MOHAMMED

VON ALLEN IRRTÜMERN GEREINIGTE WIEDERGABE DES ERDENLEBENS

DIESES ARABISCHEN PROPHETEN

 

*

 

AUFGENOMMEN DURCH BESONDERE BEGABUNG

EINES DAZU BERUFENEN

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine farbige Ampel brannte in dem Gemach und ließ die golde-nen Zierate aufleuchten, die zwischen den reichen Teppichen an den Wänden angebracht waren.

Hier hing eine Schnur Perlen, dort strahlten Edelsteine. Auf ei-nem kunstvoll geschnitzten und eingelegten Tischchen stand eine schimmernde Glasschale, die mit wohlriechendem Öl gefüllt war.

Der ganze, nicht große Raum schien die Fassung zu sein für die schöne Frau, die lässig auf dem weichen Diwan ruhte.

Blauschwarzes Haar zu langen Zöpfen geflochten, von einem Netz aus Goldfäden übersponnen, hing ihr zur Seite herab. Über weitem Gewande von roter Seide saß das reich mit Gold gestick-te, kurze Jäckchen, das zu den Pantoffeln paßte, die die kleinen Füße zierten. Blauseidene Beinkleider, die bauschig bis zu den Knöcheln reichten, vervollständigten die Gewandung. Ihre sehr gepflegten Hände, an denen jeglicher Schmuck fehlte, ließen die Perlen eines Rosenkranzes durch die Finger gleiten. Aber es ge-schah spielerisch, ihre Gedanken schienen weit entfernt zu sein von Andacht oder Gebet.

Draußen ließ sich ein Schritt vernehmen. Die Frau schob hastig die Perlenschnur in ihr Gewand und lehnte sich noch bequemer in die Kissen zurück.

Ein alter Diener betrat das Gemach.

Er mußte zu den Vertrauten des Haushaltes gehören, sonst hätte er nicht ohne Anmeldung bei der Herrin eindringen dürfen. Mit schlürfenden Schritten, ein wenig vornüber geneigt, die Hände in-einander gelegt, so nahte er sich dem Ruhebett, wartend, bis die schöne Frau ihn anreden werde.

Aus halbgeschlossenen Augen schaute sie ihn an. Mochte er ruhig warten. Noch gefiel es ihr nicht, seine Botschaft zu vernehmen. Gu-tes würde sie keinesfalls bedeuten. Dann siegte die Neugier:

„Was bringst Du, Mustafa?“ fragte sie in lässigem Tone.

 

„Unser Herr Abd al Muttalib wünscht mit Amina wegen des Kna-ben zu reden. Wird Amina ihn hier empfangen oder wird sie sich in seine Gemächer bemühen?“

„Weißt Du, Mustafa, was der Alte mit dem Knaben will?“

Ganz anders als vorher klang jetzt diese Frage. Besorgnis schwang darin, Muttersorge, die sie jeden Standesunterschied vergessen ließ.

„Gesagt hat es unser Herr nicht“, gab der Diener bedächtig zu-rück. „Aber ich kann mir denken, was es sein wird: er spricht schon seit Tagen davon, daß es Zeit wird, Mohammed in die Schule zu schicken.“

„Dachte ich es mir doch!“ rief Amina unwillig. „Mir ist der Knabe noch zu zart. Aber dafür hat der Großvater kein Verstehen. Je eher wir wieder einmal kämpfen, um so besser wird es sein. Sage Abd al Muttalib, daß ich bereit bin, ihn hier zu empfangen in einer . . . nein, sage in zwei Stunden.“

Der Alte wandte sich und begann hinaus zu schlürfen, da hielt ihn ein Zuruf Aminas auf:

„Weißt Du, wo Mohammed ist, Alter?“

„Wo wird er sein?” fragte der Diener dagegen. „Er steckt sicher im Gewölbe und zählt die Waren mit dem Handelsdiener. Ihm gefällt nichts so gut, wie die Farbenpracht der Teppiche und der Steine. Darüber vergißt er Essen und Trinken.“

„Sage, daß man ihn eilends zu mir schicke“, bat Amina freund-lich.

Sie wußte, daß sie Mustafa keinen Auftrag geben durfte, da sie nicht seine Herrin war. Aber einer Bitte war er stets zugänglich. Auch jetzt erklärte er, daß er selber den Knaben aufsuchen und zur Mutter senden werde. Dann war Amina allein.

Sie seufzte tief auf. Ihr graute vor dem Gespräch mit dem Herrn des Hauses, ihrem Schwiegervater, unter dessen Herrschaft sie seit dem Tode ihres Gatten stand. Das war nun schon sechs lange Jahre her!

Kurz vor Mohammeds Geburt war Abdallah auf einer Kauf-mannsreise von Banditen angefallen und zum Tode verwundet worden. Man hatte den Sterbenden noch bis nach Mekka gebracht, aber das Haus seines Vaters, in dem er mit seiner jungen Gattin wohnte, hatte er nicht mehr lebend erreicht. An der Bahre des To-ten war sie zusammengebrochen.

 

Lange hatte sie krank gelegen. Während dieser schweren Krank-heit hatte das Söhnlein das Licht der Welt erblickt, fast ohne daß die Mutter dessen gewahr geworden.

Auf diesen Schreck und Jammer Aminas führten die Ärzte die Schwäche des Knaben zurück, der trotz der sorgfältigsten Pflege nicht recht gedeihen wollte. Sein Vater war ein schöner, stattlicher Mann gewesen. Mohammed war ein bleiches, schwächliches, un-frohes Kind, das am liebsten eigene Wege ging.

Eben betrat er der Mutter Gemach, ohne Eile und ohne Lächeln. Fast widerwillig trat er an das Ruhebett und fragte:

„Du hast mich rufen lassen, Mutter. Hatte das, was Du zu sagen hast, wirklich solche Eile?“

Ohne den unartigen Ton, in dem diese Frage ausgesprochen wur-de, zu rügen, sagte Amina liebevoll:

„Setze Dich, mein Sohn, und höre: Dein Großvater wird hierher kommen, mit mir über Dich zu sprechen. Ich weiß, daß er im Sin-ne hat, Dich in eine Schule zu senden. Nicht wahr, Du fühlst Dich immer noch unwohl und müde?“

„Müde bin ich meistens, Mutter, aber das schadet nichts. Laß mich in die Schule gehen, ich bitte Dich!“

Erschrocken wehrte Amina:

„Wo denkst Du hin, Mohammed? Der Lärm und die Unarten der vielen Knaben könnten Dir schaden. Sie würden über Dich spot-ten, weil Du blaß aussiehst und wenig Kräfte hast.“

Unwillig unterbrach der Knabe:

„Wenn ich daheim bleibe, wird niemals ein Mann aus mir! Unter den andern werden meine Kräfte sich zeigen. Ich will lernen, ich muß lernen. Ein gescheiter Mann will ich werden! Ich werde dem Großvater sagen, daß ich sehr gern in die Schule gehen will. Dann kannst Du ihm sagen, was Du willst, er wird auf mich hören.“

Hohnvoll verrenkte der Knabe seine schmächtigen Glieder und verzerrte das eigentlich hübsche Gesicht.

„Wozu wirst Du die große Gelehrsamkeit brauchen, Moham-med?“ erkundigte sich die Mutter, der das Weinen nahe war.

Da hatte sie nun fast ein Jahr lang alles getan, um den gefürchte-ten Zeitpunkt der Trennung von ihrem abgöttisch geliebten Knaben hinauszuschieben, und nun begehrte dieser selbst den Schulbesuch.

 

„Warum ich lernen möchte, Mutter?“ fragte Mohammed und warf sich auf einen der am Boden liegenden Teppiche. „Ich will ein Kaufmann werden, aber keiner von den kleinen. Ich will der größte Kaufmann in ganz Syrien und Arabien und überall herum werden. Alle edlen Steine sollen durch meine Hände gleiten, alle weichen Stoffe will ich betasten. Dazu muß ich lesen und schreiben können und vor allem rechnen. Mich darf keiner betrügen, Mutter!“

Der reiche Vorhang an der Tür wurde behutsam beiseite gescho-ben, eine umfangreiche Frau in Dienertracht trat herein. Mutter und Sohn hatten die Köpfe der Eintretenden entgegengewandt.

Während Amina sich wieder in ihre lässige Stellung zurückgleiten ließ, sprang Mohammed in schneller Geschicklichkeit empor und hing unerwartet an dem Hals der durch diesen Anprall Atemlosen.

„Sara, Sara!“ jauchzte er mit völlig veränderter Stimme. „Es wird ernst: ich werde lernen dürfen! Eben hat mir die Mutter vorgejam-mert, daß der Großvater mich in die Schule schicken will. Sie be-greift mich wieder einmal nicht.“

Rücksichtslos sprudelte er das heraus, ohne zu merken, wie weh er seiner Mutter damit tat, deren einzige Freude er war.

Sara, die alte Amme, hatte inzwischen die mageren Arme ihres Lieblings gelöst und ihn behutsam zu Boden gleiten lassen. Nun nahte sie sich Amina in der vertraulichen Weise, wie sie alte Diene-rinnen annehmen:

„Will die Herrin sich nicht dem Hausherrn zuliebe, den sie erwar-tet, in bessere Gewänder werfen?“ schmeichelte sie.

Amina schüttelte das feine Köpfchen mit den schweren Flechten.

„Es ist ihm gleich, wie ich gekleidet bin“, stieß sie hervor.

„Nun ist die Herrin ungerecht”, verwies die Dienerin. „Abd al Muttalib läßt es niemals an Aufmerksamkeit fehlen. Die köstlich-sten Steine, die schimmerndsten Perlen, die zartesten Stoffe aus dem Gewölbe sendet er der Witwe seines Sohnes!“

Es machte wenig Eindruck auf die verwöhnte Frau.

„Ich bleibe, wie ich bin”, sagte sie. „Die Zeit bis zu seinem Kom-men ist ohnehin nur kurz. Es gibt noch manches zu besprechen. Setze Dich zu uns, Sara.“

Die Dienerin gehorchte ohne weiteres, sie mochte solche Bera-tungen gewohnt sein.

 

„Ich wußte nicht, daß Mohammed gern in die Schule gehen will“, begann Amina. „Ich selbst sehe es ungern; denn er ist noch zu zart dafür, auch möchte ich ihn noch ein Jahr lang bei mir behalten.“

„Was hast Du davon, Mutter, wenn ich bei Dir bleibe“, rief der Knabe eigenwillig. „Ich mache Dir wenig Freude. Du sagst es oft-mals selbst. Und ich will lernen, lernen, lernen!“

„Du wirst Dich an den Gedanken gewöhnen müssen, Herrin, daß der Knabe der Kindheit entwachsen ist. Soll ein Mann aus ihm wer-den, so muß er aus den Frauengemächern in Männerhände über-gehen.“

 

„Nun wohl, da er selbst es wünscht, mag es geschehen“, seufzte die Mutter. „Aber, Sara, ich sehe eine große Gefahr für ihn in der Wahl der Schule. Abd al Muttalib wird ihn in eine Stadtschule senden wollen, wo die Knaben der Fetisch-Anbeter unterrichtet werden. Noch ist Mohammed nicht fest gegründet in unserem Glauben. Er wird ihn ablegen wie ein altes Gewand!“

„Und wessen Schuld ist dies, Herrin?“ fragte Sara mit plumper Vertrautheit.

„Meinst Du etwa, ich hätte es an der nötigen Unterweisung fehlen lassen, Du Kecke?“ erwiderte Amina erregt.

„Gelehrt hast Du den Knaben, aber vorgelebt hast Du ihm nichts. Wann hat er je sehen dürfen, daß Dein Glaube Dir Halt, Trost oder Ansporn zum Guten war?“

Mohammed, der anscheinend nicht zugehört hatte, wandte sich zu der auf seiner anderen Seite am Boden sitzenden Dienerin.

„Du hast recht, Sara“, sagte er zärtlich. „Von der Mutter konnte ich das alles nicht lernen, aber Du hast es mir vorgelebt, Du Gute.“ Wieder schnitt das scharfe Weh der Eifersucht durch der Mutter

Herz.

„Wie kannst Du so lieblos urteilen, mein Sohn?“ sagte sie vor-wurfsvoll. „Wer hat mit Dir gebetet, seit Du alt genug bist, um ein Gebet zu sprechen? Wer hat Dir von Jesus, dem Gekreuzigten er-zählt?“

„Das hast Du getan, Mutter“, war Mohammeds rasche Antwort.

„Aber während Du mir den ermordeten Wahrheitsbringer vor die Augen stelltest, lehrte Sara mich den lichten Gottessohn lieben, der aus Liebe zu den Menschen kam als Kindlein in der Krippe. Wäh-rend Du mich lehrtest, Gebete zu sprechen in einer Sprache, die wir beide nicht verstehen, führte Sara mich zu den Füßen des Kind-leins, meine Bitten auszusprechen.“

 

Unkindlich klang diese Antwort, aber sie kam aus dem Herzen des Knaben, das fühlten beide Frauen, denen die Augen sich feuch-teten.

Nach kurzem Schweigen nahm Amina wieder das Wort:

„Sei es, wie es wolle, wenn Du nur glaubst. Wenn Du nur Jesus liebst, will ich zufrieden sein. Aber sage mir, mein Sohn, wird diese Liebe Spott und Einfluß der Mitschüler überstehen?“

„Das wird sich zeigen, Mutter. Das kann ich heute noch nicht wis-sen. Wenn der Glaube an Jesus die Wahrheit ist, wie Ihr beide sagt, so wird sie siegen über alles andere. Ist er es nicht, so mag er ruhig untergehen.“

Mohammed hatte das ernste Gespräch lange genug gewährt. Aber-mals sprang er mit unerwarteter Geschicklichkeit auf und enteilte.

Die zurückbleibenden Frauen schauten sich an. Beide liebten sie dieses verzogene Kind mehr als alles andere auf der Welt. Aber während die Mutter blind war gegen die Fehler des Sohnes, strebte Sara aus allen Kräften, ihrer Herr zu werden.

Bitter empfand Amina, daß alles Weiche in des Knaben Seele sich der alten Amme zuwandte, über der er die Mutter oftmals völlig vergaß. Wenn die Eifersucht in ihrem Herzen brannte, faßte sie im-mer aufs neue den Gedanken, Sara zu entfernen. Aber sie konnte sich ein Leben ohne die, die sie aufgezogen, nicht denken.

Als junges Mädchen war Sara in das Haus der vornehmen Ha-schi gekommen, wo Amina eben die Augen aufgeschlagen hatte, als Jüngste von sechs Töchtern. Sara hütete und pflegte das Kindlein mit nimmermüder Treue, Sara leitete seine ersten Schritte und um-sorgte es, bis es zur lieblichen Jungfrau erblühte.

Dann war der Tag gekommen, an dem Amina dem Mann in sein Heim folgen sollte. Reich war Abdallah, der Juwelenhändler, der sie zum Weibe begehrt hatte.

Er entstammte gleich ihr einem vornehmen Geschlechte, dem der Koretschi. Entgegen den Gebräuchen war er Kaufmann geworden, und, was Aminas Vater zunächst immer wieder zögern ließ, seine Einwilligung zu geben, er war Jude!

Irgend ein Vorfahr war zu dem fremden Glauben übergetreten, an dem die Enkel starr festhielten. Aminas ganze Familie aber be-tete Fetische an und fühlte sich dabei geborgen und glücklich. Die strengen Gesetze der Juden machten sie schaudern.

An dem Tage aber, als der Vater sein endgültiges Nein sprechen wollte, bekannte Amina unter Tränen, daß sie längst dem Glauben ihrer Väter abgeschworen und Christin geworden sei!

Vater und Freier waren gleich entsetzt!. Aber als der Vater die fremdgläubige Tochter verstoßen wollte, hielt Abdallah seine Wer-bung aufrecht und nahm die Christin in sein Haus und an sein Herz. Nun brauchte niemand von dem Glaubenswechsel der vornehmen Jungfrau zu erfahren. Erleichtert schaute der Vater in die Zukunft.

Mit Amina verließ Sara den Palast Haschis, um am gleichen Tage den Ehebund zu schließen. In ihren Tränen hatte Amina bekannt, daß Sara es gewesen, die ihr die neue Lehre nahe gebracht hatte.

Die Dienerin wurde des Hauses verwiesen und konnte dem Man-ne folgen, der sie lange schon begehrt hatte. Ihr Söhnlein starb bei seiner Geburt, so konnte sie die Pflege des kleinen Mohammed übernehmen, dem sie alle Liebe und Treue einer Mutter zuteil wer-den ließ.

Mit Schmeicheln brachte sie es jetzt so weit, daß Amina sich er-hob und dem erwarteten Besucher zuliebe sich besser kleidete. Kaum war sie damit fertig geworden, da meldete Mustafa auch schon seinen Herrn.

Amina ließ sich in halb sitzender Stellung auf dem Diwan nieder, während Sara den rasch bereiteten Kaffeetrank auf einem Tisch-chen abstellte, sich dann in den Hintergrund des Gemaches zu-rückziehend. Es wäre gegen allen Anstand gewesen, wenn Amina den Gast allein empfangen hätte.

 

Würdig trat Abd al Muttalib herein. Trotz seines stattlichen Kör-perumfanges sah man ihm das edle Geschlecht an. Sein Schritt war langsam und gemessen, aber selbstbewußt, Haar und Bart von schneeigem Weiß umrahmten das gelbbraune Gesicht, aus dem braune Augen forschend schauten.

 

Gelbbraune, reich gestickte Seide umschloß seine mächtigen Glieder. Das krumme Schwert hing am Gürtel, kostbare Perlenket-ten zierten ihn. Am rechten Zeigefinger trug er einen Ring mit ei-nem außergewöhnlich großen, gelbbraunen Steine, den er für einen Talisman hielt und niemals von der Hand ließ.

Die Füße steckten in gestickten Lederschuhen, die mit Seide ge-füttert waren und nur im Haus getragen wurden.

Seine Begrüßung war dem Anstand angemessen, aber äußerst kühl. Er hatte sich mit Geduld und Festigkeit gewappnet, um den Klagen der Schwiegertochter richtig begegnen zu können.

Nachdem er Platz genommen und das erste Täßchen des braunen Trankes schweigend geschlürft hatte, schaute er Amina prüfend an. Wußte sie wohl, weshalb er kam? Es war, als habe sie eine Maske vor dem unbeweglichen Gesicht, kein Zug verriet innere Erregung. Langsam begann er zu sprechen, jeden Augenblick auf einen ih-rer gewohnten raschen Einwände gefaßt. Aber er konnte alle seine Ansichten in Ruhe darlegen. Amina sprach kein Wort. Als er alles

gesagt, was zu erklären war, schloß er „Du siehst also, Sohneswitwe, daß es Zeit wird, Mohammed in die Schule zu senden.“

Sie fragte in lässigem Ton:

„In welcher Schule hast Du ihn angemeldet, Vater meines. Gat-ten?“

Aufs höchste überrascht, blickte der Befragte die schöne Frau an. Das hatte er nicht erwartet, er fand die Antwort nicht sofort.

„Wir haben hier nur zwei Schulen“, sagte er dann, Gleichmut heu-chelnd. „Die eine wird von den Vornehmen besucht, aber die Leh-rer sind Fetisch-Anhänger und wissen nichts, die andere gehört zu unserem Tempel, und Rabbi Ben Marsoch ist ein grundgelehrter Mann. Da Mohammed in einer jüdischen Familie geboren ist, soll er auch in diesem Glauben aufwachsen.“

„Mohammed ist Christ; denn ich, seine Mutter, gehöre diesem Glauben an!“ unterbrach ihn Amina nun doch ungestüm. Ihr Atem flog, ihre Augen blitzten.

Ruhig lächelnd betrachtete Abd al Muttalib das junge Weib.

„Bisher ließ ich Dich mit ihm verfahren, wie es Dir beliebte; denn ich wußte, daß die Jahre nur kurz waren, da der Knabe im Frauengemach aufwuchs. Nun wird er es verlassen und seine Erziehung liegt in meiner Hand. Ich aber bin Jude.“

Hart und stolz klangen die letzten Worte. Nochmals versuchte Amina zu entgegnen:

„Mohammed liebt seinen Glauben. Er wird ihn nicht lassen wol-len. Du wirst Unruhe in die Knabenseele tragen.“

„Ein Sechsjähriger hat noch keine eigene Meinung. Er wird den Glauben seines Vaters gern als den seinen anerkennen. Laß uns darüber kein Wort verlieren.

Ursprünglich hatte ich geplant, den Knaben erst zu Beginn des neuen Monats der Schule zuzuführen, aber ich sehe, es wird besser sein, ihn und Dich falschen Gedanken zu entziehen. So mag er heu-te schon mit mir gehen.

Von heute an wird er bei mir wohnen in den Räumen, die sein Vater vor ihm benutzte. Einmal im Monat darf er Dich besuchen, solange diese Besuche meine Erziehung nicht durchkreuzen.“

Der Herr des Hauses hatte gesprochen. Es gab nichts anderes als Gehorsam. Ja, hätte Amina gewußt, daß Mohammed sich gegen den Schulbesuch wehren würde, sie hätte wie eine Pantherin für ihn gekämpft. Mit Mühe verbarg sie die immer neu strömenden Tränen und wartete, was Abd al Muttalib weiter zu sagen habe.

 

Mit der gleichen abweisenden Stimme wie bisher erkundigte er sich, ob es der Sohneswitwe an nichts gebreche, ob alle ihre Wün-sche erfüllt würden.

Sie bejahte.

Abermals schaute er sie prüfend an, als ob er erwäge, ob es an der Zeit sei, weiter von dem zu reden, was ihm auf dem Herzen lag. Danach leerte er hastig zwei der winzigen Täßchen und sagte:

„Du bist noch jung und sehr schön, Amina. Es ist nicht recht, daß Du Dein Leben einsam auf dem Diwan verbringst. Gott nahm Dir den Gatten, aber nach unserm Gesetz ist es Dir gestattet, Dich abermals zu vermählen.

Abu Talib, mein, jüngster Sohn, bietet Dir durch mich seine Hand. Er will Dich halten als Erbteil seines Bruders. Reich wirst Du sein und angesehen. Freude wird wieder um Dich sein wie zu Anfang Deiner Ehe.“

 

Er schwieg und schaute sie erwartungsvoll an, aber Amina ant-wortete nicht. Wohl hatte sie manchmal an den Brauch gedacht, wonach die jüngeren Brüder die Witwe des Ältesten freien, aber sie hatte geho@, verschont zu bleiben.

Abdallah war ein schöner Mann gewesen, Abu Talib hatte einen krummen Rücken und hinkte. Es schauderte sie, wenn sie an eine Ehe mit dieser Mißgestalt dachte. Das aber durfte sie nicht laut wer-den lassen. Rasch sich besinnend, sagte sie mit leiser Stimme:

„Vater meines Gatten, ich danke Euch für Euer Wohlwollen, Dir und Abu Talib. Ich habe gelobt, sieben Jahre nach dem Tode Abdal-lahs unvermählt zu bleiben. Dies Gelöbnis will ich halten. Ich erzei-ge ihm damit alle Liebe und Ehrfurcht, die ich ihm schuldig bin.“

Etwas freundlicher als seither schaute der Alte auf sie.

„Dies Gelöbnis ehrt Dich, Amina. Gewöhnlich können die jun-gen Witwen die Zeit der Wiedervermählung kaum erwarten. Ich werde meinem Sohne sagen, daß er sich noch zwölf Monate gedul-den soll. Danach werden wir die Hochzeit rüsten. An Pracht und Glanz soll es nicht fehlen.“

Nun erhob er sich. Seine Absichten glaubte er erreicht zu haben. Er konnte wieder seinen Geschäften nachgehen. Zu allererst aber mußte er Mohammed aufsuchen und mit sich nehmen. Es mußte verhindert werden, daß die Mutter dem Knaben irgendwelche Ge-danken übermittelte.

Er brauchte nichts zu befürchten. Bei Amina hatten die Heirats-pläne Abu Talibs alle anderen Gefühle ausgelöscht. Entsetzlich! Amina rief Sara herbei und schüttete ihre Klagen vor der Getreuen aus.

„Herrin“, tröstete diese, „Abu Talib ist ein guter Mann, der auch Mohammed liebt, als wäre er sein Sohn. Oftmals sah ich die Beiden vertraut zusammen.“

Das hätte Sara nicht erwähnen dürfen. Nun flammte wieder Ei-fersucht in dem leicht beweglichen Herzen der Frau auf.

„Er will mir den Sohn abwenden, damit ich um so eher seinen Wün-schen Gehör gebe. Aber das wird nicht geschehen. Ein Jahr der Freiheit habe ich mir erkauft. In einem Jahr kann noch viel geschehen!“

Alles Zureden Saras fiel auf unfruchtbaren Boden. Die Dienerin entschloß sich, zu schweigen und alles der Zeit zu überlassen.

 

Aber „in einem Jahr kann viel geschehen“, hatte Amina gesagt. Es hatte sich noch nicht halb abgerollt, da lag die schöne Frau auf der Totenbahre. Irgend eine der hin und wieder auftretenden Seu-chen hatte sie heimtückisch ergriffen und ihrem Leben ein Ende bereitet.

Sara hatte sie mit Treue gepflegt. Als sie merkte, daß die Seele den Körper verlassen wollte, hatte sie ein beinernes Kruzifix herbeige-tragen als Trost und Halt für die Sterbende.

 

Lange hatte Amina darauf geschaut und danach die Augen ge-schlossen.

„Erzähle mir von dem Kinde in Bethlehem, Sara“, bat sie mit mat-ter Stimme. „Mir graut vor dem Tode, und das Kreuz erzählt nur davon.“

Und Sara hatte von Gottes erbarmender Liebe gesprochen, von der unfaßbaren Liebe, die den eigenen Sohn gesendet, um die verderbte Menschheit noch zu erretten. Sie erzählte von dem Leben des Gottessohnes und von dem königlichen Einzug in Je-rusalem.

Aber es brachte der Sterbenden keinen Frieden. Unruhig wandte sie das schöne Haupt auf den Kissen hin und her.

Ungesehen von den Frauen hatte der greise Abd al Muttalib das Gemach betreten, trotzdem er wußte, daß Ansteckung seiner harrte.

„Sage mir ein Wort, das mir das Sterben leicht macht, Sara“, flehte die Sterbende.

Die Dienerin überlegte. Da tönte es friedevoll und herrlich durch den Raum:

„Und ob ich schon wanderte im finstern Tale, ich fürchte kein Unglück, denn Du bist bei mir!“

Langsam und feierlich sprach es Abd al Muttalib, die Rechte über dem Lager der Sohnestochter erhoben, daß der gelbbraune Stein aufleuchtete.

„Vater“, flüsterte Amina, „mir ist es recht, wenn Mohammed ein Jude wird.“

Sie hatte noch niemals ihm den Vaternamen gegeben. In dieser Stunde, wo er der zagenden Seele Trost brachte, trat er selbstver-ständlich über ihre Lippen.

 

Und er betete weiter, einen Psalm des Königs nach dem anderen, bis die Atemzüge erloschen und die Seele der Frau sich zu lösen begann.

Sara war weinend am Lager zusammengesunken. Amina war tot, die sie geliebt wie eine Schwester. Aber darum weinte sie nicht. Ihre Tränen galten dem Versagen, das so schlimme Folgen nach sich zie-hen sollte.

In dem einzigen Augenblick, wo sie dem Greis hätte zeigen kön-nen, wieviel trostreicher, wie tausendmal erhabener der christliche Glaube ist als alle anderen, da fiel ihr kein einziges Wort ein. -

Die Leiche mußte so rasch als möglich aus dem Hause entfernt werden. Abd al Muttalib sorgte für alles, was notwendig war, um seinen Haushalt vor weiterer Gefahr zu schützen.

 

Mohammed wurde in seiner Schule erst von dem Scheiden der Mutter unterrichtet, als die sterbliche Hülle bereits beigesetzt wor-den war in dem Felsengrabe an der Seite des Vaters.

Er trauerte um die, die ihm nur Liebe bewiesen hatte, aber seine Trauer war von kurzer Dauer. Bald gewöhnte er sich, bei seinen monatlichen Ausgängen an Stelle der Mutter Sara aufzusuchen, die das Haus Abd al Muttalibs verlassen hatte und nun mit ihrem Gat-ten vereint mitten in der Stadt ein schmuckes Häuschen bewohnte. Bei diesen Gelegenheiten bemühte sich die Alte, ihren Fehler gut-zumachen, wie sie meinte, indem sie dem lauschenden Moham-

med von dem Jesuskind erzählte.

Er wußte, daß seine Mutter auf dem Sterbebette darein gewilligt, daß er Jude werde, aber es berührte ihn nicht. Eifrig nahm er alles auf, was er in der Schule lernen konnte.

Wenn die Lehrer von dem verheißenen Messias berichteten, glitt ein unkindliches Lächeln über seine Züge. Er wußte, daß dieser Messias bereits erschienen und dann vom Volke ermordet worden war. Mit Nachdruck sagte er auch Sara gegenüber stets

„ermordet.“

Sie mahnte ihn dann und bewies ihm, daß der Tod am Kreuze etwas Gottgewolltes gewesen sei. Da sagte er eines Tages heftig:

„Wenn das so ist, Sara, so nimmst Du mir auch den Glauben an Gott! Welcher Vater läßt freiwillig sein Kind ermorden?

Und Gott, so wie ich ihn verkünden höre, ist besser als alle Väter der Welt. Du aber willst ihn herabzerren!“

Entsetzt starrte Sara den Knaben an, der es wagte, eine eigene, von allen abweichende Meinung zu haben.

„Mohammed, halte fest an Gott, ich bitte Dich! flehte sie. „Ich bin schuld, daß Du kein Christ werden darfst, so werde wenigstens ein rechter Jude!“

„Das weiß ich noch nicht, Sara“, sagte Mohammed bestimmt. „Ich kann nicht um der toten Mutter willen Jude werden, wenn in mir nichts dafür spricht. Ebensowenig aber kann ich um deinetwillen, die ich am liebsten auf der Welt habe, Christ werden. Ja, wenn man die beiden Religionen zusammenwerfen könnte, dann sollte es mir gefallen!“

Sara bangte um den frühreifen Knaben. Was sollte aus ihm wer-den?

Körperlich erstarkte er unter der männlichen Zucht. Die Tempel-schule in Mekka sorgte nicht nur für den Verstand ihrer Pfleglinge, sondern sie war auch auf Ertüchtigung der Körper bedacht.

Neben Rabbi Ben Marsoch lehrte ein junger Grieche die Knaben und unterwies sie in allerhand Künsten, vor allem aber in Spielen und Körperübungen. Deshalb gaben angesehene Eltern, die nicht dem jü-dischen Glauben angehörten, gern ihre Söhne in die Tempelschule.

Dadurch aber entstand ein gewisser Zwiespalt im Unterricht. Es ging nicht an, die an Fetische glaubenden Knaben mit den jüdi-schen zusammen in der Gotteslehre zu unterweisen, wenn sie auch allen anderen Unterricht gemeinsam hatten.

So wurde von den strenggläubigen Schülern ein innerer Ring ge-bildet, der sich der besonderen Gunst Rabbi Ben Marsochs erfreute Nach einem Jahr des Schulbesuchs aber erklärte Mohammed, diesem Ring nicht mehr angehören zu wollen. Mit unnachsichtli-cher Strenge wurde er trotzdem angehalten, die Stunden innerhalb dieser Gemeinschaft zu besuchen. Alles Widerstreben, aller Trotz half ihm nichts. Ungefähr ein Jahr lang zog sich dieses Auflehnen gegen Lehrer und Unterweisung hin, ohne daß der Großvater da-

von erfahren hatte.

Da wurde Mohammed anscheinend ohne jeden Grund gefügig. Ebenso unerwartet, wie er vor einem Jahr seinen Austritt aus dem

 

Ring erklärt hatte, ebenso überraschend bat er, ihm seine Willkür zu vergeben und ihn wieder als eifrigen Schüler, betrachten zu wollen. Die Lehrer freuten sich über die unverständliche Sinnesänderung.

Sara war es, die vermocht hatte, dem Knaben begreiflich zu ma-chen, daß er sich selbst am meisten schade, wenn er sich gegen die Obrigkeit auflehne.

„Lerne, was sich Dir bietet, Mohammed“, hatte sie unzählige Male gesagt. „Es wird Dir alles Nutzen bringen, so Du es recht auf-nimmst. Wenn Du Dich aber weigerst zu hören, was der Rabbi zu sagen hat, wie willst Du dann erkennen, was richtig und was falsch ist an seiner Rede?“

Das war die Art gewesen, mit der man Mohammed überzeugen konnte. Er hatte sich gefügt und wurde ein arbeitsamer Schüler.

Als er das achte Jahr zurückgelegt hatte, starb sein Großvater. Ganz still und sanft war er eines Nachts entschlummert ohne vorherige Krankheit. Er war etwas über hundert Jahre alt geworden, sein Körper hatte plötzlich versagt, während sein Geist noch lebhaft gewesen war.

Dem Großvater hatte Mohammed nie nahe gestanden. Es war der einzige Mensch gewesen, den er gefürchtet hatte.

Nun übernahm sein Onkel, Abu Talib, seine Erziehung. Das be-glückte den Knaben. Trotz seines angeborenen Schönheitssinnes übersah er die körperlichen Entstellungen und empfand nur die reine, kindliche Seele des Mannes.

 

Abu Talib kam ihm mit großer Liebe entgegen und versuchte, die völlig auf verstandliches Wissen aufgebaute Erziehung in der Tempelschule durch Beeinflussung des Gemütes zu ergänzen. Stets war er zu finden, wenn Mohammed in seiner Freizeit das väterliche Haus aufsuchte, dem er zwei Jahre lang fern geblieben war.

Was Abu Talib ihm gab an inneren Schätzen, das nahm der Kna-be, ohne sich dessen anders bewußt zu werden, in einem Gefühl steten inneren Beglücktseins. Sein fahriges, herrisches Wesen mil-derte sich, seine Augen und sein Mund fanden ein frohes Lächeln an Stelle des Spottes, der so oft darüber geglitten war.

Mit großer Freude bemerkte Abu Talib das Aublühen Moham-meds. Er ahnte reiche Schätze in der Seele dieses Knaben und sein ganzes Streben ging darauf, sie zu heben.

 

Um diese Zeit war es, daß der Knabe eines Tages in der Schule ganz plötzlich von unerklärlichen Krämpfen befallen wurde. Die Augen verdrehten sich, mit tierischen Schreien stürzte er zu Boden und lag da, die Glieder umherschleudernd.

Aufs höchste erschreckt wichen die Mitschüler vor ihm zurück. Rabbi Ben Marsoch, der meinte, er sei besessen, betete über ihm, indessen ohne Erfolg. Niemand wagte, den immer heftiger um sich Schlagenden anzufassen.

Endlich kam ein Arzt. Er ordnete alles zur Pflege an und sagte, diese Krämpfe seien eine Folge seines überzarten Körpers. Man dürfe nicht vergessen, daß der Knabe den Tod des Vaters noch nicht überwunden habe.

Er solle nicht überanstrengt werden mit Lernen. Rabbi Ben Marsoch wollte nicht verstehen. Nun, da Mohammed endlich ein glänzender Schüler war, hatte er keine Lust, ihn vom Lernen auszuschließen.

Da sprach der Arzt mit dem sehr erschrockenen Abu Talib. In seiner Liebe fand dieser einen Ausweg.

 

„Ich habe eine lange Reise nach Syrien vor“, sagte er. „Ich werde den Knaben mitnehmen. Die andere Luft, der Anblick von soviel Neuem werden ihm gut tun. Kommen wir dann zurück, so kann von neuem beschlossen werden.“

Der Arzt war einverstanden und bald schon wurde die Reise an-getreten. Abu Talib war kein Kaufmann wie sein Vater und sein Bruder Abdallah, Mohammed hatte noch nicht erfahren, was er ei-gentlich trieb, trotzdem er es gern gewußt hätte.

Er fragte den Oheim, aus welchem Grunde die Reise unternom-men werde, aber dieser, der sonst jede Frage mit größter Freund-lichkeit beantwortete, sagte nur kurz:

„Ich habe Geschäfte in Syrien.“

Konnte der wißbegierige Knabe nun hier keinen Aufschluß er-halten, so beschäftigten ihn die Reisevorbereitungen um so mehr. Eine stattliche Anzahl Begleiter sollte sich ihnen gesellen, für jeden wurde ein starkes Kamel bereit gestellt und prächtig gezäumt.

Bewundernd lief Mohammed von einem zum anderen. Er sah, daß die Satteldecken alle das gleiche Zeichen in der gleichen Ecke trugen: ein krummes Schwert und einen bunten Vogel darüber.

 

„Was ist das? Was bedeutet das?“ wollte er wissen. Mustafa be-lehrte ihn:

„Das ist das Stammeszeichen Euerer Familie, der Koretschi, Kna-be. Sei stolz, daß auch Du es einmal wirst führen dürfen.“

„Es muß doch eine Bedeutung haben?“ beharrte Mohammed, mit den Fingern die Zeichen nachfahrend.

„Freilich hat es eine Bedeutung: wie ein Vogel sollt Ihr Euch auf-schwingen, Euch über alle anderen erhebend, und mit der Schärfe des Schwertes sollt Ihr zu schlagen wissen. Merke es Dir, Moham-med! Werde kein Kaufmann, wie Dein Vater, sondern strebe Abu Talib nach, so wirst Du Ehre vor den Menschen und Segen auf Dei-nen Wegen haben.“

„Welchen Beruf übt mein Onkel aus?“ fragte Mohammed rasch, erfreut, hier eine Gelegenheit zur Lösung dieser ihm so wichtigen Frage zu finden.

„Beruf?“ sagte der Alte gedehnt. „Keinen.“

Damit wandte er sich dem Kamel zu, auf dessen Rücken er einen prächtigen Sattel aufzuschnallen versuchte.

Ärgerlich stampfte Mohammed den Boden. So durfte ihm ein Diener doch nicht begegnen! Er mußte sich bei Abu Talib beschwe-ren, tat er das aber, so kam seine Neugier zutage. Also mußte er schweigen und die Zurückweisung annehmen.

Eilig lief er zu einem der anderen Diener und fragte:

„Welches Kamel werde ich reiten?”

„Ich weiß es nicht”, lautete die unbefriedigende Antwort. „Der junge Herr muß Abu Talib selber fragen.“

Endlich war der Morgen des Aubruchs gekommen. Die Sonne war noch nicht erschienen, da standen die Kamele der Reiter har-rend in dem weiten Hof, der das palastartige Haus der Koretschi umgab. Ein ungeheurer Troß an Lasttieren wartete draußen mit den Treibern, die man zu dieser Reise gemietet hatte.

Nun trat Abu Talib aus dem Hause und bestieg mit Hilfe einer Treppe sein Reittier. Alle andern Männer stiegen auf, während das Kamel am Boden kauerte, er allein mußte seines Gebrechens wegen diesen andern Weg wählen.

Was aber Mohammed bei einem anderen Menschen verächtlich, vielleicht lächerlich erschienen wäre, das gab Abu Talib in seinen Augen einen besonderen Glanz. Alles machte der Oheim anders als andere Menschen!

Und nun rief dieser Oheim ihm zu, er solle ebenfalls die Treppe benützen und zu ihm hinaufsteigen. Eilfertig tat er es und nahm stolz auf dem besonders angebrachten Sattel Platz, auf dem er die Reise zurücklegen sollte.

Das war fein, daß er nicht einsam und allein auf einem Kamel thronen mußte. Da hätte er stundenlang niemand gehabt, mit dem er hätte reden können. Und er hatte doch so viel zu fragen.

Langsam setzte sich der Zug in Bewegung. Da immer ein Tier hinter dem andern schritt, war er sehr lang. Kaum lag Mekka hinter den Reisenden, so wurden die Tiere zu rascherem Schritt angetrie-ben.

Es ging leicht bergabwärts gegen Nordwesten zu, und die Gang-art der Kamele wurde immer lebhafter. Anfangs hatte Mohammed genug zu sehen, aber noch ehe die Sonne zur Rüste ging, erlahmte seine Anteilnahme. Die Gegend wurde wüst und öde.

Sie ritten hart am Rande einer Wüste dahin. Sobald frischer Wind sich erhob, wurden ihnen Sandmengen entgegengetrieben. Die er-ste Nacht ritt man ohne Unterbrechung. Der Knabe schlief im Sat-tel. Erst in der nächsten Nacht wurden Zelte erstellt und bezogen.

Aufmerksamen Auges verfolgte Mohammed das Tun und Trei-ben der Leute im Lager. Er sah, wie die Treiber einen Fetisch auf-pflanzten, ein scheußliches Gebilde aus Stein, Knochen und Lum-pen, wie sie es umtanzten und sich freuten, unter seinem Schutze sicher zu ruhen.

„Wer hat das Ding gemacht?“ fragte Mohammed seinen Onkel, zu dem er erfüllt von allem Gesehenen zurückkehrte.

„Wahrscheinlich der Fetischmann, wir würden Priester sagen, wenn ein solcher Gottesleugner diesen Namen verdiente.“

So kann das Ding aber weder ein Gott sein, noch irgend einen Menschen beschirmen, wenn es aus menschlicher Hand hervor-ging“, sprudelte Mohammed heraus, empört über soviel Torheit.

„Wie können Menschen so dumm sein, an etwas Derartiges zu glauben!“

„Sie wissen es nicht besser. Niemand hat ihnen von Gott erzählt“, beschwichtigte Abu Talib.

„Warum erzählt man ihnen nicht von ihm?“ empörte sich der Knabe.

„Sie würden es doch nicht verstehen“, meinte der andere seelen-ruhig.

Mohammed aber ließ der Gedanke nicht mehr los, daß da neben ihm Menschen waren, die falsche Wege gingen, nur, weil niemand sich die Mühe genommen, ihnen die richtigen zu weisen. Er, der noch niemals an andere gedacht hatte, er empfand Schmerz, wenn er der Fetisch-Anbeter gedachte, die er bisher noch nie hatte beobachten können.

Die Knaben in seiner Schule hatten niemals von ihren Götzen ge-sprochen. Er hatte angenommen, Fetisch sei ein anderer Name für Gott. Er hatte auch gefunden, daß diese vornehmen Knaben sich gar nicht um Glaubensdinge kümmerten. Das war ihm weniger un-natürlich erschienen als dieses rührende Festhalten der einfachen Männer an den überkommenen Gebräuchen.

Diese neuen Gedanken ließen ihn nicht zur Ruhe kommen. In der Nacht erhob er sieh leise von seinem Lager und schlich vor das Zelt, Kühlung zu suchen.

Da spannte sich über ihm der Sternenhimmel in seiner schein-baren Unendlichkeit aus. Glitzernd, flimmernd kündeten die Him-melslichter von der Größe dessen, der sie erschaffen.

Alle wirren, krausen Gedanken fielen ab von dem Knaben, der zum erstenmal in der Stille der Nacht die Stimmen des Alls zu sei-ner Seele sprechen fühlte. Unwillkürlich hoben sich seine Arme dem Glanz entgegen, unbewußt drängten sich die Worte, die er in der Schule gelernt, auf seine Lippen:

„Herr, wie sind Deine Werke so groß und viel, Du hast sie alle weislich geordnet.“

Was ihm bisher toter Stoff zum Auswendiglernen gewesen, das wurde plötzlich zum Erleben. Er fühlte seine Seele ergriffen von Gewalten, denen er sich beugen mußte.

Nachdem das erste heftige Erschauern vorüber war, warf er sich in den immer noch warmen Sand, legte die Hände unter das Haupt und begann nachzudenken, weswegen es ihm drinnen im Zelt zu eng geworden war.

Da fiel ihm der Gedanke an die armen Fetischanhänger wieder ein. Wie war es nur möglich, daß die Männer Nacht für Nacht solches sahen und an ihre Stroh- und Lumpengestalten glauben konn-ten! Es mußte jemand kommen, der ihnen Besseres zeigte.

Der Oheim hatte gemeint, sie würden anderes nicht verstehen können! Ob wohl irgend jemand schon den Versuch unternommen hatte? Es mußte doch möglich sein, die Leute zu überzeugen.

Es war einfach Pflicht derer, die es besser wußten, die anderen aufzuklären. Lange lag er still und sann. Dann entrang sich ihm das Ergebnis seiner Betrachtungen:

„Herr, Du Gott Israels, wenn niemand es unternehmen will, so will ich es versuchen, sobald ich alt genug sein werde! Hilf Du mir dazu.“

Es war das erste selbständige Gebet, das aus des Knaben Seele strömte, und dieses Gebet, um anderer Menschen willen empfun-den, fand seinen Weg zum Throne des Höchsten. Linder Friede umwehte den Knaben, wie er ihn noch nie gefühlt hatte, frohe Zu-versicht strömte ihm zu und eine Freude auf das, was vor ihm lag.

Diese Nacht verbrachte er im Freien und trat am Morgen so leuchtenden Auges vor Abu Talib, daß dieser das Wunder nicht be-greifen konnte.

Gleichförmig vergingen die Tage, aber Mohammed, der sonst rasch aller Dinge überdrüssig wurde, verspann sich in seine Ge-danken und behielt ein heiteres Gleichgewicht. Eines Tages kam Unruhe in die Karawane. Der Führer ritt an die Seite Abu Talibs und fragte, ob sie nicht lieber jetzt die Zelte aufschlagen wollten, er fürchte einen herannahenden Sandsturm. Da sie aber an dieser Stelle genau so wenig geschützt waren als weiterhin, so riet Abu Talib zum Weiterreiten.

Heißer Wind erhob sich und fiel ihnen in den Rücken, große Massen von Sand mit sich tragend. Nun mußten sie doch absteigen. Rasch legten sich die Kamele, und die Menschen suchten unter und zwischen ihnen Schutz. Dicht fiel der Sand und drohte, alles Lebende zu begraben. Mohammeds Herz klopfte hörbar. Angst

hatte er nicht, zu sehr beschäftigte ihn alles, was er erlebte.

Plötzlich begannen die vor Schrecken bebenden Treiber einen eintönigen Sing-Sang, dessen Worte Mohammed nicht verstehen konnte. Einer der Männer erhob sich halb und kroch zu dem vor-dersten Kamel, auf dessen Rücken er eine der scheußlichen Fetisch-gestalten befestigte. Sie neigte sich im Winde, sie wurde geschüttelt, aber zunächst blieb sie noch aufrecht stehen.

Da begannen die Leute zu frohlocken: ihr Fetisch gebot dem Sturm, sie würden verschont bleiben.

In des Knaben Seele begann es zu wallen. Sollte wirklich der scheußliche Götze Herr sein? Ehe Abu Talib dessen gewahr wurde, schlüpfte Mohammed aus dem schützenden Versteck, glitt schlan-gengleich bis zu dem Kamel und erkletterte dessen Rücken, so daß er neben dem Fetisch stand.

Ein Aufschrei aus vielen Kehlen ertönte. Alle beschworen ihn, in die gesicherte Stellung zurückzukehren, es werde sein Tod sein, wenn er nicht folge. Er warf mit herrischer Gebärde den Kopf zurück.

Da war es, als setze der Sturm minutenlang aus, und diese Pau-se benutzte der Knabe, um ohne weiteres Überlegen das über die Menschen hin zu rufen, was seine Seele bewegte.

„Warum soll ich hier nicht ebenso gut stehen wie Euer Fetisch? Droht ihm keine Gefahr, so bin ich noch viel sicherer. Wisset, er ist von Menschenhänden gemacht, ich aber bin von Gott geschaffen! Von Gott, dem Allerhöchsten im Himmel und auf Erden. Hört Ihr es, Ihr Menschen? Ich bin Gottes Geschöpf und werde sein Diener sein, wenn ich alt genug bin, daß er meine Dienste brauchen kann!“ Fassungslos starrten die Menschen ihn an. Was sagte der Knabe?

Der Sturm setzte wieder ein, Mohammed mußte schweigen. Aber er blieb aufrecht stehen. Er hielt sich nicht einmal fest.

Betend streckte er die Arme gen Himmel, wie das seit der Nacht seines Erlebens seine Gewohnheit geworden war. Leicht schwankte seine schlanke Gestalt in dem Sturm, aber es geschah ihm nichts.

Und wieder setzte der Sturm aus, da rief Mohammed in Verzük-kung:

„Ich habe Gott, den Allmächtigen, gebeten, daß der Sturm auf-höre. Er wird aufhören, wenn Ihr den Fetisch hier fortnehmt! Wollt Ihr es tun? Er hat Euch gezeigt, daß er nichts vermag. Nun lasset Euch zeigen, was Gott der Herr kann.“

Wie im Banne der kindlichen Worte sprang einer der Araber auf und riß den Fetisch herab. Dabei überkugelte. er sich, das Gebilde kam ihm zwischen die Beine und zerbrach. Was aber den Männern sonst sicherlich als böses Omen gegolten haben würde, erschien ih-nen nun ein glückbringender Beweis der göttlichen Macht.

Ein einziger Windstoß erhob sich noch und fegte die Fetzen des Idols weit in die Wüste hinaus. Dann legte sich der Sturm, Die Luft wurde ruhig, die Tiere atmeten auf und erhoben sich. Das Unwetter war vorüber.

Inmitten der frohen Menschen aber stand der Knabe, überwältigt von dem Geschehen. Das war alles gekommen, ohne daß er es vor-her hatte bedenken können, ohne daß er sich der Tragweite seiner Worte bewußt geworden war.

Nun hatte es ihn gepackt. Wie groß war Gott, wie allmächtig! Und er, der Knabe, hatte ihn verkünden dürfen! Wahrlich, Gott hatte sich jetzt schon seiner bedient. Nun würde er ihm dafür auch sein ganzes Leben weihen.

Langsam ging er zu seinem Reittier und bestieg es, sich im Sitzen unwillkürlich an den Oheim schmiegend. Abu Talib verstand, was in des Knaben Seele vorging. Kein Wort sprach er mit ihm über das Vorgefallene. Er erwiderte die unbewußte Zärtlichkeit auch nicht. Allein ließ er Mohammed das seelische Gleichgewicht wiederfinden. Stille, friedevolle Reisetage folgten. Abu Talib empfand, daß der Knabe vor ihm eine innere Umwandlung durchmachte, bei der je-des Menschenwort überflüssig war. Er überließ ihn völlig seinen

Gedanken und sorgte nur, daß er das Essen nicht vergaß.

Dann änderte sich die Gegend. Leise ging es bergan, die sandige Wüste lag hinter den Reitern. Wohin das Auge blickte: überwach-sene Felsen, liebliche Obstgärten.

„Ist das Syrien?“ fragte Mohammed, wie aus einem Traum erwa-chend.

Abu Talib bejahte und erzählte, daß es nun jeden Tag schöner werden würde.

„Wohin reiten wir in Syrien? Wie heißt die Stadt, in der wir blei-ben werden?“ erkundigte sich der Knabe.

Er war sehr überrascht zu erfahren, daß das von den Nachrichten abhänge, die sein Oheim am nächsten Abend erwartete.

„Wir werden morgen in ein Kloster kommen, wo wir Botschaft vor-finden werden. Danach richtet sich meine Weiterreise. In dem Kloster wohnen lauter fromme Männer, die Gottes Diener sind, Mohammed. Du wirst Dich freuen, sie sehen und mit ihnen reden zu dürfen.“

„Sind es Juden?“ war Mohammeds eifrige Frage.

„Nein, es sind Christen, die behaupten, einer der Jünger Christi habe einst die Gemeinde gegründet. Vielleicht erzählen sie Dir da-von, wenn Du sie bittest.“

„Es ist mir recht, einmal wirkliche Christen zu hören“, erklärte der Knabe. „Außer Sara habe ich noch keinen gesehen.“

„Deine Mutter war auch Christin, vergiß das nicht, Knabe“, er-mahnte Abu Talib, erhielt aber zur Antwort:

„Ach, weißt Du, ich war ja noch jung, als Mutter lebte, aber ich habe das immer gefühlt, daß ihr Glaube ihr nicht wichtig war. Von Sara habe ich mehr gelernt als von ihr.“

„Sie war aber eine gute Frau, Du kannst sie noch nicht richtig be-urteilen“, wehrte Abu Talib, den es schmerzte, den Sohn derart über seine Mutter reden zu hören.

Indessen hielt diese leise Rüge Mohammed nicht ab, seine Mei-nung zu verteidigen. In manchem mußte der Oheim ihm innerlich recht geben. Da hielt er es für das Beste, das Gespräch abzubrechen.

 

Am folgenden Abend trafen sie im Kloster ein, das in einer frucht-baren Ebene mitten zwischen blühenden Obstgärten lag. Mönche in langen, braunen Kutten, den weißen Strick um die Hüften ge-schlungen, arbeiteten an den Bäumen und auf den Beeten.

Sie schauten auf, als die Karawane sich nahte. Dann kamen zwei von ihnen an das Tor, das in die niedere, weiße Mauer gefügt war, die das große Grundstück. umgab. Das Tor wurde geöffnet, aber nur Abu Talib ritt hinein, während die Karawane nach kurzem Zu-ruf sich wieder in Bewegung setzte.

Etwas erschrocken blickte Mohammed auf die Davonziehenden.

„Wohin reiten sie? Bleiben wir ganz allein hier?“ fragte er fast ängstlich.

Abu Talib hatte keine Zeit zu antworten. Mühsam stieg er von seinem Reittier, das gut gezogen und an seinen behinderten Reiter gewöhnt, geduldig alles mit sich vornehmen ließ.

Behende sprang Mohammed nach und schaute sich, als er vor den Mönchen stand, verwundert um. Ein hinzutretender Bruder ergriff das Luftseil und führte das Reittier hinweg. Nun entschwand auch dieses,. Unbehagen stieg in dem Knaben auf.

Unwillkürlich griff er nach Abu Talibs Hand und sagte gebiete-risch:

„Du bleibst da!“

Dadurch wurden die Mönche auf den jungen Gast aufmerksam und schauten ihn an. Staunen prägte sich auf ihren Zügen aus. Aber sie fragten nichts, sondern geleiteten die Gäste in das Innere des Klosters, wo ein Gemach gerüstet war, Abu Talib aufzuneh-men.

Rasch wurde auch für den Knaben ein Lager gerichtet und beiden ein Imbiß aufgetragen. Danach zogen sich die Brüder zurück und überließen Oheim und Knaben ihrer Nachtruhe.

Vieles wollte Mohammed wissen: warum die Mönche diese lan-gen Gewänder trügen, warum sie keinen gestickten Gürtel hätten, sondern die langen, unschönen Stricke mit den vielen Knoten dar-in.

Abu Talib erklärte, so gut er es verstand. Die Frage, die er vor allem erwartet hatte, wurde nicht ausgesprochen. Da stellte er sie selbst, obgleich er keine Antwort darauf wußte.

„Hast Du gesehen, Mohammed, daß alle diese Männer den Kopf an der gleichen Stelle glatt geschoren tragen? Weißt Du warum?“

Ohne Zögern antwortete der Knabe:

„Ich denke mir, sie haben die Haare entfernt, damit die Kraft von oben besser in sie eintreten kann.“

„Die Kraft von oben?“ fragte Abu. Talib erstaunt. „Was weißt Du davon?“

„Ich habe sie selber empfunden“, entgegnete der Knabe beschei-den, ohne jegliche Prahlerei.

Ein Mönch trat herein und brachte Botschaft für den Oheim, der sich in die gesandten Papiere vertiefte und den Knaben anwies, sein Lager aufzusuchen.

Diesem fiel es schwer, nicht im Freien beten zu können, wie er es seit kurzem gewohnt war. Ehe er aber mit sich im Reinen war, ob er bitten dürfe, daß er in den Hof hinausgehen könne, erhob sich Abu Talib und verließ das Gemach. Da betete der Knabe vor seinem La-ger stehend und schlief danach rasch ein.

 

Am folgenden Morgen führte der Oheim Mohammed dem Vor-steher des Klosters zu. Abt Paulus war ein noch junger Mann mit feurigen Augen und scharfen Zügen, der den Knaben durchdrin-gend musterte.

„Es ist, wie wir vermuteten“, sagte er danach zu Abu Talib gewen-det, „doch will ich den Pater Benjamin rufen lassen. Er wird besser sehen als ich, was zu sehen ist.

Der Pater wurde gerufen, die Männer harrten schweigend, und Mohammed, der sich von irgend etwas Unerklärlichem bedrückt fühlte, hob kaum die sonst so wißbegierigen Augen vom Boden.

Nun schlürfte ein sehr alter Mann herein, der auf des Abtes Anruf sich neben diesen stellte und Mohammed anredete:

„Welches Glaubens bist Du, mein Sohn?“

Rasch hob dieser den Blick und erwiderte, ohne sich zu besinnen:

„Ich bin des Glaubens, daß den Fetischanbetern geholfen werden muß.“

Abt und Pater wechselten einen raschen Blick, Abu Talib aber, durch die Antwort des Knaben in Verlegenheit gebracht, wandte sich erklärend an diesen:

„Du hast des Paters Frage falsch verstanden. Er wollte wissen, welchem Glauben Du angehörst, ob Du Heide, Jude oder Christ bist.“

Mohammed schaute den Pater an.

„Ich bin nichts“, versetzte er gleichmütig.

Nun erschrak Abu Talib noch viel mehr, er wollte den Knaben belehren, indessen der Abt unterbrach ihn.

„Du wirst doch in irgend einer Religion geboren und unterwie-sen worden sein. Dieser gehörst Du dann auch an, nicht wahr, mein Sohn?“

Mohammed schüttelte den Kopf mit einem Anflug seines frühe-ren Wesens.

„Ich bin als Christ geboren, aber ich habe noch keine richtigen Christen kennen gelernt. Danach wuchs ich bei Juden auf und wur-de von Juden, aber mit Fetischanhängern zusammen, unterrichtet. Christ bin ich nicht, Jude mag ich nicht sein; denn ihr Glaube ist ab-gebrochen und kann nicht weiter. Da fand ich Gott, ich ganz allein. Nun kann ich nur sagen: Ich bin Mohammed, der an Gott glaubt!“

 

Abu Talibs Verlegenheit vergrößerte sich immer mehr, der Abt indessen schaute Mohammed gütig an und sagte:

„Wenn Du das, was Du sagst, recht bist aus allen Deinen Kräften und von ganzer Seele, so ist es gut. Sei Du immerhin Mohammed, der an Gott glaubt, bis Du Besseres findest.“

Pater Benjamin wandte sich wieder an den Knaben:

„Woran hast Du erkannt, daß der, den Du gefunden, wirklich Gott ist?“

Blitzschnell erfolgte die Antwort :

„An seiner Größe und Allmacht.“

Als er diese Worte aussprach, war es Mohammed, als werde er in die Höhe gehoben. Ihn schwindelte. Weite Ebenen sah er sich deh-nen, Helligkeit umflutete ihn. Es war nur wenige Augenblicke lang, dann hatte er sich wieder gefunden, aber ein großes Gefühl inneren Glückes erfüllte ihn. Ein jüngerer Pater trat herein und erhielt den Auftrag, Mohammed den Klostergarten zu zeigen. Als die Beiden das Gemach verlassen, sagte Pater Benjamin bedächtig:

„Es ist, wie wir erwarteten nach der Kunde, die uns wurde: dieser Knabe ist ein Besonderer. Gott, der Herr, hat ihn auserkoren, das Wissen von ihm in fernste Gegenden zu tragen.

Ein Wahrheitsbringer soll er werden, nicht nur seinem Volke, sondern unzähligen Menschen der Erde.“

„Willst Du uns den Knaben lassen, Abu Talib?“ fragte der Abt.

„Wir würden seine Seele gern bilden. Wohl hatten wir noch niemals solch junge Schüler im Klöster, aber es ist auch noch niemals ein Besonderer unseres Weges geschritten.“

Nach kurzem Besprechen willigte der Oheim ein, und der Knabe wurde gerufen.

„Höre, Mohammed“, nahm der Abt das Wort, als der Knabe er-wartungsvoll vor ihm stand. „Dein Oheim hat Kunde erhalten, die ihn in ferne Gegenden ruft, wohin er Dich nicht mitnehmen kann. Da Du sagst, Du habest noch keine Gelegenheit gehabt, Christen kennen zu lernen, so wollen wir Dir diese Möglichkeit bieten. Blei-be bei uns im Kloster, bis Abu Talib wieder des Weges zieht. Du darfst lernen, was wir selbst wissen.“

Unsicher blickte Mohammed auf Abu Talib. Ob es dem Oheim recht war? Es war doch wohl besser, sich dessen zu versichern, ehe man antwortete. „Ist es Dir recht, wenn ich bleibe?“ fragte er. Abu Talib nickte. „So bleibe ich gern bei Euch im Kloster; denn es ge-fällt mir. Damit Ihr aber nicht bereuen müßt, mich aufgenommen zu haben, will ich gleich sagen, daß ich bisher stets meinen Willen durchgesetzt habe.“

Der Abt wollte etwas dazu sagen, aber Mohammed ließ ihn nicht dazu kommen. Er fuhr fort:

„Ich werde hier gehorchen, aber immer wird es mir nicht gleich gelingen, darum sage ich es vorher.“

Die Art, wie er diese Worte sprach, war so kindlich, daß sie ihm die Herzen von Abt und Pater gewann. Sie versicherten, daß sie ihn gern um sich dulden wollten, und daß das einfache, geregelte Klo-sterleben ohnehin jeden Eigenwillen ersticke.

Nun ging alles so rasch vor sich, daß der Knabe kaum zur Besin-nung kam. Abu Talib ritt fort, und Mohammed fand sich in einer kleinen Klosterzelle, die ihm hinfort als Aufenthalt dienen soll-te. Und immer noch hatte er nicht erfahren, welchen Beruf sein Oheim ausübte! Das beschäftigte ihn sehr.

 

Mit den jüngsten Klosterschülern durfte Mohammed an den Mahlzeiten teilnehmen, er durfte auch ihren Unterricht teilen, als eine Prüfung gezeigt hatte, daß er in der Tempelschule zu Mekka treffiich vorgebildet worden war.

Bald nannte man ihn den „kleinen Schriftgelehrten“, ein Aus-druck, der Mohammeds Unwillen erregte. Schriftgelehrt wollte er nicht sein, „lebensgelehrt“ erschien ihm besser.

Da ihm nun noch manche Stunden des Tages blieben, in denen die andern sich mit Erlangung von Wissen plagen mußten, das er bereits besaß, wurde beschlossen, daß er in seiner Freizeit dem Gärtner helfen sollte.

Das wurde eine große Freude für den naturverbundenen Kna-ben. Er kargte mit dem Schlaf, nur um möglichst viel im Garten sein zu dürfen. Manche Arbeit fiel ihm zu, zu der seine Kinder-hände besonderes Geschick besaßen, und was er anfaßte, das ge-dieh.

War aber einmal der Regen zu stark, als daß er hätte im Freien sein können, so scha@e er in seiner Zelle an einem selbst auferlegten Werk: er schrieb die jüdischen Glaubenslehren auf, die ihm durch die christlichen erfüllt zu sein schienen. Bald danach begann er, Widersprüche zwischen beiden zu suchen.

Man hatte ihm erlaubt, nach allem zu fragen, was ihm unklar er-schien. Eine der ersten Fragen war nach dem Kreuzestod Christi.

„Warum ließ Gott, der Allmächtige, zu, daß sein Sohn ermordet wurde?“ fragte er dringend.

Die Mönche blickten sich an und gerieten in Verlegenheit. Einer verwies ihm solches Denken.

„Du darfst hier nicht von einem Mord sprechen“, sagte er. „Jesus Christus starb, um der Menschheit die Lösung von ihrer Schuld zu bringen.“

„Das glaube ich nicht“, entgegnete der Knabe mit Nachdruck.

„Das Heil brachte der Gottessohn den Menschen in seinem Dasein und seinem Wort. Sein Tod vermehrte nur die Schuld der Men-schen ins Ungeheure. Daß Gott, der Herr, die Menschen nicht vom Abgrund zurückreißen wollte, das verstehe ich. Sie waren ihm zu schlecht. Aber, daß er den Sohn zum Opfer werden ließ, das ist un-begreiflich und mit seinem Wesen unvereinbar.“

„Du wirst noch manches nicht verstehen“, lautete die unbefriedi-gende Antwort des Abtes.

Damit aber war Mohammed nicht geholfen, und nun versuchte er wieder, selber Antwort zu finden. Manchmal meldete sich die Versuchung:

„Grüble nicht! Wirf alles dies unverstanden beiseite. Lebe frisch und fröhlich den Tag, wie er sich Dir bietet, und bewölke ihn nicht selbst durch Überlegungen, zu denen Du noch zu jung bist.“

Fast hätte er diesen innerlich drängenden Stimmen nachgegeben, aber sein Erlebnis stand noch zu leuchtend, zu lebendig vor seiner Seele. Er mußte weiter forschen.

Ein Wort eines jungen Paters warf etwas Licht in die Flut anstür-mender Gedanken. Dieser junge Lehrer erklärte den Schülern eines Tages die Notwendigkeit der Klosterzucht. Ohne sie würde jeder tun, wie es ihm beliebte; denn Gott habe wohl den Menschen den freien Willen gegeben, zu tun und zu lassen nach eigenem Wol-len, aber der Mensch wisse nichts Gutes damit anzufangen, deshalb müsse er in irdischer Zucht stehen.

 

Das Wort „freier Wille“ zündete. Mit Mühe bezwang sich Mo-hammed, gleich, während des Unterrichts weiter darüber zu fra-gen. Nach Schluß der Unterweisung aber suchte er den Pater auf und stellte seine Fragen, die von wachem Innenleben zeugten.

Redlich bemühte sich der Mönch, die Knabenseele zur Ruhe zu brin-gen. Er hatte sich zwar niemals mit derartigen Erwägungen befaßt, aber er konnte sich in die Gedankenwelt Mohammeds hineinversetzen.

„Bedenke doch, Pater“, rief Mohammed ganz begeistert, „der freie Wille ist eines der größten Geschenke, die Gott der Mensch-heit gab! Wenn wir ihn richtig verwenden, können wir uns hoch hinaufschwingen, während wir sonst immer gebunden wären.“

Der Lehrer antwortete nicht. Zu hoch flogen diese Gedanken. Der Knabe aber fuhr fort:

„So hat Gott auch nicht eingegriffen, als Christus ermordet wur-de, weil er die Menschen die Auswirkungen ihres eigenen freien Willens erleben lassen wollte. Wahrlich, er ist groß über menschli-ches Denken hinaus! Und ich Tor wollte ihm gerade daraus einen Vorwurf machen!“

„Knabe, bedenke, was Du sagst: Wie kannst Du Dir erlauben, so von dem Höchsten zu sprechen!“ zürnte der Lehrer, weil er dem Denken dieses jungen Menschen nicht mehr zu folgen vermochte.

„Ich bereue ja nur mein vorheriges Denken“, verteidigte sich Mo-hammed.

Dann schwieg er. Soviel stürmte innerlich an Erkenntnis auf ihn ein, daß er kaum damit fertig zu werden wußte,

Der Pater aber ging zum Abt, ihm von der Unterredung Kunde zu geben.

„Ich sagte Dir schon, Pater Jakobus”, lächelte der Vorsteher, „daß Mohammed ein besonderer Knabe ist. Du kannst nicht verlangen, daß der Kindergeist die großen Dinge aufnimmt, wie es ein reifer Mann tun würde. Schrecke ihn nicht ab, sonst verliert er das Ver-trauen zu Dir, zu uns allen. Das wäre schlimm, weil wir dann nicht überwachen könnten, was in ihm vorgeht.“

Auf diese Unterredung hin aber beschloß der Abt, die Erziehung und Bildung des Knaben selber in die Hand zu nehmen. Er gewähr-te ihm täglich eine Stunde, zu der er still bei ihm arbeitend sitzen oder nach Belieben Fragen stellen konnte.

 

Das gefiel Mohammed, der die ihm gebotene Gelegenheit nach Kräften ausnützte. Je langmütiger der Abt mit ihm verfuhr, um so ungescheuter wagten sich die Fragen aus des Knaben Seele hervor. Abt Paulus verwies ihm niemals irgend eine gewagte Ausdrucks-weise, aber er gestand auch niemals, daß er dem Hochflug des

Schülers nicht zu folgen vermochte.

Längst schon hatte er Einblick in die Niederschriften Moham-meds nehmen dürfen, und er staunte, wie klar der Knabe die Un-terschiede zwischen den beiden Glaubensarten herausfand.

Auf diese Weise war mehr als ein Jahr vergangen. In der herrli-chen Luft Syriens gedieh Mohammed. Die gefährlichen Krampfan-fälle hatten sich wohl noch einigemal wiederholt, waren aber in den letzten Monaten ausgeblieben.

Die Mönche taten alles, um den Körper zu erkräftigen, für den Geist konnten sie wenig tun. Sie lehrten, was sie selber wußten, und mußten es immer wieder erleben, daß der Schüler mit weni-gen Worten irgendein künstlich errichtetes Gebäude ihrer Weisheit einriß.

Eines Tages fragte Abt Paulus:

„Nun, Mohammed, jetzt hast Du gläubige Christen kennenge-lernt. Du hast unsere Lehren mit denen der Juden verglichen.

Zu welcher Lehre zieht es Dich: möchtest Du Christ oder Jude sein?“

„Keines von beiden“, bekannte Mohammed freimütig. „Das Ju-dentum ist herrlich, so wie es begonnen wurde. Aber dann haben die Menschen es verdorben, und jetzt ist es stecken geblieben, weil die Toren immer noch auf den Messias warten, statt zu erkennen, daß er bereits auf der Erde wandelte. Nun wird das Judentum nie-mals weiterkommen. Es hat sich selbst das Leben abgeschnitten.“

„Und das Christentum?“ ermunterte der Abt, dem die Ausfüh-rungen des jungen Menschen gefielen. „Wie siehst Du das Chri-stentum an?“

„Es wäre die Fortsetzung des Judentums“, sagte Mohammed sin-nend, „es hat den Messias erkannt, aber es macht von dieser Er-kenntnis nicht den richtigen Gebrauch.“

„Knabe, wie meinst Du das?“ fragte der Abt entsetzt.

 

Er hatte halb belustigt zuhören können, als der Knabe abfällig über den Glauben der Juden sprach, nun er aber gleiches am Chri-stentum tat, vermochte er nicht zu schweigen. Mohammed aber er-widerte seelenruhig:

„Ihr habt Christus erkannt als den Gottessohn, der das Heil bringt. Aber nun streitet Ihr Euch darum, wer von Euch ihn richtig gese-hen hat. Ihr macht aus dieser Erkenntnis eine Sache des Verstan-des, statt des Geistes. Statt höher zu streben durch die Wahrheit, die er brachte, bleibt Ihr auf der gleichen Stelle stehen und lasset die Wahrheit durch Eure Hände gleiten, bis sie völlig abgegriffen ist.“

Ausdruck und Sprache waren nicht mehr die eines Kindes.

Staunend blickte der Abt auf Mohammed, der es wagte, solches zu ihm zu sagen. Wie war das nur möglich? Keinen Augenblick kam dem Manne der Gedanke, daß, wenn Mohammed ein Lichtbringer sein sollte, er doch auch ihm, dem klugen Abt, Licht und Wahrheit zu bringen vermöge. Ihn lockte es, mehr zu hören, so fragte er:

„Wie denkst Du Dir denn den rechten Glauben, wenn Du Juden-und Christentum gleichmäßig verwirfst ?”

„Darüber habe ich schon oft nachgedacht“, war die überraschen-de Entgegnung. „Man müßte versuchen, das Judentum in den Christenglauben überzuleiten, dann aber zu vergeistigen; denn der Glaube ist eine Sache des Geistes, nicht des Verstandes.“

Fassungslos starrte der Abt den Sprecher an, dem er kaum mehr zu folgen vermochte.

„Das kommt nicht aus Dir, Knabe!“ rief er. „Wer hat Dir das alles gesagt? Wer hat Dich gelehrt, so zu denken?“

„Das steigt in der Nacht, wenn ich gebetet habe, in mir empor, und ich halte es fest, weil ich fühle, daß es die Wahrheit ist. Wenn ich älter sein werde, werde ich Gott bitten, mir zu helfen, damit ich den rechten Glauben finde, so wie man ihn den Menschen zeigen kann. Diesem Glauben wird dann die Kraft innewohnen, daß er die Welt erobert und alle Menschen zu Gottes Füßen zwingt in Dank und Ehrfurcht.“

Erschüttert schwieg der Knabe. Der Abt aber, statt diese Weisheit, die nicht von der Erde stammte, auf sich wirken zu lassen, begehrte zu wissen:

„Mit wem hast Du darüber schon gesprochen, Mohammed?“

„Du bist der Erste“, lautete die Entgegnung, „und es ist mir jetzt leid, daß ich es tat; denn Du nimmst das, was ich sagte, nicht so auf, wie es mir geschenkt wurde. Du willst immer noch alles an Deinem Christentum messen, statt zu sehen, daß Gott Dir hier Besseres geben will! Wenn Du aber beim Essen Dein Schüsselchen nicht leerst von den Speisen des vorigen Tages, wie will Neues darin Platz finden?“

Über das Gesicht des Knaben liefen Zuckungen. Die Erregung und Spannung war zuviel für ihn gewesen. Krämpfe meldeten sich wieder. Trotzdem sprach er weiter, aus dem tiefinneren Drange heraus, der mächtig in ihm war :

„Abt Paulus, meinst Du nicht, ich sei deswegen in Dein Kloster geschickt worden, um Dir das zu zeigen? Gott bedient sich manch-mal auch eines geringen Werkzeuges, um Großes zu schaffen. Höre auf mich; denn ich weiß, Gott läßt es Dir durch mich sagen: leere das Verstandes-Christentum aus Deinem Herzen, aus Deinem Klo-ster, und nimm das auf, was der Geist Dir bietet!“

Weiter konnte er nicht reden; denn die böse Krankheit überfiel ihn in großer Stärke. Geringschätzig schaute der Abt auf dies ge-brechliche Werkzeug Gottes.

„Knabe, wer gab Dir den Mut, also mit mir zu sprechen?

Dein Hochmut und Deine Überheblichkeit verdienen Züchti-gung! Ich werde Dich jetzt kurz halten“, flüsterte er, während er das Gemach verließ, um einen dienenden Bruder zu rufen, der nach dem Knaben sehen sollte.

In dieser Nacht aber hörte Mohammed eine laute Stimme, die ihn bei seinem Namen rief. Er wußte, daß es keine irdischen Laute waren, und antwortete sofort.

Da befahl ihm die Stimme, noch vor Morgengrauen das Kloster zu verlassen. Er werde, wenn er in der Richtung nach Sonnenauf-gang gehe, an eine Stadt kommen, dort solle er nach dem frommen Bruder Cyrill fragen,

„Herr, ich bin Dein Werkzeug und werde tun, was Du, mir sagen lässest!“ betete Mohammed.

Dann packte er seine wenigen Habseligkeiten in ein Bündel und schlüpfte in den Klosterhof. Aufmerksam lauschte und spähte er, und sah, daß eine der kleinen Seitenpforten nicht verschlossen war. Es gelang ihm, hindurchzugleiten. Aufatmend stand er außerhalb der Mauer.

 

„Sie werden alle denken, ich fürchte die Strafe des Abtes“, flüsterte es in ihm.

Er stutzte und überlegte. War es nicht mutiger, zurückzukehren und auf sich zu nehmen, was über ihn verhängt wurde? Aber schon hatte er die Versuchung überwunden.

„Ich tue es auf Gottes Gebot!“ sagte er laut vor sich hin. „Da darf ich mich nicht um das kümmern, was die Menschen von mir denken und sagen. Ich bin Mohammed, das Werkzeug Gottes! Ihr Menschen, Ihr seid mir gleichgültig!“

Ein kurzes Umherblicken, um sich über die Richtung seines We-ges klar zu werden, dann schritt der Knabe rüstig vorwärts. Ge-wöhnlich hatte er nach einem Krampfanfall zwei bis drei Tage lang das Lager nicht verlassen können. Das war doch sichtbare Hilfe Gottes!

Als die Sonne aufging, hungerte ihn. Er hatte keine Lebensmit-tel mit sich nehmen können, und die Feigen auf den zahlreichen Bäumen und Büschen waren noch ungenießbar. Da lachte er des Hungers. Der Gott, der seinen schwachen Gliedern die Kraft zum Wandern gegeben, der würde ihm auch zu Speise helfen können.

Am Wege lag ein kleines Gehöft, er streifte es kaum mit einem Blick. Da tönte eine Frauenstimme:

„Knabe, willst Du Dir ein Frühbrot verdienen?“

Flink wie ein Wiesel wandte er sich und bejahte. Da wies ihn die Frau an, ihr ein Stück wertvoller Seide, das der Nachtwind in einen hohen Baum getragen habe, herabzuholen.

„Du bist schlank genug für solche Arbeit“, sagte sie, indem sie die zierliche Gestalt musterte.

Unverzüglich machte sich. Mohammed daran, den Baum zu er-klimmen. Mit der raschen Geschicklichkeit, mit der er alles tat, lö-ste er die Seide und brachte sie unversehrt zu der erfreuten Frau, die mit dem Lohn nicht kargte.

Reichlich gab sie ihm Speise und Trank, so daß er sogar übrig behielt und mit sich nehmen konnte.

Da dankte er Gott im Weiterwandern aus vollem Herzen und füg-te seine Dankesworte nach Art der Psalmen zu einem Lobgesang:

„Groß ist Jehova der Herr! Unermeßlich groß und erhaben ist er!

Und doch ist ihm nichts zu gering, ein Werkzeug daraus zu machen, wenn es nur willig ist.

Groß und erhaben ist der Herr !

Und doch denkt er der Geringen und hilft ihnen auch in der kleinsten Not.

Noch ehe sie bitten, gewährt er; denn seine Barmherzigkeit ist ohne Grenzen.

Lobet ihn, alle Geschöpfe, die er geschaffen hat!

Euer ganzes Tun müsse ein Lob des Allerhöchsten sein!

Zu gering seid ihr, als daß ihr an euch selber denken dürftet. Denket an Gott und danket ihm!“

 

Immer von neuem stimmte Mohammed seinen Psalm an, der ihm Freude machte. Da kam ein Eseltreiber des Weges mit einem wohlgenährten Grautier.

„Höre, Du kleiner Sänger, wohin willst Du?“ Es war so gutmütig gefragt, daß Mohammed antwortete:

„In die nächste Stadt nach Sonnenaufgang zu!“

„So steige auf, mein Esel kann Dich gut tragen, und mir kann Dein Singen den Weg verkürzen. Singe das Lied nochmals, das Du soeben gesungen.“

„Herrgott, ich danke Dir!“ rief der Knabe begeistert. „Ich war müde, aber ich wollte es Dir nicht sagen, nachdem Du mich eben erst satt gemacht hast! Nun gibst Du wieder, ehe ich bitte!“

Und begeistert stimmte er sein Loblied an und sang es gleich zweimal in Dank und Glück.

Dem Eseltreiber gefiel der aufgeweckte Knabe, er würde ihn gern um sich haben. Vielleicht suchte das Kind einen Dienst, dann wäre beiden geholfen, wenn er ihn zu sich nähme.

„Zu wem willst Du in der Stadt?“ erkundigte er sich. „Ich bin dort wohlbekannt und kann Dich gleich an die rechte Stelle führen.“

Einen Augenblick überlegte Mohammed. Sollte er sagen, zu wem er wollte? Aber irgend jemand würde er doch fragen müssen, wa-rum nicht diesen freundlichen Mann. So sagte er ruhig:

„Ich muß zum frommen Bruder Cyrill.“

„Zum - Bruder Cyrill? Den kenne ich freilich“, meinte der Mann, der seine Hoffnung schwinden sah. „Und was willst Du bei ihm?“

„Ich bin zu ihm gesandt, er weiß warum.“

Das schien dem Manne sehr geheimnisvoll, er fragte weiter:

„Und woher kommst Du?“

Ohne Scheu nannte Mohammed den Namen des Klosters. Nun stand es bei dem Treiber fest, daß der Knabe ein Klosterschüler sei, der im Auftrage seines Abtes die Wanderung unternommen habe. Einen solchen dürfe man nicht von seinem Pfad verlocken.

Freundlich plauderte er mit Mohammed, zeigte ihm die am Ho-rizont auftauchende Stadt und führte ihn gegen Abend auch sicher dorthin. Dann beschrieb er ihm den Weg zu dem frommen Bruder und nahm Abschied.

 

Mohammed gefiel es sehr wohl, nach dem langen Reiten nun wieder ausschreiten zu dürfen. Wohlgemut ging er durch die Gas-sen und Gäßchen, bis er zu der Pforte kam, die der Treiber ihm beschrieben hatte. Er pochte mehrmals, aber vergebens. Nun ver-suchte er die Pforte zu öffnen, sie war verschlossen.

„Gott hat mich nicht hierher geschickt, um mich vor verschlosse-ner Tür stehen zu lassen“, sagte er halblaut.

Da rief eine freundliche Stimme:

„Was willst Du am guten Ort, dem Ruheplatz der Toten, Knabe?“ Mohammed erschrak. Die Toten hatte er nicht stören wollen.

„Ich suche den frommen Bruder Cyrill“, sagte er etwas kleinlaut.

„So komme herüber auf diese Seite der Gasse“, sagte die Stimme.

Gleichzeitig trat drüben aus der Tür eines niedrigen Häuschens ein rüstiger Greis mit freundlichen Augen.

„Dieses Häuslein wäre nicht aufzufinden, wenn es nicht an dem stattlichen Tore läge“, erklärte er. „Wenn nun ein Fremder nach mir fragt, so beschreibt man ihm immer den Weg zu diesem Tor. Das genügt.“

„So bist Du der fromme Bruder Cyrill?“ vergewisserte sich Mo-hammed, der Zutrauen zu dem Manne faßte.

„Der bin ich, und Du wirst Mohammed sein, mein neuer Schüler, der mir von Gott dem Herrn verheißen wurde.“

So überwältigt war der Knabe von allem, was er nun wieder er-lebte, daß er statt aller Antwort seinen Dankespsalm anstimmte.

Als er geendet, trat er zu dem Bruder und wartete, was dieser ihn heißen würde.

Cyrill aber schmunzelte:

„Da ist mir ja ein fröhlicher Sänger ins Haus geflogen. Willkom-men, Mohammed ! Wenn Du immer so singst und lobst, dann wer-den wir gute Gesellen werden.“

Er nahm ihn mit sich in sein Haus und unterwies ihn in Liebe und Güte fünf Jahre lang. Es gab für Mohammed keine Frage, die Cyrill nicht mit ihm zu lösen versuchte. Oft mußten sie beide lange grübeln, oder Gottes Beistand anrufen, aber sie wurden immer mit den Fragen fertig und gewannen beide dabei.

Während des ersten Jahres hatte Mohammed auf Cyrills Wunsch diesem sein seitheriges Leben geschildert. Dabei war ihm der Ge-danke gekommen, daß Abu Talib über das Verschwinden des Nef-fen beunruhigt sein könnte. Aber rasch genug hatte er sich getrö-stet, indem er sagte:

„Gott selber hat mich hierher geschickt. Er wird auch Mittel und Wege haben, Abu Talib von meinem Aufenthalt Kenntnis zu geben, wenn er davon wissen soll.“

Als das fünfte Jahr sich seinem Ende zuneigte, forderte Cyrill den zum Jüngling herangewachsenen Knaben auf, ihn auf einer kurzen Reise zu begleiten.

In einer Stadt am Meer sollte eine Zusammenkunft stattfinden, in der zwar über Dinge der Volksgemeinschaft gesprochen werden sollte, aber Cyrill hielt es doch für notwendig, den Jüngling auch einmal an Derartigem teilnehmen zu lassen.

Nach rüstigem Wandern langten sie so rechtzeitig in der Stadt Halef an, daß der Jüngling erst das Meer betrachten und sich an den herrlichen Anblick gewöhnen konnte. Ganz richtig hatte Cyrill geurteilt, als er dachte, vorher werde Mohammed doch für nichts anderes aufnahmefähig sein.

 

Am Tage der Versammlung begaben sie sich frühzeitig auf den dazu bestimmten Platz, auf dem es in buntem Gemisch wogte. Völker aller Länder, Menschen aller Stämme schienen versammelt zu sein.

Cyrill fragte einen der Umherstehenden, wer heute zu dem Volke reden werde. Er erhielt die Antwort, daß es der Araber Talib ben

Muttalib sei, der größte Volksfreund aller Stämme. Es freute den wackeren Bruder, daß Mohammed gleich einen ganz Großen spre-chen hören würde. Der Name des Redners aber sagte ihm nichts.

Er wählte einen Platz, von dem aus man nicht nur hören, sondern auch sehen konnte. Bei der allgemeinen Beliebtheit, deren er sich in dieser Gegend erfreute, wurde der Platz weder ihm noch seinem Schützling streitig gemacht.

Brausender Jubel kündete die Ankunft des Erwarteten. Die Men-ge teilte sich, um ihn zu der stark erhöhten Stelle durchzulassen, von der aus er sprechen sollte.

Neugierig schaute Mohammed dorthin und sah plötzlich seinen Oheim vor sich stehen!

Das also war der geheim gehaltene Beruf Abu Talibs! Ein Volks-redner war er? Was würde er der Menge zu sagen haben? Blaß vor innerer Erregung stand der Jüngling und lauschte.

Alles, alles wollte er in sich aufnehmen, nicht nur die Worte, die da erklangen, sondern mehr noch den Sinn, der in und hinter ih-nen verborgen lag.

Er staunte. Es war ein ganz anderer Abu Talib als der, den er kann-te. Abgefallen war alles linkische Gebaren. Seine Gebrechen vergaß man über der Macht des geborenen Herrschers, die ihn umgab.

Kein Wort zuviel sprach er. Jedes einzelne hatte Sinn und Bedeu-tung, jedes einzelne packte die Zuhörer mit hinreißender Gewalt. Er verwendete keine Gesten, wie man es sonst von Rednern ge-wohnt war. Äußerlich ruhig stand er da, aber seine Augen flamm-ten, schossen Blitze oder verschleierten sich. Sie redeten ihre eigene Sprache.

Das alles nahm Mohammed in sich auf, ehe er imstande war, den Worten als solchen zu lauschen. Abu Talib sprach zu den Menschen, daß in allen Landesteilen weit über die Grenzen El Arabs hinaus Araber wohnten, die sich fremder Herrschaft beugen müßten.

Zurufe unterbrachen ihn. Er schwieg einige Augenblicke, dann fuhr er in gleicher Weise fort, die Leute zu überzeugen, daß diese Araber sich zu einem Ganzen zusammenschließen müßten, dann würden sie groß und mächtig sein.

Das war der Sinn der mit vielen Beispielen und eindrucksvollen Bildern geschmückten Rede.

 

Nun forderte er die Zuhörer auf, ihre Gedanken über das Gehörte zu sagen. Jedem Einwand begegnete er schlagfertig und treffsicher. Endlich rief ein vornehmer Mann:

„Hier in Syrien sind über die Hälfte der Einwohner Araber. Ver-einen wir uns mit dem Mutterlande, so wird Syrien aufhören zu bestehen!“

„Wäre es schade darum?“ fragte Abu Talib.

Seine Worte wirkten wie ein Peitschenhieb. Ein wahrer Sturm brach los.

„Meinst Du denn, Talib ben Muttalib“, riefen die Männer, „daß wir Eroberungen ohne Krieg machen, daß wir einfach die umlie-genden Länder verschlucken sollen?“

„Wenn es zum besten unseres Landes dient, meine ich es freilich”, erwiderte der Redner.

„Glaubt ihm nicht, er ist ein Jude!“ ließ sich plötzlich eine krei-schende Stimme vernehmen.

Alle Köpfe wandten sich in die Richtung, aus der die Worte klan-gen. Da stand ein Fetischpriester mit leidenschaftlich verzerrtem Gesicht.

„Er will alle Völker seinem Gott gewinnen und gehorsam ma-chen! Das können wir nicht dulden. Ich bin ein treuer Sohn Ara-biens, aber gerade deshalb will ich es nicht den Juden ausliefern.“

„Du irrst, Priester“, antwortete die ruhige Stimme Abu Talibs. „Ich bin wohl von jüdischen Eltern geboren, aber ich habe erkannt, daß es wichtiger ist, dem Volk auf Erden zur Größe und zum Glück, zu Einig-keit und Stärke zu verhelfen, als einen unsichtbaren Gott anzubeten, den wir vielleicht nicht einmal im Jenseits werden schauen dürfen.“

„Halt ein, Gotteslästerer!“

Schrill klangen diese Worte über den weiten Platz. Jeder mußte sie gehört haben.

Der Redner erbleichte. Ihm gegenüber stand sein totgeglaub-ter Neffe, der zum Jüngling erblühte Knabe, von dem die Mönche ihm gesagt hatten, er sei zum Wahrheitsbringer bestimmt. Schauer überlief den Mann.

Als Abu Talib bei seiner Rückreise nach Mohammed hatte sehen wollen, hatte der Abt ihm gesagt, der Knabe sei einer schlimmen Krankheit erlegen. Das hatte dem Oheim viel zu denken gegeben. Wenn Gott einen Wahrheitsbringer sterben ließ, so lag ihm nichts daran, daß die Wahrheit verkündet würde!

Das war der Beginn des Glaubenszerfalles gewesen. Abu Talib hatte so lange gegrübelt und gezweifelt, bis er alle Gedanken an Gott und Göttliches von sich geworfen hatte. Seitdem war es ihm leichter, zum Volke zu reden. Noch nie war ihm derartiges begegnet wie heute.

Mohammed aber rief weiter:

„Der unsichtbare Gott, den Abu Talib leugnet, obwohl er ihn einst angebetet, ist mitten unter uns! Er hat uns alle geschaffen, darum ist er unser Herr. Wunderbar führt er die Menschen, die an ihn glau-ben. Ich weiß es; denn ich habe es selbst erfahren.“

Große Unruhe erhob sich.

„Wer ist der Jüngling, der in einer Versammlung von Männern zu reden wagt?“ riefen einige erbittert, während andere ihre Zustim-mung zu dem äußerten, was Mohammed gesagt.

Die ohnehin erregten Gemüter erhitzten sich, es kam zu Tätlich-keiten, und die ganze Versammlung endete in heftigster Streiterei, so daß Bewaffnete aus der Stadt einschreiten und die bereits mit Messern aufeinander Gehenden trennen mußten.

Abu Talib war mit einigen Anhängern verschwunden, ehe das ei-gentliche Handgemenge begann. Cyrill zwang Mohammed, gleich-falls den Platz zu verlassen. Der Jüngling sah ein, daß er jetzt nichts mehr nützen könne. Er war erschüttert von den Vorgängen und bebte in Weh, daß der Oheim, an dem seine Seele gehangen, so schlecht geworden war.

Cyrill fand, daß Mohammed besser geschwiegen hätte, aber er konnte ihn auch nicht tadeln. Darum sprach er kein Wort und überließ den Jüngling seinen eigenen auf und ab wogenden Gedan-ken. Mohammed fühlte die Mißbilligung und vermied seinerseits, den Bruder anzureden.

Nachdem dieses Schweigen einige Tage gedauert hatte, war es ih-nen zwar gewohnt geworden, aber beide fühlten, daß an ein weite-res Zusammenleben in dieser Art nicht zu denken war.

Während Cyrill überlegte, wie er sich dem Jüngling wieder nä-hern könne, ohne sich etwas zu vergeben, fand Mohammed die einzige Lösung in rascher Trennung. Was sollte er auch noch hier? Gelernt hatte er alles, was Cyrill ihn lehren konnte.

 

Er wollte in die Welt hinaus und sich so lange seinen Unterhalt verdienen, bis es an der Zeit sei, als Gottes Werkzeug zu wirken.

Früher hatte er immer angenommen, daß er nach Ablauf einer gewissen Lehrzeit in das reiche Leben im elterlichen Palast werde zurückkehren können, denn er war der Erbe, nicht der Oheim, dem als zweitem Sohne nur weniges zufiel. Nach dem kürzlich Erlebten aber hielt er es für ganz unmöglich, daß er jemals wieder seinem Oheim gegenübertreten könnte. Also stellte er sich auf eigene Füße. Das war sicher auch Gottes Wille.

Abends erklärte er dem erstaunten Cyrill, was er beschlossen. Dieser wollte nicht beistimmen, aber Mohammed ließ sich nicht irre machen und versicherte, am nächsten Morgen weiterwandern zu wollen. Er dankte dem Bruder für alles, was er ihm seelisch und irdisch gegeben, und über diesem Dank wurde er weich. Die einstige Zuneigung zu dem Lehrer erwachte wieder und machte das Scheiden friedevoll.

In der Nacht hatte Mohammed ein Gesicht. Er sah Abu Talib in einer engen Straße der Stadt Halef in einem baufälligen Hause ver-schwinden. Gleichzeitig rief eine Stimme:

„Mohammed, suche Deinen Oheim auf! Er bedarf Deiner.“ Trotz regte sich in der Seele des Jünglings. Nun sollte er dem

Abtrünnigen auch noch nachgehen! Aber als er bedachte, daß es die Stimme eines Gottesboten war, die ihm den Befehl erteilt; da schmolz sein Aufwallen und er fügte sich. Obwohl er die Gasse nicht kannte, die er im Bilde geschaut, verließ er sich auf die Füh-rung und wanderte nach Halef.

Mit seinen Gedanken beschäftigt, erschien ihm der Weg nicht lang. Er erreichte eher, als er erwartet, die ersten Häuser und traf auf einen bitterlich weinenden Knaben. Das Kind war in eine schar-fe Glasscherbe getreten und hatte sich den Fuß böse verletzt, so daß es keinen Schritt tun konnte. Mohammed verband die Wunde und schickte sich dann an, das Kind zu tragen.

„Kannst Du mir zeigen, wo Du wohnst?“ fragte er den zutraulich Werdenden.

„Doch, ich kann Dir immer sagen, um welche Ecke Du biegen mußt. Dann kommen wir schon an unser Haus. Wie wird sich die Mütter freuen, wenn ich endlich heimkehre!“

 

Es stellte sich heraus, daß der Knabe die ganze Nacht im Frei-en verbracht hatte. Seine fortwährenden Gehversuche hatten die Wunde stets verschlimmert.

„Nun sind wir nahe bei unserm Haus, erklärte der Kleine plötzlich. Mohammed schaute um sich und erkannte die Gasse, die er nachts geschaut. Wieder überfiel ihn mit dem Bewußtsein der fe-sten Führung, in der er stand, ein solches Gefühl des Dankes, daß

er seinem Herzen Luft machen mußte.

Er setzte den sehr verwunderten Knaben auf den Boden, hob die Hände und dankte Gott aus tiefstem. Herzen. Danach nahm er seinen Schützling von neuem in die Arme und wunderte sich gar nicht, daß die Weisungen desselben ihn wirklich zu dem Hause führten, das ihm bereits bekannt war.

Eine verweinte Frau stürzte heraus, nahm ihren als tot beklag-ten Knaben in die Arme und bat Mohammed, einzutreten und ihr Gast zu sein. So kam er ohne Mühe in das Haus, das er zu betreten wünschte, und wieder sagte er aus tiefer Seele:

„Herr, Gott Israels, ich danke Dir!“

Der Knabe wurde auf ein Lager gelegt und die Mutter umsorgte ihn liebevoll. Danach wandte sie sich dem Gaste und Helfer zu, ihm dankend und ihn mit Speise versorgend. Und während Moham-med, seinen Hunger stillte, fragte er die Frau, ob noch ein anderer Gast unter ihrem Dache weilte.

Sie verneinte. Scharf und durchdringend schaute Mohammed sie an, da wurde sie rot und sagte:

„Ich habe für kurze Zeit einen kränklichen Verwandten bei mir aufgenommen.“

„Ei, so sind auch wir verwandt“, erwiderte Mohammed lachend, „denn Abu Talib ist mein Oheim.“

Entsetzt schaute die Frau auf den Lachenden.

„Nenne den Namen nicht, Gastfreund“, beschwor sie ihn. „Der, von dem Du sprichst, wird von Häschern gesucht. Deshalb hat er sich hier in einer der ärmsten Behausungen verborgen, wo sicher niemand nach ihm Ausschau hält. Woher weißt Du, daß er hier ist?“

„Ich weiß es“, gab Mohammed zurück, „und ich muß ihn spre-chen. Er wird es selbst wollen, wenn Du ihm sagst, daß Mohammed aus Mekka hier ist.“

 

Die Frau enteilte und kam nach kurzer Zeit wieder, dem Gaste winkend, ihr zu folgen. Über eine abscheuliche Stiege ging es hin-auf, dann standen sie vor einer Tür. Die Frau wies

Mohammed an, dort Einlaß zu begehren, und stieg eilfertig wie-der abwärts.

Ohne sich irgendwie bemerkbar zu machen, trat der Jüngling durch die Tür. Auf einem ärmlichen Lager fand er Abu Talib, der wirklich krank und verfallen aussah. Als dieser den Totgeglaubten erblickte, schüttelte ihn Angst.

„Was willst Du von mir, Mohammed, Du Bote Gottes, des All-mächtigen, gegen den ich gezeugt?“ fragte er zitternd.

Aller Zorn war von dem Jüngling gewichen. Voll Erbarmen trat er zu dem Leidenden und sagte:

„Gott sandte mir Befehl, Dich aufzusuchen, da Du meiner bedür-fest.“

Abu Talib begann zu weinen.

„So gütig ist Gott zu mir Unwürdigem?“ rief er wiederholt. Er konnte nicht an soviel Erbarmen glauben. Mohammed tat zunächst nichts, um ihm diesen Glauben zu erleichtern. Er begann, für die irdischen Bedürfnisse des Oheims zu sorgen. In der Tasche des Ge-wandes fand er Geld, mit dem er Einkäufe machte, dann besserte er das Lager und scha@e einen Schlaftrunk.

Als Abu Talib schlief, ging Mohammed zu dem verwundeten Knaben, den er recht behaglich auf seinem Lager fand.

„Singe das schöne Lied nochmals, das Du auf der Straße sangst“, bat er. „Die Mutter möchte es hören.“

Und Mohammed sang seinen Psalm und freute sich, es zu dürfen. Der Frau rannen die Tränen über die Wangen.

„Bist Du ein Jude, Gastfreund?“ fragte sie.

Ehe Mohammed antworten konnte, erzählte sie, daß sie Jüdin sei, aber einen Fetisch-Gläubigen geheiratet habe. Anfangs sei ihr das gleichgültig gewesen, aber nun sehne sie sich, einmal wieder von Gott zu hören.

Und Mohammed erzählte von dem Gott der Juden, was er wußte. Die drei vergaßen die Zeit und waren ganz versunken.

Und von dem Messias sprach. Mohammed, der gekommen, und den nur wenige erkannt, die andern aber gemordet, hatten. Wie immer, wenn er davon sprach, wurde er bitter. Das Leid um den ermordeten Gottessohn preßte ihm das Herz zusammen.

Leise hatte sich die Tür geöffnet. Der von seinem erquickenden Schlaf erwachte Abu Talib war hereingetreten, gerade als Moham-med von dem Messias zu reden begann. Ungesehen von allen ließ er sich neben der Tür auf dem Boden nieder und lauschte dem, was sein Neffe in beredten Worten verkündete.

Es überwältigte ihn aber so, daß er, zu schluchzen begann. Da wurden sie auf ihn aufmerksam, führten ihn zu einem bequemen Sitz und sprachen ihm zu. Er aber bekannte seine große Schuld Gott gegenüber.

„Du kannst sie gut machen, Abu Talib“, sagte Mohammed eifrig.

„Werde ein Verkünder Gottes, wie Du jetzt ein Leugner warst.“

„Das Volk wird nicht mehr auf mich hören wollen, seit Du meine Versammlung abgebrochen hast, Mohammed“, seufzte der Oheim.

„Wenn Du nicht mehr zu großen Massen reden kannst, so fange im kleinen an“, gab Mohammed unbekümmert zurück.

„Glaube mir, die Zeit ist noch nicht reif für Deine Pläne. Erst müssen wir den Leuten etwas Neues, Gutes bieten können, ehe wir sie veranlassen dürfen, das gesicherte Alte aufzugeben.“

„Und wann werden wir das können ? Wie sollte das wohl zuge-hen?“ fragte Abu Talib verzagt.

„Sobald ich alt genug sein werde, um Gottes Werkzeug zu sein!“ war Mohammeds Entgegnung.

Sie sprachen noch von dem und jenem, dann suchten sie Abu Talibs Zuflucht auf, um dort die Nacht zu verbringen. Am nächsten Tage wollte der Oheim wissen, wie Mohammed sich die nächste Zukunft denke.

„Ich werde Dich nach Mekka bringen“, verhieß der Jüngling zu-versichtlich. „Dort wirst Du sicher sein vor Nachstellungen.“

„Das glaube ich auch“, meinte der andere. „Nur auf dem Wege und hier in der Stadt bin ich Gefahren ausgesetzt.“

„Die werden wir überwinden“, rief Mohammed, den das Aben-teuer reizte.

Nach Rücksprache mit der Frau des Hauses mietete er einen kräf-tigen Esel mit einem bequemen Tragsattel, wie ihn Frauen zum Rei-ten benützen. Abu Talib mußte Gewänder der Frau anlegen und einen Schleier umnehmen. Mohammed führte den Esel. So kamen sie ungehindert aus der Stadt, und auch auf der ganzen Reise stieß ihnen kein Unfall zu. Erst in der Nähe Mekkas wechselte Abu Talib die Bekleidung; denn zu schmachvoll hätte es ihn gedünkt, in Frau-engewändern den Palast seiner Väter zu betreten.

Mohammed freute sich, die Stätte seiner Kindheit wiederzuse-hen, in der die alten Diener, vor allem Mustafa, ihn erfreut begrüß-ten. Sie alle sahen in ihm. den Herrn und Erben. Er fragte nach Sara und erfuhr, daß sie nicht mehr unter den Lebenden weilte.

Einige Tage ruhte Mohammed sich aus, danach trat er vor Abu Talib und erklärte ihm, daß er nun selbst für seinen Unterhalt sor-gen wolle. Er hatte erwartet, daß dieser ihm nun entgegnen werde, daß er das nicht nötig habe, da der ganze Reichtum seines Vaters ihm gehöre. Gegen diesen Einwand hatte er sich innerlich gerüstet, aber es war überflüssig gewesen.

Abu Talib bat ihn, als sein Gast zu bleiben. Es sei genug Vermö-gen. vorhanden, daß sie beide davon leben könnten.

Diese Denkungsweise bestärkte Mohammed erst recht, sich von allem Vorhandenen freizumachen. Er wußte, daß er auf eigenen Füßen stehen müsse, wenn Gottes Ruf an ihn ergehen werde.

„Und was gedenkst Du zu tun?“ fragte Abu Talib, unbewußt froh, daß Mohammed es ihm so leicht machte, im Besitze der geliebten Reichtümer zu bleiben.

„Ich will Kaufmann werden, wie mein Vater es vor mir war“, er-widerte der Jüngling. „Mein Umgang mit den Handelsdienern und die Kenntnisse, die ich mir als Kind in den Gewölben erworben habe, werden mir ein Eingewöhnen leicht machen. Es ist ja auch nur ein Übergang“, schloß er.

Schon am nächsten Tage verließ er den väterlichen Palast, um sich eine Anstellung zu suchen. Er ging zu einem Freunde seines Vaters, der ihn mit Freuden aufnahm und beriet.

Er wußte auch sofort, wo Mohammed unterkommen konnte, wenn es ihm ernst war, Kaufmann zu werden. Vor kurzem sei ein Juwelenhändler gestorben, dessen junge Witwe den Handel fortzu-setzen wünsche. Diese suche einen jungen Mann von guten Sitten als Gehilfen neben den Handelsdienern. Das sei der richtige Platz für Mohammed.

 

„Werde ich dafür nicht zu ungelehrt sein?“ erkundigte sich dieser. Der Ältere wehrte ab. Chadidsha, die Witwe, suche gerade jemand, den sie in die Eigenart ihres Geschäftes selber einweisen könne. Sie verstehe sehr viel vom Handel, da sie ihrem Gatten immer geholfen

habe. Sie sei kinderlos und könne alle Zeit den Juwelen widmen.

„Ist sie Jüdin?“ wollte Mohammed wissen.

Darüber konnte der Freund keine Auskunft, geben.

Da er ihm aber Mut machte, beschloß Mohammed, die Kauf-mannswitwe sofort aufzusuchen, dann würde er ja sehen, wie und was sie war.

Das Gewölbe und die Verkaufshalle lagen im gleichen Haus in einer der besten Straßen Mekkas. Da die Halle seines Vaters nicht im Palaste, sondern am anderen Ende der Stadt gelegen hatte, war Mohammed selten dort gewesen.

Trotzdem stellte sich ihm beim Betreten dieser Halle sofort ein großer Unterschied dar. Hier war Kaufmannsgeist, der auf Geldver-dienen ausging, dort war Handel um der edlen Gegenstände willen gewesen. Abdallah hatte nur auserwählte Steine, köstliche Waren geführt. Hier gab es wohl auch solche, aber sie waren vergraben unter einem. Wust von Billigem, Minderwertigem.

Unwillkürlich dachte Mohammed:

„Ob wohl die Seele der Frau dieser Halle gleicht? Und wenn es so ist, lohnt es sich dann, nach der edlen Perle in ihr zu suchen?“

Er wunderte sich selbst über diesen Gedanken, der ihm wie zu-geflogen erschien.

Nachdem er einem herbeieilenden Handelsdiener die Bitte aus-gesprochen, Frau Chadidsha sehen zu dürfen, wurde er angewie-sen, kurze Zeit zu warten.

Während er nun bescheiden neben einem Tische stand, die Blicke über die ausgelegten Waren schweifen lassend, fühlte er ein Auge scharf und brennend auf sich gerichtet. Er konnte nicht sehen, wem es zugehörte, bis er bemerkte, daß sich im Hintergrund ein Teppich leicht verschob. Diese heimliche Beobachtung erschien ihm so son-derbar, daß er leise lachen mußte.

Da öffnete sich der Teppich und eine noch junge, üppige Frau betrat die Halle. Mit wiegenden Schritten trat sie auf den Jüngling zu, dessen Züge bereits wieder den gewohnten Ernst angenom-men hatten.

„Warum lachtest Du eben?“ fragte Chadidsha statt jeder Begrü-ßung.

Dadurch wurde abermals ein Lächeln auf dem Gesicht des vor ihr Stehenden geweckt.

„Ich malte mir aus, wie jemand hinter dem Teppich versuchte, zu sehen, ob ich ein ehrlicher Mensch bin“, gab er freimütig zu.

Über die mit Farbe und Puder belegten Wangen der Frau kroch heiße Röte. Sie wollte sich aber einen unbefangenen Anschein ge-ben und sagte:

„Auch Du wirst noch oftmals hinter dem Teppich stehen, um Käufer zu beobachten, wenn Du gekommen bist, mir in meinem Geschäft zu helfen.“

Mohammed schwieg. Was sollte er darauf sagen? Die Frau stieß ihn ab und zog ihn zu gleicher Zeit an. Sie mochte etwa vierund-zwanzig Jahre; also fast zehn Jahre älter sein als er, und doch kam er sich ihr überlegen vor.

Da er schwieg, nahm sie wieder das Wort.

„Willst Du bei mir eintreten, um mir bei Verkauf und Ankauf zu helfen?“

„Dich darum zu bitten; kam ich her“, erwiderte Mohammed zö-gernd. Die Handelsdiener hatten sich ins Gewölbe zurückgezogen, die Beiden waren allein. Da fuhr Mohammed fort:

„Ich wollte Dir sagen, daß ich eigentlich nichts vom Wissen eines Kaufmannes besitze, trotzdem mein Vater ein solcher war.

Aber nun will ich lieber sagen: so wie die Halle hier geführt wird, so bin ich es nicht gewöhnt. Es würde mir schwer fallen, hier tätig zu sein.“

Verwundert horchte die Witwe auf.

„Weißt Du wohl, daß ich in den letzten Tagen gegen dreißig junge Leute abgewiesen habe, die inständig baten, hier arbeiten zu dür-fen, und Du, wohl der Jüngste von allen, wagst es, mir zu sagen, daß Dir mein Handel mißfällt. Ich habe Dich nicht gerufen. Du magst gehen, woher Du kamst.“

Wortlos wendete Mohammed sich, um den Ort zu verlassen. Das aber war der Frau nicht recht. Sie hatte Bitten erwartet, die sie bereit war zu erfüllen; denn der Jüngling gefiel ihr. Irgend etwas in Aussehen und Benehmen zog sie an. Wenn sie ihn aber behalten wollte, mußte sie rasch handeln. Nur wenige Schritte war er von der Straße entfernt.

„Höre, Du!“ rief sie ihn an, lauter als nötig gewesen wäre. „Du hast mir noch nicht gesagt, wer Du bist und woher Du kommst!“

„Da Du mich fortschickst, ist es unnötig, Dir das zu sagen“, ver-setzte Mohammed und wanderte weiter dem Ausgang zu.

„Wer sagt Dir denn, daß ich Dich fortschicke?“ ärgerte sich die Frau. „Bei mir werden die Edelsteine gewogen und nicht die Worte. Wer so jung ist wie Du, darf nicht so schwerfällig sein.“

„Das hätte ich mir denken können, daß Deine Worte nicht immer mit Deinen Gedanken stimmen“, entfuhr es Mohammed.

„An was wolltest Du das merken?“ fragte die Frau, wider Willen angelockt.

Einen kurzen Augenblick zögerte Mohammed, dann warf er mit dem Ruck, der ihm in entscheidenden Augenblicken eigen war, den Kopf zurück und erwiderte:

„Wer das Antlitz, das er von Gott erhalten hat, zudeckt, der ver-hüllt auch seine Gedanken, die seine Seele gebiert.“

Abermals ärgerte sie sich, und doch, der Jüngling war anders als alle, die sie seither kennengelernt. Wenn er immer so sprach, dann konnte es ganz kurzweilig werden, ihn um sich zu haben.

„Du kannst die Arbeit bei mir bekommen“, gewährte sie gnädig und war auf frohen Dank gefaßt.

Mohammed indessen schwankte einen Augenblick, in dem er sei-ne Seele betend zusammenfaßte, dann sagte er:

„Ich will versuchen, ob ich die Halle und Dich ertragen kann. Ihr seid beide unecht!“

Nun reute sie ihre Zusage. Hastig wollte sie sie zurücknehmen, da trat ein Käufer in den Raum und sie mußte ihre Aufmerksamkeit ihm zuwenden. Der Mann war schwer zufrieden zu stellen. Von allen Seiten mußten Dinge herbeigeholt werden.

Mit raschem Blick erfaßte Mohammed, was verlangt wurde, brachte es herbei und reichte es Chadidsha so selbstverständlich, als gehöre die Halle ihm selber. Der Mann kaufte mehr, als er an-fänglich verlangt hatte, und die Frau sah, daß sie einen sehr wert-vollen Gehilfen bekommen habe.

 

In der Freude über das gute Geschäft hatte sie die kränkenden Worte bereits vergessen. So wandte sie sich lebhaft zu Mohammed und fragte:

„Wie nenne ich Dich? Woher kommst Du?“

„Ich bin Mohammed ben Abdallah. Mein Vater war Juwelen-händler.“

In hellem Staunen schaute das Weib auf ihn. Ein Sohn des angese-hensten Stammes kam zu ihr als Gehilfe! Konnte das möglich sein? Als Mohammed ihr Staunen und ihren Unglauben sah, sagte er:

„Du magst Ibrahim ben Jussuf fragen. Er schickt mich zu Dir.“

„Dessen bedarf es nicht“, ließ sich die tiefe Stimme des Genann-ten vernehmen, der soeben die Halle betrat.

Er freute sich, daß die Beiden einig geworden waren. Danach schlug er vor, Mohammed solle seine Habseligkeiten, soweit er de-ren hier bedürfe, von einem Diener herbeiholen lassen. Der Jüng-ling verstand, daß der Freund mit der Witwe allein bleiben wollte, und eilte fort.

Als er die Halle verlassen hatte, fragte Ibrahim, wie der Frau ihr neuer Gehilfe gefalle. Sie antwortete, daß sie kaum wisse, wie sie ihn beurteilen solle. Er sei äußerst wohlerzogen, rede aber eine völ-lig ungeschminkte Sprache.

Kaum hatte sie dies Wort ausgesprochen, da fiel ihr der Vergleich Mohammeds ein. Nun reute es sie fast wieder, daß sie diesen schar-fen Beobachter eingestellt hatte. Ibrahim aber redete ihr zu, sich zu freuen. Einen besseren Helfer könne sie nicht finden.

Daß der Jüngling lieber Unrecht leiden und sich selbständig machen, als den krüppelhaften Oheim vertreiben wolle, ehre ihn. Auch sonst habe er nur das allerbeste von Mohammed gehört, der ihr sicher bald eine Stütze werden würde.

Also blieb Mohammed bei der Witwe und gewöhnte sich daran, ein Kaufmann zu sein. Mit seinen Pflichten nahm er es sehr ernst. Es kam ihm zustatten, daß er so vorzüglichen Unterricht in der Tempelschule genossen hatte, vor allem war er im Rechnen sogar seiner Herrin überlegen.

Sie konnte ihm sehr bald den Verkauf allein überlassen, mußte da aber allerhand Neues beobachten. Es fiel ihr auf, daß er geradezu

leidenschaftlich die billigen, unechten Waren anpries und verkauf-te. Hatte er sich bereits an das Unechte gewöhnt und es schätzen gelernt?

Sie fragte ihn eines Abends scherzend danach, als sie entdeckte, daß er viele Gegenstände restlos wegverkauft hatte.

„Schätzen gelernt? Den Plunder?“ fragte er verächtlich.

„Nein, Chadidsha, ich habe damit aufgeräumt, um Platz für Bes-seres zu bekommen.“

„So willst Du: keinen Ersatz für diese Art Waren mehr anschaf-fen?“ erkundigte sie sich ängstlich. „Mein Gatte sagte stets, die bil-lige Ware locke die Käufer.“

„Die Käufer, die sich davon locken lassen, können wir entbehren. Glaube mir, Chadidsha, Deine Halle wird mehr geschätzt und von vornehmeren Kunden besucht werden, wenn Du nur Vollwertiges, Echtes anbietest.“

Langsam, sehr langsam vermochte Mohammed die Frau zu über-zeugen, aber schließlich gelang es ihm doch.

Wer nach Verlauf von drei Jahren in die Halle schaute, fand sie völlig verändert. Auserlesene Gegenstände wurden zum Kauf an-geboten, alles Unechte war verschwunden.

Die größte Veränderung aber war mit der Besitzerin vor sich ge-gangen. Ihr Gesicht entbehrte allen Puders und jeder Malerei, ihr Gewand war vornehm bescheiden. Nur ihre lebhaften eckigen Be-wegungen verrieten immer noch, daß sie nicht aus edlem Hause stammte. Ebenso konnte ihre Stimme leicht kreischend werden, wenn etwas sie erregte.

Ihr Verhältnis zu ihrem noch nicht achtzehnjährigen Gehilfen war eigenartig. Manchmal schien es, als fürchte sie seinen freimü-tig ausgesprochenen Tadel. Er war unumschränkter Herr des gan-zen Handels, was er sagte, das galt. Die Handelsdiener verehrten ihn, der soviel jünger als sie, ein solches Muster an Ehrenhaftigkeit, Treue und Freundlichkeit war.

Dabei hatte sein Blick an Schärfe zugenommen. Im ersten Jahr war ein Kunde in der Halle gewesen, den die Frau selber bedient hatte, während Mohammed ihr die Waren herbeitrug. Plötzlich hatte der Jüngling den Mann am Handgelenk gepackt und halblaut, aber bestimmt gesagt:

„Lege die Perlen wieder auf den Tisch, die Du soeben genommen hast!“

Chadidsha erschrak. Wie konnte Mohammed das sagen, der doch ganz hinten in der Halle gewesen war und nichts bemerkt haben konnte!

Der Mann fuhr wütend auf:

„Lasse mich augenblicklich los! Wie unterstehst Du Dich, mich zu berühren.“

„Ich lasse Dich los, sobald die Perlen in Händen Chadidshas sind.“

„Ich habe keine Perlen.“

Da griff Mohammed vorn in das Gewand des Mannes und zog einen geschickt gearbeiteten Sack hervor, der außer den eben ge-stohlenen Perlen noch allerhand anderes enthielt. Der überführte Dieb wehrte sich, aber Chadidsha schickte nach Wärtern, die ihn überwältigten und mit sich führten.

Und während die erregte Frau kein Ende finden konnte, über das Vorgefallene zu sprechen, sagte Mohammed nur

„Du siehst, bei mir geht es auch ohne Loch im Teppich.“

So emsig Mohammed während der Verkaufsstunden für das Ge-deihen des Handels eintrat, so regelmäßig zog er sich in sein Gemach zurück, sobald die Halle geschlossen wurde. Alle Aufforderungen der Frau, bei ihr zu essen, oder mit ihr Besuche zu machen, lehnte er ab.

„In den Familien, in denen ich aufgewachsen bin, hielten die Männer sich abseits von den Frauen“, sagte er ernsthaft.

„Nicht, weil sie sich besser dünkten, sondern weil sie die zartere Beschaffenheit des Weibes ehren. So will ich es auch halten.“

Sie hätte gern gewußt, was er in seinen Mußestunden trieb, aber er sprach nicht darüber, und alles Ausfragen half nichts.

Da wurde er eines Tages rasch zu seinem Oheim gerufen, der ihm Wichtiges zu sagen habe. So dringend war die Botschaft, daß Mo-hammed sein Gemach verließ, ohne erst das, woran er gearbeitet hatte, zu bergen.

Chadidsha huschte hinein, war aber bitter enttäuscht, als sie nur mit Schriftzügen bedeckte Blätter fand, die sie nicht entziffern konnte, da es Hebräisch war. Aber sie wußte nun wenigstens, daß er sich irgend einem Studium hingab.

 

Nun, er war noch jung, mochte er das ruhig noch einige Jahre lang tun.

Als Mohammed bei Abu Talib anlangte, fand er diesen in großer Erregung. Er hatte um eine sehr wohlhabende Witwe geworben und war erhört worden! Er, der Krüppel, sollte

doch noch ein Glück genießen, das er für immer verschlossen glaubte.

Dem Rechte nach aber war Mohammed das Oberhaupt der Fami-lie und mußte seine Zustimmung geben zu der Heirat, sonst würde sie nicht gültig sein. Abu Talib bebte, Mohammed könne bei dieser Gelegenheit entdecken, daß er ihm sein väterliches Erbe bisher vor-enthalten hatte.

Forderte der Jüngling jetzt sein Erbteil, so war das übrigbleiben-de Vermögen wenig begehrenswert. Dann kam wahrscheinlich die ganze Heirat nicht zustande.

Mohammed war es, als sähe er durch eine Glasscheibe in das Herz des Oheims, und der so verzweifelt am Gelde Hängende tat ihm leid. Er hätte es aber für unrecht gehalten, wenn er gar nichts gesagt hätte, außerdem würde dann der Zustand der Ungewißheit für Abu Talib niemals ein Ende gefunden haben. So sagte er ruhig:

„Meine Einwilligung zu Deiner Vermählung gebe ich Dir gern, Oheim, denn Du selbst wirst wissen, ob sie Dein Glück bedeutet. Als Hochzeitsgabe aber schenke ich Dir alles, was Du seither mit Zittern als Dein Eigentum betrachtet hast. Einzig diesen Palast mit allem, was dazu gehört, bedinge ich mir aus.

Es ist unendlich wenig im Vergleich zu dem Reichtum, der Dir von heute an rechtmäßig zufällt. Ich bitte Dich aber, Deine Witwe nicht in dieses Haus zu führen.“

„Sie hat einen schönen Palast, den wir ohnehin bewohnen woll-ten, Mohammed. So kannst Du ungestört hier schalten und walten, nachdem ich im nächsten Monat ausgezogen sein werde.“

Kein Wort von der überreichen Schenkung! Keine Scham, daß Mohammed ihn durchschaut! Nur Erleichterung, daß alles so glimpflich vorbeigegangen war. Mohammed konnte noch lange den Eindruck einer solchen Geldgier nicht los werden. Es war, als ob Abu Talib zwei Seelen hätte, eine üble und eine sehr gute. Wel-che, würde die Oberhand behalten?

Nach Abu Talibs Verheiratung bezog Mohammed seinen väterli-chen Palast wieder und lebte dort, umgeben von einem Stabe von Dienern, die unter dem Befehl des treuen, alten Mustafa standen, der seinen jungen Herrn über alles liebte.

Am Tage war der Jüngling in der Halle Chadidshas tätig. Sobald die Verkaufsräume geschlossen waren, zog er sich in sein eigenes Reich zurück. Mit Gleichaltrigen kam er selten zusammen. Es ver-langte ihn nicht nach Verkehr.

Eines Tages aber erwachte Reiselust in ihm. Die Vorräte an Perlen und edlen Steinen gingen zu Ende, Neues mußte bescha@ werden. Er bat die Witwe, ihn mit dem Ankauf zu betrauen. Sie sah ein, daß sie ihre Angelegenheit in keine besseren Hände legen konnte, und willigte ein.

So unauffällig wie möglich; nur von zwei treuen Dienern be-gleitet, ritt er aus. Zunächst wollte er nach Jathrib, im Norden von Mekka. Es sollte die größte Handelsstadt von ganz Arabien sein. Von allen Seiten sollten zu gewissen Zeiten die Händler zu An- und Verkauf zusammenströmen. Das lockte ihn.

Er kam zu gelegener Stunde. Ein lebhaftes Treiben erfüllte die weiten Hallen, die die Stadt für diese Zwecke erbaut hatte, und die nur dreimal im Jahr zu den Händler-versammlungen ihre Tore öff-neten.

In einfacher Kleidung mischte er sich unter die Anwesenden, nachdem er sich am Tore hatte über seine Person ausweisen müs-sen.

Das bunte Bild, das sich ihm bot, beschäftigte ihn so sehr, daß er fast den Zweck seines Kommens vergaß. Dann aber regte ihn das Handeln und Anbieten, Steigern und Feilschen an. Er tat mit und schloß sehr günstige Ankäufe ab. Die erworbenen Güter ließ er durch seine Diener sorgfältig fortschaffen.

Trotzdem er nun eigentlich mit seinen Geschäften zu Ende ge-kommen war, gelüstete es ihn, noch zu bleiben, bis der Schluß der Verkäufe verkündet werden würde. Mehrere ältere Kaufleute hatten ihm davon erzählt und ihn ermuntert, die Festlichkeit, die den Ab-schluß bildete, mitzumachen.

Am letzten Abend fand er gedeckte Tafeln, umgeben von dicken Matten, in der großen Halle. Die Männer ließen sich ringsherum nieder und ein festliches Mahl wurde aufgetragen. Dabei wurde vergorener Traubensaft gereicht, der Mohammed sehr mundete. Doch schon nach den ersten Zügen spürte er die berauschende Wirkung und trank keinen Schluck mehr. Die anderen tranken alle, nur legten sich manche von ihnen weise Mäßigung auf.

Als die Speisen verzehrt worden waren und der braune starke Kaffee an die Reihe kam, blickten alle Anwesenden erwartungsvoll auf Mohammed. Er begriff nicht, warum sie dies taten, beschloß aber, nicht zu fragen, sondern zu warten, bis sie selbst es ihm sagen würden. Hierzu mußten sie sich endlich bequemen, wenn sie ihn zum Reden bringen wollten.

„Höre, Freund“, redete einer der älteren Kaufleute ihn an,

„Du bist der Jüngste in unserem Kreise. Es ist Sitte bei uns, daß stets der Jüngste uns allen etwas erzählt. Es darf erfunden oder er-lebt sein, nur darf er es nicht gelesen haben.“

„Warum habt Ihr mir das nicht früher gesagt?“ fragte Mohammed erstaunt. „Dann hätte ich mir etwas erdenken können.“

„Es ist gerade das Schönste bei dieser Sitte, daß der Erzähler nichts davon weiß“, wurde ihm geantwortet. ,,Die Überraschung der Opfer ist sehr drollig, und manchmal hört man dadurch ganz unglaubliche Geschichten.”

Daß er erzählen müsse, war ihm klar. Was aber sollte er diesen Männern sagen, die zum Teil nicht mehr nüchtern waren. Als er noch so sann, riefen einige ihm zu:

„Erzähle von Weibern; das ist doch das schönste!“

„Von Frauen soll ich erzählen?“ fragte Mohammed, den Nach-druck auf das Wort Frauen legend.

Einige der älteren Männer wurden verlegen. Mohammed aber faßte seine ganze Seele zusammen und bat um Hilfe. Da zeigte sich ihm ein Bild, und abermals eins und noch ein drittes. So schnell sie vor seiner Seele vorüberzogen, so blitzartig enthüllten sie ihm, was er sagen sollte.

Er setzte sich zurecht, ergriff eine auf der Tafel liegende Rose und begann:

„Als diese Welt geschaffen worden, da war sie vollkommen, wie alles; was aus der Hand des Höchsten hervorgeht.“

Ein Ruf unterbrach ihn:

„Bist Du ein Christ oder ein Jude?“

„Ich bin ein Mensch!“ war Mohammeds Antwort. „Lasset mich erzählen.“

„Alles in der Welt war aufs beste bedacht. Berge erhoben sich und grünende, fruchtbare Täler lagen dazwischen. Flüsse trugen ihre Wogen zum Meere und dienten den Fischen als Aufenthalt. Bäume wiegten ihre Zweige im Sonnenstrahl, und Vögel sangen zwischen den Blättern, wo die Früchte reiften. Und die Männer, die diese Erde belebten, freuten sich ihrer. Sie fingen Fische und jagten Wild, sie pflegten Tiere und ernteten Früchte.

Durch die Himmel aber schritt die göttliche Liebe und schaute zur Erde hernieder. Auch sie freute sich, wie alles so zweckmäßig eingerichtet war. Dabei fühlte sie, daß irgend etwas fehle. Sie schaute und sann. Plötzlich wußte sie es: die Schönheit fehlte! Wohl war Schönheit in allem, das da so frisch ge-schaffen unten stand, aber die Schönheit der himmlischen Gärten war anders.

Und die Königin der Liebe ergriff eine der roten Rosen, die um sie her blühten, und ließ sie langsam zur Erde gleiten. Wie staunten die Männer, als dieses Wunder an Schönheit, an Farbe, an Duft, auf die Erde kam! Ihre Seelen begannen sich zu erin-nern an etwas, das sie einst hatten schauen dürfen. „Himmelsro-se“ nannten sie die holde Blüte, und sie hegten und pflegten sie, so daß ihr Kelch Samen hervorbrachte, obwohl sie abgebrochen war. Und wo der Same eingesenkt wurde, da blühten und dufte-ten Rosen.“

Leise hob Mohammed in ungewollter Geste die rote Blüte, die er in der Hand hielt. Wie gebannt lauschten die Männer. Das war ja ein herrliches Märchen. Keiner wollte ihn mehr unterbrechen.

Nun fuhr er fort

„Aus den himmlischen Gärten aber schaute die holde Königin der Liebe und freute sich, wieviel Schönes ihre Gabe auf die Erde getragen.

Da trat ein anderes, hehres Frauenbild zu ihr, die weiße Königin der Reinheit. Und die Liebe wies ihr, was sie geschaffen, und for-derte sie auf, auch eine ihrer weißen Wunderblüten herabzusenden. Da sagte die Reinheit:

„Meine Blüten taugen nicht in Männerhände. Wenn ich sie zur Erde senden will, so müssen wir den Schöpfer bitten, daß er ihnen Hüterinnen erwecke, so hold und rein wie die weißen Blumen.“

Und sie gingen zum Schöpfer und baten ihn. Er aber willfahrte und schuf die Frau!

Hold und rein ist sie geschaffen, aus himmlischen Höhen kam sie einst zur Erde hernieder, um der Reinheit eine Hüterin zu sein. Wer leichtfertig von ihr spricht, wer mit ihr tändelt, der zerzupft die weiße Blüte der Himmelskönigin der Reinheit!“

Mit bewegter Stimme und doch ernst hatte er geschlossen. Wie im Banne saßen die, Männer. Keiner wagte, ein Wort zu sagen. Es war, als dächten sie alle darüber nach, wieviel Wunderblumen sie schon zerzupft.

Mohammed erhob sich und verließ mit freundlichem Gruß die Halle. Als er gegangen, brach ein Aufruhr los. Die einen fragten:

„Was wollte er mit der Erzählung? Sollen wir uns nicht mehr der Frauen freuen?“

Die anderen riefen dagegen:

„Herrlich war es! Wer ist der junge Mann?“ Da stand ein alter Weißhaariger auf und sagte :

„Lasset uns heimgehen und das überdenken, was wir gehört ha-ben. Wir dürfen uns der Frauen freuen, solange wir sie heilig halten! Wir freuen uns doch auch der Blumen, ohne sie zu zerpflücken.“

Danach gingen sie alle, und viele von ihnen hatten etwas gewon-nen für ihr ganzes Leben.

 

Nachdem Mohammed heimgekehrt war von Jathrib und sich überzeugt hatte, daß alle erworbenen Kostbarkeiten richtig einge-troffen waren, kam eine große innere Unruhe über ihn.

Er hatte nach Jahren des Eingeschlossenseins die Freiheit geko-stet, das Atmen in der frischen Luft, nun zog es ihn gewaltig aus den Häusermauern hinaus. So oft er konnte, wanderte er in die Umgebung, aber es konnte ihn nicht ganz befriedigen.

Zuerst wußte er selbst nicht, was sich in ihm regte, dann wurde es ihm eines Abends ganz klar, daß es nichts anderes sei als Sehnsucht nach Großem, Freiem.

Da gedachte er der Hilfen Gottes in seiner ersten Jugend, wie sei-ne kleinste Bitte so gnädig Gehör gefunden, und kindlich gläubig schüttete er seine ganze Not vor dem Allerhöchsten aus.

„Herr sagte er, nachdem er seiner Sehnsucht Worte verliehen hat-te, „ich will ja weiter in Halle und Gewölbe arbeiten, wenn das Dein heiliger Wille ist. Aber wenn es Dir einerlei ist, wo ich schaffe, bis Du mich gebrauchen kannst, dann laß mich hinaus.“

Große Ruhe und Zuversicht erfüllte nach diesem Gebet seine Seele. Er wußte, nun würde Gott sprechen und ihm: zeigen, was er tun solle. Darauf konnte er warten. Nun war ihm nicht mehr bange. Er wunderte sich auch gar nicht, als am folgenden Morgen Cha-didsha ihm mitteilte, sie habe einem Verwandten, Waraka, verspro-chen, daß er unter Mohammeds Leitung den Verkauf erlernen solle. Das war ja der Anfang, ihm, Mohammed, mehr Bewegungsfrei-heit zu verschaffen. Wenn Waraka recht bald eingeführt war, wurde er entbehrlich.

So sagte er erfreut zu, den jungen Mann, der etwa fünfzehn Jahre älter war als er selbst, in seine Unterweisung zu nehmen.

Waraka kam und gefiel Mohammed außerordentlich. Er hatte ei-nen klaren Blick und ruhige Überlegung, schien sich auch innerlich mit anderen Dingen zu beschäftigen als nur mit dem Handel. An edlen Dingen hatte er die gleiche Freude wie Mohammed, alles Un-echte war ihm ebenso ein Greuel. Es konnte nicht ausbleiben, daß die beiden so Gleichgesinnten Freunde wurden.

Eines Tages fragte Waraka den Freund, welchen Glauben er be-kenne. Statt aller Antwort fragte dieser dagegen, an was Waraka glaube.

„Ich kann an nichts und an niemand glauben“, sagte der Befragte.

„Eben deshalb wollte ich von Dir wissen, welchen Glauben Du er-wählt hast, weil ich dann ein Gleiches tun wollte.“

„Das ist doch falsch, Waraka“, verwies Mohammed. „Um eines Menschen willen erwählt man doch keinen Glauben.

Kannst Du einen solchen nach Belieben annehmen oder ablegen, so ist er nicht echt. Glaube ist Überzeugung, ist Erleben in innerster Seele. Das läßt sich nicht ändern wie ein Kleid, das man wechselt. Es läßt sich aber auch nicht in menschliche Formeln bringen.“

Waraka überlegte, dann stimmte er dem Freunde bei.

 

„Wenn Du mir das so erklärst, so muß ich sagen, daß ich doch Glau-ben habe; denn ich glaube an Gott, den Herrn, von dem Du mir erzählt hast. Dem Fetischkult habe ich abgeschworen, er war mir nie heilig.“

„Auch ich glaube an Gott, meinen Herrn“, sagte Mohammed ernst. „Ich glaube auch an Christus, seinen heiligen Sohn, der in die Welt gekommen, das Licht noch einmal zu entzünden, das nur noch in Rauch schwelte.“

„So bist Du also ein Christ!“ rief Waraka erstaunt.

„Nein, ich bin kein Christ!“ widersprach Mohammed fast heftig.

„Ich glaube nicht, daß Christus für unsere Sünden gestorben ist, sondern durch unsere Sünden. Das ist ein grundlegender Unter-schied. Ich glaube aber auch nicht, daß Christus seine heilige Sen-dung erfüllen konnte. Die Sünden und der Undank der Menschen haben ihn daran gehindert.

Ich weiß, er wird nochmals kommen müssen. Dann aber wird er anders auftreten. Er wird kommen in Herrlichkeit und richten über alle Welt.“

„Davon mußt Du mir mehr sagen, damit ich es fassen und ver-stehen kann“, bat Waraka. „Aber jetzt sage mir zuerst: wie meinst Du das, daß Du sagst, Christus sei durch unsere Sünden gestorben? Wir waren damals doch gar nicht auf der Welt!“

„So, weißt Du das so gewiß?“ höhnte Mohammed leidenschaft-lich. „Ich sage Dir, Waraka, ich jedenfalls war damals auf der Welt! Ich sehe Christus seine Straße ziehen, der Holdseligste unter allen Menschenkindern, aber nicht der Weichliche, in All-Liebe Verge-hende, wie ihn die Christenpriester schildern, sondern der Männ-lich-Strenge, aus dem Liebe und Erbarmen fluten.

Ich sehe Christus seine heiligen Hände erheben zu Segen und Hilfe, ich sehe seinen Blick sich in Unwillen wegwenden von de-nen, die unwürdig sich ihm nahen.

Ich höre seine Stimme, die so wohllautend ist, daß sie die Herzen mit Allgewalt zu ihm zieht, und die grollen kann wie ferner Don-ner, daß die Herzen der Sünder erbeben.

Ich sehe Christus, den Gottessohn, das Heiligste, das die Erde trägt, blutend am Kreuze hängen, hingemordet!“

Mohammeds Stimme brach in heißem Weinen. Es war, als ob et-was lange Zurückgedämmtes sich gewaltsam Luft schaffen wolle.

 

Mühsam fand er seine Fassung wieder, dann wandte er sich dem Freunde abermals zu, der ergriffen gelauscht hatte.

„Ich sehe, höre, empfinde Christus ganz nahe und weiß, daß ich einst um ihn sein durfte. Sobald ich aber weiter in mich hinein lau-schen möchte, sobald es mich verlangt, zu erfahren, als was ich da-mals auf der Erde war, schiebt sich ein Schleier vor mein Erinnern, ich darf es nicht wissen. Oftmals habe ich um Erleuchtung gebetet, aber sie ist niemals gekommen.“

„Was würde es Dir nützen, wenn Du es wüßtest?“ fragte Waraka überlegend.

„Ich könnte vielleicht gut machen, was ich damals gefehlt, ich könnte bewußter dem Gottessohn dienen.“

„Das ist falsch, Mohammed“, widersprach Waraka. „Das alles kannst Du ohne das Wissen genau so gut tun. Stelle Dir vor, ein großer Sünder gewesen zu sein, und versuche, das abzubüßen. Ich meine, das müßte Dir vorwärts helfen zum bewußten Dienen.“

„Du wirst recht haben“, gab Mohammed zu. „Es ist wohl doch nur müssige Neugier, die Gott nicht erhört.“ -

Waraka war nun etwa ein Jahr lang im Handel tätig, und Mo-hammed konnte sich der Überzeugung nicht verschließen, daß für beide gemeinsam nicht genug Arbeit in der Halle war.

Einer von ihnen beiden mußte sich anderwärts Beschäftigung su-chen. Nichts aber hätte näher gelegen, als daß der Verwandte blieb, der Fremdling ging. Das lag auch ganz in den Wünschen Mohammeds, indessen wollte er nichts übereilen und Gottes Weisung abwarten.

Aber vielleicht durfte er nochmals um eine solche bitten? Sah es aber dann nicht aus, als meine er, Gott habe ihn vergessen? Wäh-rend er hin und her überlegte, ohne zu einem Schluß zu kommen, brach es plötzlich aus ihm hervor:

„Herr, Gott, Du Allerhöchster, ich warte!“

Das war nun doch ein Gebet gewesen und sogar ein Mahnen! Mohammed erschrak. Würde Gott zürnen? Er schämte sich und wurde in sich selbst ganz klein.

Da kam die Erhörung. In der Nacht ließ der Herr ihm sagen, er möge sich zu weiter Fahrt bereiten. Es könne zwei Jahre währen, ehe er Mekka wieder betreten werde. Wohin die Fahrt gehen, wel-che Ursache sie haben würde, erfuhr er noch nicht.

 

Aber, daß nun eine Entscheidung gefallen war, erfüllte Moham-med mit großer Freude, die sich in Lob und Dank aussprach.

Schon am nächsten Tage betrat Chadidsha die Verkaufshalle, in der sie ein seltener Gast geworden war, und teilte den Freunden mit, daß ein Schuldner ihres Mannes in Halef gestorben sei. Sie habe Nachricht erhalten. Einer der beiden jungen Männer müsse dorthin reiten, um aus dem Erbe die Schuld einzutreiben.

Dieser Anlaß zur Reise war Mohammed so widerwärtig, daß er sicher Waraka geschickt hätte, wenn ihm nicht in der Nacht Gottes Wille kundgetan worden wäre. So erbot er sich ruhig, die Reise zu unternehmen und den Auftrag nach besten Kräften zu erfüllen.

Auch Chadidsha hätte es lieber gesehen, wenn ihr Vetter die Erle-digung übernommen hätte, aber sie sah auch ein, daß Mohammed wegen seiner großen Klugheit weit geeigneter dazu war.

In großer Ruhe traf Mohammed seine Vorbereitungen und übergab Waraka die Aufsicht über den ganzen Handel. Dienerschaft, die Cha-didsha ihm anbot, lehnte er ab. Er zog es vor, von seinen eigenen, ihm treu ergebenen Leuten begleitet zu werden. Hingegen nahm er die zur Reise erforderlichen Summen aus den Einkünften der Halle ruhig an. Das stand ihm zu, da er sich ja im Dienste Chadidshas mühen würde.

Kaum hatte er Mekka hinter sich gelassen, da kam die Freude an der Reise über ihn. Lebhaft erinnerte er sich des ersten Males, als er als Knabe auf seines Onkels Kamel den gleichen Weg zurückgelegt hatte.

Jetzt sprengte er auf edlem Roß dahin, das sein eigen war, aus dem Stalle seines Vaters. Hatte er damals die an der Wüste entlang führende Straße öde und langweilig gefunden, so beschäftigte sie ihn jetzt unausgesetzt.

Fortwährend mußte er Vergleiche ziehen mit dem menschlichen Leben. Genau so übersandet, wie hier der einst fruchtbare Boden war, genau so verschüttet war das Gute in den Menschenherzen. Wie der Sand zu allen, auch noch so kleinen Öffnungen eindrang, genau so drangen Sünde und üble Gedanken in die Menschensee-len, sobald sie sich nur irgendwie dafür auftaten.

Dann wieder sah er am Rande des Weges ein Blümchen kümmer-lich sich mühen, trotz des kargen Bodens Blüte und Frucht zu bringen. Er sprang vom Pferde und schüttete Wasser auf die ermattete Pflanze. Seine Begleiter lachten:

„Es wird nicht viel nützen; denn in der Hitze hält es nicht lange vor.“

„Wenn jeder Vorbeiziehende so tun wollte, würde die Pflanze gerettet sein“, sagte Mohammed dagegen. „Und wenn es dem Ge-wächs jetzt auch nur eine vorübergehende Erquickung war, so war es doch recht getan.“

Auch dieses kleine Erleben wurde ihm zum Gleichnis.

Fast war der Weg zu kurz für alles, was durch seine Seele flutete. Früher als er erwartet, kamen sie in Halef an. Das Kloster, in dem er einst gewesen, hatte er unbeachtet liegen lassen. Er merkte es erst, als die Häuser von Halef auftauchten. Er hatte dort einkeh-ren wollen, aber nun war es ihm nicht leid, daß er diesen Vorsatz nicht ausführen konnte. Was wollte er dort? Später, wenn er Gottes Werkzeug war, würde er den Brüdern wohl künden dürfen. Jetzt war es noch zu früh.

Halef hatte sich wenig verändert. Es war noch die gleiche zusam-mengedrängte Stadt mit den engen Gassen und dem vom Handel in Anspruch genommenen Leben.

In einem Rasthause fanden er und seine Begleiter gute Unter-kunft. Danach suchte Mohammed zuerst die Leute auf, die den Nachlaß des Schuldners verwalteten. Er fand ein kaum entwirr-bares Durcheinander in den geschäftlichen Dingen des Verstor-benen.

Trotz besten Willens der Erben war noch keine Klarheit in die Angelegenheiten gebracht worden. Mohammed sah, daß er seine ganze Kraft werde einsetzen müssen, um die ihm übertragene Auf-gabe zu lösen.

Sofort erhob sich die ihm schon wohlbekannte Stimme in seinem Innern, die sich stets meldete, sobald es etwas auszuführen gab, das ihm nicht ganz behagte.

„Lohnt es sich, daß das künftige Werkzeug Gottes, Kraft und Zeit an Kaufmannsdinge verschwendet?“ raunte sie.

Aber Mohammed brachte sie sofort zum Schweigen.

„Wenn Gott es anders wollte, würde er seinen Willen schon kund-tun. Jetzt heißt es schweigen und arbeiten.”

 

Bestimmte Stunden am Tage setzte er für die Handelsgeschäfte fest, die übrigen teilte er zwischen dem Betrachten des Meeres, des Hafens und des geschäftigen Lebens ringsum, und stiller Einkehr in sich selbst.

Für alles andere, was die von Menschen aus allerhand Ländern überfüllte Stadt ihm hätte bieten können, war er blind und taub. Es entsprang dies nicht einem bestimmten Vorsatz, sondern es war, als ob Augen und Ohren ihm verschlossen wären für alle Verlockun-gen, denen Jugend sonst zum Opfer fällt.

Rein und unbekümmert schritt er sinnend durch Schmutz und Dunkel, ohne daß dieses einen Weg an seine Seele fand.

Seine Begleiter merkten dies wohl und große Freude herrschte bei den Getreuen über die Weisheit und Tugend ihres jungen Herrn.

Eines Tages fiel es Mohammed ein, das Haus aufzusuchen, in dem er damals Abu Talib gefunden. Da er den Namen der Leute nicht kannte, war es schwer, in dem Gewirr der Gassen und Gäßlein die richtige aufzuspüren. Aber plötzlich wußte Mohammed, daß es Gottes Wille sei, daß er sich dorthin begebe. Nun würde ihm auch wohl der Weg gezeigt werden wie einst.

Lebhaft erinnerte er sich des kleinen verwundeten Burschen, den er in seinen Armen getragen, und wie damals hörte er ihn sagen :

„Jetzt rechts“, „Nun links“.

Unbewußt folgte er diesen Weisungen und kam wirklich in die richtige Gasse. Nun sah er auch das Haus, das noch baufälliger ge-worden war.

Ohne zu zögern trat er ein und fand sich einer Menschenmenge gegenüber, die fast zu zahlreich für die enge Stube war.

Sie alle umstanden einen weinenden Knaben, in dem Moham-med seinen ehemaligen kleinen Freund erkannte. Er rief ihn an, trotzdem er sich seines Namens nicht mehr erinnerte.

Der Knabe hob das tränenüberströmte Antlitz, und ein Strahl des Erkennens glitt über dasselbe.

„Herr“, rief er, „die Mutter ist tot. Nun wollen sie mich verkaufen. Kaufe Du mich doch, ich bitte Dich. Du bist gut!“

Erstaunt schauten die Leute auf den reich gekleideten Fremden, der hier anscheinend gekannt war. Mohammed trat zu dem Kna-ben und ergriff seine Hand.

 

„Ist es so, Ihr Leute, wie dieser sagt?“ fragte er. „Warum soll er verkauft werden wie eine Sache?”

„Der Erlös aus dem Hause und dem wenigen Hausrat reicht nicht aus, die Schulden des verstorbenen Vaters und das Begräbnis der Mutter zu bezahlen. Verdienen kann er noch nichts, da würden wir lange auf unser Geld warten müssen. Nun sind aber allerhand Händ-ler hier, die so junge Burschen kaufen und mit sich nehmen auf ihren Schiffen in fremde Länder. Wer am meisten zahlt, der bekommt ihn.“ Mohammed empörte sich. So etwas war doch sicher nicht im

Willen Gottes!

Aber er sah ein, daß er nichts mit guten Lehren würde dagegen ausrichten können. Überdies war er in Syrien, dessen Gesetze ihm unbekannt waren. So beschloß er, anders vorzugehen.

„Wieviel fehlt Euch noch an der notwendigen Summe?“ fragte er so gleichgültig wie möglich.

Die Männer nannten eine sehr niedrige Zahl. Wieder fragte Mo-hammed:

„Wird das Angebot eines Käufers diese Summe erreichen?“

„Herr, was denkst Du!“ entrüsteten sich die Männer. „Ein so ma-gerer, schwacher Knabe sollte soviel Geld wert sein? Wir wollen uns freuen, wenn einer dieser Bietenden uns die Hälfte gibt.“

Sofort erhob sich Geschrei:

„Die Hälfte? Was denkt Ihr denn? Seid froh, wenn Ihr ein Dritteil, nein, den vierten, den fünften Teil erhaltet!“

Die Summen schwirrten durcheinander, eine immer die andere unterbietend.

Da rief Mohammed das Wort: „Frieden!“ dazwischen, und die lärmenden Stimmen schwiegen.

„Ich will Euch die benötigte Summe geben, Ihr Männer; denn es wäre mir leid, wenn Ihr zu Schaden kommen würdet“, sagte er freundlich. „Dafür übernehme ich den Knaben so, wie er da steht. Seine übrigen Kleider oder sonstigen Besitztümer mögt Ihr mitver-kaufen. Seid Ihr einverstanden?“

Und ob sie es waren! Bis zur Erde neigten sie sich vor dem vor-nehmen Herrn, dem Wohltäter, den die Götter segnen mögen.

Der Knabe aber trat auf Mohammed zu und faßte vertrauensvoll seine Hand. Nicht einen Blick mehr warf er auf seine Umgebung, als sein Beschützer mit ihm die Hütte verließ. Hand in Hand durch-wanderten sie die Gäßchen, bis sie in eine Mohammed bekannte Gegend kamen. Dort übernahm er die Führung und bald langten sie in dem Rasthause an, wo der Knabe Mustafas Fürsorge überge-ben wurde. Er sollte für die Reinigung und Kleidung sorgen. Unter-kunft werde sich unschwer finden.

„Wie heißest Du“ fragte Mohammed noch, ehe er sich wieder auf den Weg in die Handelsstätte machte.

„Meine Mutter rief mich Said“, antwortete der Knabe.

„Und wie alt bist Du ?” wollte Mohammed noch wissen.

Der Befragte wußte es nicht anzugeben. Da begann sein Be-schützer zu rechnen. Drei bis vier Jahre mochte das Kind gezählt haben, das er auf seinen Armen getragen. Wie lange war es her, daß er in Halef gewesen ? Etwa fünf Jahre mochten seitdem ver-strichen sein, eher etwas mehr. Demnach mußte Said acht bis neun Jahre zählen.

Mustafa nickte zu der Rechnung. Für so alt hatte er den Knaben gehalten. Es würde stimmen. Übrigens gefiel ihm das Kind, das ei-nen zarten Gliederbau und schöne Augen hatte.

Alles andere ließ sich noch nicht erkennen. Said war schmutzig, steckte in Lumpen und machte einen äußerst verschüchterten Ein-druck.

„Was gedenkt der Herr mit dem Kinde anzufangen? Wie soll ich es kleiden?“ begehrte der Treue zu wissen.

„Ich habe noch nicht darüber nachgedacht“, bekannte Moham-med. „Kleide ihn einfach, aber gut. Es wird sich bald zeigen, zu welchem Zweck er in mein Leben trat.“

Als Mohammed am nächsten Abend sein Gemach betrat, hatte er den Knaben fast vergessen. Viel schwere Arbeit hatte der Tag gebracht, auch mancherlei Ärger und unnötige Aufregung.

Mustafa hatte wie immer alles zur Abendmahlzeit vorbereitet. Müde ließ sich Mohammed neben dem Tische nieder. Da trat ein hübsch gekleideter kleiner Diener heran, eine dämpfende Schüssel mit Anstand und Geschick darbietend.

Fast hätte sein Herr den Knaben nicht wiedererkannt. Reinlich-keit, Pflege, ausreichende Kost und Schlaf hatten in zwei Tagen im Verein mit der guten Kleidung den Knaben Said völlig verwandelt.

 

Er freute sich der erstaunten Augen Mohammeds und schlug in seiner Freude die Hände zusammen mit einer so kindlichen, aus-drucksvollen Gebärde, daß es hübsch anzusehen war.

„Nun, Said, wie gefällt es Dir hier?“ fragte Mohammed gütig, der durch ein Gespräch erforschen wollte, wie es um den Knaben be-stellt sei.

„Es ist so schön, wie es droben sein muß, wo die Seelen sind“, sagte das Kind strahlend.

Nun erst fiel es Mohammed ein, daß die Mutter dieses Knaben Jüdin gewesen war. Er erkundigte sich, ob sie ihren Sohn in Glau-bensdingen unterwiesen, und Said berichtete, daß die Mutter alle Tage mit ihm gebetet und ihm von Gott erzählt habe.

„Seit Du bei uns gewesen, Herr, hat die Mutter aber auch vom Messias gesprochen, den die Juden nicht erkannt und gemordet ha-ben. Sie sagte, Du habest uns das gekündet.“

In die Schule war der Knabe nicht gegangen, aber die Mutter hatte ihn lesen und schreiben gelehrt, auch ein wenig Zahlen-kenntnis.

„War Deine Mutter so gelehrt?“ fragte Mohammed erstaunt.

„Ja, sie war gut unterrichtet. Sie war aus edlem, jüdischem Ge-schlecht, aus dem Stamme Levy. Aber als sie den Vater heiratete, war sie nicht mehr vornehm.“

„Was war Dein Vater?“ erkundigte sich Mohammed, den der Klei-ne mehr und mehr anzog.

„Ein schlechter Mensch“, war die Antwort. Überrascht schaute Mohammed auf.

„Hat Dir das die Mutter gesagt?“

„Nein, Herr, so sagten die Nachbarn, und dann sagte Mutter im-mer: „Kein Mensch ist so verworfen, daß andere sich anmaßen dürfen, über ihn zu urteilen.“ Ich habe nicht verstanden, was sie damit meinte, aber die Worte habe ich behalten.“

„Ich will sie Dir später erklären“, verhieß Mohammed.

Bald danach schickte er Said, daß er sein Lager aufsuche. Vorher aber betete er mit ihm und dankte Gott, der ihm den kleinen Ge-fährten gegeben.

„Du dankst Gott, Herr?“ sagte Said erstaunt. „Ich muß doch dan-ken, daß ich bei Dir sein darf.“

„Das kannst Du tun“, ermunterte Mohammed, und ohne Scheu hob Said die Hände, wie er es von seinem Herrn gesehen, und sprach:

„O Du großer, allmächtiger Gott, ich danke Dir, daß Du mich an einen Ort gebracht hast, wo meine Seele nicht zu hungern braucht. Ich danke Deiner Barmherzigkeit.“

Mohammed war ergriffen. Dieses Kind würde ihm jede Wohltat reichlich lohnen.

Er gab nun jeden Tag ein Stück seiner freien Zeit daran, den Kna-ben zu unterrichten, der willig und eifrig lernte und gut auffaßte. Auch auf seine bisher einsamen Gänge nahm er Said oftmals mit und zeigte ihm die Wunder der Natur.

Dabei, geschah es eines Tages, daß der Knabe fragte:

„Was sind das für nette Männlein, die mir winken und zunicken? Ich habe sie schon öfter gesehen, aber meist liefen sie fort, wenn wir kamen.“

„Männlein?“ fragte Mohammed. „Ich sehe keine. Wo siehst Du sie?“

Said wies nach einer Wiese, in der einige verstreute Steine lagen. Mohammed blickte scharf danach, aber er sah keine Gestalten. Es war ihm nur, als huschten graue Schleier darüber hin.

Er schüttelte den Kopf. Er konnte sich nicht vorstellen, was das Kind gesehen und für Männlein gehalten haben mochte. Indessen wollte er den Knaben nicht scheu machen, darum widersprach er ihm auch nicht, als dieser jetzt sagte:

„Vielleicht könnt Ihr großen Menschen die kleinen Wesen nicht sehen, weil Ihr zu gescheit seid. Mutter sagte, es sei nur Kindern gegeben, Engel zu schauen. Vielleicht sind die Männlein etwas ähn-liches wie Engel.“

Von nun an berichtete Said getreulich, wo und wann er Männlein sah, so daß Mohammed schließlich ganz vertraut mit den für ihn unsichtbaren Wesen wurde.

Besonders gern fuhr er mit dem Knaben aufs Meer hinaus in einer von Fischern geruderten Barke. Er genoß die schaukelnden Bewegungen des Schiffes, es störte ihn auch nicht, wenn sie etwas heftig und stürmisch wurden. Der Knabe aber jauchzte dann und sagte aus den Psalmen alle Stellen, die sich auf das Meer bezogen. -

 

Die zwei Jahre, von denen der Bote Gottes gesprochen, waren nahezu verstrichen, und die schwierigen Angelegenheiten konnten in wenigen Tagen vollends erledigt werden. Da stiegen in Moham-meds Seele die Gedanken an die nächste Zukunft auf. Wie würde sich sein Leben weiter entwickeln? Würde Gott ihn immer noch nicht brauchen können?

In seine Gebete strömten schon seit einiger Zeit die Bitten um weitere Führung, um Weisung, um Befehle ein. Aber soviel er auch bat und flehte, er erfuhr nichts.

In der letzten Nacht vor seiner Abreise meinte er, den frommen Bruder Cyrill zu sehen, der nach ihm Ausschau hielt. Sollte das ein Wink sein? Jedenfalls wollte er den kleinen Umweg zu ihm nicht scheuen. Vielleicht war er noch am Leben.

Und während er sein Gefolge den geraden Weg nehmen ließ, trennte er sich am nächsten Tage von den Leuten und ritt allein dem Städtlein entgegen.

Der schmucke Reiter wurde angestaunt und bewundert, fand aber seinen Weg zum „guten Ort“ und dadurch auch zu dem Häus-lein des frommen Bruders. Von dem Klappen der Rosseshufe an-gezogen, stand Cyrill vor seiner Tür, neugierig nach dem Fremden lugend. Mohammed rief ihn an.

Da kam Leben in die uralte Gestalt. Freudig streckte er dem An-kommenden beide Hände entgegen und hieß ihn auch mit Worten willkommen.

„Daß ich Dich noch einmal sehen darf, mein Sohn!“ rief er ein-mal übers andere freudig erregt aus. „Ich habe große Sehnsucht nach Dir gehabt. Ein Herr bist Du geworden inzwischen!“

Mohammed stieg vom Pferde, das beim Nachbar eingestellt wur-de, dann betrat er das ihm so wohlbekannte Häuslein, in dem er fünf Jahre verbracht hatte.

Er mußte berichten, alles wollte Cyrill wissen. Dieser selbst hat-te wenig zu erzählen, dagegen waren ihm in den Jahren der Tren-nung so viel gute Ratschläge eingefallen, die er dem Schüler noch hätte mit auf den Weg geben sollen. Nun durfte er sie doch noch erteilen.

Er übersprudelte sich fast damit. Die Stunden waren zu kurz, und doch wollte Mohammed vor Einbruch der Dunkelheit mit seinem Gefolge zusammentreffen. Er brach auf. Da hielt ihn der fromme Bruder nochmals fest.

„Mohammed, mein Sohn, höre: Du mußt ein Weib freien! Ohne das wirst Du niemals ein richtiges Werkzeug Gottes sein können. Glaube mir, ich habe es an mir selbst erfahren, daß der Mann allein nur ein halber Mensch ist. Erst wenn er Weib und Kinder hat, kann er die Menschheit verstehen. Es ist auch für ihn selber besser, wenn er nicht einsam durch das Leben wandert. Glaube mir, mein Sohn, mein Rat ist gut. Befolge ihn.“

Nun nahmen sie Abschied und der Gast ritt eilends davon. Ziem-lich spät erst traf er das Zeltlager, das sein Gefolge inzwischen auf-geschlagen hatte.

„Wir haben um Dich gebangt, Herr“, sagte einer der Diener. „Said aber versicherte uns, Dir könne nichts geschehen sein. Er war so zuversichtlich, daß auch wir wieder Mut hatten.“

„Woher kam Dir diese Zuversicht, Knabe ?” fragte Mohammed halb scherzend. Die Antwort aber überraschte ihn:

„Die kleinen Männlein sagten mir, daß Du Dich nur verspätet habest, daß Dir aber nichts zugestoßen sei.“

„Seit wann kannst Du hören, was die Unsichtbaren sagen?“ fragte Mohammed in höchstem Erstaunen.

„Herr, erst seit heute, seit ich für Dich betete.“

 

Zu rechter Zeit langten sie in Mekka an. Said hatte die lange Reise auf einem kleinen, für ihn in Halef gekauften Pferde so selbstver-ständlich zurückgelegt, als sei er von jeher das Reiten gewohnt.

Es konnte ihn auch so leicht nichts aus der Fassung bringen, das hatte Mohammed mit Freude gemerkt. Die Ankunft an dem Palast der Ko-retschi aber war doch zu viel für das innere Gleichgewicht des Knaben. Ein derartiges Haus inmitten blühender Gärten hatte er noch nie-mals gesehen. Er war kaum zu bewegen, es zu betreten. Die Aus-stattung der Räume entlockte ihm einen Jubelruf nach dem ande-ren. Sie freuten sich alle an ihm und wetteiferten, ihm immer noch

Schöneres zu zeigen.

Am nächsten Tage begab sich Mohammed in die Verkaufs halle, wo er Waraka seiner harrend fand. Die Nachricht von seiner Rück-kehr hatte sich blitzschnell verbreitet.

Nun kam auch Chadidsha herbeigeeilt und begrüßte den Sach-walter, wie sie ihn nannte. Er begehrte, ohne Verzug Rechenschaft ablegen zu dürfen von dem, was er erreicht hatte, und obwohl die Frau keine Lust bezeigte, von geschäftlichen Dingen zu sprechen, mußte sie sich dem stärkeren Willen fügen.

Mohammed hatte sich sehr verändert in den letzten beiden Jah-ren. Die Zurückgebliebenen blickten ihn mit Wohlgefallen an. Er war Mann geworden, stolz und aufrecht, und doch freundlich und gütig.

Seine Knabenschönheit war in verstärktem Maße zurückgekehrt. Ein feiner schwarzer Bart kräuselte sich um Kinn und Wangen, krause, ziemlich lange Haare umrahmten das schmale Gesicht.

Die Neigung zur Körperfülle schien geschwunden, alle Sehnen waren gestra@, und sein Gang war elastisch. Niemand hätte ihm sein Alter angesehen.

Die Rechnungslegung dauerte mehrere Tage. Danach wollte Mo-hammed wissen, was sich inzwischen begeben, und Waraka freute sich, gleichfalls Gutes berichten zu können.

An diesem Tage bat Chadidsha, Mohammed möge sie in ihre Wohnung begleiten, die er noch niemals betreten hatte.

Da er vorher nach kostbaren Steinen gefragt hatte, die sie in ihren Räumen bewahrte, wie sie sagte, nahm er an, sie wolle ihm die Stei-ne übergeben oder doch wenigstens zeigen.

Statt dessen führte sie ihn in ein mit Polstern, Kissen und Teppi-chen reich ausgestattetes Gemach, in dem der Fuß in lauter Weich-heit versank, und bat ihn, sich einen Sitz zu erwählen. Die Luft war mit Düften aller Art durchzogen, sie drückte auf ihn, doch wagte er nicht, ein Fenster zu öffnen.

„Ich möchte etwas mit Dir besprechen, Mohammed“, begann Chadidsha tastend.

Ehe sie weiterreden konnte, unterbrach der Mann sie:

„Mußt Du mir das hier in Deinen Räumen sagen? Konnten wir das nicht in der Halle unten besprechen? Die Luft ist hier so schwül und beengend.“

„Was ich Dir zu sagen habe, mein Freund“, nahm Chadidsha ihre Rede wieder auf, „hat nur wenig mit der Verkaufshalle zu tun. Wir müssen derartige Dinge schon hier oben besprechen.“

 

Er war gespannt, was nun folgen werde. Sie begann von neuem:

„Ich bin nun seit acht Jahren Witwe. Fast solange bist Du mein Gehilfe. Der Handel ist aufgeblüht unter Deiner Hand. Du bist zum Manne geworden in der Zeit. Ich aber bin einsam und kinderlos.

Wohl bin ich älter als Du, aber das mag Dir Gewähr dafür sein, daß ich Dir treu bleiben werde. Ich mag nicht mehr unvermählt bleiben. Wenn Du mich verschmähst, so reiche ich meine Hand dem ersten besten, der Handel und Haus begehrt und mich mit in den Kauf nimmt.“

Sie hatte mehr ausgesprochen, als ihre Absicht gewesen war. Ent-setzt schaute Mohammed auf die Frau. Dies hatte er nicht erwartet!

„Halte ein, Chadidsha!“ flehte er. „Zerzupfe nicht selber die weiße Blüte der Reinheit!“

Der Ton traf sie. Aber verständnislos blickte sie zu ihm hin.

„Wie meinst Du das, mein Freund?“ fragte sie. „Was schadet es meiner Reinheit, wenn ich Dich bitte, mir Gatte und Gefährte zu werden? Du bist seit Jahren schon der eigentliche Herr der Ver-kaufshalle. Alles geschah nach Deinem Willen. Es ist für Dich nur ein kleiner Schritt, es nun auch wirklich zu werden.

Einmal mußt Du Dich doch vermählen. Ein Mann ohne Weib und Kinder ist nur halb. Mich kennst Du. Du weißt, wen Du mit mir in Dein Haus nimmst. Überlege es Dir, mein Freund, aber laß mich nicht zu lange Deiner Antwort harren.“

Eigentlich hatte sie hinzufügen wollen, daß unzählige Männer über ein solches Angebot glücklich sein würden, aber sie fühl-te, daß sie damit den spröden Mann nur abschrecken würde. So schwieg sie.

Mohammed aber war wie betäubt. Cyrill hatte ihm gesagt, er müs-se heiraten. Nun bot sich ihm die Frau an! War das eine Führung Gottes? Alles in ihm wirbelte. Am liebsten wäre er davongelaufen, um niemals wiederzukehren. Aber das durfte er nicht tun, ehe er Gottes Willen erforscht hatte.

„Ich werde Dir morgen Bescheid bringen, Chadidsha“, sagte er so freundlich, als er es vermochte. „Dein Antrag kam mir zu un-erwartet. Ich meinte bisher immer, der Mann müsse um das Weib freien. Du machst es umgekehrt. Das gefällt mir nicht. Aber ich will nachdenken. Vielleicht finde ich eine Antwort.“

Ohne die Verkaufshalle wieder zu betreten, ging er heim. Die Ge-danken wirbelten in ihm, er freute sich, in seinen eigenen stillen Räumen nach Klarheit ringen zu können.

Said, der mit dem ihm angeborenen feinen Empfinden merkte, daß sein Beschützer allein sein wollte, zog sich unauffällig zurück. Trotzdem gelang es Mohammed noch nicht, allein zu sein; denn Waraka suchte ihn auf, um ihm eine wichtige geschäftliche Angele-genheit vorzutragen.

Nachdem die Handelsdinge besprochen waren, zögerte der Be-sucher, seinen Freund zu verlassen. Er fühlte, daß Gedanken ihn bestürmten, deren er noch nicht Herr geworden war, und er ahnte den Inhalt dieser Gedanken.

„Du bist verstört, Mohammed“, begann er liebevoll. „Sieh, ich bin älter und lebenserfahrener als Du. Vertraue Dich mir an und lasse Dir raten. Oftmals klärt, sich eine Sache, wenn wir ihr Worte ver-leihen.“

Mohammed blickte auf den Freund. Er wußte, er durfte ihm ver-trauen. Vielleicht half es ihm wirklich, wenn er die leidige Angele-genheit mit ihm beredete.

Da begann Waraka von neuem:

„Glaube mir, ich kenne Chadidsha von Jugend an. Es. ist Dir gege-ben wie keinem andern Menschen, alles in ihr schlummernde Gute zu erwecken. Viel hast Du schon erreicht und mehr noch wirst Du vollbringen, denn Chadidsha liebt Dich!“

„Mich?“ staunte Mohammed ungläubig. „Davon hat sie kein Wort gesagt.“

Kaum konnte Waraka ein Lächeln unterdrücken. Wie weltuner-fahren war doch dieser sonst so weise Mann!

„Das wird sie Dir aus mancherlei Gründen verschwiegen haben, mein Freund“, erklärte er dann. „Einen Rest feiner Reinheit hat sie sich bewahrt, trotzdem das Leben, das sie an der Seite ihres Man-nes führen mußte, sie zwang, so manches abzustreifen. An Deiner Hand wird sie wieder zum echten Weibe werden, dessen bin ich gewiß.“

Es war wirklich Freundschaft, die Waraka so sprechen ließ. Er wußte, daß Mohammed früher oder später sich vermählen werde, das war bei seiner ganzen Veranlagung nicht anders zu erwarten.

 

Er aber würde niemals um das Weib werben, immer würde er er-mutigt werden müssen. Dabei konnte er trübere Erfahrungen ma-chen als mit Chadidsha.

In Mohammeds Seele aber löste sich etwas während dieses Ge-spräches. Als Waraka ihn verließ, war er ruhig geworden. Es war ihm ganz klar, daß die Frage der Vermählung nur irdisch war für ihn. Seine Seele wurde davon nicht berührt, und sollte es auch in Zukunft nicht werden.

Der fromme Bruder hatte recht gehabt, daß er alle. Seiten des menschlichen Lebens kennen lernen müsse, um andere führen zu können. Chadidsha kannte er und wußte, was er von ihrem Verste-hen verlangen dürfe. Nun gut, so wollte er die sich bietende Gele-genheit ergreifen.

Als er sich zum Beten anschickte, erinnerte er sich, daß er die Frage vor Gottes Thron hatte legen wollen. Nun meinte er, das dür-fe nimmermehr geschehen. Etwas so Irdisches mußte der Mensch erledigen, ohne daß er Gott damit behelligte.

So dankte er nur, daß Gott ihm sofort nach des frommen Bruders Rat die Gelegenheit gegeben, ihn auszuführen.

Ruhig freundlich teilte er der innerlich bebenden Chadidsha am nächsten Morgen mit, daß er bereit sei, sich mit ihr zu vermählen. Ihre Freude war so ungestüm, daß sie ihn erschreckte. Sie merkte es und mäßigte sich. Nun drang sie aber darauf, daß ihre Vereini-gung, der keinerlei Hindernis entgegenstehe, bald vollzogen wer-den solle. Mohammed war das Haupt der Familie, brauchte also niemand um Erlaubnis zu fragen.

Er überließ es der Frau, alles Notwendige festzusetzen und zu ver-anlassen.

Daheim teilte er Mustafa mit, welche Veränderung in seinem Le-ben vor sich gehen werde. Der Getreue enthielt sich jeden Rates, indessen brachte er ein Schreiben, das ihm Abd al Muttalib vor sei-nem Sterben für den damals noch kleinen Enkel übergeben hatte. Es sollte erst in Mohammeds Hände gelangen, wenn dieser im Be-griff sei, sich zu vermählen.

„Du bist ein Träumer, Mohammed!“ schrieb der Alte. „Wenn Du heranwächst, wirst Du ein Narr sein. Irdischem Glück und Wohlerge-hen wirst Du opfermutig entsagen, um Hirngespinsten nachzujagen.

 

Klar sehe ich Deinen irdischen Weg vor mir. Überall und immer wirst Du zurücktreten, um anderen den Vorteil zu lassen, der Dir gebührt.

So wirst Du auch nicht selber freien, sondern das Weib, das Dich begehrt, wird um Dich werben. Daraus kann unendliches Elend für Dich entstehen, wenn Du später die Jungfrau findest, für die Dein Herz entbrennt.

Ich sehe das alles so klar, denn, mein Sohn, ich liebe Dich. Meine Liebe zu Dir verschloß ich unter einem grimmigen Deckmantel, ich wenigstens wollte Dich nicht verziehen. Aber ich muß Dich verlassen, ehe es mir gelungen, Dich zum bewußten Manne reifen zu sehen.

Um das Unheil, das Du durch Deine besondere Veranlagung über Dich heraubringen wirst, wenigstens abzuschwächen, gebe ich Dir heute einen Rat und zugleich die äußere Möglichkeit, diesem Rate zu folgen.

Lebe nicht von dem Gelde Deines Weibes! Laß sie behalten, was sie besitzt, laß sie es für sich selbst und für ihre Kinder verwenden. Du aber lebe stolz und frei neben ihr her, nicht mit ihr. Versprich mir, dem Abgeschiedenen, das um Deines Lebensfriedens willen.

Damit Du aber nicht von einem Weibe oder deren Sippe abhän-gen mußt, wisse:

In dem Gewölbe, an einer nur Mustafa bekannten Stelle, ist ein beträchtlicher Schatz an Edelsteinen und geprägtem Golde einge-mauert. Er gehört Dir; denn ich sammelte ihn für Dich an. Nie-mand hat einen Anspruch darauf. Es wird aber trotzdem besser sein, Du sprichst mit niemand außer Mustafa davon.

Dieses Geld verwende für Dich und diejenigen Deiner Kinder, die es wert sind. Deinem Weibe aber gib nicht davon. Sage ihr auch nichts. Glaube mir, es ist besser so.“

Nun folgten noch Ratschläge über die Behebung und Verwen-dung des Schatzes. Das Schreiben schloß mit dem Segen des Groß-vaters für seinen Enkel.

Wie betäubt stand Mohammed da, das Schreiben war seiner Hand entfallen.

Dann ra@e er sich auf und dankte bald Gott, dem Herrn, bald dem heimgegangenen Ahn. Unendlich viel bedeutete diese irdische Unabhängigkeit für ihn, das wußte er.

 

„Herr, wenn Du mich nun rufen wirst, Dein Werkzeug zu sein, so muß ich keinen Augenblick an Irdisches denken“, jubelte er. „Ich bin frei, alles zu tun, was ich mag, was ich soll.“

Daß er niemand von dem Schatz sagte, stand in ihm fest. Nur mit Mustafa sprach er darüber. Sie beschlossen, in einer der näch-sten Nächte gemeinsam den Zugang zu dem vermauerten Gewöl-be zu öffnen, um festzustellen, wie groß das unvermutete Erbteil sei. Dann aber wollten sie nur wenig entnehmen, das übrige wieder einmauern.

Als das geschehen war, wußte Mohammed, daß er wohl der reich-ste Mann in ganz Mekka war. Er freute sich darüber, weil er da-durch seine Freiheit erhielt.

Nun sprach er mit Chadidsha. Er fragte, wie sie sich die Zukunft des Verkaufs gedacht habe. Sie meinte, er sei bisher stillschweigend der Herr gewesen, nun solle er es in Wirklichkeit sein.

„Und was soll aus Waraka werden?“ fragte er dringend. „Er und ich sind zuviel für den Umfang des Handels.“

„So mag er gehen, wie er gekommen“, gab Chadidsha unbeküm-mert zurück. „Wir haben ihn nicht gerufen, wir werden ihn nicht halten.“

„Das ist nicht meine Meinung“, erwiderte Mohammed ernst. „Ich möchte im Gegenteil, daß er die Leitung des Handels nun über-nimmt, da ich mich in Zukunft nicht mit Kaufmannsdingen zu be-schäftigen denke.“

„Du meinst wohl, mein Freund, ich sei reich genug, daß Du ein untätiges Leben führen kannst?“ sagte sie scharf.

Da merkte Mohammed, wie richtig sein Großvater geurteilt. Wie froh war er, nichts von dem Gelde der Frau annehmen zu müssen.

„Du irrst, Chadidsha“, gab er ruhig zurück. „Ich werde kein un-tätiges, sondern im Gegenteil ein sehr arbeitsreiches Leben führen, das mir keine Zeit mehr für Deinen Handel lassen wird. Von Dei-nem Gelde aber werde ich keinen Gebrauch machen, ich bin wohl-habend genug, um mich selber zu ernähren. Alles, was Dir gehört, magst Du für Dich verwenden.“

Da merkte die Frau, daß ihre Rechnung, sich mit ihrem Reichtum einen gefügigen Mann erziehen zu können, falsch gewesen war. Am liebsten hätte sie nun auf die Vermählung verzichtet, aber es war, wie Waraka gesagt, sie liebte diesen so viel jüngeren Mann wirklich. Nun begehrte sie zu wissen, welchen Beruf Mohammed künftig ausüben werde. Er aber sagte, das sei seine eigene Angelegenheit.

Später einmal werde sie es schon erfahren.

Er hätte es ihr auch nicht sagen können; denn er wußte es selbst nicht. Irgend etwas hatte ihn bei dieser Aussprache gezwungen, so zu sprechen, wie er getan. Nun mußte er sich an den Allmächtigen wenden, damit er ihm Weisungen gäbe.

Schon in dieser Nacht erfuhr er, daß er richtig gehandelt, indem er sich von dem Handel freigemacht habe. Er solle ruhigen Herzens warten. Genau zur rechten Zeit werde ein Angebot an ihn herantre-ten, das er annehmen solle.

Da wurde er sehr gefaßt und sah der Zukunft getrost entgegen. Etwas allerdings beunruhigte ihn: das war der Gedanke, Chadid-sha in den Palast seiner Väter führen zu müssen. Sie paßte in kei-ner Weise in die vornehme, ruhige Pracht. In Gedanken meinte er schon, ihre kreischende Stimme durch die Hallen und Treppen tö-nen zu hören. Da wurde ihm bange.

Gern hätte er mit einem älteren Manne darüber gesprochen, in-dessen den Diener Mustafa konnte er nicht ins Vertrauen ziehen, und Waraka war ein Verwandter Chadidshas. Da kam dieser aber von selber auf die Sache zu sprechen.

Er machte Mohammed darauf aufmerksam, daß es wohl Sitte sei, ein Weib in das eigene Haus zu führen, wenn aber dieses Weib Wit-we sei und ein Haus besitze, müsse der Mann nach der allgemeinen Sitte dieses Haus mit ihr teilen.

Darum also war Abu Talib so bereitwillig aus dem Palast ausge-zogen!

Waraka war von Chadidsha geschickt worden, da sie fürchtete, Mohammed werde darauf bestehen, daß sie in seinen Palast zöge. Sie aber liebte ihr eigenes Heim und wollte es um keinen Preis ver-lassen. Nun war beiden eine Last vom Herzen genommen.

Mohammed verständigte Mustafa, daß seine Vermählung an dem Leben im Palast kaum etwas ändern würde. Alle Diener sollten dar-in tätig bleiben wie seither, auch Said sollte von dort aus die Tem-pelschule weiter besuchen, in die ihn sein Beschützer seit einigen Wochen sandte.

 

Er selber, Mohammed, müsse wohl zeitweise in Chadidshas Hau-se leben, werde aber immer wieder in den Palast zurückkehren. Das erregte große Freude unter den alten Dienern, die nun noch mehr sich bemühten, ihm das Leben angenehm zu machen.

Zwei Tage vor der Vermählung erschien ein Bote des greisen Für-sten, Mohammed an den Hof zu entbieten. Es widerstrebte dem Gerufenen, den Boten auszufragen, welchen Zweck sein Kommen haben solle. Er würde es ja selber merken.

Zur festgesetzten Zeit fand er sich im Fürstenpalast ein und stand vor dem Beherrscher Arabiens, dem Fürsten Abul Kassim.

Es war ein gebrechlicher alter Mann, den die wenigsten seiner Untertanen je gesehen hatten. Und doch lag um den Greis eine Würde gebreitet, die Mohammed deutlich empfand.

Er neigte sich und harrte der Anrede.

„Mohammed ben Abdallah”, sprach der Fürst mit leiser Stimme,

„ich habe gehört, daß Du weise bist. Ein weiser Mann ist die beste Stütze eines Fürsten, wenn dieser Weisheit sich Frömmigkeit und Treue gesellen.

Abd al Muttalib war mein Freund. Er war mein Ratgeber. Ich wollte ihn zu meinem ersten Wesir machen, aber er lehnte es ab, mir anders als im Geheimen zu dienen.

„Ein Enkel wächst mir heran, den magst Du rufen, wenn er alt genug ist“, sagte er kurz vor seinem Tode. Dieser Enkel bist Du, Mohammed. Ich habe Dich beobachten lassen. Du bist so, wie ich mir meinen Helfer wünsche. Willst Du mein Wesir werden?“

Fassungslos schaute Mohammed auf den greisen Fürsten. Er soll-te sein erster Ratgeber, sein Stellvertreter werden, er, der von der Beherrschung eines Landes gar nichts wußte!

Da fiel ihm ein, daß Gott ihm hatte sagen lassen, er solle das an ihn herantretende Angebot annehmen. Also lag es in Gottes Wil-len, daß er diesem Ruf folgte.

Er warf den Kopf zurück und blickte hellen Auges zu dem Frager hin.

„Wenn Du meinst, Fürst, daß ich Dir genügen kann, so bin ich be-reit. Ich nehme diesen Posten aus Gottes Hand. Er wird mir helfen, ihn richtig auszufüllen.“

 

„Und ich nehme Dich als meinen Ratgeber aus derselben Hand“, ergänzte der Fürst. „So werden wir gut miteinander arbeiten.“

Gern hätte Mohammed gefragt:

„Was weißt Du von Gott?“

Aber das wagte er doch nicht. Der Fürst fühlte indessen die un-ausgesprochene Frage und beantwortete sie.

„Ich bin Jude geworden durch meinen Freund Abd al Muttalib, Mohammed. Von ganzem Herzen glaube ich an Gott. Deswegen konnte ich auch keinen ungläubigen Wesir neben mir dulden.“

Mohammed wurde auf den nächsten Morgen bestellt, doch bat der Fürst ihn, inzwischen niemandem etwas von seinem Amt zu sagen. Das hätte Mohammed ohnehin nicht getan, der erst einmal innerlich zur Ruhe kommen mußte, ehe er ein Wort über alles spre-chen konnte, das er in letzter Zeit erlebt.

Die Nacht verbrachte er betend. Zuviel lag ihm auf der Seele. Er mußte seine Anliegen vor Gott bringen, ohne Rücksicht darauf, ob sie weltlich oder geistig waren.

Zuversichtlich begab er sich am Morgen in den Fürstenpalast. Der Fürst begrüßte ihn freudig, der junge Mitarbeiter gefiel ihm.

Sie besprachen nun zunächst den äußeren Umfang der von Mohammed zu übernehmenden Geschäfte, in die er sich all-mählich einarbeiten sollte. Dann teilte ihm Fürst Abul Kassim mit, daß zu seinen Pflichten auch die gelegentliche Vertretung des Fürsten, der wegen seines hohen Alters nicht mehr reisen konnte, gehörte.

Das alles schien Mohammed sehr verlockend. Er hatte in der Nacht Kraft bekommen, jegliche Arbeit zu übernehmen. Es war ihm auch das Verständnis dafür aufgegangen, daß er, einmal ein-gelebt in den neuen Posten, gerade an dieser Stelle für Gott werde wirken können. Vielleicht war dies der Anfang zu seiner Berufung als Werkzeug Gottes.

Als alle diese Dinge besprochen waren, wobei des Fürsten väterli-che Freundlichkeit Mohammeds Herz eroberte, fragte Abul Kassim nach dem seitherigen Leben seines neuen Wesirs.

Da kam es denn an den Tag, daß Mohammed bereits morgen sich vermählen wollte. Nachdem er auf Befragen alles berichtet, was die künftige Gattin betraf, wiegte der Greis das Haupt.

 

„Es ist ungeschickt, Mohammed, daß Deine Wahl auf diese Wit-we fiel, die Deinem Stande nicht angepaßt ist“, sagte er sinnend.

Mohammed aber antwortete schnell:

„Nicht ich habe sie erwählt, sie hat um mich geworben.“

Das konnte der Fürst verstehen. Er dachte lange nach, dann sagte er:

„Es geht nicht an, daß Du Deines neuen Amtes wegen die Frau einen Tag vor der Vermählung verlässest. Dein Wort mußt Du hal-ten. Aber gerade Dein Amt wird Dich vor manchem Kummer be-wahren.

Ich gebiete Dir als meinem Wesir, daß Du Deine eigentliche Woh-nung im Palast Deiner Väter beibehältst und nur dann Deine Frau in ihrem Hause aufsuchst, wenn Du gerade Lust dazu hast.

Ebenso werden etwaige Kinder bei ihr wohnen müssen, da sie keine Mutter aus vornehmem Stande haben. Wenn sich Dir spä-ter Gelegenheit bietet, ein Mädchen aus edler Familie zu freien, so führst Du sie dann in Deinen Palast.

Nach den Gesetzen des Landes ist das statthaft, und die jüdischen Gesetze sprechen nicht dagegen.“

Da Mohammed ohnehin geplant hatte, seinen Wohnsitz im Palast nicht aufzugeben, war ihm die Anordnung des Fürsten willkom-men.

Es wurde vereinbart, daß er am übernächsten Tage sein Amt an-treten und den anderen Räten des Fürsten vorgestellt werden sollte.

Mit dem Bewußtsein, in Fürst Abul Kassim einen zweiten Vater gefunden zu haben, verließ Mohammed den Fürstenpalast.

Am nächsten Tage fand die Vermählung statt, und zwar im jüdi-schen Tempel. Chadidsha war es gleichgültig gewesen, wo die Feier vor sich ging. Mohammed aber wollte, daß er unter Gottes Augen den Bund schloß.

Daß er sich damit öffentlich als Jude bekannte, wurde ihm nicht bewußt, hätte ihn aber auch von diesem Schritt nicht zurückgehal-ten. Er wollte sich zu Gott bekennen, wo immer es möglich war.

Chadidsha hatte viele Menschen zur feierlichen Beglückwün-schung in ihr Haus geladen. Bei dieser Gelegenheit sah

Mohammed auch seinen Oheim Abu Talib wieder, der mit seiner Frau erschien.

 

„Ich freue mich“, sagte Abu Talib, „daß Du eine reiche Gattin ge-funden, deren Vermögen Dich auf Deinem Lebensweg vorwärts bringen wird.“

„Ich werde auch ohne dieses Geld vorankommen, hoffe ich“, war Mohammeds Antwort.

Dann sprach er mit dem Oheim, als sei niemals eine Mißstim-mung zwischen ihnen gewesen. Er erfuhr, daß Abu Talib ein Söhn-chen habe, das etwas über zwei Jahre alt sei und ihm viel Freude mache.

„Ihr müßt uns aufsuchen und den kleinen Ali sehen“, forderte der Oheim. Mohammed versprach es.

Am nächsten Morgen verließ er das Haus der Chadidsha und be-gab sich in den Fürstenpalast, wo nach feierlicher Begrüßung der anderen Ratgeber seine Unterweisung und seine Arbeit begann, die ihn jahrelang in Anspruch nehmen sollte.

Es zeigte sich, daß Mohammed nicht nur leicht auffaßte, was ihm gesagt oder erklärt wurde, sondern daß Herrschertugenden in ihm geschlummert hatten, die nun wie mit einem Schlage erwachten.

Deutete der Fürst irgend etwas an, so tat sich vor Mohammed geistig sofort ein weiter Ausblick auf, aus dem heraus er anordnen und raten konnte. Er verstand es, sich in die Seelen anderer zu set-zen und seine Anordnungen so zu treffen, daß er sofort Vertrauen gewann.

Dabei wollte er nie Dank oder Anerkennung für sich, sondern tat alles im Namen des Fürsten. Die übrigen Ratgeber, die anfangs scheel gesehen hatten, daß ein ihnen unbekannter von jüdischer Familie stammender Mann ihnen an die Seite gestellt wurde, er-kannten bald, wie weise des Fürsten Wahl gewesen.

Die Besseren unter ihnen schlossen sich eng an Mohammed an, die übrigen, die in der Minderzahl waren, wagten nicht, hervorzu-treten.

Chadidsha, die einen Mann gefreit, um ihn am Tage danach an den Fürsten und das öffentliche Leben zu verlieren, war so stolz und be-friedigt von den Ehren, die auf den Gatten ihrer Wahl gefallen waren, daß sie sich in diesem Glanz sonnte und nichts entbehrte.

Freilich hatte sie sich eingebildet, sie werde nun unter den vor-nehmen Frauen Mekkas eine Rolle spielen, aber mit gütigen, ruhigen Worten erklärte Mohammed ihr gleich zu Anfang, warum dies unmöglich war.

Sie war klug genug, sich zu fügen, und ihrem Gemahl in den we-nigen Stunden, die er ihr widmen konnte, nur Schönes und ihn Erfreuendes zu zeigen.

Überdies hatte die Erreichung ihres glühenden Wunsches ihr Wesen gewandelt. Sie war, wie Waraka es vorgesehen, weiblicher geworden.

Da sie alles tat, Mohammed zu gefallen, konnte es nicht ausblei-ben, daß sie auch versuchte, auf seine Denkweise einzugehen. Es währte nicht sehr lange, da bat sie ihn, sie in dem jüdischen Glau-ben unterweisen zu lassen.

Nun sah Mohammed, daß die Vermählung für die Frau zum Se-gen werden konnte, ohne ihm ein Hindernis zu sein.

Nach etwa acht Monaten mußte er im Auftrag des Fürsten nach Jerusalem reisen, um Vereinbarungen wegen der dort ansässigen Araber zu treffen. Seine Freude, die Stadt sehen zu dürfen, in der Christus gewirkt hatte, war grenzenlos. Fast vergaß er darüber den irdischen Zweck seiner Reise.

Mit glänzendem Gefolge, selber wie ein junger Fürst, ritt er durch das arabische Reich gen Norden. Wohin er kam, wurde er mit Ehr-furcht empfangen.

Viele Gesuche kamen, Streitigkeiten zu entscheiden oder Misse-täter zu strafen. Ehe er solches tat, faßte er stets seine Seele im Ge-bet, danach konnte er gewiß sein, daß seine Entscheidung richtig ausfallen und mit Gottes Gesetzen im Einklang stehen würde.

 

Und nun kam er nach Jerusalem! Als er die Stadt liegen sah, er-griff ihn das Wissen um den Gottessohn, das er schon oftmals ge-fühlt, mit Allgewalt.

„Ich muß hier mit ihm gewandelt sein!“ rief er aus und Tränen innerster Ergriffenheit traten in seine Augen. „Vielleicht durfte ich als einer seiner Jünger mit ihm ziehen!“

Beim Einreiten verstärkte sich das Gefühl. Jede der älteren Gas-sen schien er zu kennen. Wie war es ihm so lästig, daß er hier mit großem Glanz ritt, wo Christus so einfach gegangen war.

Am liebsten hätte er Botschaft und Vertretung einem anderen übertragen und wäre still als Diener des Gottessohnes in seinen Spuren gewandelt. Am folgenden Tag fiel er dann in andere Emp-findungen. Da, wo Christus gelitten und gestorben, stritten sich Juden und Götzenanbeter um das Stück Erde. Christen machten es nicht besser, nur waren sie überheblicher als die anderen. Ihn ekelte.

Zunächst versuchte er, das, was ihm aufgetragen, zu erledigen. Es gab viele Besprechungen mit Würdenträgern, die von der Botschaft des Fürsten und seinem Recht, ihnen eine solche zu senden, nichts wissen wollten.

Aber sie konnten sich auf die Dauer den bescheiden und be-stimmt vorgetragenen Beweisführungen des jungen Stellvertreters nicht verschließen. Er gewann ihre Herzen und ihr Vertrauen.

Es kam vor, daß sie ihn sogar um Rat in ihren eigenen Angelegen-heiten fragten, und er riet überall da, wo dieses Tun seinem Fürsten nicht schaden konnte.

Dann kam eine Wartezeit, da die Antwort an den Fürsten gehörig in Worte gebracht werden sollte, wobei die fremden Würdenträger sich Zeit ließen.

Mohammed freute sich jedes so gewonnenen Tages. Für ihn be-deutete das Freiheit, zu tun, wie es ihm gefiel. Er legte die Prunk-gewänder ab und ging im einfachen Kleid die ihm wohlvertrauten Wege.

Er suchte den Tempel auf, der gerade damals geschlossen war, da Juden und Christen sich leidenschaftlich um seinen Besitz stritten. Spuren größten Verfalls zeigte dies geheiligte Bauwerk der Juden.

Lieber noch ging Mohammed an die Stätten, die im Freien lagen. Ohne irgend jemand fragen zu müssen,. fand er den Garten Geth-semane und brach bei dem Anblick in heißes Weinen aus.

Ob er wohl einer von denen gewesen war, die nicht eine Stunde mit dem Gottessohn hatten wachen können? Er sah sie alle, alle! Und er beschloß, diese Nacht im Gebet wachend dort verbringen zu wollen. Dort, wo die Jüngerschar auf ihren betenden Herrn ge-wartet, kniete er nieder.

Es kam ihm nicht in den Sinn, den Platz zu betreten, auf dem Christus im Gebet gekniet. Plötzlich mußte er „Jesus“ sagen, statt des ihm von Kindheit an vertrauten Namens Christus.

„Jesus, ja, so sagten wir“, flüsterte er vor sich hin.

 

„Meister“, war das nächste Wort, das er fand, „Meister. Ich will Dein Diener sein, Du mein Herr und mein Gott! Ich will den Men-schen von Dir erzählen, damit sie alle an Dich glauben. Auch damit kann ich ein Werkzeug Gottes, Deines Vaters, sein.“

Inbrünstig betete er, und im Gebet zog das Leben des Gottessoh-nes an ihm vorüber von dem Tage an, da er ihn zum erstenmal gesehen. Wieder sah er sie alle, die den Herrn umgaben, nur einen nicht, und dieser eine, das mußte er selber sein.

„Herr, Jesus, Meister“, betete er, „so war ich doch einmal schon Dein Diener, laß es mich jetzt wieder sein!“

Da rief eine Stimme:

„Nathanael, der Herr hat Deine Bitte erhört! Lebe hinfort als sein Diener, wie Du bestimmt warst, der Diener des höchsten Gottes zu sein.“

Und Nathanael-Mohammed. sank vollends zu Boden und be-rührte die Erde mit der Stirn zum Zeichen des Gelöbnisses. Am nächsten Tage ging er nach Bethanien, ganz still für sich allein.

Über dem allen erlebte er das Christentum an sich selbst, aber anders als die Menschen es lehrten. Heißer Unmut quoll in ihm empor, wenn er die Christen und ihren Glauben beobachtete.

Das mußte anders werden! Jesus’ Worte sollten wieder zur Gel-tung kommen, nicht die Weisheiten, die die Menschen daraus ge-macht hatten. Welch vermessenes, sträfliches Tun!

Aber noch ein anderes erstarkte in dieser Zeit in seinem Empfin-den: er hatte es an sich selbst erlebt, daß die Menschen nicht nur einmal auf Erden sind. Er wußte, wann und in welcher Gestalt er einst dem Gottessohne gedient hatte.

Da war ihm klar, daß er in der Menschheit keine Ausnahme dar-stelle. Hatte er schon einmal gelebt, so lebten alle anderen Men-schen gleichfalls mehrere Male. Noch niemals hatte er eine derarti-ge Ansicht gehört, ihm aber wurde sie aus dem Erleben heraus zur Überzeugung.

Auf seinen einsamen Gängen, die er immer weiter ausdehnte, um möglichst viel von dem Lande zu sehen, das auserlesen gewesen, dem Gottessohn Heimat zu sein, sann und forschte er weiter.

Er folgerte: viele Leben sollen nur das erreichen oder verstärken, was einmaliges Leben nicht zu vollbringen vermag. Was will das Leben überhaupt von uns? Warum sind wir in die Welt gekommen? Von dieser Frage mußte er ausgehen, hatte er sie wirklich gelöst, so würde sie alles andere nachziehen.

Am liebsten hätte er sich von dem Hofleben freigemacht, um ganz im jüdischen Lande bleiben und forschen zu können. Aber das Wissen darum, daß er ein Werkzeug Gottes werden dürfe, bot ein starkes Gegengewicht.

Dann waren eines Tages die Schriften, die er dem Fürsten zurück-bringen sollte, doch zur Zufriedenheit fertiggestellt, und seiner Ab-reise stand nichts im Wege. Mit schwerem Herzen trennte er sich von der Stadt, die ihm soviel gegeben hatte.

Er meinte, nirgends anders mehr froh und glücklich sein zu kön-nen. Als er dann aber in die grünende, blüten- und früchteerfüllte Landschaft Syriens einritt, jauchzte sein Herz in Dank und Freude über soviel Schönheit.

Der Ritt am Rande der Wüste regte diesmal keine Vergleiche in ihm an. Mit allen Gedanken war er in der Zukunft, plante und ho@e.

 

Abul Kassim freute sich unverhohlen, als sein Ratgeber wieder an seiner Seite stand. Es war alles erreicht worden, was er beabsichtigt hatte. Nun konnte man sich anderen Aufgaben zuwenden.

Der Fürst liebte es, abends mit seinem Vertrauten alles das zu be-sprechen, was gerade durch seine Seele zog. Mohammed war ihm wie ein Sohn, vor dem er ungescheut auch die innerste Falte seines Gemütes enthüllte.

Schwere Verwicklungen sah er für den Fall seines Todes, der nicht mehr in weiter Ferne lag, voraus. Er hatte keinen Sohn. Seine fünf Frauen hatten ihm nur Töchter geschenkt, die mit solchen Män-nern verheiratet waren, die nicht zur Regierung taugten.

„Wenn ich wenigstens einen Schwiegersohn hätte, der mein Nach-folger werden könnte“, seufzte er oft. „Nun aber werden Fürsten aus Nebenhäusern sich das Anrecht auf die Herrschaft Arabiens streitig machen, das Reich wird zerfallen, und alle meine weittragenden Pläne, die Nachbarreiche mit meinem Reiche zu vereinen, werden sich in nichts auflösen.“

Mohammed versprach immer wieder, nach dem geeigneten Nachfolger Ausschau halten zu wollen. Er war überzeugt, daß Gott ihm auch dabei helfen würde, war es doch zum besten eines großen Reiches, dessen Bewohner er zum allein wahren Gott zu bekehren ho@e.

Daheim harrte seiner eine Überraschung. Chadidsha hatte in sei-ner Abwesenheit einem hübschen Knaben das Leben geschenkt. Noch war er nicht vom Priester gesegnet, da die Mutter nicht daran gedacht hatte. Nun wollte sie ihn zum Tempel bringen lassen.

Mohammed wehrte sich dagegen. Der Knabe sollte christlich ge-tauft werden und den Namen Nathanael erhalten.

„Du bist unbegreiflich, mein Freund“, schmollte Chadidsha. „Du läßt Dich jüdisch vermählen, Dein Kind muß christlich getauft werden. Ich bin begierig, was Du anordnen wirst, wenn

Nathanael Geschwister bekommt. Nathanael! Ein häßlicher Name. Ich werde ihn Eli rufen.“

„Nenne den Knaben wie Du willst, Chadidsha“, erlaubte Moham-med, „wenn er nur innerlich ein Nathanael wird und seinen Mei-ster erkennt.“

Als er dem Fürsten die Geburt des Sohnes meldete, sagte dieser:

„Es ist schade, daß er keine vornehme Mutter hat, sonst könnte er mit einer meiner zahlreichen Enkelinnen vermählt werden.“

Unter dieser um den Fürstenhof heranblühenden Mädchenschar war eine Kleine, die einer ungemein lieblichen Blüte glich. Prinzes-sin Alina mochte etwa fünf Jahre zählen. Zart und leichtfüßig war sie. Ihr Lachen war des Fürsten Freude.

Fand sie Mohammed bei dem Großvater, was häufig vorkam, so zog sie scheu ihr lang wallendes Haar vor ihr Antlitz wie einen Schleier. Der Fürst lachte darüber, Mohammed rührte es, weil es ihm ein Beweis der feinen Reinheit dieses Kindes war.

Da offenbarte ihm der Fürst eines Tages einen Gedanken, der ihn mehrmals in aufeinanderfolgenden Nächten geweckt hatte.

„Höre, Mohammed“, sagte er gütig, aber ernst, „ich habe eine Lö-sung gefunden, wie ich mir einen berechtigten Nachfolger schaffen kann, von dem ich weiß, daß er alles Begonnene in meinem Sinne durchführen wird.

Sobald Alina ein wenig älter sein wird, werde ich Dich mit ihr vermählen. Dadurch bist Du nach unseren Gesetzen der Nächste am Throne. Wenn ich dann außerdem vor dem Sterben noch kund tun lasse, daß Du mein Erbe sein sollst, so werden alle Ansprüche der anderen im Keime erstickt, und ich kann in Frieden die Erde verlassen.“

„Alina, das liebliche Kind!“ rief Mohammed aufs höchste erstaunt aus. „Ich bin ja soviel älter, ich könnte ihr Vater sein.“

„Das schadet nichts“, erwiderte Abul Kassim gutgelaunt.

„Deine erste Frau ist viel älter als Du, laß die zweite den Unter-schied ausgleichen. Die dritte wird dann vielleicht das richtige Al-ter haben.“

Mohammed bat, daß von diesem Plane zunächst nicht mehr die Rede sein sollte. Sein Ehrgeiz trieb ihn an, zuzustimmen, aber er wollte warten, was Gott mit ihm beschließen würde.

 

Indessen zogen die Jahre in reicher Arbeit, in stetem Forschen dahin. In Wahrheit war Mohammed schon längst der Beherrscher Arabiens, denn scheinbar unabsichtlich und doch nach einem fe-sten Plan zog sich der Fürst mehr und mehr von allen Geschäften zurück.

Er überließ Anregungen und Ausführung dem obersten Ratge-ber, auf dessen Beschlüssen sichtbarlich Gottes Segen ruhte.

Schon lange hatte Mohammed seinen Wohnsitz im Fürstenpalast nehmen müssen, um Tag und Nacht in der Nähe Abul Kassims zu sein. Sein eigener Palast stand einsam; denn auch

Said war im letzten Jahre übersiedelt. Er war nun sechzehn oder siebzehn Jahre alt und zu einem stattlichen Jüngling erblüht.

Mit scharfem Verstand begabt, erfaßte er stets sofort, was man von ihm begehrte, daneben aber hatte er ein reiches Gemüt und war von seltener Treue und Anhänglichkeit.

Mohammed hatte ihn zu seinem Geheimschreiber gemacht und freute sich, den frischen Jüngling um sich zu haben.

Chadidsha suchte er nur noch selten auf. Es war ihm zu drückend und zu lärmend in dem Hause, in dem eine andere Luft zu wehen schien, als er gewohnt war. Seine Frau entbehrte ihn nicht. Fünf Kinder spielten um sie und schufen ihr Beschäftigung für Hände und Herz.

Da wurde Mohammed eines Tages rasch zu ihr gerufen. Natha-nael, ein Knabe von fast sechs Jahren, war die Treppe hinuntergefallen und hatte sich innerlich so schwer verletzt, daß der Arzt keine Hilfe mehr für ihn wußte. Wenige Augenblicke, nachdem der Vater den bewußtlosen Kleinen in die Arme genommen hatte, verschied das Kind.

Nun machte sich Mohammed Vorwürfe, sich zu wenig um sei-ne Kinder gekümmert zu haben. Den Unglücksfall freilich hätte er nicht verhindern können, aber was wußte er von Nathanael? Hatte irgend jemand ihn Gott erkennen gelehrt?

Er hatte, wenn er je des Knaben gedachte, immer gemeint, dazu sei es später noch Zeit. Nun war das Kind von der Erde gegangen. Hatte es gewußt, wohin sein Weg führte?

Wenn auch Chadidsha ohne ihn wahrscheinlich glücklicher war, weil niemand mehr ihr Tun bekrittelte, den Kindern gegenüber mußte er es ernster nehmen mit seinen Vaterpflichten.

Schon in den nächsten Tagen fand er sich ein, um die Kleinen an sich zu gewöhnen, ihnen von Gott und dem Jesuskinde zu erzählen. Es waren zwei Mädchen und ein Knabe, die wenig Ähnlichkeit mit ihm zeigten, auch anscheinend wenig geistig regsam waren.

Das Jüngste, ein Mädchen von großem Liebreiz, erinnerte ihn an seine Mutter, so wie ihr Bild manchmal vor ihm aufstieg.

Diese Kleine, Fatime genannt, war sein Entzücken. Wenn sie ihn schelmisch anlächelte, fühlte er eine große innere Verbundenheit mit ihr.

Er bemühte sich, das gleiche für die drei anderen zu empfinden, aber ihre launische Trägheit, ihr nur auf Irdisches gerichtetes Den-ken ließ ihn immer wieder erlahmen. Trotzdem führte er den Un-terricht, der sich aus den anfänglichen Unterhaltungen entwickelte, pünktlich durch.

Etwa drei Monate nach Nathanaels Tod hielt eine böse Seuche ihren Einzug in Mekka. Trotz größter Fürsorge der Ärzte, trotz al-ler Hilfen, die aufgebracht wurden, ergriff sie Vornehme und Arme gleichermaßen und forderte unerbittlich ihre Opfer.

Mohammed tat alles, was in seiner Macht stand, um die Sei-nen davor zu bewahren. Er flehte Chadidsha an, die Stadt zu verlassen. Er hatte ihr in gesunder Umgebung ein aller-liebstes Landhaus gemietet, wohin sie sich in dieser Gefahr zurückzie-hen konnte.

 

Sie weigerte sich hartnäckig. Sie erinnerte sich der Langweile, die sie stets befiel, wenn sie während der heißesten Monate um der Kinder willen hinausgezogen war. Nun wollte sie nicht freiwillig dieses Opfer bringen.

Bald danach lag sie im Fieber, die Kinder mit ihr.

Mohammed sandte Ärzte und Pflegerinnen, zuletzt kam er selber, um zu tun, was menschenmöglich war. Es gelang ihm nicht, die Er-krankten dem Tode zu entreißen. Chadidsha und drei ihrer

Kinder starben am gleichen Tage und mußten draußen in einer der Pestgruben verscharrt werden. Einzig Fatime erholte sich.

Es war, als hätten des Vaters Gebete dieses Lieblingskind genesen lassen. Waraka, der rechtzeitig geflohen war, kam nach

Beseitigung jeglicher Gefahr zurück. Ihm übergab Mohammed Haus und Handel zu eigen, Fatime nahm er mit sich in seinen vä-terlichen Palast.

Eine vornehme Frau, die Mann und Kinder verloren hatte, fand sich bald, die Kleine aufzuziehen.

In diesem Kinde nun erblühte Mohammed das erste aus dem Fa-milienleben sprießende Glück. Zu ihm zog er sich zurück, wenn die Geschäfte des Herrschers ihn ermüdet hatten, wenn ihn irgend etwas bedrückte. Ihre kleinen Hände strichen ihm die Haare aus der Stirn und mit diesen die Sorgen. Ihr Lachen fand stets ein Echo in seiner Seele.

Er hatte darauf gesehen, daß die Erzieherin Fatimes Christin war. Er selbst ließ es sich angelegen sein, den Glauben der ältlichen Frau zu vertiefen und zurecht zu schieben, damit seinen Liebling kein falsches Denken treffe.

Da kam eines Tages Abul Kassim auf seinen im Geheimen immer inniger gehegten Plan zurück: Mohammed solle um Alina freien. Sie war jetzt zehn Jahre alt und damit in die Zahl der Jungfrauen aufgerückt,

Eine Schande hätte es bedeutet, wenn sich ihr kein Freier genaht hätte. Das aber wollte der Fürst vermeiden. Mohammed sollte der erste sein.

Und Mohammed gedachte des Landes, das jetzt unter seiner Herrschaft stand. Tat er diesen Schritt nicht, so würde er zurücktreten und die Regierung in andere Hände übergehen sehen müssen. Er gedachte Fatimes, die ohne Gespielin aufwuchs. Innerlich hat-

ten die beiden Mädchen große Ähnlichkeit. Welch reiches Jugend-leben konnten sie gemeinsam führen. Aber er wollte erst nach Got-tes Willen fragen. Er behielt sich einige Tage Bedenkzeit vor und betete des Nachts, wie er noch nie gebetet.

Da sah er ein Bild, das dazu diente, ihm Gewißheit zu verschaffen. Er sah sich irgendwo auf einer unermeßlichen Höhe stehen, un-ter ihm waren weite Länder gebreitet, von denen er wußte, daß sie

Arabien, Syrien und das jüdische Land waren.

Er sah auf sie herab mit Freude und der Liebe, die er zu seinem Volke im Herzen trug.

Da war es ihm, als hebe sich aus diesen Ländern ein leichter Schleier, der sich immer mehr verdichtete. Nun nahm die Ver-dichtung Form an und wurde ein schönes Mädchen, Prinzessin Alina. In der ausgestreckten Rechten hielt sie eine goldene Für-stenkrone.

So schwebte sie langsam empor. Zu ihr aber neigte sich von oben her eine holde Gestalt, unirdisch und lieblich strahlend in Reinheit. Sie ergriff des Mädchens Linke und führte es ihm zu.

Das Bild verschwand. Mohammed sann ihm nach. Es konnte nur eine Bedeutung haben, wenn es von oben gegeben worden und nicht etwa seinen eigenen Wünschen entsprungen war.

Es war ihm aber, als höre er eine Stimme sagen:

„Dies ist der Weg, der Dir dazu verhelfen wird, ein Werkzeug Gottes zu sein.“

In der nächsten Nacht zeigte sich ein anderes Bild: Er sah ein himmlisches Wesen zwei leuchtende Fäden aneinander knüpfen. Als sie fest verbunden waren, schaute er abwärts an ihnen entlang und sah zwei Gestalten, von denen diese Fäden ausgingen, die eine war Alina, die andere mußte er sein. Es war ihm ganz gewiß.

Nun aber griff das himmlische Wesen tiefer und verband auch noch die drei Völker: Araber, Syrer und Juden zu einem festen

Gefüge, über das es den aus den leuchtenden Fäden geschlunge-nen Knoten legte.

Und die Stimme rief :

„Deinem Volke sollst Du ein Helfer sein!“

 

In der dritten Nacht schaute Mohammed nichts mehr, aber er war nun gewiß, daß seine Verbindung mit Prinzessin Alina in Gottes Willen lag. Daher ging er zu Abul Kassim und bat ihn um die Hand der Prinzessin.

Der greise Fürst vergoß Tränen der Freude darüber, daß seinem jahrelang gehegten Wunsche Erfüllung werden sollte. Mohammed wünschte, daß Prinzessin Alina erst befragt werde, ob sie in die Vermählung willige, aber das war gegen alle Gebräuche, und der Fürst wollte es nicht gestatten.

Es wurde ihr mitgeteilt, daß Mohammed um sie geworben und der Fürst seine Zustimmung erteilt habe. Darauf verkündete Abul Kassim seinen Räten und Vertrauten, daß die Vermählung seiner Lieblingsenkelin mit Mohammed, dem Fürsten von Mekka, bevor-stände.

Sie waren alle überrascht, den Wesir mit diesem Titel benennen zu hören. Am meisten betroffen war der neue Fürst,

Abul Kassim aber sagte ihm, daß er sich schon lange diese Ran-gerhöhung erdacht habe, um Mohammed ein Ansehen vor dem Volke zu geben. Mohammed aber müsse darüber schweigen, damit alle glaubten, es sei ein von seinen Ahnen ererbter und nur lange nicht geführter Titel.

Diesmal wünschte Mohammed seine Gattin in den Palast seiner Väter einzuführen, und das entsprach auch allen Gebräuchen. Das vornehme, alte Haus wurde aufs kostbarste hergerichtet. Weit tat Mohammed den ererbten Schatz auf, um die Prinzessin mit Perlen und edlen Steinen zu überschütten.

Es freute den alten Fürsten, daß Mohammed nicht mit leeren Händen die Braut heimführen mußte.

Nun gab es eine schwere Frage zu lösen. Wo und wie sollten die beiden sich zur Ehe segnen lassen. Alina war ohne jeden Glauben aufgewachsen, Fürst Abul Kassim war im Herzen Jude, nach außen kümmerte er sich um keinen Kult.

Nach langen Erwägungen schlug Mohammed vor, daß Abul Kassim im Namen des ewigen Gottes den Segen über das Paar im Thronsaal im Beisein aller Würdenträger und Diener sprechen sol-le. Danach wollten sie einen Becher gesegneten Weines miteinan-der leeren und gemeinsam beten.

 

Dieser Vorschlag gefiel dem. Fürsten und wurde angenommen. Die Mutter Alinas aber machte es zur Bedingung, daß die Braut nach Landessitte tief verschleiert getraut werden müsse, ein sym-bolisches Tun, von dem sie nicht lassen wollte.

Alina selber war mit allem einverstanden. Niemand konnte ihr ansehen, ob Freude oder Bangen ihr junges Herz bewegte.

Sie war freundlich gegen jedermann, ausgenommen gegen Mo-hammed, den sie nach Landesbrauch bis zur Vermählung weder sehen noch sprechen durfte.

Genau so, wie es erdacht worden, wurde wenige Tage später die Vermählung vollzogen.

Der weite Saal war bis in die äußersten Winkel mit Menschen an-gefüllt. In der Mitte lag ein dicker, farbiger Teppich, auf dem der alte Fürst, Alina und Mohammed standen. Abul Kassim ergriff die rech-ten Hände der beiden und sprach den Segen Aarons über ihnen.

Da knieten die jungen Leute gemeinsam vor ihm nieder und Mo-hammed hob die Hände und sprach laut ein Gebet, wie es ihm aus be-wegtem, dankerfülltem Herzen kam. Es ergriff alle, die zugegen waren, und viele fragten später nach dem Gott, der so groß und mächtig ist.

Dann brachte ein Würdenträger einen kleinen goldenen Becher Weines. Mohammed nahm ihn aus seiner Hand: Als er aber daraus trinken wollte, übermannte ihn die Erinnerung.

Hoch hob er ihn empor und rief :

,,Meister, der Wein soll uns erinnern an das von Dir um unserer Schuld willen vergossene Blut! Dein Diener will ich sein. Dir gelobe ich mich vor allen diesen Zeugen. Zu Deinem Gedächtnis trinke ich von diesem Wein!“

Darauf reichte er Alina den Becher mit den Worten:

„Trinke auch Du daraus, Du Holde, auf daß Du Dein ganzes Le-ben ihm weihest. Gemeinsam wollen wir den Weg zu ihm suchen, auf daß wir ihn anderen zeigen können.“

Leise schlug Alina ein Zipfelchen des Schleiers beiseite und nipp-te von dem Wein. Auf ihren Zügen aber lag eine Seligkeit, die nichts Irdisches hatte.

Nun wäre die Feier beendet gewesen, aber Abul Kassim hatte noch andere Absichten. Er trat abermals vor die beiden und ergriff Mohammeds Hand.

 

„Dieser, der meinem Herzen lieb ist wie ein eigener Sohn, hat durch die Vermählung mit meiner Enkelin nun auch wirklich Soh-nesrechte erworben. Sehet in ihm meinen Nachfolger von heute an! Er soll mir die Bürde der Regierung, die meinen alten Schultern zu schwer wird, abnehmen. Er soll Land und Volk glücklich machen und alle gemeinsam begonnenen Pläne zum guten Ende führen.

Ihr aber, gelobet ihm Treue und Gehorsam.“

Brausender, ohrenbetäubender Jubel erfüllte den Saal. Allen kam es unerwartet, wenn mancher auch geahnt hatte, daß nach Abul Kassims Tod Mohammed die Zügel der Regierung ergreifen werde. Wohl hatte er Neider, aber keinen einzigen Feind.

Mohammed aber konnte noch nicht begreifen, was dieser eine Tag ihm gebracht. Die geheimsten Wünsche hatten sich erfüllt.

Der Sitte entsprechend führte er nun sein tief-verschleiertes Weib in kostbarem Wagen in seiner Väter Palast und in die für sie ge-richteten Gemächer, wo sie ihre eigenen, vertrauten Dienerinnen vorfand.

Später trafen sie in einem der Prunkgemächer zusammen, wo er die um fünf Jahre jüngere Fatime seiner Gattin zuführte, um ihre Freundschaft für das mutterlose Mädchen bittend.

Die beiden fielen sich in die Arme und ein festes Band umschlang sie bis zu ihrem Tode. Mohammed aber setzte sich mit ihnen in eine mit weichen Kissen und Teppichen reich ausgestattete Ecke, über der eine schöne farbige Ampel ihr mildes Licht ausstrahlte, und erzählte ihnen von Jesus.

Mit leuchtenden Augen lauschten die beiden. Sie wagten kaum zu atmen, so heilig und herrlich war es ihnen. Endlich fanden sie den Mut, Fragen zu stellen. Sie wollten gern noch so manche Einzelheit wissen, über die er im Laufe des Erzählens allzu rasch hinwegglitt.

Gern antwortete er, sich freuend, daß die reine Seele Alinas die Kunde von Jesus so selbstverständlich aufnahm.

Es wurde nun Sitte, daß er alle Abende den beiden erzählte. Oft-mals sprach er von den alten Geschichten der Juden, von Bruder-mord und Sintflut, von Joseph und Moses. Aber sie wollten. am liebsten von Jesus hören.

Und über diesem Beisammensein erblühte in Mohammeds Her-zen etwas, das er nicht gekannt: die reine Liebe zum reinen Weibe.

 

Wie eine köstliche Perle hütete er sie, daß auch kein Hauch von Unkeuschem sie treffe.

Tagsüber aber war er angefüllt mit allem, was ihm seine neue Würde brachte. An seinen Aufgaben hatte sich nichts geändert, aber als Herrscher mußte er viele Menschen empfangen, Gespräche führen und Berichte anhören.

Das waren lauter Dinge, die Abul Kassim bisher noch selber getan hatte. Nun freute er sich, auch dieses in Mohammeds Hände legen zu können. Er sah glückselig, wie mühelos sein Nachfolger sich ein-fügte, wie reibungslos er von allen anerkannt wurde.

Er war beglückt, daß Mohammed ihn noch an allem teilnehmen ließ, indem er ihm täglich erzählte, was vorgefallen oder geplant war. Dieser versäumte auch niemals, Abul Kassim um Rat zu fra-gen.

Die Stelle des Wesirs war frei geworden. Kurze Zeit schwankte Abul Kassim, ob sie überhaupt besetzt werden müsse.

Aber Mohammed führte so viele Gründe dafür auf, daß der alte Fürst nachgab und Abu Bekr, einen erprobten Mann von guter Ge-sinnung, dafür vorschlug. Wohl war er beträchtlich älter als Mo-hammed, aber dieser würde schon sein Ansehen zu wahren wissen, darum war ihm nicht bange.

Mohammed ließ den Genannten kommen und sah beim ersten Blick, daß sie zueinander paßten. Es war ihm, als grüßten sich ihre Seelen, und gern bot er dem Überraschten das Amt an, das er selber seither bekleidet.

Für Abu Bekr aber gab es kein Überlegen: der Fürst rief ihn an seine Seite, nun wohl, dann folgte er dem Rufe.

In kurzer Zeit hatte er erfaßt, was von ihm verlangt werde, und es zeigte sich, daß er mehr zu geben imstande war. Er war ungemein praktisch und nüchtern denkend, eine gute Ergänzung zu Moham-med, der in alles, was er tat, mit ganzer Seele eintrat.

 

Eines Tages erschien Abu Talib vor dem neuen Fürsten und bat ihn, den etwa neunjährigen Ali in seine Dienste nehmen zu wollen.

„Er ist noch ein Knabe, der in die Schule gehört“, meinte Moham-med. „Laß ihn tüchtig lernen und frage dann nochmals.“

Abu Talib blickte ihn verdrossen an.

„Du hast wenig Verwandte, Mohammed“, murrte er, „laß die we-nigen an Deinem Glücke teilnehmen. Wenn Du Ali noch für zu jung erklärst, so bediene Dich meiner . . . natürlich gegen entspre-chende Belohnung“, fügte er hinzu.

„Abu Talib, ich schulde Dir Dank, laß mich das nicht vergessen. In meiner Jugend habe ich Dich geliebt. Ich weiß nicht, waren mei-ne Augen gehalten, daß sie Deine Fehler nicht sahen, oder traten sie damals noch nicht hervor. Du schienst mir nächst meinem Vater der beste Mensch in der Welt.

Das wurde anders, als mir die Augen aufgingen für Deine rück-sichtslose Habgier.“

Abu Talib zuckte zusammen und wollte etwas sagen. Mohammed ließ ihn nicht zu Worte kommen, sondern fuhr nachdrucksvoll fort:

„Auch Dein heutiges Anliegen strömt aus der gleichen unreinen Quelle, wenn Du mich auch glauben machen möchtest, daß es ver-wandtschaftlicher Liebe entspringt. Wenn ich Dir das Gehalt eines Wesirs geben würde, ohne dessen Dienste zu verlangen, so wäre es Dir auch recht.“

Einen Augenblick hielt Mohammed inne. Abu Talib bestätigte:

„Freilich wäre es mir recht. Ich möchte den sehen, der anders denkt. Alle würden zugreifen. Beurteile doch nicht alle Menschen nach Dir selbst.“

Mühsam unterdrückte Mohammed ein aufsteigendes Gefühl hef-tigen Unwillens. Er durfte mit diesem alten Manne nicht rechten. Vielleicht war es doch möglich, sein Wissen zu benutzen und ihn hierfür reichlich zu bezahlen.

„Höre, Abu Talib, ich entsinne mich noch wohl des Tages in Ha-lef, an dem ich Deine Pläne unfreiwillig zerstören mußte.

Wenn ich mich recht erinnere, so war es Dir damals um eine Ver-einigung aller Araber zu tun. In wessen Auftrag handeltest Du?“

Der Befragte wußte nicht recht, ob es klug sei, diese Frage zu be-antworten, dann entschloß er sich unter dem zwingenden Blick des vor ihm Stehenden doch dazu.

„Wir waren eine ganze Schar, die den Gedanken an eingro-ßes Arabien erwogen hatten. Mit der Tatsache wollten wir dann Abul Kassim überraschen und ihn zwingen, unser Handeln gut zu heißen.“

„Und was ist aus diesen Leuten geworden? Stehst Du noch in Ver-bindung mit ihnen?“

Hastig fragte es Mohammed.

„Ich kenne noch den größten Teil der Männer“, bestätigte Abu Talib. „Ob sie aber noch so denken wie einst, vermag ich nicht zu sagen.“

„Willst Du die losen Verbindungen wieder anknüpfen und er-forschen, was sie jetzt zu einem Großarabien sagen würden? Es soll Dein Schaden nicht sein. Für jede brauchbare Auskunft, de-ren Wahrheit sich bestätigt, erhältst Du eine Summe Geldes, deren Höhe sich nach dem Wert richtet, den diese Auskunft für das Land hat.“

Abu Talibs Augen funkelten. Immer widerwärtiger wurde der einst Verehrte dem Fürsten.

„Gehe jetzt und suche, bald Bescheid zu bringen. Morgen aber schicke mir Ali, damit ich selber sehe, was an dem Knaben ist.“

Mit vielen Dankesbezeugungen schied Abu Talib und Moham-med schüttelte sich.

„Herr Gott, laß mich nicht werden wie diesen“, betete er.

Plötzlich fand er, daß dieses Gebet große Ähnlichkeit mit dem des Pharisäers hatte, von dem Jesus gesprochen. Er schämte sich und bat Gott, dem alten Manne beizustehen, daß er ein besseres Einsehen bekomme.

Er hatte nicht beachtet, daß während dieser Unterredung der Vorhang zum anstoßenden Gemach, in dem Said schrieb, nicht ge-schlossen gewesen war. Jetzt trat der junge Mann herein. Jedesmal, wenn Mohammed ihn sah, freute er sich an ihm. Er liebte ihn wie einen Sohn und besprach vieles mit ihm, das er sonst verschlossen in sich trug.

Er wandte sich an ihn mit der Frage:

„Hörtest Du, was wir sprachen?“

„Es war nicht zu vermeiden, Herr“, antwortete Said freimütig.

„Mir ist es recht, so kann ich mit Dir darüber sprechen, mein Sohn. Ist es nicht entsetzlich, wenn ein wohlhabender Mann so un-mäßig nach Geld und Gut trachtet?“

„Du wirst viel Mühe mit ihm haben, Herr“, war Saids Erwide-rung.

„Mühe?“ fragte Mohammed gedehnt. „Wie meinst Du das?

Er soll Berichte liefern und wird dafür bezahlt werden. Wenn es vermeidbar ist, will ich ihn nicht mehr sehen. Abu Bekr mag sich mit ihm befassen.“

„So wird es nicht werden, Herr,“ lächelte Said schelmisch. Er hat-te noch das gleiche herzbezwingende Lächeln wie als Knabe.

„Mohammed hat noch nie einen Menschen im Stich gelassen, der Hilfe brauchte. Und Abu Talib bedarf kräftiger Hilfe, wenn seine Seele nicht versinken soll im Morast der Geldgier. Du wirst gütig mit ihm reden, nicht schelten und grollen, Du wirst Dich Alis „an-nehmen und dadurch vielleicht sein Herz gewinnen, so daß er sich von Dir leiten läßt.

„Wie klug Du bist, mein Sohn“, sagte Mohammed, aber es war kein Spott in seiner Stimme. „Ich fürchte fast, es wird so werden, und das wird mich viel Zeit kosten!“

„Um so größer wird Deine Freude sein, wenn Du einst mit der Verehrung Deiner Jugend zu Abu Talib wirst aublicken können.“

„Höre, Said“, scherzte Mohammed, „haben Dir das auch Deine Männlein gesagt? Oder woher kennst Du mich so gut?“

„Weil ich Dich liebe, Herr“, erwiderte der Jüngling, ernst gewor-den. „Meine Männlein brauchen mir das nicht zu sagen, was ich weiß. Aber sonst sagen sie mir viel. Sie sind außer Dir, Herr, meine besten Freunde.“

„Ich muß Dich einmal mit mir nehmen, damit Du Fatime und Alina von ihnen erzählst, Said“, sagte Mohammed.

Dann fand das vertrauliche Gespräch ein Ende. Die Berater ka-men und der Herrscher mußte alle Gedanken ihren Wünschen zu-wenden.

Am folgenden Tage erschien Ali. Ein blasser, hochaufgeschosse-ner Knabe, an dem nur die strahlenden Augen schön waren.

Mohammed nahm ihn freundlich auf und begann ein einfaches Gespräch mit ihm. Wie erstaunte er aber, als er bemerken mußte, daß der Neunjährige weit über seine Jahre unterrichtet und gelehrt war. Aber neben dem scharfen Verstande schien wie bei Said ein feines Empfinden zu gehen.

 

Mohammed rief Said herbei und bat ihn, Ali mit sich zu nehmen und ihm irgendeine kleine Beschäftigung zu geben. Nach Verlauf von einigen Stunden ließ er Said kommen, um ihn zu befragen. Auch dieser war überrascht und sehr angezogen von dem Wesen des Knaben.

„Ich würde mich freuen, Herr, wenn ich an ihm das tun dürfte, was Du an mir getan“, bat Said. „Laß ihn meinen Helfer werden, er hat in der Tempelschule nichts mehr zu lernen, Daneben aber will ich ihm von Christus erzählen und ihn in den Dingen des Glaubens unterweisen, so, wie Du mich sie einst lehrtest.

Das war gerade, was Mohammed gewollt. Ali wurde befragt, ob er bereit sei, kleine Dienste für Said zu tun. Er war sehr dankbar, daß Mohammed es mit ihm versuchen wolle. Er hatte große Scheu vor dem Fürsten, während er mit Said. rasch zutraulich geworden war. So wurde Abu Talib mitgeteilt, daß sein Sohn als Unterschreiber im Fürstenpalast aufgenommen worden und fortan dort in einem

kleinen Gemach neben Said wohnen solle.

Auf diese Botschaft kam Abu Talib eilends herbei, um zu danken. Freundlich empfing ihn Mohammed, ließ sich berichten, was er in-zwischen erforscht, und setzte einen festen Preis für jede brauchba-re Nachricht fest.

Einige Tage später sprach Mohammed mit dem greisen Fürsten über alles, was er von Abu Talib erfahren hatte. Es zeigte sich, daß Abul Kassim immer von den Bestrebungen jener Gruppe von Men-schen gewußt und ihr Handeln stillschweigend gebilligt hatte.

„Du wirst sehen, daß auch Dich der tiefere Einblick in die Seele unseres Volkes dazu führen wird, alles, was arabischen Stammes ist, zu vereinigen. Der Araber ist dem Syrer an Charakter weit überlegen. Muß er sich unter dessen Herrschaft fügen, so kommt es zu unaufhörlichen Reibereien, an denen die beste Kraft verblu-tet. Wird hingegen der Syrer unter arabische Zucht genommen, so kann er sich ungeahnt entwickeln. Vergiß das nicht.“

„Und die Juden?“ fragte Mohammed zögernd.

„Die Juden haben aufgehört, ein Volk zu sein, seit sie Christus ans Kreuz geschlagen. Damals standen sie rein äußerlich unter Römer-herrschaft, konnten sich aber ihr eigenes Volksleben unangefochten bewahren. Jetzt sind sie verzettelt unter allerhand Völkern. Du hast es ja selbst in Jerusalem gesehen.

Es würde gut sein, wenn das Volk der Juden wieder unter eine starke Hand käme. Wenn dieser Beherrscher an Gott glauben wür-de, wäre es das einzig mögliche Heil für das aus einer hohen Beru-fung gefallene Volk.“

Mohammed staunte die Weisheit an, die sich ihm hier offenbarte.

„Du wunderst Dich, mich so sprechen zu hören, Mohammed“, sagte Abul Kassim gütig. „Glaube mir, ich habe viel nachgedacht in meinem langen Leben. Mich fesselte nichts so stark, als dem Ge-schick der Völker nachzusinnen, soweit ich davon Kunde erlangen konnte. Immer habe ich die starke Führung Gottes schauen dürfen, solange ein Volk rein und fromm seinen Weg ging. Kam es zur Blü-te, so wurde es übermütig, selbst-bewußt, selbstsicher, und dadurch geriet es auf den abschüssigen Weg, der unrettbar zur Tiefe führte.“

„Ich bewundere Deine Weisheit, mein Fürst“, sagte Mohammed in seiner freimütigen Weise. „Aber ich verstehe nicht, warum Du nicht die drei Völker vereintest, da Du doch sicher weißt, daß es für alle drei der Segen wäre.“

„Es war noch nicht an der Zeit, mein Sohn. Ich konnte warten. Auch das habe ich gelernt. Einst war ich so ungestüm, wie

Du es heute noch bist. Dann sah ich, daß es nicht gut tut, die Knospe öffnen zu wollen, um die Blüte früher zur Entfaltung zu bringen. Die Blüte stirbt ab. So lernte ich, meine Seele in Geduld zu fassen.

Ich weiß, daß Du alle meine Pläne, die ausgesprochenen und die geheimen, verwirklichen wirst. Es genügt mir, Dir vorgearbeitet zu haben.“

„Fürst, Vater“, sagte Mohammed tief ergriffen, „wie weise, wie ab-geklärt bist Du! Hilf mir, Dir ähnlich zu werden.“

„Dazu kann Dir kein Mensch verhelfen, das muß das Leben Dich lehren, wie es mein Lehrmeister war, mein Sohn. Wir sind uns in-nerlich sehr ähnlich. Wie Du stürmte ich in das Leben. Wie Du konnte ich nicht mit ansehen, daß die Menschen etwas Verkehr-tes taten. Glaube mir, mein Sohn, es gehört mehr Liebe dazu, die Menschen zunächst einen falschen Weg gehen zu lassen, als sie mit Gewalt auf den richtigen zu stellen.“

 

„Das verstehe ich noch nicht“, bekannte der Jüngere. „Wenn ein Mensch einen Fehler macht, so ist es doch meine Pflicht, ihm das zu zeigen, damit er ihn vermeidet.“

„Wenn der Fehler anderen große Gefahr bringt, mag es Deine Pflicht sein. Im anderen Fall ist es besser, Du läßt den Mann ruhig falsch handeln und aus den Folgen seiner Tat lernen. Das so Ge-lernte wird er nicht so schnell vergessen.

Laß mich Dir das an einem geringfügigen Beispiel erklären. Ich war Zeuge, wie Du vor wenigen Tagen dem Knaben Ali die Tusche entrissest, die er auf die Schriften gestellt hatte und mit diesen im Arme tragen wollte. Du hindertest ihn, die Flüssigkeit zu verschüt-ten. Er sah Dich fassungslos an und begriff nicht, warum Du ihn das Gefäß nicht tragen lassen wolltest.

Gestern kam ich dazu, wie Ali abermals mit Schriften und Tusche von einem Gemach in das andere ging. Said beobachtete ihn. Er sagte kein Wort, auch als das Tuschgefäß bedenklich schief stand. Ruhig entnahm er einer Lade mehrere Lappen, die er anscheinend für diesen Zweck bewahrt, und wartete.

Das Unglück trat ein, die Tusche floß auf den Teppich: Sofort war Said bei der Hand und half Ali, den Schaden zu mildern.

Schluchzend sagte der Knabe: „Jetzt weiß ich, warum der Fürst mir neulich das Tuschgefäß entriß. Ich werde es niemals mehr so tragen.“

Siehst Du. Da hatte der Knabe aus dem Unheil mehr gelernt als aus Deinem Verhüten!“

„Jetzt verstehe ich Dich. Ich werde daran denken, mein Fürst, wenn mich die Lust, zu bessern, anwandelt. Ich begreife jetzt auch, warum Du mich so oft gewähren ließest, wo ein

Wort von Dir genügt hätte, mich von einem übereilten Schritt zu-rückzuhalten. Wieviel Not habe ich Dir doch gemacht!“

,,Die Freude überwog, mein Sohn. Wenn mich jetzt noch etwas um Deinetwillen unruhig macht, so ist es Deine Art, immer hinter den Wünschen der anderen zurückzutreten. Selbstlosigkeit ist gut, aber sie darf nicht zur Schwachheit werden.

Denke an Abu Talib. Hättest Du kraftvoll darauf bestanden, daß Dir als dem Erben das Erbteil zustehe, so hätte es vielleicht einen Riß zwischen Euch gegeben, aber er wäre zur inneren Einkehr ge-zwungen worden.

Denke an Dein erstes Weib, dem Du auf ihre Werbung kein Nein zu geben wagtest, um ihr, nicht weh zu tun. Du mußt lernen, Dein Recht zu behaupten, nicht in Herrschsucht, aber in Kraft.“

Mohammed wollte dem Greis danken, doch begann dieser sofort von anderen Dingen zu sprechen und schnitt damit jede Möglich-keit, auf das Gesagte zurückzugreifen, ab.

Und abermals nach wenigen Tagen war Abul Kassim friedevoll eingeschlummert, ohne Abschied zu nehmen. Das Volk trauerte auf-richtig um den guten Fürsten, und doch hörte man oftmals sagen:

„Fürst Mohammed ist der Bessere und Größere. Wohl uns, daß wir ihn zum Herrscher haben.“

Trotz der hohen Ehrfurcht, die der Araber vor dem Alter hat, ge-fällt ihm kraftvolle Jugend besser. Mohammed aber hatte neben der Jugend die frohe Schönheit seiner Erscheinung und den strahlen-den Glanz, der von seinen Augen ausging. Sieghaft bezwang er die Herzen.

Überall fand er Liebe, die tiefste und reinste in seinem Heim. Alina erblühte zum Weibe in holder Unbewußtheit, in feinem

Verstehen des Mannes. Längst schon besprach er mit ihr so man-ches, was des Volkes Wohlfahrt betraf. Er fand Anteilnahme und helfenden Rat.

Die Frauen lagen ihr besonders am Herzen. So wenig war sie mit den Frauen des Volkes zusammengekommen, und doch ahnte sie, daß Reinheit und Wahrheit bei ihnen im Schwinden waren. So manche Äußerung ihrer Dienerinnen gab ihr zu denken.

Sie fragte den Gatten und. erfuhr, daß sie mit ihren Befürchtun-gen recht hatte. Nun sann sie dem nach, wie es zu bessern sei.

„Könntest Du kein Gesetz geben, wonach die Frauen völlig von den Männern getrennt werden, solange sie unvermählt sind?“ frag-te sie.

„Dieses Gesetz besteht seit langem, meine Holde“, erklärte Mo-hammed, „aber es wird übersehen. Wenige Frauen sind es, die sich daran halten. Man verlacht und verspottet sie.“

„So gib es von neuem, mein Gatte. Dir glauben die Menschen. Zeige ihnen, wie sie dem ganzen Volk schaden, wenn sie die Frauen schlecht werden lassen. Aus Frauen werden Mütter“, setzte Alina errötend hinzu.

 

„„Ich weiß es, Mütterchen“, sagte Mohammed weich. „Und ich freue mich auf die Knospe, die mir meine reine Blüte nun bald schenken darf.“

„Wirst Du traurig sein, wenn es kein Knabe wird?“ wollte Alina wissen. Mohammed versicherte, eine zweite Alina würde ihn weit mehr entzücken als ein Erbe.

Sie kam auch wirklich, die kleine Tochter, ein Ebenbild der hol-den Mutter, die ihr den Namen Fahira bestimmte. Wie würde Fürst Abul Kassim sich an dem Kinde gefreut haben!

Öfter denn je gedachte Mohammed des Fürsten.

Als das Kind gesegnet werden sollte, standen die Eltern wieder vor der Frage, wen sie darum bitten wollten. Mohammed löste diesen Zwiespalt, indem er selber Gottes Segen über der Tochter Haupt herabflehte.

Danach aber stand es in ihm fest, daß nichts so wichtig sei, als endlich an den Ausbau der jüdischen Glaubenslehre zu gehen.

Er sah seine Aufgabe darin, den jüdischen Gottesglauben durch den Christusglauben zu ergänzen und zu vollenden, aber in der Art, wie Jesus es bei seinen Jüngern selbst getan hatte. Er hatte das von Menschen Gemachte an Satzungen und Geboten eingerissen und dafür das von oben Stammende gegeben.

Genau so wollte Mohammed vorgehen. Oftmals durchwachte er die Nächte im Gebet, um das Rechte zu finden. Alle seine Regie-rungsarbeiten wurden von diesen Gedanken getragen, all sein Tun war davon bestimmt.

Langsam, sehr langsam sah er einen Anfang dessen, was ihm im Geiste vorschwebte. Er merkte, daß er zuerst das Judentum von den Schlacken befreien mußte. Wo er aber hingriff, da bröckelte es. Morsch waren die Überlieferungen, angeklebt die Satzungen.

Was übrig blieb, waren die Gebote, die Moses einst seinem Vol-ke bringen durfte, waren die Prophezeiungen auf das Kommen des Messias, die Mohammed durch das Leben Jesus’ auf Erden für er-füllt hielt, und die er darum beiseite legte.

Er sehnte sich, mit einem Menschen über das alles reden zu kön-nen, aber das durfte nicht sein. Allein mit Gott mußte seine Seele das finden, was sie für sich und für die anderen brauchte. Einmal hatte er zu Abu Bekr davon gesprochen. Der aber hatte erwidert:

„Wenn Du meinen Rat hören willst, mein Fürst, so laß Dir sagen, daß Dein Erfolg sehr wesentlich von der Uneinigkeit der Völker in Glaubensdingen abhängen wird. Hüte Dich, sie zuerst geistig zu einen! Wenn Du Deine Herrschaft über die umliegenden Völ-ker befestigt haben wirst, wenn sie vor Deiner Macht zittern, dann magst Du ihnen geistige Nahrung geben, soviel es Dir beliebt. Frü-her nicht!“

Da sah Mohammed, daß der Berater ihn im tiefsten Sinne nicht verstand, und schloß seine Seele vor ihm zu. Es war ihm eine Ent-täuschung, aber sie wog nicht schwer; denn daheim fand er Verste-hen.

Er brachte oftmals Said und auch Ali mit in den heimischen Kreis, und wie er früher von Christus erzählt hatte, so sprach er nun von dem Glauben der Juden und allem, was er darüber dachte. Ver-ständnisvolles Zuhören strömte dankend als Anregung zu immer tieferem Suchen zu ihm zurück.

Es zeigte sich, daß in Ali das Judentum am stärksten war. Für die unverständlichsten Satzungen fand er eine Erklärung, die sie in an-derem Licht darstellte.

Wenn sie trotzdem verworfen werden mußten, weil sie allzu menschlich waren, so geschah es doch jetzt mit dem Wissen, daß sie einmal aus irgendeiner Not heraus in gutem Wollen aufgestellt wor-den waren. Meistens waren sie dann später falsch ausgelegt worden. Said wußte viel von dem Judentum, aber es sagte seiner Seele nichts. Er war auch kein Christ, sondern als Schüler Mohammeds stand er zwischen beiden Glaubenslehren, wie sie von den Men-schen aufgestellt worden. Er sehnte sich danach, daß sein Herr end-

lich den Ausgleich bringen werde.

Fatime und Alina endlich waren inniggläubige Dienerinnen Je-sus’. Sie hatten ihre eigene Glaubenslehre, ihr eigenes Denken, das ganz aus den Worten des Gottessohnes aufgebaut war, so wie Mo-hammed sie ihnen vermittelt hatte.

Auch sie freuten sich, wenn endlich die „neue Lehre“, wie sie das nannten, was nun entstehen sollte, der Menschheit würde gegeben werden.

„Vergiß nur uns Frauen nicht dabei“, bat Alinas holde Stimme im-mer wieder.

 

Und während sich Mohammed in reinem Wollen dem hingab, wozu seine Seele ihn trieb, ohne zu ahnen, daß gerade das seine von Gott gewollte Aufgabe war, hielt er äußerlich die Zügel der Regie-rung mit fester Hand. Kein Ereignis war zu klein, als daß er es nicht beachtet und in seinen Folgen überschaut hätte.

Abu Talibs Wirken ging bereits wieder ins Große. Er hatte seine Freude an Ansprachen an das Volk, an Beeinflussung anderer wie-dergefunden. Er dachte nicht mehr daran, daß er ein Sendbote des Fürsten war; wie früher versuchte er für seine Partei etwas zu errei-chen, das er danach dem Herrscher aufzwingen wollte.

Eingedenk der Mahnung Abul Kassims sah Mohammed eine Zeitlang diesem Treiben zu. Dann fand er, daß dieses Handeln des Oheims eines von den Dingen war, die Schaden bringen konnten, und darum rechtzeitig verhindert werden mußten.

Er ließ Abu Talib kommen und stellte ihn zur Rede. Der Alte leugnete nicht, im Gegenteil, er bekannte sich voll Stolz zu allem, das ihm hier als Fehler vorgehalten wurde.

„Warte ab, was wir Dir bringen werden, Mohammed“, sagte er be-schützend. „Wir sind älter als Du und verstehen uns auf die Gedan-ken des Volkes besser.“

„Das mag sein“, sagte der Fürst langmütig, „aber wo ein Fürst über einem Volke steht, hat er allein zu herrschen. Jeder andere hat sich dessen zu enthalten, wenn er nicht Schaden tun will. Ich bitte Dich also, Deine Tätigkeit wieder einzustellen. Hörst Du, Abu Ta-lib. Ich bitte Dich. Erspare mir, daß ich Dich dazu zwingen muß.“

„Weißt Du noch, wie Du mir in Halef die Versammlung störtest, Neffe?“ brauste der Alte auf. „Genau so willst Du es jetzt wieder tun. Wieder soll alle aufgewendete Mühe und

Arbeit vergeblich gewesen sein. Diesmal lasse ich es mir nicht ge-fallen. Willst Du nicht, wie wir wollen, so werden wir ohne Dich vorgehen und Du magst selbst sehen, wohin Dein Herrscherwille Dich führt.“

In diesem Augenblick betrat Ali das Gemach. Er wollte sich so-fort, nachdem er das Schriftstück abgegeben, wegen dessen er ge-kommen war, zurückziehen, Mohammed indessen rief ihn an seine Seite:

„Magst Du in Gegenwart Deines Sohnes wiederholen, Abu Talib, was Du soeben gesagt?“ fragte er.

Der Greis errötete, schüttelte den Kopf und verließ nach kurzem Gruß den Raum.

„Es wird gut sein, Ali, wenn Du Dich heute um Deinen Vater bemühst“, schlug Mohammed vor. „Es spuken ihm allerhand Ge-danken durch den Kopf, vielleicht gelingt es Dir, sie zu zerstreu-en.“

Abends erschien Ali in Mohammeds Heim und berichtete, daß er den Vater nirgends finden könne. Niemand scheine von ihm zu wissen. Zugestoßen sein aber könne ihm nichts, denn zwei vertrau-te Diener und viele Sachen seien ebenfalls verschwunden.

Dabei blieb es für lange Zeit. Niemand hörte zunächst irgendet-was von Abu Talib.

Für Mohammed aber kam nun die Übersiedelung aus dem Pa-last seiner Väter in den Fürstenpalast. Alina und Fahira sollten ihn selbstverständlich begleiten. Für Fatime wollte er einen eigenen kleinen Hofstaat in seinem ehemaligen Heim einrichten.

Aber er stieß auf Widerstand bei seiner gesamten Familie. Alina und Fatime wollten sich nicht trennen. So willigte er darein, daß auch die Tochter mit ihm zog.

 

Schöne, arbeitsreiche Jahre folgten. Der Erbe blieb ihm versagt, zu Fahira gesellte sich ein Schwesterchen, Prinzessin Jezihde, aber das häusliche Glück des Fürsten war so groß, daß er sich nichts Besseres zu wünschen vermochte.

Abu Bekr drängte, nunmehr an die Eroberung Syriens und Pa-lästinas zu gehen. Die Völker seien reif für den Anschluß, der Wi-derstand der Führenden in den Ländern müßte mit Waffengewalt besiegt werden.

Davon wollte Mohammed nichts wissen. Er hatte im Gebet ange-fragt und den Bescheid erhalten, noch sei die Zeit nicht gekommen. Die Länder würden ihm wie reife Früchte in die Hände fallen. So-lange solle er in Geduld und Frieden warten.

In seiner offenen, ehrlichen Art teilte er diesen Bescheid Abu Bekr mit, den er seiner ganzen Veranlagung nach für gottesgläubig hielt. Abermals mußte er eine Enttäuschung an ihm erleben.

Der Wesir erlaubte sich, laut zu lachen, als der Fürst ihm sagte, daß er auf diesen Bescheid hin gehorsam harren wolle.

„Fürst, Du bist ein Narr!“ rief er nicht minder freimütig.

In Mohammed wallte es heiß empor, aber er bezwang sich. Ei-nen Augenblick meinte er Abul Kassim zu sehen, der ihn mahnte, sich nichts gefallen zu lassen. So schnell wie das Bild gekommen, so schnell verschwand es.

Unmutig wandte sich der Fürst an den Berater:

„Abu Bekr, vergiß nicht, daß Du Wesir bist“, sagte er schneidend.

„Dein hohes Amt erfordert einen Anstand von Dir, den Du soeben nicht zu bewahren wußtest. Es wird mir lieb sein, wenn Du die Bot-schaft, die ich heute nach Jathrib senden wollte, selbst überbringst und unterwegs Dein Gleichgewicht wiederherstellst.“

Der Gemaßregelte tobte innerlich. Je mehr er fühlte, daß er den Verweis verdient habe, um so mehr stieg sein Zorn gegen den so-viel jüngeren Fürsten. Er verließ nach knappem Abschied das Ge-mach und ritt schon eine Stunde später mit prunkhaftem Gefolge zum Stadttore hinaus. Mohammed aber atmete auf. Er wunderte sich über sich selbst, daß es ihm so leicht gefallen, sich Geltung zu verschaffen. Gewiß hatte Abul Kassims verklärter Geist ihm dabei geholfen, dachte er, und war dankbar.

Said, der durch den nur halb geschlossenen Vorhang unfreiwilli-ger Zeuge der Unterredung geworden war, bangte, der Wesir könne zum erbitterten Feinde des Fürsten werden. Da er aber seinen Be-schützer so frohgemut fand, wagte er diesem Verdacht keine Worte zu verleihen, und beschloß, doppelt wachsam zu sein.

Mohammed aber vergaß den üblen Vorfall bald, da ihn daheim Neues erwartete. Alina, die schon seit einigen Tagen sichtlich be-strebt gewesen, etwas mit ihm zu besprechen, wozu sich durchaus keine Zeit finden wollte, bat um eine Unterredung.

„Ich muß schon zum Fürsten kommen, da der Gatte keine Zeit für mich hat“, sagte sie schelmisch.

Dann erinnerte sie ihn daran, daß Fatime schon längst das hei-ratsfähige Alter erreicht habe, ohne daß der Vater sich darum ge-kümmert. Es sei an der Zeit, ihr einen Gatten zu verschaffen, der gleichzeitig als Nachfolger Mohammeds eintreten könne, falls sich nicht doch noch ein Sohn und Erbe einstelle.

 

„Wo soll ich diesen Gatten finden?“ fragte Mohammed aufrichtig bestürzt. „Ich habe soviel anderes zu tun!“

Alina mußte lachen.

„Da ist es gut, daß andere für Dich sorgen, Du vielgeplagter Fürst“, rief sie fast übermütig. ,,Fatime und ich haben das Rätsel bereits gelöst. Du brauchst nur Deine Zustimmung zu geben. Wir haben einen jungen Mann aus edlem Hause gefunden, der Fatime aufrichtig liebt. Mohammed unterbrach sie.

„Wo hatte er Gelegenheit, meine Tochter zu sehen? Ich will nicht hoffen, daß irgend jemand die Beiden zusammengeführt hat!“

„Du selber machtest sie bekannt, mein Freund“, gab Alina un-bekümmert zurück. „Es ist nichts geschehen, von dem Du keine Kenntnis hättest. Damit Du aber nicht ungehalten wirst, will ich Dir sagen, daß es sich um Ali, Deinen Neffen, handelt.“

Aufs äußerste betroffen starrte Mohammed die Sprecherin an.

„Ali?“ sagte er erstaunt. „Ali? Er ist ja viel zu häßlich für unsere Schönheit.“

„Ist das alles, was Du gegen ihn einzuwenden hast, mein Freund?“ fragte Alina. „Auf sein Äußeres kommt es nicht an. Sein Herz ist treu wie Gold. Vor allem ist er Dir ergeben, er würde sein Leben für Dich lassen!

„Und Fatime würde ihm folgen?“ erkundigte sich Mohammed immer noch ungläubig,

„Fatime würde mit Freuden sein Weib werden“, bestätigte die Fürstin. „Du kannst den Beiden dann Deinen väterlichen Palast als Wohnsitz anweisen; denn in Abu Talibs Behausung kann Ali natür-lich seine Gattin nicht führen.“

„Von seinem Vater muß er sich lossagen, wenn er zu mir in nä-here Beziehung treten will“, sagte Mohammed rasch. „Abu Talib ist nicht mehr mein Freund. Er spinnt Verräterei, das weiß ich, wie-wohl wir seither noch nichts davon hörten.“

„Sei sicher, Ali hat seinen Vater niemals geliebt. Es wird ihm nicht schwer werden, sich von ihm zu trennen.“

Das versicherte auch Ali, den Mohammed noch in gleicher Stun-de herbeirufen ließ. Überglücklich, Fatime sein Eigen nennen und damit sich fester an den über alles bewunderten Fürsten knüpfen zu können, hätte er jegliches getan, das verlangt wurde.

 

So fand die Vermählung der Fürstentochter mit Ali statt, der in eine gehobene Beraterstelle aufrückte. In seiner Familie herrschte eitel Sonnenschein, aber über sein öffentliches Leben sah Moham-med von Zeit zu Zeit Wolkenschatten huschen, die ihm durch die Häufigkeit ihres Erscheinens zu denken gaben.

Übermäßig lange blieb Abu Bekr dem Hofe fern. Er hätte längst aus Jathrib zurück sein müssen, aber man hörte nichts von ihm. Es widerstrebte aber Mohammed, nach ihm forschen zu lassen. Er war fest überzeugt, daß dem Wesir nichts zugestoßen, sondern daß andere Gründe ihn fernhielten.

Man würde schon einmal von ihm hören.

Inzwischen merkte man aber den Einfluß eines Anderen. Abu Talib war herbeigeeilt, sobald er Kunde von der Vermählung sei-nes Sohnes erhalten hatte. An dem Glanze seines Erben wollte er sich sonnen, durch ihn das erreichen, was er bisher vergebens an-gestrebt.

Er fand fremden Empfang. Sein Sohn erklärte ihm, einen Wider-sacher des Fürsten nicht mehr als Vater anerkennen zu können. Er wolle nichts von seinem Erbteil haben, dagegen wünsche er, daß auch der Vater keine Ansprüche mehr an irgend eine Sohnespflicht erhebe.

Wütend verließ Abu Talib den Palast seiner Väter, in dem er sich zu gern wieder eingenistet hätte.

Er hielt sich nun in Mekka verborgen und begann im Geheimen zu wühlen. Seine ganze Beredtsamkeit wandte er auf, gegen den Fürsten Stimmung zu machen. Bald sah er, daß ihm das bei dem einfachen Volk nicht gelingen würde. Zäh hielt es an Mohammed fest, in dem es den angestammten und berufenen Leiter sah.

Auch die Vornehmen ließen sich zunächst noch nicht bewe-gen, irgend etwas gegen den Mann zu unternehmen, der ihnen im Grunde ganz recht war.

Da wandte sich Abu Talib an die zahlreiche Kaufmannschaft der Stadt. Das fing er äußerst geschickt an.

Es gab in Mekka ein Heiligtum. Niemand wußte, wem es einst geweiht worden, niemand wußte, wie alt es war. Es war ein länglich viereckiges Gebäude, die Kaaba genannt, in welchem ein schwarzer Stein eingemauert war, der verehrt wurde.

Die Sage erzählte, er sei einst weiß gewesen, durch die Sünden der Menschen aber dunkel geworden.

Dieses Heiligtum wurde nur dreimal im Jahre geöffnet. Alle Jahre wurde es innen neu mit kostbaren Seidenstoffen bekleidet, für die die Fetisch-Priester; die das Heiligtum ver-walteten, das ganze Jahr hindurch Opfer einsammelten.

Jedes Jahr durfte ein anderer der in Mekka ansässigen Kaufleute die Stoffe liefern und reichlich daran verdienen.

Da nun zu den beiden ersten Öffnungen, einmal für die Männer, das andere Mal für die Frauen, aus allen Teilen des Landes andäch-tige Gläubige herbeiströmten, bedeutete das Heiligtum für Mekkas Wohlstand ungeheuer viel.

Hierauf baute Abu Talib seinen schlauen Plan. Geschickt ließ er hier und dort einfließen, daß Mohammed sich als Gesandter des Judengottes betrachte und in dessen Auftrag einen neuen Kult aus-denke.

Sobald er mit diesem Werk fertig sei, werde er natürlich al-len Götzendienst im Lande untersagen und die Kaaba für immer schließen, wenn nicht gar zerstören. Dann sei das Ende für Mekkas Gedeihen gekommen. Aller Handel werde in dem größeren Jathrib zusammenströmen.

Anfänglich lachten die Männer über diese Prophezeiung. Abu Ta-lib aber ließ nicht nach, immer und überall davon zu sprechen. Al-les, was er über Mohammed hörte, wußte er geschickt auszunützen.

Als Abu Bekr nach Jathrib gesandt worden war, sagte er:

„Da seht Ihr es selbst, wie ihm dieser Ort am Herzen liegt. Seinen eigenen Wesir entsendet er. Wahrscheinlich ist die Botschaft für ei-nen gewöhnlichen Reiter zu wichtig.“

Oft gehört, fanden die Worte doch schließlich Eingang in die Köpfe der Menschen. Sie wiederholten sie selbst und begannen, daran zu glauben.

Nun begegnete Mohammed manchmal Mißtrauen oder Zurück-haltung, er, der gewohnt war, daß sich ihm alle Seelen rückhaltlos öffneten.

Als Abu Talib seinen Erfolg zu spüren begann, hielt es ihn nicht, er mußte noch weiter vordringen. Jetzt machte er sich hinter die Ju-den, von denen doch auch viele Kaufleute waren. Ihnen schilderte er zunächst das verhängnisvolle Ausbleiben des Fremdenstromes, der Geld in die Stadt gebracht.

Dann aber verriet er ihnen auch, daß Mohammed daran sei, die geheiligten Satzungen zu zertrümmern und durch einen Aufguß aus dem Christentum zu ersetzen. Damit erregte er die gläubigen wie die ungläubigen Juden.

Said war der Erste, der herausfand, wer hinter der Unruhe in der Stadt stecke. Aber es war alles so wenig greibar, man konnte nie-mand der Untreue oder des Aufruhrs bezichtigen. Es blieb nichts übrig, als auf alles gefaßt zu sein und zu warten.

Da kam Abu Bekr zurück. Über ein Jahr war er fern geblieben. Eine unerhörte Handlung für einen Wesir. Mohammed wußte nicht, wie er ihn empfangen sollte, und bat den Boten Gottes um Weisung.

„Abu Bekr kommt als Reuiger. Mache ihm den Rückweg zu Dir nicht schwer“, riet ihm die himmlische Stimme. „Du wirst von jetzt an einen unbedingt treuen Diener an ihm haben. Du brauchst den Gegensatz, den er zu Deinem Denken darstellt.“

Gewohnt, den Weisungen von oben unbedingt zu gehorchen, be-zwang Mohammed auch diesmal seinen Unmut und empfing den Zurückkehrenden so harmlos und freundlich, als sei er nur wenige Tage fern gewesen.

Das erschütterte den ohnehin von seiner Schuld Bedrückten noch mehr. Er warf sich vor dem Fürsten zu Boden und erbat seine Ver-gebung. Mohammed half ihm aufzustehen, und sagte freundlich:

„Ich habe nichts zu vergeben. Wenn Gott Dir verziehen hat, ist zwischen uns alles gut.“

Es zeigte sich, daß Abu Bekr wenigstens keine Zeit vergeudet hatte. Bis nach Jathrib waren die von Abu Talib ausgestreuten Ge-rüchte gedrungen, er aber war ihnen dort scharf entgegengetreten und hatte es vermocht, aus den Gemütern der dortigen Einwohner jeden Zweifel zu vertreiben.

Jathrib hing doppelt treu an seinem Fürsten.

Das war die äußere Frucht seines Aufenthaltes. Die innere, wert-vollere, bestand darin, daß dieses unermüdliche Verteidigen der Pläne und der Glaubenslehre Mohammeds ihn tief in beides hatte eindringen lassen.

 

Überzeugt war er, daß das, was er bisher für haltlose Schwärmerei eines jungen Mannes gehalten, gottgewolltes Tun war.

Durchdrungen war er von der Notwendigkeit des Glaubens an den Alleinigen Gott!

Schlicht, wie es seine Art war, sprach er sich darüber aus, und Mohammed war beglückt, daß seine Seele doch recht gehabt hatte, als sie beim ersten Zusammentreffen mit Abu Bekr ihm freund-schaftlich entgegenkam.

Befragt, wie es ihm sonst in der Ferne gegangen sei, gestand der Wesir, daß er sich vor wenigen Wochen mit einer Jungfrau aus vor-nehmem Hause vermählt habe. Auch das freute den Fürsten, der Abu Bekr aufforderte, Alina seine Gattin bald zuzuführen.

Nun der Wesir wieder an seiner Seite stand, konnte er sich um so besser dem Ausbau der Glaubenslehre widmen. Dabei fand er, daß er über manche Fragen, die ihm auftauchten, nicht hinweg-kam. Was ihm an einem Tage klar erschien, war am folgenden wie in Nebel gehüllt.

Alina, der er davon sprach, sagte nachdenklich:

„Du wirst eine Zeit des Reifens in der Stille und Einsamkeit brau-chen, mein Freund. Denke an Moses, wie lange er in der Wüste war, ehe sein Geist so bereitet werden konnte, daß er Wahrheitsbringer und Helfer sein durfte. Und auch Christus zog sich vor dem Volke zurück, ehe er ihm die Wahrheit brachte.“

„Wie soll ich das bewerkstelligen, Alina?“ fragte Mohammed, nur halb überzeugt. „Meine Pflichten als Fürst lassen mich keinen Tag los.“

„Und doch wirst Du frei sein, sobald Gott es wünscht“, gab die Gattin zurück.

Wie Wasser, das den Damm an einer kleinen Stelle durchbro-chen, unaufhörlich einströmt, an der Eindämmung weiternagend, so wuchs die Unbotmäßigkeit in Mekka, trotz aller Strenge Abu Be-krs. Er hatte zwei Männer, die er bei aufrührerischen Reden getrof-fen hatte, kurzweg hängen lassen, weil er wußte, Mohammed werde sie begnadigen, wenn er befragt werde.

Dieses Beispiel schüchterte die Leute nur für kurze Zeit ein, dann war es vergessen.

Mehr denn je zeigte der Fürst sich öffentlich. Nicht überall, wohin er kam, fand er das ungetrübte Vertrauen früherer Jahre. Es konnte vorkommen, daß er auf eine Frage trotzige Antwort erhielt, wohl auch einmal gar keine.

Er suchte den Fehler in seinem eigenen Verhalten und wandte sich betend an Gott, den Herrn, er möge ihm sagen lassen, was er an seinem Leben ändern sollte.

Lange Zeit erhielt er keine Antwort und meinte, in diesem Schweigen Gottes Zürnen sehen zu sollen. In Gebet und Flehen ließ er nicht nach.

Dann plötzlich, als er es am wenigsten erwartete, erklang die himmlische Stimme, die seines Lebens Leiterin geworden:

„Mohammed, werde ruhig in Dir. Nicht Du hast das verschuldet, was jetzt über Deine Stadt hereinbrechen wird. Die Menschen sel-ber tragen die Schuld. Es mußte aber so kommen, damit ein Boden geschaffen wird für die Lehre, die Du dem Volke bringen darfst.

Sammle die Deinen um Dich und gehe mit ihnen nach Jathrib, wo Ihr sicher wohnen werdet. Abu Bekr aber lasse hier. Es wird

blutiger Aufruhr ausbrechen in dieser Stadt. Die Fetisch-Diener werden die Juden und die Juden die Christen bekämpfen. Sie alle aber werden sagen, es geschehe um Deinetwillen.

Höre nicht darauf und bleibe ruhig. Was hier zu geschehen hat, wird Abu Bekr ausführen.

Danach wird er mit seinen Kriegern zu Dir stoßen. Dann über-lasse ihm die Sorge für alle, die Dir lieb sind, und gehe ins Gebirge in die Einsamkeit. Daselbst wird der Herr Dich bereiten lassen, auf daß Du erkennest, was Deinen Augen jetzt noch verborgen ist.“

Nun hatte Mohammed Antwort auf alles, was ihn beschäftigt hat-te. Er hatte auch klare Anweisung erhalten. Dankerfüllt pries er die weise und gütige Führung Gottes.

Am nächsten Morgen gab er Alina Kunde von dem, was er erfah-ren hatte. Außer ihr zog er nur Mustafa, Ali und Said ins Vertrauen. Während Ali und Said in geheimen Verstecken die wichtigsten Schriften unterbrachten und für sich selbst und Alis Angehörige al-les zur Abreise bereit machten, mauerten Mustafa und Mohammed in nächtlicher Stille alle Schätze in dem geheimen Ort im Palast der

Koretschi ein.

So vorsichtig gingen sie vor, daß weder die zahlreiche Diener-schaft, noch Ali, der sich oben in den Gemächern des jetzt von ihm bewohnten Hauses zu schaffen machte, etwas merkten.

Am übernächsten Tage war alles bereit. Mohammed schickte die Seinen mit Ali, Mustafa und der älteren Dienerschaft voraus. Es hieß, in Mekka sei es zu heiß für die zarte Gesundheit der Frauen und Kinder. Man müsse sie ins Gebirge bringen. Daß sie inzwi-schen in Jathrib rasteten, wer mochte es ihnen verdenken, wenn wirklich etwas davon laut wurde?

Dann erst sprach Mohammed mit Abu Bekr. Er sagte ihm, er hal-te es für das Sicherste, wenn er eine Zeit lang die Stadt verlasse, in der seine Anwesenheit nur Unruhe auslöste.

Das hatte der Wesir selbst schon gedacht, er hatte nur nicht ge-wagt, es vorzuschlagen, damit der Fürst nicht meine, der Wesir wol-le sich an die erste Stelle drängen. Mohammed beruhigte ihn des-wegen und gab ihm Vollmacht, in seiner Abwesenheit zu handeln, wie er es nach reiflichem Erwägen für gut und notwendig halte.

Nun mußte nach außen hin ein Grund für Mohammeds Reise gefunden werden. Auch dafür wußte Abu Bekr Rat. Es waren Boten aus Jathrib vor kurzem gekommen, um den Herrscher zu bitten, daß auch in ihrer Stadt ein Heiligtum erbaut werde. Das hatte Mo-hammed zunächst abschlagen müssen. Er hatte aber versprochen, daß er demnächst einmal selber kommen und mit den Bewohnern verhandeln wolle. Das konnte nun zum Vorwand genommen wer-den.

Von seiner nächtlichen Weisung sagte Mohammed auch jetzt nichts zu Abu Bekr. Er hatte gelernt, daß es besser sei, zu schweigen. Gern trennte sich Mohammed nicht von seiner Stadt, die ihm lieb geworden war. Wie würde er sie wiedersehen? Wenn der Aufruhr ausbrach, dann konnte es kommen, daß kein Stein auf dem andern blieb. Nun, auch das würde so werden, wie Gottes weiser Wille es bestimmt hatte.

Nur von Said und zwei Dienern begleitet, ritt Mohammed unauf-fällig zum Tore hinaus.

Als er dann erst einmal in der grünen Ebene war und die Rosse traben lassen konnte, da zog Zuversicht und froher Wagemut in sein Herz. Er ging jetzt seiner Aufgabe entgegen!

Vorher aber wollte Gott der Herr sein Werkzeug noch schleifen lassen, damit es recht brauchbar werde. Das war nur Grund zur Freude.

In Jathrib traf er die Seinen gut untergebracht in einem alten, aber wohlerhaltenen Palast, der nach dem Tode der letzten Besitzer Ei-gentum der Stadt geworden war.

Die Bevölkerung nahm ihren Fürsten mit Jubel auf. Er sagte na-türlich nicht, daß er geflohen, sondern er hielt den Glauben auf-recht, daß die Angehörigen demnächst weiter ins Gebirge gebracht werden sollten, er selbst aber einmal seine Getreuen in Jathrib habe kennen lernen wollen.

Er erzählte ihnen, daß er sich damit beschäftige, dem ganzen Rei-che Arabien einen gemeinsamen, guten Glauben zu geben. Danach solle auch Jathrib ein Heiligtum erhalten, schön und prächtig, darin alle Bewohner Gott würden anbeten können.

Es gab so viel zu verhandeln mit den Stadtvätern, die die Anwe-senheit ihres Herrschers recht ausnutzen wollten, daß die Tage wie im Fluge verstrichen.

Von Abu Bekr kamen treue Boten, die von immer sich mehren-der Unruhe in Mekka erzählten. Dann, eines Tages, blieben auch die Boten aus, und Mohammed wußte, daß nun das Unvermeidli-che eingetreten war. Ali und Said baten, zurückkehren zu dürfen, um an Abu Bekrs Seite zu kämpfen, wenn es notwendig werde.

Mit Mühe hielt Mohammed sie zurück. Sie waren hier bei den Frauen nötig; denn nun würde bald die Zeit gekommen sein, daß er sie verlassen mußte.

Reisende Kaufleute brachten die Kunde, daß in Mekka ein bluti-ger Aufstand ausgebrochen sei, der von Abu Bekr mit grausamer Härte unterdrückt werde. Danach kamen andere, die von Feuers-brunst erzählten, die in der schönen Stadt wüte.

Dann kam niemand mehr. Jathrib schien gegen Süden hin vom übrigen Reich abgeschnitten. Niemand fand seinen Weg dorthin, niemand bahnte sich seine Straße herein. Es lag so in Gottes Wil-len, der seinem Wahrheitsbringer die Pfade ebnen wollte.

Eines Nachts kam dann der Befehl an Mohammed:

„Es ist Zeit, Diener des Allerhöchsten, daß Du die Deinen verläs-sest. Ganz allein reite gegen das Gebirge, Dein Weg wird Dir gezeigt werden. Nimm Wegzehrung mit für zehn Tage, versorge Dich mit doppelter Kleidung. Das alles magst Du getrost Deinem Roß aufla-den. Mehr aber nimm nicht mit Dir.

Den Bewohnern hier sage, daß Du einen Ausritt machen wirst. Den Deinen aber sage die Wahrheit. Sie müssen stark und getrost sein. Für alles andere wird gesorgt werden, darum kümmere Dich nicht.“

Mohammed tat, wie der Engel des Herrn befohlen hatte, und kei-ner der Seinen machte ihm das Scheiden schwer. Alina hatte schon früher mit allen gesprochen und ihnen gezeigt, wie sie Mohammed helfen könnten, indem sie freudig dem Befehl Gottes folgten.

So zog er aus auf Gottes Wegen, geleitet von seinen Boten, geöff-net für jeden Strahl, der von oben in seine Seele fallen wollte, ganz nur dem Willen seines Herrn hingegeben.

Als er nach drei Tagen noch nicht von dem Ausritt zurückgekehrt war und die Menschen begannen, unruhig zu werden, sprengte Ali aus, es sei ein Bote gekommen, der den Herrscher unterwegs mit wichtigen Briefen aus Syrien getroffen habe. Mohammed habe sich entschlossen, gleich dorthin weiter zu reiten.

Das wurde allgemein geglaubt. Ebenso verstand man, daß die Frauen die Rückkehr des Fürsten abwarten wollten, ehe sie die Stadt verließen.

Alina und Fatime schlossen sich in dieser Zeit noch enger anein-ander, wenn das möglich war. Sie begannen aber auch, mit ande-ren vornehmen Frauen in Verkehr zu treten, die die Fürstinnen mit Freuden willkommen hießen.

Aus diesem anfänglich nur oberflächlichen Verkehr, wie er unter den Frauen bisher üblich gewesen, entwickelte sich im Laufe der Zeit ein ernster, fester Zusammenschluß, der der ganzen Bevölke-rung zum Segen gereichte. Lange bevor Mohammed wiederkehrte, waren die Frauen Jathribs zu Dienerinnen Christus geworden in der Art, wie Alina es sie lehrte.

Ganz von selber milderten sich dadurch die Sitten. Überall mach-te es sich bemerkbar.

Mohammed aber war im Gebirge. Nach der Weisung des Boten Gottes hatte er Aufnahme bei einem Schafhirten hoch oben in den grasigen Hängen gefunden, der keine Ahnung hatte, wen er da als Knecht angenommen.

Mohammed nannte sich Said, um keinen Verdacht zu erregen, aber er hätte seinen Namen ruhig weiter führen können, der Hirte wußte nichts von einem Fürsten Mohammed, so wenig wie er von irgendeinem Gott wußte. Er kannte nur die Berge, seine Schafe, Hunger, Durst und Schlaf.

Aber er konnte. Mohammed das geben, was er außer der Füh-rung von oben gerade brauchte: ein Dach über dem Haupt, Speise, Trank und Arbeit, die ihm Zeit zum Denken ließ. War nicht Moses vor ihm auch ein Hirte gewesen in der Zeit seiner Bereitung? Er glaubte, sich dessen zu entsinnen.

Frohgemut weidete er seine wolligen Schützlinge, während er am sonnigen Hang lag, in den Himmel schaute und Ewigkeitsgedan-ken durch seine Seele ziehen ließ.

Eine um die andere klärten sich die in ihm angehäuften Fragen. Es wurde Licht in seiner Seele, und in den, Strahlen dieses Lichtes erblühte das, was er der Welt bringen sollte: die Wahrheit von oben in neuer Form. Plötzlich wußte er, daß es falsch gewesen wäre, wie Jesus lehrend durch das Land zu ziehen. Sechshundert Jahre waren seitdem vergangen. Die Völker hatten sich geändert. Besser waren sie nicht geworden. Wollte er etwas erreichen, so mußte er dem Volke befehlen, daß es den Glauben annehme, danach erst konnte er es unterweisen lassen und zu den Seelen sprechen.

Anders waren die Araber als vordem die Juden, anders mußten sie angefaßt werden.

Auch das sah er, daß er nicht einfach alles Alte als unbrauchbar, wohl gar schädlich verwerfen dürfe. Langsam müsse er vorgehen, an Altes anknüpfend das, Neue bringen, bis er dieses Neue an Stelle des Alten schieben konnte; ohne daß es dem Volke weh tat.

Sein Haupthaar hing weit über die Schultern herab, der Bart reichte bis auf die Brust. Daran merkte er, daß er schon sehr lange bei den Schafen war. Er hatte nichts, die wildwachsenden Haare zu beschneiden; sie hinderten ihn aber auch nicht. Sie waren ihm eine Art Zeitweiser.

Anfangs hatte er nach den Lämmern gerechnet, aber in die an-fänglich glatte Schau über, die ständig: das Leben erblickenden Jungen war ihm Verwirrung gekommen. Er hatte es aufgeben müssen, die Generationen zu zählen. Mochte es doch so viele Jahre her sein, wie es wollte. Er wußte die Seinen wohl geborgen in Gottes Schutz, und er selbst lernte, und war noch lange nicht fertig mit Lernen.

Der Hirt sprach nur selten mit dem Knecht, vor dem er große Scheu hatte. Er hielt ihn für halbsinnig. Als er merkte, wie genau Mohammed alle Anweisungen befolgte, wie sehr die Schafe ihn liebten, gewöhnte er sich an den oftmals laut vor sich hin Sprechen-den. Aber er fühlte kein Bedürfnis, mit ihm zu reden. Keiner wußte auch nur das Geringste vom anderen.

Die Gewandung, die Mohammed mitgebracht, war zerschlissen, trotzdem sie neu und aus festem Stoff gewesen. Er hatte sich gleich dem Hirten eine Umhüllung aus Schaffell gemacht. Sie hielt ihn warm.

Fast schien es Mohammed, als könne nichts kommen, die wun-derbare Ruhe und Gleichförmigkeit seines jetzigen Lebens zu un-terbrechen, außer dem Befehl Gottes, auf den er ohne Ungeduld wartete. Da trat ein plötzliches Ereignis ein: der alte Hirt starb.

Was sollte Mohammed mit den Schafen tun?

Nun mußte er sich um Weisung an Gottes Boten wenden. Die Tiere gehörten ihm nicht. Er wußte auch nicht, woher der Hirt die Lebensmittel geholt, die ihnen beiden den Hunger gestillt hatten. Wo hatte der Mann die Wolle, die Felle und die jungen Lämmer verkauft, die er manchmal mitnahm, wenn er tagelang sich entfern-te? Niemals hatte Mohammed danach gefragt.

Einige Tage lebte er in der alten Weise weiter, bis das Brot zur Neige ging, bis er kein Salz mehr hatte für seine Schafe. Da wagte er, Gott nochmals um Befehle zu bitten.

Diesmal erhielt er sie. Ganz genau wurde ihm der Weg mitgeteilt, den er zu gehen hatte, um in die Ortschaft zu kommen, in der der Alte bekannt gewesen. Dort solle er zum Dorfältesten gehen und ihm den Tod des Alten melden. Gleichzeitig solle er Wolle gegen Kleidung eintauschen und sich dann nordwärts in die nächste Stadt begeben, dort weiterer Befehle zu harren.

Mohammed tat genau so, wie Gott ihm hatte sagen lassen. Es war ihm weder lieb noch leid, daß er wandern sollte, wichtig war ihm nur, daß es auf Gottes Befehl geschah.

 

Noch am gleichen Abend erreichte er die Ortschaft, wo man ihm gute feste Kleidung für seine Wolle gab. Der Älteste rief einen Mann herbei, der der Sohn des Hirten war. Dieser machte sich sofort auf, nach der verlassenen Herde zu. sehen.

Man dankte ihm für Dienste und Nachricht und wollte ihn über Nacht behalten. Er aber hatte Befehl bekommen, in der Stadt zu bleiben, also mußte er sich dorthin aufmachen. Nicht einmal soviel Zeit ließ er sich, daß man ihm die Haare hätte beschneiden können. Dazu war wohl in der Stadt noch Zeit.

Zum Glück war es eine mondhelle Nacht, in der er der nicht sehr entfernten Stadt zuwanderte.

Zauberhaft war dies Schreiten in der Geborgenheit der höheren Führung. Es schien ihm, als wandle er in einem gewaltigen Tempel. Noch war er erst in der Vorhalle, aber das Heiligtum schien ihm so nahe.

Er fragte nicht, ob er es erreichen werde; mit klopfendem Herzen ging er dem entgegen, was er erleben sollte.

Nun erst kam die große Freude über ihn, daß er endlich als Werk-zeug seines Herrn, als Diener seines Meisters arbeiten dürfe. Er mußte stehen bleiben, die Arme dankend gen Himmel zu heben.

Da tat dieses Gewölbe sich über ihm auf, Glanz brach hindurch, dessen Ausstrahlung ihn fast zu berühren schien. Er sank mit stau-nender Anbetung in die Knie. Worte vermochte

er dem übermächtigen Empfinden nicht zu verleihen, aber alles in ihm war ein einziges Dankgebet.

Da schaute seine geöffnete Seele ein Bild von überirdischer Herr-lichkeit

In weitem Saale stand ein Thronsessel von lauterem Gold. Darauf saß Einer, dessen Augen wie Feuerflammen alles zu durchdringen schienen. Seine Haare wallten silberhell um ihn. Die Rechte deu-tete mit ausgestrecktem Zeigefinger. Sollte das ihm, Mohammed, gelten? War es möglich, daß der Erhabene, der da thronte, ihn, den kleinen Erdenmenschen, beachtete?

Und eine Stimme erklang in ihm, oder außer ihm? Er wußte es nicht. Er hörte sie und nahm sie in sich auf.

„Mohammed, Diener Gottes des Hocherhabenen, Jünger des Gottessohnes. Siehe hier den, der kommen wird, die Welten zu richten. Nimm dies Bild in Dich auf, damit Du verstehen kannst, was Dir darüber gekündet werden wird.

Der Wille Gottes wird die Menschheit gerecht richten! Er nimmt Dich auch zu seinem Diener an. Wandle von heute an in der Kraft des dreieinigen Gottes und vollbringe sein Gebot.“

Die Stimme verstummte, das Bild erlosch. Langsam zog sich der Glanz zurück. Mohammed aber blieb auf den Knien und betete, bis das Morgenrot den Himmel überzog. Danach erhob er sich, ein anderer, als wenige Stunden zuvor.

Rüstigen Schrittes wanderte er vollends der Stadt zu, wo er sich Haar und Bart beschneiden ließ. Danach suchte er eine Raststätte auf, nahm Speise und Trank zu sich und streckte sich auf eines der harten Lager. Er tat alles ganz mechanisch, all sein Denken war bei den Erlebnissen der Nacht, die er immer von neuem an seiner Seele vorbeiziehen ließ. Dann mußte er doch wohl eingeschlafen sein; denn es war ihm, als träumte er. Er sah sich in der Stadt Halef, wo er zu einer großen

Menschenansammlung sprach. Er hörte auch, was er sagte.

Von Gott, dem Einzig-Wahren, kündete er, und von der Notwen-digkeit, daß alle Völker auf Erden sich endlich, die Wahrheit erken-nend, um den Herrn aller Welten scharten!

Als er erwachte, wußte er, daß er jetzt zunächst nach Halef wan-dern müsse, dort zu dem Volke zu reden.

Als er vor das Rasthaus trat, stand ein Mann mit zwei Kamelen vor demselben. Er schaute Mohammed an, ging dann auf ihn zu und fragte:

„Bist Du der Reisende, der heute noch nach Halef reiten will? Hast Du dies Kamel bestellt?“

„Nach Halef will ich freilich, mein Freund“, erwiderte Moham-med, der in der Bereitstellung des Reittieres, die Führung Gottes zu erkennen meinte, und doch keinem andern das nehmen wollte, was vielleicht sein war. Deshalb fuhr er fort:

„Ich erinnere mich aber nicht, das Tier bestellt zu haben.“

„Kannst Du dafür bezahlen, so soll es Dich tragen“, gab der Mann zurück.

Nachdem der Preis vereinbart war, bestieg Mohammed das ge-duldige Tier, während der Vermieter auf dem anderen Kamel sich anschickte, ihm als Führer zu dienen.

 

Unterwegs erzählte der redselige Mann von allem, was sich in letzter Zeit in den Ländern zugetragen. Er wunderte sich, daß sein Begleiter gar nichts von allem zu wissen schien. Nachdem indessen Mohammed ihm gesagt, er komme von weit her und sei die letzten Jahre außer Landes gewesen, beeilte er sich, auch aus der Vergan-genheit Wahres und Entstelltes zu berichten.

Mohammed entnahm daraus, daß während seiner Abwesenheit ein blutiger Volkskrieg in Arabien getobt hatte. Abu Bekr habe sei-ne Streitkräfte um Jathrib zusammengezogen, immer bereit, mit größter Eile sich dorthin zu begeben, wo die Flammen des Auf-ruhrs noch nicht ganz erstickt seien und neu zu lodern drohten.

„Ich kannte Abu Bekr“, gestand Mohammed, der mehr von ihm hören wollte. „Also lebt er noch?“

„Es wäre schlimm um unser Land bestellt, wenn er nicht lebte“, sagte der Mann mit Nachdruck. „Seit unser Fürst nach Syrien gerit-ten, weil ein Bote ihn dorthin rief; wäre das Land sich selbst über-lassen geblieben, wenn der Wesir es nicht treu verwaltet hätte.“

„So hat er die Regierung übernommen?“ fragte Mohammed.

Er sah jetzt, weshalb ihm dieser Redselige, der ihm zuerst so lästig gewesen, in den Weg geführt worden war.

„Nein, dazu hat er keine Zeit. Er dämpft nur die Empörung, in-dem er die Empörer tötet“, erwiderte der Mann gleichmütig.

Mohammed schauderte. Wie dankbar war er, daß das nicht seine Aufgabe geworden war!

„Einen Fürst haben wir nicht, weil wir wissen, daß der unsere zurückkehren wird, sobald wir ihn aus den Händen der schlauen Syrer, die ihn gefangen halten, befreien können. Abu Bekr rüstet zu einem Kriegszug nach Syrien, um die Schurken zu zwingen, unse-ren Fürsten freizulassen.

Inzwischen regiert sein Schwiegersohn Ali und sein Pflegesohn Said hilft ihm dabei.“

„Und wie lange dauert dieser Zustand schon?“ erkundigte sich Mohammed, der alle Zeitberechnung verloren hatte.

„Es sind jetzt fast zehn Jahre her, daß die Unruhen ausbrachen“, lautete der Bescheid.

Zehn Jahre! Unfaßlich lang, wenn man es nennen hörte, unbe-schreiblich kurz für alles, was zu erleben gewesen war.

Zehn Jahre lang hatte seine Unterweisung gedauert !

Zehn Jahre war er fern gewesen von den Seinen. Seine Töchter Fahira und Jezihde würden ihn gar nicht mehr kennen.

Ob das damals erwartete Kindlein abermals eine Tochter gewor-den war?

Er hatte in den langen Jahren kaum mehr an die gedacht, die nun wieder in sein Leben treten sollten. Aber auch jetzt blieb ihm keine Zeit, sich mit ihnen zu beschäftigen. Am Abend erreichten die rü-stig ausschreitenden Kamele die Stadt Halef, und der Treiber brach-te Mohammed an ein entlegenes, aber sehr bequemes Rasthaus.

In den nächsten Tagen suchte Mohammed Fühlung mit den hier ansässigen Arabern zu bekommen. Auch sie sprachen von den Greueln, die zu Mekka geschehen, und nannten schaudernd Abu Bekrs Namen. Aber sie vermuteten, daß Mohammeds Befehle hin-ter allem ständen, was sich zugetragen. Sie vermuteten ihn in Ja-thrib, das er zu seiner Residenz erheben wolle.

Er fragte nach Abu Talib. Niemand wußte von ihm. Entweder war er umgekommen, oder er hatte einen anderen Namen angenom-men, unter dessen Deckmantel er sein feindliches Treiben fortsetz-te.

Nun sprach er von einem Zusammenschluß aller Araber und fand freudiges Entgegenkommen. Die Männer baten ihn, bis zum nächsten Abend in ihrer Stadt zu bleiben. Es sei eine geheime Zu-sammenkunft vieler Araber festgesetzt, dort solle er hören und sel-ber sprechen, wenn er wolle.

Es ergriff ihn, daß diese Menschen ihm, dem Unbekannten, mit solchem Vertrauen begegneten. So sehr beschäftigte es ihn, daß er dem Gedanken schließlich Worte leihen mußte.

„Sagt mir, Freunde, woher wißt Ihr, daß ich Euch gut gesinnt bin und Euch nicht verraten werde?“ erkundigte er sich.

Da erfuhr er, daß ein alter Araber, der eine Sehergabe habe, ihnen vor drei Tagen bereits das Kommen eines Fremden geweissagt. Er habe Mohammed so deutlich beschrieben, daß sie ihn sofort er-kannt hätten.

Was Mussad sage, daran gäbe es keinen Zweifel. Er habe ihnen geraten, den Fremden gut aufzunehmen. Das helle Mal auf seiner Stirn solle ihnen ein Zeichen sein, daß er von Mohammed ben Abdallah, dem Fürsten der Araber, gesandt sei, der das gleiche Zei-chen auf der Stirn trage.

Den folgenden Tag verbrachte Mohammed am Hafen und lernte dort allerlei, was ihm nützlich werden konnte.

Er erfuhr, daß Handel mit fernen Ländern getrieben werde, die hauptsächlich Gewürze, Weihrauch, Edelsteine, Teppiche und Sei-denstoffe haben wollten. Auch Kaffee würden sie beziehen, aber die Syrer gaben keinen ab. Sie verbrauchten allen angebauten Kaffee im eigenen Lande.

„Verschi@ Ihr auch Edelhölzer?“ erkundigte sich Mohammed, in dem Kaufmanns-geist sich regte.

„Wir haben keine. Aber Palästina sendet Zedern in ferne Länder“, erhielt er zur Antwort.

Nun wollte er wissen, was die fremden Völker dagegen einschiff-ten. Er erfuhr, daß Waffen von den Schiffen gebracht würden, vor allem Schwerter mit wunderbar biegsamem Stahl, die ihnen haupt-sächlich als Vorbild dienten, ihre eigene Waffenerzeugung wieder zu heben.

Ferner kämen Ballen glatten, weißen Stoffes. aus Pflanzengewebe, der hier eingefärbt und verarbeitet werde zu Gewändern für Frauen und Kinder. Kühl und schmiegsam sei er.

Als der Abend herankam, suchte Mohammed seine Bekannten auf, die ihn freudig empfingen. Mussad habe den ganzen Tag in Verzückung gelegen. Vor etwa einer Stunde habe er endlich zu sprechen begonnen und den Lauschenden mitgeteilt, daß sie Gro-ßes erleben würden. Mohammed selber werde kommen, um ihnen Hilfe in ihrer Not zuzusagen.

„Wo lebt Mussad?“ fragte Mohammed. „Darf ich ihn sehen?“

Man sagte ihm, daß er in einer der engsten Gassen wohne, wohin des Fremden Fuß gewiß nicht treten dürfe. Außerdem sei er nach jeder Prophezeiung so angegriffen, daß man ihm die Ruhe lassen müsse. Abends werde er bei der Versammlung sein.

„Abends?“ fragte Mohammed erstaunt. „Ist es noch nicht Abend?“

„Herr, wohl ist das Tagesgestirn untergesunken, aber wir können erst zusammen-kommen, wenn die Stadtwachen zum letztenmal um die Stadt gezogen sind. Bis dahin laß Dir unsere Gastfreundschaft gefallen. Ein Eulenschrei wird künden, wenn wir sicher sein werden, niemand mehr zu treffen.“

Schweigend saßen die Männer zusammen, nach Art der Syrer aus merkwürdigen Pfeifen rauchend. Das gefiel dem Fürsten wenig, aber er war Gast und durfte nichts sagen. Wohl hatten die Wölk-chen, die den Pfeifen und dem Munde entstiegen, angenehmen Duft, aber die bläuliche Färbung ließ alles undeutlich erscheinen. Ebenso undeutlich würde es wohl in den Menschen aussehen, wenn sie sich diesem Genuß hingaben.

Als die Männer seine Neugier für ihre Pfeifen sahen, boten sie ihm an, mit ihnen zu rauchen. Er aber gedachte alles dessen, was der Abend bringen sollte, und lehnte den Versuch ab.

Als sie ihn darauf geradezu um den Grund seiner Weigerung be-fragten, sagte er ihn freimütig. Sie lachten zwar, aber einer nach dem andern ließ seine Pfeife ausgehen. Dafür wurde dicker, schwarzer Kaffee gebracht, der alle belebte. Endlich erscholl der Eulenschrei.

Die Männer brachen eilig auf. Man hatte nicht weit zu gehen. Gleich außerhalb der Stadt lag ein großes Gebäude, das meist als Aubewahrungsort für auszuschiffende Güter diente. Gerade ge-stern war es wieder leer geworden.

Es enthielt eine riesige Halle; wie staunte aber Mohammed, als er sah, daß sie sich rasch bis in den hintersten Winkel füllte. Noch mehr staunte er aber, als er in ihr den Ort des nächtlich geschauten Bildes erkannte.

So war seine Empfindung richtig gewesen, daß er hier von Gott künden dürfe und müsse.

An einer durch Kisten erhöhten Stelle stand ein alter Mann und begann zu den Anwesenden zu sprechen. Er redete so, wie es wahr-scheinlich immer üblich war, indem er eine Reihe von Bedrückun-gen und Gewalttätigkeiten aufzählte, die die Araber sich in Syrien hatten gefallen lassen müssen. Für jede derartige Anschuldigung hatte er Zeugen, die seine Worte bestätigten.

„Das ist der öffentliche Ankläger“, flüsterte einer der Bekannten Mohammeds auf dessen fragenden Blick. „Gleich wird der heutige Redner sprechen.“

Mühsam stieg der Alte von den Kisten, ein Jüngerer schwang sich hinauf. Freudige Zurufe begrüßten ihn, die er nicht zu hören schien. Unbeweglich ernst blieb sein blasses Antlitz. Ohne weiteres sprach er sofort von dem, was sie alle beschäftigte: das Freiwerden von dem Joch der Syrer, der Anschluß an Arabien.

„Freunde“, rief er, „wenn es wahr ist, daß ein Gesandter Fürst Mo-hammeds unter uns weilt, wie Mussad sagt, so möge er vortreten, damit wir aus seinen Worten Mut und Kraft schöpfen können. Seit einem halben Menschenalter ist dies der erste Lichtblick; denn was da früher mit schönen Worten zu uns kam, das war nur angetan, uns zu verderben.

Entsinnt Ihr Euch noch Abu Talibs ? Er warb für den Anschluß an Arabien und verbot uns gleichzeitig, einen Schritt dazu zu tun. Seine Freunde wollten unsere Sache beim Fürsten führen. Ich bin überzeugt, sie haben nichts dergleichen getan.

Nun aber fordere ich Dich, Fremder, nochmals auf: tritt herzu, damit ich Dich befrage!“

Ruhigen Schrittes ging Mohammed auf den Redner zu und stellte sich ihm gegenüber, so daß Auge in Auge ruhen konnte. Trotz der sehr einfachen Kleidung atmete Mohammeds ganze Gestalt, jede Bewegung, so viel Würde und Vornehmheit, daß davon allein schon Ermutigung über die Gedrückten strömte. Der Fremde mußte ein hoher Beamter sein, er würde zu antworten wissen.

Der Redner hatte Mohammed gemustert, nun begann er:

„Du hast uns Deinen Namen nicht genannt, Fremder. Es genügt uns, daß Mussad für Dich gesprochen, wir vertrauen Dir auch ohne Namen. Sage uns: Kennst Du Fürst Mohammed ben Abdallah?“

Voll Spannung hingen die vielen hundert Augen an dem Gaste. Mohammed lächelte. Es war eine solche Güte und Freundlichkeit in diesem Lächeln, daß ein Aufatmen durch die Reihen ging.

„Wohl kenne ich den Fürsten der Araber“, sagte Mohammeds klingende Stimme. Sie hatte gar nichts von dem kehligen Klang der Araber, sondern tönte wie helles Metall.

„Weißt Du, ob er unser denkt, die wir hier in Not und Bedrük-kung schmachten?“ lautete die zweite Frage.

„Er denkt Eurer und er will Euch helfen!“ Laut verkündete es Mo-hammed.

„Er denkt unser, er will uns helfen!“ wiederholten viele Stimmen in Zuversicht, in Jubel, in Verwunderung, je nach der Art des Sprechers.

 

Gerade dieser Chor griff Mohammed ans Herz, so daß er die drit-te Frage gar nicht abwartete, sondern, sich der Menge zuwendend, zu sprechen begann.

„Stammesbrüder, Araber! Schweres habt Ihr erduldet, damit Ihr innerlich reif wurdet, den Segen zu heben, den diese schwere Zeit für Euch barg. Lernen mußtet Ihr, daß fern der

Heimat niemals wahres Glück erblüht.

Falsch aber wäre es, wenn Ihr alle jetzt in die Heimat zurückkeh-ren wolltet, die Ihr nicht kennt, die schon Eure Vorväter verlassen haben. Hier seid Ihr heimisch geworden. Aber fürchtet Euch nicht, daß ich jetzt sagen werde: bleibet in der Fremde. Nein !

Ihr könnt nicht nach Arabien zurückkehren, weil Ihr dort keinen Platz finden würdet, aber . . . „sekundenlang hielt er inne und ließ seinen Blick über die Menge schweifen, die gebannt an ihm hing, „aber Arabi-en wird zu Euch kommen! Wir werden dieses Land, das Ihr bewohnt, das Euch trotz aller Bedrückung Heimat wurde, dem unsern anfügen.

Ein großes Arabien soll die Länder einigen, in denen die braunen Söhne der Mutter Arab ihr Leben fristen. Aus Bedrückten sollen sie glückliche Bewohner werden, denen gleichgestellt, die neben ihnen leben.“

„Warum nicht Herrscher?“ riefen viele Stimmen.

„Vielleicht auch Herrscher“, gab Mohammed zu. „Es wäre aber falsch, wenn Ihr davon ausginget, nun den andern das zuzufügen, was sie an Euch gesündigt.“

Ein Flüstern erhob sich ringsumher. Mohammed konnte nicht unterscheiden, war es Beifall oder Mißbilligung, aber er wartete ruhig. Ganz stark fühlte er die Kraft, die ihm verheißen, in sich einströmen.

Tief schöpfte er Atem, weil diese Kraft fast zu überwältigend war. Die Menge aber hielt es für ein Zeichen, daß er weitersprechen wollte. Stille trat wieder ein.

„Freunde, höret nun, was Fürst Mohammed ben Abdallah Euch durch meinen Mund sagen läßt.

Er ist willens, Euch von den Bedrückern frei zu machen, wenn es nicht anders geht, dann durch Waffengewalt!“

Freudenrufe unterbrachen ihn. Sekundenlang. konnte er nicht weitersprechen. Dann trat ebenso rasch wieder Schweigen ein.

 

„Aber er bittet Euch, nichts Voreiliges zu unternehmen. Er selbst will mit denjenigen unter Euch sprechen, die bisher Eure geheimen Anführer waren. Im, Bunde mit ihnen wird er festsetzen, was zu geschehen hat. Jeder unbesonnene Schritt würde alles verderben. Versteht Ihr mich?“

Bejahende Zurufe antworteten.

,Fürst Mohammed ist ganz sicher, daß das, was er sich vorgenom-men hat, gelingen wird; denn er hat einen mächtigen Verbündeten, der ihm aufgetragen hat, diesen Schritt zu tun. Auch Euch will er helfen, wenn Ihr Euch dessen wert erzeigt.

Dieser Verbündete ist Gott, der Herr aller Welten, der Euch und mich, Tiere und Pflanzen und alles Lebende und Unlebendige ge-schaffen hat! Der seine heilige Hand ausstreckt über die Menschen, daß sie atmen und gedeihen können, der nicht will, daß irgend je-mand ungerecht bedrückt werde. Diesem Gott gehorcht Moham-med, diesem Gott. will er sein Volk zuführen, auf daß es den Segen genieße, der aus dem Gottglauben, aus der Wahrheit kommt.“

„Höret ihn!“ unterbrach eine zitternde, und doch durchdringen-de Stimme. „Er spricht die lautere Wahrheit.“

„Mussad, Mussad, der Seher“, riefen die Männer.

Sie machten Bahn für einen Greis, der auf einen jungen Men-schen gestützt, herzutrat. Zitternd streckte er die Hand aus, als er vor Mohammed stand. Der Fürst sah, daß der Alte blind war. Die erloschenen Augensterne hatten alles Leuchten verloren, und doch. strahlte das Antlitz, als werde es von innen erhellt.

„Reiche mir Deine Rechte, Fremdling“, bat der Alte, und Moham-med willfahrte.

Er faßte nach der Greisenhand und umschloß die dürren küh-len Finger mit seinen lebenswarmen. Da neigte sich der Greis und drückte seine welken Lippen auf die Hand. Staunen durchlief die Versammlung. Hier und da aber flammte blitzartig ein Verstehen auf. Es bedurfte der Worte Mussads nicht mehr, seine Gebärde hat-te gesprochen.

„Heil, Fürst Mohammed ben Abdallah!“ brausend scholl es durch die Halle.

Alle Vorsicht war vergessen. Jubel erfüllte die bisher so Trauern-den, Freude und Mut belebten sie. Mohammed wollte sprechen, aber er konnte nicht zu Worte kommen. Immer wieder mußte sich die Glückseligkeit in lauten Rufen zeigen.

Endlich hob er die Hand. Mussad wollte reden.

Mehrere Männer hoben den Alten auf die Kisten und hielten ihn, daß er sicher stünde. Und dann begann die Greisenstimme den Männern zu künden, daß wahrlich der Fürst sel-ber in ihrer Mitte weile als sichere Bürgschaft, daß er ihnen helfen wolle.

Ihm, Mussad, aber habe sich Gott der Herr schon seit Jahren geoffenbart. Daher seien alle seine Weissagungen geflossen. Er wis-se, daß das Heil für alles Volk nur in dem Glauben ruhen werde, den Mohammed im Auftrag des Herrn aller Welten ihnen bringen werde.

Sie sollten Gott danken, daß er sich ihrer annehme. Sie sollten von ihm hören und ihn anbeten als den Herrn und Helfer.

Danach sprach Mohammed zu dem beglückt lauschenden Volk. Er kündete von Gott, der sich einst den Juden geoffenbart, dann aber seinen Segen allen Völkern verheißen habe, die in seinen We-gen wandeln wollten.

Lange sprach er, dann meldeten die ausgestellten Wachen, daß die Röte des Morgens heraufziehe. Geschwind huschte die Versamm-lung auseinander. Mohammed wurde von allen Seiten gebeten, zu Gast zu kommen. Er zog zunächst das Verbleiben an der Raststätte vor, ging aber mit seinen ersten Bekannten in deren Heim, um dort den Morgenimbiß zu genießen.

Die nächsten Tage vergingen mit Besichtigung der Stadt und de-ren Umgebung. Jeden Augenblick, den die geheimen Führer dran-geben konnten, sprach der Fürst mit ihnen über ihre und seine Plä-ne.

Als dann alles geordnet war, wurde nochmals eine Versammlung zusammengerufen, in der Mohammed abermals von Gott kündete. Dann nahm er Abschied und verhieß, daß sie bald von ihm hören würden. Es war ausgemacht, daß er sich nicht mehr an die Syrer wenden würde, da jeder seitherige Schritt, von ihnen Erleichterung für die Araber zu erlangen, nur um so stärkere Bedrückung hervor-

gerufen hatte.

Nachts hatte Mohammed erfahren, daß es jetzt Zeit sei, nach Ja-thrib zurückzukehren. So völlig verließ er sich auf die Führung von oben, daß er sich nicht einmal nach einem Reittiere für die Rück-reise umgesehen hatte.

Sein Vertrauen hatte ihn auch nicht betrogen. Während er den letzten Morgenimbiß einnahm, trat der Kameltreiber herein, der ihn hergebracht hatte.

„Ich hörte, daß Du noch hier seiest. Wenn Du Lust hast, mit mir nach Jathrib zu reiten, so sitze auf, Herr. Das Kamel, das Du kennst, harrt Deiner draußen.“

Unterwegs ließ Mohammed sich wieder alles berichten, was der Führer inzwischen erfahren hatte. Mekka war ruhig geworden. Aus der einst blühenden Stadt war ein Trümmerhaufen entstanden, in dem etwa die Hälfte der früheren Bewohner ein scheues Leben führten.

Auch andere Städte hatten die Vergeltung Abu Bekrs fühlen müs-sen. Rings um Mekka liege ein Gürtel von zerstörten Ortschaften.

„Und Jathrib?“ fragte Mohammed.

Jathrib blühe und vergrößere sich. Ringsherum habe Abu Bekr seine Krieger gelagert, aber es sei überflüssig, die Stadt zu schir-men. Sie sei beschützt durch die Treue der Bewohner.

„Bist Du in Jathrib bekannt?“ erkundigte sich Mohammed, der von den Seinen gern Kunde gehabt hätte. Indessen verneinte der Treiber.

 

Nach einer Reise von vielen Tagen kamen sie endlich an den Gür-tel der Bewaffneten. Hier entlohnte Mohammed seinen Führer, der sofort mit den beiden Kamelen weiterzog. Mohammed fragte nach Abu Bekr. Er hatte es gut getroffen. Die Stelle, an der er abgestiegen, befand sich unmittelbar vor dem Zeltlager des Wesirs.

Erstaunt musterten die Krieger den einfach gekleideten Mann, der es wagen wollte, vor „Abu, dem Blutigen“, wie sie ihn nannten, zu erscheinen.

„Wer bist Du, und was willst Du von ihm?“ fragte der Anführer.

„Ich heiße Mohammed und bin ein guter Bekannter des Wesirs“, lautete die Antwort.

„So warte hier draußen, daß ich fragen lasse, ob er Dich sehen will. Wird er aber ungehalten, daß man ihn gestört, so komme sein Zorn über Dein Haupt, Fremder“, entschied der Anführer.

Geraume Zeit mußte Mohammed warten, dann hörte er Abu Be-krs Stimme.

„Wo ist der Mann, der es wagt, den geheiligten Namen unseres Fürsten zu führen!“ polterte er, indem er den Vorhang am Zeltein-gang zurückschob.

„Mohammed ist ein sehr gewöhnlicher Name. Viele Männer füh-ren: ihn“, gab Mohammed gut gelaunt zurück. „Es wäre ärger, wenn ich mich Abu Bekr genannt hätte; denn ihn gibt es nur einmal.“

Der Wesir tat rasch einige Schritte vorwärts. Er hatte die Stimme erkannt!

„Herr“, stammelte er und wollte sich niederwerfen.

Aber Mohammed hinderte ihn, indem er ihm zuraunte, daß er um keinen Preis sich, zu erkennen geben wolle,

Abu Bekr faßte sich rasch. Er bat den Gast, in sein Zelt einzu-treten, und folgte, nachdem er angeordnet, daß Speise und Trank gebracht werden sollten.

Nun standen sich die Beiden gegenüber, die sich zehn lange Jah-re nicht gesehen. Sie schauten und wunderten sich. Während Abu Bekr feststellte, daß Mohammed nicht um einen Tag älter aussah, als damals, da er von ihnen geritten, mußte Mohammed erkennen, daß Abu Bekr sich dem Greisenalter nahte.

Mohammeds Züge, die immer edel und feingeschnitten gewesen waren; schienen jetzt von Geistigkeit überhaucht, unbeschreibli-ches Licht lag auf ihnen. Abu Bekrs gröberes Antlitz aber war rot, gedunsen und von einer gewissen Grausamkeit gezeichnet.

So viel hatten die Beiden sich zu sagen, und konnten kein Wort finden. Endlich brach der Wesir das Schweigen :

„Herr, wo warst Du in all den langen Jahren?“

„In Gottes Schule“, erwiderte Mohammed ernst. „Ich werde Dir später davon erzählen,

„Morgen wollte ich nach Syrien aubrechen, um Deine Herausga-be zu fordern“, sagte Abu Bekr kopfschüttelnd.

„Nach Syrien sollst Du ziehen, mein Freund, sobald Du mich an-gehört haben wirst. Aber nicht um mich zu fordern, sondern um die Araber zu befreien.

Die ganze Nacht saßen sie beisammen, erzählend und fragend. Auf des Fürsten Wunsch wurde alles andere beiseite geschoben, es war nur die Rede von den unterdrückten Arabern, denen so rasch wie möglich Hilfe gebracht werden sollte.

Mohammed hatte schon unterwegs erfahren, daß es in Gottes Willen lag, daß Abu Bekr die Freigabe der Araber mit bewaffne-ter Faust erzwingen sollte. Darum ordnete Mohammed das jetzt an und fand freudiges Entgegenkommen bei Abu Bekr.

„Herr, meine Krieger und ich sind in den zehn Jahren Deiner Ab-wesenheit das Kriegshandwerk so gewohnt geworden, daß wir uns langweilen, wenn wir in den Zelten hausen müssen. Es ist gut, daß Du Arbeit für uns hast.“

„Sieh aber Deine Arbeit nicht nur im Blutvergießen, mein Freund“, bat Mohammed. „Verschone alle, die sich beugen wollen.“ Der Wesir verneigte sich, jedoch ohne zu antworten. In seinen Gedanken suchte irgend etwas Gestalt zu gewinnen, für das er nicht gleich Ausdruck finden konnte. Jetzt begann er:

„Es ist gut, Herr, daß Du unerkannt unter uns weilst. Ich werde an meinem ursprünglichen Plan festhalten und Deine Freigabe in Syrien fordern. Das mag der Grund sein, weswegen ich mit bewaff-neter Macht in das Nachbarland einrücke. Daraus wird sich dann alles Weitere entwickeln.

Nun muß ich Dich aber bitten, noch einige Tage das Geheimnis zu wahren.“

Mohammed fand, es sei Grund genug, wenn Abu Bekr an der Grenze den Syrern erklären werde; er komme, um die mißhandel-ten Stammesbrüder zu befreien.

Der Wesir bewies ihm aber, daß dann ein Gemetzel im Inneren Syriens beginnen werde, das er nicht zu verhindern Imstande sei. Da redete der Fürst dem Treuen, der nun zehn Jahre lang alle Ver-antwortung getragen, nicht darein.

Am folgenden Tage zog Abu Bekr mit der Hauptstreitmacht ab. Prächtig hatte er die Krieger in Zucht, Mohammed freute sich an der Beherrschtheit der wohlgerüsteten Männer, bis ihm einfiel, zu welchem Zwecke sie auszogen.

Eine kleine Truppe Krieger blieb unter dem Befehl eines zuverläs-sigen Führers in der Zeltstadt zurück. Bei ihnen hielt sich Moham-med noch einige Tage auf, ohne sich zu erkennen zu geben.

 

Als er annahm, daß Abu Bekr weit genug entfernt war, machte er sich nach Jathrib auf. Er hatte sich einen Hengst geben lassen, den man ihm, als dem Bekannten des Wesirs, nicht hatte weigern können.

Als er sich der Stadt näherte und schon einzelne Gebäude zu unterscheiden vermochte, sah er rechts an der Straße auf grüner Anhöhe einen kleinen, weißen Palast inmitten blühender Gärten liegen. So leicht und gefällig war das Haus erbaut, daß es den Ein-druck machte, als schwebe es zwischen den nickenden Palmenwip-feln.

„Wahrlich, ein Wunder von Schönheit“, sagte Mohammed halb-laut. „Könnt Ihr mir wohl sagen, wer diesen Palast bewohnt?“ wandte er sich an einige Männer, die an der Straße besserten.

Sie schauten auf und musterten den Fremdling.

„Woher kommst Du, daß Du nicht weißt, daß es der Wohnsitz der reinen Frauen ist?“ fragten sie ihrerseits, erstaunt über soviel Unwissenheit.

„Der reinen Frauen?“ wunderte sich Mohammed. „Wer sind sie?“

„Wir nennen die Gemahlin unseres gefangenen Fürsten und seine Töchter so, weil sie ein so reines wohltätiges Leben führen. Sie woh-nen dort mit Vertrauten und Dienerinnen.“

„Wohnt Ali mit seiner Gattin auch bei ihnen?“ erkundigte sich der Fürst, in dessen Herz große Freude einzuziehen begann.

„Nein, er hat sich ein Stück weit dahinter einen Palast erbaut, in dem er mit seinem Weibe und sechs Söhnen wohnt.“

Sechs Söhne! Und ihm war der Erbe versagt geblieben! Es war sicher Gottes Wille gewesen.

Dankend für die Auskunft trieb Mohammed seinen Hengst zu schnellerer Gangart an und hielt bald darauf am äußeren Gitter der Palastgärten. Man hatte ihn gesehen, ein Gärtner eilte herbei.

„Zu wem möchtest Du, Fremdling?“ fragte er freundlich.

„Männer haben hier keinen Zutritt. Reite ein Stückchen weiter zu dem Hause, das dort hinten zwischen den Wipfeln auftaucht. Dort wohnt Ali, der Schwiegersohn unseres Fürsten. Dort sage Dein Be-gehr!“

„Ich habe Botschaft für Fürstin Alina, die ich ihr selber bringen muß“, gab Mohammed zurück.

Aber der Gärtner erwiderte bestimmt:

„Wenn Deine Botschaft wirklich dringend ist, so kannst Du sie der Fürstin drüben sagen. Zur Mittagszeit geht sie immer zu Fati-me. Dieses Grundstück betritt keines Mannes Fuß.“

Der Fürst sah, daß er machtlos war. Auch wenn er sich zu er-kennen gegeben hätte, war es zweifelhaft, ob der pflichttreue Gärtner ihn eingelassen hätte. Zu zwingend wirkte der Befehl Alinas.

So ritt er vor Alls Palast und traf dort auf den alten Mustafa, der seinen Herrn sofort erkannte. Mit Mühe konnte Mohammed ihn hindern, mit lautem Geschrei seiner Freude Ausdruck zu verleihen. Endlich begriff der Alte, daß der Fürst vorerst unerkannt bleiben wollte. Durch ein Hinterpförtchen ließ er ihn in den Palast und bat ihn, in einem kleinen, sehr hübschen Gemach zu warten. Er wolle Fatime herbeiholen.

Wenige Minuten war Mohammed allein und versuchte, sich an das Wohlbehagen zu gewöhnen, das ihn plötzlich umgab. Sicher-lich war dieser Palast prunklos und einfach im Vergleich zu jenem in Mekka, aber er war derartiges nicht mehr gewöhnt.

Da öffnete sich die Tür und ein Knabe von etwa sechs Jahren trat raschen Schrittes herein. Vor Staunen über den unerwarteten An-blick eines Fremden vergaß er, weswegen er gekommen.

„Was tust Du hier, Fremder?“ fragte er mit heller Kinderstimme.

„Wer hat Dich hereingelassen?“

Mohammed schaute den Knaben an und wußte plötzlich, daß er doch noch irgendwie mit den Menschen verbunden war. Dieser hier war einer seiner Enkel, er fühlte es an der Liebe, die plötzlich in ihm aufwallte. Und diese Liebe strahlte aus seinen Augen und zog den Knaben an.

Langsam näherte sich das Kind dem schweigenden Manne, die Augen immer weiter öffnend.

„Du, Du bist mein Großvater!“ jubelte er plötzlich. „Bist Du end-lich gekommen? Ich bin Mohammed ben Ali, Du kennst mich noch nicht. Freust Du Dich, daß Du bei uns bist?“

„Knabe, wie hast Du mich erkannt?“ wollte Mohammed wissen.

„An Deinen Augen, Großvater. Und irgend etwas in mir sagte ganz laut: das ist der Großvater, auf den Ihr so lange wartet.“

 

Die Tür öffnete sich, Fatime trat herein, hinter ihr Ali. Mustafa hatte nicht verraten, wer der Fremdling sei, der eine Botschaft habe, aber der kleine Mohammed jauchzte den Eltern entgegen:

„Der Großvater ist gekommen, und er hat die Augen, von denen Du erzählt hast, Mutter! Die Augen voll Himmelsglanz und Men-schenliebe.“

Nachdem die erste Freude sich gelegt, wurde beschlossen, Fürstin Alina rufen zu lassen, doch sollte der kleine Mohammed ihr nicht begegnen, um sie mit seiner jauchzenden Kunde nicht zu erschrek-ken. Auch ein freudiger Schreck konnte der Zarten schaden.

Inzwischen rief Ali seine anderen Söhne herbei, deren Jüngster erst wenige Wochen zählte.

„Mohammed gleicht Dir am meisten, Fürst“, sagte Ali. „Der Name paßt gut für ihn.“

Dann kam Alina, die innerlich gewiß war, welche Freude sie er-wartete. Seit Tagen lebte sie in der Überzeugung, daß ihr Gatte in dieser Zeit zurückkehren werde. Sie dankte Gott, der ihn gnädig behütet hatte.

Viel, sehr viel gab es zu erzählen, besonders, als auch Said sich dazu gesellte. Ali wollte sofort Rechenschaft ablegen von seinem Tun, doch bat der Fürst ihn, vorerst alles beim Alten zu lassen.

Er wolle sich langsam eingewöhnen. Vielleicht sei es überhaupt am besten, wenn eine Trennung der Arbeit eintreten könnte: er, Mohammed, wolle sich am liebsten ganz auf die Verkündigung des neuen Glaubens beschränken.

Dem widersprachen die andern entschieden. Sie waren über-zeugt, daß das Volk nach seinem Fürsten verlangen würde. Mo-hammed müsse Fürst bleiben, sie aber könnten ihm die Geschäfte nach besten Kräften abnehmen.

Er richtete sich nun in dem Stadthause ein, das zuerst der Fürstin und seinen Töchtern als Aufenthalt gedient hatte.

Immer noch nahm er an, daß er Mekka wieder als seine Stadt betrachten würde, trotzdem Ali ihm den Zustand der einst so blü-henden Residenz aufs kläglichste schilderte. Deshalb wollte er auch nichts davon wissen, daß Jathrib ihm einen Palast erbaue.

Sein ganzes Denken drehte sich um den neuen Glauben, den er seinem Volke bringen durfte.

Von Mekka ausgehend, hatte er in immer weiteren Kreisen das ganze Land damit ergreifen wollen. Als er nun einsehen mußte, daß dieses Vorgehen durch die Entwickelung, die das Land inzwischen genommen hatte, unmöglich war, griff er auf einen anderen Plan zurück, nämlich den, den Glauben durch einige machtvolle Geset-ze zwangsweise einzuführen.

Er sprach mit den Seinen darüber, und sie erwogen, wie solche Gebote aufgenommen werden würden. Die große Masse des Volkes würde sie annehmen, wie etwa ein Kleiderverbot oder eine Bestim-mung über Haltung von Sklaven, die kürzlich hatte erlassen werden müssen.

Die Christen würden aubrausen, ihren Glauben preisen und er-klären, nicht davon lassen zu können. Aber gerade diese Christen hatten die Worte des Gottessohnes so falsch gedeutet, so irrig wie-dergegeben, daß Mohammed es gar nicht bedauern würde, wenn sie auswandern wollten.

Ihm kam es mehr an auf die Juden, die ein gutes Drittel der Be-völkerung ausmachten.

Die Hälfte derselben war in Glaubensdingen den Fetisch-Anbe-tern gleichzustellen, das heißt, sie kümmerten sich nicht um Gott. Ihnen würde es gut tun, wenn sie zum Nachdenken und Insichge-hen gezwungen würden.

Die andere, strenggläubige Hälfte aber würde nur dann zu gewin-nen sein, wenn sie Christus als Messias sehen würden. Dahin muß-te Mohammed es bringen. Dann würde es leicht sein, das Volk für den neuen Glauben zu gewinnen.

Nun hatte ja Mohammed nie etwas anderes im Sinn gehabt, als das Judentum von allen anhaftenden Menschen-Satzungen zu be-freien und dann weiter auszubauen.

Er begann nun, dem, was ihm vorschwebte, feste Formen zu ge-ben, zunächst in einer Art „Botschaft an das Volk“, die an verschie-denen Orten gleichzeitig verlesen werden sollte:

„Ein Volk, das ohne Aublick nach Höherem im Irdischen ver-sinkt, hat keine Daseinsberechtigung.

Richten wir Menschen aber den Blick nach oben, so müssen wir den finden, der alles geschaffen, und der auch unsere Geschicke lenkt: Gott!

 

Gott ist Gott, das heißt: es ist nur ein Gott, der der Höchste, Ewige, Allmächtige ist. Kein Mensch kann ihn sehen, aber jeder Mensch kann seinen Willen spüren.

Je und je hat dieser Gott Propheten und Wahrheitsbringer auf die Erde gesendet, die den Menschen von ihm künden sollten. Jeder von ihnen war mit mehr Kraft bedacht, als die vorhergehenden, und trotzdem vermochte keiner etwas bei den halsstarrigen Völ-kern auszurichten.

Abraham lebte seinem Volke ein Leben des Glaubens vor. Man bewundert ihn heute noch, aber niemand denkt daran, es ihm gleichtun zu wollen. Moses brachte Gottes eigene Gebote - - wer achtet ihrer?

Da sandte Gott den herrlichsten Wahrheitsbringer: Jesus Chri-stus, seinen eigenen Sohn, zur Erde!

Was er sprach, war die lautere Wahrheit, war Gottes Wort selbst. Er lebte dieses Wort, solange er auf Erden schritt. Die Menschen haben ihn nicht verstanden. Sie haben ihn gemordet.

Immer noch sprechen sie mit frommer Geste von dem Messias, dem Gottgesandten, der da kommen soll, dem sie dann dienen und gehorchen wollen. Sie wollen nicht hören, daß der Messias schon gekommen vor sechshundert Jahren; denn dann müßten sie zuge-ben, daß sie sich an ihm versündigten, so schwer, daß keine Reue es wieder gutmachen kann.

Ihr aber, Araber, höret: Christus ist Gottes Sohn und ist gekom-men in die Welt, daß die Menschheit ihren Sünden entrissen wer-de! Alle Flammen des Gottesglaubens wollte er wieder entzünden, licht und hell sollte es werden in den Herzen, in der Welt.

Daran haltet fest, bis ich Euch mehr von ihm künden kann. Denn ich, Mohammed, bin ebenfalls ein Prophet des allerhöchsten Got-tes! Ich bin aber der Letzte in der Reihe, nicht der Kraftvollste, son-dern der zuletzt Gekommene.

Aber ich darf Gott verkünden und seinen eingeborenen Sohn Je-sus Christus! Noch mehr: ich darf auch von dem zeugen, der da kommen wird zu richten die Welt in Gerechtigkeit und Herrlich-keit!

Was ich Euch künden werde, das habe ich von oben erhalten. Gott verhüte, daß ich je ein Wort aus Eigenem hinzufüge.

 

Nun aber sage ich Euch:

Es ist mein Gebot als Euer Fürst, daß Ihr von dem falschen Glau-ben lasset! Alle Tempel, Fetisch-Häuser und Bethäuser sollen ge-schlossen werden von dem Tage an, da Ihr dies höret. Neue Tempel werden erbauet werden, Gott allein zur Ehre. Darinnen wird man von dem neuen, dem wahren Glauben zu Euch reden.

Alle Götzenbilder sollt Ihr verbrennen, denn sie sind Gott ein Greuel. Niemand kann Gott je schauen, deshalb kann auch nie-mand ein Bild von ihm machen. Er selbst hat es verboten in seinen heiligen Geboten!“

Diese Botschaft verlas Mohammed selbst. in Jathrib auf dem gro-ßen, öffentlichen Platz, und er konnte sehen, daß sie Eindruck auf die Menschen machte. Nun war aber Jathrib durch das Wirken der reinen Frauen schon aufnahmefähig gemacht. Das würde in den anderen Ortschaften anders sein.

Der Fürst ho@e, daß er Ali und Said bald würde entsenden kön-nen zur weiteren Verlesung seiner Schrift, aber das Land wurde wieder unruhig.

Abu Bekr kam aus Syrien zurück, wo er nach kurzem Vorgehen den Fürsten entthront und gefangen genommen hatte. Er führte ihn mit, damit Mohammed mit ihm verhandeln könne, wenn es ihm beliebe.

Araber und Juden hatten den Befreiern zugejubelt und sich auf ihre Seite gestellt, aber auch die größere Hälfte des syrischen Volkes hatte sich freiwillig unterworfen, da sie der Bedrückung durch ih-ren Fürsten überdrüssig waren.

Nun hatte der Wesir das Land in drei Teile geteilt, über jeden ei-nen Statthalter gesetzt und ihm genügend Krieger zurückgelassen, daß er imstande war, seinen Willen nötigenfalls mit Gewalt durch-zusetzen. Es würde aber kaum erforderlich sein; denn das Volk war guten Willens der neuen Herrschaft gegenüber.

Das war gute Kunde! Mohammed wagte nicht nach den Verlusten zu fragen, die der Sieg gefordert.

Dagegen verlangte es ihn, möglichst rasch zu einer Aussprache mit dem gefangenen syrischen Fürsten zu kommen. Er befahl, daß man ihn bringe.

Nach langer Zeit erschien Abu Bekr ganz verstört und berichte-te, daß der Gefangene seinem Leben mit eigener Hand ein Ende bereitet habe. Man hatte ihm sein Schwert gelassen gegen das Ver-sprechen, es gegen keinen Araber zu ziehen. Nun habe er sich selbst hineingestürzt.

Mit dem Tode des Fürsten war jeder Widerstand in dem erober-ten Lande zu Ende. Mohammed konnte daran denken, es sofort mit in seine Gesetze für den neuen Glauben einzubeziehen.

Inzwischen aber erinnerten die Bewohner Jathribs den Fürsten an sein Versprechen, ihnen ein Heiligtum erbauen zu lassen. Mit Freuden machte er sich an die Erfüllung.

Die Kaaba in Mekka, ein länglicher Steinkasten, konnte keinerlei Anspruch auf Schönheit erheben. Mohammed wollte etwas ganz Besonderes erbauen und rief deshalb Baumeister aus verschiede-nen Gegenden zusammen, damit sie ihm Pläne für das Gotteshaus entwerfen sollten.

Da kam eines Morgens Alina zu ihrem Gatten und sagte:

„Heute Nacht durfte ich ein herrliches Gebäude schauen. Ganz rund war es mit gewölbtem Dach. Von allen Seiten strahlte das Licht tageshell durch buntbemalte Fenster hinein.“

Während die Frau noch sprach, sah auch Mohammed den Bau vor sich, so deutlich, als kenne er ihn schon lange. Nun konnte er den Bauleuten ganz genau angeben, wie er das Haus zu Ehren Got-tes erbaut haben wollte.

Sie entwarfen die Pläne und der Fürst war sehr befriedigt. Seine Freude und sein Eifer feuerten die anderen an, so daß das Werk rüstig voranschritt.

In dieser Zeit schrieb er wieder an seinen Aufzeichnungen für den neuen Glauben. Es müßte wohl ein Buch werden, ähnlich der heiligen Schrift der Juden, dachte er. Noch war er sich nicht ganz klar darüber, wie er es damit halten wollte, aber er hatte Befehl be-kommen, zunächst einmal alles niederzuschreiben, was er erfahren in seiner langen Unterweisungszeit.

Das tat er, und je mehr er schrieb, desto lichter wurde sein Geist. Was ihm bisher unklar gewesen war, das zeigte sich jetzt in der klar-sten Weise, so daß er nur die richtigen Worte dafür zu finden sich be-mühen mußte. Aber auch das war nicht schwer. Sie strömten ihm zu.

Glückselig war er bei der Arbeit und merkte nicht, daß sich Schweres rings um ihn zusammenzog. Bis dann eines Tages die

Ältesten der Stadt Jathrib zu ihm kamen, ihm zu melden, daß die jüdischen Bewohner über den Bau des Gotteshauses empört seien und mehrfach versucht hätten, die Arbeit zu stören.

Nun hätten sie in der letzten Nacht Feuer angelegt, das nur durch die Wachsamkeit der ausgestellten Männer rechtzeitig habe ge-löscht werden können.

„Aber gerade den Juden will ich doch helfen!“ sagte Moham-med verständnislos. „Ich will ihnen zeigen, wie schwer sie ge-sündigt haben, damit sie umkehren können von ihren falschen Wegen.“

Die Ältesten berichteten, daß sie schwere Besorgnis hätten, daß von dieser Gesinnung der Juden Unheil über ganz Arabien kom-men könnte.

„So will ich zu ihnen reden! Entbietet sie auf morgen Abend auf den großen Platz. Wenn ich es ihnen recht darstelle, werden sie sich zufrieden geben.“

Obwohl die Männer sich gar nichts von dieser Maßnahme ver-sprachen, wollten sie nicht dreinreden und taten, wie ihnen befoh-len. Mohammed aber trug sein Anliegen betend nach oben und ging dann am nächsten Abend hoffnungsvoll zu der Judenver-sammlung.

Unterwegs bemerkte er, daß ziemlich viel Krieger in den nahe-gelegenen Straßen aufgestellt waren. Wer hatte das angeordnet? Es war ihm nicht recht, konnte aber jetzt nicht mehr ungeschehen ge-macht werden.

Zur festgesetzten Zeit begann er zu sprechen. Der von Fackeln nur mäßig erhellte Platz war insofern ungeeignet, als der Fürst die Züge der vor ihm Stehenden nicht erkennen konnte.

Er wußte nicht, ob sie lauschten oder mißmutig darauf sannen, selber zu Wort kommen zu können.

Wie er es sich vorgenommen, so sprach er, einfach und herzlich. Anfangs war atemlose Stille, als er aber den Messias erwähnte, lie-ßen sich unterdrückte Rufe vernehmen.

„Was weiß ein Araber von dem Messias!“ rief eine Stimme lauter als die anderen.

„Vergesset nicht, Ihr Leute, daß meine Väter Juden waren“, erklär-te Mohammed. „Ich liebe den jüdischen Glauben und möchte hel-fen, daß er da herauskomme, wo er stecken geblieben ist.“

Murren antwortete.

Unbeirrt sprach er weiter. Er sagte, daß das neue Gotteshaus dem Gott geweiht sein werde, den sie alle anbeteten, dem Ewigen, All-mächtigen, den sie Jehova nannten.

„Aber Christen und Heiden sollen mit uns darin beten, wir wis-sen es wohl!“ rief abermals eine laute Stimme.

„Ist das nicht in Gottes Willen“, fragte der Fürst dagegen, „daß alles Volk eines Glaubens werde? Wenn dieser Glaube erst allen gehört, dann wird es keine Christen und Heiden, aber auch keine Juden mehr geben. Alle werden sie Gottes Diener sein!“

Unruhe, die stetig anwuchs, machte sich bemerkbar. Plötzlich flog von irgendwoher ein Stein und streifte Mohammeds Stirn.

Langsam hob er die Hand und strich über die Stelle. Dann sagte er:

„Das war nicht recht, Ihr Leute. Ich komme aus Liebe zu Euch, und Ihr antwortet so!“

„Willst Du es besser haben als Dein Messias?“ rief eine schneiden-de Stimme hohnvoll. „Du sagst ja, auch er sei aus Liebe gekommen und von den Juden gemordet worden. Gib acht, daß es Dir nicht ebenso ergeht, Du falscher Wahrheitsbringer!“

Nun war kein Halten mehr. Steine flogen. Stimmen höhnten.

Ganz allein stand Mohammed der Rotte gegenüber, aber er fühlte kein Bangen. Stark fühlte er sich; denn in ihm war Kraft von oben.

Laut rief er in den Tumult „Seid vorsichtig, Ihr Leute! Was Ihr jetzt tun wollt, könnte Euch zum Verderben gereichen!“

Diese gutgemeinte Warnung nahmen die, die sie gehört hatten, als Drohung. Das verstärkte den Aufruhr. Plötzlich rief erst einer, dann wiederholten viele den Ruf „Die Bewaffneten kommen!“

So war es. Aus den benachbarten Straßen zogen die Krieger in gu-ter Ordnung herbei. Sie führten Fackeln mit sich, deren Schein den Platz taghell erleuchtete. Da hielt der Mut der Meute nicht stand, sie liefen nach allen Richtungen davon und in kurzem war der Platz leer.

 

Mohammed aber ging wie betäubt nach Hause.

Hatte er etwas falsch gemacht? Hätte er nicht zu den Menschen sprechen sollen?

Abu Bekr ließ sich melden, aber der Fürst konnte niemand sehen, ehe er nicht seinen Schmerz vor Gott gebracht hatte. Betend lag er die Nacht über auf den Knien und suchte Gewißheit, daß sein Weg der rechte war.

Währenddessen aber tobte der Graus durch Jathrib: Abu Bekr wußte genau, wo die Juden wohnten. Schon lange hatte er sie und ihr geheimes Treiben beobachten lassen. Jetzt hob er mit seinen Kriegern die Nester aus.

Gefangene wurden nicht gemacht! Es war ein entsetzliches Blut-bad, das der Getreue anrichtete, um seinen Herrn vor künftigen. Angriffen zu schützen. Es war ihm recht gewesen, daß der Fürst ihn nicht empfangen hatte; denn im Grunde wußte er, daß das, was er jetzt tat, nicht im Sinne Mohammeds war.

Aber der Fürst war ein Träumer, ein anderer mußte für ihn den-ken, das war ihm ganz klar. Mochte Mohammed auch nachher eine Zeitlang zürnen, die Steine des Anstoßes waren eben doch aus dem Wege geräumt worden.

Bis in den Morgen hinein währte das Blutbad, über fünfhundert Juden waren gemordet worden.

Wer sollte das dem Fürsten berichten? Niemand wollte diese Auf-gabe übernehmen. Da schritt der Wesir selber in das von Moham-med bewohnte Haus. Ein Feigling war er nie gewesen.

Als er vor seinen Fürsten trat, erschrak er über dessen Aussehen. Blaß und übernächtig waren die Züge, müde schauten die sonst so leuchtenden Augen.

Gegen seine Gewohnheit wartete der Wesir die Anrede Moham-meds ab. Dieser blickte ihn lange an, dann sagte er:

„Schlimmes bringst Du mir, mein Freund, ich sehe es. Aber es kann kaum schlimmer sein, als das, was ich heute Nacht schauen und erleben mußte. Rede!“

Da berichtete Abu Bekr mit wenig Worten, wie er, empört über den, Angriff auf das Leben des vertrauenden Fürsten, seine ebenso erregten Krieger auf die Juden gehetzt. Sie hätten nicht erst lange nach, schuldig: oder unschuldig fragen können.

 

„Die Feiglinge hätten sich ja doch herausgeredet!“ rief der Wesir in; seiner gewohnten stürmischen Weise.

Dann fuhr er wieder ruhiger fort und sagte, daß der einmal entfes-selte Blutrausch seiner Leute nicht zu hemmen gewesen sei. Er habe erst mit dem Tode des letzten Juden Jathribs ein Ende gefunden.

Schaudernd hatte Mohammed die Augen mit der Hand verhüllt.

„Ist es nicht entsetzlich, Abu Bekr“, sagte er nun langsam, „daß ich der Menschheit Gott bringen will, ihnen Glück, Frieden, Segen vermitteln möchte, und daß ich ihnen den Tod bringe, daß sie in meinem Namen gemordet werden? Sage selbst, kann ich nach dem, was heute Nacht geschehen, selber noch leben, kann ich noch Got-tes Werkzeug sein?“

Zum erstenmal seit ihrer einstigen Entfremdung sprach Moham-med wieder von Gott zu seinem Wesir, ließ er ihn einen Blick in seine Seele tun.

Inzwischen aber hatte Abu Bekr auch den Weg zu Gott gefunden, wenn auch in seiner etwas krummen Art. Er flehte innerlich, ihm möge das rechte Wort gegeben werden, den allzu weichen Fürsten zu trösten, dann aber auch zu härten.

„Fürst“, begann er vorsichtig, „willst Du mich einmal anhören? Du willst und sollst der Menschheit den neuen Glauben bringen! Warum brauchen sie einen neuen Glauben? Doch nur, weil sie an dem alten nicht Stütze genug fanden, um ihren Weg ohne Strau-cheln gehen zu können. Der größte Teil aller Menschen ist in Sünde verfallen, so tief, daß jede Rettung vergebens ist.“

Mohammed stöhnte, unterbrach den Sprecher aber nicht. Dieser fuhr fort:

„Ich stelle mir das vor wie einen großen, tiefen Morast, in den die Menschen aus Unkenntnis des Weges oder aus eigenem Willen hineingeraten sind. Nun strecken sie die Hände empor, nicht um sich in die Höhe ziehen zu lassen, sondern um die andern auch herunter zu reißen.

Würdest Du zusehen, Fürst, wie nun auch die andern, bisher Schuldlosen, in den Morast geraten und dort ersticken müssen? Würdest Du nicht das Schwert nehmen und die frevelnden Hände abhauen? Diese Menschen wären ja doch versunken, aber die an-deren sind gerettet!“

 

Nun schwiegen beide. Lange Zeit war es still in dem Gemach. Ihre Seelen sammelten sich im Gebet. Der Wesir betete für seinen Fürsten, dieser für sein Volk.

Endlich brach Mohammed das Schweigen:

„Mein Freund, ich danke Dir! Ich weiß jetzt, daß ich schwach bin, da, wo unerbittliche Strenge not tun würde. Ich werde Gott um die Kraft bitten, diese unmännliche Schwäche in mir zu bekämpfen.

Mir wurde heute Nacht gezeigt, daß noch viel Blut fließen müsse, bis das Volk reif sein werde, den neuen Glauben zu empfangen. Du mußt diese grausige Arbeit für mich tun; denn Du bist stärker als ich. Ich danke Dir!“

„O Fürst, alles will ich für Dich tun, das Dir schwer fällt, wenn Du mir nur deshalb nicht zürnest!“ brach es aus dem Wesir heraus. Seine Treue kannte keinen anderen Weg sich zu beweisen, als in-

dem sie dem Wahrheitsbringer den Weg frei schlug.

Die Beiden konnten nicht viel über das Geschehen der Nacht reden, es bewegte sie beide zu tief. Doch daß er mit den Ältesten der Stadt sprechen müsse, das war Mohammed klar. Er ließ sie rufen.

Sie kamen bebend. Das Fürchterliche hatte sie mit Angst und Schrecken erfüllt. Sie wußten nicht, was sie nun zu erwarten hat-ten.

Ernst und freundlich sprach der Fürst zu ihnen. Er beklagte, daß so schwere Maßnahmen nötig gewesen. Das war alles, was er dar-über sagte. Danach fragte er, wie sie sich die Bestattung und Beisei-teschaffung der Opfer dächten.

Sie hatten noch gar nichts erwogen. Da ordnete er an, daß weit außerhalb der Stadt mehrere Gruben ausgehoben und in diese die Leichname gebettet werden sollten. Sie sollten aber daran denken, daß die Toten irrende Brüder gewesen, die nicht wie Tiere ver-scharrt werden dürften.

Wenn alle entseelten Körper sorglich in den Gruben lägen, solle eine Schicht Erde darüber gebreitet werden. Danach werde er kom-men, um selber den Segen zu sprechen.

Weiter ordnete er an, daß die Krieger Abu Bekrs rings um die Gruben her sich als Absperrung aufstellen sollten, so daß kein neu-gieriger Blick die Toten träfe, kein ungutes Wort laut werde.

 

„Wann meint Ihr, daß Ihr mit allem fertig sein könnt?“ fragte der Fürst. Die Ältesten berieten halblaut und gaben dann den Abend des folgenden Tages an.

„Wir wollen die Leichname auf Wagen verladen und gut bedek-ken, so können wir sie bald aus der Stadt schaffen“, meinten sie.

Der Fürst entließ sie, damit das traurige Werk bald getan sei. Zu Abu Bekr aber sagte er:

„Der Henker paßt nicht zum Totengräber, deshalb ließ ich Dei-ne Krieger nicht bei der Bestattung helfen. Aber sie mögen sorgen, daß ihre Opfer nicht noch im Tode verhöhnt oder durch Neugier geschädigt werden.

Vielleicht bringt es manchen dazu, den Blutrausch zu erkennen, unter dessen Zwang er gehandelt. Das Gericht mußte kommen über die, die sich Gottes Willen widersetzten, aber wehe der Hand, die ich im Gelüste erhob!“

Staunend blickte der Weser auf seinen Fürsten, der wie mit einem Schlage alles Weichliche abgestreift zu haben schien.

Dann konnte er nicht anders, er mußte diesem Staunen Worte verleihen.

„Mein Freund, wenn wir Menschen einen Fehler erkennen, so, wie ich meine unselige Schwäche erkannte, dann ist es nur noch ein einziger Schritt, daß wir ihn abstreifen in Gottes Kraft. Freilich, diese müssen wir uns dazu erbitten.“

Am nächsten Abend, noch ehe der Sonnenball hinabgesunken war, stand Mohammed, umgeben von einer unermesslichen Men-schenschar, an den drei Gruben, die die Toten aufgenommen hat-ten.

Er sprach ein Gebet, das alle Hörer erschütterte. Er bat Gott, wenn es möglich sei, in die Waagschale fallen zu lassen, daß die meisten dieser Menschen irregeleitet waren.

Er zeigte danach den Überlebenden, daß diese um ihretwillen hätten sterben müssen, damit nicht auch sie in den Abgrund geris-sen würden. Nicht fluchen sollten sie den Opfern, sondern ihrer in stiller Dankbarkeit gedenken.

Danach aber begann er zu dem Volke von Gott zu reden. Die noch von den Vorkommnissen erschütterten Seelen lauschten hin-gegeben. So manchem ging eine Ahnung auf von Gottes Größe und Erhabenheit. Nach einigen Tagen schien die ganze Aufregung in Jathrib fast vergessen. Jeder ging seiner Arbeit nach, und der Bau des runden Heiligtums schritt rasch voran. Einem Winke von oben folgend, wollte Mohammed anordnen, daß das Volk zu ganz regel-mäßigen Zeiten fünfmal am Tage beten solle.

Auf diese Weise würde im Alltagsgetriebe das Denken an Gott wach erhalten. Den Inhalt der Gebete wollte der Fürst gerade aus diesem Grunde nicht bestimmen. Er wollte dem Volke Lob- und Danklieder schreiben, die sie nachfreier Wahl verwenden könnten. Ganz in diese Gedanken versponnen, trug er sie eines Tages den Seinen vor.

Alle stimmten lebhaft zu. Es gefiel ihnen, daß im ganzen Land im gleichen Augenblick aus allen Herzen ein Gebet emporsteigen soll-te. Aber Ali, der immer gleich an die Durchführbarkeit einer Sache dachte, ehe sie noch vollends besprochen war, wollte wissen, wie es einzurichten sei, daß wirklich alle zu gleicher Zeit ihre Seelen zu Gott erhöben.

„Man muß die Zeit ausrufen lassen“, überlegte Mohammed.

„Da müsstest Du den Rufer schon auf eines der Dächer stellen, Fürst“, wandte Said ein. „In der Straße stehend, würde er nicht ge-hört werden.“

„Baue ihm doch einen Turm neben den Tempel, mein Freund“, schlug Alina vor.

Dieser Vorschlag gefiel allen, besonders Mohammed hielt sofort daran fest. Einen schlanken, hohen Turm mußte man erbauen und frei neben den Tempel stellen. Wie ein Finger sollte er nach oben weisen, die Menschen auch in seiner äußeren Form an das erin-nernd, was über dem menschlichen Leben schwebt.

Alina gefiel der Name „Tempel“ nicht für das Heiligtum. Ent-schuldigend sagte sie, er erinnere an die armen, umgekommenen Juden. Auch Ali bat, einen anderen Namen zu suchen. Der Aus-druck Tempel werde überall aufreizend auf die Juden wirken, die ihn für ihre Gotteshäuser in Anspruch nähmen.

„So wollen wir den arabischen Ausdruck ,Moschee` nehmen“, meinte der Fürst. „Er gefällt mir schon um deswillen, weil er aus unserer Sprache stammt und nirgends entlehnt ist. Moschee, An-betungsort, ja, so wird es recht sein!“

 

Da Mohammed von dieser Stunde an nur noch von der Moschee sprach, so gewöhnten sich Bauleute und Älteste daran, das Heilig-tum so zu nennen.

Schon lange hatte es den Fürsten verlangt, einmal nach Mekka zu gehen. Er mußte doch selbst sehen, was aus der Stadt geworden war. Wenn es möglich sein sollte, wollte er dort wieder einziehen. Wahrscheinlich würde er den Fürstenpalast von Grund auf neu er-bauen lassen. Aber das würde er gern tun.

Außerdem wollte er nach den eingemauerten Schätzen sehen und Edelsteine heraussuchen, die er dem Heiligtum in Jathrib zu schen-ken gedachte. Grund genug, um nach Mekka zu reiten.

Abu Bekr wollte anfänglich nichts davon hören. Er wußte, wie entsetzlich seine Krieger in Mekka gehaust hatten, wieviel Schaden auch die Uneinigkeit der Bürger angerichtet hatte. Er wollte dem Fürsten den Anblick ersparen, aber dieser willigte nicht mehr ein, daß man seine Gefühle irgendwie schone. Selber wollte er sehen, hart wollte er werden.

Nun bestanden aber alle darauf, ihn zu begleiten: Abu Bekr mit einer stattlichen Anzahl Krieger, Said, Ali und Alis ältester Sohn Abdallah. Einige vertraute Diener sollten ebenfalls mitreiten, unter ihnen Mustafa, der zwar schon sehr alt war, trotzdem aber begehr-te, den Ritt mitzumachen. Er wußte, daß er bei dem Auffinden der Schätze unentbehrlich war.

An einem schönen Morgen ritt die ansehnliche Schar zum Tore hinaus gegen Süden. Wie lange war Mohammed diesen Weg nicht mehr geritten! Obstgärten und Maulbeer-felder, Korn- und Mais-breiten lagen fruchtbar vor den Blicken der Reiter.

Wenn hier je Empörung gewütet hatte, so war der Schaden durch den Reichtum der fruchtbaren Natur längst ausgeglichen worden.

An kleinen Ortschaften kamen sie vorüber. Die Leute liefen zu-sammen, erfuhren, daß Fürst Mohammed die Schar anführe und jubelten ihm zu. Er gefiel ihnen, wie er da so stattlich und voll na-türlicher Würde auf seinem Hengst saß.

Es freute sie, daß er ihr Fürst war. Sonst wußten sie wenig von ihm. Sie hatten sich nie darum gekümmert, wer sie regierte. So-lange sie in Frieden leben konnten, war ihnen gleichgültig, wer das Land beherrschte.

Nach einigen Tagen langte die Schar vor Mekka an, dessen Tore sie verschlossen fanden. Abu Bekr begehrte mit Drohungen Einlaß und wurde verlacht.

„Wir haben uns gut vorgesehen, blutiger Diener eines blutgie-rigen Herrn“, rief man hohnlachend heraus. „Du wirst uns nicht mehr schaden.“

Nun verlangte der Fürst selber Einlaß. Darauf erfolgte Schweigen. Wahrscheinlich war die Torwache für diesen Fall nicht mit Weisun-gen versehen. Dann bedeutete man, der Fürst müsse warten. Die Ältesten der Stadt müßten erst gerufen werden.

Abu Bekr tobte. Wie war es möglich, daß eine Stadt sich so einem Fürsten gegenüber betrug! Mohammed suchte zu begütigen.

„Du darfst nicht vergessen“, sagte er, „daß Mekka schwer gelitten hat. Ich war über zehn Jahre lang fern. Die Leute wußten nicht, ob ich überhaupt wiederkommen würde. Vielleicht weiß die Torwache gar nichts von mir.“

Aber auch dem Fürsten gefiel es nicht, ergeben vor dem geschlos-senen Tore harren zu sollen. Er ließ ein Trüpplein Reiter zurück und umritt mit den Seinen die Stadt in weitem Umkreis, um sich ein ungefähres Bild der Zerstörung machen zu können.

Endlich bemerkte Said Unruhe am Tore und schloß daraus, daß die Stadtväter sich eingefunden hätten. Langsam kehrte Moham-med mit seiner Begleitung zurück. Das Tor war verschlossen wie zuvor, aber über die Mauer schauten allerhand Köpfe, ein Anblick, der den Fürsten unwillkürlich zum Lachen reizte. Gutgelaunt ritt er näher und begrüßte die Herüberschauenden. Danach sagte er:

„Es wird Zeit, daß Ihr die Tore öffnen laßt, wenn Euer Fürst Euch besuchen will. Es ist schlechte Art, den Herrscher warten zu las-sen.“

Darauf antwortete einer der Mohammed von früher her wohlbe-kannten Stadtväter:

„Wer sagt Dir, Fürst Mohammed, daß wir Deinen Besuch will-kommen heißen? Lange Jahre weiltest Du fern von uns. Gefällt es Dir nicht mehr in Jathrib, daß Du Dich Deiner alten Heimatstadt endlich erinnerst?“

„Es lag nicht in meiner Macht, eher zu kommen, Ibrahim“, ver-setzte Mohammed gütig. „Doch darüber gebe ich Euch Auskunft, wenn wir in den nächsten Tagen beisammen sitzen und ich auch von Euch hören werde, was Ihr inzwischen erlebt habt.“

Da oben auf der Mauer rührte sich nichts, das Tor blieb geschlos-sen. Da rief Mohammed mit lauter Stimme:

„Euer Fürst steht vor dem Tore, Ihr Leute, der Prophet des Höch-sten begehrt Einlaß in die Kaaba. Widersetzt Ihr Euch, so dürft Ihr Euch nicht wundern, wenn schwere Strafe auf Eure Halsstarrigkeit folgt. Ich befehle Euch, das Tor zu öffnen!“

Leises Raunen begann auf der Mauer, ein Ratschlagen, ein Über-legen, danach schien der vorher Ibrahim Genannte einige Stufen ei-ner innen angelegten Leiter höher zu erklimmen; denn er wurde bis gegen die Knie hin sichtbar. Er schwenkte einen weißen Fetzen zum Zeichen, daß man ihm nichts zuleide tun dürfe und begann zu reden:

„Wir haben . . .“

Rauh unterbrach ihn Mohammed:

„Stecke Deinen Fetzen ein, Ibrahim! Ich spreche hier mit Euch ohne ein solches Zeichen und ohne jede Scheu. Du solltest hierin meinem Beispiel folgen.

Aber noch eins: Du machst Dich zum Sprecher für die Stadt. Was sie treffen wird, muß Dich doppelt treffen. Denke daran, und klage nachher nicht, wenn das eintritt, was Eure Widersetzlichkeit Euch zuzog.“

Ibrahim warf wirklich den weißen Lumpen von sich, stieg aber wieder einige Sprossen tiefer, was den jungen Abdallah, der dem Vorgang mit größter Spannung folgte, unwiderstehlich zum La-chen reizte.

Und nun begann Ibrahim abermals:

„Wir haben keinen Fürsten mehr über uns. Seit Fürst Mohammed bei Nacht unsere Stadt verließ, um sich in Jathrib niederzulassen, haben wir ihn abgesetzt. Wir sind uns selber genug und brauchen keinen Herrscher.

Den Palast der Koretschi haben wir dem Erdboden gleichge-macht, was er enthielt, haben wir untereinander geteilt. Du hättest ja hier bleiben können, Mohammed ben Abdallah, wenn Dein Herz an diesen Dingen hing.

Deinen blutigen Wesir werden wir erwürgen wie einen Hund, wenn er uns in den Weg kommt. Für Dich aber bleibt das Tor der Stadt geschlossen. Auch in die Kaaba brauchst Du nicht, Du hast ja Deinen neuen Glauben. Halte Dich an den!“

„Genug jetzt!“ donnerte Mohammed, in dem der Zorn aufzu-flammen begann. „Eine Stadt, die keinen Herrscher hat, ist vogel-frei. Wundert Euch nicht, wenn ich Euch entsprechend behandle. Hütet Euch, Handelskarawanen auszusenden; denn sie werden ge-fangen werden.

Mit Euren Reichtümern müßt Ihr für das einstehen, was Ihr Euch widerrechtlich angeeignet habt. Einen festen Gürtel werde ich um die Stadt des Aufruhrs legen lassen. Nicht rühren sollt Ihr Euch in Eurer selbsterwählten Gefangenschaft. Laßt nur Eure Tore ge-schlossen; denn jetzt würde das Öffnen Gefahr für Euch bedeuten!“ Er gab seinem Hengst die Sporen und sprengte davon, seine Begleiter in langem Zuge in bester Ordnung hinter ihm her.

Es sah doch majestätisch aus, dieser Zug, und den Mekka-Leuten, die echte Araber waren, hatte das Auftreten Mohammeds unge-mein gefallen.

Trotzdem wollten sie um keinen Preis nachgeben, meinten sie doch, genug Anlaß zu Groll und Rache zu haben.

Als die Stadt ihren Blicken entschwunden war, hielt Mohammeds Schar an. Er rief die Seinen um sich, um mit ihnen zu beraten. Dann wurde beschlossen, daß Said und Ali nach Jathrib zurückrei-ten sollten, um die übrigen Krieger zu holen.

Mohammed wollte bei Abu Bekrs Schar bleiben und mit ihm die beiden Tore bewachen. Abdallah bat flehentlich, beim Großvater bleiben und die weitere Entwicklung miterleben zu dürfen. Mo-hammed freute sich des Enkels und gewährte seine Bitte.

Noch in der gleichen Stunde ritten die Getreuen ab, einen Teil der Dienerschaft mit sich nehmend, während die Krieger sich so nahe der Stadt niederließen, daß sie genau beobachten konnten, was auf der Mauer oder an den Toren vorging. Sogar in der Nacht ließen sie nicht nach mit ihrer Wachsamkeit.

An den ersten beiden Tagen ereignete sich nichts. Die Tore blieben geschlossen, über die Mauer wurden Wäschestücke zum Trocknen gehängt.

Schon murrte Abdallah, daß es anfange langweilig zu werden, da öffnete sich während der Mittagszeit das Tor vorsichtig und verstohlen. Abu Bekr befahl, daß von den Seinen niemand sich rege. Der Feind solle in Sicherheit gewiegt werden.

Aus dem Tor kam ein stattliches Kamel mit Gütern beladen, ihm folgte ein zweites, ein drittes.

Mohammed vermutete eine List.

„Es ist doch nicht denkbar“, sagte er, „daß sie wirklich versuchen sollten, eine Karawane auszusenden, trotzdem wir hier liegen.“

Aber es war doch so. Eine stattliche Karawane von fünfzehn Ka-melen verließ die Stadt und wandte sich gegen Westen.

Rasch waren die Krieger auf ihren Rossen, und während die Hälf-te voraussprengte, um den Kamelen den Weg abzuschneiden, trab-te die andere Hälfte zwischen die Stadt und die Karawane.

Mohammed hielt sich fern. Es war unter der Würde eines Für-sten, einen Kaufmannszug zu fangen. Er hätte auch nicht gestattet, daß Abu Bekr dies tat, wenn er nicht selbst damit gedroht hätte. Nun mußte er sein Wort halten.

Es dauerte nicht lange, so kamen die Sieger zurück. Eingedenk der Lehren Mohammeds hatten die Krieger versucht, die Feinde zu Gefangenen zu machen, ohne sie zu töten. Ein paar Verwundete schleppten sie herbei. Sie waren ganz stolz auf ihre Selbstbeherr-schung. Mohammed lobte sie.

Da sagte einer der älteren Männer:

„Fürst, Du hast uns Henker genannt, das hat uns tief getroffen!“ Hatte der Fürst anfänglich geglaubt, daß die Karawane aus Bewohnern einer andern Stadt bestände, die ihre Heimat wieder

aufzusuchen gezwungen waren, so mußte er sich jetzt überzeugen, daß die Mekka-Leute ihren Eigensinn so weit getrieben hatten, wirklich eine Karawane zu entsenden, die noch dazu reich beladen war.

Mohammed ließ die Gefangenen vor sich kommen. Er kannte keinen von ihnen. Sie zitterten und bebten und konnten kaum sei-ne Fragen beantworten.

Er wollte wissen, ob sie selbständige Kaufleute seien. Sie verneinten. Nach längerer Zeit wurde dann klar, daß es angeworbene Männer sei-en, die um des Verdienstes willen ihr Leben aufs Spiel gesetzt hatten. Zwei Kaufleute hatten versuchen wollen, ob Mohammed wirklich sei-ne Drohung, ihre Karawanen abzufangen, wahrmachen werde.

 

„Warum sollte ich nicht tun, was ich gesagt habe?“ fragte der Fürst. Die Leute hingen die Köpfe.

Die Krieger hingegen freuten sich auf die Beute. Mohammed ließ ihnen reichlich geben, das übrige aber sollte bewahrt werden für den Fall, daß die Stadt bald sich ergeben würde. Dann sollten die Kaufleute wenigstens den größten Teil ihres Eigentums zurücker-halten.

Nachdem er sich mit Abu Bekr besprochen, ließ Mohammed abermals die Mekka-Leute vor sich kommen.

„Höret“, sagte er ihnen, „da Ihr nur angeworbene Männer seid, will ich Euch freilassen, wenn Ihr mir versichert, nichts mehr gegen mich zu unternehmen.“

Das versprachen sie gern. Danach durften sie ohne ihre Kamele zur Stadt zurückkehren. Dort aber wollte man ihnen anfänglich die Tore nicht öffnen.

„Wir können nicht wissen, wieviel Geld Mohammed Euch gebo-ten hat, damit Ihr uns an ihn verratet“, sagten die Altesten.

Einige der Männer schworen hoch und heilig, daß sie nichts ge-gen die Stadt ausführen wollten, daß der Fürst auch nichts Derarti-ges von ihnen verlangt habe.

Die übrigen aber waren zu stolz, sich zu demütigen. Sie kehrten zu Mohammed zurück und baten ihn, sie in seine Dienste zu neh-men. Er betraute sie mit der Sorge für die Kamele. Sie mußten sich abseits vom Zeltlager halten und standen, ohne daß sie es wußten, unter einer gewissen Bewachung, bis sich erwiesen hatte, daß sie es wirklich ehrlich meinten.

Nun ließ der Fürst sich manchmal in ein Gespräch mit ihnen ein. Er fragte nach diesem und jenem, dessen er sich entsann.

Er wollte wissen, ob wirklich sein väterlicher Palast der Erde gleichgemacht worden sei.

Die Männer bejahten es. Es sei nur noch ein wüster Trümmer-haufen dort. Daraus aber gewann Mohammed die Überzeugung, daß das Schatzgewölbe nicht entdeckt worden war.

Auch nach Abu Talib fragte er.

„Hat Dir Dein blutiger Wesir nichts von ihm erzählt?“ fragte ei-ner der Männer dagegen. „Er wird Dir am besten sagen können, was er mit ihm getan hat.

 

„So lebt er nicht mehr?“ erkundigte sich Mohammed, obgleich er wußte, wie die Antwort ausfallen würde.

Die Männer verneinten und sagten dann, Abu Talib sei schon beim ersten Aufstand von Abu Bekr gefangen genommen worden. Da habe der Mann so lästerlich geflucht und vor allem so entsetz-lich wider Christus gewütet, daß der Wesir ihn kurzerhand habe ans Kreuz schlagen lassen.

Mohammed schauderte. Ein solches Ende für einen Mann, den nur seine Geldgier auf falsche Bahnen getrieben hatte!

Und das war Alis Vater. Wie gut, daß Ali nichts davon wußte. Früher als erwartet, trafen die Krieger aus Jathrib ein unter Saids

Führung. Nun mochte Abu Bekr das begonnene Belagerungswerk fortsetzen. Mohammed ritt mit Abdallah nach Jathrib zurück.

Große Freude empfing ihn. Die Gemüter hatten sich inzwischen über das Blutbad beruhigt. Die Männer hatten eingesehen, daß die Juden sich schwer vergangen hatten, und daß die Strafe zwar hart, aber gerecht gewesen war.

So war auch ihre Angst vor Mohammed geschwunden, und als sie hörten, wie Mekka seinen Herrscher empfangen, drangen sie von neuem in den Fürsten, Jathrib zu seiner Residenz zu machen. Sie wollten ihm einen herrlichen Palast erbauen.

Er willigte ein. Für das Reich in seinem neuen Umfange war Ja-thrib bedeutend günstiger gelegen, außerdem konnte es sehr lan-ge dauern, bis Mekka sich nach allen Wirren wieder erholt haben würde.

Sofort begann der Bau des Palastes. Die Bewohner Jathribs wett-eiferten miteinander, in irgend einer Weise an dem Werk beteiligt zu sein. Sie hatten beschlossen, daß der Palast gleichzeitig mit der Moschee fertiggestellt sein sollte.

„Dann wirst Du das Leben im Palast der reinen Frauen auch auf-geben müssen“, sagte Mohammed zu Alina, als sie von der Zukunft sprachen. Er konnte es sich gar nicht anders vorstellen, als daß er dann, wieder mit den Seinen vereint, im Fürstenpalast wohnen werde.

Aber die Fürstin schüttelte leise das schöne Haupt.

„Das wird nicht mehr so sein, mein Freund“, erwiderte sie. „Wenn wir den Frauen helfen wollen, die verlorene Reinheit wieder zu gewinnen, so müssen wir ihnen vor allem das neue Leben, das aus dem neuen Glauben entspringt, vorleben.

Du weißt, daß ich manches schauen darf, wenn ich im Zweifel bin, ob das, was ich empfinde, für meine Schwestern das Richtige ist.

Aus einem solchen nächtlichen Schauen heraus habe ich den kleinen Palast erbauen lassen, der nur von Frauen betreten werden darf. Aus diesem Grunde wehrte ich auch Dir, meinem Gatten, den Zutritt. Du lachtest, als ich Dir nicht erlauben wollte, unsere Ge-mächer zu besichtigen. Es geschah wahrlich nicht aus einer Laune.“ Mohammed unterbrach sie verwundert.

„Hätte es Euch etwas geschadet, wenn ich, der Gatte und Vater der Bewohnerinnen, einen Gang durch den Palast gemacht hätte?“ fragte er ungläubig.

Alina bat:

„Versuche mich zu verstehen. Ich kann schwer in Worte fassen, was so lebendig in mir ist, daß ich weiß, es ist Wahrheit.

Es hätte uns äußerlich nicht geschadet. Nachdem ich aber als Vorbild die Trennung der Geschlechter eingeführt habe, durfte ich sie auch nicht um Haaresbreite überschreiten lassen. Wenn unsere Töchter und ich uns nicht an das Gebot halten, werden die andern es noch viel weniger tun.

Sieh, mein Freund, die Männer haben verlernt, uns so zu achten, wie Gott es gewollt hat. Wir selber sind schuld daran, wir selber müssen streben, daß es anders werde. Wir haben uns zu frei und ohne Scheu den Männern hingegeben.

Auch Blicke können betasten und beflecken! Das ist der Grund, warum Fatime, die Töchter und ich stets nur mit den dichten Schleiern über die Straße gehen. Keines fremden Mannes Auge soll uns abschätzen dürfen.

Wenn wir seit Jahren diese Dinge uns zur Gewohnheit werden lie-ßen, so geschah es, damit einmal ein Anfang gemacht ist. Ich hoffe und wünsche, daß Du das zum Gesetz erhebst, was ich jetzt nur den zu mir gehörenden Frauen vorschreiben konnte. Viele unserer Bekannten üben schon die gleichen Sitten. Wir fühlen uns froher dabei als früher.“ Voll Bewunderung ruhte Mohammeds Blick auf der Fürstin, de-ren feines Antlitz im lebhaften Sprechen sich mit zarter Röte überzogen hatte.

 

„Wahrlich, Alina, Gott hat es gut mit mir gemeint, daß er Dich mir zum Weibe bestimmte!“ sagte er dankbar. „Du wirst den Frau-en helfen, daß sie aus ihrer Versunkenheit emportauchen. Damit wird sich unser ganzes Geschlecht erneuern; denn reine Frauen werden gute, reine Mütter sein.“

„Darf ich noch etwas sagen?“ bat die Fürstin nach kurzem Schwei-gen. „Es beschäftigt mich so sehr, daß jeder Mann unbegrenzt viel Frauen sein nennen darf. Bei der ersten und zweiten findet viel-leicht noch eine Art Segen statt, nachher kauft er sich die weiteren oder fügt sie aus der Reihe der Dienerinnen seinem Haushalt ein. Das trägt nicht zur Reinheit bei.

Ich weiß, es wäre falsch, von unsern Männern zu verlangen, daß sie sich mit einem Weibe begnügen sollen. Wo, wie bei uns, der Erbe versagt bleibt, wird es gut sein, wenn der Mann sich mit einem zweiten Weibe verbindet. Auch andere Gründe mögen maßgebend sein. Aber mehr wie zwei Frauen sollte kein Mann haben dürfen. Willst Du einmal darüber nachdenken, mein Freund?“

Mohammed versprach es, und dachte in der nächsten Zeit mehr daran, als ihm lieb war.

„Wie bei uns“, hatte Alina gesagt.

Wäre es nicht auch seine Pflicht, für einen Erben zu sorgen? Al-lerdings war Ali ein prächtiger Nachfolger; aber streng genommen, war Fatime nicht ebenbürtig, da sie die Tochter Chadidshas war. Daraus konnten im Falle von Mohammeds Tod Verwickelungen entstehen, wenn nicht ein wirklicher fürstlicher Thronerbe vorhan-den war.

Wenige Tage dauerte die Ungewißheit, dann wußte Mohammed, daß Gott ihm den Erben vorenthalten habe. Alles Streben danach würde vergeblich sein.

Er wandte sich um so eifriger seinen Dichtungen zu, die ihm in-neres Bedürfnis waren und große Freude machten. Und über dem allen waren abermals zwei Jahre vergangen.

Da kam Kunde, daß die Bewohner von Mekka, gereizt durch die immer wieder erfolgende Gefangennahme ihrer Händlerkarawa-nen, einen Ausfall gemacht hatten und ihrerseits zum Angriff über-gegangen waren.

Bei dem Orte Bedr sei es zu einer blutigen Schlacht gekommen, die tagelang getobt habe. Lange sei der Ausgang unentschieden ge-wesen, da habe Abu Bekr eines Morgens laut über den Kriegern gebetet, der Herr des Himmels und der Erde möge ihm Sieg geben, damit Mohammed endlich mit der Ausbreitung des neuen Glau-bens beginnen könne.

Danach habe er die Krieger ermutigt und noch vor dem Abend sei der Sieg errungen gewesen. Die Mekka-Männer hätten sich ei-ligst in ihre Stadt flüchten müssen.

Nun fragte Abu Bekr an, ob er die Stadt angreifen und vernichten solle. Mohammed beauftragte Ali, er solle mit Mekka verhandeln. So geschwächt, wie die Zahl der waffenfähigen Männer nach die-sem Ringen sei, werde die Stadt sicher auf alle Bedingungen einge-hen.

Er hatte sich nicht getäuscht. Die Mekka-Leute waren froh, Frie-den schließen zu können. Gegen das Gelübde unbedingter

Treue wurde ihnen versprochen, daß Abu Bekr seine Truppen zu-rückziehen werde.

Mekka war so gedemütigt, daß es bat, Mohammed möge das Ver-gangene vergessen und wieder seinen Wohnsitz in ihrer Mitte neh-men.

Das schlug Ali in des Fürsten Namen rundweg ab. Danach bat Mekka, der Fürst möge wenigstens die Stadt und die Kaaba besu-chen. Das meinte Ali, versprechen zu können.

Dagegen fügten die Ältesten sich in die damals in solchen Fällen übliche Bedingung des Öffnens der Tore auf eine bestimmte Reihe von Jahren. Eine unterworfene Stadt durfte kein Tor schließen, bis sie gesühnt hatte.

Mohammed war mit dem Ergebnis zufrieden und bereitete sich zum Besuche Mekkas. Vorher aber hielt er eine Ansprache auf dem Hauptplatze in Jathrib und teilte allen Bewohnern mit, daß die Stadt nun die Hauptstadt des neuen Reiches Groß-Arabien werde.

In dieser Eigenschaft solle sie nicht mehr Jathrib heißen, sondern nur den Namen „die Stadt“, Medina, tragen.

Sie sei dadurch aus allen anderen Städten herausgehoben. Das sei die Belohnung für die Treue, die ihre Bewohner ihm in schweren Zeiten gehalten hätten. Er erwarte nun aber auch, daß „die Stadt“ allen anderen vorangehen werde in Annahme und Achtung aller neuen Gebote, in reineren Sitten und besserem Leben.

Alles, alles versprachen die erfreuten Männer, und es war den meisten von ihnen auch ernst damit. Freilich hatten sie hauptsäch-lich irdischen Vorteil dabei im Auge. Wenn Medina die Hauptstadt würde, war sie der Mittelpunkt allen Handels und Verkehrs. Ihr Heiligtum würde ebenfalls die Menschen anlocken. Reich, groß und mächtig würde Medina werden! -

 

Mohammed ritt mit Ali nach Mekka. Er hatte Befehl von oben erhalten, anschließend Syrien und Palästina zu bereisen und dann nach seiner Rückkehr die neuen Gesetze zu erlassen, den neuen Glauben einzuführen.

Endlich konnte er seine eigentliche Aufgabe beginnen. Alles an-dere war nur Vorarbeit gewesen.

Große Freude, hehrer Eifer erfüllten ihn. Abu Bekr und Said hatte er in Medina zurückgelassen und sich nur eine Schar Bewaffneter zur Begleitung erwählt, die unter dem Befehl seines Enkels Abdal-lah standen.

Als Mekka sich in der Ferne zeigte, machte sich lebhaftes Treiben bemerkbar. Abdallah wurde an den Anritt vor nun fast drei Jahren erinnert und befürchtete, die Männer könnten wieder Feindliches im Sinn tragen.

Mohammed beruhigte ihn. Friedlich kamen sie geritten, um den Fürsten zu empfangen und in ihre Stadt zu geleiten, die von nun an wieder seine getreue Stadt sein sollte.

Sie überboten sich in Beweisen ihrer Zerknirschung und Erge-benheit, aber Mohammed spürte, daß sie nicht völlig echt waren. Er traute den Leuten nicht mehr.

Voll Anteilnahme betrachtete er die Schäden, die der Unfrieden, der Aufruhr angerichtet hatte. Von seinem eigenen Palast stand wirklich kein Stein mehr an der rechten Stelle.

Der Fürstenpalast, in dem man ihm Wohnung gemacht hatte, war zum Teil erhalten, aber er trug den Stempel, daß er inzwischen von anderen als Fürsten bewohnt worden war.

Die Kaaba hatte nicht gelitten, nur unbeschreiblich vernachlässigt sah sie aus. Die Ältesten der Stadt klagten, daß der Fürst zu Jathrib ein neues Heiligtum habe erbauen lassen, nun würde das Ihre in den Hintergrund treten und vergessen werden.

Mohammed, der die Gefühle der Männer schonen wollte, verhieß ihnen, später auch in Mekka eine Moschee errichten zu lassen. Sie aber sollten inzwischen die Kaaba reinigen und instand setzen.

Es litt aber den Fürsten nicht lange in der Stadt, in der er sich ständig von unwahren Gedanken umgeben fühlte. Sobald es mög-lich war, brach er seinen Besuch ab, verhieß ein anderes Mal wie-derzukommen, und ritt mit seinem Gefolge nach Syrien.

Diese Reise durch die neu hinzugewonnenen Länder brachte ihm und seinen Begleitern ungeschmälerte Freude. Überall konnte man sehen, wie Städte und Ortschaften unter der neuen Herrschaft auf-blühten, wie gern sie dem Fürsten gehorchten.

Über zwei Jahre durchzog Mohammed diese Landstrecken, von Gott und Christus kündend, den Boden in den Seelen lockernd für das, was er ihnen danach zu sagen haben würde.

Erfüllt von diesen schönen, erfreulichen Eindrücken nahte er sich endlich seiner Stadt Medina und fand sie in ungeheurer Aufregung. Vor kurzem waren große Scharen Bewaffneter aus dem Süden ge-kommen, um Medina anzugreifen. Rechtzeitig habe Abu Bekr den Plan erfahren und sei mit seinen Kriegern den an Zahl weit Überlegenen entgegengezogen. Nun tobe der Kampf.

Mohammed bedachte sich nicht lange, sondern umritt die Stadt ohne sich aufzuhalten, und führte seine Krieger als Verstärkung dem Wesir zu. Er kam im rechten Augenblick.

Anfangs war das Kriegsglück auf der Seite Abu Bekrs gewesen, da hatte ein Unterführer einen Befehl falsch ausgeführt, dadurch war für die Feinde ein freier Durchgang geschaffen worden, den nie-mand verschließen konnte, da alle Krieger an den andern Stellen gebraucht wurden.

Mit raschem Blick übersah Mohammed die Lage und ritt mit sei-nen Begleitern in die Lücke.

Als die Krieger ihren Fürsten erkannten, wuchs ihr gesunkener Mut. Nach wenigen Stunden war der Sieg errungen, der Feind in die Flucht geschlagen. Nicht wenig hatte zu diesem Ergebnis der Schreck beigetragen, den die Leute von Mekka empfanden, als sie hörten, Mohammed selber sei auf dem Plan.

 

Sie hatten ihn noch in weiter Ferne geglaubt. Nun war er Zeuge ihrer Treulosigkeit geworden!

Abu Bekr verfolgte mit allen Kriegern den fliehenden Feind. Er ruhte auch nicht, bis er nicht den größten Teil der Männer ihren Verrat hatte mit dem Leben bezahlen lassen. Besonders ergrimmt war er darüber, daß die Mekka-Leute so starke Unterstützung bei den Juden im Süden Arabiens gefunden hatten. Gegen diese wütete er unerbittlich. Niemand war da, der ihm in den rächenden Arm fiel.

Mohammed aber ritt nun in Medina ein. Er hatte eine leichte Wunde davongetragen. Abdallah war schwerer verletzt, erholte sich in der Pflege seiner Mutter indessen bald wieder.

Nun mußte der Fürst erst noch Abu Bekrs Rückkehr und Bericht abwarten, ehe er mit seinen Neuerungen hervortreten konnte. Das wurde eine harte Wartezeit für ihn. Er, der so lange Jahre geduldig geharrt hatte, er konnte kaum mehr diese Wochen überwinden.

Endlich kam der Wesir mit seinen Kriegern heim. Er erzählte we-nig von der Art, wie er die Treulosen bestraft, aber er ließ keinen Zweifel daran, daß es durchgreifend und gründlich geschehen war.

Die Ältesten und Priester der Stadt Mekka habe er kurzerhand hinrichten lassen, soweit sie nicht schon gefallen waren.

Die Mauern Mekkas habe er abtragen lassen und den Fürstenpa-last der Erde gleich gemacht.

Was mochte von dem einst so stolzen, schönen Mekka noch übrig geblieben sein? Und diese Überlebenden hatten Tribut zu bezahlen, damit sie sich noch einige Jahre lang nicht würden regen können.

Das schien Mohammed zu streng.

„Warum erhebst Du Tribut von den Armen, mein Freund?“ fragte er mitleidsvoll. „Wir brauchen das Geld nicht.“

„Sie müssen die Strafe diesmal fühlen, und diese Bevölkerung von Krämern und Händlern spüren es nur, wenn es ihnen ans Geld geht“, gab Abu Bekr gleichmütig zurück.

„Willst Du das Geld nicht anders verwenden, so sammle es für die Moschee, die Du ihnen später erbauen lassen wirst.“

„Das ist ein guter Gedanke“, freute sich der Fürst. „Dann wird das Heiligtum aus ihren Geldern erbaut und sühnt dabei ihre Schuld.“

 

Nun sah Mohammed keinen Grund mehr, länger mit dem Be-ginn seiner eigentlichen Aufgabe zu zögern. Als Vorbereitung zog er sich in ein Zelt, das er an einsamer Stelle unweit Medina hatte aufschlagen lassen, zurück, fastete und betete sieben Tage lang.

In diesen Tagen sprach er mit niemandem außer mit den Boten Gottes. Heilige Kraft durchströmte ihn, Wissen floß ihm zu, das von Wichtigkeit war für den neuen Glauben. Unaufhörlich beschäftigte er sich mit der Art, wie er dem Volk dieses Neue bringen könne, so daß es freudig zugreifen möge.

Auch darin wurde ihm geholfen. Er sah, wie das ganze Land ein-zuteilen sei, damit er es leichter überschauen könne.

Am Abend des siebenten Tages kehrte er in den Fürstenpalast zu-rück, badete und ließ Alina rufen. Ihr erklärte er sein Vorhaben in großen Zügen und bat sie, überall da zu ergänzen, wo er ein Gebot oder eine Bestimmung für die Frauen einfügen solle. So arbeiteten die Beiden die ganze Nacht.

Dann erst brach er das Fasten, nahm Nahrung zu sich und erging sich im Garten.

Danach ließ er Abu Bekr, Ali und Said kommen, um ihnen als ersten die wichtigsten Bestimmungen für das neue Reich zu geben. Er teilte Groß-Arabien in Bezirke ein, über deren jeden er einen Verwalter setzte. Dieser sollte nicht nur an seiner Stelle den Bezirk beherrschen, sondern zugleich oberster Verweser der geistigen Gü-ter sein.

Bis ins Kleinste war dieser Plan in den letzten Jahren ausgearbei-tet worden und hatte nur kürzlich von oben Ergänzung und Bestä-tigung erfahren.

Die drei Getreuen staunten die tiefe Weisheit an, die sich hier offenbarte. Wohl hatte Mohammed solche Männer zu Verwaltern ausersehen, die ihm treu ergeben waren, aber er hatte auch dem Rechnung getragen bei der Wahl, daß sie aus dem Bezirk ent-stammten, den zu regieren sie ausersehen waren.

Es zeigte sich, daß Mohammed, den Abu Bekr im Geheimen im-mer noch „den Träumer“ nannte, mit offenen Augen durch das Le-ben geschritten war und weit mehr wußte, als er sie alle hatte ahnen lassen.

 

Ganz genau war er unterrichtet über die Haltung der Bewohner der einzelnen Bezirke, über ihre Bedürfnisse und ihre Gewohnheiten.

Nachdem die Verwalter, siebenundzwanzig an der Zahl, be-stimmt waren, schickte Mohammed Boten an sie alle, damit sie an einem ganz bestimmten Tage in Medina zusammenkämen. In der Zwischenzeit besprach er mit den Seinen die Gebote, die er erlas-sen, die Glaubenslehren, die er künden wollte.

Und wieder fanden die Staunenden ein festes Gefüge, an dem kein Glied fehlte. Ein wohldurchdachtes Ganzes, das jeden Gut-meinenden begeistern mußte.

„Wahrlich, Fürst“, rief Ali entzückt, „hier müssen wir erkennen, daß Dein Geist von Gott geleitet wird! Etwas Derartiges kann kein Mensch hervorbringen. Es ist vollkommen!“

Die andern stimmten zu und bemühten sich, alles, was Moham-med ihnen künden wollte, richtig in sich aufzunehmen. Es war viel, was sie lernen mußten, aber es ging so klar eines aus dem ande-ren hervor, nichts war willkürlich gesetzt, daß sie zu ihrer Überra-schung merkten, wie bald sie das Neue aufnehmen konnten.

Dann kam der Tag, der für die Zusammenkunft festgesetzt war. Alle Verwalter waren pünktlich erschienen, brennend vor Wißbe-gierde, warum der Fürst ihrer begehre.

Sie waren alle gut untergebracht in großen Zelten aus Seidenstoff, die zu diesem Zweck errichtet wurden.

Am Abend ihrer Ankunft wurden sie veranlaßt zu baden, danach bekamen sie alle ganz gleichartige Gewänder in verschiedenen Far-ben: weite, unten zusammengefaßte Beinkleider aus buntem Stoff, weiße, weite Hemden mit langen weiten Ärmeln, darüber ein ge-sticktes ärmelloses Jäckchen in der Farbe der Beinkleider. Über die-sem Jäckchen wurde ein Gürtel befestigt, an dem die Waffen hin-gen: Säbel, Dolch und Messer.

Eine reichliche Mahlzeit wurde in allen Zelten aufgetragen und die Diener redeten zu, ausgiebig zu speisen, da der nächste Tag ein Fasttag sein sollte. Das war allen ungewohnt.

Am Morgen des folgenden Tages, eben dieses Fasttages, entbot Mohammed die Siebenundzwanzig auf den Hauptplatz Medinas, wo er mit seinen drei Getreuen ihrer harrte. Im Kreise mußten sie sich aufstellen, das Antlitz nach Osten gewendet.

 

Danach sprach der Fürst ein langes Gebet, in dem er Gott, dem Herrn, für seine Gnade und Hilfe dankte.

Nun durften sie sich niederlassen, da, wo sie standen. Moham-med nahm in ihrer Mitte Platz und sprach zu ihnen. Er erklärte ihnen, daß er sie ausersehen habe, den neuen Glauben in das Volk zu tragen.

Das habe nun aber nicht durch Wanderungen und Bekehrungs-versuche im Reiche zu geschehen, sondern jeder von ihnen erhalte einen Bezirk, in dem er als ein Herrscher im Kleinen für das Wohl der Bewohner sorgen, vor allem aber den neuen Glauben einführen müsse. Dies werde durch die neuen, vom Fürsten im Willen Gottes aufgestellten Gebote ermöglicht, die alle, auch die Verwalter, zu er-füllen hätten. Auf Nichtbefolgung stehe strenge Strafe.

Nun verlangte er, daß sie sich in die Zelte zurückziehen und dar-über nachdenken sollten, ob sie willens seien, dieses Amt auf sich zu nehmen. Jeder, der sich nicht für geeignet halte, dürfe zurücktreten.

Wer dem Rufe folgen wolle, solle am Abend vor Sonnenunter-gang an die Moschee kommen, den Treuschwur zu leisten. Solange müßten sie sich noch jeglicher Speise ent-halten.

Verwundert leisteten die Männer Folge und zogen sich in die Zel-te zurück, wo sie bis zum Abend verblieben. Die meisten legten sich auf ihr Lager und versanken in Träumereien, sie wußten wirklich nicht, wie sie das „Versenken“ anders anfangen sollten.

Sie waren aber alle von heiligem Eifer und gutem Willen erfüllt, keiner hätte daran gedacht, das Amt nicht anzunehmen. Ihre neue Kleidung gab ihnen in ihren eigenen Augen einen Anflug von Wür-de, der sie beglückte.

Abends standen sie vor der Moschee, die unter feierlichem Ge-sang von Männerstimmen, der aus dem Inneren tönte, geöffnet wurde. Sie durften eintreten und staunten.

So etwas hatten sie noch nie gesehen! So mußte es droben über der Welt sein! Die weite Kuppel lag im Dämmerlicht; denn der Schein der zwischen den Säulen unten brennenden Fackeln, Lich-ter, Ampeln und Rauchschalen drang nicht weit hinauf.

Der Boden war mit farbigen Teppichen belegt, auf dem die An-dächtigen, nachdem sie sich vor der Eingangstür ihrer Fußbeklei-dungen entledigt hatten, stehen konnten.

 

An der Ostseite war eine Nische angebracht, in der Mohammed Aufstellung genommen hatte. Es war selbstverständlich, daß alle so standen, daß sie ihn sehen konnten.

Nun las die jugendliche Stimme Abdallahs, der auf einem etwas erhöhten Platz in der Mitte stand, einen Lobgesang auf Gottes All-macht und Güte vor. Es tönte und schwang durch den feierlichen Raum und erfaßte die Seelen mit Allgewalt. Sie kamen sich vor, wie in selige Gefilde versetzt.

Noch nie hatten sie derartiges erlebt! Die meisten von ihnen hatten bisher keinerlei Glauben gehabt, einige waren Christen ge-wesen, einige andere Juden. Sie alle aber fühlten, daß ihnen etwas Neues, Besseres geschenkt werde.

Nun begann Mohammed zu sprechen. Er bat sie, einzeln zu ihm zu treten und unter Nennung ihres Namens zu geloben, daß sie Gott als ihrem Herrn und Gebieter dienen und seine Befehle aus-führen wollten.

Damit sie wüßten, wie sie es zu tun hatten, trat Ali als Erster her-an und sagte mit kehliger, aber deutlich vernehmbarer Stimme:

„Ali ben Abu Talib gelobt, Gott als seinem Herrn und Gebieter zu dienen und seine Gebote ausführen zu wollen!“

Und Mohammed antwortete :

„Ali ben Koretschi, sei des Reiches Verweser an meiner Statt!“

Abu Bekr wurde zum Groß-Wesir und Heerführer ernannt, Said zum Wesir, Schatzmeister und Verwalter aller Schriften.

Jedem, der nun herzutrat, nannte Mohammed den Bezirk, den er als Verwalter zu beherrschen haben würde, und sie alle merkten mit Freude, daß es jedesmal gerade ihre Heimat war, in der sie fort-an als Diener Gottes leben sollten.

Als letzter trat Abdallah heran, der sich zum wunderbar schönen Jüngling entwickelt hatte.

„Abdallah ben Ali, Dir befiehlt Gott, daß Du Vorleser im Heilig-tum seiest, wie Du es heute warst!“

Hierauf sprach Mohammed ein inniges Gebet, in dem er den Segen des Höchsten auf die einunddreißig Diener herabflehte. Ein Männerchor schloß die Feier, danach begaben sich alle in den Fürstenpalast, wo an langen Tafeln Speise und Trank ihrer warte-ten.

 

Der Fürst schritt zwischen seinen Gästen umher, sie zum Essen auffordernd, mit diesem und jenem plaudernd. Er wollte ihnen alle Scheu nehmen und sie zugleich noch besser kennen lernen.

Als er merkte, daß einzelne das Getränk, Fruchtsaft, Milch oder einen Pflanzenaufguß, nicht anrührten, sagte er laut zu allen:

„Ihr wundert Euch, daß Euer Fürst Euch keinen Wein zu bieten hat, auch kein anderes Getränk, das die Sinne anregt. Sagt, Freun-de, ist die Freude, die Euch erfüllt über Euer hohes Amt, nicht anre-gender als ein berauschender Trank, der nur Eure Sinne umnebelt und Euch tun macht, was Ihr später bereuen müßt?“

Sie stimmten ihm zu, wider Willen von seinen Worten gepackt.

„Ihr werdet finden, daß die neuen Gesetze fernerhin den Genuß von berauschenden Getränken untersagen, meine Freunde; denn der Mensch muß Herr bleiben über seine Sinne, wenn er im Willen Gottes leben will.“

Sie waren erstaunt, aber sie murrten nicht. Es kam heute unerwar-tet so viel Neues über sie, daß sie es fast nicht mehr fassen konnten. Nach dem Gastmahl entließ der Fürst die Verwalter und entbot sie für den kommenden Tag abermals in den Palast, aber nicht zum Essen, sondern zur Unterweisung. Sie sollten einige Wochen jetzt täglich kommen, um ganz sicher in dem zu werden, was sie andere lehren sollten.

Diese Unterweisung begann, indem Mohammed ihnen den Be-griff „Gott“ zu erklären versuchte. Es kam ihm darauf an, sie zu überzeugen, daß es nur einen einzigen Gott gäbe, daß dieser Gott, der die ganze Welt erschaffen, auch der Herr derselben sei.

Dieser Gott aber sei kein ungerechter, grausamer Herrscher, son-dern ein gütiger, sorgender Vater für die, die in seinem Willen le-ben wollten. Für die anderen sei er unerbittlich streng.

Durch Fragen überzeugte er sich von Zeit zu Zeit, ob seine Hörer ihn verstanden. Danach ließ er bald den einen, bald den andern kurze Ansprachen über das Aufgenommene halten, dadurch das Wissen in ihnen befestigend. Schließlich verlangte er, daß sie aus ihrem eigenen Erleben Beweise für Gottes Dasein, seine Güte und seine Gerechtigkeit bringen sollten.

In jedem Araber schlummert ein Erzähler. Überraschend gut ent-ledigten sie sich dieses Teils ihrer Aufgabe.

 

Nun ging Mohammed dazu über, ihnen an Hand der Geschichte Israels zu zeigen, wie Gott sich dem auserwählten Volk geoffenbart, wie er es geführt habe. Er berichtete von den Propheten.

Das weckte große Anteilnahme und war leicht zu erfassen. Im-merhin hatte die Unterweisung bisher über zwei Wochen in An-spruch genommen. Keiner war dessen müde.

Nachdem Mohammed nun die Verderbnis der Menschen geschil-dert, kündete er die göttliche Gnade, die in der Sendung des Got-tessohnes lag. Hier fand er die innigsten Worte, ganz von innen heraus aus dem eigensten Erleben flossen sie ihm.

„Sollte man nicht meinen, er habe Christus gekannt?“ fragten sich die Männer nachher.

Sie waren alle so gepackt, daß jede Einrede schwieg. Juden, Chri-sten und Heiden beteten aus tiefster Seele den Gottessohn Christus an. Er einte sie alle. Er machte sie zu Dienern seines heiligsten Va-ters.

Und weiter unterwies Mohammed. Er kündete von dem großen Gericht, das über alle Welt kommen werde. Gottes Sohn werde als Weltenrichter die Menschen verurteilen oder in das Reich seines Vaters führen.

Christus sei das lebendige Wort Gottes gewesen hier auf Erden, der Weltenrichter werde der Wille Gottes sein.

Aber obwohl Gott sich hier auf Erden in seinen Söhnen zeige, seien alle drei nur „Ein Gott“, eine Dreiheit in Einheit.

Immer wieder erklärte er es ihnen. Sie nahmen es auf, aber ihr Verstand konnte nichts damit anfangen. Da bat Mohammed sie, den Verstand ganz beiseite zu lassen und zu versuchen, das göttli-che Geheimnis in sich zu erleben.

Nachdem er nun in großen Zügen die neue Lehre vor ihnen aus-gebreitet hatte, ging er daran, sie im Einzelnen auszuschmücken. Er zeigte, wie Gott, der Herr, auf Erden sich Diener schaffe in den Menschen, die er für seine Arbeit berufe und unterweisen lasse, so habe er auch in den anderen Reichen, die dem menschlichen Auge verborgen seien, ebenfalls Diener, und ihre Zahl seien Legionen.

Er nannte sie alle „Engel“, weil er meinte, die Menschen würden das am besten verstehen. Und er teilte die Engel ein in: Große und Kleine, irdisch Helfende und geistig Helfende, in männliche und weibliche und in große Heilige, die immer um den Thron Gottes geschart sein dürfen.

Engel seien die Winde und die Feuerflammen, Engel lenkten die Tiere und die Menschen, Engel dienten Gott in jedem Geschehen. Das verstanden sie alle, es sprach zu ihren Seelen. Sie liebten alles, was ans Märchenhafte anklang, und die Erzählungen von den En-

gelwesen waren ja schöner als alle Märchen.

Hierauf versuchte Mohammed, ihnen Ehrfurcht vor allem Ge-schaffenen, sei es Mensch, Tier oder Pflanze, Stein oder Gewässer einzuflößen. Er unterwies sie, daß jeder der sich gegen eine Kreatur Gottes vergehe, genau das leiden müsse, was er dem anderen zuge-fügt. Er bewies es ihnen an unzähligen Beispielen, und sie fanden solche aus ihrem eigenen Erleben heraus.

Nun wollte er von dem wiederholten Erdenleben der Menschen sprechen, aber in der Nacht vorher bekam er Weisung, dies noch zu unterlassen, die Männer könnten es noch nicht fassen.

So teilte er ihnen als Abschluß der Glaubenslehre mit, daß alles, was er ihnen gesagt, in dem Verkündigungsbuch, dem Koran, nie-dergelegt sei. Dieses Buch müsse ihnen das Wichtigste auf Erden werden. So oft müßten sie die einzelnen Abschnitte, die Suren, in hingebender Andacht beten ihr Leben lang, daß sie sie ganz inwen-dig in sich tragen könnten.

Auf diesen Abschluß folgte ein großes Fest in der Moschee, das zwei Tage lang mit kurzen Unterbrechungen gefeiert wurde.

Danach legte Mohammed den Verwaltern die Gebote aus, die er aufgeschrieben hatte.

 

Oberstes Gesetz war Gehorsam gegen Gott und Gottes Willen. Danach kam der Gehorsam gegen die Obrigkeit.

Um allezeit in Gottes Willen und seiner heiligen Gegenwart leben zu können, wurden fünf Gebete am Tage befohlen, zu denen die Muezzins, die Ausrufer, von der Spitze des Minaretts oder, wo ein solches nicht vorhanden war, von einem andern erhöhten Platz aus zu rufen hatten.

Entgegen seiner anfänglichen Bestimmung hatte Mohammed den Wortlaut der kurzen Gebete festgelegt, da die Männer immer wie-der gekommen waren, ihm zu klagen, sie wüßten nicht, was und wie sie beten sollten. Bei diesen Gebeten müßten alle Andächtigen auf einem Teppich stehen, der ihnen auch im Freien Ersatz für die Moschee bieten würde. Daher sollten sie dieses Stückchen Teppich ständig mit sich führen. Sie stünden dann auf heiligem Boden, wo immer sie auch wären. Ferner sollten sie beim Beten das Antlitz nach Osten richten.

„Von Osten kommt das Licht, Ihr seht es an der irdischen Sonne“, sagte Mohammed erklärend. „öffnet Euch dem Licht, das Euch er-leuchten will, und blicket ihm entgegen.“

Vor jedem Gebet aber soll der Andächtige sich Antlitz und Hän-de reinigen, wenn möglich auch die Füße. Ebenso soll er vor den Mahlzeiten Waschungen vornehmen.

Diese Waschungen des Körpers sollten ihn erinnern, daß Rein-heit der Seele unerläßliche Bedingung zur Erfüllung des Willens Gottes sei.

Diese Reinheit erstrecke sich auch auf die Achtung, die der Gläu-bige den Frauen entgegen zu bringen habe. Von Gott, dem Herrn, zarter und feiner erschaffen als der Mann, sei die Frau ins Leben gestellt, um diesem Leben als Schmuck zu dienen, wie die Blüte dem Garten. Mit Verehrung solle der Mann emporblicken zu den Frauen.

Es werde nunmehr befohlen, daß überall die Frauen und Mäd-chen gesonderte Gemächer bewohnen sollten, wo es angängig sei, sogar gesonderte Häuser.

Kein Mann dürfe die Gemächer betreten, in denen Frauen oder Mädchen wohnten. Auch für die Ehefrau seien gesonderte, nur von Frauen zu betretende Gemächer Vorschrift. Sie könne nach Wunsch den Mann besuchen, nicht aber er sie.

Verlasse die Frau das Haus, so habe sie einen Schleier umzuneh-men, der ihr Haupt, am besten sogar die ganze Gestalt verhülle. Auf öffentlichen Plätzen dürfe sie sich nicht zeigen. In der Moschee würden besondere Feste für die Frauen gefeiert werden, da sie an den allgemeinen Feiern nicht teilnehmen dürften.

Eine Ehe sei von dem Verwalter der Moschee einzusegnen. Kein Mann dürfe mehr als vier Frauen haben.

Um das Volk aus seiner Unwissenheit und Gottesferne herauszu-reißen, würden in allen großen Städten Moscheen erbaut und jeder Moschee eine öffentliche Schule beigefügt werden, die alle Knaben zu besuchen hätten.

Ferner müsse man Brunnen und Grotten für die Waschungen errichten, Bäder bauen und Krankenanstalten erstehen lassen. Für die Armen und Arbeitsunfähigen müßten Speise-anstalten einge-richtet werden.

Das alles komme allen zugute, aber es koste viel Geld. Daher be-stimme Mohammed, daß jeder Gläubige ein Zehntel seines Ver-dienstes oder Einkommens als Steuer entrichte. Diese Summen würden dann für Bau und Unterhalt der genannten Einrichtungen verwendet werden.

Jeder Verwalter eines Bezirks habe in jeder Stadt und jeder Ort-schaft einen oder mehrere Beamte einzustellen, die über die pünkt-liche Entrichtung dieser Steuer wachten. Da sie mit Gottes Willen eingesetzt sei, so mache sich der Gläubige Gott gegenüber schuldig, der versäume, sie zu bezahlen.

 

Das waren die ersten Gebote, die Fürst Mohammed, oder, wie er von jetzt an genannt zu werden wünschte, Gottes Prophet, gab.

Als alle Verwalter sie aufgefaßt hatten, durften sie Fragen stellen oder ihre Meinung dazu äußern. Es zeigte sich aber, daß sie so gut allen Bedürfnissen angepaßt waren, daß niemand etwas dagegen zu sagen wußte.

Nun endlich ging die Versammlung auseinander, nachdem sie fast vier Monate lang beisammen gewesen war. Es war für alle ein großes Erleben gewesen. Viele der Männer hatten sich gewandelt, waren ernster und gereifter geworden. Alle schieden mit den besten Vorsätzen, mit festem Wollen, Gottes wahre Diener zu sein.

Und das Land war in dieser ganzen Zeit ruhig geblieben! Wie ein Wunder schien es. Mohammed wußte, daß Gottes unsichtbare Die-ner, die Engel, dafür gesorgt hatten, und er dankte Gott aus tiefstem Herzen dafür.

Nun wandte er sich auch wieder seiner Familie zu und erfuhr, daß sie sich um eine Tochter vermehrt hatte.

Alina hatte die junge Tochter Abu Bekrs in ihr Haus aufge-nommen, als sie sie vernachlässigt und fast verkommen in sei-nem verlassenen Hause getroffen hatte. Abu Bekr hatte seine Frau frühzeitig verloren und sich nicht die Zeit genommen, abermals zu freien.

Seines einzigen mutterlosen Kindes erinnerte er sich nur selten, er kam ja auch fast nie in sein Heim. War er wirklich einmal in Me-dina, so lebte er lieber bei seinen Kriegern im Zeltlager, als daß er sein verödetes Haus aufsuchte.

Aischa, seine Tochter, war ein eigenartig schönes Mädchen, die ihrem Vater in keinem Zug ähnelte. Durch ihre unfrohe Jugend hatte sie etwas Unfreies, Gedrücktes im Wesen, das unter dem Ein-fluß der Töchter Alinas allmählich zu weichen begann.

Die Botschaft von Christus, so wie die drei Mädchen sie ihr über-mitteln konnten, hatte sie mit begieriger Seele aufgenommen und kannte nichts Besseres, als sie anderen weiter zu geben. Dabei such-te sie mit Vorliebe die Vernachlässigten auf.

Freundlich wandte sich ihr auch Mohammed zu, als bald diese, bald jene der Töchter sie abends mitbrachte bei den Besuchen, die die Mädchen ihrem Vater machten.

Er hatte sich in Alinas Wunsch gefügt, den Frauenpalast nicht zu betreten, dafür kamen diese, wann immer er Zeit für sie hatte. Bald las er ihnen vor oder kündete vom neuen Glauben, ein ander Mal mußten sie ihn mit ihrem Geplauder oder mit Musik erheitern.

 

Sie hatten kleine Saiteninstrumente, die sie gut zu spielen wußten, dazu sangen sie, einzeln oder gemeinsam.

Wollte er einmal mitten im Tage unerwartet ausruhen oder sich zerstreuen, so suchte er Alis Palast auf, wo seine sechs lebhaften Enkel ihn immer mit Jubelgeschrei begrüßten. Namentlich Mo-hammed war ihm zugetan und zählte die Wochen, bis der Groß-vater sein Versprechen wahrmachen und ihn in seine persönlichen Dienste nehmen würde.

Ibrahim, der zweite, war ein stiller, verschlossener Knabe, der einsam seinen Weg lebte. Er hing an Mohammed, aber auch ihm gegenüber war er trotz aller Liebe scheu. Noch wußte er nicht, was er einmal aus seinem Leben machen wollte.

Er lernte, weil es von ihm verlangt wurde, nicht aus innerem Drang. Als Ali ihn fragte, ob er nicht später auch Vorleser in der Moschee werden wolle wie der Älteste, verneinte er.

 

Eines Nachts erhielt der Prophet Befehl, nach Mekka zu reisen. Es sei an der Zeit, daß er sein Versprechen wegen Erbauung der Mo-schee halte. Wohl hatte er selbst schon Verlangen danach gehabt, aber er hatte erst Gottes Befehl abwarten wollen.

Nun zeigte es sich, daß er von den Seinen niemand mitnehmen konnte, da er ihnen feste Ämter verliehen hatte, die sie nicht verlas-sen durften. Da er nun gern einen Enkel wenigstens um sich gehabt hätte, fragte er Ibrahim, ob er ihn begleiten wolle.

Des Knaben Augen leuchteten auf, ungläubig starrte er den Frager an. War das möglich, daß der Großvater ihn, gerade ihn, den niemand gebrauchen konnte, erwählte? Freudig bejahte er und machte sich mit ungewohntem Eifer an die Reisevorberei-tungen.

Als er dann auf seinem behenden Roß neben Mohammed her-trabte, merkte dieser, daß Ibrahim kein Knabe mehr war. Unbeach-tet von allen war er zum Jüngling geworden, der, umhegt von der rauhen Schale, eine glühende Seele in sich trug.

Auf dem Rücken des Pferdes war er ein anderer als sonst. Lebhaft beantwortete er die Fragen Mohammeds, fragte auch wohl selber und freute sich der immer schöner werdenden Gegend.

Mekka selbst sah traurig aus. Wer es früher gekannt, konnte nur mit Wehmut auf die ihrer Mauern und aller hochragenden Gebäu-de beraubte Stadt blicken. Die Bewohner hatten anscheinend allen Mut verloren, irgend etwas, das nicht unbedingt lebensnotwendig war, wieder aufzubauen.

In gedrückter Ruhe empfingen sie ihren Fürsten, der mit ganz kleinem Gefolge und ohne Krieger bei ihnen einritt. Sie wußten nicht, wo sie ihn unterbringen sollten. Es war kein Haus mehr vor-handen, das man ihm hätte anbieten können.

Er löste diese Fragen, indem er bei seinem Gefolge für sich ein Zelt aufschlagen ließ, das er mit Ibrahim bezog.

Sein erster Gang war zur Kaaba. Er ging allein, da er erkennen wollte, ob ihm diese uralte Kultstätte etwas zu sagen habe. Aber nichts in seinem Empfinden regte sich. Heidnisch erschien ihm dieser schwarze Stein, den die Gläubigen zu küssen pflegten. Und doch wußte er, daß er die Kaaba nicht entwerten dürfte, wollte er den so tief Geschlagenen in Mekka nicht alles nehmen.

 

Und mitten unter den Götzenbildern, die ringsum die Wände be-deckten, warf er sich auf die Knie und flehte zu Gott, ihm auch hier seinen Willen zeigen zu lassen.

Da bekam er Befehl, er solle den Raum von den Götzenbildern freimachen, dann aber die neue Moschee darüber bauen, so daß das alte Heiligtum wie ein Grab mitten drinnen stehen werde. So werde es dem Volke nicht genommen, verliere aber an Bedeutung und ordne sich ein in den Dienst zu Ehren Gottes.

Freudig verließ Mohammed darauf die Kaaba, rief die Bewohner Mekkas zusammen und verkündete ihnen, daß er ihnen jetzt ein Heiligtum, eine Moschee, erbauen lassen werde, die ihr altes Hei-ligtum, die Kaaba, umschließen solle. Da zog etwas wie Freude in die zerquälten Herzen, einige der Männer aber sagten:

„Wir haben kein Geld mehr für solche Bauten.“

„Wer sagt Euch denn, daß Ihr das Geld aubringen sollt?“ fragte Mohammed gütig. „Wenn Euer Fürst etwas bauen lassen will, so wird er auch die Mittel dafür haben.“

„Dann ist es eine Moschee des Fürsten und nicht die unsere“, be-harrten die Männer.

„Sie wird aber von Eurem Gelde erbaut, also ist sie die Eure“, gab der Fürst zurück und erklärte ihnen dann den Zusammenhang.

Da sahen sie, daß der, der ihnen grausam, blutdürstig und unge-recht erschienen war, ein warm mitfühlendes Herz hatte. Sie be-gannen Zutrauen zu ihm zu fassen. Sie wichen ihm nicht mehr aus, wenn er irgendwo des Weges kam.

Nun begann er, öffentlich von Gott und dem neuen Glauben zu künden, den er die Ergebung in Gottes Willen, „Islam“, nannte.

Als er ihnen den Namen erklärte, betonte er, daß nur der recht leben kann, der sich in allem in den Willen des Allerhöchsten einordnet. Geht sein Streben dem Willen Gottes ent-gegen, so wird er vom Weltgetriebe erfaßt und zermalmt, nimmt es die gleiche Richtung wie der erhabene Wille, so bekommt es dessen Kraft und wird vorwärtsgetragen.

Das verstanden die Menschen ganz gut, aber sie meinten nun, der Prophet wolle ihnen klarmachen, daß sie gar nichts mehr selber zu tun oder zu entscheiden hätten. Blind müßten sie sich in ihr Ge-schick ergeben, das keiner ändern könne. Klaglos müßten sie das annehmen, das über sie verhängt worden.

 

Mohammed hatte Mühe, diese Gedanken zu zerstören.

Er erklärte ihnen, daß zwischen dem Willen Gottes, wie er durch die ewigen Gesetze des Alls schwingt, und dem Geschick, ein ge-waltiger Unterschied sei. Er bewies, daß die Menschen ihr Geschick selber fertigen. Gott, der Herr, kümmere sich nicht darum. Wie die Menschen ihr Lebensschiffiein steuern, so wird es in den Wassern des Lebens dahingleiten.

Gerade den Leuten von Mekka konnte er an ihrem eigenen Erle-ben so gut beweisen, wie sie alles Schwere, das sie getroffen, selbst über sich gebracht hatten. Aus diesem eigenen Erleben heraus aber wuchs ihnen nun auch das Verständnis.

Der, der am meisten dabei lernte, war Ibrahim. Kein Wort des Propheten verlor er, er hegte es im Innern, bis es Wurzeln schlug und aublühte.

Dabei veränderte sich sein Aussehen, sein ganzes Wesen. Man konnte kaum noch den verschlossenen, knabenhaften Jüngling in dem frohen, zielbewußten jungen Mann erkennen. Er hatte seines Lebens Ziel und Beruf gefunden: Künder wollte er werden des Al-lerheiligsten! Verwalter der göttlichen Wahrheiten!

Als er diese Klarheit erlangt hatte, vertraute er sich Mohammed an, der mit großer Freude vernahm, daß er auch in dieser Bezie-hung einen Nachfolger haben werde. Es hatte ihm schon auf der Seele gelegen, wer einmal sein Werk fortsetzen solle.

Ali würde ein guter Herrscher sein, ein Priester würde er niemals werden. Und Abdallah begnügte sich mit dem Amt als Vorleser, das nur eine Stufe hatte sein sollen, und strebte nicht weiter.

„Ich werde dich hier lassen, mein Sohn, wenn ich später wieder nach Medina zurückkehren werde“, erklärte er dem erfreut Aufhor-chenden. „Jede Moschee wird ihren Scheich haben müssen. Über-nimm Du dieses Heiligtum, künde darin die lautere Wahrheit, und Gott, der Herr, wird Dich segnen!

Wenn ich dann diese Erde verlassen muß, so kannst Du wäh-len, ob Du hier bleiben, oder die Moschee in Medina verwalten willst.“

Als der Bau der Moschee, zu dem Mohammed die Baumeister aus Medina berufen hatte, in vollem Gange war, bereitete er sich zur Abreise.

 

Es war ihm gelungen, mit zwei vertrauten Dienern die zugemau-erte Gewölbe-Schatzkammer unter den Trümmern seines Palastes aufzufinden. In der Stille mehrerer Nächte waren die Schätze ent-fernt worden. Nun führte er sie auf Lastkamelen mit sich nach Me-dina, um sie dort Said zur Verwaltung zu übergeben.

Bei seiner Rückkehr, die von allen mit Freuden begrüßt wurde, fand er eine Überraschung: Aischa, die Zarte, Feine hatte eingewil-ligt, das Weib des alternden Said zu werden. Sie warteten nur seines Segens, um ihre Ehe zu beginnen.

Mohammed, dem Said längst wie ein Sohn geworden war, freute sich seines Glückes und ließ ihm einen behaglichen Palast neben dem Alis erbauen.

In der ersten Versammlung der Stadt-Ältesten, der Mohammed wieder beiwohnte, bemerkte er, daß irgendeine Mißstimmung die Männer drückte. Er fragte nach dem Grund derselben.

Da eröffneten sie ihm, daß sie unzufrieden damit seien, daß er den Aufrührern in Mekka ebenfalls ein Heiligtum erbauen lasse.

Er hatte alle Mühe, ihnen begreiflich zu machen, daß Mekka ja von alters her ein Heiligtum besessen. Die neue Moschee, deren sie dringend bedürften, denn jede größere Stadt sollte eine solche ha-ben, werde über die Kaaba gebaut. Es sei alles beim Alten geblieben. Damit sie aber nicht wieder murren könnten, werde die Moschee in Medina von heute an „die Moschee des Propheten“ heißen, wäh-rend derjenigen in Mekka der Name Kaaba-Moschee oder „Heilige Moschee“ bleiben solle.

Damit waren alle einverstanden.

 

Lange blieb der Prophet diesmal nicht in Medina. Es trieb ihn weiter, auch die anderen Hauptorte zu besuchen. Noch hatte er kei-nen der Verwalter im Amte gesehen, wußte nicht, ob sie im Willen Gottes ihr Werk taten, oder ob sie nach eigenem Sinn verfuhren.

Diesmal trat ihm Mohammed in den Weg und begehrte, mitge-nommen zu werden. Die beiden älteren Brüder hatten ein Amt, nun war er an der Reihe.

Der Fürst freute sich seines Eifers, er fragte ihn, welche Arbeit er für sich begehre. Da schwieg der Jüngling und sagte schließ-lich, es werde sich sicher zeigen, wie bei Ibrahim; Sein Großvater aber merkte, daß er innerlich bereits fest zu irgend etwas entschlossen war.

Ihr Ritt währte lange. Kleine Ortschaften ließen sie liegen, ohne sich aufzuhalten, aber an jeder Stadt, in der einer der Verwalter wohnte, wurde Halt gemacht. Dann sprach der Prophet eingehend mit seinem Stellvertreter und ließ sich zeigen, wie weit der Bau der Moschee vorgeschritten war.

Da ergab es sich, daß die siebenundzwanzig Männer äußerst ver-schieden waren. Einige von ihnen hatten es kaum erwarten kön-nen, dem Volk den Segen zu bringen, den sie selbst erfahren.

Sie hatten sofort mit dem Bau des Gotteshauses begonnen, hatten eine Schule eingerichtet, in der sie meist selbst lehrten, und sorgten dafür, daß Waschungen und Gebete pünktlich ausgeführt wurden. Andere hatten mit dem Lehren begonnen und meinten, es sei besser, dem Volk erst einmal zu zeigen, um was es gehe, ehe Neuerungen eingeführt werden könnten.

Mohammed widersprach nicht. Jeder der Gaue war verschieden nach Veranlagung der Bewohner. Diese mußten die Verwalter am besten kennen, die mit ihnen aufgewachsen wa-ren. Es mochte da-her richtig sein, daß einige Verwalter zögerten.

Er traf aber auch auf solche, die möglichst viel Ehre aus ihrer neu-en Würde, aus der Kleidung, die sie jetzt tragen durften, herauszu-holen wünschten. Sie taten gar nichts von dem, was ihnen anbefoh-len worden war und erschraken gewaltig, als der Prophet in eigener Person nachschauen kam. Was sollten sie zu ihrer Entschuldigung sagen?

Es bedurfte keiner Worte. Mohammed überschaute die Lage ohne weiteres, und ein derbes Strafgericht erging über die Lässigen. Nun tat es dem Fürsten leid, daß er keine solchen Männer mitgenom-men hatte, die er an die Stelle der Säumigen setzen konnte. Vorerst mußte er die Säumigen deshalb noch auf ihren Posten belassen, aber er beschloß, bald wieder nach ihnen zu sehen und dann Ersatz mitzubringen.

Auf dieser Reise kam er wieder nach Jerusalem. Wie da die Er-innerungen erwachten! Er erzahlte dem Enkel davon, jedoch ohne von seiner früheren Verkörperung zu reden. Diese sollte sein in-nerstes Gut bleiben.

 

Der Jüngling nahm regen Anteil an dem, was der Alte berichtete. Lebhaft folgte er allen Schilderungen, war aber dann auch mit ihm traurig, als sie Zank und Streit an den Stellen sehen mußten, an denen Jesus geweilt und gelitten.

Der Schlaf floh Mohammed, den Älteren. Er betete, Gott möge ihm zeigen lassen, was er tun könne, hier Wandel zu schaffen.

Ganz klar wurde es ihm da, daß er auch hier ein Heiligtum, eine Moschee, erbauen lassen müsse, in der Juden und Christen sich im neuen Glauben, dem Islam, finden könnten.

Der Verwalter begrüßte diesen Gedanken, besonders als Moham-med ihm sagte, daß er selber die Mittel für diesen Bau geben werde. Prachtvoll sollte diese Anbetungsstelle werden, das dritte Heilig-tum in Groß-Arabien.

Überall im Lande fielen Mohammed Männer von kleinerer Ge-stalt als die übrigen Bewohner auf. Es mußten Landfremde sein., Er fragte und erhielt die Antwort, daß es Türken seien, ein

Volk, das eigentlich nichts über seine Herkunft oder seine eigent-liche Heimat wisse. Sie hätten keinen Glauben, seien sehr regsam und beutelustig. Sie schreckten vor nichts zurück.

Mohammed wollte wissen, wer ihr Herrscher sei. Man wußte es nicht. Da begann er, mit einzelnen von ihnen zu sprechen. Sie wa-ren nicht mitteilsam und gaben vor allem keine Auskunft über den Zweck ihres Aufenthaltes in Palästina.

Als er sie aber nach ihrem Anführer fragte, teilten sie ihm voll Stolz mit, daß sie einen Kaiser hätten, der in der herrlichen Stadt Konstan-tinopel wohne. Gesehen hätten sie ihn zwar nicht, aber sie wüßten von ihm. Er sei hocherhaben, alle Völker seien ihm untertan.

Da beschloß Mohammed, mit diesem Kaiser, dessen Namen er nicht einmal wußte, in Verbindung zu treten, um ihn von dem Is-lam wissen zu lassen. Er schrieb ihm, daß, wenn seine Untertanen in Groß-Arabien Handel treiben und leben wollten, sie den neuen Glauben annehmen müßten.

Er könne ihnen das nicht befehlen; denn er habe keine Befugnis dazu. Er könne sie nur außer Landes weisen, wenn sie den Islam nicht annehmen wollten. Der mächtige Kaiser in Konstantinopel aber werde schon die Macht über seine Untertanen haben, daß er ihnen befehlen könne, was sie glauben sollten.

 

Viele Male schrieb Mohammed dieses Schriftstück, bis es ihm endlich gefiel. Er wollte weder zu ergeben, noch zu anmaßend er-scheinen. Nach langem Überlegen unterschrieb er es: Mohammed, Fürst von Groß-Arabien und Prophet Gottes, des Herrschers aller Welten.

Wen sollte er nun mit dieser Botschaft betrauen? Er wußte nie-mand als Said, dem er dieses wichtige Schriftstück übergeben konnte. Said würde auch einen guten Eindruck machen, wenn er zu dem fremden Herrscher kommen würde.

So schickte er etliche Männer seiner Begleitung, daß sie ihm Said mit einem Troß Reiter herbeiholten. In der Zwischenzeit begann er in Jerusalem und der Umgegend zu künden.

Man hörte ihm gern zu, nur die Juden wollten nichts von seinen Reden wissen, und durften sich doch nicht widersetzen; denn er war ihr Herrscher. Darum blieben sie lieber den Versammlungen fern.

Statt dessen kamen die Türken immer häufiger. Es gefiel ihnen, was der fremde Herrscher sagte. Sie verstanden zwar seine Sprache nicht recht, aber es gab allerhand Leute, die sie auslegen konnten.

Wenn sie dann Worte oder ganze Sätze änderten, weil sie den In-halt nicht begriffen hatten, so merkte das niemand. Manchem unter ihnen machte es sogar Spaß, den Sinn der Verkündigung zu entstel-len, das Heilige herabzuzerren.

Der Prophet wendete sich an den Verwalter des Jerusalem-Be-zirks. Er mußte doch wenigstens soviel Türkisch können, um sich mit den Leuten zu verständigen.

Entrüstet lehnte der Mann eine derartige Zumutung ab. Er sei doch für die Araber ins Amt gesetzt!

Vergebens stellte ihm Mohammed vor, wie schlimm es sei, wenn mitten in seinem Bezirk Leute handelten, die nichts von Gott wis-sen wollten. Er meinte, solche Menschen gäbe es überall. Er wolle zufrieden sein, wenn er Juden und Christen vereint habe, um die Heiden könne er sich nicht kümmern.

Da kam dem Fürsten unerwartet Hilfe.

Der jüngere Mohammed, dem die kleinen, trotz ihrer Neigung zu beträchtlichem Umfang so flinken Türken Spaß gemacht hatten, hatte sich längst mit ihnen eingelassen und mit rascher Begabung ihre Sprache soweit zu beherrschen gelernt, daß er als Helfer die-nen konnte.

Dies zeigte sich eines Tages, als der Mann, der gegen Entgelt über-nommen hatte, jeden Satz des Propheten bei der Ansprache sofort türkisch zu wiederholen, sich seiner Aufgabe absichtlich mangel-haft entledigte.

Da rief plötzlich Mohammed, der Jüngere, dazwischen und sagte seinerseits, was der Prophet eben verkündet habe.

Nun erhob sich gewaltiger Lärm. Die Türken wurden ganz erregt, als sie merkten, daß man ihnen Falsches gesagt. Der Mittler tob-te, weil er die Einmischung des Jünglings unberechtigt fand und fürchtete, sein Verdienst werde ihm entgehen.

Der junge Mohammed aber stand seinen Mann, übertrug alle Worte und Reden, die da gewechselt wurden und zeigte sich so ge-schickt, daß der Fürst von nun an sich nur noch seiner bediente.

Einmal sprach er vertraulich mit dem Enkel und fragte ihn, ob das Amt, das ihm da zugewachsen sei, ohne daß beide vorher daran gedacht hätten, seinen Wünschen und Hoffnungen entspräche.

Strahlend blickte der junge Mohammed dem alten in die Augen.

„Es ist sicherlich das Richtige für mich, gerade weil es genau so unversehens kam wie bei Ibrahim“, sagte er bestimmt.

„Ich hatte mir ja gewünscht, Heerführer zu werden, aber davon mochte ich Dir nichts sagen, weil ich fürchtete, Du werdest mich zu jung dafür finden. Nun bin ich sehr froh, wie alles gekommen ist.

Ich werde noch andere Sprachen unserer Nachbarn erlernen, dann kann ich Gott mit dem Verstand dienen, den er mir geschenkt hat.“

Als dann Said kam mit einem stattlichen Troß, zeigte es sich, daß er die Nachricht seines Fürsten richtig aufgefaßt hatte. Er hatte sich und sein Gefolge aufs Prächtigste gekleidet und beritten gemacht; es war herrlich, den Zug zu sehen. Auch mit reichlichen Geschen-ken hatte er sich versehen, um den fremden Kaiser zu ehren.

Es war selbstverständlich, daß der jüngere Mohammed sich ihm anschloß, um zu vermitteln.

Nun brach auch der Fürst mit seiner Schar auf, um langsam und mit vielen Kreuz- und Querwegen nach Medina zurückzukehren. Zuerst blieb er einige Monate in Halef, da ihm dieser reiche Handelsplatz mit seinem regen Verkehr sehr geeignet zur Verkündung Gottes erschien.

In einfacher Kleidung mischte er sich unter die Männer, knüpfte Gespräche mit ihnen an, half ihnen bei leichterer Arbeit und er-zählte von Gott. Nie vergriff er sich in der Art seines Auftretens, da er immer genau die ihm von oben zugehenden Weisungen befolgte. Es gab Orte, da fiel seine fürstliche Pracht und Hoheit ins Ge-wicht. Die Menschen liefen ihm zu und hörten auf ihn, nur weil er ihr Herr war. Anderwärts legte er äußerlich mehr Wert auf sein Prophetentum, und manchmal erschien er nur als Märchenerzähler.

Aber alles, was er tat, kam von innen heraus, geschah in dem glühenden Wunsche, Gott zu dienen aus allen Kräften, und darum hatte es auch Erfolg.

In Medina empfing ihn die Kunde, daß Abu Bekr gezwungen ge-wesen sei, im Süden wieder gegen aufständische Juden vorzugehen. Es war ihm dabei gelungen, einen Freund Abu Talibs, Abu Dscha-hil, zu fangen. Er hatte ihn mit sich nach Medina geschleppt, damit Mohammed selber befehle, was mit ihm zu geschehen habe.

Der Prophet ließ Abu Dschahil vor sich kommen. Er war ein alter, verbitterter Mann, dem die Gefangenschaft schwer zugesetzt hatte. Anfangs gab er keinerlei Antwort auf des Fürsten bestimmte, aber freundliche Fragen.

Da sagte dieser zu den Dienern:

„Führet ihn wieder in sein Gelaß. Er ist heute nicht zum Reden aufgelegt. Er mag mir Bescheid zugehen lassen, wenn es ihm ange-nehm ist. So lange will ich ihn nicht sehen.“

Abu Dschahil zuckte zusammen. Er hatte einen Zornesausbruch erwartet und sich innerlich dagegen gewappnet. Als dieser ausblieb, hatte er geho@, man werde ihn wegen seiner Widersetzlichkeit auf der Stelle töten. Nun sollte er in den Kerker zurückkehren, nicht abhängig von dem Willen des Fürsten, sondern von seinem eige-nen. Das war entsetzlich!

Mohammed sah, was in der Seele des andern vorging, aber er wußte auch, daß er ihm jetzt nicht helfen dürfe. Sonst würde der Mann sich noch tiefer in seine Verstocktheit verrennen. Er schwieg und betete innerlich für den andern, seinen Feind.

 

„Laßt mich hier, ich will antworten!“ rief der Gefangene plötzlich wie unter starkem Zwang.

Sofort ließen die Diener ihn frei und traten in den Hintergrund des Gemachs.

Abu Bekr stand neben dem Fürsten und wunderte sich. Immer machte Mohammed alles anders, als man hätte erwarten können, und immer war es richtig!

Gütig trat Mohammed auf seinen Feind zu und fragte:

„Abu Dschahil, warum hassest Du mich?“

„Ich hasse Dich nicht, Fürst!“ lautete die überraschende Antwort.

„Nun so will ich anders fragen: warum bist Du mein Feind?“

„Weil ich es Abu Talib, meinem Freunde, versprach.“

„Kannst Du mir sagen, warum er ein solches Versprechen von Dir verlangte?“ fragte Mohammed höchlichst überrascht.

„Ich will versuchen, es Dir begreiflich zu machen. Abu Talib war durch seine Mißgestalt verbittert. Er fühlte sich überall hinter den andern zurückgesetzt. Dein Vater, Fürst, war schön und glücklich. Dann starb er früh, und Abu Talib ho@e, nun an seine Stelle treten zu können, aber Du warst ihm im Wege.

Er wollte Dich lebendig bei den Mönchen begraben. Es gelang Dir, zu entweichen. Niemals wußte er, ob Verrat dabei im Spiele war, oder ob Gott Dir geholfen. Dann muß er bei der Erbteilung nicht ganz lauter vorgegangen sein. Näheres hat er mir nie darüber gesagt, aber ich weiß, daß sein Gewissen ihm keine Ruhe ließ.

Du schenktest ihm dann mehr, als notwendig gewesen wäre.

Das kränkte ihn tief; denn er sah darin eine Verachtung für sei-ne Denkungsart und sein Handeln. Und Deine Rache, Fürst, war grausam.“

„Meine Rache?“ unterbrach ihn der Zuhörer, der von einem Er-staunen ins andere fiel. „Meine Rache? Ich weiß von keiner solchen!“

„Sie war grausam. Den einzigen Sohn hast Du dem Vater genom-men und entfremdet. Aus dem väterlichen Palast ließest Du ihn weisen. Landfremd und flüchtig mußte der Un-glückliche sein, weil Deine Häscher hinter ihm her waren. Keine ruhige Stunde hast Du ihm mehr gelassen.

Da griff er zu Mitteln, Dir zu schaden. Willst Du ihn darum ta-deln? Seine große Beredtsamkeit, die Du nicht nützen wolltest, wandte er gegen Dich. Schließlich hast Du den Wehrlosen morden lassen auf die grausamste Weise, die Du Dir erdenken konntest. Und da wunderst Du Dich, daß ich, sein Freund, Dir Feind bin und sein muß, solange ich am Leben bin!“

Erschöpft schwieg der Alte, aber auch der Fürst vermochte kein Wort zu sprechen. Tief trafen ihn die Anklagen in ihrer Ungerech-tigkeit, in deren jeder trotzdem ein Fünklein Wahrheit war.

Abu Bekr hatte nur mit Mühe an sich gehalten. Nun wollte er auf-brausen, aber eine Handbewegung des Fürsten gebot ihm Schwei-gen. Da verließ er dröhnenden Schrittes das Gemach.

Statt dessen trat Ali ungerufen in dasselbe. Mohammed war es wie ein Wink von oben, was er sagen solle.

„Höre, Ali! Dieser Mann, Abu Dschahil, beschuldigt mich, Dich Deinem Vater fortgenommen zu haben. Magst Du ihm sagen, wie es zuging, daß Du in meine Dienste kamst?“

Ali erklärte sich sofort bereit dazu. Da sagte Mohammed:

„So lasse ich Euch allein, damit dieser, mein Feind, nicht fürchten muß, ich beeinflusse Dich in Deinen Aussagen.“

Freundlich verließ er das Gemach.

Ali und der Freund seines Vaters blieben allein, da auch die Die-ner auf einen Wink des: Fürsten hinausgegangen waren, draußen zu warten.

Lange sprachen die Beiden. Alis ruhige, leidenschaftslose Art hat-te etwas Überzeugendes, dem sich der andere nicht verschließen konnte. Eine Anklage nach der anderen widerlegte der Jüngere. Dabei kam es ihm erst selbst recht zum Bewußtsein, wie sehr er sich immer seines Vaters geschämt hatte, wegen dessen niedriger, geldgieriger Gesinnung, und wie es stets der Fürst gewesen war, der ihm geholfen, dieses Gefühls Herr zu werden.

Als es nichts mehr klar zu stellen gab, ließ Ali den Herrscher um seine Anwesenheit bitten.

In der kurzen Zeit, die verstreichen mußte, bis Mohammed das Gemach wieder betrat, stritten mancherlei Gefühle in der Brust des Alten. Er war im Grunde ein redlicher Mann, nun schämte er sich. Als der Fürst vor ihm stand, warf er sich zu Boden und erflehte Vergebung für alles, was er gesagt, gedacht und getan. Freundlich hob Mohammed den Greis auf.

 

„Du warest falsch berichtet, mein Freund, darum konntest Du nicht anders handeln. Laß uns das Vergangene vergessen und kehre zurück zu den Deinen. Ich denke, wir werden von heute an Freunde sein.“

Und er selbst geleitete den ganz Betäubten in ein Gastgemach und speiste dann mit ihm zusammen wie mit einem Vertrauten.

Einige Tage lang weilte Abu Dschahil noch als Gast im Fürstenpa-last, danach verließ er unter Begleitung Medina, um in die Heimat zurückzukehren und dort die Wahrheit von dem Fürsten zu erzäh-len, dessen Güte übermenschlich schien.

Abu Bekr war es nicht ganz recht, daß Mohammed wieder hat-te Gnade walten lassen statt der Bestrafung, die reichlich verdient war. Was hatte ihn nur zurückgehalten, den Feind auf der Stelle zu töten?

In seinem Unmut äußerte er diesen Gedanken Mohammed ge-genüber. Dieser schaute ihn fragend an und sagte dann:

„Du wunderst Dich, daß Du Deiner inneren Stimme Gehör schenktest, Abu Bekr? Freue Dich lieber darüber; denn die Gnade, die Abu Dschahil hat zuteil werden können, nützt mir mehr als die grausamste Strafe! Er wird mir jetzt ebenso eifrig Freunde werben, als er vorher gegen mich hetzte. Der lebende Abu Dschahil hilft mir, der tote hätte mir geschadet.“

Wieder mußte der Großwesir die hohe Weisheit seines Gebieters erkennen und sich darunter beugen.

Um sich selbst aber zu hindern, dies auch noch mit Worten aus-zudrücken, begann er von etwas anderem zu sprechen, das ihn schon länger beschäftigte.

Er wollte eine Fahne haben!

Mohammed begriff den Zweck einer solchen nicht gleich. Da machte ihm Abu Bekr klar, daß es im Kampfgetümmel notwendig sei, ein solches Feldzeichen zu haben, das über die Kämpfenden hinausrage. Dann wüßten die Krieger stets, wo der Anführer sich befinde, und könnten sich jederzeit um ihn scharen.

„Die Feinde sehen es aber dann doch auch“, sagte der Fürst aus seinem Nichtverstehen heraus.

„Das schadet nichts, mein Fürst“, gab Abu Bekr zurück, der sich darin seinem Herrn überlegen fühlte.

Und wieder erklärte und schilderte er solange, bis er Moham-med zwar nicht von der Notwendigkeit der Fahne, aber von seinem dringenden Wunsche, eine solche mit sich führen zu können, über-zeugt hatte.

Gütig, wie immer, wenn es sich darum handelte, einen Wunsch zu erfüllen, ergriff der Fürst ein vor ihm liegendes Stück schwerer, weißer Seide und reichte es Abu Bekr.

„Würde dieses hier Deinen Zwecken entsprechen?“ fragte er, überzeugt, daß der Wesir ganz zufrieden sein werde.

„Es ist sehr schön, mein Fürst“, erklärte Abu Bekr vorsichtig,

„aber so, wie es da ist, genügt es noch nicht.“

„Du mußt es an eine Stange nageln lassen, das ist doch klar!“ Da-mit wollte Mohammed die Sache abtun und sich anderem zuwen-den. Aber sein Wesir ließ nicht nach:

„Es fehlt Dein Zeichen darauf, mein Fürst! Ein Stück weißer Seide oder weißen anderen Stoffes kann jeder mit sich führen, das bedeu-tet gar nichts. Erst das Zeichen des Fürsten macht die Fahne!“

„Wie muß so ein Zeichen aussehen?“ erkundigte sich der Prophet.

Abu Bekr begann zu schildern, was er an Fahnen bisher gesehen hatte:

„Die Juden führen eine Fahne aus gelblichem Stoff mit sich, auf der der Davidstern mit den sechs Zacken abgebildet ist.

Sie haben ihn gemalt, wohl, weil ihre Weiber nicht zu sticken ver-stehen. Wir müssen Dein Zeichen unbedingt darauf sticken lassen, das ist viel vornehmer.“

Mohammed lächelte leicht. Die Angelegenheit erschien ihm so unwichtig im Vergleich zu allem, was ihm gerade durch den Kopf ging, und doch war sie es nicht, sonst würde Abu Bekr nicht so aus-dauernd dafür gearbeitet haben. Dieser fuhr fort:

„Die Leute von Mekka haben ein Viereck, das wahrscheinlich die Kaaba bedeuten soll. Die Syrer, die ich mir an der Grenze unlängst als Verstärkung rufen mußte, hatten eine prächtige Fahne mit ei-nem Adler darauf. Sie sagten, es sei eine Römerfahne. Dieser Adler, ein Vogel mit ausgebreiteten Schwingen, saß auch oben auf dem Fahnenstock, in Metall aufs Schönste gearbeitet.

Du siehst nun, mein Fürst, daß man irgend etwas nehmen kann, es muß nur eine Beziehung haben!“

 

„So will ich darüber nachsinnen, mein Freund“, versprach Mo-hammed. „In einigen Tagen wirst Du Bescheid erhalten.“

Abends erzählte er seinem Weibe von dem Wunsche des Wesirs. Zu seinem Staunen war Alina begeistert von dem Gedanken, eine Fahne mit Mohammeds Zeichen wehen zu lassen.

Sie ersann allerhand Vorschläge, die aber dem Propheten wegen ihres weiblichen Einschlags nicht unbedingt gefielen.

„Wenn die Fahne im Felde wehen soll, so darf sie weder eine Rose noch sonst eine Blume tragen“, erklärte er. Etwas anderes aber wuß-te Alina auch nicht zu raten.

In der Nacht brachte er dann auch diese Frage vor Gottes lichten Boten. Da riet ihm dieser, bei der Fahne nicht an sich, den Fürsten, sondern an den zu denken, in dessen Willen alles geschehe.

„Meinst Du, ich dürfe Gott die Fahne weihen?“ fragte Moham-med. „Ist sie nicht zu irdisch dazu?“

„Wenn sie ,die Fahne des Propheten’ ist, wie Ihr sie nennen wollt, so darf sie eigentlich nur im Dienste des Höchsten wehen. Dann ist sie nicht zu irdisch, um ein Zeichen zu tragen, das sie als Fahne des Herrn kennzeichnet.“

Kaum war die Stimme verhallt, da stieg vor Mohammeds geistigem Auge ein Bild auf, hell und herrlich, wie er kaum je eines gesehen.

Er sah das Himmelsgewölbe als blaue Riesenkuppel sich endlos ausspannen. Sterne leuchteten und zogen ihre Bahn, dann wieder schien es ihm, als seien es Lichter in den Händen unsagbar lieb-licher Frauenwesen. Sie schienen sich zu ordnen, als seien sie in Bereitschaft.

Dann plötzlich neigten sie sich; denn die Königin aller Himmel stieg herauf.

Mohammed hatte sie schon einmal schauen dürfen. Auch jetzt trug sie den dunkelblauen Mantel, der sich der Farbe des Nacht-himmels anschmiegte, langes, silberglänzendes Haar wallte herab. Wie ein lichter Schleier lag es vor ihrem himmlischen Angesicht.

Mit der linken Hand hielt sie den Mantel über der Brust zusam-men, während sie die Rechte ausstreckte, in der eine dunkelrote Rose und eine schneeigweiße Lilie lagen.

Der unbekleidete zarte Fuß, der unter dem langen Mantel her-vorschaute, stand auf der feinen Halbmondsichel wie in einem

 

lichten Kahn. Engelchöre schienen zu erklingen, Farben und Duft umströmten den Schauenden, dessen Herz fast stillstand in bewun-dernder Anbetung.

Lange noch blickte er gen Himmel, nachdem das holde Bild ver-schwunden war. Dann dankte er Gott für die Gnade, daß er es hatte schauen dürfen. Hatte es ihm etwas sagen sollen?

Auf einmal kannte er das Zeichen, das die Fahne des Propheten Gottes vor allen anderen kenntlich machen sollte: der Fußschemel der Himmelskönigin, der halbe Mond, sollte es sein!

In diesem Zeichen sollte die Fahne zu allen reden, die sie sahen:

„Höret, Ihr Männer, dies ist das Zeichen, daß Ihr Gott dienet! Entfaltet die Fahne nur, wenn Euer Werk vor ihm bestehen kann.

Es ist aber auch das Zeichen dafür, daß Ihr im Islam die Frau wieder an die ihr von Gott geschenkte Stelle setzen wollt. Haltet sie rein und ehret sie. Das Zeichen der hohen Himmelskönigin zieret deshalb Eure Fahne!“

So wollte er zu seinen Kriegern sprechen, wenn er ihnen die Fah-ne übergeben würde.

Mit großer Freude berichtete er am nächsten Tage seinem Weibe, was er hatte schauen dürfen, und sie bot sich an, im Verein mit den Töchtern das Zeichen der Himmelskönigin auf die weiße Seide zu sticken. Gegen alle andern aber schwiegen sie.

 

Lange bevor die Stickerei vollendet war, die viel Zeit in Anspruch nahm, weil die Frauen Fäden reinsten Goldes verwendeten, ritt Mohammed aus, um die verschiedenen Verwalter aufzusuchen.

Von einigen waren Bitten gekommen, er solle ihnen raten oder ir-gend etwas erklären, in anderen Bezirken hatten die Beamten gebe-ten, er möge die Arbeit des Verwalters prüfen, die sicherlich nicht im Sinne der Gebote getan werde.

„Nimmst Du mich diesmal mit, Großvater?“ fragte der vierte En-kel, Murzah, begehrlich.

Mohammed hätte gern einen von den Seinen bei sich gehabt, aber Murzah war wirklich noch kaum dem Kindesalter entwachsen und hätte mehr Last als Hilfe bedeutet, so dachte der Fürst.

Murzah aber war anderer Meinung. Bei den anderen beiden hatte sich auch erst unterwegs ihre Brauchbarkeit erwiesen. Warum sollte es bei ihm anders sein? Er flehte den Vater an, ein Wort für ihn zu sprechen, und Ali, der seinen Sohn kannte, beschloß, für ihn zu bitten. Nun war es kaum vorgekommen, daß Ali um irgend etwas gebe-ten hatte, so daß Mohammed sofort bereit war, die Bitte zu gewähren, auch wenn er sie für nicht ganz klug hielt.

Die Freude des Jünglings war kaum zu dämpfen. Den ganzen Tag sprach er von nichts anderem, als daß er den Fürsten begleiten wer-de. Endlich war der Tag des Ausrittes gekommen, ein stattlicher Zug ritt zum Haupttore Medinas hinaus.

Auch Murzah saß gut zu Pferde und sprengte lustig neben Mo-hammed dahin. Unterwegs fragte ihn dieser, wie er die anderen Enkel gefragt hatte, was er sich als Lebensziel erkoren.

„Ich will Dir dienen, Großvater-Fürst“, sagte der lebhafte Jüngling strahlend.

„Ahnst Du schon, welche Fähigkeit Du dazu verwenden willst?“ scherzte der Prophet.

„Nein, ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt eine Fähigkeit besitze. Aber, weißt Du, wenn ich Dir nicht mit dem Leben dienen kann, so will ich für Dich sterben.“

Es klang sonderbar aus dem Munde dieses so besonders lebens-bejahenden Enkels, aber beide vergaßen über allem, was es zu se-hen gab, bald das ernsthafte Gespräch.

Diesmal führte der Ritt ganz bestimmten Zielen zu, man hielt sich unterwegs nirgends länger auf, als unbedingt nötig war.

Zuerst kamen sie in eine Stadt, aus der Beschwerde über das Le-ben des Verwalters eingegangen war. Unangemeldet erschien der Fürst und fand den ungetreuen Diener so berauscht inmitten des Frauenhauses, daß an ein Rechenschaft-Fordern nicht zu denken war.

Es zeigte sich, daß die Klagen der anderen Beamten nicht über-trieben gewesen waren. Die Gelder, die sie als Steuern pünktlich erhoben hatten, waren weder zum Bau der Moschee noch zu irgen-deinem anderen gemeinnützigen Zweck verwendet worden.

Der Verwalter betrachtete sie als sein ihm zustehendes Gut, das er mit seinen zahlreichen Frauen verprassen konnte.

Mohammed ließ ihn von seinen Dienern aus dem Palast in den Viehstall tragen, damit er dort auf der Streu sich ausschlafe.

 

Inzwischen prüfte er mit den andern Beamten, was sich in dem sogenannten Amtszimmer vorfand, und setzte den Ältesten dieser treuen Diener als Verwalter ein.

„Habe ich nicht streng alle berauschenden Getränke verboten?“ fragte der Fürst vorwurfsvoll.

„Das hast Du getan, aber nur mündlich“, erklärten die Beamten.

„In den geschriebenen Geboten findet sich nirgends eine Stelle, die darauf hinweist. Deshalb meinte der Verwalter auch, das Recht zu haben, Wein und andere Rauschgetränke so lange im Übermaß ge-nießen zu dürfen, bis Du eines Tages das Gesetz nachholen wür-dest.“

„Aber es steht ausdrücklich im Gesetz, daß kein Mann mehr Frauen habe als vier“, tadelte der Fürst. „Hier aber waren wenig-stens zwölf versammelt.“

„Der Verwalter hatte auch nur vier Frauen, das andere sind deren Freundinnen“, lautete der betrübliche Bescheid.

„So läßt sich also jedes Gebot umgehen, wenn der Mensch es will“, klagte Mohammed betrübt. „Ich hatte geglaubt, mit diesen Geboten wirklich alles erfaßt zu haben, was den Menschen Scha-den bringen konnte! Wie habe ich mich getäuscht!“

Danach wandte er sich zu dem neuen Verwalter:

„Sorge dafür, daß das Frauenhaus leer werde. Die Freundinnen sollen heimkehren zu ihren Eltern, die vier Frauen sollen mit ihrem Manne auswandern, sobald er dazu fähig sein wird.“

Mohammed selber aber sprach zu den Bewohnern des Bezirks und versprach ihnen den baldigen Bau der Moschee und einer Schule. Er klagte den Verwalter nicht öffentlich an, sondern nahm sich vor, die veruntreuten Gelder aus dem eigenen Schatz ersetzen zu lassen.

Zwei Tage später war der Abgesetzte mit seinen Weibern und al-lem, was er hatte erraffen können, heimlich fortgeritten.

Es war dem Fürsten lieber, als wenn er erst noch mit dem Manne hätte sprechen müssen.

Nachdem er sich überzeugt hatte, daß unter dem neuen Verwal-ter geordnete Zustände eintreten würden, brach er auf, um in der nächsten großen Stadt nach dem Rechten zu sehen.

Hierhin hatte ihn die dringende Bitte des Verwalters gerufen, der Anweisung haben wollte in besonderen Schwierigkeiten, die sich dadurch ergeben hatten, daß Andersgläubige sich mitten im Bezirk angesiedelt hatten und nun keine Steuer zahlen wollten.

Nachdem der Fürst erfahren, wie das zugegangen, nämlich daß ein reicher Grundbesitzer gestorben war, ohne Leibeserben zu hinterlassen, worauf sein Lieblingsweib ihre Anverwandten hatte kommen lassen, entschied er:

„Wer in Groß-Arabien ansässig sein will, muß den Islam als sei-nen Glauben annehmen und wird ein Untertan des Fürsten aller Araber. Will er das nicht, so soll er das Land verkaufen und mit dem Erlös das Reich verlassen. In Groß-Arabien gibt es nur Islam-Gläubige.“

Er suchte die Widerspenstigen persönlich auf und versuchte, ih-nen seinen Bescheid begreiflich zu machen. Sie aber waren bös-willig; denn sie wollten versuchen, einen Keil des Aufruhrs in das festzusammen-gefügte Land zu treiben. Deshalb wehrten sie sich aus allen Kräften und erklärten, daß es ihnen nicht einfalle, zu ge-horchen.

Mohammed setzte eine Frist, binnen deren der üble Handel er-ledigt sein müsse. Als diese Zeit ungenützt verstrichen war, ließ er das Land abschätzen, zahlte den Männern die Kaufsumme auf den Tisch und ließ sie und die Ihren dann von den Bewaffneten über die Grenze bringen.

Alles atmete auf; denn diese Fremden hatten auch noch in ihren ungezügelten Sitten das Mißfallen aller erregt.

Einige Tage später stand Mohammed vor dem Zelt, das ihm hier zum Wohnraum diente, und schaute gen Himmel. Am nächsten Morgen wollte er mit seinem Troß aubrechen. Nun hielt er Aus-schau nach den Wetterzeichen.

Plötzlich ertönte Murzahs Stimme schrill und in Not :

„Großvater, hüte Dich!“

Rasch wandte der Fürst sich um und sah, wie ein blitzendes Mes-ser, das augenscheinlich nach ihm gezückt war, den vorspringen-den Enkel durchbohrte.

Murzahs Ruf hatte Diener herbeigelockt, die den Mörder über-wältigten und fortführten. Mohammed aber sank an der ausge-streckten Knabengestalt nieder, um die Wunde zu untersuchen. Er sah, daß sie tödlich war.

Weh blickte er auf den Enkel, der dahingera@ worden, ehe er sich vollends hatte entfalten können. Murzah aber schaute fast schel-misch auf und sagte:

„Sieh, nun darf ich doch für Dich sterben. Ich danke Gott dafür!“ Seine lichte, reine Seele hob sich. Mohammed vermeinte zu se-hen, wie sie sich so rasch und leicht aus dem verwundeten Körper

löste und emporschwebte.

Es war großes Klagen um den Jüngling, den alle lieb gewonnen hatten. In einem neuen Felsengrabe wurde er beigesetzt. Das erste Begräbnis, das der Fürst im neuen Glauben zu segnen hatte.

Erst als die Feierlichkeit vorüber war, begehrte der Herrscher den Mörder zu sehen. Der Anführer der Krieger teilte ihm mit, daß die Empörung aller so groß gewesen sei, daß er ihn nicht habe vor der Wut des Volkes und seiner Leute schützen können. Er sei tot.

Mohammed nahm als selbstverständlich an, daß es einer der über die Grenze gescha@en Männer gewesen sei, mußte nun aber erfah-ren, daß es der Verwalter war, den er aus dem Amte gejagt hatte. Das war ihm doppelt schmerzlich. Einem Ungläubigen hätte er den feigen Mord eher verzeihen können.

Die Stadt, in der das Trübe geschehen, erbat sich als Beweis, daß der Fürst ihr nicht zürne, hinfort den Namen „Murzah“ führen zu dürfen. Das gestattete Mohammed gern.

Nachts aber grübelte er oftmals, warum, Gott diese feige Tat zu-gelassen habe. Sein Helfer, der lichte Bote Gottes, schwieg auf alle derartigen Fragen.

So lag er auch wieder einmal schlaflos auf seinem Lager. Da hörte er zwei Menschenstimmen reden, in denen er die des Anführers der Krieger und die seines vertrauten Dieners erkannte.

Sie sprachen von dem, was auch ihn wachhielt.

„Warum ließ Gott solches zu?“ fragte der Feldhauptmann trau-rig. „Das ganze Leben lag noch vor dem Jüngling ausgebreitet, und wahrlich, es wäre ein edles geworden; denn seine Seele war rein.“

„Weißt Du, was ihn in diesem Leben erwartet hätte?“ fragte Man-sor, der Diener, dagegen. „Vielleicht hätte er so Schweres zu ertra-gen gehabt, daß dieser rasche Tod eine Gnade war. Wer will sagen, was die Zukunft bringt? Gott allein kennt sie.“

 

„Ich begreife nicht, daß Gott den Opfertod des Knaben zuließ“, beharrte der Krieger.

„Wäre es Dir lieber, unser Fürst läge gemordet?“ wollte der Diener wissen. „Wenn schon einer dem Mörder zum Opfer fallen sollte, dann war es besser, der Jüngling, der dem Volke noch nichts nützen konnte, ging, als der Fürst, den wir noch nicht entbehren können.“

„Gott aber brauchte doch keines der Opfer anzunehmen, sondern konnte doch den feigen Mörder auf andere Weise hindern“, wandte der Krieger wiederum ein.

„Hast Du vergessen, was Mohammed uns vom freien Willen des Menschen sagte? Wenn der Mensch sich zu einer Tat ent-schlossen hat, greift Gott nur in ganz besonderen Ausnahme-fällen hindernd ein. Er läßt den Menschen ausführen, was in seinem Willen lag. Dafür muß er dann das tragen, was er sich selbst zugezogen hat.

Gott hinderte schon, daß unser Fürst, dem der Anschlag galt, hinweggera@ wurde. Lasse uns Gott dafür danken und nicht mit Klagen unehrerbietig gegen ihn sein.“

Die Stimmen entfernten sich, Mohammed aber hatte genug ge-hört. Mit seinen eigenen Worten war er geschlagen worden.

Mansor hatte ihm, ohne es zu wissen, geholfen. Er aber erflehte Gottes Vergebung für seinen Kleinglauben.

Von diesem Tage an wurde ihm Mansor vor allen andern Dienern lieb. Er sprach oftmals mit ihm und freute sich der klaren Art, die aus allen seinen Worten klang.

Nachdem er verschiedene andere Orte aufgesucht hatte, kam er nach Jerusalem. Da erfuhr er, daß am Abend vorher Said und Mo-hammed, der Jüngere, mit ihrem Troß eingetroffen seien.

Das war unerwartete Freude. Wenig später stürmte der Enkel in das Zelt, um den Fürsten zu begrüßen.

Am nächsten Tage berichtete Said, von Mohammed unterstützt, über den Ausgang der Reise.

Sie waren ohne Fährlichkeit bis an das herrliche Meer gekom-men, an dessen Ufern Konstantinopel, die Hauptstadt eines gewal-tigen Reiches, liegt.

Schon hatten sie gemeint, daß sie sich irgendwelchen Barken würden anvertrauen müssen, um das Meer zu überqueren, da hätten sie erfahren, daß der Kaiser sich zur Zeit auf der sogenannten asiatischen Seite der Stadt befinde.

Sie hätten sich melden lassen und wären angenommen worden. Was aber Said ohne Mohammed hätte tun sollen, das vermochte er nicht zu sagen. Niemand in der ganzen prunkvollen Hofhaltung habe auch nur ein Wort Arabisch verstanden. Außer Türkisch sei noch eine sehr gut tönende Sprache gesprochen worden, die aber auch Mohammed nicht habe verstehen können.

„Aber Fürst, ich bin mit meinem Türkisch gut ausgekommen“, frohlockte der Jüngling. „Der Kaiser, ein wunderschöner Mann, konnte es zwar nicht sprechen, aber wenigstens verstehen, so daß er prüfen konnte, ob das, was sein Helfer ihm übertrug, richtig war. Er sagte uns viel Freundliches und viele Male mußten wir kommen, um ihm von unserem Glauben zu sagen. Danach hat er bestimmt, daß alle in Groß-Arabien wohnenden Türken und anderen Unterta-nen seines Reiches den Islam als ihren Glauben annehmen müssen.“

„Wir haben Schriften in verschiedenen Sprachen für alle die Be-zirke, in denen sich Türken und andere Untertanen aus Konstanti-nopel finden“, setzte Said hinzu. „Auch für Dich, Fürst, haben wir ein Schreiben, daß der große, weiße Kaiser Dich brüderlich liebt und nicht will, daß Dein Reich irgendwie durch seine Untertanen geschädigt werde.“

Viel hatten die Beiden noch zu berichten und zu schildern. Wun-dervoll war die Stadt, noch herrlicher das Meer, das von grünen Ufern umgeben war.

An einem der nächsten Tage erzählte der Fürst von Murzahs Opfertod. Er hatte gefürchtet, Mohammed, der gerade mit diesem Bruder besonders verbunden gewesen war, würde den Verlust sehr schwer nehmen. Statt dessen brach der Enkel in Jubel aus:

„Daß er das für Dich tun durfte! Wie wird er froh und dankbar gewesen sein! Sieh, Großvater, wenn wir alle nach besten Kräften unsere Pflicht tun und die Stelle ausfüllen, an die Du uns gerufen, soviel vermag keiner für sein Land zu tun wie Murzah. Er hat Dich erhalten dürfen!

Diese Auffassung war dem Fürsten ein Trost, der gebangt hatte, wie Ali und Mohammed die Nachricht von Murzahs Scheiden auf-nehmen würden.

 

Während nun Said sich rüstete, in die Bezirke zu reiten, wo tür-kische Männer lebten und Handel trieben, wollte Mohammed, der Ältere, mit dem Enkel nach Medina zurückkehren.

Er freute sich, den lebhaften jungen Mann, der immer wieder et-was Schönes zu berichten wußte, um sich zu haben.

Indessen forderte Said, daß Mohammed ihn begleiten müsse. Wie sollte er sonst wohl mit den fremden Sprachen zurecht kommen? Das sahen alle ein und der junge Helfer schloß sich Said an.

Nach Medina aber war die Kunde von Murzahs Tod irgendwie schon früher gelangt, als der Fürst eintraf. Fatime und Ali hatten den Sohn aufrichtig betrauert, sich dann aber um des Großvaters willen abgefunden, so daß auch hier seine Sorge umsonst war.

Die Fahne war fertig und überaus prächtig geworden. Mohammed ließ alle erreichbaren Krieger in die Moschee kom-

men, segnete die Fahne und übergab sie dann Abu Bekr mit unge-fähr den gleichen Worten, die er des Nachts gehört hatte.

Nun hatte es aber so herrlich ausgesehen, als die Fahne neben der Nische des Propheten lehnte, daß der große Wunsch sich regte, es möchte immer ein Fahne in der Moschee sein.

Mohammed fragte bei Gottes Boten an, ob er diesem Wunsch willfahren solle, und bekam Bescheid, daß er jeder Moschee für die Feste eine solche Fahne schenken dürfe, nur sollten die Fahnen, die im Heiligtum aufgestellt und entfaltet würden, grün sein.

Alina wählte dazu Seide in der Farbe des jungen Grases und be-stickte auch diese mit ihren Töchtern. Die drei Heiligtümer erhiel-ten einen goldenen Halbmond, die übrigen Moscheen mußten sich mit einem silbernen begnügen.

Die drei Heiligtümer!

Während Mohammeds Reisen war der Bau der heiligen Moschee in Jerusalem rüstig voran geschritten, so daß der Fürst wenige Mo-nate nach seiner Rückkehr nach Medina wieder nach Jerusalem rei-ten mußte, um die Moschee zu segnen.

Sie erhielt den Namen „Felsen-Moschee“. Noch ehe sie geweiht war, knüpften sich bereits viele Legenden an sie.

Der Fürst hatte Befehl gegeben, daß zu dieser Feier auch Said und Mohammed, der Jüngere, sich in Jerusalem einfanden. Auf den Befehl ihres Kaisers drängten sich die Türken zum Islam, der ihnen überaus schön erschien.

Allerdings wollten sie allerhand daran ändern nach ihrer Wesens-art, doch der sonst so entgegenkommende Fürst blieb in Glaubens-sachen fest und unerbittlich.

Als die Feiertage in Jerusalem vorüber waren, ließ sich der Ober-ste der dort ansässigen Türken bei dem Fürsten melden. Er wollte ihm die Berechtigung ihrer Wünsche klarmachen.

„Sieh, Fürst“, sagte er in überredendem Ton, „wir müssen unser Leben lang so schwer arbeiten, damit wir es zu etwas bringen. Gön-ne uns doch nach dem Tode unsere Ruhe. Für Dich wird es gleich-gültig sein, ob wir drüben arbeiten oder feiern. Laß uns doch den müden Menschen sagen, daß sie drüben ausruhen und nichts tun dürfen. Den Arabern kannst Du es ja anders sagen.“

Der Helfer Mohammed, der zugegen war für den Fall, daß des Türken Arabisch nicht ausreichen sollte, hatte Mühe, ernst zu blei-ben. Mohammed, dem Älteren, aber schien die Ansicht des Türken nicht belachenswert. Er war entsetzt über die mangelnde Tiefe der Anschauung.

„Mein Freund“, sagte er langsam, „Du darfst nicht denken, daß man in Glaubenssachen sagen kann, wie man mag. Das sind Wahr-heiten, die man vermittelt, und an denen nicht gebogen werden darf. Ich kann den Türken keine andere Seligkeit versprechen als den Arabern.“

„Da sind wir verschiedener Meinung“, beharrte der andere. „Ich nehme an, daß es droben viele Himmel geben wird; denn wenn ich hier auf Erden einen Feind hatte, werden wir unmöglich beide in den gleichen Himmel kommen. Was sollte daraus werden?“

„Ihr werdet alle beide nicht hinein kommen“, sagte Mohammed hastig. „Wer Feindschaft in der Seele trägt, kann nicht im Reiche des Friedens Aufnahme finden.“

Er hatte gemeint, einen großen Eindruck machen zu müssen mit diesen Worten. Der Türke aber hatte nur das „Reich des Friedens“ gehört und verwendete diesen Ausdruck nun wieder auf seine Wei-se.

„Nun sagst Du selber, daß drüben Frieden ist. Wie kann Frieden sein, wenn man arbeiten muß wie ein Lasttier!“ rief er erfreut. „Laß mich doch unseren Leuten sagen, daß sie nach dem Tode feiern dürfen! Sie werden dann um so lieber Deinen Glauben annehmen, Fürst.“

Vergebens bemühte der Prophet sich, den andern zu überzeugen. Alles, was er erreichte, war, daß der Türke versprach, nichts von ewi-ger Ausruhe sagen zu wollen, aber auch nichts von „ewiger Arbeit“.

Als er gegangen, begann der jüngere Mohammed unbändig zu lachen und riß damit den älteren aus dem unliebsamen Grübeln, in das er verfallen wollte. Dann aber wurden beide ernst, als der Fürst sagte:

„Wie wird es nach meinem Tode werden, wenn jeder an dem Glauben auf eigene Art deutelt und dreht und die Lehren auslegt, wie es ihm gefällt?“

„Wir sind dann noch da“, tröstete der Enkel. „Wir müssen dafür sorgen, daß alles so bleibt, wie es Dir geoffenbart wurde.“

„Es ist Christus Jesus auch nicht anders gegangen“, überlegte der Prophet. „Kaum war er geschieden, da verstümmelten und ver-kehrten die Menschen seine heiligen Worte. Soll ich es besser ha-ben als er?“

„Es wäre entsetzlich, wenn es wieder so geschähe!“ rief der Jünge-re leidenschaftlich. „Es kann doch nicht angehen, daß die von oben kommende Wahrheit jedes Mal wieder entstellt wird und dann im-mer wieder ein neuer Prophet kommen muß, um sie neu zu kün-den! Dies Mal muß es bleiben, wie Du es uns gebracht hast!“

Die für Jerusalem bestimmten Tage waren zu Ende gegangen. Aus Medina war Botschaft gekommen, daß man sehnlich auf die Rück-kehr des Fürsten warte. So brach Mohammed mit seinen Beglei-tern, denen sich auch Said und der jüngere Mohammed anschlos-sen, auf, um auf kürzestem Wege heimzukehren.

Diese Verkehrsstraße, auf der er noch niemals geritten war, führte ein Stück weit durch die Wüste und war nur zu gewissen Zeiten des Jahres benutzbar. Die Umwohnenden versicherten, daß gerade jetzt keinerlei Gefahr damit verknüpft sei.

So schlug die Schar wohlgemut diesen für sie neuen Weg ein. Nachdem sie einige Tage geritten waren, zeigte der immer sandiger werdende Boden, daß sie sich der Wüste nahten. Aber die Luft war ruhig, so daß niemand unter dem Staube zu leiden hatte.

 

Immer öder wurde die Gegend, immer unwirtlicher, und schließ-lich befanden sie sich zwischen Sandhügeln, Sandbergen und Ebe-nen, in denen der Sand wellenförmig gelagert war. Man hatte genü-gend Wasser bei sich, um nicht in Sorge sein zu müssen, überdies beteuerten die Kameltreiber, daß sie den Weg genau kennen wür-den.

Eines Nachts lagen alle in den rasch aufgeschlagenen Zelten, da machte sich eine lebhafte Unruhe unter den Tieren bemerkbar. Auch die Menschen begannen etwas von dieser Unrast zu verspü-ren, wenngleich sie nicht hätten sagen können, welchen Grund sie hatte.

Mohammed, den es stärker gepackt hatte, als alle anderen, trat vor sein Zelt, um nach dem Himmel zu schauen. War es nicht, als färbe eigenartige Röte den Horizont ? Er weckte den Enkel und machte ihn auf die Erscheinung aufmerksam. Auch dieser sah die Färbung, die unerklärlich schien.

Allmählich trat einer nach dem andern von den Treibern, Krie-gern und Begleitern ins Freie. Einige erklärten, nichts besonderes sehen zu können, andere bestätigten, daß der Himmel auffallend rot sei. Dieses Rot war aber anders als irgend etwas, das sie vorher erblickt. Niemand konnte es richtig bezeichnen.

Während sie noch schauten und staunten, war es Mohammed, als weiche die Röte in der Mitte der Erscheinung nach den Seiten, um goldenem Glanz Platz zu machen. Aber obwohl er rief:

„Sehet doch, sehet!“

starrten alle in die Richtung, die sein Finger wies, ohne etwas Neues zu erkennen.

Er aber sah, daß aus dem goldenen Glanz ein wunderbarer Stern sich formte. Er ähnelte dem Davidstern, hatte sechs Zacken, aber unzählige Strahlen nach allen Seiten. Hell und überirdisch erschien Mohammed das Licht dieses Sternes. Wenn ihn doch auch nur ei-ner der anderen sehen könnte!

Kaum hatte er dies gedacht, da rief die Stimme seines Enkels:

„Seht, Ihr Männer, den wunderbaren Stern. Davids Stern steht am Himmel und kündet uns von Christus, seinem Herrn!“

Gleichzeitig aber hörte Mohammed eine andere Stimme, die nur zu ihm sprach, aber laut und vernehmlich:

„Du Diener des Höchsten, von diesem Stern, den Du heute schauen darfst, sollst Du künden, ehe denn Du die Erde verlässest! Es ist der Stern der Söhne des Allerhöchsten. Wenn er erscheint, ist Gottes Gnade ausgebreitet über die Erde.“

Und es war, als drehe sich der Stern und wandere ins Innere der Himmel zurück, seine Strahlen wie eine breite Schleppe hinter sich herziehend.

Mohammed erwachte aus seiner inneren Versunkenheit, als all der himmlische Glanz erloschen war.

Da hörte er die staunenden Ausrufe ringsumher. Wohl die Hälfte der Männer erklärte, den Stern gesehen zu haben. Sie fingen aber an, darüber zu reden, was die Erscheinung bedeuten solle.

Die einen sagten, Gott habe sich damit gnädig erzeigen wollen und beweisen, daß Mohammed wahrlich sein Prophet sei. Ande-re überboten dies noch und behaupteten, es sei die Huldigung der Himmel für Mohammed, den Erhabenen, gewesen.

Die andern dagegen wollten in dem Erscheinen des Sternes ein Hindeuten auf schlimme Zeiten sehen: Krieg und Hungersnot, Seuchen und Jammer aller Art. Auch sie konnten sich nicht genug tun mit dem Ausmalen alles dessen, das nun gewißlich eintreten werde.

Zunächst ließ Mohammed sie reden. In ihm schwang noch die Stimme von oben, die ihm Botschaft gebracht.

Er hörte wohl die lärmenden, sich widerstreitenden Stimmen, aber er merkte nicht auf das, was sie besagen wollten. Endlich aber ging ihm der Sinn dafür auf, und nun gebot er Schweigen.

Er erklärte, daß alle die Erscheinung, deren sie gewürdigt wor-den, falsch aufgefaßt hätten. Sie seien gar nicht wert gewesen, wenn sie wieder nur ihre eigenen Gedanken dem unterschieben wollten, was Gott sie habe schauen lassen.

Als sie zur Ruhe gekommen waren, äußerlich und innerlich, ver-suchte er ihnen zu künden, daß der Stern ein Bote Gottes sei an die Menschheit, ein Bote seiner Gnade und Barmherzigkeit.

Gott sende ihn, damit ankündend, daß ein Stück seiner Selbst sich in einem seiner Söhne herabgelassen habe zur Erde.

Heute habe er ihn nur bildhaft sehen lassen, damit ihm, Moham-med, ermöglicht sei, bewußt von ihm zu künden. Denn einst wer der Stern wirklich und wahrhaftig wieder am Himmel stehen, wie er zur Zeit der Geburt des Gottessohnes Christus Jesus über Beth-lehem habe gesehen werden können. Damals habe er Könige und Gewaltige aus fernen Ländern herbeigezogen, damit sie des Heils teilhaftig werden konnten.

Hohe Kraft erfüllte den Propheten Gottes, er sprach und es war ihm, als spräche ein anderer durch ihn hindurch. Neu war ihm das, was er jetzt mitteilen durfte.

„Er wird kommen, der Stern, der Gottes Bote ist! Dann wird er aller Welt künden, daß abermals ein Sohn Gottes auf der Erde weilt. Es wird aber nicht der freudige Bringer der Wahrheit sein, nicht Jesus wird wiederkommen, sondern ein ernster Wahrheitsbringer, der gerechte Wille Gottes, des Allewigen, wird erscheinen, die Welt zu richten.

Nach ihren Werken werden sie gerichtet werden. Welche dann in den Geboten Gottes gelebt haben, die werden eingehen dürfen in sein Reich, ihm zu dienen in Ewigkeit.

Höchste Glückseligkeit wird ihnen damit beschieden sein. Zu den andern aber wird der Mund des Herrn sprechen: „Vergeht, Ihr Übeltäter! Ich kenne Euch nicht, und mein Vater kennet Euch auch nicht.“ Dann werden sie in gewaltiger Seelennot vergehen, um nie mehr aufzustehen.“

Ergriffen lauschten die Männer, die sich um Mohammed geschart hatten. Er schwieg, der Ergriffenste von allen. Plötzlich aber rief die Stimme eines der entfernter stehenden Treiber:

„Noch ganz Irdisches kündete die Lichterscheinung, die wir soeben gesehen. Ein Sandsturm ist im Anzuge! Riecht Ihr den Staub, den die Luft mit sich führt? Fühlt Ihr das Bangen Eurer Herzen?

Hört Ihr das Gebrüll der reißenden Tiere? Wir müssen Vorkeh-rungen treffen, damit wir nicht alle umkommen.“

Rasch war alles aus dem Bann dessen, was Mohammed ihnen hatte künden dürfen.

„Es ist, als ob das Dunkel seine Streitkräfte ins Feld führen möch-te, unsere Seelen aus der Gehobenheit herab zu zerren“, sagte der Prophet traurig, machte sich dann aber auch an die Arbeit; denn alle Hände wurden gebraucht.

 

Umsichtig ordneten die Treiber alles an. Die Kamele wurden von den Sätteln befreit und möglichst nahe zusammen gelegt, den Men-schen wurden die Plätze zwischen ihnen angewiesen, die sie ein-nehmen sollten, sobald die Gefahr nahe. Waren und Ausrüstung wurden nach Möglichkeit geborgen.

Vor allem aber suchten die Führer den einzuschlagenden Weg zu bezeichnen, solange sie ihn noch sehen konnten. Es durfte nicht sein, daß sie mit dem Fürsten in der Irre gehen mußten.

Rascher, als selbst diese erfahrenen Wüstenwanderer angenom-men hatten, brach der Sturm herein mit einer Wut, die jedem Men-schen zeigen mußte, wie so gar nichts die Menschen sind.

Mohammed betete, daß alles gnädig vorüber gehen möge. Er konnte sich nicht vorstellen, daß ein Umkommen hier unter den entfesselten Elementen im Willen des Höchsten läge.

Unter dem Beten zog Klarheit in seine Seele:

Wer veranlaßte den Sturm, der die Sandmassen aufwühlte?

War es nicht der Führer der Winde und der Luftengel, wie er, Mohammed, die Wesen benannt hatte ? Wenn es Engel waren, unterstanden sie Gott, dem Herrn, sie waren keine Diener des Dunkels.

Waren sie aber Diener Gottes, so taten sie seinen Willen. Mithin konnte nichts geschehen, das nicht von Gott angeordnet war. Ganz frei und leicht wurde ihm ums Herz, alles Bangen fiel ab.

Er wollte dem neben ihm liegenden Enkel Mut zusprechen, rief ihn an und blickte in ein lachendes Antlitz.

„Großvater, es ist herrlich, einmal so etwas erleben zu dürfen!“ rief der Jüngere. „Und dabei doch so genau zu wissen, daß nichts geschehen kann, daß man geborgen ist! Lernst Du auch soviel da-bei wie ich?“

„Ich habe viel gelernt, mein Sohn“, versetzte Mohammed ernst. Nach einigen Stunden, die allen unmeßbar lange dünkten,

schwand der Sturm, wie er gekommen. Es zeigte sich, daß niemand Schaden genommen, und daß die schlimmsten Verwehungen jen-seits des Weges sich zugetragen, so daß die Karawane ungehindert weiterziehen konnte.

Dieses mächtige Naturgeschehen aber hatte fast bei allen die Er-innerung an die voraufgegangene Schau ausgelöscht. Das war gewollt; in ihrem Unverstand hätten die Männer sonst ihre irrigen Ansichten ins Volk getragen.

Nun aber erinnerten sie sich immer, wenn Mohammed von dem kommenden Stern sprach, daß auch sie sein Bild hatten schauen dürfen, und dann bestätigten sie die Worte des Propheten, ohne Eigenes hinzuzufügen.

 

Als sie in Medina ankamen, fanden sie Boten und Sendlinge von allerhand Nachbarstämmen, die dem großen Fürsten ihre Huldi-gung darzubringen wünschten, auch seine Hilfe gegen ihre Feinde erflehen wollten.

Aus Angst vor diesen Feinden unterwarfen sie sich lieber frei-willig unter den Herrscher, von dem sie Gutes und Fürchterliches gehört hatten. Mit eiserner Faust solle er die Menschen unter seine Oberhoheit zwingen.

Wenn man sich nicht gegen ihn auflehne, sei er gütig und mild. So wollten sie lieber die blutige Seite dieses Fürsten nicht gegen sich heraubeschwören.

Mohammed, der Jüngere, mußte tagaus, tagein vermittelnd tätig sein. Er beschloß, sobald ruhigere Zeiten gekommen sein würden, den Fürsten zu bitten, daß er Jünglinge um sich sammeln und im Gebrauch der fremden Sprachen unterweisen könne. Es war uner-läßlich, daß recht viele Araber alle die fremden Zungen beherrsch-ten.

Der Fürst kam diesen Gesandtschaften gütig entgegen, obwohl er durchschaute, daß es bei manchen nur Angst war, die sie zu ihm trieb. Ihnen diese Angst zu nehmen und dafür sie einen Einblick in die Herrlichkeit des Gottesglaubens tun zu lassen, das war ihm dringendes Bedürfnis.

Sie fühlten die Güte, die echt war, und sie sprach zu ihren Seelen und half ihnen, anders fortzugehen, als sie gekommen waren.

Ringsum in den Landen aber breitete sich die Kunde aus von dem Fürsten der Araber, der an einen starken Gott glaube; und dem da-für beschieden sei, zauberhaften Einfluß auf die Menschenherzen auszuüben.

Konnte er aber solchen Zauber wirksam machen, so würde er auch wohl anderes verstehen. Plötzlich begann es, nach Medina zu strömen: man brachte Kranke und Lahme, Besessene und Blinde, wie zu den Zeiten Jesus.

„Herr, darf ich helfen?“ fragte Mohammed, erhielt aber, ernsten Bescheid, daß das nicht seines Amtes sei.

Er sei ein Prophet, ein Künder des Höchsten, nicht ein Arzt. Es gäbe aber soviel geschickte Ärzte in und um Medina, diese würden sicherlich so manche der Krankheiten heilen können. Man brauche niemand in Enttäuschung und Zorn gehen zu lassen.

Und Gott legte sichtbarlich seinen Segen auf die Hände der Ärzte, die ihn darum baten. Die meisten der Flehenden wurden geheilt oder doch gebessert. Daneben aber ließ Mohammed sie stets in der Glaubenslehre unterweisen, und die Seelen, die durch das Leid be-sonders geöffnet waren, nahmen auf, soviel sie vermochten.

Abu Bekr ritt mit seinen Kriegern bald hier- bald dorthin. Es gab immer wieder etwas zu schlichten, Empörung zu dämpfen, oder einen Grenzüberfall zu rächen. Wo er die Fahne des Propheten ent-faltete, da war der Sieg.

Seine Krieger kämpften mit beispiellosem Mut. Sie achteten keiner Gefahr, drängten sich selber in das dichteste Gewühl und, wenn sie fielen, starben sie freudig, fast triumphierend. Das war allen Feinden unbegreiflich und verbreitete solchen Schrecken, daß allgemach niemand mehr gegen die Araber und diejenigen, die sie unter ihren Schutz genommen hatten, aufzutreten wagte.

Die Jünglinge vornehmer und einfacher Familien drängten sich, unter die Krieger aufgenommen zu werden. Eines Tages erschien der fünfte Enkel vor dem Fürsten, um ihn zu bitten, seine Einstel-lung in Abu Bekrs bester Truppe zu bewirken.

„Ad-Din“, forschte Mohammed, „kannst Du Dir nichts Schöne-res erdenken für Dein Leben, als Blut zu vergießen? Mir würde es das Letzte sein, dessen ich begehrte. Warum willst Du ein Krieger werden?“

„Weil ich dann ganz sicher bin, in Gottes Reich zu kommen“, gab Ad-Din kindlich zurück. „Sieh, Du sagst selbst, wenn wir uns auch noch so sehr mühen, das Rechte zu tun, können wir doch manch-mal einen Fehler machen, der uns am Aufstieg hindert. Bei den Kriegern ist das unmöglich. Deshalb halte ich es für sicherer, Krie-ger zu werden.“

 

Mohammed verstand nichts von dem, was der Enkel sagte. Er bat ihn, deutlicher zu erzählen, wie er auf den Gedanken komme, daß die Krieger so bevorzugt seien. Und Ad-Din erzählte :

„Abu Bekr hat seinen Leuten schon vor langer Zeit gesagt, daß, wer vor dem Feinde tapfer und unerschrocken ist, damit alle viel-leicht früher begangenen Sünden auslöschen kann. Fällt er, so füh-ren ihn schöne, weibliche Engelwesen in eine himmlische Burg, wo er gepflegt und aufs Beste versorgt wird. Sage selbst, Großvater, ist diese Aussicht nicht verlockend genug, daß man gern sein Leben dafür gibt?“

„Ist das der Grund, warum so viele junge Männer sich dazu drän-gen, Krieger zu werden?“ erkundigte sich der Fürst. Der Enkel be-jahte.

„Wir wollen alle es einmal da oben gut haben. Darum drängen sich die Krieger auch immer in das dichteste Kampfgewühl, damit sie möglichst rasch fallen und in die ewigen Freuden geholt wer-den.“

Mohammed war entsetzt! So etwas hatte verbreitet werden kön-nen, solange er, der Prophet Gottes, noch lebte!

Wie würde es erst nach seinem Tode werden? Er gab sich alle Mühe, den ganz in diesen verlockenden Gedanken befangenen Ad-Din aufzuklären. Aber der Jüngling wollte nicht gern den schönen Glauben fahren lassen. Er klammerte sich mit Zähigkeit daran und fand immer neue Einwände.

Der Fürst sah, daß er mit einem einzigen Mal nichts ausrichten würde. Er bat Ad-Din, die Sache besser zu überlegen und ein an-dermal wieder zu kommen. Danach ließ er Ali rufen und fragte ihn, ob er von diesem Irrglauben Kenntnis gehabt habe.

Ali gab es zu. Er habe davon gewußt, aber da Abu Bekr sich damit eine beispiellos tapfere Kriegerschar habe ziehen können, habe er nicht dagegen einzuschreiten gewagt.

Das Kriegerhandwerk sei nun einmal von dem Mut der Einzel-nen abhängig. Wenn irgend etwas imstande sei, diesen Mut zu he-ben und zu stärken, so müsse man sich darüber freuen und nicht es bekämpfen.

„Im Grunde sagt Abu Bekr ja auch nichts Falsches, er übertreibt nur ein wenig“, begütigte Ali, dem es unter Mohammeds Blicken unbehaglich zu werden begann. „Er malt den Leuten die Seligkeit so aus, daß sie ihnen wirklich als solche erscheint.

Was hat solch einfache Seele von dem Gedanken, daß wir droben Gott ohne Ende werden dienen dürfen?

Laß sie doch bei dem Glauben, daß es ihnen dort wohl sein wird, und daß sie die Entschädigung für den Vaterlandstod droben fin-den werden.“

„Ali“, rief der Fürst schmerzlich. „Du willst mein Nachfolger sein, und beginnst jetzt schon, an der Wahrheit zu biegen!

Kein Wort darf anders gesagt werden, als ich es von dem Aller-höchsten erhalten habe. Ändert Ihr die Wahrheit um der Menschen willen, so wird sie Euch genommen!“

Lange redete Mohammed mit dem, der berufen, nach ihm der Wahrheitskünder zu sein. Er erreichte nichts anderes, als daß Ali schwieg, innerlich aber überzeugt war, Mohammed hänge so stark an seinem Werk, daß er um deswillen nichts daran geändert haben wolle.

Jedes Ding in der Welt müsse fortschreiten, wenn es lebensfähig bleiben wolle. Sollte allein der Glaube eine Ausnahme machen?

Das sagte er abends im Kreise der Seinen, als er ihnen, noch er-regt von der Unterredung mit dem Fürsten, erzählte. Abdallah, der älteste Sohn schwieg nachdenkend.

„Ich glaube, daß Du im Grunde recht hast, Vater“, sagte er dann,

„aber es ist noch zu früh. Spare Dir das alles auf für die Zeit, da Du Herrscher im Lande sein wirst. Allzu lange wird es nicht mehr dau-ern. Eine Wiederholung dieses Gesprächs aber könnte den Fürsten bewegen, einen anderen Nachfolger zu ernennen.“

Mohammed, der Jüngere, brauste auf.

„Versteht Ihr denn nicht, wie gefährlich es ist, an der Wahrheit zu ändern? Laßt mich Euch ein Gleichnis sagen:

Ein Fürst hatte einen großen Schatz ungemünzten Goldes liegen und wollte ihn unter die Menschen bringen. Er ließ reine, feine Goldmünzen prägen und ausgeben. Jeder griff freudig danach, und der Handel des Landes hob sich.

Da sah der Schatzmeister, daß das Gold abnahm, und vorsichtig mischte er anderes Metall unter das reine Gold. Die Menschen merk-ten es nicht, und nahmen die Münzen ver-trauensvoll entgegen.

 

Nun wollten auch die Vorteil davon haben, die die Münzen präg-ten. Auch sie mischten anderes Metall bei. Die Stücke wurden schwerer als bisher. Die Menschen drängten sich danach. Jeder wollte die schwereren Stücke lieber haben als die echten, leichten.

Aber im Handel wurden die gefälschten Münzen plötzlich als sol-che erkannt und nicht mehr angenommen. Nun standen die Men-schen bettelarm da und ermordeten den Schatzmeister.“

„Dein Gleichnis hinkt, lieber Bruder”, sagte Abdallah spöttisch. Ali aber blickte nachdenklich auf den Sohn, der soviel Ähnlich-

keit mit dem älteren Mohammed hatte. Er würde ihnen noch viel Last machen, wenn kein Ausgleich gefunden werden konnte. Im-mer würde er des Propheten Ansichten vertreten und als Wahrzei-chen auf ihren Weg stellen, und mochten sie noch so veraltet sein! Bald danach verließ Mohammed das Gemach. Ali und Abdallah aber sprachen noch miteinander und waren einig in dem Gedan-ken, daß man Mohammed möglichst weit von Medina entfernt in ein Amt setzen müsse, um nicht im eigenen Heim Unfrieden zu haben.

Allmählich erkannte der Fürst, daß eine gewisse Spannung zwi-schen ihn und Ali getreten war. Der Jüngere ließ es niemals an Ehr-erbietung fehlen, aber er schwieg, sobald der Prophet eine Ansicht äußerte. Und dieses Schweigen zeigte, daß Ali anderer Meinung war.

Hätte er diese kundgetan, so hätte Mohammed vielleicht ihm zei-gen können, woher die Verschiedenheit ihres Denkens kam. Eine Brücke hätte gefunden werden können, ein gemeinsamer Weg, der für beide beschreitbar war. Aber Ali schwieg. Damit war von vorn-herein jede Verständigung beiseite geschoben.

Danach merkte der Fürst, daß sein gleichnamiger Enkel anschei-nend ähnliches daheim erleben mußte, wie er. Man redete nur über gleichgültige Dinge mit ihm, während Ali und sein ältester Sohn sich immer enger aneinander schlossen.

Ad-Din war auf Alls ausdrücklichen Wunsch zu Abu Bekr ge-sandt worden, um von ihm im Kriegshandwerk ausgebildet zu wer-den.

Der jüngste Enkel, Ali, lief noch hinter der Mutter drein und war selten zu sehen.

 

Da gewöhnte sich Mohammed, seine Erholung im kleinen Palast des Said zu suchen, wo er stets willkommen war. Die zarte Aischa lebte ein stilles, zurückgezogenes Leben mit ihren beiden Töchtern. War aber der Fürst abends anwesend, so kam sie aus ihren Gemä-chern herüber, um Fürst und Gatten zu versorgen und sich ihrer Unterhaltung zu freuen. Sie war sehr gescheit, dabei von feinem Empfinden und erfaßte alles, was Mohammed sagte, am raschesten von allen. Sie überwand dann auch meist die sie sonst hemmende. Scheu und sagte das, was sie dabei dachte, in klaren, klugen Worten.

So kam es, daß Mohammed von seinen Schaltungen, von de-nen er sonst höchstens Alina erzählte, in Gegenwart Aischas gern sprach. Ihre Bemerkungen vertieften sie ihm.

Said aber hing mit alter Treue und Dankbarkeit an dem Fürsten, der ihn, den armen Knaben, zu sich genommen hatte. Auf ihn konnte Mohammed sich in jeder Lage verlassen.

Es war ihm ein Trost, daß Said und Ali sich gut zu verstehen schienen. Es schien aber nur so. Said wollte den Fürsten nicht be-trüben, indem er ihm von den Unstimmigkeiten, die sich zwischen ihnen erhoben, berichtete.

Said gegenüber schwieg Ali nicht, im Gegenteil, er machte sich innerlich frei, so oft er Mohammed gegenüber seine Meinung in sich hinein gedrückt hatte, indem er sie bei Said rücksichtslos und schärfer äußerte, als er eigentlich gewollt hatte. Dazu konnte Said nicht schweigen, und so endete jedes Zusammensein der Beiden in Mißklang.

Wie lange konnte dies noch dem Fürsten verborgen bleiben? Said sann auf ein Mittel, ihn einmal wieder aus Medina zu entfernen. Da kam ein Schreiben von Ibrahim, der des Fürsten Anwesenheit in Mekka erbat, da mancherlei zu besprechen sei.

Mohammed beschloß sofort, diese Reise zu einem „Pilgerzug“ zum Heiligtum zu machen, wie sie in seiner Jugend üblich gewesen waren. Nur wollte er jetzt allen Götzendienst fernhalten und die Fahrt so umgestalten, daß reinste Anbetung Gottes durch die Tage schwang.

Er ließ verkünden, daß er selber die „Heilige Moschee“ aufzusu-chen gedenke, um dort anzubeten und ein großes Fest zu feiern.

 

Jeder, der Anhänger des Islam sei, dürfe sich anschließen. Anders-gläubigen sei der Besuch der Moschee verboten. Man brauchte auch nicht die Fahrt in Medina beginnen, sondern konnte sich un-terwegs dem Zuge beigesellen.

Alle männlichen Glieder seiner Familie nahmen an der Wallfahrt teil, nur Ali blieb zurück, um Medina nicht ohne Aufsicht zu lassen. Eine Freude war es Mohammed, daß unterwegs Abu Bekr mit sei-nen Kriegern zu ihm stieß.

Mohammed und die Seinen ritten auf Pferden, wie die meisten Vornehmen. Wohlhabende Handelsleute benützten Kamele, alle übrigen schritten zu Fuß.

Dadurch teilte sich der Zug ständig in drei Teile, die verschieden schnell an den nächsten Rastort gelangten. Der Fürst erlaubte aber ein Weiterziehen erst, wenn der dritte Teil sich mit den andern ver-eint hatte, und die müden Fußgänger genügend ausgeruht waren. Auf diese Weise dauerte der Ritt nach Mekka sehr lange.

Als die Stadt in Sicht kam, wurde die letzte Rast gehalten. Es war genau an dem gleichen Platz, an dem der Fürst den Widerstand der Bewohner hatte spüren müssen., Jetzt war es anders. Weit öffneten sich die Tore, um die Pilger, vor allem den Fürsten, einzulassen.

Aber Mohammed wartete erst wieder auf die zu Fuß Heranzie-henden. Danach ordnete er an, daß alle Reit- und Troßtiere den Kriegern, die ohnehin Wache in der Zeltstadt haben würden, zu übergeben seien. Niemand sollte anders als zu Fuß bei dieser Wan-derfahrt einziehen.

Ein unabsehbarer Zug ordnete sich an einem der nächsten Tage. Voran der Fürst, hinter ihm Said, Abdallah und Mohammed. Ad-Din hatte sich selbstverständlich zu den Brüdern gesellen wollen, aber der Fürst hatte bestimmt, daß er bei den Kriegern schreiten solle, zu denen er aus freier Wahl jetzt gehöre.

Am Tore warteten die Stadtväter auf ihren Fürsten und geleiteten ihn in den für ihn neuerbauten Palast, wo auch die meisten seiner Begleitung Unterkunft finden konnten. Alle übrigen Pilger wurden teils in Familien, teils in Rasthäusern und Zelten untergebracht.

Bei Sonnenaufgang am nächsten Morgen ordnete der Zug sich von neuem und zog unter Singen von Lob- und Dankliedern in die Moschee ein.

 

Ibrahim empfing die Pilgerschar mit dem Segen Gottes. Danach hielt er eine Ansprache und betete zum Schluß. Darauf sprach der Prophet. Aufs neue kündete er Gott, den Herrn über Himmel und Erde. Wer ihn hörte, meinte, noch niemals solche machtvollen Worte vernommen Zu haben.

Er bat die Anwesenden, dessen eingedenk zu sein, daß alles, was er habe lehren dürfen, ihm von oben geschenkt worden sei. Es dür-fe auch nach seinem Tode nichts verändert werden; denn Wahrheit sei ewig und nicht verbiegbar.

Was sich biegen lasse, sei keine Wahrheit mehr. Aber nur solange sie an der Wahrheit festhielten, solange ständen sie unter Gottes Segen.

Zum Schluß verlas er neue Gebote, die sich nötig gemacht hatten. Da war zuerst das Verbot des Genusses berauschender Getränke. Hohe Strafen waren darauf gesetzt, weil ein berauschter Mensch niemals tue, was Gott wohlgefällig sei. Ein solcher Mensch gefährde die Sitten des ganzen Volkes.

Ferner verbot der Prophet das Verzehren von Schweinefleisch. Diejenigen unter seinen Anhängern, die einst Juden gewesen wa-ren, hatten sich ohnehin dessen enthalten. Auch die andern traf dies Verbot nicht schwer.

Nun aber setzte der Prophet Fastenzeiten ein, um dem Volke vor Augen zu führen, daß sie dem größten, heiligsten aller Herren dienten.

„Ihr würdet in den Tag hineinleben und vergessen, wem Ihr und Euer Leben gehört, wenn dieses Fasten Euch nicht erinnern wür-de!“

Der ganze neunte Monat, der Ramadan, wurde als Fastenzeit festgesetzt. Niemand durfte essen oder trinken, solange die Sonne am Himmel stand. Daneben bestimmte Mohammed noch einzelne Tage als Fasttage, die streng innegehalten werden sollten.

„Wenn Ihr Eure Gelüste bezwingen lernt, wird es für Euer ganzes Leben wertvoll sein. Ihr werdet Euch selbst besser in die Hand be-kommen und Euch vor Fehlern und Sünden hüten können.“

Die beiden nächsten Tage des Festes vergingen mit Andachten und Vorlesungen in der Moschee. Dabei verkündete Mohammed, daß er wünsche, jeder Mann würde in seinem Leben wenigstens einmal die Wallfahrt nach Mekka unternehmen. Er zeige dadurch, daß ihm daran liege, seinem Leben den Wert zu geben, den es vor Gott haben solle.

Damit er sich aber dieser Pilgerfahrt erinnere, dürfe jeder, der die Reise unternommen, ein grünes Band von der Farbe der Fahne in der Moschee um seine Kopbedeckung winden, sei es nun ein Turban oder ein. Fez.

Diese grünen Bänder wurden an die Andächtigen in der Moschee verteilt. Stolz zogen die Anwesenden mit ihren grünen Abzeichen in die große, rasch erbaute Halle, in der der letzte Abend alle zu gemeinsamer Mahlzeit vereinen sollte.

Alle nahmen sie miteinander ihre Speise ein, die ärmsten Pilger wie der Fürst und die Seinen. Es sollte auch niemals ein Unterschied gemacht werden auf diesen Pilgerfahrten; denn vor Gott seien alle Menschen gleich.

Langsam zerstreuten sich dann die angesammelten Massen.

Auch Said kehrte mit Abdallah nach Medina zurück, während die beiden Mohammeds noch kurze Zeit in Mekka zu bleiben gedach-ten. Ibrahim, der ganz in seiner Arbeit für Gott, den Herrn, auf-ging, hatte allerhand Fragen und Anregungen. In seinem Wirken stieß er auf so manches, das der Aufhlärung bedurfte. Er war froh, sich Rat bei dem Propheten holen zu dürfen.

Im Gebet und innerer Versenkung war er darauf gekommen, daß dieses Leben auf der Erde nur ein Glied einer langen Kette ähnli-cher Leben sein müsse. Je mehr er darüber nachsann, um so deutli-cher trat ihm die Wahrheit dieses Gedankens vor die Seele. Er fand unzählige Beweise dafür, keinen einzigen dagegen.

Das wollte er dem Fürsten jetzt sagen und hatte sich mit allen seinen Beweisen gestärkt, um dem sicher erfolgenden Widerspruch begegnen zu können.

Mohammed aber sagte erfreut :

„So bist Du also reif geworden, das zu wissen! Als Du das er-ste Mal mit mir in Eurer Moschee warst, wollte ich davon künden. Gott gestattete es mir nicht.

Ich sollte warten, bis die Menschen reifer geworden. Diesen Zeit-punkt hielt ich noch nicht für gekommen. Nun belehrst Du mich, daß ich mich wohl getäuscht habe.

 

Wenn ich nach Medina zurückkehre, will ich versuchen, eine Art herauszufinden, wie ich den Menschen das Wissen nahebringen kann, ohne sie in ihrem Glauben unsicher zu machen.“

„Du fürchtest wohl, die Türken würden sich auflehnen“, lachte der jüngere Mohammed, „wenn sie erfahren, daß ihre erwünsch-te Ruhe nun auch noch durch mehrfache Erdenfahrten gestört wird!“

Und er erzählte dem Bruder von der Arbeitsscheu der neuen Glaubensbrüder. Aber Ibrahim lachte so wenig wie der Fürst.

„Auch mir ist es schon oft genug vorgekommen, daß die Männer wohl an das Jenseits glauben, aber sie stellen es sich als ein unauf-hörliches Strömen jeglichen Genusses vor. Sogar Frauengemächer wollen sie in die Himmel verpflanzen. Ich habe viel Mühe damit, die falschen Gedanken richtig zu stellen.“

„So meinst Du nicht wie Dein Vater, daß man den Menschen sol-che Zugeständnisse machen darf?“ fragte Mohammed bitter.

Ibrahim verneinte entschieden. Auch er war davon überzeugt, daß man kein Wort anders sagen dürfe, als Mohammed es gelehrt.

„Wie froh bin ich“, sagte der Fürst, „daß wenigstens Ihr beide mit Said an der unverfälschten Lehre festhalten und dem Volk immer wieder sagen werdet, wo die Wahrheit liegt.

Am liebsten würde ich meine Bestimmung ändern und mir einen anderen Nachfolger erwählen. Aber wen soll ich nehmen?

Erwähle ich einen von Euch beiden, so werdet Ihr die Sohnes-pflicht nicht verletzen und Euch Eurem Vater nicht feindlich entge-genstellen wollen.“

„Wir sind auch noch zu jung dafür“, meinte Mohammed, wäh-rend Ibrahim bat, ihn in der Moschee zu lassen, wo er am besten Gottes Arbeit tun könne.

An einem anderen Tage erkundigte sich der Fürst, ob die hier im Süden ansässigen Juden sich in den neuen Glauben gefunden hät-ten und Frieden hielten.

Ibrahim berichtete, daß es immer wieder einmal der starken Faust Abu Bekrs bedürfe, um die allzu Lebhaften im Zügel zu hal-ten. Aber seit der Wesir sich angewöhnt habe, schon den kleinsten Aufstand rücksichtslos zu unterdrücken, hätte das Land nicht mehr viel zu leiden.

 

„Wenn die Juden doch einsehen wollten, daß der Islam gerade ihnen das bringt, was ihnen fehlte: die Krönung ihres Glaubens!“ seufzte der Fürst.

 

Ibrahim dagegen versicherte, daß sie gerade dies für eine Falle hielten, in der sie für den Islam eingefangen werden sollten. Im Grunde ihrer Seelen seien die ehemaligen Juden alle noch mosa-isch, soweit sie überhaupt je einen bestimmten Glauben gehabt hät-ten.

„Ich erlebe es immer wieder, daß Juden ihre Kinder auf jüdische Namen segnen lassen, heimlich lassen sie sie sogar beschneiden. Es würde ihnen als Schande erscheinen, wenn ein Sohn einen arabi-schen Namen tragen würde, wie es doch im Norden bei allen Juden üblich ist.“

„Auch hier achtete man früher nicht darauf “, erklärte Moham-med, „sonst hätte ich als Sohn eines jüdischen Vaters sicherlich ei-nen anderen Namen erhalten.“

„Mohammed heißt: der Mann, des Preises wert“, sagte der jün-gere Mohammed. „Bei Dir tri@ er wahrlich zu. Ich will versuchen, daß auch ich ihn erringe.“

 

Schwer trennte der Fürst sich diesmal von Mekka, wo Friede ihn umgab. Welche Eigenmächtigkeiten Alis würden ihn in Medina er-warten, und doch mußte er dorthin zurückkehren; denn er mußte versuchen, zu verhüten, was sich noch ändern ließ.

Ohne Fährlichkeiten langten sie eines Abends vor der Hauptstadt an und fanden sie ruhig. Man hatte den Fürsten sichtlich noch nicht zurück erwartet, aber es war alles bereit, ihn im Fürstenpalast aufzunehmen.

Said kam so schnell als möglich, ihn zu begrüßen, und berichtete, daß an der Nordgrenze Unruhen ausgebrochen seien so daß Abu Bekr dorthin gezogen sei. Ali aber sei erkrankt, sonst wäre auch er zum Empfang gekommen.

Die Unruhen im Norden erwiesen sich als nicht sehr ernster Natur. Aber es war gut, den Unbotmäßigen sofort den Herrn zu zeigen, so daß derartiges in Zukunft nicht mehr vorkommen wür-de.

Nach wenigen Tagen war Ali genesen. Er war ruhiger als vordem und den Erklärungen Mohammeds besser zugänglich. Das war Mohammed eine große Freude; denn er glaubte, Ali habe sich in seiner Krankheit gewandelt.

Alina und Aischa, die klarer sahen als er, wollten ihm den frohen Glauben nicht nehmen. Er würde wenig an Alis Denkweise ändern können, in der mehr und mehr der Charakter seines Vaters sich herausstellte.

War Abu Talib geldgierig gewesen, so war es bei Ali die Gier nach Macht, nach Herrschaft und Geltung, die ihn alles andere vergessen ließ.

Fatime hatte gar keinen Einfluß auf ihn. Er hatte sich völlig von ihr zurückgezogen, seit sie mehrmals mit Tränen versucht hatte, ihn ande-ren Sinnes zu machen. Es hieß, er habe sich ein anderes Weib genom-men, doch wußten die Frauen nichts Genaues darüber. So wollten sie schweigen und dem Fürsten keine ungewissen Gerüchte zutragen.

Dieses Schweigen fiel ihnen leichter, als sie erwartet hatten; denn Mohammed lebte viel mehr nach innen als nach außen. Er benützte die Ruhe im Reiche, um sich neuen Offenbarungen zu öffnen, die ihn beglückend überschütteten.

Er hatte begonnen, sich in die von Jesus übermittelten Wahrhei-ten zu vertiefen. An Hand einiger Schriften, die unter den Christen verbreitet waren, suchte er die eigentlichen Worte, wie sie in seiner Seele auftauchten, wieder lebendig zu machen.

Staunend sah er dabei, daß alles, was er für neue, ihm geschenk-te Kunden hielt, schon aus dem Munde des Gottessohnes in die Menschheit gerufen worden war.

Aber die Menschen hatten es nicht verstanden. Wie der Sand in der Wüste über alles fällt und alles gleichmacht, so waren die Ge-danken der Menschen über die Himmelsworte gesunken und hat-ten sie verirdischt.

Nichts, aber auch gar nichts, was er jetzt geistig vernehmen durf-te, hätte ihm neu zu sein brauchen, wenn er die Worte seines Mei-sters in der Seele. getragen und danach gelebt hätte.

Er versuchte nun, einzelne dieser kostbaren Jesusworte wieder richtig zu stellen und dann zu erklären, so daß die Menschen sie verstehen konnten.

 

Er freute sich dieses Dienstes und stellte sich vor, wieviel besser die Welt werden würde, wenn Jesus wieder die Richtschnur für alles sein werde. Sein Leben als Beispiel, seine Worte als Leitstern, was bedurften die Menschen mehr?

In diesem Vertiefen kam er auch an die Verkündigung des letz-ten Gerichtes. Vor seinen Augen stand der Stern, der Himmelsbote, den er in der Wüste hatte schauen dürfen. Vor seiner Seele stand Je-sus Bild, wie er vor seinen Jüngern hergewandelt war. Dazu kamen noch die Bilder, die er erblickt hatte.

Klar war es ihm, daß der Gottessohn, der kommen würde, die Welt zu richten, nicht Jesus Christus sein könne.

Niemals hatte der Messias gesagt: „Ich komme wieder.“ Stets hat-te er sich anderer Worte bedient. Meist hatte er von des Menschen Sohn, dem Menschensohn gesprochen.

Und nun wußte Mohammed plötzlich, wer der Menschensohn ist. Gottes Sohn, der Wille Gottes, wie“ er ihn hatte schauen dürfen! Wenn dieser Gottessohn kommen würde, die Welt zu richten, dann würde der Stern abermals am Himmel erscheinen.

Von diesem Stern mußte er nun künden und von dem, den er verhieß!

Er begann nun an jedem Freitag in der Moschee zu sprechen von den letzten Tagen der Welt, wie sie sich seinem geistigen Auge darstellten.

Er schilderte den Weltenrichter, der auf goldenem Thron saß, die Getreuen von den Abtrünnigen sonderte, den einen das Leben, den anderen ewige Verdammnis zuteilte. Denen er das ewige Leben ge-schenkt, die durften mit ihm ziehen in sein Reich, das Reich Gottes, seines Vaters.

Unter diesen Ansprachen wurde der Prophet zum Seher, der die Bilder schilderte, die an seinen inneren Augen vorüberzogen.

In hohem Glück sprach er, aber nur wenige waren imstande, ihm zu folgen. Sie gaben sich auch gar keine Mühe; denn sie wollten nichts wissen von einem gerechten Gericht Gottes.

Hören wollten sie von den Freuden, die sie im Jenseits erwarte-ten, von der Ruhe, die auf die Last, von der Glückseligkeit, die auf die Trauer folgen sollten. Davon sollte der Pro-phet zu ihnen reden. Abdallah wandte sich einmal mit der Bitte an Mohammed, den Wünschen des Volkes entgegen zu kommen. Der Besuch der Ansprachen in der Moschee würde darunter leiden, wenn die Leute immer nur das hören müßten, was sie nicht hören wollten.

„Sie müssen es aber hören!“ rief Mohammed mit der alten Hef-tigkeit, die man kaum mehr an ihm kannte. „Es. ist notwendig, daß sie es erfassen. Hilf mir lieber, die Leute zu überzeugen, statt Dich zum Vermittler ihrer irrigen Ansichten zu machen.“

Abdallah zuckte die Achseln.

„Du wirst sehen, daß Du die Menschen nicht zu zwingen ver-magst. Es wäre klüger, Du würdest scheinbar nachgeben und so zu ihnen sprechen, wie sie es gern haben. Danach kannst Du dann wieder das Gericht einmischen, wenn es nicht anders sein darf.“

„Ich habe noch nie etwas von der sogenannten Klugheit gehalten, Abdallah“, sagte der Fürst, ruhiger werdend. „Jetzt bin ich zu alt, um schiefe Wege zu gehen. Ich weiß auch, daß ich damit Gottes Pfade verlassen würde. Ich aber bin sein Werkzeug. Ich will versu-chen, noch mehr Liebe in meine Worte zu legen.“

Es war ihm ernst damit. Er klagte sich an, daß er vielleicht in sei-nem Eifer, den Menschenseelen das letzte Gericht erschreckend vorzustellen, zu hart mit ihnen verfahren war. Neue Arten suchte er, ihnen das nahe zu bringen, was er zeigen mußte.

Er begann damit, Gottes Güte und Erbarmen zu schildern. Dann aber mußte er folgerichtig auch der Menschen Versagen rügen. Hat-ten sie bei den ersten Ansprachen aufgeatmet, so empfanden sie die letzten wieder als eine Last, die ihnen unnötig aufgebürdet wurde.

Abdallah wandte sich an seinen Vater, um von ihm das Verspre-chen zu erlangen, daß er Mohammed überzeugen wolle, es müsse auch einmal ein anderer in der Moschee reden. Er solle sich recht-zeitig auch in diesem Stück seinen Nachfolger heranbilden.

So gut Ali der Plan gefiel, er zögerte, ihn auszuführen. Es konn-te neue, unliebsame Auftritte geben, wenn der Nachfolger anders reden wollte, als es Mohammed wünschte. Redete er aber in des Propheten Sinn, so war nichts gebessert.

„Wir müssen noch Geduld haben, mein Sohn“, beschwichtigte der Vater. „Mohammed hat seine Kräfte vorzeitig verbraucht, weil er niemals Rücksicht auf sich selber nahm. Er wird nicht mehr lange leben. Danach können wir tun, wie es uns gefällt. Warum vorher um das streiten, was nachher ganz von selber eintreten wird?“

 

Abdallah fügte sich, und Mohammed freute sich des Friedens, Ali aber hatte mit scharfen Augen richtig gesehen: die irdischen Kräfte des Propheten waren verbraucht.

Je mehr er geistig wuchs, um so rascher verzehrte er sich körper-lich. Er selber merkte es kaum, aber Alina und die anderen Frauen aus seiner Familie beobachteten es mit Sorgen. Sie versuchten oft, ihn zu Ausruhe oder friedevollem Genießen zu bewegen. Selten gab er nach, und auch dann nur für kurze Augenblicke.

„Ich habe keine Zeit zu solchen Dingen“, pflegte er freundlich zu sa-gen. „Ich muß wirken, solange Gott mich hier unten noch gebrauchen kann. Er schenkt mir jeden Tag soviel Kraft, als mir vonnöten ist.“

Da griff Saids Liebe zu einer List. Er bat den Fürsten, ihm, so oft es ihm möglich sein würde, das zu erklären, was er in der Moschee kündete. Er, Said, wolle mehr davon wissen, damit er später auf das Volk wirken könne in dem Sinn, den der Prophet seinem Sprechen zugrunde legte.

Es war Said wirklich ein Anliegen, alles besser zu verstehen als die andern, damit nach Mohammeds Tode einer mehr übrig wäre, der die Wahrheit erkannt hatte. Aber er hätte sich diese Kenntnis auch zu anderer Zeit verschaffen können.

Nun bat er den Fürsten zu unterschiedlichen Zeiten in seinen Pa-last, bettete ihn bequem auf ein Lager, setzte sich zu seinen Füßen und veranlaßte ihn, von dem zu künden, was seine Seele erfüllte.

Das waren Stunden reinsten Glückes für beide.

Nirgends fühlte sich Mohammed so verstanden. Saids Schwer-fälligkeit war in der Ehe mit Aischa von ihm gefallen. Kam dann noch der jüngere Mohammed dazu mit seinem raschen Erfassen und seinem glühenden Herzen, dann war es, als ströme die Kraft von oben fast sichtbar über sie herab.

Die Schule, die der Enkel Mohammed begründet, hatte einen gro-ßen Aufschwung genommen. Überall im Lande wurden sprachkun-dige Helfer gebraucht. Die jungen Leute aus den vornehmsten Famili-en drängten sich zum Unterricht. Einige von ihnen waren bereits aus Schülern zu Lehrern geworden und halfen dem jungen Mohammed.

Er aber hatte es sich zur vornehmsten Aufgabe gemacht, neben dem Sprachunterricht die Leute in den reinen Glaubenslehren zu unterweisen.

 

„Ihr werdet später doch meist die Reden über Glaubensdinge zu übertragen haben“, sagte er ihnen. „Es wird gut sein, wenn Ihr jetzt schon sicher darin seid.“

So bildete er eine Schar fest zusammengeschlossener junger Män-ner heran, die von der Wahrheit des Islam, wie Mohammed ihn lehrte, überzeugt waren, die nach den Sittengesetzen lebten. Wenn sie aus der Schule schieden, um ein Amt anzutreten, so gelobten sie, überall, wohin sie kommen würden, die reine Lehre vorzuleben, für sie einzustehen.

Das konnte und sollte nicht verborgen bleiben. Ali aber sah scheel dazu. Aus dieser Schar konnte ihm später manche Unannehmlich-keit erwachsen, die er gern vorher schon unschädlich gemacht hät-te. Aber er wußte keinen Weg. War er erst Fürst, so konnte er die unbequeme Schule schließen, jetzt mußte er sie noch dulden.

Mohammed, der Prophet, aber besuchte diese Schule mit den fri-schen, fröhlichen Schülern gern. Oftmals sprach er zu ihnen. Das waren die Höhepunkte ihres Schullebens.

Es war Sitte geworden, daß Ali alle Morgen dem Fürsten von dem berichtete, was am Tage vorher vorgefallen oder was durch Bot-schaft ihm bekannt geworden war. Mohammed ordnete dann an, was zu geschehen habe.

Manchmal kam es vor, daß der Fürst erfuhr, daß Ali keineswegs nach diesen Anweisungen gehandelt hatte. Machte er ihm Vorstel-lungen, so redete Ali sich heraus: er habe die Worte des Fürsten unrichtig aufgefaßt, oder er habe im gegebenen Augenblick anders handeln müssen, es sei keine Zeit mehr gewesen, zu fragen.

Als diese Vorfälle sich mehrten, fragte der Prophet den lichten Boten Gottes, ob es seine Pflicht sei, die Zügel der Regierung wie-der fester in die Hand zu nehmen. Ob er forschen solle, wie seine Befehle ausgeführt würden. Dann würde ihm keine Zeit mehr blei-ben zu geistiger Vertiefung.

Er erhielt die Antwort, es sei notwendiger, in dem Volke das Wis-sen um die göttliche Wahrheit zu befestigen, als äußerliche Regie-rungsmaßnahmen durchzusetzen.

Danach arbeitete Mohammed unangefochten in der alten Wei-se weiter. Allerdings vergaß er nie, immer wieder, wenn Alis Ver-säumnisse und Eigenmächtigkeiten zu seiner Kenntnis gelangten, zu mahnen und zu rügen.

 

Je unbequemer dies dem Stellvertreter wurde, um so vorsichtiger ging er zu Werke. Ein feines Lügengewebe spann er allmählich um den Fürsten, so geschickt, daß auch Saids Liebe und Mohammeds Eifer es nicht zu erfassen, viel weniger zu zerreißen vermochten.

Eines Tages gelangte die Kunde von Alis geheimer Ehe vor den Fürsten. Er war empört. Wie konnte ein Mann, der eine Fatime zur Gattin hatte, dem Söhne geschenkt worden waren, sich nicht genü-gen lassen. Wenn er aber nach einer zweiten Frau begehrte, warum nahm er sie nicht öffentlich zum Weibe?

Ali bestritt alles. Es sei Verleumdung. Man habe sich in seiner Person geirrt. Da ekelte den Fürsten vor seinem Nachfolger und er bat Gott, er möge nicht zulassen, daß Ali zur Regierung komme.

Wenige Tage danach erklärte Ali, er wolle endlich die Wallfahrt nach Mekka nachholen, die er damals wegen der dringenden Regierungsgeschäfte habe versäumen müssen. Ein Pilgerzug gehe in den nächsten Tagen zum Heiligtum, dem wolle er sich an-schließen.

„Denkst Du daran, Ali“, mahnte Mohammed, „daß man nur buß-fertigen Herzens an dem Zuge teilnehmen darf? Wer sich ohne Reue und mit schuldbeladener Seele Gottes Heiligtum naht, zieht die Strafe unrettbar auf sich!“

„So sollte Dir mein Wallfahren gerade in dieser Zeit den Beweis meiner Unschuld klarer erbringen, als alle Worte es vermöchten“, erwiderte Ali schlangenglatt.

Er war nicht zu greifen. Wie sehr der Prophet sich auch mühte, seine Seele zu erreichen, es war alles vergebens.

Er mußte ihn ziehen lassen, tief erschüttert von der Heuchelei des einst so wahren Mannes. Hatte er etwas an ihm versäumt?

Er fragte Said. Dieser aber bestritt es lebhaft.

„Du darfst nicht vergessen, Fürst, daß er der Sohn seines Vaters ist. Irgendwie mußten die Beiden im tiefsten Innern doch zusam-menpassen, besonders da das Wesen der Mutter keinen Ausgleich schuf. Um Alis Söhne ist mir nicht bange, sie haben Fatime.“

Bei Said war kürzlich zu den Mädchen ein kleiner Omar einge-kehrt, die Wonne seiner Eltern. Auch Mohammed freute sich des Knabens, der ein lebhaftes, hübsches Kind war.

 

Ali kehrte lange nicht wieder aus Mekka. Es fing schon an, Moham-med zu beunruhigen. Da erfuhr er, daß sein Stellvertreter den Weg benutzte, um verschiedenen Bezirken seinen Besuch zu machen.

Und während der Fürst sich aller Sorgen entschlug und mit ver-tiefter Innerlichkeit zu seiner geistigen Arbeit zurückkehrte, hiel-ten Said und Mohammed der Jüngere manches zerquälte Gespräch über das Ausbleiben Alis.

„Wieviel Unheil kann er durch diese Reise anrichten!“ seufzte Said, ganz vergessend, daß er zu dem Sohne des Getadelten sprach.

Dieser aber stimmte ihm bei und sagte :

„Er wird sich als künftiger Fürst vorstellen. Ich wollte, der Groß-vater hätte nie etwas von seinem Nachfolger gesagt, und könnte jetzt noch frei wählen.“

„Wen sollte er dann vorschlagen?“ fragte Said bekümmert. Er wußte niemand, der den Platz hätte ausfüllen können.

„Dich!“ erwiderte Mohammed rasch.

Als Said ihm dann erklärte, daß das Volk ihn nicht annehmen würde wegen seiner unedlen Geburt, da sagte Mohammed kläglich:

„Dann wäre Abu Bekr immer noch besser als der Vater. Er ist wenigstens aufrecht und wahr.“

„Es ist gut, daß wir das nicht zu bestimmen haben“, antwortete Said abschließend.

Wenige Tage später trat Mohammed zum Großvater und bat ihn, zu gestatten, daß er Ali entgegenreite. Der Fürst war erstaunt über diese Regung von Sohnesliebe, erlaubte es aber gern.

Und so ritt Mohammed im Einverständnis mit Said und Alina aus, um weiteres Handeln seines Vaters zu untergraben. Er meinte, wenn er um ihn sei, könne Ali nicht doppelzüngig reden. Er müsse sich dann doch vor dem Sohne schämen.

Durch reisende Kaufleute hatte er erfahren, daß Ali sich nach Syri-en gewendet und dort die Verwalter der Bezirke den Treueid schwö-ren ließ. Das durfte doch nicht sein, solange Mohammed noch lebte! Mit einer kleinen Begleiterschar sprengte der junge Helfer dahin,

die Besorgnis trieb ihn zu immer größerer Eile an.

Nun hatte er die Grenze Syriens schon überschritten, da traf er höchst unerwartet Abu. Bekr mit seinen Kriegern, die er noch im Norden vermutete.

 

Man begrüßte sich und machte gemeinsame Rast, trotzdem Mo-hammed betonte, er habe keine Zeit, sich aufzuhalten, er müsse den Vater finden.

„Das kannst Du rascher, wenn Du bei mir bleibst, als wenn Du nach Halef oder Damasch reitest“, lachte Abu Bekr. „Schaue in das Zelt, da wirst Du ihn sehen. Aber ich möchte Dir eigentlich raten: schaue nicht hinein. Er ist schlechter Laune und könnte Dich ent-gelten lassen, was meine Schuld ist.“

Auf dringende Fragen des jungen Mannes berichtete der Wesir, irgend etwas habe ihn gezwungen, den Rückweg durch Syrien zu nehmen, trotzdem von dort keine Unruhen gemeldet waren.

Da habe er merkwürdige Gerüchte gehört. Ali, der Fürst von Groß-Arabien, lasse sich überall huldigen und die Treue schwören. Er erkläre, Mohammed sei gestorben, und er, Ali, sei Herrscher an seiner Statt.

„Das empörte mich so sehr, daß ich dem Lügner den Weg verleg-te und ihn zwingen wollte, mit mir nach Medina zurückzukehren. Er aber verlachte mich und bestand auf seinem Weiterritt. Da habe ich ihn etwas unsanft angefaßt. Für die nächsten Wochen wird ihm die Lust am Reiten vergangen sein.

Und nun sprich: was führt Dich hierher?“

Ebenso offenherzig berichtete Mohammed von dem Zweck sei-nes eiligen Rittes. Abu Bekr ergriff seine Hand:

„Du bist ein prächtiger Bursche, auf den Verlaß ist! Wir werden uns noch Deiner freuen, wenn Dein Großvater nicht mehr sein wird, und die unausbleiblichen Wirren beginnen werden.“

„Was willst Du mit dem Vater machen?“ erkundigte sich der Jün-gere, nachdem sie noch eine Zeit lang ihre Meinungen getauscht hatten. „Du kannst ihn doch nicht zwingen, zurückzukehren, wenn er es nicht will?“

„So?“ lachte Abu Bekr lärmend. „Kann ich das nicht? Er hat sich einer Treulosigkeit gegen unseren Fürsten schuldig gemacht! Ich habe ihn bei der Tat getroffen, überwältigt und gefangen ge-nommen. Als meinen Gefangenen kann ich ihn führen, wohin ich will.“

„Der Stellvertreter des Fürsten Dein Gefangener?“ rief Moham-med entsetzt. „Ich fürchte, Wesir, da hat Dir Deine Treue und Dein Wille einen bösen Streich gespielt. Du kannst doch den obersten Diener des Fürsten nicht gefangen im Lande umherführen!“

„Kann ich das nicht, Söhnchen?“ brüllte Abu Bekr, der sich zu erhitzen begann. „Aber er kann lügen und betrügen, den Fürsten hintergehen! So, das kann er? Glaube mir, dann kann ich auch mit ihm verfahren, wie er es verdient!“

Mohammed schüttelte den Kopf. Er sah keinen Ausweg aus die-ser Not, in die Abu Bekrs Ehrlichkeit ihn geführt. Und daß es eine Not war, das sah er klar.

Es ging ihm nicht um den Vater. Dieser Begriff hatte für ihn längst allen Wert verloren. Aber um den Nachfolger und Stellvertreter des Fürsten ging es ihm! Wie sollte das Volk Ehrerbietung haben vor ihm, wenn er, als Gefangener des Wesirs, der Schuld überführt, durch das Land geschleift worden war?

Ein neuer Gedanke kam ihm.

„Abu Bekr, wissen Deine Krieger, daß Du den Nachfolger des Fürsten gefangen hältst?“

Der Frager erho@e ein Nein, aber auch dieses blieb aus.

„Meinst Du, meine Krieger hätten ihn und seinen Trupp über-wältigen können, ohne ihn zu sehen? Außerdem brüllte er fortwäh-rend: ,Vergreift Euch nicht an meiner geheiligten Person, ich bin der Fürst von Groß-Arabien!’ Das mußten sie doch hören!“

„Was meinst Du nun aber, das geschehen soll?“ fragte Moham-med bekümmert.

„Sobald ich nach Medina zurückkomme, werde ich dem Fürsten melden, was ich getan und warum es geschah. Danach soll er ent-scheiden, wie er die Treulosigkeit und Hinterlist bestrafen will. Das ist dann nicht mehr meine Sache.

Es wird höchste Zeit, daß dem Propheten die Augen geöffnet wer-den über das schlimme Treiben des herrschsüchtigen Ali. Verzeih, ich vergesse immer, daß er Dein Vater ist.“

„Vergiß das ruhig, Wesir“, sagte Mohammed ernst, „aber halte Dir vor Augen, daß er der Stellvertreter des Fürsten ist.“

Nun eilte es Mohammed gar nicht mehr, vorwärts zu kommen. Am liebsten hätte er Abu Bekr gehindert, nach Medina zurückzu-kehren. Wie schwer mußte den Fürsten die Kunde von Alis Verrat treffen.

 

Auf dem Rücken eines Kamels, in einer Art Sänfte, wurde der ver-wundete Stellvertreter befördert. Seinen Sohn hatte er noch nicht gesehen. Dieser trug kein Verlangen danach, eine Begegnung her-beizuführen.

Und dann war man doch eines Tages am Ziel der Reise. Am Tore erfuhren sie, daß der Fürst gefährlich erkrankt sei. Sie erschraken sehr. Nun durfte Abu Bekr ihm sicher nichts von Alis Vorgehen, Verwundung und Gefangennahme melden.

Was sollte mit Ali geschehen?

Sie ließen Said herbeirufen und berieten mit ihm. Von ihm erfuh-ren sie, daß die Krankheit des Fürsten sehr schwer sei. Er liege in Saids Palast, wo er vor einigen Tagen zusammengebrochen sei. Der Arzt gestatte nicht, daß er bewegt werde.

Alina und Aischa pflegten ihn aufopfernd und mit all ihrer gro-ßen Liebe.

Augenblicklich könne man dem. Fürsten derartiges nicht sagen. Es eile aber auch gar nicht. Das Volk sei in banger Sorge um des Pro-pheten Leben, es vermisse Ali nicht, den es noch in Mekka vermute. Nun beschlossen die drei, Ali in das Untergeschoß von Abu Bekrs

Stadtpalast zu bringen und dort bewachen zu lassen.

Die treusten, verläßlichsten Krieger wurden ausgewählt zu die-sem Dienst, die andern außerhalb der Stadt in ein Zeltlager ge-schickt und zu Schweigen verpflichtet. Dem Fürsten könne man auf Befragen mitteilen, daß Ali in einem Gefecht verwundet sei und erst nach Heilung der Wunden zurückkehren werde.

Wie sie es beschlossen hatten, so geschah es.

Ali tobte und schäumte. Es wurde ihm nichts von der Erkrankung des Fürsten mitgeteilt, so daß er annehmen mußte, er werde auf dessen Befehl gefangen gehalten. Niemand durfte zu ihm gelassen werden. Allein sollte er über seine Sünde nachdenken.

 

Mohammed verlangte es, zum Großvater zu eilen. Es währte aber einige Tage, ehe das Fieber sank und der Arzt den Besuch gestatte-te. Die Beiden, die sich äußerlich und innerlich so ähnlich waren, hatten große Freude an dem Wiedersehen.

„Nun gehst Du nicht mehr von mir, solange ich noch lebe, mein Sohn“, bat der Fürst weich, und der Jüngere versprach es.

 

Er selbst konnte sich nichts Lieberes denken, als bei dem Kranken zu wachen und teil zu haben an so vielem, was um ihn her vorging. Er durfte sie schauen, die lichten Gestalten, die zu dem Lager tra-ten, kündend und tröstend, ermunternd und berichtend.

Nicht immer hörte er, was sie sprachen, aber daß es Wundervolles sein mußte, das konnte er den leuchtenden Zügen des Leidenden entnehmen.

Keine Frage nach Ali kam über die Lippen des Kranken, dagegen bat er, daß man Ibrahim rufen lasse. Daran hatte Alina schon ge-dacht, der junge Scheich war bereits auf dem Wege.

An einem der nächsten Tage trat er an das Lager.

Frieden und Seelenruhe gingen von ihm aus. Seine braunen Au-gen strahlten eine Freudigkeit, die nicht von dieser Welt war. Fern von ihnen allen hatte er sich zu einer ganz selbständigen, wertvol-len Persönlichkeit entwickelt.

Der Fürst atmete erleichtert auf, ihn zu sehen.

Nun erst begann er, an irdische Dinge zu denken, während er vor-her mit allen Sinnen und Empfindungen in anderen Ebenen sich bewegt hatte.

Er bat Ibrahim, das Amt des Scheichs an der Moschee in Medina, der Moschee des Propheten, zu übernehmen.

„Es ist so leicht zu machen, mein Sohn“, sagte er mit freundli-chem Lächeln. „Seit ich hier liege, hat niemand am Freitag zu den Männern gesprochen. Dein Bruder Abdallah liest, aber das genügt doch nicht. Sprich Du jetzt zu dem Volk, solange ich noch auf Er-den weile. Sie werden sich an Dich gewöhnen und Dich nicht mis-sen wollen, wenn ich gegangen sein werde. Es ist aber so wichtig, daß gerade hier, wo es leider so viele Gegenströmungen gibt, die Wahrheit in der reinsten Form gelehrt wird.“

Ibrahim wollte Einwendungen erheben, aber irgend etwas hielt ihn zurück. Er versprach, was der Fürst begehrte, und dieser wurde sichtlich ruhiger.

Später begann er von neuem:

„Ali ist nicht mehr wert, mein Nachfolger zu sein. Ihr müßt im Geheimen über ihn aburteilen und ihn verschwinden lassen. Abu Bekr, sei Du Fürst über Groß-Arabien an meiner Statt! Die Wahr-heit wird an Dir einen Freund und Schützer haben. Vergiß aber niemals, daß ein Fürst aubauen und nicht zerstören, heilen und nicht verwunden soll. Mußt Du zu blutigen Waffen greifen, so er-wähle Dir dafür einen Kriegsführer, der an Deiner Stelle handelt. Versprich es mir!“

Der ganz betäubte Wesir versprach alles, was der Fürst forderte. So hatte Mohammed von Alis Treulosigkeit gewußt?

Wie wahrhaft fürstlich ertrug er dies alles. Wahrlich, ein großer Unterschied war zwischen Mohammed und allen Männern seiner Umgebung.

Said dankte der Fürst für seine nie wankende Treue und Sohnes-liebe.

„Du hast es mir leicht gemacht zu vergessen, daß Du nicht wirk-lich mein Sohn bist. Gott wird es Dir lohnen, ich kann es nicht. Schweres wirst Du erleben müssen, sobald ich gegangen sein wer-de. Ich würde es Dir gern ersparen, aber ich sehe klar, daß es sein muß.

Du wirst wie ein Bollwerk stehen gegen die Wogen des Unglau-bens, des Irrglaubens, des Verrats. Gottes Kraft wird immer mit Dir sein, solange Du darum bittest, und solange Gott Dich hier auf Erden noch braucht. Innerer Friede sei mit Dir in allem äußeren Unfrieden. Gott, der Herr, segne Dich!“

Erschüttert trat Said von dem Lager zurück. Er hatte keine Hoff-nung mehr, daß Mohammed genesen werde. Wer so sprach, der sah wohl schon das Ufer des Jenseits.

Nun winkte Mohammed seinen Lieblingsenkel herbei. Dieser kniete am Lager nieder und legte in aufwallender Zärtlichkeit den Kopf an die Brust des Kranken. Leise strichen dessen Hände über ihn. Lange Zeit sprachen beide kein Wort, aber ein Strömen heili-ger Kräfte ging von einem zum anderen, das tiefes Verstehen schuf.

„Mohammed, Du wirst es am schwersten haben. Ich würde Dich gern mit mir nehmen, wenn ich nun die Erde verlasse.

Aber Gott hat es anders geordnet. Sei Du die Stütze der schwa-chen Frauen, die ich zurücklassen muß. Sei Du ihr Helfer, bis ruhi-ge Zeiten wiederkehren werden. Krieg wird es geben, Krieg in den Städten und im Reich. Blut wird fließen und Unschuldige werden getötet werden. Hüte Du die Frauen in dieser Zeit! Danach frage Gott um andere Arbeit.

 

Du warst mir der liebste Enkel, nicht nur, weil ich in Dir ein Stück meiner selbst wiederfand, sondern weil Du unbeirrt klar und wahr Deinen Weg gegangen bist. Bleibe, wie Du warst, und Gottes Segen wird mit Dir sein, wie der meine Dich allezeit umgeben wird.“

Abdallah war gerufen worden. Er kam unwillig und wollte nicht sehen, wie krank der Fürst war. Ungestüm fragte er nach dem Va-ter. Ehe man ihm antworten konnte, begehrte er zu wissen, warum Ibrahim an die Moschee gerufen worden.

Der Arzt und Abu Bekr bedeuteten ihn, daß er sich mäßigen müsse. Er sei bei einem Sterbenden.

Einen Augenblick erschrak Abdallah, dann aber wandte er sich und verließ wortlos das Gemach. Ob Mohammed ihn gehört und gesehen, erfuhr man nicht.

Der Fürst begehrte, daß nun die Frauen einzeln zu ihm kommen sollten, er wolle Abschied nehmen. Anfangs hatte man ihm wi-dersprochen, wenn er dieses Wort gebrauchte, nun fand niemand mehr den Mut dazu. Zu deutlich sahen alle, daß dieses teure Leben im Verlöschen war.

Aischa kam mit ihren Töchtern und Mohammed dankte ihnen für alle Liebe, die er in ihrem Hause erfahren. Aischa sei ihm lieb geworden wie ein eigenes Kind.

Wenn nun Said alle seine Kräfte dem Reich widmen müsse, solle sie mit Alina, Fatime und seinen Töchtern zusammen an einen si-chern Ort, weit außerhalb Medinas, gehen. Mohammed der Jünge-re sei zu ihrem Schutze bestellt und werde für sie alle sorgen.

Auch für Fatime und seine anderen Töchter hatte er gütige Worte des Segens. Danach bat er, mit Alina allein gelassen zu werden.

„Du mein Segensquell auf Erden, laß mich Dir danken“, sagte er bewegt. „Nie wollten die Worte meine Lippen verlassen, so oft sie sich auch dorthin drängten. Wenn es mir mög-lich war, in den Geboten des Herrn zu wandeln, rein und unbefleckt meine Straße zu ziehen, so hast Du mir dazu geholfen, Du meine reine Blüte aus Gottes ewigem Garten! Rein und lauter sind alle Deine Gedanken und Taten. Rein und zart hast Du die Mädchen und Frauen Deiner Umgebung gemacht. Wirke noch lange, nachdem ich gegangen, im Segen, und lehre die Frauen zu werden, wie Du!

 

Ich habe gewünscht, daß Ihr alle, die Ihr durch das Band der Lie-be an mich gebunden seid, gemeinsam Euch irgendwo verberget, bis die Zeiten des Aufruhrs, die jetzt kommen müssen, vorüberge-braust sein werden. Mohammed, mein Enkel, soll Euch Hüter und Schützer sein. Folge meinem Rat in diesem Stück; denn es ist not-wendig, daß Du Dich für unser Volk erhaltest. Gott selbst will es so! Sein Segen sei mit Dir. Wir werden uns wiedersehen!“

Das waren die letzten Worte, die Mohammed aus irdischem Be-dürfen heraus mit einem Menschen sprach. Von nun an waren alle seine Gedanken bei Gott. Wenn er redete, so geschah es, um das zu künden, was er schauen durfte.

Unaufhörlich flüsterten seine Lippen, auch die Nächststehenden konnten oftmals nicht verstehen, was er sagte. Dann wieder klan-gen die Worte klar und deutlich. Er sprach von den Gottessöhnen. Christus sah er, wie er ihn einst geschaut. Er bat und flehte, wieder mit ihm gehen zu dürfen. Danach zog ein wundervolles Lächeln über seine Züge.

„O Du gnadenvoller Gottessohn, ich vergaß! Du brauchst nicht mehr Deine heiligen Füße im Staube unserer Straßen zu ermüden. Du brauchst nie mehr zu einem halsstarrigen Volke zu reden, das Dich nicht hören will, und wenn es Dich hört, Deine heiligen Wor-te entstellt, herunterreißt. Meister, Du bist bei Gott! „Ich und der Vater sind Eins“, hast Du uns gekündet!

Nun durfte es Wahrheit werden für Dich. Eins bist Du wieder mit Deinem ewigen Vater. Ich danke Dir, daß ich von Dir künden durfte!“

Lange schwieg Mohammed, plötzlich richtete er sich auf, als schaue er unendlich Erhabenes. Er hob die kraftlosen Arme:

„Weltenrichter, Gottes Sohn! In tiefer Demut neige ich mich vor Dir und flehe Dich an: Laß mich Dir dienen, wenn Du kommen wirst zu richten!”

Der Prophet schwieg, als lausche er. Danach verklärten seine Züge sich noch viel mehr.

„Habe Dank, Du Ewiger! So werde ich Dir droben dienen dürfen. Du bedarfst meiner nicht mehr, wenn Du die Erde betreten wirst? Aber droben darf ich mein Werk fortsetzen? Ich danke Dir für Dei-ne große Gnade!“

 

Wieder trat langes Schweigen ein. Einer oder der andere der An-wesenden trat leise an das Lager zu lauschen, ob der Atem sich noch rege.

Mohammed schien friedevoll zu schlafen. Aber es schien nur so. Seine Seele löste sich ohne Weh, ohne Schmerzen. Lichte Wesen-heiten halfen ihr. Sie umgaben auch den Erdenkörper, daß er kei-nen Schmerz spüre von diesem Lösen.

Mohammed, der Jüngere, durfte sie sehen. Er war auch gewür-digt, zu hören, was dem Sterbenden gesagt wurde:

„Kehre heim, mein Diener Mohammed. Du warst ein treues Werkzeug allezeit. Deine Schuld ist es nicht, wenn das, was Du der Welt bringen durftest, wieder versinken wird in dem Unrat, den das Dunkel aufwirft. Ein Wahrheitsbringer solltest Du sein. Du warst es! Bezwungen hast Du Dich selbst, gelebt hast Du nur für andere. Gedient hast Du Deinem Gott!

Kehre heim. Die ewige Heimat erwartet Dich!“

Unendlicher Glanz sammelte sich über dem Lager des Sterben-den, der ein letztes Mal die Augen aufschlug und mit lauter Stimme rief:

„Gott!“

Es lag ein solcher Triumph, eine solche Glückseligkeit in dem ei-nen Wort, daß die, die es hörten, es niemals wieder vergaßen. Es half ihnen durch die schwersten Stunden ihres Lebens, es hielt sie, wenn sie straucheln wollten, dieses eine Wort:

 

„Gott!“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

A N H A N G

 

 

Mohammeds Heimgang löste bei den Seinen die widerstreitend-sten Gefühle aus. Aufrichtiger Schmerz erfüllte sie alle, aber nur Alina und Aischa durften sich ihm hingeben.

Die Männer wußten, daß es jetzt zu handeln galt, sollten nicht sofort die größten Wirren einsetzen. Sie überließen den Frauen das Sterbezimmer und schärften ihnen ein, keinem Diener oder sonst jemandem Zutritt zu gewähren, während sie in einem der Neben-gemächer beraten wollten.

Daß etwas zu geschehen hatte, war ihnen allen klar. Abu Bekr, der sonst so Tatkräftige, Bestimmte, war völlig gebrochen. Er begriff nicht, daß er der Nachfolger des Propheten sein sollte, er zweifelte daran, daß er die Aufgabe würde lösen können.

Said und Ibrahim schwiegen, blickten aber auf Mohammed, von dessen Scharfsinn sie Hilfe erwarteten.

Er war sich dessen nicht bewußt. Seine Seele strebte betend em-por, um Rat für sie alle zu erlangen. Da war es ihm, als höre er die Stimme des Verstorbenen, ihm klar und deutlich Anweisung ge-ben, was zunächst zu geschehen habe.

Es war alles so verständlich, daß Zuversicht und Ruhe in die Seele des Mannes einzog. Er richtete sich auf und redete die andern an:

„Höret, der Fürst gibt Euch durch mich nochmals Befehle, die wir getreu ausführen müssen. Sein Tod darf nicht bekannt werden, ehe nicht der Verräter Ali unschädlich gemacht wurde.

Es muß also über diesen in den nächsten Tagen im Namen des Propheten Gericht gehalten werden.

Erst danach darf der Tod Mohammeds verkündet und Abu Bekr als sein Nachfolger erklärt werden. Versäumen wir dieses, so wird Bür-gerkrieg die unausbleibliche Folge sein. Ali wird sich niemals gutwil-lig die schon jetzt angemaßte Herrschaft streitig machen lassen.

Da nun die irdische Hülle unseres Fürsten nicht solange über der Erde stehen kann, lautet seine Weisung, daß wir ihn heute Nacht im Garten dieses Palastes beisetzen. Es muß in der größten Heimlich-keit geschehen. Das ist klar.

Später sollen wir ihn dann in der Moschee des Propheten bestat-ten. Zu diesem Zweck müssen wir ihn heute so betten, daß er leicht wieder ausgegraben werden kann.

Er bittet Euch, dies nicht als Verunehrung seines Leichnams auf-zufassen, sondern zu verstehen, daß die Liebe zu seinem Volk ihm dies eingibt.“

„Ja, die Liebe zu seinem Volk!“ sagte Said fast weinend. „Er hält sie bis über den Tod hinaus. Nichts begehrte er je für sich selber. Jetzt verzichtet er sogar auf das ihm zu-stehende ehrenvolle Be-gräbnis und läßt sich lieber verscharren wie ein Verbrecher, als daß er um seinetwillen Krieg entbrennen läßt!“

„Seid Ihr einverstanden, daß wir Mohammeds Befehl befolgen?“ fragte der jüngere Mohammed dringend. Sie stimmten alle zu.

„So lasset uns unverzüglich die Vorbereitungen treffen. Die Frauen mögen den Leichnam waschen und salben, kleiden und schmücken. Du, Ibrahim, kannst ihnen dabei helfen und die Sterbegebete spre-chen, die der Fürst selber gedichtet. Wir andern müssen in aller Stille die äußere Hülle bereiten; denn nach Sonnenuntergang werden wir genug Arbeit mit dem Ausschachten eines tiefen Grabes haben.“

Umsichtig ordnete Mohammed alles. an.

Said machte darauf aufmerksam, daß im Nebengemach eine ganz neue, lange Truhe stehe, die er zur Aufnahme von Seidenstoffen habe anfertigen lassen. Sie sei groß genug, den Leichnam aufzuneh-men. Die andern waren einverstanden und kleideten die Holzkiste innen mit kostbaren Seiden aus.

Der Arzt begehrte Einlaß, ließ sich aber von Abu Bekr, vor dem er ein gelindes Grauen empfand, mit dem Hinweis fortschicken, daß der Leidende ein wenig schlafe. Je weniger Mitwisser, desto besser, meinten die vier Männer.

Schon lange war die Sonne untergegangen, da betteten liebende Hände die sterbliche Hülle von Gottes Diener in die lange Holzki-ste. Betend sanken dann die Sieben, denn Fatime war herbeigeru-fen worden, auf die Knie und heiliges Empfinden durchströmte sie alle. Sie fühlten die Kraft, die von oben in sie gesenkt wurde, damit sie, jeder in seiner Art, ihre Aufgabe erfüllen konnten.

 

In der weichen Erde des Gartens, inmitten reichblühender Sträu-cher, hatte sich die Grube leicht ausschachten lassen, in die die Ki-ste gestellt wurde. Dann ebneten die Männer alles wieder ein und standen noch lange betend an der Stelle, die die Hülle dessen barg, der ihnen allen Führer und Freund gewesen war.

Selbst die vertrauten Diener hatten nichts bemerkt. Nun galt es, noch etwa einen Tag lang das Geheimnis zu bewahren.

Am nächsten Morgen wurden die Beamten des Fürsten zusam-mengerufen, Abu Bekr, Said und Mohammed begaben sich gleich-falls in den großen Saal des Fürstenpalastes.

Im Auftrag des Fürsten teilte Abu Bekr darauf den Anwesenden mit, welcher Schuld Ali zu zeihen sei. Es war wohl keiner im Saal, der nicht schon von dem verräterischen Vor-gehen Alis gehört hat-te, es bedurfte keiner weiteren Beweise.

Aber ehe das Urteil über ihn gesprochen wurde, mußte er sich seinen Anklägern gegenüberstellen.

Abu Bekr entsandte einige seiner Krieger, den Gefangenen zu ho-len.

Unverrichteter Dinge kamen sie nach geraumer Zeit zurück! Der Kerker war leer! Wie konnte das zugegangen sein? Die Wachen wurden gerufen. Sie zitterten vor Angst und wollten nicht sprechen. Endlich, als Mohammed, der Jüngere, ihnen versprach, für sie eintreten zu wollen, wenn sie jetzt die Wahrheit sagten, bekannten

sie, daß der Priester Abdallah seinen Vater aufgesucht habe.

Dem Vorleser aus der Moschee hätten sie den Eintritt nicht weh-ren wollen, außerdem habe er ihnen gesagt, daß er auf ausdrück-lichen Wunsch des Fürsten komme. Er sei lange bei Ali geblieben.

Endlich sei er herausgekommen und habe ihnen gesagt, daß Ali wohl in dieser Nacht sterben werde. Seine Wunden seien schlimm geworden. Er, Abdallah, gehe, dies dem Fürsten zu melden und sei-ne Brüder an das Sterbelager zu rufen.

Einige Stunden später sei er mit Ad-Din wiedergekommen und habe gesagt, die andern würden noch eintreffen, er habe sie noch nicht erreichen können. Wenige Minuten, nachdem die Brüder in dem Gefangenenraum verschwunden waren, seien sie herausge-stürmt. Ad-Din habe mit blankem Schwert den Weg gebahnt, Ab-dallah habe den verwundeten Vater getragen.

 

Es sei alles so rasch gegangen, daß, als die Wache zur Besinnung gekommen sei, die Männer schon nicht mehr zu sehen gewesen waren. Da hätte die Wache beschlossen, die Tore wieder zu ver-schließen und vorerst zu schweigen; denn sie hätten sich sehr ge-fürchtet.

Das klang alles ganz glaubhaft, außerdem konnte Mohammed se-hen, daß die Männer die Wahrheit sprachen. So wurden sie ohne Strafe fortgeschickt. Die Beamten aber erhielten Weisung, nach dem Entflohenen zu forschen.

Nun waren die Wissenden froh, daß sie Mohammeds Rat so un-bedingt gefolgt hatten. Tage vergingen, bis man eine Spur von Ali gefunden hatte. Hätte er von dem Tode des Fürsten erfahren, wäre er sofort mit seinen Anhängern erschienen, um. sein Amt anzutre-ten.

Inzwischen aber vernahm das Volk, wie schwer sich Ali vergan-gen, daß er habe abgeurteilt werden sollen und vor dem gerechten Richterspruch geflohen sei. Die Spur führte über die Reichsgrenze hinaus, so daß an weitere Verfolgung nicht zu denken sei.

Einige Tage später erst verkündete Said den Dienern, daß Mo-hammed, der Fürst, gestorben sei. Durch sie wurde die Kunde rasch verbreitet, und das ganze Volk trauerte um seinen Herrscher, den Propheten. und Diener Gottes.

Abermals in der Stille der Nacht war die Kiste ausgegraben und in einen Prachtsarg gesetzt worden. Die besondere Hitze des Tages ließ es nicht auffällig erscheinen, daß der Sarg geschlossen war, ehe er in die Moschee überführt wurde.

Niemand schöpfte Verdacht. Erst später tauchten Gerüchte auf, daß der Fürst schon früher gestorben war. Die Böswilligen erfan-den grauenvolle Lügen, die Gutdenkenden woben fromme Legen-den darum. Die Wahrheit kam niemals an den Tag.

Eine ergreifende Feier in der Moschee ging der Beisetzung vor-aus. Ibrahim, der ohne weiteres sein Amt antreten mußte, da Ab-dallah verschwunden blieb, sprach zu dem Volk. Er schilderte, wie Mohammed sein Leben lang nichts habe sein wollen als Gottes Diener, wie alle Gesetze, die er erlassen, nur aus dem Willen Gottes hervorgegangen seien, wie die Lehre, die er gebracht, ihm aus Got-tes Reich zugeströmt war.

 

In glühenden Worten flehte er, daß das Volk dessen eingedenk bleiben und an der Wahrheit festhalten möge.

„Mohammed selber hat in den letzten Jahren oftmals gesagt: „Alle Wahrheitsbringer durften Gottes ewige Wahrheit künden. Danach kamen die Menschen und deuteten daran herum, zogen sie zu sich herab und verbogen sie, bis aus der Wahrheit die Lüge gewoben war.“ Araber, Gläubige des Islams, lasset Euch das Heilige nicht neh-men! Lasset kein Wort verbiegen und wegdeuten! Seid Hüter des

Euch anvertrauten Schatzes.“

Als Ibrahim schwieg, trat Omar, ein Unterführer der Krieger, an den Sarg, der von der Fahne des Propheten überdeckt auf der für den Vorleser geschaffenen Erhöhung stand. Er dankte dem Verstor-benen im Namen des ganzen Volkes für alles, das er dem Reich und den einzelnen Seelen gegeben. Seine unvorbereiteten Worte kamen aus dankbarem Herzen und rüttelten an den Seelen aller.

Die Feier schloß mit einem Gebet um Kraft.

 

Am folgenden Tag wurden die Beamten zusammengerufen und Said eröffnete ihnen, daß der sterbende Fürst Abu Bekr zu seinem Nachfolger erwählt habe. Diese Wahl überraschte niemand; denn da Ali nicht mehr in Frage kam, war kein Mann geeigneter, das Werk fortzuführen, als er.

Der Oberste der Beamten fragte den früheren Groß-Wesir, ob er gesonnen sei, das hohe Amt anzutreten. Er bejahte mit bebender Stimme und berichtete die Abschiedsworte des Fürsten. Anschlie-ßend daran sagte er :

„Ich will der Weisung Mohammeds folgen. Omar, mein Un-terführer, soll an meiner Stelle Groß-Wesir, Chalid, der bisherige Oberführer, der Leiter aller Krieger sein: Ich selbst entsage dem Blutvergießen und will mich ganz dem Wohl des Volkes und der Ausbreitung des Islam weihen. Wie Mohammed will ich nichts für mich, alles für das Volk tun!“

Er hat Wort gehalten. In emsiger Arbeit sammelte er alle Nieder-schriften von Mohammeds Hand und stellte die einzelnen Suren neu zusammen. Ihm ist es zu verdanken, daß der Koran, das Glau-bensbuch des Islams, als einheitliches Ganzes der Nachwelt über-liefert werden konnte.

 

Mohammed, der Jüngere, begab sich an einem der nächsten Tage zu Alina, um mit ihr wegen der Übersiedelung der Frauen zu sprechen.

Anscheinend war diese Maßnahme jetzt überflüssig. Frieden herrschte im Reich, der gefürchtete Bürgerkrieg war ausgeblieben. Sollten sie nun wirklich die Stadt verlassen, in der sie so segensreich gewirkt hatten ?

Mohammed war entschlossen, ihnen trotzdem zuzureden. Er wußte, daß der Fürst sich niemals geirrt hatte, wenn er auf eine Kunde von oben etwas angeordnet. Auch hier würde sich die Weis-heit seines Wunsches noch zeigen.

Wider Erwarten stimmte Alina ihm sofort bei. Ja, mehr noch: sie hatte nachts den Ort des neuen Aufenthalts schauen dürfen! Es war ein einfaches, großes Haus in gebirgiger Gegend, das rings von wei-ten Gärten umschlossen war.

Hier hatte sie sich mit den andern Frauen und Mädchen aus Mo-hammeds Haushalt gesehen, wie sie Mädchen und Kinder weib-lichen Geschlechts betreuten und zu reinen Frauen erzogen. Das sollte ihre künftige Arbeit sein.

Sie beschrieb das Haus so genau, daß Mohammed plötzlich wuß-te, wo er es suchen solle. Er schlug vor: er werde es ausfindig ma-chen und instand setzen lassen, danach werde er die Frauen abho-len. Sie sollten inzwischen: alles zu dem Umzug bereiten.

Nach wenigen Tagereisen hatte er das Grundstück entdeckt, das das gesuchte sein mußte.

Der Besitzer war gestorben, die Erben legten keinen Wert darauf und wollten es billig veräußern. So wurde Mohammed binnen kur-zem mit ihnen handelseinig.

Er setzte zwei verläßliche Diener hinein, die dafür zu sorgen hat-ten, daß der gröbste Schmutz entfernt wurde. An Schäden gab es gar nichts auszubessern. Alles war gut im Stande, sogar ein Brun-nen sprang auf dem großen, ummauerten Hof und ein Bad war in einer kleinen Hütte angelegt.

Da früher anscheinend Vieh zu dem Besitztum gehört hatte, fand sich ein nettes Hüterhäuschen, das Mohammed zu seinem Wohn-sitz erkor, solange er die Frauen würde schützen müssen.

Nun ritt er mit den übrigen Begleitern nach Medina zurück und berichtete den gespannt horchenden Frauen von seinem Ankauf.

Sie billigten alles, nur tat ihnen Mohammed leid, der ihretwegen allein hausen mußte.

Da fand er es an der Zeit, mit seinem Plan sich hervorzuwagen.

Er hatte im Sinn, außerhalb der Mauer des Frauen-Grundstückes ein großes Haus zu erbauen und die Sprachschule in diese abgele-gene Gegend zu verlegen.

Ein wenig bangte ihm, was Alina dazu sagen werde. Sie war aber ganz beglückt, daß Mohammed seine segenbringende Arbeit werde fortsetzen können, und daß sie, sollte es einmal Unruhe in ihrer Nähe geben, auch noch auf den Schutz der lernenden jungen Män-ner werde rechnen können.

Sobald als möglich brachen die Frauen auf: Alina, Fatime und Aischa, die drei Töchter Alinas, die beiden Mädchen Aischas und die unerläßlichen Dienerinnen. Dazu gesellten sich drei gut be-freundete Frauen aus Medina mit ihren Töchtern.

Mohammed nahm seinen jüngsten Bruder Ali und Aischas Söhn-chen Omar mit, die beide noch sehr der Erziehung bedurften. Eine ganze Anzahl erwachsener Schüler sollten ihm folgen, sobald das Sprachenhaus stehen würde.

Kaum hatten die Frauen Medina verlassen, da mehrten sich die Gerüchte von allerhand Unruhen. Abu Bekr hatte an alle sieben-undzwanzig Verwalter Boten gesendet, ihnen den Tod Moham-meds mitzuteilen und sie sich zu verpflichten.

Die meisten beklagten wohl den Verlust des Fürsten bitter, aber sie machten hinsichtlich des Nachfolgers keinerlei Schwierigkeiten. Wie der Prophet es bestimmt hatte, so würde es am besten für alle sein.

Unter denen aber, die Ali vor kurzem aufgesucht hatte, waren solche, denen er vielerlei Versprechungen gemacht hatte für den Fall, daß er Fürst sein werde. Anderen hatte er erklärt, er sei bereits Fürst, und hatte ihnen daraufhin allerhand verheißen.

Diese nun wollten das Versprochene nicht preisgeben. Sie erklär-ten, sich unter Abu Bekr nicht beugen zu wollen, sondern nur Ali als Herrscher anzuerkennen.

Vergebens machten ihnen die Boten klar, daß es keinen Ali mehr gäbe. Sie beschuldigten Abu Bekr geradezu, daß er den Stellver-treter des Mohammed beseitigt habe, um sich auf den Thron zu setzen. Dafür wollten sie ihn zur Rechenschaft ziehen.

Einzeln und gemeinsam versuchten sie, nicht nur ihre Bezirke, sondern das Land ringsumher zur Auflehnung aufzureizen.

Es blieb Abu Bekr nichts übrig, als sofort nach Rückkehr sei-ner Boten sowohl Chalid wie Omar mit wohlgerüsteten Kriegern auszusenden, um seine Macht zu festigen. Wohin seine Feldher-ren kamen, waren sie siegreich. Dabei verfuhr besonders Omar so menschlich, daß die Besiegten fast beschämt waren.

Kaum waren die Feldherren nach Medina zurückgekehrt und hat-ten beschlossen, weitere Heere anzuwerben, damit sie nie mehr alle brauchbaren Krieger aus dem Inneren des Landes nehmen müß-ten, da kam Botschaft von der Nordgrenze, daß ein Freund Alis, Musailima, mit einer wilden Horde eingefallen sei, um Abu Bekr zu strafen wegen seines Vorgehens.

Sofort zog Chalid mit seinen wohlgeordneten Leuten aus und es gelang ihm, den Rebellen samt seinen Wilden zu fangen.

Er versprach Musailima das Leben, wenn er aussage, wo Ali sich zur Zeit aufhalte. Aber der Mann blieb dem Freunde treu und starb lieber, als daß er ihn verriet.

Damit war der letzte Aufrührer besiegt, und Abu Bekr konnte in Ruhe an den äußeren Einrichtungen weiter bauen, die Mohammed beschlossen, aber nicht mehr ausgeführt hatte. Er richtete mehr öf-fentliche Schulen ein im Lande und bestimmte, daß alle Knaben die-se besuchen müßten, um wenigstens Lesen und Schreiben zu lernen. Durch seine Arbeit am Koran hatte er sich mehr als früher in die Glaubenslehren vertieft. Was ihm da zur Überzeugung wurde, das wollte er weiter geben. Es drängte ihn, noch weit mehr zur Ausbreitung des Islams zu tun.

Um dieses Ziel zu erreichen, griff er manches Mal zu unrichtigen Mitteln, allerdings, ohne sich dessen bewußt zu sein.

Wie er einst seinen Kriegern versichert hatte, daß ihrer besondere Seligkeit warte, wenn sie vor dem Feinde fielen, so versprach er jetzt den Männern, die die Fastenzeit getreulich einhielten und die vorge-schriebene Enthaltsamkeit übten, einen Himmel voll schöner Frauen.

Ibrahim, der davon hörte, machte ihm Vorhaltungen.

„Wie kannst Du solche Dinge sagen, die Du Dir selber erdenkst, Fürst Abu Bekr?“ fragte er dringend. „Wir dürfen doch der Wahr-heit nichts hinzufügen, das nicht aus der Wahrheit stammt.“

„Was sollte es schaden, wenn ich mit solchen Schilderungen die Menschen antreibe, besser auf das zu achten, was sie hier unten erfüllen sollen? Wenn ich ihnen damit helfe, nach Gottes Geboten zu leben, wo kann da der Schaden liegen?“

„Du treibst sie mit unwahren Versprechungen an. Jede Unwahr-heit kommt aus dem Dunkel, ist also ein Feind des Lichtes. Du kannst die Menschen nicht im Lichte wandeln machen, wenn Du ihre Pfade in Dunkel hüllst.“

„Ibrahim, so schlimm, wie Du es jetzt ausmalst, ist es doch gar nicht. Ich frage nochmals: was schadet es, wenn sie drüben ankom-men, und finden dann, daß der alte Abu Bekr ihnen etwas verspro-chen hat, was nicht ganz stimmt? Dann werden sie auch verstehen, daß er ihnen hat helfen wollen!“

Ganz kindlich sagte es der Alte. Er war so überzeugt von seiner guten Absicht. Es war kaum möglich, ihm den Schaden klar zu ma-chen, den er anrichten konnte.

Als einmal Männer zu ihm kamen, um ihm zu klagen, daß ihre Geschäfte ihnen unmöglich die Zeit frei ließen, um die notwendige Wallfahrt nach Mekka anzutreten, verfiel Abu Bekr auf den Gedan-ken, ihnen eine Ablösung zu gestatten.

Sie sollten einen Ersatzmann nach Mekka senden, der an ihrer Stelle die Pilgerfahrt unternahm. Für die Unkosten sollten sie auf-kommen, dem Mann überdies eine reichliche Entschädigung ge-ben. Dann könne dessen Wallfahrt als von ihnen getan gelten.

Auch hierüber ergrimmte Ibrahim. Er wandte sich an Said, um mit ihm gemeinsam dem Fürsten; oder, wie er sich lieber nennen hörte, dem Kalifen - Stellvertreter - zu untersagen, solche Neuerun-gen ohne Rücksprache mit ihnen in die Welt zu setzen.

Abu Bekr war sehr erstaunt, daß er auch jetzt wieder Tadel statt Lob erntete. Er meinte, es sehr geschickt gemacht zu haben; denn er hatte gehört, daß gerade diese Männer, die Mangel an Zeit vorge-schützt hatten, die Kosten scheuten. Nun hatte er ihnen noch mehr Kosten auferlegt und freute sich darüber.

„Er ist wie ein Kind“, seufzte Ibrahim. „Wir werden noch viele Mühe mit ihm haben.“

Diese Voraussage war falsch. Kaum zwei Jahre, nachdem Abu Bekr die Nachfolge des Propheten übernommen, starb er an einer Krankheit, die er sich einst auf einem Kriegszuge zugezogen, und die er vernachlässigt hatte.

Vor seinem Tode bestimmte er Omar, den Groß-Wesir, zu seinem Nachfolger. Chalid sollte Wesir werden, der Feldherr Amr der Füh-rer der Streitkräfte.

Als er alles geordnet hatte, entschlief er sanft und ohne daß seine Umgebung es merkte.

 

Nun wurde Omar Kalif und er trat sein Amt voll guten Willens, vor allem in dem Bewußtsein an, daß er nur dann dem Volke zum Segen gereichen könne, wenn er sich streng an die Lehren des Pro-pheten hielt.

Was er aber in dieser Beziehung von sich verlangte, forderte er auch von anderen. Die Gläubigen sollten dankbar gegen Gott in froher Tat ihr Leben verbringen, aber keinen Schritt von dem durch die Gebote und Gesetze vorgezeichneten Wege abweichen.

Mit Ibrahim und Said verstand er sich ausgezeichnet, sie waren seine treusten Helfer.

Eine seiner ersten Regierungstaten war, Said zum Groß-Wesir zu machen, da Chalid ihn anflehte, ihn Feldherr bleiben zu lassen.

„Ich eigne mich nicht zum Regierenden“, sagte er kläglich.

„Mit der Waffe in der Faust kann ich Großes vollbringen, das weiß ich. Lieber will ich ,das Schwert Gottes’ sein, als der Berater des Fürsten. Vergib mir, Kalif.“

Omar geriet in Verlegenheit. Er verstand Chalid sehr gut, hätte ihm auch gern willfahrt, aber nun war Amr zum Oberfeldherrn ernannt worden. Chalid konnte doch nicht die zweite Stelle einneh-men, nachdem er zwei Jahre lang an erster gestanden hatte.

„Ich kann jede Stelle ausfüllen, auch die niedrigste“, versicherte Chalid, „wenn ich nur Feldherr bleiben: darf.“

Nach Rücksprache mit seinen Beratern gestattete es Omar endlich, und Chalid dankte es ihm durch beispiellose Treue und Ergebenheit. Hatte schon Abu Bekr den Drang verspürt, allen Menschen den Islam zugänglich zu machen, so wurde dies Verlangen bei Omar so übermächtig, daß er durch seine beiden Feldherren fremde Länder erobern ließ, nur damit die Völker der Segnungen des neuen Glaubens teilhaftig werden könnten.

 

Es war keine Sucht nach Macht und Glanz. Omar lebte einfacher als der einfachste Mann. Er war nicht vermählt und bewohnte ein kleines Haus in der Nähe der Moschee. Für seine Bedürfnisse ge-nügten Früchte und Reis. Er lebte mäßig und ging in allem seinem Tun dem Volk mit dem besten Beispiel voran.

So bedeuteten alle Eroberungen, die seine Feldherren für ihn machten, keine Vergrößerung seiner Macht, sondern er betrachtete sie als zur Ehre Gottes unternommen.

Obwohl er selbst Feldherr gewesen war, redete er den Beiden nicht darein, wenn sie auch einmal etwas anders taten, als ihm gut schien.

„Jeder, der an verantwortlicher Stelle steht, muß frei sein in sei-nem Wirken“, pflegte er zu sagen, „sonst kann er nichts Ganzes lei-sten.“

Aus dieser Überzeugung heraus ließ er Amr und Chalid Feldzüge nach allen Himmelsrichtungen unternehmen: Persien, Ober-Syri-en, Mesopotamien, Ägypten und Nordafrika wurden unterjocht und dem Islam erschlossen.

Überall fand der neue Glaube morsche Kultur, zerfallenden Glau-ben. Es war leicht, das Neue aufzupflanzen, besonders, da Chalid es verstand, überall, wohin er kam, auch Kunst mit sich zu bringen.

Er ließ Bauten aufführen, wie man sie in dortigen Gegenden nicht gesehen hatte. Er sammelte Kunstschätze in einem Land, um ein anderes damit zu beglücken und in Erstaunen zu setzen.

Omar wandte sich aber, wie Abu Bekr vor ihm, ganz den fried-lichen Ausgestaltungsarbeiten zu. Er hatte unter anderem erkannt, daß das Gefängniswesen im argen lag. Die Gefängnisse waren fast im ganzen Reich entsetzliche Löcher, in die man wohl hineinkam, die man aber selten lebend verließ, auch wenn der Aufenthalt nicht lange dauerte.

Das war mit den Lehren des Propheten, mit dem Willen Göttes nicht vereinbar. Omar ließ bessere, menschenwürdige Gefängnis-se bauen, regelte die Aufsicht und Verpflegung und half dadurch verhüten, daß die Furcht vor Gefangenschaft die Menschen zum Selbst-mord trieb.

Da er Feldherr gewesen war, hatte er eine Vorliebe für kriegeri-sche Zucht und Ordnung. Er schuf einen Stab von Beamten, der ganz der Heeresordnung angepaßt war.

 

Es gab hohe und niedere Vorgesetzte, man konnte nach einer bestimmten Rangordnung aufsteigen. Das gab dem ganzen weiten Reich, das sich fortgesetzt vergrößerte, ein festes Gefüge, das ihm zum Segen gereichte.

Die zehnjährige Regierung Omars wies nicht eine einzige Tat auf, deren der Kalif sich hätte schämen müssen. Nichts hatte er veran-laßt, das nicht im Einklang mit Gottes Geboten gestanden hätte.

Arabien gedieh, erfreute sich eines wohlgeregelten Wohlstandes und auch die Sitten blieben auf einer gewissen Höhe.

Da starb Said eines Nachts, ohne daß irgend ein Anzeichen ge-warnt hätte. Er war alt geworden, aber niemand dachte an seinen baldigen Tod. Er nützte seinem Lande und widmete ihm all seine Kräfte. Seine Familie lebte getrennt von ihm. Er empfand es nicht schmerzlich. Er hatte keine Zeit für sie. Sein Tod riß eine größe-re Lücke, als er vielleicht selber gedacht. Er war einer von denen, die unmittelbar unter Mohammeds Einfluß gestanden hatten. Wer sollte nun Groß-Wesir werden?

Da erinnerte sich Omar des jüngeren Mohammed und schickte Ibrahim zu ihm mit der Bitte, das Amt zu übernehmen.

Mohammed hatte nun zwölf Jahre lang die Frauen beschützt. Durfte er sie verlassen? Ehe er seinem Bruder eine Antwort gab, versenkte er sich in ein Gebet und erfuhr, daß sein dem Großvater gegebenes Versprechen mehr wie abgelöst sei. Er dürfe sich nicht länger seinem Volke entziehen.

So übertrug er den Schutz der Frauen und die Leitung der Schule seinem Bruder Ali und kehrte mit Ibrahim nach Medina zurück.

Mit gewohnter Geschicklichkeit fand er sich in seine neuen Pflich-ten und wurde Omar bald unentbehrlich. Besser noch als Said sah er, wo es fehlte, wo Neuerungen nötig wurden, und wo die Sitten sich lockern wollten. Seine frische, unermüdliche Tatkraft belebte auch Omar immer von neuem.

Je mehr die Handelsbeziehungen Groß-Arabiens sich ausdehn-ten, um so schroffer zeigte sich ein Übelstand, auf den man bisher kaum geachtet hatte. Das war die verschiedene Berechnung der Zeit, die sich aus den Glaubensarten entwickelt hatte.

Während die ehemaligen Juden und damit alles Volk, das bisher mit ihnen zusammengewohnt hatte, streng an der alten Zeitrechnung festhielten, begannen die Christen ihre Rechnung erst mit der Geburt des Gottessohnes.

Mohammed fand es unerläßlich, daß dieser doppelten Berech-nung ein Ende gemacht werde. Er schlug Omar vor, den

Beginn des neuen Glaubens als Grundlage der Zeitrechnung für alle Islam-Gläubigen zu nehmen. Damit war Übereinstimmung für das ganze weite Reich gesichert, in dem es, wenigstens äußerlich, keinen Andersgläubigen mehr gab.

Omar ernannte somit das Jahr, in dem diese Neuerung zum Ge-setz erhoben wurde, zum einundzwanzigsten Jahr des Propheten, wobei er aber nichts daran änderte, daß die Araber nach Mondjah-ren rechnen, während alle andern Völker den Umlauf der Sonne zugrunde legen.

Er ho@e, allmählich die ganze Welt dem Islam zugänglich ma-chen zu können, dann würden sie alle auch in diesen Äußerlichkei-ten gleich werden.

Nachdem Mohammed erreicht hatte, daß es bezüglich der Zeit-berechnungen keine Unklarheiten mehr geben könnte, ging er ei-nen Schritt weiter.

Es drängte ihn, Gesetze festlegen zu lassen, die die Beziehungen zwischen Schuldner und Gläubiger regeln sollten. So, wie es jetzt war, konnte jeder, der Geld oder Güter verlieh, nach eigenem Er-messen die Rückgabe festsetzen und sich je nach seiner Veranla-gung über alles gerechte Maß hinaus bereichern.

Das war Mohammed schon lange ein Greuel, aber ohne den Rückhalt eines straffen Gesetzes könnte er nicht dagegen vorgehen. Omar bekannte zwar offen, daß er von diesen Dingen nichts ver-stehe, freute sich aber, einen so klugen Groß-Wesir zu haben und ließ sich leiten. Es wurde nun ganz genau festgelegt, wieviel der Verleiher erheben dürfe, wann er seine Forderung geltend machen und wann er dazu die Hilfe der Regierung in Anspruch nehmen durfte.

Das Gesetz ging von dem Gedanken aus, daß niemand gezwun-gen sei, Geld oder Gut zu verleihen. Tat ein Mensch solches, so soll-te er es aus Erbarmen mit dem in Not Geratenen tun und nicht, um sich an ihm zu bereichern. Deshalb war das neue Gesetz sehr milde gegen den Schuldner und ließ dem Verleiher wenig Möglichkeit zu unrechtem Tun.

 

Mohammeds Amt brachte es mit sich, daß er sich in äußeren Dingen erschöpfen mußte und wenig Zeit behielt, sich in sich selbst zu vertiefen. Das Streben danach aber war so stark, daß er jeden freien Augenblick dazu ausnützte. Dann schloß er sich völlig von der Außenwelt ab und hielt Zwiesprache mit Wesen aus anderen Höhen, so schien es ihm.

Er fragte nicht, woher die Stimmen kamen, die er in sich vernahm, er wußte, daß sie ihm stets Licht und Kraft vermittelten, das war ihm genug. Es widerstrebte ihm sogar, irgend einen Namen für die zu fin-den, die ihm halfen, es wäre ihm wie eine Entweihung vorgekommen. Ohne jeden Rückhalt tat er sich in solchen gesegneten Augenblik-ken auf und wurde bis zur Beseligung erfüllt mit Kräften, die ihn weit über sich hinaushoben.

Auf diese Weise sah er vieles, das andere nicht erkannten. Er nahm aus diesen Schauungen ein Wissen mit in das Alltagsgetriebe, das ihm auch dort oftmals nützlich war, klarer das Tun und Denken der Menschen zu durchschauen.

In letzter Zeit sah er oftmals Gestalten um Omar huschen, die nichts Gutes brachten. Sobald er schärfer hinblickte, verschwanden sie. Das meinte er als Warnung auslegen zu müssen.

Als diese Warnungen häufiger kamen, sprach er mit seinem Bru-der Ibrahim, seinem einzigen Vertrauten in dieser Beziehung. Ibra-him, der Scheich, hielt es für notwendig, Omar zu warnen, Nicht immer konnte Mohammed um den Kalifen sein. Gott aber würde nicht umsonst diese Schauungen veranlassen.

„Gerade das widerstrebt mir, von solchen Dingen zu Omar zu sprechen“, meinte Mohammed. „Übernimm Du die Warnung, Bru-der.“

Ibrahim indessen meinte, daß eine solche mehr Gewicht hätte, wenn sie von dem Groß-Wesir käme. So entschloß sich Moham-med, die nächste sich bietende Gelegenheit abzuwarten. Er bat aber Gott, ihm helfen zu lassen, so daß er nicht nötig: habe, von dem zu reden, was seiner Seele heilig war.

Als er sich wenige Stunden danach zum Fürstenpalast begab, wo Omar alle Regierungsgeschäfte erledigte, trotzdem er ihn nicht be-wohnte, sah Mohammed einen sonderbar gekleideten Mann durch eine Nebenpforte behutsam einschleichen.

 

Er eilte ihm nach und es gelang ihm, seiner habhaft zu werden. Man fand eine scharfe, fremd aussehende Waffe bei ihm.

Anfangs weigerte der Mann sich, über Namen, Herkunft und Ab-sicht Auskunft zu geben, so genau ihn die Richter auch befragten. Da trat Mohammed wieder in den Raum, in dem er seinen Gefan-genen der Behörde übergeben hatte. Er schaute den Mann an, der seinem Blicke auswich.

,,Du kommst von Ali ben Abu Talib“, sagte er mit ungewohnter Schärfe.

Der Mann zuckte zusammen, alle konnten sehen, daß es sich so verhielt.

„Du solltest den Kalifen ermorden“, lautete die zweite, sehr be-stimmte Aussage des Groß-Wesirs.

Der Mann fiel auf die Knie und streckte die Arme flehend empor.

„Wenn Du sagst, wo Ali sich aufhält, so sollst Du am Leben blei-ben“, verhieß Mohammed.

Zitternd versicherte der Mann, daß er es selbst nicht wisse. Er stamme aus Persien und habe an der Grenze den Auftrag erhalten.

„Du lügst!“ versetzte Mohammed kalt. „Du bist Araber und bist mit Ali innig verbunden.“

Danach wandte er sich zu den Richtern:

„Werfet ihn in den Kerker, bis er sich besinnt, ob er die Wahrheit sprechen will.“

Damit verließ Mohammed das Gemach. Ihm graute: er hatte in dem, Verkommenen, Verkleideten seinen Bruder Ad-Din erkannt! Hätte er ihn sofort töten lassen sollen? Er wußte es nicht und wollte erst um Weisung von oben bitten.

Inzwischen aber ging er zu Omar, ihm den Anschlag auf sein Leben bekannt zu geben. Der Kalif hörte ihn ruhig an und sagte dann:

„Auf derartiges muß ich stets gefaßt sein und bin es auch, Mo-hammed. Solange mich Allah noch braucht hier auf der Erde, so-lange wird mir kein Haar gekrümmt werden. Soll ich aber gehen, so kann es mir gleichgültig sein, wie er mich abrufen läßt. Ich danke Dir für Deine treue Wachsamkeit! Du hast recht, wir dürfen nichts versäumen. Gelingt es trotzdem einem Mörder, mich zu erreichen, so ist meine Lebenszeit am Ende.“

 

Wie um Mohammeds Gedanken abzulenken, teilte er ihm dann mit, daß er die Absicht habe, für sich und seine Nachfolger den Ti-tel „Fürst der Gläubigen“ - Emir al Muminin - einzuführen.

Stellvertreter des Propheten könnten eigentlich nur die sein, die unmittelbar nach ihm das Reich gelenkt hatten, streng genommen nur Abu Bekr.

Der Groß-Wesir stimmte ihm bei, aber seine Gedanken waren bei dem Mörder und dessen Anstifter. Er wollte Klarheit haben und ließ sich gegen Abend zu dem Kerker führen, der Ad-Din umschloß.

Ohne Begleiter begab er sich dann in das kleine Gemach, in dem der Gefangene auf einem harten Lager ausgestreckt lag.

„Bruder“, redete er ihn an und wider Willen ward seine Stimme weich, „Bruder, verhärte Dein Herz nicht gegen mich! Schweres Unglück würde Deine Tat über das Reich heraubeschworen haben. Omar ist ein guter Fürst, ein besserer, als Ali je hätte sein können. Er lebt nach Gottes Willen und herrscht auch so. Hilf mir, Unheil von seinem Haupt abwenden, so will ich Dir zur Freiheit und fro-hem Leben verhelfen.“

Der Gefangene war aufgesprungen, als er sich erkannt sah. Er hatte frech alles ableugnen wollen, Mohammeds Stimmklang ging ihm zu Herzen. Weinend schlug er die Hände vor das Gesicht.

„Verstehe mich doch, Bruder!“ schluchzte er. „Unser Vater sollte Fürst sein nach Mohammeds Tod. War es denn so schlimm, daß er rechtzeitig sich die Treue der Verwalter beschwören ließ? Er hat es doch nur getan, um dem Lande spätere Unruhen zu ersparen.“

Mohammed unterbrach ihn:

„Wenn das wirklich damals sein Beweggrund war, warum handelt er jetzt nicht ebenso?“

„Sieh, ich habe ihn befreit mit Abdallahs Hilfe; denn wir konnten es nicht ertragen, daß unser stolzer Vater im Kerker lag und abge-urteilt, vielleicht gar getötet werden sollte. Ich lebe seitdem mit ihm und sehe täglich, wie der Grimm um die ihm entgangene Herr-scherwürde ihn verzehrt. Ich liebe den Vater, Bruder.“

Rauh vor Bewegung klang Mohammeds Stimme, als er jetzt die Hand des Jüngeren ergriff.

„Das ist keine rechte Liebe, die eine Sünde tun will um des ande-ren willen, Ad-Din”, belehrte er. „Du hättest allen Einfluß aubieten müssen, um den Vater von seinen schlimmen Gedanken zu lösen. Rechte Liebe hilft dem anderen aufwärts, Du aber stößest den Vater in den Abgrund.“

Verwundert blickte der Bruder auf den Sprecher. Die Worte wa-ren ihm in die Seele gedrungen, aber er wußte noch nicht, was er mit ihnen anfangen sollte. Liebevoll erklärte Mohammed ihm seine Meinung, stellte ihm das Falsche in Alis Denkweise vor Augen und brachte ihn soweit, daß er seine große Schuld einsah.

„So will ich wieder gutmachen, Bruder“, erklärte er treuherzig.

„Ich will zum Vater gehen und ihm das alles vorstellen. Vielleicht wird er mir glauben.“

Zögernd kamen die letzten Worte. Mohammed wußte, daß jeder Versuch Ad-Dins vergebens sein würde.

„Bleibe Du lieber hier und hilf mir, indem Du mir sagst, was Ali weiter plant und wo er sich aufhält.“

„Gerade das letztere weiß ich nicht“, sagte Ad-Din. „Er wird ir-gendwo an der Nordgrenze des Reiches sich verborgen halten. Es war ausgemacht, daß ich den Mord versuchen sollte.

Würde es mir nicht glücken, so sollte Abdallah, der sich jetzt Has-san nennt, das gleiche Wagnis unternehmen. Er ist mutiger und ge-schickter als ich. Vor ihm mußt Du den Kalifen schützen, Bruder.“ Tief in Gedanken verließ Mohammed in der Nacht den Kerker. Was sollte er tun? Er begab sich in sein bescheidenes Heim; denn er hatte den väterlichen Palast nicht beziehen wollen, und warf sich im Gebet Gott zu Füßen.

Lange, lange betete er. Er sagte seinem Herrn alles, was er erlebt und gedacht hatte. Es befreite sein Herz, das zu tun.

Er dachte nicht daran, daß Gott, der Allwissende, auch dieses al-les wußte. Endlich schwieg er aufatmend und wartete.

Stimmen umtönten ihn, endlich vernahm er eine, deutlicher als die anderen:

„Mohammed, Du weißt, daß Gott seinen Geschöpfen die Freiheit des Willens gegeben hat. Darum greift er oftmals nicht ein, Übles zu hindern, wenn es die Menschen erwarten. Er weiß, warum er solches zuläßt.

Frage nicht und grüble nicht. Gehe Deinen Weg, wie Du ihn bis-her geschritten: aufrecht und geführt von den Dienern des Höchsten. Nahe am Ziel ist auch Dein Weg! Er führt Dich in die ewigen Gärten. Bereite Deine Seele zu dem letzten Schritt und überlasse alles Irdische anderen.“

Von unbeschreiblichem Empfinden beseelt, erhob sich Moham-med von den Knien. Er trat an das weitgeöffnete Fenster und schau-te in die Nacht hinaus.

„Nahe am Ziel bin ich? Herr, mein Gott, ich danke Dir!“ Beruhigt suchte er sein Lager auf. Er wollte alles, das Leben des

Emirs wie sein eigenes, in Gottes Hände geben. Es war so tröst-lich zu wissen, daß die Verantwortung für das, was kommen werde, kommen mußte, nicht von ihm gefordert werden würde.

Am Morgen suchte er Omar auf und berichtete ihm von Alis Plä-nen, ohne indessen zu sagen, daß der verhinderte Mörder sein ei-gener Bruder sei.

„Wir wollen ihn noch gefangen halten“, meinte der Emir, „viel-leicht ziehen wir dadurch den Mann herbei, den er Hassan nann-te. Wenn die Wachen aufmerken, können sie ihn wahrscheinlich rechtzeitig ergreifen.“

Früher hätte der Groß-Wesir widersprochen. Jetzt sah er nur ein wenig neugierig der weiteren Entwicklung zu. Danach bat er den Fürsten, den jungen Omar, den Sohn Saids, kommen lassen zu dür-fen. Der Jüngling sei auch ein Enkel Abu Bekrs, sehr gescheit und fromm. Vielleicht könne er sich in ihm einen Nachfolger heranbil-den.

„Lasse ihn kommen, wir können gute Leute um uns brauchen“, gewährte Omar. „Aber Du bist noch zu jung, um an einen Nachfol-ger zu denken. Weit eher könnte mir ein solcher aus dem Jüngling erwachsen.“

Die nächsten Tage vergingen ohne irgend ein Ereignis. Der Ge-fangene war vom Volke fast vergessen worden. Er lag im Kerker und wunderte sich, warum er nicht abgeurteilt werde.

Omar ben Said kam auf Mohammeds Ruf. Dem schönen, frohen Jüngling flogen alle Herzen zu. Er war bei Mohammed in guter Zucht gewesen. Die Gebote des Islam, die Lehren von Gott erfüll-ten sein junges Leben. Und was er innerlich erlebte, das suchte er in die Tat umzusetzen. Von dem Wissen um seinen baldigen Tod getrieben, führte Mohammed den jungen Mann rascher als es sonst üblich war, in alle seine Amtsgeschäfte ein. Chalid kam von einem Streifzug zurück, den er mit einem ausgesuchten Trupp seiner Krie-ger nach der Nordgrenze unternommen hatte. Den, den er gesucht, hatte er nicht gefunden, aber es war ihm doch gelungen, allerhand verdächtige Männer aufzugreifen, die, mit dem Tode bedroht, zu-gaben, in Alis Sold zu stehen. Sie wurden zunächst gefangen ge-setzt. Dann berichtete Chalid dem Fürsten.

„Ich fürchte, unsere Gefängnisse werden sich füllen, ehe wir des Haupträdelsführers habhaft werden“, seufzte Omar. „Ich wünsche fast, der über uns hängende Schlag würde geführt!“

Wenige Tage danach kam Mohammed aus der Moschee, wo er an der Freitags-Andacht teilgenommen hatte, was er niemals ver-säumte.

Da stieß ein schlecht gekleideter Mann gegen ihn. Das Gesicht des anscheinend berauschten Menschen hatte er nicht gesehen, aber da der Mann sich augenscheinlich gegen die Gesetze des Ko-ran vergangen, befahl der Groß-Wesir seinen Begleitern, den Men-schen festzuhalten.

Ehe sie aber zugreifen konnten, war er verschwunden.

Er mußte doch wohl nicht betrunken gewesen sein. Sie wunder-ten sich darüber und fragten Mohammed um seine Meinung.

Da merkten sie, daß der Groß-Wesir totenblaß aussah und zu schwanken begann. Entsetzt sprangen sie zu, und der junge Omar fing ihn in seinen Armen auf.

Sie trugen den Ohnmächtigen in den Fürstenpalast, der am ra-schesten zu erreichen war, und ein Arzt war sofort zur Stelle.

Da zeigte sich, daß Mohammed schwer verwundet war. Ein Dolchstoß mußte ihn heimtückisch getroffen haben. Wohl war die Wunde nicht unbedingt tödlich, aber der Arzt hatte wenig Hoff-nung, das Leben des Groß-Wesirs zu erhalten.

Ibrahim wurde gerufen, auch der Emir kam.

Alle standen sie um das rasch bereitete Lager, als der Verwundete die Augen aufschlug. Er aber erkannte niemand mehr.

Seine Seele ging die ihr gewohnten Wege in andere Gefilde. Ein freundliches Lächeln lag auf den jetzt meist so ernsten Zügen Mo-hammeds. Er schien Schönes zu sehen.

„Großvater!“ flüsterte er.

 

Dann lauschte er. Nun sprach er, aber als ob er sich dessen nicht bewußt sei, Worte, die ein anderer ihm vorsagte:

„Mein Volk, höre! Es tut nicht gut, Wahrheit zu entstellen, und sei es auch um des besten Zweckes willen. Deswegen mußte Abu Bekr nach so kurzer Regierung die Erde verlassen.

Du, Omar, hast getreu an dem festgehalten, was Gott geoffenbart hatte. Aber das Volk ist heimlich hier und dort untreu geworden. Sie suchen sich Möglichkeiten, den Geboten auszuweichen. Des-halb will Gott sie ihren Gelüsten dahingeben. Auch Du wirst abge-rufen werden, Omar!

Erst wenn das Volk den festen Willen hat, den jetzt eingeschlage-nen schlimmen Weg zu verlassen, erst dann wird ihm wieder ein Kalif erstehen, der es aufwärts führen kann!“

Die Stimme wurde undeutlich, die letzten Worte waren nicht mehr zu verstehen. Die Augen schlossen sich, der Groß-Wesir war tot.

Omar aber war tief erschrocken. Ohne sein Wissen war das Volk in Sünde verfallen? Das schmerzte ihn tiefer als der Tod seines Ge-treuen.

Weit über Medina hinaus war großes Wehklagen, und die Beiset-zung des jungen Mohammed, in dem die meisten den künftigen Emir gesehen hatten, wurde eine erschütternde Feierlichkeit.

Von dem Mörder hatte man nichts entdeckt. Als Emir Omar aus der Moschee heimkehrte, fand er auf seinem Tisch ein Schreiben liegen:

„Hüte Dich, Emir! Der nächste Dolchstoß tri@ Dein Herz.“ Chalid war mit ihm gegangen, ihm zeigte er die Drohung. Der

Feldherr wollte sofort die Tore der Stadt schließen lassen und jedes einzelne Haus durchsuchen. Müde winkte Omar ab:

„Meine Zeit auf Erden ist zu Ende, ich habe es neulich gehört. Was Gott, der Herr, zuläßt, können und wollen wir nicht hindern.“

Chalid versuchte, dem Emir klar zu machen, wie wichtig gerade jetzt sein Leben sei.

Während er noch sprach, schwang sich eine dunkle Männerge-stalt durch das geöffnete Fenster, ein Dolch blitzte und mit einem Wehlaut sank Omar zurück. Ehe Chalid hatte zugreifen können, war der Mörder zum Fenster hinaus.

 

Wohl riefen die lauten Schreie Chalids Dienerschaft herbei, der er den Verwundeten übergab, während er dem Mörder nacheilte, aber er konnte ihn nirgends entdecken. Auch als Krieger und Die-ner kreuz und quer zu suchen begannen, blieb alle Mühe erfolglos.

Kalif Omar aber hatte, ohne das Bewußtsein wieder erlangt zu haben, scheiden dürfen.

Betäubt hörte das Volk die Nachricht von dem erneuten Verlust, und wenn Ali gedacht hatte, durch diese Gewaltmaßnahmen sich die Herrschaft im Lande zu erringen, so sah er sich bitter enttäuscht. Das Volk tobte gegen ihn und bestand darauf, daß ein Nachfolger Omars so rasch wie möglich erwählt werde.

Von dem für solche Zwecke eingesetzten Rat aber fehlten die bei-den Besten: Said und Mohammed. Es war nur noch Ibrahim übrig, der in wahrer Treue an dem Propheten und am Islam hing. Die andern Ratsmitglieder nahmen es leicht mit den Glaubenslehren und fanden, nun dürfe auch einmal ein Fürst herrschen, unter dem man das Leben genießen könne.

Gegen Ibrahims Einspruch erwählten sie einen alten, vornehmen Mann, namens Othman, der ihnen als Gegengabe für diese ihm völlig unerwartet gekommene Rangerhöhung viele Versprechen geben mußte. Er war nur dem Namen nach der Emir, im Grunde regierten sie.

Die erste Tat Othmans war das Gesetz, daß künftig kein Scheich mehr Mitglied einer Ratsgemeinde sein dürfe. Damit war Ibrahim unschädlich gemacht, ein weltlicher Berater trat an seine Stelle.

Omar wurde als zu jung für die Stelle des Groß-Wesirs befunden. Man übertrug ihm ein untergeordnetes Amt, und erwählte einen Verwandten Othmans zum ersten Ratgeber des Emirs. Das Volk empörte sich. Überall schlossen sich Bezirke zum Aufstand zusam-men. Chalid und Amr, die wider die Rebellen zu Feld ziehen sollten, legten ihre Ämter nieder. Amr stellte sich auf die Seite der empör-ten Verwalter, während Chalid sich in die Einsamkeit zurückzog.

Das ganze Land war in Unruhe, nirgends herrschte der Friede, der jahrelang beglückend regiert hatte.

Plötzlich kamen Gerüchte auf, Ali sei im Lande. Er und sein äl-tester Sohn Hassan wiegelten die Leute auf gegen die Herrschaft Othmans. Da ließ der alte Emir Kunde an Ali gelangen, er solle sich mit ihm verbünden, es brauche ja niemand davon zu wissen.

Für ihn solle er die Rebellen unterdrücken, danach werde er, Oth-man, abdanken und Ali zu seinem Nachfolger ernennen. Der Plan schien Ali zu gefallen, er ging darauf ein und übernahm alle blutige Arbeit für den dem Scheine nach herrschenden Emir.

Dieser aber wollte wenigstens sein Leben genießen, so lange er noch atmete. Hinter Omars Rücken hatte er schon lange einen wohlgefüllten Harem besessen. Jetzt trat er damit in die Öffentlich-keit, den Vornehmen dadurch ein arges Beispiel gebend.

Um sich aber zu sichern, hob er Mohammeds Gebot auf, wo-nach ein Mann nur vier Frauen haben dürfe. Er legte fest, daß jeder Mann, der reich genug sei, diese Zahl beliebig überschreiten könne, er müsse nur für jede weitere Insassin des Harems Steuern zahlen. Vergebens wurde Ibrahim gegen solches Vorgehen vorstellig. Er konnte bei der neuen Hofpartei nichts ausrichten. Da schloß er sich eng mit denen zusammen, die gleichen Sinnes mit ihm waren, vor allem mit den einstigen Schülern seines Bruders Mohammed.

Sein jüngerer Bruder Ali verbündete sich gleichfalls mit ihm, ebenso Omar. Durch das ganze Land schickte Ibrahim seine Send-boten, überall zum Festhalten an den guten Sitten und am wahren Glauben auffordernd.

Die Ibramiten, wie sich die Partei nannte, gewannen an Boden, je wollüstiger die Anhänger Othmans sich aufführten, je grausamer Alis zusammengeworbene Krieger wüteten.

Das ganze, bisher so wohlgeordnete Reich erschien wie aufge-wühlt. Niemand wußte, wer eigentlich am Ruder war, niemand hätte gewußt, daß Othman Emir war, wenn nicht von Zeit zu Zeit neue Gesetze den wohlmeinenden Teil des Volkes empört hätten.

Das Fasten gefiel ihm nicht, er war zu alt, um sich so zu kastei-en. Flugs schrieb er ein Gesetz, daß derjenige, der aus gutem Grund nicht fasten könne, weil er krank oder auf Reisen sei, eine bestimmte Summe Geldes zu zahlen habe. Damit sei das Fasten dann abgelöst.

Die häufigen Waschungen waren ihm unbequem. Er erließ ein Gebot, daß, wer wohlhabend genug sei, seinen Körper mit wohlrie-chenden Wassern einzureiben, dies ruhig an Stelle des Waschens an Brunnen oder des Bades vornehmen könne.

 

Fast in jedem Monat wurde ein Stückchen der Islam-Gebote um-gestoßen. Was der Emir unangetastet ließ, das griffen seine Anhän-ger an. Schon hob sich hier und dort uralter Götzendienst, ohne daß dagegen wirklich eingeschritten wurde.

Da geschah es, daß Othman, der das ausschweifende Leben nicht mehr vertragen konnte, bei einem Gelage vom Tode überfallen wurde.

Sein Sterben war fürchterlich: Er schrie laut auf und wehrte ir-gend eine Gestalt ab, die nur er sah. Er flehte, dieses Wesen solle ihn ruhig sterben lassen und keine Rechenschaft von ihm fordern.

„Du großes, lichtes Wesen“, kreischte er immer verzweifelter, „ich kenne Dich nicht, ich habe Dich nie gesehen! Also habe ich auch keine Schuld Dir gegenüber. Nimm meine Kostbarkeiten, verkaufe meine Weiber, aber lasse mich in Ruhe!“

Erschüttert standen seine Ratgeber um ihn her. Niemand wagte, ihm beizustehen. Zu offensichtlich war das Eingreifen einer höhe-ren Hand.

„Ich habe nicht gewußt, daß die Gebote von Gott kamen!“ rief der Sterbende wieder. ,Ich glaubte, sie seien von Mohammed erfunden. Ich will sie künftig halten. Ich verspreche es!“

Zuckungen liefen über seinen Körper. Dann wieder sprach er. So ging es drei Nächte und zwei Tage lang. Die Qual des Sterbenden war unerträglich, die Angst der Lebenden stieg stündlich. Endlich am Morgen des dritten Tages war alles zu Ende. Der letzte Ruf des Sterbenden war:

„Ali ist mein Nachfolger!“

Die Umherstehenden schauten sich erstaunt an. Was wollte Oth-man von Ali?

Da stand er mitten unter ihnen. Niemand hatte ihn kommen se-hen. Er stand da, der einzig Ruhige unter den von Grauen Geschüt-telten.

Mit fester Hand ergriff er die Zügel der Regierung. Er befahl so-fort, daß von den Vorgängen im Sterbezimmer kein Laut in die Öf-fentlichkeit dringen dürfe. Er versprach, daß jeder in seinem Amte bleiben dürfe, der ihm den Treueid schwöre und ihn auch halte. Er ordnete alles für die Bekanntmachung im Volk und für die Beiset-zung an.

 

Da atmeten die Anhänger Othmans auf. Neuer Wirrwarr im Lan-de würde nun wohl verhütet werden, auch wenn Ali, der ein Greis geworden war, nicht lange mehr herrschen werde. Ob er wohl die Gebote Mohammeds wieder herstellen würde?

Ali dachte nicht daran. Mochten die Menschen doch sehen, wie sie mit ihren Seelen fertig würden. Das war Sache jedes Einzelnen. Ihm lag nur daran, die Ruhe im Lande wieder herzustellen.

Da er selber es gewesen, der die meiste Unruhe geschaffen, gelang ihm das leicht, was andern unmöglich geschienen. Das Volk freu-te sich der festen Hand, die es beherrschte und fragte nicht mehr, wem sie gehörte.

Ibrahim hielt an seinem Amt als Scheich der Moschee des Pro-pheten fest, obgleich er sah, daß Ali sein Gehen wünschte.

Da ließ der Emir den Sohn kommen und befahl ihm, das Amt niederzulegen. Ibrahim weigerte sich. Der Emir solle froh sein, daß er nicht das Volk gegen ihn aufrufe.

Da sagte Ali kalt:

„So wirst Du den Weg Deines Bruders Mohammed gehen. Has-sans Dolch ist unfehlbar.“

Ibrahim lächelte und verließ das Gemach. Am folgenden Tag fand man ihn erstochen in der Moschee.

Zwei Jahre später traf eines Mörders Hand auch Alis treuloses Herz. Sein Sohn Hassan erhob Anspruch auf den Thron, wurde aber von allen Parteien abgelehnt.

 

Danach folgten schlechte und bessere Kalifen aufeinander. Keiner fand mehr die göttliche Wahrheit in dem ganz auf weltliche Dinge gerichteten Glauben.

Der Islam wurde hart und blutdürstig. Er eroberte sich eine Welt, aber nur, weil der Herr des Dunkels sich seiner als treffiichen Werk-zeuges bemächtigt hatte.

Alles Empfinden wurde aus den Glaubenslehren verbannt, der Verstand, die Berechnung trugen den Sieg davon.

Wenn der Menschensohn, dem der Prophet droben dienen darf, durch jene vergewaltigten Lande ziehen wird, dann wird auch der Islam sein Haupt erheben dürfen und zu neuem Leben erblühen in gottgewollter Weise. –