ZOROASTER
ZOROASTER
ZOROTUSHTRA
Erdenlauf des Propheten aus Iran, wie er unverändert vor dem Geistesauge
aufersteht und sich als recht erweisen wird
AUFGENOMMEN DURCH BESONDERE BEGABUNG
EINES DAZU BERUFENEN
Da, wo aus unzähligen sprudelnden Quellchen sich der wilde Ka-run bildet, um sich dann tobend und brausend über die Felsen ab-wärts zu ergießen, liegt mitten zwischen drohendem Gestein eine große flache Ebene.
Dichte Gebüsche des stachligen Tragant schlossen sie ein, so daß Wege durch diese Stachelpolster hatten hindurchgehauen werden müssen, damit ein Menschenfuß imstande war, die Ebene zu be-treten.
Nur zu der Zeit, wenn Sonnen- und Mondgott sich in die Herrschaft über die Tage der Menschen brüderlich teilten, war diese weite Fläche von Grün überzogen. Dann aber war sie auch berückend schön.
Wie Edelsteine funkelten die Gräser und Moose, die ihr kurzes Dasein von zwei Monaten lichttrunken genossen. Die Stachelbü-sche schmückten sich mit süßduftenden sonnengelben Blüten, die an die zarten Sonnenvögel gemahnten, die auf buntbemalten Schwingen die Blüten umflogen.
Dann kamen die Menschen freudig belebt in diese Schönheit. In Scharen zogen sie von allen Seiten herbei, sich Lagerplätze er-richtend, wo sie eine Stelle in den wilden Felsen fanden, an der sie nächtigen konnten; denn auf der Ebene durfte niemand länger ver-weilen, als der Atravan, der Priester, es gestattete.
Sie war dem Sonnengotte Mithra heilig, dem lichten, gütigen Gott, der Segen spendete und die Menschen liebte.
Darum fanden auch hohe, herrliche Feste zu seinen Ehren statt. Die Felsen hallten von dem Jubel der Menschenstimmen, die Lie-der sangen zu seinem Preis.
Manchmal antwortete aus der Ferne das Brüllen eines Löwen, aber das ließ kein einziges Herz ängstlich schlagen. Solange man auf Mithras Platz war, durften die reißenden Tiere sich keinem Menschen nahen. Wahrscheinlich wollten auch Löwen, Bären und Wölfe Mithra ihren Dank sagen.
Eifrig war der Atravan beschäftigt, mit seinen Gehilfen, den Mo-beds, die Steinhaufen zu rüsten, auf denen bei Einbruch der Dun-kelheit die heiligen Feuer entzündet werden sollten. Nur die zwei ältesten Mobeds durften ihm dabei helfen. Sie mußten ein flecken-loses Leben führen; denn nur ganz reine Hände durften die heiligen Steine berühren.
Die übrigen fünf Mobeds, deren jüngster kaum dem Knabenal-ter entwachsen war, liefen hierhin und dorthin, um Schlangen und Mäuse zu töten oder auch nur zu verscheuchen.
Leise drang von außen Stimmengewirr herein. Die Lagerplät-ze der nach Hunderten zählenden Andächtigen wurden bereitet. Niemand aber hätte gewagt, sich Mithras Garten eher zu nahen, als bis der Gesang des Atravan das Zeichen zum Beginn des Festes gab.
Sorgsam waren die hohen Steinhaufen geschichtet, nachdem der Atravan genau die Himmelsrichtungen festgelegt.
Einer stand dort, wo die goldenen Strahlen des Morgens das Grau aus Maonhas Reich verscheuchten. Das war der größte von allen. Der nächste stand genau gegenüber, die beiden anderen rechts und links, alle in gleichem Abstand voneinander.
In der Mitte des Platzes waren drei Steinhaufen errichtet im Drei-eck, dessen Spitze nach dem größten äußeren Haufen zeigte.
Unter Hersagen von Gebeten an Mithra stellte der Atravan auf jede dieser Opferstellen eine eiserne, tiefe Schale, die mit dürren Zweigstückchen gefüllt war.
Alle sieben Mobeds mußten nun Bündel der stachligen Tragant-zweige bereiten, mit. denen sie während der ganzen Feier Ungezie-fer abzuwehren hatten.
Damit kein Mensch sich daran verletze, mußten sie sie hoch hal-ten bis zum Gebrauch. Das war manchmal anstrengend, aber Mo-bed sein zu dürfen war eine so hohe Ehre, nicht nur für den Jüng-ling selbst, sondern auch für die ganze Familie, daß jeder gern die Mühe auf sich nahm.
Inzwischen war der Atravan hinter einen Felsvorsprung getreten und hatte sich zur Feier gekleidet.
Lang floß ein weißes Wollgewand an ihm herunter ohne jeglichen Schmuck. Die Stirn umgab ein kostbarer Reif, so dicht ausgelegt
mit stumpfen blaugrünen Steinen, daß von dem Gold, aus dem er geformt war, nichts zu sehen war.
Er trat in die Mitte des Platzes und schlug in die Hände.
Hinter einem anderen Felsen traten vier weißgekleidete Jungfrau-en hervor. Silberne Stickerei zierte ihre Gewänder, die, aus weicher Wolle, lose fließend an den schönen Gestalten herabwallten, sogar die Füße deckend.
Ketten von blaugrünen Steinen trugen sie mehrfach um den Hals und durch die blauschwarzen, zu Zöpfen geflochtenen Haare ge-schlungen.
In den Händen hielten sie goldene Gefäße mit kostbarem Öl ge-füllt, mit dem sie unter den Gebeten des Atravan die Schalen auf-füllten.
Atar rief er an, den Gott der Flammen, daß er der Feier gnädig sei!
Ein jüngerer Bruder Mithras war Atar, der von dem Älteren alle Glut erhielt, deren er bedurfte. Also stand zu hoffen, daß er keine Mithra-Feier stören würde. Der jüngste Sproß dieser Feuerbrüder war Thraetvana, der Blitzgott, der unruhigste, unbeherrschteste von ihnen allen.
Nun war alles zur Feier bereit.
Die jüngste der Priesterinnen trat auf den Atravan zu und legte ihm ein kostbar besticktes, weißseidenes Tuch über das halbe Ge-sicht. Mund und Nase deckend, fiel es bis auf die Brust herab und wehrte damit, daß der Atem des Mannes die heiligen Feuer traf.
Die Priesterinnen bedurften solchen Schutzes nicht, ihr Atem galt als rein.
Feierlich schritten die vier Jungfrauen hinter den Felsen und brachten von dort eine Schale mit Feuer, aus der sie, während der Atravan unausgesetzt betete, Brände in die sieben Schalen legten.
Als die letzte Opferschale flammte, verstummte der Priester, die älteste der Jungfrauen aber trat an seiner Statt zu den drei Mittel-flammen, hob Arme und Hände und bat die Götter um ihren Segen.
„Rein wie die Flamme, die alles Böse verzehrt, lasset unsere Her-zen sein, Ihr Hohen!“ flehte sie in vorgeschriebener Weise. „Sendet den Geist heiligen Feuers in uns, daß es uns ausbrenne und läute-re!“
Dann trat sie an die östliche Schale, während die Gefährtinnen die drei anderen äußeren Flammen betreuten und der Atravan in der Mitte stehen blieb.
Mit lauter Stimme begann er darauf einen Gesang, der Atar und Mithra gemeinsam verherrlichte.
Nun strömten die Feiernden herbei. Von allen Seiten kamen sie, teils über Felsgrate kletternd, teils durch die Wege im Gebüsch schlüpfend, trotzdem aber würdig und voll angeborenem Anstand. Eine Seite des Platzes nahmen die Frauen ein, die in bunte Ge-wänder gekleidet, mit schönen Ketten und Stirnreifen geschmückt, ein buntes Bild boten.
Gegenüber standen die Männer. Prächtige Gestalten, groß und schlank gebaut, die Gesichter sonnengebräunt. Sie trugen reich mit Silber gezierte schwarze Gewandung, über die die meisten ein Wolfsfell geschlagen hatten, das durch eine silberne Kette zusam-mengehalten wurde. Hohe Fellmützen trugen sie auf dem Kopf. Im Nacken waren ihre Haare abgeschnitten.
Wer stand, stimmte sofort in das Lied des Atravan ein, so dass ein voller Chor Männer- und Frauenstimmen zum Himmel empor brauste.
Als der Gesang beendet, brachte die älteste Priesterin einen sil-bernen Becher und einen ebensolchen Krug mit dem Saft der Ha-mao-Pflanze zum Atravan, der unter Hersagung von Gebeten den Becher füllte, davon trank und ihn dann weiter reichte.
Jeder erwachsene Mann durfte einen Schluck des Getränkes neh-men. Von Zeit zu Zeit brachte einer der Leute den geleerten Becher zu der Priesterin, die ihn wieder füllte.
Das alles ging in großer Feierlichkeit, in würdigem Schweigen vor sich.
Als alle Männer einen Schluck Hamao erhalten hatten, goß die Priesterin den übrigen Saft über die Opferschale an ihrem Platz. Bläulicher Rauch stieg empor, zu eigenartigen Gebilden sich for-mend.
Es waren nur wenige Augenblicke, in denen dies geschah, aber sie genügten der Jungfrau, allerhand zu sehen, daß sie nun halbsin-gend kündete. Gebannt lauschte die Menge, entnahmen sie doch alle den Worten der heiligen Kündung etwas Besonderes für ihr eigenes Leben während der nächsten zwölf Monate. Als sie geendet, brach die Menge in jubelnde Rufe aus.
Dank sollten sie bedeuten, Dank an den Sonnen -und Lichtgott Mithra, der ihnen wieder Verheißungen für die nächste Zeit ge-spendet.
Ein Zuruf des Atravan setzte diesen Kundgebungen ein Ende. Die vier Priesterinnen traten zu den Mittelflammen und stimmten ei-nen Sang an zu Lob und Preis von Dijanitra, der reinen, holden Frau.
Sie baten sie, allen Frauen und Jungfrauen Vorbild zu bleiben, ih-nen Reinheit zu schenken und sie vor Schuld zu bewahren.
Danach sprach der Atravan ein langes, feierliches Gebet und in schönem Zuge entfernten sich die Priesterinnen mit allen weibli-chen Anwesenden.
Jede Frau, jede Jungfrau entzündete ein bereitgehaltenes Bündel trockener Reiser an der ihr zunächst befindlichen Opferflamme, gleichsam als wolle sie das Feuer für den häuslichen Herd von hei-liger Flamme speisen lassen.
Die Männer aber lagerten sich im Kreise. Vergorener Hamaosaft wurde gebracht, in steinernen Krügen, aus denen die Männer nach Belieben in langen Zügen tranken. Es kam nie vor, daß einer von ihnen des berauschenden Getränks zuviel nahm. In Mithras Gar-ten war man bedachtsam.
Der Atravan ließ sich ein Bündel Felle bringen, auf denen er sich niederließ. Auch die Mobeds kamen herzu.
Die Nacht war hereingebrochen, Maonha schickte zitternde Strahlen vom dunkelblauen Himmel hernieder. Da waren keine Schlangen mehr zu fürchten, andere Tiere aber hielten die Flam-men fern.
„Erzählen, erzählen!“ scholl ermunternder Zuruf.
Ein Weilchen ließ sich der Atravan noch bitten, das muhte so sein. Dann schaute er zum Himmel empor und begann:
„Ihr Männer von Iran, Ihr wißt, wie einst diese Welt geschaffen wurde.
Der weise, Heilige Geist Ahuramazda lebte ganz allein in den sie-ben Himmeln. Einsam war es um ihn, unermeßlich weit dehnten sich seine Reiche, aber er war allein, ganz allein.
Da beschloß er, etwas zu erschaffen, was ihm Freude bereiten könnte.
Er erdachte sich Wesen, und wie er sie erdachte, so waren sie da! Zuerst dachte er Mithra, die leuchtende Sonne, denn Ahuramazda liebte alles Helle. So liebt er auch Mithra am meisten von allen Göt-tern, die er geschaffen.
Neben Mithra stellte er Maonha, den Gott des blassen, stillen Mondes. Er sollte sich mit Mithra in die Tage teilen. Sein Licht ist nicht so gewaltig wie das Mithras, darum sollte er den Tagesanfang, den wir Menschen Nacht nennen, übernehmen, damit das Leuch-tende ihm folge.
Aber sein Licht ist zu schwach, manchmal verlöscht es ganz. Seht, wie seine Strahlen zittern! Das sah Ahuramazda und gab ihm Hilfe: Tishtrya mit dem leuchtenden Mantel stellte er neben ihn. Nicht zu zählen sind für ein Menschenauge die blitzenden Sterne, die des
Sternengottes Mantel schmücken.
Da bat Mithra : „Herr, Du hast Maonha einen Bruder gegeben, schenke mir auch einen, damit ich nicht allein sei!“
Ahuramazda willigte ein, aber nicht zur Hilfe gab er Mithra die Geschwister, die sein Wunsch ihm beschert. Hüten sollte er die Wilden: Atar, den Feuergeist, und Thraetvana, den Blitzgott. Aber Mithra freute sich, daß sie leuchtend waren wie er.
„Flammenbrüder sind wir!“ rief er über alle Welt.
Und Ahuramazda schuf den Luftgott Vayn, der mit weitem Man-tel daherbraust, in dessen Falten die Winde verborgen sind, war-me und kalte, sanfte und starke, ein ganzes Geschlecht beweglicher Gesellen. Sie spielen mit den Flammen und lehren sie tanzen. Aber Maonhas Strahlen sind ihnen zu blaß.
Nun dachte Ahuramazda an klares, sprudelndes Wasser, wie es perlend dahintänzelt, wie es plaudert und lacht, singt und braust. Und als er dachte, formte sich eine liebliche Frau. Singend und la-chend, mit Perlengeschmeide im langen Haar, stand sie vor dem weisen Gott, der sie erdacht:
Ardvisura Anahita, die Wonnereiche.
Nun war auf einmal Leben in den sieben Himmeln, frohes Leben, aber Ahuramazda dachte daran, daß er seine Einsamkeit mehr ge-liebt habe als jetzt das tollende Leben. Und er dachte sich eine Welt,
in der die Götter herrschen sollten. Von oben wollte er hinabschau-en, wollte die Einzelnen rufen, so oft er Sehnsucht nach Gesellschaft hatte.
Seht, Ihr Männer von Iran, so entstand die Erde, unsere Erde, auf der wir leben. Felsen und Wasser, Pflanzen hatte Ahuramazdas Denken erschaffen, und die Götter spielten mit der Erde lange, lan-ge Zeit. Ein Mensch kann gar nicht so weit denken, wie diese Zeit war.
Ahuramazda war zufrieden, die Götter waren beschäftigt und störten ihn nicht, Und gerade als er das dachte, da kamen sie und baten
„Herr, setze Wesen auf die Erde, die uns untertan seien.“ „Wie sollen sie beschaffen sein?“ fragte der weise Gott gütig. „Sie sollen uns ähnlich sein“, bat Ardvisura Anahita, die Liebliche.
„Laß sie ganz anders sein, plump und ungestaltet, aber stark und mutig, so daß wir Spaß an ihnen haben“, rief Atar.
Da dachte Ahuramazda zwei Wesen, den Menschen nach Ana-hitas Bitte, den Stier nach Atars Wunsch. Und die Götter freuten sich und waren zufrieden.
Wieder vergingen unendlich lange Zeiten. Sie brachten reichen Wandel auf der Erde; denn immer wieder lenkten die Götter das Geschehen hier unten in anderer Weise.
Der Mensch hatte sich vermehrt, es waren viele Arten von Men-schen entstanden, ebenso war es dem Stier ergangen, aus dem alle die Tiere geworden sind, die Ihr kennt. Von diesen Tieren hatten alle Götter besondere Arten unter ihre Herrschaft begehrt. Das wißt Ihr ja.
Die Vögel gehören Vayn, die Fische, Schlangen und Frösche der lieblichen Anahita.“
Der Atravan schwieg. Die Krüge waren geleert.
„Weiter erzählen“, baten viele der Zuhörer.
Aber die Flammen waren am Verlöschen, es war Zeit, die Lager-plätze aufzusuchen. In guter Ordnung begaben die Männer und Jünglinge sich hinweg.
Am nächsten Tage hallten die Berge von fröhlichen Rufen. Strauchfrüchte suchten die Jungfrauen zur Labung, die Männer
streiften umher, schauten in die Horste großer Vögel, vertilgten gif-tige Schlangen und sprachen von dem, was sie gestern gehört.
Als Mithra daran ging, seine Strahlen zu bergen, tönte Metall-klang: einer der Mobeds schlug mit einem dicken Stabe im Takt gegen eine Eisenscheibe, die an einem der höheren Sträucher frei aufgehängt war.
Schön klang es nicht, aber es scholl weithin und war den Män-nern das Zeichen, daß sie sich versammeln durften, den Reden des Priesters zu lauschen.
Eifrig kamen sie herbei. Wohl hatten sie das meiste schon früher gehört, aber immer wieder erzählte der Atravan in anderer Art, im-mer kam Neues dazu.
Es war das einzige Mal im Verlauf des Jahres, wo sie alle unterwie-sen wurden. Davon mußten sie dann in Gedanken zehren.
Die meisten der Männer waren Viehhirten, die einsam bei ihren Herden weilten. Da hatten sie Zeit und Muße genug zum Nachden-ken. Sie lebten völlig mit den Göttern, von denen sie nun wieder hören durften.
Der eine erfuhr unter Maonhas blassen Strahlen unausdenkbare Geheimnisse über das Zusammenwirken der Kräfte in der Natur, der andere schöpfte aus Mithras Gluten Mannesmut und Uner-schrockenheit.
Als der Platz sich gefüllt hatte, kaum noch ein Nachzügler mehr zu erwarten war, entzündete der Atravan die drei Mittelschalen, auf denen aber das wohlriechende Opferöl fehlte.
Die Mobeds hatten Bündel trockener Zweige herbeigebracht, mit denen sie die Flammen nährten, die nur zur Beleuchtung dienen mußten.
Der Atravan setzte sich. Heute trug er ein dunkelbraunes Gewand aus weicher Wolle, das von einem weißen Strick gehalten war. Der Stirnreif fehlte.
„Ich sagte Euch gestern, Ihr Männer von Iran, wie herrlich die Erde und alles, was auf ihr lebt, erschaffen worden war.
Ahuramazda, der weise Gott, aber sah, daß die Menschen sich an die Götter hielten, die sie sahen, und von denen sie beherrscht wurden. Darüber vergaßen sie, daß er über den Göttern stand, daß ein einziger Gedanke von ihm alles vergehen lassen konnte, wie er alles geschaffen.
Da dachte er Wesen, die er nach Belieben zu den Menschen sen-den konnte, sie zu beeinflussen oder auch ihnen zu helfen, oder sie zu belohnen.
Ihm aber sollten sie dienen, in seiner Nähe sich aufhalten, zwi-schen ihm und den Göttern stehen.
Und er dachte die Wahrheit, eine wunderbare Frauengestalt in blauem Gewande mit klaren, blauen Augen. Wohin er sie sendet, da kann kein Nebeldunst bestehen.
Als Schwester gab er ihr die Reinheit in silberweißem Kleide und einem lichten Schleier vor dem holden Antlitz. Kühl ist sie wie der Schnee auf den höchsten Gipfeln unserer Berge, unnahbar, und doch erreichbar für alle, die ihr zustreben.
Als Ahuramazda diese beiden ausgesendet zu den Menschen, sah er, daß die, die sich ihnen zugesellten, sich besser dünken wollten als die anderen.
„Das darf nicht sein, sonst verderben die Menschen das, was ih-nen Heil bringen sollte.“
Als Ahuramazda, der weise gütige Gott, so dachte, da schuf seine Fürsorge eine schlichte, unscheinbare Frauengestalt in silbergrau-em Gewande. Sie folgt Wahrheit und Reinheit und faßt mit sanfter, linder Hand nach denen, die sich an sich selbst berauschen wollen. Die Demut heißt dieses holde Kind, das tief in sich den Schatz trägt, den Ahuramazda, der Gott, selbst hineingelegt. Wer die De-
mut erkennt, wer von ihr geliebt wird, der empfängt Seligkeit.
Treu halfen diese Dienerinnen dem höchsten Gott. Lieb wurden sie ihm und unentbehrlich.
Er wollte ihnen zeigen, daß er mit ihnen zufrieden sei und er-laubte ihnen, daß sie sich das erdachten, was aus ihrem Wirken für die Menschen zum Segen dieser Geschöpfe entstehen könne. Dieses Gedachte wollte er dann beleben und ihnen schenken als Lohn.
Da dachte die Wahrheit die Weisheit, die immer bei den nach Wahrheit strebenden Seelen bleiben konnte. Und sie wurde ihr zu-gesellt.
Die Reinheit lächelte. Da wußte der gütige Gott, was sein lieb-stes Kind sich wünschte, und schenkte ihr das Aufblühen der Men-schenseelen, die sich von ihr leiten lassen.
Ihr wißt es ja, Ihr Männer: wer hier auf Erden nach Reinheit strebt, der wird zur Freude für uns alle. Denkt an Eure Frauen! Denkt an die lieblichste Erdenfrau, von der wir wissen, an Fürstin Dijanitra. Die Demut aber bat: „Herr, laß in den Seelen den Wunsch auf-gehen, daß sie das, was sie erhalten, weitergeben möchten. Laß sie
von sich selbst fort zum andern finden.“
Da dachte der Gott die Liebe, die sich selbst vergißt.
„Sechs schöne Frauen umgeben mich“, sagte er sinnend. „Es ist richtig; denn sie entstanden aus meinem Denken. Aber aus mei-nem Willen will ich einen Mann neben sie stelle den Helden! Er soll alle Tugenden des rechten Mannes in sich tragen.“
Bei diesen Worten des Atravan kam Leben in die lauschenden Männer. Sie streckten sich, ihre Züge leuchteten. Sie wußten von den Tugenden, die den Helden zieren, sie mühten sich von ihren ersten Lebensjahren an, wahre Helden zu werden.
Und weiter erzählte der Atravan:
„Lange, lange Zeiten schwanden dahin. Menschengeschlecht um Menschengeschlecht erstand und sank. Treu mühten sich die Die-ner Ahuramazdas um die Erdenbewohner. Voll Freude schaute der Gott auf seine Geschöpfe.
Da erstand ein Fürchterliches. Um dies Erstehen zu begreifen, müßt Ihr wissen, daß alles Falsche, das wir Menschen tun, unter die Erde fällt. Da ist ein Ort, da wird aller dieser Unrat gesammelt. Dorthin kommen auch alle schlechten Worte und alle bösen Ge-danken. Und in der langen, langen Zeit, die seit Erschaffung der Erde vergangen war, hatte sich unausdenkbar viel dort gesammelt. Nun war aber noch Leben in manchem, was da unten ankam. Und dies Leben ballte sich zusammen und bekam Kraft und wurde zu Anramainyu, dem Geist des Bösen. Geboren aus dem Unrat al-les Irdischen, konnte er auch nur Entsetzliches erzeugen. Er wußte von Ahuramazda und wollte es ihm gleich tun.
„Lebst Du in den sieben Himmeln über der Erde“, rief er, „so wer-de ich in den sieben Höhlen unter der Erde wohnen! Du hast Göt-ter erdacht, wohlan, ich werde es Dir gleich tun!“
Ein Schauer durchzuckte die Männer. Manchem krampfte sich das Herz zusammen, andere ballten die Hände und hieben mit der Faust durch die Luft.
Der Atravan aber fuhr fort:
„So sehr sich Anramainyu aber auch mühte, Götter zu schaffen, es gelang ihm nicht; denn er selber war ja nicht Gott, sondern nur ein böser Geist. Das ist ein großer Unterschied. So konnte er auch nur Geister erzeugen.
Er schaute empor zum Himmel. Was sollte er Mithra, Maonha und Tishtrya gleichsetzen? Sein Verlangen wurde übergroß. Da entstand Azhi, die große, unheimliche Wolkenschlange. Ihr alle habt sie oft-mals gesehen, wenn sie sich daher wälzt, unheil drohend.“
Die Männer nickten.
„Danach schuf sein böses Wollen Apaosha, den Dämon der Trok-kenheit, der allen Göttern immer wieder Sorgen und Mühe bereitet. Dann lacht Anramainyu und dünkt sich als der oberste aller Götter. Als er aber seine Geschöpfe mit den Göttern verglich, sah er, daß sie matt und häßlich waren. Keines konnte neben den hellen Gestalten bestehen. Ungeheure Wut erfaßte Anramainyu und ge-barÄshma, den Zorn. Kraft hat er wie keiner sonst, an Glut konnte er zu den Flammenbrüdern gehören, aber trotzdem er schön ist,
hat er einen großen Fehler - - er ist blind.“
Die Männer lachten. Sie freuten sich, daß der Zorn hinter den Göttern zurückstehen mußte. Es war recht, daß er nicht sehen konnte, wen er traf. Dadurch schadete er so oft sich selbst und de-nen, die er leitete.
„Allmählich fand Anramainyu heraus“, fuhr der Atravan fort,
„daß Ahuramazda sich noch besondere Diener erdacht, deren Wir-ken an den Menschen segensreich war.
So mußte er also auch Wesen erschaffen, die das wieder vernich-ten konnten, was die anderen aufbauten. Sorgfältig forschte er, achtsam lauerte er, dann wußte er es.
Statt der Wahrheit erschuf er die Lüge, die auf den ersten Blick schillernd schön erschien. Faßte man sie aber genauer ins Auge, so sah man, daß alles an ihr unecht war. Aber sie begegnete den Men-schen so freundlich, viel liebenswürdiger als die zurückhaltende Wahrheit. Da strömten die Menschen ihr zu, ließen sich täuschen und lernten die Unwahrheit.
Die liebliche Reinheit schien ihm zu unverletzlich, er wußte nicht, was er ihr entgegenstellen könnte, da schuf er drei Wesen: die Lüste. Sie zogen und zerrten an dem Menschen, bis er sich irgendwo befleckt hatte. Dann ging es vollends rasch abwärts mit ihm. Eifrige Dienerinnen des bösen Geistes waren die lärmenden, auffallenden, kreischenden Lüste.
Der Demut stellte er den Hochmut gegenüber. Damit hatte er leichtes Spiel, denn das war ja eine Gefahr, die der Mensch sich beinahe selber geschaffen hätte. Was den anderen Dienern Anra-mainyus nicht gelang, brachte der Hochmut zustande, dem sich die Selbstsucht gesellte; denn auch diese Diener wollten Begleiter ha-ben.
Die Lüge erwählte sich die List, die Lüste aber schufen die Krank-heit.
Mit diesen Dienern allen trat nun Anramainyu auf den Plan, Ahuramazda das Reich zu entreißen. Es lag ihm daran, die Men-schen in seine Gewalt zu bekommen. je mehr auf den Unrathau-fen geworfen werden mußte, desto kräftigere Gefolgschaft entstand dem bösen Geist,
Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie entsetzlich die Kämpfe wa-ren, wieviel ihnen zum Opfer fiel.“
Da der Atravan eine Pause machte, fragte einer der Hörer:
„Warum hat Ahuramazda, der oberste aller Götter, nicht ein Ende gemacht mit dem Widersacher? Es müßte ihm doch leicht gefallen sein.“
„Gewiß“, versicherte der Priester, „so hätte er tun können, wenn er gewollt hätte. Aber er wollte, daß seine Geschöpfe sich selber für Gut oder Böse entscheiden sollten. Mochte der, der es nicht anders begehrte, ruhig Anramainyu und damit der Vernichtung anheim fallen. Das war besser, als ein Reich unselbständiger Menschen zu haben.
Euch freuen in Euren Herden doch auch die Tiere besonders, die selber denkend sich die Weide suchen. Die Masse Vieh, die blind hintereinander herläuft, ist langweilig. So überließ der weise Gott die Menschen ihrem Wollen und gestattete nur, daß die Götter und seine Diener denen, die guten Wollens sind, helfen.
Dabei aber errang der Böse einen Sieg nach dem anderen. Aus dem blühenden Garten, der die Erde einst war, sank sie in Stein-meer und Wüste, wie Ihr es jetzt kennt. Ihr könnt Euch ein Land in Schönheit nicht mehr denken. Erahnen könnt Ihr es, wenn Mithra zwei Monate lang unsere Gefilde blühen läßt.“
„Aber das kann doch nicht ewig so weiter gehen“, seufzte einer der jüngeren Männer. „Sonst bleibt am Ende nichts mehr von un-serer Erde übrig, mit dem die Götter und Ahuramazda sich noch freuen mögen.“
„Nein, das geht nicht in Ewigkeit so weiter“, bestätigte der Atra-van. „Wir haben eine Weissagung, daß die Zeit der Erde nicht ewig sein wird. Sie wird unermeßlich lang sein. Diese Länge hat Ahu-ramazda in drei Teile geteilt. Sie sind gleich lang. Der erste währte von der Erschaffung der Erde bis dahin, als der Gott den Urmensch und den Urstier erdachte.
Der zweite soll sein Ende finden, wenn der Wegbereiter, der Zo-roaster, geboren wird. Dann wird die dritte Zeit einsetzen. In dieser aber wird der Menschheit der Saoshyant, der Helfer, geschenkt, von dem der Zoroaster künden wird.
Noch wissen wir weder, wer der Saoshyant sein noch wie er die Menschen von dem Bösen erlösen wird. Aber er wird kommen und wir werden uns freuen.“
Aufatmend schloß der Sprecher seinen langen Bericht, aber nicht wie sonst stand er auf. Man merkte, daß er noch etwas, vielleicht das Wichtigste, zu sagen hatte.
Inzwischen fragte einer der Männer:
„Wird es noch lange währen, bis der Wegbereiter kommt?“ Der Priester erhob sich. Feierlich stand er vor ihnen.
„Ihr Männer von Iran“, sagte er, jedes Wort betonend, „ich habe Euch dies alles so ausführlich erzählt, um Euch ein Neues zu künden. Unser Forschen in den Sternen hat uns berichtet, daß der Zoroaster geboren worden!“
Er konnte nicht weiter sprechen, brausender Jubel erhob sich. Lange wehrte er vergeblich, endlich gelang es ihm, wieder zu Wort zu kommen.
„Damit ist der zweite Teil unserer Erddauer zu Ende. Ihr wird ge-holfen werden, daß sie das wieder werden kann, wozu Ahuramazda sie einst geschaffen. Lasset uns ihm danken!“
Aus bewegtem Herzen sprach er ein freies Gebet, dann entließ er die Männer. Die Nacht war hereingebrochen. Nun kam der drit-
te Tag des Festes. An diesem nahmen auch die Frauen wieder teil. Sehr erregt kamen sie, denn die Männer hatten ihnen die große Kunde von der Geburt des Wegbereiters übermittelt.
Dieser letzte Feiertag begann, wenn Mithra am Höchsten stand. Es waren keine Feuer entzündet, in die Schalen hatte man duften-desÖl gefüllt, das lieblichen Geruch verbreitete.
Zwischen den Männern hatte der Atravan Platz genommen, die Mobeds walteten ihres Amtes als Vertreiber lästiger und schädli-cher Tiere.
Malerisch hatten die Zuhörer sich gelagert, Männer und Frauen streng getrennt.
Eine der Priesterinnen trat an die Mittelsteine und erzählte in sin-gendem Ton die Sage von der Wolkenschlange Azhi, die sich vorge-nommen, den ganzen Himmel zu verdüstern. Unheimlich windet sie sich herauf, bedeckt Stück um Stück des lichten Blaus, macht sich breit und immer breiter, verschluckt Sterne aus Tishtryas Man-tel und schnappt nach Maonha, der zu zart ist, sich zu wehren.
Da springt hinter ihr Thraetvana hervor. Mit singendem Schwert schlägt er nach der Unholden! Er trifft gut und trennt den Kopf von dem eklen Rumpfe. Hörbar rasselt der Leib hinab.
Lange rollt es noch in den Bergen.
„Lob sei Dir, Thraetvana!“
Die Erzählerin trat zurück, ihre Stelle nahm eine andere Prieste-rin ein.
Ebenfalls halb singend, aber mit anderen Tönen und in anderem Rhythmus berichtet sie, wie Anramainyu der Wolkenschlange ein anderes, bissigeres Haupt geschenkt. Sie habe aber diesmal vorsich-tiger sein wollen. Die Sterne und den Mond habe sie in Frieden gelassen, aber sie habe sich dick und schwer vor alles Himmelslicht gelegt, daß nicht einmal Mithras starke Strahlen mehr hätten zu den Menschen gelangen können.
Da sei in hellem Zorn der andere der Flammensöhne hervorge-sprungen: Atar, der Feuergeist, habe sein Schwert gezogen! Nicht nach dem Kopf habe er geschlagen, sondern kreuz und quer den ekelhaften dicken Leib getroffen, daß das Blut erdwärts geströmt sei. Matter und immer matter sei Azhi geworden, endlich sei sie selber den Strömen ihres Blutes nachgefolgt.
„Lob sei auch Dir, Atar!“
Die dritte Priesterin trat vor. Sie hatte ein kleines Saiteninstru-ment im Arm, auf dem sie zu ihrer Rede leise Töne erklingen ließ. Sie erzählte von Apaosha, dem Dämon der Trockenheit, der auf Befehl des Bösen einmal die Herrschaft an sich gerissen habe. Kein Tropfen Regen sei gefallen, wochenlang. Die Menschen und die Tiere seien verschmachtet.
Alles habe zu Ahuramazda gebetet um Feuchtigkeit. Aber der weise Gott habe gewußt, daß Apaosha nur dadurch die Herrschaft habe erlangen können, daß die Menschen schlecht geworden seien. So lag es in ihrer Hand, die Änderung herbeizuführen.
Endlich hätten sie es gemerkt und hatten begonnen, sich zu bes-sern. Da habe der oberste Gott seinen Göttern erlaubt einzugreifen. Die Götter baten Ardvisura Anahita um Wasser und sie versprach, soviel zu geben, als sie immer haben wollten, nur müßten sie es an den Himmel schaffen.
Da begann ein großes Überlegen, wie das zu machen sei, ohne daß Apaosha alles austrinken würde. Endlich war der Entschluß gefaßt.
Tishtrya schickte feurige Sterne aus mit langen, strahligen Schwänzen, die mußten in den Dämon fahren und ihn an vielen
Stellen zugleich verwunden. Da zog er heulend in die sieben Höhlen. Nun mußten alle Sterne die Wasser emporziehen, auch Maonha half ihnen. Es war bald genug Feuchtigkeit oben, so daß die Götter regnen lassen konnten. In einzelnen schweren Tropfen fiel das Naß, dann wurde es mehr und schließlich, ergoß sich wohl-tätige Flut über die dürstende Erde.
„Dank Euch, Ihr gütigen Sterne!“
Die oberste Priesterin kam zuletzt. Sie berichtete, daß derBöse sich einen neuen Diener geschaffen: Druj, den Trug. Überall stellte er sich vor die Wahrheit und hindere deren Arbeit an den Men-schen. Sie sollten achtsam sein, daß sie ihm nicht zum Opfer fielen. Ein Gebet der Priesterin schloß die Feier und die Menschen tra-ten sofort den Heimweg an, da es angenehmer war, unter Maonhas
Strahlen zu wandern als unter Mithras Gluten.
Die Ebene am Ursprung des Karun lag still und verlassen, nach-dem die Mobeds die Steinhaufen abgetragen und aus den Steinen einen Wall vor die Zugänge geschichtet.
Als letzter verließ der Atravan den Platz in tiefen Gedanken. Nun hatte er es den Menschen künden dürfen, daß der Wegberei-
ter geboren. Ob sie es verstehen würden? Ob sie begriffen, was es bedeutete? Einunddreißig Jahre sollte der Wegbereiter werden, ehe er sein Amt antrat. Solange würde man noch warten müssen. Er würde es nicht mehr erleben!
Und während der Atravan, wie es seine Aufgabe war, lehrend von Ort, zu Ort zog, die Hirten bei ihren Herden aufsuchend, die Vor-nehmen in ihren Felsenschlössern, war weit entfernt, am Rande der Salzwüste, einem jungen Paar ein Knäblein geboren worden, genau zu der Zeit, die die Sterne gekündet hatten.
Die alten Frauen, die der Mutter behilflich waren, verwunderten sich sehr, daß der Kleine lachend ins Leben trat, statt den erwarte-ten Schrei auszustoßen.
„Willst Du etwas Besonderes werden, Kind?“ fragten sie. „Erwar-test Du Schönes vom Leben?“
Aber das Kindergesicht blieb sonnig, als ob es ein anderes Licht widerspiegeln wolle. Und doch begann das Leben so schwer für den kleinen Saadi wie nur möglich: die Mutter starb nach drei Tagen.
Sie hatte sich ihres Kindleins nicht mehr freuen können, die zar-te, schöne Zharat. Unmerklich schwand sie dahin, den Knaben der Fürsorge der alten Frauen überlassend.
Dschami, der Vater, der seine Frau leidenschaftlich geliebt hatte, verstand nicht, warum sie gegangen war, ihm das Kind aufladend, mit dem er nichts anzufangen wußte.
Kleine Pferde zog er voll Verständnis und mit geschickter Hand auf. Es war sein Beruf und er widmete sich ihm aus allen Kräften. Aber der kleine Mensch war ihm im Wege. Hätte Zharat ihn doch mit sich genommen!
Wenn der Kleine in der Nacht weinte, so stand der Vater auf und ging in die Hürde zu seinen Pferden. Lieber wollte er bei ihnen schlafen, als mit dem so herzbrechend schluchzenden Kindlein bei-sammen sein. Niemals hörte man Saadi laut schreien, wie andere Kinder es tun.
Die alten Frauen wechselten sich in der Pflege ab, aber sie wurden schon unmutig. Ihrer harrten andere Pflichten, sie mußten an ihren Haushalt denken.
Dschami sollte sich doch wieder ein Weib nehmen, Frauen gab es genug! Sie schlugen ihm allerhand Frauen vor, aber er wollte nichts davon wissen. Zuletzt wurde er so ärgerlich, daß er drohte, er werde das Kind ins Gebirge tragen, wenn sie ihn plagten. Da ließen sie ab vom Zureden, aber auch vom Kommen.
Wenige Tage erst war Dschami mit Saadi ganz allein, aber er sah, daß es so nicht weiter gehen könne. Er hatte das Kind an einer Stute trinken lassen, so daß es nicht zu hungern brauchte, aber das ge-nügte doch noch nicht zur Erhaltung des jungen Lebens.
Niedergeschlagen stand Dschami eines Morgens vor dem Lager des Kleinen. Es ging nicht an, daß er des Kindes wegen seine Pferde vernachlässigte. Sollte er Saadi einwickeln und mitnehmen?
Hin und her grübelnd schaute er das Bübchen an, das unbesorgt fröhlich in die Welt blickte. Da trat über die Schwelle seiner ein-fachen Behausung eine schöne, stattliche Frau in langem, dunkel-blauem Gewande.
Ohne ein Wort des Grußes trat sie neben den Mann und blickte gleichfalls in die Augen des Kleinen,
„Du hast keine Mutter mehr, armes Kind“, sagte sie mit weicher Stimme. „Dschami, gib mir den Knaben, ich will ihn aufziehen.“
Erschrocken sah der Mann die Sprecherin an. Sie war von edler Gestalt und hatte feine Gesichtszüge. Ihre Flechten waren schnee-weiß und schmucklos. Sie gefiel ihm, aber sich von dem Knaben trennen?
Er hatte immer mit dem Gedanken gespielt und gemeint, das Kind sei ihm lästig, nun aber jemand kam, es ihm abzunehmen, erschien es ihm unmöglich, dies Stückchen seines Weibes in andere Hände zu legen.
Zunächst schwiegen beide eine lange Zeit. Der Frau war es ver-ständlich, daß der Mann sich nicht sofort entschließen konnte. Dann plötzlich sagte er sehr bestimmt:
„Wenn Du aus Antrieb der Göttin Nächstenliebe zu mir kommst, so wirst Du verstehen, daß Du dem Kind nichts Gutes tust, wenn Du es aus seiner angestammten Umgebung nimmst. Willst Du wirklich des Kindes Bestes, so bleibe bei ihm. Ich werde Dich ehren und Dir nichts geschehen lassen. Du sollst in meinem Hause die Herrin sein, ich will Dein Diener werden.“
„Ich. werde bleiben“, erwiderte die Frau einfach, legte das große Seidentuch, das ihre Gestalt umhüllte, ab und nahm den Knaben mütterlich in die Arme.
Jauchzend zeigte der Kleine, daß er die Liebe empfand.
„Er ist sehr verständig für ein Kind von kaum zwei Wochen“, lob-te die Frau, die sich mit ihm zu schaffen machte, als sei sie immer da gewesen.
Dschami stand verlegen dabei. Er wäre so gern mit seinen Pferden hinausgezogen, der besseren Weide nach und wußte doch nicht, ob er gehen könne.
Die Frau schaute über die Schulter zurück.
„Du kannst beruhigt Deiner Arbeit nachgehen, Dschami, Ich nehme Dir den Kleinen nicht. Du wirst ihn wohlversorgt finden, so oft Du zurückkehrst. Sage nur der Nachbarin, daß ich mit Deinem Willen hier bin, alles andere überlaß mir.“
„Wie nenne ich Dich, wenn ich von Dir spreche?“ erkundigte sich der Mann und erhielt zur Antwort:
„Madana heiße ich.“
„Und wo kommst Du her, willst Du mir das nicht sagen? Wußtest Du, daß Saadi mutterlos geworden? Wer hat es Dir berichtet?“
Freundlich lächelte Madana dem Frager zu.
„Die Zeit wird kommen, da ich Deine Fragen beantworten darf. Habe Vertrauen, Dschami.“
Blick und Worte gewannen völlig das Herz des Mannes. Mit ei-nem Dank schied er.
Das Kind aber wurde wohl versorgt. Es mangelte ihm an nichts. Wenn das Notwendigste der häuslichen Arbeit getan, die der Frau schnell von der Hand ging, saß sie singend neben dem Lager des Kleinen.
Leise süße Weisen sang sie, die ein Lächeln auf das Kinderant-litz riefen. Daneben stickte. sie wunderfeine Dinge, dergleichen die manchmal hereinschauenden Frauen noch nie gesehen.
Zuerst waren die Nachbarinnen ihr voll Mißtrauen begegnet, aber die klaren Augen, die liebeerfüllten Worte besiegten alle. Als die Frauen vollends merkten, daß Madana vielerlei wußte, was ih-nen allen half, da lobten und priesen sie sie hinter ihrem Rücken und kamen in jeder Not zu ihr.
Für alle Schäden hatte sie Abhilfe, für Wunden Balsam, für Kum-mer Trost.
„Madana ist wie eine Priesterin“, sagten die Frauen.
Dadurch kam es ihnen in den Sinn, die Fremde zu bitten, ihnen von Göttern und ewigen Dingen zu erzählen. Sie tat es abends, wenn die Frauen sonst lachend und schwatzend beisammen geses-sen hatten.
Wunderbar wußte sie zu berichten, wie noch kein Mensch ihnen gekündet. Sie konnten auch ohne Scheu nach allem fragen, freund-lich erhielten sie Antwort. Mit großen, wissenden Augen lag Saadi dabei. .
„Man sollte meinen, er verstände, was Du sagst, Madana“, meinten die Frauen oftmals. Und immer lautete die Antwort:
„Er weiß und versteht es.“
Dann lachten die Nachbarinnen. Aber sie mußten zugeben, daß Saadi von Geburt an ein besonderes Kind war. Er wuchs und ge-dieh unter der trefflichen Pflege, aber er blieb feingliedrig, als wenn er nicht das Kind eines Roßezüchters sei, sondern von vornehmen Eltern abstamme.
Eines Tages blühte in dem Gärtlein Dschamis eine Blüte auf, wie noch kein Auge ähnliches hier gesehen. Dunkelrot war sie und hat-te süßen, starken Duft. An schlankem Stängel hing sie von dem Stämmchen herab, das ganz mit glänzend grünem Laub überdeckt war.
Madana hatte das Stämmchen eingesenkt, das wußten die Frau-en. Sie fragten begierig, was das für eine Blume sei, sie baten um Samen der Seltenen.
Abends erzählte Madana eine neue Mär:
„Droben in den himmlischen Gärten gibt es einen Garten, den allerschönsten, der ist erfüllt von diesen Blumen. Rosen heißen sie. Sie sind das Sinnbild der göttlichen Liebe.
Ahuramazda läßt sie mit besonderer Sorgfalt pflegen, er liebt die dunkelroten Blüten, die so viel Schönes erzählen. Er liebt den Duft, der schmeichelnd durch alle Himmel zieht. Aber nur, wo Liebe und Reinheit sich einen, da kann diese seltene Blüte gedeihen.
Die Reinheit, diese holdeste aller Göttinnen, hat Ahuramazda gebeten zu erlauben, daß einige dieser Blüten auf die arme Erde
gesenkt werden. Duft und Schönheit sollen sie tragen ins Leben der Frauen.
Überall wo Reinheit das Weib beseelt, wo Liebe zu andern die Triebfeder ihrer Taten ist, da kann die Rose, die dunkelrote Königin aller Blüten, gedeihen.
Es gibt Gegenden in diesem großen Reich, die sind wie ein Ro-sengarten. Dort wehen mildere Lüfte als hier, dort sind die Frauen weniger herb “
Eine der Zuhörerinnen unterbrach sie:
„Ist die Rose die Blume der Fürstin Dijanitra, von der die Sage erzählt?”
„Ja, es war Dijanitras Blume“, gab Madana zurück. „Aber warum nennst Du die Kunde von Dijanitra eine Sage? Die hohe, edle Für-stin hat wirklich gelebt.“
Aber die Frauen wollten jetzt nichts von der Fürstin hören, son-dern begehrten Rosen zu besitzen. Ob sie wohl rein genug waren, daß diese Himmelsblume auch bei ihnen gedeihen konnte?
Madana versprach, wenn es an der Zeit sei, in jedes Gärtchen eine kleine Rosenpflanze zu setzen; die Nachbarinnen freuten sich.
Woher Madana die Rosen wohl erhalten konnte? Sie hätten es gern gewußt, aber keine wagte zu fragen. Etwas Unnahbares war um die so freundliche Madana gebreitet.
Von Zeit zu Zeit kam Dschami, nach dem Knaben zu sehen. Er fand ihn prächtig gedeihend und schied zufrieden. Saadi lernte Laufen und Sprechen, genau wie jedes andere Kind.
Er spielte auch gern mit den Kindern der Nachbarschaft, nur zeigte sich dabei ein sehr starker Wille. Niemals wollte er irgend etwas Ungutes, aber was er wollte, das setzte er auch durch. Streit vermied er.
Er erlangte, was er erstrebte, durch nachdrückliches Fordern oder Bitten, je nachdem. Bei allen Spielen war er der Anführer, und die-se Spiele erdachte er sich. Meist waren sie Götter und stellten die Kämpfe mit den bösen Mächten dar.
Die Kinder lebten ganz in den Erzählungen Madanas. Selbstver-ständlich war es ihnen, in jedem kleinen oder großen Mißgeschick die Hilfe der Götter zu erbitten.
Die Jahre enteilten. In allen Gärten blühten Rosen und die Frau-en waren beglückt. Überall wuchsen gute Kinder auf, gesund und frisch. Madanas Einfluß machte sich allerorten bemerkbar.
Saadi war sieben Jahre alt geworden, als sein Vater einmal wieder nach Hause kam.
Erfreut blickte Dschami auf den stämmigen, wenn auch feinglied-rigen Knaben mit den schönen Gesichtszügen und den lachenden Augen.
„Es wird an der Zeit, Saadi“, sagte der Vater, „daß Du ein Pferd regieren lernst.“
„Das kann ich schon lange, Vater“, lautete des Knaben stolze Ant-wort. „Madana hat mich schon längst reiten lassen.“
Verwundert schaute der Mann auf die Frau, die ruhig berichtete
„Einen Knaben gabst Du mir zu versorgen, Dschami, kein Mädchen. Wie einen Knaben habe ich ihn aufgezogen, er wird Dir keine Schande machen, wenn Du ihn nun mit auf die Weide nimmst.“
„Ich soll ihn mit mir nehmen?“. fragte Dschami ungläubig. Dar-an hatte er noch nie gedacht. Die Frau aber fuhr selbstverständlich fort:
„Es wird Zeit, daß er aus den Händen der Frau in die Zucht des Vaters kommt. Viel kann er von Dir lernen, Dschami, wenn Du Dein Leben danach einrichtest, Du bist ihm von den Göttern zum Lehrmeister gesetzt, sonst hätten sie ihn in ein anderes Haus gege-ben.“
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, wandte sich Madana und packte Kleidungsstücke des Knaben in ein Bündel.
„Diese Sachen mußt Du mitnehmen, wenn Ihr morgen auf die Weide geht. Sein Körper ist noch zu zart, als daß er wochenlang die gleiche Gewandung tragen könnte. Er ist nicht gewohnt, Be-schmutztes an sich zu haben.“
Danach trat sie auf Saadi zu, der mit verstehenden Augen zu ihr emporblickte:
„Lebe wohl, mein Kleiner. Du hast meine Liebe reich gelohnt. Ich danke Ahuramazda, daß ich für Dich sorgen durfte. Vergiß nicht, was ich Dich lehren konnte. Vergiß vor allem nicht, daß eine große Aufgabe auf Dich wartet!“
Mit freundlichem Gruß an Dschami verließ sie die Behausung, genau so einfach und selbstverständlich, wie sie sie vor sieben Jah-ren betreten hatte.
Vollständig verständnislos schaute Dschami ihr nach, während Saadi rasch ein paar Tränen fortwischte.
„Warum geht sie? Wer ist sie?“ entrang es sich den Lippen des Vaters.
Erstaunt blickte der Knabe auf.
„Weiß der Vater das nicht? Sie ist eine Frawashi, die die Götter zu uns gesendet, damit ich richtig aufgezogen würde.“ „Eine Frawas-hi?“ stammelte der Vater. „Weißt Du, Kleiner, was das ist?“
„Wohl weiß ich es, Vater. Es ist die Seele einer Verstorbenen, die zuerst noch bei den Menschen sein darf, ehe sie in die Freuden den Garodemanas eingeht.“
„Ja, das ist richtig“, noch konnte Dschami sich nicht zurecht fin-den. „Wessen Seele war Madana?“
„Danach habe ich nie gefragt“, versetzte der Siebenjährige mit der Hoheit, die ihm manchmal eigen war. „Sie muß eine sehr edle Frau gewesen sein, als sie noch lebte.“
Das fühlte der Mann auch. Und nun war dieses holde Wesen ge-gangen, ohne daß er auch nur ein einziges Wort des Dankes ausge-sprochen!
Er warf sich an ihrem Lager in die Knie und dankte Ahuramaz-da aus tiefster Seele für den Segen, den er ihm gesendet. Er flehte, wenn der Madana-Frawashi durch menschliche Bitten vergolten werden könne, allen reichen Göttersegen auf sie zu senken.*2
Am nächsten Morgen verschlossen Vater und Sohn die Behau-sung und zogen in die weiten Ebenen hinaus, wo die Pferde von Weideplatz zu Weideplatz geführt werden mußten.
Sieben Jahre blieb der Knabe unter des Vaters Obhut, wie es von Ahuramazda vorgeschrieben war. In diesen sieben Jahren erstarkte er an Körper und Geist.
Von dem Vater lernte er Manneshantierung, von den Pferden lernte er frohen Mut und edle Haltung. Seine besten Lehrmeister aber fand er unter den kleinsten Dienern Ahuramazdas, die in Wald und Feld, in Berg und Fluß ihr Wesen trieben. Urweise sind sie, viel wußten sie den Knaben zu lehren.
Fest verbanden sie die junge Seele mit der Erde, zu deren Berei-tung er gesendet worden. Aber noch wußte er dies nicht. Er hat-te sogar vergessen, daß eine besondere Aufgabe seiner harrte. Die Kleinen sagten es ihm nicht. Die Zeit würde kommen, da er es er-fahren durfte, erfahren mußte.
Als aber die sieben Jahre um waren, fühlte der Vater, daß er Saadi, den er lieb gewonnen hatte, werde aufgeben müssen. Wie dieses Empfinden zu ihm gekommen, hätte er nicht zu sagen vermocht, aber er wußte, daß es so war.
Da schien es ihm ganz unmöglich, sich von dem Knaben zu tren-nen, der ihm lieb geworden war wie das Licht seiner Augen.
Und er flehte zu Ahuramazda
„Du großer und weiser Gott, der Du die Menschen kennst, Du siehst, daß ich mich nicht von Saadi trennen kann. Ich will ihn nicht mehr zum Helfen verwenden, wenn Du es nicht willst. Schicke ihm einen Lehrer, ich will ihn versorgen. Nur laß mir den Knaben.“
Er fühlte gleich, daß es falsch war, so zu bitten; denn wie hätte irgen-dein Gelehrter mit ihm von Weide zu Weide ziehen und im Freien nächtigen können! Aber gegen alle Vernunft bat und flehte Dschami:
„Du wirst irgendeinen Ausweg finden, Du Hoher. Ich kann Saa-di nicht aufgeben!“ Und Ahuramazda fand einen Ausweg, an den Dschami nicht gedacht hatte.
Als Saadi eines Morgens erwachte, lag die entseelte Hülle des Va-ters neben ihm. Unmerklich hatte der Geist sie verlassen. Wohin war er gegangen? Der Knabe vermochte es nicht zu erkennen. Zu wenig noch wußte er von dem, was sich nicht mit Händen greifen läßt.
Es war ihm für jetzt auch weit weniger wichtig als die Fragen, die ihn bestürmten. Was sollte er mit der Leiche des Vaters anfangen? Wie konnte er die große Pferdeherde ganz allein versorgen? Was sollte er nur tun?
Seine Jugend, sein Unvermögen wollten vernichtend auf ihn ein-dringen. Da wachte eine der Lehren der Madana in ihm auf. Oft hatte sie gesagt:
„Für Dich gibt es niemals ein „Ich kann nicht“. Blicke nach oben in jeder Lage Deines Lebens. Wenn Du rein bist, wird Dir Hilfe nicht fehlen.“
Zu rechter Zeit erinnerte er sich dieser Worte. Starker Mut erfüll-te ihn, fast wie eine Antwort auf unausgesprochenes Flehen.
Dann kamen die Kleinen, seine Freunde.
„Wir wollen eine Höhle graben, Du darfst uns helfen, Saadi“, sag-ten sie freundlich. „Darein betten wir die Hülle Dschamis. So wird es recht sein.“
Als dies geschehen war, schien es Saadi, als höre er eine starke Stimme:
„Du bist an dem Punkt angekommen, wo Dein Weg sich in zwei Straßen spaltet. Du selbst darfst wählen, auf welcher Du weiter wandern willst.
Du kannst ein Pferdezüchter werden, wie Dein Vater es war. Alles, was dazu nötig ist, hast Du gelernt. Gehilfen findest Du leicht. Du wirst ein reicher, angesehener Mann werden, der sich zu rechter Zeit ein Weib nehmen kann. Das ist die eine Straße, sie ist breit und angenehm. Der andere Pfad ist schmal. Bergan führt er, durch Geröll und Steine, in Entbehrung und Selbstüberwindung. Vielleicht findest
Du niemals das Weib, das gesonnen, ihn mit Dir zu schreiten.“
Die Stimme schwieg. Da erwachte in Saadi die zweite Erinnerung an Madanas Lehren:
„Dein Weg wird bergan führen. Meide das Schreiten in bequemer Ebene!“
Ohne zu zögern rief Saadi:
„Ich wähle den zweiten Pfad, der für mich bestimmt ist, das weiß ich!“
„Und fragst Du nicht, was er Dir bringen, zu welchem Ziel er Dich führen wird?“ erkundigte sich die Stimme.
„Das werde ich erfahren, wenn ich ihn wandle“, gab Saadi lachend vor Mut und Freudigkeit zurück.
Da fiel seine Kindheit und Jugend von ihm ab und der Mann er-stand in ihm. Er schlief ein.
Als er erwachte, traten zwei Männer zu ihm. Der eine hatte Ähn-lichkeit mit Dschami, der andere sah lichter und eigenartiger aus. Der erste redete ihn an: „Ich suche Dschami, meinen Bruder. Ich erhielt Botschaft, daß er mein bedürfe.“
„So bist du Sadif “, versetzte Saadi ohne jedes Verwundern. „Wir bedürfen Deiner allerdings; denn Dschami ist nach Garodemana
gegangen, von wo es kein Wiederkommen gibt. Ich aber kann kein Pferdezüchter werden. Wer sollte die Rosse übernehmen, wenn Du es nicht tust?“
„Warum sollte ich es nicht tun?“ sagte Sadif bedächtig. „Mein Le-ben lang habe ich mir gewünscht, Pferde mein eigen zu nennen. Gibst Du sie mir ganz?“
Ehe Saadi antworten konnte, sprach der andere Mann:
„Wähle Dir ein Pferd aus für Deinen Gebrauch, Saadi. Und wähle Dir eine Stute, die Sadif für Dich pflegen soll. Alle Nachkommen dieser Stute soll er getreulich für Dich hegen. Du wirst sie brau-chen.“
Und Saadi wählte.
Weise war er, sein Vater hatte ihn trefflich unterwiesen. Einen kleinen, schwarzen Hengst nahm er zu sich, eine weiße Stute ließ er für sich aufziehen.
Sadif war’s zufrieden und versprach, Stute und Fohlen treulich zu hüten. Wurde er doch nun auf einen Streich zum reichen Mann, er, der sein Lebtag nur als Knecht bei anderen gedient hatte.
Wie selbstverständlich wandte Saadi sich an den Lichten: „Darf ich mit Dir gehen?“
Sadif meinte nicht anders, als daß dieser Mann ein guter Bekann-ter seines Bruders gewesen. Es fiel ihm nicht auf, daß Saadi sich ihm anvertraute.
Der Abschied war kurz. Saadi bestieg seinen Schwarzen, der den Namen „Traber“ hatte, während auf einen Ruf des Mannes ein helles Pferd für ihn herbeigesprengt war. Gemeinsam ritten sie von dannen. Sadif schaute ihnen lange nach. Dann stieß er einen hallenden
Freudenschrei aus und übernahm seine Aufgabe an den Rossen.
Saadi ritt lange Zeit schweigend neben seinem Begleiter her. Zu gern hätte er gewußt, woher er komme, wer ihn zu ihm gesendet. Aber da stieg die dritte Lehre Madanas auf:
„Nahen sich Dir lichte Wesen, deren Ursprung Du nicht kennst, so frage nicht. Zur rechten Zeit wirst Du erfahren, was Dir zu wis-sen not tut.“
Zwei Tage ritten sie, nur selten ein Wort wechselnd. Der Lichte hatte Lebensmittel in der Satteltasche, von denen er Saadi genü-gend gab. Nachts ruhten sie im Freien.
Am dritten Tage kamen sie in eine große Ortschaft, wie Saadi noch keine gesehen hatte. Die Hütten waren ähnlich wie seine vä-terliche, aber sie waren größer, schöner und heller.
Eine der größten gehörte dem Atravan, den sie jetzt aufsuchten. Er schien schon von Saadis Ankunft unterrichtet zu sein; denn er begrüßte die Reiter wie langerwartete Freunde
„Siehe da, mein neuer Mobed! Er ist ein schmucker Jüngling!“ Während Saadi nach erhaltenem Auftrag sein Roß versorgte, be-
trat der Lichte mit dem Atravan die Behausung. Nach kurzer Zeit indes kam Saadis Begleiter wieder heraus und forderte den Jüng-ling auf, ein wenig mit ihm in den Garten zu gehen, der sich hinter der Hütte erstreckte.
Dort sagte er ihm, daß er auf höheren Befehl bei dem Atravan zu bleiben und alles zu erlernen habe, was ihm der Priester mitteilen könne.
Kein Dienst sei zu gering, keine Aufgabe zu unbequem, die von ihm gefordert werden würde. Er solle sich eifrig allem unterziehen. Sobald er hier nichts mehr lernen könne, werde er Auftrag bekom-men, weiter zu ziehen.
Es wurde Saadi schwer, sich von dem lichten Begleiter zu trennen, den er im Grunde doch kaum kennen gelernt hatte. Dieser merkte es und sagte freundlich:
„Ich gehe jetzt von Dir, aber wir sehen uns wieder. In allen entscheidenden Augenblicken Deines Lebens darf ich Dir nahe sein.“
Dankbar blickte Saadi zu ihm auf --da war er schon verschwun-den. Wenn der Jüngling noch irgendeinen Zweifel gehabt hätte, jetzt wäre er gelöst: der Lichte war ein Wesen aus Garodemana.
Während Saadi noch überlegte, was er nun tun solle, wurde er gerufen. Der Atravan, ein uralter, schneeweißer Mann, stand auf der Schwelle seiner Behausung und schaute dem neuen Mobed ge-spannt entgegen.
„Du wirst bei mir wohnen, Saadi“, sagte er gütig, „da Du keine Familie hier im Orte hast. Erzähle mir nun zunächst von Deinem seitherigen Leben. Wer waren Deine Lehrer?“
Und Saadi berichtete von Madana, der er das Beste verdankte, von Dschami, seinem Vater, der ihn körperlich ertüchtigt hatte, und von den Kleinen, die ihm den Zusammenhang der Menschen mit der sie umgebenden Natur gezeigt hatten.
„Ich bin noch sehr unwissend, und muß noch viel lernen, mein Vater“, sagte Saadi bescheiden, als er alles berichtet hatte.
„Ich werde Dir sagen, was ich weiß. Viel ist es nicht, mein Sohn. Lange schon bin ich müde und hinfällig. Ich konnte nicht begrei-fen, warum Ahuramazda mich nicht abrufen ließ von der Erde. Nun erwächst mir in Dir die schönste Aufgabe meines Lebens. Ich danke dem großen, weisen Gott dafür!“
Von nun an begann eine planmäßige Unterweisung Saadis in al-len Glaubenslehren, deren Verwalter der Atravan war.
Bald war der neue Mobed so weit vorgeschritten, daß diese Un-terweisung in Gemeinschaft mit dem künftigen Atravan erfolgen konnte, der schon seit Jahren für seinen Beruf vorgebildet wurde. Was dieser erst mühsam erlernen mußte, wachte in Saadi sofort auf.
Es schien, als habe er alles schon gewußt und besser gewußt als sogar der Greis. Verstand er einmal irgend etwas nicht sofort, so fragte er nicht gleich, sondern trug die Frage hinaus in den Garten. Dort hatte er im dichten Gebüsch verborgen einen Stein aufgefun-den, auf den er sich gern setzte.
Dann rief er nach den kleinen Helfern und mit ihnen besprach er das, was ihn innerlich beschäftigte. Meist kam durch das Aus-sprechen schon die Klarheit in ihn. Oftmals aber wußten auch sie nichts mit dem anzufangen, was Saadi da als Weisheit zu ihnen trug. Dann war er sicher, daß er etwas falsch verstanden hatte, oder daß der Atravan sich geirrt hatte.
Ein großes Ereignis war es in dem Leben des jungen Saadi, als er den Atravan in die Berge begleiten durfte zur Feier der Tag-und Nachtgleiche. Als Mobed durfte er amten, er, der noch niemals ei-ner Feier beigewohnt hatte.
Mit einem Eifer ohnegleichen schichtete er die Steine für die Flammenopfer. Sein ganzes Denken war Gebet.
Er sah die Kleinen, die emsig allen zur Hand gingen, die im Ge-sträuch und an den Blüten geschäftig waren. Es war ihm aber auch gegeben, die von oben stammenden lichten Wesenheiten zum Teil zu sehen, sich der Kräfte bewußt zu werden, die von ihnen ausgingen.
Die Feier selbst erfüllte ihn mit hoher Freude, seine Verehrung für den greisen Atravan wuchs. Zum ersten Male kam er in Berührung mit Priesterinnen, deren reines Dienen ihn an Madana gemahnte.
Dann kam der Abend, der die Erzählungen des Atravan brachte. Zwischen den andern Mobeds saß Saadi, lauschend, als ob sein Le-ben davon abhinge, daß ihm keines der Worte verloren ging.
„Die Sterne haben nicht gelogen“, erzählte der Alte, „als sie vor fast sechzehn Jahren kündeten, daß der Wegbereiter, der Zoroaster, geboren. Untrügliche Beweise haben wir seitdem, daß er auf Erden weilt, daß er bereitet wird für sein hohes Amt.“
„Sechzehn Jahre“, dachte Saadi, „fast so alt wie ich. Wie mag es ihm zu Mute sein? Ob er wohl weiß, was seine Aufgabe auf Erden sein wird?“
Plötzlich durchzuckte es ihn:
„Wem sollte er denn den Weg bereiten?“ Dann rief er unbeküm-mert: „Künde uns von dem, mein Vater, dem der Zoroaster den Weg bereiten darf!“
Einige Köpfe wandten sich nach dem Mobed mit der kindlichen Stimme, der da zu fragen wagte, aber den meisten kam die Frage aus dem Herzen.
Durchdringend richteten sich die Augen des Befragten auf Saa-di. Warum fragte er? Dann sah der Alte, daß die Frage ohne jeden Nebengedanken gestellt worden, und er schickte sich an, sie zu be-antworten.
„Der Zoroaster soll den Saoshyant, den Helfer, künden, der kom-men wird, die Erde von den Banden Anramainyus zu erlösen“, sagte er feierlich.
„Ihm wird dann gegeben sein, alles von dem Heiligen zu wissen, was wir aus alten Weissagungen nur erahnen können. Wir haben alte Sehersprüche, die unter den Atravanen von Mund zu Mund fortgepflanzt wurden.
In einem heißt es, daß der Saoshyant die Erde reinfegen wird wie mit einem Besen aus Ruten des Tragant. In einem anderen wird gesagt, daß er Augen haben wird, alles Inwendige im Menschen zu schauen. Er wird wissen, was die Menschen denken und fühlen, ohne daß sie es ihm sagen. Danach wird er sie behandeln, nicht nach dem, was sie außen an sich tragen.“
Der Atravan schwieg. Bald danach verloschen die Feuer, und die Männer zerstreuten sich.
In dieser Nacht hatte Saadi sein erstes Gesicht.
Es war ihm, als stände er auf der Spitze eines sehr hohen Berges und schaue hinab in die Niederungen, wo Menschen geschäftig hin und her eilten. Es waren aber plötzlich keine Menschen mehr, son-dern schlangenartige Wesen mit gespaltener Zunge und schleimi-ger Absonderung, an der kleben blieb, was ihnen in den Weg kam. Ekel erfaßte ihn, so daß ihm übel wurde, aber er war wie festge-bannt und mußte schauen.
Da tat sich der Himmel auf über ihm und herab fuhr einer, der war Kraft, Licht und Wahrheit zugleich. Er fuhr unter die Schlan-gen und schlug ihnen die Köpfe ab. Die Erde aber verwandelte sich in einen Sumpf voll Blut und Geifer. Hoch spritzte dieses üble Naß. Aber den Einen, der aus dem Himmel gekommen war, erreichte es nicht.
Eine Stimme sprach:
„Siehe den Helfer, wie er die Erde reinigen wird!“
Den Rest der Nacht verbrachte er im Gebet. Bis ins Innerste war er erschüttert, ohne sich jedoch darüber klar zu sein, was mit ihm geschehen. Hatte er geträumt oder hatte er wirklich schauen dür-fen?
Als er morgens den Atravan aufsuchte, um ihm Früchte zu brin-gen, sah dieser, daß etwas Besonderes sich ereignet haben müsse, aber er fragte nicht.
Am letzten Tag kündete die Oberpriesterin, daß Anramainyu wieder einen neuen Gehilfen habe schaffen können, soviel Unrat hätten die Menschen ihm geliefert. Dieser neue böse Geist heiße der Geiz.
Er sei unbekleidet, denn er wolle jeden Lumpen sparen, oder zu Geld machen. Er gönne sich keinen Bissen und keinen Trunk. Mit gierigen Fingern wühle er in seinen Schätzen oder in dem, was er dafür halte. Und die Menschen müßten es ihm gleichtun.
Da erhoben sich hier und dort Stimmen, die bestätigten, daß sie solche Menschen bereits kennen gelernt hatten. Es seien arme, beklagenswerte Wesen, die keine Freude mehr hätten. Sogar ihre Schätze würden ihnen zur Qual in der Angst, sie zu verlieren.
Als das Fest vorüber war, stieg Saadi an der Seite des greisen Atra-van zu Tal. Unten erwartete den Priester eine Trage, auf der ihn die Mobeds in seine Behausung trugen.
Saadi durfte auf Traber reiten. Das war eine Lust! Wie ein Pfeil flog er dahin, wendete und kehrte blitzgeschwind an die Seite des Alten zurück, der gern sein Tun beobachtete. Mit geröteten Wan-gen und leuchtenden Augen ritt Saadi dann eine Zeitlang neben der Trage, bis der Übermut und die Lust am Leben ihn wieder packten und ihn davonjagten.
„Ist das eines Mobeds würdig?“ fragte einer der älteren Mobeds mit säuerlichem Gesicht. „Eben erst hat er auf dem Berge der Hei-ligen Feier beigewohnt, und nun tobt er wie ein ausgelassenes Fül-len.“
Aber der Atravan verwies ihm die Rede.
„Lasset ihn“, sagte er verstehend. „An ihm ist alles echt. Jedes Empfinden erfüllt ihn ganz.“
Und nach einem Augenblick tiefen Sinnens setzte er hinzu: „Sein Leben wird sehr schwer und ernst werden. Gönnet ihm die Jugend-lust.“
Sie näherten sich der Ortschaft, in der der Priester seinen Wohn-sitz hatte, da kam ein Zug Reiter ihnen entgegen. Diese ritten auf prächtigen Pferden, die so verschwenderisch aufgezäumt waren, wie man es noch nicht einmal bei Fürsten gesehen hatte.
An der Behausung, an der die Träger soeben den Atravan abge-setzt hatten, sprangen auch die Reiter von ihren Tieren, und einer der Männer nahte sich dem Priester mit ehrerbietigem Gruß.
Er begehrte ihn zu sprechen und ließ sich von ihm ins Innere der Hütte geleiten, während die anderen Reiter Traber bewunderten, der durch seine Kleinheit merklich sich von ihren Pferden unter-schied.
Ohne Scheu gab Saadi auf ihre Fragen nach der Herkunft des Pferdes Auskunft. „Du wärest ein willkommener Gefährte in un-serm Reiterzug, Du Junger“, lachte einer der Reiter und seine wei-ßen starken Zähne blitzten aus dem schwarzen Bart hervor.
„Wer seid Ihr?“ wollte Saadi wissen. Bereitwillig erfolgte die Antwort:
„Unser Herr, der soeben mit dem Priester spricht, ist ein mächti-ger Fürst. Ihm gehört dieses ganze große Land von einem Meer bis zum anderen. Er will sein Reich gründlich kennen lernen, darum reitet er mit uns von Provinz zu Provinz, von Ortschaft zu Ort-schaft.
Meist gibt er sich nicht zu erkennen. Das ist dann immer sehr merkwürdig; denn auf diese Weise erfährt er, was das Volk wirklich von ihm denkt. Wir erleben sehr vieles, das schön, aber auch man-ches, das erschreckend ist.“
Wahrscheinlich hätte der Auskunftgeber noch länger weiter gere-det, aber der Atravan rief in diesem Augenblick Saadi zu sich.
Drinnen fand der junge Mobed den Fürsten auf dem einzigen beque-men Sitz. Der Priester hatte sich mit einem Lager aus Decken begnügt. Das gefiel Saadi nicht. Der Fürst war so viel jünger als der Atravan!
Fast hätte er seinem Mißfallen Ausdruck verliehen, da begann der Priester zu sprechen.
Er sagte Saadi, daß Fürst Hafis Gefallen an seinen Reitkünsten ge-funden habe und gekommen sei, ihn als Begleiter für seinen großen Ritt durch das Reich zu gewinnen.
„Bei mir hast Du alles gelernt, was ich Dich lehren konnte, mein Sohn“, sagte der Alte gütig. „Außerdem sind meine Tage gezählt. Es lag mir schon schwer auf der Seele, wem ich Dich dann anvertrauen sollte. Es wird gut sein, wenn Du nun unter der Leitung des Fürsten die Menschen kennen lernst, nicht nur die guten, sondern beson-ders die schlechten. Was immer das Leben später von Dir fordert, diese Kenntnis wird Dir helfen.“
Saadi wurde nicht gefragt, ob er gesonnen sei, mit dem Fürsten zu ziehen. Er hätte auch wahrlich nicht zu entscheiden gewußt. Sein jugendlicher Sinn freute sich auf die Abenteuer, seine kindli-che Dankbarkeit band ihn an die Seite des Greises, der nun wahr-scheinlich einsam seinem Hinscheiden entgegenging.
Er wollte diesen Empfindungen Ausdruck verleihen, aber der Atravan machte eine Bewegung, die ihn veranlaßte zu schweigen.
Fürst Hafis erhob sich.
„Wir reiten heute nicht mehr weit und werden morgen wieder hier vorbeikommen, Saadi. Richte Dich und Dein Tier bis dahin, damit Du uns begleiten kannst.“
Mit schweren Schritten verließ er das Gemach, das Saadi heller vorkam, seit er gegangen. Eine kurze Zeit lang schwiegen beide, der Alte und der Junge, dann fing letzterer an zu sprechen: „Ist es der Wille Ahuramazdas, daß ich mit diesem Fürsten gehe, mein Vater?“ fragte er kindlich.
„Ich erhielt schon vor einigen Wochen die Kunde, daß Reiter Dich holen würden, sobald die Feier vorbei sei, Saadi. Nun hat mir Fürst Hafis Auskunft darüber gegeben, wer ihn gerade hierher gesendet, so daß ich nicht im Zweifel sein kann, daß der weise Gott, der Dein Leben lenken läßt, auch diesen Wechsel bestimmt hat.“
„Ich werde aber niemals ein Fürst werden, was soll mir da ein Leben bei Fürst Hafis?“
Es war das erste Mal, daß Saadi fragte, wenn irgend etwas fest beschlossen schien.
Der Atravan zürnte ihm nicht. Mit Geduld und Freundlichkeit erklärte er ihm nochmals, daß er jetzt die Menschenkenntnis er-werben dürfe, die er für seine spätere Aufgabe brauchen werde.
„Meine Aufgabe?“ fragte Saadi. „Will mein Vater mir sagen, was einmal aus mir werden soll? Ich weiß nur, daß ich kein Pferdezüch-ter werde. Darauf habe ich freiwillig verzichtet“, setzte er hinzu.
Der Atravan lächelte.
„Neben dem Beruf des Pferdezüchters, dem Du entsagt hast, gibt es doch noch eine ganze Reihe von solchen, die Du ausüben könn-test. Warte ab, was Dir in den Weg geführt werden wird.
Es wird ein Tag kommen, da wird Deine Seele jauchzend erken-nen, daß gerade das, was von Dir gefordert wird, Dein eigentliches Leben ist. Dann zaudere keinen Augenblick. Greife zu und halte fest, was sich Dir bietet. Inzwischen aber lerne, soviel Du in Dich aufzunehmen vermagst.
Laß mich Dir an diesem letzten Abend noch eines sagen, mein Sohn: Du wirst mit vielen bösen Menschen zusammengeführt wer-den. In jeder Art wirst Du sie kennen lernen. Höre auf die Stimme in Deinem Innern, die Dich vor ihnen warnt. Lerne sie recht ken-nen, damit sie Dich später nicht betrügen können, aber halte Dich fern von ihnen, auch wenn sie um Deine Gunst werben.
Bleibe so rein, daß Du jederzeit klar in Madanas Augen schauen könntest. Mehr vermag ich Dir nicht zu sagen.“
Ergriffen nahm Saadi von seinem alten Lehrer Abschied. Es war gut so; denn sehr früh am nächsten Morgen erschienen die Reiter, ihn zu holen. Er sah niemand mehr von denen, mit denen er in den letzten Monaten gelebt hatte.
Wieder war ein Wechsel in seinem Leben eingetreten. Diesmal war es ein scharfer Schnitt. Er mußte andere Gewandung anlegen, konnte nicht mehr nach freiem Ermessen tun und lassen, was ihm gut dünk-te. Unter mehr als einen Willen mußte er sich beugen lernen.
Er war der Jüngste im Troll, daher auch der, dem alle kleinen und großen Arbeiten zufielen.
Unter seinen Spielkameraden war er immer der gewesen, nach dem sich alle gerichtet hatten. Nun mußte er der sein, der gar nichts zu sagen hatte. Schweigen mußte er, auch wenn das, was die andern verlangten, gar nicht nach seinem Sinn war.
Fürst Hafis schien sich nicht um ihn zu kümmern, nachdem er bestimmt hatte, welche Gewandung man ihm geben und neben wem er reiten sollte. Aber diese Nichtbeachtung war nur scheinbar. In Wirklichkeit schaute der Fürst scharf auf den Jüngsten, der ihm ans Herz gelegt worden war.
Am Hofe des Fürsten lebte ein alter Weiser, der einst der Lehrer des Hafis gewesen war. Der Fürst ehrte ihn wie einen Vater und ließ sich immer noch von ihm beraten.
Dieser Weise, Dschajawa, war kurz vor seinem Ausritt zu ihm ge-kommen und hatte ihm gesagt, er müsse einen jungen Menschen mitnehmen und unterweisen, der zur Zeit beim Atravan in der Lehre stehe. Ahuramazda habe es ihm offenbaren lassen.
Hafis dürfe aber nur dem Priester von diesem Auftrag sagen, im übrigen müsse er einen Weg finden, den jungen Saadi ganz unauf-fällig in seinen Trog einzureihen.
Der junge Mann sei zu Großem bestimmt, und wichtig für ihn sei die Kenntnis von Menschen und Land. Aber auch das Dienen müsse er lernen, denn er habe noch nie nötig gehabt, sich unter den Willen eines anderen zu fügen, wenn dieser Wille nicht mit dem seinen übereingestimmt habe.
Die offene, freimütige Art Saadis erfreute den Fürsten, der selten mit einem ganz wahren Menschen in Berührung kam.
Auch die Weise, wie Saadi sich den Spöttereien der anderen ge-genüber zu behaupten wußte, gefiel ihm. Er tat, was sie von ihm verlangten, ohne ihnen zu schmeicheln. Machte er es ungeschickt, so ließ er sich zeigen, was falsch war, und machte es schon das nächstemal selbstverständlich besser.
Im Reiten und in der Pflege der Pferde war er ihnen weit überle-gen, dagegen war er ganz unerfahren im Gebrauch der Waffen und stammelte, als der Fürst ihm ein Schwert gab mit der Weisung, sich über die Handhabung belehren zu lassen, ganz erschreckt:
„Herr, ich werde doch kein Blut vergießen müssen?“ Schallend lachten die anderen. Der Fürst aber sagte gütig:
„Du hast recht, Saadi, es ist eine Sünde, Blut zu vergießen. Wenn nun aber die andern das Deine fließen machen wollen, so ist es gut, wenn Du eine Waffe zu brauchen weißt, um sie zu hindern. Lerne also nur das Schwert zu schwingen, und ziehe es, wenn Deine inne-re Stimme es Dir gebietet.“
Da schwiegen die Spötter und schauten erstaunt auf den Fürsten, der noch niemals so zu ihnen gesprochen hatte.
Wenn sie im Freien nächtigten, ließ der Fürst Zelte spannen. Das war Saadi unbekannt. Er schlief lieber unter dem Sternenhimmel.
„Fürchtest Du Dich nicht vor Schlangen?“ fragten ihn die andern.
„Ich bitte die Kleinen, die halten sie mir fern, solange ich schlafe“, war Saadis ruhige Antwort.
„Welche Kleinen?“ wollten die Gefährten wissen. „Ahuramazdas kleine Diener“, sagte Saadi mit Selbstverständlichkeit.
Wieder lachten die andern. Wieder verwies es ihnen der Fürst, der Saadi veranlaßte, ihm von den Unsichtbaren zu erzählen, mit denen der Jüngste im Troß so vertraut umging.
„Du hast es besser als wir, Saadi“, sagte der Fürst beinahe traurig,
„daß Du vermagst, die kleinen Wesen zu sehen und mit ihnen zu sprechen. Ich fürchte, wir sind nicht rein genug dafür. Wir haben es uns verscherzt.“
Da ärgerten sich die andern, daß Hafis so offensichtlich den Neuen vorzuziehen begann, und sie beschlossen, ihm ein Leid anzutun.
Er hatte nichts, an dem sein Herz hing, als seinen Traber. Mit die-sem stand er in merkwürdig vertrauter Beziehung. Oft schien es
den andern, als spräche er mit dem Tier. Wenn sie Traber schädig-ten, würde er sich grämen.
Mitten in der Nacht schlichen zwei von ihnen sich an die Um-zäunung, innerhalb deren die Pferde weideten. Rasch war Traber, der so viel kleiner war als alle Rosse, gefunden. Einer der Männer bückte sich, um ein Vorderbein Trabers zu packen, da bekam er einen so heftigen Stoß vor den Kopf, daß er umfiel.
Der andere wollte seinem Gefährten beispringen, fühlte sich aber wie gelähmt und an die Stelle gebannt. Es war, als hielten unzählige kleine Hände seine Beine fest. Entsetzt dachte er der unsichtbaren Freunde Saadis.
„Laßt mich los, Ihr Kleinen“, flehte er ganz demütig, „ich will nichts Böses mehr tun.“
Im Augenblick war er frei. Aufatmend spürte er, wie das, was ihn umgeben hatte, davonstob. Er nahm seinen betäubten Gefährten auf und trug ihn ins Zelt, wo er nach Stunden zu sich kam.
Sie beschlossen beide, nichts von ihrem Erlebnis zu erzählen. Aber während der eine nur den Vorsatz faßte, Saadi künftig in Frie-den zu lassen, nahm der andere aus dieser Nacht einen festen Glau-ben an die Kleinen mit hinweg.
Er suchte Saadis Gesellschaft und ließ sich von ihm immer mehr von den kleinen Wesen erzählen.
Bald war er soweit, daß er einzelne von ihnen sehen konnte. Nun konnte er Saadis Glück im Verkehr mit diesen Freunden verstehen, fühlte doch auch er sich gehoben durch das Bewußtsein, überall von den gütigen Helfern umgeben zu sein.
Fürst Hafis und sein Troß ritten durch die Lande.
Vielerlei Gegenden lernte Saadi kennen und noch mehr Men-schenarten. Er merkte, daß es große Landstriche gab, in denen man nichts von den Göttern wissen wollte. Man fand, das seien Ge-schichten für Kinder. Fragte der entsetzte Saadi dann die Leute, wer ihre Geschicke lenke, so antworteten sie
„Wir selbst.“
Dabei aber hatten sie alle eine unbezähmbare Angst vor Dämo-nen und Daevas, vor allem aber vor der Druj, dem Totengespenst. Das begriff Saadi nicht. Wenn sie den weisen Gott leugneten, dann mußten sie doch auch den bösen Geist ablehnen.
Oftmals rief Saadi nachts die kleinen Wesen herbei, die es auch in jenen Gegenden gab, und fragte sie danach. Und die Kleinen gaben Auskunft:
„So schlecht sind die Menschen geworden, daß sie immer Angst haben müssen. Ihre Seelen finden keinen Ausweg mehr. Sie fürch-ten in Anramainyu die Vergeltung für ihre Taten. Sie wollen nichts mehr von einem guten Gott wissen, weil sie fürchten, daß ihre Stra-fe schlimmer ausfallen muß, sobald sie ihn anerkennen.“
„Es ist doch gerade umgekehrt“, eiferte Saadi. „Wenn die Menschen sich zu Ahuramazda flüchten und ihre Schuld bereuen, würden alle Götter ihnen helfen dürfen. Was könnte ihnen Anramainyu tun?“
Die Kleinen lauschten ernst und nickten.
„Man müßte es den Menschen sagen!“ rief Saadi. „Wollt Ihr das nicht tun, Ihr Kleinen?“
Nein, sie wollten es nicht tun. Sie fürchteten, die Menschen wür-den gar nicht auf sie hören.
„Sie sehen uns nicht mehr, sie lachen, wenn man von uns spricht.“ Empört berichteten es die Kleinen.
„Du mußt es ihnen sagen. Das wird Deine Aufgabe sein, Du lich-ter Mensch!“
„Meine Aufgabe?“ wunderte sich Saadi. „Ach nein! Ich bin ja gar-nichts. Ich habe noch nicht einmal einen Beruf, trotzdem ich nun bald siebzehn Jahre alt bin. Ich weiß selbst nicht, was einmal aus mir werden soll. Aber der Wegbereiter ist ja schon geboren. Der wird es den Menschen sagen. Daß ich auch nicht eher daran ge-dacht habe!“
Von dem Wegbereiter hatten die Männlein noch nichts gehört. Sie ließen sich erzählen und freuten sich.
Der Troß des Fürsten kam in eine andere Gegend. Da hatten die Menschen Götter, aber im Grunde war es Anramainyu, den sie an-beteten. Sie nannten ihn Ahriman und sagten, daß es ein großer, wissender Geist sei, der den Menschen auf der Erde zu Macht und Reichtum, zu Herrschaft und Glück verhelfe.
Saadi wagte einen der Männer, der davon erzählte, zu fragen:
„Und was wird später aus Euch?“
„Wann später?“ fragte der andere dagegen, der recht wohl wußte, was Saadi gemeint hatte.
Unbeirrt aber fragte dieser:
„Einmal müßt Ihr sterben und Eure irdischen Schätze verlassen. Mitnehmen könnt Ihr sie nicht. Was wird dann aus Euch?
Wollt Ihr so elend, nackt und bloß hinüber gehen nach Garode-mana?“
„Was kümmert uns das Später! Wir glauben nicht an ein Weiterle-ben nach dem Tode, darum machen wir es uns hier unten so schön als möglich. Auch Ahriman sagt, daß für uns alles vorbei ist, sobald wir einmal tot sein werden. Das genügt uns.“
„Für Euch wird dann alles Gute zu Ende sein, das weiß ich auch“, bestätigte der junge Mann ernst.
Die übrigen hörten nicht auf ihn, sie waren froh, den lästigen Fra-ger zum Schweigen gebracht zu haben. Nur einer schaute betroffen von dem Klang in der jungen Stimme auf.
Als Saadi dann an die Hürde ging, um nach Traber zu sehen, folg-te ihm der Mann. Er fragte, was Saadi gemeint habe, und die ganze Nacht mußte er erklären und künden. Mit aufrichtigem Verlangen lauschte der so viel ältere Mann. Am Morgen dankte er Saadi und gab ihm einen in Gold gefaßten Stein.
„Nimm dies als Erinnerung an diese Nacht. Trage es unter Dei-nem Gewand. Vielleicht kann ich Dir einmal auf diese Weise den Dienst vergelten, den Du mir heute getan. Ich danke Dir!“
Betroffen hing Saadi das Kleinod um. Es war ihm, als sei es eigen-tümlich warm und lebendig, so daß er hinfort den Stein gern trug. - Fürst Hafis kam aber auch in Gegenden, in denen die Leute fest an Ahuramazda hielten, sich guter Sitte befleißigten und ein fröh-
lich arbeitsames Leben führten.
Es war auffällig, wie hier alles gedieh. Das weite Land glich Ro-sengärten, es leuchtete und duftete. Und in diesen Gärten gingen leichtverschleierte, wunderschöne Frauen hin und wieder, die Blu-men betreuend, leise Lieder singend. Kinder umsprangen sie.
„So muß es in Garodemana sein“, meinte Saadi. Der Fürst, der es gehört hatte, stimmte ihm bei.
„Aber“, fügte er hinzu, „warum ist es nicht überall in dem großen Reich so wie hier?“
„Weil anderwärts die Menschen Ahuramazdas vergessen haben“, erklärte Saadi rasch. „Wenn der Zoroaster kommen wird, wird es
besser werden. Er wird die Seelen der Menschen wieder auf den rechten Weg lenken.“
„Wenn er es kann“, unterbrach ihn der Fürst wehmütig. „Glaube mir, Saadi, der Wegbereiter wird eine unermeßlich schwere Aufga-be haben.“
„Ich denke sie mir herrlich!“ rief Saadi begeistert. „Beneiden könnte ich ihn. Er ist jetzt ebenso alt wie ich. Ich möchte sein Die-ner sein!“
An einem Abend kamen sie in eine sehr gebirgige Gegend. Oben in den wilden Felsen hing ein Schloß, das konnte man deutlich se-hen. Fürst Hafis deutete hinauf.
„Seht, das sind die Überreste des Schlosses, in dem der edelste aller Fürsten, Ara-Masdah, mit der lieblichen Dijanitra einst ge-wohnt. Ihr kennt doch die Erzählung?“
Sie bejahten und schauten voll Spannung hinauf in das Gewirr der Gesteinsbrocken.
„Wohnt niemand mehr da oben?“ fragte der Fürst einen der her-beieilenden Ortsbewohner.
Dieser verneinte. Nach dem Tode des Sohnes von Fürst Ara-Mas-dah sei bei einem Erdbeben der größte Teil des Palastes in Trüm-mer gesunken. Es sei gefährlich, dort hinauf zu steigen.
Man sage zwar, daß unermeßliche Reichtümer unter dem Gestein verborgen lägen, aber noch jeder, der nach ihnen habe graben wol-len, sei nicht mehr zurückgekommen.
„Unsere Alten sagen“, raunte der Mann geheimnisvoll, „daß es niemals einen Fürsten Ara-Masdah von Fleisch und Blut gegeben hat. Ahuramazda habe sich unter diesem Namen ein Menschenal-ter lang hier auf der Erde aufgehalten, um den Menschen nahe sein und sie bessern zu können.“
Alles, was die Leute an Künsten erlernt hätten, führten sie auf die-sen Fürsten zurück, während die Blumenpracht der Täler und Ber-geshänge Dijanitra zugeschrieben werde. Damit zeige es sich, daß dies keine Menschen aus Fleisch und Blut hätten sein können. Aber man dürfe nicht laut davon reden, es sei ein heiliges Geheimnis.
Sinnend hatte Saadi dabei gestanden. Er glaubte nicht an diese Sage. Er konnte recht gut verstehen, daß ein ganz reiner Mensch,
wie Fürst Ara-Masdah es gewesen sein mußte, seiner Umgebung Segen bringen durfte. Aber er war erfüllt von diesen Gedanken.
Frühzeitig suchte er sein Lager auf, das er sich so erwählt hatte, daß er die Burgruine vor Augen hatte, die im Strahl des Mondes geheimnisvoll hernieder schaute.
In dieser Nacht hatte er sein zweites Gesicht
Er sah ein Kindlein auf die Trümmer des Palastes treten. Licht und hell war es und strahlend schön. Über seinem Haupte schweb-te mit gebreiteten Schwingen ein weißer Vogel, dergleichen Saa-di noch niemals gesehen hatte. Auf das Kindlein fiel ein goldener Strahl von oben.
Da hob es das lichte Haupt und breitete die Ärmchen. Danach fing es an zu schreiten auf einer Straße, die der goldene Strahl ihm vorzeichnete. Ruhig und sicher waren seine Schritte, und der weiße Wundervogel begleitete es.
Weit hinaus ging die Bahn des Kindes, das im Schreiten wuchs. Ein Held ohnegleichen, schritt es weiter seines Weges, breit wurde die goldene Bahn!
Lange schien sie über die Erde zu führen, dann hob sie sich. Der Held wurde zur Lichtgestalt und verschwand im Lichten.
Tiefe Trauer erfüllte Saadis Herz, da tröstete eine Stimme:
„Alles Leben verläuft im Ring, Du weißt es. Auch dieser Ring wird sich runden. Bete und harre!“
Saadi begann zu beten. Er wußte nicht, um was er bat. Er flehte, daß der lichte Held sich der armen Erde wieder nahen möge. Plötz-lich betete er nicht mehr zu Ahuramazda, sondern rief die Lichtge-stalt an, die er hatte verschwinden sehen:
„O Du lichter Held, Kindlein aus himmlischen Höhen, kehre wie-der! Die Erde bedarf Deiner. Niemand sonst kann sie retten aus den Fesseln, in die Anramainyus Tücke sie geschlagen!“
Er betete lange und innig. Da schienen sich die Himmel über ihm zu öffnen. Der weiße Vogel schwebte hervor. Mit einem Jubelruf sprang Saadi auf die Füße und neigte sich wieder und wieder.
Die goldene Strahlenbahn zeichnete sich wieder ab auf des Himmelsgewölbes Nachtblau und nun erschien er, der strah-lende Held in goldener Rüstung, das Schwert in der Hand. Das war er, den Saadi schon einmal hatte schauen dürfen, er, der
der Schlange den Kopf abgeschlagen hatte! Aufjauchzend betete Saadi an:
„Mein Herr und mein König!“
Und der Held stieg abwärts und wurde wieder zum Kindlein. Um der Menschen willen wurde er es, Saadi wußte es genau.
„Welch ein Opfer“, stammelte er, in seiner Seele Tiefen ergriffen.
Und plötzlich durchzuckte es ihn, eine selige Gewißheit erfüllte ihn ganz:
„Das war er, der Helfer, der Heiland, der Saoshyant, auf den die Welt wartete!“
Diesen, keinen anderen mußte der Zoroaster verkünden, wenn er kam.
Alles in Saadi war aufgewühlt. Er konnte sich ein gewöhnliches Leben, wie er es bisher geführt, nicht mehr denken. Als der Morgen heraufzog, stand es in ihm fest:
„Ich muß mehr von dem Saoshyant hören! Ich muß den Zoroa-ster suchen und finden!“
Ohne lange Überlegung ging er zum Fürsten und bat, ihn aus. sei-nen Diensten zu entlassen. Fürst Hafis erschrak. Wenn Saadi ging, konnte er seine Aufgabe nicht an ihm erfüllen. Wenn er nur wenig-stens Dschajawa fragen könnte, was er tun sollte!
Er sah, daß Saadi sich kaum würde halten lassen. Sollte er ihm sagen, aus welchem Grunde sie zusammengeführt worden waren? Er hatte dem Atravan Schweigen versprechen müssen. Galt dies Versprechen jetzt noch?
Er wurde zunächst der Antwort enthoben; denn Boten aus der Hauptstadt kamen mit wichtigen Nachrichten. So wendete er sich an Saadi, der zitternd vor Erregung vor ihm stand, und sagte gütig
„Laß mich meine Geschäfte besorgen, mein Freund. Danach will ich hören, warum Du mich zu verlassen wünschest. Wenn ich Dei-ne Gründe ehren kann, will ich selber Dir helfen.“
Damit mußte Saadi sich zunächst begnügen. Er sattelte Traber und unternahm einen einsamen, weiten Ritt. Dabei verirrte er sich, und obwohl er die Kleinen anrief, ihm den Weg zu weisen, fand er an dem Abend nicht wieder den Weg ins Lager des Fürsten zurück. Dagegen kam er an eine einsam in Felsgeröll gebaute Hütte, die ihm, da ein starkes Unwetter hereinbrach, als Unterschlupf willkommen war.
„Ihr tut recht daran, Ihr Luftwesen, daß Ihr mein heißes Blut küh-len wollt“, rief er in das Tosen der Elemente. „Thraetvana, Du Hei-ßer, schone meiner. Ich muß den Zoroaster suchen. Ich kann diese Erde noch nicht verlassen.“
Überlaut hatte er es gerufen. Er wähnte sich allein.
Neben der Hütte sah er im Zucken der Blitze einen kleineren Un-terschlupf für Traber, in den er das Pferdchen sofort brachte, es mit der Satteldecke abreibend.
Dann ging er an die Hüttentür. Vielleicht fand er drinnen ein La-ger, auf das er sich ausstrecken konnte. jetzt begann er die durch-wachte Nacht und den Tag auf Trabers Rücken zu fühlen.
Ehe er aber hatte untersuchen können, wie die Tür sich öffnen ließ, wurde sie von innen aufgetan. Ein uralter Mann, mit einem brennenden Rutenbündel in der Hand, trat über die Schwelle.
„Bist Du der, der den Zoroaster sucht?“ fragte er, den vor ihm Stehenden gespannt betrachtend.
„Hast Du mich gehört, Vater?“ sagte Saadi etwas verlegen. „Ich meinte, allein zu sein. Ja, ich suche den Wegbereiter; denn ich will hören von ihm, dem Hohen, dem Einzigen, dem Saoshyant, für den mein Herz glüht, als wollte es mich verbrennen.“
Noch niemals war Saadi so aus sich herausgegangen. Und nun sprach er einem Fremden gegenüber von dem, was ihn zutiefst be-wegte? Scham wollte ihn erfassen, da zeigte ein Blitz ihm die güti-gen, leuchtenden Augen, die auf ihn gerichtet waren. Nun schwand alle Befangenheit.
„Darf ich bei Dir bleiben, mein Vater, bis das Wetter ausgetobt hat? Willst Du mir erzählen von dem Saoshyant und seinem Weg-bereiter? Ich fühle, daß Du von ihm weißt!“
Atemlos hatte Saadi es hervorgestoßen.
Der Alte lächelte wissend. Statt aller Antwort trat er zurück, daß Saadi einen raschen Schritt über die Schwelle tun konnte. Dröh-nend flog die Tür zu. Draußen heulte der Sturm.
Drinnen brannte ein kleines Feuer, das ein wenig Helle und an-genehme Wärme verbreitete. Der Alte forderte Saadi auf, sich der nassen Kleider zu entledigen, gern folgte dieser und schlüpfte in ein dunkles Gewand, das der Alte herbeibrachte. Er achtete dabei nicht darauf, daß die Augen des Greises voll Spannung auf dem Stein
geruht hatten, der sich beim Kleiderwechsel zeigte. Nachdem der Gast noch mit Speise und einem Trunk erquickt worden war, fragte der Einsiedler, ob er nun schlafen wolle. Er müsse die Nacht über bei ihm bleiben, denn der Wald sei nach einem solchen Unwetter, das noch nicht einmal ganz vorüber sei, völlig unwegsam. Leicht könnten abrollende Steinbrocken Roß und Reiter erschlagen.
Aber Saadi hatte alle Müdigkeit vergessen, wie er auch erst beim Essen gemerkt hatte, daß er den ganzen Tag über keine Nahrung zu sich genommen. Traber war wohl versorgt worden, aber er selbst hatte keinen Hunger verspürt.
Auf die Frage des Greises bat er, erst noch von dem Saoshyant hören zu dürfen. Willig erfüllte der Alte die dringende Bitte.
„Es gibt viele uralte Weissagungen, die sich weiter vererbt haben bei den Priestern und im Volke. Manche sind in die Öffentlichkeit gedrungen und werden Dir bekannt sein. Die Schönste und Heilig-ste aber ist geheim, nur wenige wissen von ihr. Nur wenigen darf sie gekündet werden. Höre
Die Erde, die Ahuramazda sich und den Göttern zur Freude ge-schaffen, mußte leiden von dem Augenblick an, wo die Menschen sie bevölkerten. Ein Sandkorn Sünde beim Vater wurde ein Stein beim Sohn, ein Berg beim Enkel. Sünde legt sich auf Sünde, Schuld auf Schuld.
Der Menschen Verfehlen schuf Anramainyu und seine üb-len Geister. Sie schämen sich nicht, daß sie dem dienstbar wer-den, den sie selber ins Leben riefen! Mit jedem Geschlecht, das die Menschen zeugen, wird die Erde um ein Geringes schwerer. Schon ist sie tief aus ihrer Bahn gedrückt. Es fehlt ihr Ton im Sang der Gestirne.
Schon läßt sich berechnen, wann sie soweit gesunken sein wird, daß sie niemals wieder emporschnellen kann an die ihr angewiese-ne Stelle. Schon zeigen die Sterne, daß es ein Ende haben muß mit den Menschengeistern auf der Erde.
Traurig sehen die Götter auf die Zerstörung, unwillig blickt Ahu-ramazda herab. Er aber setzt dem Treiben der Menschen ein Ende. Zum Gericht ruft er die, die die Erde bevölkern! Nicht er selbst wird dieses Gericht abhalten, ein Sohn Ara-Masdahs wird kom-men, zu richten über die Seelen der Menschen. Er wird der Saos-
hyant sein, der Helfer, der die Guten mit sich emportragen wird nach Garodemana für immer.“
„Ein Sohn Ara-Masdahs, des Fürsten?“ stammelte Saadi. „Soll es nicht heißen: ein Sohn Ahuramazdas, des Gottes?“
„Ich kann die Weissagung nur so wiedergeben, wie ich sie erhal-ten habe, mein Sohn. Grüble nicht darüber und nimm Dir nicht selbst den Segen, der darin liegt. Die Hauptsache ist, daß .ein Saos-hyant kommen wird. Wann er erscheinen wird, das wissen wir noch nicht, aber ich glaube, der Tag ist nicht mehr fern.“
„Sein Wegbereiter ist schon geboren“, versicherte Saadi. „Der Atra-van hat es in den Sternen gesehen. Vor etwa achtzehn Jahren wurde er gekündet. Dreißig Jahre soll der Zoroaster im Verborgenen leben, danach soll er vor die Welt treten, den Helfer zu verkünden.
Ich kann es kaum mehr erwarten, bis ich ihn hören werde. Und darum will ich ihn suchen gehen, und wenn ich das ganze Land durchreisen müßte! Ich will und muß ihn finden!“
„Wenn Du ihn gefunden hast, was willst Du bei ihm?“ fragte der Alte freundlich.
Man konnte merken, daß es nicht Neugier war, die ihn die . Frage stellen ließ. Darum gab Saadi. auch bereitwillig Antwort
„Dienen will ich ihm mit allen meinen Kräften. Es muß herrlich sein, den Helfer der armen Menschheit offenbaren zu dürfen! Ich möchte dabei sein, wenn es geschieht.“
„Glaube nicht, mein Sohn, daß es eitel Freude sein wird für den Zoroaster“, mahnte der Greis ernst. „Auf viel Unglauben und Un-dank, auf Spott und Verfolgung wird er stoßen auf seinem Wege. Schwer wird sein Leben sein.“
„Das sagte Fürst Hafis auch“, überlegte Saadi. „Ich kann es mir aber nicht vorstellen. Und wenn der letzte Tropfen Blut von mir ge-fordert würde, ich gäbe ihn freudig hin, wenn ich damit dem Saos-hyant den Weg bereiten dürfte.“
„Bist Du ein Diener des Fürsten Hafis?“ erkundigte sich der Ein-siedler.
„Ich reite mit seinem Troß, aber ich habe ihn heute gebeten, mich frei zu geben, damit ich den Zoroaster suchen kann.“
„Und was sagte er? Hat er es erlaubt? Erzähle mir doch von Dei-nem Leben. Wahrlich, mich treibt keine Neugier!“
„Ich fühle es, mein Vater. Gern will ich Dir das Wenige sagen, was es zu berichten gibt.“
Aufrichtig und schlicht erzählte Saadi. Als er geendet, sagte der Alte sinnend:
„Kindlichen Glauben lerntest Du bei Madana, Mannestugenden bei Deinem Vater,
die Glaubenslehren der Erwachsenen vermittelte Dir der Atravan,
Menschenkenntnis und Wissen um unser Land erwarbst Du durch Fürst Hafis,
die Wesenheiten verbanden Dich mit den Gesetzen der Natur, ich durfte Dir den Saoshyant künden.
Sechs Weisheiten wurden Dir zuteil, es fehlt nur noch, daß Du den Zoroaster findest!“
„Siehst Du, mein Vater“, frohlockte Saadi. „Ich wußte, daß Du meines Sinnes sein würdest, wenn ich Dir alles genau geschildert haben würde. Ich will hinausziehen in die Welt, will nicht rasten und nicht ruhen, bis ich den Zoroaster gefunden habe.“
Er sprang vom Boden auf, wo er auf einem Bärenfell halb aus-gestreckt gelegen hatte. Aber lächelnd drückte der Alte ihn wieder zurück.
„Heute Nacht kannst Du nicht gehen. Das Unwetter hat aufs neue eingesetzt. Höre, wie die Windgeister toben. Vayn hat alle Falten seines Mantels zugleich geöffnet. Er und Thraetvana jagen sich am Himmelsgewölbe. Da ist es nicht gut, wenn ein Mensch im Freien ist.
Dann aber möchte ich Dir raten: Suche den Wegbereiter in der Stille! Je mehr Du in die Einsamkeit gehst, um so eher wirst Du ihn finden können. Im lärmenden Gewühl der Menschen wirst Du ihn vergeblich suchen.“
„Ich danke Dir für Deinen Rat, mein Vater. So will ich in die Ein-samkeit gehen. Bitte für mich, daß ich ihn bald finde!“
Der Alte aber schien nicht mehr willens zu sein, für heute noch weiter zu reden. Er streckte sich auf ein anderes Fell neben den Gast und bald schliefen beide.
Gleichzeitig erwachten sie am frühen Morgen. Die Sonne lachte über die regennassen Sträucher und Felsen, wunderbar duftete die erfrischte Natur.
Kleine Helfer standen bereit, Saadi zum Zeltlager des Fürsten zu führen. Nach herzlichem Abschied trennte er sich von dem Ein-siedler, der ihn bat, wenn er den Zoroaster gefunden habe, einmal zu ihm zu kommen.
„Es muß nicht in den ersten Wochen sein, Saadi“, sagte er ruhig,
„aber komme, sobald es Dir möglich sein wird! Ich habe dann eine Botschaft für Dich.“
„Für mich, mein Vater?“ erwiderte Saadi sehr erstaunt. „Kannst Du sie mir nicht jetzt schon geben? Ich werde ja den Wegbereiter sicher finden.“
„Nein, meine Botschaft ist für den, der gefunden hat. Vergiß das Wiederkommen nicht, mein Sohn.“
Traber scharrte ungeduldig. Saadi schied.
Einen halben Tag lang mußte er reiten. Endlich sah er das Zelt-lager nicht weit von einer größeren Ortschaft liegen. Er fragte die Kleinen, warum sie ihn gestern im Stich gelassen, Sie lachten.
„War das, was Du statt dessen gefunden, etwa unwert?“ Da mußte er zugeben, daß es sogar sehr wertvoll für sein Leben sein konnte.
„Denke daran, Saadi, nicht immer werden die Bitten so erfüllt, wie die Menschen es sich denken. Ginge es nach ihrem Kopf, so hätten sie manchmal mehr Schaden als Nutzen.“
Das verstand Saadi. Er dankte den Kleinen, daß sie es so gut mit ihm gemeint.
Wie würde Fürst Hafis sein Fernbleiben aufgenommen haben? Ob er wohl gedacht hatte, er sei ohne Erlaubnis für immer fortge-ritten? Ehe er sich noch entschuldigen konnte, redete der Fürst ihn aber freundlich an:
„Es war gescheit, daß Du mir Botschaft gesendet! So wußte ich doch, daß Du bei dem Unwetter geborgen warst.“
Saadi schwieg, weil er überlegte, wer dem Fürsten die Botschaft gebracht haben konnte. Dieser aber forderte ihn auf, mit ihm in sein Zelt zu treten.
„Mit dem Trupp Reiter, der mir gestern entgegenzog, ist auch mein alter Lehrer Dschajawa gekommen. Er möchte Dich sehen, Saadi.“
Mit diesen Worten schob der Fürst den Jüngling in das Innere des Zeltes, das er noch nie betreten.
Er war geblendet von der Pracht, die ihn umgab. Aber als seine Augen erst auf Dschajawa geruht hatten, konnte er sie nicht mehr losreißen von dem würdigen Greis. Vergessen war alle Schönheit ringsum vor dem Strahlen dieser tiefblauen Augen. Blaue Augen! Das schien Saadi völlig unirdisch!
Nachdem der Alte sich einiges aus Saadis Leben hatte erzählen lassen, fragte er ihn:
„Weshalb willst Du den Fürsten verlassen, der es herzlich gut mit Dir meint?“
„Es ist nicht Undank, mein Vater“, brach es aus Saadi hervor. „Ich muß den Zoroaster finden, damit er mir von dem Saoshyant kün-de! Wenn ich dem Wegbereiter dienen darf, werde ich durch ihn auch dem Helfer dienen, dem strahlenden Held, der kommen wird, die Welt zu richten und zu lösen.“
„Wie willst Du den Zoroaster finden?“ begehrte der Greis zu wissen.
„Ich werde in die Einsamkeit gehen, wie mir der Einsiedler ge-raten hat. O mein Vater, er verstand meine glühende, brennende Sehnsucht, die mich verzehrt. Er begriff, warum ich keine Ruhe mehr kennen kann, bis ich gefunden! Versuche, mich zu verste-hen!“
„Ich verstehe Dich, mein Sohn, und ich billige Dein Vorhaben. Ziehe in die Einsamkeit, lausche, lerne. Du ganz allein mußt den Zoroaster finden, niemand kann ihn Dir zeigen. Wenn Du ihn aber gefunden hast, so komme zu mir! Ich habe dann eine Botschaft für Dich.“
Saadi lachte glückselig.
„Dank Dir, mein Vater, für Dein Verstehen. Aber genau so sagte der Einsiedler. Auch er hat eine Botschaft für mich, wenn ich den Zoroaster gefunden haben werde. Früher darf er sie mir nicht geben. Ich werde zu Dir kommen. Wenn es doch bald sein dürfte!“
„Früh oder spät, mein Sohn, wenn Du nur findest“, erwiderte Dschajawa.
Fürst Hafis bedeutete Saadi, daß er noch diese Nacht bei ihm bleiben müsse, damit ein Packpferd mit Vorräten für ihn gerichtet werden könne.
Der Ungeduldige fand es unnötig, daß für ihn gesorgt werde. Ir-
gendwie werde er schon durchkommen. Aber das wagte er nicht zu äußern, und darum fügte er sich.
Seine Gefährten bedauerten sein Scheiden. Er war ihnen ein lieber Freund gewesen, trotz vieler Regungen von Eifersucht und Neid, die sie um seinetwillen verspürt. Der Fürst hatte Ihnen ge-sagt, ein geheimer Auftrag rufe Saadi fort von ihnen. Das ehrten sie und drangen nicht weiter in den Jüngling.
Wieder richtete er sein Lager in dieser Nacht so, daß er die Pa-lastruine vor sich hatte, aber es wurde ihm kein Schauen zuteil. Ru-hig schlief er mit dem gesunden Schlaf der Jugend.
Kurz war der Abschied am nächsten Morgen. Dschajawa hing ihm eine goldene Kapsel um mit der Weisung, sie nicht zu öffnen. Wenn er, Dschajawa, nicht mehr am Leben sei, bis Saadi den Zo-roaster gefunden, so solle er die Kapsel seinem Nachfolger bringen. Auch dieser werde ihm dann die Botschaft melden können.
Wie für einen scheidenden Sohn hatte Fürst Hafis gesorgt. Das kräftige Packpferd war reich beladen mit allem, dessen ein Einsa-mer bedürftig war.
Als einige Wegbiegungen das Zeltlager hatte verschwinden las-sen, stieg die Frage in Saadi auf, wohin er sich zunächst wenden solle.
War er nicht an einem entscheidenden Wendepunkt seines Le-bens angelangt, dem Punkt, wo er zum ersten Mal auf sich allein angewiesen war? Der lichte Helfer aber hatte ihm verheißen, daß er ihm in allen entscheidenden Augenblicken nahe sein wollte. So wollte er es wagen und nach ihm rufen.
Und während Traber gemächlich dahinzog, betete Saadi in sei-nem Innern und rief den Führer.
Wie eine lichte Wolke stand er vor ihm, und eine Stimme sprach aus dieser Wolke:
„Du bist auf dem rechten Wege, Saadi. Suche den Zoroaster von ganzer Seele. Du wirst ihn finden. Gehe in die Einsamkeit, lerne von den kleinen und großen Wesen, von Strauch und Blüte, von Tier und Gewässer, aber vergiß Dein Ziel nicht. Hast Du den Zo-roaster gefunden, so wird er Dich zu dem Wissen um den Saos-hyant leiten. Gesegnet wirst Du sein, gesegnet Deine Aufgabe!“
Ehe Saadi danken konnte, war die Wolke verschwunden, aber ein inniger Dank stieg empor zu Ahuramazda.
Dann vertraute er sich der Führung kleiner Wesen an, die ihm verhießen, ihn an eine prächtige Einsiedlerhütte zu bringen, die unbenützt sei. Sie führten ihn in der Richtung auf die Palastruine zu.
Saadis Herz schlug höher. Seit er das herrliche Bild hatte schauen dürfen, liebte er das Gemäuer. Aber die Kleinen warnten, er dürfe niemals emporklimmen, er dürfe sich nicht höher wagen, als sie ihn führten.
Gefahren lauerten dort. Große Wesen hüteten im Auftrag Ahura-mazdas die Schätze Fürst Ara-Masdahs.
„Es wird ein Tag kommen, da werden sie sie freigeben müssen, wenn der rechtmäßige Erbe erscheint. Das wissen sie“, sagten die kleinen Führer wichtig. „Wann der Tag kommt, das wissen wir nicht. Das weiß niemand. Aber kommen wird er, das ist sicher. Da darf kein edler Stein fehlen an dem, was Ara-Masdah gehörte.“
„Hat denn das Gemäuer im Fallen nicht die Schätze zerstört?“ fragte Saadi voll Anteilnahme.
Er sah in Gedanken die geborstenen und plattgedrückten Scha-len, die zersprungenen Steine. Die Kleinen aber lachten.
„Meinst Du, wenn uns befohlen wird, Dinge zu hüten, wir lassen ihnen irgendwann etwas geschehen? Die Großen waren schon am Platze, ehe der Palast von dem Beben der Erde barst, Sie hatten alles sorglich geborgen. Aber sie mußten es an Ort und Stelle belassen, damit der Erbe es auch findet.“
„Der Erbe, sagt Ihr?“ fragte Saadi nachdenklich. „Wenn der Sohn Ara-Masdahs kinderlos gestorben ist, so kann doch kein Erbe da sein!“
„Menschenweisheit! Menschenklugheit!“ höhnten die Kleinen und wollten nicht mehr Rede stehen.
Sie waren inzwischen auch da angekommen, wo Saadi zunächst bleiben sollte. Sicher vor Sturm und Unwetter war aus Steinen eine geräumige Hütte so in die Felsen geschichtet, daß sie kaum von ih-nen zu unterscheiden war.
Eine vorspringende Bergnase schirmte das Dach und hatte es lan-ge Zeit wohl schon vor Regen gehütet, so daß auch alles Holzwerk
innen trocken und fest war. Ein breites Holzlager zog sich an einer Wand entlang. Die Feuerstelle war sorgsam aus Steinen errichtet und hatte einen Abzug nach oben, Holz lag daneben geschichtet.
Die Kleinen zeigten ihm dicht dabei einen ebenso guten Unter-schlupf für die beiden Pferde, denen sie getrocknetes Gras und Kräuter in Mengen zugetragen hatten.
„Denke daran, daß Du keinen Weg betreten darfst, der von hier aus in die Höhe führt!“ warnten sie nochmals. „Es gibt genug Wege, die Dein Fuß gehen kann. Der Weg zum verfallenen Palast aber ist gefährlich.“
Fort waren sie, ehe Saadi noch etwas fragen konnte. Er hörte nur noch ihr unbekümmertes Lachen aus der Ferne.
Zunächst gab es Arbeit mit Unterbringen der Pferde und der Vor-räte. jede Decke, die ihm des Fürsten Güte hatte aufschnallen las-sen, begrüßte er mit Dank und Freude. Er schämte sich.
„Wie unmutig war ich in meiner Selbständigkeit“, dachte er, „daß Hafis mich noch festhielt, um mir Dinge mitzugeben, die seine wei-se Erfahrung für notwendig hielt!“
Nun hatte er genug wärmende Hüllen für die Tiere und für sich; denn kalt war es da oben.
Von fern her tönte das tosende Rauschen eines Gebirgsbaches, den mußte er nun suchen. Zwei Wassergefäße hatte er gleichfalls dem Packpferd abgeschnallt. Mit denen machte er sich auf. Fehlge-hen konnte er nicht : zu laut meldete sich das erwünschte Wasser.
Dann stand er fast in Andacht vor dem Sprühen und Schäu-men, das da zu Tal tobte. Die Sonnenstrahlen brachen sich in den Tausenden von emporgeschleuderten und wieder herabfallenden Tropfen. Farben und Töne woben sich ineinander.
Da aber, wo das Wasser in zwei breiten Bändern dicht nebenein-ander eine Strecke weit herabrann, teilte sich die Flut und ein wun-derholdes Antlitz grüßte heraus.
„Ardvisura Anahita“, jauchzte er und beugte das Knie.
Das holde Wesen lachte, ein perlendes, klingendes Lachen, das sogar ein leises Echo zu erwecken schien.
„Ich bin nur eine ihrer geringsten Dienerinnen, Du Mensch!“ er-klärte sie noch immer lachend. „Anahita zeigt sich keinem Sterbli-chen. Auch mich darfst Du nur sehen, weil das, was von Dir ausgeht,
rein ist. Durch die Wasser kam es zu mir und hat mich gerufen.“
„Darf ich von Deinem Wasser nehmen?“ fragte er bescheiden. Wieder erklang das perlende Lachen.
„O Du Mensch! Nimm soviel Du magst, und wenn Du Hunger hast, will ich Dir auch einen Fisch schenken. Nur selber nehmen darfst Du Dir keinen, und darfst auch nicht mehr verlangen, als Du wirklich bedarfst.
Du kannst auch manchmal kommen, mit mir zu plaudern, wenn es Dir zu einsam ist. Ich werde Dir viel Schönes zeigen und Dich manches lehren“, gewährte sie huldvoll.
Freude im Herzen kehrte Saadi mit den gefüllten Gefäßen in sei-ne Hütte zurück,
Die nächsten Tage vergingen mit Umherstreifen in der näheren Umgegend. Er merkte bald, daß er die Pferde frei weiden lassen konnte. Sobald es ihnen zu kalt wurde, kehrten sie von selbst in ihren Unterstand zurück.
Nun wurde ihm die Weisheit auch klar, die darin lag, ihm das Packpferd mitzugeben. Traber allein hätte die Einsamkeit nicht er-tragen. Es freute ihn, daß für das gute Tier gesorgt war, aber nun kam er sich ziemlich überflüssig vor.
Auf einmal verfiel er ins Denken. Warum war er in die Einsam-keit gegangen? Um den Zoroaster zu finden!
Konnte er ihn finden, wenn er nicht suchte? Wo aber sollte er suchen? In die Einsamkeit war er gewiesen worden. Folglich mußte er auch dort suchen.
Was erwartete er von dem Wegbereiter? Daß er ihm von dem Saoshyant künde!
Als ob es ein Zauberwort sei, riß der Ausdruck „Saoshyant“ alles Denken Saadis an sich. Der Helfer, der Löser! Der strahlende Held! Wenn er ihn doch nochmals sehen dürfte!
Er versuchte, sich das herrliche Bild immer aufs neue vor die Seele zu stellen. Der Funke, der in ihm geglüht hatte, erhielt immer neue Nah-rung und wurde zur Flamme. Lodernd und brennend erfüllte sie ihn. Ohne daß er selbst es merkte, wandelte sich seine Sehnsucht nach dem Zoroaster in das Verlangen nach dem Heiland. Als Kind-lein hatte er ihn gesehen. War es Zufall, daß das Knäblein auf den
Trümmern von Ara-Masdahs Palast gestanden?
„Zufall gibt es nicht!“ raunte eine leise Stimme. „Alles, was Ahu-ramazda geschehen läßt, hat Sinn und Zweck. Such in allem Erle-ben das, was Dir damit geoffenbart werden soll, das, was Du daraus lernen kannst. Nur so wirst Du auf den Weg des Zoroaster gelan-gen.“
Saadi horchte auf. War es kein Zufall, daß er das Kindlein hier hatte schauen dürfen, so bedeutete das, daß es mit diesem Palast in Verbindung stand. Die Weissagung, von der ihm der Einsiedler gekündet, fiel ihm ein
„Ein Sohn Ara-Masdahs würde der Saoshyant sein.“
Wäre das doch richtig? Wie konnte ein Sohn einem toten Fürsten geboren werden? Wie konnte in dem verfallenen Palast ein Helfer erstehen? Denn noch konnte der Helfer nicht auf der Erde sein, da der Wegbereiter noch nicht einmal seine Aufgabe angetreten hatte.
Plötzlich kamen ihm die Worte der Wichte in den Sinn „Wenn der Erbe kommen wird!“
Der Erbe? So erwarteten auch sie einen Sohn Ara-Masdahs?
Er rief nach den Kleinen, um Auskunft zu erhalten, aber sie ka-men nicht. Gestern waren sie doch sofort gekommen, als er nur hatte wissen wollen, ob die roten Beeren, die er an Sträuchern ge-funden, eßbar seien! Kamen sie nur, wenn er irdische Fragen zu stellen hatte? Mußte er die Antwort auf alle anderen selber finden? So würde es wohl sein! Er betete und bat dann den lichten Helfer, ihm den Weg zu zeigen, auf dem er die Lösung dieser Frage erreichen könnte.
Da stand die helle Wolke wieder vor ihm, und die bekannte Stim-me erklang:
„Bete und harre in Geduld, Saadi! Ohne Mühe läßt sich nichts erreichen. Es wird Dir gegeben werden, alles zu schauen und zu begreifen, was Du wissen mußt. Aber erzwingen kannst Du keine Antwort.
Sieh, diese Fragen senken sich wie Samenkörner in Deine noch junge Seele. Laß sie erstarken und Wurzel fassen. Danach werden sie emporstreben und im Licht von oben werden ihre Knospen sich öffnen, eine um die andere. Aber Du mußt Geduld haben, darfst nicht mit ungestümen Fingern die zarten Blüten vorzeitig gewalt-sam zu öffnen versuchen. Herzeleid würde Dein Lohn sein!“
Geduld! Ob der Lichte wohl wußte, wie verzehrend die Flamme in ihm brannte? Er wollte versuchen, geduldig zu sein.
Es war also jetzt eine Zeit der Aussaat in seiner Seele. Ja, so war es! Wenn er sich beobachtete, so merkte er, wie Frage um Frage in ihm entstand. Nun durfte er also die Lösung nicht suchen, von selber würde sie ihm zufallen.
Was konnte er aber tun, um die jungen Triebe in sich erstarken zu lassen? Beten und nur reine, schöne Gedanken in sich erwecken!
Neuerdings beschäftigte ihn der Gedanke, woran er erkennen könne, wer der Zoroaster sei. Er wußte gar nichts von ihm, als daß er so alt sei wie er selber. Nun, auch das würde sich lösen, er wollte auch hier beten und harren.
Oftmals besuchte er die Nixe, die aber nicht immer auf seinen Ruf erschien. Mutwillig ließ sie ihn warten, oder neckte ihn, indem sie von weit unten ihr Lied erschallen ließ. Kam er dann in großen Sprüngen unten an, so tönte ihr Lachen wieder von oben.
„Zu träge wirst Du, Du Mensch“, spottete sie. „Ich muß sorgen, daß Deine Glieder geschmeidig bleiben.“
Sie schlug im Übermut in die schäumenden Wasser, daß er völlig durchnäßt wurde.
„Laufe in die sonnige Weite, damit Du trocknest!“ rief sie lachend. An solchen Tagen konnte er nichts von ihr erfahren. Aber es ka-men andere, an denen sie mitteilsam war. Aus dem Grund des Was-sers holte sie köstliche Steine und Muscheln empor. Einmal brachte sie sogar milchweiß schimmernde Perlen, wie er sie an dem Stirnreif des Fürsten gesehen hatte.
„Gibt es das alles in dem Bergbach?“ wollte Saadi wissen. Die Nixe verneinte.
„Ich bekomme es von den anderen, damit ich Schönes zum Spie-len habe. Hier gibt es nur gelbe Steine, die die anderen von mir eintauschen, weil sie sie nicht haben.“
Ein andermal wies sie ihm Fischeier und erklärte ihm, wie die Fischlein daraus entstehen. Wie ein holdes Wunder erschien ihm das alles. Ach, Wunder lagen ja überall in der ganzen Natur verbor-gen. Je näher er mit ihr lebte, um so mehr empfand der Mensch das Große, das Ahuramazda gedacht hatte. Je inniger er sich an das We-ben in der Natur anschloß, um so tiefer verehrte er ihren Schöpfer.
Eines Tages, als die Sonnenstrahlen fast senkrecht herabfielen, er-wartete die Nixe den Menschen schon. Sie hatte den Finger auf den Mund gelegt als Zeichen, daß er kein Wort sprechen solle. Mit der andern weißen, zarten Hand deutete sie auf einen Stein, der mitten im Sonnenglanz lag, von grünem Moos überzogen.
Leise schlich sich Saadi heran und gewahrte ein grüngraues Schlänglein, auf dessen Köpfchen eine goldene Krone saß. Es rin-gelte sich in der Wärme, hob den zierlichen Kopf und das Krönlein blitzte und funkelte.
Mit aller Gewalt mußte Saadi den Jubel in sich verschließen.
Jetzt raschelte es am Boden, eine zweite Schlange, etwas größer als die erste, ebenfalls mit einem Krönlein geziert, schlängelte sich herbei und glitt dann anmutig auf den Stein.
Das Nixlein war nahe herbeigeschwommen, hob sich halben Lei-bes aus den Wassern und betrachtete leuchtenden Auges das ent-zückende Bild.
Die Schlangen schienen miteinander zu sprechen, dabei umwan-den sich die schimmernden Leiber und glitten wieder auseinander. Plötzlich, ohne jede äußere Veranlassung, schlängelten sie sich in verschiedener Richtung davon.
Nun brach Saadis Freude los. Er dankte der Nixe immer aufs neue, daß sie ihm das Köstliche gezeigt. Dann wollte er wissen, wa-rum die Schlänglein Kronen tragen dürften.
„O Du Mensch!“ lachte die Nixe, „warum tragen denn die Men-schen Kronen?“
„Weil sie Fürsten sind!“ antwortete Saadi rasch. „Sind denn die beiden Schlangen auch Fürsten?“
„Es sind König und Königin. Ahuramazda hat ihnen mehr ge-schenkt als den gewöhnlichen Schlangen. Darum müssen sie aber auch für die anderen sorgen und ihnen dienen mit dem, was sie ha-ben. Sie tun es getreu. Bei den Tieren gibt es keine selbstsüchtigen Fürsten und keine habgierigen.“
Wieder hatte Saadi etwas gelernt, das ihm wichtig war. Aber die Freude an der Schönheit erfüllte ihn noch weit mehr.
Auch seine kleinen Helfer, die Wichte, lehrten ihn mancherlei. Sie ließen ihn in die Gruben der Tiere schauen. Sie zeigten ihm, wie köstliches Gestein eingebettet saß im Felsen, treu behütet von
besonders dazu bestellten Wächtern, die ganz anders aussahen als die Wesen, die zwischen Bäumen und Sträuchern umhersprangen. Aber es war, als betäube dies alles nur seinen Geist für kurze Zeit. Immer glühender wurde die Sehnsucht, immer ungestümer das Verlangen. Es gab Zeiten, da litt es ihn nicht mehr beim untätigen
Denken. Dann sprang er auf und lief in den Wald.
So ging es auch an einem sonnigen Tage, der auf lange Regenwo-chen gefolgt war. Saadi war bergabwärts gestiegen, um die köstli-chen Düfte zu atmen, die den im Sonnenlicht dampfenden Bäumen und Sträuchern entquollen.
Da sah er plötzlich am Waldessaum vor sich eine schlanke Ga-zelle. Aus klugen braunen Augen schaute das Tierlein ihn an, so verständig, als könne es jeden Gedanken des Menschen erfassen.
„Welch’ prächtigen Kameraden würdest Du für meine Einsamkeit geben!“ rief Saadi und eilte auf das Tierlein zu.
Dieses ließ ihn bis auf wenige Schritte herankommen, machte dann einen großen Satz und verschwand im Dickicht. Saadi eilte ihm nach.
Nun war jeder Nerv gespannt. Dies Tierlein mußte er sich zum Freunde gewinnen. Eine lustige Jagd begann. Wiederholt hatte der Mensch das kleine Geschöpf so nahe, daß er es zu greifen meinte, dann warf die Gazelle den Kopf herum, machte einen Sprung und enteilte.
Weiter und weiter verfolgte er sie und hatte des Weges nicht acht. Atemlos keuchte er in rasendem Lauf aufwärts. Da hörte er plötz-lich ein donnerähnliches Gebrüll:
„Weißt Du nicht, Mensch, daß wir keinen hier auf den Berg lassen!“ Die Stimme gehörte einem Riesen. Einen Augenblick lang sah Saadi den gewaltigen Körper drohend über sich, dann fühlte er sich
gepackt und über die Felsen hinabgeworfen.
Besinnungslos blieb er unten liegen. Er blutete aus einer Kopf-wunde. Leise, freundliche Hände machten sich damit zu schaffen.
„Wir müssen warten, bis er aufwacht“, sagte der eine der Kleinen.
„Er wird auch sonst noch Schaden genommen haben.“
„Aber wir dürfen ihn nicht merken lassen, daß er uns leid tut“, mahnte der andere. „Er hat die Strafe reichlich verdient; denn er war gewarnt.“
„Aber auch Holder, der Riese, wußte von ihm und hätte es mit Schelten bewenden lassen dürfen. Er ist immer gleich so derb und packt zu!“ murrte der Erste.
Saadi begann zu erwachen. Die Kleinen schlüpften hinter einen Baumstamm. Zunächst tastete der Verwundete nach dem Kopf.
Nun wollte er sich erheben, aber es ging nicht. Die Schmerzen waren zu stark, auch hatte er keine Gewalt über seine Glieder. Mit einem Weheschrei sank er wieder zurück. Lange lag er so, dann schaute er sich um, so gut es gehen wollte.
Ganz unbekannt war ihm die Gegend, er mußte seiner Hütte ziemlich fern sein; denn was in der Nähe war, kannte er alles. Nun fiel ihm seine Jagd nach der Gazelle wieder ein und dabei auch die Behandlung, die er von dem Riesen erfahren.
„Ich habe Eure Mahnung vergessen, Ihr Kleinen. Darum muß ich leiden!“ rief er wehmütig.
Da schlüpften sie auch schon, hervor.
„Weil Du Dein Unrecht einsiehst, dürfen wir Dir helfen“, sagten sie froh. Eilfertig beugten sie sich über das schmerzende Bein:
„O weh, das ist schlimm! Du hast das Bein gebrochen! Da wirst Du lange Zeit hier liegen müssen, bis es geheilt ist.“
„Könnt Ihr nicht Traber holen, daß er mich in meine Hütte trägt?“ schlug Saadi vor.
„Wie kämest Du auf seinen Rücken und wieder hinunter?“ frag-ten die Kleinen dagegen. „Es ist ein Glück, daß die Regenzeit vorbei ist. Gegen zu starke Sonnenstrahlen wissen wir Dich zu schützen.“ Sie enteilten und waren in sehr kurzer Zeit wieder zurück in Be-
gleitung von etwa dreißig ähnlicher Männchen.
Wie Ameisen über eine tote Maus, so fielen die Wichte über ihn her. Sie rückten an den Knochen, als ob sie keinem Lebenden ge-hörten. Trotz aller Schmerzen mußte Saadi laut lachen über die Ge-schäftigkeit der kleinen Schar.
Dann stob die Schar davon, nicht ohne zu versichern, daß sie für die Pferde sorgen und es auch ihm an nichts fehlen lassen würden. Da lag er nun unbeweglich für lange Zeit. Er, dem die Einsamkeit in den Bergen unerträglich hatte scheinen wollen, er war jetzt an jeder Bewegung gehindert. Und die Gedanken kamen und ließen sich nicht bannen.
Die Stimme hatte damals gesagt, er solle aus allem Erleben das heraussuchen, was er daran lernen könne. Was sollte er aus diesem Unfall lernen?
Nicht blind drauf los stürzen durfte er mehr, wie er es zu tun ge-wohnt, wie es in seinem Wesen lag.
Auf wohlgemeinte Warnungen mußte er hören, das war das an-dere.
Aber die Hauptsache war wohl, daß er lernen mußte, sich mit Ge-duld in jede Lage zu finden. Wenn nun inzwischen der Zoroaster an seiner Hütte vorüberging? Bei dem Gedanken wurde ihm heiß. Er flehte verzweifelt nach dem lichten Helfer, und dieser ließ ihn nicht lange warten. Diesmal erschien er in zartester Körperlichkeit und war anzusehen wie ein schöner, edler Mann.
Freundlich beugte es sich über den Wunden, der Vorwürfe er-wartet hatte.
„Du Armer“, sagte der Lichte mit gütiger Stimme, „nun mußt Du auf so schmerzliche Weise lernen, was doch so wichtig ist für Dein ganzes Leben: die Dinge an sich herankommen zu lassen!
Aber wegen des Wegbereiters brauchst Du Dir keine Sorgen zu ma-chen: er wird Dir so gezeigt werden, daß Du keine Zweifel mehr haben wirst. Entgehen kann er Dir nicht. Liege nur jetzt ganz still. Höre auf mit Selbstvorwürfen und versuche zu lernen, was Dir geboten wird.
Wenn Du die nötige innere Ruhe erlangt haben wirst, wird Dir sicher zu neuem inneren Erleben. geholfen werden. Versuche nicht, künstlich etwas herbeizwingen zu wollen. Denke an die Blüten, die sich von selbst dem Licht von oben öffnen müssen, damit die Blu-me sich entfalte und Frucht bringe“.
Große Ruhe war in Saadis Seele eingezogen, nachdem sein Füh-rer ihn verlassen hatte. Er wußte nun, daß er Gewinn aus dieser Prüfung heimtragen dürfe. Nun wollte er alles tun, um sich diesen Gewinn nicht entgehen zu lassen.
Die Männlein kamen täglich, nach der Wunde und dem gebro-chenen Bein zu sehen. Sie brachten ihm Speise und Trank und zeig-ten ihm allerhand Kunststücke im Springen und Klettern zu seiner Unterhaltung.
Manchmal erzählten sie ihm auch, was sich im Walde zutrug. Aber es blieb immer noch genug Zeit, in der die Seele still werden und sich in Heiliges versenken konnte. Dann kam eine Nacht, da wurde ihm abermals ein Gesicht beschert.
Er sah einen unendlich weiten, großen Raum, wie er niemals ei-nen gesehen. Licht und hell war er, obwohl er keine Fensteröffnun-gen zu haben schien. Alles Licht schien von oben hereinzufallen.
In strahlenden Bündeln senkte es sich in ein rotgoldenes Gefäß, in dem es zu brodeln begann.
Jeden Augenblick erwartete Saadi, das Gefäß, . das bis zum Rande gefüllt zu sein schien, werde überlaufen. Aber das geschah nicht. Ringsum begann ein Tönen und Klingen, als sängen viel tausend lieblichster Stimmen. Dann verschwand das Bild.
Aber es kam wieder, Nacht um Nacht. Immer deutlicher und strahlender zeigte es sich, bis es einmal am Tage erschien. Feierli-che Stille herrschte ringsum, es war, als dürfe die ganze Natur mit-schauen.
Oben, ganz oben tat sich der weite, lichterfüllte Raum auf, in den immer neue Lichtfluten hereinbrachen. Unerhört herrlich war all der Glanz.
Die Schale strahlte, wie sie noch nie geleuchtet. Lichte Gestal-ten schienen sie zu umgeben. Plötzlich stand er, der Erhabene, der strahlende Held, hinter der Schale und hob die weißen Hände.
Da floß das kostbare Naß über und strömte herab, immer tiefer und tiefer, bis es alle Himmel und alles auf Erden netzte und er-quickte.
Unerhörte Kraft durchrieselte den Schauenden. Er konnte die Augen nicht abwenden, trotzdem der Glanz ihn blendete. Er sah den Gesegneten, den Helfer!
„Mein Herr und König“, rief er in Jubel und Verlangen, und wuß-te nicht, daß er es rief. Er hörte auch nicht das Klingen ringsumher. Langsam verlosch das Bild. Der Himmel schloß sich wieder zu ungetrübter Bläue. Aber die Kraft, die ihm geschenkt worden, die war bei ihm geblieben. Sie belebte ihn. Er richtete sich auf.
Es ging! Er wollte aufstehen, aber da war nichts, daran er sich hät-te halten können. Er mußte warten, bis die Kleinen kamen. Warten hatte er nun gelernt. Es fiel ihm nicht mehr schwer.
Da kamen sie auch schon heran getrippelt, Wie verjüngt sahen sie aus !
„Was ist Euch geschehen!“ rief Saadi ihnen entgegen.
„Das gleiche wie Dir“, lautete die rasche Antwort. „Wir haben alle von der Kraft empfangen dürfen, die einmal im Jahr auf die ganze Schöpfung herabströmt. Das ist ein hoher Feiertag auf Erden, den Ihr Menschen aber schon vergessen habt,
Wir alle und die Tiere und Pflanzen, wir wissen davon und neh-men die Kraft bewußt in uns auf. Euch anderen wird sie auch ge-schenkt. Aber Ihr merkt es kaum, und wenn Ihr merkt, daß etwas Euch gestärkt hat, so denkt Ihr nicht darüber nach, woher Euch dies kommt.“
Sie freuten sich, daß er das Aufstehen versuchen wollte. Heute würde es wahrscheinlich möglich sein. Nach vielen vergeblichen Versuchen gelang es: er stand!
„Nun noch ein paar Tage Geduld, Saadi“, ermunterte ihn einer der Wichte, „dann holen wir Traber und Du kannst heimreiten.“
Nach einigen Tagen brachten sie wirklich das Tier, das große Freude zeigte, seinen Herrn wieder zu sehen. Im Verein mit den hilfreichen Kleinen gelang es Saadi, aufs Pferd zu kommen.
Langsam ritt er auf dem Weg, den die Kleinen ihm zeigten. Wie vertraut erschien ihm seine Hütte, wie bequem das Lager! Auch das andere Pferd hatte ihn mit frohem Wiehern gegrüßt.
Dann kam es eilig herbeigetrippelt auf raschen leichten Füßen: die kleine Gazelle kam an sein Lager, auf das er sich mit Hilfe der Männlein ausgestreckt hatte.
„Wie kommst Du hierher, Gazellchen?“ fragte er, das zutrauliche Tierlein liebkosend.
Da war es ihm, als könne er die Antwort verstehen
„Wer es erwarten kann, zu dem kommt alles, was für ihn be-stimmt ist. Wärest Du mir nicht so unsinnig nachgesprungen, so hätte ich mich schon im Walde greifen lassen dürfen.“
„Dürfen?“ fragte Saadi erstaunt. „Wer hatte es Dir zu verbieten?“
„Der Herr“, antwortete das Tier ernst. „Du solltest an mir lernen. So wie ich zu Dir gekommen bin, weil in Deinem reinen Herzen das Verlangen nach mir so groß war, so wirst Du auch den Zoroaster erkennen, wenn die Zeit gekommen sein wird. Keine Stunde vorher.“ Es war Saadi ein Neues, daß er das Tier verstehen konnte. Er fürchtete, es werde wieder verschwinden, aber das Tier blieb bei
ihm und die Fähigkeit, sich mit ihm zu verständigen, wuchs. Als er langsam das Gehen wieder begann, umsprang ihn das leichtfüßige Waldtier, und er wurde nicht müde, die zierlichen Bewegungen an-zustaunen.
Aber was er mit der Gazelle gelernt, gab ihm noch zu denken. War es denn nicht richtig, sich selber zu mühen, sollte man immer warten, bis einem die erwünschten Dinge in den Schoß fielen?
Fast hatte es den Anschein, als sei dies der Wille Ahuramazdas, aber tief in seiner Seele empfand Saadi, daß es nicht so war. Wer löste ihm diesen Zwiespalt?
Ungerufen trat in dieser Nacht der Lichte zu ihm.
„Saadi, höre! Es gibt ein großes Gesetz, das geht durch die ganze Schöpfung: Wer nicht säet, der soll auch nicht ernten. Das heißt: wer etwas haben möchte, der soll sich darum mühen.
Darum mühen aber heißt nicht: im Ungestüm darauf losjagen, die Erfüllung des Wunsches unter allen Umständen herbeizwingen wollen. Wann der Wunsch erfüllt wird, wann die Ernte reif ist, das hängt von Ahuramazdas Willen ab.
Hat der Mensch das Seine getan, so muß er warten. Genau zu der von dem weisen Gott bestimmten Stunde darf er dann in Empfang nehmen, was er sich erarbeitete. Das solltest Du lernen!
Du durftest um des Tieres Freundschaft werben. Dein Ungestüm hat es verscheucht. Als Du stille warst, kam es freiwillig.
Du darfst Dich mühen, so zu werden, daß Du den Zoroaster er-kennen kannst und mit ihm seine heilige Sendung. Aber solange Du im Ungestüm nur nach diesem Zeitpunkt seufzest, bist Du noch nicht bereitet genug und schiebst ihn selbst immer weiter hinaus.“ Saadi verstand alles, was der Lichte ihn lehrte, und er war dankbar.
Bereiten sollte er sich in der Stille, um reif zu werden. Das wollte er. Von ganzer Seele strebte er es an. Mit innigem Gebet wandte er sich an Ahuramazda, ihm Kraft zu verleihen.
Nun erst ging Saadi die Fülle dessen auf, was ihm die Einsamkeit bringen konnte. Wenn er mit Gebet und ruhiger Erwartung an eine Frage heranging, so löste sich spielend, was unüberwindlich ausge-sehen. Mehr noch, leise Stimmen raunten ihm Weisheit zu, die sich mühelos einfügen ließ und seinen Blick stetig weitete.
Längst schon konnte er wieder gehen wie vordem. Auch die Wunde am Kopf schmerzte nicht mehr und war verheilt, Und über dem allen waren Monate verstrichen, oder waren es Jahre? Er hatte-dessen nicht acht gehabt, er hatte die Übersicht über seine eigenen Lebensjahre verloren,
Ein starkes Unwetter tobte eines Abends durch die Felsen, ähn-lich dem, das ihn einst in des Einsiedlers Hütte getrieben.
Blitz folgte auf Blitz, und der Donner rollte so stark, daß Saadi das Pochen an der Tür nicht hören konnte. Da zupfte ihn einer der Wichtel am Gewand und wies auf die Tür.
Erstaunt öffnete er. Es war in der langen, langen Zeit niemals je-mand zu ihm gekommen. Aber heute stand ein Wanderer draußen. Sein Gewand troff vor Nässe, sein Antlitz ließ sich nicht erkennen. Aber Saadi fragte auch nicht, wer da zu ihm kam. Er bemühte sich, dem Gast so rasch als möglich trockenes Zeug und einen hei-
ßen Trunk zu verschaffen.
Erst als der Fremde versorgt war und das Feuer hell brannte, schaute Saadi den Gast aufmerksam an. Er war ein stattlicher, an-scheinend sehr vornehmer Mann in mittleren Jahren. Die nassen Gewänder, die am Feuer hingen, waren von kostbarem Stoff und reich gestickt. Die Gesichtszüge waren schön. Saadi war ein glü-hender Bewunderer von Schönheit, aber das Antlitz des Fremden hatte etwas, das ihn abstieß, Unwillkürlich schaute er sich nach den Männlein um, die eben mit der Gazelle gespielt hatten, Sie waren verschwunden, und das kleine Tier lag in der dunkelsten Ecke an-scheinend schlafend zusammengekauert,
Der Fremde mochte den prüfenden Blick Saadis wohl bemerkt haben. Er wandte sich an seinen Gastfreund mit einem auffallen-den Lächeln und sagte:
„Was meinst Du, wirst Du mir diese Nacht Obdach geben mögen, oder muß ich wieder hinaus in das Unwetter, sobald ich mich etwas ausgeruht habe?“
„Der Herr wird Besseres gewöhnt sein“, sagte Saadi, sich unge-wollt der steifen Anrede bedienend, die er noch niemals gebraucht hatte. „Wenn der Herr aber vorlieb nehmen will, so heißt mein Dach ihn willkommen.“
Der Fremde lachte kurz auf.
„Es wird mir nichts übrig bleiben als vorlieb zu nehmen; denn draußen ist es entschieden ungemütlicher. Hast Du etwas zu essen für mich? Ich will es Dir gern bezahlen.“
„Es ist hier im Lande nicht Brauch, daß man Gastfreundschaft mit Bezahlung lohnt“, wies Saadi das Anerbieten ab.
Schweigend trug er dann herbei, was er an Speise und Trank im Hause hatte.
„Teile das Mahl mit mir“, forderte der Fremde.
Saadi war hungrig. Er setzte sich zu den Speisen, vorher aber hob er die Hände, wie er es gewohnt war, und dankte dem gütigen Gott für seine Gabe.
Der Fremde war aufgestanden, hatte die Tür ein wenig geöffnet, als wolle er nach dem Wetter schauen, und kam nun mit lässigen Bewegungen wieder zu dem Lager zurück, auf dem sie beide Platz genommen hatten.
„Betest Du immer, oder tatest Du es eben um meinetwillen?“ fragte er spitzig.
Erstaunt blickte Saadi ihn an.
„Kann man um eines andern willen beten?“ fragte er dagegen.
„Ich bete, weil mir sonst kein Bissen schmecken würde. Dankt der Herr nie, wenn er etwas erhält?“
Der Fremde zog es vor, nicht zu antworten, und begann zu essen. Saadi aber quollen die Bissen im Mund. Er konnte nicht mit dem Gaste das Mahl teilen.
Unter dem Vorwand, nach den Pferden sehen zu müssen, verließ er die Hütte und kehrte erst zurück, als er sicher sein konnte, daß der Fremde seine Mahlzeit beendet hatte.
Das war der Fall. Auf einem Fell, das er vom Lager entnommen und am Feuer über den Boden gebreitet hatte, lag der Gast und schaute in die Glut.
Saadi meinte, ungesehen wieder hinausgehen zu können, doch der Fremde schaute auf und winkte ihn an seine Seite. Er schien das Befehlen gewohnt, seine Bewegungen waren herrisch und zwin-gend.
Wider Willen gehorchte Saadi, aber daß er es tat, machte ihn dem Gaste noch weniger geneigt.
Er nahm am Feuer Platz, in sich zusammengekauert, als wolle er in keinerlei Berührung mit dem Manne kommen. Dieser wendete ihm das schöne Antlitz zu, das in dem roten Glutschein förmlich zu leuchten schien, und begann zu fragen:
„Bist Du freiwillig hier, mein Freund, oder hat Fürst Hafis Dich in die Verbannung geschickt?“
Diese Art der Fragestellung mißfiel Saadi stark.
„Ich bin mein eigener Herr und kann tun und lassen, was ich
für gut halte“, gab er in trotzigem Ton zurück. Der andere lachte kurz auf
„In der eigenen Wertschätzung getroffen?“ spottete er. „Vergib mir, daß ich Dich kränkte. Es geschah nicht mit Absicht. Also, Du-bist nach reiflicher Überlegung hier in die Einsamkeit gegangen? Was bewog Dich dazu?“
„Mancherlei Gründe“, erwiderte Saadi und wollte sich erheben. Der Gast wehrte ihm.
„Nein, bleibe noch. Du brauchst ja meine Fragen nicht zu beant-worten, wenn sie Dir unbequem sind. Es ist nicht Neugier, die mich treibt, sie Dir zu stellen.
Versetze Dich einmal in meine Lage. Ich wandere ins Gebirge, werde vom Sturm überrascht und in eine Einsiedlerhütte verschla-gen. Statt des erwarteten ungebildeten Frommen finde ich einen Jüngling, fast schon einen Mann, der den besten Ständen angehört, Bildung besitzt, vielleicht gar ein Fürstensohn ist. Das muß doch meine Wißbegierde anreizen! Wenn Du nun ferner hörst, daß ich durch die Lande ziehe, unerkannt --denn Du wirst gemerkt haben, daß ich kein einfacher Mann bin --, um einen Menschen für ein be-sonderes, verantwortungsvolles Amt am Hofe eines großen Fürsten zu suchen, so wirst Du verstehen, daß ich Dich fragen muß.“
Wieder wandte der Mann sein Antlitz der Glut zu. Saadi sah es von der Seite, sah die feinen, zuckenden Nasenflügel über dem schön geschwungenen Mund. Vielleicht war der Fremde nicht schlecht, wie es ihm anfangs erschienen war, sondern nur anders als die Leute in diesem Lande.
„Kommt der Herr von weit her?“ fragte er zögernd.
„Ja, von sehr weit her. Das Land, in das ich Dich mitnehmen möchte, ist prächtig. Es ist wie ein Blumengarten. Schönheit offen-
bart sich, wohin Dein Auge schaut. Glücklich sind die Menschen, die dort leben. Sorgenlos verbringen sie ihre Tage; denn sie haben alles, dessen sie bedürfen.“
Wie herrlich die Stimme klang! Daß Saadi dieser Wohllaut, der sich ins Ohr schmeichelte wie Musik, nicht schon früher aufgefal-len war? Er war doch wahrlich noch ein recht unerfahrener Junge, daß er sich so vom ersten Eindruck gefangen nehmen ließ.
Unwillkürlich entspannten sich die straff an den Leib gezogenen Glieder. Der Fremde merkte es, ein feines Lächeln umspielte seine Lippen.
„In diesem gesegneten Lande herrscht ein weiser Fürst. Niemand ist ihm an Klugheit und Verstand gleich. “
„Ist er auch gut?“ unterbrach Saadi stürmisch.
„Ist Gutsein nicht eins mit Klugsein, Saadi?“ sagte der Fremde obenhin und wollte dann fortfahren. Aber in Saadi war etwas auf-gewacht, das sich nicht zum Schweigen bringen ließ.
„Klugheit ist meist eine Gabe Anramainyus“, sagte er belehrend.
„Dann aber ist sie mit Gutsein nicht gepaart.“
„Denkst Du nicht ein wenig engherzig, Freund?“ fragte der Frem-de, sein schönes Auge voll auf den andern richtend. Dieser Blick ging bis ins Innerste. Aber er schmerzte, das empfand Saadi deut-lich.
„Ich verstehe nicht, was Du mit engherzig meinst, Fremder“, sag-te er, unbewußt zum erstenmal die direkte Anrede gebrauchend.
Auch das merkte der Gast sofort.
„Du bist wahrscheinlich gelehrt worden, daß alles, was Anra-mainyu den Menschen bringt, schlecht ist. Wenn Du aber selber darüber nachdenkst, wirst Du finden, daß erst die Menschen das schlecht gemacht haben, was an sich gut, ja vortrefflich ist.
„Genau wie mit den Gaben Ahuramazdas, entfuhr es Saadi.
Es war, als leuchte eine plötzliche Helle durch die Hütte, da er den Namen aussprach! Unbewußt nahm er dies Empfinden in sich auf.
„Wenn Anramainyu, oder Ahriman, wie er sich lieber rufen hört, den Menschen Klugheit brachte, so war das doch eine wundervolle Gabe. Selbstlos gab er sie dahin, um die Menschen zu beglücken. Recht angewendet, hilft sie ihnen, ihr Erdenleben besser einzurichten, alles, was die Erde hervorbringt, alles, was in ihren Weg geführt wird, weiser zu verwenden.
Überlege doch, Saadi: Was wärest Du, wenn Du das Licht des Verstandes nicht hättest? Du willst etwas schmähen, das Du nicht voll begreifen kannst. Schon aus diesem Grunde wäre es für Dich gut, Du kämest einmal in andere Verhältnisse, wo Du lernen wür-dest, die Dinge auch von einer anderen Seite zu betrachten. Viel Neues würde sich Dir erschließen, tüchtiger würde es Dich machen für den Kampf des Lebens.
Er war aufgestanden. Auch Saadi hatte sich erhoben. Nun legte der Fremde dem Gastfreund die Hand auf die Schulter. Wie ein Feuerstrom ergoß es sich durch Saadis Körper.
Aber das war nichts Belebendes wie die Kraft, die ihm durch sei-nen lichten Helfer manchmal zufloß. Betäubend, einschläfernd, wohlig zog es durch ihn hindurch.
Einen Augenblick gab er sich diesem Gefühl hin. Dann plötzlich straffte er sich, die fremde Hand sank von seiner Schulter.
Wieder begann der Gast zu reden.
„Ich weiß ja noch gar nicht, ob Du Dich für das Amt, das einen Versorger braucht, eignen würdest. Aber ich habe Gefallen an Dir gefunden. Ich sehe, daß in Deiner Seele weite Flächen brach lie-gen. Es könnte mich gelüsten, dort Samen einzusäen, der herrliche Früchte tragen müßte.
Ich mache Dir einen Vorschlag:
Gehe mit mir. Gib die Einsamkeit für eine kurze Zeit auf. Lerne wirkliches Leben kennen und beurteilen. Erst wenn Du das vermagst, bist Du imstande, zu entscheiden, wie Du das Deine einrichten willst. Dann sollst Du in keiner Weise gebunden sein. Niemand wird Dich zwingen, ja, es wird sogar niemand versuchen, Dich zu überreden. Frei sollst Du wählen dürfen. Glaube mir, ich meine es gut mit Dir.“ Lockend klang die Stimme, strahlend schön erschien Antlitz und
Gestalt. Aber Saadi zögerte keinen Augenblick:
„Ich danke dem Herrn, daß er meiner so freundlich gedenkt und sich meiner Unwissenheit annehmen will. Wohl weiß ich, daß mein Inneres noch leer ist, aber ich harre des Meisters, der mir helfen soll, es zu füllen. Fremden Samens bedarf ich nicht. Mein Weg liegt klar vor mir!“
Woher wußte er das plötzlich?
„Ich warte auf den Ruf Ahuramazdas! Ihm gehöre ich, sein Die-ner bin ich! Niemand soll mich von ihm reißen!“
Der Fremde war zusammengezuckt. Die Weigerung mußte ihm doch sehr nahe gehen, förmlich verfallen sah er aus.
„Ich nehme dies noch nicht als Absage, Saadi“, sagte er leiser als bisher. „Oftmals bringt die Nacht klarere Entschlüsse. Wir wollen schlafen, morgen magst Du mir Deinen Bescheid geben.“
Er streckte sich auf dem Fell aus in der Erwartung, daß Saadi ein gleiches tun werde. Dieser jedoch lockte die Gazelle und verließ mit ihr den Raum. Im Unterschlupf bei den Tieren wollte er nächtigen. Zwischen die warmen Körper geschmiegt, empfand er keine Käl-te, und es war ihm wohler da draußen als in seinem Gemach, das von unheimlicher Schwüle erfüllt schien.
Keinen Gedanken verschwendete er mehr an den Fremden und sein Anerbieten. Er betete, wie er es gewohnt war, und der Schlaf trug seine Seele in andere Gefilde, sie zu stärken und zu erquicken.
Früh am nächsten Morgen war er auf, holte Wasser und versorgte seine Tiere. Dann schaute er in das Gemach. Der Fremde schien noch zu schlafen. Ruhig ausgestreckt lag er neben dem erloschenen Feuer.
Saadi betrachtete ihn mit Neugier. Was war es nur, daß ihm ge-stern so schön gedünkt? Eigentlich waren die Züge grob, scharfe Linien durchfurchten sie.
Da erwachte der Gast. Erkennen glitt über das Antlitz, das plötz-lich verwandelt schien.
„Nun, Saadi, bist Du bereit, mit mir zu kommen? Du kannst mir Dein Packpferd leihen, bis wir zu der Ortschaft kommen, wo mein Troß auf mich wartet. Dann hat es ein Ende mit Arm-seligkeit für Dich, mein Lieber. Was Du nur wünschen magst, soll Dein sein.“
„Ich danke dem Herrn für seine gute Absicht. Ich kann ihm aber nicht folgen. Ich muß hier bleiben und auf den Zoroaster warten.“
Schallendes, hohnvolles Gelächter antwortete ihm
„Blinder Narr, der Zoroaster wird niemals Deinen Weg kreuzen und wenn Du bis ans Ende aller Tage warten willst.“
Das Lachen aber hatte in Saadis Seele alle Flammenbrände ent-facht, an denen sie überreich war. Stolz und voll Hoheit antwortete er:
„Der Herr mag denken und reden, was er will. Mich kann er nicht überzeugen. Es würde sich aber für den Gast besser ziemen, wenn er nicht Dinge verspottet, die er nicht versteht.“
„So gehab’ Dich wohl, Du Tor, Du Narr!“ rief der Fremde und verließ den Raum, ohne die Speise, die Saadi bereitgestellt hatte, berührt zu haben.
Erleichtert atmete dieser auf. Er schritt zur Tür und öffnete sie weit. Andere Luft mußte das Gemach durchströmen! Da sah er, schon weit entfernt, den Gast mit eiligen Schritten, wie gejagt, ver-schwinden. Wie gut, daß er fort war!
Vor der Hütte ließ Saadi sich nieder und begann zu essen. Sein Mahl war ärmlich, es bestand aus Wasser und Körnern, Nüssen und einer brotartigen Frucht.
Aber glückselig verzehrte er es und freute sich, der reichen Spei-sen nicht zu bedürfen, die der Fremde ihm lockend vor Augen ge-stellt hatte.
Plötzlich standen seine kleinen Freunde wieder bei ihm. Er schalt mit ihnen
„Wo waret Ihr gestern Abend? Ich war so einsam und Ihr kamt nicht!“
„Du hattest Besuch, Saadi“, erinnerten sie. Er aber wollte es nicht gelten lassen.
„Das war ein Störer, kein lieber Besuch. Ich wäre dankbar gewe-sen, wenn Ihr mir geholfen hättet.“
„Wir durften nicht, Saadi“, erklärten sie. „Allein solltest Du mit ihm fertig werden. Du solltest selber erkennen, aus welchem Geist er sprach.“
„Aus keinem guten!“ versicherte Saadi. Dann aber wandte er sich anderem zu. Er wollte den Fremden vergessen.
Wieder waren Monate vorübergerauscht in Gleichmaß und be-glückendem inneren Lernen. Saadi versuchte, seine Ungeduld zu bezähmen. Er wollte warten, bis der Zoroaster kommen würde. Wie hatte der Gast damals gesagt?
„Der Zoroaster wird niemals Deinen Weg kreuzen!“
Was wußte der Fremde von dem Wegbereiter? Saadi ließ sich nicht irre machen. Einmal würde er kommen, der Verheißene.
Da pochte es leise an die Tür. Ehe er hinzutreten konnte, sie zu öff-nen, trat ein alter, weißhaariger Mann über die Schwelle. Ein haariges Gewand umschloß seinen Leib, um die Füße waren Felle gewickelt.
Trotz dieser einfachen Kleidung sah der Mann nicht arm aus. Sei-ne Bewegungen hatten etwas jugendlich Rasches. Bescheiden blieb er nach wenigen Schritten stehen und bat um Speise und Trank.
Saadi bat ihn, auf dem Lager zu ruhen. Danach brachte er, was er gerade vorrätig hatte. Der Alte lobte die Güte der Früchte, die kühle Klarheit des Wassers. Er aß langsam und schaute sich dabei in dem Raume um.
Als er sich erquickt hatte, begann er zu sprechen. Er fragte Saadi nach Namen und Alter und schien über letzteres sehr erfreut zu sein. Dann begehrte er zu wissen, warum ein so junger Mensch sich in die Einsamkeit zurückgezogen habe.
Irgend etwas in Saadi warnte ihn, frei und ungehindert zu reden. So gab er als Antwort:
„Ich möchte einmal ganz allein meinen Gedanken leben können.“
„Es ist nicht recht, daß Du wohl gemeinten Fragen ausweichst, mein Freund“, rügte der Alte. „Ich weiß sehr wohl, daß Dein ganzes Leben ein Warten ist.“
„Mag sein, daß Du recht hast“, gab Saadi zu, „aber das geht nur mich allein an.“
„Und den, auf den Du wartest“, lautete die rasche Antwort.
Überrascht schaute Saadi den Gast an, in dessen Augen ein Strahl jugendlichen Feuers aufloderte. Sollte dieser der Zoroaster sein? Aber dieser war ja ein alter Mann? Noch war Saadi licht im klaren, was er denken sollte, da sagte der Alte mit Nachdruck:
„Ich bin von unirdischen Mächten hierher gewiesen worden, ei-nen zu suchen, der auf den Zoroaster wartet. Du bist mir Antwort schuldig: bist Du dieser Mann?“
An allen Gliedern zitternd vor Erregung, antwortete Saadi:
„Ja, ich harre des Wegbereiters. Wo ist er?“
„So schaue her!“ rief der Alte und riß im gleichen Augenblick die weißen Haare samt der Kopfbedeckung ab. „Ich bin der, dessen Du harrst!“
Ein junger Mann, etwa in Saadis Alter, stand vor dem Erstaunten. Immer, wenn Saadi sich diese Begegnung ausgemalt hatte, war er gewiß gewesen, daß er dem endlich Gefundenen überwältigt zu Füßen fallen müsse. Ein hohes, großes Empfinden müßte ihn em-porreißen in lichte Höhen, so hatte er es sich vorgestellt. Und die Wirklichkeit war ganz anders!
Staunen erfüllte ihn, grenzenlose Enttäuschung und Ernüchterung. Er schalt sich selbst, daß er nichts von der hinreißenden Freude in sich verspürte, die ihn immer schon bei dem Gedanken an ein Zu-sammentreffen erfüllt hatte. Ihm war fast nach Weinen zumute!
Stumm stand er vor dem, Wegbereiter. Da begann dieser wieder zu sprechen. Mit freundlicher Nachsicht rügte er die Unbeweglich-keit Saadis.
„Wahrlich, Saadi, ich habe es mir anders vorgestellt! Ich freute mich darauf, Dir endlich zu begegnen, nachdem ich gehört, wie lange Du getreulich meiner wartest. Darum kam ich auch verklei-detzu Dir, damit die Überraschung um so größer sein sollte, und nun hat sie Dich stumm und steif gemacht. Willst Du nicht mehr mein Diener und Helfer sein?“
Da fand Saadi endlich ein Wort:
„Wenn Du der Zoroaster bist, so werde ich mit Dir gehen, wohin Du begehrst. Ich werde Dir dienen; denn nur so vermag ich dem Saoshyant zu dienen, der meine Seele erfüllt.“
Ungeduldig forderte der andere:
„Nun wohl, es drängt. Komm mit. Deine Pferde magst Du mit-nehmen. Sonst wirst Du wohl keinen Besitz haben, an dem Dir liegt. Als mein Diener mußt Du arm sein, so will es unser Beruf. Kannst Du das, Saadi?“
„Ich kann arm sein, und ich kann reich sein, wie es der Wille Ahuramazdas ist, meines Gottes!“ gab Saadi ernst zurück, aber er machte keine Bewegung.
„So komm, Saadi!“ drängte der andere. „Als mein Diener mußt Du gehorchen können. Du hast eben selber gesagt, daß Du mein Diener sein willst!“
Es klang fast drohend.
Woher kam Saadi der Mut, woher flossen ihm die Worte? Ruhig schaute er auf und sagte einfach, aber mit Nachdruck:
„Ich sagte: wenn Du der Zoroaster bist! Beweise, daß Du es bist!“
„Das mußt Du fühlen, Saadi“, erwiderte der andere ungeduldig.
„Womit sollte ich es Dir hier beweisen?“ „Sprich mir vom Saos-hyant!“
„Dazu bleibt unterwegs noch übergenug Zeit. Ich habe Eile,weiter zu kommen. Aber ich will ein Übriges tun. Höre: für jetzt begleitest Du mich. Ich berichte Dir alles, was Du verlangst. Bist Du dann nicht befriedigt, so darfst Du mich wieder verlassen!“
Saadis Augen hatten sich weit geöffnet. Entsetzensvoll starrte er den andern an:
„Wer, wer bist Du? Der Zoroaster bist Du nicht! Wärest Du der Wegbereiter, ich wüßte es; denn mir wurde verheißen, ich dürfe ihn so schauen, daß es keinen Zweifel für mich gäbe. Wärest Du der Zoroaster, so würdest Du mit Unwillen meinen Zweifel sofort widerlegen. Daß Du einen Handel mit mir treiben willst, beweist mir, daß Du ein Lügner bist. Ja, ein Lügner bist Du!“ rief er wie außer sich.
Er sprang zur Tür und riß sie auf
„Hinaus mit Dir, Du böser Geist, wer Du auch seiest! Hinaus!“
Eilig gehorchte der Gast, aber draußen wandte er sich und rief höhnend:
„Du wirst es bereuen, den Zoroaster von Deiner Schwelle vertrieben zu haben. Verfehlt wird Dein Leben hinfort sein!“
Schon war die Gestalt um eine Wegbiegung verschwunden. Aufat-mend lehnte Saadi an der Steinwand seiner Hütte.
„Den Zoroaster vertrieben!“ wiederholten seine Lippen, ohne daß er etwas dabei dachte. „Wenn er es doch war?“
Sinnend stand er lange Zeit, dann richtete er das Haupt empor:
„Wenn dies der Zoroaster war, dann ist er nicht wert, Dich, Du strahlender Held, verkünden zu dürfen! Nein, nein, er war es nicht! Sein Mund hätte überfließen müssen von Deinem Lobe, Du Hel-fer der Menschen! Wenn er es war, hätte er Dich kennen müssen. Und wer kann Dich kennen, ohne nicht Dich anzubeten mit jedem Atemzug?“
„Du hast recht, Saadi“, ertönte da die Stimme des Lichten. „Die-ser war ein böser Geist, gekommen, Dich von dem rechten Wege abzulenken. Du hast die Prüfung bestanden. Fest ist in Deine Seele das Wissen um den Saoshyant gegraben. Bald wirst Du vollends bereitet sein.“
„War dies eine Prüfung?“ stammelte Saadi. „War der Besuch des Fremden vor Monaten vielleicht auch eine Erprobung?“
Ja, Saadi, beides waren Prüfungen, die der böse Geist über Dich verhängte, weil er Deine Reinheit in seinem Plan nicht gebrauchen konnte. Er wollte Dich von Deinem Wege ablenken.“
„Ahuramazda sei Dank, der mir die Kraft verliehen zu widerste-hen!“ sagte Saadi einfach.
Einen Augenblick schwiegen beide, dann fragte der Lichte gütig
„Und fragst Du gar nicht, Saadi, warum der weise Gott zuließ, daß Du so hart geprüft wurdest?“
„Es ziemt mir nicht zu fragen“, antwortet Saadi schlicht. „Was Ahuramazda verfügt oder zuläßt, ist erhabenste Weisheit, vor der ich mich beuge in Ehrfurcht und Dankbarkeit.“
„Saadi, Saadi!“ sagte der lichte Helfer, und Ergriffenheit schwang durch seine Stimme. „Du bist recht bereitet, den Zoroaster und sei-ne Sendung zu erkennen. Nicht mehr viel Zeit wird vergehen, so darfst Du Deine Aufgabe antreten.“
„So danke ich Ahuramazda, daß mein Warten ein Ende haben wird“, flüsterte Saadi, den Anbetung auf die Knie zwang.
Lange blieb er so. Als er sich erhob, war der Lichte verschwunden. In Saadi aber begann ein jubelvolles Leben. Seine Flammennatur kam einmal wieder zum Durchbruch.
Jauchzend stürmte er durch den Wald zum Wasser und rief nach der Nixe. Ihr wollte er erzählen, daß er bald, bald am Ende seiner Wartezeit sein würde.
Das holdselige Gesicht lächelte ihm zu:
„Ich weiß es schon, Saadi“, sagte sie schelmisch. „Ich habe den Zoroaster schon sehen dürfen.“
„Du, Du hast ihn gesehen!“ rief Saadi fast neidisch. „Wo ist er?“ Da verschwand sie kichernd:
„Warte und bete!“
„Wenn Nixlein ihn schon gesehen hat, muß er doch nicht mehr fern sein“, überlegte Saadi, in dem es wogte und kochte. „Ihr Klei-nen“, rief er schallend, „habt Ihr ihn auch schon gesehen?“
Eine ganze Schar helfender Männlein umtanzte ihn:
„Freilich! Wir haben ihn sehen dürfen! Er ist gar nicht weit!“ Schon waren sie zerstoben.
Ja, wenn er so nahe war, durfte Saadi seine Hütte nicht mehr ver-lassen. Eilig wandte er sich ihr wieder zu. Die Gazelle kam zutraulich herbeigesprungen und rieb ihr feines Köpfchen an seinem Arm.
„Hast Du ihn am Ende auch schon gesehen?“ fragte er.
Aber Gazellchen blieb stumm. Sie richtete die großen Augen auf den Menschen, der ihr Freund geworden. Er las darin die Trauer über die baldige Trennung.
„Du hast recht, Tierlein“, sagte er, ruhiger werdend, „wir werden uns dann trennen müssen. Dich kann ich nicht mit mir nehmen.“
Still setzte er sich vor die Hütte, neben sich das Tier, und begann zu denken.
Er mußte ja wohl eigentlich dem bösen Geist dankbar sein, der ihn erprobt hatte. Dadurch hatte er erfahren, daß der Zoroaster nahe und er genugsam bereitet war, um ihm dann helfen zu dürfen.
Wer wohl in der Gestalt des falschen Alten heute Morgen bei ihm war?
Wahrscheinlich einer von, Anramainyus Trabanten, vielleicht Druj, der Trug? Ach was, mochte es gewesen sein, wer immer. Er, Saadi, hatte Besseres zu denken! Nun würde er bald Wahres erfah-ren über den Saoshyant.
Immer aufs neue rief er sich die Bilder zurück, die er hatte schau-en dürfen. Er merkte es nicht, wie die Sonne versank, wie der Him-mel die tiefblaue Färbung annahm und die Gestirne heraufzogen. Längst schon hatte die kleine Gazelle die Wärme ihrer Gefährten im Unterschlupf aufgesucht. Er saß und sann.
Weit war seine Seele gewandert aus der Körperhülle. Es war ihr nicht bewußt. Ihr Wille zum Dienen und ihre Sehnsucht nach Wahrheit waren so übermächtig geworden in ihr, daß sie sie em-porhoben in lichtere Reiche. Sie suchte den, dem sie dienen durfte.
Und ihrem Sehnen wurde Antwort:
Wieder durfte sie ein Bild schauen, aber es war deutlicher, schö-ner als je, denn die Seele war ja ein wenig näher bei dem Ursprung dessen, was sie schaute.
Wieder öffnete sich der Himmel und ein herrlicher Raum tat sich auf. Weiße Gebilde strebten empor und schienen die Decke zu tragen, aber zu sehen war diese Decke nicht vor Glanz und Herrlich-keit, die von oben hereinbrachen.
In der Mitte dieses Raumes stand ein goldener Thron. Darauf saß Einer, dessen Strahlen so groß war, daß die Augen der Seele kaum hinzuschauen vermochten. Aber gerade ihn wollte sie sehen! Er war es ja, der strahlende Held! Der Helfer! .Der Saoshyant!
„Daß Du so über alle Maßen herrlich bist, Du Herr und König!“ jauchzte die Seele und dann warf sie sich da, wo sie stand, zu Boden. Aber sie hielt den Blick nach oben gerichtet. Da sah sie, daß die Strahlen hinter dem Helfer sich kreuzten. Fast schien es ihm, als sei er selbst dieses goldene Kreuz, dann wieder schien es hinter ihm zu schweben.
Über ihm stand schimmernd im reinsten Weiß der wunderbare Vogel. In der Hand hielt der Held das Schwert.
Die Seele schaute und betete an. Da traten Gestalten neben den Saoshyant, lichte weibliche Gestalten. In rosigem Schimmer erglüh-te es an des Helden rechter Seite. Rosen ohne Ende schienen sich da ineinander zu ranken. Dazwischen aber stand, wie eine Mensch gewordene Rose anzuschauen, eine holdselige Frau, deren Augen in reinstem Leuchten Liebe strahlten.
„O Du wunderbare Frau, Königin der Liebe!“ flüsterte die Seele freudetrunken.
Von vorn nahte sich licht und zart eine reinweiße Frau. Wunder-same weiße Blüten hielt sie in der Hand. Lichte Wesen umschweb-ten sie.
Sie kniete zu Füßen des Königs, hinter den in diesem Augen-blick eine dritte, verschleierte Frauengestalt trat, in dunkelblauem Mantel, eine strahlende Krone auf dem Haupte. Die Strahlen dieser Krone aber einten sich mit denen des Königs.
Aus Saadis überwältigter Seele rang sich die heiße Bitte:
„Herr und König, laß mich Dir dienen auf Erden!“
Da erklang eine Stimme, mächtig und doch verhalten. Sie durch-bebte die Seele bis in ihre innersten Tiefen:
„Mir zu dienen bist Du erkoren, Wegbereiter des Helfers!“
Wie nannte ihn der König? Wegbereiter des Helfers! Ihm schwin-delte, aber die Seele drängte jede Regung zurück, um auch nicht eines der heiligen Worte zu verlieren.
„In Reinheit hast Du Dich bereitet, in Reinheit diene! Bringe der Menschheit, bringe Deinem Volke die Kunde von dem Sohne Ahu-ramazdas, der kommen wird, die Welt zu richten und die Getreuen nach Garodemana zu führen.
Segen zu bringen bist Du bereit, der Segen des Höchsten geleitet Dich, meinen Diener, meinen Wegbereiter!“
Abermals hatte die heilige Stimme ihn so genannt. Seele, bist Du fähig, soviel Glück zu erfassen? Ganz klein kam sich die Seele vor. Was war all ihr Wollen, all ihr Dienen im Vergleich zu dieser un-aussprechlichen Gnade?
„Herr und König, ich gelobe Dir, daß ich nichts will, als Dein Diener sein, Dir gehorsam in allen Stücken. Herr und König, ich danke Dir!“
Zitternd vor Glück sprach es die Seele, dann fügte sie hinzu in überquellendem Empfinden:
„O, Ihr Heiligen, Lichten alle! Habet Dank, daß ich armseliger Mensch Euch schauen durfte. Auch Euer Diener will ich sein. Saadi ist nichts mehr, der Zoroaster wird alles sein.“
Langsam verblaßte das himmlische Bild, langsam kehrte die See-le zurück in ihre verlassene Hülle. Mit einem leichten Schauer er-wachte Saadi aus seiner Versunkenheit.
„Tritt ein, Zoroaster!“ grüßten ihn die Stimmen der Kleinen. Fast ehrfurchtsvoll geleiteten sie ihn in seine Hütte, wo die
Gazelle auf ihn wartete. Er dankte ihnen, dann ließ er sich nieder und versuchte, sich über das klar zu werden, was er erlebt.
„War das möglich, daß er selber der Zoroaster sein durfte? Er, der arme Saadi, eines Pferdezüchters Sohn? Er, der unwissende Saadi?“ Aber hatte nicht der heiligste Mund selber es ausgesprochen? Hatten es nicht die reinen, lichten Frauen mit angehört? Wegbe-reiter hatte er ihn genannt! Seinen Wegbereiter! Nicht Diener des Zoroaster sollte er sein, sondern nur Diener des Saoshyant, des Gesegneten, des Heiligen! Kein Wort war ihm hoch genug, den zu
preisen, den er hatte schauen dürfen, für den seine Seele lebte. Leises Licht aus unirdischen Strahlen wob sich um ihn: der lichte Helfer grüßte ihn,
„Segen über Dir, Wegbereiter des Herrn aller Welten! Du suchtest treu, nun durftest Du finden! Du sätest in Demut, Kraft wirst Du ernten!
Deine Zeit in dieser Hütte ist um. Morgen wirst Du an einen an-dern Ort gebracht werden nach dem Willen Ahuramazdas, damit Du lernen darfst, was Dir an Erkenntnis und Weisheit noch fehlt.
Nimm in Dich auf, was Du irgend zu fassen vermagst. Nur was in Dir selbst Leben gewinnt, das wird die Stürme überdauern, die auch für Dich nicht ausbleiben werden, das wirst Du aber auch wei-tergeben können an die Menschen.
Wird Dir aber einmal das Erfassen zu schwer, oder der Weg zu dunkel, so rufe nach mir. Du sollst nicht vergeblich rufen, solange Du in Reinheit dienst.“
An Schlaf dachte Saadi nicht in dieser Nacht. In ihm wogte Freu-de, Erwartung, Dank und Ungestüm, das Dienen zu beginnen, durcheinander. Sie schufen seliges Glück.
Früh am nächsten Morgen belud er das Packpferd und sattelte Traber. Dann eilte er an die Wasser, um die Nixe ein letztes Mal zu sehen. Aber sie erschien nicht.
Mit gefüllten Gefäßen kehrte er an seine Hütte zurück, da stan-den zwei seiner kleinen Helfer bereit, ihn zu geleiten. Noch ein kur-zer Abschied von der Gazelle --nun konnte es dem neuen Leben entgegen gehen. Nicht mehr Saadi --nun immer Zoroaster.
Jeder der Kleinen hatte eines der Pferde am Zügel gepackt. Sicher leiteten sie die Tiere über unwegsame Strecken.
Als die Sonne am höchsten stand, hatten sie die Berge schon hin-ter sich gelassen und suchten schattige Wege auf in einem ausge-dehnten Wald. Die Luft der Ebene erschien Zoroaster schwer zu atmen. Er würde sich wohl daran gewöhnen.
Am Ausgang des Waldes standen andere Kleine bereit, die Füh-rung zu übernehmen.
„Wir dürfen Dich nicht weiter geleiten, Zoroaster“, sagten seine seitherigen Freunde. „Jeder Stamm von uns hat seinen Bezirk. Aber diese Helfer werden Dir ebenso treu dienen, wie wir es taten. Wir danken Dir, daß Du uns Freund warst.“
Fort waren sie, wie weggeblasen. Die andern aber führten die Pferde mit ebenso sicherer Hand. Am Abend mußte Zoroaster im Freien nächtigen. Er war es gewohnt und tat es gern.
Auf diese Weise ritt er mehrere Tage lang. Mit sichtlichem Bestre-ben vermieden die Kleinen jede Ortschaft.
Eines Tages aber bogen sie aus den verbergenden Wäldern heraus und führten den Weg an einem Flusse entlang. Zoroaster versuchte, die Nixe dieses Flusses zu entdecken, aber er sah nichts als trübe, aufgewühlte Wellen, die träge ihre Bahn zogen.
Schließlich fragte er die Kleinen danach. Sie lachten.
„Dieser Fluß ist von Viehherden vertrampelt. Meinst Du, daß Nixe oder Neck in solch trübem Wasser hausen mag? Der Herr die-ses Flusses hat sich ganz oben an die Quelle zurückgezogen. Wenn das Wasser wieder rein und klar sein wird, kommt er auch einmal wieder herunter in die Ebene. Aber das tut er selten, denn er liebt das träge Schleichen nicht.“
Lange war Zoroaster schweigend geritten, da machte ihn einer der Kleinen auf mehrere Hütten aufmerksam, die zusammenge-drängt bei einer Art kleinen Waldes lagen.
„Dort ist Dein Ziel, Zoroaster. Dorthin sollten wir Dich führen. Wir werden auch dort in Deiner Nähe bleiben, denn wir sind Dir Freund geworden. Wenn Du uns brauchst, so rufe. Wir werden kommen, wenn es nicht gegen Ahuramazdas Willen ist.“
„Habt Dank, Ihr Kleinen, ich werde Euch rufen“, versicherte Zo-roaster.
Er schaute gespannt auf seine nächste Heimat. Je näher sie ka-men, desto größer erschienen die Hütten. Es waren stattliche Bau-lichkeiten, die sorgfältig und mit gewissem Schönheitssinn errich-tet waren.
Gleich an der ersten zügelten die Kleinen die Rosse, dann enteil-ten sie. Ehe Zoroaster sich klar war, was er nun tun sollte, tat sich die Tür auf, und ein Diener trat heraus. Er mußte einem vorneh-men Herrn dienen, denn er war reich und prächtig gekleidet.
„Tritt ein, Wegbereiter des Saoshyant“, begrüßte der Mann ihn mit vielen tiefen Verneigungen.
Das war Zoroaster so neu, daß er sich unwillkürlich nach dem also willkommen Geheißenen umschaute. Dann besann er sich, sprang vom Pferde und trat mit dem Diener in die Hütte. Sie be-stand anscheinend aus mehreren Gemächern.
Das erste, das sie auf weichen Matten durchschritten, war außer-ordentlich kostbar ausgestattet. Schönheit zeigte sich auf allen Sei-ten, aber Zoroaster hatte ihrer jetzt nicht acht.
Der Diener schob eine Matte beiseite und bedeutete Zoroaster einzutreten in ein zweites, kleineres Gemach. Da saß auf breitem, fellüberdecktem Lager ein uralter Mann mit schneeweißem Haar.
„Dschajawa“, jauchzte Zoroaster, und eilte, den würdigen Greis zu begrüßen.
Dieser streckte ihm die zitternden Hände entgegen:
„Vergib, mein Sohn, wenn ich mich nicht erhebe, den Wegberei-ter des Helfers so zu empfangen, wie es ihm gebührt. Ich bin alt und meine Glieder versagen den Dienst. Aber Ahuramazda hat die Zahl meiner Jahre verlängert, damit ich Dir dienen darf, Du Geseggne-ter.“
„Darf ich jetzt bei Dir bleiben, Dschajawa?“ fragte Zoroaster tief-beglückt.
„Ja, Du sollst zunächst hier bleiben, um Dich nach der völligen Einsamkeit an Menschen und an Dein Amt zu gewöhnen, mein Sohn.“
Diener kamen und geleiteten Zoroaster in ein mit Üppigkeit aus-gestattetes Gemach, das ihm dienen sollte. Später versorgten sie ihn mit Speise und Trank, danach durfte er wieder zu Dschajawa kom-men.
„Heute möchte ich Dich noch ganz allein für mich haben, Zo-roaster“, erklärte ihm der Greis. „Du mußt mir von Deinem Leben erzählen. Vielleicht kann ich Dir so manches noch erklären, was Du als unverstanden zunächst noch beiseite schieben mußtest.“
„Damit werden wir heute gar nicht fertig“, versicherte Zoroaster treuherzig.
„So frage das, was Dir gerade in den Sinn kommt.“
„Darf ich nach allem fragen, mein Vater“, versicherte sich Zoroa-ster.
„Fragen darfst Du nach allem, ob ich es werde beantworten kön-nen, müssen wir der Zukunft überlassen.“
„So will ich fragen, was mich am meisten beschäftigt: Der strah-lende Held selber hat gesagt, er sei der Sohn Ahuramazdas und der Einsiedler hat mir versichert, es sei der Sohn des Fürsten Ara-Mas-dah. Dann sprachen die Kleinen von dem Erben des Fürsten!“
Zoroaster seufzte; denn wenn er daran dachte, wurde es wirr in seinem Kopf. Aber mutig fuhr er fort:
„Ich weiß ganz gewiß, daß der strahlende Held mir das Wahre gesagt hat. Er ist der Sohn des höchsten Gottes. Nun könnte ich al-les andere beiseite schieben, aber etwas in mir sagt, daß auch dieses wahr ist. Weißt Du davon, mein Vater? Darfst Du es mir erklären?“
Flehend waren die Augen Zoroasters auf den Alten gerichtet.
„Ich weiß davon, mein Sohn, und ich darf Dir sagen, daß auch das, was Einsiedler und Wichtel Dir sagten, die Wahrheit ist.
Später sollst Du erfahren, wie das zusammenhängt. Es ist für die Menschen noch ein großes Geheimnis. Gib mir die Kapsel, die ich Dir einst umhängte, so wirst Du sehen, daß Du auch diese Wahr-heit einmal hören sollst.“
Eilig zog Zoroaster die Kapsel an der goldenen Kette unter sei-nem Gewand hervor, dabei den Stein, den ihm der Mann früher ge-geben, mitreißend. Als er ihn wieder zurückschieben wollte, fragte Dschajawa:
„Was hat es für eine Bewandtnis mit dem Stein? Wer hat ihn Dir gegeben?“
So kurz wie möglich erzählte Zoroaster von dem Manne. Dscha-jawa nickte und sagte dann:
„Später will ich Dir auch von diesem Stein erzählen. Für heute soll es mit dem Inhalt der Kapsel genug sein. Schau!“
Vorsichtig hatten die Greisenhände das Geschmeide geöffnet. Im Innern war aus Gold gefügt das strahlende Kreuz, wie Zoroaster es im Bilde geschaut.
„Das ist das Kreuz des Saoshyant“, sagten beide Männer gleich-zeitig. Der Greis aber fügte hinzu:
„Es ist das Kreuz ewiger Wahrheit, wie es uns überliefert wurde von Urzeiten her. Wer dieses Kreuz trägt, darf die Wahrheit erfah-ren. Auch Du wirst sie hören dürfen, sobald es an der Zeit sein wird.“
Sorgsam barg Zoroaster die Kapsel, die ihm, nachdem er ihren Inhalt gesehen, doppelt teuer war, unter seinem Gewande. Dann sprachen sie noch eine kurze Zeit und trennten sich danach zum Schlafen.
Am nächsten Tage erfuhr Zoroaster, daß die beisammenstehen-den Baulichkeiten Fürst Hafis gehörten, der in der heißesten Zeit des Jahres gern hierher kam, um sich zu erholen. So war Zoroaster eigentlich sein Gast.
Er freute sich, den gütigen Fürsten wiedersehen zu dürfen, der noch heute erwartet wurde.
„Auch er freut sich auf Dich, mein Sohn“, versicherte Dschajawa.
„Er konnte es kaum erwarten, bis der kleine Saadi den Zoroaster gefunden haben würde.“
„So wußtet Ihr, daß ich selber es war?“ fragte Zoroaster voll Stau-nen.
„Wir wußten es, der Atravan hatte es Fürst Hafis gesagt. Ich aber hatte es, genau wie der Atravan, durch Botschaft von oben erfah-ren.“
„So wußtet Ihr alle, was mir noch verborgen war“, sann der Weg-bereiter. „Wie wunderbar wurde mein Weg gelenkt durch die Güte und Gnade Ahuramazdas.“
Pferdegetrappel erscholl, laute, fröhliche Rufe, Unruhe, wie sie eine Ankunft mit sich bringt.
Danach trat Fürst Hafis über die Schwelle und eilte freudig auf seinen Gast zu. Der Fürst war merklich älter geworden. Seine Züge waren männlicher, aber die Augen hatten das gütige Leuchten be-halten, das den jungen Saadi immer aufs neue angezogen hatte.
Hin-und Widerreden wechselten rasch. Man merkte Fürst Hafis die aufrichtige Freude an diesem Wiedersehen an. Zoroaster wollte ihm danken, für alles, das er an ihm getan. Lachend wehrte Hafis ab.
„Was meinst Du wohl, wie glücklich ich war, daß gerade ich dem Wegbereiter helfen, ihm nützen durfte!“ lachte er. „Diese langen zehn Jahre hindurch habe ich mich nach dem jetzigen Augenblick gesehnt.“
„Zehn Jahre?“ stammelte Zoroaster überwältigt. „Waren es wirk-lich zehn Jahre, die ich in der Einsamkeit verbrachte? Mir schienen sie wie ebenso viele Monate!“
„Uns sind sie länger vorgekommen“, beteuerte Hafis, „undDein Äußeres zeigt, daß aus dem Jüngling ein Mann geworden. Stattlich siehst Du aus! Du mußt Dich aber anders kleiden. Diese Felle sind nicht mehr geeignet für den Wegbereiter des
Königs aller Könige.“
Auf einen Ruf kamen Diener mit prächtigen Kleidern, die schon bereit lagen. Später mußte Zoroaster sie anlegen und Hafis freute sich an seinem Aussehen.
Auch der Wegbereiter freute sich, aber er hielt diese Freude fast für unrecht. Da machte ihm Hafis klar, welch hohem Herrn er dien-te.
„An der Pracht der Dienerkleidung schätzt man den Herrn ein, merke Dir das, Zoroaster“, mahnte er. Danach fügte er wieder gut-gelaunt hinzu: „Ich bin froh, daß es einige irdische Dinge gibt, in denen ich Dich noch belehren kann, sonst müßte ich mich zu sehr vor Dir schämen.“
Ein ganz neues Leben begann für den an Einsamkeit Gewöhnten. Fürst Hafis nahm sich seiner an, um ihn das Leben der Vornehmen kennen zu lehren.
Als Gast des Fürsten mußte er Empfänge und Feste mitmachen. Frei lernte er sich bewegen, rasch fand er sich in den Sitten zurecht, aber vor allem beobachtete er scharf. Es war ihm, als könne er die Gedanken der Menschen sehen, die so oft gar nicht im Einklang mit ihrem Tun und Reden standen.
Dann packte ihn die Lust, ihnen ihre Falschheit vorzuhalten, aber innerlich hinderte ihn etwas daran. Das verstand er nicht. Er rief eines Abends den lichten Helfer, um ihn darüber zu befragen.
Freundlich fragte ihn dieser:
„Welchen Erfolg versprichst Du Dir davon, wenn Du den Men-schen sagst, daß sie die Unwahrheit sprechen?“
„Sie sollen merken, daß man es ihnen nicht glaubt. Dann werden sie es das nächstemal unterlassen.“
„Meinst Du das wirklich, Zoroaster? Nun, so darfst Du bei der nächsten Gelegenheit ungescheut aussprechen, was Du empfindest. Du wirst daraus mehr lernen, als wenn ich jetzt lange Zeit mit Er-klären zubringe.“
„Ich möchte noch etwas fragen, Du Lichter“, bat Zoroaster. „Dies ist doch noch Lernzeit für mich. Ist es richtig, daß ich mich da ganz zurückhalte und nichts von dem künde, von dem meine Seele er-füllt ist?“
„Noch würdest Du mehr verderben als nützen. Zur rechten Zeit wird Dein Mund entsiegelt werden, daß Du kündest das göttliche Geheimnis“, sprach der Bote feierlich. Dann ließ er den Schüler al-lein.
Nun er die Erlaubnis zum Reden erhalten hatte, war Zoroaster fast scheu. Die nächsten beiden Gelegenheiten, die sich boten, schienen ihm nicht wichtig genug, um den lügnerischen Menschen zu überführen. Er wollte Größeres abwarten. Und es kam.
Einer der von Hafis abhängigen Fürsten schickte eine Botschaft, daß es ihm unmöglich sei, diesmal den schuldigen Tribut zu bezah-len. Lange Reden hielt der Gesandte, daß Mißwachs und Viehster-ben das Land arm gemacht hätten. Sobald es besser werden würde, solle die Steuer nachgeholt werden.
Fürst Hafis merkte gut, daß der Bote Lügen vorbrachte, wohl-durchdachte Lügen, aber er hütete sich, dies sehen zu lassen.
Je ruhiger er jetzt blieb, je unbefangener der Fremde sich gab, um so besser konnte Hafis sein späteres Handeln einrichten. Freund-lich saß er auf dem Sessel, der ihm hier als Thronsitz diente, und ließ den Fremden ununterbrochen reden.
Da plötzlich erklang Zoroasters helle Stimme:
„Traue ihm nicht, Fürst Hafis! Lügen sind es, die er vorbringt. Sein Herr denkt nicht daran, Dir jemals wieder. Tribut zu zahlen. Dies ist nur ein Versuch, wieviel Du Dir gefallen lässest!“
Hafis erschrak und bat ihn, zu schweigen. Zoroaster aber hielt das Erschrecken für plötzliches Erkennen dessen, was er ihm hatte sagen dürfen. Noch mehr wollte er dem armen betrogenen Fürsten mitteilen. Aufs neue begann er:
„Ich sehe die Gedanken des Boten wie böses Gewürm sich um Dich bewegen, Fürst Hafis. Sende ihn hinaus, damit die Luft hier wieder rein werde!“
Die Höflinge standen erstarrt. Wie durfte der Jüngste solches wa-gen!
Hafis hingegen erhob sich. Mit ruhiger Stimme bat er Zoroaster, sich nicht in die Verhandlung einzumischen. Ja noch mehr; er bat den Gesandten zu überhören, was jugendlicher Eifer dem sehr Be-sorgten auf die Lippen gelegt.
Kochend vor Zorn verließ Zoroaster das Gemach, sattelte Traber, ohne die Hilfe der Diener in Anspruch zu nehmen, und ritt ins Freie.
War das der Dank des Fürsten für die so wohlgemeinte und nur zu begründete Warnung? Daß er richtig gesehen, das wußte er.
Hätte Hafis sich nicht die ihm gewordene Wahrheit zunutze ma-chen und den Boten fortweisen müssen? Weniger denn je verstand Zoroaster die Welt!
Heiß loderten die Flammen in ihm. Er mußte lange reiten, bis er wieder klar denken konnte. Dann lenkte er Traber heimwärts.
Nicht wie ein gescholtener Knabe wollte er der Mahlzeit fern blei-ben. Mit den ruhigeren Gedanken kam die Erinnerung an die Wor-te des Lichten, er solle aus allem Erleben den Nutzen und die Lehre heraussuchen.
Was hatte er heute lernen sollen? Daß er sich nicht einmischen sollte? Ja, aber dann hätte er dem Boten ja nicht zeigen können, daß er durchschaut war. Und der Lichte hatte ihm doch ausdrücklich erlaubt zu reden!
Er hatte es getan und nun hatte der Fürst ihn schlecht behandelt! In diesem Augenblick sah er, daß sein Zorn der Art gegolten, wie Hafis die Warnung aufgenommen hatte. Also war es gekränkte Ei-genliebe gewesen, die ihn hatte aufflammen lassen. . War das eines Zoroasters würdig? Hatte der Wegbereiter nicht sein ganzes Ich an des himmlischen Thrones Stufen nieder legen wollen? Und jetzt fühlte dieses Ich sich verletzt! Das war falsch.
Er durfte Hafis weder zürnen noch auch in irgendeiner Weise dar-über trauern, daß seine Warnung ungehört verhallt war. Er hatte sie ausgesprochen, mochte Hafis damit anfangen, was er für recht hielt. Besänftigt, sogar ein wenig beschämt kehrte er zurück, wollte aber dem fremden Boten nicht begegnen, falls dieser vielleicht eben die Behausung verließ. Deshalb wählte er einen selten benutzten Weg,
der hinten herum zu den Unterständen der Pferde führte.
Da hörte er Stimmen, die ziemlich erregt miteinander sprachen.
„Vor dem Zoroaster werden wir uns hüten müssen“, sagte die eine.
„Wenn er wirklich unsere Gedanken sehen kann, werden wir sie noch besser verschleiern müssen als seither.“
„Ich glaube noch nicht, daß er alles sehen kann“, antwortete die andere überlegend. „In diesem Fall hatten wir ja alle gemerkt, wie stark der Bote log. Dazu bedurfte es keines Scharfsinns. Aber Du hast Recht, es ist besser, wir lassen es nicht erst auf einen neuen Versuch ankommen. Man kann auch seine Gedanken zum Lügen zwingen. Glaubst Du nicht auch?“:
Die beiden entfernten sich lachend. Dem Zoroaster aber lief es eiskalt über den Rücken. Was hatte er hören müssen?
Er hatte gemeint, durch den Hinweis darauf, daß er die Gedanken sehen könne, die Menschen zur Besinnung zu bringen, daß sie kei-ne falschen Gedanken mehr in sich aufkommen ließen. Nun woll-ten sie auch noch mit Gedanken lügen, die Unwahrheit zu denken sich zwingen.
Noch schlechter wurden sie dadurch. Das hatte er dann verschuldet! Was konnte er, tun, um das gut zu machen? Hätte ich doch ge-schwiegen, war alles, was er denken und stammeln konnte, wäh-rend er Traber versorgte. Auf dem Wege in sein Gemach begegnete ihm ein Diener, der ihn suchte und zu Hafis beschied.
Wie sollte er dem Fürsten entgegen treten? Alles in ihm war noch in Aufruhr. Schon wollte er sagen lassen, daß er in einigen Stunden kommen werde, da durchzuckte es ihn;
„Das wäre Feigheit!“
Er wandte sich und folgte dem Diener. Hafis empfing ihn mit der gewohnten Freundlichkeit. Er sah, wie stark Zoroaster gelitten, der Unerfahrene tat ihm leid.
„Ich bat Dich, zu mir zu kommen, Zoroaster“, sagte er gütig, „weil ich keinen Augenblick der Entfremdung zwischen uns emporwach-sen lassen möchte. Ich habe heute so gehandelt, daß Du mich nicht verstehen konntest. Ich möchte Dir jetzt die Erklärung geben.“
Stürmisch unterbrach ihn der andere.
„An mir ist es, Dich um Verzeihung zu bitten, Hafis“, sprudelte er hervor. „Ich habe alles falsch gemacht. Ich meinte es gut, aber es war alles falsch, viel falscher, als Du ahnen kannst“, setzte er hinzu, als er merkte, daß der Fürst ihn entschuldigen wollte.
„Gewiß, Dein Tun war falsch, Zoroaster“, nahm der Fürst auf.
„Bestes Wollen entschuldigt wohl, aber es kann Fehler nicht un-geschehen machen. Laß mich Dir die Sache erklären, versuche zu lauschen, ohne zu unterbrechen. Dann wirst Du klarer sehen.
In der ganzen Versammlung war wohl keiner, der nicht gemerkt hätte, wie gröblich der Bote log. Es lag mir aber daran, ihn sich völ-lig aussprechen zu lassen, damit ich hinter den Grund dieser Lügen schauen konnte. Sie mußten noch einen anderen Zweck haben, als nur die diesmalige Verweigerung des Tributs.
Um dies zu erfahren, deshalb schwieg ich. Und wenn der Fürst, an den die Reden gerichtet sind,. dazu schweigt, so müssen auch die Höflinge schweigen.“
Zoroaster zuckte zusammen, aber er bezwang sich, nichts. zu sa-gen.
„Du als Gast durftest reden. Für Dich galt diese Hofsitte nicht. Aber daß Du redetest, hat mir das ruhige Beobachten zerstört, hat mich auch in eine unangenehme Lage dem Boten gegenüber ge-bracht, der als Gesandter nicht angegriffen werden durfte.
Solche Leute sind mit Höflichkeit zu behandeln, auch wenn man sie verachten muß. Der einzige Erfolg Deiner Worte wird leider sein, daß der Bote den fremden Fürsten veranlassen wird, noch schlauer mir gegenüber vorzugehen. Daß ich versuchen mußte, den unangenehmen Eindruck so gut als möglich zu verwischen, wirst Du jetzt verstehen.“
Freundlich fragend blickte Hafis den anderen an. Dieser konnte vor Erregung kaum sprechen.
„Ich weiß jetzt, daß ich noch viel mehr geschadet habe“, und mit bebenden Lippen berichtete er von dem belauschten Gespräch. Der Fürst nickte.
„Das bestätigt meine Vermutungen“, sagte er ernst. „Viel hast Du aus dem heutigen Erleben lernen können, mein Freund. Auch ich habe daraus gelernt. Wir wollen uns bestreben, daß die Erfahrung Früchte trage.“
„Habe ich Dir sehr geschadet?“ wagte Zoroaster zu fragen.
„Ich hoffe, es ist mir gelungen, den peinlichen Eindruck zu ver-wischen. Aber um das zu können, mußte ich mich verstellen und meinerseits die Unwahrheit sprechen. Das quält mich jetzt.“
Der Fürst versuchte, die Gedanken auf anderes zu lenken. Aber Zoroaster war noch nicht im Klaren, sein Inneres tobte noch in Er-regung. Da war es am besten, ihn sich selbst zu überlassen.
In seinem Gemach angekommen, warf der Bekümmerte sich auf die Knie, rief nach dem lichten Helfer und suchte schonungslos al-les, was er falsch gemacht hatte, in Worte zu bringen. Als er geen-det, stand der Lichte vor ihm:
„Du siehst jetzt, Zoroaster, wie lehrreich dies Erleben für Dich war. Du würdest aus Gehorsam geschwiegen haben, wenn ich Dir das Reden untersagt hätte, aber Du hättest nie erfaßt, warum Du schweigen mußtest. Jetzt, wo blitzartig sich Dir der Grund erhellt hat, jetzt wirst Du aus eigenem Antrieb schweigen.
Daß Du die Gedanken der Menschen durchschauen kannst, das ist eine der Hilfen, die Dir gegeben sind, um an ihre Seelen heran-kommen zu können. Wegbereiter sollst Du sein. Nicht als Waffe wurde Dir das Schauen, die Du verletzend im Kampfe brauchen solltest. Bedenke das wohl. Du sollst nicht kämpfen, sondern kün-den, nicht verwunden, sondern heilen!“
Es dauerte lange, bis der Zoroaster sein seelisches Gleichgewicht wiedergefunden hatte.
Ein wenig hatte sich durch dies Erleben seine Flammennatur ge-bändigt. Er sprach nicht immer alles unbedacht aus, was ihm durch den Sinn zog.
Je mehr Abstand er aber von diesem Ereignis gewann, desto mehr beschäftigte ihn der Gedanke:
„Wie schlimm ist es, daß sogar ein so edler Mann wie Hafis zur Lüge gezwungen werden kann.“
Wo mußte man da einsetzen, wenn man dem abhelfen wollte?
Hier und da konnte man wohl ein wenig bessern, aber wirklich helfen konnte nur der Eine, der Held, der der Schlange den Kopf abschlagen würde.
Nun war es endlich soweit klar in Zoroaster geworden, daß er einmal mit Dschajawa zu sprechen wagte. Er hatte gemerkt, daß der Alte ihm niemals direkt Antwort gab, solange er selbst nicht alles daran gesetzt hatte, eine Lösung zu finden.
Ausführlicher, als er gewollt, trug er dem Greis die Gedanken vor, die ihn bestürmten. Er sprach von dem, was der Lichte ihm gesagt, erzählte mit Bewunderung von des Fürsten Güte und Vertrauen.
Endlich aber kam das heraus, was ihn am meisten bewegte: die Herrschaft der Lüge in der Welt.
„Ich habe soviel darüber nachgedacht, mein Vater“, klagte er,
„woher die Lüge kommt. Bei den meisten Menschen rührt sie aus der Angst her. Sie meinen, schlimmen Folgen ihres Tuns entgehen zu können, wenn sie die Unwahrheit sprechen. Man müßte also die Angst aus der Welt schaffen, dann würde die Lüge keine Gelegen-heit mehr haben.“
„Doch nicht, mein Sohn“, verbesserte Dschajawa. „Denke an die vielen Menschen, die lügen, um sich besser hinzustellen, als sie sind, die bewundert werden wollen. Bald vergrößern, sie ihre Ta-ten, bald ihr Denken.
Denke an jene, die Lügen aussprechen, um einem Höheren zu schmeicheln, um etwas von ihm zu erreichen. Nein, mein Sohn, wer die Lüge bekämpfen will, muß Anramainyu töten, danach alle seine Anhänger.“
„Das weiß ich, mein Vater. Ich weiß auch, daß der Saoshyant den Bösen überwinden wird, aber bis er kommt, wird die Flut des Ar-gen immer mehr anwachsen. Und in diesen ekelhaften Sumpf soll der Reinste der Reinen treten? Sind wir das wert?“
Erregt hatte er es gerufen, war auch gar nicht erstaunt, als Dscha-jawa ihm beistimmte, daß kein Mensch dieses unausdenkbare Op-fer wert sei.
„Wenn es mir doch gelingen wollte, ihm einen Weg zu bereiten, ihm Seelen zu sammeln, unter die er sicher und ungefährdet treten kann!“ wünschte Zoroaster aus tiefer Seele.
Die Wochen, die Hafis fern von seiner Hauptstadt hatte verleben wollen, hatten ihr Ende erreicht. Die Hütten wurden geschlossen, ein. langer Zug Reiter, in deren Mitte der Wagen mit Dschajawa fuhr, machte sich auf.
Der Fürst freute sich wie einst an Trabers Gang und Zoroasters Reitkünsten.
„Deinem Pferdchen sieht man kein Altern an“, sagte er. wohlge-fällig. „Es ist ein ebenso schönes wie kluges Tier.“
Nach kurzem Besinnen aber fügte er hinzu:
„Ich werde Dir aber doch noch eines von meinen Pferden geben, damit der Kleine geschont werden kann; denn zeitweise wirst Du viel reiten müssen.“
Zoroaster dankte erfreut, dann fragte er:
„Hast Du schon einmal darüber nachgedacht, Fürst, wie ich mein Amt werde ausüben dürfen? Wenn ich an meine künftige Arbeit denke, so sehe ich nichts, was mir einen Fingerzeig geben könnte.“
„Ich glaube, Zoroaster, das wird ganz von selber kommen, wenn Du täglich das tust, was der Tag Dir an Arbeit bringt, was Ahuramazda von Dir fordert. Die Wurzel überlegt auch nicht, wie einmal Blätter und Blüten an ihren Zweigen sitzen werden. Sie treibt. So treibe auch Du ohne Aufhören, So wird es richtig sein,
Für den Anfang wollte ich Dich bitten, denen, die an meinem Hofe leben, täglich zur gleichen Zeit von den Göttern zu erzählen. Dabei gibt sich genug Gelegenheit, vom Saoshyant zu sprechen. Es leben so viele in meiner Umgebung, die sich zu erhaben dünken über derartiges. Ihnen ein Verlangen zu erwecken nach Höherem, das wäre eine Aufgabe, eines Wegbereiters würdig.“
Zoroaster freute sich und sammelte sich immer wieder in stillem Gebet, daß Ahuramazda ihm die nötige Kraft, die Beredsamkeit, die von oben stammt, verleihen möge.
Nach einigen Tagen, an denen sie sich Zeit gelassen hatten, lang-ten sie in der Zoroaster schon bekannten Hauptstadt an.
Jetzt durfte er das Innere der „Palast“ genannten Behausung des Fürsten sehen, er durfte sogar darin wohnen. Zwei prächtige Gemä-cher wurden ihm eingeräumt, zwei Diener harrten seiner Befehle.
Auf seinen Einwand, daß das zu vornehm sei für ihn, erwiderte Hafis
„Du vergißt immer wieder, daß Du der Diener bist des Höch-sten aller Könige. Für ihn ist nichts zu köstlich. Bedenke, daß viele Ratsuchende zu Dir kommen werden. Sollen sie den andern von Armut und Dürftigkeit berichten?
Der verheißene Wegbereiter muß in Glanz und Pracht leben. Ler-ne es. Lerne Dich auch der Diener zu bedienen. Um der Menschen willen, vor allem aber um Deines Herrn willen mußt Du es tun.“
An einem der nächsten Tage versammelte Hafis alle, die seinen Hofstaat bildeten, und erklärte ihnen, daß der verkündete Zoroa-ster gefunden sei und mitten unter ihnen lebe.
Er bat sie, den Lehren nicht nur mit dem Ohr, sondern noch mehr mit dem Herzen zu lauschen. Es sei eine Gnade Ahuramazdas, daß er den Wegbereiter eine kurze Spanne Zeit hier belassen wolle.
Vielleicht biete sich für sie alle später niemals mehr die Gelegen-heit, seinen Lehren zu lauschen.
Danach hielt Zoroaster seine erste Ansprache. Die Worte ström-ten ihm ungesucht über die Lippen. Er wußte, daß Kraft von oben ihn erfüllte, und er war glücklich.
Einige Wochen verflossen in dieser Weise. Zoroaster begann zu lehren in dem ihm zugewiesenen Kreis, daneben schöpfte er Weis-heit aus ewigen Quellen, die ihm der lichte Helfer erschloß. Was er fand, durfte er zu Dschajawa tragen, bei dem es sich dann noch vertiefte.
Hand in Hand mit diesem innerlichen Wachstum ging die äu-ßere Vollendung. Er hatte die besten Sitten sich zu eigen gemacht. Sein Wesen war ausgeglichen und wohltuend friedevoll geworden. Je mehr er sich selbst vergaß, um so weniger Anlaß hatte er, seine Flammennatur zum Durchbruch kommen zu lassen.
Eines Morgens beim Gebet fiel der Stein, den er um den Hals trug, zu Boden. Er erschrak heftig. Sollte er etwas versäumt haben? Während er die losen Glieder der Kette zusammenfügte, dachte er angestrengt nach.
Plötzlich hatte er es: er war nicht bei dem Einsiedler gewesen, der seiner harrte!
Nach der Ansprache bat er Hafis, ihn einen Tag lang ausreiten zu lassen, und der Fürst, der die Bitte längst erwartet hatte, willfahrte gern.
Traber trug ihn dem Walde entgegen. Da erst merkte Zoroaster, daß er weder Weg noch Richtung wußte. Als er damals den Ein-siedler aufgesucht hatte, war es von einer ganz anderen Stelle aus geschehen.
Da rief er wieder nach den hilfreichen Kleinen, und richtig, es stellte sich eine ganze Schar ein.
Einer übernahm es, Dschajawa Botschaft zu sagen, die andern versprachen, ihn zu führen. Aber irgendeinen Anhaltspunkt solle er ihnen geben. Da berichtete er, daß er von dem Zeltlager des Für-sten aus die verfallene Burg Ara-Masdahs habe sehen können.
Nun wußten sie Bescheid. Fröhlich führten sie ihn durch eine weite Ebene, dann langsam ansteigend dem Gebirge entgegen.
Nach drei Tagen hatte er sein Ziel erreicht, die Hütte lag vor ihm. Er sprang vom Pferde, es Traber überlassend, den Unterschlupf aufzusuchen. Das Herz klopfte ihm, nun sollte er die Botschaft hören dürfen, die der Alte für ihn hatte.
Sein Pochen an der Tür verhallte ungehört. Niemand kam, ihm zu öffnen. Vielleicht war der Alte zum Wasser gegangen? Zoroaster wagte nicht einzutreten und ließ sich draußen auf dem Stein nieder, auf dem er schon einmal gesessen.
Stunde um Stunde verrann, kein Einsiedler zeigte sich. Sollte der Alte nicht mehr am Leben sein?
Nun packte Reue den, der bis vor wenigen Tagen sein Verspre-chen völlig vergessen hatte. Wie war das nur möglich gewesen? So nahe war er dem Einsiedler gewesen, als er selbst noch in seiner Hütte gewohnt hatte. Würde er nun die Botschaft, die der Greis für ihn hatte, niemals hören dürfen?
Der Tag verging, ebenso die Nacht. Zoroaster hatte seinen lich-ten Helfer gebeten, ihm zu sagen, was er tun solle. Er erhielt keine Antwort.
Da wagte er es im Strahl der Morgensonne, die Tür zu öffnen. und die Hütte zu betreten. Auf dem Lager lag ausgestreckt der Greis, als ob er schliefe. Frieden war über sein Antlitz gebreitet, himmlischer Frieden. Die mageren Hände lagen gekreuzt über der Brust. Er konnte höchstens seit zwei Tagen gegangen sein, unver-sehrt war die irdische Hülle.
Zoroaster sank in die Knie und betete. Dann begann er leise zu klagen.
„Wäre ich doch früher gekommen, mein Vater. Nun konnte ich Dir nicht in Deiner letzten Stunde nahe sein. Nun erfahre ich die Botschaft nicht.“
„Sei getrost“, ließ sich da leise die Stimme des Greises vernehmen.
„Ich wußte, daß Du kommen mußtest, und ich durfte Dich erwar-ten, ehe ich meinen Weg nach oben beschreite.“
Neben dem Lager stand der Einsiedler. Es war die gleiche Gestalt, die da als entseelter Körper lag, aber sie war durchsichtig und licht, und schien in fortwährender leiser Bewegung zu sein.
Die Stimme, die Zoroaster vernahm, kam nicht aus ihr. In seinem eigenen Innern schien er sie zu hören. Jetzt fuhr sie fort
„Wenn Du mir etwas Liebes tun willst, so grabe meinen Körper neben der Hütte in den weichen Boden. Es wird, keine schwere Ar-beit sein. Die Kleinen mögen Dir helfen. Ich aber will Dir die Bot-schaft vermitteln, die ich für Dich habe:
Kein Mensch lebt nur einmal auf der Erde! Das mußt Du wis-sen, Wegbereiter; denn das ist wichtig. Wir kommen wieder und wieder, bis wir gelernt haben, so zu sein, daß Ahuramazda uns in seinen ewigen Reichen dulden kann.
Das ist der Schlüssel zum Verstehen allen Erdenlebens! Ich über-gebe ihn Dir, wie ich ihn einst aus heiliger Hand erhielt.
Wärest Du gekommen, als ich noch im Erdenleibe war, so hätte ich Dir mehr davon gesagt. Jetzt aber sehe ich, daß es für Dich bes-ser ist, Du versenkst Dich in dieses Dir neue Wissen und findest mit Hilfe von oben, was Du noch erfahren mußt.
Eines aber darf ich Dir noch sagen: Auch der Saoshyant war schon einmal auf der Erde. Denke auch dem nach!“
Leise schien die Gestalt zu zerfließen. Ein inniges Dankgebet sprach Zoroaster, der die Fülle dessen, was ihm eben geworden, noch nicht zu fassen vermochte. Dann machte er sich daran, die Grube auszuschachten.
Allein, ohne Hilfe der Kleinen, wollte er es tun. Bald aber merk-te er, daß er ohne sie nicht zustande kam. Da rief er nach ihnen. Dienstbereit eilten sie herbei, und über der Arbeit berichteten sie ihm, wie fromm und gut der Einsiedler gewesen sei.
„Möchtest Du nicht kurze Zeit in seiner Hütte wohnen?“ schlu-gen sie ihm vor. „Es wird ihm Freude machen und Dir nützen. Du findest soviel gute Gedanken hier, die von ihm ausgegangen sind. Die können Dir weiter helfen. Bleibe bei uns.“
Der Vorschlag gefiel Zoroaster. Und da er doch schon Nachricht an Hafis gesandt hatte, zögerte er auch nicht, länger fern zu bleiben. Liebevoll bettete er den Einsiedler in die mit Grün geschmückte Grube, betete und begab sich dann in die Hütte, die wirklich noch ganz von seiner Anwesenheit erfüllt zu sein schien.
Erst am nächsten Tage gelang es ihm, das zu erfassen, was der Greis ihm anvertraut. Wohl verstand er den tiefen Sinn noch nicht, aber die Worte konnte er sich wieder ins Gedächtnis rufen.
Zuerst kamen ihm die zurück, die von dem Helfer handelten. Der Saoshyant war schon einmal auf der Erde gewesen? Davon wuß-te aber niemand etwas. Niemals hatte der Zoroaster davon gehört! War er zum Gericht da gewesen?
Wieder rief er nach seinem lichten Helfer und diesmal kam er. Mit verstehenden Worten half er Zoroaster, das, was er hatte ver-nehmen dürfen, sich klar zu machen.
Aber er begann mit dem, was der Einsiedler ihm zuerst mitge-teilt hatte. Alle Menschen kommen mehrmals auf die Erde, um sich emporzuarbeiten. Wie einem Schüler gab der Helfer Zoroaster die Aufgabe, zunächst zu überlegen, warum der Mensch auf der Erde sei.
Als der Wegbereiter am nächsten Tage die Frage so beantworten konnte, daß der Lichte zufrieden war, trug er ihm auf, sich zu be-sinnen, ob die wiederholten Erdenleben Strafe oder Gnade seien.
„Strafe natürlich“, wollte der Befragte antworten, aber ihm fielein, daß er nie mehr ohne vorheriges Überlegen sprechen wollte.
Und bei diesem Überlegen tat sich ihm der Blick für die göttliche Gnade auf, die darin liegt, daß den Menschen Gelegenheit gegeben wird, das zu bessern, was sie in einem Leben gefehlt, das nachzuho-len, was sie vordem versäumt hatten.
Als Zoroaster soweit gekommen war, öffneten sich ihm wun-derbare Ausblicke in die ehernen Gesetze Ahuramazdas, aber auch in seine wunderbare Barmherzigkeit. Und aus dieser Barmherzigkeit heraus sandte er seinen Sohn als Helfer und als Weltenrichter.
„Wie denkst Du Dir das Kommen des Saoshyant?“ fragte der Lichte.
„Er wird daherfahren als strahlender Held“, rief Zoroaster be-geistert. „Nur so kann ich mir den Weltenrichter vorstellen.“ Der Lichte schwieg. An diesem Schweigen merkte Zoroaster, daß er nicht richtig geantwortet.
Er überlegte. War ihm nicht ein Kindlein gezeigt worden, das im Schreiten über die Erde gewachsen? Sollte der Saoshyant, der Got-tessohn, als Kindlein geboren werden? Der Lichte war verschwun-den. Allein blieb Zoroaster mit. seinen Gedanken.
„O Du Kindlein, welches Opfer bringst Du uns!“ übersann er.
„Heilig bist Du und verlässest Deine himmlische Heimat, um Mensch zu werden!“
Ja, Mensch mußte der Gottessohn werden, um den Menschen helfen zu können.
„Glückselig die Mutter, die Dir Deinen Körper bauen darf!“ Kaum hatte Zoroaster dies gedacht, da durchzuckte es ihn die
Mutter! Da war ja der Schlüssel zu dem großen Geheimnis! Er
Gottessohn war schon einmal auf Erden gewesen als Sohn Ara-Masdahs, des Fürsten.
Er würde wiederkommen, also Fürst Ara-Masdahs Sohn würde wiederkommen, Ahuramazdas, des Gottes, Sohn!
Wie über alles Begreifen wunderbar war das doch! Immer wieder mußte Zoroaster es vor sich hinsagen. Dann verstand er plötzlich auch das Wort der Wichtel: der Erbe würde kommen, die Schätze aus Ara-Masdahs Palast zu fordern. Der Erbe war kein anderer als der Saoshyant!
Zoroaster war so über alles Maß hinaus glückselig über dieses Wissen, daß es ihn drängte, mit irgend jemand darüber zu reden. Er rief, er schrie nach dem Lichten. Da kam er. „Nun hast Du ge-funden, was Dir so lange ein Rätsel schien! Gaube mir, so wird sich eins ums andere lösen, wenn Du treulich suchst und nicht Dein armes Menschenwissen hineinziehst.
Rein von oben mußt Du aufnehmen, was Du empfangen darfst. Und wenn Du es jahrelang unverstanden in Dir tragen mußt, ein-mal wird sich die Lösung zeigen. Und sie ist immer ganz einfach. Nimm das als festes Wissen aus diesem Erleben. Was Du jetzt über den Saoshyant erfahren durftest, das behalte vorerst für Dich. Noch ist es zu früh, dies den Menschen zu künden.
Dschajawa magst Du davon sagen. Es wird Zeit, daß Du wieder zu ihm zurückkehrst. Morgen mache Dich auf den Heimritt. Die Kleinen werden Dich sicher führen.“
Zoroaster tat, wie ihm befohlen; und langte wenige Tage später in der Hauptstadt an.
„Hohes Wissen ist Dir geschenkt worden, mein Sohn“, begrüßte ihn Dschajawa. „Ahuramazda hat ein lichtes Mal auf Deine Stirn gedrückt, zum Zeichen, daß Du gewürdigt, von ihm zu künden.“
Mit Freude berichtete der Heimgekehrte, was er erlebt, was er vernommen und gelernt hatte. Und mit Glückseligkeit hörte es der Greis.
„Du bringst mir viel, mein Sohn, habe Dank dafür.“
Hafis erfuhr nur einen Teil dessen, was Zoroaster innerlich reich gemacht, aber er fragte nicht nach mehr. Er wußte, daß es Dinge gab, die der Wegbereiter höchstens mit einem so hochstehenden Geist, wie Dschajawa es war, besprechen konnte.
Zoroaster nahm seine Ansprachen wieder auf, aber alle Hörer merkten, daß etwas Neues hineingekommen war. Neue Worte fand er, besser wußte er zu künden von dem, was Menschenaugen nicht zu sehen vermögen. Er hatte jetzt etwas Hinreißendes bekommen. Man vergaß seine Jugend und lauschte mit der Seele.
An dem ganzen Hofe war nicht ein Einziger, der nicht mit Freu-den aufgenommen hätte, was Zoroaster brachte.
Der Wegbereiter aber hatte aufgegeben, innerlich zu fragen, wann er mit seiner Aufgabe beginnen dürfe. Ganz vertrauensvoll verließ er sich darauf, daß ihm der rechte Zeitpunkt gezeigt wer-den würde. Er betete nur darum, daß er den Wink dann auch erkennen möge.
Als dieser Augenblick aber eintrat, da geschah es so machtvoll, wie ein Mensch es sich niemals hätte ausmalen können.
In diesem Jahre hatte die Regenzeit kein Ende nehmen wollen. Im ganzen großen Reiche Iran verdarb Korn und Frucht. Endlich lachte wieder blauer Himmel über der in Sumpf verwandelten Erde. Nun aber wurden die Strahlen der Sonne so stark, daß sie die schwachen Pflanzen verbrannten, daß sie die Menschenkörper dörrten, daß das Vieh umfiel.
Ein solches Unglück war seit Menschengedenken nicht dagewe-sen.
In stumpfer Ergebung ließen die einen den Jammer über sich er-gehen, verzweifelt klagten die andern. Hier und dort fluchte man Mithra, der die Schuld an allem tragen sollte.
Da kam schwere Erkrankung über das Reich. Die Verzweifelten ergriff sie wie die Fluchenden und verschonte auch die Stumpfer-gebenen nicht.
Einzig die Hauptstadt des Fürsten blieb verschont, aber das wußte man im Reiche noch nicht. Man hatte genug mit sich selbst zu tun, um nicht nach andern fragen zu können.
Bleigrau war der blaue Himmel geworden, drückend lag er über der Erde. Besorgt blickten die gepeinigten Menschen empor was sollte nun noch kommen?
Da begann es in der Nacht zu dröhnen, als ob im Gebirge Fels-brocken sich lösten und polternd zu Tal fuhren. Krachen und Ber-sten ließ sich hören.
Plötzlich begann der Boden zu schwanken.
Angstgepeinigt stürzten die Menschen ins Freie. Hier war es fast noch schlimmer. Bäume neigten sich, im nächsten Augenblick wurden sie samt den Wurzeln ausgerissen und durch die Luft
gewirbelt. Alle Winde hatte Vayn entlassen, daß sie ihr Spiel trei-ben sollten in der allgemeinen Zerstörung.
Vielerorts im Lande stürzten die Baulichkeiten zusammen, un-ter ihren Trümmern Menschen begrabend. Niemand dachte daran, nach ihnen zu suchen. Jeder versuchte, sich selber zu retten. Aber wo war Sicherheit?
Menschen, die sich in Höhlen geflüchtet hatten, mußten erleben, daß von hinten her der Berg sich verschob, die Höhlen zusammen-drückend, als hätten sie nie bestanden.
Aus der Wüste trieben Sandstürme über die benachbarten Strek-ken Landes, am Meeresufer stürzten die Wellen weit hinein ins Land, ganze Stücke Boden mit sich reißend.
Da verstummten auch die Fluchenden. Ein Weheschrei ging durch das weite Reich:
„Wehe uns, die Erde vergehet! Der Zorn Ahuramazdas ist über uns!“
Drei Nächte und ebensoviel Tage tobte, brauste und brandete es. Schreckenskunde kam vom Gebirge, aus dem die Menschen in Herden in die Ebene flüchteten
„Einer der hohen Berge brennt! Er wirft Steine und Feuer aus. Sein Rauch vernichtet jeden Atem.“
Und von alle dem Graus spürte die Stadt des Fürsten Hafis fast nichts. Zwei Baulichkeiten fielen ein, einige Menschen kamen um. Das war alles.
„Wahrlich“, sagte Hafis mit heißem Dank, „man merkt, daß der Wegbereiter unter uns weilt.“
Endlich in der vierten Nacht kam die stoßende, zuckende Erde zur Ruhe. Die Menschen konnten es fast nicht glauben, daß sie wieder sicher schreiten konnten. Dann verstummte das Geheul der Winde. Langsam, sehr langsam verschwand, was in Rasen über die Menschheit gekommen war.
In dieser Nacht hörte der betende Zoroaster die gewaltige Stim-me, die er schon einmal hatte vernehmen dürfen
„Wegbereiter, rüste Dich! Die Zeit ist gekommen, daß Du Dein Werk beginnst. Ahuramazdas Diener haben Dir die Bahn frei ge-macht in die Seelen.
Richte die Zerstoßenen, Zerschlagenen, Zerknickten wieder auf mit sanfter Hand und bringe ihnen die Kunde von dem Saoshyant, der kommen wird, der irregegangenen Menschheit den Weg nach oben wieder zu weisen.
Lehre sie erkennen, daß sie auf falschen Wegen wandelten. Zeige ihnen, daß alles Geschehen von ihnen selbst herbeigeführt wurde. Laß sie wahre Reue empfinden.
Mein Diener bist Du, Wegbereiter, meine Kraft wird mit Dir sein!“ In freudiger Demut lag Zoroaster auf den Knien. Schauen hat-te er den strahlenden Held nicht dürfen, aber es war ihm schon Gnade und Glückes genug, daß er die Stimme vernehmen durfte, deren Klang Tag und Nacht im Wachen und im Schlafen in ihm tönte.
Am Morgen sprach er mit Dschajawa. Noch wußte er nicht zu sagen, wie er beginnen wolle. Da trat Fürst Hafis ins Gemach:
„Ich will mich aufmachen und mein Reich bereisen. Ich will Lin-derung bringen, wo es mir möglich ist. Ich will sehen, wo Hilfe not tut.“
„Darf ich eine Strecke Weges mit Dir reiten?“ fragte Zoroaster.
Ihm wurde sofort klar, daß dies sein neuer Weg sei. Der Fürst gestattete es gern. Mochte der Weise mit ihm ziehen. Er vermochte den Menschen mehr zu bringen als nur Irdisches!
Rasch war alles zur Abreise bereitet. Traber sollte diesmal zu-rückbleiben. Ein starkes, weißes Pferd, „Strahl“ genannt, sollte den Wegbereiter tragen, der zu eigener Begleitung zwei Diener nebst Pferden und Packtieren erhielt.
Mit diesem kleinen Troß schloß er sich an des Fürsten Schar an.
Es war des Fürsten Absicht, zunächst die wahrscheinlich am mei-sten Geschädigten aufzusuchen. Also ritt man an viel Zerstörung und Herzeleid vorüber, sich Hilfe für später aufsparend.
Aber ganz so weit, wie der Fürst geplant hatte, konnte er nicht vordringen. Zu entsetzlich sah es nach zwei Tagereisen im Lande aus. Hier konnte kein fühlendes Herz vorbeigehen.
Unermüdlich half der Zoroaster bei allem, was man zur Linde-rung der Leiden tun konnte. Kein Wort kam über seine Lippen, solange die Seelen vor Schrecken und Grauen noch verschlossen waren.
Erst als Fürst Hafis mit den Seinen weiterritt, um die gleichen Lie-besdienste an anderen zu tun, erst da hielt der Wegbereiter seine Zeit für gekommen.
Man hatte die Verwundeten gemeinsam in einem rasch aufge-richteten zeltartigen Bau gebettet. Zoroaster hatte es übernommen, die Wunden zu waschen, Kräuter aufzulegen und für die Leute zu sorgen.
Dadurch gewann er das Vertrauen aller. Sie dankten ihm seine Sorgfalt und trugen ihm ihre Klagen vor. Anderes als Klagen ver-mochten sie noch immer nicht zu denken.
Geduldig hörte er sie an, nur hier und da einmal ein Wort dazwi-schen werfend. Und diese sparsam gebrauchten Worte, die immer etwas Bestimmtes zu vermitteln hatten, machten Eindruck.
Die Menschen gewöhnten sich, danach hinzuhören, sie zu über-denken. Täglich starben noch Leute, manchmal nicht einmal die am schwersten Verwundeten. Niemand sah recht danach hin. Aber langsam besserte sich der Zustand der anderen.
Allmählich begannen sie sich zu bewegen, zu gehen und nach dem zu suchen, was einst ihnen gehört hatte.
Da fanden sie meist mehr, als sie erwartet hatten. Vor allem sahen sie, daß die Leute des Fürsten eine ganze Anzahl Hütten erbaut hat-ten; andere, die weniger schwer gelitten hatten, waren hergerichtet worden. Jeder Genesende konnte wieder ein Heim finden.
Da priesen sie die weise Vorsicht, die große Güte des Fürsten.
Zoroaster aber lenkte ihre Gedanken auf den, indessen Auftrag der Fürst so gehandelt hatte. Er ließ sie bedenken, wie schwer sie sich gegen Ahuramazda verfehlt hatten, daß die große Strafe sie ge-recht getroffen, daß sie selber an allem Schuld trugen.
Er ließ nicht nach, eindringlich ihnen das vor die Seelen zu stel-len, und so erschüttert waren diese Seelen, daß sie die Worte auf-nahmen.
An diesem ersten Ort seiner Tätigkeit hatte Zoroaster viel gelernt. Vor allem war es ihm bewußt geworden, daß es nicht auf die Menge der Worte ankommt, sondern daß Schweigen oftmals eindrucks-voller sein kann. Ihm selber war das Schweigen in seiner zehnjähri-gen Einsamkeit zur Gewohnheit geworden.
Sodann wußte er jetzt, daß er niemals sofort mit der Verkündi-gung des Helfers beginnen dürfe.
Erst mußten die Seelen durch Erleben innerer öder äußerer Art zu der Überzeugung gebracht werden, daß sie einen Helfer brauch-ten. Dann erst konnte man beginnen, ihnen diesen heiligen Herrn vor die geistigen Augen zu stellen.
Diese Zurückhaltung fiel Zoroaster schwerer als das Schweigen. Er war so erfüllt von dem, den er künden durfte, daß er am liebsten nur von ihm sprechen wollte.
Nach einiger Zeit verließ er die Menschen, denen er geholfen hat-te, sie gesund zu machen, und ritt in der Richtung weiter, die ihm Hafis angegeben hatte.
Wohin er nun kam, da fand er die Aufräumungs-und Besserungs-arbeiten bereits getan. Er fand Leute, die versuchten, sich, so gut es gehen wollte, mit dem einzurichten, was ihnen geblieben war.
Viel leichter war es, zu diesen Menschen zu reden. Sie waren so gedrückt und verzagt, daß sie rasch zu überzeugen waren, wie nur sie allein die Schuld trügen. Hier kam ihm die Gabe des Sehens der Gedanken zustatten. Er konnte den Menschen treffend gerade das sagen, was sie brauchten ihrem Denken entsprechend.
Es währte nicht lange, so hielten sie ihn für einen Weisen, einen Seher, und gläubig lauschten sie dem, was er zu künden hatte. Weit taten sich die Seelen auf, als er von dem kommenden Helfer sprach. Wie ein Taumel ergriff es die Hörer, als sie ihn so aus tiefster Seele künden hörten. Begeistert, wie er selber war, begeisterte er auch alle andern.
Nun lief die Kunde seines Kommens und seines Wirkens schon vor ihm her zu der nächsten Ortschaft. Ungeheuer war das Streben der Menschen, so rasch als möglich mit ihm zusammen zu kom-men, damit sie von dem Ewigen hörten, von dem er sprach.
Wohl gab es überall solche, die Zweifel hegten, ob der Helfer noch so rechtzeitig kommen werde, daß auch sie noch Nutzen davon hätten. Denn das konnte der Wegbereiter nicht angeben, wann der Ersehnte zur Erde niedersteigen werde.
Was sollte ihnen aber ein Helfer, der vielleicht erst nach drei oder vier Generationen erschien? Da brauchten sie sich nicht zu mühen, richtig zu leben.
Sowie Zoroaster auf derartiges Denken stieß, lohte er auf. Wie war es möglich, nicht zu sehen, daß jeder Einzelne sein Möglichstes tun müsse, um die Erde nicht noch tiefer in den Sumpf gleiten zu lassen! Auf jeden Menschen kam es an! Rastlos mühte er sich um die, die so lau dachten.
Andere wurden in seinen Weg geführt, die fragten überhaupt nicht nach einem Helfer.
„Allzu lange werden wir nicht mehr leben, die kurze Spanne Zeit können wir ertragen, was uns auferlegt ist. Einen Helfer brauchen wir nicht.
Wo Zoroaster solchen Einwänden begegnete, da hatte er Mühe, die Flammenglut im Innern zu dämpfen. Er fragte dann stets, was die Menschen nach ihrem Tode erwarteten.
Gewöhnlich lautete dann die Antwort
„Nichts. Wir werden vergehen, wie die Blumen in den Gärten vergehen.“
Nur wenige sprachen von Garodemana, in das sie einzugehen hofften. Was es aber mit diesem seligen Orte war, das vermochten auch sie nicht zu sagen.
Da wurde es dem Zoroaster klar, daß er ganz weit zurückgreifen müsse. Von Anramainyus Entstehung, von seinen üblen Gesellen müsse er künden, damit die Menschen erführen, wem sie sich er-geben.
An der Art, wie diese Botschaft aufgenommen wurde, merkte der Wegbereiter, daß er jetzt auf dem rechten Wege war. Geduldig und unermüdlich lehrte er die Menschen, ehe er das Neue künden durf-te.
Lange blieb er an manchen Orten, denn der Arbeit gab es viel. Seine beiden Diener hatte er sich zu Gehilfen ausbilden können. Längst schon lehrten sie mit ihm, aber sie sprachen nur von dem, was allen hätte bekannt sein müssen. Neues künden durften sie nicht.
Wie seither waren die kleinen Helfer seine besten Freunde, wo immer er sich auch aufhielt. Sie wiesen ihm die Wege zu .neuen
Ortschaften, wenn er weiter zu ziehen begehrte. Daran, wie seine Vorräte und die von Hafis erhaltenen Gelder zusammengeschmol-zen waren, merkte er, daß er jahrelang unterwegs war.
Er kam sich vor, wie ein Sämann, der gern den Samen ausstreuen möchte, erst aber noch den Boden zu bearbeiten hat.
Immer noch glich sein Wandern von Ort zu Ort einem Freuden-zug. Ungern sah man ihn scheiden, von weit her zog man ihm in Freude und Erwartung entgegen.
Daß er der verheißene Zoroaster sei, das sagte er den Menschen nicht. Er nannte sich wohl so, aber sie hielten es für seinen Namen und dachten nicht weiter darüber nach.
Da kam er eines Tages in eine Gegend, die er vor einigen Jahren bereits besucht hatte. Es war eine von jenen, in denen er nach den großen Erdumwälzungen gearbeitet hatte. Er fand die Leute froh in gespanntester Erwartung. Ihre Felder waren nicht bestellt, ihre Hütten verfielen, trotzdem belebte alle eine besondere Freu-digkeit.
Als sie ihn erkannten, drängten sie sich um ihn.
„Herr, wir haben gute Kunde für Dich! Der verheißene Zoroa-ster hat uns besucht. Er hat uns Kunde gebracht, daß der Saoshyant noch in diesem Jahr kommen wird. Er hat uns gesagt, daß wir uns in Freude bereiten sollen; denn er will uns alle mitnehmen nach Garodemana. Wir sollen uns aller nicht unbedingt nötigen Ar-beiten enthalten. Wir sollen uns hier unten schon an ein Leben in Freude und Glück gewöhnen, damit wir die Seligkeit droben ertra-gen können!“
Entsetzt hörte Zoroaster die Kunde. Was sollte er nur darauf sa-gen? Statt aller Antwort hob er die Hände und betete laut. Zu Ahu-ramazda rief er in seiner Not.
„Ahuramazda, Herr Himmels und der Erde! Siehe das irrege-leitete Volk! Erbarme Dich seiner; denn ich vermag nichts zu tun. Ein anderer hat gesät, wo ich den Boden bereitete. Die böse Saat ist aufgegangen. Fluch wird die Ernte bringen. Ahuramazda, ich flehe Dich an: hilf Du!“
Wie erstarrt hörten die Leute das Gebet. Es machte tiefen Ein-druck auf viele.
Sie überlegten. Wenn nun wirklich ein falscher Wegbereiter bei ihnen gewesen war? Aber woran sollten sie das erkennen? Es war bequemer, nun so fortzufahren, wie sie begonnen.
Wenn der Saoshyant nicht kommen würde in diesem Jahr, dann würden sie freilich in Not geraten; denn sie hatten ja nicht vorge-sorgt. Ihr Vieh hatten sie geschlachtet, ihre Felder lagen brach. Aber daran durften sie nicht denken! Zu entsetzlich wäre das.
Zoroaster versuchte, mit einzelnen zu sprechen, da er sah, daß es unmöglich sein würde, vor allen zu Wort zu kommen. Aber jede Bemühung war vergeblich.
Da gab er zunächst jede Beeinflussung auf und versuchte, so rasch als möglich hinter dem falschen Zoroaster her zu reiten.
Wohin er auf diesem Ritt kam, überall fand er den gleichen Freu-dentaumel, die gleiche Trägheit, die gleiche verderbliche Sinnen-lust, die an manchen Orten in völlige Unzucht ausartete. Der Zo-roaster hatte ihnen erlaubt, alles zu tun, wonach es sie gelüstete.
Nirgends hielt sich Zoroaster mehr auf, um nur dem Bösen so rasch wie möglich in den Weg zu kommen. Unterwegs aber betete er, daß er die rechten Worte finden möge, ihn aus dem Felde zu schlagen, daß er sich seines Herrn würdig zeigen möge.
Oftmals trat sein lichter Helfer zu ihm und ermahnte ihn zu Ge-duld.
„Warum hat Ahuramazda solches zugelassen?“ rief Zoroaster ein-mal verzweifelt.
Sehr ernst entgegnete der Lichte:
„Es ist nicht Deine Sache, dem nachzuforschen. Alles, was Gott zuläßt, hat seinen Zweck. Du wirst es auch einmal erfahren.“
Wieder kam Zoroaster in eine Ortschaft, wo ihm die Freudenbot-schaft verkündet wurde. Da konnte er sich nicht halten und fragte:
„Woher wißt Ihr denn, Ihr Leute, daß der, der Euch dies gesagt, der wahre Zoroaster ist? Sehet, ich bin auch ein Wegbereiter!“
Da lachten die Leute und meinten:
„Du bist früher schon bei uns gewesen und hast mit uns von den Göttern gesprochen, aber Du sagtest uns niemals, daß Du der Zo-roaster seiest. Der andere aber sagte es uns frei heraus. Darum glau-ben wir ihm auch.“
Eiseskalt durchfuhr es Zoroaster.
War es wieder seine Schuld, daß der Betrüger leichtes Spiel ge-habt hatte? Hätte er seinen Namen nennen sollen? Es hatte ihm
widerstrebt, den Leuten diesen Namen zu erklären. War es Be-scheidenheit gewesen, so war sie nicht am Platze. Das merkte er jetzt. Er hätte sich als Diener seines Herrn einführen müssen.
Er war so bedrückt, daß er schweigend weiter ritt. Unterwegs aber rief er nach dem Lichten, um ihm alles zu sagen. Vergebens. Er mußte selber durch die Mauer dringen, die seine Gedanken vor ihm aufrichten wollten.
Anfangs war es bestimmt richtig, daß er nur von den Göttern mit den Menschen sprach. Dann aber hätte er sagen müssen:
„Ihr wißt, daß ein Wegbereiter verheißen wurde, der den Saos-hyant künden soll. Dieser Zoroaster bin ich! Gott hat mir diese Gnade gegeben.“
Sie hatten ihm ja alle auch ohnedies geglaubt. Erst der andere, der sich sein Amt zulegte, hatte mit dem falschen Namen den Namen-losen verdrängt. Jetzt wußte er plötzlich, wie er es hätte machen müssen. Nun war es zu spät!
Zu spät? Nein, nimmermehr! Und wenn er mit Anramainyu sel-ber kämpfen müßte, er würde den Kampf aufnehmen und in der Kraft des höchsten Gottes siegen.
Ein neues Erleben, ein tiefer Schmerz und ein Neu-Gestähltwer-den für die Aufgabe!
Er hatte des Weges nicht acht gehabt, plötzlich bäumte sich Strahl. Vor ihm stand ein kleiner Helfer, der eifrig in anderer Wegrichtung deutete. Zoroaster verstand, daß der Betrüger seinen Weg geändert hatte.
Binnen kurzem würde der echte Wegbereiter dem falschen ge-genüber stehen.
„Er hat von Dir gehört“, sagte der Kleine wichtig. „Er fürchtet sich; denn überall und immer fürchtet das Dunkel das Licht. Er will ein Zusammentreffen vermeiden.“
Da lachte Zoroaster zum erstenmal wieder seit langem. Und die-ses Lachen befreite ihn von unsichtbaren Banden, die ihn gefesselt und bedrückt hatten. Fast freute er sich auf die Begegnung.
Ein heißes Gebet zu Ahuramazda, eine flehentliche Bitte an den Lichten, bei ihm zu stehen, dann wollte er mit neuem Mut voran-stürmen. Aber der Kleine hob aufhaltend die runzligbraune Hand
„Und uns vergißt Du?“ fragte er vorwurfsvoll. „Du wirst uns brauchen, um Dich gegen Angriffe des Falschen zu schützen. Ver-achte uns und unsere Hilfe nicht.“
Aufrichtig beteuerte Zoroaster, daß er niemals an der Bereitwil-ligkeit der Kleinen gezweifelt. Wie oft hatte er nach ihnen geru-fen, wie oftmals hatten sie ihm geholfen! Nun durfte er reiten, der Wichtel gab ihn frei.
Unterwegs teilte er den beiden Dienern mit, welches Ereignis sie erwarte. Sie waren schon lange nicht zufrieden mit ihrem Herrn, daß er nicht kämpfend gegen die Lügen aufgetreten war.
Nun verstanden sie, warum er gezögert. Er wollte das Haupt der Schlange zertreten und dann erst die Schäden zu heilen suchen, die sie angerichtet.
Sie nahten sich der Ortschaft. Niemand zog ihm entgegen, wie es bisher überall gewesen war. Sie ritten mitten zwischen die Hütten. Niemand zeigte sich.
„Wo sind sie alle?“ sprach Zoroaster vor sich hin.
Sofort standen ein paar Männlein vor ihm und deuteten eifrig in eine der größten Hütten.
Zoroaster sprang vom Pferde und hieß die Diener, ein Gleiches zu tun.
„Hier scheint man uns nicht freundlich gesinnt zu sein“, sagte er.
„Einer von Euch muß bei den Tieren bleiben, der andere mag mich begleiten.“
Da erinnerte ihn einer der Diener, daß er doch unterwegs die Richtung geändert, so daß die Leute einer anderen Ortschaft jetzt auf ihn warteten, während diese hier von seinem Kommen nichts wußten. Das war noch kein Zeichen von Feindseligkeit.
Lautes Rufen drang aus der bezeichneten Hütte, freudig klang es, aber für Zoroasters Ohren mischte sich ein übler Ton hinein. Kurz entschlossen öffnete er die nur angelehnte Tür und trat ins Innere. Ein paar Köpfe wendeten sich ihm zu, aber in dem Halbdunkel erkannte ihn niemand. Man dachte wohl, es sei ein verspäteter Hörer, keiner achtete seiner.
Inmitten der Menge stand auf einer Erhöhung, es mochte ein gro-ßer mit einem Tuche überdeckter Stein sein, ein Mann, der laut und herrisch auf die Leute einsprach.
Im Alter ihm gleich, hatte er auch im Aussehen eine gewisse-Ähnlichkeit mit Zoroaster. Seine Kleidung war überaus prächtig. Mithras Zeichen war auf Brust und Rücken in Gold gestickt. Hin-ter ihm standen zwei Männer, die ein besticktes Tuch ausgespannt hielten.
Jetzt hob der Redner die Hand und deutete auf die Zeichen, die das Tuch schmückten.
„Sehet“, rief er, „mein Ausweis. Dies ist das Zeichen des Saos-hyant! Sein Wegbereiter bin ich. Ich darf Euch künden, daß er in den nächsten Monaten kommen wird, diejenigen, die es verdien-ten, nach Garodemana zu führen.“
Ein beglücktes Stöhnen durchlief den Raum. Sie alle meinten, diese Auszeichnung verdient zu haben. Aber sie erschraken, als eine klare, ruhige Stimme fragte:
„Und wer verdient dies?“
Statt aller Antwort fuhr der Redner fort:
„Hier spreche ich! Wer wagt es, mich zu unterbrechen?“
Ohne sich zu besinnen, erwiderte Zoroaster mit einer Stimme, die wie Metall über die Versammlung hinwegtönte „Der wahre Zo-roaster!“
Als habe der Blitz in die Versammlung eingeschlagen, so fuhr sie auseinander. Die Menschen kreischten auf, sie wußten selbst nicht warum. Etwas Unerklärliches schien nach ihnen greifen zu wollen. Sie aber schoben dies auf den Störer und wendeten sich im Entset-zen gegen ihn.
Er blieb ruhig stehen, aber die Anstürmenden wichen zurück. Ein feiner Lichtschein umgab ihn, es konnte kaum mehr sein als ein lichter Nebel. Niemand wagte, ihn zu berühren. Aber der Tumult wuchs. Der falsche Zoroaster schäumte und hetzte die Männer zum Angriff.
Wieder erhob Zoroaster seine Stimme, die allen Aufruhr über-tönte:
„Ihr Männer, sehet mich an! Ihr kennet mich. Ich kam im Auf-trage Ahuramazdas zu Euch, Euch in Eurer großen Not zu helfen. Kennt Ihr mich noch?“
Ja, sie kannten ihn. Einer nach dem andern gestand es ein. Sieschämten sich, daß sie ihrem Wohltäter hatten Übles tun wollen.
Ein alter Mann rief laut:
„Du bist der, der in uns das Sehnen nach dem Saoshyant geweckt hat. Ohne Deine Lehren hätten wir die frohe Kunde, die der Weg-bereiter uns heute bringt, gar nicht verstehen können.“
„Woher wißt Ihr, daß er der Wegbereiter ist?“ fragte Zoroaster schneidend.
„Er sagt es, Herr“, riefen sie beglückt.
„Und darum glaubt Ihr ihm? Sehet mich an. Ich, den Ihr kennet, ich sage Euch, daß ich der Zoroaster bin, der Diener des Saoshyant! Nun steht Wort gegen Wort. Wem glaubt Ihr nun?“
Verlegen schauten sich die Männer an. Da stand der, den sie kannten, den sie liebten, dem zu vertrauen sie gelernt hatten. Das war kein Lügner, das wußten sie. Aber der andere hatte den Aus-weis von Ahuramazda! Es war ein schlimmer Zwiespalt, in den sich ihr Glück gewandelt hatte!
Ehe einer von ihnen einen klaren Gedanken fassen konnte, be-gann der Mann zu reden, der da noch immer auf der Erhöhung stand.
Im Gegensatz zu Zoroasters ruhiger Stimme klangen seine Worte hastig, überlaut schrie er sie hinaus.
„Lasset Euch nicht blenden von einem, der Euch nur verwirren will! Was er damals an Euch tat, hätte jeder andere Diener des Für-sten auch getan. Er stand in Diensten Hafis und wurde bezahlt für seine Arbeit. Ihr seid ihm also keinen besonderen Dank schuldig.
Wäre er der Zoroaster, so hätte er es Euch sicherlich damals ge-sagt!“
Oh, dieses unselige Schweigen! Zoroaster begriff sich selbst nicht mehr.
Unter den Männern gab es jetzt augenscheinlich eine Spaltung. Einige wenige glaubten Zoroaster, die andern neigten sich dem Be-trüger zu. Es klang so vernünftig und überzeugend, was er sagte.
Einer der älteren Männer wandte sich an den Wegbereiter;
„Herr, dieser sagt, der Saoshyant werde in wenigen Monaten kommen. Du aber sagtest uns, Du wissest die Zeit seines Kommens nicht. Ich denke mir die Sache so:
Wenn ein Herr eine Botschaft senden will, so schickt er zuerst den einen Diener, daß er sie ganz allgemein mitteile. Nach einiger Zeit sendet er den zweiten hinterher, damit er sie ergänze und vervollständige. So wird es auch hier sein. Beides werden Diener Ahuramazdas sein, geschickt, den Helfer zu verkünden.“
Die Weisheit dieser Worte fand Beifall bei allen. Das war ein herr-licher Ausweg aus einer Lage, die keinem angenehm war. Der Be-trüger lachte.
„Du hast gut gesprochen, Alter. Man sieht, daß immer der im Vorteil ist, der seinen Verstand recht zu gebrauchen weiß.“
Zoroaster stand überwältigt daneben. Gegen so viel Klugheit kam er allein nicht auf. Aber in seinem Innern schrie er um Hilfe. Wenn er das ganze Unheil auch verschuldet hatte, es war nicht seine Sache, sondern die heilige Sache Ahuramazdas. Gott würde ihm Hilfe senden.
Sie kam von einer unerwarteten Seite. Der sonst so stumme Die-ner Zoroasters ärgerte sich um seines Herrn, um der heiligenSache willen. Und dieser Ärger machte ihn beredt. Ungewollt, wie von unsichtbarer Macht getrieben, stieß er hervor;
„Was weiß denn Euer Zoroaster von dem Helfer zu künden? Ken-net er denn den, von dem er saget, er habe ihn geschickt?“
„Noch hat er uns nichts gekündet, als daß der Saoshyant kommen wird und alle mit sich nehmen wird nach Garodemana.“
„Wohlan, so mag er es jetzt tun! Ich werde der Erste sein, der das Knie vor ihm beugt, wenn er recht kündet.“
Frisch und lebhaft sprach der Diener, den niemand erkannte. Sie wußten nicht, daß er mit Zoroaster gekommen war und hielten ihn für einen Wißbegierigen aus irgendeiner andern Ortschaft. Auch der Betrüger ließ sich täuschen. Der Diener hatte allerdings diese Täuschung nicht beabsichtigt.
„Der Mann, der sich Wegbereiter nennt, soll den Raum verlassen, ehe ich spreche“, begehrte er.
Das war unklug. Nun riefen die Hörer:
„Wenn Ihr beide Diener des gleichen Herrn seid, so mag er ruhig hören, was Du zu sagen hast. Es wird ihm nicht fremd sein.“
Da das die allgemeine Ansicht war, wagte der Betrüger nichts dagegen einzuwenden. Er nahm eine herausfordernde Haltung an und begann:
„Ihr Männer, höret! Von dem Verheißenen soll ich Euch künden. Es ist ein großer, vornehmer Herr, der wie ein Fürst unter Euch treten wird. Er ist Euch nicht fremd; denn er ist eines Volkes mit Euch. Ein Sohn Eures Fürsten Ara-Masdah ist er, wie Euch schon lange geweissagt wurde.“
Die Leute wurden unruhig. Zoroaster schwieg. Er wußte, er muß-te den rechten Augenblick abwarten, und dieser würde ihm von höherer Hand gezeigt werden.
„Ist Euch das etwas Neues, Ihr Männer? Ich glaubte, die Weissa-gung sei allgemein bekannt. Ein Sohn Eures Fürsten wird kommen. Niemand kennt das Volk so gut wie einer, der gleichen Stammes ist. Zur Glückseligkeit wird er Euch führen. In die ewigen Gärten wird er Euch leiten.
Und darum sage ich Euch: bereitet Euch auf sein Kommen! Zur Freude will er Euch führen, Freude sollt Ihr jetzt schon empfin-den im Hinblick auf sein Kommen. Lasset alles dahinten, was Euch unangenehm oder beschwerlich ist. Vergesset alles, was Euch be-kümmert oder schmerzt. Lasset alle Arbeiten liegen. Ihr braucht sie nicht mehr zu vollenden.
Ehe die Ernte reifen könnte, die Ihr jetzt säen wollt, ist der Ver-heißene mitten unter Euch. Da werden die Werkzeuge Eurer Hand entsinken. Mit ihm werdet Ihr eingehen dürfen zu ewigen Freuden.“ Er schwieg. Ihm fiel nichts mehr ein, was er noch hätte sagen kön-nen, ohne sich zu stark bloßzustellen vor Zoroaster. Da brach dieser sein Schweigen.
„Ihr Männer, höret nun auch mich. Was jener Euch kündet, ist ein Gemisch von falsch verstandener Weissagung und Lüge!“ Der Betrüger wollte sich wehren, ein Mann aber rief ihn an: „Schwei-ge! Dieser hat Dich auch reden lassen, bis Du genug hattest. Und wertvoll war Deine Rede wahrlich nicht.“ Darüber mußten ein paar andere lachen, und dies Lachen schadete dem Ansehen des Betrügers beträchtlich.
„Fahre fort, Zoroaster“, forderte der Diener, der als einer aus der Menge da stand.
„Ja, fahre fort, Wegbereiter!“ riefen nun auch die andern. Sie woll-ten hören, was er zu sagen habe. Und Zoroaster fuhr fort:
„Verheißen ist Euch der Sohn Ahuramazdas, des höchsten Got-tes! Aus göttlichem Erbarmen will der Helfer herniedersteigen auf die Erde. Die Herrlichkeit der sieben Himmel verläßt er deshalb.
Ob er menschlich als Fürst kommt oder als einfacher Mann, das bedeutet gar nichts gegenüber dem Großen, Unbegreiflichen, daß er der Menschheit dieses Opfer bringt.
Der sinkenden Erde, der durch Schuld der Menschen befleckten Schöpfung will er noch einmal Licht und Wahrheit bringen. Er wird aber auch Gericht halten!
Menschen, hört Ihr es? Gericht will er halten! Oder wäre das ein Gott, der wahllos die Sünder mit den wenigen Guten zusammen nach Garodemana führen würde? Sorgfältig wird er auslesen, wer dessen wert ist. Jeder wird ernten, was er gesäet hat.
Denket nach: vielleicht habt Ihr einen Nachbar, der Euch betro-gen, Euch um etwas von dem Euren gebracht hat.“ Deutlich hatte Zoroaster an den Gedanken gesehen, daß dem so war. Deshalb fuhr er doppelt mutig fort:
„Was meinet Ihr: würde es Euch recht sein, wenn dieser Sünder mit Euch eingehen dürfte in die ewige Glückseligkeit?“
„Du hast recht, Zoroaster“, riefen etliche überzeugt. „Das wäre gegen alle Gerechtigkeit!“
„Und Ahuramazda ist die Gerechtigkeit; denn er ist Gott!“ rief Zoroaster jubelvoll über die Menschen hinweg.
„Er ist aber auch die Wahrheit! Vor ihm kann keine Lüge beste-hen! Entsinnst Du Dich noch, Du Betrüger, wie Du zu mir kamst, als ich noch ein Suchender war, und wie Du mir sagtest, Du sei-est der Zoroaster? Wenige Worte genügten, Dich aus dem Felde zu schlagen. Wenige Worte werden auch jetzt genügen.
Wie Du es nicht wagst, die heiligen Namen auszusprechen, so wirst Du es auch nicht wagen, zu Ahuramazda zu beten. Versuchst Du es dennoch, so wird gerechte Strafe Dich treffen!“
„Er soll die Probe annehmen. Er soll beten!“ riefen die Menschen wirr durcheinander.
Die meisten waren jetzt schon davon überzeugt, daß er ein Betrü-ger war. Aber sie wollten sehen, was geschehen würde.
Der falsche Wegbereiter war zusammengezuckt. Jetzt blähte er sich auf und sagte :
„Auf Befehl bete ich nicht, Gebet ist mir zu heilig!“ Einige der Männer begannen zu lachen. Das waren die, die nun ganz sicher waren, daß der Mann unecht war.
„So werde ich beten!“ klang Zoroasters klare Stimme ruhig durch den Raum.
Wo er stand, hob er die Hände und begann
„Ahuramazda, Du ewiger allgegenwärtiger Gott! Du siehst auch uns in diesem Augenblick.“
Er hielt kurz inne. Die Worte fielen wie Funken in die erregten Seelen.
„Ich danke Dir aus ganzer Seele, daß Du mir die Worte auf die Zunge gelegt hast, die die Kraft in sich trugen, den Männern zu beweisen, daß sie beinahe einem Betrüger geglaubt hätten!
Befreie uns von diesem Diener Anramainyus, damit die Seelen frei werden, Dir zu dienen!“
Heiliges Schweigen ging durch den Raum, hier und da von einem Seufzen unterbrochen. Nun war keiner mehr, der zweifelte.
Der Betrüger aber wollte von dem Stein steigen, um den Raum zu verlassen, da wurden seine Augen gläsern. Starr schauten sie auf einen Punkt, dann brach es von seinen Lippen:
„Nehmt das Kreuz fort, ich kann es nicht sehen! Es martert mich.“ Alle wandten sich zu dem Punkt, auf den er deutete. Alle meinten es zu sehen, das goldene strahlende Kreuz, das über Zoroaster zu schweben schien.
Dieser war tief ergriffen.
„O Du strahlender Held, Dein Zeichen!“ jubelte er laut. Der an-dere aber ächzte:
„Nehmt das Kreuz weg, es tötet mich!“
Er taumelte und griff nach dem Herzen, dann fiel er leblos den zunächst Stehenden zu Füßen. Die Aufregung war unbeschreiblich. Zoroaster ging ins Freie und überließ es den Männern, den Leich-nam irgendwohin zu bringen. Mochten sie ihn auf einem der Tür-me des Schweigens, die bei jeder größeren Ortschaft waren, den schwarzen Riesenvögeln zum Fraß breiten.
In ihm war heiße Dankbarkeit, die sich in Gebet ergießen muß-te. Dann kam ein klein wenig Enttäuschung. Der Betrüger war ein Mensch von Fleisch und Blut gewesen. Er aber hatte geglaubt, einem bösen Geist, vielleicht gar Anramainyu selbst gegenüberzustehen.
Doch diese Enttäuschung ging so rasch, wie sie gekommen, unter in dem großen Dankes-und Glücksgefühl. Wie leicht war ihm der
Sieg gemacht worden. Wie herrlich hatte Gott geholfen! Sein Die-ner trat zu ihm:
„Zoroaster, die Männer fragen, ob Du mit ihnen ins Freie gehen willst, um ihnen von Ahuramazda und dem Saoshyant zu erzählen. In den Raum, wo das Fürchterliche geschah, mögen sie Dich nicht bitten. Sie wollen aber hören in großem, wahrem Verlangen.“
Der Wegbereiter folgte der Aufforderung.
Freudig kündete er. Er verschwieg seine Schuld nicht, die darin lag, daß er ihnen nicht schon beim ersten Lehren sein hohes Amt offenbart, aber er strafte auch sie mit herben Worten, daß sie so leichtgläubig einem Betrüger zum Opfer fallen wollten.
Damit aber hatte er ihre Herzen vollends gewonnen. Sie fühlten ein Strömen von ihm zu ihnen, trotzdem sie sich dessen nicht recht bewußt wurden. Es war da und machte das Verstehen leicht. Es war, als wisse er zum voraus, was sie fragen wollten. Und immer löste seine Antwort neue Fragen bei ihnen aus. Es war ein herrliches Ar-beiten!
In Mursa, dem Diener, der plötzlich zu reden begonnen, erwuchs Zoroaster ein brauchbarer Helfer. Mursa hatte dadurch, daß er im entscheidenden Augenblick der inneren Stimme gefolgt war, die ihn zu sprechen trieb, eine Verbindung nach oben erlangt, die nicht mehr abriß.
Deutlich wurde er geführt, wenn auch in ganz anderer Weise als Zoroaster. Bei Mursa ging alles mehr aufs Irdische, Praktische, doch war er gerade dadurch eine wertvolle Ergänzung für den Wegberei-ter.
Er war es, der die Unbeweglichsten der Seelen zu leiten versuchte, indem er ihnen mit immergleicher Geduld das Gleiche alle Tage sagte.
Rasch merkte er dann das aufblitzende Erkenntnis-Lichtlein, fachte es zum Flämmchen an und ging danach einen Schritt weiter. In den so mühevoll gewonnenen Seelen haftete das, was sie einmal erfaßt hatten, unauslöschlich fest.
So erblühte aus dem Unheil eine Zeit reicher Ernte, herrlichen Wachstums. Da wurde es Zoroaster zur Gewißheit, daß er sich hier losreißen müsse, um auch in den anderen Gegenden, die der Betrü-ger durchzogen, die Spuren seines Wirkens zu tilgen.
Er sagte es den Männern, und sie verstanden ihn. Ja, einer von ihnen dachte weiter.
„Der Betrüger ist tot“, sagte er. „Wenn Du nun in eine der Ort-schaften kommst, die auf sein Geheiß schlecht geworden sind, wie wir es werden sollten, so werden sie lieber in der Schlechtigkeit be-harren als Dir glauben.
Ich meine, etliche von uns sollten einige Tage vor Dir herziehen und künden, was bei uns geschehen. Wir haben ja gesehen, wie Ahuramazda, der Ewige Gott, selber den Frevel gestraft hat.“
Diesen Vorschlag fanden alle gut. Der Sprecher wählte seine Be-gleiter aus: Arme und Reiche, Alte und Junge, damit aus jedem Stand einer da sei zu zeugen.
Zoroaster aber litt es nun nicht länger. Fast ungeduldig blieb er noch die vereinbarten Tage, dann ritt er mit Mursa und dem Diener davon.
Hohe Freude beseelte Zoroaster, hatte er doch deutlich erleben dürfen, wie Ahuramazdas Güte auch das zum Besten wendet, was menschlicher Unverstand versehen hat. Und diese Freude ließ ihn dem Schweren, das vor ihm lag, voll Mut und Zuversicht entgegen blicken.
Freilich, so schwer hatte er es sich nicht gedacht!
Es war verabredet gewesen, daß die Boten nur künden und zeu-gen, danach aber weiter reiten sollten. Sie fühlten sich nicht reif genug, um zu lehren. Das wollten sie dem Wegbereiter und Mursa überlassen. So fanden diese beiden auch keinen der Vorausgesand-ten mehr in der nächsten Ortschaft, in der sie zusprachen.
Wie eine Herde, in die ein Raubtier gefahren ist, zeigten sich ihnen die Bewohner. Jammernd und klagend rannten sie umher. Überall standen sie in. Gruppen beisammen, das entsetzliche Un-glück besprechend.
Keinen Zweifel hatten sie, daß das, was die Boten gekündet, Wahrheit sei. Die Besten unter ihnen hatten schon längst gegen das, was sich jetzt an Sittenlosigkeit, Trägheit und Unehrlichkeit breit zu machen suchte, mit flammenden Worten geredet.
Immer klarer war es ihnen geworden, daß ein Wegbereiter, der die Menschen solche Wege führte, nicht der rechte sein könne. Nun
sie ihre Ansicht bestätigt hörten, begannen sie kraftvoll Einspruch zu erheben. Aber sie drangen nicht durch.
Ganz verzweifelt waren die Leute.
„Es ist alles aus. Wir können uns nicht mehr ändern!“ riefen die einen, während die anderen sagten: „Ernte und Vieh sind verloren. Der schrecklichsten Not müssen wir ins Auge schauen. Lasset uns die Zeit, die uns noch gegeben ist, genießen. Nachher mag kom-men, was kommen muß!“
Zu diesen Menschen kam der Wegbereiter, nicht wie ein Bringer himmlischer Freude, der er war, sondern als Verkünder größten Entsetzens. Wollte er sprechen, so schrien sie ihn an
„Schweige doch! Wir wollen nicht hören, was Du zu sagen hast. Deine Worte vergrößern nur unsere Pein.“ Oder:
„Schweige! Nimm uns nicht das Letzte noch, das wir haben. Wir wollen nichts hören!“
Da begann Zoroaster die auszusuchen, deren Gedanken er als gut erkannte. Diese sammelte er um sich, erzählte, kündete, vor allem aber betete er mit ihnen für alle die vielen irregeleiteten Menschen. Und über dem Beten tat sich ihm der Blick auf, so daß er sah, wie hier zuerst irdisch geholfen werden mußte.
Eine Stimme sprach zu ihm
„Zoroaster, denke: Du findest einen Mann, der Händel hatte mit einem anderen. Er blutet aus vielen Wunden, an seinem Leben liegt ihm nichts mehr, weil er zu geschwächt ist. Wirst Du ihm zuerst sagen, wie schmählich es ist zu streiten? Wirst Du ihm verheißen, daß, wenn er nie mehr händelt, er dann in Zukunft auch keine Wunden mehr davon tragen wird?“
Zoroaster hatte verstanden. Er trug den Männern, die ständig um ihn waren, auf, die andern zusammenzurufen, er wolle versuchen, ihre Not zu lindern.
Da kamen sie alle, wenngleich sie fürchteten, er werde ihnennicht helfen können. Er aber fragte sie, wie lange ihre Äcker schon brach lägen. Sie sagten, seit der letzten Ernte.
„So ist doch noch zu helfen, Ihr Männer“, rief der Wegbereiter freudig. „Schicket in die Ortschaft, aus der ich soeben komme, und bittet, daß kräftige Männer Euch zur Hilfe eilen. Mit diesen können wir, wenn wir alle uns mühen, die Felder bereiten und rasch ansäen. So kommen wir noch zur zweiten Ernte zurecht. Das ist besser als gar nichts haben.“
Ungläubig starrten sie ihn an.
„Meinst Du, daß die Fremden uns helfen werden? Warum sollten sie es tun?“
„Aus der Dankbarkeit heraus, daß sie vor gleichem Geschick be-wahrt blieben“, sagte Zoroaster ernst.
Danach sandte er Mursa mit einem der älteren Männer aus dieser Ortschaft, damit die Leute dort drüben gleich wußten, daß die Bot-schaft von ihm komme.
Sofort wurde mit den Arbeiten begonnen. Jeder Mann wollte auf sein Feld eilen. Das litt Zoroaster nicht. Nachdem er alles Land be-sichtigt hatte, das zu bestellen war, befahl er, daß es planmäßig ge-meinsam von allen bearbeitet werde.
Von oben kamen ihm diese Gedanken, ihm, der gar nichts von Feldbau verstand. Es war ihm, als gehe fortwährend jemand neben ihm her, der ihm nicht nur sage, was zu geschehen habe, sondern der ihm die besten Handgriffe zeige, so daß er die Leute weisen konnte, wie alles zu geschehen habe.
Sie fügten sich. Anfangs taten sie es, um sich nicht diesen letzten Retter zu verscheuchen durch Auflehnung, aber sie murrten inner-lich. Allmählich verstanden sie, wie er es meinte, und sahen das Richtige seiner Befehle ein.
Nun kamen auch die erbetenen Helfer! Viele Männer zogen her-bei. In der sie beseelenden Freude leisteten sie mehr als gewöhnli-ches Arbeitsmaß. Ihr Beispiel spornte die Müden, Lässigen an, die bereits das Arbeiten verlernt hatten.
Fröhlicher Sang klang über die Felder, den die Neuen mitgebracht hatten. Es war ein taktmäßiges Erklingenlassen hoher und tiefer Töne, das die Arbeit schwingend machte. Das lernten die andern und merkten bald, wie froh sie dadurch wurden. Die Müdigkeit fiel von ihnen ab. Abends aber erzählten die Hilfsmannen immer wie-der von dem großen Geschehen an ihrem Ort. Da fand Zoroaster nun auch in den Seelen gelockerten, bestellten Boden, in den er die Saat von oben senken durfte.
Wenn er abends unter dem Sternenhimmel mit Ahuramazda sprach, war sein Gebet ein einziges Loben und Danken.
„O Du großer, allmächtiger, allgütiger Gott! Wie herrlich ist dies alles! Wie bahnst Du Wege, da Menschenauge nichts mehr sieht. Wie hilfst Du über alles Begreifen!“
Und aus diesen Worten, die ungesucht immer in gleicher Art auf seine Lippen traten, formte sich ihm ein Sang, den er die Männer lehrte.
Es war ein Lobpreis Ahuramazdas, die ersten Verse, die Menschen in jener Gegend gesprochen. Sie liebten ihr „Lied“ und sangen es bei der Arbeit im Wechsel mit dem Tönen, das sie kürzlich gelernt. Aber nicht nur für die Felder hatte Zoroaster gesorgt. Er hatte Männer ausgesandt, denen die rauhe Feldarbeit zu beschwerlich war, daß sie in der Umgegend junges Vieh kauften.
Zu diesem Zweck hatte jeder Geld geben müssen. Das Vieh war danach Eigentum aller. So konnte man sicher sein, daß auch dieÄr-meren nicht ohne Milch und später nicht ohne Fleisch und Häute bleiben würden.
Langsam konnte sich das Besitztum wieder mehren, wenn die Männer verständig blieben.
Als die Äcker bestellt waren, die wieder abgeteilt und ihren frühe-ren Besitzern gegeben worden waren, konnte die Aussaat beginnen. Da trieb es Zoroaster zu den anderen Bedrängten. Er wußte ja, daß seine Boten schon am Werk gewesen waren. Aber das Schwerste lag noch vor ihm.
Er sprach mit den Männern, daß er dort wahrscheinlich nochschlim-mere Not finden werde; denn natürlich lägen dort die Äcker schon län-ger brach. Danach schwieg er und blickte erwartungsvoll um sich.
Und die Leute verstanden seine stumme Frage. Aus beiden Ort-schaften meldeten sich eine Zahl Männer, die sich zunächst daheim für entbehrlich hielten, um mit ihm zu ziehen und bei andern das zu tun, was ihnen getan war.
„Ich freue mich, daß Ihr mich ohne Bitte verstanden habt“, sagte der Wegbereiter. „Nun erst sehe ich, daß die himmlische Saat in Euren Herzen aufgegangen ist.“
Mit einer stattlichen Anzahl Helfer machte er sich auf den Weg. Die Männer gingen zu Fuß, er ritt mit seinen Begleitern voraus. Das war besser, damit nicht die geängstigten Menschen etwa die zu Hilfe Kommenden als überflüssige Esser ablehnen konnten.
Trostlos sah es in der nächsten Ortschaft aus, die über eine Ta-gereise von der letzten entfernt war. Hütten waren eingefallen, Schmutz starrte aus allen Ecken. Sogar Tote hatte man nicht mehr in die Berge getragen. Die hungernden Menschen fühlten sich zu entkräftet dazu.
Dumpf starrten sie vor sich hin, es schien, als sei das Licht des Verstandes bei allen ausgelöscht. Wie war es nur möglich!
Zoroaster versuchte zu rechnen, wieviel Zeit vergangen sein mochte, seit er das letzte Mal dieses Weges gezogen. Es waren etwa zwei Jahre vergangen! Und in zwei Jahren diese Zerstörung!
Wenn nichts anderes zeigte, daß die Lehren des Betrügers vom Bösen kamen, so mußte dies die Menschen überzeugen, Aber sie waren zu gesunken, selbst dafür.
Was sollte Zoroaster tun? Wenn er hier nachhaltig helfen wollte, vergingen wieder kostbare Monate, die er andern entzog. Sollte er diese verkommenen Menschen sich selbst überlassen?
Abends trug er seinen Jammer vor Ahuramazda, kindlich gläubig und vertrauend:
„O Du hoher Herr, ich weiß nicht mehr, was ich tun soll. Aber Du weißt es. Zeige mir, was Dein Wille ist, und ich will ihn unbedingt befolgen.“
Am Morgen wußte er, was zu geschehen hatte. Die Helfer rückten an. Er hieß sie außerhalb der Ortschaft eine Art Lager aufschlagen, damit sie wenigstens nachts nicht mit den Einwohnern in Berüh-rung zu kommen brauchten. Dann sprach er mit ihnen.
Er stellte ihnen vor, wie hier nur Arbeit der gröbsten Art, in uner-müdlicher Geduld getan, noch etwas retten könne. Er bat sie, diese Arbeit zu übernehmen, während er selbst mit Mursa weiter ziehen würde. Sie waren sofort bereit, baten nur um Anweisung, was sie tun sollten. Er riet ihnen, daß ein Teil von ihnen beginnen solle, die Felder in brauchbaren Zustand zu versetzen. Reiche die Zeit nicht zu allen, so sollte wenigstens der Abschnitt mit dem fruchtbarsten Boden bestellt werden, damit doch noch etwas Ernte in diesem Jahr zu erwarten war.
„Ahuramazda, dem Ihr mit dieser Arbeit dient, wird Eurer Hän-de Werk segnen, so daß die Äcker so reich tragen werden wie nie zuvor“, verhieß er ihnen.
Die andern aber sollten sich der Menschen und der Hütten an-nehmen. Sie sollten für Beseitigung der Leichen und des Schmutzes sorgen, die Hütten stützen und aufrichten, die Menschen anhalten, daß sie Wild fingen und Beeren und Früchte sammelten.
„In dieser reichen Gegend braucht niemand zu verhungern“, sag-te er, „wenn er nicht durch Trägheit verdorben ist.“
So war hier alles aufs beste geordnet und Zoroaster wollte weiter reiten. Da hielt ihn einer seiner Helfer auf
„Herr, hast Du auch bedacht, daß, wenn Du uns alle hier lässest, Du niemand für die anderen Gegenden hast?“
„Daran habe ich wohl gedacht, aber ich kann hier keinen von Euch entbehren. Zu viel der Arbeit ist hier zu bewältigen. Mir wird Ahuramazda Helfer senden, dessen bin ich gewiß.“
Sehnsüchtig blickten die Männer, die an seinen Umgang gewöhnt waren, ihm nach. Es würde viel schwerer sein, hier zu arbeiten, wo er nicht dabei war. Aber sie hatten das Lied, sie hatten das Wissen um den Saoshyant! Dankbarkeit und Freude bestimmten ihr Tun. So trösteten sie sich gegenseitig.
Zoroaster aber ritt, in Gedanken bei den eben Verlassenen wei-lend, neuen Unglücklichen entgegen.
Die nächste Ortschaft, die er als besonders blühend in Erinne-rung trug, lag öde und verlassen da. Zerfall und Verwüstung, wo-hin er blickte. Aber kein Mensch war aufzufinden. Hatten sie alle ihr Heim verlassen? Wohin hatten sie sich gewandt? Waren sie ge-storben?
So ritt er weiter und wendete nun seine Gedanken fürbittend vor-wärts. Ein Gebirge war zu umreiten, drei Tagereisen mußten zu-rückgelegt werden, bis sich wieder Hütten zeigten. Hier fanden sich auch Menschen, die in diesen Hütten hausten.
Steinwürfe empfingen die Reiter, die sich näherten. Dicht prassel-ten die Steine, kein einziger traf. Da brach ein Geheul aus denen, die so feindselig den Ankommenden entgegenstarrten aus vertier-ten Augen.
„Reitet weiter, wir wollen Euch nicht sehen, Ihr seid hell. Dane-ben sehen wir, wie dunkel hier alles ist. Wir wollen Euch nicht hö-ren! Ihr sagt uns doch nur von Schuld und Fehl, von dem Betrüger, der uns alle verführte. Wo bleibt der Retter, den er uns verheißen? Wer sagt uns, daß Ihr uns nicht auch anlügt? Es gibt keine Götter. Es gibt nur böse Geister, die die Menschen in Verzweiflung stürzen! Hilfe? Die gibt es nicht für uns.“
Endlich erschöpfte sich ihr Geheul. Da begann Zoroaster zu re-den, langsam, nachdrücklich, und so laut, daß jeder seine Worte verstehen konnte:
„Nicht mit Worten komme ich zu Euch, Ihr Armen, sondern mit der Tat. Helfen will ich Euch, aber zuerst Euren Körpern, danach Euren Seelen!“
Sie stutzten, dann riefen einzelne
„Wie könnt Ihr uns helfen? Was sind drei Menschen gegen so viel Elend? Ihr versprecht mehr, als Ihr halten könnt. Lügner seid Ihr, wie der Zoroaster, der vor Euch kam.“
„Wir verlangen nicht, daß Ihr uns glaubt auf unser bloßes Wort hin, Ihr armen Betrogenen, aber gebt uns Gelegenheit, Euch mit der Tat zu beweisen, wie ernst wir es meinen“, sagte Zoroaster gleichmäßig freundlich.
Bei dem, was von ihm an Wärme und Helle ausging, stutzten die. Menschen doch.
„Wie wollt Ihr uns helfen?“ fragten sie, nachgebend.
„Indem wir sehen, woran es Euch fehlt! Wir haben Lebensmit-tel bei uns, die wir mit Euch teilen wollen. Das wird das erste sein müssen.“
Bei diesen Worten kam Leben in ihre erloschenen Augen. Dicht drängten sie sich an den Helfer, der sich rasch mit seinen Gefährten verständigte.
Danach entbot Zoroaster alle Einwohner der Ortschaft auf einen freien Platz, auf dem er ihnen vor Jahren die Glaubenswahrheiten gekündet. Nur etwa noch die Hälfte der damaligen Bevölkerung war vorhanden. Er fragte nicht, was aus den andern geworden. Ihr Schicksal war unschwer zu erraten.
Als er so über die Leute hinblickte, durchzuckte ihn ein Gedanke:
„Wieviel Menschen liegen noch in den Hütten?“ fragte er in ei-nem Ton, der kein Ausweichen zuließ.
Da gestanden sie, daß sie, um mehr zu erhalten, viele Angehö-rige in den Hütten eingeschlossen hätten. Verstellt hätten sie die
Türen von außen mit schweren Steinen. Einer habe dem andern dabei geholfen.
Obgleich Zoroaster aufs tiefste erschrocken war, machte er ihnen keinen Vorwurf. Die Seelen hatten Schaden gelitten unter der Ver-nachlässigung der Körper. Hier gab es viel Arbeit.
Er ging nun von Hütte zu Hütte, ließ die Eingänge öffnen und die Eingeschlossenen herauskommen. Dann trat er selbst in jede dieser schmutzstarrenden Behausungen, um sich zu überzeugen, daß nun auch wirklich alle Einwohner beisammen waren.
Nachdem die Leute gezählt worden, brachte Mursa mit dem Die-ner die vorgerichteten Speisen und Zoroaster verteilte sie, nachdem er zuerst betend seine Hände darüber erhoben und Ahuramazda für seine Gnade gedankt hatte.
Weil er selbst die Gaben reichte, wagte keiner, nach dem andern hinzusehen, ob er vielleicht mehr bekommen hätte. Es war auch kein Anlaß dazu: streng gerecht hatte der Wegbereiter ausgeteilt.
Manche waren nicht imstande, alles aufzuessen. Denen gebot Zoroaster, es sorglich aufzuheben. Danach aber rief er die Männer aufs neue alle zusammen.
„Ihr seid nun satt geworden durch die Güte des Gottes, an den Ihr nicht mehr glaubt. Schlafet nun in seinem Frieden. Bald aber müßt Ihr wieder selber für Euch sorgen. Den Weg dazu werden wir Euch weisen.“
Gehorsam wie gesättigte Tiere suchten alle ihre Hütten auf. Das war es, was Zoroaster gewollt hatte. Er mußte allein sein, wenn er seine Helfer rief.
Mitten in die brachliegenden, mit Unkraut überzogenen Felder stellte er sich und bat:
„Ihr Kleinen, die Ihr mir Hilfe versprochen und so oft schon ge-leistet habt, kommet herbei. Viele von Euch benötige ich.“
Da tauchten sie auf aus den Ritzen der Felder, aus Gruben und Höhlen, aus Wald und Wiese. Rings um ihn her stellten sie sich, er-wartungsvoll wie Kinder, denen man ein neues Spiel versprochen.
„Sehet die Felder, Ihr kleinen Helfer“, wies Zoroaster. „Verkom-men sind sie durch der Menschen Schuld. Daß es aber so weit kommen konnte, ist auch meine Schuld. Daher muß ich zu sühnen suchen. Ich muß Hilfe bringen, soweit ich dies vermag. Hier aber vermögen unsere sechs Hände gar nichts. Wollet Ihr helfen, die Fel-der zu richten?“
Da kam Leben in die kleine Gesellschaft. Sie überpurzelten sich in freudigem Eifer. Nach allen Seiten liefen sie auseinander, eiliger als sie gekommen.
Aber sie kehrten ebenso rasch zurück. Sie hatten nur ihre Werk-zeuge geholt. Dann begann ein emsiges Arbeiten, planmäßig, ge-meinsam mit den Menschen.
Braun lachte eines Morgens die aufgeworfene Erde wieder und harrte des Samens.
Die Kleinen aber standen erwartungsvoll aufgereiht und blickten den großen Diener ihres Herrn an. Ob er sie wohl loben würde? Das tat er aus tiefster Seele. Soviel Hilfe hatte er nicht erwartet.
Nun ging er zu den Hütten, wohin die Gefährten ihm nochmals von den Speisen brachten, die er abermals verteilte, nachdem er zuvor gebetet hatte.
Während sie aßen, erzählte er, daß seine Helfer, Gottes Diener, die Felder zur Aussaat mit bereit gemacht hatten. Er forderte sie alle auf, mit ihm hinaus zu gehen.
Und Männer, Weiber und Kinder, Alte und Gebrechliche, alle-trieb die Neugier, die Äcker zu sehen. Was sie schauten, übertraf alle Erwartungen. Sie konnten es nicht fassen und redeten von Wunder, von Gottes Allmacht und Güte bunt durcheinander.
Er aber packte die Menschen in diesem Augenblick, da ihre Seelen offen standen, und zeigte ihnen in kurzen Worten, daß es wirklich Gottes Güte und nichts anderes gewesen, was diesen Segen über seine abtrünnigen Menschen geschüttet.
„Nun darf er aber auch von Euch die Tat erwarten!“ mahnte Zo-roaster ernst. „Gehet in Eure Hütten und suchet nach Samen. Jedes Korn ist wertvoll. Ihr alle sollet den Samen in den bereiteten
. Boden streuen, nachdem ich darüber gebetet.“
Es fand sich ausreichend Korn, um alle Felder zu bestellen. Die Leute aber hatten ihn mißverstanden und brachten ihm die Saat, daß er sie segne.
Das tat er willig, danach schritt er betend über die Äcker, ihm folgten die Säleute. Bis tief in die Dunkelheit hinein waren sie am Werk. Keiner war zu müde; denn mit jedem Schritt, den sie taten,
wußten sie, daß sie in das Land besserer Zukunft traten. Das Mahl, das sie an diesem Abend gemeinsam verzehrten, wurde fast zum Fest. Zoroaster, der eine sehr schöne Stimme hatte, sang mit seinen Gefährten das Loblied Ahuramazdas und die Männer mühten sich, es zu erlernen, so daß bald ein voller Chor zum bestirnten Himmel emporklang.
Nun fühlten sie ihre Müdigkeit, einer nach dem andern verkroch sich in seiner Hütte.
Der Wegbereiter und Mursa standen zuletzt allein auf dem freien Platz. Da brach es aus dem einstigen Diener:
„Herr, wie unausdenkbar ist die Barmherzigkeit Ahuramazdas! Denke daran, wie wir hier empfangen wurden! Wie haben sich die-se Menschen gewandelt!“
„Wenn ich nicht gewußt hätte, wie groß der weise, höchste Gott ist, nun hätte ich es lernen müssen. Jetzt aber möchte ich den klei-nen Helfern nochmals danken, deren Treue dies große Geschehen mit ermöglichte!“
Sie kamen herbei, die Gesichtlein in Freude fast verzogen.
„Sagt, Ihr Kleinen“, fragte Zoroaster, nachdem er ihnen nochmals gedankt und ihnen erzählt, was sie schon wußten, wie ihr Tun auf die verlorenen Menschen gewirkt hatte, „sagt mir, ob ich Euch auch eine Liebe erweisen kann!“
Sie blickten sich an, sie schienen zu flüstern, dann trat ein eis-grauer Wichtel mit langem Bart vor und sagte bedächtig:
„Du kannst uns freilich eine Liebe erweisen, die. wir von niemand anderem erbitten können. Bete über uns und segne uns, wie Du die Menschen segnest.“
Mit Freuden tat es Zoroaster und befahl diese treuen, kleinen Diener des großen Gottes seiner ganz besonderen Huld.
Am folgenden Tag verteilte der Wegbereiter nochmals ein Mor-genmahl. Er betete nicht gleich, weil er sehen wollte, wer mit dem Essen auch ungebetet beginnen würde. Aber, obgleich sie die Spei-sen gierig anstarrten, nahm keiner davon. Etliche aber mahnten
„Willst Du nicht beten, Zoroaster?“
Nach dem Mahl schlug er ihnen vor, auf die Suche nach Früch-ten zu gehen. Sie sollten Waffen mitnehmen, vielleicht könnten sie unterwegs irgendein Wild erlegen. Er selbst tötete niemals,
aber er wußte, daß diesen Menschen jetzt das Fleisch eines Tie-res nötig war.
Mit reicher Beute kamen sie gegen Abend heim. Alles wurde ver-teilt und den Frauen die Zubereitung überlassen.
Lebhafte Tätigkeit entfaltete sich. Vergessen waren Müdigkeit und Verzagtheit. Feuer wurden vor den Hütten entzündet, meh-rere Familien schienen sich zusammenzutun, um gemeinsam ihre Fleischstücke zu braten.
Dann saßen alle beim Verzehren und Zoroaster beobachtete, wie sie versuchten, vorher zu beten, wie er es getan. Wahrlich, im Grunde waren die Menschen noch nicht so verdorben, wie es den Anschein gehabt hatte.
Hier und dort riefen sie ihn an, er solle ein Bröcklein versuchen. Er tat es ihnen zuliebe. Nach dem Mahl aber lud er alle, die kom-men wollten, auf den freien Platz und sprach zu ihnen von den Göttern, Ahuramazda und dem Undank der Menschen.
Er fand willige Zuhörer. Es war ja nichts anderes, als was er ihnen früher schon gekündet, aber es ging jetzt tiefer, nachdem selbstver-schuldetes Elend die Seelen umgegraben.
Hinter den Männern kauerten oder standen die Frauen, die sich herzugewagt hatten. Niemand wies sie weg, aber niemand beach-tete sie. Ein leuchtendes Augenpaar, das wie gebannt an dem Spre-chenden hing, zog dessen Aufmerksamkeit auf sich.
Als die Leute auseinander gingen, um ihre Hütten aufzusuchen, sah Zoroaster, daß dieses noch sehr junge Weib in der Hütte des Stammesobersten verschwand. Sie mußte seine Tochter sein.
Einen Augenblick beschäftigte ihn der Gedanke, ihr nachzufra-gen; denn sie schien eine suchende Seele zu besitzen, dann aber verwarf er es. Was sollte er mit Frauen anfangen!
Da war es ihm, als sähe er Madanas Augen vorwurfsvoll auf sich gerichtet. Madana! Sie war ein Weib gewesen. Sie hatte ihn geleitet, ihr verdankte er das Beste, das seine Kindheit ihm gebracht!
Aber sollte er sich deshalb um andere Frauen kümmern? Es war immer so Sitte gewesen, daß die Frauen ihr Wissen, auch in Glaubensdingen, von den Männern erhielten, soweit sie nicht in die größeren Städte unter den Einfluß der Priesterinnen kamen. Für ihn gab es so viel zu ändern und zu bessern, zu lehren und zu künden, daß er in dieser Beziehung nichts Neues beginnen wollte.
Aber die suchenden Augen, die ihn heute gepackt, verfolgten ihn bis in den Schlaf. Sie ließen nicht ab, zu fragen und zu forschen.
Am Morgen schüttelte er diese Gedanken von sich. Er wollte die Leute veranlassen, die Hütten instandzusetzen.
Nun wäre es ja vielleicht gut gewesen, er hätte sich der Mitarbeit der Frauen versichern können, aber das wollte er nicht, um nicht wieder mit den Augen in Verbindung zu kommen.
So ordnete er an, daß Frauen und Kinder diesmal Früchte sam-meln sollten, soweit sie dazu imstand wären. Die anderen sollten sich auf dem freien Platz lagern. Danach wies er die Männer an, wie sie lüften, Unrat entfernen und säubern sollten.
Er selbst legte mit Mursa kräftig Hand an, während der Diener die Pferde versorgte und die Vorräte hütete. Ganz lebendig wurden die Männer bei den Aufräumungsarbeiten. Sie riefen sich an und vergli-chen, wer am meisten Schmutz aus seiner Behausung entfernt habe.
Die Hütte des Stammesobersten war so reinlich gehalten, daß es allgemeines Staunen erregte.
„Jadasa war schon immer anders als alle Mädchen“, erklärten die Männer, und dann erzählten sie ungefragt, was Zoroaster doch so gern gewußt hätte:
Jadasa sei das einzige Kind des Obersten, der sich einen Erben ge-wünscht hatte und von der Tochter enttäuscht war. Er hatte sie, da sein Weib bei der Geburt der Kleinen gestorben war, in die Obhut einer Priesterin gegeben, wo sie bis vor kurzem geblieben sei.
Sie habe Priesterin werden wollen, indessen erlaube das der Vater nicht. Sie solle sich verehelichen, um Erben für den ausgedehnten Besitz des Alten zu bringen. Aber Jadasa sei anscheinend stolz ge-worden. Mit den Frauen sei sie nicht hochmütig, sie helfe, wo sie könne, aber aus den Männern mache sie sich gar nichts.
Nun verstand Zoroaster den suchenden Blick: sie hatte bei den Priesterinnen gelernt, nun verlangte es sie, mehr zu erfahren. Er wollte sie gewiß nicht ausschließen, wenn er wieder erzählte.
Aber am Abend, als er beim Schein eines Flackerfeuers auf dem freien Platz von dem Gefolge Anramainyus berichtete, kam sie nicht. Das war ihm auch nicht recht! Nun hatte er sich damit abfin-den wollen, daß diese Frau ihm lauschte, nun blieb sie fort.
Wieder verfolgten ihn die suchenden Augen bis zum Einschlafen. Dann war es ihm, als träte Madana an sein Lager und klage.
„Wenn meine Schwestern bisher hinter den Männern zurückste-hen mußten, ist das kein Grund, weiterhin so ungerecht zu sein, Zoroaster. Es wäre aber falsch, wenn Du nur Jadasa zum Hören ermuntern wolltest.
Alle Frauen und Mädchen mußt Du kommen lassen. Sie wer, den vieles rascher auffassen als die schwerfälligen Männer. Vergiß nicht, sie sind die Mütter der heranwachsenden Kinder. Sie können in die jungen Seelen vieles von dem legen, was Du jetzt lehrst. Vergiß die Frauen nicht!“
Ob er Madana darauf ein Versprechen gegeben, wußte er nicht mehr. Das war aber auch gleichgültig. Sie hatte etwas von ihm ge-fordert, dem er unbedingt nachkommen mußte, obwohl es ihm nicht leicht fiel. Er tröstete sich damit, daß er die Gelegenheit ab-warten wolle. Er konnte doch nicht plötzlich die Frauen auffordern lassen mitzukommen. Was würden die Männer davon denken?
Der Tag brachte noch reiche Arbeit in den Hütten. Es würde noch mancher Tag vergehen, ehe alles wieder aufgerichtet war. Aber des-halb brauchte er nicht mehr hier zu bleiben, Was ihn hielt, war die Verkündung des Saoshyant, mit der er noch nicht begonnen hatte. An diesem Abend fiel der erflehte Regen, so daß man sich nicht auf dem Platz versammeln konnte. Aber die Feuchtigkeit erquickte alle und half der Saat zum Sprossen. So schnell wie diesmal waren die Felder noch nie gediehen. Es war, als läge ein grüner Hauch darüber gebreitet, als nach dieser warmen Regennacht die Sonne in den Tropfen funkelte.
Diese Nacht aber hatte auch in Zoroasters Seele etwas erweckt. Mit einer gewissen Erleichterung hatte er sich auf sein Lager ge-streckt. War er doch durch den Regen an der Entscheidung wegen der Frauen gehindert worden. Morgen würde er vielleicht wissen, wie er es zu machen habe.
Er mochte noch nicht lange so gelegen haben, da hörte er überir-disch schöne Klänge, gleichzeitig durchzog wunderbarer Duft den Raum. Er sprang vom Lager und warf sich auf die Knie.
Da tat sich über ihm die Hütte auf, so daß er den Sternenhim-mel sehen konnte, an dem kleine rosa Wölkchen segelten. Danach aber schob sich auch diese Sternendecke beiseite, goldene Strahlen brachen hervor, gefolgt, überschüttet von Farbengeflimmer herr-lichster Art.
Zoroasters Herz pochte heftig. Was würde er schauen dürfen? Nun wichen die Strahlen zur Seite, oben blickte er in eine wei-
te, helle Halle, ähnlich der zuletzt geschauten. Da standen die drei herrlichen Frauen. Die Kronenträgerin mit dem lichtverschleierten Antlitz hatte ihren blauen Mantel um die beiden vor ihr Stehenden geschlagen.
Lange Zeit schaute Zoroaster in Seligkeit, da hörte er eine helle, lichte Stimme:
„Wegbereiter, Du siehst uns! Wir wollen Dich mahnen, vergiß die Frauen auf Erden nicht. Sie stehen unter unserem Schutz. Lehre sie, künde ihnen den Helfer! Reiner als die Männer haben sie sich das bewahrt, was Ahuramazda ihnen mitgegeben hat. Sie werden Deine Lehren leichter aufnehmen können. Das wird den Männern helfen.“
Wie in einem Gelübde streckte Zoroaster die Hände empor: „Ich will, Ihr himmlischen Frauen! Habet Dank, daß ich Euch schauen darf.“
Da war es ihm, als spräche die hehre Frau im blauen Mantel, und was sie sagte, das war:
„Stelle die Frauen wieder an die Stelle, wo sie nach des höchsten Gottes Willen zu stehen haben: vor die Männer!“
Und die holde Frau, die ganz in rosa Wolken eingehüllt erschien, sagte:
„Ihre Liebe muß wieder selbstlos werden, wie sie es von Uranfang an war, dann werden sie ihre Pflichten im Reiche Ahuramazdas er-füllen können!“
Die holdselige weiße Gestalt aber schien zu sagen, indem sie sich dem Wegbereiter entgegen neigte:
„Lehre sie Reinheit im Denken und Tun, so wird der Reinheit Segen sie umgeben!“
Danach sah und hörte Zoroaster nichts mehr, aber die Erschei-nung und die Worte waren auf immer in seine Seele gegraben.
Am nächsten Tage, während er mit den Männern schaffte, trug er ihnen auf, ihre Weiber für den Abend zu bestellen. Ungläubig schauten sie ihn an:
„Das sind doch Dinge für Männer, die Du uns erzählst!“
Aber er wurde nun ebenso beredt, wie er vorher ablehnend gewe-sen. Er wußte so überzeugend zu sprechen, daß die Männer zum Schluß nichts mehr einzuwenden hatten. Abends kamen dann eine Menge Frauen, unter ihnen Jadasa.
Heute sprach er von dem kommenden Gericht.
„Ihr müßt wissen, daß der Saoshyant nicht wahllos alle Men-schen nach Garodemana bringen wird. Dieser seligen Zeit wird das Gericht vorangehen, das wir alle verdienen!
Alle Menschen werden diese Erde verlassen müssen, aber sie wer-den dabei an die große Brücke Tshinvat kommen, über die man nur einzeln hinübergehen kann. Es hilft nichts, wenn einer sich an den andern klammern möchte, um sich Kraft und Stütze zu holen.
Ganz allein muß jeder den Weg machen. Und während er schrei-tet, sieht er am Ende der Brücke zwei große lichte Gestalten, Die-ner Ahuramazdas. Hinter ihnen aber sitzt auf goldenem Thron der Saoshyant mit dem blanken Schwert und den Augen, die durch je-den Menschen hindurchsehen.“
Wie ein Seher sprach Zoroaster, er hatte diese Dinge noch nie in Worte gefaßt. Sie waren das, was er in der Stille gelernt hatte. Noch niemals hatte er zu Menschen davon gesprochen. Gebannt hingen aller Augen an seinen Lippen.
„Der eine der lichten Diener des Ewigen hält eine Waage. Tritt nun ein Mensch rasch oder langsam auf ihn zu, je nachdem er gern oder ungern über die Brücke geschritten, so eilen eine Menge kleiner lichter Diener herbei und tragen alle seine Taten. Die gu-ten kommen in die eine Waagschale, die schlimmen in die andere. Nichts gilt bei diesem Gericht als das, was der Mensch selber sich erworben.
Unerbittliche Gerechtigkeit bestimmt alles. Liebe, Gnade und Er-barmen dürfen nicht am Richterstuhle stehen.
Und die Strahlenaugen des Saoshyant schauen auf die Waage. Wo die Schale der guten Taten, Worte und Gedanken herabsinkt, da darf die Menschenseele vollends über die Brücke schreiten und sich hinter dem Stuhle des Weltenrichters aufstellen. Ist dies aber nicht der Fall, so stürzt die. Seele von der Brücke hinab in unendliche Tiefen, um nie wieder emporzusteigen!“
Aufatmend schloß der Sprecher. Da fragte Jadasas Stimme zit-ternd vor Erregung:
„Was geschieht mit denen, die hinter dem Stuhle des Richters ste-hen? Dürfen sie eingehen nach Garodemana?“
„Noch nicht, Jadasa“, antwortete Zoroaster freundlich.
Er dachte gar nicht mehr daran, daß es eine Frau war, die Antwort begehrte.
„Der Saoshyant nimmt sie wieder mit hinunter auf die Erde; denn nun will er Ahuramazdas Reich aufrichten, in dem die Erde zum Paradies, die Menschen aber zu wahren Dienern Gottes werden sollen. Danach, wenn sie dann sterben, gehen ihre Seelen ganz von selber in die Gärten der Ewigkeit, nach Garodemana.“
Schweigend trennte man sich. Jeder war randvoll erfüllt von ban-gendem Wissen. Wenn es so war, dann würde ja wohl kein einziger von allen das Gericht bestehen können.
Wenn man nur daran dachte, was nach dem Auftreten des fal-schen Zoroasters an Schlimmem bei ihnen geschehen war, dann konnte man verzagen. Ihr Leben war ja nicht lang genug, um genü-gend Gutes dagegen zusammenzutragen.
Am nächsten Tage gingen sie schweigend ihrer Arbeit nach. Sie hatten sich ganz daran gewöhnt, von morgens bis abends fleißig zu schaffen; denn sie sahen, daß Zoroaster ebenso tat. Heute hing jeder seinen Gedanken nach, kein Scherzwort wurde gewechselt, auch das Lied klang nicht.
Am Abend aber bestürmten sie den Wegbereiter mit ihren Fra-gen.
„Hat es noch Wert, wenn wir weiterleben, Zoroaster?“ fragten sie dringend.
Jeder wollte das gleiche wissen, nur die Art, wie sie die Frage stell-ten, war verschieden. Eine der Frauen meinte sinnend:
„Für uns Frauen muß das Leben noch einen Wert haben; denn wenn wir selber uns auch nicht mehr emporzuarbeiten vermögen, so können wir doch unsere Kinder lehren, besser zu werden. Um der Kinder willen dürfen wir nicht gehen.“
„Sage das nicht, Salane!“ rief ihr Mann. „Denn wenn Ihr Frau-en um der Kinder willen bleiben müßt, dann müssen wir bleiben, um Euch Nahrung zu verschaffen! Wir möchten aber lieber gleich gehen, wenn wir doch den Untergang nicht aufhalten können. So haben wir es miteinander abgeredet.“
Ein Sturm erhob sich bei den Frauen, bis Jadasa die Hand hob und sie bat, ihrer Würde nicht völlig zu vergessen. Sie seien hier nicht unter sich. Da legte sich die Erregung wenigstens äußerlich.
Nun wandten sich wieder alle fragend an Zoroaster, der bisher schweigend beobachtet hatte.
„Es wäre großes Unrecht, wenn Ihr freiwillig ein Leben von Euch werfen wolltet, das Ahuramazda Euch geschenkt“, begann er lang-sam. „Nicht ohne Zweck ist des Menschen Leben! Vielleicht kann ich Euch das später einmal erklären. Nun fühlt Ihr, daß Ihr nicht den rechten Gebrauch mit dieser Gabe gemacht habt. Ihr erkennt, daß Euer Tun verwerflich war und an der Brücke Tshinvat zum Sturze führen muß --wenn Ihr nichts Besseres in die zweite Waag-schale zu werfen habt.“
„Das haben wir nicht! Wo sollte das herkommen?“ riefen die Männer wieder durcheinander.
Zoroaster schwieg, bis sie ausgetobt hatten. Dann nahm er seinen Faden wieder auf
„Jetzt habt Ihr kaum etwas, das Ihr bieten könnt, jedenfalls würde das wenige Gute nicht ausreichen. Aber nun will ich Euch etwas Herrliches künden: Ihr dürft nach dem Tode nochmals auf die Erde kommen, um besser zu machen, was Ihr jetzt verdarbt!“
Das anfängliche große Staunen löste sich in Jubel, sobald die Menschen anfingen zu begreifen, was ihnen damit geboten wur-de.
Noch einmal sollten sie leben dürfen, ehe sie die Brücke des Ge-richts betreten mußten! Jetzt, wo sie wußten, was davon abhing, würden sie sich schon vorsehen, wieder Falsches zu tun! Sie waren wie berauscht vor Glück.
Über die allgemeine Erregung tönte Jadasas klare Stimme:
„Wegbereiter, solches hat noch nie ein Atravan gekündet. Auch die Priesterinnen wissen nichts davon. Sagst Du jetzt so, im die See-len zu beruhigen, oder ward Dir besondere Kunde?“
„Ich sage es, Jadasa, weil ich es weiß. Es ist die Wahrheit! Ein Die-ner Ahuramazdas bin ich, ein Verkünder des Saoshyant. Meinst Du, es wäre möglich, daß ich Lügen verbreitete?“
„Vergib“, bat sie errötend. „Zu wundervoll klingt die Kunde. Ich mußte Gewißheit haben.“
„Ja, Ihr Menschen, noch könnt Ihr nicht voll erfassen, was es heißt: mehrfach kommen zu dürfen. Ich habe viel darüber nachge-dacht, seit mir die hohe Kunde wurde. Es liegt darin ein grenzenlo-ses Erbarmen des ewigen, weisen Gottes. Wenn Ihr Euch ein Gerät schnitzen wollt und das Holz ist knorrig, so daß bald hier etwas abbricht, bald da etwas krumm wird, was tut Ihr da?“
„Wir nehmen ein anderes Holz“, riefen die Männer, die nicht be-griffen, warum er jetzt in dem wichtigen Augenblick von Geräten zu sprechen anfing.
„Und Ihr Frauen: wenn Euch ein Bast dauernd reißt, was macht Ihr?“
„Wir werfen ihn weg und nehmen einen anderen“, lautete auch hier die Antwort.
„Seht, Ihr würdet es als vergebliche Arbeit ansehen, wenn Ihr Euch mit dem knorrigen Holz, dem reißenden Bast mühen würdet. Und der höchste Gott verwirft uns arme, sündentuende Menschen nicht! Er erlaubt, daß wir wieder und wieder versuchen, ob wir un-serer Knorren und unserer Schwächen nicht Herr werden!
Könnt Ihr diese geduldige Güte verstehen? Sie ist göttlich, Ihr Menschen! Werdet still vor ihr, betet sie an und verwandelt Euren heißen Dank in freudige Tat. Dann wird er Euch Früchte tragen.“
Diesmal waren sie still, als er schwieg. Sie dachten. Dann kamen abermals Fragen.
„Zoroaster, was wird mit der Schuld, die wir jetzt auf uns gehäuft? Bleibt sie liegen bis zum Tage des Gerichtes?“
„Das habe ich auch unzählige Male gefragt, Ihr Menschen“, gab der Gefragte zu. „Endlich brachte mir der lichte Bote des Höchsten eine Antwort, die ich Euch weitergeben will.
Jede unserer Taten, ob sie gut ist oder böse, folgt uns nach wie ein Schatten oder wie neulich Tungo dem Tufis, der ihm sein Beil genommen hatte. Wie Tungo dem Tufis keine Ruhe ließ, bis er ihm das Beil zurückgab, so droht und fleht jede böse Tat: mache mich gut. Versteht Ihr das?“
Einige nickten wohl, aber Zoroaster sah, daß er noch nicht deut-lich genug geredet hatte. Ihm gefiel aber sein Beispiel, darum wollte er es jetzt ein wenig anders verwenden.
„Seht, erst hatte Tufis Böses getan, daß er dem Tungo das Beil nahm. Dann hatte er keine Ruhe, bis er das Beil zurückgab. Da war das Böse vom Guten ausgelöscht.“
Jetzt verstanden sie.
„Können wir unsere schlechten Taten auch auslöschen? Müssen wir da zählen: ich habe soviel Böses getan, als Finger an vier Hän-den sind. Nun muß ich ebensoviel Gutes tun?“
„Nein, das meine ich nicht“, verbesserte Zoroaster. „Ihr müßt ge-nau das Böse, das Ihr getan, wieder gut machen. Erst dann seid Ihr davon gelöst und es fällt später nicht mehr in die Waagschale.“
„Das kann man nicht immer“, wandte ein Mann ein.
„Doch, das kann man immer!“ behauptete Zoroaster, wurde aber unterbrochen:
„Wie können wir es bessern, daß wir unsere Äcker verkommen ließen?“
„Indem wir sie künftig doppelt sorgfältig bestellen“, meinte ein Mann. Der Wegbereiter aber sagte:
„Ja, das wäre ein Weg, ich weiß aber noch einen anderen.“ Und er erzählte ihnen von den Leuten, die in die anderen Ortschaften zum Helfen gezogen seien. Das gefiel allen.
„So wollen wir es auch machen!“ riefen sie begeistert. „Wenn Du wieder von uns gehen mußt, Wegbereiter, dann werden wir mit Dir gehen und unsere Schuld abtragen.“
„Die andern taten es, um Ahuramazda damit zu danken“, mahnte Zoroaster, der fürchtete, die Leute würden nun nur noch aus Angst vor Tshinvat gutzumachen suchen.
„Kann man das nicht gleichzeitig?“ meinte einer ganz kindlich.
Dem stimmten die anderen zu, und Zoroaster ließ es zunächst dabei. Er mußte mit dem zufrieden sein, was für jetzt erreicht war.
Am folgenden Abend kamen neue Fragen. Ein alter Mann berich-tete: „Als ich jung war, habe ich im Zorn meinen Nachbar erschla-gen. Es hat mir oftmals leid getan und drückt mich auch jetzt. Aber gutmachen kann ich es doch nicht mehr. Er ist tot.“
Der Alte seufzte. Zoroaster schaute sich suchend um. „Wer weiß eine Antwort?“
Die Männer schwiegen. Jadasa aber hob das Haupt.
„Sprich nur, Jadasa“, ermunterte der Wegbereiter. Da. begann sie stockend:
„Wenn Ahuramazda uns durch ein neues Leben die Gelegenheit gibt, unsere Fehler zu büßen und gutzumachen, so wäre es nicht zu verstehen, wenn er sie nur halb gäbe.“
„Du hast recht, aber erkläre weiter. Die anderen verstehen Dich noch nicht.“
„Wenn wir abbüßen dürfen, muß doch auch der wieder auf der Erde sein, an dem wir gefrevelt. Dein Nachbar wird also im näch-sten Leben wieder Dein Nachbar sein, denke ich mir. Dann mußt Du ihm dienen, soviel Du kannst.“
„Ist dies unser erstes Leben?“ fragte ein anderer.
„Sicherlich nicht“, beschied Zoroaster, dem diese Frage auch schon oft zu denken gegeben hatte.
„Dann müssen wir ja gegen alle Menschen freundlich sein“, brach es aus einem der jüngeren Männer hervor, „denn sie können früher von uns beleidigt oder getötet worden sein.“
„Das müßten wir wissen, denke ich“, meinte ein anderer.
Zoroaster aber erklärte, daß das Leben unerträglich würde, wenn alle Menschen alle ihre früheren Fehler bewußt vor sich hätten. Es heiße also, sehr vorsichtig zu leben, damit man niemand kränke, und sehr gütig zu sein gegen alle, damit man jedenfalls soviel wie möglich gut mache.
Das dünkte sie wieder schwer; denn das bedeutete, daß man fort-während auf der Hut vor Bösem sein müsse. Da fragte einer ausdie-ser Überlegung heraus:
„Du lebst doch schon lange ein gutes Leben, Zoroaster. Ist es sehr schwer?“
Wider Willen mußte der Befragte lachen.
„Es ist anfangs schwer, aber auch das lernt sich bei gutem Wil-len. Man kann doch die meisten Fehler vermeiden, wenn man sein Denken nach Ahuramazdas Willen ändert.“
Frage folgte auf Frage. Immer tiefer konnte Zoroaster die Men-schen in das ihm geschenkte Wissen hineinführen.
Nach wenigen Tagen aber fand er es an der Zeit, weiter zu ziehen, um auch andere der Hilfe teilhaftig werden zu lassen. Da schlossen sich ihm etwa dreißig Männer an, die bis zur Zeit der Ernte bei anderen helfen wollten. Außerdem aber kam Jadasa mit einem an-deren Mädchen und bat, mitziehen zu dürfen.
„Es werden genau wie hier viele Frauen der Hilfe bedürfen. Laß uns ihnen helfen. Laß uns zeigen, wie sie ihre Hütten instand set-zen, ihre Kinder recht halten können. Wir können ihnen bei der Arbeit auch manches von dem sagen, was Du uns gekündet.”
Nach kurzem Überlegen war Zoroaster bereit, die Mädchen. mit-zunehmen, besonders da auch Jadasas Vater mitziehen wollte. Er war der natürliche Schutz für die beiden. Aber davon wollte der Alte zunächst nichts wissen.
„Wenn ich gehe, muß Jadasa daheim bleiben. Wer kümmert sich um unseren Besitz?“
„Ich habe die Nachbarn gebeten, Vater“, erklärte Jadasa. „Sie tun es gern und werden es recht machen, weil sie vor Jahren uns einen Acker verdarben. Das möchten sie jetzt büßen.“
Dagegen ließ sich nichts einwenden. Aber der Alte war noch nicht zufrieden.
„Wenn Du mit uns im Lande umherziehst, wirst Du niemals frei-en, mein Kind. Und Du weißt, daß das mein Wunsch und Wille ist.“
„Wenn es auch Ahuramazdas Wille ist, wird er mir den Gatten senden“, sagte Jadasa ernsthaft. „Daran werde ich mich nicht länger weigern.“
So waren die Einwände abgewehrt und die Mädchen machten sich reisefertig. Sie mußten wie die Männer zu Fuß gehen, aber sie waren es gewohnt.
Diesmal wiesen die kleinen Helfer einen anderen Weg. Hätte Zo-roaster die gleiche Richtung innegehalten wie bisher, so wäre er in die Wüste gekommen. Nun mußte er sich gegen Norden wenden und merkte bald, daß der Weg in bekannte Gegenden führte.
In der nächsten Ortschaft fand er Menschen, denen man Ver-kommenheit wohl noch ansah, die aber ruhig ihrem Tagwerk nach-gingen. Die Felder waren bestellt, die Frauen flochten Matten und
Körbe, die Männer kneteten Gefäße aus der fetten Erde, die hier überall zu finden war.
Erstaunt fragte Zoroaster, ob der Betrüger nicht hier gewesen sei. Da erfuhr er, daß dies der Fall war, daß aber eines Tages Boten von dem wahren Wegbereiter gekommen seien.
Als sie den Jammer bei ihnen gefunden hätten, der wahrlich groß war, hätten sie aus der Umgegend Leute zur Hilfe geschickt. Fleißig hätten die fremden Männer gearbeitet.
Als Lohn hätten sie Matten, Körbe und Gefäße verlangt, an de-nen jetzt gearbeitet werde. Viel davon sei schon abgeliefert worden. Nun würden sie ihre Schuld bald gelöst haben.
Hier war äußerlich nichts mehr zu tun. Und nun kamen die hilfs-bereiten Menschen! Was sollte geschehen?
Der lichte Bote, mit dem er die Frage besprach, riet ihm, die Hilfs-leute abzuwarten, dann Mursa hier zu lassen und mit den anderen weiter zu ziehen. So wurde es gemacht.
Bis die Fußwanderer eintrafen, sprach Zoroaster mit Männern und Weibern, während sie bei ihren Arbeiten saßen. Er legte einen Grund, auf dem Mursa, der zuhörte, weiter bauen konnte. Danach zog er mit den etwas enttäuschten Menschen weiter, sobald sie sich ausgeruht hatten.
Gen Westen wiesen ihn die Kleinen. Auf seine Frage, ob die Hel-fer dort ebenfalls überflüssig sein würden, versicherten sie, daß man sie dringend brauchen werde.
So war es auch. Die sehr große Ortschaft, in die sie nun kamen, war die verkommenste, die der Wegbereiter bisher gesehen. Das Schlimmste war die große Sittenlosigkeit, die Zoroaster bereuen ließ, daß er die Mädchen mitgenommen hatte.
Schon überlegte er, ob er sie nicht durch seinen Diener heim be-gleiten lassen sollte, da trat Jadasa zu ihm.
„Zürne mir nicht, Zoroaster, wenn ich Deine Gedanken unter-breche und widerlege. Ich weiß, daß nirgends die Frauen soviel Hil-fe brauchen werden wie hier. Sie haben ihre Reinheit verloren. Ein Mann kann ihnen nicht zeigen, was Reinheit ist, wenigstens nicht, was sie für eine Frau bedeutet, und wie sie die verlorene wieder erlangen kann. Ich muß diesen Frauen und Mädchen helfen. Küm-mere Dich nicht um mich, Zoroaster. Ich stehe unter Schutz. “
Rauh vor innerer Bewegung unterbrach der Angeredete:
„Dein Vater kann nicht ständig um Dich sein, Jadasa!“
„Ich meine auch nicht den äußeren Schutz meines Vaters. Als mir der Auftrag wurde, diesen armen Frauen zu helfen, da wurde mir auch der Schutz zugesichert. Auf unserer langen Wanderung durf-te ich ihn schon mehrmals verspüren. Ich fürchte mich nicht. Du mußt mir gestatten, meinen Auftrag auszuführen.“
„Wer gab Dir den Auftrag?“ forschte Zoroaster.
„Eine wunderholde Frau in weißem Gewand. Gehe zu den ärm-sten aller Frauen, Jadasa“, sagte sie zu mir, und hilf ihnen. Der Schutz der Reinheit wird Dich umhüllen allezeit!“` „So erfülle Dei-ne Aufgabe, Jadasa, im Segen der Reinheit! Ich werde Dich nicht mehr hindern.“
Und Jadasa ging ihren Weg, frohgemut, von Liebe zu den Ärm-sten der Armen getrieben. Ihr freundliches Wort, ihr froher Blick, die mütterliche Art, mit der sie schreiende Kinder aufnahm, das alles gewann ihr das Zutrauen der Frauen.
Voll Bewunderung schauten die Männer auf sie, die wie eine Kö-nigin dahinschritt, aber keiner wagte sie anzureden. Die Hoheit, die sie umgab, schuf vollendeten Schutz um sie.
Sie merkte bald, daß schwere Krankheit in den Hütten hauste. Mit unermüdlicher Geduld pflegte und wartete sie. Keine Arbeit war ihr zuviel.
Die erkrankten Männer kamen auf Zoroasters Befehl in ein gro-ßes, außerhalb der Ortschaft errichtetes Zelt und wurden von Män-nern versorgt. Aber diese holten sich die Vorschriften bei Jadasa. Sie gab die Kräuter an, die gesucht und zerstampft werden mußten, damit sie heilen konnten.
Inzwischen versuchten die übrigen Männer, sich der völlig ver-wahrlosten Felder anzunehmen. Aber bis diese notdürftig gerichtet sein würden, müßte es Zeit zur Ernte sein. Sie ratschlagten stunden-lang, dann kamen sie zu Zoroaster, der mit einigen gesund geblie-benen Frauen die schmutzstarrenden Hütten zu reinigen versuchte.
„Wegbereiter, willst Du nicht die Hilfen kommen lassen, die unse-re Felder retteten?“ fragten sie zaghaft.
Sie erklärten ihm, warum sie dies wünschten, und daß es nicht aus Trägheit geschehe.
„Meint Ihr, wenn Ihr in zwei Tagen etwa mit dem Säen beginnen könnt, daß dann das Korn noch reifen wird?“
Das glaubten sie, davon waren sie überzeugt.
„Nun wohl, so will ich versuchen, ob die Kleinen sich auch hier willig erweisen. Da Ihr aber nun nichts zu tun habt, helft mir bei diesen Hütten.“
Gern faßten sie zu; denn es war ja nicht Trägheit gewesen, die sie von den Feldern fernhielt. Mit Staunen sahen die Frauen, wie ge-schickt die Männer die Hantierungen unternahmen, die eigentlich nicht Männern zukamen. Eine kecke Jungfrau fragte spöttisch:
„Ist es bei Euch daheim Sitte, daß der Mann Frauenarbeit verrich-tet?“
„Das haben wir nicht nötig daheim; denn wir haben keine so fau-len Weiber“, lautete die rasche Antwort.
Zoroaster aber schickte Männer und Frauen von nun an zu ge-trennter Arbeit. Abends ging er in die Felder und bat die Wesen-haften herbei. Sie kamen auf seinen Ruf, aber sie zeigten sich nicht sonderlich geneigt, seiner Bitte zu entsprechen.
„Wenn Du es willst, Zoroaster, so helfen wir, aber verdient haben es die Leute nicht. Sie plagen ihr Vieh, sie verunreinigen die Wässer, sie verderben die Pflanzen. Wir haben uns schon lange von ihnen zurückgezogen. Aus freiem Antrieb helfen wir keinem einzigen von ihnen. Sie sind zu schlecht.“
Aber Zoroaster bat
„Helfet diesmal, so will ich ihnen sagen, wem sie die Hilfe ver-danken. Ich hoffe, sie werden sich bessern, wenn ich ihre Seelen aufrüttele. Aber ich kann nichts an den Seelen erreichen, solange die Körper notleiden.“
Da versprachen die Männlein, noch einmal mitzuarbeiten und die Felder bis zur Aussaat zu bereiten. Zoroaster aber sah deutlich den Unterschied zwischen ihrer in Gehorsam geleisteten Arbeit und der in hoher Freude vollbrachten der früheren kleinen Helfer. Auch daran waren die Menschen schuld! Ihr Tun allein hatte die
Kleinen so unwillig gemacht.
Trotz ihrer Unlust leisteten die Männlein gute Arbeit. Und eines-Tages trafen die Strahlen der Sonne wieder auf umgegrabene Äcker, die im Frührot dampften.
Eilends streuten Zoroasters Männer in hoher Freude die Saat aus, während der Wegbereiter den Segen Ahuramazdas herabflehte. Dann riefen sie den unsichtbaren Helfern ihren Dank.
Das freute die Kleinen, die an rechtlich denkende Menschen gar nicht mehr gewöhnt waren. Sie bedeuteten Zoroaster, daß sie diesen freundlichen Männern gern noch mehr helfen wür-den.
Er dagegen berichtete ihnen, wie diese Leute freiwillig die Arbeit für die ihnen ganz fremden Menschen übernommen hätten. Er er-zählte ihnen von Jadasa, die aufopfernd Kranke pflegte, die es ihr zum Teil nicht einmal dankten.
Und die Wichtel sahen, daß noch nicht alle Menschen schlecht geworden waren.
Auch ihnen bot Zoroaster einen Dienst an, aber sie lachten und sagten, sie hätten alles, dessen sie bedürften.
Das machte den Wegbereiter fast traurig. Abends erzählte er den Männern von den beiden Erfahrungen, die er mit seinen kleinen Helfern gemacht hatte.
„Sehet, Ihr Menschen, so bringen wir es fertig, auch die kleinen Diener Ahuramazdas durch unser übles Wollen herabzuziehen. Wieviel werden wir zu verantworten haben, wenn wir die Brücke zum Gericht überschreiten müssen.“
Er saß mit seinen Helfern aus der letzten Ortschaft allein beisam-men. Die hier ansässigen Männer waren entweder krank oder zu verkommen, um einem ernsten Gespräch zuhören zu wollen. Dar-über ärgerten sich die Helfer.
„Wenn sie ihre Seelen nicht ändern wollen, so brauchten sie auch keine andere Hilfe. Vielleicht warten anderwärts Leute auf uns, die Deine Worte gern aufnehmen würden, Zoroaster.“
„Aber es sind sicherlich keine, die die Hilfe nötiger haben. Ver-kommener, als die Menschen hier sind, kann niemand sein. Mich schauert, wenn ich die armen Geschöpfe ansehe. Das darf uns aber nicht hindern, ihnen alle Hilfe zu bringen, deren wir fähig sind. Denket immer daran, wieviel Geduld der weise Gott mit uns haben muß.“
Ruhig war Jadasa mit dem sie begleitenden Mädchen zu den Männern getreten.
„Nach all dem Entsetzlichen, das meine Augen den Tag über se-hen mußten, verlangt es mich, etwas Gutes zu hören. Willst Du nicht etwas erzählen, Zoroaster?“
Er überlegte einen Augenblick. Wären sie allein gewesen, so hätte er ihr von den drei holden Frauen berichtet, die er hatte schauen dürfen. Aber vor den andern mochte er nicht davon reden. Da fiel ihm etwas anderes ein, er begann:
„Mir war neulich, als sei ich auf einer unendlich weiten Ebene. Wunderbar grünes Gras wuchs in verschwenderischer Fülle, ge-schmückt mit herrlichen Blumen. Als ich das anstaunte, da kamen mehrere lichte Gestalten durch das Gras auf die Stelle zu geschrit-ten, an der ich mich befand. Sie schienen mich nicht zu bemerken. Ich aber sah, daß es einige der Mithra unterstellten Götter wa-ren, die hier Gerichtstag halten wollten. Sie hatten sich kaum auf ein paar Steinen niedergelassen, da kamen Tiere in Massen herbei: Rinder, Hunde, Katzen, Geflügel, lauter Tiere, wie man sie zur Nahrung oder Bequemlichkeit des Menschen zieht,
Und eines nach dem andern erhob Klage gegen die Menschen, die sie plagten, zu füttern vergaßen und mit Arbeit überlasteten. Danach kamen die wilden Tiere und klagten gegen die Menschen, daß sie ihnen nachstellten, aber sie oft nur halb töteten, daß sie mehr erlegten, als sie brauchten, daß sie sie auf grausame Weise umbrächten. Und bei jeder Klage schien der oberste dieser Götter blasser zu werden.
Als kein Tier mehr kam, erhob er sich und verkündete: „Ich wer-de Klage gegen die Menschen erheben bei Ahuramazda! Die Men-schen sind es nicht wert, daß ihnen die Tiere gesellt sind. Es gebührt dem Menschen, daß viele der einst zahmen Tiere wild, gefährlich, ja sogar giftig werden. Der Mensch verdient es nicht besser.“
Seht, Freunde, ich weiß nicht, ob ich das wirklich geschaut habe, oder ob es nur ein Bild war, uns zur Warnung gegeben. Was es auch gewesen sein mag, es soll uns eine große Wahrheit lehren: Behandle alle von Ahuramazda geschaffenen Geschöpfe so gut wie möglich!“
„Diese Geschichte müssen wir den Leuten hier bei der Arbeit oder bei der Pflege erzählen“, meinte einer der jüngeren Männer. „Sie, die so schlecht mit ihrem Vieh umgegangen sind, daß die kleinen Helfer sich empört haben, sie werden diese Lehre brauchen können.“
„Daß Ihr doch immer nur sehet, was die andern brauchen, statt zuerst an Euch zu denken, wenn es Schäden zu bessern gibt“, rügte Zoroaster. „Wer hat sich denn gestern an den Schwanz des Pack-pferdes gehängt und sich mitschleifen lassen, trotzdem das gedul-dige Tier schwere Last trug?“
Zoroasters Blick ruhte voll und fragend auf dem, der soeben gespro-chen hatte. Der junge Mann wandte beschämt das Antlitz zur Seite.
In den nächsten Tagen gab es genug Arbeit mit den Hütten. Viele der erkrankten Männer starben, auch einige Frauen. Zoroaster ord-nete an, daß die Gestorbenen entgegen dem Brauch eingegraben werden sollten, damit die Ansteckung, die von ihnen ausging, in die Erde verbannt werde.
Ziemlich weit außerhalb der Ortschaft wurden Gruben ausge-schachtet, in die man immer mehrere Tote zusammen legte. Die großen schwarzen Vögel kamen um ihren Fraß.
Allmählich erholten sich dann die, die der Genesung entgegen gegangen waren. Treue, aufopfernde Pflege hatte sie gerettet. Ein Wort des Dankes fanden sie nicht, aber sie lachten ihren Pflegern zu, wenn sie sie sahen.
Nun begann Zoroaster, die Einwohner zu sammeln. Wer nicht gutwillig kam, wurde herbeigeführt. Lief er dann trotzdem davon, wie einige taten, so bekam er keine Mahlzeit. Das half.
Bei so halsstarrigen Menschen, wie er sie hier getroffen hatte, meinte Zoroaster, auch Gewalt anwenden zu dürfen, damit er Ein-fluß auf die Seelen bekam. Anfangs hörten sie unwillig zu, aber als er die alten Sagen von der Wolkenschlange erzählte, da machte ih-nen das Lauschen Spaß.
Allmählich glitt er dann in Ernsteres hinüber. Er sprach von Mi-thra und seinen Gehilfen und von Ahuramazda, der über allen thront.
Sie hatten es alle einst gewußt, aber es war verschüttet, wohl schon ehe der falsche Wegbereiter zu ihnen gekommen war. Dieser hatte leichtes Spiel gehabt mit ihnen, allzu willig waren sie ihm gefolgt.
An den nächsten Abenden sprach Zoroaster vom Bösen und sei-nen Helfern. Da sagte einer der Männer:
„Wenn zwei Menschen auf der Erde uneins werden, so machen das doch auch nicht die Familien aus, wer Sieger bleiben soll. Die
Beiden müssen miteinander kämpfen. Genau so müßte es bei den Göttern auch sein. Was haben wir damit zu tun, ob der Böse oder der Gute Herr wird? Sie sollen das miteinander ausmachen, dem Sieger folgen wir.“
Triumphierend ob seiner Weisheit schaute er sich im Kreise um, begegnete aber lauter finsteren Gesichtern.
Das war nun einer von denen, die am allerärgsten krank gewesen waren! Und dieser eben vom Tode Errettete wagte so zu sprechen? Ehe Zoroaster ihm antworten konnte, schrie der Mann laut auf und schleuderte eine von den kleinen, sehr giftigen Vipern ins Feuer.
Sie hatte ihn gebissen, es gab kein Entrinnen mehr. Der Mann heulte in Schreck, Schmerz und Todesfurcht. Die andern starrten ihn an: in wenigen Augenblicken würde er über die Brücke schrei-ten müssen. Was würde sein Schicksal sein? Es graute allen.
Zoroaster trat auf den Heulenden zu.
„Siehst Du, wie Du Dich gegen Ahuramazda vergangen?“ fragte er dringlich.
Mit glasigen Augen starrte der Mann ihn an. Er schien die Frage nicht zu erfassen.
„Du hast den weisen, gütigen Gott, der Dir noch eine Gnadenfrist gegeben hatte, gelästert, Du Armer. Es wird Dir leid sein. Wir wol-len Ahuramazdas Vergebung erflehen.“
Zoroaster sprach dem Mann, dessen Hand bereits blauschwarz gefärbt war, zu. Aber mit einem lästerlichen Fluch wies dieser den Wegbereiter von sich.
Da verließ Zoroaster den Platz und die andern folgten ihm. Allein und einsam starb der Frevler.
Der Vorfall hatte nachhaltigen Eindruck gemacht auf alle. Die dabei gewesen, erzählten es den wenigen anderen, die aus irgend-einem Grund fern geblieben waren. Zu diesen gehörte auch Jadasa, die einer Frau geholfen hatte, ihr Kindlein zu empfangen.
Als das Mädchen von der erschütternden Begebenheit erfuhr, er-griff es sie tief. Sie konnte aber nicht verstehen, daß Zoroaster kei-nen Versuch gemacht hatte, den Mann zu retten. Offen, wie es ihre Art war, befragte sie ihn darum.
„Warum hätte ich ihn retten sollen, Jadasa?“ fragte Zoroaster sei-nerseits. „Ich hätte wohl versuchen können, die Wunde auszubrennen, aber bei dieser Art Schlangengift wäre Rettung doch kaum möglich gewesen. Aber warum, so frage ich nochmals, hätte ich es überhaupt versuchen sollen?“
„Wenn der Mann vom Tode gerettet worden wäre, hätte er sicher Ahuramazdas Erbarmen erkannt und sich gebessert“, meinte Ja-dasa überredend, aber Zoroaster fuhr auf:
„Eben erst hatte Ahuramazdas Güte ihn von der Krankheit, an der er auf den Tod lag, zurückgerissen! Er hat es nicht erkannt. Ja, als ich ihn daran mahnte, fluchte er. Er hätte auch diesmal seiner Seele nicht helfen lassen. Für die anderen aber war er eine Gefahr.
Die, die nicht ganz sicher waren, hätte er überreden können zu seinen Unsitten und zu seinem sträflichen Unglauben.“
Da verstand Jadasa, daß nicht alles Güte ist, was vielleicht so aus-sieht, und daß man auch beim Helfen denken muß. Bescheiden sagte sie:
„Ich danke Dir, Zoroaster, ich habe viel gelernt.“
In Arbeit und Lehren vergingen die Tage, sie reihten sich zu Wochen, ohne daß die Männer es gewahr wurden. Einzig das emporschießende Korn zeigte ihnen, wie lange sie schon hier weilten.
Langsam erschlossen sich die Seelen. Die Leute kamen freiwillig zu den Belehrungen, sie beteten aufrichtig und verstanden, wieviel Gnade ihnen erzeigt worden war.
Zoroaster dachte schon ans Gehen, da kamen eines Mittags frem-de Reiter zu der Ortschaft. Das gab große Aufregung! In schönem Gleichmaß ritten sie dahin, gezügelt wie ihre Pferde erschienen auch ihre Körper.
Plötzlich stießen sie einen Jubelruf aus: sie hatten Zoroaster er-blickt und erkannt! Es waren die ihm vorausgerittenen Boten, die auf dem Heimweg begriffen waren. Groß war ihre Freude, den Wegbereiter zu finden.
Sie erzählten, daß dies die letzte Ortschaft gewesen sei, die drin-gender Hilfe bedurft hätte. In den andern hätten sie selber wirken können. Nun sei aller Schaden gutgemacht, der aus des falschen Zoroasters Auftreten entstanden.
Und mehr als das: die Menschen, mit denen der Wegbereiter sich
jetzt abgegeben hatte, waren bis ins Tiefste erfaßt und umgewandelt worden.
„Auch hier wieder Segen aus dem Leid!“ jubelte Mursa, der vor einigen Tagen eingetroffen war.
Die Männer brachten auch die Kunde mit, daß in wenigen Wo-chen das Fest auf dem Berge stattfinden werde. Zoroaster werde gebeten, daran teilzunehmen. Der Atravan und Fürst Hafis ließen ihn überall suchen.
Da beschloß Zoroaster, mit seinen zwei Begleitern heimzureiten, versprach aber, in längstens einem Jahr wiederzukommen, um zu sehen, wie die Menschen seine Lehre aufgenommen, wieviel Frucht sie getragen.
Der Abschied wurde besonders den Helfern aus den andern Ort-schaften schwer. Sie konnten sich ein Leben ohne den „Meister“ nicht mehr denken. Jadasa sprach gar nichts. Ihr gleichmäßig frie-devolles Antlitz verriet nicht, ob ihr das Heimgehen lieb oder leid sei.
Zoroaster aber merkte plötzlich, daß seine Körperkräfte nach-zulassen begannen. Allzuviel war ihnen zugemutet worden in den letzten Jahren, da er ohne Unterbrechung immer über das gewöhn-liche Menschenmaß gearbeitet hatte.
Er empfand nur ein Verlangen: möglichst rasch in die Stille zu kommen. Mursa verstand ihn und sorgte in Treue dafür, daß der Aufbruch rasch vonstatten ging.
Schneller, als alle gedacht, war die Trennung vollzogen. Aber Zo-roaster kam nicht weit. Am Ende des ersten Tages schon brach er in heftigem Fieber zusammen. Mursa wußte nicht, wohin er den Erkrankten bringen sollte.
Da flehte er zu Ahuramazda, er möge ihm für dies eine Mal die geistigen Augen öffnen, damit er die kleinen Helfer sehen und mit ihnen verkehren könne. Es sei um des erkrankten Wegbereiters willen.
Und die Bitte wurde erhört. Kleine, freundliche Wesen stellten sich ein, die Mursa zuraunten, sie wüßten hier ganz in der Nähe eine leere Hütte, wohin er und der Diener den Zoroaster bringen könnten.
Fröhlich wiesen sie den Weg zu einer regensicheren Behausung, in der sich ein gutes Lager befand.
Mit flinken, geschickten Händen halfen sie Mursa, während der Diener die Pferde versorgte. Mursa aber war überglücklich, die Kleinen sehen zu können. Er faßte eine große Liebe zu ihnen. Das fühlten sie und halfen immer bereitwilliger.
Zehn Tage lang lag der Wegbereiter in schwerer Krankheit. Aber an aufopfernder Pflege wurde nichts versäumt. Endlich konnte er wieder um sich schauen und sich wundern, wo er sich befand. Mur-sa berichtete ihm, die Kleinen ergänzten den Bericht und rühmten Mursas Umsicht.
Als Zoroaster sich so weit erholt hatte, daß er Strahl besteigen konnte, drängte er zum Heimritt. So brachen sie auf und die Männ-lein wiesen ihnen die besten Wege. Als die Grenze ihres Bezirks er-reicht war, stellten, wie immer, andere Helfer sich ein. Da jauchzte plötzlich Mursa, der schweigend geritten war, laut auf:
„Ich kann auch die neuen Helfer sehen! Ist es möglich, daß ich die geschenkten Augen für immer behalten darf?“
Überglücklich war er. Hinter jeden Baum, in jede Blume spähte er und verkündete frohlockend, wenn sich ihm ein Elflein oder ein Baumgeist zeigte.
Da Zoroaster noch schwach war, mußten sie langsam reiten, aber bei Mursas Freude über die kleinen Wesen wurden ihnen die Tage nicht zu lang.
Abends sprach Zoroaster, wie es seine Gewohnheit war, noch mit seinen Begleitern über ernste Dinge. Zu seinem Kummer merkte er, daß der Diener seelisch nicht vorangekommen war, obwohl er immer an allem hatte teilnehmen dürfen. Es war, als fehle ihm der Sinn für alles, was nicht irdisch war.
„Hast Du denn gar kein Verlangen, von Ahuramazda zu hören, mein Freund?“ fragte Zoroaster ihn gütig.
Er schüttelte den Kopf.
„Ich verstehe so wenig davon. Ich kann nicht begreifen, warum Mursa sich freut, wenn er das kleine Geziefer sieht. Ich kann nicht begreifen, warum Du, der vornehme Herr, Dich mit verkommenen Menschen plagst und Arbeit tust, die mir zu gering ist.“
„Wenn es so ist“, sagte Zoroaster traurig, um noch ein Letztes zu versuchen, „dann werde ich Dich das nächste mal nicht mitneh-men können.“
Er hatte Beteurungen erwartet und Bitten, es doch wieder mit ihm zu versuchen, statt dessen aber sagte der Diener ganz erfreut
„Darum wollte ich Dich auch schon bitten! Es wird mir schwer werden, mich von Strahl zu trennen, aber schließlich werde ich mich auch an andere Pferde gewöhnen.“
Bei all dem großen Erfolg, den der Wegbereiter gehabt hatte, die-sen Mißerfolg in seiner unmittelbaren Umgebung! Was sollte er wohl daraus lernen?
Nach einigen weiteren Tagen zeigte sich endlich die Hauptstadt und ehe die Sonne sank, konnten sie vor Hafis’ Palast von den Pfer-den steigen.
Mit großer Freude wurde Zoroaster begrüßt. Der Fürst erschrak, als er das blasse, abgezehrte Aussehen des Freundes sah, aber dieser beruhigte ihn.
Er fühle sich wieder ganz wohl, Mursa habe ihn trefflich gepflegt. Dagegen fragte er zaghaft, ob Dschajawa noch am Leben sei. Die Antwort beglückte ihn:
„Er könne kaum erwarten, den Wegbereiter zu begrüßen!“
Nun mochte auch dieser nicht mehr warten. Eilig begab er sich zu seinem alten Freund, den er zwar hinfälliger geworden, aber geistig sehr rege fand.
Hier konnte er alles erzählen, was ihm begegnet, was er gedacht und erlebt. Er fand Verstehen, das ihn selbst noch tiefer eindringen ließ in alles.
Tagelang hätte er so weiterberichten können. Es tat so wohl, in diesem Versenken zu ruhen nach all der Unruhe der letzten Jahre. Aber Hafis drängte, er solle den Atravan aufsuchen. Wichtiges habe dieser mit ihm zu besprechen.
Zoroaster begab sich zu dem Priester, der ihn ehrerbietig emp-fing, trotzdem er bedeutend älter war als der Wegbereiter.
Der Atravan sagte, daß er Auftrag erhalten habe, bei der nächsten Feier Zoroaster allem Volk als Wegbereiter vorzustellen. Er werde von seiner Sendung reden und bitte ihn, ein Gleiches zu tun. Am besten wäre es, er würde am zweiten Tag des Festes zu den Män-nern sprechen.
Zoroaster zeigte sich zu allem bereit, nur bat er, daß bei seiner Ansprache auch die Frauen zugegen sein dürften. Er halte es für seine Pflicht, die Frauen nicht länger im Hintergrund zu lassen.
„Sie haben Seelen wie wir, Atravan“, sagte er, „und diese Seelen hungern. Sie wollen die Speise nehmen dürfen, wo ihre Männer sie empfangen, und nicht von diesen Männern abhängig sein bei der Sättigung ihres Geistes.“
Der Atravan begriff diese Ansicht nicht. Solange er denken konn-te, ja noch viel länger, hatte den Frauen Bescheidenheit geziemt. Sie hatten hinter den Männern zurückzustehen. Er meine, so solle es bleiben. Sonst würden die Frauen auch in anderer Beziehung Än-derungen verlangen, die unbequem werden könnten.
„Du bist nicht verheiratet, Zoroaster“, schloß er lächelnd, „sonst würdest Du rascher verstehen, daß man die Frauen nicht niedrig genug halten kann.“
„Meine Mutter war auch eine Frau, ebenso wie die Deine, Atra-van“, versetzte Zoroaster rasch. „Glaube mir, wenn die Frauen dar-aus, daß sie mit den Männern die ewigen Wahrheiten vernehmen dürfen, ein Recht zu Vordrängen und Unweiblichkeit ableiten, so sind sie nicht wert, Frauen zu sein. Diese soll man dann nicht mehr zulassen. Aber es muß unser eifriges Bestreben sein, der Seele der Frau den Platz einzuräumen, der ihr gebührt.“
Der Atravan gab nach; denn er wußte genau, daß hinter dem, was Zoroaster sagte, der Wille Gottes stand. Dagegen lehnte er ab, jetzt schon von dem zu erfahren, was der Wegbereiter künden wolle.
„Ich werde es früh genug mit den anderen hören“, sagte er gleich-mütig. „Ich weiß, daß Du die Wahrheit bringst, also tut es nicht not, Deine Worte vorher zu prüfen.“
In zwei Tagen sollte aufgebrochen werden. Der Atravan überließ es Zoroaster, ob er mit ihm oder im Zuge des Fürsten Hafis reiten wolle.
Zoroaster merkte, daß es ihm recht. wäre, wenn er letzteres wäh-len würde, doch wollte er nichts entscheiden, ehe er mit dem lich-ten Helfer gesprochen. Das sagte er aber nicht, sondern behielt sich vor, morgen Bescheid senden zu wollen.
Etwas bedrückt von der Unterredung kehrte Zoroaster in den Pa-last zurück und begab sich sofort zum Fürsten. Dieser bat ihn, mit ihm zu reiten. Er habe unterwegs mehr Zeit als sonst, sich Antwort auf so manche Frage zu erbitten, die ihn beschäftigte.
„Der Atravan dagegen wird froh sein, wenn er Dich jetzt nicht bei sich haben muß“, sagte der Fürst und fragte dann: „Wie gefiel Dir der Priester? Habt Ihr Euch verstanden?“
„Er gefällt mir, aber er erscheint mir nicht ganz frei. Irgend etwas versucht er zu verbergen. Jeder seiner Sätze ist wohlüberlegt. Ich begreife nicht, woher das kommt. Er hat doch von mir nichts zu fürchten!“
„O Zoroaster, Du Kind!“ lachte Hafis gutgelaunt. „Gerade das ist es! Er fürchtet Dich.“
Zoroasters erstaunter Blick veranlaßte den Fürsten mit mehr Nachdruck zu wiederholen:
„Ja, er fürchtet Dich! Wenn Du der Wegbereiter bist, so hast Du durch dieses Dir von Ahuramazda übertragene Amt die erste Stelle in der Geistlichkeit unseres Landes. Das ist doch selbstverständ-lich.“
Zoroasters ungläubiger Blick entlockte dem Fürsten erneutes La-chen.
„Daß Du das nicht schon selbst gemerkt hast, zeigt mir, daß Du wahrlich neben Deiner hohen Aufgabe nichts anderes siehst. So muß es ja auch sein“, sagte Hafis, ernst werdend. „Der Atravan aber, der Dich nicht kennt, weiß nicht, wie weit Du gedenkst, diese Macht zu verwenden. Um ihm zu zeigen, wie bescheiden Du bist, bat ich Dich, ihn aufzusuchen. Eigentlich hätte er zu Dir kommen müssen.“
„So will ich nochmals zu ihm gehen und ihm sagen, daß er der oberste Priester im Land bleiben soll“, beschloß Zoroaster. Der Fürst aber hinderte ihn
„Das wäre sehr töricht. Daraus, daß er sich vor Dir fürchtet, mußt Du seine Machtgier erkennen. Die kann Dir beschwerlich oder hindernd werden, wenn Du ihr jetzt schon die Zügel schießen läßt. Außerdem hat Ahuramazda Dich und nicht ihn zur höchsten geist-lichen Würde in diesem Reich berufen.
Das darfst Du nicht einfach abtun, wie ein unbrauchbares Ge-wand. Gehe unbeirrt Deinen Weg. Laß die anderen sich fürchten oder Dich lieben. Es wird ein Tag kommen, wo es Dir lieb sein wird, daß ein Wort Deines Mundes auch den Atravan zum Gehor-sam zwingen kann.“
„Ich danke Dir, Hafis. Das habe ich nun verstanden. Du hast recht, in solchen Dingen bin ich leider immer noch so töricht ein Kind“, seufzte der Wegbereiter. „Was sollte ich ohne Deinen weisen Rat beginnen?“
„Darum habe ich auch göttlichen Auftrag, auf Erden Dein Schir-mer zu sein. Das hat mir der verstorbene Atravan gekündet. Darum nahm ich Dich damals schon mit, als Du noch auf der Suche nach dem Zoroaster warst.“
„Nun verstehe ich nur eines nicht“, begann Zoroaster von neu-em, nachdem längere Zeit Schweigen geherrscht’“ hatte, „warum der Atravan es so entschieden ablehnte, etwas von dem erfahren, was ich den Menschen zu sagen habe. Ich dachte, er würde gar nicht genug davon hören können.“ Wenn Du den Priester besser kenntest, wäre es Dir kein Rätsel mehr. Er will alles von Gott selber erfahren, was er weiß und was er weitergibt. Es ist ihm eine Qual, daß ein anderer mehr heiliges Wissen erhält als er. Wenn Du ihm nun erzählst, so kommt er in ein Schüler-Verhältnis zu Dir, das will er nicht. Hört er dagegen Deine Wahrheiten erst auf dem Berge der Feier, so weiß niemand, ob er nicht alles, was. Du sagst, bereits gewußt habe.“
„Wie schade ist es um den Mann“, klagte Zoroaster. Hafis dagegen meinte:
„Er wird sich unter Deinem Einfluß ändern, Du Gesegneter, wie wir alle uns ändern. Nur wird es lange bei ihm währen.“
Die Reisevorbereitungen überließ Zoroaster Mursa, den er zu sich rief. Der Getreue freute sich auf die Feier und diese Freude durchstrahlte ihn.
„Weißt Du schon, Herr, was mit unserm seitherigen Diener ge-schehen ist?“ fragte er, sobald er das Gemach des Wegbereiters betreten hatte. „Ich sollte traurig darüber sein, aber ich kann es nicht. Zu deutlich sehe ich Ahuramazdas Willen in dem Erle-ben.“
Als Zoroaster verneinte, erzählte Mursa:
„Der Mann war nicht so gleichgültig, wie er sich stellte. Er konnte sich den Wahrheiten nicht verschließen, so gern er es getan hät-te. Vor allem graute ihm vor den unsichtbaren Helfern, von denen er sich umgeben wußte. Er meinte, fern von Dir, würden sie nicht
mehr an ihn heran kommen können. Das machte ihn so bereit, Dich zu verlassen.
Hier wurde er in seine alte Stelle im Troß des Fürsten eingereiht und bekam mehrere Packpferde zu pflegen. Aber er hatte Sehn-sucht nach Traber und Strahl, die einträchtig beisammen stehen und gut gepflegt werden.
Da entschloß er sich, er hat es mir selbst erzählt, sie eines Nachts zu besuchen. Ehe er aber zu ihnen trat, war es ihm, als höre er spre-chen
„Wir haben nichts mit einem Feigen zu schaffen, der den Mut ver-liert vor den Dienern des Höchsten. Noch weniger aber darf uns ein Treuloser nahen, der aus dieser Feigheit heraus seinen Herrn verläßt und auf die ewigen Wahrheiten verzichtet.“
So ähnlich lauteten die Worte, die er hörte. Er erschrak sehr, seine Furcht aber gab ihm die frevelnden Worte ein:
„Verfolgt mich der Teufelsspuk bis hierher? Seid Ihr Geschöpfe Anramainyus? Wenn ich nicht sofort die kleinen Wesen sehe, ver-fluche ich alles, was mit dem Zoroaster zusammenhängt.“
Da standen drei Wichte vor ihm, deutlich erkennbar. Sie sahen sehr böse aus. Einer von ihnen sprach:
„Nicht, um diesen Fluch zu verhüten, der dem Zoroaster nicht schaden kann, öffnet Dir Ahuramazda die inneren Augen, sondern um vielleicht noch Deine Seele zu retten, die erwählt gewesen, dem Wegbereiter zu dienen. Es ist der letzte Versuch, Sadi. Entreiße Dich der geistigen Trägheit und der feigen Furcht.“
Du wirst Dir denken können, Herr, wie Sadi erschrak. Er verlor alles Besinnen, trat fehl und fiel so unglücklich, daß er sich ein Bein brach. Nun hat er Zeit, über alles nachzudenken. Er hat mich rufen lassen, um mir sein Erlebnis zu erzählen. Er bat mich, es Dir mitzu-teilen und Dich zu bitten, ihm zu vergeben.“
„Ich werde ihn nachher aufsuchen, Mursa“, sagte Zoroaster, der sich über das Geschehen ebenso freute wie dieser. „Für diesen Ritt aber werden wir einen andern Diener haben müssen. Wähle ihn nach Deinem Belieben. Fürst Hafis läßt uns freie Wahl.“
„So habe ich schon gewählt, Herr“, sagte Mursa bescheiden. „Un-ter den Pferdeknechten ist ein junger Bursche mit Namen Marzar, der mir sehr gut gefällt. Er scheint aus gutem Hause zu sein, ist gescheit und wißbegierig. Er kann nicht genug hören von dem, was er bei mir erfragen kann. Du würdest ihn sehr beglücken, wenn Du ihn zu Deinem Diener machen wolltest.“
„So sage ihm, daß er sich bereit halten soll, uns zu begleiten“, wil-ligte Zoroaster ein.
Später im Tage ging er zu dem voll Schmerzen auf seinem Lager ausgestreckten Sadi. Er fand ihn jedem guten Wort zugänglich, ein völlig veränderter Mensch.
Nachdem er ihn seiner Vergebung versichert und ihm verspro-chen, daß er wieder Diener sein dürfe, sobald sein Bein geheilt sei, sah Zoroaster die Bruchstelle an. Es war gar nichts dafür getan, die zersplitterten Knochen bohrten sich förmlich durch die Haut. Sah denn der Wunderarzt nicht nach solchen Kranken?
Es wurde dem Wegbereiter gesagt, daß der „Wunderbare“ nur komme, wenn man reich sei und viel bezahlen könne, andere Leute müßten ohne ihn gesund werden oder sterben.
Zoroaster versprach, den Arzt nach Verdienst zu belohnen, werde der Diener aber zum Krüppel, so solle Strafe den Arzt treffen.
Das half. Noch vor seiner Abreise fand Zoroaster Sadi gut gebet-tet und schmerzfrei. Der Arzt aber verneigte sich bis zum Boden und versprach, daß er alles tun werde, was ihm möglich sei, damit das Bein wieder brauchbar werde. -
Dschajawa hatte beabsichtigt, an dem Ausritt teilzunehmen, aber er hatte seine Kräfte überschätzt. Er mußte verzichten und gab mit zitternden Händen Zoroaster den Reisesegen.
Hafis aber sprengte voll Freude zur Stadt hinaus, Zoroaster an sei-ner Seite. Viel hatten die Beiden zu reden, zu fragen und zu sehen. Hafis nahm besonders Anteil an den Zuständen der verschiedenen Ortschaften, und sein Begleiter erzählte unermüdlich von allem, was da geschehen. Als er von der Hilfe der Wesenhaften berichtete, sagte Hafis:
„Mir geht es fast wie Deinem Sadi: es wird mir unheimlich im Gedanken, daß wir ständig von unsichtbaren Wesen umgeben sind, die uns nützen oder schaden können.“
„Ich kann nicht begreifen, daß ein Mensch sich davor graut“, gab Zoroaster zurück. „Mir ist es ein so lieber Gedanke, die Kleinen um mich zu wissen, auch wenn ich sie gerade nicht sehe.“
„Siehst Du sie denn nicht immer?“ wollte der Fürst wissen und Zoroaster erklärte, daß er sie gewöhnlich nur dann sähe, wenn er sie herbeirufe.
„Bringen sie mir aber Botschaft, oder wollen sie mich warnen, dann sehe ich sie auch“, schloß er seinen Bericht.
Er sah aber, daß er des Fürsten Unbehagen noch nicht zerstreut hatte, und besann sich, wie er dem abhelfen könne. Es wollte ihm nichts einfallen, und er beschloß, seinen lichten Helfer um Rat und Hilfe zu bitten.
Es konnte im Verlaufe der Erzählungen nicht ausbleiben, daß Zo-roaster von Jadasa sprach. Er schilderte sie so, wie er sie empfunden hatte, und Hafis bezeigte lebhafte Anteilnahme an dem schönen Mädchen. Das fiel Zoroaster auf, der plötzlich sagte:
„Fürst, das gäbe ein Weib für Dich, wie Du es Dir besser nicht wünschen könntest! Die reinste der Erdenfrauen neben Dir, das wäre herrlich für Dein Volk!“
Ganz erregt sprach der Wegbereiter. Der Fürst aber sagte;
„Nachdem mein Weib gestorben, werde ich mich wohl kaum wieder verheiraten, Aber wir können ja nach der Feier den Weg über jene Gegend nehmen, damit ich die Holde kennen lerne.“
Zoroaster war zufrieden.
Am Fuß des Berges der Feier war die Zeltstadt des Fürsten aufge-baut. Ein buntes Treiben herrschte da; denn alles drängte sich, an dem Feste teilzunehmen. Für Zoroaster hatte man ein besonderes Zelt errichtet, Esunterschied sich äußerlich stark von den anderen, die in den buntesten Farben prangten. Schlichte, weiße Matten be-kleideten es von außen und innen.
Ganz früh am Festesmorgen ritten die Scharen zum Berge hinauf. Kurz vor dem Platz, auf dem die Feier stattfinden sollte, wurde ab-gestiegen. Diener nahmen die Pferde in Empfang und langsam und gemessen wurde das letzte Stück des Weges zu Fuß zurückgelegt.
Streng im Rahmen des Herkommens verlief die Feier des ersten Tages. Zoroaster stand in der Nähe des Fürsten und erlebte alle Ge-bete und Bräuche mit der Seele.
Dann wandte sich der Atravan an alle Anwesenden. Er sprach davon, wie die Menschen sich durch ihr böses Tun immer weiter in
Schuld verstrickten, wie sie überall Schlimmes in die Welt bräch-ten. Danach kündete er von der Verheißung des Saoshyant und von dem Wegbereiter.
„Als ich noch ein junger Mobed war“, sagte er mit bewegter Stim-me, „da durfte der damalige Atravan uns sagen: die Weissagung wird sich erfüllen. Wir sind in die letzte Zeit der Erde eingetreten. Die Sterne haben gekündet, daß der Zoroaster geboren ist. Da er-griff große Freude die Lauschenden. Sie alle freuten sich, daß der Wegbereiter zur Erde gekommen.
Heute darf ich Euch gleichfalls etwas künden, das große Freude bedeutet; der Zoroaster steht mitten unter uns!“…
Er konnte nicht weiter reden, so stark brauste der Jubel über den Platz. Auch wer es schon. gewußt hatte, ließ sich mit hineinreißen in die große, überwältigende Freude Der Zoroaster mitten unter ihnen! Nun müßten ja bessere Zeiten kommen! Nun müßte alles Schlimme ein Ende haben!
Mühsam gelang es dem Atravan, Ruhe zu schaffen. Immer wieder erhoben sich hier und da Stimmen in Dank und Jubel, bis plötzlich eine und dann mehrere die Frage ausriefen:
„Wo ist er?“
Da deutete der Priester auf den ganz ruhig Dastehenden, dessen Antlitz von überirdischem Leuchten überzogen war.
„Sehet, dies ist der Wegbereiter des Saoshyant, der uns allen von ihm künden und sagen wird!“
Sie blickten alle nach ihm und meinten, keinen Menschen mehr zu sehen. Wie ein Wesen aus einer anderen Welt erschien er ihnen in diesem Augenblick.
Der Atravan aber versprach, daß Zoroaster am folgenden Tag zu ihnen allen sprechen werde und daß auf seine Bitte auch die Frauen dabei anwesend sein dürften.
Da erhob sich neuer, kaum enden wollender Jubel. So lebhaft war es noch bei keiner Feier. zugegangen, etwas so Herrliches war aber auch noch nie gekündet worden.
Hafis hatte gefürchtet, daß beim Abstieg die Menschen sich um Zoroaster drängen würden. Er hatte deshalb seinen Dienern befoh-len, sich dicht um ihn zu scharen. Aber die Vorsicht war überflüssig gewesen. Alle wichen in Ehrfurcht zurück und gaben Raum für die
Durchschreitenden. Hier und da sah Zoroaster ein ihm bekanntes Gesicht, das freudig errötete, wenn es sich erkannt sah. Aus allen Ortschaften, die der Wegbereiter von den Spuren des Betrügers be-freit hatte, waren sie gekommen, mitzufeiern.
Als am Abend der Atravan den Männern den Trunk reichte und Sagen erzählte, saß Zoroaster still unter den Zuhörern. Er wollte dem Priester auf diese Weise die Gewißheit geben, daß er ihn nir-gends aus seinem Amt verdrängen wollte.
Das Volk freilich hätte es lieber gesehen, wenn Zoroaster ihnen erzählt hätte, aber sie liebten ihre Sagen und waren zufrieden im Gedanken an den kommenden Tag.
Dieser wurde ungewollt zum Höhepunkt des Festes. Zoroaster hatte die Nacht im Gebet verbracht, das rechte Wort und Kraft er-flehend. Er wußte, wieviel davon abhing, daß jede Seele in ihm den Wegbereiter des göttlichen Helfers sah. Dann trat er freudig vor die Menschen, die gespannt an seinen Lippen hingen.
Er begann damit, daß er sagte, es werde wohl niemand im Zweifel sein, wie verkommen die Menschen seien. Und es werde wohl jeder das Kommen des Saoshyant erflehen als letzte, einzige Rettung vor dem Verderben.
Wonach die Väter sich gesehnt, was jeder gewünscht, das dürfe jetzt Wahrheit werden! Er sei von Ahuramazda als Wegbereiter zur Erde gesendet und dürfe aus innerstem Wissen heraus sagen:
„Richtet Euch auf, Ihr Verzweifelten! Freuet Euch, Ihr Verzagten! Der strahlende Held wird kommen, die Erde von dem Fluch An-ramainyus zu erlösen. Der Schlange wird er den Kopf abhauen mit dem Schwerte, dessen blitzendes Metall lautere Wahrheit ist.
Ahuramazdas Sohn ist er, ein Teil des allerhöchsten Gottes! Könnt Ihr Euch das vorstellen? Könnt Ihr solch unermeßliche Gnade be-greifen?
In unsere vor Sünden zum Sumpf gewordene Erde wird sein zar-ter Fuß treten! Uns ans Böse gefesselte Menschen wird sein heili-ges Auge schauen! Wenn Ihr wüßtet, wie herrlich er ist, Ihr würdet nichts anderes mehr denken, als wie Ihr ihm dienen könnt.“
Zoroasters klingende Stimme wurde immer tönender, immer vol-ler. Die Worte strömten ihm zu, als er nun den Helfer schilderte in seiner Herrlichkeit, wie er auf dem Throne sitzt, um die Menschheit zu richten. Von der göttlichen Gerechtigkeit sprach er, die nicht zu beeinflussen ist. Vor Augen stellte er ihnen allen, daß jeder Mensch das empfangen wird, was er selbst sich erworben hat an Lohn oder Strafe.
„Ändern müßt Ihr Euch, Ihr Menschen!“ rief er begeistert. „Da-mit im Gericht doch noch einige von Euch über die Brücke Tshin-vat schreiten dürfen, um dem Saoshyant zu dienen.“
Es schien ihnen in diesem Augenblick so leicht, sich zu ändern. Man mußte nur das unterlassen, was man bisher falsch gemacht, man mußte streben, dafür Gutes zu tun. Leicht war es, kinderleicht. So schien es ihnen! So fühlte es Zoroaster aus ihrem Denken. Da-her begann er nochmals
„Glaubet nicht, daß die Änderung ohne große Mühen zu erreichen ist. Wenn Ihr Euere Laster und Fehler nicht so lieb hättet, nicht so völlig mit ihnen verwachsen wäret, Ihr würdet sie sicherlich schon abgelegt haben. Oft genug seid Ihr gemahnt worden. Nun gilt es, eine große Anstrengung zu machen. Aber Ihr wißt jetzt, um wases geht. Fällt es Euch schwer, so denket daran, dass jede Überwindung ein Steinchen aus dem Pfad des Saoshyant räumt.“
Lange noch sprach er zu ihnen, und sie stiegen vom Felsen in seligem Erfülltsein, wie sie es noch nie gekannt.
„Wenn wir daran gezweifelt hätten, daß dieser ein Bote Ahura-mazdas ist“, sagte ein alter Mann zu den Umstehenden, „so hätten uns seine flammenden Worte überzeugen müssen. So kann kein Mensch aus sich selbst reden.“
Das war der allgemeine Eindruck.
Am letzten Tage des Festes begehrten viele der Männer zu wissen, ob und wann der Zoroaster in ihre Ortschaften kommen werde. Er versprach, daß er bald wieder ausreisen und einen Volksteil nach dem andern aufsuchen werde. Damit mußten sie sich begnügen.
Im übrigen mischte er sich wieder unter die Zuhörer und lauschte dem, was die Priesterinnen zu künden hatten. Schal und matt klang es nach dem, was die Menge am Tage vorher hatte hören dürfen. Das fühlten die heiligen Frauen selber. Und plötzlich wandte sich die Oberste von ihnen an den Wegbereiter:
„Zoroaster, eine neue Zeit hat begonnen. Da dürfen wir auch an den Bräuchen ändern, wenn es zum Besten aller notwendig scheint.
Wir wollen schweigen, sprich Du zu uns! Viel hast Du uns noch zu sagen. Wir sind hier in Scharen beisammen. Laß uns noch von Deiner Verkündigung mitnehmen, so viel als möglich ist.“
Überrascht schaute Zoroaster nach dem Atravan. Dieser wandte sich ab. Man konnte sehen, lieb war ihm dies nicht, aber er fügte sich.
Und so begann Zoroaster nochmals zu künden, bat aber die Hö-rer, Fragen zu stellen, sobald solche in ihnen aufsteigen würden.
Das taten sie gern. Die Nacht über hatte so mancher nachgedacht und Fragen über Fragen gefunden. Mit immer gleichbleibender Frische beantwortete der Zoroaster, was ihm zu gerufen wurde.
Es war auch nicht eine einzige müßige, neugierige oder gar fre-velnde Frage darunter. Alle zeigten, daß die Menschen mit wahrem Ernst an das Neue gedacht hatten, das in ihr Leben getreten war.
Bis zum letzten Augenblick dehnte Zoroaster das Beisammensein aus. Als er schließen wollte, bestürmten die Menschen ihn, noch einen Tag länger bleiben zu dürfen, und Zoroaster gewährte es.
Wohl wendete der Atravan ein, daß die Dauer des Festes niemals drei Tage überschritten habe. Zoroaster antwortete rasch:
„Das Fest ist vorüber, Atravan. Aber wir bleiben noch beisam-men, um von dem Saoshyant zu sprechen. Das ist kein Zwang. Wer heimkehren muß, weil seine Arbeit ihn ruft, oder wer aus einem anderen Grund heimkehren möchte, der mag ruhig abreisen. Nie-mand wird es ihm verargen. Wer aber bleiben will, soll dies unge-hindert tun dürfen.“
Da fügte sich der Priester und blieb selber noch zurück.
Aus dem einen Tag aber wurden drei, wurden sieben Tage. Dann hatte der Wegbereiter einen Teil seiner Aufgabe gelöst. Alle die Menschen, die nun heimwärts zogen, waren erfüllt von dem Wissen um Ahuramazda und seinen Heiligen Sohn, den göttlichen Helfer.
An diesem siebenten Tag aber ereignete sich noch ein Großes.
Zoroaster betete für alle, die da von dem Helfer hören wollten. Hoch hinauf trugen ihn seine Worte, er vergaß, daß Menschen um ihn ge-schart waren. Seine Seele legte sich zu Füßen des göttlichen Thrones.
Alle bemerkten, daß von seiner Stirn ein Leuchten ausging, das heller wurde, je länger er betete. Plötzlich, gerade als Zoroaster sein Gebet schloß, rief die oberste Priesterin wie außer sich:
„Sehet den goldenen Strahl, der von oben auf ihn fällt! Sehet den weißen, wunderbaren Vogel, der in diesem Strahl seine Schwingen über ihn breitet! Sehet das wunderbare, goldene Zeichen, das ihm zu Häupten schwebt!“
Alle Blicke schauten auf Zoroaster, der mit emporgewandtem Antlitz noch ganz versunken stand. Viele unter den Menschen durften das Heilige Zeichen schauen, das Kreuz des Saoshyant. Un-ter diesen Schauenden war auch Hafis.
Später gab er Befehl, daß dieses Zeichen in Gold auf die Gewän-der des Wegbereiters und auf das weiße Zelt gestickt werde.
Nun brachen sie wirklich auf, die vielen, die geblieben waren bis zum letzten Augenblick. Als Verkünder zogen sie vom Berg der Feier, als Mahner und Weiser. Zoroaster aber kehrte mit Hafis auf dem kürzesten Wege in die Stadt zurück.
Von dem Ritt zu Jadasa war keine Rede mehr. Sie waren zu erfüllt von allem, das sie erlebt hatten.
Dschajawa erwartete sie voll Ungeduld.
Wenn auch eine innere Stimme ihm gesagt hatte, daß ihnen nichts zugestoßen sei, so konnte er es doch kaum erwarten, bis sie berichten würden. Viel hatten sie ihm zu erzählen, es dauerte Tage, bis sie fertig wurden.
Sadi ging es besser, aber sein Bein konnte er noch nicht gebrau-chen. Da war auch an ein Mitreiten noch nicht zu denken. Mit gro-ßem Schmerz fügte er sich darein, er, der noch vor kurzem willig aus Zoroasters Diensten geschieden war.
Der Wegbereiter aber wollte sich aufmachen und die Länder durchreiten, von Mursa und Marzar begleitet. Fürst Hafis wollte ihn überreden, einen Troß mitzunehmen, aber Zoroaster ließ sich nicht dazu bestimmen.
„Ich habe eine Ahnung, als ob mein Troß noch übergroß werden würde“, sagte er. Dabei blieb es.
Ehe er schied, suchte er nochmals den Atravan auf und bat ihn, sein Amt wie bisher weiter zu versehen und sich nicht dadurch von seiner Pflicht abhalten zu lassen, daß auch Zoroaster jetzt im Reiche umherritt.
„Du sollst lehren von den Göttern, Atravan, ich aber soll künden vom Helfer“, sagte er freundlich. „Je besser Du lehren wirst, um so vollkommener werde ich künden können.“
„Wirst Du es bei künftigen Feiern ebenso halten, Zoroaster?“ fragte der Priester, ohne auf Zoroasters Worte einzugehen.
„Wirst Du jedesmal sieben Tage anfügen, um zum Volk zu spre-chen. So sage ich Dir heute schon, daß ich das in Zukunft nicht dulden werde!“
Wie recht hatte Hafis gehabt mit seiner Warnung. Noch hatte Zo-roaster seine Würde nicht aus der Hand gegeben, dank der Umsicht des Fürsten. Ruhig antwortete er
„Das kann man heute noch nicht entscheiden, Priester. Wenn es notwendig ist, zu allen mehr zu sprechen, als in einem Tage gesagt werden kann, so werden eben noch mehr angefügt werden müssen. Das wird sich von selber zeigen.“
„Ich werde es aber nicht dulden, Jüngling!“ fuhr der Atravan hef-tig auf. „Das Fest ist eine Feier zu Mithras Ehren. Willst Du vom Saoshyant künden, so mach ein Fest zu seinen Ehren!“
„Wir werden sehen, was Ahuramazda befiehlt“, gab Zoroaster mit erzwungener Ruhe zurück.
Danach aber nahm er Abschied und kehrte in den Palast zurück. Er hatte mit Hafis von diesem Erleben reden wollen, aber es gab sich keine Gelegenheit dazu, so unterließ er es.
Nun war Zoroaster schon wieder tagelang unterwegs. Obwohl er im Grunde nur wenig Zeit zur Ruhe gehabt hatte, waren seine Kräf-te wiedergekehrt.
Er freute sich auf das Künden, auf die verlangenden Seelen, denen er zu begegnen hoffte.
Er genoß den Ritt durch fruchtbare Landschaft. Diesmal war er gen Norden geritten, wo er erst einmal gewesen. Bergig war das Land, zu hohen Gebirgen stieg es an.
„Wohnen hier auch Menschen?“ fragte er die Kleinen, die auf sei-nen Ruf gekommen waren.
Sie nickten eifrig.
„Menschen wohnen hier, aber ihre Hütten liegen weit auseinan-der, weil sich die Berge dazwischen schieben. Der Weg wird im-mer beschwerlicher werden. Ortschaften wirst Du gar nicht finden. Dürfen wir Dir etwas raten?“
Nun nickte Zoroaster.
„So höre: bleibe unten, da, wo Du jetzt bist. Dieser Platz ist von allen Hütten aus nicht allzu schwer zu erreichen. Wir wollen die Menschen hierher holen, dann kannst Du zu allen zugleich. reden, wie Du es kürzlich auf dem Berge der Feier getan.“
Dieser Vorschlag erschien Zoroaster und Mursa sehr gut. Aber der Wegbereiter fragte doch:
„Wie werdet Ihr es den Menschen mitteilen, Ihr Kleinen?“
„Die Menschen hier sind noch gut, weil sie immer unter uns auf-gewachsen sind“, belehrten die Wichte ihn. „Sie können uns darum auch sehen. Wir helfen ihnen oft, wenn sich Vieh in den Bergen verstiegen hat, oder wenn sie selbst sich verirren. Dann rufen sie uns, wie Du es getan, und wir kommen. Wenn wir Ihnen von Dir sagen, werden sie mit Freuden kommen!“
Da willigte Zoroaster ein, daß die Kleinen zu den Hütten im Ge-birge eilten. Er aber ließ sein Zelt aufschlagen, auf dessen weißem Grund das goldene Kreuz gestickt war und im Sonnenstrahl weit-hin leuchtete.
Nun wartete er der Kommenden. In kleinen Trupps, zu zweien und zu vielen, stellten sie sich ein. Alle waren herzlich erfreut, daß der Zoroaster seinen Weg zu ihnen genommen.
Zutraulich plauderten sie von ihrem beschwerlichen Leben in-mitten der Felsen und des Steingerölls.
„Unsere Ziegen und auch die Schafe sind das Klettern gewöhnt“, ver-sicherten sie. „Anderes Vieh können wir hier oben Licht aufziehen.“
Als die Kleinen meldeten, daß niemand mehr zu erwarten sei, be-gann Zoroaster die Verkündung, die wunderbar leicht aufgenom-men wurde.
Die Männlein hatten wirklich recht gehabt: das Leben inmitten der Natur und umgeben von den kleinen Dienern des Höchsten hatte die Menschen rein erhalten. Sie freuten sich auf das Kommen des Helfers, dem sie ohne Zagen entgegenblickten.
Das war ein großes Erleben für den Wegbereiter, der bisher an-deres gewöhnt gewesen war. Schwer trennte er sich von den guten Leuten.
Nun ging es weiter gen Süden, aber in der Richtung nach Son-nenaufgang. Es lag ihm daran, möglichst solche Gegenden aufzu-suchen, in denen er noch nicht gewesen war.
Nach wenigen Tagereisen traf er, von den Kleinen geführt, auf eine Ortschaft, die in blühende Gärten eingebettet lag. Schön war es hier, wunderbar schön. Er mußte an das Land rings um Ara-Masdahs Palast denken. Auch dort blühten die Rosen in so ver-schwenderischer Fülle. Hier mußten die Menschen gut sein!
Außerhalb der Ortschaft ließ er sein Zelt aufschlagen. Das hatte zwei Gründe: er wollte niemand mehr als Gast lästig sein, vor al-lem aber wollte er die Neugier wecken. Die Leute sollten kommen, staunen und fragen. Das goldene Kreuz, dergleichen man noch nie gesehen, mußte das Wundern schon wecken.
Aber es kam anders.
Aus dieser Gegend waren viele bei der Bergfeier gewesen, man-che von ihnen hatten schauen dürfen. Als sie nun das Kreuz sahen, da erkannten sie es sofort. Sie fragten nicht. Jubelnd stürzten sie in die Hütten mit der Kunde:
„Der Zoroaster ist gekommen! Kommt alle heraus zu ihm an sein weißes Zelt! Er wird mit uns sprechen, wie er auf dem Berge sprach. Nun werdet Ihr selbst hören dürfen, was wir Euch nur unvollkom-men berichten konnten!“
In Scharen kamen sie gelaufen und jauchzten Zoroaster zu. Fragen hatten sie über Fragen! Alles wollten sie ganz genau wissen von allem Anfang an. Er redete mit ihnen, erteilte Antworten, lehrte und kündete tagelang.
Da merkte er, daß irgend etwas sie stark beschäftigte, dem sie noch nicht Worte zu leihen vermochten. Freundlich ermunterte er sie, ihre Gedanken zu sagen, wie es ihnen möglich sei.
Einer schien es dem anderen zuschieben zu wollen, untereinan-der waren sie anscheinend einig. Endlich trat ein jüngerer Mann vor und sagte
„Wir wollen nicht. mehr den Göttern dienen!“
Nun war es heraus, alle atmeten erleichtert auf. Zoroaster aber war betroffen. An eine solche Folge seiner Lehren hatte er noch nie-mals gedacht.
Als sie an seinem Verstummen merkten, daß er sie nicht verstan-den hatte, riefen sie durcheinander. Da verstand er gar nichts und begann nun zu fragen:
„Warum wollt Ihr die Götter absetzen?“
„Weil sie nur Diener Ahuramazdas sind“, lautete die energische Antwort.
„Wollt Ihr auch Ahuramazda nicht mehr anerkennen?“ Unbefangenes Lachen antwortete ihm, als habe er etwas sehr
Dummes gefragt. Das beruhigte ihn. So waren sie anscheinend auf sehr gutem Wege.
„Also den weisen, ewigen, gütigen Gott wollt Ihr weiter anbeten?“
„Das ist doch selbstverständlich!“ lautete die Antwort. „Er allein ist wirklich Gott, die andern sind nur von Menschen dazu gemacht. Das ist uns jetzt ganz klar. Meinst Du das nicht auch, Zoroaster?“
Ja, das meinte er auch. Er freute sich. Aber es widerstrebte ihm, die, die bisher als Götter Verehrung genossen hatten, jetzt fortzuweisen.
„Vergeßt nicht, daß die, die Ihr bisher als Götter angebetet habt, die obersten Diener des Höchsten Gottes sind. Sie sind hocherha-ben über Euch Menschen. Sie helfen Euch und tragen viel dazu bei, daß Ihr hier auf Erden Euch entwickeln könnt. Ehrt und achtet sie, wenn Ihr sie auch künftig nicht mehr anbeten werdet. Danket ih-nen auch für alles, was sie für Euch tun.“
„Hast Du bisher zu ihnen gebetet, Zoroaster?“ fragten die Män-ner, mutiger geworden.
„Nein, seit ich Ahuramazda wirklich gefunden, hörten die an-dern auf, Götter zu sein. Hohe, herrliche Wesen sind es, aber soviel unterhalb des Höchsten Thrones stehend, wie wir unter ihnen.“
„So ist es auch nicht recht, daß künftig die Bergfeier zu Mithras Ehren geschieht“, überlegten die Leute, fügten aber gleich hinzu:
„Wir haben wohl gemerkt, daß Du ihr ein anderes Gepräge gege-ben. Das war der Anfang zu unserem Denken.“
„Wenn Ihr das gemerkt habt, so werdet Ihr mich auch verstehen, wenn ich Euch sage, daß wir die Feier nicht umwandeln dürfen, ehe wenigstens der größte Teil aller Iraner so denkt wie Ihr. Wir würden sonst den Menschen etwas nehmen, für das wir ihnen noch keinen Ersatz zu bieten hätten.
Ich habe mit Gottes lichtem Boten gesprochen, es ist auch der Wille des Höchsten, daß wir die Seelen langsam in das neue Wissen hinein wachsen lassen.“
Offen, wie mit Freunden, hatte Zoroaster seines Herzens Meinung vor ihnen ausgelegt. Sie waren glücklich darüber und versuchten, ihn zu verstehen. Daneben aber schwoll ein Stolz in ihnen, daß sie vielleicht die Ersten waren, die in solcher Art dachten.
Zoroaster fühlte dies sofort und strebte, hier nichts wachsen zu lassen, das vielleicht zum Unkraut werden konnte.
„Ich freue mich mit Euch, liebe Freunde, daß Ihr dies herausge-funden, daß es Euch zum Erleben wurde. Ihr werdet nicht die Ein-zigen sein, auf die die Feier diesmal so wirkte. Ihr dürft auch nicht vergessen, daß es Gottes Gnade war, die diese Gedanken in Euch erweckte.“
Nun standen sie wieder richtig.
In der Nacht brachte Zoroaster dies Erleben im Gebet vor den Thron des Allerhöchsten. Ihm wurde die Gewißheit, daß er nun damit beginnen dürfe, Ahuramazda als den alleinigen Gott zu kün-den.
Langsam mußte er vorgehen, linde mit den Seelen verfahren, aber es war ihm aufs neue klar: man kann nichts Neues bauen, ohne das Alte einzureißen.
Bald danach zog er wieder weiter. Er hatte eine Ahnung, als wer-de auf die Freude, die er an diesen Menschen hatte haben dürfen, eine Mühsal folgen. Aber dieser Gedanke erfüllte ihn nur mit um so größerer Kraft.
An den Ufern eines schönen Sees fand er die nächste Ortschaft angelegt. Die Hütten waren nett erbaut, mit mehr Schönheitssinn, als er sonst gefunden. Malerei und Mattenwerk zierten sie schon von außen. An jeder Hütte war eine Art Garten angelegt, in dem es lustig blühte, wenn auch die Rosen fehlten.
Nun trafen sie auch die ersten Männer, die anscheinend Fische fangend am See beschäftigt waren. Mehrere schöne Nixen saßen auf Steinen im See und schauten den Fischern zu, Zoroaster, aber auch Mursa, konnten sie deutlich sehen.
Die Männer waren auffallend gekleidet, bunt waren ihre Gewän-der, die überreich mit Muschelketten und anderem Schmuck be-hangen waren. Das gefiel Zoroaster nicht, der es nicht mit seinem Begriff von Männlichkeit vereinen konnte.
Er konnte sich nicht entschließen, die Fischer anzureden und schritt gegen die Hütten zu. Da fand er Frauen und Kinder, die im Gegensatz zu den Männern einen etwas verkommenen Eindruck machten. Scheu waren sie. Sobald sie der Fremden ansichtig wur-den, versteckten sie sich.
Zoroaster hatte Marzar mit den Pferden weiter draußen gelas-sen, wie er gewöhnlich tat. Er und Mursa mußten den Anschein einfacher Wanderer erwecken. Warum scheuten sich die Frau-en?
Freundlich winkte er sie zu sich. Es dauerte lange, bis eine von ihnen sich entschloß, dem Winken Folge zu geben.
„Du kannst unbesorgt sein, Mädchen“, lächelte er, „Dir geschieht nichts. Seht Ihr so selten Fremde, daß Ihr so scheu seid?“
„Herr, niemals“, hauchte das Mädchen in großer Verlegenheit.
„Meinst Du, ich dürfe hier in Eurer Nähe mein Zelt aufschlagen?“
„Das weiß ich nicht“, war die ängstliche Antwort.
„Willst Du mir etwas Speise verkaufen?“ forschte Zoroaster wei-ter, dem daran lag, die Unterredung nicht abbrechen zu lassen.
„Ich weiß es nicht.“
Dem Mädchen lag sichtlich daran, daß die Unterhaltung ein Ende nehme, denn wie eine Gazelle enteilte sie.
Zoroaster schaute sich um und sah, daß die Männer vom See her kamen, Erleichtert wandte er sich ihnen zu, ging ihnen einige Schritte entgegen und wiederholte seine Bitte um Nahrungsmittel. Die Männer blickten sich an und der Älteste von ihnen fragte, was die beiden Wanderer hier wollten,
Warum sollte Zoroaster ein Hehl daraus machen? Ruhig sagte er, daß er auf einem weiten Ritt durch das ganze Reich der Iraner be-griffen sei, um zu lehren und zu künden.
„Und was lehrst und kündest Du?“ wollte der Anführer wissen.
„Ich bin der Wegbereiter des Saoshyant“, gab Zoroaster Auskunft und meinte, damit sehr viel gesagt zu haben.
Sie aber starrten ihn an, als verständen sie ihn nicht.
„Wisset Ihr nichts vom göttlichen Helfer, der zu den Menschen gesendet werden wird?“ fragte nun Zoroaster seinerseits. Sie schüt-telten den Kopf.
„Wart Ihr denn nicht bei der heiligen Feier auf dem Berge?“ war Zoroasters nächste Frage.
Wieder ein Kopfschütteln, dann aber sagte der Alte;
„Nein, wir gehen nicht zu den Feiern, Wir glauben nicht an die
Dinge, die Priester und Priesterinnen dort erzählen, Auch unsere Väter sind nicht mehr dorthin gegangen.“
„Wie wollt Ihr aber durchs Leben kommen, wenn Ihr nichts glaubt, Ihr Armen?“ fragte der Gast.
„Spare Dein Bedauern, Fremdling“, lautete die stolze Antwort.
„Wer sagt Dir denn, daß wir nichts glauben? An die Priester-Dinge glauben wir nicht, wir haben Besseres.“
Damit wendete der Alte sich zum Gehen. Zoroaster aber rief eilig:
„Möchtet Ihr mir das nicht sagen, Ihr Leute? Besseres mag man immer hören.“
Der Alte schaute ihn durchdringend an.
„Du hast ja Mithra und die anderen, Du brauchst unseren Gott nicht.“
„Nun kann ich mit Deinen Worten sagen: wer sagt Dir das? Aber ich will nochmals bitten: künde mir von Deinem Gott; denn ich glaube, daß er der Gleiche ist wie der Meine. Wisse, ich bete Mithra und die anderen auch nicht an.“
„Ist das Wahrheit?“ forschte der Alte. Zoroaster aber entgegnete fast heftig:
„Wer den wahren Gott erkennt, lügt nicht!“
„Nun wohl, so bleibet heute Nacht bei uns. Speise sollt Ihr ha-ben. Später am Feuer wollen wir Euch künden, was wir von unserm Schatz in fremde Hände geben mögen.“
Zoroaster schritt mit den Männern, während Mursa auf einen Wink zu Marzar zurückging, ihn zu verständigen. Dann kam auch Mursa zu dem Mahl, das auf einem freien Platz inmitten der Hüt-ten eingenommen wurde.
Es waren nur Männer dabei versammelt, das entsprach durchaus den anderwärts geübten Gebräuchen. Befremdend aber war, daß einige schöne Mädchen die Speisenden bedienen mußten. Das ta-ten sonst Diener.
Schon wollte Zoroaster seiner Verwunderung Worte verleihen, da besann er sich eines Besseren. Durch unzeitiges Reden würde er die Männer nur verschlossen machen. Die Speisen waren schmack-haft und wurden reinlich aufgetragen.
Die Gäste aßen mit Freude, und das gewann die Herzen der Män-ner, die großen Wert auf die Mahlzeit zu legen schienen. Nach dem
Mahle lagerten sich alle auf dem sehr ausgedehnten Platze. Die Gä-ste wurden aufgefordert, sich in der Nähe des Ältesten auszustrek-ken, der nun eine Art Verhör mit ihnen begann
„Wieviel Götter gibt es?“
„Einen“, antwortete Zoroaster ebenso knapp, wie die Frage gewe-sen war.
„Das ist schon falsch“, verkündete der Alte. „Es gibt zwei Götter, einen guten, den wir Ormuzd nennen, und einen bösen, der Ahri-man heißt.“
Sofort wußte Zoroaster, daß das nur die verstümmelten Namen derer waren, die sie auch kannten.
„Der, den Ihr Ormuzd nennt, den beten auch wir an. Wir nennen ihn Ahuramazda und wissen, daß er der Alleinige, Ewige, Weise ist.“
Erfreut rückte der Alte etwas näher an seinen Gast.
„Auf den Namen kommt es nicht an. Wir scheinen wirklich beide den gleichen zu meinen. Aber wenn Ihr Ormuzd kennt, müßt Ihr Ahriman auch kennen. Einer kann nicht ohne den andern sein.“
„Wir kennen Ahriman auch“, gab Zoroaster zu, „aber wir sehen keinen Gott in ihm.“
„Keinen Gott?“
Der Alte erschrak und rückte wieder von dem Gaste weg. „Kei-nen Gott? Ich sage Dir, Fremdling, er ist ein Gott, und zwar der Stärkere von beiden!“
Ehe Zoroaster sich besinnen konnte, entfuhr es ihm:
„So stehet Ihr also unter seiner Herrschaft! Ihr Ärmsten!
Er will sich freilich überall zum Obersten machen. Aber wo die Menschen ihm glauben, da fallen sie in Verderben und Dunkel.“
Erschrocken wehrte der Alte
„Fremdling, hüte Deine Zunge. Dich und uns mit Dir könnte Ahrimans Zorn treffen.
„Ich trotze ihm“, rief Zoroaster erbost. „Was kann mir Ahriman tun, wenn Ormuzd mein Herr ist? Ich bin ein Diener des Höchsten Gottes! Er wird seinen Diener zu schirmen wissen.“
Nachdenklich schauten die Männer auf den, der sich erkühnte, also zu sprechen.
Dann nahm der Alte wieder das Wort:
„Du bist noch jung, Fremdling. Ich habe mehr erlebt als Du. Glau-be mir, Ahriman hat sich die Herrschaft über die Welt erobert. Ihm leisten die Menschen Gefolgschaft. Auch wenn sie es nicht wollen, sie müssen. Eisern zwingt er sie in seine Bande.
Auch ich habe einst geglaubt wie Du, daß Ormuzd, der Edle, der Weise, der Gott sei, dem alle Menschen anhangen müßten! Es war ein Wahn, aus dem ich mit Schmerzen erwachte.
Wenn Ormuzd der wäre, für den Du ihn hältst: warum erlaubt er denn, daß seine Diener zum Feinde laufen?“
In Zoroaster stürmte es. Alle Flammen, die schon lange geschlum-mert, wachten auf. Jähe Röte schoß ihm ins Antlitz, hastige Worte sprangen auf seine Lippen.
Da fühlte er sich kühl umweht. Unendlich wohltuend war es in seiner heißen Empörung. Und eine linde Stimme sprach:
„Jähzorn kann hier, wie überall, nur Schaden anrichten. Besinne Dich, was Du sagen willst! Dir wird geholfen werden. Nimm Dich der armen Menschen an. Aus diesem Grunde wurdest Du hierher geführt. Nur gütiges Eingehen auf ihre Gedanken, langsames, si-cheres Führen kann hier noch helfen.“
Unendliche Ruhe senkte sich auf das eben noch so ungestüm po-chende Herz.
„Ahuramazda, Du großer, gütiger Gott, um Deine Ehre geht es. Hilf Du mir!“
„Es gab eine Zeit“, begann er fast träumerisch, „da waren die Menschen rein, wie sie aus der Schöpferhand des weisen Gottes, den Ihr Ormuzd nennt, hervorgegangen waren. Es ist lange her. Aber damals waren die Menschen glücklich; denn sie lebten nach dem Willen des Gottes.
Zahllose Diener hatte er, die die Menschen als Untergötter ver-ehrten, denn sie fühlten gut, wie diese lichten Wesen ihnen überle-gen waren.
Habt Ihr schon einmal eine Frucht gesehen, an der ein Wurm nagt?“ unterbrach er sich scheinbar.
Die Männer, die keinen Zusammenhang zwischen dieser Frage und der Erzählung fanden, sahen sich erstaunt an, antworteten dann aber bejahend.
Da fuhr er fort:
„Von außen sieht man nicht, daß innen das Tier sich breit macht. Anfangs ist der Wurm ja auch noch so sehr klein, daß man ihn kaum sehen kann. Die Frucht sieht prächtig aus. Aber der Wurm wächst, und in dem Maße, in dem er größer wird, verzehrt er die Frucht von innen heraus. Sie verdirbt. Nach einiger Zeit ist sie nicht mehr das, was sie sein sollte, sondern ein Ding, das Abscheu er-weckt, und das man fortwirft. Versteht Ihr mich?
In die Menschenseelen zog ein Wurm, ein kleiner, unscheinba-rer: der erste Ungehorsam gegen den großen, gütigen Gott. Er hatte gesagt: Ich bin der Höchste. Neben mir ist nichts! Und der Mensch fand, jeder Mensch sei für sich selbst das Wichtigste und Höchste. Da stellte er sich nicht neben Gott, sondern über ihn!
Ist es nicht so, meine Freunde? Denkt nur nach!“
Zoroaster schwieg, um ihnen allen Zeit zum Denken zu geben. Er konnte deutlich sehen, wie es in ihnen allen arbeitete. Aber er wußte auch, daß ihm die Worte von oben zugeflossen waren. Woher hätte er sonst von dem Gebot Ahuramazdas gewußt, das er ihnen soeben gekündet? Tiefe Dankbarkeit gepaart mit Anbetung erfüllte ihn. Es war ihm recht, daß sie ihn baten fortzufahren. Er mußte reden.
„Als Ahriman diesen Wurm in den Menschenseelen sah, der aus seiner Hand hervorgegangen war, freute er sich. Er sorgte dafür, daß immer mehr Menschenseelen zu diesem .Ungehorsam verleitet wurden. Er freut sich über jede Menschenseele, die Ormuzd als un-brauchbar verwerfen muß, denn sie ist dann sein. Und er will sich zum Herrn der Seelen machen.
Seht Ihr nun, welchen Preis Ihr zahlen müßt, wenn Ihr Ahriman Gefolgschaft leistet?“
Betroffen schauten sie ihn an. So hatte noch niemand zu ihnen gesprochen. Ehe er fortfahren konnte, fand einer unter ihnen den Mut zu reden
„Fremdling, wir waren bisher glücklich! Wir fühlen uns nicht als faule Früchte. Wir sehen nichts von dem Wurm. Froh genießen wir unser Leben.
Für andere Menschen magst Du recht haben. Auf uns trifft das alles nicht zu.“
„Die Frucht merkt auch zuerst nicht, daß der Wurm in ihr zehrt“, gab Zoroaster zurück. „Auch sieht man es nicht von außen. Aber wartet nur: es kommt der Tag, da kann es nicht mehr verborgen bleiben. Und es kommt der Tag, da tritt der Tod an jeden von Euch heran, da wird die Frucht gepflückt, da wird sie verworfen werden. Was dann? Wo bleibt da Euer Glück?“
Wieder hatte es sie gepackt, wieder wollten sie sich nicht geben. Ein anderer richtete sich auf zu sprechen
„Wir sind gelehrt worden, daß es kein Jenseits gibt, daß es mit die-sem Leben vorbei ist. Warum sollen wir dann vor dem Tode ban-gen? Er setzt wohl unserm Glück, unserm Genießen ein Ende, aber damit ist es auch aus.“
„Nein, das ist nicht wahr“, rief hier ein anderer. „Wir wissen doch alle, daß unsere Frauen Peris werden. Da muß es doch noch etwas geben, das über den Tod hinaus geht!“
Nun entstanden Verschiedenheiten in der Meinung der einzel-nen. Ein immer zunehmendes Getöse erfüllte den Platz, bis endlich der Alte mit zwei Metallstücken aneinander schlug, die neben ihm lagen.
In die eingetretene Stille hinein fragte Zoroaster
„Wollt Ihr mir sagen, was Peris sind? Ich habe dieses Wort nie gehört.“
„Wenn eine Frau stirbt, so müßte sie in ein dunkles Reich gehen; denn die Frauen sind lügenhaft, eitel, untreu und haben noch mehr Fehler. Wenn dann der Mann oder ein Kind für sie bittet, so wird sie zur Peri, das ist ein Geistwesen, das allerhand Aufgaben erfüllen muß, um sich von seiner Schuld zu erlösen.“
Trotzdem Zoroaster kaum mehr schweigen konnte, ließ er den Mann doch erst ausreden.
„Wenn die Peri treu gedient hat, darf sie in einem Garten des Gottes Ormuzd leben, sonst wird sie zur Druj, die die Menschen plagt. Als Totengespenst schleicht sie in die Häuser und verübt Böses.“
Nun schwieg der Mann, aus Zoroaster aber brach es:
„Derjenige von Euch hatte ganz recht, der eben sagte, daß in Eu-rem Glauben an die Peris Euer Unglaube an ein Leben nach dem Tode widerlegt wird. Oder meint Ihr, nur Eure Frauen leben weiter, Ihr Männer aber werdet von den großen, schwarzen Vögeln gefres-sen und dann ist alles aus mit Euch?
Irret Euch nicht! Auch Ihr müßt einstehen für Eure Taten. Auch Ihr müßt büßen für alles, was Ihr verschuldet habt. Ihr müßt froh sein, daß Ihr büßen dürft!
O Ihr Armen, Mißleiteten, auf welch falschen Wegen seid Ihr! Jetzt weiß ich, warum die Diener Gottes mich hierher geführt ha-ben. Ich will Euch helfen, wenn Ihr mich reden lassen wollt. Liebe Freunde, lasset Euch helfen!“
Innig klang die Stimme des Zoroaster. Sie fühlten alle, daß es ihm ein großes Anliegen war, ihnen das zu bringen, was er für Wahrheit hielt.
Warum sollten sie ihn daran hindern? Sie sahen ja, daß er nichts Böses wollte. Sie konnten ihn ruhig anhören und dann entweder seine Worte wieder vergessen, oder soviel davon behalten, als ihnen gut dünkte.
Leise murmelnd teilten sie sich diese Ansichten mit. Danach er-hob sich der Alte und sagte würdevoll:
„Fremdling, da Du uns bittest, wollen wir Dich anhören. Du sollst einige Tage unser Gast sein und jeden Abend hier auf dem Platze uns von dem sagen, was Dein Herz zum Springen anfüllt. Wir mer-ken, daß es Dir ernst ist.“
Das war alles, was Zoroaster an diesem Abend erreichen konnte. Aber er war zufrieden. Mursa indessen murrte. Er bewunderte Zo-roasters Fassung. Am liebsten hätte er die selbstzufriedenen satten Menschen verlassen.
Sie wurden in eine leere Hütte geführt, wo einige Felle lagen, die sie sich nach Belieben zurechtlegen konnten. Viel Mühe machte man sich nicht mit den Gästen. Aber die Hütte war reinlich gehal-ten, die Felle sauber. Mehr begehrte Zoroaster nicht.
Sehr früh am nächsten Morgen machte sich Mursa auf, um bei Marzar Speise für seinen Herrn zu holen. Unterwegs fand er schöne Früchte, die er unbedenklich mitnahm. Als er sich der Hütte wieder näherte, kam ein junges Weib schreiend auf ihn zugesprungen, ent-riß ihm die Früchte, warf sie zu Boden und trampelte darauf herum. Verblüfft schaute Mursa auf die Rasende. Es mochte ja sein, daß er die Früchte zu unrecht genommen, deswegen aber brauchte man sie doch nicht gleich zu zerstören! Empört berichtete er Zoroaster sein Erlebnis, der überlegend sagte:
„Du tust der Frau unrecht, Mursa. Die Früchte werden giftig sein.“
Später stellte es sich heraus, daß Zoroasters Meinung richtig war. Es wuchsen in dieser Gegend ganz besonders viel prächtig ausse-hende, stark giftige Früchte. Oftmals fielen Kinder der Gier danach zum Opfer.
Während des Tages gingen die Männer auf die Jagd, keiner bot Zoroaster an, ihn zu begleiten. Da machte er mit Mursa und Marz-ar einen weiten Ritt, um die wirklich schöne Gegend zu sehen.
Traumhaft schön lag der See zwischen Wälder eingebettet. Heute war er von Menschen verlassen, aber nicht unbelebt. Die drei Män-ner freuten sich an dem lustigen Spiel der kleinen Nixen, die nicht zu merken schienen, daß sie belauscht wurden,
Erst gegen Abend kehrte Zoroaster zu den Hütten zurück, und da er herzhaften Hunger mitbrachte, war er beim Mahle willkommen. Nach demselben lagerten die Männer sich wieder und forderten den Gast auf zu erzählen. Während des Rittes aber hatte Zoroaster um Hilfe gefleht. Es war ihm ein großes Anliegen, daß er die Seelen ergreifen wollte. Bei den Peris begann er.
„Ihr sagt, daß die Peris ihre Schuld abbüßen müssen. Sind denn Eure Frauen wirklich so schlecht, wie Ihr meint? Seid Ihr so viel besser als sie?“
Ein wahrer Sturm brach los, aus dem der Wegbereiter heraushör-te, daß die Männer sich für tugendhaft, die Frauen aber für aller Sünden fähig hielten.
„Woher kommt es, daß Ihr so viel besser seid? Es werden doch in den gleichen Familien Knaben und Mädchen geboren, warum werden die Mädchen schlecht?“
„Sie sind schwächer gebaut, daher haben sie auch schwächere Seelen“, lautete die Antwort, gegen die Zoroaster zunächst nichts einwenden konnte.
„Warum verbindet Ihr Euch mit diesen schlechten Frauen? Schickt sie doch alle weg!“ schlug Zoroaster vor.
„Wir haben keine anderen, und um unsere Mahlzeiten zu berei-ten und uns Söhne zu bringen, sind sie gut genug.“
„Ich bin in vielen Gegenden des großen Reiches gewesen“, begann der Gast jetzt, „aber ich habe nirgends so schlechte Frauen gefunden wie bei Euch. Im Gegenteil: ich habe Frauen gesehen, deren Reinheit fast so groß war wie bei den ersten Frauen, die aus Gottes Gedanken kamen.“
Das konnten die Männer kaum glauben. Er aber erzählte von Ma-dana, und berichtete von Jadasa. Mursa, der schweigend dabei ge-sessen, begann plötzlich in das Lob Jadasas einzustimmen.
Dann aber fragte Zoroaster, wie die Männer zu der Ansicht ge-kommen seien, daß es nur für die Frauen ein Weiterleben gäbe.
Sie sagten, das wüßten sie nicht. Sie seien gelehrt worden, daß mit dem Tode alles aus sei. Sie seien aber auch gelehrt worden, daß die Frauen als Peris zu dienen hätten. Erst im Gespräch mit dem Gaste seien sie gewahr geworden, daß beides nicht zusammen passe.
„Seht, Ihr Freunde“, hielt da Zoroaster fest, „so wird noch man-ches in dem, was Ihr glaubt, nicht zusammenpassen. Ihr glaubt doch an Ormuzd. Ihr wißt, daß er ein weiser, guter Gott ist. Könnt Ihr Euch vorstellen, daß der gute Gott sich einfach die Herrschaft wegnehmen lassen wird?
Wir haben gelernt, daß der, den Ihr Ahriman nennt, aus der Schlechtigkeit der Menschen entstanden ist. Ist das ein Gott, was aus Unrat gezeugt wurde?“
Mursa erschrak über die Kühnheit Zoroasters, aber die Männer waren so betroffen, daß sie sich den Angriff auf ihren Herrn ruhig gefallen ließen.
Der Fremde hatte ja recht! Wenn Ahriman der Stärkere war, so würde Ormuzd seine Herrschaft ihm abgetreten haben. Dann brauchte man auch nicht mehr an Ormuzd zu glauben. Aber in ih-nen regte es sich: sie wollten den Glauben an Ormuzd, den Guten, nicht aufgeben.
Plötzlich sagte der Älteste:
„Du redest von Ahriman als von unserem Herrn. Das ist nicht richtig. Wir haben nur Angst vor ihm. Unser Herr ist Ormuzd.“
„Ihr lieben Freunde“, rief Zoroaster erfreut, „Ihr braucht keine Angst vor dem Dunklen zu haben. Wenn der Lichte wirklich Euer Herr ist, dann steht Ihr in dem Schutze Gottes und könnt den Bö-sen verlachen!“
Mehr und mehr erzählte er ihnen, von der Güte des alleinigen Gottes, von dem Schutz, den er gewährte, von der Kraft, die er spendete. Spät in der Nacht erst trennten sich die Männer. So ging es mehrere Tage lang. Jeden Abend eroberte Zoroaster ein weiteres Stückchen der Seelen, die ihm zugewiesen waren. Noch aber hatte er sie nicht überzeugen können, daß weder die Männer unfehlbar noch die Frauen durchweg lasterhaft waren. So oft er versuchte, hier Wandel zu schaffen in den festgewurzelten Ansichten, traf er auf hartnäckigen Widerstand.
Wieder bat und flehte er um Erleuchtung, damit er endlich das richtige Wort fände. Früher als sonst kam er vom Ausritt heim und begab sich gleich auf den Platz, auf dem sie sich abends zusammen-fanden.
Da hörte er von der Seite her lautes Geschrei, das ihn anfangs nicht bekümmerte. Es wurde aber stärker und klang so entsetzlich, daß er doch aufsprang und in der Richtung in den Wald einzudrin-gen suchte, aus der die Töne kamen.
Da sah er zwei Männer enteilen, während ein dritter blut-. über-strömt am Boden liegen blieb. So schlimm war der Arme zugerich-tet, daß er sich nicht selber helfen konnte.
Zoroaster wagte kaum, ihn aufzuheben, aus Sorge, er könne sich dabei verbluten. Indem kam Mursa und half ihm, den Sterbenden in die Hütte des Ältesten zu tragen. Sie kannten den Mann, der im-mer eifrig gelauscht hatte, wenn von ewigen Dingen die Rede war. Das Geschrei hatte auch andere herbeigezogen, bald stand ein dichter Kreis von Männern um die Hütte. Zoroaster sah, daß er
hier nichts weiter würde helfen dürfen, und zog sich zurück.
Als sich die Männer später auf dem Platz versammelten, fragte er nach dem Verwundeten und erfuhr, daß er gestorben sei, nachdem er noch die beiden Männer bezeichnet hatte, die ihn mißhandelt hatten. Daß er die Wahrheit gesprochen, wußte Zoroaster, er hat-te die Männer erkannt. Das sagte er auch und derÄlteste war des Zeugnisses froh; denn die Männer leugneten.
„Warum haben sie sich denn an dem Manne vergriffen?“ wollte der Gast wissen.
„Das konnte uns Nasur nicht mehr sagen, seine Kräfte hielten nicht so lange aus“, war die Antwort.
Der Älteste aber hatte heimlich Befehl gegeben, daß die beiden Männer gebracht würden. Als sie kamen, stellte er sie Zoroaster gegenüber, damit er selbst ihnen sagen könne, daß er sie gesehen.
Nun sah der Wegbereiter aber noch mehr. Er sah, wie der Neid den einen der Männer verzehrt hatte. Der andere schien nur sein Helfer gewesen zu sein.
Ruhig wandte er sich an die beiden Übeltäter:
„Ihr seid doch Männer und sagt, Ihr könnt keine Sünde tun“, be-gann er. „Nun habt Ihr aber eine schlimme Sünde begangen. Du“, und er wandte sich an den Neider, „hast Deinen Nachbar Nasur er-schlagen aus blassem häßlichem Neid! Du“, und er schaute den an-dern an, der schneeweiß vor ihm stand, „hast ihm geholfen. So hat der eine von Euch ein Verbrechen begangen, der andere aber wenig-stens zwei. Wenn Ihr nun noch leugnet, fügt Ihr ein weiteres hinzu.
Was meint Ihr, wie es Euch nun ergehen wird? Da Ihr keine Peris werdet, müßt Ihr nach Eurem Glauben gleich in Ahrimans Troß dienen?“
„Ich will nicht zu Ahriman“, heulte der Helfer, der an allen Glie-dern bebte. „Ich habe den Nasur festgehalten, als Durst ihn schlug.“ Erstaunt blickte der Älteste auf Zoroaster, der mit so wenig Wor-
ten das Eingeständnis des Verbrechens erreicht hatte.
„Was hatte Nasur Dir getan, daß Du ihn schlagen mußtest?“ frag-te Zoroaster ruhig.
Die Antwort aber überraschte alle:
„Ich weiß es nicht.“
Einer schaute den andern an. Der Mann log, das war sicher. Aber warum tat er das? Er mußte etwas zu verbergen haben.
Da erklang abermals Zoroasters ruhige Stimme
„Wo ist der grüne Stein, den Du in der Hütte des Mannes genom-men hast?“
Entsetzt starrte der Missetäter den Frager an:
„Was weißt Du von dem grünen Stein, Fremder?“ fragte er, ohne zu bedenken, daß er sich damit verriet.
Zoroaster aber beantwortete seine Frage nicht, sondern wieder holte die seine. Da stotterte der Übeltäter:
„Ich habe ihn neben meiner Hütte vergraben.“
Auf den Wink des Ältesten gingen mehrere Männer nachzuse-hen, und fanden in ein Tuch gewickelt einen grünen Stein von sel-tener Größe.
„Sieh, um dieses Steines willen wurdest Du zum Neider, zum Dieb, zum Mörder und zum Lügner? Kann es Schlimmeres geben? Und Du wurdest mitschuldig an den Verbrechen des Dursa“, wand-te sich Zoroaster in den immer noch heulenden anderen.
„Ihr wißt nun Bescheid, Ihr Männer, führet die Mörder weg, da-mit uns nicht der Abend verdorben werde durch ihren Anblick, forderte Zoroaster. Man gehorchte willig.
Dann aber bewies der Wegbereiter ihnen, daß auch Männer schlecht sein könnten. Angesichts des eben Erlebten waren sie nachgiebiger als sonst. Zwar wollten sie diesen Fall als Ausnahme hinstellen, aber das ließ Zoroaster nicht gelten.
Sie mußten zugeben, daß auch sie im geheimen manches getan hatten, das nicht mit Gottes Willen übereinstimmte. Er hatte aller-hand in der Stille beobachtet, das er jetzt gegen sie anführte, und der. Gewinn des Abends war, daß die Männer zugaben, vor Or-muzds Augen nicht bestehen zu können.
„Darum habt Ihr Ahriman als den stärkeren Gott bezeichnet, weil Ihr Euch vor Ormuzd fürchtet, nicht vor Ahriman. Ihr wißt in dem Innersten Eurer Seelen, daß Ihr einmal vor den Rich-terstuhl Gottes treten müßt wird Gericht gehalten Ihr da beste-hen?“
Es war wieder spät, als sie sich endlich trennten. Da trat derÄlte-ste zu Zoroaster und fragte:
„Fremdling, was meinst Du, das mit den beiden Übeltätern ge-schehen soll?“
„Was ist sonst Sitte bei Euch in solchem Fall?“ fragte Zoroaster dagegen.
„Wir werfen den Mörder über die Klippen, die hinter dem Wald aufragen“, war die bereitwillige Antwort.
Daß der Alte damit zugab, daß dieser Fall keine Ausnahme war, merkte er nicht, und Zoroaster machte ihn nicht darauf aufmerk-sam. Er bat nur:
„Laß mich morgen mit den Männern reden.“ Das war dem Älte-sten recht.
Aber am nächsten Morgen hatte sich der Mörder der irdischen Gerechtigkeit entzogen. Er hatte seinem Leben selbst ein Ende ge-macht.
Geschüttelt vor Entsetzen hockte der Helfer neben der Leiche des Dursa.
„Bald werde ich auch tot sein“, wimmerte er vor sich hin. „Der Fremde hat gesagt, dann kommt das Gericht!“
Zoroaster rief den Mann ins Freie. Ihn schauderte selbst bei dem fürchterlichen Anblick, den der Verstümmelte bot.
Dann sprach er ernst zu dem Zitternden:
„Fühlst Du jetzt, daß mit diesem Leben nicht alles aus sein kann? Weißt Du, was Dich erwartet, wenn Du, so wie Du bist, vor den Richterstuhl treten mußt?“
Der Befragte heulte lauter und nickte.
„Was willst Du jetzt tun?“
„Ich weiß es nicht. Hilf Du mir, Du guter Mann!“ flehte der Ge-ängstigte.
„Warum hast Du Dursa geholfen?“ wollte Zoroaster wissen. Ziem-lich undeutlich berichtete der Mann, Dursa habe ihm gedroht, auch ihn zu töten, wenn er ihm keine Hilfe leisten würde. Nasur habe den Diebstahl anzeigen wollen, darum. habe er sterben müssen.
Lange sprach Zoroaster mit dem Mann, den die Angst aber so sinnlos gemacht hatte, daß er nichts aufzunehmen vermochte. Man mußte warten, bis er sich beruhigt hatte. Er durfte in das Gemach zurückgehen, aus dem man inzwischen den Leichnam gebracht hatte. Zoroaster ging zum Ältesten, um mit ihm wegen des Mord-Helfers zu reden.
„Am besten wird es sein, wir werfen ihn über die Felsen“, meinte der Alte ruhig. „Es wäre ein schlechtes Beispiel, wenn wir ihn straf-los ausgehen ließen.“
„Bedenke, Freund“, mahnte der Wegbereiter, „daß er jetzt noch nicht bereut. Er hat nur Angst vor dem Kommenden. Kannst Du nicht eine andere Strafe für ihn finden?“
„Ich werde darüber denken“, beschied der Älteste, aber Zoroaster merkte, daß es ihm nicht ernst damit war.
Für jetzt konnte er nichts tun, des Alten Sinn zu ändern. Er konn-te nur hoffen, daß das Urteil nicht sofort vollzogen werde.
Abends aber besprach er im Kreise der Männer den Fall, der ihm willkommene Anknüpfung bot. Sie mußten zugeben, daß auch Männer sündigen können. Was dann mit ihnen geschah, wußten sie nicht. Männliche Peris gab es nicht. Ihr Glauben hatte keinerlei Weiterleben für einen Mann.
Angesichts der beiden Todesfälle, die so gewaltsam gewesen wa-ren, sahen sie das Unsinnige ihres seitherigen Denkens ein. Wohl hatte Zoroaster noch Mühe genug, aber unermüdlich sprach er, be-wies er ihnen. Nach vielen Abenden waren sie überzeugt.
Gab es aber ein Leben nach dem Tod, so verstanden sie gut, daß es nicht das gleiche sein konnte für Schlechte und. Gute. Da sie alle sich für gut hielten, schraken sie davor zurück, mit Bösen später zusammenleben zu müssen.
Nun konnte Zoroaster endlich von dem großen Gericht sprechen, und als sie das verstanden hatten, soweit sie es begreifen konnten, führte er sie langsam zu dem Gedanken an wiederholtes Erdenleben. Er hatte gefürchtet, damit die meiste Mühe zu haben. Nun war das Gegenteil der Fall. Gerade das nahmen sie voll Freude auf. Bei ihrer großen Selbstzufriedenheit konnte es ja nicht fehlen: zu herrlichem Leben müßten sie wiedergeboren werden!
Sie malten es sich aus, wurden ganz eifrig und bedurften der Er-klärungen Zoroasters plötzlich nicht mehr. Ja, er wurde ihnen lästig mit seinen fortgesetzten Mahnungen.
Ganz deutlich ließen sie ihn merken, daß ihre Gastfreundschaft nun ein Ende hatte. Und er hatte eigentlich nichts bei ihnen er-reicht. Sollte er trotzdem fortreiten?
Er beschloß, auf Weisung von oben zu warten und zunächst sein Zelt in der Nähe zu beziehen.
Sie hatten natürlich längst gemerkt, daß er Pferde und den Diener bei sich hatte, aber sie hatten sich gegenteiligen Anschein gegeben. Auch das begriff er nicht. Wenn er anfangs Marzar entfernt hatte warten lassen, so waren seine Gründe dafür schwerwiegend gewe-sen. Jetzt würde er längst davon gesprochen haben, aber die Män-ner wichen ihm aus.
Schon in dieser Nacht ruhte er in seinem Zelt bei den beiden Ge-treuen, die sich freuten, daß sie ihn einmal für ihre eigenen Fragen hatten. Mursa hatte so vieles mit angesehen und gehört, das ihm unklar war. Er verstand vor allem das vorsichtige Vorgehen des sonst so stürmischen Wegbereiters nicht.
Zoroaster sagte ihm, daß er dazu Weisung erhalten habe. Im Er-klären aber wurde ihm erst recht selbst klar, wie notwendig die Zu-rückhaltung gewesen.
„Wirst Du morgen Abend wieder auf den Platz gehen?“ fragte Marzar, erhielt aber keinen bestimmten Bescheid. Zoroaster wußte es selbst nicht.
In der Nacht bat er um Antwort auf diese Frage. Als er sich mor-gens vom Lager erheben wollte, fand er, daß seine Glieder ungeheuer schmerzten und fast steif waren. Das war auch eine Antwort: er war in der Gegend festgehalten, ohne die Leute aufsuchen zu können.
Das ging einige Tage so. Durch die Besprechungen mit seinen Be-gleitern schuf er sich Klarheit, Ausblicke taten sich auf und sein Verstehen der ewigen Dinge wuchs. Keinen Augenblick dieser Schmerzenszeit hätte er missen mögen.
Noch lag er fast unbeweglich, da kam eines Mittags der Älteste, wie auf einem Jagdgang begriffen, an das Zelt. Er wollteseine Über-raschung äußern, aber unter Zoroasters klarem Blick gelang es ihm nicht. Daher brach er den begonnenen Satz kurz ab und fragte statt dessen, ob der Fremde krank sei.
„Mir scheint, Du hast von den Beeren gegessen, die hier herum in Mengen wachsen“, sagte er, als Zoroaster ihm seine Schmerzen beschrieben hatte.
Mursa, der herbeigerufen wurde, gab zu, von diesen schönen Beeren gepflückt und sie des Wohlgeschmacks wegen zerquetscht dem Trank Zoroasters zugefügt zu haben.
„Das Gift ist nicht tödlich“, tröstete der Alte den erschrockenen Mursa. „In wenigen Tagen wird Dein Herr wieder seine Glieder gebrauchen können. Aber Ihr müßt Euch hüten, hier Früchte oder Beeren zu pflücken, auch. wenn sie Euch ungefährlich erscheinen.“ Zoroaster erzählte von den Früchten, die Mursa am ersten Morgen gebracht.
„Ich habe davon gehört“, sagte der Alte. „Es war meine Tochter, die Mursa die gefährlichen Leckerbissen entriß. Sie hätten Dir so-fort den Tod gebracht.“ „Es ist eigenartig“, fuhr er nach kurzer Pau-se fort, „daß die Pflanzen sich hier so stark geändert haben. Ich kann mich besinnen, daß ich als Kind manche von den Früchten aß, die jetzt so unheilbringend sind.
Ein alter Weiser, der uns einmal besuchte, schrieb das der Herr-schaft Ahrimans zu, unter dessen Einfluß alles schlecht werde.“
Zoroaster wollte antworten, aber der Alte war nicht gekommen, um über Pflanzen zu sprechen. Ungeduldig bewegte er die braune Hand, die wie ein Gebilde aus Wurzeln aussah, und verlangte, ge-hört zu werden.
„Fremdling, ich weiß nicht, was ich mit dem Verbrecher tun soll“, sagte er etwas zögernd, als schäme er sich dessen. „Deine Worte haben mich zum Denken gebracht, und nun kann ich es nicht mehr für richtig halten, daß wir ihn töten. Wir müßten ihm Gelegenheit geben, gut zu machen, soviel das möglich ist.“
Voll warmer Freude schaute Zoroaster auf den Sprecher, und hei-ßer Dank gegen Ahuramazda erfüllte ihn. So hatte Gottes Güte die-ses starre Herz erweicht! Das war über Bitten und Verstehen!
„Ich denke auch so“, sagte er freundlich. „Hast Du etwas erdacht, womit der Mann seine Tat sühnen könnte?“
„Nasur hat ein junges Weib mit sechs unversorgten Kindern zu-rückgelassen. Wenn der schlimme Mann, Wunad heißt er, sie frei-en und dann mit ihren Kindern versorgen würde, so wäre der Scha-den, den sie durch den Tod des Mannes erlitten, gut gemacht.“
„Aber wird sie den, der ihren Gatten töten half, in ihrer Hütte haben wollen?“ fragte Zoroaster ungläubig.
„Fragt man bei Euch die Weiber, wen sie freien wollen?“ wardes Ältesten ärgerliche Entgegnung. „Bei uns entscheidet der Mann. Das Weib muß zufrieden sein, wenn sie einen Versorger findet. So wird auch Nasurs Weib froh sein, wenn Wunad zu ihr kommt; denn nun muß sie nicht hungern.“
„Wenn das so ist, dann meine ich auch, es wäre eine guteSühne für Wunad“, gab Zoroaster zu. Der Älteste lachte: „Ja, sie ist fast zu leicht; denn Nasurs Weib ist jung, hübsch und so gut, wie ein Weib sein kann. Er wird es gut haben bei ihr.“ „Werden die Gefährten ihn nicht verach-ten, wenn er wieder unter ihnen arbeitet?“ gab Zoroaster zu bedenken.
Der Alte verneinte.
„Wenn jemand unrecht getan hat und will wieder recht tun, so spricht niemand mehr über das Vergangene.“
Damit hatte der Älteste wieder einmal zugegeben, daß das „un-recht tun“ nichts Unbekanntes bei ihnen gewesen war. Aber daßdie andern es dem Übeltäter nicht schwer machten, das war ein sehr feiner Zug in diesen Männern. Wenn das doch überall so wäre!
„Du wirst in wenigen Tagen wieder gehen können, Fremder. Willst Du nicht wieder einmal zu uns auf den Platz kommen?“ fragte der Besucher zaghaft.
Freudig versprach es Zoroaster. Aber sein Besuch hatte noch eine Bitte:
„Darf ich Dir Wunad schicken, daß Du mit ihm redest, damit er die Gnade, die wir ihm erweisen, richtig auffaßt und die Versor-gung der Kinder ernst nimmt? Er ist sehr dumm, aber etwas wird erschon begreifen“, tröstete der erleichterte Älteste, der sich nun zum Gehen anschickte.
Auch das sagte Zoroaster zu. Nun hatte er Mühe, Mursa zu trö-sten, der nach dem Weggang des Alten herbeieilte und klagte, daß er Zoroasters Leiden verschuldet.
„Merkst Du denn nicht, Mursa“, hielt Zoroaster dem Betrübten vor, „wie Dein Mangel an Vorsicht es war, der Ahuramazdas Willen dienen mußte? Ohne die durch das Gift verursachten Schmerzen wäre ich wahrscheinlich verzagt weitergeritten. Nun durfte ich erle-ben, daß der Älteste Rat suchend zu mir kam und mich wieder zu-rückrief. Wir wollen uns beide dessen freuen, was der gütige Gott getan hat.“ Nach drei Tagen war es Zoroaster möglich aufzustehen. Er zwang sich auf Strahls Rücken und versuchte, ein wenig zu rei-ten. Es ging noch schlecht. Gerade, als er umwenden wollte, sah er einen Mann stehen, der nach ihm ausschaute. Es war Wunad.
„Stehst Du schonlange hier?“ fragte Zoroaster erstaunt. „Ich komme alle Morgen und gehe alle Abend, Herr“, lautete die über-raschende Antwort.
„Aber warum kamst Du nicht zu mir, Mann?“ Zoroaster sah, daß Wunad immer noch Angst hatte. „Ich will Dir ja nur helfen, wieder auf den rechten Weg zu kommen.“
„Meinst Du, ich hätte ganz einfach in Dein Zelt treten dürfen?Unser Ältester hat gesagt, der gütige Herr, der Fremde, will erlauben, daß Du mit ihm sprichst. Auf diese Erlaubnis habe ich alle Tage gewartet.“
Ohne dem Manne, der wirklich dumm war, sein Versehen zu er-klären, forderte Zoroaster ihn auf:
„So komm.”
Willig ging Wunad mit, willig ließ er sich befragen und gab Ant-wort, so gut er es vermochte.
„Wenn Du einen kleinen Teil Deiner großen Schuld hier schon tilgen darfst, Wunad“, mahnte Zoroaster, „so vergiß nicht, daß Du den Kindern des Nasur den Vater, den Ernährer ersetzen mußt.“
„Ja, aber auch dem Weib den Mann“, sagte Wunad mit breitem Grinsen. Augenscheinlich freute ihn seine Strafe.
„Du mußt alles tun, was in Deinen Kräften steht, um zu sühnen, mein Freund. Dich selbst mußt Du ganz vergessen, nur für die an-deren, die Du ihres natürlichen Beschützers beraubt hast, darfst Du leben und wirken. Willst Du das tun?“
„Gewiß will ich das gern tun“, sagte Wunad überzeugt, „Herr, es sind so nette Kinder. Ich werde ihnen sicher ein besserer Vater sein als Nasur war.“
Zoroaster sah, daß der Mann zu beschränkt war, als daß man mit ihm von tieferen Fragen hätte reden können. So hoffte er, daß ihm vielleicht später das Verständnis kommen werde. Für jetzt entließ er ihn, und Wunad entsprang wie erlöst.
Nach wenigen Tagen war es dann soweit, daß Zoroaster abends sich auf den Platz begeben konnte. Er fand alle Männer versammelt, als hätten sie seiner geharrt. Woher wußten sie, daß er heute kam?
Als er sie danach fragte, erfuhr er, daß sie bereits drei Abende lang ihn erwartet hätten.
„So lange dauert gewöhnlich die Wirkung des Giftes“, erklärten sie ihm, „aber bei Dir währte es wohl etwas länger, weil Du anders gebaut bist als wir.“
Freimütig gestanden sie ein, daß ihr Denken an die künftigen Leben sie auf Abwege geführt habe. Sie hatten gemeint, aus ihnen allen müßte etwas ganz Großes werden im späteren Erdenstande. Dann hätten sie gemerkt, wie falsch das sei.
Nun wollten sie wissen, ob sie auch früher schon auf der Erde gewesen. Zoroaster bejahte es, wenn auch mit Widerstreben; denn er fürchtete, nun würden die gleichen Betrachtungen beginnen wie letztes Mal. Aber sie hatten im Erleben gelernt und hüteten sich, in den gleichen Fehler zu verfallen. Da sie nun schwiegen und das Gehörte in der Stille überdachten, ging ihnen ein Verstehen für
mancherlei Zusammenhänge auf. Sie begriffen, warum einer in Ar-mut, der andere in Krankheit leben mußte. Ungerecht war ihnen das bisher erschienen. Nun sahen sie plötzlich, daß alles eigenes Verschulden war. Und wieder sagten sie:
„Es ist ja so einfach!“
Diesmal griff Zoroaster das Wort auf und hielt ihnen vor, daß das alles freilich sehr einfach sei, daß sie aber merken würden, wie schwer es ihnen falle, sobald sie rechten Ernst damit machten.
„Versucht, ein fleckenloses Leben zu führen, so werdet Ihr spü-ren, wieviel es Euch kostet, Euch selbst aufzugeben.“ Sie nahmen willig auf, was er ihnen sagte. Man konnte merken, daß sie ihn ent-behrt hatten.
Als er für die Nacht von ihnen schied, gaben sie ihm noch das Ge-leit bis an sein Zelt, und er mußte versprechen, am nächsten Abend wieder zu kommen.
Das tat er, und zwar mit dem festen Vorsatz, diesmal über die Frauen zu sprechen.
„Ihr habt gezeigt, daß Ihr gescheite Leute seid. Freunde“, begann er lobend. „Ihr habt so manches aufgenommen, das Euch anfangs unmöglich zu verstehen schien. Fahret so fort, so werdet Ihr bald mit allem Falschen in Euren Anschauungen aufgeräumt haben.“
Erfreut blickten sie ihn an. Es war neu, daß er sie lobte. Nun woll-ten sie doppelt bestrebt sein, dies Lob zu verdienen.
„Berichtet mir einmal, was Ihr an Euren Frauen zu tadeln findet“, verlangte er.
Sie schwiegen. Was sollten, sie sagen. Sie hatten nichts zu klagen, aber sie waren gelehrt worden, daß die Frau nichts tauge. Daran hielten sie fest, weil es bequem war.
Zoroaster las diese Gedanken, und als niemand sprach, wieder-holte er laut, was er in der Stille gesehen.
„Ist es nicht so, meine Freunde?“ schloß er.
Sie gaben zu, daß es so sei. Keiner von ihnen hatte sich um seine Frau gekümmert, die allen nur Diener und Arbeiter war.
Da erzählte er ihnen, wie Ahuramazda die Frau gedacht habe. Ausgestattet mit dem feineren Empfinden, sollte sie überall dem Manne vorausgehen, ihm die Verbindung mit der oberen Welt ver-mitteln. Dafür sollte der Mann die Schwächere schützen und ihr
auf ihrer Wanderung über die Erde helfen, damit ihre feinen Fähig-keiten unverletzt bleiben konnten.
„So sollte es sein, Ihr Freunde, und so ist es an manchen Orten noch“, sagte der Erzähler, indem er sie alle anschaute, „und wie habe ich es bei Euch finden müssen? Gedrückt und scheu schlei-chen Eure Frauen umher. Sie huschen davon, wenn sie
Eurer ansichtig werden; denn sie wissen nie, was sie von Euch zu erwarten haben. Ich habe beobachtet, daß Ihr sie schlagt, wenn Ihr übler Laune seid. Ein freundliches Wort habe ich noch nicht gehört.
Ihr selber achtet auf Eure Kleidung. Ihr putzt Euch, wie es an-derwärts die Frauen tun. Eure Weiber und Kinder aber laßt Ihr in schmutzigen Lumpen gehen. Meint Ihr, sie würden sich nicht auch gern schmücken?
Die Frauen müssen Euch die Speisen bereiten, und sie verstehen sich trefflich darauf. Bei dem Mahle laßt Ihr Euch von ihnen be-dienen. Das habe ich noch nirgends gefunden. Dann aber erhalten Frauen und Kinder, was übrig bleibt. Ihr kümmert Euch nicht dar-um, ob sie satt werden.
Das sind äußere Dinge, die aber zum Wohlbefinden Eurer Frauen nicht beitragen. Wo bleibt da Eure Fürsorge? Nun schaut aber ein-mal auf ihre Seelen! Laßt Ihr sie an Euren Gesprächen über heilige Dinge teilnehmen? Betet Ihr mit ihnen? Wer lehrt sie, solange sie noch klein sind? Ich wollte zu ihnen reden, aber sie weichen zu-rück. Haben sie kein Bedürfnis dafür? Oder habt Ihr sie so gehal-ten, daß sie sich fürchten, wenn ihre Seele einmal einen Atemzug frischer Himmelsluft begehrt?“
Als er schwieg, saßen die Männer da wie gescholtene Kinder. Sie blickten zu Boden, aber nicht in Trotz. Endlich erhob einer der Jün-geren das Haupt
„Meister“, das war ihre neue Anrede für ihn, „Meister, ich sage Dir, daß Du recht hast mit jedem Wort, das Du eben gesprochen! Wir müssen uns schämen, wenn wir an Ormuzd denken. Unsere Frauen haben es schlechter als unsere Tiere; denn denen tragen wir Sorge und lassen ihnen nichts abgehen.
Nun aber sage uns, wie wir es ändern sollen? Unsere Frauen wür-den es gar nicht begreifen, wenn wir unser Betragen gegen sie ändern würden. Sie würden uns auch nicht verstehen, wenn wir ver-suchen wollten, es ihnen zu erklären; denn wir sind nicht so beredt wie Du.“
„Es gehört nicht viel Beredsamkeit dazu, das zu erklären, wor-auf es ankommt“, meinte Zoroaster, der sich dieses jungen Mannes freute. „Ihr müßt es machen, wie ich es bei Euch tat, und von An-fang an beginnen. Knüpft an das an, was sie von Jugend auf wissen, dann werden sie weiter fragen.“
Verlegen schauten die Männer einander an. Es war schlimm, daß der Meister nicht wußte, wie es um ihre Frauen stand, daß sie ihm alles erklären mußten. Sie schämten sich.
Endlich ermannte sich einer:
„Meister, da ist kein Anfang, an den wir anknüpfen könnten. Un-sere Frauen werden schon von Urväter Zeiten an in Unwissenheit gehalten, damit wir die Herrschenden bleiben. Wenn sie uns nach göttlichen Dingen fragten, so sagten wir: das ist nichts für Euch, kümmert Euch um Eure Arbeit. Sie wissen so wenig von Ormuzd wie -wie Dein Roß“, schloß er verlegen.
Zoroaster war entsetzt und zeigte es auch. Warum sollte er ver-bergen, daß er die Behandlung der Frauen für das Schamloseste hielt, das ihm je begegnet?
Aber damit war nicht geholfen. Wenn er sie rufen ließ und zu ihnen sprach, würden sie vor Scheu gar nicht auf ihn hören. Und er verstand auch nichts von Frauen. Er wußte nicht, wie er dies feine-re Empfinden, das sicherlich auch in diesen armen, verkommenen Weibern schlummerte, wecken sollte.
Tatlos überlegte er, seine Gedanken um Hilfe nach oben schik-kend. Plötzlich wußte er; was getan werden mußte: Jadasa mußte hierher kommen. Hier war eine große, schöne Aufgabe für sie. Hier konnte sie wirken an ihren unglücklichen Schwestern. Ein großes Glücksgefühl schlug in ihm empor über diese gute Lösung.
Er erzählte den Männern von Jadasa, von der er ihnen bereits frü-her gesprochen. Er schilderte, wie hold und rein sie sei, und. wie bereit, allen Frauen zu helfen, daß sie so rein werden könnten wie sie.
„Gleich morgen werde ich mit meinen Begleitern ausreiten und Jadasa holen“, rief er glücklich.
„Wird sie auch mit Dir gehen wollen?“ fragten die Männer, die an ein so großes Glück noch nicht recht glauben konnten.
Ihm aber kam nicht der geringste Zweifel, daß Jadasa diese Auf-gabe sofort als das allerdringendste erkennen werde.
„Wann kannst Du wieder bei uns sein?“ fragten sie bangend.
„Ich komme, sobald es irgend möglich ist. Eine Zeit vermag ich nicht zu sagen“, antwortete er.
Es war ihm gar nicht klar, wie weit entfernt Jadasas Ortschaft war, aber er traute auf die Führung der Kleinen.
So ritt er denn am nächsten Morgen ins Weite, Freude im Herzen. Er genoß die gerade in dieser Zeit sich herrlich entfaltende Natur, er genoß die Stille, die ihm Schönes bescherte, und sein Körper freute sich der gesunden Bewegung.
Eines Abends saß er vor seinem weißen Zelt. Die Begleiter hatten sich in das ihre zurückgezogen, aber die leise flüsternden Stimmen ließen sich hier und da hören.
Er hatte ihrer nicht acht, zu versponnen war er in seine eigenen Gedanken. Plötzlich hatte Marzar anscheinend alle Vorsicht ver-gessen. Lauter als bisher tönte seine Frage:
„Wie denkt der Zoroaster sich das, daß eine Frau uns begleiten soll? Das darf er ihr nicht zumuten.“
„Ich denke mir, er wird noch ein paar Mädchen mitnehmen“, gab Mursa gleichmütig zurück.
Wieder verstärkte sich Marzars Flüstern
„Denkt er nicht daran, daß wir alle drei unverheiratet sind? Er macht ja Jadasa ehrlos vor allem Volk, wenn er sie einfach mit sich nimmt.“
„Denke daran, daß er nicht ist wie ein anderer Mensch. Er ist der Wegbereiter, da ist ihm manches erlaubt.“ Scharf hatte Mursa ge-sprochen. Aber Marzar ließ sich nicht abweisen.
„Wegbereiter oder nicht! Wenn er die Jadasa mit sich nehmen will, muß er sie freien!“
So laut hatte Marzar es gesagt, daß Mursa ihn jäh zur Vorsicht mahnte. Das Gespräch sank zu leisestem Flüstern herab.
Zoroaster aber hatte genug gehört. Wie von einem Messer durch-schnitten teilte sich der Schleier, der vor seiner Seele gehangen. Gedanken aller Art stürmten auf ihn ein. Daß er das nicht gesehen hatte, was der einfache Troßknecht merkte!
Wie durfte er die edle Jadasa gefährden? Aber er hatte den Frauen Hilfe verheißen, sie brauchten sie. Sollte er Jadasa zu den Leuten bringen und gleich wieder fortreiten? Aber dann ließ er sie allein und unbeschützt bei Fremden.
Sie hatte damals gesagt, sie stehe im Schutz der Reinheit. Aber damals war ihr Vater mitgegangen. Und bei allen Gedanken schob er den, der sich am vordringlichsten melden wollte, am weitesten zurück, gab ihm gar keine Möglichkeit, zu Gehör zu kommen.
Wie durfte er, der Wegbereiter, freien? Sein Leben gehörte dem Gott, dessen Diener er war.
Längst schon waren die Flüsternden, deren Stimmen ihn aus sei-ner Sorglosigkeit geweckt, zur Ruhe gegangen. Er saß, wie er so gern tat, unter dem leuchtenden Sternenhimmel. Aber der Frieden, der sonst seine Seele zu erfüllen pflegte, der fehlte.
Da warf er sich zu Boden und schüttete betend seine Seele aus. Was er sich selbst nicht zu bekennen wagte, er sprach es aus dem Höchsten gegenüber. Nichts wollte er verbergen, jede Regung sollte offen vor Gottes Auge liegen. Da wurde er ruhig.
Und in der Ruhe hörte er wieder die Stimme des lichten Boten
„Zoroaster, höre. Es ist der Wille Ahuramazdas, daß Du um Ja-dasa freiest! Du bedarfst der Gefährtin, die Dein Werk ergänze, in-dem sie die Frauen lehrt. Eine reinere Frau kannst Du nimmermehr finden. Nimm sie als Deine Gehilfin an Dein Herz und sorge, daß ihr Fuß sich an keinen Stein stoße.
Sie wird Dir einen Sohn gebären, den sollt Ihr Vishtaspa nennen. Hafis wird sich nicht vermählen. Dein Sohn soll das Reich erben. König soll er werden, Iran soll unter seiner Herrschaft emporblü-hen zum gesegneten Land.
Das ist Ahuramazdas weiser Wille!“
Die Stimme schwieg. Zoroaster schwindelte. Was er nicht zu wünschen gewagt, sollte Wahrheit werden. Er sollte Frau und Kind sein eigen nennen dürfen!
Nun wandelte sich sein Gebet in Loben und Danken. Kaum konnte er erwarten, daß die Sonne aufging, so daß sie ihren Ritt fortsetzen konnten.
Drei Tage müßten sie noch reiten, hatten die Kleinen gesagt. Sie hatten sich nicht geirrt.
Zu Mittag des dritten Tages sahen sie die wohlbekannte Ortschaft auftauchen. Wieviel hatte er hier erlebt! Nun sollte er den Leuten wieder gegenübertreten dürfen, die ihm seine Mühe so reich ge-lohnt. Das allein war schon Freude.
Sie ritten vor die Hütte des Obersten, der verwundert heraus-schaute. Als er Zoroaster erkannte, rief er laut nach den Nachbarn. Sie alle sollten kommen, der Zoroaster sei wiedergekehrt.
In wenigen Minuten wimmelte der Platz von freudig erregten Menschen. Alles jubelte dem Wegbereiter zu, jeder wollte ihn grü-ßen, ihm danken, ihm berichten, was er inzwischen erlebt. Es war ein Durcheinander, in dem man kein Wort verstehen konnte.
Zoroaster grüßte alle, aber seine Augen hielten Ausschau. Da tön-te Mursas Stimme an seinem Ohr:
„Herr, dort drüben!“
Ja, da stand Jadasa, das liebliche Gesicht von Röte übergossen, und schaute mit strahlenden Augen auf den Zurückgekehrten. Als sie seinen Blick auf sich ruhen fühlte, trat sie herzu und grüßte ihn. Dann ging sie in die Hütte, ein Mahl zu rüsten.
Langsam trat Ruhe ein bei den Erregten. Sie baten, daß Zoroaster abends zu ihnen sprechen möge, er sagte zu.
Inzwischen ließ er sich erzählen, wie es den Bewohnern der Ort-schaft ergangen, ob sich keine Krankheit mehr gezeigt, und ob sie auch an dem festgehalten, was sie als wahr erkannt hatten.
Der Alte, dessen Gesichtsausdruck sich deutlich verändert hatte, sagte stolz:
„Ich glaube nicht, daß auch nur ein einziger unter uns ist, der das Erlebnis, das Du uns brachtest, vergessen wird. Wir sind alle ganz andere Menschen geworden, Du wirst es heute Abend bemerken. Auch Krankheit hat uns verschont. Jadasa sagte uns eines Tages, daß unser Leiden die Folge unserer Schuld gewesen sei. Was wir für unerträgliche Plage hielten, war in Wirklichkeit die größte Gnade Ahuramazdas; denn dadurch kamen so viele unter uns zur Besin-nung.“
Zoroasters Blick suchte das Mädchen, das dem Mahl der Männer fern geblieben war. Als er sie nicht fand, fragte er den Vater:
„Ist es Jadasa gegeben, Wahrheiten zu erschauen?“ Der Alte be-jahte.
„Sie hatte von klein auf etwas Besonderes, das sich durch ihren Aufenthalt bei den Priesterinnen noch verstärkte. Seit Du hier warst und uns zu Dienern Ahuramazdas gemacht hast, sagt sie uns öfters Dinge, die ihr in der Nacht geschenkt werden. Ich habe sie schon manchmal gefragt, auf welche Weise diese Wahrheiten sich ihr mitteilen, aber darüber mag sie nicht reden. Weißt Du es viel-leicht?“ setzte er kindlich neugierig hinzu.
„Nein, das weiß auch ich nicht“, erwiderte der Wegbereiter.
„Das geht bei jedem Menschen, der dessen gewürdigt wird, an-ders zu. Die Hauptsache ist ja auch nicht das „Wie“, sondern das
„Was“. Wenn das Wahrheit ist, darf uns alles andere nicht küm-mern.“
„Ich könnte mir sogar denken“, fuhr er nach kurzem Sinnen fort,
„daß ein solches Nachspüren den reinen Empfang der Kunden von oben hindern würde. Du kannst Jadasa vielleicht schaden, wenn Du danach frägst, wie ihr die Wahrheiten gegeben werden.“
„Wie kann das zugehen?“ wollte der Alte wissen, dem Zoroasters Worte Eindruck machten.
„Ich sagte Euch einmal“, begann der Wegbereiter zu erklären,
„daß alle menschlichen Gedanken Form annehmen. Natürlich für Menschenaugen unsichtbare Form“, setzte er rasch hinzu, als er sah, wie die Augen des Alten sich unheimlich aufrissen.
„Diese Formen streben der Sache zu, die sie hervorgerufen. Wenn Du also grübelst, auf welche Art Jadasa eine Wahrheit empfängt, so bildet sich aus diesem Grübeln eine ganze Formenmenge, die sofort sich um Jadasa schart.
Dadurch hüllst Du aber Deine Tochter in einen feinen Mantel, der ihr das Aufnehmen der Strahlen von oben schwerer, wenn nicht gar unmöglich macht.“
Der Alte staunte vor sich hin, dann sagte er in plötzlichem Ver-stehen
„Jadasa sagte öfters: „Denke nicht soviel an mich, Vater, dann kann ich nicht hören.“ Das wird wohl dasselbe bedeuten, was Du eben erklärtest. Nur habe ich Dich jetzt begriffen und Jadasas Wor-te waren unverständlich.“
Danach erkundigte der Mann sich nach Sadi, an dem er beson-deres Wohlgefallen gehabt hatte. Zoroaster erzählte ihm, wie völlig der Diener sich geändert habe. Da meinte der Alte
„Sieh, ich habe nicht die Gabe, Wahrheiten zu sehen, aber daß in Sadi ein vortrefflicher Kern steckte, das habe ich gemerkt. Laß es Dir erzählen:
Dein Pferd ist etwas besonders Feines. Allen Männern muß das auffallen. Nun haben wir hier auch weiße Rosse, die groß und stark sind. Da bot einer von uns, es war noch ganz im Anfang, ehe Du uns gelehrt hattest, Sadi an, er wolle sein bestes Roß gegen Deinen Strahl eintauschen. Du hättest es sicher nicht gemerkt. Sadi aber sollte viele kostbare Steine dafür erhalten. Er besann sich keinen Augenblick, sondern warf den Mann aus dem Pferdegehege, daß er noch tagelang beschädigt war.“
Lächelnd antwortete Zoroaster:
„Ach, darum hinktest Du zu Anfang unserer Bekanntschaft?“ Der Mann nickte ohne jede Verlegenheit. Das waren ja vergan-
gene Dinge, deren er sich jetzt nicht mehr schämte. Zoroaster aber fragte:
„Hast Du Marzar bei dem Mahle beobachtet? Würdest Du es wa-gen, an ihn das gleiche Ansinnen zu stellen?“ Erschrocken wehrte der Oberste.
„Nein, auch wenn ich noch so wäre wie damals, das würde ich nicht wagen!“
„Du siehst also, daß Sadi damals noch kein wahrer Diener des ewigen Gottes war, sonst hättest Du Dich nicht an ihn gewagt. Aber jetzt ist er es geworden.“
„Das ist etwas Herrliches, was Du da aussprichst, Zoroaster“, sann der Alte. „Wenn wir Ahuramazda angehören, wagt sich keine Versuchung aus dem Dunkel an uns heran! Das ist so tröstlich, wie Du es Dir nicht vorstellen kannst.“
Sie sprachen noch über mancherlei. Von dem, was sein Kommen veranlaßt, sagte der Wegbereiter kein Wort. Er wußte, die richtige Gelegenheit dazu würde ihm von oben gezeigt werden. Er konnte warten, das hatte er gelernt.
Der Alte aber konnte es kaum erwarten, bis er seinen Gast auf den Versammlungsplatz führen konnte. In großer Freudigkeit hatten die Männer Veränderungen vorgenommen, die wahrlich von dem ernsten Streben Zeugnis ablegten, das sie beseelte.
Sie hatten den Platz mit Steinen eingefaßt und hinter diese aller-hand Sträucher gepflanzt. In der Mitte hatten sie einen Steinberg errichtet, ähnlich den sieben auf dem Berge der Feier. Man sah, daß ihnen der Platz mehr war, als nur ein Ort, wo sie zusammentrafen, um allerhand zu bereden.
„Wir haben sogar eine Flammenschale“, sagte der Alte stolz.
„Wenn Du uns in den nächsten Tagen eine Feier halten willst, wer-den wir sie benützen.“
Der Gedanke an die Feier gefiel Zoroaster. Er freute sich auch über den sinnvoll gerichteten Platz. Sicher würde der aufgerichte-te Steinhaufen die Menschen mahnen, daß hier nicht der Ort für Streit und irdische Angelegenheiten sei.
„Versammelt Ihr Euch immer hier?“ erkundigte er sich.
„Wie meinst Du das?“ fragte der Alte verständnislos. „Es ist doch unser heiliger Platz. Wir sind immer hier, wenn wir von Ahura-mazda und ewigen Dingen reden wollen.“
„Und wenn Ihr von anderen Dingen reden müßt, auch das kann doch vorkommen?“
„Dafür haben wir jetzt einen anderen Platz. Wenn wir die Leute auffordern, hierher zu kommen, dann wissen sie schon, daß sie alle irdischen Sorgen und Gedanken daheim lassen müssen. Wer das einmal nicht kann, der muß fort bleiben.“
„Kommen Eure Frauen zu den Versammlungen?“
„Freilich, dafür sorgt Jadasa. Ich hätte keine Ruhe, wenn ich es anders wollte. Aber sie kommen nur zu den Besprechungen auf dem heiligen Platz, zu den anderen dürfen sie nicht erscheinen.“
Von allen Seiten schritten die Männer herbei, nicht stürmisch und ungebärdig wie einst, sondern gefaßt und gesittet. Was hatte hier die kurze Zeit der Selbstzucht bewirkt!
Zoroaster staunte und war froh, daß ihm Gelegenheit gegeben, dies zu schauen. Nützen würde es ihm bei seiner Arbeit an anderen. Auf dem Platz selbst entstand kein Gedränge, jeder Mann schien die Stelle zu kennen, an der er sich niederlassen durfte.
Auf diese Weise bildete sich nach und nach ein dichter Ring von Männern. Als sie alle saßen, schritten die Frauen und älteren Mädchen in langem Zuge herbei. Es lag etwas unsagbar Feierliches in der Art, wie sie sich ihrem „Heiligtum“ nahten. Jadasa führte sie in den Kreis der Männer, wo sie sich als innerer Ring niederließen. Der Oberste und Zoroaster waren bei den Steinen stehen geblieben.
„Ihr alle wisst“, begann der Alte feierlich, „daß wir den Wegberei-ter wieder in unserer Mitte haben. Es ist ein großes Glück für uns alle. Wir wollen Ahuramazda dafür danken.“
Mit einem Schlage erhoben sich alle und streckten die Arme em-por. Es war eine Gebärde, die allen ganz natürlich war, nichts Nach-geahmtes. Danach sprach der Alte einige innige Dankesworte. Als er geendet, sanken die Arme, aber die Leute blieben noch einige Augenblicke versunken stehen. Darauf setzten sie sich wieder.
„Wir wollen Zoroaster bitten, jetzt zu uns zu sprechen“, beschied der Führer, dann ließ auch er sich nieder.
„Ich freue mich, Ihr Leute, daß ich wieder bei Euch sein darf. Noch viel inniger aber freue ich mich zu erkennen, daß Ihr zuge-nommen habt an allem Guten, das als zarter Keim in Euch gelegt worden.
Viel haben wir alle inzwischen erlebt, äußerlich sicher, aber viel mehr noch innerlich. Dabei werden mancherlei Fragen in Euch aufgestiegen sein. Wenn das so ist, so bitte ich, daß Ihr heute fragt. Daraus sehe ich dann, was ich Euch an Wissen noch geben kann, wessen Ihr noch bedürft.“
Ohne Scheu begannen die Männer zu fragen. Das Glück, den Wegbereiter in ihrer Mitte zu haben, löste alle Zungen. Und die Fragen zeugten, daß sie wahrlich ihre Zeit nicht vergeudet hatten. Tief hatten sie nachgedacht, vieles hatten sie finden dürfen.
Nachdem schon manches besprochen worden, fragte eine Frau
„Sage uns, wenn Du es darfst: warum muß der Saoshyant als Kindlein kommen, wie Du einmal sagtest. Ich möchte wohl die Mutter sein, die ihn tragen darf, aber tausendmal herrlicher
fände ich es, wenn er in den Wolken daher gefahren käme in all seiner Macht.“
„So wird er sich zeigen, wenn er als Weltenrichter vor den Men-schen steht. Unsagbar wird seine Herrlichkeit dann sein, aber die Menschenherzen werden zittern und beben, sie werden sich neigen und doch wissen, daß damit noch nicht genug getan ist. Schreck-lich wird er ihnen erscheinen in seiner Größe, in seiner unbestech-lichen Gerechtigkeit.“
Zoroasters Augen gingen in weite Fernen. Wie ein Seher stand er vor ihnen, so hatte er noch niemals zu den Menschen gesprochen; denn er war entrückt und kündete unbewußt, was er schaute.
„Die Menschen werden vergehen vor seinem Heiligen Angesicht, vor dessen Strahlenglanz niemand bestehen kann. Die aber, die ihm Diener waren und sich mühten, treu zu sein, die wird er selber zu sich rufen. An seiner Seite werden sie durch das Gericht schreiten dürfen, um ihm dann in Glückseligkeit zu dienen bis in Ewigkeit!“
„Wisset Ihr, meine Freunde, was ewig bedeutet? Wenn Ihr es er-faßtet, Ihr würdet Euch noch viel mehr mühen, mit jedem Gedan-ken in dem Willen Ahuramazdas zu bleiben. Auf ewig verworfen oder in Ewigkeit glückselig: wählet!“
Einen Augenblick schwieg Zoroaster, ohne indessen aus seiner Entrücktheit zurückzukehren. Wie gebannt lauschten die Men-schen, die empfanden, daß sie etwas ganz Großes miterleben durf-ten.
„Aber, meine Freunde, der Saoshyant kommt nicht nur als Wel-tenrichter. Er kommt als der „Helfer“; denn das bedeutet sein Hei-liger Name. Helfen kann er aber nur, wenn er weiß, wie uns Men-schen zu mut ist.
Was weiß Ahuramazda von den Regungen der Menschenseele? Er ist viel zu hocherhaben dafür! Er weiß nicht, wie Versuchungen und Einflüsterungen an die armen Menschen herantreten. Er kennt wohl die mannigfach verschlungenen Wege der Menschen, aber er weiß nicht, wie sie fühlen, während sie sie schreiten.
Der Helfer aber wird es wissen; denn er gibt aus Erbarmen seinen Platz beim Vater für eine Spanne Zeit auf. Er wird als Kindlein ge-boren werden wie jedes andere Erdenkindlein.
Wisset, ich sehe ihn holdselig und klein in seiner Erdenmutter Schoß. Aber er wächst. Er schreitet wachsend im goldenen Strahl der Gottesgnade und Gottesliebe. Er lebt mit und unter den Men-schen, er versteht sie, wie kein anderer sie verstehen kann. Er hilft ihnen, er bringt ihnen die vergessene Wahrheit, die verlorene Rein-heit. Er, der Helfer, der strahlende Held!
Danach wandelt er im goldenen Strahl aufwärts. Der Mensch Saoshyant ist verschwunden. Der Weltenrichter, der Gott in Ahu-ramazda, bleibt!“
Aufatmend schwieg Zoroaster. Sein Antlitz war nach oben ge-richtet, als schaue er immer noch das, was er eben gekündet.
Die Seelen der Menschen aber waren erfüllt von heiligem Schauer der Ehrfurcht. Aber die Ehrfurcht lag vor Gott auf den Knien, nicht vor dem Menschen, der ihnen eben eine Ahnung des Göttlichen erweckt hatte.
Kein Wort wurde weiter gesprochen an diesem Abend. Schwei-gend trennten sich die Menschen und nahmen den tiefen Eindruck des Erlebens mit sich in die Stille der Nacht.
Am folgenden Tage litt es Zoroaster nicht inmitten der regsamen Ortschaft. Alle schienen irgendeiner Arbeit nachzugehen, er allein hatte nichts zu tun. Dabei aber war es ihm Bedürfnis, in Einsamkeit das zu durchdenken, was auch ihm der Abend geschenkt.
Mehr als sie alle hatte er erhalten. Er hatte schauen dürfen, und dieses Schauen hatte das Wissen um künftiges Geschehen in ihm vertieft und verstärkt.
Daneben hatte er die eigenen Wünsche fast vergessen. Leise schwang das in ihm, was der lichte Bote ihm gekündet, aber es woll-te verstummen vor der Herrlichkeit, die seit gestern in seiner Seele lebte.
Gegen Abend erst lenkte er seine Schritte wieder der Ortschaft zu. Es kam ihm zum Bewußtsein, daß er den ganzen Tag nichts zu sich genommen. Nun freute er sich auf das Mahl. War dieses auch nicht so fein bereitet wie die Speisen, die er in letzter Zeit vorgesetzt erhalten, so war es doch sauber und nahrhaft.
Männer trugen es auf und bedienten die Speisenden. Das war in der Ordnung.
Der Oberste, Nasim mit Namen, hatte sich gesorgt, da Zoroaster ganz allein fortgegangen war. Indessen hatte Jadasa ihn beruhigt. Sie wußte, daß er in der Stille Ahuramazda suchte, dakonnte ihm nichts Übles geschehen.
Nach der Mahlzeit suchten alle den heiligen Platz auf. Sie kamen in der gleichen Art wie am Abend vorher: die Männer, wie sie sich herfanden. Die Frauen aber versammelten sich bei Jadasa, um dann in geschlossenem Zuge zum Platze zu ziehen. Ebenso gingen sie nach der Zusammenkunft wieder fort.
Wieder sprach Nasim ein kurzes Gebet und bat dann den Gast, ihnen zu erzählen. Er knüpfte an diese Bitte gleich die Frage, ob er auf seinen Fahrten besonders gute Menschen getroffen habe,
Zoroaster freute sich, daß er das bejahen konnte. Er erzählte von den Hirten, die so zerstreut im Gebirge wohnen, und deren See-len zutiefst von ewigen Dingen erfüllt sind. Und von den anderen sprach er, in dem schönen Tal der Blüten. Unversehens aber begann er dann von dem Stamm zu reden, bei dem er zuletzt gewesen. Er schilderte seine Erlebnisse, öfters von Ausrufen der Hörer unter-brochen. Dann kam er auf die armen, verachteten Frauen zu spre-chen.
Mitleid, Entrüstung, Anteilnahme wogten durcheinander bei de-nen, die da gespannt lauschten. Besonders die Frauen und Mäd-chen beklagten das Geschick ihrer Mitschwestern und fragten, ob ihnen gar nicht zu helfen sei.
„Deswegen bin ich gekommen“, bekannte Zoroaster. „Ich hoffte, etliche Eurer Frauen zu gewinnen, daß sie mit mir ziehen, um das Los der Weiber zu bessern. Sie müßten eine Spanne Zeit dort le-ben und die Frauen unterweisen. Sie müßten durch ihr Beispiel die Frauen aneifern, die Männer zur Achtung zwingen.
Nur so kann geholfen werden. Ich selbst stehe machtlos den ur-langen Vorurteilen gegenüber!“
Als er schwieg, bewegten mancherlei Gedanken die Hörer. Einige der Frauen und Mädchen waren bereit, dies Opfer zu bringen; denn es war ein Opfer, die schönen, gesicherten Zustände zu verlassen, um zu einem Volk zu ziehen, das die Frauen den Tieren gleichach-tete.
Die Männer waren empört über soviel Roheit der Sitten bei den andern. Sie sahen auch ein, daß geholfen werden müsse, aber es kam sie schwer an, gerade ihre Frauen und Töchter entbehren zu sollen.
Zoroaster, der alle diese Gedanken sah, wußte, daß er jetzt keine Frage aussprechen dürfe. Er sammelte all sein Sinnen in einen ein-zigen Schrei zu Ahuramazda. Danach erhob er sich, er hatte heute im Sitzen erzählt.
Da merkten sie, daß er ein Gebet sprechen wolle, und standen gleichfalls auf. Aber sie reckten die Arme nicht empor; denn es war sein Anliegen, das er vor Gottes Thron niederlegen wollte. Das fühlten sie unbewußt.
Und er betete mit tiefer Innigkeit, der Ewige möge seine Kraft in die Herzen senken, daß sieseinen Ruf vernehmen könnten. Er möchte diejenigen der Männer und Frauen opferwillig machen, denen er die große, herrliche Aufgabe anvertrauen wolle, andere Menschen aus dem Sumpf der Sittenlosigkeit zu ziehen.
Nun sah alles plötzlich ganz anders aus. Wenn es eine für den Höchsten zu wirkende Aufgabe war, dann wollten sie alle mitarbei-ten. Keiner wollte zurückbleiben. Er hatte sein Gebet noch kaum beendet, da ertönten von allen Seiten die Anerbieten mitzugehen, die Bitten, mitgenommen zu werden.
Da sagte er ihnen, daß er nur solche Frauen mitnehmen wolle, die hier für kurze Zeit entbehrlich seien. Solche, die kleine Kinder hätten, müßten sich diesen widmen. Er werde mit Nasim sprechen, danach könne man entscheiden.
Einer der Männer wandte ein, besser als mit Nasim zu sprechen sei es, Jadasa zu fragen. Sie wisse, welche Frau sich für diese Arbeit eigne. Sie kenne sie alle. Man könne nicht die entbehrlichen Frauen an die-ses große Werk stellen, wenn sie es vielleicht nicht leisten könnten.
Man müsse die nehmen, die Jadasa bezeichne. Wenn eine darun-ter sei, die kleine Kinder habe, so werde sich Hilfe in der Nachbar-schaft finden. Wenn ein Opfer um fremder Menschen willen von Ahuramazda gefordert werde, so müsse es auch recht und ohne Rücksicht auf die eigene Bequemlichkeit gebracht werden.
Diese Rede gefiel allen. Sie jubelten dem Sprecher zu. Zoroaster meinte, alles weitere gehöre nun wohl auf den anderen Beratungs-platz, den sie zu diesem Zweck morgen aufsuchen wollten. Heute wolle er ihnen noch etwas erzählen.
Sie wollten am liebsten wieder vom Saoshyant hören. Das war dem Wegbereiter lieb. Überall, wohin er kam, mußte er so viel Schutt von diesem Wege wegräumen, daß er kaum an das Bereiten kam. Hier durfte er schon aufbauen.
Aus warmer Seele gab er den Menschen, wonach sie dürsteten. Sie fragten nach dem Zeichen, das er gestickt auf der Brust trug. Ei-
nige von ihnen hatten die Ausrufe der Priesterin bei der Feier mit-erlebt. Sie wußten, daß es das Kreuz des Saoshyant sei. Die andern hatten dies von ihnen gehört. Nun wollten sie alle die Bedeutung dieses Zeichens erfahren.
Zoroaster sagte ihnen, daß er oftmals darüber gesonnen. Er habe eine Erklärung gefunden, ob sie die rechte sei, wisse er nicht.
Das Kreuz habe vier gleich lange Arme, die es in die vier Welt-gegenden ausstrecke. Das scheine ihm zu bedeuten, daß der Saos-hyant allen in gleicher Liebe die Arme entgegenstrecke, um ihnen zu helfen. Es sei ganz gleich, wo die Menschen wohnten oder wel-chem Volk sie angehörten. Er wolle allen helfen.
Daß aber zwischen den Armen die Strahlen hervorbrächen, das bedeute, daß die Kraft, die dem Zeichen innewohne, so mächtig sei, daß sie sich nicht verhalten lasse. Sie müsse herausdringen.
Das gefiel den Menschen, sie sannen still dem nach. Da hob Ja-dasa ihre Stimme. Sie hatten seither noch nichts gesprochen alskur-ze Worte, die Äußeres betrafen. Ihr Antlitz hatte sie gen Himmel gewandt und Zoroaster schaute gebannt in die Reinheit dieser feinen Züge.
„Dies Zeichen will uns Menschen eine Mahnung sein“, sagte sie mit schwingender Stimme. „Fest auf der Erde sollen wir stehen, die uns geboren, aber das Haupt soll zum Himmel aufschauen, dem Wohnsitz Ahuramazdas, aus dem alle Kraft und alles Gute auf uns strömt.
Haben wir uns dort die Kraft geholt, so sollen wir in Fürsorge für andere uns nach den Seiten dehnen und mit unserer Liebe alles umfassen, das dessen bedarf.
Aber, Ihr Brüder und Schwestern, merket auf das feine Gleich-maß: alles soll ebenmäßig sein. So hoch wir gen Himmel streben, so fest sollen wir die Erde ergreifen, weder größer noch kleiner darf unsere Nächstenliebe sein.
Lasset das Heilige Maß durch alle Eure Sinne, durch alle Eure Ta-ten ziehen, so werden auch aus Euch Strahlen der göttlichen Kraft hervorbrechen und in andern die Flammen entzünden!“
Da rief ein Jüngling:
„Jadasa, Du deutest das Zeichen für uns Menschen. Siehst Du nicht, daß das noch in weit höherem Maße für den Saoshyant zu-
trifft? Von oben kommt er, nach unten geht er, liebend neigt er sich den Menschen und breitet ihnen die helfenden Arme entgegen.“
So sagte das Zeichen jedem etwas anderes, und im Grunde war es doch alles das Gleiche. Zoroaster sprach das letzte Wort dieses Abends, indem er sagte:
„Wie mit diesem Zeichen, so ist es mit jeder Wahrheit. Jeder Volksstamm sieht sie so, wie sie für ihn paßt. Der eine findet dies, der andere ein anderes Gesetz Ahuramazdas heraus. So ist es ge-wollt.“
Er merkte, daß sie nun erneut etwas zu sagen wünschten, aber er verwies sie auf den folgenden Tag.
Früh am nächsten Morgen trat Nasim zu ihm.
„Ich komme so früh, da ich Dich sprechen möchte“, begann er etwas unsicher. „Wenn Du allein sein willst mit Ahuramazda, so sage mir, wann Du Zeit für mich hast.“
„Ich freue mich, daß Du kommst. Auch ich möchte mit Dir re-den“, sagte Zoroaster bereitwillig.
Er wußte, nun war die Stunde der Entscheidung für sein ferneres irdisches Leben gekommen.
Die beiden Männer schritten in den Garten hinaus, der trotz seiner Kleinheit in der Morgenfrische unbeschreiblich lieblich erschien.
„Höre, Zoroaster“, begann Nasim, „Jadasa hat mit mir gespro-chen. Sie selber will mit Dir zu den fremden Menschen ziehen, um den Frauen Helferin zu sein. Sie sagt, das sei die ihr von oben zu-gewiesene Aufgabe. In den letzten Wochen sei sie mehrfach darauf hingewiesen worden. Das mag sie Dir selbst erzählen.
Ich weiß, ich muß sie ziehen lassen; denn es wäre Undank gegen den gütigen, weisen Gott, wenn ich ihm etwas weigern wollte, des-sen er bedarf. Aber mein Herz ist schwer. Wer wird ihr äußerlich Schutz sein?
Auch wenn Du zu gleicher Zeit dort wärest, Du weißt, es ist nicht recht, wenn eine Jungfrau sich allein aus ihres Vaters Haus begibt. Ich möchte Dich nun bitten, daß Du ihr zusprichst, unsern Nach-barssohn zu freien, damit dieser sie begleiten kann.“
Nun war es gesagt, Nasim atmete auf. Er wußte, daß er damit seines Kindes Willen durchkreuzte, aber seine Vatersorge war zu mächtig in ihm geworden.
Freundlich schaute Zoroaster auf den alten Vater.
„Ich kann Jadasa nur mit mir nehmen, wenn sie mir als mein Weib folgt“, sagte er ruhig.
„Als Dein Weib, Zoroaster?“ rief der Alte, der glaubte, er habe nicht recht verstanden. „Was sagst Du: als Dein Weib?“
„Ich weiß, ich habe ihr nichts zu bieten als mich selbst, aber ich meine, sie wird mich nicht verschmähen.“
„Dich verschmähen? Den Wegbereiter des Helfers verschmähen!“ Der Alte war wie von Sinnen. „Das mußt Du ihr selber sagen.“
Damit enteilte er, so schnell ihn seine alten Füße trugen.
Zoroaster stand allein zwischen all den duftenden Blüten. Um ihn war ein Klingen und Singen, ein Jauchzen und sein Herz tönte mit. Von einem entfernteren Garten, in dem Heilkräuter wuchsen, kam Jadasa herüber. Zoroaster rief ihr einen Gruß zu, da näherte
sie sich.
„Hat der Vater mit Dir gesprochen, Wegbereiter?“ fragte sie, zu ihm tretend.
„Ja, er hat mir Deinen Wunsch gekündet, selber zu den armen Frauen zu gehen. Ich freue mich darüber, Jadasa, aber ich kann Dich nur mitnehmen, wenn Du als mein Weib mit. mir gehen willst. Kannst Du Dich dazu entschließen?“
„Werde ich Dir kein Hindernis sein auf Deinem Wege?“ fragte sie leise.
„Nein, sondern die Gefährtin, die mein Werk ergänzt, die Ge-hilfin, die Ahuramazdas Güte mir bestimmt hat!“ „So gehe ich mit Freuden mit Dir.“
Ganz schlicht wurde es gesagt, aber Zoroaster wußte, daß er das Beste errungen, das ihm sein Erdenleben bringen konnte.
Hand in Hand gingen sie zur Hütte Nasims, der noch immer ganz benommen war. Ganz anders hatte er sich eine Ehe Jadasas einst ausgemalt. Jetzt hatte er bereits alle weltlichen Pläne fahren lassen, um sein Kind nicht zu quälen. Nun bekam er den besten Sohn, den er sich wünschen konnte! Es war unbegreiflich.
Nach dem Frühmahl, bei dem Zoroaster seinen beiden Begleitern mitgeteilt, daß er Jadasa freien werde, bat er das Mädchen, ihm von ihren Schauungen zu erzählen, was sie davon berichten dürfe. Be-reitwillig ging sie auf die Bitte ein.
Sie habe mehrmals die holde, weiße Gestalt gesehen, die sie das erstemal geschaut. Jedesmal habe sie dabei den Auftrag erhalten, sich der verachteten, unwissenden Frauen anzunehmen. Das letz-temal habe die Holde ihr verheißen, daß der Wegbereiter sie selber zu denÄrmsten der Frauen führen werde. Lächelnd habe die Holde hinzugefügt:
„Er wird etwas von Dir fordern. Tue, um was er Dich bittet. Es wird Dir zum Segen gereichen.“
„Gibt es bei Euch besondere Gebräuche, wenn zwei Menschen sich für das Leben verbinden?“ erkundigte sich Zoroaster, dem dar-an lag, sobald wie möglich fortzureiten.
„Bisher haben wir es immer gehalten wie unsere Väter vor uns. Inmitten aller Stammesgenossen stellte sich das Paar auf und ver-sprach, sich treu anzugehören. Dann betete der. Väter des Mäd-chens. Damit war alles vorbei.“
„So wollen wir es auch halten“, meinte Zoroaster.
Noch am gleichen Abend betete Nasim über den Beiden vor al-len Leuten der Ortschaft. Der Jubel war groß, als die Leute hörten, daß der Wegbereiter des Saoshyant ein Mädchen aus. ihrer Mitte zu seinem Weibe erwählt habe. Aber sie verstanden seine Wahl. Es konnte keine holdere, reinere Jungfrau geben, als Jadasa es war.
Nachdem die kurze Feier beendet, bei der nicht einmal die Flam-menschale entzündet worden war, zogen alle auf den andern Ver-sammlungsplatz, damit die Frauen benannt würden, die Jadasa sich zur Begleitung erwählt hatte.
Sie wären alle gern mitgegangen, die Frauen und Mädchen. Nun Jadasa selber auszog, wäre es ihnen Freude und Ehre, sie zu beglei-ten. Sie aber hatte umsichtig gewählt, nicht nach eigenem Ermes-sen. Sie hatte sich von den Stimmen leiten lassen, die ihr des Nachts so manche Wahrheit zuraunten.
Diesmal hatten auch die Frauen zu dem Versammlungsorte mit-kommen dürfen, da es sich doch hauptsächlich um sie handelte.
Auch hier betete Nasim zuerst, Ahuramazda möge seinen Se-gen auf ihre Beschlüsse legen und sie an falschem Tun hindern lassen.
Danach trat Jadasa in den Ring und rief die Namen der fünf, die mit ihr ziehen sollten. Es waren ältere, kräftige Frauen, deren Häuser und Kinder vorbildlich gehalten waren. So war zu erwarten, daß sie auch den Vernachlässigten das Rechte zeigen könnten.
Es wurde nun beschlossen, daß der Ausritt am nächsten Voll-mond erfolgen solle. Das hielten sie für besonders glücksbringend. Und so sehr es Zoroaster an seine Aufgabe drängte, er. fügte sich in diesen Aufschub von etwa sieben Tagen, da er das Empfinden hatte, auch hier aus irgendeinem Grunde noch nötig zu sein.
Jadasa zog dann mit den Frauen. aus dem Kreise der Männer, um alles zu ordnen, was in ihrer Abwesenheit zu geschehen hatte.
Die Männer aber berieten noch eingehend über Änderungen, die sie in ihrer Ortschaft treffen wollten. Es war die Befürchtung aufgetaucht, durch Jadasas Scheiden den Zusammenhang mit oben zu verlieren.
„Ich habe keine Sorge“, sagte der Mann, dem dieser Gedanke ge-kommen war, „daß wir nicht alle nach besten Kräften weiter stre-ben werden, Aber Jadasa waltete unter uns wie eine Priesterin und Seherin. Nimmst Du sie uns jetzt, Zoroaster, so fehlt uns für so manche Frage die Antwort, die uns Jadasa aus dem
Licht zu holen pflegte.“
„Es ist sicher nicht Ahuramazdas Wille“, beruhigte Zoroaster die Erregten, „daß Ihr ohne Hilfe bleibt. Nicht aus eigenem Wollen nehme ich Euch Jadasa. Gott selber hat sie zu meiner Gehilfin be-stimmt. Ich aber kann nicht hier bleiben, sonst würde ich meine Aufgabe nicht erfüllen.“
„Aber Du wirst unsere Ortschaft ferner als Deine Heimat anse-hen, zu der Du immer wieder zurückkehren wirst, Zoroaster, bat Nasim, und der Wegbereiter versprach es.
„Ich meine, sagte er dann, „daß Ahuramazda schon für Euch ge-sorgt hat. In irgendeiner Weise wird es sich in den nächsten Tagen zeigen. Ich werde ihn bitten, daß Euch die Hilfe komme, noch ehe wir reiten.“
In der Nacht verließ der Wegbereiter die Hütte, in der er mit sei-nen beiden Begleitern wohnte, und suchte unter dem Sternenhim-mel nach seiner Gewohnheit Verbindung mit den oberen Welten zu erlangen.
Obwohl der Mond erst wie ein Halbkreis zu sehen war, entbehr-te die Nacht der Klarheit nicht. Es schien Zoroaster, als hätten die Sterne noch niemals so stark gefunkelt.
Er hatte so vieles, das er zum Throne des Höchsten bringen woll-te: Dank für die gütige Führung seines Lebens, für das Geschenk der Gefährtin, die sein Werk zur Erfüllung bringen würde. Dank auch für alles, was an den Seelen dieser Menschen geschehen.
Daraus ergab sich ganz von selbst die heiße Bitte, diese Seelen nicht ohne Leitung zu lassen. Nasim war ein rechtlicher Mann, aber er war alt, und außerdem konnte er sich nur schwer außerhalb des gewohnten Gedankenkreises bewegen. Wer diese geöffneten Men-schen leiten wollte, mußte ganz auf eigenes Denken verzichten. Al-les, was er ihnen sagte, mußte er aus tiefen Quellen schöpfen, die von der Kraft von oben durchströmt waren.
Und Zoroaster bat und flehte, Ahuramazda möge diesen Men-schen einen Leiter erwecken. Dann saß er ruhig, in sich versunken vor der Hütte. Er wußte, die erbetene Hilfe werde kommen. Wäh-rend aber sein Körper so saß, ging seine Seele eigene Wege, wie sie es manchmal tat. Es war ihr, sie stände in einem hellen Bau, der von Gold und Licht glänzte. Nichts war sichtbar als dieser Glanz. Und sie stand mitten drin ganz allein.
Dieses Alleinsein gab ihr das Empfinden von Göttlichem, das, wiewohl unendlich weit entfernt, sie doch zu umgeben schien.
Und Schauer heiliger Ehrfurcht erfüllten sie.
Dann war es ihr, als stände sie nicht mehr in dem Raum, sondern als beginne sie zu schweben, als werde sie leise und leicht aufwärts getra-gen, immer in gerader Richtung nach oben. Aber der Bau hatte kein Ende, je höher sie gehoben Wurde, um so höher wölbte es sich über ihr. Anderes konnte die Seele nicht empfinden, wiewohl sicherlich anderes sie umgab. Danach schien jedes Empfinden aufzuhören, nur noch die Ehrfurcht, die Anbetung, verblieb.
Und eine Stimme durchhallte den Bau, so mächtig wie Sturmes-wehen, so lind wie Windessausen. Die Stimme aber sprach:
„Wegbereiter, höre:
Du sollst den Menschen, die reif sind dafür, meine Gebote sagen, daß sie eine feste Leitschnur haben, daran sie sich halten können auf ihrem Wege.
Ich bin der Höchste. Neben mir ist nichts. Alles, was Ihr tut, tut zu meiner Ehre und zum Nutzen der anderen Menschen. So wird es Euch selber den größten Nutzen bringen.
Achtet Euch nicht höher als alles andere Geschaffene. Pflanzen und Tiere haben sich reiner erhalten als Ihr. Vergeßt das nicht. Schützen und hegen sollt Ihr sie, dafür werden sie Euch helfen.
Dienstbar sollen sie Euch nicht werden. Vergesset nicht, daß diese kleine sichtbare Welt, die Euch gegeben, nur ein unendlich kleiner Teil jener großen unsichtbaren Welt ist, die Ihr nur ahnen könnt. Denket daran, daß jeder Eurer Schritte auch durch die unsichtbare Welt führt. und tut ihn so, daß Ihr bestehen könnt.
Haltet allezeit die Verbindung mit meinen Dienern ungetrübt. Sie werden Eure Bitten zu mir leiten, wenn Ihr recht bittet. Vor allem andern aber komme der Dank, und der Dank wandle sich in freu-diges Tun!“
Die Stimme schwieg, die Seele Zoroasters aber fühlte, als seien die Worte in sie gegraben für alle Zeit. Danach verlor sie jede Empfin-dung, und der Körper erwachte.
Erschüttert von dem Erlebten suchte Zoroaster sein Lager auf und überdachte wieder und wieder die gewaltigen Worte und ihre Bedeutung für die Menschen.
Eine Hilfe hatte er erhalten für die Bittenden. War sie auch ande-rer Art, als alle erwartet hatten, so war sie doch mächtig, solange die Menschen sich ganz rein an die Gebote hielten. Dann brauchten sie auch keinen Leiter, der ihnen sagte, was sie tun und lassen sollten. Später im Tage suchte der Wegbereiter Jadasa in ihrem Kräuter-garten, um ihr von seinem Erleben zu sprechen. Mit hellen, strah-
lenden Augen schaute sie ihm entgegen.
„Ich weiß, was Du mir bringst, Zoroaster. Auch meine Seele durf-te heute Nacht die heiligen Gebote hören, damit wir beide sie ken-nen und nimmer vergessen. Wie unendlich groß ist das Erbarmen Ahuramazdas, daß er seinen Heiligen Willen hat zum Wort werden lassen für uns Menschen.“
„Seinen Willen zum Wort!“ wiederholte Zoroaster in beglücktem Sinnen. „Weißt Du auch, was Du damit aussprichst, Jadasa?“ Sie wußte es nicht, sie hatte es sagen müssen, und es war richtig. So erging es ihr oft: sie sagte, was sie empfand, und dann hatte ein Höherer durch sie geredet.
Und wieder dankte Zoroaster Gott für die Gehilfin, die er ihm gegeben.
Am Abend trat der Wegbereiter vor die Versammlung und kün-dete sein Erleben. Es ging weit über ihr Verstehen. Sie konnten sich nicht vorstellen, daß die Seele getrennt vom Körper ein eigenes Le-ben führen könne.
Aber sie grübelten nicht. Sie nahmen von dem, was Zoroaster ih-nen sagte, soviel auf, als sie erfassen konnten. Die heiligen Gebote aber, die verstanden sie.
Zuerst sagte er ihnen alle. Danach beschlossen sie, daß er an je-dem der nächsten Abende über eines mit ihnen sprechen solle. Gleich heute begannen sie mit dem Anfang und Zoroaster versuch-te ihnen die ungeheure Bedeutung des „Ich Bin“ vor die Seele zu stellen.
Um es ganz zu erfassen, dazu dachten sie zu kindlich. Sie konnten nicht verstehen, daß Ahuramazda nötig hatte, zu sagen: „Ich Bin“; denn sie meinten, jeder Mensch müsse ihn empfinden und wissen. Und während Zoroaster die göttliche Größe dieser Worte durch-bebte, mußte er erleben, daß die andern sie wie etwas Alltägliches nahmen.
„Möchtest Du es anders haben, mein Freund?“ fragte Jadasa, als er am nächsten Morgen mit ihr darüber sprach. „Wir wollen uns freuen, daß unsere Leute ohne Zweifel allem Ewigen gegenüber ste-hen.
Denke daran, wie sie unter dem Einfluß des Bösen waren!
Entsetzliches haben wir damals mit ihnen durchgemacht. Es ist wie ein Wunder, daß sie jetzt noch eifriger dem Guten zustreben. Manchmal begreife ich es selbst nicht. Es muß eine besondere Gna-de Ahuramazdas sein.“
Am Abend legte er den Leuten das zweite Wort aus, dem sie an-fühlten, wieviel es von ihnen forderte. Jeder wußte irgendein Bei-spiel dafür anzugeben, wie oft sie sich gegen dieses Gebot, den an-dern über sich zu stellen, vergangen hatten.
Ohne Scheu berichteten sie davon, auch wenn sie sich dabei gro-ben Unrechts zeihen mußten. Sobald sie dazu setzen konnten „Das war, ehe Du kamst“, meinten sie, es sei ausgelöscht.
Ehe sie an diesem Abend auseinander gingen, fragte einer der jüngeren Leute, ob es nicht möglich sei, daß einige von ihnen den Zoroaster begleiteten, wie die Frauen es bei Jadasa taten. Sie
hätten miteinander darüber gesprochen. Sie wollten lernen und ihm helfen.
Er versprach, die Bitte seinem lichten Helfer zu sagen. Ohne Ein-willigung von oben wolle er nichts unternehmen.
In der Nacht unter dem Sternenhimmel fragte er und erhielt die Antwort, daß er die jungen Leute jetzt noch nicht mitnehmen solle. Wenn er aber weiterziehe zu einem anderen Volk, dann solle er sie rufen. Sie sollten sich inzwischen innerlich und äußerlich bereiten.
Das sagte er ihnen am Abend, und die Freude war groß, trotzdem es nicht leicht war, warten zu müssen.
„Wie lange, meinst Du, wird es währen, bis das arme Volk gelernt hat, was es lernen soll?“ wollten sie von ihm wissen.
Er sagte, das könne Monate dauern, vielleicht auch mehr als ein Jahr. Aber er wies sie nochmals darauf hin, daß der Bescheid ihm von oben geworden. Da fügten sie sich.
Die Tage und Abende vergingen gleichmäßig. Jadasa, die noch wie vordem bei ihrem Vater lebte, bereitete auch für sich alles zum Ausritt.
Nasim wollte ihr eines seiner weißen Pferde geben, doch Zoroa-ster nahm es für sich und überließ Strahl seinem Weibe.
Dabei erinnerte er sich, daß in seiner Heimat eine stattliche Anzahl Pferde auf ihn warten müsse. Vielleicht waren darunter solche, die er jetzt gebrauchen könnte. Aber wann kam er wieder in seine Heimat?
Der siebente Tag war angebrochen, lebhaft ging es zu in der Ort-schaft, die ihr Bestes verlieren sollte. Allen tat es leid, daß Jadasa schied; denn wenn sie nun wiederkehrte, würde es immer nur für kurze Zeit sein.
Das war noch nie dagewesen, daß ein Mädchen nach auswärts gefreit hatte! Aber Jadasa war immer besonders gewesen! Sie nahm rasch Abschied, um ihrem alten Vater das Scheiden zu erleichtern. Dann trabte sie Seite an Seite mit Zoroaster in den frischen Morgen hinein, gefolgt von den fröhlich schwatzenden Frauen.
Den Beschluß bildeten Mursa und Marzar, die jeder ein belade-nes Packpferd neben sich am Zügel führten.
Kaum waren sie so weit von der Ortschaft entfernt, daß sie keine der Hütten mehr erkennen konnten, da stellten sich die Kleinen ein.
Voll Freude betrachtete Jadasa die Helfer. Zooaster hatte nicht ge-wußt, daß auch sie sie sehen konnte, es war ihm eine große Beruhi-gung. So wußte er sein Weib niemals ganz hilflos.
Abends wurden drei Zelte aufgeschlagen. Jadasa betrat staunend das weiße Zelt, das ihr nun auf lange Zeit Heimat sein sollte. Unter dem Zeichen des Saoshyant durfte sie ruhen! Das war Wunder und Freude zugleich.
Köstlich waren die Tage des gemeinsamen Reitens. Viel hatten sie zu besprechen. Zoroaster berichtete Jadasa alles, was er von den Leuten wußte, bei denen sie nun gemeinsam wirken wollten.
Einmal warnte er sie, Früchte dort zu pflücken. Sie beruhigte ihn.
„Da ich die kleinen Helfer sehen und verstehen kann, bin ich auch bei den Pflanzen geschützt wie überall, Zoroaster“, sagte sie fröhlich. „Wenn ich ein Kräutlein sehe, das ich nicht kenne, so flü-stert sofort irgendein Stimmchen, ob es gut und heilsam oder ob es von schlimmer Wirkung ist.“
„Wie war Deine Mutter, Jadasa?“ fragte Zoroaster aus seinem Denken über Jadasas Wesen heraus. Es klang unvermittelt, aber sie verstand ihn sofort.
„Da sie starb, als sie mir das Leben schenkte, mußte ich mir von Fremden von ihr erzählen lassen. Sie rühmten alle ihre sonnige, hilfsbereite Art. Sie habe vieles gekonnt, was andere nicht wußten.
Wo jemand krank war, habe man sie gerufen.“
Wenn abends Rast gemacht wurde, bereiteten die Frauen das Mahl, während die Männer die Zelte aufschlugen und die Pferde versorgten.
Die Speisen wurden getrennt eingenommen, Jadasa blieb da-bei bei ihren Frauen. Danach aber saßen alle auf dem duftenden, moosigen Waldboden beisammen und lauschten dem, was Zo-roaster kündete. Stets waren diese Gespräche lehrreich auch für die Frauen.
Mursa und Marzar war es fast leid, als endlich nach mehreren Tagen die Ortschaft in Sicht kam. Nun war es vorbei mit dem trau-ten Beisammensein, nun würden Zoroaster und Jadasa ihre Arbeit haben und sich wenig mehr um sie kümmern.
Als habe Jadasa diese Gedanken gesehen, so redete sie Mursa an:
„Jetzt werdet Ihr Zoroaster kräftig zur Hand gehen müssen, wäh-
rend ich mich den Frauen widme. Vieles wird getan, manches be-sprochen werden müssen. Er wird Euch nicht entbehren können.“ Ihre Antwort wurde durch ohrenbetäubenden Lärm abgeschnitten.
Ausgestellte Wachen meldeten auf diese stürmische Weise Zoroa-sters Kommen.
Als der Wegbereiter so lange ausblieb, war großes Bangen über die Leute gefallen. Sie fürchteten, Ahuramazda zürne ihnen zu sehr und wolle nicht erlauben, daß die holde Frau und der Wegbereiter zu ihnen kämen, ihnen zu helfen.
Einzelne Männer trösteten die anderen und hatten unternom-men, ständig Ausschau zu halten und gleich Lärm zu schlagen, wenn die Rosse zu sehen seien.
Nun rannten alle Männer herbei, um ihre Freude zu zeigen. An dem Platz, wo Zoroasters Zelt vordem gestanden, wurde es wieder errichtet. Jadasa blieb zunächst unter dem Schutze der Begleiter dort zurück, während Zoroaster in die Ortschaft ging, alle zu grü-ßen, die etwa noch bei den Hütten waren.
Einzelne Frauen lugten neugierig und verlangend aus den Türen. Sie waren enttäuscht, daß sie Jadasa nicht sahen. Aber fröhlich rief der Wegbereiter ihnen die gute Botschaft zu, daß sein
Weib morgen kommen werde, nach ihnen zu sehen. Und sie kam am andern Morgen, sonnig und hilfsbereit.
Mit Lächeln trat sie in die niederen, unheimlich schmutzigen Hütten, und die Frauen begannen, sich des Unrats zu schämen, der sich da breit machte.
Sie blickten auf Jadasas einfache Gewänder, deren einziger Schmuck die Sauberkeit war, sie sahen auf ihre schmalen reinlichen Hände, die sich nicht scheuten, überall zuzugreifen. Und in diesen Frauen, die nie Besseres gesehen hatten, stieg ein heißer Wunsch auf, diesem Weibe ähnlich zu werden.
Anfangs hatte Jadasa trotzdem große Mühe, die Scheu der Frauen zu überwinden. Sie konnte kaum eine Antwort von ihnen erlangen, einzig die Augen. sprachen, die sich flehend oder dankend zu Ja-dasa erhoben, oder in Bewunderung zu strahlen begannen.
Viele Tage vergingen, ohne daß äußerlich auch nur das Geringste anders geworden wäre.
Noch hatte sie nicht gewagt, ihre Frauen zur Hilfe in die Hütten zu bringen. Sie trug ihnen allerhand Arbeit zu, vor allem ließ sie sie an dem Waldbach, der da so lustig dahinströmte, Gegenstände waschen.
Dann wurde es ihr klar, daß sie nicht zu zaghaft vorgehen dürfe. Sie rief die Tochter des Ältesten herbei und bat sie, ihr beizustehen. Sie habe sicher großen Einfluß auf die Frauen, den müsse sie nun anwenden.
Jadasa erzählte ihr, daß auch sie die Tochter eines Obersten in der Ortschaft sei, daher könne sie verstehen, wie gern das Mädchen sich hilfreich erweisen möchte.
Anara staunte. Was dachte diese fremde Frau von ihr? Sollte sie ihr sagen, daß alles das nicht zutreffe? Ach nein. Lieber wollte sie versuchen, es zutreffend zu machen.
Voll Eifer verhieß sie ihre tatkräftige Mitwirkung und bat um An-weisung, was nun zu geschehen habe.
Jadasa schlug vor, sie wollten versuchen, eine der Hütten nach der anderen zu säubern. Ob man bei der Behausung des Ortsoberhaup-tes beginnen wolle?
„Ach nein“, sagte Anara anscheinend bescheiden, innerlich aber war sie entschlossen, zuerst abzuwarten, was bei den andern
unternommen werde.
Jadasa lachte. Sie wußte gut, was das Mädchen bewegte.
„Nun wohl, so fangen wir an der andern Ecke des Ortes an“, sagte sie entgegenkommend. „Gehe doch in jene. große Hütte und bitte die Leute herauszukommen, damit wir reinigen können. Ich werde inzwischen meine Frauen rufen lassen.“
Anara verschwand in der Behausung, Jadasa schickte Mursa nach ihren Frauen, die nur zu gern kamen, aller Neugierde voll.
Drüben bei der Hütte aber erhob sich Geschrei, das immer zu-nahm. Wahrscheinlich wollten die Frauen und Kinder gutwillig ihre Behausung nicht verlassen, in deren Jahrzehnte altem Schmutz sie sich wohl fühlten,
Da ging Anara gewaltsam vor.
So mußte es sein; denn plötzlich flog aus der Hütte ein etwa zwei-jähriges Kind, das so erschrocken war über die jähe Art der Beför-derung, daß es sein Brüllen einstellte. Aber der Lärm drinnen dauerte an, und während Jadasa hinzueilte, um zu sehen, ob das Kind keinen Schaden genommen, folgte ein zweites, ein drittes, Danach kamen zwei junge Schafe und schließlich wurde eine laut heulende Frau über die Schwelle gedrängt.
„Eine von Euch Frauen muß mir helfen“, .rief Anara voller Kamp-fesfreudigkeit, „Die Großmutter ist noch drinnen und will nicht heraus!“
Lachend liefen zwei Frauen hinein und trugen dann ziemlich sanft die widerstrebende Alte ins Freie, deren Gesichtsverzerrun-gen bewiesen, daß sie lange Zeit kein Tageslicht mehr gesehen hatte. Jadasa nahm sich vor, ihre Helferinnen anzuweisen, künftig etwas weniger gewaltsam zu verfahren. Für jetzt aber war sie froh, daß die Hütte leer war. Die Frauen und Kinder hatten sich angesichts der vielen, ordentlich gekleideten Frauen beruhigt und starrten sie neugierig an.
Mutig betrat Jadasa nun die übelriechende Wohnung. Wäre sie nicht dabei gewesen, ihren Frauen wäre der Mut entsunken. Zu schlimm war es drinnen.
„Soll ich Männer rufen, daß sie das Gröbste hinausbefördern?“ fragte Jadasa, die damit den Ehrgeiz ihrer Helferinnen wecken wollte.
Sie hätte richtig gerechnet: keine der Frauen ließ es zu, daß Män-ner ihnen helfen mußten. Sie könnten mit ihrer Aufgabe allein fer-tig werden.
Sie schafften und werkten, wie noch nie in ihrem Leben. Über der Arbeit aber wuchs die Freudigkeit, sodaß sie zu singen begannen.
Da kamen aus den nahegelegenen Hütten Weiber herbei, zu se-hen, was da so Fröhliches am Werk war. Als Anara ihre Stammes-brüder erscheinen sah, besann sie sich, daß sie ein Beispiel geben sollte. Großartig machte sie sich an die Arbeit und freute sich über die Bewunderung, die sie hervorrief.
Wieviel gab es hier noch in jeder Beziehung zu ändern und zu bessern!
Plötzlich löste sich aus dem immer dichter werdenden Trupp der Zu-schauenden ein Mädchen, eilte in die Hütte und arbeitete eifrig mit.
„Mirna“, rief Anara heftig, „hier hast Du nichts zu suchen. In Dei-ner eigenen Hütte wird Schmutz genug zu entfernen sein.“
Das Mädchen blickte traurig auf Jadasa, die freundlich sagte:
„Laß Mirna helfen, Anara. Wir sind um jede Hilfe froh Wenn ihre Hütte nachher an die Reihe kommt, werden ihr andere dann auch helfen. Je mehr Frauen arbeiten, statt nur zuzusehen, um so rascher werden wir mit dieser Arbeit zu Ende kommen.“
Mirna warf ihr einen dankbaren Blick zu und machte sich wieder an die Arbeit. Nun folgten noch zwei andere Mädchen ihrem Bei-spiel, während einige der Zuschauerinnen in der Richtung auf ihre eigenen Hütten enteilten.
Und siehe da! Plötzlich erhob sich an anderen Hütten die gleiche rege Tätigkeit.
Mit Freuden sah es Jadasa. Sie gab ihren Helferinnen einen Wink, daß sie sich über die Hütten verteilen sollten, damit. die Arbeit gründlich und richtig getan werde. Sie aber rief die Besitzerin der Behausung an, in der sie eben putzten, und fragte sie, ob sie nicht auch Hand anlegen wolle. Es sei doch ihre eigene Wohnstätte, die da verschönt werde.
„Nein, ich helfe nicht!“ gab die Frau zornig zurück. „Ich habe Euch nicht gerufen. Ihr habt nichts in meiner Hütte zu suchen. Macht allein fertig, was Ihr angefangen habt.“
„Das wollen wir gern tun“, sagte Jadasa gleichmütig. „Ich meinte nur, das Zuschauen müsse Dir langweilig sein. Aber ich weiß, was Du tun kannst: so wie wir in Deine Hütte gegangen sind, so gehe Du in eine andere und arbeite dort.“
Der Vorschlag gefiel der Frau. Ihre Kinder der Alten überlassend, die vor Staunen ganz lebendig geworden war, schritt sie grinsend in die Nachbarhütte, packte dort die Kinder und beförderte sie noch viel unsanfter heraus, als es den ihren geschehen war.
Danach entspann sich ein lärmender Streit mit der Bewohnerin der Hütte, der damit endete, daß beide Frauen einträchtig Schmutz hinaus trugen.
Das war viel mehr, als Jadasa erwartet hatte. Sie freute sich darauf, es abends Zoroaster zu erzählen.
Dieser war inzwischen nicht untätig gewesen. An einem der er-sten Abende hatte er den Männern von dem heiligen Platz in Ja-dasas Heimat erzählt und das Verlangen in ihnen erweckt, einen gleichen zu besitzen.
Und da die Männer hier ausgesprochenen Schönheitssinn hatten, auch verstanden, Steine kunstreich zu behauen und allerhand Ver-zierungen anzubringen, so versprach der Platz sehr schön zu werden. Neben der Arbeit her aber lehrte Zoroaster, unterwies die Män-ner, sich gesitteter zu benehmen, sprach von ewigen Dingen und gab sich ganz in den Dienst dieses verkommenen Volksstammes.
Das Bedienen durch Frauen und Mädchen bei den Mahlzeiten hatte bereits ein Ende gefunden, seit Jadasa ihr Mißfallen ausge-sprochen hatte. Darum hielten auch sie streng an den getrennten Mahlzeiten fest, um ein Beispiel zu geben.
Während nach denselben Jadasa mit ihren Frauen zur Ruhe ging, suchte Zoroaster den Versammlungsplatz der Männer auf, um al-len, die da kamen, zu künden.
Es war, als werde er niemals müde. Oftmals mahnte Mursa und erinnerte daran, wie er früher schon erkrankt war, aber Zoroaster verlachte alle Warnungen, Er fühlte seine Kräfte ständig wachsen.
Und mitten in seiner eifrigsten Arbeit trat eines Nachts der lichte Bote Ahuramazdas vor ihn und mahnte ihn:
„Zoroaster, die Zeit der Feier auf dem Berge naht. Schon eine Fei-er versäumtest Du über Deiner Arbeit. Das war gewollt, damit die Menschen sich nach der wahren Gottesverkündung sehnen sollten. Nochmals fern zu bleiben aber würde Dir viele Wege zu ihren See-len zerstören. Schon brüstet sich der Atravan, daß Du aus Furcht vor ihm den Berg meidest.
Lasse Mursa zum Schutze Jadasas und ihrer Frauen hier zurück und reite auf kürzestem Wege mit Marzar zu Hafis. Begib Dich zum Atravan und besprich Dich mit ihm.
Du wirst weitere Weisung erhalten, sobald Du ihrer bedarfst. Aber zögere keinen Tag!
Es war Zoroaster ganz unverständlich, wie er die Feier hatte ver-gessen können. Als er es am Morgen Jadasa sagte, tröstete sie ihn.
„Es war gewollt, mein Freund. Daher waren Deine Augen gehal-ten. In Deiner emsigen Arbeit vergissest Du der Zeiten Lauf. Du wirst schwere Zeit haben mit dem Atravan, das fühle ich. Meine Gedanken werden Dich umgeben und Dich zur Ruhe mahnen.“
„Wenn Du doch selber mit mir reiten dürftest, Jadasa“, sagte Zo-roaster bedauernd.
„Noch ist es nicht die Zeit dazu. Ich kann hier nicht fortgehen und die Frauen sich selbst überlassen. Zu wenig ist noch geschehen. Äußerlich hat sich vieles geändert, aber nun muß ich erst anfangen, die unwissenden Seelen zu lehren, die Frauen erkennen und erle-ben zu lassen, warum alles geschehen ist.
Es ist auch viel besser, daß Du nach der Abwesenheit ohne Weib auf den Berg kommst. Mursa wird sich inzwischen der Männer an-nehmen. Ich glaube, er braucht das zu seinem Wachsen, denn wun-derbar entfaltet sich seine Seele.“
Großes Wehklagen erhob sich, als Zoroaster seine Absicht fort-zureiten kundtat und der Ankündigung auch sogleich die Ausfüh-rung folgen ließ. Die Gemüter beruhigten sich erst, als er ihnen klar machte, daß er bestimmt zurückkommen werde, da er ihnen sein Weib lasse.
Ohne besonderen Abschied ritt er mit Marzar eilends dahin, nachdem Mursa ihm versprochen, für alles Sorge zu tragen.
„Auf dem kürzesten Wege“, hatte der lichte Bote gesagt.
So riefen ihm auch die Kleinen zu, die ihn quer durch Bergland und Sümpfe führten auf ungebahnten Steigen. Sie ließen ihm sogar nachts keine ausreichende Ruhe.
Kaum hatten die Pferde genügend gerastet, so ging es weiter. Und weder Zoroaster noch Marzar murrten, obwohl die Müdigkeit oft groß war.
Trotz aller Eile hatten sie doch sechs Tage reiten müssen, bis sie in der Hauptstadt anlangten. Ohne Säumen ritten sie zum Palast und Zoroaster begab sich in die Gemächer des Fürsten.
Er fand freudigen Willkommen. Hafis hatte ihn erwartet.
„Wieviel Tage trennen uns noch von der Feier?“ rief Zoroaster stürmisch, kaum daß die Begrüßungen gewechselt worden waren.
„In fünf Tagen müssen wir reiten, Du kommst zur rechten Stun-de, mein Freund“, lautete Hafis’ Antwort.
„So will ich mich gleich zum Atravan aufmachen“, entschloß sich Zoroaster.
Der Fürst meinte, diesmal könne man den Priester rufen lassen, allein in dem Wegbereiter klang die Weisung des lichten Boten:
„Begib Dich zum Atravan.“ Der wollte er folgen.
So sehr es ihn verlangte, nach Dschajawa zu fragen, nahm er sich doch keine Zeit dazu. Er wollte nichts versäumen. Innerlich gefaßt, denn sein ganzer Ritt war eine innere Vorbereitung gewesen für diese Stunde, machte er sich auf, den Atravan zu sprechen.
Er fand ihn schon seiner harrend; denn obgleich Zoroaster erst kürzeste Zeit in der Stadt weilte, so hatte sich das Gerücht von sei-ner Ankunft doch schon überallhin verbreitet. -So hatte der Prie-ster Zeit gehabt, sich zu fassen und allen Widerstand, dessen seine Seele fähig war, zu sammeln. Er begrüßte seinen Besucher mit Ehr-erbietung; denn er war doch betroffen von der selbstverständlichen Hoheit, die von ihm ausging.
Zoroaster schien gewachsen, es schien, als überrage er alle Men-schen nicht nur geistig, sondern auch körperlich. Daneben strahlte das Zeichen Ahuramazdas von seiner Stirn, das der Atravan zwar nicht deuten konnte, dessen Glanz aber sogar er bemerken mußte. Nachdem der Gruß getauscht worden, schwiegen beide Männer. Jeder wartete, daß der andere beginnen werde. Da entschloß sich der
Atravan, dem dieses Schweigen unbehaglich wurde, es zu brechen.
„Hast Du die Absicht, an der Feier auf dem Berge teilzunehmen, Zoroaster?“ fragte er lauernd.
Der Gast bejahte.
„Du hast die letzte Feier versäumt. Ich meinte, Du würdest dazu herkommen.“
Zoroaster schwieg. Was sollte er darauf antworten? Wieder ergriff der Priester das Wort:
„Wir werden Dich gern bei der Feier sehen, aber vergiß nicht, daß Du als Besucher kommst wie alle übrigen.“
„Was meinst Du damit, Atravan?“ fragte Zoroaster ruhig und ver-wundert.
„Ich meine, daß Du nicht reden darfst. Du bist Besucher, nicht Priester der Feier. Reden werde nur ich. Es werden diesmal auch die Priesterinnen nicht zu Worte kommen, da sie damals die Gelegen-heit ohne meine Erlaubnis an Dich abgetreten haben.“
„Ich habe den Menschen in Ahuramazdas Auftrag etwas zu kün-den“, erwiderte der Wegbereiter bestimmt. „Ich werde reden. Des-wegen bin ich zu Dir gekommen, weil ich in Ruhe das alles mit Dir besprechen möchte.
Atravan, bedenke : wir beide sind Diener des höchsten Gottes. Laß uns Hand in Hand das Volk lehren. Nur so kann Segen auf unserer Arbeit ruhen.“
„Du irrst“, unterbrach der Atravan schneidend. „Ich bin ein Die-ner Mithras, zu dessen Ehren das Fest stattfindet. Ich werde von Mithra und den Göttern künden, ob Du es willst oder nicht.“
„Du weißt doch, Atravan“, wollte Zoroaster begütigen, „daß alle Götter unter Ahuramazdas Willen stehen, daß sie selber Diener sind.“
Da brach es aus dem Priester, der seine Würde und seinen Einfluß bedroht sah:
„Du willst Mithra das Fest rauben, wie Du ihm die Anbetung der Menschen genommen hast und immer mehr nimmst. Damit willst Du Dich selber nur groß machen vor den Leuten. Gehe hin, woher Du gekommen bist, und störe uns hier nicht. Vielleicht bist Du eben solcher Betrüger wie der falsche Zoroaster, von dem Du erzählt hast!“
Ohne auf die Anschuldigung einzugehen, sagte Zoroaster mit schneidender Stimme:
„Atravan, ich befehle Dir, der Feier fern zu bleiben! Ein Mensch mit Deiner Gesinnung kann nicht länger Priester sein.“ Gellend lachte der Betroffene auf.
„Wie willst Du mich hindern, doch zu erscheinen, wenn ich kom-men will?“
„Das ist nicht meine Sache, sondern dessen, der mir soeben den Befehl gab, Dich abzusetzen, abtrünniger Priester!“ sagte Zoroaster kalt.
Ohne ein weiteres Wort verließ er den Wütenden. Dann begab er sich in den Palast zurück. In seinem Gemach rang er nach Fas-sung; denn trotz seiner äußerlichen Ruhe stürmte und brandete es in ihm.
Hatte er recht gehandelt? Deutlich hatte er die Stimme zu hören vermeint, die ihm die Worte angab, die er aussprechen sollte.
Er rief nach dem lichten Boten. Dieser stellte sich sofort ein.
„Du tatest recht, Zoroaster“, sagte er. „Mit solchen Leuten, wie es der Atravan ist, soll man keine Geduld haben. Zuviel
Schaden könnte er anrichten, wenn er bei dieser Feier zugegen wäre; denn sein Herz gehört nur noch sich selbst. Auch die Beru-
fung auf Mithra ist eine Unwahrheit. Er hat sich auch von den Göt-tern losgesagt, da er merkt, daß sie ihm nicht mehr helfen.
Das Amt eines Atravan wird überflüssig, sobald die Feiern in richtiger Weise durch Dich abgehalten werden.
Lasse die Priesterinnen und die Mobeds kommen und unterweise sie, was sie zu tun haben.“
Noch lange betete Zoroaster, nachdem der Bote von ihm gegan-gen, danach suchte er Hafis auf.
Dieser war gar nicht erstaunt über das, was der Wegbereiter zu berichten hatte.
„Ich wußte, daß es so kommen würde. Die letzte Feier war hohl und leer“, sagte er ernst. „Laß uns zu Dschajawa gehen, er wird hö-ren wollen, wie es Dir erging.“
Große Freude erfüllte Zoroaster bei der Kunde, daß der Alte noch lebte. Er mußte uralt sein!
„Zoroaster, mein Sohn und Herr“, begrüßte er die Eintreten-den. „Mir wurde geoffenbart, daß Du kommen werdest. Nun wird Wahrheit und Klarheit bei uns einziehen.“
Zoroaster sprach von seiner Unterredung mit dem Atravan und der bedeutungsvollen Wendung, die dieselbe genommen. Aber auch Dschajawa nahm es als ganz selbstverständlich an, daß ein Atravan entbehrlich sei, sobald der Wegbereiter sein Amt als ober-ster Priester im Volk angetreten habe.
„Das wirst Du bei dieser Feier tun, Zoroaster“, sagte Dschajawa beglückt. „Danach hat es ein Ende mit dem jahrelangen Umherzie-hen. Andere werden das an Deiner Stelle tun müssen, die Du hier sorgsam dafür vorbereiten wirst. Ich sehe einen Strom von Segen sich aus dieser Stadt über das Land ergießen!“
Er sprach seherisch mit nach innen gekehrten Augen.
Ein Diener meldete, daß die Priesterinnen auf Zoroasters Botschaft gekommen seien. So hatte die Unterredung zunächst ein Ende, ohne daß Zoroaster hatte von seinem Weibe sprechen können.
In einem schönen Gemach fand er die vier Frauen seiner harrend. Sie waren erfreut, daß er die Feier halten werde, und versprachen, daß sie in allem nach seinen Weisungen verfahren würden.
Auf seine Frage, ob sie etwas zu berichten hätten, sagte dieÄlte-ste, daß sie gern auf das Sprechen verzichten würden. Es sei ihnen nie leicht gefallen. Nachdem sie nun schon bei zwei Feiern hätten schweigen dürfen, zögen sie vor, es auch weiter zu tun.
Das war Zoroaster recht, der wohl wußte, daß später Jadasa zum Volke reden würde. So brauchte er dann nicht erst die anderen bei Seite zu schieben.
Nun wollten sie wissen, ob man Flammen werde entzünden sol-len, trotzdem das Fest nicht mehr Mithra zu Ehren gefeiert werde. Zoroaster war dafür, daß man die äußere Form möglichst bestehen lassen solle. Er werde sagen, daß die Flammen Ahuramazda zu Eh-ren zum Himmel emporstrebten.
Danach kamen die Mobeds und die Priesterinnen gingen.
Sofort, als die Jünglinge eintraten, sah Zoroaster, daß sie uneins waren. Während zwei licht und fröhlich ihm entgegen schauten, wirkten die andern dunkel und ihre Blicke hoben sich mürrisch vom Boden.
„Du hast uns rufen lassen, Zoroaster“, begann der Älteste, „und wir sind gekommen, trotzdem wir nicht gewohnt sind, von einem anderen als vom Atravan Befehle entgegenzunehmen.“
„Ich ließ Euch auf Befehl Ahuramazdas, als dessen Diener ich vor Euch stehe, zu mir entbieten. Der Wegbereiter, nicht der Mensch, ließ Euch rufen.
Ihr werdet Euch denken können, daß in diesem Jahr die heilige Feier ein wenig anders vor sich gehen muß als sonst. Sie wird Ahu-ramazda zu Ehren gehalten werden, für ihn werden die Flammen aufsteigen!“
Er schwieg einen Augenblick und schaute die vor ihm Stehenden an. Einer der fünf Widerstrebenden hatte schon den Gesichtsaus-druck geändert. Gespannt blickte er auf Zoroaster, aber mit einer Spannung, die nichts Feindseliges mehr hatte.
Der Älteste indessen benutzte die Pause, um sich vernehmen zu lassen
„Du kannst Dir die Mühe sparen, uns dies zu erklären. Wir kom-men vom Atravan, der uns die ungeheure Anmaßung geschildert hat, mit der Du ihm gegenüber getreten. Meine Freunde und ich sind auch nur gekommen, Dir zu sagen, daß wir an der Seite unse-res Herrn bleiben wollen, komme, was kommen mag. Wir werden mit ihm zum Feste gehen und unseres Amtes walten.“
Er hatte erwartet, daß Zoroaster aufflammen werde, doch dieser antwortete gelassen:
„Es macht Euch Ehre, daß Ihr dem die Treue halten wollt, der seither Euer Lehrer gewesen. Euer Herr war er niemals. Solange Ihr noch nicht begriffen habt, um was es hier geht, solange könnt Ihr nicht anders, als zu dem stehen, der seither Atravan war.
Aber gerade um Euch das zu erklären, ließ ich Euch rufen. Be-denket: als Mobeds seid Ihr nicht Diener des Atravan, sondern Diener Ahuramazdas. Als seine Diener müßt Ihr Euch seinem Willen beugen. Mit dem Kommen des Wegbereiters sind wir in eine neue Zeit eingetreten, die selbstverständlich Neues mit sich bringt.
Ein großer geistiger Aufschwung wird über unser Reich kom-men. Wer von Euch ihn mitmachen will, ist willkommen als Helfer. Wer meint, es nicht zu können, darf gehen. Ohne Groll sehe ich die scheiden, die meinen, Ahuramazda nicht in der rechten Weise dienen zu können.“
Er blickte sich um.
„Wenn das so ist, Zoroaster, und ich fühle, daß Du die Wahrheit sprichst“, sagte einer der bisher Schwankenden, „so sind wir dank-bar, weiter dienen zu dürfen. Nimm uns mit auf den Berg der Feier und sei sicher, daß Du über uns nicht zu klagen hast.“
„Wie kannst Du Dich erdreisten, für uns alle zu sprechen“, fuhr-der Älteste auf. „Hier muß jeder einzelne sich selber entschließen. Unbeeinflußt muß er sagen, ob er dem Atravan treu bleiben oder dem Neuen anhangen will.“
„Du hast wieder recht gesagt, mein Freund“, lobte Zoroaster. „Die Entscheidung ist so schwerwiegend, wie Ihr sie Euch vielleicht noch gar nicht vorstellt. Sie geht weit über Euer jetziges Leben hinaus. Darum muß ein jeder sie unbeeinflüßt selber treffen. Und deshalb frage ich Euch: wollt Ihr Bedenkzeit haben bis morgen?“
Fragend blickte er sich um.
„Für mich bedarf es deren nicht“, sagte der Jüngste im Kreise.
„Ich bitte Dich, Zoroaster, daß Du mich als Deinen Schüler und Diener Ahuramazdas annehmest.“
„Auch ich bitte um das Gleiche“, sagte ein anderer. „Treu will ich dem höchsten Gott und Dir als seinem Diener ergeben sein.“
„Auch für mich bedarf es keiner Bedenkzeit“, ließ sich derÄlteste vernehmen. „Ich erkenne Dich nicht an. Du wagtest, an dem Atra-van zu freveln. An seiner Seite will ich stehen, wenn er über Dich triumphiert.“
Ohne eine Antwort abzuwarten, verließ der Mann den Raum. Ein anderer folgte ihm wortlos nach.
Wie ein Aufatmen ging es durch die anderen. Die übrigen drei gelobten, Ahuramazda treu dienen zu wollen, und Zoroaster sah, daß es ihnen ernst war.
Er besprach nun ihren Dienst mit ihnen, der sich wenig von dem seither geübten Brauch unterschied.
„Die zwei ausgeschiedenen Mobeds werden uns fehlen“, wagte ei-ner zu sagen. „Wir müssen zu allen Verrichtungen immer sieben sein.“
„Ihr werdet es auch diesmal sein“, beruhigte sie der Wegbereiter.
„Ich habe schon zwei neue Schüler, die genug von dem wissen, was ich künde, um sich sofort einzupassen.“
„So werden sie mehr wissen, als wir, Herr“, sagte der Jüngste schüchtern. „Du mußt Geduld mit uns haben.“
Zoroaster versprach es und forderte dann die Jünglinge auf, bis zum Tag des Ausrittes täglich zur Unterweisung zu ihm zu kom-men. Darauf freuten sie sich.
Abends, als Hafis und Zoroaster bei Dschajawa saßen, konnte der Wegbereiter endlich von dem erzählen, was sein Leben äußerlich doch beeinflußte, Er sprach von Jadasa und wie sie an dem verkom-menen Volk wirke, da sagte Dschajawa freundlich:
„Du wirst sie holen müssen in einiger Zeit, Zoroaster, damit sie hier Jüngerinnen ausbilde, wie Du Priester lehrst. Dein Weib muß an Deiner Seite bleiben, damit sie Dir in rechtem Sinn Gefährtin sein kann.“
Erstaunt blickte Zoroaster den Alten an.
„Woher weißt Du, daß sie mein Weib geworden, mein Vater?“ fragte er erstaunt.
Die beiden Männer lachten und Hafis sagte:
„Dschajawa war stets so mit Dir verbunden, daß er mir künden konnte, was mit Dir vorging. Wir mußten doch wissen, ob Dir Ge-fahr drohte, damit ich Dir zu Hilfe kommen konnte. Auf diese Wei-
se wußten wir, daß Du Dich vermählt hattest, und wir freuten uns dessen. Das ist die rechte Ergänzung für Dich. Dein sanftes Weib wird Deinen Flammengeist zügeln.“
Lange noch sprachen sie von allem, was der Wegbereiter in den zwei Jahren erlebt. Vom Atravan aber redeten sie kein Wort. Die schlimme Sache mußte sich nun ausleben.
Am nächsten Morgen rief Zoroaster Marzar und Sadi zu sich. Letzterer war zwar gesund geworden, aber reiten würde er wohl nimmermehr können. Das lag wie ein Druck auf ihm, hatte er doch selbst das verschuldet, was ihn nun für immer von Zoroaster fern halten würde, wie er meinte.
Groß war sein Glück, als der Wegbereiter ihm und Marzar kün-dete, daß er sie als Schüler, als Mobeds, aufnehmen wolle. Schon bei dieser Feier sollten sie mitwirken dürfen. Später aber sollten sie in andere Ortschaften gehen, um dort als Priester zu wirken.
„Und wer reitet mit Dir, Herr?“ fragte Marzar, trotz der Freude, die ihn erfüllte.
„Ich werde nicht mehr oft ausreiten, wenigstens nicht mehr auf lange Zeit. Wer mich dann begleiten wird, weiß ich noch nicht.“
Pünktlich stellten die fünf Mobeds sich ein. Zoroaster merkte, daß der Atravan mit ihnen gesprochen hatte. Aber es war ihm nicht gelungen, sie unsicher zu machen. Gefestigter als gestern blickten sie ihm entgegen.
Nun begann Zoroaster die Sieben zu lehren. Es war eine ande-re Unterweisung, als die Mobeds sie gewöhnt waren. Kein Wort sprach Zoroaster von seinem hohen Amt oder der schuldigen Ehr-furcht vor seiner eigenen Person. Seine Reden waren erfüllt von der Anbetung Ahuramazdas.
Am Nachmittag sagte Fürst Hafis, er wolle seinem Gaste etwas zeigen. Gemeinsam schritten sie aus der Stadt zu einem am Walde gelegenen Gehege.
Weiße Rosse in allen Größen tummelten sich dort. Es war eine Freude, das Bild zu sehen.
„Das sind Deine Pferde, Zoroaster“, erklärte Hafis befriedigt.
„Vor kurzem ließ mich Dein Oheim Sadif wissen, daß Deine Pferde ihm zuviel Platz raubten. Er wollte wissen, ob Du noch am Leben seiest, oder ob er die Pferde verkaufen dürfe. Da ließ
ich sie hierher holen; denn mich dünkt, Du wirst ihrer bald be-dürfen.“
In allem, was Hafis tat, verspürte Zoroaster immer aufs neue die Liebe, die er zu ihm trug. Er dankte dem Fürsten und betrachtete mit Kennermiene die sehr wohlgehaltenen Pferde.
„Einst gabst Du mir Strahl, Hafis“, meinte er. „Willst Du Dir jetzt nicht eine Gegengabe wählen?“
Hafis hatte bereits gewählt. Eine schmucke Stute erbat er sich, und Zoroaster freute sich, geben zu können.
Am folgenden Tage fragte er die Mobeds, ob sie reiten könnten. Sie bejahten alle, darauf gab Zoroaster Marzar und Sadi Anwei-
sung, die fünf anderen zu prüfen und, wenn nötig, noch einzuüben. Er wollte, daß sie alle mit ihm reiten sollten. Jeder erhielt ein wei-ßes Pferd, auch Zoroaster nahm an Stelle des von Nasim erhaltenen Gaules eines der edlen Rosse.
So ritt am sechsten Tage ein stattlicher Zug aus Hafis’ Palast dem Berge entgegen. Zoroaster hatte nichts mehr vom Atravan gehört, so hoffte er, der ehemalige Priester werde seine Torheit eingesehen und auf den Besuch des Berges verzichtet haben.
Als Zoroasters Reitertroß indessen eine Tagereise weit entfernt war, überholte er den Atravan, der sich von den beiden Mobeds tragen ließ, während fünf andere zur Ablösung und Ergänzung hinterher schritten.
Zoroaster wollte schweigend vorüber reiten, indessen rief der Atravan ihn an, so daß der Wegbereiter sein Roß anhielt.
„Wie Du siehst, hat mich Dein Gott nicht am Kommen gehin-dert“, rief er hämisch. „Hüte Dich, meine Pläne und mein Amt zu durchkreuzen. Ich werde mir nichts von Dir gefallen lassen und es wird Deine Schuld sein, wenn das Fest in allgemeine Streiterei aus-artet. Ich habe meine Anhänger bestellt, daß sie den Deinen überall entgegentreten.“
Ohne ein Wort ritt Zoroaster weiter. Hafis dagegen, der den Atra-van eigentlich nicht kannte, war entsetzt, daß ein Mann, der Priester gewesen, solche Gedanken hegen konnte. Aber auch jetzt sprachen sie nicht mehr davon. Jeder bereitete sich innerlich auf die Feier.
Zur rechten Zeit kam man oben an, wo Zoroaster von den Mo-beds den Platz bereiten und die Steine schichten ließ.
Da der Atravan die heiligen Schalen verschlossen hielt, hatte Zo-roaster andere mitgebracht, die kunstvoller gearbeitet waren als die alten. Er hatte sie bei den Leuten erstanden, bei denen Jadasa noch weilte.
Sorglich walteten alle ihres Amtes, auch die Priesterinnen, so-daß bei Einbruch der Dunkelheit die Flammen entzündet werden konnten. Vom Atravan oder seinen Genossen war nichts zu sehen.
Dafür kamen die Leute in Scharen. Der Berg konnte die Menge kaum fassen.
Beim Anblick Zoroasters stutzten sie, aber es war ein freudiges Stutzen. Auch die, die vielleicht gekommen waren, um für den Atravan einzutreten, verhielten sich still, da sie den Anführer nicht erblickten.
Statt des Gebets an Mithra sprach Zoroaster eines zu Ahuramaz-da. Es kam aus tiefster Seele und machte all die anderen Seelen mit-schwingend.
Danach sprach er.
Er erinnerte sie daran, daß die neue Zeit angebrochen sei. Gott habe den Wegbereiter des Saoshyant gesendet, der Helfer werde folgen, wenn die Erde zu seinem Empfang bereitet sei. Dazu aber könne jeder beitragen, wenn er sich selber bereite, dem Heiligsten würdig zu begegnen.
Es sei an der Zeit, Ahuramazda zum alleinigen Herrscher über die Seelen zu machen, der er immer gewesen. Nun sollten alle Men-schen es wissen, daß die, die sie bisher als Götter angebetet, herr-liche Diener des Allerhöchsten Gottes seien. Ein Ende müsse der Götter-Dienst haben, an seine Stelle dürfe der Gottes-Dienst treten. Und da Gott so unendlich viel erhabener sei als die Götter, so müßten die Menschen sich auch viel mehr strecken und mühen, ihm zu dienen. Ein innerer Ernst müsse über die Seelen kommen.
Sie müßten lernen, im Willen des Ewigen zu leben.
Damit sie das aber könnten, habe der Höchste Gott sich erbar-mend geneigt und seinen Heiligen Willen zum Wort wer den las-sen. Er habe seinen Willen in Gebote geformt, die alle Menschen sich ins Herz schreiben sollten.
Und langsam und feierlich sprach der Wegbereiter die Heiligen Gebote, die er erhalten.
Danach dankte er Gott in heiligem Gebet für diese Gnade und entließ die Menschen. Den Frauen aber gestattete er, sich Feuer-brände mitzunehmen, wie es der Brauch bisher gewesen war.
„Die Flammen brennen Ahuramazda zu Ehren. Denket an Ihn und lasset Eure Seelen brennen!“
Als dann später die Männer wieder erschienen und sich lagerten, erzählte Zoroaster von den Dienern Gottes, den großen und den kleinen, und sagte, wie es Gottes Wille sei, daß auch die Menschen sich einordneten in dieses weise Gefüge.
Später fragten einige der Männer nach dem Atravan. Zoroaster sagte:
„Er wollte kommen, doch muß ihn unterwegs etwas gehindert haben. Vielleicht trifft er morgen ein.“
Am nächsten Tage verkündete Zoroaster, daß es die Absicht sei, möglichst in jeder größeren Ortschaft einen Priester einzusetzen, der regelmäßig Versammlungen abhalten und die Leute unterwei-sen sollte.
„Ich selbst will diese Priester lehren, daß sie die Heiligen Ewigen Wahrheiten recht verkünden können“, versprach Zoroaster. „Wer nun von Euch Freude und Zeit hat, seine Kraft ganz in den Dienst des Allerhöchsten zu setzen, der melde sich nachher, damit ich sehe, ob er geeignet ist.
Wenn wir dann überall Andachten halten können, immer zur gleichen Zeit an allen Orten, dann wird durch unser Volk ein Em-porschwingen gehen, das alle mitreißen muß. Dann werden wir uns recht bereiten können auf die herrliche Zeit, wenn der Saoshyant vom Himmel herniederkommen wird, um unter uns zu leben.“
„Meister“, fragte ein Mann aus der Versammlung, „gibt es noch an-dere Völker außer dem unseren? Wissen die anderen auch von dem kommenden Helfer? Oder mußt Du später noch zu anderen Völkern gehen, über die hohen Gebirge hinüber, um auch sie zu bereiten?“
„Es gibt wohl noch andere Völker“, sann Zoroaster, „doch ihnen wird Gott andere Wegbereiter senden. Jedem Volk den, den es ha-ben muß zu der Zeit, die Gott für die beste hält.“
Durch diese eine Frage aber waren alle anderen entfesselt. Frage reihte sich an Frage und voll Freude antwortete der Zoroaster, sah er doch daraus, wie sie alle gepackt waren.
Auch an diesem Tag ließ sich nichts vom Atravan gewahren. Ebenso verging der dritte Tag, an dem Zoroaster die Gebote Ahuramazdas im Einzelnen durchsprach, abermals Fragen ge-stattend.
Ein Dankgebet schloß die Feier, die ungestört und tiefbewegend verlaufen war.
Aber die Menschen wollten noch nicht auseinandergehen. Zuerst meldeten sich etwa zwanzig junge Leute, die als Mobeds zu Zoroa-ster kommen wollten.
Ihre Väter waren anwesend, so daß die Frage, ob sie daheim ent-behrlich seien, sofort besprochen werden konnte. Danach beschied Zoroaster sie, sie sollten in sechs Monaten in die Hauptstadt kom-men und dort nach ihm fragen.
Sie waren enttäuscht, daß sie ihn nicht gleich begleiten durften. Er sagte ihnen, daß seine Pflicht ihn erst noch in eine entfernte Ge-gend riefe, daß er aber danach zu treffen sein werde.
Dann erhob sich die Frage: Zoroaster habe einen Volksstamm ein Lied gelehrt, ob alle andern das nicht auch haben dürften.
Lächelnd willigte er ein und ein Wettsingen begann, das zuerst al-les andere als schön war. Die Männerkehlen waren an Singen nicht gewöhnt. Schließlich aber begriffen sie, daß es auf Wohllaut und nicht auf lautes Schreien ankam. Da wurde es viel besser.
Danach aber verlangte Zoroaster, daß der Platz und der Berg ge-räumt würden.
Das Fest war so herrlich verlaufen, sie wollten alle eine Erinne-rung an das Große, das sie erlebt, mitnehmen und sich nicht das Erinnern durch nachfolgende weniger schöne Tage verderben. Das begriffen sie und gehorchten willig.
Als alle geschieden waren, ließ Zoroaster den Platz wieder in den ursprünglichen Zustand versetzen. Dann machten auch Hafis und er sich mit ihrem Troß wieder auf den Weg.
Gerade als sie den Berg verlassen wollten, hörten sie lautes Rufen. Aus entgegengesetzter Richtung kam der Atravan mit seinen sieben Mobeds. Sie hatten sich so gründlich verirrt, daß sie die drei Feier-tage lang umhergestreift waren.
Einer der Mobeds berichtete es, während der Atravan in trotzi-gem Schweigen verharrte. Er sah, daß Ahuramazda sein Kommen nicht gewünscht und es rechtzeitig verhindert hatte, aber er wollte noch nicht nachgeben.
Zoroaster fragte den Mobed, der Auskunft gegeben hatte, ob sie genügend Lebensmittel hätten. Der Jüngling bejahte. Da sah der Wegbereiter keinen Grund mehr zu bleiben. Mit freundlichem Zu-rufe entfernte sich der weiße Troß.
„Wenn nun der Atravan nochmals eine Feier auf dem Berge ver-anstaltet?“ fragte einer der Mobeds.
„Was schadet das?“ entgegnete Zoroaster. „Mag er zu Mithra be-ten. Ahuramazda kann es nicht berühren.“
Nach einigen Tagen kamen sie in der Hauptstadt an. Nun hielt es Zoroaster nicht länger, er mußte nach Jadasa sehen.
Hafis versprach ihm, inzwischen Gemächer für ihn und sein Weib herrichten zu lassen. Er wollte zu diesem Zweck an den Pa-last anbauen lassen. Auch ein geräumiges Gemach, groß genug, um Andachten darin zu halten und die jungen Leute zu unterweisen, sollte angebaut werden.
„Wäre es nicht richtiger, wenn ein gesonderter Bau erstellt würde für diesen Zweck?“ meinte Zoroaster. „Es wäre ja nicht beschwerlich, wenn ich zu den Unterweisungen mich an eine andere Stelle zu begeben hätte. Ich meine aber, dieser neue Bau müßte zwei große Räume umfassen; denn Jadasa wird die Priesterinnen auch unterrichten wollen.“
„Wir müssen auch noch zwei Bauten errichten, in denen die weib-lichen und die männlichen Jünger wohnen und schlafen können“, beschloß Hafis.
Er merkte schon, daß ihm die Zeit nicht lang werden würde bis zu des Wegbereiters Rückkehr. Aber eine Frage beschäftigte ihn noch Zoroaster hatte gesagt, daß Andachten in dem Bau abgehalten
werden sollten!
„Wir haben noch nie anders gemeinsam gebetet als im Freien, Wegbereiter“, sagte er nachdenklich. „Meinst Du wirklich, es sei Ahuramazda recht, wenn wir uns dazu in ein von Menschenhän-den erbautes Haus einschließen?“
„Bisher habt Ihr ja auch nur einmal im Jahr auf dem Berge ge-meinsam angebetet, Hafis“, gab Zoroaster zurück. „Von jetzt an aber werden wir regelmäßig gemeinsam beten und über heilige Dinge sprechen. Das können wir in einer Stadt, in der allerhand
Vieh durch die Straßen läuft, wo Boten aus anderen Orten kommen und gehen, nicht auf einem freien Platz tun.
Daher meine ich, für diese Besprechungen müßten wir einen gro-ßen Raum haben, den wir würdig ausschmücken könnten.“
Nun war es auch Hafis recht. Er freute sich sogar auf die Ausge-staltung dieses Raumes, an die er aber erst nach des Wegbereiters Rückkehr gehen wollte.
Der Abschied von Dschajawa war herzlich. Zoroaster bangte, er werde den Alten nicht mehr antreffen, doch dieser tröstete ihn:
„Erst muß ich noch Dein junges Weib segnen, Zoroaster, dann bin ich bereit, in andere Reiche zu gehen.“
Sadi, der zurückbleiben mußte, sollte sich um die fünf Mobeds kümmern und ihnen von dem mitteilen, was er selbst erlebt hatte. Zoroaster aber ritt mit Marzar fröhlich der fernen Gegend zu, wo Jadasa seinem Kommen entgegensah.
Diesmal durfte er auf gebahnteren Wegen reiten. Obgleich seine Ungeduld ihn gern wieder über Stock und Stein getrieben hätte, waren die Kleinen nicht zu bewegen, den kürzesten Weg zu zeigen. Sie kicherten und freuten sich, daß er sich fügen mußte.
Endlich aber war sein Ziel doch erreicht. Im Strahl der scheiden-den Sonne lag die Ortschaft vor ihm, die ihm lieb geworden war trotz oder wohl noch mehr wegen der vielen Mühe, die sie ihm verursacht hatte.
Bald waren die beiden Reiter entdeckt. Männer scharten sich um sie, und während Marzar die Pferde unterbrachte, suchte Zoroaster sein Weib.
Er fand sie inmitten einer Schar Mädchen, die, ordentlich geklei-det, beisammen saßen und nähten. Sie waren sich des Eindrucks, den sie auf Zoroaster machen mußten, wohl bewußt, und während Jadasa den Gatten begrüßte, nähten die Mädchen weiter, als müß-ten sie jahrelange Versäumnis plötzlich wieder gut machen.
Er machte ihnen die Freude, ihren Fleiß und ihr geordnetes Aus-sehen zu bewundern. Danach ließ er sich von Jadasa überall dahin geleiten, wo es etwas Neues zu sehen gab.
Der Ort hatte sich sehr verändert. Die Hütten hatten ein schmuk-kes Aussehen, hier und da waren sogar kleine Verschönerungen angebracht. Auch einige Gärtchen hatte man angelegt.
Eben kam Mursa mit einem Trupp junger Männer von der Jagd. Geordnet ging es beim Austeilen der Beute zu, Nicht mehr die
Frauen mußten die Wildstücke in die Hütten schleppen, sondern die Männer trugen sie gesittet in ihr Heim, Zuletzt kehrte auch der Oberste zurück und freute sich, Zoroaster wiederzusehen.
„Heute abend will Mursa auf dem heiligen Platz zu uns sprechen“, berichtete er stolz. „Du kommst doch auch?“
Zoroaster versprach es. Kaum fand er Zeit, Jadasa von seinen Er-lebnissen zu erzählen, so stark war er sofort in dem Getriebe dieser Ortschaft gefangen.
Das ging einige Tage. Danach erklärte Zoroaster, er müsse jetzt in die Hauptstadt zurückkehren, wo größere Pflichten seiner warte-ten. Er lasse ihnen Mursa, der sich Anara zur Gehilfin erkoren. Das war allen recht. Sie hatten sich an Mursa gewöhnt und liebten ihn. Über Anara aber sprach Jadasa sehr lobend. Sie habe sich zum Besten geändert. Ihre gelegentliche Tatkraft schade nichts, das brauchten die Frauen von Zeit zu Zeit, damit sie nicht wieder in
Träumerei und Trägheit versänken.
Nun, unterrichtete Zoroaster sein Weib darüber, daß er die Ab-sicht habe, zunächst in ihre Heimat zurückzukehren, um die Jüng-linge zu holen, die ihn als Schüler begleiten wollten, und um die Frauen sicher heimzugeleiten.
Und wie Zoroaster geplant, so geschah es.
Nasims Freude war groß, daß er die Tochter wiedersehen durfte, noch größer, als er erfuhr, daß sie in Zukunft in der Hauptstadt im Palast des Fürsten leben würde.
Er hatte gebangt, daß ein solches Leben, wie sie es jetzt geführt hatte, auf die Dauer zu beschwerlich für sie werden würde. Besseres aber konnte er sich nicht wünschen, als die Tochter im Palast des Beherrschers des Reiches geborgen zu wissen.
Die jungen Leute waren froh, daß ihre Zeit endlich gekommen-Ja-dasa erwählte noch eine Anzahl Jungfrauen, die sie unterweisen wollte. Sie sollten zu Helferinnen, nicht zu Priesterinnen ausgebildet werden. Noch ehe die sechs Monate um waren, von denen Zoroaster gespro-chen, war er mit einem stattlichen Zuge auf dem Ritt in die Hauptstadt. Damit begann ein ganz neuer Lebensabschnitt für ihn. Seine Wanderzeit war abgeschlossen, wie vordem die Lehrzeit. Er war jetzt der oberste Priester in Iran, nicht mehr der Wegbereiter, son-dern der Weg-Erhalter.
Wie ein kleiner Palast waren die Räume des Zoro-Tushtra, des Weg-Erhalters, wie er von jetzt an hieß, an den stattlichen Palast des Hafis gefügt. Ein Reich für sich, das aber in jedem Augenblick erwünschten Zusammenhang mit dem Allgemeinen finden konnte. Hier wirkte Jadasa mit ihren Dienerinnen, denen sich in getrenn-ten Räumen zur Bedienung des Zoro-Tushtra einige Männer ge-
sellten.
Es war ein Reich voll Frieden und Frohsinn.
Die beiden Hallen waren bereits fertiggestellt, jedoch fehlte ih-nen noch der Schmuck. Hafis konnte es kaum erwarten, bis er dem Freund zeigen konnte, was er sich dafür erdacht.
Ganz gleich lang und breit waren die beiden großen Räume. Sie grenzten aber nicht aneinander, sondern zwischen ihnen lagen mehrere kleine Gemächer, in die sich Jadasa und Zoro-Tushtra zu stiller Betrachtung zurückziehen konnten.
Andere ähnliche Räume waren zur Aufbewahrung heiliger Scha-len und dergleichen gedacht. Das Gebäude wirkte nach außen hin wie ein gleichmäßiges Viereck, das platte Dach vervollständigte diesen Eindruck.
Hafis hatte schon allerhand herbeigeschafft, was den Räumen als Schmuck dienen konnte, aber er wollte. nichts anbringen las-sen, das nicht von dem obersten Priester des Reiches gutgehei-ßen war.
Zunächst mußten die Bauten zur Unterbringung der Jünger be-sichtigt werden, die, in Gärten eingebettet, rechts und links von dem Hallenbau lagen. Auch sie waren langgestreckte Baulichkeiten, die sich wenig von den sonst üblichen unterschieden.
Sie waren schon von den aus Jadasas Heimat mitgekommenen Jungfrauen und Jünglingen belebt. Bei den Männern führte Sadi die Aufsicht, der mit seinen Mobeds ebenfalls eingezogen war. Für die Frauen bestimmte Jadasa diejenige, die über das Wohlergehen der anderen zu wachen hatte.
Sehr bald entwickelte sich reges, arbeitsreiches Leben, das in fest-gefügten Bahnen schwang.
Täglich lehrten Jadasa und ihr Gatte in den beiden Hallen, und während sie danach die Frauen in allerhand weiblichen Arbeiten unterwies, die nutzbringend zur Ausschmückung der Räume, zur eigenen Bekleidung oder für Arme waren, suchte Zoro-Tushtra Hafis auf oder begab sich zu Dschajawa, der stets voll Freude sein Kommen erwartete.
Zwischen dem Alten und Jadasa hatte sich sofort ein enges Band geschlungen. Er erkannte ihre Reinheit, die durch nichts zu trüben war, ihren aus Arbeitsfreudigkeit erblühenden Frohsinn, ihr tiefes Verankertsein im Glauben.
Ergriffen hatte er sie gesegnet, als Zoro-Tushtra sie ihm zugeführt, aber er hatte gefühlt, daß der Segen von ihr auf ihn zurückströmte.
„Jadasa, Gesegnete, lehre unsere Frauen, daß sie Dir ähnlich wer-den!“ hatte er sie gebeten.
Später sagte er:
„Solange hatte ich noch leben wollen, bis ich Dein Weib segnen konnte, Zoro-Tushtra, Du Glücklicher! Jetzt bitte ich Ahuramazda, daß ich auch noch Deinen Sohn schauen darf. Ich weiß, er wird es mir gewähren.“
Inzwischen waren auch die bei der Feier erwählten Jünglinge ein-getroffen, die sich in großer Begeisterung um ihren Meister schar-ten. „Meister“, das war jetzt der Name, mit dem ihn alle riefen.
„Seit ich den Zoroaster gefunden, habe ich keinen eigenen Na-men mehr“, sagte er einmal halb wehmütig zu Dschajawa.
„Freue Dich dessen, mein Sohn“, war die Antwort des Greises. „Es ist ein Zeichen dafür, daß Du Dich selbst aufgegeben. Du lebst nur noch in Deinem Amt. Möge es so bleiben, auch wenn Kinderlippen Dir zujauchzen werden.“
Das gab Zoro-Tushtra zu denken. War das Vater-Werden eine Klippe für ihn? Noch hatte der verheißene Sohn sich nicht ange-kündigt. Aber da er verheißen war, würde er nicht ausbleiben. Wür-de das eine Gefahr für sein Amt bedeuten?
Eine zarte Scheu hielt ihn ab, mit Jadasa darüber zu reden, mit der er sonst alles besprach. Aber er brachte seine widerstreitenden Gedanken an den Thron Ahuramazdas und der lichte Bote half ihm zur Klarheit.
„Du darfst Dich einer jeden Gabe freuen, die Gottes Güte Dir be-schert“, sagte der Lichte, „nur darfst Du sie nie zwischen Dich und
Gott treten lassen. Denke an die Gebote des Höchsten, und Du hast Antwort auf alle Deine Fragen.“
Als die Hallen ausgeschmückt waren, fragte Zoro-Tushtra, wie oft er nach Gottes Willen Andacht darin halten dürfe.
„Für den Anfang wird es genügen, wenn Ihr jedesmal bei vollem Mond zusammenkommt“, hatte der Bescheid gelautet, an den der oberste Priester sich nun hielt.
An den sorgsam beobachteten Vollmond-Abenden fanden sich Jüngerinnen und Jünger, die Hofhaltung des Fürsten und deren Angehörige in einer der Hallen ein, wo Zoro-Tushtra seines Amtes waltete.
Er begann die Andacht mit einem frei gesprochenen Gebet, in dem er außer der Bitte um Segen für diese Stunde alles vor den Höchsten brachte, was gerade die Herzen des Volkes beschäftigte.
Danach legte er ihnen die Gebote aus oder kündete vom Saos-hyant. Ein abermaliges Gebet schloß den ersten Teil dieses Gottes-dienstes.
Danach schritt die Versammlung in die andere Halle, wo eben-falls alle Sitze im Kreise angeordnet waren, und der Zoro-Tushtra in der Mitte stehend, alle an ihn gerichteten Fragen beantwortete.
Hier war es auch, wo Jadasa auf seinen Wunsch immer dann zu den Menschen sprach, wenn sie etwas zu künden hatte. Ihre geisti-ge Verbindung mit den oberen Reichen wurde immer lichter. Vieles durfte sie lehren, das ihr von oben geschenkt wurde.
Wie eine Priesterin stand sie dann inmitten der Menschen in ih-rem weißen schmucklosen Gewande. Ihre irdischen Augen schau-ten über die Menge hinweg, ohne sie wahrzunehmen.
Weit geöffnet war ihr geistiges Auge, und wundervolle Wahrhei-ten strömten durch sie hindurch.
Das waren unvergeßliche Augenblicke für alle, die sie miterleben durften.
Es konnte nicht ausbleiben, daß die Kunde von den Andachten sich in der Stadt verbreitete. Ein Bewohner nach dem andern kam mit der Bitte, teilnehmen zu dürfen. Es wurde niemandem verwei-gert, der versprach, sich still und gesittet verhalten zu wollen.
Auch der Atravan hatte davon erfahren, wie hell da neben ihm ein neues geistiges Leben zu erblühen begann. Er hatte sich immer nur mit seinen Mobeds befaßt, sich niemals um andere Leute ge-kümmert.
Seine Vorgänger waren im Reich umhergeritten. Er hatte es ver-schmäht und gesagt: wer ihn sehen wolle, solle zu ihm kommen. Nun plötzlich besann er sich auf diese einst vernachlässigte Pflicht. Wohl hatte der Zoro-Tushtra ihn abgesetzt, aber darum wollte er sich nicht sorgen. Er hielt es für an der Zeit, die Leute im Reich aufzusuchen.
Da er keine Pferde hatte, mußten seine Mobeds ihn tragen. Er hätte gut mit ihnen wandern können, doch dazu dünkte er sich zu vornehm.
Bei dieser beschwerlichen Reiseart verbot es sich von selbst, ge-birgige Gegenden aufzusuchen. Sie blieben in der Ebene.
So kamen sie zunächst in eine Ortschaft, in der sich Zoroaster schon mehrmals aufgehalten hatte und deren Bewohnern dies auch . anzumerken war. Der Atravan hatte sich keinerlei Gedan-ken darüber gemacht, wie er den Leuten gegenübertreten, was er mit ihnen reden sollte. Das würde ihm schon rechtzeitig einfallen, meinte er.
Bei der vornehmsten Hütte klopfte er an und begehrte Gast-freundschaft. Sie wurde ihm gewährt, wie sie jedem Wanderer ge-boten wurde. Er durfte mit seinen Begleitern in einer Art Scheune übernachten. Dorthin wurde ihnen auch ausreichende, aber sehr einfache Speise gebracht.
So hatte er sich die Aufnahme nicht vorgestellt. Empört schritt er zu der Hütte hinüber, aus der fröhliche Stimmen tönten. Er hatte gemeint, die Familie beim Mahl zu finden, statt dessen traf er Frau-en plaudernd und Matten flechtend beisammen.
Sie wiesen ihm mit Entrüstung die Tür: Er solle bleiben, wo die Freundlichkeit des Hausvaters ihn untergebracht habe.
„Wo ist der Hausvater?“ fragte er bescheidener.
Er sei auf dem heiligen Platz, lautete die Antwort, die er nicht verstand, da er von solchem Platz nichts wußte.
So zog er vor, zunächst von den Speisen zu essen, was die Mobeds ihm übrig gelassen. Danach suchte er den Platz. Weit hatte er nicht zu gehen. In der Mitte der Ortschaft war ein mit Steinen abgegrenz-ter kreisrunder Raum, in dem anscheinend die ganze männliche
Bevölkerung hockte und stand. Lebhaft gingen Reden und Gegen-reden hin und her.
Der Atravan trat in den Kreis der Männer. Das. Gespräch ver-stummte. Alle Blicke richteten sich auf den Eindringling.
„Fremder, es ziemt sich nicht, störend in einen Kreis zu schrei-ten“, rügte ein älterer Mann. „Kehre dahin zurück, wo Barmherzig-keit Dir ein Nachtlager gewiesen.“
„Ich bin Besseres gewöhnt . . .“ begann der Bestürzte, wurde aber jäh unterbrochen:
„So hättest Du bleiben sollen, wo Du es besser hattest!“ „Ich bin der Atravan“, brüstete sich der Priester. Aber auch das half ihm nichts.
„Es gibt keinen Atravan mehr“, sagte der Oberste der Ortschaft ernst. „Die neue Zeit ist angebrochen. Zoroaster ist der Wegbereiter des Saoshyant, mehr brauchen wir nicht.“
Der Priester wollte noch mehr sagen, aber, indem sie ihm bedeu-teten, daß er störe, führten zwei Männer ihn zu seinem Nachtlager. Es blieb ihm nichts übrig, als sich zu fügen.
Er versuchte auch am folgenden Tage nicht, die Leute von seiner Würde zu überzeugen, sondern er ging mit seinen Anhängern still seines Weges. Erst am übernächsten Tage erreichte er abermals eine Ortschaft. Dort suchte er den Ältesten auf und berichtete, er kom-me im Namen und Auftrag des Zoroaster.
Voll Freude wurde er aufgenommen. Mahlzeit und Nachtlager zeigten, wie hoch in Ehren man den Wegbereiter hielt.
Dann wollten die Leute wissen, was er ihnen zu bestellen habe. Er sagte, er solle sich von ihrem Wohlbefinden überzeugen.
„Weiter hat er Dir nichts aufgetragen?“ forschte der Älteste nach-denklich. „Sollst Du uns nichts künden?“
„Ich soll selbstverständlich Eure Fragen beantworten“, gab der Atra-van zurück, der annahm, mit diesen Fragen leicht fertig zu werden.
Er wurde zum Abend auf den heiligen Platz gebeten und fand sich der gesamten männlichen Einwohnerschaft gegenüber, die ge-spannt auf das lauschte, was er kündete.
Da aber zeigte es sich, daß der Priester durchaus nicht wußte, was Zoroaster gewöhnlich lehrte. Er konnte auf keine Frage antworten. Wo er es versuchte, mißglückte es.
Es brauchte nur geringen Scharfsinn, um den Leuten zu zeigen, daß sie es mit einem Betrüger zu tun hatten. Voll Empörung befah-len sie ihm, am nächsten Tage die Ortschaft zu verlassen.
„Wir sollten Dich ja in der Nacht noch fortschicken“, sagten sie,
„aber wir haben von Zoroaster gelernt, daß wir so mit den
Leuten umgehen sollen, wie wir es für uns selbst wünschten. Und wir würden nicht gern in der Nacht ohne Obdach sein. Also bleibe bis morgen!“
Und der Atravan war nicht zu stolz, das Almosen anzunehmen. Danach aber war ihm sein Reisen verleidet. Es war eine Beschwer, die ihm nichts einbrachte. Entmutigt kehrte er in die Hauptstadt zurück.
Da fand er, daß auch dort für ihn kein Platz mehr war. Niemand kümmerte sich um ihn. So blieben auch die Gaben und frommen Opfer aus, von denen er sich bisher genährt hatte. Was sollte er tun? Drei seiner Mobeds verließen ihn und kehrten in ihre Heimat zu-rück, darunter auch der Älteste, der versprochen hatte, ihn niemals zu verlassen. Die Reise hatte ihm gezeigt, daß der Priester keinerlei
Verbindung mit Gott oder den Göttern hatte.
Inzwischen aber hatte die Zahl der sich um Zoro-Tushtra scha-renden Jünger ständig zugenommen. Er konnte daran denken, die ersten auszusenden.
Viel hatten sie in sich aufgenommen von ewiger Weisheit, wohl-erfahren waren sie im Beantworten von Fragen aller Art. Daneben waren sie an einfaches Leben gewöhnt und hatten gute Sitten ange-nommen. Sie freuten sich auf die Tätigkeit als Priester.
Sie sollten Andachten halten, wie sie es hier gewöhnt waren. Einen Mann aus Jadasas Heimat schickte er in die Ortschaft, da Mursa zurückgeblieben. Er sollte den früheren Begleiter Zoroasters dort für längere Zeit ersetzen, während Mursa die jungen Priester in die anderen Ortschaften geleitete.
Eigentlich hatte Zoro-Tushtra dies tun wollen, aber er erhielt Be-scheid aus dem Licht, daß er die Hauptstadt jetzt nicht verlassen dürfe. Wunderbare Bilder zeigten sich ihm jetzt wieder in den Nächten. Bald sah er sich wie einen Baum, der Früchte trug, die im Reifen hierhin und dorthin entrollten, überall Wurzel schlagend und zu herrlichen Bäumen werdend.
Dann wieder sah er seine Jünger wie Vögel nach den Körnern pik-kend, die er ihnen vorstreute. Da kam ein fremder Vogel und pickte mit. Die Jünger wollten ihn verscheuchen, aber eine Stimme rief
„Lasset ihn nehmen, was er braucht. Er will es nicht für sich. jen-seits des Gebirges harren andere der Früchte!“
Dann kam abermals ein Bild. Da sah Zoro-Tushtra über das hohe Gebirge, das im Osten sein Land von anderen Reichen zu trennen schien. Und während die Berge, die zu Iran gehörten, fast klein er-schienen, zeigten sich himmelhohe Steingebilde hinter ihnen, die nach anderen Ländern zu teils schroff, teils langsam abfielen.
Und dort wohnten Menschen, viele Menschen! Sie streckten Zo-ro-Tushtra flehend die Hände entgegen:
„Hilf uns!“
Tiefen Eindruck machten ihm diese Bilder, die ihm sicherlich et-was sagen sollten.
Er sprach mit Jadasa darüber, die ihm versicherte, zur rechten Stunde würden die Bilder wieder vor seinem Geist aufsteigen und ihm dann etwas zu sagen haben. Sie sei ganz sicher, daß sie jetzt nur eine Vorbereitung für Künftiges gewesen seien.
Jadasa ging schon seit längerer Zeit mit ihren Helferinnen, denen sich auch fortgesetzt neue gesellten, in die Hütten, wo Armut oder Krankheit Hilfe notwendig machte.
Die Mädchen und Frauen trugen zu diesen Gängen die gleichen schmucklosen weißen Gewänder, wie Jadasa sie liebte. Das hatte ihnen den Beinamen „die weißen Schwestern“ eingetragen, auf den sie sehr stolz waren. Schwestern aller Leidenden wollten sie gern sein.
Allmählich kamen hier und da aus dem Reich von den Priestern Botschaften und Bitten um die Hilfe einer solchen weißen Schwe-ster, so daß auch diese anfingen, sich langsam über das ganze Land zu zerstreuen.
Da, im dritten Jahr ihrer Anwesenheit in der Hauptstadt, schenk-te Jadasa einem gesunden Knaben das Leben, dem sie nach der Weisung des lichten Boten den Namen Vishtaspa gaben.
Diese Namengebung vollzog Zoro-Tushtra in der heiligen Halle vor allem Volk. Es war die erste, die in dieser Art gefeiert wurde.
Später wurden bei jeder Andacht Kindlein gesegnet und benannt, wenn die Eltern es wünschten.
Dschajawa hatte wirklich des Kindes Geburt noch erlebt.
Sein Wunsch, es segnen zu dürfen, war von Ahuramazda erfüllt worden. Als Jadasa es dem Greise brachte und auf seine Bitte in sei-ne Arme legte, da kam der Sehergeist stark über den Uralten.
„Ahuramazda, Du Erhabener, Ewiger, ich danke Dir, daß Du mich gewürdigt, diesen Knaben zu schauen!“ rief er in Verzük-kung. „Knabe, Du bist berufen, das Werk Deines Vaters fortzuset-zen! Ganz Iran sollst Du einigen unter der Lehre, die er uns nach dem Willen Ahuramazdas bringen durfte. Du wirst aber kein Prie-ster werden, sondern König des ganzen weiten Reiches. Als solcher wirst Du der Verwalter der ewigen Weisheit, des Wissens um Gott, sein!
Stark wirst Du sein im Glauben, rein und treu. Und der Segen Ahuramazdas wird auf Dir ruhen. Deine Nachkommen werden groß werden. Mit starker Hand werden sie das Reich regieren und die Nachbarländer sich untertan machen.
Erst viele hundert Jahre später wird menschliche Anmaßung und menschlicher Übermut die Herrschaft gewinnen über die Seelen. Dann wird das unermeßlich große Reich in Trümmer fallen. Das Wissen um Gott wird versinken, falsche Götter werden an seine Stelle treten.
Ich sehe Mord und Brand, rauchende Trümmer und zerfallene Städte. Ich sehe die Nachkommen unseres Volkes herabsinken von ihrer Höhe. Vermischen werden sie sich mit anderen Völkern, ihre Reinheit ist dahin. Wehe, Wehe!“
Einen Augenblick schwieg der Alte. Mit geschlossenen Augen sank er in sich zusammen, so daß man meinte, er sei entschlafen. Plötzlich richtete er sich auf!
„Ich sehe aber eine neue Sonne aufgehen über Iran!“ jubelte er mit völlig veränderter Stimme. „Der weiße Wundervogel fliegt über das Land. Auf dem Berge Ara-Masdahs wird der Erbe stehen und unsichtbare Diener werden ihm bringen, was sein ist.
Da sehe ich Dich, Kindlein, kommen und ihn anbeten. Wieder wirst Du Iran beherrschen, aber Du wirst Dich Deiner Würde ent-kleiden und sie dem Erben Ara-Masdahs bringen.“
Abermals stockte er, um dann noch jubelvoller fortzufahren:
„Der Erbe aber ist der Saoshyant! Ich sehe es! Kindlein, Dein Va-ter darf der Wegbereiter und Weg-Erhalter des Saoshyant sein, Du aber wirst sein Diener sein auf Erden und in Ewigkeit!“
Alle hatten ergriffen gelauscht, und während Zoro-Tushtra und Hafis sich um den Seher mühten, trug Jadasa leise ihr gesegnetes Kind in. ihre Gemächer.
In dieser Nacht entschlief Dschajawa. Seine Züge waren von himmlischem Frieden übergossen, als habe er Schönes schauen dürfen. Wie alt er geworden, vermochte niemand zu sagen. Er war
„immer“ dagewesen, meinten die Leute.
Auf seinen eigenen Wunsch begruben sie ihn nicht, wie Zoro-Tushtra es so gern getan hätte. Sie trugen den Leichnam zu den Türmen des Schweigens und legten ihn dort den großen schwarzen Vögeln hin.
„Es soll nichts Irdisches von mir übrig bleiben“, hatte Dschajawa gewünscht.
Seinen Wunsch ehrten sie.
Er fehlte allen Palastbewohnern. Man konnte sich ein Leben ohne den Alten nicht mehr vorstellen, aber allmählich gewöhnten sie sich daran. Fürst Hafis verbrachte nun viele Abendstunden im kleinen Palast bei „seinem Nachfolger“, wie er Vishtaspa zu nen-nen pflegte. Von Liebe und Sorgfalt umgeben wuchs der Kleine heran.
Da kam eines Tages ein noch junger Mann zu Zoro-Tushtra und begehrte, in die Zahl seiner Schüler aufgenommen zu werden.
Seine Gesichtszüge waren anders als die der Iraner, wenn auch seine Haut der ihren ähnlich war, glatt fiel sein schwarzes Haar vom Scheitel herab und war rings um den Kopf verschnitten. Sehr glän-zend waren die dunkelbraunen Augen, über die sich meist die Lider legten, so daß das Gesicht seltsam ruhig erschien.
Zoro-Tushtra fragte ihn nach seiner Herkunft. Entweder wußte der Mann nicht, woher er kam, oder er wollte es nicht sagen, jeden-falls bekam der Fragende keine Antwort:
„Warum möchtest Du wissen, woher ich stamme, Du Weiser? Genügt es Dir nicht, daß ich von Dir weiß und Dein Schüler sein möchte?“ fragte er,
Er sprach die Sprache des Landes, und doch mischte sich ein fremder Ton hinein.
„Du bist ein Fremdling in Iran“, gab Zoro-Tushtra zurück. „Ich habe aber nur Iraner aus allerlei Stämmen unter meinen Jüngern. Dabei möchte ich es auch lassen.“
Einen Augenblick schaute der Fremde ruhig auf den, der ihn ab-wies, dann sagte er:
„Zoro-Tushtra, pflegst Du Deine Früchte alle um den Stamm des Baumes zu sammeln?“
Der Weise verstand den Sinn dieser Frage nicht. Da fragte der Fremde abermals:
„Zoro-Tushtra, warum verscheuchst Du den fremden Vogel, der mit Deinen Jüngern picken will?“
Nun wußte der Meister, was der Jüngling meinte. Er wußte aber auch, was die einst unverstandenen Bilder ihm hatten sagen sollen. Der Fremde aber fuhr fort:
„Lasset ihn nehmen, was er braucht. Er will es nicht für sich. Jen-seits des Gebirges harren andere der Früchte!“
Dieser Worte hätte es nicht bedurft, um Zoro-Tushtra zu zeigen, daß der Fremde auf Ahuramazdas Wunsch sich hierher begeben hatte. Willig nahm der Meister den neuen Jünger auf, der sich Mi-ang-Fong nannte.
Einen solchen Jünger hatte er noch niemals gehabt. Oft hatte Zo-ro-Tushtra Mühe, in die von ihm gestellten Fragen einzudringen. Niemals endete er ein Gespräch, ohne daß auch der Lehrer Wich-tiges gelernt hätte.
Als Jadasa den neuen Jünger zum erstenmal sah, war sie sehr be-troffen.
„Zoro-Tushtra, er ist ein Wahrheitsbringer wie Du“, sagte sie über-zeugt. „Er trägt das gleiche Zeichen Ahuramazdas an der Stirn. Freue Dich, daß Du berufen bist, einen anderen Wegbereiter zu lehren.“
Über zwei Jahre lebte der neue Jünger im Kreise derer, die sich um Zoro-Tushtra scharten. Er lebte mit ihnen und doch ganz allein. Es war, als ob ein unsichtbarer Wall zwischen ihm und den andern aufgerichtet sei. Nur dem Meister war es gegeben, ihn manchmal zu durchbrechen und einen Einblick in die klare, friedenerfüllte Seele des Schülers zu tun.
Zoro-Tushtra liebte es, den Schülern Fragen zu stellen, die sie in der Stille überdenken, dann aber gemeinsam besprechen sollten.
So hatte er, einmal die Frage aufgestellt:
„Ist es nötig, das äußere Leben derer, die Gott dienen wollen, in feste Formen zu bringen?“
Je nach der Art der Jünger waren die Antworten ausgefallen. Völ-lig verschieden waren sie voneinander. Die meisten aber stimmten für einen Mittelweg: man solle einige notwendige Regeln aufstellen, das übrige aber jedem Menschen selber überlassen, sonst erziehe man künstliche statt lebendige Pflanzen.
Miang-Fong war von allen derjenige, der ganz scharf umrissene Re-geln forderte. In seiner Begründung führte er aus, daß die Menschen immer mehr der Tiefe zu glitten. Wolle man diesen Lauf aufhalten, so müsse man Schranken setzen. Mit Vernunftgründen lasse er sich nicht hemmen. Zuviel sei in dieser Weise schon versäumt worden.
„So erziehst Du Gliederpuppen, hölzerne Bilder, wie die sind, mit denen die Kinder spielen, und die sie selber bewegen müssen“, warf ein Mitschüler ein.
„Das kommt auf die Regeln an, mein Freund“, gab Miang-Fong in seiner ruhigen Weise zurück. „Blinde Formen helfen nichts. Du kannst dem abwärts schießenden Gefährt keine Baumstämme kreuz und quer in den Weg werfen. Dadurch werden die Zugtiere scheu und der Absturz erfolgt um so sicherer. Es wird die Sache derer sein, die die Menschen leiten, die Regeln so aufzustellen, daß man im Befolgen Sinn und Zweck erfaßt.“
„Ihr wißt ja alle“, belehrte Zoro-Tushtra, „daß auch ich gewis-se äußere Zucht überall da verlange, wo ich die Kunde von Gott aussprechen möchte. Denket an die täglichen Waschungen, die ge-trennten Mahlzeiten, das Hochhalten der Frauen und so manches andere; das rücksichtslos durchgesetzt werden muß.“
„Das sind selbstverständliche Dinge“, rief ein Schüler lebhaft.
„So erscheinen sie Euch, die Ihr nichts anderes mehr gewohnt seid“, erwiderte der Meister. „Aber sage uns, was würdest Du für Regeln aufstellen, wenn Du als Bote Gottes in ein Land gesendet würdest, Miang-Fong?“
Ohne sich zu besinnen, gab der Jünger mit tief nach innen gerich-tetem Blick zurück:
„Vor allem würde ich Schweigen verlangen!“
Er wurde von einem sehr regsamen Schüler unterbrochen, der entsetzt ausrief:
„Schweigen, Miang-Fong! Das muß schrecklich sein. Gott hat uns die Zunge gegeben, damit wir uns ihrer bedienen!“
Zoro-Tushtra freute sich. Er gab das Zeichen, daß er diese Frage zur allgemeinen Besprechung freigäbe. Nun überstürzten sich die Ansichten. Die meisten fanden, Reden sei notwendig.
„Und doch wird mehr mit Reden als mit Schweigen geschadet“, warf ein älterer Schüler dazwischen.
„Schaden kann man mit beidem. Man muß eben beides recht verwenden.“
„Bis man das kann, ist es besser, unnötige Worte zu vermeiden.“ Rasch waren die Ansichten übereinander hergefallen. Nun hielt Zoro-Tushtra das letzte Wort fest:
„Unnötige Worte!“ rief er. „Wer von Euch vermag schon zu ent-scheiden, ob seine Worte nützlich sind? Jeder wird sie dafür halten. Wahrlich, es ist viel besser zu schweigen, als zur Unzeit zu reden.“
Nun drangen sie in Miang-Fong, seine Ansicht zu erläutern. Freundlich erklärte er, daß er das Schweigen an und für sich für eine vortreffliche Übung halte.
„Wer es einmal recht übt, der wird sehen, wieviel Segen es ihm bringt. Durch Schweigen gehen unsere Gedanken in die Tiefe, schlagen Wurzeln und bringen Frucht.“
„Du hast recht, Miang-Fong“, stimmte Zoro-Tushtra bei. Einer der jüngeren Schüler aber wunderte sich:
„Wenn Du einmal zu einem Volk gesendet wirst, willst Du wirk-lich das ganze Volk in Schweigen versenken, Miang-Fong?“
So erstaunt wurde das gefragt, daß der ernste Jünger lachen muß-te.
„Ihr ließet mich vorher nicht ausreden, mein Freund. Ich wür-de das Schweigen selbstverständlich nur von den Lernenden for-dern!“
„Was meint Ihr“, schlug Zoro-Tushtra vor, „wollen wir es nicht auch mit der Macht des Schweigens versuchen? Ich denke, wir set-zen einen bestimmten Tag im Monat fest, an dem wir nur das Drin-gendste sprechen wollen. Ist es Euch recht so?“
Stürmisch gingen sie auf den Vorschlag ein. Das Neue daran reiz-te sie. Nun wollten sie wissen, welchen Tag der Meister für geeignet halte.
„Ich denke, da gibt es zwei, die wichtig sind: der Tag vor der An-dacht, damit er uns rechte Sammlung bringe, oder der Tag nach derselben, damit sich das Gehörte vertiefe. Was meint Ihr?“
Sie konnten sich nicht einigen. Da schlug einer der Älteren vor, beide Tage zu nehmen. Die andern stimmten bei, und für lange Zeit galten die Tage um den Vollmond als der Verinnerlichung geweihte Schweigetage in der Jüngerschar.
Zoro-Tushtra erzählte Jadasa von diesem Beschluß und fragte sie, ob sie für ihre Frauen ein Gleiches bestimmen werde. Sie sann lan-ge nach, dann sagte sie:
„Unsere Arbeit befaßt sich in der Hauptsache mit praktischen Dingen, die die Mehrzahl der Mädchen außerhalb unserer Räume vornimmt. Da würde das Schweigen unmöglich sein. Halbe Maß-nahmen aber sind schlimmer als gar keine. Ich werde den Frauen davon erzählen, vielleicht entschließen sie sich, an bestimmten Ta-gen freiwillig das Reden einzuschränken.“
Eines Tages bat Miang-Fong den Meister um eine Unterredung. Er teilte ihm mit, daß er in der Nacht den Ruf erhalten habe, über das hohe Gebirge zu steigen in ein Land, das ihm gezeigt werden würde.
Dort sei ein großes, herrlich angelegtes Volk im Begriff zu versin-ken in allerhand Aberglauben und Laster. Er solle diesen Menschen die Wahrheit bringen, Zucht und Sitte einführen und ihnen von Gott künden. Zu Großem sei dieses Volk berufen.
Schlicht und bescheiden stand Miang-Fong vor seinem Meister, nur erfüllt von der Herrlichkeit seiner Aufgabe und der großen Gnade des höchsten Gottes.
„So will ich Dich in der nächsten Andacht segnen, mein Sohn“ sagte Zoro-Tushtra bewegt. „Danach magst Du ausziehen dahin, wohin Gott Dich führen lassen wird.“
Er sorgte für so manches, das für diese vielleicht sehr weite, je-denfalls sehr beschwerliche Reise nötig war, und gab ihm eines seiner weißen Pferde. Einen Diener mitzunehmen, weigerte sich Miang-Fong.
Die nach wenigen Tagen stattfindende Andacht stand ganz im Zeichen des Abschiedes des neuen Wahrheitsbringers. Sie hatten es alle gefühlt, daß er etwas Besonderes war. Aber nun staunten sie trotzdem, daß einer aus ihrer Mitte zu so Großem berufen wurde.
Der Meister sagte ihnen, daß Miang-Fong schon berufen war, ehe er gekommen, nur habe er es noch nicht gewußt. Jadasa aber habe es bereits damals gesehen. Gerade weil er berufen gewesen, habe Gott ihn hierher geschickt, zu lernen und sich zu vertiefen.
Und er segnete den Scheidenden und über diesem Segen kam die Sehergabe wieder über ihn, so daß er reden mußte, was er schaute:
„Gesegnet bist Du, Miang-Fong! Einem großen Volke wirst Du der Helfer sein. Retten wirst Du es vom Untergang. Du wirst ein fe-stes Gefüge errichten, das die Zeiten überdauern wird. Aus diesem Volk werden solche hervorgehen, die anderen Völkern die Wahr-heit bringen werden.
Und wenn der Saoshyant erscheinen wird, dann werden aus die-sem Volk alle die sich ihm gesellen dürfen, die an Deinen Lehren festgehalten haben. Sie werden Dich segnen, daß Du ihnen dazu verholfen.
Wie grauer Nebel wird der Irrglaube vor Dir fliehen, der Du be-rufen, das heilige Licht ins Dunkel zu tragen.“
Am nächsten Tag ritt Miang-Fong in die Ferne.
Sein Scheiden hinterließ eine Lücke, so groß, wie niemand es er-wartet hatte. Es stellte sich nun erst heraus, wieviel er in seiner stil-len Weise allen gegeben, wie oft ein Blick seines Auges genügt hatte, Klarheit zu schaffen.
Vishtaspa wuchs heran und entwickelte sich zur Freude aller. Er blieb das einzige Kind seiner Eltern, die ihn alles lehrten, was sie selber wußten.
Ihr Beispiel regte ihn an, ihr Wort lenkte ihn. Von Hafis aber war er unzertrennlich. Der Fürst, der in ihm den Nachfolger sah, nahm ihn überall mit und erklärte ihm jede Maßnahme, die er traf.
Schon jetzt nannten die Leute ihn „den kleinen Fürsten“, ohne zu wissen, wie richtig die Bezeichnung war.
„Weißt Du, Zoro-Tushtra“, sagte Hafis eines Tages, als sie vertraut beisammen saßen, „daß das Aussenden Deiner Priester mir das Re-
gieren bedeutend leichter macht? Jetzt ist das ganze bisher unüber-sehbare Reich in Gaue eingeteilt, die alle hier ganz selbstverständ-lich ihren Mittelpunkt haben.
Alle Deine Priester benütze ich zugleich als weltliche Beherrscher des ihnen geistlich unterstellten Bezirks. Dadurch ist Ordnung und straffe Zucht in das ganze Volk gekommen.
So, wie ihr Glauben nun einheitlich zum Glauben an Ahuramaz-da geworden ist, so nehmen sie auch willig alle Gebote an, die von mir ausgehen.“
„Muß es nicht so sein, Hafis?“ fragte der Meister dagegen. „Wenn der Fürst selber im Glauben steht, so kann er nur Gesetze geben, die mit dem Willen Gottes in Einklang sind. Dann deckt sich welt-liche und geistliche Leitung. Wir können unserm Volk nichts Bes-seres wünschen, als daß es immer so bleibe.“
Bald danach erhielt Hafis Nachricht, daß im Osten seines Reiches wilde Horden einzubrechen versuchten. Die Einwohner hätten bis-her vermocht, sich ihrer zu erwehren. Aber immer kämen die Wil-den wieder, in stetig größerer Zahl. Der Fürst solle helfen.
„Was soll ich tun, Zoro-Tushtra?“ fragte Fürst Hafis. „Ich hasse Blutvergießen, ich liebe den Frieden. Aber wenn ich hier untätig zusehe, wie die wilde Horde in mein Land einfällt, so mache ich mich schuldig an jedem einzelnen meiner Untertanen.“
„Wenn ein Tiger in Deine Herde bricht, so ziehst Du auch aus, ihn zu töten, Fürst!“ sagte der Meister ernst.
„Und was sagt Jadasa?“ fragte Hafis, sich an die Frau wendend, die einmal wieder Zeit gefunden hatte, an einem ernsten Gespräch der beiden Männer teilzunehmen.
„Ich sage: ziehe im Namen Ahuramazdas gegen die Wilden. Schütze Dein Land, wie es Deine Pflicht als Fürst gebietet. Gottes Segen wird mit Dir sein.“
Da ließ Fürst Hafis die Männer in den nächsten Gauen rüsten zum Kampf. Eine stattliche Schar war es, die zu ihm eilte. Viele Jahrzehnte lang war Iran im tiefsten Frieden nach außen gewesen. Dies neue Erleben wollte wie ein großer Schrecken über die Herzen fallen.
Ehe Hafis mit den Seinen auszog, ließen sie alle sich von Zoro-Tushtra segnen. Danach begann der Marsch gen Sonnenaufgang.
Das Land aber war dem Schutze und der Regierung des Meisters empfohlen, solange der Herrscher fern sein würde. Sollte er nicht zurückkehren, so sollte Zoro-Tushtra Herrscher sein, bis Vishtaspa herangewachsen sein würde.
Das wohlgeordnete Land aber bedurfte kaum eines Herrschers. Alles ging ohne die geringste Störung genau so, als ob Hafis in der Hauptstadt wäre. Zoro-Tushtra hatte nicht nötig, sich seiner Aufga-be zu entziehen.
Diese wurde immer umfangreicher. Nun waren an allen Orten, in denen Priester amteten, heilige Plätze angelegt worden.
Die größeren Siedlungen hatten den Bau der Hallen nachgeahmt für die Andachten, die im ganzen Reich zu jeder Vollmondszeit gehalten wurden. Hier und dort im Land waren kleine Bauten entstanden, in denen weiße Schwestern sich niedergelassen hat-ten, um in der näheren und weiteren Umgebung segensvoll zu wirken.
Alle Jahre um die gleiche Zeit aber fand das Bergfest statt, bei dem es Sitte geworden war, daß die Priester aller Gaue, soweit sie es einrichten konnten, drei Tage vorher auf dem Berge zusammentra-fen, um dem Meister Bericht von ihrem Tun zu geben, seinen Rat zu erbitten und Fragen vorzulegen.
Aus dieser Zusammenkunft schöpfte Zoro-Tushtra oft das, was er in den Tagen der Feier dem Volk an Wahrheiten geben wollte.
Im letzten Jahr hatte ein unvermutet hereinbrechendes Unwetter mit Regenfluten das Fest gröblich gestört. Die Besucher hatten ein böses Anzeichen darin sehen wollen. „Ahuramazda zürnt“, pflanz-te sich das Raunen von Mund zu Mund fort.
Aber der Meister hatte seine aufgeschreckte Schar beruhigen können. Gott zürnte seinem Volke nicht. Aber eine Halle sollten sie bauen auf dem Berge der Feier, damit künftige Feste vor Regen und Gewittern geschützt seien.
Unter den Jüngern war einer, der sich durch besonderes Geschick im Bauen auszeichnete. Mehrmals hatte er Bauten kleiner Hallen-geleitet. Immer war es, als strömten ihm dafür von oben neue Ge-danken zu.
Diesen Jünger, Darna, bestimmte Zoro-Tushtra zum Leiter dieses festlichsten aller Bauten. Mit einer Menge freiwilliger Hilfskräfte blieb er nach Beendigung des Festes oben und ließ die Ebene noch ebener machen. Mit dem Meister hatte er alles besprochen.
Während die Männer Bäume fällten, Wurzeln ausgruben und Steine aushoben, schafften andere Männer große, möglichst gleich-mäßige Steine herbei. So war es geplant. Da kam einer der einfa-chen Männer mit einer Bitte.
„Herr“, sagte er zu Darna, „hier sind lauter graue Steine. In mei-ner Heimat sind sie rot mit hellen Adern, anderwärts sind sie weiß. Jeder Stein ist schön. Jeder von uns. liebt die Steine seiner Heimat. Erlaube doch, daß wir auch von daheim Steine bringen dürfen, da-mit die Hütte Gottes von uns allen erbaut ist.
Trotzdem der Mann seine Bitte ungeschickt genug ausgedrückt hatte, verstand Darna ihn sofort und freute sich des Gedankens. Es war schön, wenn das ganze Reich die Steine herbeitrug zum Bau der Hütte Gottes.
„Es trifft sich gut, daß der Meister hier in der Nähe einen erkrank-ten Priester besucht hat“, sagte er. „Morgen kommt er nochmals auf den Berg, um zu sehen, wie weit wir mit der Arbeit sind. Da kön-nen wir ihn fragen, ob es ihm recht ist.“
Es war ihm recht. Von Herzen freute er sich des Vorschlags.
Nachdem er die Erlaubnis gegeben, wetteiferten die Männer, die schönsten Steine zu bringen. Der Bau würde nun zwar etwas län-gere Zeit in Anspruch nehmen, aber Darna meinte, es könnten in-zwischen allerhand Vorarbeiten gemacht werden, so daß jedenfalls Gottes Hütte stehen würde bis zur nächsten Feier.
Es sollte eine große viereckige Halle werden mit möglichst viel Platz für die Mengen der Besucher. Rechts und links sollten Räume für die sich versammelnden Priester und weißen Schwestern ange-baut werden.
Darna schlug vor, unten am Fuß des Berges Unterkunftshütten zu errichten. Davon wollte aber der Meister zunächst noch nichts wis-sen. Eine Hütte Gottes sollte gebaut werden, keine Hütten für die Menschen. Sie hatten ja ihre Zelte, die ihnen sogar bei dem großen Unwetter Schutz genug gewesen waren.
Zoro-Tushtra ritt in die Hauptstadt zurück. Den Bau wußte er in besten Händen. Alle Anbetung, deren seine Seele fähig war, legte Darna in dies Werk.
Auf diesem Heimritt aber erwog der Meister einen neuen Gedan-ken. Es war so unbequem, wenn er den Priestern Botschaft senden wollte, den Boten die Worte ständig auswendig lernen zu lassen. Wie oft irrte er sich dann beim Hersagen, besonders wenn der Weg weit gewesen war, den er hatte zurücklegen müssen.
Zoro-Tushtra sann und überlegte, aber es wollte sich ihm kein Ausweg zeigen. Da rief einer seiner Begleiter:
„Meister, hier ist vor kurzem ein Tiger geschritten! Sieh die Spu-ren.“
Und während die Männer, die mit ihm ritten, Ausschau nach dem Raubtier hielten und eifrig besprachen, wann es hier gewesen, was sie aus der Spur lasen, fielen die Worte wie Erleuchtung in des Meisters Seele.
„Aus den Spuren der Tatzen sehen wir, ob es ein Tiger oder ein Löwe, eine Ziege oder ein Mensch war, der hier geschritten, ob es vor kurzem war oder schon vor längerer Zeit. Die Spuren reden also zu uns.
Könnten wir nicht auch Spuren auf Steine graben, die zu uns re-den würden? Wenn wir dann lernen würden, sie zu erklären, wie wir es schon als Kind bei den Tierspuren lernen, dann würden sie uns vieles sagen können.“
Nachts trug der Meister diese Gedanken vor Ahuramazdas Thron und er fand die Gewißheit, daß ihm bei diesem Werke geholfen werden würde.
Daheim erzählte er Jadasa von seinen Gedanken. Sie war sofort hilfsbereit in der freudigen Gewißheit, daß diese „Spuren des Den-kens“ ein gutes Hilfswerkzeug werden würden.
Unter Gebet ging der Meister daran, Zeichen in dünne flache Steine zu ritzen. Das Kreuz bedeutete Gott, die Sonne den Tag, der Mond die Nacht. „Ich“ war ein senkrechter, „du“ ein waagerechter Strich. So ging es weiter. Jeder Tag brachte neue Zeichen.
Neben den Eltern saß Vishtaspa am Boden und ergötzte sich, ebenfalls Spuren in Steine zu ritzen. Er hatte großes Geschick dafür, nur versuchte er allerlei Neues, das manchmal unverständlich war. Er hatte gehört, wie Zoro-Tushtra sagte „ich“, indem er den senk-rechten Strich zog, und „du“, als er den waagerechten ritzte. Nun
fügte das Kind eines zum andern und jubelte plötzlich:
„Sehet doch, aus ich und du, aus meinen beiden Eltern, wird Gott!“
Erschrocken rief Jadasa
„Kind, wie darfst Du so etwas sagen!“
Aber der Kleine wies sein Kreuz. Da sagte ihm der Vater, daß man die Spuren hübsch aneinander reihen müsse.
„Der Tiger tritt auch nicht auf die schon getretene Spur“, belehrte er.
Später aber sprach er mit Jadasa. „Das, was unser Kind spielend gefunden, hat einen tiefen Sinn. Wenn wir rein und gut wären, könnten wir fast gottähnlich sein. Ich werde von heute an das Zei-chen Gottes immer als Mahnung ansehen.“
Langsam bauten sie neben aller anderen Arbeit ihre Spuren aus. Als sie soviel gefunden hatten, daß eine Botschaft einigermaßen verständlich niedergeschrieben werden konnte, begann der Mei-ster, den Jüngern davon zu sagen und ihnen die Spuren zu erklären. Bei der nächsten Feier sollten dann die Priester in den Besitz dieses neuen Wissens gesetzt werden. Wenn nur Hafis bis dahin zurückkehren würde! Noch hatte man keinerlei Kunde von ihm, trotzdem seit seinem Fortgang fast ein Jahr vergangen war. Da trat eines Morgens Jadasa zu ihrem Gatten und sagte:
„Heute hat Hafis den Heimritt angetreten. Er bringt eine größere Schar mit als die war, mit der er ausgeritten. Ich habe sie sehen dür-fen. Schön sind die Männer nicht, die er mit sich führt.
„Wir wollen Gott danken, daß er wieder kommt“, sagte Zoro-Tushtra erfreut. „Mag er mitbringen, wen er will. Es wäre mir schwer gefallen, die Hütte Gottes auf dem Berge zu segnen ohne seine Anwesenheit.“
Etwa zwei Wochen später ritt der Fürst in seine Stadt ein.
Alle Bewohner liefen zusammen, um ihn mit Jubelgeschrei zu begrüßen. Es fehlte sicher so mancher unter den Männern, die mit ihm ausgezogen waren, aber die Schar sah stattlich und fröhlich aus.
Mitten zwischen den Kriegern gingen etwa hundert Männer von gelblicher Gesichtsfarbe, deren Augen aussahen, als seien sie verrutscht. Schief standen sie zur Nase, die plattgedrückt war. Die schwarzen Haare waren rings um den Kopf verschnitten und trieften von Fett. Ihre Kleidung bestand aus Lumpen, die aber ahnen ließen, daß sie auch in brauchbarem Zustand völlig von der in Iran getragenen abwich.
Nachdem die Begrüßungen vorüber waren und die auswärtigen Krieger in ihre Heimat weiterwanderten, fragte Zoro-Tushtra, wa-rum der Fürst die fremden Männer, mit denen man sich nicht ein-mal verständigen könne, mitgebracht habe.
Hafis erklärte, das seien Vornehme der feindlichen Völker. Nach-dem er mehrfach die Wilden über die Grenze zurückgeworfen habe, sei er auf den Gedanken gekommen, zur Sicherung des Frie-dens sich der Anführer zu bemächtigen.
Einige derselben seien der Sprache des Landes mächtig. Mit ihrer Hilfe habe er den Eindringlingen sagen lassen, daß ihre Vorneh-men sofort ermordet würden, sowie die Wilden sich einfallen lie-ßen, die Grenze abermals zu überschreiten.
Wenn sie sich aber ruhig verhielten, würde ihren Edlen nichts geschehen. Auf diese Weise halte er sein Reich nun für gesichert.
„Was willst Du nun mit diesen Leuten tun, Hafis?“ fragte Zoro-Tushtra bedenklich. „Es sind unnütze Esser, und Kleider müssen sie auch haben“, fügte er hinzu.
„Sie werden um ihre Erhaltung arbeiten müssen, denke ich“, ent-schied der Fürst..
Es gefiel aber dem Meister nicht, trotzdem er nicht zu sagen wuß-te, was man anders hätte machen sollen.
In der Nacht brachte er diese Gedanken als Anliegen nach oben. Der lichte Bote kam und sagte:
„Es war klug von Hafis, sich dieser Leute zu bemächtigen; denn sonst hätte er keine Ruhe vor den Wilden gefunden.
Es ist auch richtig, daß er sie nicht durchfüttern kann, ohne daß sie etwas dafür tun. Aber er soll sich hüten, zuviel von ihnen zu verlangen, oder Arbeiten zu fordern, die andere nicht gern tun. Das ist eine große Gefahr. Sorge, daß er sie versteht.“
Nun hatte sich Hafis bereits ausgedacht, daß er die Wilden über-all da anstellen wollte, wo es ihm an Arbeitskräften mangelte. Das waren die Arbeiten, die niemand gern tat.
Sehr erstaunt war er daher, als der Meister ihm diesen Bescheid überbrachte. Es fiel ihm keinen Augenblick ein, sich dagegen aufzulehnen, nicht einmal in Gedanken. Er grübelte, wie er es anders einrichten könne.
Da schlug Zoro-Tushtra vor, doch einmal durch Vermittlung der iranisch sprechenden Fürsten fragen zu lassen, welche Arbeit die Männer gewohnt seien und was sie leisten könnten.
Zum großen Erstaunen aller zeigte es sich da, daß sie Meister im Hämmern von Metallen waren. So kunstvoll brachten sie Formen und Schmuck darauf an, wie man es diesen Wilden gar nicht zuge-traut hätte.
Mit Freude arbeiteten sie, ohne daß man sie hätte zum Fleiß an-treiben müssen. Aber nun erhob sich eine neue Schwierigkeit.
Die Zeit der Bergfeier war herangekommen, und wer es irgend einrichten konnte, wollte in diesem Jahr mit dabei sein. Wer sollte die Wilden in der Zwischenzeit hüten? Niemand wollte zurückblei-ben.
Endlich bestimmte Hafis eine ausreichende Anzahl Krieger hier-zu und Zoro-Tushtra versprach ihnen, daß sie nach Rückkehr der andern mit ihm auf den Berg reiten und eine besondere Feier. ha-ben sollten.
Schon mehrere Tage vor Beginn des Festes begab sich Zoro-Tushtra mit seinen Jüngern auf den Berg, um alles zu rüsten.
Die aus den verschieden bunten Steinen erbaute Halle sah sehr viel schöner aus, als er erwartet hatte. Darna hatte die Steine nicht wahllos verwenden lassen, sondern sie je nach ihrer Art an be-stimmte Stellen gesetzt.
Rings um den Bau hatte man, so gut es gehen wollte, Grünesan-gepflanzt. Innen war der Boden ebenfalls aus Steinen gefügt. Über die steinernen Wände hingen bunte gewebte und gestickte Matten aus feiner Wolle herab.
An Stelle des gewohnten Steinhaufens in der Mitte war ein einzi-ger länglicher weißer Block aufgerichtet, auf dem eine
Metallschale stand, die von einem der Wilden kunstvoll verziert war. Rings an den Wänden waren auf vorspringenden Steinen ebenfalls Schalen angebracht, in denen duftendes Öl brennen sollte.
Für die Frauen lagen im Viereck mehrere Reihen fester Steine, auf denen sie sich niederlassen konnten. Die Männer mußten hinter ihnen stehen.
Es war alles so sehr einfach, und doch dünkte es sie köstlich und war ihnen heilig.
Drei Tage vor Beginn des Festes hatten sich die Priester aller Gaue zusammengefunden, die zuerst die Hütte bewundern mußten. Sie meinten, noch nie etwas so Herrliches gesehen zu haben.
Danach machte Zoro-Tushtra sie mit den Spuren bekannt, über die sie sich unbeschreiblich freuten. Nun konnten sie sichere Bot-schaft von einem Ort zum anderen senden. Viel verbundener ka-men sie sich dadurch vor.
Sie wollten noch mehr Zeichen dazu erfinden, aber der Meister warnte sie. Für den Anfang sollten sie es dabei bewenden lassen, sonst könnten sie nachher nicht entziffern, was der andere geritzt.
Als sie ihn nicht gleich verstanden, ritzte er einen senkrechten Strich und ein Tier, das man an der Mähne als Löwen erkennen konnte, in einen Stein, den er von Hand zu Hand gehen ließ.
„Saget mir, was das bedeutet“, forderte er sie auf. Der eine meinte
„Ich habe einen Löwen gesehen!“ Der andere fand, es müsse heißen:
„Ich habe einen Löwen erlegt!“
Der Dritte meinte, es könne gar nicht anders gedeutet werden als:
„Ich bin der Beherrscher!“
Da sagte der Meister ihnen, er habe gemeint „Ich bin stark und mutig!“
Nun lachten sie alle und hatten ihn verstanden. Erst wenn sie in den Geist der Spuren eingedrungen sein würden, konnte man dar-an denken, die Zahl derselben zu erweitern.
Und nun kamen die anderen Besucher des Festes aus allen Ge-genden herbeigeströmt. In Hafis Begleitung ritt Jadasa mit ihren Frauen und Vishtaspa, der zum erstenmal bewußt eine Feier miter-leben sollte. Der Jubel über die Hütte Gottes war allgemein. Jadasa gab dem Ausdruck, was die meisten dachten:
„Gottes Hütte sieht aus, als töne eine Melodie aus ihr.“ Das Fest dünkte alle noch tausendmal schöner als seither.
Zoro-Tushtra kündete von Ahuramazda, dem Ewigen, Allge-waltigen Gott, der sich dem Volke so gnädig erwiesen hatte. Dann sprach er von dem Saoshyant, dem Heiligen Sohne des Höchsten Gottes, der kommen werde als Helfer und als Richter.
Begeisterung erfaßte die Menge, als der Weg-Erhalter von dem sprach, dem sein ganzes Leben geweiht war. Tief ergriffen waren sie bei seinen Schilderungen. Da, als er eine kurze Pause machte, ertönte plötzlich die Kinderstimme des Vishtaspa, der neben Jadasa stand
„Vishtaspa wird sein Diener sein! Treu wird er ihm dienen und das ganze Volk ihm zuführen.“
Woher wußte der Knabe von der Weissagung? Die Eltern hatten sie ihm nicht mitgeteilt. Aber die Worte des Kindes hatten wie ein Gelöbnis geklungen, so daß niemand erstaunt war, als der Meister ergriffen sagte:
„Ahuramazda segne Dich, mein Sohn, daß Du dereinst das zu halten vermagst, was Du eben gelobtest!“
Danach fuhr er fort, zu künden und zu lehren, und der Knabe lauschte aufmerksam, ohne sich nochmals hören zu lassen.
Bald war auch das Fest vorbeigezogen. Mit den zahllosen Besu-chern zog auch Hafis vom Berge. Nur Zoro-Tushtra blieb mit sei-nen Jüngern oben, um die Krieger zu erwarten.
Da wurden sie in einer Nacht durch Geräusch erweckt und sahen Lichtschein umherirren. Rasch trat Zoro-Tushtra aus dem Zelt, das oben auf dem Berge zwischen Bäumen errichtet war. Da erblickte er mehrere Männer, die um die Hütte herumgingen.
Augenscheinlich wähnten sie sie verlassen; denn sie bemühten sich nicht, besonders leise zu sein. Hinter dem Meister traten nun auch die Jünger herzu und verstellten den Männern den Weg. Es war der sehr alt gewordene Atravan mit einigen Gefährten.
Die Rufe der Empörung, die laut werden wollten, erstickte der Meister, ehe sie ausgesprochen. Dann wendete er sich an den be-bend vor ihm stehenden Greis:
„Willkommen, Atravan, warst Du nicht bei der Feier?“ Er erhielt keine Antwort.
Da wies er die Jünger an, die Begleiter mit sich zu nehmen, und forderte den ehemaligen Priester auf, ihn in sein eigenes Zelt zu begleiten. Widerwillig folgte der Alte.
Innen wies ihm der Meister ein warmes Lager an und bat ihn, bis zum Morgen zu ruhen, dann wollten sie miteinander reden. Aber solange wollte der unfreiwillige Gast nicht warten. Er nahm zwar auf dem Lager Platz, begann dann aber sofort zu sprechen.
„Ich sehe, Zoro-Tushtra, daß Ahuramazda mir zu mächtig wird. Ich hatte von dem Hüttenbau gehört und bin gekommen, ihn zu beschädigen. Draußen wirst Du die Werkzeuge finden, die wir mit-gebracht haben. Ich meinte, Du seiest fortgeritten, sonst hätten wir noch einige Tage gewartet. Nun aber bist Du hier und wieder, wie immer, schützt Dich Dein Gott. Mich aber vernichtet er.“
Zoro-Tushtra redete ihm zu, die schlimmen Gedanken fahren zu lassen. Es sei doch früher einmal eine Zeit gewesen, wo auch er an Ahuramazda geglaubt habe. Er solle sich wieder darauf besinnen und Gott die Ehre geben, dann werde er auch wieder froh werden. Der Atravan aber bekannte, daß diese Zeit, von der der Meister sprach, nie gewesen sei. Niemals habe er an Gott geglaubt, aber auch niemals an die Götter. Er habe sie nur mit den Lippen be-kannt, um sein hohes Amt ausüben zu können. Nun könne er auch nicht zu ihnen finden.
„Gib Dir keine Mühe mit mir“, rief er bitter aus. „Ich will sterben, wie ich gelebt habe!“
Mit diesen Worten zog er ein kleines Gefäß aus seinem Gewande. Aber ehe er es an die Lippen setzen konnte, hatte der Meister es ihm entwunden. Danach verbrachte er den Rest der Nacht, um dem Greis die göttliche Macht und Herrlichkeit vor Augen zu führen.
Als der Tag anbrach, führte er ihn in die Hütte, und da endlich barst die Rinde, die Trotz und Bosheit um dies alte Herz gelegt. Der Atravan sank vor dem Stein in die Knie und betete.
Der Meister behielt ihn oben, während seine Gefährten sich nach Hause begaben. Sie hatten keine Lust gezeigt, von Gott zu hören, sondern waren nur bestrebt gewesen, so rasch wie möglich fort zu kommen.
Der ehemalige Atravan aber konnte sich kaum von der Gottes-hütte trennen, in der er die Kraft spürte. Zoro-Tushtra ließ ihn an der für die Krieger veranstalteten Feier teilnehmen und freute sich des tiefen Eindrucks, den das innig-schlichte Fest auf den Alten machte.
Als er dann erfuhr, daß der Greis kein Heim sein eigen nenne, sondern von der Mildtätigkeit solcher leben mußte, die ihn nicht kannten, nahm er ihn mit sich und wies ihm in der Stadt einen Schlafplatz in dem Bau der Jünger an.
Nach wenigen Monaten aber hörte dies einst so wilde Herz auf zu schlagen. In Frieden ging der ehemalige Priester von der Erde.
Die gelbhäutigen, schiefäugigen Gefangenen hatten sich gut ein-gelebt. Sie zeigten keine Absicht, die neue Heimat zu verlassen, in der sie sich wohl fühlten. Allmählich erlernten sie die Sprache ihrer Umgebung und erzählten manches aus ihrem Lande, das die Hörer in größtes Staunen versetzte.
Unstet wanderten sie von Weideplatz zu Weide. Sie wohnten ständig in Zelten oder in der heißesten Zeit ohne solche im Schat-ten großer Bäume. Was angebaute Felder bedeuteten, mußten sie hier erst kennen lernen.
Sie nährten sich von dem Fleisch ihrer Herden, die zumeist aus Schafen zu bestehen schienen, und zwar verzehrten sie das Fleisch in rohem Zustand. Früchte lieferten ihnen ihre Bäume, Fische fin-gen sie in Strömen, deren es dort drüben größere und mehr zu ge-ben schien als in Iran.
Von Gott wußten sie nichts, auch Götter kannten sie nicht. Ihre Anbetung brachten sie grausigen Gestalten dar, die sie in ihrem Lande zu sehen behaupteten, und von denen die erstaunt lauschen-den Iraner sich kein Bild zu machen vermochten. Befragt, ob sie diese Wesen auch hier sähen, antworteten sie erleichtert
„Nein, die Dämonen sind drüben geblieben. Bei Euch ist es zu hell für sie.“
Zoro-Tushtra ließ es sich angelegen sein, diese armen, verküm-merten Seelen zu wecken. Sie waren nicht einmal lichthungrig. Sie merkten nicht, daß sie etwas entbehren mußten, wenn sie keine Nahrung für ihre Seelen hatten.
Allmählich aber wurde die treue Mühe belohnt. Einige der Männer wachten auf und begannen zu fragen. Aus diesen Fra-gen wurde langsam ein Finden. Sie kamen regelmäßig zu den Andachten und baten oft, daß Jünger zu ihnen kommen und sie belehren sollten. Was sie dann erfaßt hatten, das gaben sie an ihre Freunde weiter.
Auch ihr Können nahm einen Aufschwung. Nachdem sie soviel Schalen getrieben und verziert hatten, daß alle Andachtsstellen versorgt waren, ließ der Meister sie versuchen, Gegenstände des täglichen Bedarfs zu schmücken.
Er brachte ihnen blaugrüne Steine, wie Hafis sie in seiner Krone trug, und wies sie an, sie in Gürtel, Schnallen, Reifen und derglei-chen zu fassen. Das machten sie überaus geschickt.
Niemals setzten sie die Steine nur einfach in das Metall, sondern sie gaben ihnen eine Umrandung, die irgendeine Naturform nach-ahmte. Meist waren es Blumen, die sie auf diese Weise darstellten.
Diese Stücke wurden gern erworben. Jeder freute sich, etwas Der-artiges zum Schmuck seines Weibes und des Heims zu erlangen, und die Fremden erarbeiteten sich dadurch nicht nur ihren Le-bensunterhalt, sondern kamen auch zu einem gewissen Wohlstand. Zoro-Tushtra hatte ihnen eine Arbeitshalle bauen lassen; denn die Metalle vertrugen den langen Regen nicht. Daneben hatten sie
Schlaf- und Wohnräume erhalten.
„Die Hütte der Gelben“ fügte sich allgemach als ganz dazugehörig in die Stadt ein. Man vergaß, daß es Landfremde waren, die dort hausten. Besonders gern ging Vishtaspa zu den Arbeitenden, um ihnen zuzuschauen. Sie liebten den zutraulichen Knaben mit den strah-lenden Augen und den geschickten Händen. Denn beim Zuschau-
en war es längst nicht mehr geblieben.
Zu sehr lockten den Knaben die fremdartigen Werkzeuge. Leise nahm er bald das eine, dann das andere, und als die Männer merk-ten, daß es innerer Drang war, der sie ihn ergreifen ließ, zeigten sie ihm, wie er sie gebrauchen mußte.
Eines Tages kam er strahlend zum Meister gelaufen.
„Vater, schau, was ich formen durfte!“
In der Hand hielt er eine blaue Blume an einem Stengel, die sehr naturgetreu aus Metall gebildet war. Während seine Lehrmeister das Metall als Untergrund nahmen, darauf die Form der Blüte häm-merten oder ritzten und dann mit Steinen zierten, hatte er die Stei-ne zur Blume gefügt und durch Metallränder zusammengehalten.
Die Gelben hatten sein Werk sehr bewundert. Nun wollte er es der Mutter schenken, indessen sollte der Vater es zuerst sehen. Die Eltern freuten sich an des Kindes Geschicklichkeit, das solche Ar-beit allen Spielen vorzog.
Bald aber blieb keine Zeit mehr für Zeitvertreib. Der Meister reih-te den Sohn, trotzdem er noch jung war, in die Schar der Mobeds ein und ließ ihn mit ihnen lernen und arbeiten.
Da begehrte der Knabe, auch bei den Jüngern wohnen und schla-fen zu dürfen. Zoro-Tushtra wollte es ihm gestatten, aber sowohl Jadasa wie Hafis widersprachen.
„Er soll Fürst werden, da muß er sich an des Wohnen im Palast gewöhnen. Er muß lernen, sich bedienen zu lassen und in dem Be-dientwerden etwas Selbstverständliches zu sehen. Dann wird er im-mer freundlich mit den Untergebenen sein, wie Hafis es auch ist“, sagte Jadasa. „Nimmt er aber. später die Dienste als etwas seiner Würde Zukommendes in Anspruch, so wird er bestrebt sein müs-sen, diese „Würde“ auch im Verkehr mit den Dienern zum Aus-druck zu bringen.“
„Ich wollte, daß mein Sohn natürlich aufwachse“, erklärte der Meister, aber wieder war Jadasa anderer Meinung.
„Was ist natürlich, Zoro-Tushtra?“ fragte sie ganz eifrig. „Doch nur das, was sich von selbst aus der Lage ergibt, in der der Mensch sich befindet. Unnatürlich wäre es, wollte der künftige König an-ders aufwachsen, als er später leben soll.
Hafis stimmte bei, vielleicht mehr, weil er die Gesellschaft des Knaben nicht völlig entbehren wollte, als weil er Jadasas Weisheit verstand.
So blieb der Knabe außer zu den Lehrzeiten im Palast, ritt mit Hafis auf die Jagd oder in die Weite, und lauschte den Erzählungen seiner Mutter.
Für Zoro-Tushtra war abermals eine Zeit gekommen, da seine Seele oft wanderte und Dinge sah, die irdische Augen nicht wahr-zunehmen vermochten.
Bald traten Bilder nach Hilfe rufender Menschen vor ihn hin, bald waren es herrliche Schauungen aus überirdischen Gegenden. Er lernte verstehen, was ihm dies alles zu sagen hatte.
Trotzdem sein äußeres Leben immer arbeitsreicher und bewegter wurde, empfand er es doch nur als Hülle für das, was er innerlich lebte. Da lag jetzt sein wahres Schaffen und Wirken. Was er da er-fuhr oder aufnahm, das half dann allen.
Als die Hilferufe der fremden Völker sich mehrten, sprach der Meister mit den Gelben, um zu erfahren, ob es möglich sein würde, einige seiner Jünger in das Land der Wilden zu schicken.
Sie, die selbst zu Gott gefunden hatten, wünschten nichts sehnli-cher, als daß die Ihren den gleichen Weg geführt werden könnten. Aber sie verkannten die große Gefahr auch nicht, die in der unbe-herrschten Wildheit dieses blutdürstigen Volkes lag.
Zoro-Tushtra brachte die Gedanken hierüber als Anliegen vor Gott. Die Antwort, die ihm durch den Lichten wurde, besiegte alle Bedenken.
„Laß die Jünger im Vertrauen auf Gottes, des Allmächtigen Hilfe in das ferne, fremde Land gehen. Sie werden in mühsamer Arbeit die Seelen lockern und den Samen ausstreuen müssen. Aber es wird Segen auf dieser Arbeit liegen.
Damit es ihnen leichter falle, das Zutrauen der Wilden zu gewin-nen, stelle den Gelben frei, wer mit ihnen in seine Heimat zurück-kehren will. Du kannst die, welche das wünschen, ruhigziehen las-sen, einen Schutz gegen räuberische Überfälle bilden diese längst vergessenen Stammesbrüder nicht mehr.“
Nun sprach Zoro-Tushtra mit seinen Jüngern, von denen sich viele zu diesem Dienst bereit erklärten. Ein so glühendes Verlangen war in ihnen, von Gott zu solchen sprechen zu dürfen, die noch gar nichts von ihm wußten, daß sie der Gefahren völlig vergaßen.
Darauf befragte der Meister die Gelben, wer in seine Heimat zu-rückkehren wolle.
Er hatte erwartet, daß sie alle das Land verlassen würden, statt dessen meldeten sich zwei. Erst als er ihnen sagte, welcher Dienst als Gegengabe für ihre Freiheit verlangt werde, erklärten noch sieben sich bereit, mit den Jüngern zu ziehen. Sie wollten aber als Sendboten betrachtet werden, bei den Jüngern bleiben und mit ih-nen später wiederkehren dürfen,
„Iran ist jetzt unsere Heimat“, versicherten sie. „Wir müssen vor-sichtig sein, daß wir unsern Brüdern nicht allzuviel von hier erzäh-len, sonst ergreift sie alle das Verlangen, sich auch hier anzusiedeln. Das wäre ein Schaden für Iran.“
Die. Aussendung der Jünger in das ferne, unbekannte Reich ge-staltete sich zu einer weihevollen Feier. Einige weiße Schwestern hatten gebeten, mitziehen zu dürfen, indessen hatte Jadasa dies nicht erlaubt. Erst sollten die Männer Bahn brechen, danach konn-ten Schwestern folgen, wenn es nötig wurde.
Auf dem langen Marsch durch Iran, danach über das Gebirge in das fremde Land lernten die Jünger die Sprache der Gelben.
Sie fanden alles, wie es diese beschrieben: Irrglaube und Wahn, Blutdurst und Wildheit, Zügellosigkeit und Verkommenheit. Aber unermüdlich lehrten und arbeiteten sie, beschützt von den Gelben, die ihnen nicht von der Seite wichen. Denen selbst gefiel ihr eigenes Land weniger denn je. Sie klagten, wie entsetzlich dies alles sei, und legten kräftig Hand an, um Wandel herbeizuführen.
Aber Erfolg sollte dem Opfermut der jünger nicht beschieden sein. Immer wieder gewann der ungezügelte Sinn der Wilden, die keinen fremden Einfluß dulden wollten, die Oberhand. Es kam zu Empörung und Mord.
Nachdem die meisten der ausgezogenen Brüder und sechs ihrer Beschützer umgekommen waren, flüchtete der Rest nach Iran zu-rück.
Zoro-Tushtra nahm sie liebevoll auf. Die erwarteten Vorwürfe blieben aus. Er hatte bereits durch den Lichten Nachricht von dem Ausgang des Unternehmens erhalten.
Nun sollte er niemand mehr zu dem halsstarrigen Volk schicken. Es war noch nicht reif, die Kunde von Gott und Göttliches in sich aufzunehmen.
Dann wurde Zoro-Tushtra ein anderer Auftrag aus lichten Hö-hen: mit Vishtaspa, der zum Jüngling erwachsen war, sollte er noch einmal das ganze Reich bereisen, alle Ortschaften aufsuchend, wo Priester amteten.
Er sollte sich dabei Zeit lassen, sich aber so einrichten, daß er zur Zeit der Feier in der Nähe des Berges sein konnte, so daß er nicht gehindert war, sie selber abzuhalten.
Dieser Auftrag erfüllte Vater und Sohn mit Freude. Gern hätten sie Jadasa dabei gehabt, aber sie wandte ein, wenn ihre Mitreise ge-wünscht wäre, würde sie Befehl dazu erhalten haben. Sie wolle bei den Schwestern bleiben.
Hafis schwankte lange, ob er sich nicht anschließen solle. Er war zwar ein alter Mann geworden, aber er fühlte sich noch rüstig und hätte gern nochmals sein Land gesehen. Doch auch er entschloß sich, daheim zu bleiben. Von der Nordgrenze kamen allerhand beunruhigende Nachrichten, da wagte er nicht, die Hauptstadt zu verlassen. So ritten Vater und Sohn, begleitet von einem stattlichen. Troß von Jüngern und Dienern, miteinander aus.
Der Jüngere war ganz erfüllt von Freude auf alles, was er sehen durfte. Viel hatte Zoro-Tushtra von früher erzählt, feste Vorstellun-gen hatten sich in der Seele des Jünglings gebildet. Er hatte verges-sen, daß die Zahl seiner Jahre seit seines Vaters letzter Reise verstri-chen war.
Vieles hatte sich inzwischen geändert. Aus kleinen Ortschaften mit armseligen Hütten waren aufblühende Städte geworden. Zum Teil lagen sie trutzig in Felsen eingebettet. Andere schmiegten sich lieblich dem Lauf eines Flüßchens an, wieder andere drückten sich schutzsuchend gegen einen Wald.
Überall aber fanden sie reges geistiges Leben, einheitlichenGlau-ben und ein Streben, nach Gottes Geboten zu handeln. Überall war Frieden und Einigkeit, emsiger Fleiß und wohltuende Sauberkeit.
Fast jeder Gau trieb andere Arbeit. In den Gebirgsgegenden wur-den die langhaarigen Ziegen und die wetterfesten Schafe geweidet, aus deren Fellen und Wollen die Männer wie die Frauen treffliche Kleidungsstücke zu fertigen verstanden. Hier wurden auch die far-bigen Wollgarne hergestellt, aus denen die Frauen des ganzen Rei-ches die dicken Matten knüpften und webten.
In den Ebenen bestellten die Männer die Felder und hüteten Rin-der und Rosse, während die Frauen Stoffe webten und Körbe floch-ten.
Am Rande der Wüste beschäftigte man sich mit Salzgewinnung und weiterhin mit Verarbeitung von Metallen. Dann kam die Ro-sengegend, die wie ein einziger riesiger, blühender Garten aussah. Hier verstanden es die Leute, aus den Rosenblättern köstlich duf-tendes Öl zu pressen.
Vishtaspa hatte genug zu sehen, und er schaute auch mit der See-le. Er wollte seinekünftigen Untertanen in allem kennenlernen.
Er nahm auch teil an allem, was er sah. Keinen Handwerker konn-te er schaffen sehen, ohne daß er wenigstens auf Augenblicke zu ihm getreten wäre. Wo es anging, bat er, einmal selbst einige Hand-griffe tun zu dürfen. Und dem sonnigen schönen Jüngling wurde selten eine Bitte abgeschlagen. Noch wußte niemand, daß er einmal des ausgedehnten Reiches Beherrscher werden sollte, trotzdem hatte sich sein Beiname „der junge Fürst“ weit über die Grenzen der Hauptstadt hinaus verbreitet.
Sein Großvater Nasim lebte nicht mehr. Zoro-Tushtra zeigte dem Sohne die Ortschaft, in der die Mutter aufgewachsen. Die Leute, die noch sehr an Jadasa hingen, freuten sich, ihren Sohn bei sich zu sehen.
Dann kamen sie in die Ortschaft, in der Mursa und Anara die-Herrschaft führten. Der Älteste war gestorben, und die Leute hat-ten Mursa dies Amt neben seinem Priestertum übertragen.
Beim Anblick dieser schmucken Ortschaft konnte man kaum glauben, daß dies der Platz gewesen, aus dem man mit Gewalt den Schmutz hatte beseitigen müssen.
Fast zwei Jahre waren die beiden Reiter mit ihrem Troß unter-wegs, dann kehrten sie befriedigt in die Hauptstadt zurück, sehn-lich von allen erwartet.
Fürst Hafis sagte, er habe nur noch abwarten wollen, daß sein Nachfolger wieder anwesend sei, nun werde er sich aufmachen, dieses Leben zu verlassen.
Schmal und durchsichtig war sein immer noch männliches Ant-litz geworden. Die Hände zitterten, aber sein Geist schien sich in den letzten Monaten noch vertieft zu haben. Er sprach sehr wenig, aber was er sagte, das hatte Wert.
Nun begehrte er, daß Vishtaspa ständig um ihn bleibe, damit er ihm noch alle Anweisungen geben könne, die notwendig schienen.
„Ich will Abschied nehmen von meinem Volk, Zoro-Tushtra“, sagte er eines Tages, nachdem er die Nacht im Gebet verbracht. „Ist es wohl möglich, daß ich heute abend nach der Andacht zu den Leuten spreche?“
Das fand der Meister für sehr wohl angängig, und es wurde ver-breitet, daß der Fürst selber am Abend reden wolle. Da kamen auch solche, die sonst manchmal allerhand Vorwände gehabt hatten, aus Bequemlichkeit der Andacht fernzubleiben.
Abends ließ sich Hafis in die Andachtshalle tragen.
Der Gottesdienst verlief wie immer, vielleicht fand Zoro-Tushtra noch innigere Worte als sonst, die Seelen zu ergreifen.
Danach verkündete er, daß alle versammelt bleiben sollten, da Fürst Hafis mit ihnen reden wolle.
Hafis trat in die Mitte, gestützt auf Vishtaspa, den er nicht von der Seite ließ.
Würdig sah der Greis aus in dem reich gestickten Gewand mit der Krone auf dem Haupte.
Er dankte seinem Volk, daß sie ihm während der langen Zeit sei-ner Herrschaft niemals durch Ungehorsam oder Unfrieden das Le-ben schwer gemacht hätten.
„Das Beste in meinem Leben war, daß Gott uns würdigte, den Zoroaster in unserer Mitte zu haben, Iraner“, sagte er dankerfüllt.
„Von ihm lernten wir, Gott, den Höchsten, zu finden. Durch seine Tätigkeit einte sich das Reich.
Kinderlos scheide ich. Wenn ich aber nun von Euch gehe, so wer-det Ihr nicht führerlos sein. Meinen Nachfolger habe ich für Euch erzogen. In Eurer Mitte wuchs er auf. Ihr liebt den jungen Fürsten. Seid ihm treu, wie Ihr es mir gewesen!“
Tiefe Bewegung ging durch die Reihen. Nun wandte sich Hafis an den Jüngling.
„Knie nieder, mein Sohn, daß ich Dich segne.“
Und während Vishtaspa dem Befehl nachkam, nahm Hafis die Krone vom Haupte und setzte sie auf das geneigte jugendliche Haupt. Ein leises Gebet schien er dabei zu sprechen, danach erhob er die Stimme abermals;
„Ahuramazda segne Dich, mein Sohn! Er hat Dich vor Deiner Geburt zum König dieses Volkes bestimmt. König sollst Du sein von heute an. Erhebe Dich, König Vishtaspa von Iran!“
Trotz der Heiligkeit des Ortes wurden doch Rufe laut. Die einen jauchzten dem jungen Herrscher zu, die andern baten den Fürsten, noch nicht von ihnen zu gehen.
Er lächelte müde.
„Gönnet mir noch ein paar Jahre an der Seite des jungen Königs, in denen ich mich als Berater dessen erfreuen kann, was Jugend-kraft unternehmen wird.“
Als der Meister merkte, daß Hafis nichts mehr sagen wollte, trat er neben ihn und dankte im Namen des Volkes für die liebevolle und gütige Herrschaft, die der Fürst stets geübt.
Danach betete er um friedevolle Jahre des Ausruhens und um helfende Kraft für den jungen König.
Dieser trat sein Amt mit Freuden an. Von klein auf an den Ge-danken gewöhnt, einmal Hafis ersetzen zu sollen, hatte er offenen Auges das Tun des Fürsten beobachtet. Später hatte dieser jede Maßnahme mit dem jungen Nachfolger besprochen, ehe er sie aus-führte.
Nun wollte Vishtaspa es ebenso machen und täglich alles mit sei-nem väterlichen Freunde besprechen. Da stieß er auf entschiede-nen Widerstand.
„Du darfst Dich nicht daran gewöhnen, mich bei allem zu fragen, ob ich es gutheiße, mein Sohn“, sagte der Greis gütig, „sonst wirst Du zu unselbständig. Wenn Du etwas unternommen hast, kannst Du mir nachher davon berichten und wir besprechen es. Das wird besser sein.“
Die Unruhen im Norden des Reiches, die nachgelassen hatten, mehrten sich in bedrohlicher Weise. Immer neue Botschaften berich-teten von räuberischen Überfällen, von Mord und Brandstiftung. Es mußte gehandelt werden, damit die Obergriffe nicht weiter gingen.
Vishtaspa war in dem Gedanken erzogen worden, daß Blutver-gießen gegen die Gebote Gottes ist. Aber er wußte auch, daß Hafis auf Gottes Befehl damals den Feinden entgegengezogen war.
So rüstete auch er sich, nach Norden zu reiten und eine ungeheu-re Schar Bewaffneter sollte ihn begleiten. Wenn auch der Fürst im Innern meinte, die Hälfte der Mannschaft würde auch genügen, so ließ er den jungen König gewähren. Er sollte zeigen, was er auszu-richten imstande sei.
Wie damals segnete Zoro-Tushtra die Ausziehenden, die frohge-mut, als ob es in Abenteuer ginge, davonritten. Der König aber hat-te einen Plan, den er den Anführern unterwegs mitteilte.
Zuerst hörten sie erstaunt, was er ihnen klar zu machen suchte. Danach, als sie erfaßt hatten, um was es ging, freuten sie sich und baten um Erlaubnis, die Männer davon zu verständigen. Das ge-schah noch am gleichen Abend, und ungeheures Gelächter zog von Zelt zu Zelt, immer neue Frohsinnsausbrüche weckend.
In dieser frohgemuten Stimmung kamen sie nach sehr beschwer-lichem Ritt nach vielen Tagen im Norden an, wo zerklüftete Felsen, zerrissenes Gebirge, das sich schwindelnd gen Himmel türmte, die Grenze des Landes bildete. Das waren gute Schlupfwinkel für kun-dige Räuber.
In allen Ortschaften, durch die er zog, hörte König Vishtaspa die beweglichen Klagen der Geschädigten. Je näher er an das Gebirge kam, desto mehr Spuren des Mordens und Brennens fand er. Die Menschen zitterten vor jedem neuen Tag. Freundlich rief er ihnen zu:
„Es wird ein Ende nehmen, ich verspreche es Euch!“
In ganz kleinen Abteilungen ließ er seine Leute nach wohlüber-legtem Plan zwischen die Berge reiten. Er hatte selber alles ausge-kundschaftet, geführt von einem dort Ansässigen, so daß er genau alles bestimmen konnte.
Die räuberischen Nachbarn waren keiner Gegenwehr gewärtig. Männer, die sich über die Grenze hinaus in Feindesland gewagthatten, brachten die Nachricht, daß an zwei Stellen ein Über-fall geplant sei. Nun hieß es: auf dem Posten sein!
Und was der König nach innigem Gebet erdacht hatte, das glück-te. Eine ganze Nacht dauerte der Kampf, der aber völligunblutig verlief, dank der großen Überzahl der Königlichen. Am Morgen brachten die Gewaffneten etwa hundert gefangene, gefesselte Fein-de vor den König.
Vertiert sahen diese Menschen aus. Durch die Nasen hatten sie Ringe gezogen, die teilweise so schwer waren, daß sie die Riechor-gane nach abwärts zerrten.
Mürrisch und haßerfüllt waren die Blicke, die die Gefange nen um sich warfen. Dabei konnten sie ihre Neugier nicht verbergen.
Was sie da sahen, weckte ihre Verwunderung. Vishtaspa hatte ab-sichtlich seine gesamte Streitmacht rings umher Aufstellung neh-men lassen.
Die große Zahl sollte abschreckend wirken und tat es auch. Die Leute begannen zu zittern. Sie wußten nichts anderes, als daß sie jetzt getötet werden würden.
Vishtaspa trat vor sie hin und fragte:
„Wer von Euch versteht unsere Sprache?“
Er sah es in verschiedenen Augen aufblitzen, aber die Männer zogen vor zu schweigen. Da riefen einige Bergbewohner:
„Gib Dir keine Mühe, o König. Sie verstehen fast alle unsere Spra-che, aber wir können die ihre sprechen. Wir wollen gern vermit-teln, was Du ihnen sagen willst.“
Das nahm der König an und sprach dann zu den Gefangenen:
„Großes Unrecht habt Ihr getan, daß Ihr des Landes Grenzen nicht geachtet habt. Ihr habt nicht in Not gehandelt, denn es war. Euch mehr um Morden der Schlafenden, Niederbrennen der Hüt-ten und Raub der Weiber zu tun, als um Besitz von Vieh.
Vielleicht seid Ihr nicht gelehrt worden, daß das Sünde ist. Jetzt aber sollt Ihr es lernen auf eine Weise, die es Euch nimmermehr vergessen lassen wird.
Da Ihr Euch betragen habt wie unartige Kinder, so wird man mit Euch auch verfahren wie mit solchen. Ihr werdet geschlagen wer-den, damit Ihr wißt, daß Ihr Strafe verdient habt. Damit Ihr aber diese Lehre nicht zu rasch vergeßt, wird man Euch die Schädel kahl scheren. Dann dürft ihr heimgehen.
Die Männer heulten auf. Kahlgeschoren zu werden war eine gro-ße Schande, sogar bei diesen Wilden. Lieber wollten sie sterben, als so zugerichtet vor die Augen der Ihren treten.
Dem König aber lag daran, die Leute ein für allemal abzuschrek-ken. Er blieb bei seinem Urteilsspruch, den seine Krieger rasch vollzogen. Jeder war überzeugt, daß der junge König gerecht und weise gehandelt habe. Sie freuten sich, ihm dienen zu dürfen.
Vorher hatte er ihnen eingeschärft, daß sie weder spotten noch die Leute mißhandeln durften. Sie sollten fühlen, daß die Strafe an ihnen auch als solche vollzogen werde, nicht, weil den andern Spaß daraus erwuchs.
Als alle Gefangenen haarlos waren, rief man Vishtaspa wieder herbei. Sie waren überzeugt, daß sie nun doch noch getötet werden würden. An die Freilassung glaubte. keiner.
Der König betrachtete sie voll Erbarmen. Es war ihm schwer gefallen, fest zu bleiben angesichts soviel Verkommenheit. Nun sprach er zu ihnen, und die Liebe, die er für seine Mitgeschöpfe fühlte, schwang durch seine Stimme.
Er sagte:
„Ihr habt Eure verdiente Strafe erhalten und dürft nun heimge-hen. Es wird keinem von Euch mehr einfallen, feindselig die Gren-
ze zu überschreiten. Sagt Euren Gefährten, was sie bedroht, wenn sie sich einfallen lassen, es Euch gleichzutun. Gleiche Strafe wird sie treffen. Ihr seht, wieviel Krieger hier zur Abwehr bereit stehen. Ehe Ihr geht, möchte ich Euch noch ein Wort sagen: Ihr wißt, daß ich der König dieses Landes bin. Ihr habt gesehen, wie groß meine
Macht ist.“
Die Männer nickten fast wider Willen. Er gefiel ihnen. Einige von ihnen spürten den Klang seiner Stimme, die ihnen zu Herzen drang, ohne daß es ihnen bewußt wurde.
„Ich habe meinen Kriegern befohlen, keinen von Euch zu töten“, fuhr Vishtaspa fort. „Ihr seht, sie haben meinem Befehl gehorcht!
Daran könnt Ihr erkennen, daß mir große Macht gegeben ist. Es gibt aber Einen, dessen Macht ist tausendmal größer. Er hat allen Men-schen das Gebot gegeben, nicht zu töten! Auf sein Gebot hin taten wir alle, was wir uns vorgenommen. Dieser Eine, ganz Große, ist auch Euer Herrscher. Es ist der allerhöchste, ewige Gott, den wir anbeten!“
Stumpfe, verständnislose, ungläubiges verwunderte Augen rich-teten sich auf den Sprecher. Kaum ein Mann sah aus, als habe er begriffen und wolle mehr hören.
Und es war dem König, als flüstere eine Stimme ihm zu, er solle für heute nicht weiter reden. Der Same sei ausgestreut und müsse Zeit haben, Wurzeln zu schlagen.
So ließ Vishtaspa die Banden der Gefesselten lösen, und jeder schoß pfeilgeschwind davon, sobald er frei war, ohne auf die Ge-fährten zu warten.
Einer der Enteilten aber drehte nach wenigen Sätzen um und lief geradeswegs auf den König zu. Dichter stellten sich die Krieger ne-ben ihren Herrscher. Sie fürchteten, der Mann habe Schlimmes im Sinn. Doch Vishtaspa wehrte:
„Schauet ihn an. Sein gutes Wollen leuchtet aus seinen Augen. Lasset ihn gewähren.“
Der Wilde war herbeigekommen. Jetzt beugte er ungeschickt das Knie vor dem König und sagte:
„Ich danke Dir für Deine Güte. Unser Volk kann sie noch nicht erkennen. Aber ich sehe sie und werde immer davon sprechen. Nicht die Strafe, sondern die Liebe, mit der sie erteilt wurde, wer-den uns Dir zu Freunden machen, o König!
Jung bist Du, aber Du bist sehr weise. Schön bist Du, aber Deine Güte übertrifft Deine Schönheit.
Gestatte, daß ich wiederkomme, wenn mein Haar gewachsen sein wird, damit ich mehr von dem Gott höre, dem Du dienst!“
Das gestattete der König mit Freuden. Er wunderte sich, daß der Mann so gut iranisch sprach; da erfuhr er, daß alle diese Leute der Grenze die Sprache Irans beherrschten.
Nachdem alle Wilden außer Sehweite waren, sprach Vishtaspa mit seinen Kriegern. Er stellte ihnen die Notwendigkeit des Gerü-stetbleibens vor Augen. Die Wilden durften nicht sich einbilden, daß die Grenze nun wieder unverteidigt sei.
„Wir wollen steinere Hütten in diese Spalten und Risse schmie-gen, viele Hütten an verschiedenen Stellen, so daß die ganze Gren-ze gesichert sein wird. Zwischen den Hütten müssen dann Krieger umhergehen und beobachten.
Ich denke mir, daß wir alle Jahre die Krieger auswechseln müssen, damit immer wieder andere in diese Einsamkeit kommen.“
Danach ließ er die sich melden, die die erste Wacht übernehmen wollten. Etwa fünfzig Mann ließ er mit fünf Anführern zurück. Er selbst brach mit den übrigen nach der Stadt auf.
Eher als die Seinen ihn erwartet, traf er wieder im Palast ein. Groß war das Staunen, daß er keinen Gefangenen mit sich führte. Es wuchs aber, als er von seinen Maßnahmen erzählte.
Auch Zoro-Tushtra und Hafis konnten sich des Lachens nicht er-wehren. Danach wurden sie rasch sehr ernst. Sie erkannten, wie wunderbar der junge König geführt wurde, wie selbstverständlich er auf seine Führung lauschte.
„Ich sehe ein, daß ich es damals falsch machte, als ich die hundert Gelben mitbrachte“, gestand Hafis nachdenklich.
Der Jüngere widersprach.
„Hättest Du das nicht getan, so hätte unser Volk ihnen die gro-ße Kunstfertigkeit nicht absehen können. Und daß es richtig war, Fürst, beweist Dir doch auch, daß niemals mehr ein Feind von dort aus unser Land bedrohte.“
Daß Vishtaspa Krieger an der Grenze zurückgelassen, gefiel den Alten besonders. Es war ein Beweis großer Umsicht. Der König aber hatte noch weiter gedacht.
„Ich werde von jetzt an ständig die kräftigsten Männer im Ge-brauch der Waffen, im Bergsteigen und Wandern ausbilden lassen. Sie mögen daneben ruhig ihr Handwerk treiben. Aber eine gewisse Zeit müssen sie dem Reich widmen. Es kommt allen zugut, was sie tun werden.
Je größer die Zahl derer ist, die ich gegen einen Feind führen kann, um so geringer wird das Blutvergießen sein. Mit den Führern habe ich schon gesprochen. Sie stimmen mir bei und wollen gern die Arbeit des Unterweisens auf sich nehmen.
Ich hoffe aber auch, Vater, daß es für Deine Jünger bald Arbeit an der Grenze geben wird. Der Mann, von dem ich Euch erzählte, wird nicht ruhen, bis er mehr über Gott hören kann. Er wird, so hoffe ich, noch andere bestimmen, ihn zu begleiten. Dann müssen Prie-ster bereit stehen, die die Fragenden unterrichten. Unsere Krieger würden mehr verderben als nützen.
Ich möchte Dich bitten, Vater, daß Du schon bald mehrere Jün-ger nach Norden sendest, die bei den Kriegern wohnen müßten. Ich fürchte ein wenig, daß die Männer da oben in dem rauhen Gebirge selber rauher von Sitten werden könnten. Es wird gut sein, wenn die Priester mit ihnen leben, ihnen Andachten halten und sie mahnen.“ Der Gedanke gefiel Zoro-Tushtra, und während Vishtaspa zu seiner Mutter ging, sie zu grüßen, sagte der Vater zu Hafis:
„Wahrlich, das Land ist in besten Händen. Wir dürfen ruhig scheiden, wenn unsere Zeit gekommen sein wird. Vishtaspa wird König und Priester zugleich sein.“ Hafis stimmte von Herzen bei. Er bewunderte den jungen König, den er liebte wie einen eigenen Sohn. Indessen bestritt er, daß Zoro-Tushtra schon entbehrlich sei.
„Ich bin bedeutend älter als Du, mein Freund“, sagte er bestimmt.
„Ich werde zuerst gerufen werden.“
Damit hatte er sich geirrt. Der erste Ruf traf Jadasa, die schon lange seiner harrte und alles für ihr Scheiden bereit gemacht hatte. Mit einigen ihrer vertrauten Jüngerinnen hatte sie darüber ge-sprochen, den Männern hatte sie nichts gesagt. Für diese war es
Zeit genug, wenn die Stunde gekommen war.
Aber Vishtaspa, der monatelang von der Mutter entfernt gewe-sen, hatte schärfere Augen als die andern. Bestürzt kehrte er zu Fürst Hafis und dem Vater zurück:
„Was fehlt der Mutter? Seit wann ist sie so leidend?“
Noch bestürzter blickten die beiden Männer ihn an. Sie hatten keine Veränderung an Jadasa bemerkt. Nun sie darauf achteten, zeigten sich viele Anzeichen einer langsam schleichenden Krank-heit.
Da entschloß sich Zoro-Tushtra, mit seinem Weibe zu reden. Ohne Besinnen gab sie zu, daß er recht gesehen. Sie fügte hinzu, wie sehr sie sich freue, nach Garodemana gehen zu dürfen.
„Ich habe es so oft in der Nacht schauen dürfen, daß ich genau weiß, wohin die lichten Gestalten mich führen werden, wenn end-lich die Seele den müden Körper wird verlassen dürfen. Ich freue mich darauf, und Du mußt Dich auch freuen. Unsere Trennung wird nicht lange währen. Dann wirst auch Du kommen.“
Ruhig schaute Zoro-Tushtra auf sein blasses Weib, dessen Züge ihn immer noch lieblicher dünkten als alle anderen.
„Ich freue mich mit Dir, Jadasa“, stimmte er bei. „Besonders froh bin ich, daß Du das Herrliche schon hast schauen dürfen. Kannst Du mir davon erzählen?“
Jadasa lehnte den Kopf an die Wand, vor der sie saß, schloß die Augen und begann träumerisch:
„Helle, lichte Stufen führen empor in ein Licht, das niemand be-schreiben kann. Helle lichte Wesen helfen den Seelen, über diese Stufen zu steigen, höher und immer höher. Gärten sind zu den Sei-ten dieser Stufen. Herrliche, duftende Blüten wachsen darin, be-treut von lieblichen Frauenwesen.
Kleine Kinder sehe ich spielen in reiner, hellster Lust. Immer heller werden die Gestalten, immer leuchtender strahlt das Licht. Ich sehe es alles, aber ich kann es nicht schildern. Das vermag kein Mensch. Du wirst es selber sehen, mein Freund.“
Immer leiser war ihre Stimme geworden. Der Lauschende fürch-tete, daß sie schon gegangen sei, aber nach kurzer Zeit öffnete sie die Augen und lächelte ihm zu.
Keiner der Ihren mochte sie mehr allein lassen. Einer war immer um sie, besonders als sie ihr Lager nicht mehr verlassen konnte, weil die Füße zu schwach wurden. Sie litt nicht, aber es war ein Müde-Werden des ganzen Körpers, das ihr jede Tätigkeit versagte. Eines Abends hatte der Sohn sie auf jugendkräftigen Armen in:
das schönste Gemach des Palastes getragen, wo Hafis und Zoro-Tushtra ihrer harrten. Sie sprachen vom Saoshyant, um den sich die Gedanken des Weg-Erhalters am liebsten drehten.
„Ich werde ihn von ferne schauen dürfen“, sagte Jadasa überzeugt.
„Ob ich wohl auch die heiligen, wunderlieblichen Frauen werde sehen dürfen?“ setzte sie nach einigen Augenblicken träumerisch hinzu.
„Freue Dich immerhin darauf, mein Weib“, sagte Zoro-Tushtra aus der weichen Stimmung heraus, die ihn umfangen hielt.
Sie spürten alle, daß etwas Besonderes durch das Gemach wehte. Es war, als verknüpfe dieses gemeinsame innere Erleben, das sie nicht in Worte zu fassen vermochten, ihre Seelen inniger.
Vishtaspa wollte wissen, wer die drei Frauen seien. Er hatte noch nichts von ihnen gehört; denn von ihren Schauungen sprachen we-der Zoro-Tushtra noch sein Weib. Heute aber war Jadasas Zunge gelöst. Sie mußte ihrem Sohne das Herrliche künden, solange sie noch dazu imstande war.
„Wisse, hoch droben in den himmlischen Reichen gibt es drei Kö-niginnen, die so hold, so rein, so göttlich sind, daß wir Menschen sie nicht zu fassen vermögen.
Die Königin aller Himmel breitet ihren leuchtend blauen Man-tel über die anderen. Ihre Krone funkelt in unirdischem Glanz. Ihr Antlitz ist das hehrste, das man schauen kann.“
Zoro-Tushtra unterbrach. Atemlos fragte er:
„Hast Du das heilige Angesicht sehen dürfen, Jadasa? So warst Du reich gesegnet! Ich sah es noch nie. Immer hing ein leichter Schlei-er davor, der die wunderlieben Züge nur ahnen ließ.“
„Ich sah es, und immer lächelte die Hohe Frau mir zu, wie eben jetzt“, sagte Jadasa verzückt, ohne zu ahnen, was sie aussprach. „Neben ihr stehen die Königin der Liebe und die Königin der Reinheit. Eine rote Rose läßt die Liebe Gottes herniederfallen. Spürt Ihr den Duft?“
Wirklich war. es, als ziehe Rosenduft durchs Gemach, so stark und belebend, wie irdische Blüten nicht zu duften vermögen.
„Die Königin der Reinheit breitet mir die Arme entgegen. Wie bin ich doch so überreich gesegnet! Ihr werde ich dienen dürfen in den lichten Reichen. O, Du holdeste Frau, laß mich Dein sein. Ich begehre nichts anderes!
Sie nickt Gewährung. Sie winkt! Wie schön! Wie herrlich! Herr, Du Erhabener, ich danke Dir!“
Leise sank Jadasa gegen die Kissen zurück, die sie hatten stützen sollen. Die drei Männer standen betend um sie.
Ganz starke Empfindungen zogen durch ihre Seelen, in ihnen war nur Lob und Dank. Dank dafür, daß Gott ihnen diese reine Frau auf den Lebensweg gestellt, Dank dafür, daß er sie so leicht und friede-voll gerufen. Ein verklärtes Lächeln lag über den schönen Zügen, das auch nicht mehr verschwand.
Lange standen die drei bei Jadasas Hülle, sie konnten sich kaum losreißen aus dem, was da um sie her wogte. Aber Zoro-Tushtra erinnerte sich, daß er dafür sorgen müsse, daß die Hülle gebettet werde. Zu heiß waren die Tage.
Er wollte aber, daß sie in einer Gruft ruhen sollte, der Gedanke an die Türme des Schweigens war ihm unerträglich.
Am folgenden Tage war alles bereitet. Unter einer Fülle von Blü-ten trugen die Priesterinnen ihre Führerin zu der Gruft. Sie dulde-ten nicht, daß irgendeine Männerhand außer der des Gatten und des Königs sie berühre. Lobgesänge, die Jadasa selber ersonnen und sie gelehrt hatte, erklangen, während die Steine vor der Gruft ge-türmt wurden. Danach sprach Zoro-Tushtra ein inniges Dankgebet und ermahnte alle, dies reine Leben, das ihnen ein Vorbild gewe-sen, nicht zu vergessen, damit sie ihm nacheifern könnten.
Das Leben ging seinen Gang weiter. Jadasa hatte selbst diejeni-ge bestimmt, die über die Priesterinnen wachen und ihre Ausbil-dung leiten sollte. Eine andere hatte sie beauftragt, mit den weißen Schwestern zu leben und sie anzuleiten.
Die beiden Frauen nahmen es als heilige Pflicht und taten ihr Be-stes, die Lücke, die Jadasas Scheiden gerissen, nicht zu groß werden zu lassen.
Die drei Männer im Palast aber empfanden das Fehlen der Frau täglich mehr. Sie merkten deutlich, wie oft ein verstehendes, aus-gleichendes Wort unausbleibliche Gegensätze überbrückt hatte.
Wie oft auch hatte sie ein Geschehen, von dem einer der Männer berichtet, in helles Licht von oben gerückt, so daß sie es plötzlich mit anderen Augen sehen mußten.
Und je mehr sie vermißten, um so schweigsamer wurden sie un-tereinander. Sie konnten stundenlang beisammen sitzen, jeder in seine eigenen Gedanken versponnen, ohne diesem Denken Worte zu finden. Manchmal schaute der eine oder der andere auf, als ob er etwas sagen wolle, dann wurde er sich aufs neue des Vermissens bewußt und schwieg wieder.
Als das mehrere Wochen so gewesen war und. nur immer stärker fühlbar wurde, brach eines Abends der junge König das Schweigen.
„Hört, Ihr Lieben“, redete er die beiden anderen an, ,,uns fehlt die Mutter, uns fehlt die Gefährtin, die Ergänzung. Wäre es nicht gut, wenn wieder ein Weib in den Palast kommen würde? Daß es die Mutter ersetzen könnte, das glaube ich nicht, aber es würde doch uns allen helfen“.
Verständnislos schaute Zoro-Tushtra auf den Sohn. Was meinte er damit?
Hafis aber hatte ihn verstanden und fragte:
„Redest Du nur im allgemeinen oder hast Du gefunden, was Du brauchst?“
„Ich habe eine Jungfrau gefunden, die ich seit langem im Herzen trage. Noch habe ich sie nicht gefragt, ob sie mein Weib werden will; denn erst wollte ich von Euch hören, ob Ihr es ertragen könnt, eine andere an der Mutter Stelle zu sehen.“
„Du hast recht, Vishtaspa“, stimmte nun auch Zoro-Tushtra bei.
„Es wird Zeit, daß Du Dich vermählest. Das Reich bedarf des Nach-folgers, Du selbst brauchst die Gattin.“
Er sagte nicht, ob er es werde ertragen können. Hafis verstand auch ihn.
„Es wird auch Zeit, daß Du Besitz von dem Fürstenpalast ergrei-fest, Vishtaspa“, nickte er dem König zu. „Frage die Jungfrau, und wenn sie einwilligt, Dein Weib zu werden, so werde ich zu Deinem Vater in den kleinen Palast ziehen. So wird uns allen geholfen.“
Die Worte des Fürsten ebneten die Wege für alle drei. Es begann ein reges Arbeiten im Palast, um alle Räume für die junge Königin instand zu setzen. Bald danach segnete Zoro-Tushtra das Königs-paar in der Andachtshalle.
Sie hatten gebeten, bei der Feier auf dem Berge in Gottes Hütte gesegnet zu werden, indessen wollte der Vater darauf nicht eingehen. Er sagte, die Hütte Gottes sei nur zur Anbetung bestimmt; die Feiern dürften keinerlei irdisches Gepräge erhalten.
So gaben die Beiden sich zufrieden. Die junge Königin war sehr lieblich anzusehen, besonders deshalb, weil man spüren mußte, daß hinter dem anmutigen Körper eine schöne Seele strahlte. Kindliche Heiterkeit und selbstvergessenes Sorgen für andere zeichneten sie aus.
Für Zoro-Tushtra empfand sie große Verehrung und bemühte sich, ihm das Leben angenehm zu machen.
Zwei Jahre waren seit Jadasas Tod vergangen, da meldete Vishtas-pa glückstrahlend den beiden Alten; daß bald der Erbe seinen Ein-zug halten werde.
„Wenn es ein Sohn ist, nennet ihn Hafis“, bat der Fürst, und der König versprach es.
„Es ist gut so“, scherzte der Fürst, „ein Hafis kommt, wenn der andere geht. Möge der neue Hafis dem Volk den Frieden erhalten und es so leiten, daß er es dem Saoshyant zuführen kann, wenn er kommt. Wann wird das sein? Ich denke manchmal, die Erde wird noch lange seiner harren müssen.“
Bei diesen Worten erhob sich der Fürst, um sein Gemach aufzu-suchen, aber kraftlos sank er in seinen Sitz zurück.
„Habt Dank, Ihr Lieben, Ihr habt mein Leben reich gemacht“, lä-chelte er ihnen zu.
Danach schlossen sich seine Augen, um sich auf Erden nicht mehr zu öffnen. Auf seinen Wunsch wurde er neben Jadasas Gruft beigesetzt, ohne Gesang, mit schlichtem Dankgebet.
Nun wartete Zoro-Tushtra auf seinen Abruf. Allein war er übrig geblieben von denen, die mit ihm jung gewesen. Sein Amt hatte er auf Befehl von oben an den Sohn abgetreten, der sich unter seiner Führung in die doppelte Würde als König und als Priester einleben sollte.
Aber es bedurfte dieser Führung kaum. Vishtaspa wurde so stark von oben her geführt, daß er stets das tat, was richtig war. Der Vater freute sich dessen, kam sich aber überflüssig vor.
Mehrere Jahre waren so vergangen. Das geduldige Warten fiel dem Zoro-Tushtra, wie er immer noch hieß, schwer. Wollte Ahura-mazda, der Allerhöchste, ihn das noch vor seinem Abruf erlernen lassen? Dann wollte er es auch recht lernen, dachte er, als er selbst sich diese Antwort gegeben hatte.
Im Palast blühten zwei Enkelkinder auf: ein kräftiger, tätiger Hafis und eine überaus zarte, liebliche Jadasa. Sie waren die Freude des Alten, aber sie waren noch zu klein, als daß er sich lange hätte mit ihnen befassen können.
Er schaute sich um, was andere Greise seines Alters taten. Sie la-gen in der Sonne und ruhten sich aus von des Lebens Lasten. Er fragte bald diesen, bald jenen, ob es ihm nicht langweilig sei. Sie lachten:
„Herr, köstlich ist es!“
Dann wollte er wissen, ob sie sich nicht sehnten, abscheiden zu dürfen. Sie verneinten.
„Wir warten, bis Gottes Zeit gekommen sein wird. Das ist uns früh genug.“
Warum war er so anders? Warum wollte sein müde gewordener Körper sich durchaus nicht zur Untätigkeit bequemen?
„Herr, Du siehst meinen Willen, mich geduldig zu fügen, Du siehst aber auch meine Not. Ich bitte nicht, daß Du mich von der Erde nehmest, aber ich bitte Dich inständig: schicke mir Arbeit!“
So flehte der Greis viele Male des Tages. Da trat Vishtaspa zu ihm.
„Vater, fühlst Du Dich nicht zu müde, noch eine große Arbeit zu übernehmen? Du hast uns vor langen Jahren Gebote Ahuramazdas in den Spuren aufgezeichnet, so daß sie jetzt ein jeder lesen kann. Wenn Du aber einmal gehen wirst, wird viel Weisheit mit Dir ver-sinken.
Möchtest Du nicht versuchen, soviel wie möglich davon nieder-zuschreiben? Wohl lassen unsere Spuren verschiedene Deutung zu, aber wir werden uns, wenn wir sie deuten, an Deine Worte erin-nern und das Wissen wird sich weiter vererben.“
Nun hatte Zoro-Tushtra Arbeit auf lange Zeit. Um die göttlichen Wahrheiten aufzeichnen zu können, mußte er die Spuren erwei-tern, neue hinzu erdenken, deren Sinn klar zutage trat. Er mußte denken und grübeln, ritzen und eingraben, und die Tage verflogen jetzt rasch.
In der Nacht aber besann er sich darauf, was er zu sagen habe, und wie er dies am besten in Worte kleiden könne.
Der König ließ dünne Steinplatten anfertigen, in die Zoro Tushtra seine Spuren zeichnen konnte. Hatte er einige Platten vollgeritzt, so brachte er sie abends dem Sohne, der sie entziffern mußte.
Meist konnte er ganz glatt lesen, was der Vater hatte schreiben wollen. Mißglückte aber das Enträtseln, so versuchte Zoro-Tushtra aufs neue und unverdrossen, seine Worte noch klarer aufzuzeich-nen.
Und über der Arbeit und dem Sinnen stieg sein ganzes Leben vor seiner Seele auf. Wie war er geführt worden! Wie hatte des höch-sten Gottes Güte über seinem Leben gewacht, daß er immer nur eine Gnade um die andere nehmen durfte.
Nun wünschte er sich, noch so lange leben zu dürfen, bis er sein Wissen um den Saoshyant dem Steine anvertraut haben würde. Schon längst stand das Zeichen für den Helfer und Weltenrichter fest. Es war ein aus dem Kreuz (Gott) herabfallender Strahl.
Jedesmal, wenn er diesen Strahl ritzte, meinte er, ihn durch sich hindurchgehen zu fühlen. Wie eine große Kraft durchdrang es ihn und erweckte in ihm immer Neues, das er noch künden wollte.
Längst schon war das Entziffern der Steine in die Halle verlegt worden, damit die Jünger sich daran beteiligen und die wahre Mei-nung des Geschriebenen gleichzeitig erfahren könnten. Sie freuten sich stets, wenn der greise Zoro-Tushtra in ihrer Mitte erschien. Durch großen Eifer und reges Fragen suchten sie ihm diese Freude zu zeigen.
Als die Verkündung des Saoshyant auf dem Steine stand, wurde das Vorlesen besonders festlich. Vishtaspa selber deutete:
„Es wird kommen der Tag, da der Saoshyant vom Himmel fahren wird. Er wird kommen als ein Kindlein, der Sohn des Höchsten Gottes wird er sein. Er wird wachsen und der Menschen Wege ler-nen. Er wird ihnen das Licht aus seines Vaters Reich bringen, damit sie den Weg hinauf wieder finden. Er wird sie weiden, wie ein Hirte seine Herde weidet.
Danach wird der letzte Tag kommen: das Gericht. Groß wird der Saoshyant sein, kein Mensch mehr, sondern nur noch Gott. Die Menschen werden sich fürchten, weil sie Böses getan haben.
Der Weltenrichter aber wird sie richten nach ihren Taten. Sie müssen über die Brücke schreiten. Wer böse war, fällt hinab und kommt nie wieder. Die aber, die die Brücke überschritten haben, die gehen in das ewige Reich des Saoshyant.“
Ganz schlicht hatte der König es gelesen, wie es da eingeritzt stand. Sie alle waren erfüllt davon.
Da trat Zoro-Tushtra nochmals in die Mitte der Halle, da er so oft gestanden, und begann zu sprechen:
„Ich kann nicht aufzeichnen, wie unermeßlich herrlich der Hel-fer sein wird. Er ist der strahlende Held, dem keiner gleicht. Er wird zwischen den Menschen gehen, äußerlich als Mensch wie sie, aber die Klarheit Gottes wird aus ihm strahlen. Sein Auge wird wie Flammen sein, daß nichts Unreines vor ihm bestehen mag.
Im Wandeln unter den Menschen wird ein verhüllender Mantel nach dem andern von ihm fallen. Dann wird die Zeit da sein, daß er als Gott über den Menschen stehen wird. Dann wird er sie richten und sie werden einstehen müssen für jedes Wort, das sie gespro-chen, für jede Tat, die sie getan oder auch nur erdacht.
Menschen, bleibet in den Wegen Gottes! Hütet Euch vor jedem Unrecht; denn Ihr selber werdet Euch daran richten vor den durch-dringenden Augen des Sohnes Gottes!
Iran, Du gesegnetes Land! Aus Dir kam einst das Kindlein, das wiederkehren wird! In Dir durfte dem Saoshyant der Weg bereitet werden!“
Der Greis hob das Haupt wie lauschend empor und breitete die Arme weit.
„Ich sehe über mir den Glanz der Himmel! Ich sehe den weißen Wundervogel, sehe das Kreuz in seinen goldenen Strahlen! Mein Erdenweg ist zu Ende. Der Aufstieg darf beginnen.“
Noch einen Augenblick stand er aufrecht, dann umfingen die Arme des Sohnes den entseelten Körper des Wegbereiters Weger-halters, des Propheten, den Gott dem Volke der Iraner gesendet hatte. -


