht bist, auftratest? Genügt Dir, daß ich es weiß, oder soll ich es aussprechen?”
In der Erregung, in der der Fremde sich befand, entging es ihm anscheinend, daß Lao-Tse seine Lamawürde in Abrede gestellt hatte. Fast brüllend verlangte er, daß Lao-Tse den aus. gesprochenen Verdacht zurücknehme. Er sei nicht im Gefängnis gewesen, er habe nicht gestohlen!
„Ihr hört ihn”, wandte Lao-Tse sich an die gespannt lauschenden Mandarinen. „Er selbst beschuldigt sich. Ich habe nichts davon gesagt, aber ich weiß, daß es die Wahrheit ist.”
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, verließ der Lama aller Lamas würdevoll das Gemach.
Der Zurückbleibenden bemächtigte sich gewaltige Erregung. Kon-Fu-Tse stand kreidebleich und schlotternd in ihrer Mitte. Jetzt erst merkte er, wie er selber sich verraten hatte. Alle Geistesgegenwart hatte ihn verlassen, seine sonst so gewandte Zunge wußte keine einzige Ausflucht vorzubringen. Die Mandarinen waren um so empörter, als sie sich in ihrer Hoffnung, von dem neuen Weisen Unterstützung gegen Lao-Tse finden zu können, betrogen sahen. Ihre Enttäuschung und ihren Grimm wollten sie jetzt an dem Fremden auslassen. Hai-Tan aber wehrte ihnen. Allmählich hatte das nahe Beisammensein mit Lao-Tse auch den früher so weltlichen Tan beeinflußt, so daß sein Wesen jetzt auch ein wenig von der ruhigen Würde seines Meisters atmete. „Er ist der Gast des obersten Lamas”, sagte Hai-Tan. „Lasset ihn unangefochten in seine Wohnung zurückkehren. Nur Lao-Tse darf bestimmen, was weiter mit ihm zu geschehen hat.”
Als besänne sich der Betrüger jetzt erst darauf, daß er von diesem Schauplatz abzutreten habe, wandte er sich und enteilte ohne jede Zeremonie. Hai-Tan aber fand es unerläßlich, daß an den Toren der Stadt Befehl gegeben wurde, daß der Fremde ohne ausdrückliche Bewilligung des obersten Lamas die Stadt nicht verlassen dürfe. Er meldete dies dem Weisen, der erstaunt fragte: „Warum hast Du das getan?”
„Ich fürchte, er wird die Stadt nur zu rasch verlassen, ehe Du ihm verbieten konntest, seine Lehre in unserm Reich weiter zu verbreiten.”
„Er wird die Stadt nicht verlassen, Hai-Tan, dessen bin gewiß, ohne noch einen oder mehrere Versuche gemacht haben, sich zu rechtfertigen. Sobald er in der Stille sein wird, wird ihm sein Herr, der Dunkle, angeben, was er sagen soll, damit die Menschen ihm wieder glauben. Ich fürchte, es wird noch ein harter Kampf werden”, fügte Lao-Tse seufzend hinzu.
Kampf lag seiner ganzen Natur fern. Wie hätte er sich gefreut in dem neuen Weisen einen Helfer zu haben!
Trotz der Versicherung Lao-Tses beobachtete Hai-Tan heimlich jeden Schritt des unliebsamen Gastes, auch der Troß wurde sorgfältig überwacht. Es begab sich aber durchaus nichts, das hätte Verdacht erregen können. Der Fremde unternahm nur kurze Wege in der Nähe seiner Behausung, niemand besuchte ihn. Allerdings machte er auch keinerlei Anstalten, Kiang-ning zu verlassen. Nach einigen Tagen schickte er einen Diener mit einem Schreiben zu Lao-Tse. Hai-Tan, der gerade anwesend war, riet dringend, das Pergament ungelesen zurückzusenden, doch der Lama weigerte sich.
„Gerade, weil ich weiß,” sagte er, „daß hier nicht Mensch gegen Mensch, nicht eine Ansicht gegen die andere kämpft, sondern, daß das Dunkel sich gegen das Licht auflehnt, darf ich nichts tun oder unterlassen, was dem andern eine Handhabe wider mich geben könnte, oder was man als Eingeständnis der Schwäche deuten würde. Glaube mir, Hai-Tan, wo der Herr Dunkels auftritt, da sammelt er alsbald Anhänger gleichwie Raubvögel sich um Leichen scharen. Unter den Mandarinen, die so empört über Meister Kungs Betrug waren, sind manche, die ihn trotzdem gern in Gunst sehen würden.”
Danach rollte er das Schriftstück auf und begann zu lesen: „Wenn der Lama aller Lamas wirklich ein Diener des Hoch-erhabenen ist, so wird er wissen, daß dieser dem gefallenen Sünder vergibt, sobald er sein Leben bessert.
Wenn der Lama aller Lamas dies weiß, so sieht er daran, daß ich aus allen Kräften Gott zu dienen mich bemühe, daß ich meine Tat durch Reue ausgelöscht habe.
Wenn der Lama aller Lamas dies weiß, warum verdammt er mich? Und wenn er mich nicht verdammt, warum läßt er mich nicht vor sein Angesicht kommen, damit ich meine Lehre darstelle und, wenn nötig, verteidige. Ich harre des Rufes.”
„Geschickt gemacht”, rief Hai-Tan wider Willen gepackt von der Art des Schreibens.
Lao-Tse aber winkte mit der Hand.
„Er mag kommen. Morgen um diese Zeit soll er vor einer auserwählten Versammlung seine Lehre enthüllen. Früher werden wir nicht Ruhe bekommen.”
Sorgfältig wählte der Lama diejenigen unter den Mandarinen aus, die er für seine Gegner hielt. Von Hai-Tan befragt, warum er gerade diese auffordern wolle, sagte er:
„Blieben sie fern, würden sie behaupten, es sei nicht richtig zugegangen.”
Da bat Hai-Tan, daß mindestens ebensoviel Gutgesinnte eingeladen würden, und lächelnd willfahrte Lao-Tse. Dem Kaiser berichtete er von dem bevorstehenden Zusammentreffen. Da verlangte Hou-Tschou, anwesend sein zu dürfen. Er sah ein, daß er dem Fremden zuviel Ehre antue damit, und doch zog es ihn mächtig dazu. Da wurde beschlossen, der Herrscher solle in der Tracht eines Mandarinen teilnehmen. Den Vornehmen und Dienern wurde strengste Verschwiegenheit zur Pflicht gemacht.
Als am nächsten Morgen alle Geladenen versammelt waren, wurde Meister Kung in den Saal geführt. Er hatte Mühe, Demut zu heucheln, ohne sich zuviel zu vergeben. Schon die ersten Worte zeigten dies: „Endlich hat es dem obersten Lama gefallen, mich rufen zu lassen, mich, den er nicht für einen Lama hält. Somit hätte ich nicht nötig gehabt, seinem Rufe zu folgen; denn. bin ich kein Lama, so unterstehe ich auch nicht seinem Befehl. Ich bin aber doch gekom-
men, weil ich demütig bin und die harten Worte verzeihe, die der Lama vor wenigen Tagen über mich geäußert.”
„Bei uns ist es nicht Sitte, daß der Eintretende zuerst spricht”, schnitt Hai-Tan die Rede ab. „Du hättest die Begrüßung des Lamas abwarten müssen. Dein Verhalten zeigt, daß Du nicht edlen Blutes bist und vornehmen Umgang nicht kennst.”
„Vornehm oder nicht,” schnob Kung, alle Vorsicht vergessend, „darauf kommt es jetzt nicht an. Ich bin ein Fürst des Geistes, mit dem sich noch niemand messen konnte.
Lama aller Lamas, ich fordere Dich auf, meine Lehre anzu-hören und zu widerlegen, wenn Du kannst, darauf will ich das gleiche mit der Deinen tun.”
Lässig wies Lao-Tse den Sprechenden an, vorzutreten. Es war nur eine einzige Handbewegung, aber sie forderte Gehorsam. „Ich nehme Deine Herausforderung an, Meister Kung!” Der also Angeredete zuckte zusammen, wagte aber keinen Widerspruch. Lao-Tse fuhr fort:
„Ich möchte, daß wir Frage um Frage stellen und so die beiden Lehren vergleichen.”
Kung machte eine gleichgültige Bewegung.
„Wie Du willst. Ich lasse Dir die erste Frage.”
„Wer ist Gott?” fragte Lao-Tse tiefernst und mit einer Stimme, die hallend das ganze große Gemach erfüllte.
„Meinst Du der Deine oder der Meine?” fragte Kung rasch. „So gibst Du zu, daß wir verschiedenen Göttern dienen”, stellte der Lama fest.
„Das weiß ich noch nicht, ehe ich nicht weiß, wie Dein Gott beschaffen ist”, war die ausweichende Antwort.
Der Lama merkte wohl, daß er jetzt Gott schildern sollte, danach würde Kung sagen: genau so ist mein Gott, also haben wir den gleichen. Deshalb sagte er ruhig:
„Alle Anwesenden kennen Gott, deshalb ist es überflüssig, daß von dem Hocherhabenen hier gesprochen wird. Sage uns, wer Dein Gott ist.”
Kung merkte, daß er einem gefährlichen Gegner gegenüberstand. Er rief innerlich nach seinem Helfer, und fühlte seine Nähe. Das stärkte ihn, so daß er bereitwillig anhob:
„Mein Gott ist der Hocherhabene. Er hat alle Macht auf Erden; denn er kümmert sich um jedes seiner Geschöpfe. Er stärkt unsern Verstand, daß wir klüger und listiger sind wie andere, er gibt uns gute Gedanken, daß wir über unsere Feinde siegen. Er liebt Kampf und Widerstreit, er lohnt unsere Treue mit Gütern aller Art. Auch zu Ehren unter den Menschen kann er uns verhelfen, wenn unser Sinn danach steht.”
Herausfordernd blickte Kung nach diesen Worten den Lama an, der wieder mit der unheimlich hallenden Stimme sagte: „Der, den Du schilderst, ist wohl ein Herr über viele, aber er ist der Herr des Dunkels.”
„Nenne ihn, wie Du willst, Du kannst nicht leugnen, daß er der Herr ist!” rief Kung, der in diesem Augenblick wie verblendet war. „Frage weiter!”
„Was ist der Zweck des menschlichen Lebens?” lautete Lao-Tses Frage.
Kung schwieg. Er wußte nicht, was er darauf antworten sollte. Hatte er denn nie darüber nachgedacht? Verzweifelt suchte er, der in seinem Innern flüsternden und raunenden Stimme zu lauschen, vor seinen Ohren sauste und brauste es, er konnte nichts verstehen. Aber antworten mußte er doch, das fühlte er. Endlich kam ihm ein Einfall:
„Sich aus der Tiefe empor zu arbeiten”, sagte er im Tone fester Überzeugung.
Als Lao-Tse darauf schwieg, meinte er, es richtig getroffen zu haben, und fuhr eifriger fort:
„Es ist ganz gleich, wie der Mensch geboren ist, ob als Bettler oder als Mandarin. Er muß nur streben, seinen Verstand so auszubilden, daß er hellleuchtend wird. Dann kann er alles erreichen, denn er wird tausend Dummköpfen überlegen sein.”
„Und wohin führt dieses Leben nach dem Tode?”
Rasch kam diesmal die Antwort:
„In die ewigen Gärten!”
„Wie denkst Du Dir diese?” war die nächste Frage.
Dieser Lao-Tse wurde unbequem! Was sollte diese Frage nun wieder. Diesmal aber hörte Kung die raunende Stimme und sagte zuversichtlich
„Das werden wir erst nach dem Tode wissen, wenn wir ein-gegangen sind. Es hat keinen Zweck, vorher darüber zu grübeln. So wenig Du weißt, wie mein Haus in Peining aussieht, so wenig wissen wir, wie die ewigen Gärten beschaffen sein werden. Törichte Frage!” fügte er geringschätzig hinzu.
„Was muß der Mensch tun, um in die ewigen Gärten ein gehen?” wollte der Lama noch wissen.
„Er muß ein möglichst ehrbares Leben führen.”
Hou-Tschou hielt sich nicht länger.
„Laß mich einmal fragen, o Lama aller Lamas”, bat er. Erfreut blickte Kung in die neue Richtung. Vielleicht würde dieser Mandarin weniger unangenehm sein als der Weise. Lao-Tse hatte lächelnd Gewähr genickt, da sagte der Kaiser:
„Was hältst Du für die oberste aller Tugenden?”
„Endlich eine vernünftige Frage, auf die es sich der Antwort lohnt”, sagte Kung gönnerhaft. „Die oberste aller Tugenden die Schlauheit. Und warum erkenne ich ihr den Preis zu? Weil sie es ist, die uns im Leben weiterhilft. Sie allein befähigt uns das zu erreichen, was wir erstreben, sie hilft uns aus Nöten und Unannehmlichkeiten. Ich bin sicher, sie wird uns auch nach d Tode den Weg in die ewigen Gärten zeigen.”
„Das wird sie niemals”, sagte Lao-Tse mit Nachdruck. „Sie entstammt dem Dunkel, die ewigen Gärten aber liegen im Licht.” „Was hältst Du von der Wahrheit?” fragte Hou-Tschou weiter, den es zwar schüttelte, der aber Lao-Tse gern etwas von dem Schrecklichen abnehmen wollte.
„Der Mensch muß erst gefunden werden, der immer die Wahr-heit spricht”, lachte Kung, der jetzt ganz behaglich war. „Ich halte es nicht mit denen, die etwas predigen, was sie selbst nicht ausführen. Es ist doch viel richtiger, den Menschen zu sagen: erwecket immer den Schein, als ob Ihr die Wahrheit sprächet, das ist besser, als ...” Er konnte nicht weiter reden. Alle Anwesenden brachen, ungeachtet der Anwesenheit des Herrschers, in stürmische Rufe aus. Kaum konnte Lao-Tse die Ruhe wieder herstellen. Danach sagte er: „Ich meine, liebe Freunde, wir haben genug gehört, um die Lehren Meister Kungs als volksverführende, schädliche Irrlehren zu erkennen. Und darum...”
Ehe er weitersprechen konnte, unterbrach ihn Kung. Er tobte und schmähte, und während er so tat, stand hinter ihm, für Lao-Tses Geistauge deutlich sichtbar, eine große dunkle Gestalt, die ihn anzufeuern schien.
Da kam ein gewaltiger Zorn über Lao-Tses sonst so sanfte Seele. Er trat einige Schritte vor, so daß er plötzlich mitten im Raume ganz allein stand. Er schien gewachsen, als er jetzt den Arm ausreckte und mit klingender Stimme rief:
„Hinaus mit Dir, Satan, Herr des Dunkels! Was haben wir mit Dir zu schaffen?”
Ein Blitz zuckte durch den Saal, dumpf rollte Donner. Unbeirrt rief Lao-Tse abermals:
„Hinaus mit Dir! Im Namen des Hocherhabenen befehle ich Dir, daß Du Dich forthebest!”
Fahles Licht erfüllte minutenlang den Raum, in dem sich die beiden Gegner, Lao-Tse und der Dunkle, allen sichtbar gegenüberstanden. Die Anwesenden waren aufgesprungen, verharrten aber regungslos auf ihren Plätzen.
Und zum drittenmal erhob Lao-Tse seine Stimme, und sie klang, wie man noch nie eines Menschen Worte gehört. Tönend war sie wie Meeresbrausen und schwingend wie Glockenhall: „Du Ausgeburt und Beherrscher des Dunkels, der Du Dich durch Deinen verblendeten Diener hier hereingedrängt hast, im Namen Gottes, des Herrn, befehle ich Dir: fahre hinaus!”
Da war es, als bebte die Erde. Die dunkle Gestalt aber war verschwunden. Kung lag wie leblos auf dem Boden auf seinem Angesicht.
So im Innersten gepackt waren alle von dem Erleben, daß keiner ein Wort sprach. Endlich sank Lao-Tse da, wo er stand, auf die Knie und betete.
Herzbewegend dankte er Gott für seine Hilfe. Freunde und Feinde waren mit ihm niedergekniet, da war niemand, der nicht mitgedankt hätte. Zu nahe war ihnen das grausige Dunkel gewesen. Mit eigenen Augen hatten sie es schauen können. Das würden sie niemals vergessen.
Danach verließen alle den Raum, den am Boden Liegenden der Fürsorge der Diener überlassend.
Wie ein Lauffeuer hatte sich die Kunde von dem, was sich im Kaiserpalast zugetragen hatte, weit über Kiang-ning hinaus verbreitet. Niemand sprach von etwas anderem.
Wie immer in solchen Fällen aber wuchs das Gerede ins Unermeßliche. Man wollte wissen, daß der Herr des Dunkels seinen Diener sofort mit sich genommen habe. Andere erzählten, er habe greuliche Verwünschungen ausgestoßen gegen Lao-Tse, der jetzt nirgends mehr vor seinen Verfolgungen sicher sei.
Rückströmend fanden diese Gerüchte und Geschwätze auch wieder Eingang im Kaiserpalast und kamen Hou-Tschou zu Ohren. Er wurde verstimmt darüber. Mußten denn die Menschen alles auf die Alltäglichkeit herabziehen. Sie meinten, das Wunderbare zu erhöhen, indem sie allerhand noch Erstaunlicheres dazu erfanden. Nichts konnte wunderbarer sein als das überwältigende Geschehen, das so viele hatten miterleben dürfen.
Der Kaiser rief die Vornehmen und Beamten zusammen und bat sie, dafür zu sorgen, daß dem törichten Gerede ein Ende bereitet werde.
„Wer weiß etwas von Meister Kung?” fragte er dann. Die Wenigsten hatten sich um ihn gekümmert, aber Hai-Tan, der seinen Wohnsitz immer noch bewachen ließ, wußte zu sagen, daß er seine Spaziergänge wieder aufgenommen habe und immer noch keine Vorbereitungen zur Abreise treffe.
„So müssen wir ihn des Landes verweisen”, meinte der Herrscher nachdenklich. „Aber wer bürgt uns dafür, daß er nicht doch wieder die Grenzen überschreitet, neue Irrlehren verbreitend? Kann keiner von Euch raten, wie wir seiner am besten ledig werden?” Daß Meister Kung fort müsse, das sahen alle, auch die ihm vorher Freund gewesen waren, aber wie es zu bewerkstelligen sei, das konnten sie nicht erdenken. Es wurde beschlossen, daß jeder versuchen solle, die Frage zu lösen. Über drei Tage wollten sie wieder zusammen kommen und erfahren, ob ein gangbarer Ausweg gefunden.
Inzwischen aber war Kung nicht müssig gewesen. Er hatte sich auf Rat seines Herrn zunächst still gehalten, um so eifriger die nächsten Schritte bedenkend. Nun wurde ihm Kunde von dem Beschluß im Kaiserpalast und er merkte, daß er sich beeilen müsse.
In der Stille der Nacht ließ er alles zum Aufbruch rüsten und Leute wie Troßtiere in die verschiedenen Stadtviertel in die Nähe der Tore verteilen. Als am Morgen geöffnet wurde, gingen zu jedem Tor einzelne Wanderer, Krämer oder Bewaffnete hinaus, ebenso wurden mit Waren beladene Pferde und Tragtiere weggeführt. Das erregte kein Aufsehen.
Am nächsten Tage wiederholte sich diese Einzelflucht, auch diese wurde trotz aller Wachsamkeit nicht entdeckt. Nun war nur noch Meister Kung mit seinem vertrautesten Diener übrig. Am Abend, kurz vor Torschluß, zeigte sich dieser Diener im Gewande eines Priesters am Haupttor und sprach mit der Wache. Es gelang ihm zu erfahren, daß auch während der Nacht, geöffnet werde, allerdings nur eine kleine Tür, durch die nur ein Einzelner schlüpfen konnte. Man müsse ein Siegel eines Mandarinen vorweisen können. Auf weiteres Befragen sagte die Wache, es kämen jede Nacht mehrere Leute, die Einlaß oder Austritt begehrten, man sei ganz daran gewöhnt. Der Priester ermahnte den Mann, sehr auf seiner Hut zu sein, dann entfernte er sich langsam, wie auf einem Spaziergang. Er schritt aber nur zu einem anderen Tor und lauerte. Endlich kam ein Mann, der augenscheinlich die Stadt verlassen wollte und aus dem Gewand sein Siegel hervorzog. Rasch wie der Blitz war der Priesterdiener bei ihm und fragte, ob er große Eile habe, oder ob er erst noch ein kleines Vermögen verdienen wolle. Ein Wort gab das andere, und zum Schluß kehrte der Wanderer um, der Diener aber hatte das Siegel erworben.
An einem anderen Tore unternahm er das gleiche Wagnis, auch hier glückte es, so daß er noch vor Anbruch des Morgens mit zwei Ausweisen zu Meister Kung zurückkehren konnte.
Durch zwei andere Tore verließen sie dann einzeln die Su und trafen weit draußen im Walde mit Begleitern und Troß zusammen. In größter Eile ritten sie nordwestlich, um sich zunächst im Gebirge zu verbergen. Danach schickte Meister Kung fast seine ganze Schar nach dem Süden zurück, er selbst ging mit wenigen Dienern weiter nordwärts. Als die Vornehmen sich zur bestimmten Stunde bei dem Herrscher einfanden, um weiter zu beraten, war der, dem ihr Nachsinnen galt, bereits weit entfernt. Sie aber wogen und prüften die Vorschläge, von denen keiner den Beifall aller fand.
Da trat Lao-Tse herein. Niemand außer Hou-Tschou hatte ihn seit dem ereignisreichen Tage gesehen. Er war zu tief erschüttert gewesen, um ohne weiteres ins Alltagsleben zurückkehren zu können. Heute aber kam er, um Wichtiges zu melden.
Er teilte dem Kaiser mit, daß trotz sorgfältigster Bewachung der Fremde samt allen seinen Begleitern die Stadt verlassen habe. Im Gesicht sei ihm, dem Weisen, gezeigt worden, daß Meister Kung sich nach Norden gewandt habe.
„So wollen wir aufbrechen, um ihn einzuholen und zurück-zubringen”, riefen mehrere Zuhörer im Eifer.
Auch Hou-Tschou war der Meinung, es sei Pflicht, den Irrlehrer in sicheren Gewahrsam zu bringen. Lao-Tse indessen teilte mit, daß Gott, der Hocherhabene, sich die Bestrafung des Frevlers vorbehalten habe. Niemand dürfe sich da hineinmischen. „Weißt Du, wie es geschehen soll?” fragte der Kaiser, aber der Lama verneinte.
„Es ziemt uns nicht, darüber nachzugrübeln”, sagte er. „Gott wird es uns zeigen, wenn es an der Zeit ist.”
Nun vergingen Wochen und von Meister Kung war nicht mehr die Rede.
Indessen schritt der Tempelbau rüstig vorwärts. Es war eine große runde Halle, um die einige kleinere gelagert waren. Jede von ihnen wurde anders ausgestaltet. Während die große Halle schön behauene Steine von verschiedenartiger Färbung zeigte: weiß, grau, schwarz, gelblich und rötlich, die glänzend abgeschliffen waren, wiesen die kleinen anderes Material auf.
Eine derselben war aus kostbaren Hölzern gefügt, eine andere mit Seidenstoffen bespannt und überreich bestickt, die dritte hatte Wände, die mit Kao-ling-Platten belegt waren, während Gestalten aus dem gleichen Stoff sie zierten. Eine vierte war mit Teppichen behangen, die fünfte reich mit Silber ausgelegt, während die letzte in Gold schimmerte. Überall waren Edelsteine in verschwenderischer Fülle angebracht.
Breite Treppen führten zum Eingangstor hinauf. Durchschritt man dieses, so kam man in eine Art Vorhalle, die rund um sämtliche Hallen herumführte. Das alles war etwas ganz Neues im Reich der Mitte.
In Lao-Tse aber rief es Erinnerungen wach an ferne Zeiten, da er ähnliches geschaut, nur viel, viel schöner! Und im Gedanken daran wuchs eine Sehnsucht in ihm empor, wie er sie nie gekannt. Seine Seele streckte sich nach jenen ewigen Gärten, die ihre Heimat waren. Immer mehr Erinnerungen stiegen in ihm auf.
Eines Nachts dachte er über die Führung nach, die sein Leben in festen Bahnen geleitet hatte. Da stand plötzlich vor seinem inneren Auge das Bild, das er am Tage seiner Erhebung zum Lama hatte schauen dürfen: das wundervolle Antlitz, das sich gütig über ihn neigte! Wohlvertraut war es ihm und doch so hocherhaben. Wenn er es nur noch einmal schauen dürfte!
Dieser Wunsch wurde unbewußt zu sehnender, verlangender Bitte.
„Gedulde Dich noch kurze Zeit, Diener des Hocherhabenen”, erklang es in ihm, „dann wirst Du den schauen dürfen, nach dem Deine Seele verlangt.”
Nun erfüllte große Freudigkeit die Seele des Lamas, und diese innere Gehobenheit teilte sich allem seinem Tun mit. Das war doppelt nötig; denn neue Schwierigkeiten erhoben sich.
Aus dem Norden des Reiches wurde gemeldet, daß ein großer Weiser, der sich „der Geheimnisvolle” nenne, aufgetreten sei, Gott verkünde und Wunder tue. Und unmittelbar darauf erfuhr Lao-Tse, daß dies niemand anderer als Meister Kung sei.
Was sollte nun geschehen? Gott selber hatte sich die Bestrafung des Irrlehrers vorbehalten, also mußte man warten, bis Gott selber eingreifen würde. Aber dies Warten war schwer. Von allen Seiten drängten Vornehm und Gering, der Kaiser möge dem Treiben des falschen Lamas ein Ende setzen. Das Volk begriff nicht, daß weder Kaiser noch Oberlama gegen den Geheimnisvollen vorgehen wollten. Die Freudigkeit, die Lao-Tses Seele erfüllte, vermochte aber, ihn ganz gelassen zuschauen zu lassen und auch die andern zu beruhigen. Welcher Schaden konnte dem Volke erwachsen, wenn man nach Gottes Befehlen handelte ?
Die Nachrichten über das Treiben des Geheimnisvollen mehrten sich, Augenscheinlich fühlte Kung sich sicher, da bisher noch nichts zur Abwehr geschehen war. Immer weiter südöstlich wagte er sich. Nichts hinderte sein Künden und Vordringen.
Da stand er eines Tages wieder auf dem großen Platze in Kiang-ning. Ein weites Gewand von ausgesuchter Einfachheit umhüllte seinen breiter gewordenen Körper. Über den Rücken hing ihm ein langer, schwarzer Zopf herab, eine Haartracht, die noch niemand gesehen hatte, und die von groß und klein bestaunt wurde. Auf dem Kopfe trug er die runde schwarze Seidenkappe der Mandarinen mit gewaltigem roten Knopf in der Mitte. Er mußte von sehr hoher Geburt sein, meinte das Volk. Die Oberlippe zierte ein dünner, herabhängender Bart, ähnlich dem des Kaisers, aber nicht so lang.
Niemand konnte in diesem „Geheimnisvollen” den Meister Kung erkennen, und die, die erwartet hatten, ihn zu sehen, mußten zugeben, daß ihre Erwartung sie getäuscht hatte.
Lao-Tse hatte Kunde von seinem Eintreffen erhalten und befand sich in Dienertracht mitten unter der Schar der Zuhörer. Ein Schüler des Geheimnisvollen stellte mit viel Zeremonien einen Holzblock auf, überkleidete ihn mit einem Teppich und half dann dem Redner hinaufzusteigen. Sofort begann dieser zu sprechen: „Männer von Kiang-ning. Der Hocherhabene sendet mich zu Euch! Er will, daß Ihr endlich die Wahrheit erfahret, die Euch so lange vorenthalten wurde.”
Murren, unwilliges Schelten im Kreise der Zuhörer unterbrach ihn, aber er hatte dessen nicht acht, sondern fuhr mit lauterer Stimme fort
„Ich weiß, Vögel können fliegen. Man schießt sie mit Pfeilen. Ich weiß, Fische können schwimmen, man fängt sie in Netzen. Ich weiß, Vierfüßer können laufen, man fängt sie in Fallen. Aber den Drachen, der aufsteigt, getragen von Wolken und Wind, der sich verderbenspeiend herabstürzt auf die Menschen, wie man den greifen soll, das weiß ich nicht. Wißt Ihr es?”
Laute Rufe antworteten ihm:
„Es gibt keine solchen Drachen. Sie sind Erzeugnisse uns Angst.” „Wer hat Euch das gelehrt?” fragte der Redner lauernd. „Lao-Tse! Lao-Tse!” tönte es von allen Seiten, und man konnte dem Rufe anhören, daß er die Gewißheit enthielt, Lao-Tse sage, sei echt. „Ihr armen Verblendeten”, rief der Mann auf dem Holzbock. „Natürlich will Euer Lama Eure Wachsamkeit einschläfern, indem er die Drachen leugnet, kann er um so besser sein Wesen treiben. Er selbst ist ein Drache! Ich kenne ihn. Er herrscht über Euer ganzes, weites Reich. Er herrscht über das große Tibet. Er wird noch über weitere Strecken herrschen und alle ins Verderben führen. Greifet ihn, ehe es zu spät ist.”
Murren wie das Brausen ungeheurer Wasser erhob sich. Aber irgend etwas hielt das Volk in Bann, daß es sich nicht auf den Verleumder stürzte.
Noch lauter erhob dieser seine Stimme, er schrie aus allen Kräften:
„Mich hat der Hocherhabene gesandt, daß ich diesem gottlosen Treiben ein Ende setze . . .”
Hatte er sich zu lebhaft bewegt, hatten die wesenhaften Diener Gottes mitgewirkt? Ehe der Geheimnisvolle den Satz beenden konnte, fiel der Holzblock um. Der Redner stürzte herunter und dem vor ihm stehenden Bewaffneten gerade in das kurze, gebogene Schwert, das dieser, wie zur Abwehr, erhoben hatte.
In hohem Bogen spritzte das Herzblut empor. Der Geheim-nisvolle war tot. Im Fallen war das Käppchen von seinem Haupt geglitten, man sah, daß der staunenerregende Zopf daran festigt war. Weit wichen die Umstehenden zurück. Niemand wollte etwas mit dem zu tun haben, den Gott vor aller Augen gerichtet hatte. Und wieder, wie vor Monaten im Kaiserpalast, blieb er liegen, wo er gefallen war, bis Diener ihn fortschafften.
Niemand kümmerte sich darum, wohin sie den toten Herrn trugen. Wie erlöst atmeten alle auf, daß der Geheimnisvolle nicht mehr würde reden können.
Mit den übrigen Hörern zusammen verließ Lao-Tse den Platz und begab sich zum Kaiser, dem er über das entsetzliche und doch erlösende Geschehen berichtete. Er war fest davon überzeugt, daß dieser Tote Meister Kung gewesen, und auch Hou-Tschou war der gleichen Meinung. Er teilte es den Vornehmen seines Rates mit. Dann wurde nicht weiter darüber gesprochen. Die Nachrichten aber über irgendeinen Volkslehrer hörten plötzlich auf. Lao-Tse aber sah darin, daß ein solcher Irrlehrer Glauben finden konnte, einen Hinweis darauf, daß er selber wieder mehr sich öffentlich zeigen sollte. Hou-Tschou und Han bedurften eines Rates eigentlich nicht mehr, das Volk aber brauchte jemand, der immer wieder zu ihm sprach.
Als er den Kaiser von seinem Entschluß, das Land zu bereisen, in Kenntnis setzte, wollte der Herrscher ihn mit allen Mitteln zurückhalten. Er fand den Lama zu alt für solche Anstrengungen und außerdem fühlte er selbst seine Kräfte schwinden.
Wenn der Hocherhabene ihn bald abrief, wäre es ihm eine Beruhigung, Lao-Tse an Hans Seite zu wissen. Ohne Rückhalt prach er mit dem Lama von diesen Bedenken, fand aber wenig Verständnis dafür. Wenn Lao-Tse etwas als Pflicht erkannt hatte, vermochte niemand und nichts ihn anderen Sinnes zu machen.
In der Stille bereitete er alles zu seiner Abreise vor und stand dann eines Morgens Abschied nehmend vor Hou-Tschou.
„Mein Kaiser”, sagte er ruhig, „Du hast Dein ganzes Leben lang immer nur danach gefragt, was zu Deines Volkes Bestem diente. Willst Du es am Ende dieses Lebens anders halten?”
„Ich fühle, daß ich Dich nicht mehr sehen werde”, war des Herrschers Entgegnung. Aber Lao-Tse tröstete:
„Ich werde immer wissen, wie es Dir geht, und werde rechtzeitig zurückkehren können, um den letzten Abschied von Dir zu nehmen.” So schieden sie.
Prinz Han, den sein Amt als Schatzmeister festhielt, wäre nur zu gern mit dem Lama ausgeritten.
„Wenn ich erst Kaiser sein werde, bin ich doppelt festgebunden”, seufzte er, aber der Lama war nicht seiner Ansicht.
„Als Herrscher wirst Du die Pflicht haben, Dein Land zu durchreiten und Dich Deinem Volk zu zeigen, mein Prinz. Jetzt aber bist Du hier nötiger. Lebe wohl.”
Wie ein Jüngling saß Lao-Tse zu Pferde. Er spürte die Anstrengungen des Reitens nicht, denn sein Geist war, wie gewöhnlich, mit anderem beschäftigt. Er hatte seine ganze Reise höherer Führung anheimgestellt und ließ sich nun leiten.
Wohin er kam, schien seine Anwesenheit gerade besonders notwendig zu sein. Wochenlang mußte er sich in mancher Gegend aufhalten, um Irrtümer aufzuklären, Mißstände zu beseitigen oder Neueinrichtungen zu treffen.
Es ging nicht immer um Dinge des Glaubens. Sehr oft hatte er Regierungsmaßnahmen in Wirkung zu bringen, damit die Menschen äußerlich in Harmonie leben und Zeit für ihre Seelen finden konnten. Immer mehr rundete sich auf dieser Reise seine Lehre ab. Was er kündete, ließ sich kurz vielleicht so zusammenfassen: Wir Menschen sind Geschöpfe des Hocherhabenen, den niemals jemand gesehen hat noch je sehen wird, denn er ist Geist, wir Materie, der er einen Funken seines Geistes geschenkt hat. Hocherhaben ist er über uns, aber er nimmt teil an unserm Geschick. Er weiß, ob wir uns seiner würdig betragen. Tun wir dies, so läßt er uns alle Hilfe angedeihen, deren wir bedürfen.
Der Geistfunke, den er in uns gesenkt hat, strebt wieder zu ihm empor. Deshalb ist uns nach richtig vollbrachtem Erdenlauf der Aufstieg in die ewigen Gärten sicher. Kein Mensch aber lebt nur einmal auf der Erde. Er kehrt so lange dorthin zurück, als er am Irdischen nicht völlig alles Irdische abgelegt hat. Irdisch-seiend müssen wir uns freimachen vom Irdischen.
Der Geistfunke lehrt den Menschen, was er tun und lassen soll, um nach des Hocherhabenen Willen zu leben. Wer auf den in ihm sprechenden Geist hört, bedarf keiner Gesetze, um in Gottes Gegenwart zu leben. Gesetze braucht der Mensch nur für sein Leben im Volk. Je besser der Mensch dies erfaßt, um so mehr lernt er das „Tun durch Nichttun”, das heißt das Tun, das im Einklang steht mit allem, was von dem Hocherhabenen ausgeht. Das gewöhnliche Tun der Menschen, das „Tun im Tun”, fällt den Auswirkungen der göttlichen Ausstrahlungen hindernd in die Arme. Solange der Mensch sich für weise hält, solange wird er das Tun durch Nichttun nicht erlernen, und doch ist es die größte Seligkeit.
Glaube aber niemand, daß hiermit der Faulheit das Wort geredet werden soll. Nur der, der unermüdlich seiner Arbeit nachgeht, bestehe sie in was immer sie wolle, nur der kann vor des Hocherhabenen durchdringendem Auge bestehen.
Wir müssen von innen nach außen, nicht von außen nach innen leben.
Je reicher Gott sich uns offenbart, um so weniger werden wir. Kündend, ermahnend, lehrend und bessernd war Lao-Tse an der Meeresküste angekommen. Noch immer machten die don-nern-
den Wogen den gleichen starken Eindruck auf seine Seele wie in seiner Jugend. Noch immer stand die Erhabenheit Gottes und seine Allmacht am stärksten dort vor ihm. Darum zog es ihn auch immer ganz besonders dorthin. Aber erst, als der lichte Bote Gottes ihm bedeutet, daß es an der Zeit sei, suchte er diese Gegend auf. Er fand Frieden und Harmonie. Die errichtete Mauer hatte bis jetzt ihre Aufgabe erfüllt und die spähenden Fremden durchweg abgehalten. Aber sie begann an einigen Stellen zu bröckeln. Lange würde sie dem scharf andringenden Sturm vom Meere her nicht mehr standhalten können.
Lao-Tse überlegte mit den Männern der dortigen Gegend, und sie kamen zu dem Beschluß, daß es genügen würde, wenn die Beobachtungs- und Wachttürme besser ausgebaut würden. Richte man dann eine regelmäßige Küstenwache ein, so könne die Mauer ruhig in Trümmer fallen, das Land sei gesichert.
„Jetzt, wo wir und unsere Kinder und Kindeskinder wissen, um was es geht, wird niemand die Wacht lässig betreiben”, sagte ein greiser Arbeiter. „Wehe dem fremden Fuß, der unser Land zu betreten wagt!”
Nirgends im Lande fand man so herrlich feines Kao-ling wie hier. Hauchdünn waren die Schalen, und neuerdings hatten die Männer von ihren kleinen Freunden gelernt, die Farben der Erde beizufügen, so daß zartgetönte Sachen entstand
Lao-Tse war sich klar, daß diese Kunst aus friedeerfüllten Seelen floß. Nur wo Harmonie waltete, konnten solche Werke entstehen. Ungern nur verließ der Lama diese Gegend, um sich Südwesten des Landes zuzuwenden. Am Tage vor seiner Abreise kam ein einfach gekleideter Mann zu ihm und bat, sein Sschüler werden zu dürfen. Noch niemals hatte Lao-Tse Schüler um sich versammelt, wie andere Weise es taten.
Es widerstrebte ihm auch jetzt. Seine Lehren galten allen, seine Worte suchten Einlaß in die Seelen aller seiner Hörer. Und doch war etwas an dem noch sehr jungen Manne, das ihn anzog. Er bestellte den Bittenden auf den nächsten Tag und trug Gottes lichtem Boten in der Nacht das Anliegen vor.
„Hast Du noch nie daran gedacht, Dir einen Nachfolger zu erziehen?” lautete die überraschende Antwort. Der Lama verneinte.
„Ich glaubte, das sei überflüssig. Der Hocherhabene werde zur rechten Zeit einen Lama senden, der meine Stelle ausfüllen könne.” „Der Hocherhabene befiehlt Dir durch meinen Mund, diesen Mann Tschuang mit Dir zu nehmen und in seine schon vorbereitete Seele Deine Lehre einzusenken. Sie wird Früchte tragen.” Tschuangs Freude war groß, als Lao-Tse ihm gestattete, ihn fürderhin zu begleiten. Noch größer aber wurde des Lamas Staunen, als er bemerkte, wie jedes Wort, das er sprach, verständnisvoll aufgenommen wurde.
Aus dem Schüler erwuchs ihm im Laufe der Zeit ein naher Freund, dem er voll vertrauen konnte. Ebenso erfreulich gestaltete sich das Verhältnis Tschuangs zu Wuti.
Je mehr Lao-Tse mit seinem Zuge sich dem Südwesten näherte, um so mehr Spuren fanden sie von Meister Kungs verderblichem Einfluß. Seine Lehren hatten sogar auf die Priester des Hocherhabenen übergegriffen, so daß sie mehr die „Tugend” als Gott predigten. Unter Tugend aber verstanden sie in der Hauptsache diejenigen menschlichen Eigenschaften, die imstande waren, den Menschen Geltung und Macht zu verschaffen. Diese Eigenschaften, vor allem aber den Verstand auszubilden und zu entfalten, war ihre vornehmste Aufgabe.
Überall, wohin Lao-Tse kam, mußte er diese irrigen Ansichten bekämpfen, mußte er sich in Wortstreite einlassen und Kampfreden halten, er, der so gern nur Frieden gehalten hätte! Aber es ging nicht anders. Durch bloßes Belehren-Wollen war hier nicht abzuhelfen. Man mußte schon versuchen, wenigstens einige zu überzeugen, ehe man mit Verboten kommen durfte.
Schon hier zeigte sich Tschuang als sehr hilfreich. Er suchte seinem Meister alles Unangenehme möglichst abzunehmen und brach Streit mit den Priestern vom Zaun, um wenigstens seine Meinung äußern und die irrige bekämpfen zu können. Hatte dann auf diese Weise den Weg zu Besserem gebahnt, dann erst brauchte Lao-Tse selber aufzutreten und zu rügen, zu künde und zu lehren. Es war aber trotz alledem ein unheimliches Arbeiten. Sowohl Lao-Tse als Wuti und Tschuang fühlten, daß die eigentliche Erreger der von den Priestern so bereitwillig verbreiteten Irrlehren sich verborgen hielten. An sie konnten die Weisen nicht heran. Vergebens flehte Lao-Tse, Gott möge ihm einen Weg zeigen lassen, auf dem er gegen diese heimlichen Feinde vorgehen gehen könne. Es lag nicht in Gottes Willen, daß hier jetzt durchgegriffen werden sollte, und Lao-Tse fügte sich.
Hier in diesem fruchtbaren und schönen Landstrich, den er bisher nur wenig gekannt hatte, lebte der Lama nun schon über zwei Jahre. Er sah auch noch gar keine Möglichkeit, weitr zu ziehen, denn wenig, sehr wenig war erst erreicht worden.
Da kam eines Nachts der Ruf zu seiner Seele:
„Kehre zurück nach Kiang-ning. Hou-Tschou rüstet sich zur Heimkehr. Lasse Wuti und Tschuang hier zurück. Sie möge Dein Werk fortsetzen. Du aber reite auf dem kürzesten Weg in die Hauptstadt.”
Und Lao-Tse tat, wie ihm befohlen. Sein Herz wollte schwer werden, wenn er an das Scheiden Hou-Tschous dachte. Wohl war Prinz Han ein würdiger Nachfolger seines Vaters. An äußerlichem Glanz seines Reiches, an Machtentfaltung und auch an Machthunger würde er ihn übertreffen, aber es fehlte ihm das feine Sich-Einfühlen in die Gesetze Gottes und in die innere Bedürfnisse des Volkes.
Ob man wohl schon von dem Verlust wußte, der dem Land drohte? Eines Abends ritt Lao-Tse, nur von Lai begleitet, in Kiang-ning ein und suchte sofort seine Gemächer im Palast auf. Er wurde von den Dienern mit Freude begrüßt und auch Hai-Tan eilte herbei auf die Kunde von seiner Ankunft.
„Wie geht es dem Kaiser?” wollte der Lama wissen. Hai-Tan versicherte, daß er sich vorzüglicher Gesundheit erfreue.
„Nur ernster als sonst ist er geworden”, setzte er hinzu. „Das mag wohl von der Reihe der Jahre kommen, die er zurückgelegt hat.” Als Lao-Tse aber am nächsten Tag vor seinem Herrscher stand, sah er wohl, wie locker das Band geworden war, das die Seele in dem Körper festhielt, und schon die ersten Worte Hou-Tschous zeigten ihm, daß auch der Kaiser es wußte.
„So kommst Du doch noch rechtzeitig, mein Freund”, rief der Herrscher ihm entgegen, „um meine müde gewordene Seele von der Erde lösen zu helfen! Wie freue ich mich dessen. So manches möchte ich noch mit Dir besprechen und Dir ans Heiz legen.”
Und ohne Zeit zu verlieren vertieften sich die Freunde in die Gedanken, die den Kaiser beschäftigten. Er hatte keine Sorge, daß sein Sohn das Reich in anderem Sinn lenken würde. Aber auch er war sich klar darüber, daß Han jede Gelegenheit, die Grenzen zu erweitern, benutzen würde, auch auf Kosten des Friedens.
„Ich glaube, er sehnt sich nach diesen langen Jahren äußerer Ruhe förmlich nach Waffentaten und Streit”, sagte der Kaiser bedauernd. Ein großes Anliegen war es Hou-Tschou, daß der Tempel Gottes, der seiner Vollendung entgegenging, nicht vernachlässigt werde. „Ich könnte es verstehen, wenn Han nicht die gleiche Freude an dem von mir begonnenen Werk hätte wie ich. Trotzdem ist es heiligste Pflicht für ihn, den Bau vollenden zu lassen. Ich habe es ihm gesagt als Vermächtnis, aber ich sage es auch Dir, damit Du ihn mahnest.” Nun kamen noch eine ganze Reihe Wünsche für des Volkes Wohlfahrt, die aber soweit voraus gesehen waren, daß Lao-Tse lächelte. „Meinst Du, Hou-Tschou, daß ich Dich lange überleben werde? Wir sind fast gleich alt. Auch meine Jahre hier unten sind gezählt, und auch ich sehne mich heim.”
Da trat es zutage, daß der Kaiser gar nicht mit dem Ableben des Lamas gerechnet hatte. Er hatte gehofft, der Weise werde noch Jahrzehnte lang Han zur Seite stehen.
„Solange der Hocherhabene meine Dienste hier unten noch braucht, solange werde ich hier bleiben, mein Kaiser”, tröstete der Lama, und der Kaiser ließ sich beschwichtigen, wie man ein Kind beruhigt.
Nach wenigen Tagen war alles besprochen, was dem Herrscher am Herzen gelegen hatte. Kaum war es gesagt, so hatte es für ihn jede Wichtigkeit verloren. Eins nach dem andern fielen die irdischen Bande ab von ihm, seine Seele machte sich frei zum Fluge nach oben.
Lao-Tse fragte ihn, ob er noch einmal einen großen Empfang zu halten wünsche. Erstaunt blickte Hou-Tschou den Frager an. „Meinst Du, ich solle feierlichen Abschied nehmen von allen?” fragte er. „Sie werden mich besser im Gedächtnis behalten, wenn ich ihnen nicht als Sterbender gegenübertrete. Du aber, mein Freund, versprich mir, daß Du die kurze Zeit, die ich noch hier unten weilen werde, bei mir bleibst.”
Der Lama versprach es gern. Unendlicher Friede wehte um den greisen Herrscher. Selige Geister, Gestalten aus anderen Reichen nahten sich grüßend der scheidenden Seele, Licht und Glanz flutete um sie. Meist saßen die Freunde schweigend beisammen und lauschten auf das, was die Boten des Hocherhabenen zu sagen hatten.
Es war um die Stunde des Sonnenunterganges. Lao-Tse hatte das Fenster geöffnet, um dem Kaiser das Atmen zu erleichtern. Sie saßen beide so, daß sie das von Abendschein vergoldete Stück Himmel über den Wipfeln der Bäume sehen konnten.
Da war es ihnen, als schwebe mit dem leisen Wehen des Windes wunderlieblicher Gesang ins Gemach. Lauter und lauter wurde er, wie machtvolle Chöre klang er. Lao-Tse wurde an die herrlichen Gesänge im Bergkloster zu Tibet erinnert.
Plötzlich vertiefte sich das Gold, von innen heraus schien es in Strahlenbündeln durchzubrechen, wie eine breite Straße zeichnete es sich von oben nach unten. Verzückt schauten die beiden, die kaum zu atmen wagten.
„O Du Hocherhabener, darf ich Deine Herrlichkeit schauen?” flüsterte Hou-Tschou und streckte die Arme empor, all dem himm lischen Glanz entgegen.
Lao-Tse aber rief fast überlaut:
„Das Angesicht, das mir zu allen Höhepunkten meines Lebens erschien! Ich sehe es wieder! Habe Dank, Du Hocherhabener, daß ich Dich schauen darf in Deinem heiligsten Sohn! Jetzt weiß ich, wer mich gerufen.”
Der Schein am Himmel verblich, die Nacht sank herab. Als die Diener das Gemach betraten, um die kleinen Laternen zu entzünden, fanden sie Kaiser und Lama in den großen Sesseln am Fenster. Ihre Seelen waren gemeinsam hinübergegangen in lichte Reiche.
Anhang
„Wie immer auf der Erde, hielt die Menschheit
auch in China am gereichten Strahl des Lichtes sich nicht fest.”
Einige Monate waren vergangen, seit der Lama aller Lamas im Verein mit seinem Kaiser die irdische Hülle verlassen hatte. Mit großem Prunk waren beide, früher geäußerten Wünschen entsprechend, bestattet worden.
Der Leichnam des Kaisers fand seinen Platz unter dem unfertigen Tempel Gottes in einer der zu diesem Zwecke angelegten kleinen Kammern. Dort hatte man kostbare Stickereien und Gerätschaften aus Silber, Gold und Kao-ling aufgestellt und gehängt. In der Mitte fand das vergoldete Ruhebett Platz, auf dem der in köstliche Öle und Binden gehüllte Körper Hou-Tschous lag, von einer Drachenfahne überdeckt.
Danach war die Kammer zugemauert worden, kein menschlicher Fuß sollte sie mehr betreten. Vor die vermauerte Tür stellte man eine große, mit rotem Lack überzogene Holzplatte, auf der in Gold der kaiserliche Drache gemalt war. Darunter stand des Kaisers Name, seine Regierungszeit und die Worte, die er selbst bestimmt hatte:
„Des Volkes Herr, aber Gottes Diener.”
Den Leichnam des Lamas aller Lamas hatte man gleichfalls durch Öle und Salben zu erhalten gesucht. Die zahlreichen Priester tibetanischer Abstammung, die landauf und landab in den Tempeln Gottes amteten, waren auf die Kunde von Lao-Tses Tod nach Kiang-ning geeilt, um ihrem obersten Lama alle Ehren zu erweisen, alle Liebesdienste zu verrichten, die in ihrer Macht standen. Zu rechter Zeit trafen auch Tschuang und Wuti ein, die Han herbeigerufen hatte. Und unter Wutis Führung wurde die Hülle Lao-Tses in das Bergkloster nach Tibet gebracht. Bis an die Grenze seines Reiches gab Kaiser Han ihr das Geleit, damit zugleich die Reise durch sein Land beginnend.
Nun waren Wuti und die übrigen Tibetaner zurückgekehrt. Alle hatten ihre Ämter wieder aufgenommen, nur für Wuti gab es nichts mehr zu tun. Kaiser Han weilte fern von Kiang-ning, und die Mandarinen wachten eifersüchtig darüber, daß nicht wieder tibetanischer Einfluß sich in ihrem Lande spürbar mache. Da verschwand Wuti aus dem Kaiserpalast, niemand wußte, wohin er sich gewendet.
Tschuang war im Bergkloster geblieben. Der Oberlama hatte Weisung erhalten, diesen Schüler Lao-Tses auszubilden, wie einst der Lama aller Lamas seinen Unterricht dort empfangen habe. Während Han, der Kaiser, abwesend war, schliefen die Arbeiten am Tempel Gottes ein. Nicht daß Hai-Wi-Nan lässig gewesen wäre, aber während sonst der Kaiser ihm zur Seite gestanden, die Arbeiter durch Zuspruch oder Ermahnungen angetrieben hatte, war er jetzt allein.
Die Mandarinen und die anderen Vornehmen und Beamten arbeiteten gegen ihn. Sie erklärten öffentlich, es sei unrecht, Gelder, die für das Land ausgegeben werden könnten, in einen einzigen Tempel zu verbauen. Da war niemand, an den Hai-Wi-Nan sich hätte wenden können, um Hilfe und Rat zu erhalten.
Eines Tages trat er in die Versammlung der Edlen, die in Abwesenheit des Kaisers das Land regierte, und erklärte, er werde so lange mit dem Tempelbau aufhören, als der Kaiser fern sei. Die Mandarinen lachten.
„Hast Du endlich gemerkt, daß Du überflüssig bist?” spotteten sie. „Soll Dein Tempel noch weitergebaut werden, so können wir hier im Lande Baumeister finden. Wir brauchen keinen Fremden.” „Lasset Euch sagen, warum ich aufhöre”, sagte Hai-Wi-Nan sehr ernst. „Der Bau eines Tempels des Hocherhabenen ist etwas so Heiliges, daß kein Streit sich einschleichen darf. Nur willige Herzen und Hände dürfen mitarbeiten, nur inmitten eines Volkes von Gottesdienern darf ein solcher Tempel stehen! Hier umlauern Neid, Mißgunst, Scheelsucht und Geiz den Bau: das ist ein Herabziehen des Hocherhabenen! Ich gebe meine Kunst nicht dazu her!” Ein wenig erschrocken waren die Vornehmen nun doch! glaubten ja auch an den Hocherhabenen und wollten ihm gewiß alle Ehre erweisen. Und nun sagte dieser Fremde so kalt, daß sie frevelten! Einer unter ihnen sprang auf und ging dem Hinaus- schreitenden nach.
„Höre, Hai-Wi-Nan”, rief er eilig, „wenn Du schon nicht weiterbauen willst, so wirst Du doch im Lande bleiben und warten, bis der Kaiser nach seiner Rückkehr das Weitere bestimmen wird.” „Zunächst bleibe ich hier. Ich weiß nicht, was Gott mir dann weiter befehlen wird.”
Und Hai-Wi-Nan kehrte in den Palast zurück, war aber sch nach wenigen Tagen aus seinen Gemächern verschwunden. Äußerlich war der Tempel erstellt, aber innen harrte er noch des Schmuckes, und auch außen hatte der Kaiser allerhand Zierate geplant, die jetzt noch fehlten.
Traurig ließ Hai-Tan die großen Tore verschließen. Anfangs besuchte er jeden Tag die Stelle im Walde, wo der Gottestempel sich erhob und wo der beste aller Kaiser ruhte, da aber fanden sich immer öfter Hinderungsgründe. Schließlich lag die Lichtung völlig von Menschen verlassen.
Und die Riesen? Wo waren sie geblieben? Auch sie schien verschwunden, seit man ihrer nicht mehr bedurfte bei Errichtung des Gotteshauses.
Über ein Jahr war Han fern seiner Hauptstadt gewesen. Die Stimmen, die in seinem Innern mahnten, daß dies nicht recht getan sei, suchte er mit allerhand Gründen zu beschwichtigen. Hatte Lao-Tse nicht selbst gesagt, wenn er Kaiser sei, müsse er sein Reich aufsuchen ?
„Ja“, sagte die Stimme, „das hat er wohl gesagt, aber er hat nicht angenommen, daß Du sofort nach der Beisetzung Deines Vaters, noch ehe Du die Zügel der Regierung richtig ergriffen hattest, reiten würdest. Hast Du Deinem Nachfolger im Schatzmeisteramt Einblick in die Arbeit gegeben? Hast Du Dich überzeugt, ob das große Getriebe der Regierung auch ohne den Kaiser an der Spitze weiter ineinandergreifen und dadurch reibungslos arbeiten würde? Prinz, Kaiser, es war Dir so leicht gemacht, Dein hohes Amt anzutreten! Mit dem Vater schied sein Ratgeber, der Dir wahrscheinlich trotz Deiner Ehrfurcht für ihn lästig geworden wäre. Selber durftest Du Dir Deine Stellung schaffen! Selbständig durftest Du auftreten und die Herrschaft nach Deinem eigenen Ermessen ausüben, ohne daß Dir jemand, auf den Du hören mußtest, dreinredete!
Wenn Du nun heimkehrst, dann findest Du alle Stellen besetzt, den fernen Kaiser ersetzen seine Räte. Für Dich ist kein Platz mehr! Han, kehre zurück! Verlasse die falsche Bahn! Werde Kaiser, ehe es zu spät ist!”
Immer dringender mahnten die Stimmen. Hans Seele wurde unruhig. Sollte es zu spät sein, Kaiser im rechten Sinne zu werden? Was sollte er tun? Noch hatte er erst die Hälfte seines Reiches durchritten. Was hatte er dabei ausgerichtet? Wenig genug. Wenn Lao-Tse auf solchen Reisen war, so kündete er den Hocherhabenen und stellte nebenbei Mängel ab, ordnete Neues an, alles, wie Gott es ihm befohlen hatte! Gott?
Wie ein Blitz durchfuhr es den Kaiser. Gottes hatte er vergessen! Er war wohl an jedem Ort im Tempel eingekehrt, seine Andacht zu verrichten, aber sonst hatte er nicht nach dem Hocherhabenen gefragt. Da lag seine Schuld! Er sah es, und seine Seele schrie nach Lao-Tse! Was gäbe er darum, eine Stunde mit seinem alten Lehrer beisammen sein zu können. Der Lama würde ihm helfen Gott wiederzufinden.
„Braucht es dazu eines Mittlers?” flüsterten die Stimmen. „Han, besinne Dich: weißt Du nicht, daß jeder, der aus aufrichtigem Herzen strebt, Gott finden kann? Werde klein und demütig, klein vor Dir selbst. Wie sagte Dein Vater? Des Volkes Herr, aber Gottes Diener! Willst Du das nicht auch sein? Suche Gott, er läßt sich finden!” Und in der Stille der Nacht warf sich Han vor seinem Lager nieder, bekannte seine Schuld, die ihm jetzt riesengroß, unvergebbar erschien und flehte um Gottes Vergebung. Da zog Friede in seine Seele und neugestärkt und von froher Kraft durchflutet konnte er am Morgen den Befehl zur Heimkehr geben.
Auf dem kürzesten Wege trabten sie nach der Hauptstadt, nachdem die Vornehmen, die den Kaiser hatten begleiten dürfen, vergebens in ihn gedrungen, die Reise nicht vorzeitig abzubrechen. Sie konnten den neuen Herrscher, der anfangs so ganz nach ihrem Sinn gewesen war, nicht mehr verstehen.
„Er muß eine Erscheinung gehabt haben”, flüsterte einer, nachdem ihnen allen das völlig veränderte Wesen Hans aufgefallen war. Sie sandten Boten voraus, der Stadt des Kaisers Ankunft zu künden. Da wurde alles auf das schönste geschmückt und Groß und
Klein begab sich auf die Straßen und an die Tore, um den Kaiser mit dem ihm gebührenden Jubel zu begrüßen.
Er freute sich der Freude seines Volks, blind dafür, daß er noch gar nichts getan hatte, diese Freude zu verdienen. Beim Eintritt in den Palast, den er nun bewohnen sollte, in die ihm vertrauten Gemächer, in denen noch alles unverändert war, empfand er den scharfen Schmerz um den Vater wie am ersten Tage nach dessen Hinscheiden. „Diesem Schmerz wolltest Du aus dem Wege gehen”, flüsterten die Stimmen, „nun fühlst Du ihn doppelt!”
„So nehme ich ihn als Buße für alles, was ich falsch gemacht in eitler Verblendung”, gelobte der Kaiser, und es war ihm Ernst damit. Er mußte noch weit mehr auf sich nehmen! Die raunenden Stimmen hatten nicht zuviel gesagt: Die verlassenen Mandarinen hatten nach eigenem Ermessen und Gutdünken regiert, sich selber zu Amt und Würden bringend, die eigenen Taschen füllend. „Darf ich denn gegen sie mit Strenge vorgehen, da ich selber die Schuld trage, daß es so weit kommen konnte?” fragte Han in der Nacht verzweifelt.
„Da Du erkennst, daß Dein die Schuld, so wirst Du gegen Dich selber ins Gericht gehen. Das bleibe zwischen Deinem Gott und Dir. Gegen die Anmaßenden aber mußt Du alle Strenge walten lassen, damit sie die Hand ihres Kaisers spüren und sich rechtzeitig beugen. jeder Tag, den Du sie gewähren lässest, macht es Dir schwerer und schließlich unmöglich, das Land nach Art Deines Vaters zu regieren.”
Der nächste Tag fand einen unerbittlichen Herrscher dem Rat gegenüber. Er verlangte, daß alles wieder in den Zustand versetzt werde, den es bei dem Tode seines Vaters gehabt, daß alle inzwischen verliehenen Ämter aufgehoben, alle zu Unrecht ausbezahlten Gelder zurückerstattet würden. Alle Maßnahmen, die man im Gegensatz zu Hou-Tschous ehemaligen Entschlüssen getroffen, wurden als nichtig erklärt.
Die Vornehmen steckten die Köpfe zusammen und klagten, daß Kaiser Han durchaus nicht ihren Erwartungen entspräche. Sie bangten vor allem, was jeder neue Tag bringen konnte. Han aber war zu der Waldlichtung gegangen, den Tempel Gottes aufzusuchen. Daß regungslose Stille ihn umgab, war ihm nicht auf-
gefallen, denn seine Seele war in Gebet versenkt. Doppelt erstaunte er daher, als er den Tempel verlassen, jede Spur von Arbeit getilgt sah. Das Tor war verschlossen, er konnte nicht einmal seine An-dacht verrichten.
„Ist das auch meine Schuld?” fragte er sich.
Wie als Antwort kam Hai-Tan gelaufen. Er hatte gehört, wohin der Kaiser sich begeben, nun wollte er wenigstens die Schlüssel bringen. Er fürchtete sich vor dem ausbrechenden Zorn des Herrschers, den er am Morgen genugsam erlebt hatte. Aber diesmal hatte er sich getäuscht. Han blieb ganz still, nur zwei Tränen rollten ihm langsam über das schmale, braungebrannte Gesicht. „Meine Schuld, meine Schuld!” seufzte er innerlich. „Mein Gott, Du Hocherhabener, kannst Du mir auch dieses vergeben?” „Wo ist der Baumeister?” fragte er dann, während Hai-Tan sich mit dem Schlüssel mühte.
„Wir wissen es nicht, o Kaiser, zürne nicht, er war eines Tages verschwunden!”
Eine leise Hoffnung erwachte in Hans Seele.
„Wie, sollte das Abbrechen des Baues vielleicht auf das Verschwinden des Hai-Wi-Nan zurückzuführen sein? Sollte er wenigstens hieran die Schuld nicht tragen?”
Aber schon die nächsten Worte Hai-Tans zerstörten diesen Gedanken. Hai-Tan erzählte wahrheitsgetreu, was sich zugetragen und schloß damit
„Wärest Du hier gewesen, o Kaiser, der Baumeister wäre sicher nicht fortgegangen!”
Er ahnte nicht, wie tief er den Stachel damit in seines Herrn Seele drückte.
Allein betrat Han den endlich geöffneten Tempel und demütigte sich tief vor Gott. Wieviel würde er noch finden, das durch seine Schuld verdorben war? O Kaiser Han, Deine Leiden sind noch nicht erschöpft !
In den Palast zurückgekehrt, ließ der Herrscher alle Diener befragen, ob sie etwas von dem Verschwinden Hai-Wi-Nans wüßten. Niemand konnte etwas anderes sagen, als daß er eben eines Tages fortgewesen sei. Da ließ sich Lai, der alte Diener Lao-Tses, beim Kaiser melden.
„Herr,” sagte er, „wenn wir Wuti finden, werden wir auch Hai-Wi-Nan erreichen.”
„Ist denn Wuti auch verschwunden?” fragte der Kaiser entsetzt. Alle guten Geister schienen die Hauptstadt verlassen zu haben, so kam es ihm vor.
„Ja, Wuti ging, weil er keine Aufgabe hier hatte”, sagte Lai ziemlich gleichmütig. „Aber, ich denke, wir können bei den Leuten aus Tibet seine Spur wohl finden.”
„Meinst Du, daß er in die Klöster zurückgekehrt sein wird?” „Nein, o Kaiser, das hat er sicherlich nicht getan. Er wartet auf Deine Befehle. Willst Du, daß ich ihn suchen soll?”
„Ja, Lai, suche ihn, und wenn Du ihn bringst, sollst Du reich belohnt werden.”
Belustigt schaute Lai ihn an, der da von Belohnung sprach. „Lai braucht kein Geld und Gut. Lai ist reich; denn er hat das Wissen um den Hocherhabenen.”
Ja, Lai war reicher als er, der Kaiser! Das fühlte Han deutlich. Wenn nur erst Wuti hier wäre! Wuti, der immer um Lao-Tse gewesen! Er würde auch ihm Ratgeber und Gefährte sein! Tage vergingen, Tage, die dem neuen Kaiser viel Unerfreuliches brachten. War er entschlossen, mit aller Strenge durchzugreifen, damit von Anfang an seine Macht begründet sei, so waren die Vornehmen und Beamten nicht weniger entschlossen sich von Anfang an nicht zu beugen, damit der Kaiser gleich wisse, woran er mit ihnen sei.
Äußerlich erschöpften sie sich in Zeremonien, innerlich setzten sie allem, was er anordnete, stummen Widerstand entgegen. Es war zum Verzweifeln!
„Das hättest Du Dir ersparen können, Törichter”, raunten die Stimmen. „Wärest Du in der Hauptstadt geblieben und hättest alles wohlgeordnet aus Deines Vaters Hand genommen, so ginge das Reich jetzt ruhigen, friedevollen Zeiten entgegen. Nun aber droht der Bürgerkrieg!”
Der Bürgerkrieg! Nicht auszudenken war es! Sollte es wieder werden, wie es unter früheren Herrschern gewesen, daß Aufruhr die Straßen durchtobte, daß Tod und Verderben erst wieder die Herzen lenken mußten?
Und Wuti schien nicht auffindbar! Hai-Wi-Nan blieb verschwunden! Kaiser Han ordnete an, daß der Tempel geöffnet werde, daß täglich Andachten darin stattfinden sollten, auch wenn die Ausschmückung noch nicht beendet sei.
Aber wen sollte er mit diesen Andachten betrauen? Die in Kiang-ning anwesenden Priester hatten in ihren eigenen Gottes. häusern zu tun. Da schrie der Kaiser zu Gott in heißem, dringendem Flehen und am folgenden Tage bereits kam Gottes Antwort.
Aus dem Bergkloster in Tibet kam ein Lama Fung-Yan mit einem Schreiben des Oberlamas. Lao-Tse habe Befehl gegeben; daß Fung-Yan sich sofort auf den Weg mache, um im neuen Gottestempel das Priesteramt zu übernehmen.
„Steht Ihr noch in Verbindung mit Lao-Tse?” fragte der Kaiser wie betäubt.
„Freilich, Herr”, versicherte der Lama. „Fu-Tse, unser Oberlama, kann noch mit ihm reden.”
Dieses erste Zeichen von Gottes Vergebung und Hilfe erfüllte den Kaiser mit großer Freude. Nichts, gar nichts wollte er mehr unternehmen, ohne Gott um seine Führung gebeten zu haben. Jetzt erst hatte Han, der von Jugend auf im Glauben an den Hocherhabenen unterwiesen worden war, Gott wirklich erlebt und gefunden. Am nächsten Tage trat Wuti über die Schwelle des kaiserlichen Gemachs. Han glaubte seinen Augen nicht zu trauen. So selbstverständlich stand der Treue vor ihm, den er sich schon verscherzt zu haben meinte.
„Hast Du Arbeit für mich, mein Kaiser,” sagte Wuti, „so freue ich mich, Dir dienen zu dürfen, wo nicht, so will ich nach Tibet zurückkehren.”
„Nimmermehr lasse ich Dich von mir, Wuti”, rief Han, „nachdem Du endlich gefunden!”
Es stellte sich aber heraus, daß Wuti auf einen Befehl des Hocherhabenen gekommen sei, Lai hatte ihn nicht gefunden. „Willst Du mein Begleiter und Ratgeber sein, Wuti?” bat Han. Und selbstverständlich übernahm Wuti die neuen Pflichten. Nun fragte der Kaiser nach dem Verbleib Hai-Wi-Nans. „Er ist auf Gottes Befehl in seine ferne Heimat zurückgekehrt”, berichtete Wuti. „Der Tempel soll zunächst bleiben, wie er jetzt ist.
Schwere Zeit wird über das Land hereinbrechen, in der keine Muße und kein Geld zum Bauen übrig sein werden. Vielleicht darfst Du ihn später vollenden, mein Kaiser.”
Das war die härteste Strafe, die Kaiser Han treffen konnte. Klaglos nahm er sie als wohlverdient auf sich.
Es fand sich, daß Wuti aus der Ferne die Entwicklung der Dinge in Kiang-ning wohl beobachtet hatte und den Kaiser noch auf manches aufmerksam machen konnte, das diesem bisher entgangen war. Er tat dies ruhig und ohne jede Überhebung. Man merkte, daß er in stetem Umgang mit Lao-Tse gewesen und viel von ihm angenommen hatte.
Unter den Vornehmen aber gärte es immer stärker. Nun war doch wieder ein tibetanischer Ratgeber zum Vorschein gekommen! Daß er bereits unter Lao-Tse am Kaiserhofe geweilt, machte die Sache nicht besser, denn nun konnte man ihm nichts vorreden, er hatte die Entwicklung aller Dinge miterlebt.
Er war zwar kein Lama, aber die Priester an den Gottestempeln beugten sich willig unter seine Oberhoheit, und der Kaiser behandelte ihn wie einen nahen Freund.
Han hatte mit eiserner Strenge durchgegriffen, um seinen Anordnungen Geltung zu verschaffen. Äußerlich war nun wieder alles, wie es zu Hou-Tschous Zeiten gewesen, und das Volk als solches vermißte nichts.
Unter den Beamten und Mandarinen indessen fehlte die Freudigkeit, die früher meist das Leben beherrscht hatte. Widerwillig erschienen die Ratsleute zu Besprechungen. Es kam vor, daß sie dem Kaiser keinerlei Vorschläge zu machen wußten, und er fühlte genau, daß sie es unterließen aus dem trotz Gefühl
„Er weiß selber, was er tun will, warum sollen wir erst noch reden?”
Je unerträglicher dieser Zustand für den Herrscher wurde, um so nachhaltiger trieb er ihn ins Gebet. Han gewöhnte sich alles, was ihn beschäftigte, vor Gott zu bringen. Nur so vermochte er Klarheit zu erlangen, und aus der Klarheit wuchs die Kraft. Er gab sich nicht Rechenschaft darüber, wie das vor ging, aber er empfand es immer bewußter. Nun erwuchs ihm auch der Mut, Gott um Hilfe anzuflehen und wenn er es auch oft noch in ganz falscher Weise tat, in verzweifelten
Fällen fand er stets die richtige Art und die Hilfe blieb nicht aus. „Wie soll ich nur die Mandarinen aus ihrem Trotz und ihrer Unzufriedenheit ablenken?” fragte er eines Nachts und aus Frage wurde der Schrei um Licht.
Da hörte er wieder die raunenden Stimmen
„Gib ihnen Arbeit! Solange sie müßig sind, solange wer ihre Gedanken stets um den gleichen Punkt kreisen.”
„Wo finde ich Arbeit für sie alle?“
„Baue die Mauer, die Du vor Jahren geplant. Jetzt ist Zeit. Den Vornehmen wird sie Beschäftigung bringen, Dein Land aber wird sie vor den Nachbarn schützen, die schon lange scheel auf Eure Kunst und den wachsenden Wohlstand sehen.”
Mit Dank für den Rat fand der gehetzte Kaiser Ruhe. teilte Wuti mit, was er erfahren, und dieser riet ihm, den Bau der Mauer nicht einfach zu befehlen, sondern den Anschein erwecken, als sei der Gedanke aus dem Kreise der Vornehmen hervorgegangen. Nach langem Überlegen war eine Weise gefunden, wie der Kaiser dies bewerkstelligen könne.
Bei den nächsten Beratungen berichtete Han, er habe geheime Kunde erhalten, daß die Westmänner sich heimlich rüsteten, um in das Reich der Mitte einzufallen. Das gab großen Schrecken. Einige der Mandarinen wollten, schon aus Widerspruch, bezweifeln, daß diese Kunde auf Wahrheit beruhe, aber ehe sie dies äußern konnten, hatten diejenigen Worte gefunden, die es nicht ertrugen, daß ein anderer etwas eher gewußt habe wie sie. Lärmend verkündeten sie, daß auch sie solche Botschaft erhalten hätten, ja, sie übertrafen die einfachen Worte des Kaisers bei weitem.
Nun forderte Han seine Räte auf, sich zu überlegen, wie man diesem Überfall zuvorkommen könne. Er sei für jeden guten Vorschlag dankbar. Angeregt und eifrig verließen die Räte die Versammlung. So einig waren sie lange nicht gewesen. Niemand hatte Zeit, über Wuti oder den Kaiser zu klagen.
Vorschlag über Vorschlag wurde am nächsten Tage unterbreitet. Im Grunde taugten sie alle nichts, aber Han war klug: er widersprach keinem, sondern verhieß im Gegenteil, jeden einzelnen zu prüfen. Zum Schluß verlas er ein Schriftstück, das ihm, wie er sagte, namenlos zugegangen sei. Hierin wurde er aufgefordert, gegen das
Westreich hin eine Mauer ähnlich der vor langer Zeit am Meere aufgeführten zu errichten. Wenn die Nachbarn erst merkten, daß die Grenze gesichert werde, würden sie keinen Einfall wagen. Auch zu diesem Vorschlag äußerte der Kaiser sich nicht. Aber die andern stimmten ihm, als dem Besten, begeistert zu. Da er namenlos eingegangen war, konnte jeder ihn für seinen Gedanken ausgeben. Es gab sich also niemand eine Blöße, wenn er diesem Vorschlag das Wort redete. Noch ehe die Versammlung auseinanderging, war der Bau der Mauer beschlossene Sache.
„Welchen Vorschlag hat Wuti zu machen?” wurde gefragt. Der Tibetaner lächelte fein.
„Ich beuge mich unter Eure Weisheit, Ihr Räte”, sagte er. „Dieser Vorschlag ist würdig, daß alle andern vor ihm zurücktreten. An einem der nächsten Tage fragte der Kaiser, welcher seiner Räte und Beamten tätigen Anteil am Bau nehmen wolle. Die unendlich lange Grenze müsse in viele Abschnitte zerlegt werden, über deren jeden ein Vornehmer zu wachen haben werde, damit der Bau richtig vor sich gehe.
Es meldeten sich genug Edle, die Vorbereitungen wurden beeilt, und bereits nach einigen Wochen war Kiang-ning von der Hauptlast der Unzufriedenen befreit. An der Grenze aber waren sie weit genug auseinander, um nicht Unheil anrichten zu können. So schien die Gefahr der Empörung gleichzeitig mit der eines Überfalls abgewendet, aber es schien nur so. Kaiser Han war zu stark mit seiner Hauptstadt beschäftigt gewesen, um auf das achten zu können, was im übrigen Reich vor sich ging.
Plötzlich kam Kunde aus dem Süden, daß die dortigen Vornehmen sich vom Reich der Mitte lossagen wollten. Irgend jemand hatte gesagt, schon früher seien es zwei Reiche gewesen, das kalte und das heiße. Es sei ein Unding, diese beiden Reiche von ein und derselben Hand beherrschen zu lassen. Wer wisse, was für die kalte Gegend gut sei, verstehe die heiße deshalb noch nicht. Nun hatten die Vornehmen der heißen Gegend sich einen besonderen Kaiser aus ihrer Mitte gewählt, der behauptete, ein wahrer Sohn des Himmels zu sein. Dieser, ein jugendlicher Heißsporn namens Pei-Fong, sagte dem Kaiser Han Fehde an. Er schickte sieben Boten mit einem Schreiben, in dem er ganz selbstverständlich sich als Kaiser des Südreiches bezeichnete und Anerkennung von seinem Nachbarn, dem Kaiser des Reiches der Mitte, verlangte. Die Grenze zwischen beiden Ländern bilde der Einfachheit halber der starke Strom. Wenn Han damit einverstanden sei, so könnten beide Herrscher nebst ihren Völkern in Frieden nebeneinander leben, andernfalls werde Pei-Fong sein Recht mit Waffengewalt erkämpfen.
Han, der die Abgesandten inmitten seiner Räte empfangen hatte, warf den Boten das Schriftstück zerrissen vor die Füße. Da lachten diese und versicherten, Pei-Fong habe es nicht anders erwartet und stehe deshalb mit einem stattlichen Heer bereits an der neuen Grenze, wenn er inzwischen den Strom nicht schon überschifft habe. Gewaltige Empörung bemächtigte sich aller und gemeinsame Not schmiedete Kaiser und Mandarinen fester zusammen. In aller Eile wurden die Abwesenden zurückgerufen, der Bau der Mauer nur zum Schein der Abwehr gegen die Nachbarn weitergeführt und alle Männer mußten sich dem Feind entgegenwerfen. Bis aber diese Zurüstungen getroffen waren, stand Pei-Fong mit seinen Leuten schon in der Ebene zwischen den Strömen. Fürchterlich hatten sie in dem durchwanderten Gebiet gehaust. Man hätte nicht glauben können, daß die Eindringenden Söhne des gleichen Reiches waren, die bisher in tiefstem Frieden miteinander gelebt hatten.
Alle bösen Instinkte waren aufgewühlt. die Männer raubten, plünderten und mordeten, als sei niemals die Kunde von dem Heiligen Gott des Friedens zu ihnen gedrungen.
Was Han einen großen Vorteil gab, trotzdem ihm der Feind in allem zuvorgekommen war, das lag darin, daß Pei-Fongs Leute nur bewaffnete Horden waren, während Han ausgebildete Krieger ins Feld senden und die bewaffneten Massen als Rückendeckung verwenden konnte.
Monatelang tobte der ruchlos entfesselte Krieg und das Land litt namenlos. Ströme von Blut flossen. Das machte wenig Eindruck; denn in dem übervölkerten Lande war man nicht gewohnt, ein einzelnes Leben hoch zu bewerten. Aber Hungersnot und Seuchen traten als Folge des Streitens auf, das verbissen und mit wechselndem Glück geführt wurde.
Langsam gelang es Han, die Horden aus dem Süden über den Strom zurückzudrängen, langsam, fast schrittweise, ergriff er Besitz von den südlichen Provinzen. Noch aber konnte jeder Tag eine Wendung zu seinen Ungunsten bringen.
Da endlich erfuhr er, daß Gott die Zeit für gekommen halte, ihm beizustehen. Von dieser Stunde an blieb Han siegreich. Pei-Fong wurde getötet, die Mandarinen, die ihm zur Se gestanden hatten, flohen in Schrecken, und das Volk war zufrieden, wieder heimkehren zu können.
Nach fast zwei Jahren heftigen Ringens war Han wieder Kaiser in der „heißen Gegend”, wie seine Väter es vor ihm gewesen waren. Nun beschloß er, sich auch hier eine Hauptstadt zu erwählen, und abwechselnd in beiden zu wohnen.
Kaum wurde diese Absicht bekannt, so erschienen Abgesandte der verschiedensten Städte bei dem Kaiser, um ihn zu bitten, in ihnen seinen Wohnsitz zu nehmen.
Obgleich es ihn sehr zur Meeresküste zog, lehnte er doch a von dort kommenden Gesuche ab, da er mitten in den Provinz leben wollte, um alles besser überschauen zu können. Endlich fand eine verhältnismäßig kleine Stadt Kan-Tschou Gnade. Die unterworfenen Edlen mußten die Kosten aufbringen, die der Bau eines Kaiserpalastes verursachte. Sie taten es ohne Murren froh, endlich wieder in Frieden leben zu können.
Erst jetzt zeigte sich, wieviel der Krieg vernichtet hatte: Felder waren zerstampft, Herden geschlachtet, ohne daß Nachwuchs da war. Vor allem aber waren die Arbeitsstellen und die gerade im Süden so reichen Seidenzuchtstätten völlig zerstört. Langsam mußte wieder geschaffen werden, was rasch getilgt worden war.
Aber das alles gab Arbeit und beschäftigte die Mensch jeden Standes. Auch der Bau der Mauer wurde eifriger wieder aufgenommen. Nur der Tempel des Hocherhabenen fand keine Förderung mehr. Man hatte sich daran gewöhnt, die Andacht in dem halbfertigen Gebäude zu halten. Die kleinen Hall waren ihres Schmuckes entkleidet worden, damit die große nicht Not leide. Han konnte sich auch nicht vorstellen, welchem Zweck die sechs Tempelchen hatten dienen sollen. Jetzt bewahrte man allerhand Gerät darin auf.
Jahre gingen in Gleichförmigkeit dahin. Hans Sohn Tschong war herangewachsen, ebenso sein wenig jüngerer Bruder Tschou. Beide wollten Teil haben an der Regierung und bedrängten den Vater. Hatte Han ganz vergessen, wie er selber einst nach Betätigung gestrebt? Er war entrüstet über die Söhne, denen er vorwarf, seinen Tod nicht erwarten zu können. Gekränkt wandten sie sich von ihm ab.
Unfroh war es im Kaiserpalast und um den alternden Kaiser geworden. Er sah sein Volk unmerklich in den alten Götterdienst zurückgleiten, nachdem die tibetanischen Priester gestorben und durch solche aus dem Reich der Mitte ersetzt worden waren. Wie ein ungeheurer Druck lag es auf allen. Wo waren die Zeiten hin, da ein arbeitsfreudiges Volk unter Lachen und Scherzen Kunstwerke schuf ? Da ein dankbares Volk zum Hocherhabenen betete? Han flehte zu Gott, aber die einzige Antwort schien ihm Wutis Tod zu sein. Daß der Getreue jetzt gerade sterben mußte! Nun fühlte der Kaiser sich ganz verlassen. Seine Gebete ließen nicht nach. Wenn Gott nicht half, wer sollte das Volk vor sich selbst erretten? Und Gott half.
Aus Tibet kam ein Lama in blauem Gewande, ähnlich gekleidet wie einst Lao-Tse. Er nannte sich Tschuang-Tse und war der einzige Schüler, den Lao-Tse außer dem Prinzen Han je gehabt hatte. Er bot sich dem Kaiser als Helfer an und mit offenen Armen nahm dieser ihn auf.
„Sei mein Bruder”, bat der Herrscher. “Wir hatten einst beide den gleichen geistigen Vater. Wahrlich, Dich muß der Hocherhabene in meiner großen Einsamkeit mir gesandt haben!”
„Vom Hocherhabenen ward mir Befehl, Dich aufzusuchen”, bestätigte Tschuang ernst. „Gehe zu Han. Er ist in großer Not der Seele und daher auch in allem, was er unternimmt. Er meint, mich gefunden zu haben, und sucht mich immer nur, wenn er an sich verzweifelt. Im Grunde sucht er sich!”
„Sagte der Hocherhabene so?” fragte Han traurig. „So hilf mir, Bruder, daß es anders werde. Du sollst mein oberster Ratgeber sein, wie Lao-Tse es meinem Vater war.”
Tschuang-Tse begann damit, daß er die Priester in den Gottestempeln aufsuchte, um sie nun alle unter seiner Oberhoheit zu ver-
einen. Viel Falsches fand er überall, aber da er nichts unternahm, ohne Weisung vom Hocherhabenen erhalten zu haben, so ordnete er alles mit Weisheit und Gerechtigkeit, und die Menschen fügten sich.
Nachdem er etwa ein Jahr im Reiche umhergeritten war, sprach er mit dem Kaiser über dessen Söhne.
„Die Prinzen vergeuden ihre besten Jahre mit Nichtstun, o Kaiser. Laß sie teilhaben an der Regierung. Setze Tschong als Deinen Vertreter nach Kan-Tschou und gib Tschou einen Bezirk im Nordwesten des Reiches, so wird das Land allezeit gegen Feinde gerüstet sein. Deine Söhne aber lernen unter Deiner Führung das, was das Volk von seinem Herrscher verlangen kann.”
Han konnte sich der Weisheit dieses Rates nicht verschließen. Er ließ seine Söhne kommen und eröffnete ihnen, daß er Arbeit für sie habe. Die Freude der Prinzen bewies ihm, wie unrecht er ihnen getan, als er sie beschuldigte, auf seinen Tod zu warten. Ein festes Band schlang sich um Vater und Söhne, das auch dem Reich von unendlichem Nutzen wurde. Im Verlaufe von etlichen Jahren begann es aufzublühen: aus unlustig getaner Arbeit wurde wieder frohes Schaffen, Handwerk ward zur Kunst.
Wieder traten Männer auf, die den Pinsel geschickt zu führen verstanden. Sie beschränkten sich aber nicht mehr auf Kao-ling- Gegenstände oder Seide, sie malten auf Pergament und einer neuen Art von solchem, das aus Schilf hergestellt wurde und Papier hieß. Dieses Papier war fast so zäh wie das Pergament, aber billiger und dadurch auch für einfache Leute erreichbar. Und eine andere Kunst erstand im Volke: die Dichtkunst. Hier und dort tauchten Leute auf, die das, was sie sagen wollten, in gebundene Rede brachten, wohl auch unter Begleitung kleiner Instrumente sangen. Rasch verbreitete sich dieses Können. Es war auf keinen einzelnen Stand beschränkt. Tschuang-Tse aber sorgte dafür, daß das Wissen um Gott, die Anbetung des Hocherhabenen wieder an erste Stelle trat. Wohl hatte er nicht das umfangreiche Wissen Lao-Tses, der überall zu raten und zu helfen wußte, wohl fehlte ihm auch die herzgewinnende Freundlichkeit seines Vorgängers, aber er hatte die Verbindung mit dem Licht niemals verloren, und dieses half ihm, seine schwere Aufgabe zu erfüllen.
Daneben aber suchte er, alle Worte Lao-Tses, die ihm noch erinnerlich waren, niederzuschreiben. Von Zeit zu Zeit las er dem Kaiser vor, was er aufgezeichnet, und Han erinnerte sich an Aussprüche seines Lehrers und ergänzte die Niederschrift des Lamas. Dabei aber wurde es Han klar, wie reich seine Jugend gewesen war. Er hatte den besten aller Lehrer gehabt, der ihn nicht nur in den Wissenschaften unterrichtet, sondern der seinen jungen Geist mit dem Wissen um Gott erfüllt hatte. Willig hatte sein Vater alles gefördert, was ihm helfen konnte, an Seelenstärke und Weisheit zuzunehmen.
Trotzdem war ihm das alles im Laufe der Jahre zur Alltäglichkeit herabgesunken, was einst so strahlend hell seine Seele erfüllt hatte! Und wie es ihm ergangen war, so hatte das ganze Land es mitgemacht. Die Flammen, die Lao-Tse entzündet, die rein lodernd empor streben sollten, sie brannten als nützliches Herdfeuer weiter, manchmal schwelend, oft schon verlöschend.
Plötzlich schlug der Kaiser die Hände vor das Antlitz und brach in unaufhaltsame Tränen aus.
„Was hätte ich aus meinem Leben machen können, was konnte Gott von mir erwarten, und was habe ich daraus werden lassen!” rief er verzweifelt. „Verflacht und versandet ist alles! Wie konnte das geschehen!”
Tschuang-Tse trat neben ihn und legte die Hand auf seine Schulter.
„Du fragst, mein Kaiser, wie das geschehen konnte? Die Antwort ist so einfach. Du hast niemals Gott gedankt für das, was Dir gegeben worden. Immer nur, wenn Du Hilfe brauchtest, hast Du zu Gott gefleht, hast Du seiner gedacht. Hättest Du täglich neue Ehrfurcht vor Gottes unendlicher Güte empfunden, dies Gefühl wäre mit Dir gewachsen und hätte Dein Wollen und die Flamme in Dir erstarken lassen. Was uns zur Gewohnheit wird, das beachten wir nicht mehr. Und wie Du, so tat Dein Volk.”
„Ich sehe, daß Du recht hast, mein Bruder”, sagte Han nach langem Schweigen. „Aber jetzt ist es zu spät. Der Schaden ist nicht mehr gutzumachen.”
Da brauste Tschuang auf, er war nicht ausgeglichen wie sein Lehrer es gewesen.
„Wie kannst Du von zu spät reden, Kaiser!” rief er empört. „Zu spät kann nur der Hocherhabene sagen, wenn er seinen Richterspruch fällt. Der Mensch aber darf, soll, muß weiter streben, solange noch ein Atemzug in ihm ist. Glaube mir”, fuhr er sanfter fort, „Du kannst noch manches bessern, so Du ernstlich willst. Brich mit Deinen alten Gewohnheiten. Denke dem nach, was Du in der Jugend gelernt, suche Gott in seinen Werken und in seinen Gnadenerweisungen, deren Du wahrlich nicht wenige hast erfahren dürfen. Such Gott mit ringender Seele, danke ihm für alles, was Du bist, was Du hast und was in Dir aufersteht aus dem Schutt der Alltäglichkeit heraus. Vor allem, mein Kaiser, aber vergiß in solchen Stunden, daß Du Kaiser bist!”
Langsam schritt der Lama aus dem Gemach, den Herrscher sich selbst überlassend, aber er betete für ihn und sein Flehen zog Hilfe herbei für den tief gedemütigten Menschen.
Drei Tage blieb der Kaiser in seinen Gemächern und wollte niemand sehen. Drei Tage überdachte er sein bisheriges Leben. Danach fühlte er eine Kraft, wie er sie niemals gespürt, auch in den Augenblicken nicht, in denen er die Hilfe des Hocherhabenen sich nahe gewußt hatte.
„Hocherhabener”, flehte er, „setze meines Lebens Länge noch eine Strecke zu, damit ich neu beginnen und besser machen kann.” Es hatte nicht verborgen bleiben können, daß der Kaiser sich gänzlich zurückgezogen hatte, und manche Vermutungen wurden laut. Die einen befürchteten, er sei erzürnt über irgend etwas, während die anderen annahmen, er sei krank und werde wohl bald sterben.
Die das gedacht hatten, wurden rasch eines Besseren belehrt. Aufrecht wie in den Tagen seiner Jugend trat der Herrscher in die Versammlung seiner Räte. Hell und klingend war seine Stimme und gemahnte an die seines Vaters.
Rasch und bestimmt traf er seine Anordnungen, ohne viel nach der Ansicht der Räte zu fragen. Es war ihm, als sage eine innere Stimme ihm alles, dessen er zu wissen bedurfte. Das gab seinem Geiste Schwingen, die ihn freudig über das Alltägliche hinaustrugen. Verwundert starrten die Mandarinen den veränderten Kaiser an. In vielen aber weckten seine Worte und der Ton, in dem sie gespro-
chen wurden, verwandte Klänge auf. Die Frische des Herrschers er-griff auch sie, so daß ihnen bessere Gedanken kamen als seither. Allerhand fiel ihnen ein, was dem Lande zu Nutzen gereichen konnte. Später besprach Han mit Tschuang-Tse, wie man am besten die schwelenden Glaubensfünklein im Volk zur Flamme anfachen könne.
„Wir wollen Brüder aus Tibet kommen lassen, möglichst viele, die in den verschiedenen Gottestempeln künden sollen, womöglich zu gleicher Zeit im ganzen Lande. Das wird das Volk wachrütteln und den Guten helfen, sich zu besinnen.”
„Das währt aber lange Zeit, bis die Brüder eintreffen können”, seufzte der Kaiser.
„Sie ist kurz im Vergleich zu den Jahren, die Du versäumt hast”, antwortete Tschuang unerbittlich.
Inzwischen hatte Han Boten an seine Söhne geschickt und sie zu sich entbieten lassen. Tschou kam zuerst, sein Weg war kürzer. Als der Vater ihm von der neu gewonnenen Erkenntnis sprach, wurde er ungeduldig.
„Vater, glaube mir, das sind Alterserscheinungen, dies Grübeln über verlorene Zeit und falsch angewendetes Leben!” sagte er liebevoll begütigend. „Du warst uns stets der beste Vater, Deinem Volk ein großer und gerechter Herrscher.”
Aufs Neue versuchte Han, den Sohn zu überzeugen. Er stellte ihm das Blühen des Landes unter Hou-Tschou vor.
„Großvater hatte Lao-Tse zur Seite, der fehlte Dir. Tschong und ich sind überzeugt, daß der Lama aller Lamas kein Mensch gewesen, sondern irgendein Wesen aus lichter Höhe. Darum lag Gottes Segen auf allem, was er tat und sagte. Wir Menschen müssen uns mit weniger begnügen. Grüble nicht, Vater.”
Dabei blieb es. Der Sohn lehnte jedes Eingehen in die Gedanken des Vaters ab. Kurz nachdem er fortgeritten, traf Tschong ein. Des Sohnes Antlitz war durchfurcht von ernstem Denken, sein Auge leuchtete in ungewohntem Glanz. Sobald er eingetreten war, wußte der Vater, daß er hier Verständnis finden würde. Ganz das gleiche hatten beide erlebt, durchkämpft, von dem gleichen Wollen, sich selbst und danach das Land zu bessern, waren beide durchdrungen.
Das war dem Vater eine hohe Freude, sah er doch seinen Nachfolger in diesem ältesten Sohn. Tschong würde auf dem jetzt eingeschlagenen Wege weitergehen und das Volk mit aufwärts tragen. Noch war nicht alles verloren!
Voller Freude begrüßte Tschong den Gedanken der predigenden Brüder aus Tibet.
„Glaube mir, Vater, das Volk braucht dergleichen, um leben zu können. Ich merke es daran, daß sie jedem, der etwas Neues zu künden hat, in hellen Haufen zurennen. Bei uns im Süden scheint besonderer Boden für allerhand Irrlehren zu sein. Wie Unkraut wachsen sie empor. Reißt man eine aus, so hebt an anderer Stelle eine neue das Haupt. Sie überschreien einander, und das ist noch das Gute dabei,” schloß er lächelnd, „damit macht eine die andere mundtot und man braucht nicht jedesmal einzugreifen.” „Ich wußte nicht, daß es so schlimm bei Euch steht”, wunderte sich Han. Der Sohn aber sagte:
„Den Bericht darüber sparte ich mir für eine Zusammenkunft mit Dir auf, mein Vater. Es ist so wenig Greifbares da, daß man es nicht schreiben kann. Es liegt mehr in der Luft, man fühlt es. Und daß es da ist, unheimlich, gespenstisch, das hat bei mir bewirkt, daß ich endlich über mich nachgedacht habe.
Bei Einteilung der tibetanischen Brüder denke an unsere Nöte und schicke uns, soviel Du abzugeben vermagst. Ich verspreche mir sehr viel davon.”
Der Kaiser konnte den Sohn nicht ziehen lassen, ohne vorher mit ihm über seinen Bruder gesprochen zu haben, dessen Denken ihn so schwer enttäuscht hatte.
„Tschou hat stets in Dir sein Vorbild gesehen, mein Vater”, erklärte Tschong. „Es mußte ihn tief treffen, daß Du versuchtest, Dich in seinen Augen herabzusetzen. Das leidet seine Liebe zu Dir nicht.” „Wer ist Dein Vorbild, Tschong?“ fragte Han, obgleich er der Antwort gewiß war.
„Der Großvater!” rief der Sohn und blickte, den Vater strahlend an. „Ich weiß, Du selber möchtest es nicht anders haben.” Eine Welle von Freude durchströmte den Kaiser. Hier, an diesem Sohn, war noch nichts verdorben! Er würde dem Lande zum Segen gereichen.
Wenige Tage später betrat Tschuang-Tse ungerufen und mit allen Zeichen freudigster Erregung das Gemach.
„Das ist wahrlich die Hand des Allmächtigen”, rief er jede Einleitung. „Eben kommt Kunde, daß dreißig Priester Tibet unter Führung eines Lamas auf dem Wege nach Kiang-ning sind. Heute noch können sie eintreffen!”
Erschüttert hörte es der Kaiser. Wollte der Hocherhabene ihm zeigen, daß er jetzt auf dem rechten Pfad war?
Die Priester kamen, ehrwürdige Gestalten, die in ihrer Geschlossenheit tiefen Eindruck auf jeden machen mußten, der mit ihnen in Berührung kam. Ruhig die Bewegungen wie die Reden, leuchtend die Augen, sparsam die Worte. Nun erst begriff was Lao-Tse ihm vom Kloster erzählt.
Der Lama begehrte ihn allein zu sprechen und berichtete dann, daß sie sich auf Befehl Lao-Tses aufgemacht hätten dem Kaiser und dem Reich der Mitte zu helfen.
„Wir sollen Gott von Neuem verkünden, damit Dein Volk den Weg zu ihm wieder finde, o Kaiser”, sagte der alte Weise mit ruhiger Würde. „Aber auch für Dich habe ich eine Botschaft.”
Der Lama schloß die Augen und legte die Handflächen einander, als wolle er sich ganz abschließen und nur nach innen lauschen „Sage meinem Sohn Han: zur Umkehr ist es niemals zu aber man muß aus ganzer Kraft und mit allen Fähigkeiten kehren. Wenn auch nur ein Gedanke zurückbleibt auf dem Wege, so bleibt man an Vergangenes gebunden.”
Es war Han, als habe er soeben die Stimme seines Lehrers vernommen. Es war der weiche und doch feste Klang, der seine Jugend geleitet. Dankbar nahm er die Worte in sich auf. Danach besprach er mit dem Lama die Einteilung der Brüder, und schon am nächsten Tage machten die Unermüdlichen sich auf den Weg, ihren neuen Zielen entgegen.
Der Lama, Hi-Wen-Yang, blieb in der Hauptstadt und hielt täglich im Tempel Gottes Andacht. Das war ja auch seither geschehen, aber ihrer waren wenig, die die Andacht besucht hatten. Nun begannen die Massen zu strömen, so daß die große Halle fast nicht Raum genug bot.
Was der Lama zu sagen hatte, unterschied sich nicht von dem, was eigentlich alle wußten. Aber wie er es sagte, packte sie. Den meisten war der Gedanke an Gott zur Form geworden. Sie beteten ihn an, wie ihre Vorfahren die Götter angebetet hatten. So tief war in ihnen der Begriff des „Opfers” eingewurzelt, daß sie sich selber Gottes-Opfer geschaffen hatten in Form von Blumen, Steinen und Früchten, die sie zum Altar trugen. Aber damit taten sie ihrem eigenen Empfinden Genüge, ihnen selbst machte das Freude.
Aber hieran anknüpfend fand Hi-Wen-Yang die rechten Worte, um diesen toten Formen Leben einzuhauchen. Plötzlich begannen einige zu empfinden, daß Gott kein Begriff, sondern Kraft sei. Sofort empfanden sie aber auch diese Kraft in sich wirksam. Das zündete! Das riß mit fort im edelsten, besten Sinne!
Vornehm und Gering hatte es ergriffen. Und als es soweit war, da faßte der Lama schärfer zu, da zeigte er den Menschen, wie sie durch dieses Sinkenlassen an Gott gefrevelt, wie sie seinen heiligen Namen mißbraucht hatten.
„Sogar die Opfer, die Ihr Euch erdacht, habt Ihr nicht Gott, sondern Euch selbst gebracht.”
Als er das eines Tages in die Menge rief, da ging lähmender Schrecken durch seine Hörer. Sie hatten es so gut gemeint! Er griff diesen Gedanken auf und zeigte ihnen, daß es nicht auf das gute Meinen, sondern auf das wahrhafte Tun ankomme.
„Jeder von Euch muß ganz für sich allein eine Verbindung mit dem Hocherhabenen bekommen, die ihm Kraft verleiht, die seine Seele nährt und stärkt, die ihn durchglüht und läutert.” Han merkte es an dem Geist, der jetzt die Versammlungen beherrschte, daß auch die meisten seiner Räte neu begonnen hatten. Verstummt waren die Gesuche um Gunstbezeugungen. der strebte nur, um des Reiches willen seine Pflicht zu tun.
Auch auf den Predigten der Brüder lag Gottes Segen, aber sie hatten es an manchen Orten bedeutend schwerer, die Seelen der Hörer zu erfassen. Es gab Städte, in denen sie so stumpfe Gleichgültigkeit vorfanden, daß an manchen Tagen niemand zur Andacht kam. Da suchten sie die Arbeitsstellen auf und begannen mit den Männern zu reden. Oft dauerte es lange, bis sie Vertrauen fanden, aber keiner von ihnen wurde mutlos. Sie wußten alle, daß es nur an ihnen lag, wenn sie anscheinend erfolglos arbeiteten. So versuchten sie es unermüdlich immer auf neue Weise.
Am schlimmsten aber war es im Süden, in der heißen Gegend. Die geistig stärksten Brüder, die auch des Wortes am besten mächtig waren, hatte Hi-Wen-Yang dorthin entsandt. Es war als ob eine lichte Wolke sich über das Land ergösse.
Tschong empfand es so, aber seine Augen, die gewohnt waren, scharf zu beobachten, erschauten auch anderes. Er sah, wie sich dieser lichten Strömung eine dunkle Masse entgegenstellte. Aus allen Schlupflöchern schienen sie zu kriechen und zu schleichen, sie alle, die er schon längst empfunden und gefühlt, ohne sie schauen und packen zu können. Lichtscheues Gesindel ballte sich da zur Abwehr zusammen.
Tschong ekelte es. Zugleich aber wurde er irre an sich selbst: was war das nur, daß er Dinge sah, die anderen anscheinend ver- borgen blieben? Blickte er diese Dinge scharf an, so bekamen sie andere Gestalt, wandelten sich zu gewöhnlichen Menschen, und doch wußte er, daß die Art, wie er sie zuerst gesehen, richtig war! Längst schon hatte er sich gewöhnt, alle derartigen Gedanken im Gebet aufwärts zu tragen. Er wußte, wenn er Aufklärung haben sollte, so erhielt er sie. Auch diesmal wurde ihm geholfen: „Du hast zwiefache Augen erhalten durch die Gnade des Hocherhabenen, Tschong”, lautete die Antwort. „Du sollst auch das sehen, was so fein ist, daß es den Menschenaugen gewöhnlich verborgen bleibt. In den Seelen der Menschen sollst Du lesen, damit Du ihnen helfen kannst. Dein Volk bedarf eines Helfers.”
Nun freute sich Tschong der Gabe und gelobte, sie mit allen Kräften so anzuwenden, wie es der Spender gewünscht. Schärfer blickte er um sich. Da sah er wieder die Masse des Dunkels, das nicht anders konnte, als sich aufzulehnen gegen das Licht.
Wohlversteckt hatten diese Werkzeuge des Bösen in Menschengestalt sich gehalten all die langen Jahre hindurch. Nun rief ihr Herr sie auf den Plan, damit ihm die Provinz, die er sich erobert, nicht entrissen werde. Deutlich erkannte Tschong es jetzt.
In allen Schichten der Bevölkerung waren sie zu finden. Was sonst streng getrennt voneinander lebte, hier fand es sich im gleichen Be-
streben: Widerstand gegen das eindringende Licht. bis zum letzten. Und wie sie kämpften, welch entsetzliche geistige Waffen sie hatten: Spott, Überredung, Verleumdung, Irrlehren und krasseste Lügen! Das hatte alles in einem Lande, in dem noch kurz zuvor ein Lao-Tse gelebt und gekündet, groß werden können! Das hatte sich entwickeln können unter Tschongs Augen, in seiner unmittelbaren Nähe!
Wo kamen die dunklen Wesen alle her?
Zitternd vor Abscheu fragte Tschong es wieder und wieder, bis ihm auch hierauf innere Antwort wurde:
„Dein Volk hat durch das Sich-Wegleben von dem Hocherhabenen dem Herrn des Dunkels die Möglichkeit geboten, daß seine Geschöpfe, seine Diener sich hier verkörpern konnten. Nun werden diese Dunkelmänner ihre Umgebung langsam vergiften, wenn nicht noch Einhalt geboten wird. Du darfst sie schauen, damit Du merkst, um was es geht, Tschong. Übe Deine ganze Macht aus, dem Licht Geltung zu verschaffen in Deinem Reich!”
Der Herr des Dunkels! In welchem Zusammenhang hatte Tschong von ihm gehört? Nun wußte er es wieder: Lao-Tse hatte ihn geschaut und mit ihm alle, die der Ansprache des „Geheimnisvollen” beigewohnt hatten. Sein Großvater Hou-Tschou hatte ihm davon erzählt und hinzugefügt:
„Auch Du wirst noch mit ihm zu tun bekommen, mit diesem Unheimlichsten aller Wesen. Der Herr des Dunkels gibt niemals auf, was er sich einmal als Ziel gesetzt hat. Dann bete und wache, Enkelsohn, damit das Land von ihm verschont bleibe.”
Ja, beten, wachen, aber auch kämpfen wollte er, und wenn er sein Leben daran setzen sollte! Grimmiger Zorn kochte in Tschong. Er ließ den Obersten der Tibetaner zu sich rufen und fragte ihn: „Was siehst Du in unserer Provinz?”
Der Priester schaute ihn einen Augenblick durchdringend an, dann sagte er:
„Dasselbe wie Du, mein Prinz.”
Aber Tschong ließ sich durch das Zweideutige dieser Antwort nicht beirren. Er vertraute den Tibetanern rückhaltlos, und darum sagte er jetzt auch, was er täglich und stündlich, immer in anderer Art erschaute.
Der Priester nickte bedächtig, dann erwiderte er:
„Gesegnet bist Du, Tschong, daß der Hocherhabene Deine Geistaugen öffnete. Du wirst wissen, zu welchem Zwecke dies geschah.” Tschong bejahte, flehte dann aber:
„Weiser, laß Dir helfen von mir! Zeige mir, was ich tun kann, um dieser Horde von Teufeln Herr zu werden! Ich sehe sie frohlocken und die Zähne weisen, weil sie hoffen, das Andringen des Lichtes hindern und damit das Schicksal der heißen Gegend besiegeln zu können.”
„Wenn wir Deiner Hilfe bedürfen, werden wir sie erbitten. Dein Weg aber ist nicht der unsere. Unabhängig von uns kannst Du, dieser Gefahr entgegen treten. Bete und suche im Licht die Weisheit, die Dir noch mangelt.”
Der Prinz, der sich so gern angeschlossen hätte, war nun wieder auf sich allein gestellt. Allein? Nein, er konnte Beistand finden. Unablässig trug er seine Bitten vor den Hocherhabenen. Da kam der erste Bescheid:
„Warte, aber laß nicht nach mit Wachen!”
Im gleichen Augenblick entstand in ihm der Gedanke: es wäre wohl gut, wenn ich eine Liste derer machte, die ich unter den Männern aus dem Dunkel erkenne. Er fragte nicht lange, ob er selber diesen Gedanken gedacht, oder ob er ihm geschenkt worden, sondern machte sich sofort an die Ausführung.
Der erste, den er aufzeichnen mußte, war sein Läufer. Ihm folgten der Gartenaufseher und einer der Türhüter des Palastes. In der Ratsversammlung fand er drei jüngere Mandarinen und einen der eingeborenen Priester. Auch der Wasserträger, der ständig am Garten des Palastes Aufstellung nahm, war ganz dunkel.
Nun fiel es Tschong auf, daß alle diese Leute zwischen zwanzig und dreißig Jahren waren. Da also hatte der Niedergang angefangen! Nun begann er, auch auf jüngere Leute und auf Knaben zu achten. Schrecklich sah es unter diesen aus. Hier mußte er gerade umgekehrt seine Aufzeichnungen machen und die hellen Menschen niederschreiben. Und noch etwas zeigte sich, sobald die Liste größer wurde: es waren in der Hauptsache gescheite, gelehrte Männer, zum mindesten solche, die innerhalb ihres Standes als hervorragend begabt galten. Das gab ihm zu denken.
Inzwischen predigten die Brüder und langsam füllten sich die Gotteshäuser, wenn auch viele Besucher aus Neugierde kamen. Tschong fehlte bei keiner der Andachten, die im Haupttempel von Kan-Tschou gehalten wurde.
Meist kam und ging er zu Fuß, um sich unter die Menge zu mischen und ihren Reden lauschen zu können. Da merkte er, daß immer außerhalb des Tempels Leute sich aufgestellt hatten, um die Andächtigen in Empfang zu nehmen und ihren ekelhaften Spott über alles zu ergießen, was die Seelen aufgenommen hatten. Das durfte nicht sein.
Tschong wollte sein Vorhaben, das Umherstehen um die Tempel durch Gesetz zu verbieten, sofort ins Werk setzen, da warnte ihn eine innere Stimme:
„Tue nichts in Hast. Frage erst droben an.” Er tat es und erhielt die Antwort
„Lasse morgen im Freien die Andacht abhalten.”
Tschong sprach mit dem Priester, der sofort bereit war. Der Platz vor dem Tempel war groß genug, um mehr als die gewöhn liche Zahl der Andächtigen aufnehmen zu können.
„Wir dürfen niemand etwas von diesem Vorhaben sagen, mein Prinz,” warnte der Priester, „und wir müssen die ganze Nacht uns ins Gebet versenken. Wir müssen beten, wie wir noch nie gebetet haben; denn nun gilt es den Kampf mit dem Herrn des Dunkels!” Tschong freute sich. Keinen Augenblick kamen ihm Zweifel an dem Sieg des Lichtes. Er war keine abwartende Natur. Viel lieber schlug er drein.
Die Andächtigen waren erstaunt, als sie die Tore des Tempels verschlossen, dafür den Platz zur Feier geschmückt fandet Wolkenlos dehnte sich der Himmel über denen, die den Hocherhabenen heute unter ihm suchen wollten. Es hatte sich rasch herumgesprochen, was es da Neues gab, und unzählige Neugierige strömten herzu. Die Hälfte der Andacht mochte vorüber sein, da unterbrach ein wildes Getöse, Schreien, Pfeifen, Trommeln, Nachahmen von Tierstimmen und irrsinniges Gelächter den Redner. Aus einer der Straßen zog eine riesige Schar heran, grell aufgeputz, im Tanzschritt hüpfend und springend, dabei auf alle nur ausdenkbare Weise Lärm veranstaltend.
Die Leute hatten Dämonenmasken, wie man sie früher bei Tempeltänzen in den Götterpagoden getragen, vor ihren Gesichtern. Die Hände und die nackten Beine hatten sie geschwärzt, um unheimlicher zu erscheinen. Näher und näher zogen sie heran und schlossen einen Kreis um die Andächtigen.
Diese meinten, die Ohren müßten ihnen zerspringen von dem unmittelbar hinter ihnen tönenden Lärm. Enger und enger schlossen die Ruhestörer sich zusammen. Die Gläubigen wurden immer mehr zur Mitte des Platzes hingedrängt. Bald würden sie keinen Raum mehr haben zu stehen.
Da schwang sich Tschong auf eine der niederen, plumpen Holzsäulen, die vor dem Tempel standen und bestimmt waren, Pfanne mit Rauchwerk zu tragen. Geschmeidig wie ein Panther war er hinaufgekommen und stand nun schlank und aufrecht vor aller Blikken jäh verstummte der Lärm, dagegen erhob sich der Ruf „Der Prinz! Der Stellvertreter des Kaisers!”
Sie riefen es alle, die einen in Freude, die andern in Entsetzen. Mit seiner Anwesenheit hatten sie nicht gerechnet. Er aber war erfüllt von großer, heiliger Kraft. Die Stimme in seinem Innern hatte ihm geboten, was er im Auftrag des Hocherhabenen zu tun habe. Sein Angesicht leuchtete in Freude und Zuversicht. Er hob beide Arme hoch empor und betete, betete laut und vernehmlich im Angesicht allen Dunkels:
„O Du Hocherhabener, Du siehst, welcher Frevel hier geschieht. Wir haben es nicht besser verdient; denn lange, lange hatten wir Dein vergessen. Aber, auf daß der Herr des Dunkels wisse, daß Du uns beistehst, flehe ich: zerstöre diesen Kreis, der sich lästerlich um uns schließen möchte.”
Noch hatte er nicht ausgesprochen, da erhob sich ein gewaltiger Sturm, schwere Wolken jagten über den eben noch tiefblauen Himmel, Blitze zuckten und ein Wolkenbruch ergoß sich über die Menge, die schreiend und flüchtend angsterfüllt auseinanderstob. In wenigen Augenblicken war der Platz von den Unholden gesäubert, während die Gläubigen ruhig durch die geöffneten Tempeltore schritten.
Auch unter ihnen waren noch viele, die lau gewesen waren. Sie alle aber waren durch des Hocherhabenen Eingreifen tief erschüt-
tert worden. So hatte dieser Angriff des Dunkels gerade das Gegenteil von dem erreicht, was er bezweckt hatte.
Trotzdem machte es sich immer von Neuem bemerklich. Tschong ließ nicht ab mit Flehen, bis ihm ein neuer Befehl des Hocherhabenen wurde.
Draußen im Meer lag ein Eiland, schwer war es zu erreichen, aber vom Sturm dorthin verschlagene Fischer hatten berichtet, daß es völlig unbewohnt und anscheinend fruchtbar sei.
Tschong teilte in der Versammlung den Mandarinen und Räten mit, daß er nicht gesonnen sei, diese große Insel Tai-Wan ungenutzt im Meer liegen zu lassen.
Er schilderte ihren Reichtum an Bodenschätzen, Ackerland und fruchttragenden Bäumen und verhieß ferner allen, die sich dort ansiedeln wollten, die erforderliche Beihilfe dazu. Es sollten sich aber alle, die willens seien, ferner die Insel zu bewohnen, in einer bestimmten Frist melden.
Die Provinz war übervölkert, gut dünkte allen der Vorschlag des kaiserlichen Stellvertreters. Viel mehr Meldungen kamen, als erwartet worden. Tschong ließ sich alle Listen vorlegen und verglich sie mit seinen Aufzeichnungen. Und wie ihm verheißen worden, fand er die meisten der Dunkelleute unter den Aus-wanderungslustigen. Wer nicht dunkel war, wurde zurückgestellt, ein Grund ließ sich immer dafür finden.
Es blieben aber noch sehr viele, die Tschong nach dem bloßen Namen nicht bestimmen konnte. Diese wurden alle auf einen be-stimmten Tag in den Palast bestellt, wo sie an dem Prinzen vorbeischreiten mußten. Weit aufgetan war sein geistiges Auge. Es sah, wer dunkel war, und nach einigen Wochen, als die Ausschiffung vor sich gehen sollte, waren drei große Barken mit Dienern des Dunkels gefüllt.
Vier weitere Barken führten die Gerätschaften und Habseligkeiten. Der Priester stand mitten zwischen den Männern, die Mandarinen hatten Auftrag, die Insel in Gaue zu teilen und dann zu verwalten. Die Barken aber hatten Befehl, sofort nach der Landung wieder zurückzukehren.
Erst als die Schiffe wieder im Hafen lagen, freute sich Tschong des Gelingens.
„Nun kann man wieder atmen, ohne daß das Dunkel die Kehle zudrückt”, sagte er erfreut, und auch die Tibetaner freuten sich. Niemand aber wußte den eigentlichen Grund, aus dem diese Aus-wanderung hatte stattfinden müssen, nur der Oberste der Priester ahnte ihn. Tschong sprach auch mit ihm nicht darüber. Es folgten nun ruhigere Zeiten für die heiße Gegend. Die Priester erklärten, es sei der Augenblick ihrer Rückkehr nach Tibet gekommen, aus allen anderen Gegenden seien die Tibetaner bereits zurückgekehrt. Aber Tschong stellte ihnen herzbeweglich vor, daß sie ihn und das gefährdete Land unmöglich schon verlassen dürften, so daß sie sich entschlossen, länger zu Bleiben.
Da machte sich Tschong nach Kiang-ning auf, um seinem Vater Bericht zu erstatten. Er fand ihn sehr gealtert, aber froher, als er ihn je gesehen. Aus allen Provinzen waren gute Nachrichten eingetroffen. Alle Priester hatten vor ihrer Heimkehr dem Kaiser erzählt, in welchem Zustand sie das Land verließen.
Nirgends war es so schlimm gewesen, wie in der heißen Gegend. Der Gedanke, sich das Dunkel mit drei Barken und einer Insel vom Halse zu schaffen, gefiel dem Kaiser ungemein, und auch Tschuang-Tse freute sich darüber.
„Aber, was wirst Du tun, wenn sie nun wiederkehren?” fragte Han.
„Dazu ist wenig Aussicht, Vater”, sagte Tschong gut gelaunt. Die Barken sind zurückgekehrt. Boote haben sie nicht und auch keinerlei Werkzeuge, um sich Barken zu bauen. Unter den Aus-geschifften ist auch kein einziger Bootsbauer, darauf habe ich besonders geachtet. Der Herr des Dunkels müßte ihnen geradezu Schiffe zuführen, anders könnten sie nicht in deren Besitz gelangen.”
Es hielt Tschong nicht lange in der Hauptstadt. Alle seine Gedanken waren bei seiner Provinz. Immer noch sah er hier und dort Dunkel sich ballen, aber es gelang ihm meist, rasch Herr zu werden. Er griff schonungslos zu, wenn sich ihm nur die geringste Gelegenheit dazu bot.
Trotz seiner oft zu Tage tretenden Strenge war er bei dem Volke beliebt. Sie drangen in ihn, sich zu vermählen, damit nach seinem Tode einst ein Erbe vorhanden sei. Er konnte sich nicht entschlie-
ßen. Sein Bruder Tschou war längst verheiratet und freute sich zahlreicher Nachkommenschaft. Mochte einer von den jungen Prinzen einmal Kaiser werden! Aber die Räte ließen nicht nach mit Drängen und Vorstellungen.
Eines Abends ging er im Garten auf und nieder und dachte an alle die Vorhalte, die ihm soeben gemacht worden waren. Es war sonderbar, er hatte nicht Weib noch Kind, aber auch keinen einzigen Menschen, den er Freund nennen konnte. War das seine Schuld? Oder war es so gewollt, damit er ungeteilt dem Volke dienen konnte, wenn er Kaiser werden würde?
„Wenn ich Kaiser werde”, flüsterte er vor sich hin, in tiefe Gedanken versponnen.
Da klang eine Antwort in seinem Innern:
„Du wirst niemals Kaiser werden, Tschong. Der Hocherhabene hat es anders beschlossen.”
Großes Staunen erfüllte den Prinzen. Warum sollte er nicht für das ganze Reich sorgen dürfen? Und wer würde es an seiner Stelle tun? Sein Bruder Tschou?
„Müßige Fragen”, ermahnte er sich selbst. „Wenn der Hoch-erhabene es so bestimmt hat, so ist es gut für das Land und auch für mich.”
„Tschong, das Land geht dem Niedergang entgegen, den Du nicht aufhalten kannst. Du würdest Dich nutzlos aufreiben. Der Hocherhabene hat andere Aufgaben für Dich.”
„So schenke mir, Du Hocherhabener, daß ich diese Aufgaben klar erkenne und Dir freudig diene, wo immer es sei!” rief Tschong. Da antwortete eine widerliche rauhe Stimme:
„Du wirst niemand mehr dienen, weder im Guten noch im Bösen; denn Deine letzte Stunde ist gekommen!”
Tschong verstand die Worte nicht mehr, ein Schwert hatte ihn von hinten durchbohrt. Blutüberströmt brach er zusammen. Erst einige Stunden später fanden ihn die Diener, die in den Garten geeilt waren, ihren Herrn zur Mahlzeit zu rufen.
Er lebte nicht mehr. Sein Leichnam wurde nach Kiang-ning gebracht und unter dem Tempel bestattet. Kaiser Han aber konnte nicht begreifen, warum sein bester Sohn ihm genommen worden. Von dem Mörder fand sich niemals eine Spur.
Han regierte noch einige Jahre in äußerem Frieden, dann durfte der sehr alt Gewordene heimgehen und Tschou wurde Kaiser an seiner Stelle. - Er trat sein Amt mit den allerbesten Vorsätzen an, fand aber bald, daß es leichter sei, eine einzelne Provinz zu lenken, als ein so großes, bunt zusammengesetztes Reich.
Auf Rat von Tschuang-Tse hatte er einen bewährten älteren Mandarinen als Stellvertreter in die heiße Gegend geschickt. Damit aber glaubte er, für diese Provinz genug getan zu haben. Er zürnte ihr, weil sein Bruder dort gemordet worden war. Diesen Einwand erhob er auch stets, wenn Tschuang-Tse ihn bereden wollte, dort selbst einmal nach dem Rechten zu sehen.
Im zweiten Jahr von Tschous Regierung aber kam Kunde aus dem Süden, daß der große Weise Kon-Fu-Tse dort lehre und einen großen Kreis von Schülern sich geschaffen habe.
„Meister Kung ist tot,” sagte Tschuang-Tse bestimmt, „Kaiser, Du mußt erforschen lassen, wer seinen Namen führt.”
„Woher weißt Du, daß Kung tot ist?” fragte Tschou gleichgültig. „Lao-Tse sagte es. Es trat hier ein Weiser auf, der sich der „Geheimnisvolle” nannte. Lao-Tse entlarvte ihn als Betrüger und der Hocherhabene selber richtete ihn.”
„Muß dieser Geheimnisvolle aber gerade Kung gern sein?” fragte Tschou abermals.
Tschuang-Tse schwieg, beschloß aber, die nötigen Erkundungen selber einzuziehen. Zu diesem Zweck trat er eine Reise in den Süden an und fand bald den, den er suchte.
Einige Tage schloß er sich dem Kreis der Hörer an, dann wußte er genug. Er drängte sich in die Nähe des Redners fragte ihn, wie er dazu komme, sich den Lama-Titel beizulegen Kon-Fu-Tse, wie der Mann sich nannte, schaute spöttisch auf ihn.
„So wurde ich schon einmal gefragt, und zwar von keinem Geringeren als Lao-Tse selber”, sagte er nachlässig.
„Das ist keine Antwort auf meine Frage. Ich darf aber eine solche von Dir fordern, da ich ein gelber Lama bin.”
„Das bin ich auch”, lautete die Antwort. „So stehen wir gleich, Du hast nur das Alter vor mir voraus. Aber laß mich fragen: in welchem Kloster erwarbst Du Dir Deine Würde
Dieser Frechheit war Tschuang-Tse nicht gewachsen. Wortlos wandte er sich ab.
Er ging zu dem Mandarinen, der Tschous Stellvertreter war, und erklärte ihm, daß Meister Kung längst tot sei. Dieser Mann müsse ein Betrüger sein. Auch wenn der „Geheimnisvolle” damals nicht Kung gewesen sei, könne dieser Mann es nimmermehr sein, er sei zu jung dafür.
Der Mandarin, der sich bisher um den lehrenden Weisen nicht gekümmert hatte, versprach, der Angelegenheit nachzuforschen Zunächst vergaß er es wieder, aber Tschuang-Tse ließ nicht nach mit Fragen, bis der Mandarin sich entschloß, den Weisen kommen zu lassen. Er verlangte aber, daß Tschuang-Tse ihm gegenübergestellt würde.
Damit bewies er, daß er selber gar kein Interesse daran hatte, was die Untersuchung ergeben würde. Das stimmte Tschuang-Tse sehr traurig, der voraus sah, daß das Dunkel siegen würde. Der Mandarin fing sein Verhör sehr geschickt an. Nachdem er sich von beiden Lamas hatte erklären lassen, daß sie echte Lamas seien, fragte er den, der sich Kon-Fu-Tse nannte, wie alt er sei. Der Gefragte gab ein Alter an, das wohl dem des wirklichen Kung entsprechen konnte, falls er noch lebte, aber nimmermehr zu dem Sprecher paßte. Als der Mandarin ihn darauf aufmerksam machte, lachte der Weise und sagte:
„Ich sehe, daß Du noch nicht viel Weise gesehen hast, Erhabener. Wisse: die Beschäftigung mit gelehrten Dingen erhält den Körper jung, besonders, wenn man als Diener des Hocherhabenen lebt.” „Dagegen läßt sich nichts sagen”, meinte der Mandarin be-wundernd. „Aber berichte uns von Deiner Lehre. Was kündest Du?” „Ich künde, daß es zu einem glückseligen Leben aller jener Qualen nicht bedarf, die die Priester lehren. Wir brauchen uns weder des Wohlstandes noch der irdischen Freuden zu enthalten. Was wäre Gott damit gedient? Nützt es ihm, wenn wir uns martern und über unsere Sündhaftigkeit seufzen?”
„Und meinst Du wirklich, daß Gott mit einem solchen Leben, wie Du es predigst, genug getan ist?” wollte der Mandarin wissen. Tschuang-Tse merkte, wie begeistert er davon war, und ihm graute.
„Versuche nur, nach meinen Lehren zu leben, Erhabener, und Du wirst merken, wie froh und zufrieden Du sein kannst. Das Volk wird Dich lieben und Ehren werden sich auf Dich häufen. Ich will Dich in den Kreis meiner Schüler aufnehmen, so wirst Du allen Segens teilhaftig werden, den ich zu verleihen vermag.” „Genug der Gotteslästerung!” rief Tschuang-Tse so laut er konnte. Kon-Fu-Tse aber lachte spöttisch:
„Du bist freilich zu alt und zu verkrustet, um Neues auffassen zu können. Es wird am besten sein, Du kehrst in Dein Kloster zurück. Wir haben hier keinen Raum mehr für solche, wie Du bist.” Wortlos verließ Tschuang-Tse den Raum. Er schrie zu Gott, er solle ihm helfen, dem Unhold entgegen zu treten. Statt der erbetenen Hilfe kam der Befehl, nach Tibet zurückzukehren.
Damit war der Letzte geschwunden, der den Kaiser zurückhielt, sich ebenfalls mit den Lehren, die da gepredigt wurden, zu befassen. Es war, als habe der Hocherhabene das Reich, dem er einst das Licht geschenkt hatte, völlig sich selbst überlassen.
Der falsche Kon-Fu-Tse aber lehrte ungehindert und gewann immer mehr Anhang. Er verstand es, auf geschickte Weise das Wissen um den Hocherhabenen in seine Irrlehre zu verflechten. Wer wirklich seine Worte geprüft hätte, würde den Zwiespalt rasch entdeckt haben. Aber niemand gab sich die Mühe. Alle waren wie in einem Taumel. Es war ja so leicht gemacht, glücklich zu werden hier auf Erden und später einzugehen in die ewigen Gärten, die Kon-Fu-Tse allen seinen Anhängern freigebig verhieß. Fragte aber einmal ein Nachdenklicher, warum es jetzt mehr Leiden, Seuchen und Hungersnot, mehr Elend und Armut gebe als zu Hou-Tschous Zeiten, erhielt er die Antwort:
„Weil unter Hou-Tschou die falsche Lehre aufgekommen ist und die Menschen seitdem danach lebten. Wartet nur, es wird jetzt alles rasch besser werden.”
Nachdem Kon-Fu-Tse schon mehrere Jahre lang die Provinzen durchzogen hatte, kam er auch nach Kiang-ning, wo er sich niederzulassen gedachte. Es lebte wohl niemand mehr, der den echten Meister Kung gekannt hatte. Er durfte es wohl wagen. Tschou empfing ihn mit großer Freude. Kon-Fu-Tse verstand es meisterlich, ihm zu schmeicheln. Um den Weisen zu ehren, bat der Kaiser ihn, an einem der nächsten Tage die An-dacht in dem Gottestempel in der Waldlichtung zu halten. Erfreut sagte Kon-Fu-Tse zu. Besseres konnte ihm nicht widerfahren.
Aber es sollte nicht dazu kommen. In der Nacht zuvor erschütterte ein gewaltiges Erdbeben die Hauptstadt und legte viele Gebäude in Trümmer. Am schlimmsten mitgenommen war der Gottestempel. Kein Stein war auf dem andern geblieben. Es war, als hätten die Riesen, die einst bei seinem Bau geholfen, ihr Werk mit rächenden Fäusten auseinander gerissen. Auch mehrere andere Tempel waren eingestürzt. Sie wurden nicht wieder gebaut.
Immer mehr warf Kon-Fu-Tse die Maske ab. Als Tschou nach kurzer Regierung gestorben, und sein Sohn Han Kaiser geworden war, führte Kon-Fu-Tse überall wieder den Götzendienst ein. Langsam versank China in Dunkel und Grauen.
Eine gewaltige Mauer umschloß das Land. Jetzt diente sie nicht mehr dazu, daß Fremde, die Kunst stehlen wollten, ferngehalten wurden, jetzt diente sie nach dem Willen des Hocherhabenen dazu, die Nachbarländer solange als möglich vor Ansteckung zu bewahren.
Niemals wieder erkannte das weite Reich, das sich im Laufe der Jahrhunderte noch vergrößerte, den Hocherhabenen als seinen Gott an. Wenn Leute kamen, die von ihm künden wollten, wurden sie gemordet. China ist reif, überreif. –


