Der Ruf

Schrift für alles fortschrittliche

Wissen

 

 

Heft 5, 6 und 7

 

 

 

 

VERLAG DER GRALSBLÄTTER, TUTZING

OSKAR ERNST BERNHARDT

 

 

Copyright by Verlag der Gralsblätter

Oskar Ernst Bernhardt, Tutzing (Obb.)

 

Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten
 

Druck von P. Beirich Nachf., Groitzsch (Bez. Leipzig)

 


 

Inhalt

 

Seite

1. Weihnacht! Von Abdruschin …………………………………….                 4

2. Mit reinen Mitteln. Von Dr. Michael Georg Conrad, München …….     5

3. Vom Throne zum Schaffot. Von Hofrat Prof. Alfred Börckel. Mainz ...18

4. Die Macht der Gedanken. Von Frau Konsul E. Zarges, Stuttgart ……35

5. Neues Wohnen als Ausdruck neuer Lebensgestaltung. Von Reg - Baumeister B. D. A. Fischer, Karlsruhe …………………………………  39

6. Der Alte der Tage. Von Johannes Anton Neidhart, Heumaden

bei Stuttgart ………………………………………………………………       46

7. Ursprung und Wirkung der Kraft im geistigen und materiellen Geschehen. Von Dr. Kurt Illig, Berlin …………………………….            53

8. Erziehung zum wahrhaften Fühlen. Von Hofrat Med. Dr. Leopold Ceipek, Innsbruck …………………………………………………………     60

9. Abdruschins Fragenbeantwortungen:

Kommen alle Fragen zur Beantwortung? ……………...............          67

War Christus ein Vegetarier? ………………………………………..      68

Eigentliche Schöpfung und stoffliche Welt . ………………………      68

Wie steht ein Mystiker im Verhältnis zu den Okkultisten

und Spiritisten? ……………………………………………………..          69

Ist Abdruschin Gegner der Astrologie? . . . . …………………………   75

Hält Abdruschin Vorträge in anderen Städten? . . . . ………………   75

Der Fall Konnersreuth . . . . . . . . ………………………………………   75

Was ist Energie? Und was ist Schwerkraft? …………………………   76

Erkennung der Inkarnation aus Fotografien ……………………….    81

Ist Abdruschin ein Seher? ………………………………………………   82

Wer war die Seele des Rätsels von Konnersreuth? …………………   82

Kann ein vom Dämon besessener Mensch geheilt werden? ……….   82

Christus und die Wiederinkarnierung ………………………………… 83

10. Mitteilungen des Verlages ………………………………………………... 85

11. Osterreich und die Nachfolgestaaten …………………………………… 87

12. Mitteilungen aus verschiedenen Städten ………………………………. 89

13. Mitteilungen aus dem Leserkreise ……………………….……………..  91

14. Buchbesprechungen ……………………………………………………….  93

 


 

 

 

Dr. Michael Georg Conrad

ist am 20. Dezember bei nahezu
 83 Erdenjahren hinübergetreten in
 die feinstoffliche Welt, um dort
 seinen Aufstieg fortzusetzen.

Friede und Freude sei mit ihm!

 

__________

 

Seine letzte Arbeit ist eine ernste Mahnung an die Menschheit. Wie ein Ruf schon aus dem Jenseits klingen seine Worte:

„Mit reinen Mitteln!“

die in diesem Hefte den Lesern bekannt gegeben werden.

 


 Weihnacht!

 

Heilig ist das Gedenken dieses Tages; denn groß war der Augenblick, als einst der Gottessohn auf diese Erde kam. Gewaltig für die Menschheit und die ganze Schöpfung. Ein Jubilieren zog durch alle Sphären, weil es das Morgenrot zur geistigen Befreiung aus der Umklammerung des Dunkels war.

Aus dieser hohen Freude heraus beglückwünschten sich die Menschen an jedem wiederkehrenden Gedenktage des herrlichen Ereignisses, und teilten Gaben aus, um auch in Anderen Freude zu erwecken. So war der Anfang! Heute aber gilt das Fest den Menschen in den meisten Fällen nur noch als Gelegenheit zum gegenseitigen Beschenken. Darauf allein ist jeder Sinn gerichtet, wochenlang. Tiefer dringt es in die Menschen nicht mehr ein. Ein Fest der Kinder wird es allenfalls noch in Familien genannt, während die Eltern in Erinnerungen an die eigene Kinderzeit neben dem geschmückten Baume stehen.

Wer denkt dabei noch an den eigentlichen Sinn des Festes, an den tiefen Ernst, der zu dem Feste Anlaß gibt. Wer nimmt die Gabe, die ihm der Erlöser brachte, und rafft sich unter dem leuchtenden Baume straff empor mit festem Vorsatze, in Zukunft dieser Wahrheit nachzuleben, damit auch ihm die Morgenröte geistiger Freiheit leuchten kann! Suchet darnach, geht von Haus zu Haus, von Ort zu Ort. Ermattet könnt ihr wohl zusammensinken, ohne auch nur einen Menschen gefunden zu haben, dessen inneres Empfinden in der Fröhlichkeit des Festes daran denkt.

Diesen Fehler sollt ihr nicht begehen, sondern einen Aufschwung dazu nehmen, die Wahrheit nach und nach in Euch lebendig werden zu lassen, um derentwillen Christus in die Welt gekommen ist. Freiheit des Geistes sollt Ihr Euch erringen, das heißt: Die Loslösung von jeder dunklen Last! Das aber könnt Ihr nur gewinnen durch Einfühlen in jenes große Wollen, das die Schöpfung trägt!

Diesen Willen Eures Schöpfers zu erfühlen, um mit ihm zu gehen, ist die größte Lebenskunst; denn es bringt mit sich das große Dienen, das in Wirklichkeit zum Herrschen wird, weil durch die rechte Einstellung auch alle Kräfte mit Euch gehen, niemals wider Euch zu sein vermögen! Euch trifft dann kein Leid mehr, kein Ungemach, und jauchzend gehet Ihr den Weg, der Euch ins Reich des Vaters führen muß!

 

Abdruschin.

 


 Mit reinen Mitteln

Zeitgeschichtliche Betrachtungen

von
 Dr. Michael Georg Conrad, München

 

„Welches tolle Durcheinander müßte es wohl in den Gesetzen der Schöpfung geben, wenn es möglich wäre, daß ein Zweck die Mittel heiligt!“

Abdruschin.

 

Nein, es ist nicht so, daß der Zweck die Mittel heiligt. Man mache sich selbst nichts vor und hüte sich, andere durch solches, bewußt oder nicht bewußt falsches Vorgeben in Schuld zu stürzen. Hier liegt das erste Glied einer Kette von Verbrechen im Einzel- und Völkerleben, gleichgültig unter welchem Vorwand gebotener oder erlaubter Zwecke. Für das empfindsame Herz wird hier die geschichtliche Betrachtung zum Auftrieb von Bitternis und Empörung, für den kalten Verstand zur Forderung strenger Wahr-haftigkeit und Abwehrkraft, für den gesunden Willen Bereitschaft zum heldenhaften Opfer für das Rechte. Formel: Ecrasez I’infame! Der Schlan-ge der Lüge den Kopf zertreten!

Es ist ganz unerträglich, daß nicht rund und ruhig ausgesprochen wird, was doch im göttlichen Geiste der Wahr- und Wehrhaftigkeit ausgesprochen werden muß: Politik, die gefeierte „große Politik“ wie die der „Kirchturmsinteressen“ lebt von Betrug und Verbrechen, Händler-pfiffigkeit und feiger Missetat, sie sündigt mit Berechnung und Gewohn-heit in Gedanken, Worten und Werken in Anwendung von Werkzeugen und Mitteln, die eine Lästerung jedes heiligen Geistes und Gefühles sind, darüber das biblische Gottesurteil steht, sie werde in alle Ewigkeit nicht vergeben.

Wer ist das Volk? Wir alle, die seine gemeinsame Not empfinden. Wer ist der Staat? Wir alle, die mit Gut und Blut ihm zu dienen verpflichtet und gezwungen sind. Wer trägt vor Gott und Menschheit die Verantwortung für Volk und Staat seines Landes? Jeder, der in ihrer Gemeinschaft lebt und arbeitet, sein Daseinsrecht ausübt in ihrem Schutze mit reinen Mitteln.

Was der Lügengeist Einzelnen und Völkern in Herz und Hirn säet und als Mittel in die Hand gibt, wirkt sich teuflisch aus. Unheiliges Denken, im Wählen der Mittel noch so abgefeimt, im Schätzen der Zwecke optimistisch bis zur Ruchlosigkeit, rettet kein Advokatenkniff, kein intellektuell-morali-stischer Saltomortale, kein fromm die Augen verdrehendes Gesalbader.

So ist die Härte des Herzens aus verbrecherischer Verschleierung der Antriebe, die Falschheit und Heuchelei der Zunge und des Auges maßlos in Gesellschaft und Verkehr gewachsen. Selbst für reinmenschlich zulässige Zwecke ist Unsauberkeit der Mittel zur Zerstörerin aller Freude am Erfolg geworden durch Selbstschändung und Widerspruch im Wollen und Vollbringen. Umgekehrt bezeugt das Schriftwort: „Ihr gedachtet Böses zu tun, Gott aber hat es zum Guten gewendet!“ Böses Beginnen der von irdischer Selbstsucht und Wahntollheit Besessenen dennoch zu gutem Ende zu bringen gilt als das Gnadenwunder überirdischen Eingriffs in den natürlichen Weltverlauf durch geschichtlich sichtbar gewordene göttliche Fügung. Welch eine Wendung durch Gottes Führung, pflegte der fromme Kaiser Wilhelm I. auszurufen nach den erstaunlichen Siegen seines Heeres auf den französischen Schlachtfeldern in dem großen Kriege 1870/71.

Wie im Völker-, so im Einzelleben, so weit wir’s selbst zu fassen und zu überschauen vermögen durch alle Schleier und Geheimnisse unseres noch so starken oder bescheidenen Erdendaseins. So weit es an uns liegt und unseres Bewußtseins sicher ist, müssen unsere Taten-Erlebnisse aus den reinen Mitteln unseres Willens sich gestalten, um in der Wagschale vor Gottes Gericht uns und unser Tun zu rechtfertigen. Also Augen auf! Beispiel: Die vertraglich im Versailler Friedensdiktat festgelegte Lüge von unserer und unserer verbündeten Völker alleiniger Schuld am Kriege und aller verübten Greuel! Das sei eine abgeurteilte Sache - causa judicata -. feierlich zugedeckt mit Schweigen und Ertragen, eine vor keinem Gerichtshof der Geschichte mehr aufzurollende Frage, wenn jemals die Verständigung und Befriedigung der verfeindeten Mächte gelingen und neuem Kriege gewehrt werden soll. Überhaupt alle diese von Ankläger und Richter in einer Person durch unerhörten Gewaltmißbrauch der Gegen-partei aufgezwungenen unsinnigen, unmoralischen, kulturmor-denden Festsetzungen und Diktate von Versailles, Trianon, Sévres usw., die allem fortschrittlichen Wissen um die Gesetze von Zivilisation und Weltwirt-schaft im Krieg und Frieden ins Gesicht schlagen, verübt von Regierungen und Staatsmännern, die sich als die Vertreter führender ruhmreicher Kulturnationen vor Gott und der Welt brüsten - ein Rühr-michnichtan. (1)

Ist das nicht schon für den oberflächlichen Blick ein Bild trostloser Rückständigkeit, für die tiefere Empfindung ein Wolkenkuckucksheim im Abgrund ärgster Versumpfung, ein Musterbeispiel staatlichen und gesell-schaftlichen Verfalls, Herausforderung des bittersten Hohngelächters zur Besieglung französischer und englischer Depravation in allem, was dem ernsten Menschen von heute als unabweisliche sittliche Forderung aller Kultur zu gelten hat?

Und wie stellt sich die kirchlich-religiöse Welt dazu, das Papsttum in Rom mit seinem Primat, seiner Stellvertretung Gottes auf Erden, seinen Schlüsseln zu lösen und zu binden, seiner Unfehlbarkeit des Entscheids in allen Konflikten und Fragen der Sittlichkeit und des Glaubens im Chris-tentum? Liegt nicht in ihm die Fülle aller reinen Mittel zur Erlösung der Menschheit von Gewalttat, Ungerechtigkeit, Unterdrückung, Sünde und Schuld? Oder ist der altgewohnte Begriff von Christentum, Kirche, Religi-on, Menschenwürde schon so weit außer Kurs gesetzt, daß nur die respektwidrigsten Ansichten in diesem Punkte den modernen Menschen von dem Verdacht frommer Verblödung und Heuchelei schützen können?

Auch heuer wieder kam aus den Vereinigten Staaten die „american legion“ herüber nach Frankreich, wie alljährlich, um sich von den Parisern feiern und in festlich schwelgender Gemeinschaft mit den andern Kamera-den des „französischamerikanischen Kriegervereins“ zur pfleglichen Wie-derauffrischung des Hasses gegen Deutschland und anderer Chauvinismen mißbrauchen zu lassen. Eine Deputation dieser amerikanischen Helden-schar begab sich am 28. September 1927 nach Rom, um sich im Vatikan den päpstlichen Segen zu holen und vom Papst als die „Retter des alten Europa“ feiern zu lassen. Wörtlich: „Mein Segen senke sich herab auf euch, die Eurigen und alle Vertreter der starken, edlen Jugend, die auszog, ihr Blut zu geben und das alte Europa zu retten“ - und dieser Schluß-Satz der päpstlichen Ansprache wurde von der gesamten italienischen und franzö-sischen Presse unterstrichen und bejubelt. Und schon am 8. Oktober 1927 konnte der Pariser „Matin“ noch einmal darauf zurückkommen, um angesichts der deutschen Denkmalfeier in Tannenberg festzustellen: Gottes ist die Vergangenheit und die Zukunft, und Gottes Stellvertreter auf Erden hat den Deutschen ihr Urteil gesprochen.“ Diese Festnagelung verschnupfte im Vatikan und flink wurde im päpstlichen Organ „Osservatore Romane“ zur Beschwichtigung der guten Deutschen, die im Lobpreisen der Papstdiplomatie im Weltkrieg niemals ermüden sollen, verkündigt: „Zeitungen einer gewissen Art haben den Worten des heiligen Vaters beim Empfang der Kombattanten der amerikanischen Legion eine Auslegung und Tragweite gegeben, die nicht die wahre ist.“ Wer hat nun recht? Im darauffolgenden „autorisierten Résumé“ im die Wahrheit diplomatisch liebenden „Osservatore“ fehlen einfach die Worte von der Rettung des alten Europa, die die deutschen Gemüter erregten und französische Tugendbolde wirbelnd beglückten, und es las sich ganz harmlos nur noch vom entscheidenden Eingreifen des jungen Amerika in die Geschicke der alten Welt. Bravo!

Und steht es wirklich so der Religion und der Kirche gegenüber, wie dann der Schule und der Wissenschaft, und der neunmalheiligen Kunst, ist es auch für sie gleichgültig, ob das Glück aller staatlichen und wirtschaft-lichen Zielstrebigkeit nur Scheinglück und Irrtum, ihre Wahrhaftigkeit nur Täuschung, ihre Sachlichkeit und Vernünftigkeit nur Schwindel, ihre angeblich reinen Mittel nur aus dem Sumpfe der Sünde stammen und ihre Verwendung einem wahnsinnigen Selbstbetruge dient? Für welches Ideal vermag sich dann eins von unsern germanischen Völkern im Glauben an die Reinheit, Schönheit und Kraft seines Wesens mit edler Leidenschaft-lichkeit einzusetzen, heldisch bis zum letzten Blutstropfen, wenn alle Treue sich in Untreue gewandelt, Entsagung, Opfer, Verzicht vor keinem Untergang mehr rettet, Stolz so wenig wie Duldsamkeit und Schweigen als achtungswerte Tugend wirkt? Hinab in den Pfuhl! Umwertung aller Werte! Wem schaudert nicht vor dieser Perspektive?

Genug. Das Schwerste soll in diesem Augenblick hier nicht aufgerührt, wie ein Kruzifix aufgerichtet oder wie für unsere Neuheiden alten oder neuen Testamentes als Menetekelupharsin mit Geisterhand an die Wand ihrer Schwelger-Paläste geschrieben werden. Nichts jetzt vom Kampf der Mussolini-Lateiner wider die deutsche Seele, vom Wüten des Romanismus wider den Germanismus, vom Kulturmord in Südtirol ... Nichts auch von der Minderwertigkeit jener geheimnisvollen Diplomatenkunst, die trotz der allerschlimmsten Zusammenbruch-Erfahrungen im Weltkrieg heute wieder von allen Seiten empfohlen und geübt wird von Locarno bis Genf, bis in die Kabinette von Paris, London, Brüssel, Berlin und ad absurdum geführt in den Schrei-Orgien, Hab- und Brandreden bei den Denkmalsenthül-lungsreden der französischen und belgischen Überpatrioten und Über-sieger von Poincaré bis zu Jaspar und Broqueville. - - Nichts von den finanziellen, alle Wirtschaft und Kultur sämtlicher Beteiligter nationaler Verbände, der im Weltkrieg unterlegenen wie obenauf gebliebenen, zerstörenden Unmöglichkeiten und Unklarheiten, den haarsträubenden Schwierigkeiten, die ihre einzige Wurzel in dem Versuche der Erfüllungs-politiker erfüllt haben, auf dem Wege buchstäblicher Ausführung der Würge- und Hänge-Paragraphen der Friedensdiktate auf dem Sumpf-grunde der Lüge und Vergewaltigung der Vernunft, den verhetzten Völkern Europas zu einem erträglichen Dauerzustande nachbarlichen Zu-sammenarbeitens zum gemeinen Nutzen Aller in ihren augenblicklichen staatlichen Zwangsmißbildungen zu verhelfen. (Dieser diplomatischen Wechselbalg-Ideologie, die in ihrer Vernunftwidrigkeit, Herzlosigkeit und Geistesarmut nur noch von extremsten Verrücktheiten eines gewissen sakrosankten Fascismus überboten zu werden vermöchte, scheint in der Tat kein Mittel zu dumm und zu naturwidrig zu sein, mit dem Kopf durch die Wand und zu seinem Zweck, d. i. absoluter Zwecklosigkeit im Narrenkampfe gegen die göttlichen Schöpfungsgesetze, zu gelangen. Aus Dekadenz, babylonischer Verwirrung, Entgöttlichung, Entpersönlichung, Nihilismus, gesamteuropäischer Umsturz und Untergang. Steht im eisigen Schatten dieses Phänomens nicht schon die heutige Kulturwelt mit der ganzen Zwangsläufigkeit und Logik ihrer Schrecken?

Und der einzelne moderne Betrachter, der heute in seinen reifen Jahren steht und seiner Sinne mächtig geblieben, wie harmlos scheint ihm alles in dem immer komplizierter gewordenen Weltbilde begonnen zu haben, lenkt er den Blick nur auf die letzten Jahrzehnte mit ihren allmählichen Verfinsterungen und Sturmzeichen zurück bis zur Wende im Weltkrieg anno Vierzehn. Harmlos, selbstverständlich, fast verblüffend nett und einfach, gleich einem unterhaltsamen Spiel für Kinder, verwöhnt durch aparte Reize, vollzog sich dieser Übergang von der obrigkeitlichen Ordnung des Kaiserreiches der Wilhelminischen Gipfelperiode - „einer herrlichen Zukunft führ’ ich euch entgegen!“ - zum Chaos des Umsturzes mit dem Zusammenbruch der militärischen Front, dem Waffenstillstands-Schrei Ludendorffs aus dem Hauptquartier, der Flucht des Kaisers als obersten Kriegsherrn über die Grenze, die Ausrufung der Republik durch Scheidemann und Ebert in Berlin, Kurt Eisner in München und was sich alles daranreihte nach vier Jahren herrlicher Siege mit heldischen Opfern in Fremde und Heimat zur Selbstbehauptung gegen eine Welt in Waffen - -. Welchem „Europäer“ zittert da noch das Herz?

Ebenso einfach, fast verblüffend nett und unterhaltsam wie für politische Kinder, die der Großteil des deutschen Reichsvolkes im blinden Vertrauen auf sein Friedensglück nach Gesinnung und Voraussicht tat-sächlich gewesen, vollzog sich die Kriegspropaganda der Feindeswelt Frankreich, England, Russland gegen alles Deutsche in Wort und Bild, durch Kino und Presse Jahr um Jahr. Wir merkten es, werteten es als nationalistisch-chauvinistischen Sport neidvoller Nachbarn. Wir unter-schätzten die Gefahr hauptsächlich aus löblicher Verachtung der unsitt-lichen, schmutzig gemeinen Mittel unflätiger Verleumdung, womit man gegen unser Ansehen und- unsern Friedens- und Arbeitswillen die Welt in Harnisch zu bringen längst übereingekommen war in der gegen uns verbündeten Feinddiplomatie in Ermanglung besserer Gründe und wirk-samerer Methoden für den gewollten Zweck.

Es war richtig so, wie unser Reichpräsident Feldmarschall v. Hinden-burg es bei der Einweihung des Tannenberg-Nationaldenkmals am 18. September 1927 feierlich ausgesprochen hat, als er die ewig wiederholte Anklage von Deutschlands Alleinschuld an diesem größten aller Kriege zurückwies: „Nicht Neid, Haß oder Eroberungslust gaben uns die Waffen in die Hand. Der Krieg war uns vielmehr das äußerste, mit den schwersten Opfern des ganzen Volkes verbundene Mittel der Selbstbehauptung einer Welt von Feinden gegenüber. Reinen Herzens sind wir zur Verteidigung des Vaterlandes ausgezogen, mit reinen Händen hat das deutsche Heer das Schwert geführt. Deutschland ist jederzeit bereit, dies vor unparteiischen Richtern nachzuweisen.“

Mit schlichteren Worten läßt sich wahrlich kein ernstes Angebot, mit der Wahrheit und Gerechtigkeit zum Siege zu verhelfen, dem heutigen verschmutzten und verjazzten Weltpublikum gegenüber mehr machen, als es hier vom ersten Bürger des Deutschen Reiches in einer heiligen Stunde geschehen. Vor unparteiischen Richtern! Mit dem Mittel der Beweise! Auge in Auge!

Aber was antwortet der französische Justizminister Barthou acht Tage später auf Hindenburgs Zurückweisung der Kriegsschuldlüge mit dem Angebot einer Untersuchung durch unparteiische Richter? Wie stellt er sich die Erringung eines gerechten Wahrspruches zur Festigung des Weltfriedens zwischen den streitenden Mächten vor?

Hier der entscheidende Satz in seiner Rede vom 25. September 1927: „Das Schweigen, das wir um den Preis der Gerechtigkeit gern wahren wollen, ist die notwendige Bedingung für die Annäherung, die der Weltfriede erfordert. Um diesen Preis allein können wir vergessen.“

Die Welt steht auf dem Kopf, Deutschland schweigt, Frankreich vergißt! Die teuflischen Lügen der Artikel 227 und 231 des Diktates von Versailles bleiben in alle Ewigkeit unbesprochen, unwiderrufen als geschichtsgeheiligte Wahrheit? Triumph des Weltgewissens!

Es ist aber nicht bloß dieses unmögliche Unterjochungsverhältnis Frankreichs zu Deutschland allein, dessen Ungerechtigkeit die Liebe zur Verständigung der Streitteile bei vielen ehrlichen Friedensfreunden erkalten läßt (vergleiche das Heilandswort Ev. Matth. 24, 121), es sind die grundlegenden Konstruktionsfehler des „neuen Europa“ dank der Schuld Frankreichs überhaupt, die unsern alten Erdteil nicht mehr zur Ruhe kommen lassen. In Ungarn, auf dem Balkan, an allen Ecken und Enden Jugoslawiens, der Tschechei und Polens wurden die Grenzen unter Verachtung aller natürlichen Minderheitsrechte von dem verblendeten Macht- und Profit-Willen der Sieger gezogen, die glaubten, Gottes Bluts-ordnungen mit Füßen treten und in geschichtlich verschieden begabten und entwickelten Kulturvolksgruppen mit der Zwangsjacke brutalster Herrschertollheit die Umformierung und Versklavung der Geister durchführen zu können. Kurzerhand glaubt man mit den alten Völkerproblemen und Kulturidealen, mit freier Muttersprache, freier Selbstverwaltung, freier Schule, freier Kirche fertig zu werden mit den abscheulichen Mitteln antiquirtester Polizeigewalt. Heute schon versuchen die Mazedonier laut eigenem Bekenntnis „durch Bomben und Propaganda“ ihrer neuen Unterdrücker im neuen Europa Herr zu werden und ihrer heroischen Willenskraft zum Siege über feige Niedertracht zu verhelfen. Die von Frankreich erstrebte Hegemonie über das neue Europa ist bei dem rapiden Niedergang seiner eingeborenen Bevölkerungszahl und der Ergänzung durch Bastardierung genau wie der napoleonische Traum der Weltherrschaft von einst keine Politik, sondern Irrsinn, geboren aus Degenerierung durch heillose Abenteurerlust und Verachtung göttlicher Schöpfungsgesetze.

Wir könnten die Belege für unser Thema von den Mitteln zum Zweck im Lichte des Grals und seiner heiligen Lanze, die allein die mörderische Wunde zu schließen vermag, auf anderen Gebieten suchen und zusammen-stellen als dem des politischen Völkerverkehrs, des diplomatischen Völker-verhaltens und des Krieges, zum Beispiel in ihrer Abwandlung beim Betriebe der Staatsgeschäfte in Gelehrsamkeit, Kunst und Wissenschaft, Rechtspflege und Nationalökonomie, Parteiwesen und Parlamentarismus, Erziehung und Sitte, Film und Sport mit ihrer Abschattierung durch Rasse und Charakter der einzelnen Völkerindividualitäten, der sozialen Macht-fragen mit ihrer Abspaltung ins Weltanschauliche und Konfessionelle. Es gibt kein Feld, keinen Ort, keinen Winkel, wo dieser Lügengeist nicht Unterschlupf fände und sich hartnäckigst gegen seine Vertreibung wehrte. Gerade weil seine Natur in der Politik sich auch dem Blödesten am ehesten fühlbar machen und am brennendsten Schmerz verursachen sollte, bevor er sich eingefressen und die menschliche Verstumpfung durch Gewohnheit rasch für sich gewonnen hat, müssen seine Infamien hier am beharr-lichsten ans Licht gezogen werden.

Ein Beispiel aus der Tagespresse, der er sich am bequemsten und erfolgreichsten bedient, um mit seinem giftigen Atem die Gehirne der Leichtgläubigen zu benebeln, damit sie zwischen reinen oder unreinen Kampfmitteln überhaupt nicht mehr ins Klare zu kommen vermögen. Es war im Beginne des Weltkrieges, als Antwerpen vor dem Ansturm der Deutschen gefallen und in militärische Verwaltung für die Dauer des Krieges durch einen unserer besten deutschen Beamten gekommen war. Die Kölnische Zeitung meldete: „Als der Fall Antwerpens in Deutschland bekannt wurde, läutete man die Kirchenglocken.“ Selbstverständlich aus dem frommen Gefühl deutscher Gemeinden Allein Gott in der Höh’ sei Ehr’!“

Der „Matin“ in Paris machte daraus folgende Nachricht: „Nach einer Meldung der Kölnischen Zeitung wurde die Geistlichkeit in Antwerpen gezwungen, nach dem Fall der Festung die Kirchenglocken zu läuten.“

Daraufhin die „Times“ in London: „Wie der Matin aus Köln erfährt, wurden die belgischen Priester, die sich weigerten, nach dem Fall Antwerpens die Kirchenglocken zu läuten, ihm Amtes entsetzt.“

Flugs spinnt der „Corriere della Sera“ in Mailand am Lügengewebe weiter: „Wie die Times aus Köln über Paris erfährt, wurden die unglückli-chen Priester, die sich weigerten, nach dem Falle Antwerpens die Kirchenglocken zu läuten, zu hartem Zwangsarbeitsdienst verurteilt.“

Nun nimmt der Matin noch einmal das Wort und schließt den Lügenkreis: „Wie der Mailänder Corriere della Sera aus Köln über London erfährt, bestätigt es sich, daß die barbarischen Eroberer von Antwerpen die unglücklichen belgischen Priester dafür, daß sie sich heldenmäßig weigerten, die Kirchenglocken zu läuten, zur Strafe mit den Köpfen nach unten als lebendige Klöppel an die Glocken hängten.“

Jetzt konnte sich die Lüge vom Kriegsgräuel der deutschen Barbaren (später hieß es Hunnen!) ungehemmt lawinenartig um den Erdball wälzen. Wieviel hat sich bis heute an dem Teufelswerk geändert? Dem Lügenwort folgte bald das noch einprägsamere Lügenbild in der illustrierten Presse aller Feindesländer. Ferdinand Avenarius hat die Belege gesammelt.

Nach der Zeitung wurde in Frankreich und Italien das Volksschul-lesebuch dem Lügengeist der Kriegszeit ausgeliefert zur Erfüllung der Kindesseele mit dem Gifte der Verleumdung und des Hasses. Nach einer Mitteilung des Professors Ehringhaus in Kassel, die sich auf die Freiburger Tagespost (Schweiz) stützt, besteht heute noch die unglaubliche Tatsache, daß in einem italienischen Lesebuch für Mittelschulen - es ist betitelt Alveare, das heißt Bienenstock -, das auch im schweizerischen Kanton Tessin als Schulbuch eingeführt ist, auf Seite 82/83 eine Kriegsgreuel-Lüge über ein verstümmeltes belgisches Kind enthalten ist. Das Gedicht von Allesandro Previtera trägt die Überschritt: „Das belgische Kind“. Sein Inhalt ist folgender: Ein Kind schläft sanft in seinem Bettchen. Laßt es ruhig schlummern, weckt es nicht! Denn wenn es wach wird, wird es vergeblich seine verstümmelten Hände nach seiner Mutter ausstrecken; dann kann es nicht mehr mit dem geliebten Hunde spielen, der vor seinem Bettchen liegt und vergeblich die lieben Händchen sucht, die er zu lecken pflegte.“ Darunter steht folgende Bemerkung vom Herausgeber, Professor Cioci aus Rom: ,,Jeder erinnert sich, daß unter den Grausamkeiten der Deutschen in Belgien auch das Abschneiden der Kinderhände war. Der Dichter zeigt einen Fall, der nicht mehr aus unserem Gedächtnis schwinden wird. O dieser Hund, der die weißen Hände sucht, die er zu lecken pflegte, ist menschlicher als die deutschen Soldaten.“

Das Gedicht selbst ist unbeholfen und holprig; es ist sicher nicht deshalb aufgenommen worden, weil es ein poetisches Musterstück wäre, sondern nur wegen seines hetzerischen Inhaltes.

Das Buch ist 1920 erschienen, also in einer Zeit, in der schon festgestellt war, daß kein einziges Kind durch deutsche Soldaten verstümmelt worden ist. Es stand noch darin, nachdem Minister Nitti, ein Landsmann von Professor Cioci, in seinem Buch: „Der Niedergang Europas“, S. 148, geschrieben hatte: „Wir wissen heute alle, daß es Kinder mit abgehauenen Händen in Belgien nicht gibt und nie gegeben hat und daß alles, was Zeitungen und Telegraphenagenturen darüber verbreitet haben, nichts als Kriegslügen waren.“

Unser Reichspräsident Hindenburg äußerte sich noch 1926 zu einem Amerikaner über diese Greuellügenwirtschaft, er begreife nicht, wie ein vernünftiger Mensch diese empörenden Geschichten glauben könne; bis zu seinem letzten Atemzug werde er dagegen kämpfen.

In allen Teilen der Erde regen sich heute schon Stimmen, die den Völkern über Taumel und Verwirrung hinweg mit Gründen der Vernunft und des Gemütes, der Offenbarung im göttlichen Schöpfungswillen und der Wissenschaft von den Rassen und ihrer Kulturbestimmung den Blick für die Wahrheit wieder hell zu machen und den Kopf zurecht zu rücken suchen, selbst bei Franzosen und Engländern, Italienern und Amerika-nern. Namen wie Nitti, Keynes, Bearnes, auch des so unglückselig geendeten genialen Deutschamerikaner Herman George Scheffauer und anderer unerschrockener Wahrheitszeugen im internationalen Schrifttum schweben heute auf aller Gutgesinnten Lippen im Kampfe für Licht und Freiheit.

Es wird erkannt, daß eins der verruchtesten Mittel für die Erreichung des verruchtesten aus dem Bündel der Zwecke dieses blutigsten aller Kriege um die materielle und geistige Vorherrschaft in der Welt durch die Vernichtung des Deutschen Reiches als des Trägers der germanischen Kultur und ihrer wirtschaftlichen Macht darin bestand, die wilden Stämme Afrikas in mächtigen militärischen Verbänden zusammenzufassen und unter Führung Frankreichs in den Kampf der weißen Rasse gegen eine der edelsten Kulturnationen bluten zu lassen. Die schwarze Schmach am Rhein spricht Bände für die Götterdämmerung des Abendlandes und den Bankrott aller mühsam erlernten Theorien von christlicher Sendung und völkischer Erziehungskunst. Hier möchte man fürwahr in der Not des Herzens in die Worte ausbrechen, die Nietzsche an den Schluß seines Hauptwerkes von der Umwertung aller Werte gesetzt: „Wollt Ihr einen Namen für diese Welt, eine Lösung, eine Lösung für alle ihre Rätsel? Ein Licht auch für euch, ihr Verborgensten, Unerschrockensten, Stärksten, Mitternächtlichsten? Diese Welt ist der Wille zur Macht - und nichts außerdem! Und auch ihr selber seid dieser Wille zur Macht - und nichts außerdem!“

Aber wenn es einer Bezeugung für den Geist des Friedens und der reinen Mittel bedürfte, der im Fortschritt der Zeiten im Deutschen Kulturvolke stärker und ehrlicher, als in jedem anderen waltet, so genügt ein Blick auf seine große Kunst und Dichtung, auf seine Philosophie, auf seine die Herzen aller Welt bezwingende Musik von Bach bis Wagner, der in dieser leuchtenden Reinheit und unerschöpflichem Reichtum kein anderes Volk Gleiches an die Seite zu stellen hat. Kleist’s „Hermanns-schlacht“ ist die einzige neuere Dichtung, die als Kunstwerk dem Kriege huldigt, aber sie war in jagender Hast als Racheschrei des Genius im Dezember 1808 geschrieben, als Napoleon im Machtwahn einer französischen Universal-Monarchie, der ganz Europa geopfert werden sollte, und das halbe Asien und Afrika dazu, Deutschland zu Boden geworfen hatte, und Preußen zauderte und schwankte, wie es sich mit Österreich verbünden und sich des welschen Eindringlings verwehren sollte. Das dramatische Meisterwerk kam erst lange nach des Dichters selbstgewähltem Tode und als die Befreiungskämpfe siegreich ausgekämpft waren, an die Öffentlichkeit, und es bedurfte eines neuen Überfalls Frankreichs auf friedfertiges Deutsches Land und Volk in seiner Kriegserklärung an Preußen 1870, bevor es den Weg auf die Bühne fand und durch die Inszenierungskunst der Meininger zu einer Theater-berühmtheit wurde, ohne durch seine Spiegelung der Kämpfe deutscher Fürsten gegen die römischen Legionen im Teutoburger Walde im Jahre 9 nach Christi Geburt die modernen deutschen Theaterbesucher national zu erhitzen. Die kläglichen Rheinbundsfürsten, die sich hätten getroffen fühlen können, voran der Verhaßteste, der dicke Friedrich von Württem-berg, hatten inzwischen das Ihrige getan, in der Versenkung der Ge-schichte zu verschwinden. Und Bertha von Suttner kam mit ihrem Roman „Die Waffen nieder!“ zur rechten Stunde, den Pazifismus-Gläubigen die alleinseligmachende Kirche der deutschen Friedensgesellschaft zu schen-ken und die mehr oder minder fetten Hasen in die Küche zu jagen.

Wie aber wäre mit reinen Mitteln zum Frieden der Welt zu gelangen im Sinne der Bergpredigt: „Selig sind die Friedfertigen; denn sie sollen das Erdreich besitzen!“ Wirklich besitzen als Werk- und Schauplatz würdigen Menschen- und Volkstums? Und gegenseitig in Gesinnung und Gesittung diesen seelischen Besitz als Quelle reiner Schaffensfreude verwandeln in einen wirklichen des tätigen wirtschaftlichen Lebens? Im heutigen Zei-tungsdeutsch: Durch ein geistiges Locarno, durch moralische Abrüstung, oder mit Goethe gesprochen: Durch Frömmigkeit als Mittel, mit edelster Gemütsruhe zur höchsten Kultur zu gelangen?

Ich habe in einem christlichen Gemeindeblatt diese Mitteilung gefun-den, die ich wörtlich weitergeben möchte. „Eine Bewegung, die sich Versöhnungsarbeit unter den Völkern auf streng religiösen Grund zum Ziel setzt, ist in Frankreich unter der Führung von Etienne Bach, einem protestantischen Pfarrerssohn und ehemaligen Offizier, entstanden, der den Anstoß zu seiner Lebenswendung während der Ruhrbesetzung erhielt. Sie nennt sich „Kreuzritter“ mit dem guten Glauben der Optimisten, nicht als könne von Menschen her Wesentliches für die Völkerversöhnung geleistet werden, sondern stützen ihre Hoffnung auf die Umwandlung von Grund aus (Busse), die der echte Christusglaube schafft und die allein den Menschen zum echten Friedensbringer macht Die Bewegung zählt bereits Gruppen in verschiedenen Ländern und hat bereits ihre dritte interna-tionale Zusammenkunft in Saint Joy (Dordonne) abgehalten.“

Hier sei mit Hochachtung der Bemühungen des französischen Barons Fabre-Luce und seiner Gesellschaft „Die neuen Rechte“, die unter Anerkennung der von Grund aus verschiedenen Struktur des Geisteslebens seiner Nation in Wissenschaft, Kunst und namentlich Politik unermüdlich nach guten Wegen und Mitteln forscht, mit dem deutschen Volksgeist in fruchtbare Fühlung zu kommen.

Mag der Zweifler einwenden: „Leicht bei einander wohnen die Gedanken, doch hart im Raume stoßen sich die Sachen“, so antwortet der Überzeugte: Die Sachen? Wohl! Probleme, die auf streng praktisch-wirtschaftlichem Gebiete zu liegen scheinen, haben oft durch Psychologie eine unerwartete Förderung erfahren, Psychologie, wie Fechner, Wundt, Willi Pastor sie gelehrt - Wirtschaftspsychologie! Durch die neue Schätzung des Menschen nicht bloß als pfleglich zu behandelnde Arbeitskraft, sondern als eines höchsten volkswirtschaftlichen Gutes! Der Mensch als Organis-mus mit der vollen Summe seiner geistig-leiblichen Beschaffenheit im Mittelpunkt aller Volkswirtschaft Oberhaupt! Der Mensch, der mehr und höher ist, als alle marxistische Weisheit zusammen!“

Was heißt denn menschentümlich fortschrittliches Wissen, wie es ausdrücklich diese unsere Zeitschrift „Der Ruf“ erstrebt? In Ansehung der reinen Mittel zu jeglicher Leistung von Tages- bis zu Ewigkeitswert, geht es hier gewiß nicht um ein Wissen, das sich nur auf das scholastische Kausalitätsgesetz stützt, um aus der Kette von Ursache und Wirkung mit allen Beschränkungen und Täuschungen des beobachtenden und schließen-den Verstandes dem Komplex wirklichen Erlebens sein Geheimnis abzu-zwingen in logisch zu rechtfertigender Weise. Der Verstand, der mit Scheuklappen spekuliert oder mit schulmäßig abgezirkelten Funktionen im Kreise herum und logisiert, während er nicht mehr wahrnehmen darf, wie draußen die blühende grüne Heide in lebendiger Vielfalt sich ihres Lebens freut, dieser Verstand tuts wahrlich nicht allein. Da geht Null von Null auf und schließlich bleibt das hohle Nichts, weil die Ergänzung fehlt, die Empfindung, die dem Verstand erst Fülle, Haltung, Spannung, Sicherheit verleiht Empfindung! Nicht Dusel und Schwärmerei und gehätschelte Herzensneigung, Verachtung von Vernunft und Wissenschaft! Es gibt eben in unserem Geiste ein diskursives und ein intuitives Denken, und erst aus der Harmonie beider ergeben sich vollgültige, Erkenntnis- und Befriedigungswerte, die vor der göttlichen Natur dem Schöpferlichte standhalten.

Dahin haben wir mit reinen Mitteln zu gelangen, daß auf der ganzen Linie, in Geschichte, Politik, Wirtschaft, Kunst, Dichtung, Philosophie, alles Schlichtsachliche zur Herrschaft gekommen, dem Phrasenwerk der Sentimentalität, der Ruhmredigkeit, der Achselträgerei der Garaus ge-macht und dem kompaktwirklichen mit allem gebührenden Respekt sein Rang, sein Recht, sein Urteil wird. Dem Leben Heil und seiner Ehrlichkeit! Anders ist kein Fertigwerden mit Elend und Not der ewiggegenwärtigen Gegenwart, mit den Wirrnissen und Krisen des Alltags, mit der Selbst-zerfleischung durch Kriege, Kriegsgreuel, Kriegslügen, gestern, heute, morgen!

Um zu sich selbst zu kommen, der Einzelne und sein Volk, zu seiner eigentümlichen Sendung und Bedeutung im Gesamtbilde der Menschheit, zur Annäherung an die vollkommene Persönlichkeit, als dem hehrsten aller höheren nationalen und internationalen Bildungszwecke: „Denn keine Zeit und keine Macht zerstückelt geprägte Form, die lebend sich entwickelt“ - hier liegt das große Ziel der Menschlichkeit, das nur mit reinen Mitteln erreichbar, mit Selbstzucht, nicht mit Selbstsucht und Selbstbetrug! Und die Großen in allen Völkern in Ehren halten, wie die eigenen großen Meister, und an ihrem Vorbilde alle Möglichkeiten eigenen Wachstums ohne Unklarheit beharrlich entwickeln!

Und Schluß einmal mit der Verleumdung alles Deutschen durch die Deutschen selbst in der Herabwürdigung ihres Wesens, daran in seiner humanen Ursprünglichkeit, Schönheit und Mannigfaltigkeit eine Welt zu genesen vermöchte, aus Dekadenz und Verluderung die Zeit zu einer neuen Auferstehung der Völker die Kraft gewänne!

Schlagt das Alte Testament der Bibel auf und lernt die Sprache von Bileams Esel verstehen, wenn ihr mit reinen Mitteln zum Verständnis der Bosheit der Welt gelangen wollt. Oder schlagt das Erinnerungs-Buch von Winston Churchill auf, darin der englische Staatsmann, nachdem er sich und dem Geist des britischen Weltvolkes ein Denkmal mit tönernen Füßen und tönendem Maule gesetzt, am Schlusse dem bezwungenen Deutschland dieses Zeugnis geschrieben:

„Im Umkreise der Macht kennt die Geschichte der Menschheit nichts, das sich mit der Eruption des deutschen Vulkans vergleichen ließe. Vier Jahre lang stritt Deutschland trotzig gegen die fünf Kontinente der Welt, auf dem Lande, zur See und in der Luft. Die deutschen Heere hielten ihre wankenden Verbündeten aufrecht; sie traten erfolgreich auf jedem Kriegsschauplatz auf, sie standen überall auf erobertem Gebiet, und sie zwangen ihren Feinden mehr als doppelt so große Verluste auf, wie sie selbst erlitten. Um ihre Macht und Wissenschaft zu brechen mußten die größten Völker der Menschheit gegen sie zu Felde ziehen. Überwältigend große Menschenmassen, schrankenlose Hilfsmittel und Opfer ohne Maß, die Blockade zur See, all das hatte fünfzig Monate lang nicht zum Ziele geführt. Kleinere Staaten wurden in diesem Kampfe zertreten, ein mächtiges Reich wurde in unkenntliche Fetzen zertrümmert, und nahezu 20 Millionen Mann vergossen ihr Blut, bevor das Schwert dieser furcht-baren Hand entrungen werden konnte. Sicherlich ist das, ihr Deutschen, genug für die Geschichte.“ -

Für die Geschichte im Wahne Englands wohl, aber nicht für die Ge-schichte im Sinne Gottes und seines Reiches!

Abdruschin spricht: „Fordernd steht Gott vor der Menschheit, nicht lockend und bittend, nicht klagend und trauernd. Ruhig wird er alle Schlechten .... alles das gründlich erleben lassen, was sie für richtig halten, damit sie zur Erkenntnis ihres Irrtums kommen.“

 

 

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Der folgende Aufsatz: „Vom Throne zum Schaffot“ soll wieder dazu dienen, ernsten Lesern den Blick in die Maschinerie der Schöpfung zu erweitern, sie einzuweihen in das geheimnisvolle Weben der Wechsel-wirkung, mit dem sie nach und nach vertraut werden müssen, um bewußt den geistigen Aufstieg zu beginnen. Diejenigen Leser, welche die Grals-botschaft Abdruschins gründlich gelesen haben, werden ersucht, darüber nachzudenken, wie sich die Wechselwirkung des göttlichen Willens bei allen Personen auslösen wird, die in dem Aufsatze genannt sind, und ihre Anschauung darüber bis zum 20. Januar schriftlich an die Schriftleitung zu senden. In der nächsten Nummer wird ein Vortrag Abdruschins veröffentlicht, der die Weiterentwickelung der notwendigen Wechsel-wirkung ebenfalls beleuchtet unter dem Titel: „Vom Throne zum Schaffot mit Ausblick auf die unverrückbaren Gesetze der Wechselwirkung.“

Die Schriftleitung.

 

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Vom Throne zum Schaflot

Von
 Hofrat Professor Alfred Börckel, Mainz

 

Als Charlotte von Belgien, die unglückliche Witwe des 1867 zu Queretaro hingerichteten Kaisers Maximilian von Mexiko nach jahrelanger geistiger Umnachtung starb, da erwachte wieder einmal die Erinnerung an ihre Schicksalsschwestern, denen zwar kein so langes Leben beschieden war, wie der 1840 geborenen belgischen Königstochter, dafür aber ein um so schrecklicheres Ende.

Mit blutigen Lettern stehen die Namen dieser gekrönten Opfer im Buch der Geschichte verzeichnet von den römischen Kaiserfrauen Agrippina und Messalina, die hingerichtet wurden, bis zu der österreichischen Kaiserin Elisabeth, der serbischen Königin Draga und der russischen Zarin Alexandra, die ermordet wurden. Zahlreicher noch sind die enthaupteten Königinnen. Zu letzteren, von denen hier ausführlicher die Rede sein soll, zählen: Anna Boleyn , Katharine Howard, Jane Grey, Maria Stuart und Marie-Antoinette.

Nachdem Heinrich VIII, ein zwar glänzend begabter, aber durch Grausamkeit und Sinnlichkeit abstoßender Monarch, am 21. April 1509 den Thron Englands bestiegen hatte, vollzog er die bereits früher durch Vertrag geschlossene Heirat mit Katharina von Arragonien. Diese Ehe wurde jedoch bald getrennt, angeblich, weil der König Gewissensbisse empfand, die Witwe seines Bruders geheiratet zu haben, in Wirklichkeit aber aus Liebe zu dem schönen Hoffräulein Anna Boleyn, der Tochter des späteren Grafen von Wiltshire.

Noch vor der Nichtigkeitserklärung von Heinrichs erster Ehe durch den Erzbischof Crammer vermählte sich der König schon im Januar 1533, durch die Reize seiner Geliebten bestrickt, mit Anna. So lange noch die Rechtmäßigkeit seiner zweiten Ehe bezweifelt wurde, behandelte Heinrich VIII. seine junge Gemahlin mit großer Zärtlichkeit, erst nach Katharinas Tod erkaltete seine Neigung zu Anna und er schenkte ihren Neidern und Feinden Gehör. Dazu kam noch, außer der Geburt eines toten Prinzen, eine bei Heinrich erwachte Leidenschaft zu Johanna Seymour, einem anderen Hoffräulein, sowie Anna’s etwas freies, wenn auch sonst tadelloses Benehmen. Namentlich letzteres gab ihrer Schwägerin, der lasterhaften Marquise von Rocheford, Gelegenheit, die Tugend der Königin zu verdächtigen, ja sogar sie der Blutschande mit ihrem Bruder zu bezichtigen. Hierauf ließ sie Heinrich, der zwecks Vermählung mit der Seymour einen Grund zur Trennung seiner Ehe sachte, vor ein Gericht laden, dessen Richter teils zu ihren erbittertsten Feinden gehörten, teils aus religiöser Ursache sie als eine Beschützerin der protestantischen Lehre glaubten verfolgen zu müssen. Zwar konnten die parteiischen Richter, ungeachtet aller Verdrehungen der Aussagen, Anna keiner Schuld überführen, aber es half ihr nichts, sie ward verurteilt, nach dem Belieben des Königs entweder verbrannt oder enthauptet zu werden. Um der martervollen Todesart zu entgehen, mußte sich die Unglückliche noch zu der Erklärung verstehen, daß ein gesetzliches Hindernis wider ihre Ehe mit Heinrich bestanden habe, dann erst fiel, am 19. Juni 1536, das Haupt der schönen Königin.

Elf Tage später schon vermählte sich Heinrich mit Johanna Seymour, die ihm am 12. Oktober 1537 einen Sohn, den späteren König Eduard VI., gebar, kurze Zeit darauf aber starb. Nun ging der König eine Ehe mit der Prinzessin Anna von Kleve ein, die wiederum unglücklich ausfiel und im Juli 1540 mit einer Scheidung endigte, worauf er schon im folgenden Monat Katharina Howard, eine Nichte des Herzogs von Norfolk, heim-führte. Aber auch Katharina, obgleich sie durch ihre Schönheit und Liebenswürdigkeit anfänglich große Macht auf ihn ausübte - siehe auch das Trauerspiel „Katharina Howard“ von Rudolf von Gottschall -, vermochte den König nicht dauernd zu fesseln. Wie Anna Boleyn, der Untreue angeklagt und ebenfalls für schuldig befunden, wurde auch sie, am 13. Februar 1542, enthauptet, worauf Heinrich zu einer 6. und letzten Ehe schritt mit Katharina Paar, der Witwe des Lords Latimer, die den heiratslustigen König überlebte.

Die nächste enthauptete Königin war Jane Grey, geboren 1535 und durch ihre Mutter die Enkelin der Witwe Ludwigs XII. von Frankreich und die Urenkelin Heinrichs VII. von England. Sie vermählte sich 1553 mit Guilford Dudley, dem jüngeren Sohne des Herzogs von Northumberland, der dem jungen König Eduard eine Thronfolgeordnung abnötigte, die für dessen Schwestern Jane Grey an die erste Stelle setzte.

Jane, die sich bisher mit klassischen und geistlichen Studien beschäf-tigt, keine Kenntnis von Politik und keinen Ehrgeiz hatte, willigte erst nach den dringendsten Vorstellungen ihrer Verwandten unter Tränen in die plötzliche Erhebung und ließ sich am 10. Juli 1553 zu London als Königin ausrufen. Da aber trotzdem die von Heinrich VIII. gewollte Erbordnung weiter bestehen blieb, kam Jane mit ihrem Gatten und Vater in Haft und wurde, nach Unterdrückung eines zu ihren Gunsten erregten Aufstandes, am 12. Februar 1554 enthauptet. Um sich und ihrem zärtlich geliebten Gemahl die Festigkeit zu bewahren, weigerte sie sich, am Todestage von ihm Abschied zu nehmen, und blieb so stark, daß sie seiner Enthauptung und dem Fortbringen seiner Leiche aus einem Fenster ihres Gefängnisses zusehen konnte. Mit gleichem Mute bestieg sie selbst eine Stunde später das Blutgerüst.

Das Schicksal Jane Greys ist von mehreren Dichtern dramatisch und in Romanform behandelt worden, in letzterer Beziehung z. B. von der Gräfin Robiano (Leipzig 1873). Im Hofe des Brick-Tower (Ziegelturm), wo sie ihre letzten Stunden zubrachte, wird noch der Richtplatz gezeigt, auf dem Jane Grey’s Enthauptung stattfand, wie auch im Beauchamp-Tower der Kerker, worin Anna Boleyn die letzten Tage vor ihrer Hinrichtung verlebte.

Nach diesen drei englischen Königsfrauen kommt, der Zeitfolge nach, die durch Schillers Drama verewigte Schottenkönigin Maria Stuart. Freilich, im Spiegel der Geschichte betrachtet, verblaßt etwas ihr vom Genius unseres größten Nationaldichters verklärtes Bild, denn hier erscheint sie nicht so sehr als die rührende Dulderin und das schuldlose Opfer ihrer Schönheit und Liebe, sondern vielmehr als ränkevolles, herrschsüchtiges Weib. Als Tochter Jakobs V. von Schottland am 8. Dezember 1542, also wenige Tage vor dem Tode ihres Vaters, geboren, war sie in der Wiege schon Königin und von Heinrich VIII. von England zur künftigen Gemahlin für dessen Sohn verlangt. Die Königin Mutter aber - eine gute Katholikin - brachte ihre Tochter zur Erziehung in ein französi-sches Kloster, worauf Maria am 29. April 1558 dem Dauphin und späteren König Franz II. von Frankreich vermählt wurde. Nach dem Tode ihres Gemahls kehrte Maria im August 1561 nach Schottland zurück, trat aber schon damals ihrer Verwandten Elisabeth in den Weg, da sie sich nicht nur den Titel einer Königin von England beilegte, sondern auch Ansprüche auf den englischen Thron erhob. Da Maria die Katholiken begünstigte, die Hand des Grafen von Leicester ausschlug und sich mit Ihrem Vetter Lord Darnley, dem nächsten Anwärter auf den englischen Thron, vermählte, zog sie sich die Feindschaft der Protestanten wie die ihrer mächtigen Rivalin Elisabeth zu. Zwar gelang es letzterer nicht, selbst mit Waffengewalt, Marias Vermählung zu verhindern, aber nicht diese Ehe allein, sondern auch ihre leichten französischen Sitten, Ihr Briefwechsel mit katholischen Höfen und ihr Verhältnis zu ihrem vertrauten Sekretär, dem italienischen Musiker Rizzio, erregten Anstoß und Erbitterung. Darnley ließ daher bei einem Überfall den Rizzio durch Mitverschworene vor den Augen der Königin ermorden. Maria, die am 19. Juli 1566 einem Sohn, Jakob VI., das Leben geschenkt hatte, wurde sodann angeklagt, mit dem Grafen Bothwell, der schon längst ihr Herz besaß, den am 9. Februar 1567 bei einer Pulverexplosion erfolgten Tod Darnleys mitverschuldet zu haben.

Bothwell, der freigesprochen wurde, ließ sich nun von seiner ersten Gemahlin scheiden, entführte Maria auf eines seiner Schlösser und vermählte sich dort mit ihr am 15. Mai 1567. Der kalvinistische Adel, über diese Vorgänge empört, sandte Truppen gegen die Neuvermählten, vor denen Bothwell nach Dänemark entfloh, wo er später starb, während Maria Stuart als Gefangene zuerst nach Edinburgh, dann nach Schloß Lochleven gebracht wurde. Am 24 Juli 1567 legte die Königin zu Gunsten ihres Sohnes die Krone nieder, da aber trotzdem ihre Haft fortdauerte, bewog die katholische Partei den jungen Grafen Douglas, einen Bruder des Schloßherrn von Lochleven, Maria zu befreien. Die Befreiung gelang, worauf die Königin ihre Abdankung für erzwungen erklärte und ein Korps von 6000 Bewaffneten zusammenzog, jedoch besiegt wurde.

Nun floh sie nach England und rief Elisabeth um Schutz an, diese aber ließ ihre Nebenbuhlerin ohne weiteres verhaften und schlug ihr die erbetene Zusammenkunft ab, bis sie sich würde von dem Verdacht der Mitschuld am Morde Darnleys gereinigt haben. Das hochfahrende Beneh-men Marias vor der Untersuchungskommission, der Befreiungsversuch durch die Grafen Northumberland und Westmoreland, sowie den Herzog von Norfolk, ferner die Bannbulle des Papstes gegen Elisabeth und verschiedene, durch den spanischen Hof angestiftete Komplotte :brachten schließlich die englische Königin zu dem Entschlusse, sich der gefährlichen Gefangenen zu entledigen. Den Ausschlag dazu gab die Verschwörung Babingtons, mit dem Zweck, Elisabeth zu ermorden und Maria zu befreien. Daß letztere mit der Verschwörung einverstanden war, steht fest, nicht so, ob sie auch um den beabsichtigten Mord wußte, was sie, trotz einer Briefstelle, bestritt.

Im Oktober 1586, nach der Hinrichtung der Verschworenen, vor ein besonderes Gericht gestellt, wurde auch Maria Stuart schuldig gesprochen und als Hochverräterin zum Tode verurteilt. Das Parlament bestätigte das Urteil, aber Elisabeth, die immer noch Bedenken hatte, unterschrieb es erst nach Entdeckung eines weiteren Komplottes. Jetzt waren auch alle Schritte Heinrichs III. von Frankreich, des spanischen Hofs und Jakobs VI., des Sohnes der Unglücklichen, zu ihrer Lebensrettung vergebens, am 18. Februar 1587 fand ihre Hinrichtung im Schlosse zu Fotheringhay statt, nachdem sie vorher sich eigenhändig die ihr vom Papst gesandte Hostie gereicht hatte. Über die letzten Stunden Marias und die Vorgänge bei ihrer Enthauptung soll hier auf Grund der betreffenden Geschichtswerke, namentlich der Darstellung Arnold Gaedeke’s, berichtet werden:

Nachdem das Todesurteil rechtsgültig unterzeichnet war, trafen als höchste Vollstreckungsbeamte die Grafen Shrewsbury und Kent, begleitet von dem Sheriff der Grafschaft, auf Schloß Fotheringhay ein. Es war am 17. Februar. Die Königin war unpäßlich und lag zu Bett, erklärte aber, wenn nötig, aufstehen zu wollen, und empfing dann auch die beiden Lords, angekleidet neben ihrem Lager auf einem Stuhle sitzend. Während die anderen Beteiligten bedeckt blieben, nahte Shrewsbury entblößten Haup-tes der Königin und kündigte ihr an, daß, nachdem ihre Sache in „ehrenwerter Weise“ vermittelst eines Prozesses entschieden und sie für schuldig befunden worden sei, nunmehr das Urteil vollstreckt werden solle, wozu sich die Königin von England durch die Wünsche ihrer Untertanen gezwungen sähe. Hierauf verlas Beale das Urteil über „Maria Stuart, Tochter Jakobs V, ehemals Königin von Schottland und Königin-Witwe von Frankreich“, nebst dem Befehl zu ihrer Hinrichtung.

Ohne ein Zeichen der Bestürzung hörte die Verurteilte alle diese Mitteilungen an, und erwiderte dann mit großer Würde und Gelassenheit, „daß sie den Lords für eine so angenehme Nachricht danke; denn man erweise ihr eine Wohltat, wenn man sie aus dieser Welt entferne, die sie sehr gern verlasse, da sie nichts als Elend in derselben erblicke, sich selbst in steter Betrübnis befinde und niemandem mehr etwas nützen könne. Seit 10 Jahren erwarte sie dieses ihr Schicksal. Sie sei Königin, geborene und gesalbte Königin, die nächste Verwandte der Königin von England, Enkelin Heinrichs VII., und habe die Ehre gehabt, auch Königin von Frankreich zu sein, allein in ihrem ganzen Leben habe sie nichts wie Unglück erfahren und sie sei glücklich, daß es Gott gefalle, sie von allen ihren Leiden und ihrem Kummer zu befreien. Sie sei bereit und sehr zufrieden, zu sterben und ihr Blut für die Sache Gottes und für die katholische Kirche zu vergießen, sowie ihr Recht in diesem Lande aufrecht zu erhalten. Dafür habe sie stets alles, was in ihren Kräften stand, getan.“

Dann legte sie die Hand auf eine vor ihr liegende Bibel und schwor, daß sie niemals den Tod der Königin von England noch irgend Jemandes gewünscht habe. Den Beistand des Dechanten Fletschen von Peterborough lehnte sie wiederholt energisch ab und verlangte, wenn auch vergeblich, einen Priester ihrer katholischen Religion, damit er sie tröste und zum Tode vorbereite. Auch ein erbetener Aufschub zu letztwilligen Bestimmun-gen wurde ihr verweigert und der nächste Morgen als Zeit ihrer Hinrich-tung festgesetzt. Trotzdem bewahrte Maria Stuart auch jetzt noch eine erstaunliche, fast heitere Ruhe. Beim Abendessen trank sie auf das Wohl ihrer gesamten Dienerschaft, die sie erschüttert und jammernd umstand, Worte der Ermahnung und der Verzeihung für jeden hinzufügend und ihre Schmucksachen und Kleider an die Getreuen verteilend. Während der Nacht schrieb sie noch einige Abschiedsbriefe, worin sie u. a. ihren Schwa-ger Heinrich III. um Auszahlung der Legate an ihre Dienerschaft bat und den Herzog von Gnise zu ihrem Testamentsvollstrecker ernannte. Unter-dessen betete ihr Hauskaplan für sie im Schlosse, ohne daß es ihm jedoch erlaubt war, sie zu sehen. Um 6 Uhr erhob sich die Königin nach nur kurzer Nachtruhe, um sich auch äußerlich auf ihren letzten Gang vor-zubereiten.

Sie erschien dazu in einem karmoisinbraunen Sammetkleide, nebst Mieder von schwarzem Atlas, und einem langen Schleppmantel, gleichfalls von schwarzem Atlas, der mit Zobel besetzt war. Ein weißer Schleier fiel bis zu den Füßen herab. Ihr Arzt Bourgoing mußte nun ein Testament von ihr vorlesen, dann verteilte sie das wenige ihr noch gebliebene Geld unter die Diener und verbrachte die übrige Zeit im Gebete vor dem Hausaltar. Um 8 Uhr erhielt sie die Meldung, daß alles bereit sei, und gegen 9 Uhr kam der Sheriff, um sie hinabzugeleiten. Auf ihre Diener gestützt, verließ Maria Stuart ihre Gemächer. Vor ihr wurde ein Kruzifix getragen. An der Treppe erwarteten sie Kent und Shrewsbury, sowie ihr treuer Haushofmeister Andreas Melvil, den sie umarmte und dem sie Segenswünsche an ihren Sohn auftrug. Als der tiefgebeugte Greis unter Tränen diese „traurigste Botschaft seines Lebens“ entgegennahm, beruhigte ihn die Todgeweihte mit den Worten: „Du solltest eher Dich freuen, guter Melvil, daß Maria Stuart am Ende ihrer Leiden angelangt ist. Du weißt, diese Welt ist eitel und voller Unruhe und Elend. Erzähle meinen Freunden, daß ich, meiner Religion getreu, als wahre Schottin und wahre Französin gestorben bin.“

In der unteren Schloßhalle angelangt, bestieg sie nunmehr das mit schwarzem Tuch bekleidete Schaffot und nahm dort auf einem ebenfalls schwarz behangenen Sitze Platz. Rechts saßen die beiden Lords, links stand der Sheriff und ihr gegenüber hielten die beiden, in schwarzen Samt gekleideten Henker sich auf. Hinter einer Absperrung befanden sich als Zuschauer etwa 200 Bewohner aus der Umgegend, darunter einige Edelleute. Nachdem der Sekretär des Geheimen Rates, Beale, noch einmal das Urteil verlesen hatte, erhob ich die Königin zu einer letzten Ansprache, die ähnlich der tagsvorher an die Lords gerichteten lautete, und begann dann nach katholischem Ritus zu beten. Dem Dechanten, der sie dabei unterbrach, erwiderte sie: „Ich bin fest in der alten römisch-katholischen Kirche und gedenke mein Blut dafür zu vergießen.“ Auch die Lords, welche für ihr Seelenheil zu beten wünschten, wies sie, weil Bekenner eines anderen Glaubens, ab. Dann erhob sie sich, die Henker traten auf sie zu, um ihr das Obergewand zu entfernen, aber Maria Stuart bat ihre beiden Kammerfrauen um diesen letzten Dienst und ließ sich auch von ihnen die Augen verbinden. Dann erst führten sie die Henker zum Blocke, der eine legte ihr den Kopf zurecht, der andere die Hände auf den Rücken, darauf verhüllte Shrewsbury sein Haupt und gab mit dem Stabe das Zeichen, während die Königin noch die Worte sprach: „inmanustuas, Domine, commendo etw.“ Der erste Hieb traf den Hinterkopf, erst beim zweiten Hieb ward der Kopf vollständig vom Rumpfe getrennt. Der Henker hob das abgeschlagene Haupt in die Höhe und rief: „Gott schütze die Königin von England!“, während der Dechant hinzufügte: „Mögen so alle ihre Feinde umkommen!“ Der Graf von Kent allein sagte: „Amen!“

Die Kleider und die übrigen Gegenstände der Königin wurden nicht, wie sonst Brauch, dem Henker überlassen, sondern sämtlich verbrannt - Beim Fortnehmen des enthaupteten Körpers fand sich neben ihm, in den Kleidern versteckt liegend, der kleine Lieblingshund Maria Stuarts, er wollte den Leichnam nicht verlassen und mußte mit Gewalt entfernt werden. Der Körper wurde, nachdem die Eingeweide herausgenommen und heimlich beerdigt waren, vom Ortsarzte einbalsamiert Maria Stuarts gerühmte Schönheit hatte im Lauf der Jahre und wohl auch infolge ihrer langen Gefangenschaft viel an Reizen eingebüßt. Sie war zuletzt ergraut und aus Mangel an Bewegung etwas stark geworden, blieb aber stets eine majestätische Erscheinung.

Der gewaltsame Tod der Schottenkönigin erregte überall gewaltiges Aufsehen und an den katholischen Fürstenhöfen, besonders von Frankreich und Spanien, einen Sturm der Entrüstung. Auf vielen Kanzeln wurden Flüche und Verwünschungen gegen Elisabeth von England verkündet und die Rache Gottes angerufen. Aber dabei blieb es. In London dagegen herrschte Jubel über die Tat; alle Glocken wurden geläutet, Freudenfeuer auf den Straßen angezündet und Festlichkeiten abgehalten, als ob ganz England einer Katastrophe entgangen sei. Jakob VI. von Schottland begnügte sich damit, für seine tote Mutter einen Trauergottes-dienst abhalten zu lassen, während Elisabeth von England Schmerz heuchelte und behauptete, ihr Befehl sei falsch ausgeführt worden. Sie legte sogar Trauer für ihre Verwandte an und ließ die Überreste der enthaupteten Nebenbuhlerin mit fürstlichem Gepränge in der Kathedrale von Peterborough beisetzen, von wo sie 25 Jahre später auf Veranlassung Jakob VI. nach Westminster überführt wurden. Dort ist ihr auch ein Denkmal errichtet.

Marie Stuart wäre wohl ein so blutiges Ende erspart geblieben, wenn sie sich schuldig bekannt und die Gnade ihrer Todfeindin angerufen hätte. Aber sie wollte ihre Grundsätze nicht verleugnen, ihren Stolz nicht demütigen und ihrem Glauben treu bleiben, treu bis zum Tode. Daß sie an den Verschwörungen gegen Elisabeth beteiligt war, erklärt sich zum Teil auch aus der ihr widerfahrenen Behandlung. Bewunderung, und Mitleid sind ihr darum noch heute sicher.

Bewunderung und Mitleid verdient aber in vielleicht noch höherem Grade Maria Stuarts gekrönte Schicksalsschwester Marie-Antoinette, die unglückliche Gemahlin Ludwigs XVI. von Frankreich.

Auch der begeistertste Republikaner wird nicht ohne Rührung das Bild jener Habsburgerin betrachten, die während der Schreckenszeit in Frankreich ihrer Krone, ihrer Freiheit, ihrer Familie und zuletzt ihres eigenen Lebens beraubt wurde. Geboren am 2. November 1755 zu Wien als Tochter der Kaiserin Maria Theresia und des Kaisers Franz I., und bereits am 16. Mai 1770 mit dem Enkel Ludwigs XV. vermählt, der durch den Tod seines Vaters Dauphin geworden war, verbitterten ihr schon gleich die Unglücksfälle bei ihrer Vermählung und die Hofintrigen gegen die Ausländerin das sonst sehr glanzvolle Leben.

Nach der Thronbesteigung des Dauphins zog sich die junge Königin den Vorwurf der Vergnügungssucht und der Günstlingswirtschaft zu, und als sie 1778 zum erstenmal Mutter ward, benutzte der Anhang des auf die Thronfolge rechnenden Grafen von Provence diese Gelegenheit, um die Sittlichkeit der Königin zu verdächtigen. Besonders aber die berüchtigte Halsbandgeschichte zog Marie-Antoinette üble Nachrede zu, obgleich sie unschuldig dabei war und höchstens unvorsichtig gehandelt hatte.

Beim Ausbruch der Revolution schon sehr unbeliebt, trotz ihrer Herzensgüte, richtete sich immer mehr der Haß des Volkes gegen die „Österreicherin“, wie sie meist genannt wurde. Bereits bei den Vorgängen in Versailles 1789, als der wütende Pöbel bis in ihr Schlafzimmer drang, schwebte ihr Leben in Gefahr. Hierauf mußte sie mit ihrem Gemahl, ihren beiden Kindern und ihrer Schwägerin nach den Tuilerien übersiedeln. Ein von ihr betriebener Fluchtversuch am 21. Juni 1791 mißglückte und die durch sie zur Rettung des Thrones und der königlichen Familie angeregte österreichisch-preußische Invasion bewirkte das Gegenteil.

Während der Aufstände vom 20. Juni und 10. August 1792 erschien sie mit dem König in der Nationalversammlung und teilte sodann dessen Gefangenschaft im Temple. Beim Beginn des Prozesses gegen Ludwig XVI. mußte sie jedoch den König verlassen und im Juni 1793 auch ihre Kinder, um am 2. August in das einsame Gefängnis der Canciergerie gebracht zu werden. Hier versuchten zwar einige Personen, wie der Marquis Rougeville, die Königin zu retten, büßten aber ihr Vorhaben mit dem Tode. Wie der Polizeibeamte Michonis empfand auch der Scharfrichter Sanson Mitleid gegenüber dem furchtbaren Geschick der Unglücklichen und es ist ein merkwürdiges Spiel des Zufalls, daß dieselbe Hand, die das Fallbeil löste, unter dem die Häupter des Königs und der Königin fielen, zugleich die Feder führte, um ihr Ende zu beschreiben.

Aus diesen „Memoiren von Sieben Scharfrichter-Generationen (1685-1847), herausgegeben von H. Sanson, letztem Vollstrecker der Todesurteile des Hohen Gerichtshofes von Paris“, - einem größeren, jetzt selten gewordenen Werke - folgen hier einige der wichtigsten Stellen: „Am 1. August erließ der Konvent ein Dekret, welches bestimmte, daß Marie-Antoinette vor das Revolutions-Tribunal gestellt werden solle. Am 2. August um 2 Uhr morgens wurde der Königin das Dekret bekanntgegeben. Sie hörte es, ohne die geringste Erschütterung zu verraten, packte ihre Kleidungsstücke zusammen, küßte ihre Tochter (seit dem 3. Juli hatte man ihr den Dauphin genommen), empfahl ihre Kinder der Madame Elisabeth und folgte festen Schrittes den Munizipalsoldaten. Als sie unter einem Türbogen hindurchschritt, vergaß sie, sich zu bücken, und stieß so heftig sich den Kopf, daß Blut aus der erhaltenen Wunde floß. Der Munizi-palgardist Michonis fragte sie, ob sie sich wehe getan, worauf sie antwortete: „Nein, mir tut jetzt nichts mehr weh.“

Der Schließer der Canciergerie war derselbe Richard, auf den Char-lotte Corday einen so tiefen Eindruck hervorgebracht hatte; er und seine Frau empfingen die Königin mit der Ehrfurcht und dem Mitgefühl, welche der hohen Unglücklichen gebührten. Sie brachte die erste Nacht in dem Wohnzimmer des Schließers zu und am folgenden Tage gab ihr Richard mit Fouquer-Tinville's, des öffentlichen Anklägers, Zustimmung und unter dem Vorwande, der schweren Verantwortlichkeit, die auf ihm lastete, besser genügen zu können, das Ratszimmer, so genannt, weil dort die Beamten des ancien regime den Gefangenen Audienz erteilt, wenn dieselben Gesuche und Beschwerden vorzubringen hatten.

Die Tapeten, von den Ratten zerfressen, hingen in Fetzen herab, der Fußboden war mit Ziegelsteinen ausgelegt, die durch Eisenstangen bewahrten Fenster ließen weder reine Luft noch helles Licht in das Gemach dringen. Eine der beiden Türen wurde zugemauert, das Gemach durch einen in der Mitte offenen Vorhang in zwei Teile geteilt und vor die Öffnung ein Bettschirm gestellt. Auf diese Weise waren zwei Zimmer entstanden, im vorderen hielten sich Tag und Nacht zwei Gensdarmen auf, während im hinteren Zimmer Marie-Antoinette ihr Leben zubrachte. Die Untersuchung gegen die Königin zog sich in die Länge; denn es wollten sich keine hinreichenden Schuldbeweise finden lassen.

Inzwischen wurde von ihren Getreuen versucht, Marie Antoinette aus dem Kerker zu befreien. So gelangte der Marquis Rougeville zu ihr, der ihr aus seinem Knopfloch eine Nelke überreichte, in der ein Zettel verborgen war, in welchem er der Königin seine Dienste anbot. Um das Leben des edlen Ritters nicht zu gefährden, stach sie mit der Nadel eine verneinende Antwort in das Papier, als plötzlich einer der wachhabenden Gendarmen eintrat und das Billet beschlagnahmte. Darauf kamen verschiedene Aufsichtspersonen in Haft und die Gefangene wurde in ein anderes Zimmer unter noch strengere Bewachung gebracht

Am 12. Oktober erhob Fonguir-Tinville die öffentliche Anklage gegen Marie-Antoinette, die „Witwe Louis Capets“, welche er beschuldigte:

1. „im Einvernehmen mit den Brüdern Louis Capet’s und dem nichtswürdigen Exminister Calonne in schändlicher Weise die Finanzen Frankreichs vergeudet, unzählige Summen dem Kaiser überliefert und auf diese Weise den Nationalschatz erschöpft zu haben;

2. sowohl selbst als durch ihre gegenrevolutionären Gehilfen einen lebhaften Briefwechsel mit den Feinden der Republik unterhalten und dieselben Feinde mit den im Rate. beschlossenen Kriegs- und Angriffsplänen bekannt gemacht zu haben;

3. durch ihre Ränke und Kunstgriffe ihrer Agenten Verschwörungen und Komplotte gegen die innere und äußere Sicherheit Frankreichs angezettelt, zu diesem Zwecke den Bürgerkrieg in verschiedenen Gegenden der Republik entzündet, die Staatsbürger gegeneinander bewaffnet und durch diese Mittel das Blut einer unzähligen Menge Bürger vergossen zu haben.“ -

Nach dem Dekret vom 1. August sollten die Verpflegungskosten für die hohe Gefangene auf das durchaus Notwendigste beschränkt bleiben, aber die Kommune ging in ihrem Haß darin noch weiter, so daß die Königin auch bald das Notwendige entbehren mußte. Die ihr bewilligten Trauerkleider zerfielen in Fetzen, allein Marie-Antoinette hielt es für ihrer unwürdig, auch nur den geringsten Anspruch auf das Mitleid ihrer Feinde zu erheben, und verbrachte die Nacht damit, ihr schwarzes Kleid auszu-bessern.

Am folgenden Tage (14. Oktober) begann die Verhandlung gegen sie vor dem Revolutionstribunal. Sie wurde dazu um 10 Uhr morgens abgeholt und schritt durch ein doppeltes Spalier von Gensdarmen von der Tür ihres Gefängnisses bis zum Gerichtssaal. Langsamen Schrittes und hocher-hobenen Hauptes, wie bei einer Hoffestlichkeit, ging sie unter Führung eines Gendarmerie-Offiziers in den Saal, ihre Gesichtszüge bekundeten weder Verwirrung, noch Trotz, sondern kalte Ruhe, fast Gleichgültigkeit. Ihr weißes Haar und die Runzeln auf der Stirne und um den Mund, der breite, rötliche Rand um ihre Augen und der zuweilen ausdruckslose Blick dagegen zeugten von den ausgestandenen Seelenleiden, aber dieses unbewegliche Gesicht schien die Starrheit des Marmors angenommen zu haben, als ob die besiegte Seele sich schon dem Märtyrertum entzogen hätte. Sie setzte sich auf einen Lehnstuhl gegenüber dem Gerichtshofe, während ihre beiden Verteidiger, Chauveau-Lagarde und Trouson-Ducoudray, an ihrer Seite Platz nahmen.

Auf die Fragen des Präsidenten Herman nach ihrem Namen und Alter nannte sich die Angeklagte. „Marie-Antoinette von Lothringen-Österreich, Witwe Ludwigs, ehemaligen Königs von Frankreich, 37 Jahre alt.“ Nach Verlesung der Anklage begann das Zeugenverhör, wobei der Präsident jedesmal eine Reihe von Fragen an die Königin richtete, die sie mit großer Würde und Festigkeit beantwortete.

Ein Zeuge, der Substitut des Gemeindeanwalts Jacques-Réné Hébert, belastete die Angeklagte in derart schamloser Weise, daß er selbst unter dem der Königin feindseligen Publikum Unwillen erregte.

So mußte namentlich der junge Capet dazu herhalten, um seine Mutter nach jeder Richtung zu verdächtigen. Als ihn z. B. der Schuh-macher Simon, dem er zur Pflege übergeben war, bei geheimen, der Gesundheit schädlichen Lastern ertappte, soll der Knabe erklärt haben, seine Tante habe ihn darin unterwiesen. Ferner bemerkte der Zeuge, aus einer vor dem Maire von Paris abgegebenen Erklärung des jungen Capet gehe hervor, daß seine Tante und Mutter mit ihm die zügellosesten Ausschweifungen getrieben hätten, wohl um die Gesundheit des Kindes zu untergraben und sich dadurch ihren Einfluß auf den künftigen Thronerben zu sichern. Seitdem er von seiner Mutter getrennt sei, kräftige sich die Gesundheit des jungen Capet wieder. Unter tiefem Schweigen wurden diese schändlichen Aussagen vernommen, als aber Hebert geendigt hatte, lief ein Schauer des Abscheus durch die Zuschauer, denn so unerbittlich auch sonst ihr Haß war, jetzt wich er dem Mitleid oder verwandelte sich in Empörung gegen den Elenden und seine nichtswürdige Aussage.

Marie-Antoinette schien unempfindlich gegen diesen Schimpf, sie hörte ihn, ohne den Urheber nur eines Blickes zu würdigen; erst als im Verlauf ihrer weiteren Vernehmung ein Geschworener den Präsidenten daran erinnerte, daß die Angeklagte sich noch nicht über die von dem Bürger Hebert erwähnten Vorfälle zwischen ihr und ihrem Sohne geäußert habe, sagte sie: „Wenn ich nicht geantwortet habe, so geschah es, weil sich die Natur gegen eine solche Beschuldigung, wenn man sie einer Mutter macht, sträubt. Ich berufe mich auf alle Mütter, die anwesend sind.“

Sanson bemerkt dazu: „Als sie gezwungen wurde, auf eine Beschuldi-gung zu antworten, welche sie durch ihre stillschweigende Verachtung zurückzuweisen gehofft hatte, war das starre Gesicht der Königin plötzlich belebt geworden, ihre ausgetrockneten Augen, diese Augen, welche keine Tränen mehr hatten, schleuderten Blitze und von ihren Lippen erscholl die einzige, aber rührende Berufung, welche in Aller Herzen nachhallte, so daß die Frauen selbst, die gekommen waren, um sich an der Erniedrigung ihrer ehemaligen Herrin zu weiden, in ihrem Muttergefühl verletzt, dem einzigen Gefühl, welches ihre Verworfenheit überlebt hatte, plötzlich in lautes Schluchzen ausbrachen.“

Der Präsident hütete sich wohl, bei der späteren Vernehmung den Zeugen Simon, der als „Erzieher“ von Charles Louis Capet nach Heberts Erklärung um die behaupteten Schändlichkeiten wissen mußte, darüber zu befragen. Marie-Antoinette hatte so wenigstens den Trost, zu sehen, daß ihre Richter selber die Erbärmlichkeit dieser Beschuldigung einsahen.

Als die Zeugen-Vernehmung beendet war, fragte Herman die Königin, ob sie noch etwas zu ihrer Verteidigung beizubringen habe. Marie-Antoinette schwankte einen Augenblick - vielleicht dachte sie, ein so elendes Leben sei nicht der Mühe der Verteidigung wert, - ohne Zweifel dachte sie dann aber an ihre Kinder und antwortete mit großer Geistesgegenwart und Stärke, daß die Zeugen, welche sie gehört, auch nicht eine einzige bestimmte Tatsache gegen sie vorgebracht hätten, es wäre unmöglich, daß man sie, die Gemahlin Ludwigs XVI., für die Handlungen eines Königs verantwortlich mache, den die Konstitution selber für unverantwortlich erkläre.

Bei Beginn der Schlußsitzung am 16. Oktober stellte Fouquier-Tinville seine Anklage, dann sprachen die Verteidiger unter achtungsvollem Schweigen. Chauveau-Lagarde glänzte durch wirksame Beredsamkeit und Trouson-Ducoudray widerlegte in scharfsinniger Weise die Anklage Punkt für Punkt. Als letzterer zu Ende war, wurde Marie-Antoinette wieder hereingeführt und der Präsident legte, nach einem summarischen Bericht, folgende vier Fragen den Geschworenen vor:

1. „Ist es erwiesen, daß Handlungen und Unterhandlungen mit den fremden Mächten stattgefunden und daß diese Unterhandlungen zum Zwecke gehabt, jenen Geldunterstützungen zu liefern, ihnen Zutritt auf das französische Gebiet zu verschaffen und die Erfolge ihrer Waffen zu erleichtern?

2. Ist Marie-Antoinette von Österreich, die Witwe Louis Capets, überwiesen, bei diesen Handlungen mitgewirkt und jene Einverständnisse unterhalten zu haben?

3. Ist es erwiesen, daß ein Komplott und eine Verschwörung bestan-den mit dem Zweck, den Bürgerkrieg im Innern der Republik zu entzünden?

4. Ist Marie-Antoinette von Osterreich, die Witwe Louis Capets überwiesen, an diesem Komplott und dieser Verschwörung teilgenommen zu haben?“

Nach einstündiger Beratung kehrten die Geschworenen zurück und bejahten alle ihnen vorgelegten Fragen, worauf der Präsident das anwe-sende Volk ermahnte, sich jedes Zeichens der Zustimmung zu enthalten, da eine dem Gesetz verfallene Person nur dem Unglück zugehöre und Anspruch auf Mitleid habe. Hierauf wurde die Königin wieder in den Sitzungssaal geführt, Herman las ihr die Erklärung der Jury vor und Fouquier-Tinville beantragte, die Angeklagte zum Tode zu verurteilen, worauf der Präsident die Stimmen seiner Kollegen sammelte und dann folgendes Urteil verkündete:

„Nachdem der Gerichtshof nach einstimmiger Erklärung ,der Ge-schworenen dem Strafantrage des öffentlichen Anklägers zugestimmt, verurteilte derselbe, den bereits angeführten Gesetzen gemäß, die besagte Marie-Antoinette, genannt von Lothringen-Österreich, Witwe Louis Capets, zur Todesstrafe und erklärt, laut dem Gesetz vom 10. März vorigen Jahres, ihre Güter, wenn sie solche auf französischem Boden besitzt, für gerichtlich einbezogen“

Trotz der vorherigen Ermahnung Herman’s brach jetzt bei dem Publikum der Haß, der ihm gegen die Königin eingeflößt worden war, in wütenden Beifall aus.*[1]) Als sie gleich darauf den Saal verließ, konnte sie noch durch die Türe, welche sich hinter ihr schloß, die Freudenausbrüche über ihren nahen Tod vernehmen, aber sie vermochten nicht, ihr auch nur eine Gebärde des Zornes oder ein Lächeln des Mitleids zu entlocken.

In das Gefängnis zurückgekehrt, hüllte sie ihre erkalteten Füße in eine Decke, warf sich angekleidet auf das Bett und schlief aus Erschöpfung sofort ein. Während der langen Sitzung - sie währte von 9 Uhr morgens bis in den späten Abend - hatte sie keine Nahrung zu sich genommen, und so streng wurde gegen sie verfahren, daß ein Gendarmerie-Offizier sich rechtfertigen mußte, weil er der Unglücklichen ein Glas Wasser gereicht hatte. Nach kaum einstündigem Schlummer erwacht, ließ sie sich durch den Beschließer Bault Papier, Feder und Tinte besorgen, setzte sich auf ihr Lager und schrieb jenen ergreifenden Brief, der dem Testament Ludwigs XVI. sich würdig anreiht, aber erst 1816 veröffentlicht wurde.

Den fertigen Brief, von dem Marie-Antoinette jede Seite vor dem Zusammenfalten küßte, übergab sie Bault zur Weiterbeförderung und verharrte dann, das Gesicht in die Hände gestützt, bis der Eintritt des „Bürger Girard, Pfarrer von Saint-Landry“ die Stille unterbrach. Als die Königin seinen Namen hörte, murmelte sie: „Ein Pfarrer? Es gibt kaum noch einen solchen.“ Dann klagte sie über Kälte in den Füßen, worauf ihr der Abbe riet, dieselben in ihr Kopfkissen zu wickeln. Sie tat es und dankte ihm für seinen Rat, wies aber seinen geistlichen Zuspruch zurück, sodaß sie Girard zuletzt unverrichteter Sache, mit Tränen in den Augen, verließ.

Gleichzeitig trat die älteste Tochter des Schließers, die der Gefangenen mitunter behilflich war, in das Zimmer und schien so bestürzt, daß sie schluchzend auf einen Stuhl sank. Darum aber behandelte ein Gendarm das Mädchen so roh, daß sich Bault seiner Tochter annehmen mußte.

Auch die Königin tröstete sie, sichtlich von ihrem Schmerz gerührt, mit sanften Worten und bemerkte lächelnd, daß sie den wichtigsten Gegenstand vergessen habe. Sie meinte damit das weiße Kleid, welches Marie-Antoinette mit in den Temple gebracht hatte und das neben ihrem schwarzen Kleide die ganze Garderobe der Königin bildete. Es sollte sie auf dem Wege zum Schaffot umhüllen, befand sich aber in so schlechtem Zustande, daß sie das junge Mädchen gebeten hatte, für einen neuen Besatz zu sorgen. Als Baults Tochter hinausging, um das Kleid zu holen, rief ihr Marie-Antoinette noch nach, sie möge auch eine Schere mitbringen und als die Wächter nicht zugeben wollten, daß einer Verurteilten eine solche Waffe in die Hände gegeben werde, wurde ausgemacht, daß Baults Tochter im Beisein des Schließers und der beiden Wächter der Königin das Haar abschneiden solle. Als Charles Henri Sanson, der Scharfrichter, mit seinem Sohne um 2 Uhr die Canciergerie betrat, standen außen bereits bewaffnete Bürger, und im Hofe waren eine Abteilung Gendarmen, sowie einige Reiter und Offiziere des Revolutionsheeres aufgestellt.

Die Königin saß in dem „Saale der Toten“ auf einer Bank, den Kopf gegen die Mauer gelehnt; die beiden Wächter standen einige Schritte von ihr bei dem Schließer, und Baults Tochter stand weinend vor Marie-Antoinette. Sanson ließ den Karren vorfahren - eine verschlossene Kutsche wie beim König war nicht bewilligt worden - und trat mit dem Gerichts-diener und Gendarmen nebst seinem Sohne ein.

Als die Königin diese Leute erblickte, erhob sie sich, um den Scharfrichtern entgegenzugehen, blieb aber, durch eine Bewegung von Baults Tochter daran gehindert, stehen und umarmte das Mädchen mit großer Zärtlichkeit. Sie war weiß gekleidet und ein ebenfalls weißes Umschlagetuch bedeckte ihre Schultern. Auf dem Kopfe trug sie eine weiße, mit einem schwarzen Bande befestigte Haube. Von außerordent-licher Blässe im Gesicht, waren nur ihre Lippen rot geblieben, und ihre Augen, deren Ränder von schlaflosen Nächten zeugten, glänzten lebhaft.

Sanson bemerkt hier: Mein Großvater und mein Vater hatten das Haupt entblößt. Viele der Anwesenden grüßten ebenfalls, nur der Gerichtsdiener Nappier und einige Militärpersonen enthielten sich dieses Zeichens der Hochachtung gegenüber der großen Unglücklichen.

Ehe jemand Zeit hatte, das Wort zu ergreifen, trat Marie-Antoinette vor und sprach in einem Tone, der nicht die geringste Aufregung verriet: „Ich bin fertig, meine Herren, wir können aufbrechen!“

Charles Henri ließ sie wissen, daß es nötig sei, noch einige Vorberei-tungen zu treffen. Die Königin wendete sich um und zeigte ihm ihren Nacken, von dem das Haar schon abgeschnitten war, mit der Frage: „Ist es so recht?“ Gleichzeitig streckte sie ihm ihre Hände zum Binden hin. Hierauf bat ein Priester, der Abbé Lothringer, der schon einmal darum gebeten hatte, nochmals um die Erlaubnis, Marie-Antoinette begleiten zu dürfen. Obgleich er ein „vereidigter“ Priester war, den sie grundsätzlich ablehnte, gab sie schließlich seiner Zudringlichkeit nach und erwiderte: „Wie es Ihnen beliebt, mein Herr!“

Unmittelbar darauf setzte sich der Zug in Bewegung. Vor der Königin schritten Gensdarmen, neben ihr suchte sich der Abbé Lothringer zu halten, hinter ihr ging der Gerichtsdiener mit weiteren Gendarmen. Um ihr das Einsteigen in den Karren zu erleichtern, war ein Schemel hingestellt. Nun öffneten sich die Tore und als die Königin in der Mitte der düsteren Gesellschaft erblickt wurde, begann das auf den Kais und Brücken angehäufte Volk wie ein aufgewühltes Meer zu schwanken und ein tausendfaches Geschrei von Verwünschungen und Todesdrohungen erscholl. Die Menge hatte sich so dicht zusammengedrängt, daß der Karren einmal nicht weiter zu bewegen war und das Pferd in den Schwanghaltern aufbäumte, dabei durchbrachen einige der wütendsten Schreier die schwache Schutzwehr, um die Todgeweihte aus nächster Nähe zu be-schimpfen, ja ein Offizier der Revolutionsarmee, der feige genug war, die geballte Faust drohend gegen das wehrlose Opfer zu richten, mußte vom Abbe Lothringer beschämt und zurückgestoßen werden.

„Niemals“, bemerkt hier Sanson, „hat sich Marie-Antoinette ihres hohen Ranges würdiger gezeigt, als jetzt. Sie war eine wahrhafte Königin, diese Frau, welche, ohne sich zu entfärben oder die Augen niederzuschla-gen, die wilden Blicke des souveränen Volkes aushielt; ohne zu zittern das Brüllen der Löwen hörte, dem man sie zur Beute vorwarf, die wie der römische Cäsar sich aufrecht hielt, ohne das Knie zu beugen; für welche der scheußliche Karren noch ein Thron war und der es sogar in der Erniedrigung, in der man sie gebracht, gelang, durch die Kraft ihrer Seele des Mitleids unfähige Herzen zur Ehrfurcht zu nötigen.“

Marie-Antoinette stand aufrecht in der Mitte des Karrens, der Abbé Lothringer, auf die rechte Wagenleiter gestützt, sprach lebhaft, aber vergeblich zu ihr, sie schien ihn nicht einmal anzuhören, sondern suchte unruhig nach einem Hause. Ein nicht vereidigter Geistlicher, den sie früher im Gefängnis traf, hatte ihr nämlich versprochen, sich bei ihrer Todesfahrt in einer Wohnung der Straße Saint-Honore einzufinden und über ihrem Haupte die Absolution in extremis auszusprechen. Nachdem sie die Hausnummer gefunden und auf ein verabredetes Zeichen den Priester erkannt hatte, neigte sie die Stirne und betete mit großer Sammlung, worauf sich ihr ein Seufzer der Linderung entrang und ein Lächeln auf ihre Lippen trat.

Auf dem Revolutionsplatze hielt der Karre gerade gegenüber der großen Allee der Tuilerien, was die Königin besonders schmerzlich berühr-en mußte. Sie ward um vieles bleicher, ihre Augenlieder feuchteten sich und sie flüsterte mit dumpfer Stimme: „Meine Tochter! Meine Kinder!“

Hier berichtet der Scharfrichter wörtlich: „Bei dem Lärm, welcher die Zurichtung des Schaffots veranlaßte, schien sie wieder zu sich zu kommen und schickte sich an, vom Karren herabzusteigen, wobei sie von meinem Vater und meinem Großvater unterstützt wurde. In dem Augenblick, als sie den Fuß zur Erde setzte, rief ihr Charles Henri leise zu: „Mut, Madame!“ Die Königin wendete schnell sich um und schien erstaunt, Mitleid in dem Manne zu finden, der sie zu Tode führen sollte. „Ich danke, mein Herr, ich danke“, erwiderte sie mit fester Stimme. Nur wenige Schritte trennten den Karren vom Schaffot, doch als sie mein Vater noch weiter unterstützen wollte, wies sie ihn mit den Worten zurück: „Nein, ich werde, Gott sei Dank, Kraft genug haben, bis dahin zu gehen.“ Und sie ging mit gleichem, weder hastigem noch langsamem Schritt, und stieg die Stufen so majestätisch hinauf, als ob es die Stufen der großen Treppe zu Versailles gewesen wären.

Als sie auf der Plattform ankam, entstand ein Augenblick der Verwirrung. Der Abbé Lothringer, war ihr bis dorthin gefolgt und setzte seine vergeblichen Ermahnungen fort; mein Vater stieß ihn sanft zurück, um dieser schmerzlichen Qual ein Ende zu bereiten. Nun bemächtigten sich die Gehilfen des Opfers. Während sie die Königin auf das Fallbrett banden, hob sie die Augen gen Himmel und rief mit lauter Stimme: „Lebt wohl, meine Kinder! Ich werde Euren Vater wiedersehen!“ Kaum hatte sie diese Worte vollendet, als das Fallbrett an seine Stelle gelegt wurde und das Messer auf ihr Haupt herabfiel. Vereinzelt erscholl in nächster Nähe des Schaflots der Ruf: „Es lebe die Republik“ Einer der Gehilfen mußte das blutige Haupt, dessen Augenlider noch krampfhaft zuckten, dem Volke zeigen. Der Körper der Königin kam in einen schlechten Sarg aus rohem Holze und wurde dann in eine Kalkgrube des Magdalenen-Kirchhofs versenkt, ihre Kleider erhielten die Armen der Hospitäler.“ -

 

 

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Die Macht der Gedanken

nach Prentice Mulford und Abdruschin

von
 Frau Konsul Elsbeth Zarges, Stuttgart

 

Sage von irgend einer Sache: „Sie muß geschehen - und tausend Kräfte rühren sich, sie zu vollbringen! Darum ist Vorsicht im Wünschen geboten; denn Wunsch kann auch zum Fluche werden! So ruft Prentice Mulford in einem seiner vielgelesenen Essays aus - - so viel gelesen und so wenig beherzt von dem größten Teil der durchs Leben rasenden Menschheit.

Und es sollte doch zum Nachdenken zwingen, daß immer wieder große und führende Geister, Philosophen und Dichter, die Macht der Gedanken-welt preisen, aber zugleich auch fürchten, denn es ist keiner unter den Eingeweihten, der es nicht auch für nötig hielte, seine Mitmenschen davor zu warnen. Mulford führt in erster Linie die Gefahr auf die große Absorbtionsfähigkeit der Menschen zurück, denn da wir genötigt sind, miteinander und nebeneinander zu leben, so sind die Brücken immer geschlagen, auf denen Strömungen jeder Art hinüber und herüber wandern können! Sind nun die Gedanken der Menschen, mit welchen wir gezwungen sind zu verkehren, inferior, und leben sie in niedrigen Sphären (selbstverständlich sind hier nicht Verbrecher gemeint, sondern nur oberflächliche, selbstsüchtige, nach geistlosen Vergnügen jagende Men-schen), so werden wir dauernd Schaden leiden, denn immer ist es der höhere und feinere Geist, der in ungleicher Gemeinschaft niedergedrückt und zertreten wird. Nach Mulford spielt nun eine große Rolle der mehr oder weniger seelische Gleichgewichtszustand, in dem wir uns befinden; denn da unser Geistesleben dem Wechsel ebenso scharf unterworfen ist, wie der Körper, der genötigt ist, zwischen Aktivität und Zeiten der Entladung, Zeiten der Ruhe und des Neuenkräftesammelns einzuschalten, so ist auch unser seelischer Zustand entweder in positiver Aktivität, oder in sich selbst zurückströmender negativer Sammlung begriffen. Daß in diesen negativen-passiven Ruhezeiten, während der sich erst neu wiederbildenden Energieströme, eine Beeinflussung von außen her viel leichter und intensiver sein wird, ist leicht verständlich, und deshalb ist nicht nur Vorsicht im Verkehr mit unserer nächsten Umgebung geboten, sondern doppelte Vorsicht in den Zeiten unserer sogenannten Ruhe- oder Erho-lungsstunden.

Da wir aber einmal die Gedanken der Menschen, mit denen wir sympathisieren, unwillkürlich absorbieren, so ist es andererseits auch ungeheuer wichtig, wer sich in der näheren Umgebung eines Geschäfts-mannes, eines Organisators, eines irgendwie nach außenhin sich betätigen-den und fördernden Geistes aufhält!

Besser gar kein Verkehr, als mit zerfahrenen und ziellosen Menschen. Man spreche lieber garnicht über seine Angelegenheiten und geplanten Unternehmungen, als wie mit Menschen, von denen wir nicht mit abso-luter Sicherheit annehmen können, daß sie uns und unseren Plänen wirklich günstig gesinnt gegenüber stehen, und sich über deren Verwirk-lichung von ganzem Herzen freuen würden. Menschen, die nur aus Höflichkeit zuhören, bedeuten für uns Verluste von Kräften, die wir für unsere Unternehmungen doch so dringend benötigen. Ebensolche Schädi-gungen bringen auch häßliche Empfindungen, die wir gegen scheinbar Bessergestellte hegen; denn sie sind nicht nur ebenfalls Zeit- und Kraftvergeudung, sondern halten uns direkt auf unserem Wege zum Ziele auf.

Dagegen wird ein Zustand froher Erwartung uns jedem Ziele rascher und vollkommener entgegenführen, wie wir überhaupt je erwartet haben, namentlich, wenn wir verstehen, den Erfolg in gleichmäßig ruhiger Sammlung abzuwarten.

Um Prentice Mulford in seiner prägnanten Weise wieder persönlich sprechen zu lassen: „Das Kultivieren dieses ruhigen Stromes konzentrier-ter Gedanken trägt uns dann weiter zu vorteilhaften Verhältnissen, Szenen, Ereignissen, Bekanntschaften; denn langandauernde Erwartung des Erfolges bringt Ursachen, Mittel und Wege zu diesem Erfolg!“ Und wie wir die Eindrücke des uns beherrschenden Zustandes am Tage mit uns hinüber nehmen in eine andere Welt, die uns im Schlafe umfängt, so werden auch wir, wieder nach den unverrückbaren Gesetzen der Welten-ordnung, in unseren der Wiederbelebung durch geistige und seelische Kräftigung gewidmeten Stunden das empfangen, woran unser Geistesleben Anschluß gefunden hat! Empfangen den Segen der Ruhe, aus anderem, ruhigen, erwartungsfrohen Tagesleben, oder den Fluch der Unrast, der uns weiterhetzt in nicht mehr überblickbare Unternehmungen.

Deshalb soll man sich an die Gedanken des Glückes gewöhnen, sich daran hängen mit allen Fasern des Seins - dem Ideal des Erreichbaren entgegenträumen, bis der Wille zu diesem Traum zu einer fixen Idee, zu einer zweiten Natur geworden ist! Entgegenträumen im Wachbewußtsein des Tages, in den Erholungs- und Ruhestunden einem Idealbilde nach-hängen von Kraft, Gesundheit, Willen und Erfolg, und wir werden erleben, wie aus jeder Tagesimagination durch die daran anschließende Zufuhr aus unseren wirklichen Schlaf- und Traumerlebnissen eine erst unsichtbare Realität entsteht, die, je länger und intensiver wir sie festhalten, sich in Formen des Seins umsetzen wird, die wir schließlich mit äußeren Sinnen wahrnehmen können.

Soweit der große amerikanische Philosoph und Lebenserkenner. Und nun setzt an dieser Stelle Abdruschin ein und führt uns weiter, über unsere, nur an der Oberfläche haftenden Sinne hinaus in scheinbar unermeßliche Gefilde. Nichts ist tot, nichts leer, wie es den Anschein hat! Alles webt und wirkt an dem Gesetz der Wechselwirkung, in dessen Mitte wir Menschen gestellt sind, die Fäden neu zu formen und zu lenken, als Ausgangspunkte und als Endziele.

Als machtvolle Herrscher sind wir durch Gottes Willen und seine, in strenger Folgerichtigkeit arbeitenden Gesetze nicht nur in dieses Erden-leben, sondern in die gesamte Schöpfung gestellt, in der jeder Einzelne sein Reich sich bilden kann, das ihn emporhebt, oder unter sich begräbt. -

Abdruschin erklärt uns, wie durch die Schöpfungskraft, die jeden Menschen durchflutet, der geschlossene Wille Feinstoffliches zusammen-rafft und es bindend in eine Form schließt, die genau dem gewollten Gedanken entspricht. Also etwas Wirkliches, Lebendiges entsteht, daß nun in der Welt der Gedankenformen, durch das ewig tätige und nie versa-gende Gesetz der Anziehungskraft der Gleichart, sich mit Gleichartigem verbindet. Die Stärke der Empfindung, mit der dieser Gedanke in das Weltall hinausgestoßen wurde, ist nun aber auch der Gradmesser für die Lebenskraft, mit welcher er sich auswirken muß. Dichtbevölkert ist diese Gedankenwelt. Abdruschin schildert, wie sich durch die gegenseitige Anziehungskraft große Zentralen bilden, die durch ihre gesammelte Kraft wieder rückwirkend alle menschlichen Gedankengänge beeinflussen. Deshalb bringt jede Stunde und jede Tat fortdauernden Segen, wenn die Gedanken der reinen Liebe, des mitleidvollen Verstehens, des gegensei-tigen Sichhelfens und Einanderdienenwollens wieder größeren Raum einnehmen, in den Gedanken und daraus folgend in dem Erdenleben der gesamten Menschheit, da dadurch die gleichartig starken Zentralen der Gedankenwelt herangezogen werden, und die Einfuhr aus lichteren Sphären den Menschengeist wiederum neu zu befruchten vermag.

An dieser Wechselwirkung ist nun die unverrückbare Ordnung der die ganze Schöpfung durchströmenden Grundgesetze zu erkennen, die denjenigen, die sie anerkennen und sich darnach einstellen, Schutz und Segen gewähren.

Und wie nun Mulford vor dem Umgang mit inferioren Menschen warnt, damit sie uns nicht unversehens in ihre Niedrigkeit mit hinabziehen, so ruft Abdruschin uns zu: „Achtet auf die Reinheit eurer Gedanken! Setzt eure ganzen Kräfte dafür ein. Ihr könnt nicht ahnen, was ihr damit schafft. Es liegt etwas Gewaltiges darin. Wie starke Kämpfer könnt Ihr damit wirken, bahnbrechend für das Licht und für die Befreiung eurer Mitmenschen aus den Giftfeldern in der Welt der Gedankenformen.“

 

 

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 Neues Wohnen als Ausdruck neuer Lebensgestaltung

von

Regierungsbaumeister B.D.A. Alfred Fischer, Karlsruhe

 

Die fundamentalsten Existenzgrundlagen des Menschen im physischen Leben sind Nahrung und Wohnung. Welcher Faktor im primitiven Urzustand der wichtigere ist, läßt sich schwer entscheiden. Ob der Schutz gegen die Einflüsse der ungebändigten Natur, gegen wilde Tiere, feindlich gesinnte Menschen das Wichtigere ist, oder die Befriedigung der notwen-digsten Bedürfnisse des Leibes, wird jeweils von den besonderen Umstän-den und Lebensverhältnissen abhängen.

Es soll nun hier unter Außerachtlassung des Ernährungswesens auf die Entwicklung des Wohnwesens kurz eingegangen werden. Die primi-tivste Wohnung war die Höhle des vorgeschichtlichen Menschen. Danach kam die leicht aufschlagbare Hütte des nomadisierenden Menschen, die unter anderen Bedingungen die Form eines richtigen transportablen Zeltes annahm. Verhältnismäßig spät erst lernten die Menschen sich feste Häuser bauen. Auch im festen Haus wird die frühere Gewohnheit, bzw. das Bedürfnis des einen Raumes festgehalten.

Wir sehen zunächst das einräumige Haus. In recht junger Zeit haben die Bewohner unserer Landstriche, die Urgermanen, diese ganze Entwick-lung durchgemacht. So ist auf dem Hochschwarzwald der Typ des urger-manischen Hauses noch unverfälscht festzustellen. Mit der Weiter-entwicklung, die dann in die ersten Anfänge zivilisierter Lebensgestaltung hineinfällt, verschwindet die Feuerstelle, die der geheiligte Mittelpunkt des Hauses war, in einen eigenen Raum, aus dem sich sehr bald die Küche entwickelt. Die noch heute in alten Bauernhäusern nur durch einen Vorhang abgeschlossene Schlafnische wird zum Schlafraum, und so sind die Grundbedürfnisse auch des heutigen Wohnens in Küche, Wohn- oder Gemeinschaftsraum und Schlafraum fixiert. Was unter der Entwicklung der Kulturbedürfnisse daraus geworden ist, soll in Folgendem angedeutet werden.

Es ist heute noch eine umstrittene Frage, ob das alte Bauernhaus die Grundform des späteren Stadthauses abgegeben hat, oder ob dieses Stadthaus sich auf einer eigenen Entwicklungsreihe aufbaut Die früheste Form eines gemeindlichen Zusammenschlusses war die Streusiedlung. An Verkehrspunkten, an denen zwei Landstraßen sich kreuzten, entstanden Stapel-, Umschlags- und Handelsplätze.

Meist waren diese Stellen auch in der Nähe eines Flußlaufes und im Schutze einer adligen Burg angelegt. Die Siedlung zog sich der einen Straße entlang mit einer platzähnlichen Erweiterung in der Mitte zum Aufstellen der Handelswagen. Dem Charakter dieser Wohngemeinschaft entsprechend waren die Siedler meist Handwerker, die den mannigfachen Reparaturbedürfnissen der durchreisenden Wagenzüge genügten. Dazu kamen Herbergen und evtl. Stapelhäuser.

Wenn auch diese Handwerkerhäuser andere Raumbedürfnisse hatten, als das ältere Bauernhaus, so muß doch ein Zusammenhang vorhanden sein, denn diese Handwerker waren doch Menschen, die auch aus dem ursprünglichen Bauernstand kamen, dort bei einer weisen Familienpolitik kein Unterkommen mehr fanden, aber alle Gewohnheiten und Gebräuche ihres Standes mitbrachten. Nahmen im Bauernhaus Stall und Tenne den größten Teil des Platzes ein, und erscheint die Wohnung nur als eine kleinere ausgebaute Ecke, so wird dieses Verhältnis im Handwerkerhaus etwas verschoben. Doch ist die Handwerkerstube immerhin an bevorzugter Stelle an der Straße, und das Wohnbedürfnis wird auf Küche und Kammer eingeschränkt.

Eine zweite Grundform des Stadthauses bildet die Adelswohnung. Mit fortschreitender Entwickelung legten sich die Burgherren in der ihrem Schutze unterstellten Siedlung feste Häuser an, die ihrerseits wiederum das Abbild der Wohngewohnheiten der Burg waren. Die Burg, ursprünglich ein fester Wohn- und Verteidigungsturm, hatte schon früh differenzierte Wohnbedürfnisse festgelegt. indessen waren diese verschiedenen Funktio-nen dienenden Räume auch in ganz getrennten Gebäuden untergebracht worden.

Kapelle, Frauenhaus, Herrenhaus, Gesindehaus usw. waren eine Reihe lose zusammengefaßter Bauten. Erst im Mittelalter fing man an, einzelne dieser Räume unter einem Dach zusammenzufassen. Auch in dem vorer-wähnten adeligen Stadthaus mußten naturgemäß schon der Raumer-sparnis halber die verschiedenartigen Räume zusammengenommen werden. Noch eine anderweitige Entwicklungsstufe bedeutet das frühe städtische Adelshaus. Es war das erste aus Stein erbaute Haus, eine Gewohnheit von dem Burgenbau her, während das Handwerker- und Bauernhaus aus Holz erbaut waren.

Aus diesen beiden Typen (Handwerker- und Adelshaus entwickelte sich nun in langer Reihe das städtische und ländliche Bürgerhaus. Es würde zu weit führen, die einzelnen Entwicklungsstadien aufzuzählen. Ich möchte mich darauf beschränken, bestimmte Endpunkte zu fixieren. Wir sehen solche in dem Patrizier- und Bürgerhaus des blühenden Mittelalters. Der Handwerker war selbstbewußter, berufsstolzer Bürger geworden in der Zeit der Zünfte (Hans Sachs). Die Bedürfnisse der Repräsentation beginnen ihre Rechte geltend zu machen. Im Patrizierhaus sind schon eine Reihe von Räumen, die nicht dem nüchternen Wohnbedarf entspringen. Im 16. und 17. Jahrhundert nähern sich die beiden Formen mit Variationen einander, und im 18. Jahrhundert sind das reiche Bürgerhaus vom bescheidenen Adelshaus nicht mehr zu unterscheiden.

Ein Entwicklungsgesetz zeigt, daß sich überlebende Normen von oben Leitpunkt nach unten werden. Immerhin hat auch hier die ruhige Entwicklung bis zum Ende des 18. Jahrhunderts eine gewisse Stetigkeit in den Wohnformen gezeitigt. Tatsächlich bestand im Hause der späten Barockzeit oder des Klassizismus noch eine Einheit zwischen dem bürgerlichen Leben, seiner Wohnform, und dem allgemeinen Wohnbedürf-nis, das heißt, klarer ausgedrückt, alle Räume des Hauses hatten eine dem täglichen Leben entsprechende Zweckbedeutung.

Das Verbundensein des damaligen Hauses mit Garten und Freifläche, das Fehlen spekulativer Ausnützung von Grund und Boden - eine Errun-genschaft des 20. Jahrhunderts - bewirkten weiterhin eine Grundrißge-staltung der Wohnung, die in hygienischer und lebenstechnischer Beziehung den Forderungen der damaligen Zeit durchaus genügte.

Erst dem Zeitalter wirtschaftlicher und maschineller Rapident-wicklung blieb es vorbehalten, auf dem Gebiete des Wohnungswesens eine solch katastrophale Verwirrung hervorzurufen, daß heute Riesenkräfte dazugehören, einigermaßen wieder gesunde Verhältnisse zu schaffen.

Von vornherein möchte ich bemerken, daß, um auf die jüngste Zeit abzuheben, es ein Irrtum ist, zu glauben, das Wohnungselend sei eine Erscheinung des Krieges und der Nachkriegszeit. Mit nichten! Die Mietskasernen der Großstadt (um einige drastische Beispiele zu nennen) mit ihren luft- und sonnenarmen Hofräumen, die Kellerwohnung, waren durchaus Erscheinungen der Vorkriegs-Großstadt. Und es steht dahin, ob die wirtschaftlichen Folgen des Krieges nicht besser zu tragen gewesen wären, wenn ein hoher Prozentsatz der Großstadtbevölkerung nicht durch solche kaum tragbaren Wohnungsverhältnisse schon früher des letzten sittlichen und moralischen Haltes verlustig gegangen wäre.

Die Diskrepanz zwischen wirklichem Wohnbedürfnis und vermeintli-chem Wohnbedarf trat schon um die Mitte des vorigen Jahrhunderts auf. Sie hängt mit der im vorigen Aufsatz erwähnten Kluft zusammen, die unsere gesamte Ausdruckskultur nach der französischen Revolution kennzeichnet Wohl hat die Tradition im Wohnen etwas länger nachgehal-ten, als in der Architektur schlechthin. Im Biedermeier sehen wir immer-hin noch den Ausdruck bürgerlicher Wohngestaltung, wie sie den Zeitbedürfnissen entspricht. Danach aber kommt die hemmungslose Ent-wicklung der Großstadt und mit ihr all die unzähligen Schäden einer nicht vorbereiteten Gestaltung. Das rasche Wachstum der allgemeinen Wirt-schaft brachte es mit sich, daß einerseits im Leben Bedürfnisse großge-zogen wurden, die mit dem wahren Leben nicht standhielten, andererseits für die immer mehr wachsenden Massen der Industriebe-völkerung in keiner Weise gesorgt wurde, um auch nur den notwendigsten Wohnbedarf zu sichern. Der Wohnungsbau wurde Spekulationsbau des Unternehmer-tums, während er früher Befriedigung eines Zweckbedürf-nisses war.

Die Korrelation aber zwischen Wohnung, ihrer Ausgestaltung und der sittlichen Einstellung des Menschen können gar nicht genug hervor-gehoben werden. Die Wohnung ist und bleibt eine der primitivsten Grundlagen des Menschen. Wie sollte nun Menschen, die in lichtarmen, schmutzigen, ungesunden Räumen zusammengepfercht sind, das Walten einer sittlichen Weltordnung zum Bewußtsein kommen? Oder wie sollen die Menschen einer bürgerlichen Wohnung am Ausgang des vorigen Jahrhunderts noch ein Gefühl für ehrliche Wohnform haben? Das Stigma der guten Wohnung war ein auf Surrogaten aufgebauter Schein bis ins letzte, während die Massenwohnung auch noch dieses Scheins entbehrte, und die ganze nackte traurige Unzulänglichkeit liebloser Handelsware zeigte.

Der Schein einer äußeren aufgeblähten Lebenshaltung äußerte sich in der Grundrißanlage. Immer mehr traten (im bürgerlichen Mietshaus) die eigentlichen dem Wohnbedürfnis und der Familie dienenden Räume zurück zu Gunsten sogenannter Gesellschafts- und Repräsentationsräume. Und da ein normaler Ausgleich nicht gefunden werden konnte, so mußte der erste Teil in nicht zu verstehender Weise leiden. Hand in Hand ging eine technische und künstlerische Ausstattung, die damit groß tat, Dinge vorzutäuschen, die nicht in den Rahmen der Bauaufgabe paßten.

Ein drastisches Beispiel bieten die größere und mittlere Mietwohnung der Großstädte, die nun einmal mit den Kleinwohnungen drei Viertel des ganzen Wohnbedarfes eines Volkes bilden. Die Straßenfassade des Hauses muß das Aussehen des Palastes haben, Eingang, Vorplätze, Treppenhäuser etc. beanspruchen einen in keinem Verhältnis zu den Wohnungen stehenden Aufwand an Raum und Ausstattungen, so daß für das eigentliche Bedürfnis des Hauses, für die Wohnung, nicht mehr viel übrig bleibt.

Der gleichen Hemmungslosigkeit, wie der Hausbau, unterlag natürlich zuvor die städtebauliche Verwertung des Grund und Bodens. Nicht die Bedürfnisse der Menschen waren maßgebend, sondern rein die spekulative Auswertung des Geländes. Soweit aber für den Unternehmer oder den Baumeister ästhetische Rücksichten in Frage kamen, erschöpften sie sich in jenen erwähnten Äußerlichkeiten einer stillosen Nachahmung irgend-welcher Perioden, die gerade dem Modebedürfnis entsprachen, zudem noch mit unechten Mitteln. Marmor und Stein wurde in irgend einer Putztech-nik imitiert, die billige Tür aus Tannenholz (obwohl durchaus brauchbar) mußte durch Maseranstrich den Eindruck edlen Holzes erwecken usw.

Daß eine solche Gesinnung rückläufig nur der Abklatsch einer allge-meinen Unehrlichkeit sein konnte, oder vorwärtswirkend die Menschen zum Schein erziehen mußte, mag einleuchten. Über die noch schlimmeren Verhältnisse bei der Bereitstellung von Kleinwohnungen, die natürlich neben der räumlichen Unzulänglichkeit allen jenen Fehlern mit unterlag, wurde oben schon berichtet.

Die Unhaltbarkeit der Zustände war vor dem Kriege schon erkannt, und manche Bewegungen suchten Abhilfe zu bringen. So etwa die Boden-reformbewegung, die sich allerdings in Gedankengänge hineinwagte, welche der Wirklichkeit nicht standhalten. Dann und wann versuchten verantwortungsbewußte Führer der Großindustrie für ihre Betriebe eine Gesundung herbeizuführen, eine nachhaltige Wirkung aber konnte davon nicht ausgehen, konnte vor allem den noch tief wurzelnden, einmal anerzogenen Glauben an die Wertigkeit der bestehenden Wohnkultur nicht zerstören. Wie tief eine falsche jahrzehntelange Erziehung verderben kann, beweisen die Versuche, den Menschen guteingerichtete gesunde Musterwohnungen versuchsweise zu geben. Der Versuch scheiterte an dem Widerstand der Leute, die lieber in einer alten Talmiwohnung mit ebensolchem Hausrat wohnen wollten, als in einer neuen guten Wohnung.

Welche Forderungen stellt nun der neue Städtebau und Wohnungsbau auf. Zunächst eine Trennung von Wohnungs- und Arbeitsvierteln, um das Zusammenpferchen von Menschen zu Wohnzwecken zu vermeiden. Dann die ungehemmte Zufuhr von Licht, Luft und Sonne zu jedem einzelnen Raume. Nur wo Sonne Zutritt hat, können fröhliche Menschen wohnen und gesunde Kinder aufwachsen. Zum Dritten ein sich Besinnen auf die wirklichen Bedürfnisse der Familie. Wohn-, Schlaf- und Arbeitsräume sollen in genügender Zahl vorhanden sein. Den Begriff des Repräsen-tations- oder Gesellschaftsraumes gibt es nicht mehr, weil er nicht notwendig ist. Der Fremde oder der Gast soll ruhig in das Getriebe der Familie hineinsehen, das allein vorführungsfähige Staatszimmer (die gute Stube) hat keine eigentliche Berechtigung. Gut sind heute alle Stuben, in denen gesundes Leben pulsiert. Weiterhin mag als Forderung gelten eine unbedingte Ehrlichkeit des Materials, d. h. diejenigen Baustoffe, die wir heute verwenden, Stein, Holz, Eisen, Glas, sollen in der ihnen eigenen charakteristischen Werkform auch gezeigt werden. Wer die echte gute Tapete nicht bezahlen kann, möge sich mit einem einfachen Anstrich begnügen, mit gutgewählten Farben können ausgezeichnete Wirkungen erzielt werden. Die kalkgetünchte Wand und der blankgescheuerte Tisch des Bauernhauses waren immer befriedigender, als irgendwelche imitierte Stilausstattung einer Durchschnittswohnung. Ganz verloren aber war für uns das Gefühl für Räumlichkeit und Fläche! Die meisten Wohnungen glichen Möbelmagazinen, in denen man sich nur mit Schlangenwindungen bewegen konnte. Die Wände waren übersät mit Dingen, die weder schön noch zweckmäßig waren. Das Gefühl für die Einzelwirkung eines Bildes, das auf freier Fläche ringsum steht, muß wieder gewonnen werden. Und wenn die Möglichkeit nicht vorhanden ist zu gutem Wandschmuck, möge man erst einmal mit Willen und Liebe die ruhige Fläche einer irgendwie getönten Wand auf sich wirken lassen, man wird dabei eine ganz bestimmte Beruhigung empfinden. In der Natur draußen freut sich der Mensch auch an den weiten, großflächigen und großlinigen Bildern. Warum davon nicht lernen?

Das notwendige Mobiliar sind Betten, Tische, Stühle und Schrank. Alle anderen sogenannten Luxusmöbel verkleinern den Raum in seinem Eindruck, vermehren die tägliche Arbeit der Hausfrau, und sind in Wahrheit höchst unpraktisch. Außerdem veranlassen sie zum Stapeln von mannigfachen Gegenständen, die man andernfalls befreit wegwerfen würde.

Diese innere Ruhe und Ehrlichkeit, die ein Haus haben soll, darf sich in seinem Äußeren zeigen. Das Siedlungshaus des Durchschnittsmenschen soll nicht den Eindruck einer fürstlichen Villa machen, ebensowenig darf das Reihenhaus die monumentale Gebärde eines Verwaltungsgebäudes haben. Auch nach dem Garten, der Grünfläche hin, soll das Haus sich öffnen in Terrassen, Gartenflächen u. a m., so daß neue Verbundenheit des Menschen mit der umgebenden Natur sich offenbart, der Natur, die immer wieder der allmächtige Arzt ist, wenn die Menschen sich in irgend einer Sackgasse der Zivilisation verrannt haben. Diese Wechselbeziehung zwischen draußen und drinnen mag sich auch in der Anordnung großer Fenster als Licht- und Luftzubringer zeigen. Dann wird die Zeit der staubfangenden und lichtabsperrenden schweren Vorhänge bald ver-schwinden.

Wer solchermaßen den Begriff der Wohnung auf die natürliche Einheit einer guten und gesunden Lebensgestaltung reduzieren hilft, wird praktische Mitarbeit zur Wiedergesundung der Zeit leisten. Unvoreinge-nommenes Durchdenken der erwähnten Grundsätze wird die allerorts sichtbaren Zeichen einer neuen Wohnungsgestaltung und einer neuen Architektur verstehen lernen und ihr zum Durchbruch verhelfen. -

 

 

Der Alte der Tage

Ein Beitrag zum Gottesproblem

von

Johannes Anton Neidhart, Heumaden bei Stuttgart

 

Es war ein westgeschichtlicher Augenblick, als Moses, der künftige Führer des Hebräervolkes, zitternd und mit verhülltem Antlitz vor Gott stand und sprach (2. Mos. 3, 13): „Siehe, ich soll zu den Söhnen Israels gehen und zu ihnen sagen: Der Gott euerer Väter hat mich zu Euch gesandt. Wenn sie mir nun entgegnen werden: Welches ist sein Name? - Was soll ich ihnen erwidern?“

Ein ungeheueres Wagnis, Gott einen Namen geben zu wollen. Irren wir nicht jedesmal, wenn wir auch nur versuchen, das Unendliche in einen Begriff zu fassen? Und noch größer muß das Wagnis erscheinen, wenn wir nach dem Namen fragen, mit dem Gott sich selber nennt. Welcher Mensch, der uns Mensch ist, wäre imstande, das Außer- und Übermenschliche, das Göttliche zu verstehen und auszusprechen. Welchem Wesen könnte es gelingen, den Wesenlosen zu bezeichnen und einzudringen in seinen tiefen Sinn?

Es ist etwas Seltsames um einen Namen. Ein Wort nur, ein paar Buchstaben - äußerlich besehen. Und doch, dieses Wort sondert den Betref-fenden aus von allen übrigen seiner Art, es trennt, es charakterisiert ihn, es geht auf das Einzige und Unwiederholbare, es sucht den Kern heraus-zuschälen. Diejenigen haben sicher nicht ganz unrecht, die meinen, es stecke etwas wie von heimlicher Philosophie und von prophetischer Ahnung in der menschlichen Namengebung. Jeder Name habe seine geheime Bedeutung und seine bestimmte Strahlung, die mit der Strahlung des damit Benannten im engsten Zusammenhang steht. Uralte Weisheit lehrt es schon so. Und nun stehen wir vor Gott, dem Anfang und Ende alles Daseins und sollen ihm einen Namen geben, sollen sein Wesen in einem Wort ausdrücken, das ihn ganz umschließt. Wie vermögen wir das, ohne zu erliegen vor der Übermacht dessen, der himmelhoch über uns thront und den wir glauben zu uns herabziehen zu können? Darum hat Gott der Menschheit immer als der eigentlich Namenlose gegolten.

Anderseits freilich hat auch niemand wiederum so viele Namen erhalten wie Er, weil eben kein einziger von allen imstande ist, den Inhalt des göttlichen Seins auch nur annähernd zu erschöpfen. Wie ein Strom ehrfürchtiger Bewunderung und bewundernder Ehrfurcht quollen diese Namen über die Lippen der Menschen, die sich wohl bewußt waren, daß sie in diesem Falle nur stammelten. So fragt Augustinus im ersten Buch seiner Bekenntnisse: „Was also ist mein Gott? Was anders als Gott der Herr? Denn wer ist der Herr außer dem Herrn? Oder wer ist Gott, außer unserem Gott? Höchster, Bester, Mächtigster, Allmächtiger, Barmherzigster und Gerechtester, Verborgenster und Allgegenwärtiger, Schönster und Gewal-tigster, Du Beständiger und Unfaßbarer, Du Unwandelbarer, selbst alles wandelnd, nie neu, nie alt, machst Du doch alles neu.“ -

Namen der Scheu sind es, die wir Gott hier zu geben versuchen. Wie lauter Schüchternheiten nehmen sie sich aus, wie kleine Kinder erscheinen sie, die sich gerne an Gott-Vater heranschmiegen möchten und ihn doch nur aus weiter Ferne grüßen können. Zum Teil sind es auch Namen der Not, die im Grunde mehr einen Hilferuf bedeuten als eine Bezeichnung desjenigen, für welchen auch die Beredsamkeit des Kummers keinen vollentsprechenden Namen findet Und endlich sind es Namen der Verehr-ung und der Liebe, die wir Gott erteilen, wenn unsere übervollen Herzen ihm zu danken, ihn zu loben und zu verherrlichen suchen, wie es ihm nach unserem Ermessen gebührt. Es ist ein heiliges Feuer, das aus all diesen Namen uns entgegenlodert, ob nun der Höchste auf indogermanisch als „das Licht“ gepriesen, oder von semitischen Gläubigen als „der Herr“ und „Machthaber“, als „der Starke von oben“ verehrt und angebetet wird. Es ist, wie wenn die Menschen alle Herrlichkeiten der Welt zusammensuch-ten, um mit ihnen jenen erhabenen Geist zu schmücken, der all die Herrlichkeiten hervorgebracht hat, sie besitzt, in ihnen ist mit seiner Kraft und sie doch alle maßlos überstrahlt und überragt. Das fühlen wir, denn wir entleihen auch von den Dingen, die uns mit Schauer erfüllen, die Namen, mit denen wir unseren Gott bekennen. Hebr. 12, 29 wird Gott geschildert als „ein verzehrendes Feuer“, und 2. Makk. 1, 24 wird betont, er sei furchtbar und stark. Dann wieder sind uns alle Süßigkeiten gerade willkommen, um mit ihnen Gott gleichsam zu überhäufen. Er ist nach den Paulusbriefen ein „Gott der Geduld, des Trostes, der Hoffnung und des Friedens“, ein „Gott der Wahrheit“, ja zuallerletzt versteigen wir uns zum anziehendsten aller Namen, wenn Johannes (1. Joh. 4, 8) schreibt: „Gott ist die Liebe.“

Und trotzdem können wir uns nie mit dem Gedanken beruhigen, daß wir jetzt Gottes Größe erstiegen, daß wir damit Gottes Bild getreu nachgezeichnet hätten. Er ist eben und bleibt, wie Abdruschin lehrt, der Wesenlose. Wie recht hat er mit seiner Erklärung, daß das Göttliche jedem Menschengeiste immer ein heiliges Mysterium bleiben muß, da es über dem geistigen Ursprunge des Menschen steht, und keine Beschaffenheit, auch die geistige nicht, über diesen Ursprung hinaus sich entwickeln kann. Der Mensch also auch nicht in seinem Denken und Empfinden.

Daher mögen wohl auch die zahlreichen Namen der Verneinung rühren, die wir Gott zulegen aus dem Gefühl unserer Ohnmacht heraus. in der Tat wissen wir viel eher, was Gott nicht ist, als was er ist. Darum nennen wir ihn den Un-ermeßlichen, und Un-endlichen, den Un-wandelbaren und Un-veränderlichen, den Un-begreiflichen und Un-faßbaren. Und wenn wir an das Dunkel denken, von dem wir umgeben sind, und wenn wir hineinschauen in all das Elend, das mit dieser Welt der Materie und mit unserem Dasein verbunden ist, so eilen wir, Gott gleichsam dagegen zu schützen und zu bekennen,: „Gott ist Licht, und Finsternis ist keine in ihm.“ (1 Joh. 1, b.)

Es ist wahrlich erschütternd, zu sehen, wie die Menschenseele ringt, um einen würdigen Gottesnamen zu ergründen.

„In Dir ruht das All und schwingt sich zugleich Dir entgegen.

Denn es mündet in Dir, der Du Einer bist und alles und doch wieder keines von allen.

Weder eines noch alles! Wie soll ich also Dich nennen? Du allein, Namenloser, den doch alle Namen bekennen? singt Gregor von Nazianz bereits.

Wieviel gelten und bedeuten demnach unsere Namen, Gott gegenüber? Haben sie überhaupt einen Sinn? Fast möchte man sagen, es sei etwas sinnvoll Widersinniges in diesem Bemühen. Sinnlos wird es auf jeden Fall, wenn der Verstand dabei die Führung übernehmen will. Denn hier muß er noch mehr als sonst vollständig versagen. Wie kann ein Blinder sich anmaßen, die Sonne zu beschreiben, uns ihr Wesen zu enthüllen! Ist es ja doch unser geistiges Empfinden, mit dem wir uns Gott nahen, so haben wir wenigstens die Gewähr, daß wir auf rechtem Wege sind, wenn wir das Ziel auch nicht gleich erreichen.

Ein Name ist es, der unserer geistigen Not, Gott zu benennen, noch am ehesten zu Hilfe kommt. Es ist der alttestamentliche Name Jahve. Jahve heißt der Seiende. Wollen wir ein Bild gebrauchen, so treten wir mit dieser Bezeichnung an eine ungeheuere Felswand, dorthin, wo der Aufstieg am steilsten ist, wo es keinen Übergang und keine Vermittlung mehr gibt, wo das Wirkliche in senkrechter Richtung aufsteigt vom Unwert zum Wert, vom Dunkel zum Licht, vom Nein zum Ja, vom Nichtsein zum Dasein. Und wir fühlen, in dieser Richtung, diese senkrechte Höhe hinauf muß der geradeste Weg zu Gott gehen. Er ist das Sein schlechthin, er ist das Dasein selbst, die unmittelbarste und schroffste und kühnste und unerbittlichste Bejahung und Behauptung alles Schönen, Wahren, Guten. „Gott“ und „gut“, sie sind nicht nur der Sprache nach, sie sind auch im Wesen eins und dasselbe. Negativ ausgedrückt: Gott ist die todfeindliche Verneinung des Nichts, alles Unlauteren, Unedlen, Bösen. Denn dieses ist nur ein Mangel, ein Fehlen des Guten. Deshalb sollten wir uns gar nicht soviel darum kümmern, sondern es mit Verachtung strafen; denn solche verdient das Nichts. Gott aber ruft uns zu mit Donnerstimme: Ich bin! Und wir empfinden es mit grenzenlosem Staunen: Er ist, er ist einzig und allein! Im Jahvenamen liegt die Erkenntnis, daß wir im Vergleich mit Gott eigentlich Nichtseiende sind, reine Nichtse.

So lesen wir bei Jesaja (40, 17): „Alle Völker sind vor ihm, als wären sie nicht, und wie nichts, und wie eine Leere sind sie geachtet“ - Halten wir daneben die Selbstvergötterung, die der moderne Mensch treibt in Technik und Kultur, Sport und Spiel, so muß uns dieses an sich lächerliche Gebahren geradezu als Gotteslästerung erscheinen. Bedenken wir stets: Gott allein ist! Er hat das Sein, oder noch besser: er ist das Sein in seiner ganzen Fülle. Alles andere ist Schein und existiert nur, insofern es teilnimmt, teilnehmen darf an Gottes unermeßlichem Sein.

Aus dem Gesagten ergibt sich, daß es eine der tiefsten Einsichten. des menschlichen Geistes und Herzens war, die Gott mit diesem Namen Jahve nannte. Ja, der unerschöpfliche Sinn dieses Namens scheint bestätigt und in Gnaden angenommen zu sein vom offenbarenden Gott selbst. In einer Zeit, ähnlich der unseren, wo es galt, eine finstere und trostlose Gegenwart zu beseitigen und an ihrer Stelle eine leuchtende Zukunft zu schaffen: in diesem wichtigen Augenblick wurde an Gott die Frage gerichtet, wer er sei. Und Gott antwortete dem Volksführer, der sich seiner großen Verantwor-tung wohl bewußt war: „Jehi Jahve, ich bin der»Ich bin«, ich bin der Seiende“. Denn eben jetzt sollte das arme, mißhandelte, getretene Volk seinen Gott als den Wirklichen, den einzig Wirklichen erleben. ich bin der „Ich-bin“, was soll das anders heißen als: ich bin der immer Gleiche an Liebe, Gerechtigkeit und Erbarmen, ich kann mich niemals ändern? Was auch in langen trüben Zeitläufen geschehen war: Der alte Gott lebte noch: seine unveränderliche Ewigkeit und seine unwandelbare Treue waren dem Volke sicher und bürgten für die unbedingte Wahrheit der Gottesbotschaft.

So erklärt denn der Allerhöchste auf die zitternde Frage des Moses, welches sein Name sei, in aller Feierlichkeit: „Ich bin der Seiende, ich bin das absolute Sein. Also wirst Du den Söhnen Israels sagen: Der Seiende sendet mich zu euch... das ist mein Name immerdar, und so werde meiner gedacht von Geschlecht zu Geschlecht.“

Gott ist demnach das Dasein, das Wirklichsein selbst. Darum kann es auch keinen zweiten geben, der seinesgleichen wäre, ein Seiender wie er. Diese zwei müßten ja sonst halt machen voreinander, einander begrenzen und damit einander verdrängen. Oder anders ausgedrückt: Es läge ein Abgrund zwischen beiden, und dort würden sie an das Nichts rühren. Das Nichts wäre also nicht gänzlich von ihnen verschlungen, d. h. sie wären beide nicht Gott. Das ist der Grund, warum durch die ganze heilige Schrift eine ungeheuere Eifersucht geht, die Eifersucht wider die größte und greulichste aller Torheiten, die glaubt, es gebe Götter zu zweien, zu dreien oder zu vielen. „Höre, Israel, Jahve, unser Gott ist nur ein Gott!“ (5 Mos. 6, 4.) „Ich bin der Ich-bin. Das ist mein Name. Meine Herrlichkeit teile ich mit keinem andern, meine Macht nicht mit den Götzenbildern.“ - Das sind scharfe Worte. Aber sie sind heute noch genau so angebracht, wie damals. Denn auch heute verführen Götzenbilder in Menge die Mehrzahl der Menschen, vom goldenen Kalb angefangen bis zum roten Tuch. Ein Tanz um Idole, ein Kampf um nichts. –

Die Größe Gottes kommt uns fernerhin fast erschreckend zum Bewußtsein, wenn wir versuchen, unsere Maße von Raum und Zeit an ihn zu legen. Raum und Zeit sind die gewaltigsten Wirklichkeiten, die wir in unserer Welt wahrnehmen. Darum erliegen ihnen so viele; die nur den Verstand walten lassen, und sehen darüber gar nicht mehr hinaus. Allein vor Gott und Gott gegenüber zerbrechen diese Maße. Es besteht schlecht-hin keine Möglichkeit, Gott irgendwie räumlich zu fassen. Er ist ja der Seiende, dessen Kraft alle Wesen durchströmt; deshalb muß er auch allen Dingen gleich nahe sein. Er ist nicht näher der Erde als dem Sirius. Jeremias 23, 23-24 ruft Gott: „Bin ich etwa ein Gott, der nahe sein muß, um zu hören. Kann ich nicht auch in die Ferne reichen? Wenn einer im Verborgensten sich versteckte, könnte ich ihn dann nicht mehr erspähen? Erfülle ich nicht den Himmel und die Erde? spricht der Herr.“ - Darum wäre es vergebliche Mühe und arge Torheit, ihm entfliehen zu wollen. Ergreifend singt der Psalmist (138, 7-12): „Wohin soll ich gehen, um Deinem Geist zu entrinnen, und wohin fliehen vor Deinem Angesicht? Steige ich zum Himmel auf, so bist Du dort, und steige ich hinab zum Totenreich, so bist Du wieder da. Nähme ich mir Flügel, um gen Osten zu fliegen, oder wollte ich mich niederlassen am Abendmeer, auch dort würde Deine Hand mich führen und Deine Rechte mich halten. Und wenn ich spräche: So möge die Dunkelheit mich verbergen und die nächtliche Finsternis mir leuchten zu meinen Freuden, selbst die Finsternis wäre nicht mehr finster vor Dir, und die Nacht wäre hell wie der Tag. Dunkel und Licht - vor Dir sind sie eins.“

Wie klar und anschaulich wird uns in diesem Zusammenhang, was Abdruschin als die großen göttlichen Gesetze bezeichnet! Wie versuchen die kurzsichtigen Menschen immer wieder, Gott und seinem allbeherr-schenden Gesetz zu entgehen, oder, wenn sie dasselbe verletzt haben, mit irgendwelchen äußerlichen Formalitäten die Verzeihung zu erwirken. Umsonst Gottes Gesetze sind allgegenwärtig und unumstößlich. Wie die Wahrheit überall ist, ohne an einen Ort gebunden zu sein, und zugleich restlose Erfüllung heischt - sie wäre ja sonst nicht Wahrheit-, so auch Gott und sein Gesetz. Sich unterordnen, sich einfügen ist die einzig vernünftige Losung für uns im alten, wie im neuen Jahre und in unserem ganzen Leben.

Vor Gott und bei Gott gilt kein Raum. Aber auch keine Zeit. Wie in einem einzigen ruhenden Punkt ist sein Dasein gleichsam vereinigt. Denken wir uns einen Kreis. Auf der Kreislinie nehmen wir verschiedene Punkte an. Das sind wir, unsere verschiedenen Einverleibungen, oder auch, wenn wir wollen, die verschiedenen Jahre eines Lebens.

Wo aber ist Gott? Im Mittelpunkt. Wir mögen sein, wo wir wollen: stets ist es von der Kreislinie zum Mittelpunkt, von uns zu Gott, gleich weit, immer bleibt uns der Mittelpunkt, Gott, gleich nahe, immer schaut er uns an, in der Vergangenheit, In der Gegenwart und in der Zukunft Ja, bei ihm gibt es eigentlich nur Gegenwart, ein ewiges Heute. Wir wandern, unsere Punkte verschieben sich. Er aber bleibt unverrückbar im Mittel-punkt, in tätiger Ruhe und in ruhender Tätigkeit. Er ist der Zeit- und Gegenwarts-genosse aller Menschen und aller Dinge, der Zeitgenosse von allem Geschehen und allem Werden. Er hatte keine Wegdauer zurückzu-legen von dem Zeitpunkt, da die Milchstraße wurde bis zu dem Tage, da auf Erden zum erstenmal die Sonne schien. Er ist nicht jünger gewesen zur Zeit, da die Urväter lebten und starben, und er wird nicht älter geworden sein, wenn einmal die Sonnenenergie verbraucht und das hellstrahlende Gestirn öde und kalt ist wie ein Polarland. Oder welch anderen Sinn hätten die majestätischen Worte in der geheimen Offenbarung (1, 8): „Ich bin der Erste und Letzte, der Anfang und das Ende .... Ich bin, der da ist, der da war und der sein wird.“ Oder Psalm 89, 2-4: „Bevor die Berge wurden und gebildet ward das Land und der Erde Umkreis, von Ewigkeit zu Ewigkeit! bist Du, o Gott. Du stoßest den Menschen zurück in die Auflösung (wenn er seiner Bestimmung nicht gelebt hat) und sprichst: Dahin kehret zurück, o Menschenkinder! Vor Deinen Augen aber sind tausend Jahre wie der Tag von vorgestern, der dahin ist, und wie eine Stunde zur Nacht“. – „Ehe Abraham ward, bin ich“, sprach Christus, als sein menschliches Wesen noch nicht fünfzig Jahre zählte“. Liegt nicht auf diesem Wort ebenfalls etwas von der Einsamkeit des Horeb, die unvergängliche Hoheit des Jahve-Namens, liegt nicht in ihm der deutlichste Beweis, daß Christus mehr war als ein Mensch, wahrhaftig der Sohn Gottes, wie Abdruschin es erklärt?

Was ist Gott? Wir wissen es noch nicht. Und doch eine Ahnung erfüllt vielleicht unser Herz. Lassen wir uns daran genug sein. Die geringste Gotteserkenntnis und das kleinste Gotteserlebnis ist ja mehr wert als alle Schätze und Wissenschaften dieser Welt. Gewiß dürfen und sollen wir unserem Gott näher kommen. Aber nie ohne Ehrfurcht vor seiner unend-lichen Majestät! Unsere Zeit ist so respektlos geworden, auch Gott gegenüber. Das Heilige wird in den Staub gezerrt. Mehr Gottesfurcht täte uns wahrlich not, wenn auch das Vertrauen, ein unendliches Vertrauen nie fehlen darf. Denn Gott ist ebenso gerecht als gut; ja seine Gerechtigkeit ist die Güte.

Früher glaubten wir, die Sonne komme zu uns, sie gehe uns auf. Jetzt wissen wir, daß sie in unerreichbar weiten Fernen thront, schaffend, wir-kend, Leben erzeugend. Wir wissen fernerhin, daß wir uns ihr zuwenden, ihr öffnen müssen, soll sie uns ganz beglücken und beleben. Ist Gott nicht wie die Sonne?

Wenn Dich darum nach Gott sehnt, wenn Du in ihm leben und ihn ahnend verstehen willst, so halte fest, daß er nur in einem ganz lauteren und freien, demütig zu ihm sich erhebenden und gläubig sich ihm öffnenden Herzen dauernd zu wohnen vermag. Er, der Geist ist und wundersame Harmonie, ihn vermag Wirrnis, Knechtschaft, Enge und Schmach nicht zu beherbergen. Darum die Lauterkeit, die Tiefe, die Schönheit und Freiheit Deiner Seele über alles, Bruder, Schwester! - -

 

 

***

 


 Ursprung und Wirkung der Kraft
 im geistigen und materiellen Geschehen

Von

Dr. Kurt Illig, Berlin

 

Im vorigen Aufsatz*[2]) wurde dargelegt, daß die Einführung der Begriffe von Grobstofflichkeit und Feinstofflichkeit bei der Betrachtung physikalischer Vorgänge mit einem Schlage den scheinbaren Widerspruch zwischen dem Vorhandensein wägbarer und unwägbarer Materie aus dem Wege räumt. Wir haben gesehen, daß die Elektronen feinstofflicher Art sind und daß ebenso die dem grobstofflichen Massekern des Atoms anhaftenden positiven Ladungen feinstofflicher Natur sind. Wir sehen aber auch gleichzeitig, daß diesem Konglomerat leinstofflicher und grobstoff-licher Materie eine ungewöhnlich große Kraft innewohnt, die wir sehr anschaulich mit Energieinhalt bezeichnen. Eine Erklärung für Ursprung und Art dieser jedem Atom eigenen Energie hatte man jedoch bisher noch nicht, vielmehr mußte man sich damit begnügen, sie als einfache unumstößliche Tatsache hinzunehmen, Angesichts dieser von den Besten unserer Forscher gemachten Feststellung muß sich jeder denkende Mensch das Eingeständnis machen, daß es jenseits der von uns beherrschten Gesetzmäßigkeit unverhältnismäßig viel mehr Unerforschtes, ganz gewaltiges Geschehen gibt, vor allem, daß über Grobstofflichkeit und Feinstofflichkeit noch andere Stufen der Schöpfung vorhanden sein müssen, aus denen heraus dieser Energiestrom, der das gesamte sichtbare und unsichtbare Leben und Geschehen der Stofflichkeit ermöglicht und beherrscht, seinen Ursprung genommen haben und wieder und wieder schöpfen muß. Es ist geradezu unbegreiflich, daß das Groß gerade der wissenschaftlich am meisten entwickelten Menschen in monistischer Art alles ableugnen will, was sich aus überirdischer Sphäre abzuleiten sucht Wohl möchte man die große Frage des „Warum“ ergründen, meidet hierbei jedoch ängstlich die weit wichtigere Frage des „Woher“. Oft hört man die Äußerung, es sei unerhört vermessen, diesen Ursprung des Geschehens ergründen zu wollen. Ist es nicht viel vermessener, neugierig zu fragen, warum ein Schöpferwille die absolute Gesetzmäßigkeit in das Geschehen gelegt hat? Wenn wir das Woher“ erkannt haben, ist es nur unsere Pflicht, all unser Denken und Tun darauf zu richten, daß wir nicht gegen die vorgeschriebene Gesetzmäßigkeit verstoßen. Das „Warum“ wird uns damit für unsere Belange vollauf klar.

Es soll nun in der gleichen Weise, wie dies bereits in den bisherigen Aufsätzen geschah, versucht werden, die in der Gralslehre Abdruschins ausgesprochenen Gesetzmäßigkeiten im absoluten Geschehen heranzuzie-hen, um Ursprung und Wirken der Kraft, soweit die Stofflichkeit in Frage kommt, physikalisch zu erklären.

Bei der Beschäftigung mit dieser Frage stellten sich große Schwierig-keiten in den Weg, die es zuerst unmöglich machten, weiterzukommen, weil Abdruschin in seinen bisherigen Vorträgen noch nichts Endgültiges über den Ursprung der Kraft ausgesagt hatte. Ich suchte daher Abdruschin auf und legte ihm meine Fragen vor, die von ihm mit der seinen Vorträgen eigenen zwingenden Logik geradezu verblüffend klar und folgerichtig beantwortet wurden. Unerbittlich stieß er die Mauern um, welche die Wissenschaft sich selbst errichtet hat, und zeigte Fernen von so gewaltiger Art, daß sie für Tage und Nächte mein ganzes Wissen in Aufregung versetzten, weil ich gerade als exakter Wissenschafter die unbedingte Folgerichtigkeit seiner Darlegungen sofort erkennen mußte.

Dabei sehe ich immer klarer durch Abdruschin den Grundriß eines neuen Lehrbuches für Physik und Chemie erstehen, durch das bis jetzt Ungeahntes geleistet werden kann. Nicht heute und nicht morgen schon, aber doch in absehbarer Zeit,

Um den Leser dieser Zeilen in gleicher Weise zu unterrichten, hat Abdruschin auf meine Bitte hin wenigstens eine kleine Andeutung in der in diesem Heft enthaltenen Fragenbeantwortung: „Was ist Energie?“ gebracht. Es ist daher anzuraten, vor dem Lesen dieser Zeilen die vorge-nannte Fragenbeantwortung eingehend durchzuarbeiten, da ohne deren Kenntnis die nachstehenden Ausführungen nicht oder nur unvollkommen verstanden werden können.

Um sich irgend einen an grobstofflicher Masse beobachtbaren Zustand klar zu machen, ist es natürlich zweckmäßig, diese Überlegungen an der kleinsten Masse-Einheit, an dem Atom durchzuführen. Es wird als bekannt vorausgesetzt, daß wir durch physikalische Teilung zu dem weiter nicht mehr physikalisch teilbaren Moleküle kommen, daß dieses jedoch wiederum chemisch in seine einzelnen Baustoffe, die Atome zerlegbar ist.

Hiermit wissen wir, daß alle wägbare, also grobstoffliche Materie aus Atomen oder Grundstoffen aufgebaut ist. Betrachten wir diese in ihrem Verhalten, so kommen wir auf Grund theoretisch-physikalischer Untersu-chungen zu dem Ergebnis, daß ein jedes Atom in Aufbau und Verhalten dieselben Gesetzmäßigkeiten wiederspiegelt, die wir an den Planeten-systemen, beobachten, d. h. ein Massezentrum (Fixstern) wird von Elekt-ronen (Planeten) in elliptischen Bahnen umlaufen. Ohne hierbei besondere Einzelvorgänge näher zu beleuchten, ist jedenfalls in großen Zügen ohne weiteres zu erkennen, daß jeder Bewegungsart in einem abgeschlossenen System gleiche absolute Gesetzmäßigkeiten zugrunde liegen. Anziehung, Abstoßung, Kräftegleichgewicht gehorchen denselben Gesetzen, ganz gleichgültig, ob es sich hierbei um Grob- oder Feinstoff-lichkeit handelt.

Vergleichen wir weiter, so müssen wir erkennen, daß zwischen Fixstern und Planeten in elektrischem Sinne kein Unterschied besteht, denn wir wissen als Bewohner eines Planeten nur zu genau, daß diese nicht etwa negative Elektronen gigantischer Ausmaße darstellen und die Sonne einen Massekern mit positiven Ladungen verkörpert. Vielmehr sagen die Forschungen über die Entstehung der Erde deutlich aus, daß diese vor undenklichen Zeiten, als sie noch weißglühend flüssig war, von der Sonne abgeschleudert wurde und nach Erreichung einer Entfernung, die dem Gleichgewicht zwischen Zentrifugalkraft und Anziehung ent-sprach, ihren steten Weg um ihre Muttermasse antrat. Die Erde ist, wie alle Planeten, somit ein Teil ihrer Sonne, diese mit allen ihren Planeten und deren Trabanten zusammen eine ursprüngliche Einheit. Warum sollten da negatives Elektron, Massekern des Atoms und dessen positive Ladung zwei verschiedene Arten, also im rein elektrischen Sinn sogar Gegensätze sein! Diese Gegensätze sind nur scheinbar, weil die Begriffs-formulierung von Beobachtungen stammt, die als Gegensätze anmuten und bis heute als solche ausgelegt werden. Gemeint sind die elektrosta-tischen Vorgänge.

Wird ein isoliert aufgehängtes Metallkügelchen mit einer Ladung versehen, die reibungselektrisch erzeugt wurde, und ein zweites derartiges Kügelchen, welches nahe dem ersten hängt, mit einer Ladung desselben Ursprungs behaftet, so stoßen beide Kügelchen einander ab. Erhält das zweite Kügelchen jedoch eine Ladung anderen Ursprungs, so findet Anziehung statt. Wir mußten daher lernen, daß gleichnamige Elektri-zitäten einander abstoßen, ungleichnamige aufeinander Anziehung aus-üben. Es müßten also auch die negativen Elektronen, die das Elementar-quantum negativer Elektrizität darstellen, auf die positiven Ladungen (positive Elementarquanten) im Atomkern Anziehung ausüben. Warum sollen es deshalb aber Gegensätze sein!

Ziehen wir wieder den Vergleich mit den Planetensystemen, so ist die Erklärung nicht schwer. Wir können uns unschwer vorstellen, daß ein jedes Atom irgendwann nur aus einer einzigen Masse bestanden hat und daß diese Masse ebenfalls weißglühend war. Durch Zentrifugalbewegung wurden dann Teile abgeschleudert, die Elektronen. Diese bewegten sich solange von dem Kern fort, bis wiederum das schon vorher geschilderte Gleichgewicht erreicht war und die gleichmäßige elliptische Bewegung um den Kern einsetzte. Da jedoch Elektronen feinstofflicher Art sind, können wir uns auch vorstellen, daß für das Atom nicht Weißglut, sondern eine andere, für diese besonderen Verhältnisse gültige Beschaffenheit erforder-lich ist. Als Ergebnis bleibt jedenfalls, daß die negativen Elektronen Teile des Ganzen sind, also mit Kern und damit auch den positiven Ladungen eine Einheit bilden. Es ist demnach der selbständige Charakter entgegen-gesetzter Elektrizitäten abzuleugnen. Und gehen wir einen Schritt weiter, so können wird positive Ladung und Massekern einander gleich setzen und diese Ladung lediglich als eine Funktion der grobstofflichen Masse betrachten.

Speichert man mittels geeigneter Hilfsmittel ungleichnamige Elektri-zitäten in bezw. auf zwei Metallkugeln auf, die in einiger Entfernung einander gegenüberstehen, so wird schließlich die Aufladung so stark, daß von der einen zu der anderen Kugel ein Funken überspringt. Es wird also die zwischen den beiden Kugeln, Pole genannt, befindliche Luft für einen Augenblick zum Glühen gebracht, also Wärme erzeugt. Die Ladungen sind jedoch sofort mit diesem Effekt verschwunden, sie haben sich also vereinigt, und als Produkt ist Wärme entstanden. Und überall, wo positive und negative Elektrizität vorhanden ist, suchen beide einander zu vereinigen, um irgend einen Effekt zurückzulassen, seien dies elektroche-mische Vorgänge, Wellen, Wärme, Bewegung und vieles mehr. Wir beobachten also, daß bei der Vereinigung beider Elektrizitäten Energie frei wird. Es konnte aber noch nirgends festgestellt werden, daß sich beide in der Mitte treffen, also daß z. B. bei der Entladung der Kugeln von beiden Funken nach der Mitte springen, sondern immer fließt die Elektrizität von dem negativen zum positiven Pol, gleichgültig, um welchen Vorgang es sich handelt. Also negative Ladung, Elektronen, strömen zu einem positiv gearteten Massepunkt.

Wir sprachen eingangs von dem Energieinhalt der Atome. Wir kennen ihn durch die Untersuchungen an den radioaktiven Elementen. Es zerfällt ein Element nach und nach in der Weise, daß ein Element mit einem niederen Atomgewicht resultiert unter gleichzeitiger Abspaltung von Helium, Freiwerden von Wärme und Entsendung von Strahlen besonderer Art. Wesentlich ist für unsere Betrachtungen, daß bei dem Abbau eines Atoms Wärme frei wird, die vorher in dem ursprünglichen Atom geschlum-mert hat. Da man weiter weiß, daß z. B. das Radium viel mehr Elektronen und positive Ladungen enthalten hat, als die Zerfallsprodukte zusammen, liegt der Schluß nahe, daß diese Wärme durch die Vereinigung der am Ende fehlenden Elektronen und positiven Ladungen entstanden ist. Wollen wir uns so ausdrücken, wie wir vorher die positive Ladung formuliert haben, so müssen wir annehmen, daß Wärme durch endgültige Vereinigung negativer Elektronen mit dem Massekern entstanden ist.

Was ist denn überhaupt Wärme? Wir haben gelernt, daß Bewegung Wärme erzeugt. Umgekehrt kann Wärme Bewegung erzeugen. Wenn nun die Wärme wiederum aus einer höheren Stufe der Schöpfung ihren Ursprung nimmt, so ist hiermit nichts Neuartiges behauptet, denn wir wissen, daß Wärme nur vom wärmeren zum kälteren Teil fließt, niemals umgekehrt. Wovon erzeugen nun diese Wärmeströme Bewegung? In der grobstofflichen Welt ist uns diese Tatsache sehr geläufig. Die kinetische Gastheorie lehrt uns, daß bei zunehmender Wärme der Druck eines in einem bestimmten Raum eingeschlossenen Gases zunimmt, und daß diese Druckzunahme lediglich eine Funktion der erhöhten Bewegung der Gasmoleküle darstellt. Da die Moleküle jedoch aus Atomen bestehen, übt demnach die Wärme Einfluß auf die Beweglichkeit der Atome aus. In allerneuster Zeit wurde jedoch in genialer Weise mathematisch bewiesen, daß selbst bei Fortnahme aller äußeren Wärmezufuhr, also bei Erreichung des absoluten Nullpunktes - 273 Grad - die Eigenbewegung der Atome nicht aufhört, daß also der Energieinhalt der Atome unberührt bleibt. Umgekehrt wurde erwiesen, daß es uns niemals gelingen wird, den absoluten Nullpunkt zu erreichen. Soweit das Ergebnis von Berechnungen.

Es steht wieder eine Kluft vor uns, denn auf der einen Seite ist aus den Hauptsätzen der Wärmelehre der absolute Nullpunkt mit streng mathema-tischer Konsequenz mit - 273 Grad zu errechnen, während andererseits ebenso folgerichtig die Unerreichbarkeit dieses Tiefstpunktes mit der gleichen Mathematik festgestellt wurde. Dieser Gegensatz verschwindet, wenn wir bedenken, daß diese Berechnungen aufgrund angestellter Versuche mit grobstofflicher Materie durchgeführt wurden und wir den absoluten Nullpunkt eben wegen seines Ausdrucks eines Nichts in die feinstoffliche Welt verlegen, also behaupten, daß er eine Eigentümlichkeit der Feinstofflichkeit ist. Wir hätten hiermit eine jedem naturwissen-schaftlich Gebildeten leicht vorstellbare Grenze von Feinstofflichkeit und Grobstofflichkeit gezogen. Präzise ausgedrückt können wir also sagen, daß am absoluten Nullpunkt die Wärme in die Feinstofflichkeit eintritt.

Gibt es denn in der Feinstofflichkeit auch Wärme? Wir müßten uns eigentlich ob dieser Frage wundern, denn wir erleben es täglich immer wieder, daß die wohltuenden, für unser Erdendasein unentbehrlichen Wärmestrahlen der Sonne über einen Riesenraum hinweg, der von keiner grobstofflichen Materie erfüllt ist, zu uns dringen. Wir wissen weiter, daß mit zunehmender Höhe über der Erdoberfläche die Temperatur mehr und mehr sinkt, weil die Luft zunehmend dünner wird, also in der Raumeinheit immer weniger Moleküle verteilt sind, bis schließlich keinerlei Gasmole-küle mehr vorhanden sind und der luftleere Raum erreicht ist, der außerhalb der die Erde umgebenden Lufthülle das gesamte All erfüllt. Gleichzeitig hat die Temperatur den absoluten Nullpunkt erreicht. Und doch wissen wir, daß die Wärme, die wir hier auf der Erde als solche empfinden, die das gesamte organische Leben ermöglicht, nur infolge der Ausstrahlung der Sonne zu uns gelangt. Es muß also die von uns in der Grobstofflichkeit mit Wärme beobachtete Erscheinung ein sekundärer Effekt sein, denn wenn die Wärme selbst von der Sonne in der hier auf der Erde beobachteten Form zu uns strömte, wäre die logische Konsequenz, daß es mit jedem Kilometer, den wir der Sonne auf dem Riesenweg von hier aus entgegengingen, wärmer werden müßte. Zwischen Wärmequelle und Wärmemündung liegt aber nun eine riesenhafte Zone niedrigster Kälte.

Wir kommen zu der Erkenntnis, daß Wärmestrahlen oder besser die Wärme durch das All übertragenden Strahlen und Wärmeeffekt im grobstofflichen Dasein zweierlei sind. Aus dieser Erkenntnis läßt sich folgern, daß wir die Wärme im feinstofflichen und grobstofflichen Sinn getrennt voneinander betrachten müssen, um in Anwendung auf die erörterten Eigenschaften der Atome die Antwort auf die eingangs gestellte Frage nach Ursprung und Wirken der Kraft in der Stofflichkeit zu erhalten.

Abdruschin hat uns gelehrt, was wir unter Energie im absoluten Sinn zu verstehen haben und wie sie von einer Stufe der Schöpfung in die nächste dringt bis herab in die Stofflichkeit. Hier strömt sie zuerst in der Feinstofflichkeit ein als feinstoffliche Wärme. Diese Wärme finden wir wieder, wenn ein Atom zerfällt, sie ist in ihm enthalten, solange das Atom Bestand hat. Sie hat also feinstoffliche Materie, sogenannte negative Elektronen aus der Masse des Atoms herausgeschleudert, nachdem sie bereits vorher die Bewegung feinstofflicher Art des Atomkerns erzeugt hatte, die ihm die Befähigung gibt, zentrifugal Elektronen abzuschleudern. Kern und Elektronen müssen also von der selben Art sein, mit dem einzigen Unterschied, daß ersterer grobstofflicher, das Elektron feinstoff-licher Natur ist Warum dies so ist, wird in dem nächsten Aufsatz, welcher sich mit der Schwerkraft befaßt, behandelt werden. Jedenfalls besteht die Tatsache, daß mit dem Beginn der Bewegung im Atom auch die Grobstofflichkeit ihren materiellen Anfang nimmt. Es muß daher auch nach dem Zerfall eines Atoms, also grobstofflicher Art, die ursprünglich feinstofflich in dasselbe eingedrungene Wärme infolge der nunmehr gewordenen grobstofflichen Art des Atoms gleichartig empfunden werden, so wie wir Wärme als Effekt in der Grobstofflichkeit immer beobachten.

Ob wir Wärme bei grobstofflicher oder feinstofflicher Art erzeugen, hängt von den Voraussetzungen ab, die wir der Erzeugung zugrunde legen. Wir können mittels Bewegung jederzeit mit dem Thermometer meßbare Wärme erzeugen oder aber Elektrizität. Beiden Produkten ist, 100%ige Umsetzung vorausgesetzt, eine Erscheinung gleich, nämlich die Strömung. Wärme fließt stets vom wärmeren zum kälteren Punkt, also vom grobstofflichsten zum feinstofflichen Teil, als dessen Beginn wir den absoluten Nullpunkt festgelegt haben. Elektrizität strömt vom negativen zum positiven Pol, also vom feinstofflichen Elektron zur grobstofflichen Masse. Wärme und Elektrizität sind also im Prinzip dasselbe, mit dem Unterschied, daß ihre Strömungsrichtung im grob-feinstofflichen Sinn umgekehrt verläuft, Wir haben Beweise, daß dies richtig ist. Die ganzen Erscheinungen der Thermoelektrizität sprechen dafür. Wird die Lötstelle zweier Drähte aus Kupfer und Wismut erwärmt, so entsteht ein elektri-scher Strom, und zwar stellt das Kupfer den negativen, Wismut den positi-ven Pol dar. Da das Atom des Kupfers ein bedeutend niederes Gewicht als dasjenige des Wismuts besitzt, Kupfer also der Feinstofflich-keit näher steht als Wismut, kann nach vorstehender Behauptung der Stromzufluß nur in dieser Richtung stattfinden. Noch klarer wird dies, wenn der umgekehrte Wärmefluß berücksichtigt wird.

Die Ursache der Kraft ist also in dem Einströmen von Wärme aus einer höheren Stufe der Schöpfung in die nächst niedere zu suchen. Hierbei wird natürlich die Wärme von der Art sein müssen, aus der sie kommt, also bei dem Einströmen in die Feinstofflichkeit von oben herab von einer Beschaffenheit sein, die über der Feinstofflichkeit liegt. In dieser wird sie beim Weiterströmen die Beschaffenheit feinstofflicher Art erhalten, die wir kurzweg mit Elektrizität bezeichnen. Als solche strömt sie dann in die Grobstofflichkeit weiter, in der sie in die uns bekannte Wärme verwandelt wird. Da unter der Grobstofflichkeit keine weitere Stufe der Schöpfung liegt, kehrt sie von hier in ihrem Strömen nach der absoluten Temperatur nach ihrem Ursprung zurück. Ein Kreislauf ohne Ende, dasselbe Gesetz von der Erhaltung der Energie im absoluten Geschehen, das wir engherzig bisher nur für die uns direkt wahrnehmbare Welt gelten lassen wollten. -

 

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Erziehung zum wahrhaften Fühlen

Von

Hofrat Med. Dr. Leopold Ceipek, Innsbruck

 

Es ist zweifellos eine erwiesene Tatsache, daß in der heutigen Zeit der Vorherrschaft des Materialismus und der Verstandestätigkeit das gesamte Gefühlsleben der Menschen darniederliegt und allmählich ganz verküm-mert. Ich verstehe unter dem Gefühlsleben die Gesamtheit aller Gefühle, die, beginnend mit den einfachen Sinnesempfindungen, rein körperlicher Natur sich in einer großen Stufenleiter erheben bis zu den hohen, rein geistigen Empfindungen. Der Sprachgebrauch unterscheidet hier nicht immer scharf genug und benützt den Ausdruck Empfindung und Gefühl in gleicher Weise.

Das gesamte Gefühlsleben gliedert sich in die große Dreieinigkeit unseres Bewußtseins-Inhaltes dem Denken und Wollen gegenüber ein. Denken, Fühlen und Wollen machen unser gesamtes Bewußtsein aus. Es drängt sich hier die große Frage auf, in welcher Reihenfolge ihrem Werte nach diese drei Teile, oder nennen wir sie lieber diese drei hell leuchtenden Sterne unseres Bewußtseins, zu nennen sind. Ein großer Streit mag darüber wohl entbrennen. Vor allem handelt es sich darum, von welchem Standpunkt aus man die Eingliederung vornehmen will. Das Wollen ist der, ich möchte sagen aktivste Bewußtseinsinhalt, der am meisten nach Betätigung und Entladung in die Außenwelt hinausdrängt, der die Veränderungen und Verschiebungen im Menschenleben hervorruft, von diesem Standpunkt also betrachtet ist es daher sehr bedeutsam, hingegen erscheint es als das Unselbständigste, denn reines Wollen, ohne daß ein Denkvorgang oder das Bewußtwerden eines Gefühles vorausging, kann man sich wohl schwerlich denken. Hier mag gleich auch wieder die Frage aufgeworfen werden, ob jenes Wollen das stärkere ist, das einem reinen Denkvorgang entsprungen ist, oder das durch ein Fühlen erzeugtes? Welches ist höher zu bewerten? Wir wollen den Wert unseres Bewußtseins-Dreigestirns nur vom Standpunkt des wahren Menschentums betrachten und einreihen. Meines Erachtens steht in diesem Falle das Fühlen unbedingt obenan, es soll der Herrscher sein, dann kommen das Denken und das Wollen, sie seien die Diener. Das ist der große Fehler der heutigen Zeit, daß das Denken, die Verstandestätigkeit an Stelle des Fühlens auf den Thron erhoben wurde und diesem mächtigen Herrscher der übrige kümmerliche Bewußtseinsrest dienen soll und muß. Die Folgen sehen und erleben wir leider jetzt täglich, jene Folgen, die uns auch gleichzeitig nur zu klar erkennen lassen, wie falsch diese Anschauung sein muß.

Wieso es dazu kam? Zunächst ist wohl der wesentlich erschwerte und erhöhte Kampf ums Dasein der Menschen untereinander daran schuld, der die Menschheit hart und gefühllos macht. Unter dem Deckmantel der „Notwehr“ wird allerhand Gefühllosigkeit entschuldigt und selbstverständ-lich gemacht Der erschwerte Kampf ums Dasein ergab sich wieder aus der mit den Fortschritten der Technik und den damit verbundenen Fort-schritten der Zivilisation sich einstellenden „Schnellebigkeit“ der Mensch-heit. Man hat keine Zeit, und schon gar keine Zeit für die Pflege des Gefühlslebens, der „Gefühlsduselei“, womit das Minderwertige, ja Verächt-liche des ganzen Gefühlslebens heute charakterisiert wird. Aber die Hauptursache ist und bleibt wohl die grundfalsche Lebensanschauung, daß der Verstand und die Denkfähigkeit die Hauptsache sind, eine Anschau-ung, die seit mindestens vielen Jahrzehnten, wir können wohl sagen seit vielen Jahrhunderten in den Köpfen der Menschen herumspukt und ihr ganzes Tun und Lassen beeinflußt. Wäre sonst eine derartige Kultur-losigkeit denkbar, wie sie sich immer wieder in die Historie der Neuzeit und ganz besonders in neuester Zeit offenbart? Eine wahre Tanzorgie um das goldene Kalb, das ist der Endeffekt. O wie arm ist doch diese „reiche“ Menschheit geworden! - In jüngster Zeit ist wohl auch der Umstand daran schuld, der sich immer in schweren Zeiten nach großen Katastrophen geäußert hat, das Darniederliegen der Moral und Ethik. Eine derartige Menschheit war immer geneigt, skrupellos und gefühllos zu sein. In deutschen Landen spielt auch noch hierbei das Partei-Unwesen und die Partei-Politik eine Rolle. Partei-Anschauung und Partei-Zweck ist das Höchste, dem alles dienstbar gemacht wird, wobei der Blick für das Ganze und Wesentliche, auf das man sich im wahren Interesse der Allgemeinheit verlegen sollte, verloren geht. Parteipolitische Härte, Unduldsamkeit und Gefühllosigkeit stehen heute wohl fast noch über der Härte religiöser Gegensätzlichkeiten. Mitwirkend scheint noch endlich der Umstand zu sein, daß sich wenigstens die in den großen Städten lebenden Menschen immer mehr von der Natur entfernt haben, und damit verlernten, sich in das große All einzufühlen.

Durch die so lange Zeit hindurch erfolgte übermäßige Erhöhung der Verstandestätigkeit ist die körperliche Beschaffenheit der Gehirne, - und ich gebe da als Arzt vollkommen Abdruschin recht, der bereits zu wiederholten malen darauf hingewiesen hat -, eine ganz andere geworden. Die der Denkfähigkeit dienenden Gehirnzellen und Gehirnbahnen haben sich überentwickelt, die anderen sind geradezu verkümmert. Durch Vererbung ist dies offenbar noch immer schlimmer geworden, sodaß der moderne Mensch scheinbar schon vermöge seiner vererbten Anlage gar nicht mehr anders kann.

Das Fühlen und das Gefühlsleben sind aber sicher das, was uns so recht dem Geistigen, dem Seelischen in und außer uns wirklich nähert, nicht die Verstandestätigkeit, die allenfalls den Weg über das Geistreiche zum Eigendünkel führt, der jetzt so herrschend und hemmend ist.

Unser Gefühlsleben ist ein ungeheuer reiches, es ist der wahre Schatz unseres Erdendaseins. Unsere Gefühle sind die herrlichen Blumen, die uns auf unserer Pilgerfahrt erblühen und erfreuen, aber auch die Dornen, die uns verletzen, und die Schlingpflanzen, die uns umstricken, und vor denen wir uns zu hüten haben. Eine große Stufenleiter führt von den einfachen Sinnesempfindungen rein körperlicher Art, wie sie bereits der Säugling hat, Gesicht, Gehör, Geruch, Geschmack, Tast-, Schmerz- und Tempera-tur-Empfindung, bis hinauf zu den hohen, rein geistigen Gefühlen der Menschen-, Vaterlands-Liebe und Liebe zum Schönen, Guten und Gott, wie sie nur der reifere und entwickelte Mensch haben kann. Liebe und Haß, Freude und Leid, Lust und Unlust, Lichtalben und Schwarzalben finden wir im menschlichen Dasein. Aufbauende, zusammenfassende, das Dasein lebensfreudig bejahende Gefühle und zerstörende, trennende, das Dasein verneinende und vernichtende, ähnlich wie wir auch sonst in der Natur derartig gegensätzliche Kräfte walten sehen, ich erinnere nur an die Elektrizität mit den positiven und negativen Ladungen, oder an die Chemie mit den verwandten und zur Verbindung neigenden, oder sich fliehenden Elementen.

Über das Lust- und Unlustgefühl als solches läßt sich streiten. Es scheint wohl auch ein absolutes, allgemeines Lust- und Unlustgefühl zu geben, sodaß manche Philosophen diese beiden polar entgegengesetzten Gefühle sogar als die Einzigen und Hauptsächlichen im ganzen Gefühls-leben anzusprechen geneigt sind. Aber meines Erachtens sind diese Beiden meist Begleiterscheinungen anderer Gefühle, sei es rein körperlicher, oder rein geistiger. Es ist doch außer jedem Zweifel, daß eine Geruchsemp-findung einerseits eine Lust-, andererseits eine Unlust-Empfindung aus-lösen oder von einer solchen begleitet sein kann. Es ist übrigens, nebenbei bemerkt, außerordentlich individuell verschieden. Lust und Unlust sind etwas sehr Relatives.

Ebenso können rein geistige Gefühle Lust und Unlust erwecken, oder, wie auch sehr treffend gesagt zu werden pflegt, Lust oder Unlust betont zu sein. Wie bei einem Begleitinstrument helle oder dunkle Töne zum Gesang angeschlagen werden. Es kann übrigens ein Gefühl, das im Allgemeinen auch bei der gleichen Persönlichkeit von Unlust begleitet ist, unter gewissen Umständen einmal auch ausgesprochen von Lustgefühl begleitet sein, z. B. der Zorn, der im Allgemeinen von Unlust betont ist, wenn er als gerechter, heiliger Zorn lodert, auch Lustgefühl erwecken kann. Nicht uninteressant sind die mehr unbestimmten, allgemeinen Gefühle, z. B. das ausgesprochene Kraftgefühl, das wir bei gesunder und sexual vernünftiger Lebensweise manchmal haben können, wenn wir die Nacht gut geruht haben, es ist dies ein mehr auf das Befinden des Körpers hinzielendes Gefühl. Das gleiche Kraftgefühl können wir aber rein geistiger Art beim Bewußtwerden unserer geistigen Überlegenheit über Andere haben. Das Gefühl des Befriedigtseins, oder der Zufriedenheit, des Friedens, das unter Anderem auch aus reiner Gedankenarbeit entspringen kann, wenn eine Gedankenkette sich gut geschlossen hat, wenn wir ein schweres Problem gelöst zu haben glauben, wenn wir unser Tagewerk überschauen und sagen können, es war alles wohlgetan. Rein physiologisch genommen entspringt das unbestimmte allgemeine Lustgefühl ans dem Zustand des körperlichen Gleichgewichtes und der Gesundheit. Es muß die Stoffwechselbilanz stimmen (Nahrungsaufnahme und Kalorien und Stoff -Verbrauch müssen sich die Wagschale halten), neuerer Zeit müssen wir annehmen, daß auch die Hormonen-Mischung (die Sekretionsergebnisse der verschiedenen inneren Drüsen) normal abgestimmt sein muß, und endlich auch die feinen Eigen-Schwingungen der Körperzellen und ihre Strahlungen ungestört sein müssen. Bei der geringsten Störung nach der einen oder anderen Richtung hin schleicht sich bereits ein leises, vielleicht auch noch unbestimmtes Mißbehagen ein.

Rein geistig gilt dieses unbestimmte allgemeine Lustgefühl für den Zustand des seelischen Gleichgewichtes. Hier ist die Empfindlichkeit für die leiseste Verschiebung wohl noch viel größer. Schwer sind hier immer genau die Grenzen zu ziehen zwischen dem rein körperlichen und rein geistigen Gebiet, ich brauche bloß auf das Gefühl der Liebe hinzuweisen, um verstanden zu werden. Wir wissen auch, daß durch bloße Vorstel-lungen, also Denkvorgänge, körperliche Gefühle erweckt werden können. Dabei ist allerdings auch das dritte Dreigestirn unseres Bewußtseins kraftvoll am Werke, nämlich das Wollen, das ebenso auch Gefühle unterdrücken und vernichten kann. Vergessen wir eben nie und nimmer, daß wir Menschen sind, die aus Körper und Geist zusammengesetzt sind, solange wir auf dieser Erde wandeln.

Kann es eine Erziehung zum wahrhaften Fühlen geben? Warum nicht? Geradeso wie durch den übermäßigen Verstandeskult die Menschengehirne in den dem Fühlen dienenden Teilen verkümmert sind, ebenso können diese Gehirnzellen durch Übung wieder hochkommen, die lahmgelegten Nervenbahnen können wieder erweckt werden, wie verrostete Eisenbahn-geleise blank gescheuert werden, wenn wieder fleißig gefahren wird. Und wenn nach vielen Jahrzehnten und Jahrhunderten auch die Vererbung ihre Wirkungen in dieser Hinsicht entfaltet haben wird, dann werden die Menschen nicht mehr zu jammern haben, daß es kein wahres Menschen-tum auf Erden gibt. Aber beginnen müssen wir endlich einmal damit, ehe es zu spät wird.

Wie könnte man denn zum wahrhaften Fühlen erziehen? In der Hochzeitsnacht der Eltern muß dies schon beginnen. Die Zeugung des Kindes muß in einer Art vor sich gehen, daß beide Eltern sich des heiligen Augenblickes voll bewußt sind. Die geistig auf die höchste Höhe getriebene Sehnsucht der Liebe muß sich wie selbstverständlich und erlösend körperlich in diesem höchsten Mysterium des Lebens entladen. Jeder Vater muß einen Menschheits-Erlöser zeugen wollen, jede Mutter einen Menschheits-Erlöser gebären wollen. Hier zeigt Euch, ihr Intellektuellen und Verstandesmenschen, vor allem als kraftvolle und willensstarke Geister, dann werden die Kinder überhaupt erst zur Welt kommen, die Ihr zum wahrhaften Fühlen leicht erziehen könnt.

Weiter einsetzen muß dann diese Erziehung zunächst wohl in der Erweckung, Übung und Veredelung der primitiven körperlichen Gefühle, der Sinneswahrnehmungen beim Kinde, bei dem aber auch nicht früh genug schon das rein geistige Fühlen zu wecken ist, das dann später beim reiferen Kinde und beim Erwachsenen die Hauptpflege bekommen muß. Der Geschmackssinn erzieht sich wohl von selbst, er ist so ziemlich der primitivste, obwohl auch hier sehr bald veredelnd eingegriffen werden kann. Machen wir das Kind lieber auf den besonderen Wohlgeschmack der herrlichen Früchte aufmerksam als auf den Geschmack eines Stückes Fleisch. Aber wer erzieht eigentlich so recht adelig den Gesichts-, Geruchs-, Gehörs- und Tast-Sinn des Kindes? Lassen wir es da recht bald alles Schöne und Angenehme erkennen.

Nehmen wir uns selbst wieder mehr die Zeit dazu und gönnen wir sie auch unserem Kinde, behaglich und ordentlich zu fühlen. Wer nimmt sich denn heute z. B. noch die Zeit, den herrlichen Duft einer Rose behaglich zu riechen, wer bleibt mit seinem Kinde vor dem Fliederstrauch im Frühjahr, dem Jasmingesträuch, dem Hollunderbusch im Hochsommer länger stehen, um deren verschiedene Düfte voll Dankbarkeit für den Schöpfer zu genießen, die ganze Pracht der Natur voll inniger Andacht auch nur eine Weile zu schauen? Wer erzieht den Gehörsinn des Kindes rechtzeitig durch edle Harmonien? Wer seinen Tastsinn durch allerhand Tastübungen? Das Gefühl wohliger Warme, feiner Seide, der zarten Oberfläche eines Alabasterstückes! Mit hundertfältigen Variationen kann man die Feinheit des Tastsinnes erziehen. Wir wissen, wie fein beim Blinden dieser Sinn entwickelt werden kann, sollte dies beim Kinde nicht gelingen?

Die höheren und rein geistigen Gefühle, die Liebe. zum Tiere, zu den Eltern, zu den Geschwistern, das Mitleid, das Gefühl der Autorität über sich, die Liebe zur Natur, die Verehrung des Schöpfers, sie alle lassen sich systematisch teils spielend, teils belehrend und besonders durch das Beispiel, Letzteres halte ich Überhaupt in allen Belangen der Erziehung für das Wichtigste, pflegen und verstärken. Freilich darf man da nicht seinen Hund vor seinem Kinde in roher Weise mit Prügeln traktieren, oder unverblümt auf die Schule oder den Lehrer schimpfen, gottlose Reden führen und anderes. Der Nachahmungstrieb des Kindes ist groß und man glaubt nicht, wie verständig diese Kleinen uns Erwachsene in Allem und Jedem beobachten. Man lächelt heute über die Glückwunschgebräuche zu Neujahr und zu anderen Gelegenheiten. Sie kommen immer mehr ab, einerseits, weil man sich nicht mehr die Zeit nimmt, andererseits, weil man sich schämt der Gefühlsregung, die da an den Tag gelegt werden muß. Tun wir es wenigstens unseren Kindern zu Liebe wieder, denn es sind immer Gelegenheiten und Anlässe, das Gefühlsleben des Kindes zu stärken, das Gefühl der Dankbarkeit, der Verehrung und Liebe für alle jene Personen, mit denen sie in Beziehung stehen.

Selbstverständlich will ich das Kind damit nicht gefühlsmäßig verzärtelt wissen. Es soll auch die Unlustgefühle erkennen und kennen, vor allem aber auch durch seinen Willen meistern lernen. Nicht nur die aufbauenden und sozial förderlichen Gefühle wecken und verstärken, auch die zerstörenden und Glück feindlichen abschwächen und vernichten! So wie das Kind lernen kann, die körperliche Schmerzempfindung zu unterdrücken und zu vergessen, ebenso auch die rein geistigen Gefühle, die seine Zufriedenheit begraben, Haß, Neid, Mißgunst und das ganze große Heer der Störenfriede unserer Seele.

Was für ein Kind gilt, gilt in diesem Falle auch für den Erwachsenen, dem noch seine Erfahrung die goldenen Brücken dazu baut. Wie schal und leer ist sein Erdendasein ohne wahrhaftes und inniges Gefühlsleben. Hat er gelernt, die Unlustgefühle zu bekämpfen und die lebensbejahenden zu stärken, dann wird er glücklich und zufrieden sein. Er hat sein wahrhaftes Menschentum an wahrhaftem Fühlen wiedergewonnen.

Ich persönlich kann mir überhaupt nicht vorstellen, was ein Mensch ohne Gefühlsleben auf der Welt noch weiter will! Er kommt mir wie ein Automobil vor, das rückwärts fein säuberlich seine Nummer und seinen Buchstaben angebracht hat, durch die allein es sich von anderen unter-scheidet. Lebendige Automaten sind es, nummeriert und nach Ständen oder Parteien oder Religionen geordnet, registriert und irgendwo gebucht.

Mit unserem Gefühlsleben erst wachsen wir so recht in die Welt hinein wie die Bäume mit ihren Wurzeln - in die Heimat Erde und mit ihren Zweigen in ihre zweite Heimat, den Himmel. Der Dreiklang unseres Bewußtseins, Denken, Fühlen und Wollen, ist erst dann ein wahrhaft harmonischer, wenn das Fühlen den stärksten Klang, den Grundton gibt und die anderen immer etwas übertönt -

 

 

Abdruschins Fragenbeantwortungen:

 

Frage: Kommen alle Fragen zur Beantwortung, die eingeschickt werden?

Antwort: Nein. An den Fragestellungen vieler Leser ist oft zu erkennen, daß sie weitab von dem Erfassen des tiefen Ernstes der Gralsbotschaft stehen; denn es sind in den meisten Fällen Fragen über Dinge, deren Wissen nicht den geringsten Beitrag zu dem geistigen Aufstiege des persönlichen Ichs eines Menschen geben, sondern lediglich zur Befriedigung des Verstandeswissensdranges dienen können.

Zu solchen bisherigen Gepflogenheiten aber haben die Menschengei-ster, die sich wirklich retten wollen, keine Zeit mehr übrig! Die Grals-botschaft gibt deshalb nur das, was der Menschengeist braucht, um sich seinen notwendigen Aufstieg zu erleichtern, ihn überhaupt möglich zu machen.

Wer nur einigermaßen die Dringlichkeit dazu empfindet, der wird statt aller Fragen mit Aufbietung seiner ganzen Empfindungskraft versuchen, das in der Botschaft Gegebene zu ergründen und aufzunehmen. Das aber, was er noch nicht verstehen kann, wird er nicht ablehnen oder daran vorübergehen, sondern in sich selber schauen, ob nicht dort in irgend einem Winkel die Ursache zum Nichtverstehenkönnen liegt. -

Jede Frage ist eine Forderung! Betrifft sie Notwendigkeiten zum geistigen Aufstiege, so ist sie berechtigt. Will sie aber lediglich Erleich-terung der Verstandesbefriedigung, so ist es dem Ernst der Botschaft gegenüber eine Anmaßung, da derartige Dinge weit Geringeres und Niederes betreffen, als Zweck und Inhalt der Botschaft ist.

Wer sich aber mit genügendem Ernste damit beschäftigt, alle Voreingenommenheit dabei zurückstellt, der wird in dem Gegebenen auch die Beantwortung einer jeden Verstandesfrage finden müssen. Kann er es nicht, so ist entweder sein Verstand dazu nicht ausreichend, oder er hat nicht genug geschürft. -

Die Botschaft muß natürlich vom ersten bis zum letzten Vortrag als ein Ganzes genommen werden, anders ist es nicht möglich, sie zu erfassen, und dazu gehört ausdauernde Bemühung und geistiger Fleiß! Es ist bis jetzt nur das Notwendigste gegeben, da die Zeit unaufhaltsam dazu drängt, das Dringendste zu wissen. Sie läßt nicht Raum für unnötigen Aufenthalt. Aus diesem Grunde müssen manche Fragen unbeachtet bleiben. Sie werden nach der ersten großen Reinigung mit vielen anderen eingehenden Erläuterungen noch beantwortet.

Die Vorträge der Botschaft betteln nicht um Gunst der Menschen, sie werben nicht, gekauft zu werden des Gewinnes halber, wie es bei Büchern immer selbstverständlich ist, sondern sie sind gegeben! Das heißt, sie stehen unter allem ruhend ganz für sich, teilnahmslos für die Umgebung, aber lebend und nicht wegzuschieben von den Massen, denen sie nichts sagen können, weil diese noch nicht wollen; auch nicht zu vernichten von dem Hasse derer, denen sie als unbequem erscheinen.

Alles und ein Jeder wird mit dem darin Gesagten einmal rechnen müssen. Er kann nicht still vorüber, ohne sein „Ich“ prüfend daran zu messen. Sie stehen nicht zur Diskussion und fragen nicht nach Meinungen, sondern sie sind gegeben, werden bestehen bleiben, fester wie Fels, härter wie Stahl, unabänderlich und unerbittlich. - -

 

Frage: Es wird jetzt von vielen Seiten behauptet, daß Christus ein ausgesprochener Vegetarier war. Was sagt Abdruschin darüber?

Antwort: Ich brauche nichts darüber zu sagen, sondern nur darauf hinzuweisen, daß Christus das Essen des Osterlammes einhielt. Außerdem auf die bekannte Speisung der Fünftausend, wobei er selbst den Leuten Fische reichen ließ, demnach durchaus nicht nur für Verzehrung von Vegetabilien gewesen ist. Man sollte doch Christus nicht für Reklame-zwecke irgend einer Bestrebung verwenden.

 

Frage: Nach Studium der Gralsbotschaft komme ich bei meinen Betrachtungen darauf, als eigentliche Schöpfung die stoffliche Welt anzusehen. Ist dagegen etwas einzuwenden?

Antwort: Alles! Denn eine derartige Anschauung ist falsch und nicht der Gralsbotschaft entnommen. Wir dringen sowieso in den weiteren Gralsblättern nach und nach immer tiefer in die bisherigen Geheimnisse der Schöpfung, und werden diese dabei auch immer vielfältiger zergliedern müssen, auseinanderziehen, wobei natürlich auch immer mehr und mehr Abstufungen kommen, die man bei der ersten großen Übersicht nicht geben kann.

So will ich vorgreifend auf diese Frage wenigstens erwähnen, daß die eigentliche Schöpfung nur das geistige Reich ist, also das Paradies. Alles andere sind Folgerungen, immer schwächer werdende Nachahmungen. So ist zum Beispiel das direkte Werk des göttlichen Willens, also des Heiligen Geistes, nur das geistige Reich, das jedoch alles in sich trägt, um selbsttätig mit der im Geistigen ruhenden Kraft weiterzuwirken, durch die im Paradiese weilenden, ewigen, geistigen Menschen, die Urgeschaffenen, also direkt Geschaffenen, welche dadurch zu Mittlern für Erstehung der weiteren Schöpfung werden. Alles außerhalb des geistigen Reiches in der Schöpfung ist also nicht direkt vom göttlichen Willen geschaffen, sondern nur noch indirekt, das heißt, mit seiner in das Geistige gelegten Kraft durch Vermittlung der Urgeschaffenen.

Die Menschen, die mir oft schon sagten: „Ich will ja gut sein. Wenn ich es nicht bin, so ist es nicht mein Fehler. Warum hat mich Gott nicht so geschaffen, daß ich nur gut sein kann“, werden darin sehen, wie Unrecht dieser ihr Gedanke ist.

 

Frage: Wie steht ein Mystiker im Verhältnis zu den Okkultisten und Spiritisten in Hinsicht auf die Nützlichkeit zu geistigem Aufstiege? Wie nützen dazu die zahlreichen Sekten?

Antwort: Wenn Sie vor einer solchen Frage stehen, so müssen Sie in erster Linie die geistigen Folgen des verschiedenen Wirkens durchzuem-pfinden suchen, und lediglich darnach Ihre Meinung formen. Sie werden finden, daß der Mystiker durchaus nicht höher steht, sondern genau so schadet wie der Spiritist und Okkultist, und letzten Endes auch die Sekten.

Vor vielen Jahrzehnten wurden die unglücklichen Insassen der Freudenhäuser hauptsächlich aus den Kreisen der Verkäuferinnen, sowie der Hausangestellten geliefert. Die traurige Ursache dazu wurde vielfach ein innerer Drang, freieres und schillernderes Leben kennen zu lernen, oder aber auch das Vertrauen in der Liebe zu einem Jüngling oder Manne, der solches Vertrauen in spielerischer Art oder Leichtsinn gar nicht zu würdigen fähig war. Nur selten lag wirklicher persönlicher Hang zu niederem und leichtsinnigem Lebenswandel vor. Das Abwärtsgleiten solcher Mädchen, die zuletzt nicht mehr die Kraft aufbieten können, aus dem Sumpfe herauszukommen, ist bekannt.

Ganz ähnlich diesen damaligen Vorgängen hat es sich heute auch auf geistigem Gebiete weit verbreitet. Der Drang, in sogenanntes jenseitiges Leben einzudringen, das sich so mancher Mensch ganz anders vorstellt als es ist, führt heute große Massen sogenannter Suchenden, nach etwas anderem verlangend, dem Sumpf des Dunkels zu.

Wie innerlich nach Besserem, oder auch nur Neuem, bisher ihnen Unbekanntem verlangende Mädchen das Unwahre an den sie umgirrenden Jünglingen und Männern nicht erkennen wollen, da es so ziemlich gleichbedeutend mit dem Aufgeben so mancher Wünsche wäre, genau so wenig sehen die oft krampfhaft geistig Suchenden, daß sie anstatt echten Goldes .... Flittergold und Tand umhängen, das ihnen ein Emporgestie-gensein vortäuscht. In einen Wahn gehüllt, gehen sie selbstbefriedigt durch ihr Erdensein, und bleiben dann im Jenseits arme Narren dieses Wahnes, den sie selbstverständlich mit hinüber nehmen müssen, und der sie dort beherrscht

Sie bleiben alle hängen in der Stofflichkeit, und finden nicht die Kraft, aus dieser Zähigkeit des Wahnes sich herauszureißen, weil sie nicht wagen, ihr Empfinden anders einzustellen, in der Furcht, es könnte ihnen damit Liebgewordenes verloren gehen.,

Sie sind unrettbar dem Zerfalle preisgegeben, finden mit der kommen-den Zersetzung aller Stofflichkeit auch die Zersetzung ihres mühsam erst gewonnenen persönlichen Bewußtseins, wegen als bewußtseiend nicht gut verwendbar in das Formlose zurückversetzt.

Das ist jedoch kein Fortschritt, wie es Buddhisten annahmen, sondern ein Auslöschen der bis dahin erfolgten Entwickelung, da diese nach der falschen Richtung hin geschah.

Was nun in dem Erleben verlangender Mädchen und Frauen die leichtfertigen Jünglinge und Männer sind, die einen so traurigen Wende-punkt herbeiführen, das vertreten auf dem geistigen Gebiete heute die zahlreichen Vereinigungen und Sekten der Religion, der Okkultisten, Spiritisten, und was sich sonst noch mehr Derartiges gebildet hat. Es sind die schlimmsten Seelenfänger für das Dunkel! Dabei haben die sich Führer Dünkenden sehr oft sogar das Wollen zu dem Guten! Und dieses Wollen würde mit der Zeit auch unbedingt nur Gutes bringen können, wenn nicht ein großes Hemmnis dabei wäre, das in allen Fällen sich viel stärker zeigt und überall das beste Wollen abbiegt von der rechten Bahn. Es ist die Abwehr alles dessen, was nicht im eigenen Sinn einzelner Führer liegt. Die Abwehr kommt aus instinktiver Furcht, daß sie doch manches ändern müßten an ihrer bisherigen Richtung, wodurch die Anhänger vielleicht erkennen könnten, wie sie vielfach ganz falsche Wege gehen. In der Erkenntnis könnte dann etwas verloren gehen von der Ehrfurcht, die sie Ihren „Meistern“ so bedingungslos entgegenbringen.

So töricht der Gedanke ist, läßt er doch viele Führer darin straucheln, läßt sie beharrlich ihren Weg verfolgen, trotz manchmal dämmernder Empfindung, daß sie damit Unrecht tun.

Doch nicht den Führern allein ist darin ein Vorwurf zu machen, denn noch mehr Schaden richten die Anhänger selbst an, für sich und ihre Mitanhänger der gleichen Richtung. Wenn der Gründer irgend einer Bewegung vielleicht wirklich ein richtiges Ziel hatte, seine Anhänger der Wahrheit entgegenführen wollte, so ist mit Sicherheit anzunehmen, daß seine Anhänger innerlich immer sehr weit zurückbleiben hinter der Lehre selbst. Ging der Gründer dann hinüber, so zeigte sich der Mangel richtigen Erlebens einer guten Lehre oft sehr bald. Die Anhänger bildeten sich ein, das Ganze und das Höchste in der Lehre schon zu haben, und verfielen darin dem geistigen Hochmut, der die Tür schloß zu weiterer Aufstiegs-möglichkeit. Sie gehen jubilierend an der letzten Wahrheit ahnungslos vorüber, auf die ihr eigener Gründer sie nur vorbereiten wollte. Aus diesem Grunde wird so mancher rechte Weg durch Anhänger ganz unvermeidbar in das Grab gedrängt, anstatt zur lichten Höhe einzuführen.

Wie viele Suchende und Wissendseinwollende gingen damals an dem einzigen wirklichen Meister, dem Gottessohne ahnungslos vorüber. Vor allen Dingen die, die sich befähigt wähnten, sein Kommen zu erkennen. Gerade diese wurden sogar seine schärfsten Gegner. Warum lernt man nicht daran?

Heute sehen wir die Christen in vielen falschen Auffassungen der Lehre ihres Meisters leben. Stolz, anmaßend, und doch verständnislos der tiefen Wahrheit gegenüber, die in der Christusbotschaft liegt.

Das läßt allein die vielen Sekten und Vereinigungen aufblühen, weil der Menschengeist ein ungestümes Drängen dazu in sich emporwachsen fühlt, mehr notwendig zu haben, als die Kirchen ihnen in ihren gleichbleibenden, oberflächlichen Auslegungen geben. Die Menschen hoffen, in diesen Sekten und Vereinigungen größere Klarheit zu erhalten, und sind oft schon davon befriedigt, wenn es anders klingt als in den Kirchen. Der Drang läßt sie schon darin einen Fortschritt erblicken, auch wenn es in Wirklichkeit viel weniger ist, als sie in den Kirchen bereits empfingen. Der Teilnehmer einer spiritistischen Sitzung zum Beispiel verwechselt das interessante Neuartige nur zu leicht mit dem Wertvollen. Er denkt nicht daran, daß Interessantes nicht auch gleichzeitig Wertvolles sein muß. Nicht einer Überlegt in objektiver Ruhe, was ihm dies alles eigentlich zu seinem eigenen geistigen Aufstiege nützen soll, bei dem doch lediglich nur seine innere Qualität den letzten Ausschlag gibt! Er ist stolz darauf, auf Du und Du mit den Hinübergegangenen zu stehen! Dabei ist es in Wirklichkeit durchaus nichts anderes als hier auf Erden seinen Mitmenschen gegenüber. Den Körper, den die Hinübergegangenen tragen, hat er auch, und jeder Mensch auf Erden in sich. Darüber ist nur noch die grobstoffliche Hülle. Und das, was er von Jenseitigen sich unter großen Mühen sagen läßt, ist nicht der tausendste Teil von dem, was Christus brachte.

Trotzdem legt er mehr Wert auf alle diese kleinen Kundgebungen, deren Inhalt ihm doch schon lange vollkommen vertraut ist. Welche Unselbständigkeit seines eigenen Denkens und Empfindens zeigt er damit in seinem ganzen Wesen.

Er benutzt das, was er in den Sitzungen erlebt, auch nicht etwa dazu, nun so schnell wie irgend möglich mit allem Ernste in die Christus-botschaft einzudringen, diese richtig verstehen zu lernen, ihre ganze Größe zu erfassen, um sich hinaufzuschwingen zu der darin gewollten geistigen Freiheit, sondern er klebt sich im Gegenteil an das, was ihm in dieser Kleinheit geboten wird, nur weil es äußerlich eine andere Form hat.

Es ist weiteres Hemmnis, aber keine Förderung!

Einer der größten Vermittler für das Dunkel ist der Dünkel! Sehen wir uns einmal Spiritisten an. Mit ganz wenigen Ausnahmen leiden die Anhänger an einem so maßlosen Dünkel, den sie in anscheinende Demut des Wissens kleiden, daß man mit ihnen gar nicht sprechen kann, ohne Widerwillen davor zu empfinden und abgestoßen zu werden. Sie bilden sich ein, vielen Hinübergegangenen „helfen“ zu können, während sie selbst in Wirklichkeit der Hilfe weit mehr bedürfen. Es ist dieser Vorgang leider fast überall zu finden. Dieser krankhafte Helferwillen ist aber durchaus nicht Liebe, er entspringt auch nicht dem großen Dienenwollen, ebensowenig kann man ihn auf rein menschliche Hilfsbereitschaft zurückführen, noch weniger auf wahre Frömmigkeit, sondern es ist nichts als unangenehmste innere Überhebung, die nicht auszurotten geht.

Diese größte aller Schwächen nützt das Dunkel aber redlich aus, namentlich in den Kreisen der Anfangsmediums. Da kommt ein Dunkler, jammert irgend etwas vor, und flugs wollen die unwissenden Menschlein dieser armen Seele „helfen“. Mit frommen Augenaufschlage, Gebeten, geweihtem Wasser, Talismane und beschwörenden Worten, die nichts weiter ausdrücken als nur den grenzenlosen Hochmut Wissendseinwollen-der.

Es ist selbstbefriedigende Komödie, weiter nichts. Weihrauchschwin-gen für die eigene Person. Die Hilfe liegt nur in der Einbildung. Der Dunkle will in vielen Fällen keine Hilfe! Er weiß genau, daß diese Menschen ihm nicht helfen können, und rechnet nur damit, sie unbemerkt dadurch zu sich herabzuziehen! Wie sich ja alles Dunkel immer nur auf Schwächen wirft. Und das mit größter Aussicht auf Erfolg; denn durch das Helfenwollen öffnen sich die also Wollenden den Strömungen des Dunkels. Sie reichen diesem ihre Hand, um ihn heraufzuheben, kommen aber dabei in Kontakt mit ihm und sinken, ohne es zu wissen!

Daß sie es anders wollen, kann in diesem Falle gar nichts nützen; denn sie geben sich freiwillig den Gefahren preis, vor denen sie sonst unbedingt geschützt bleiben. So aber wird der Schutz von ihnen selbst durchbrochen, und solcher Leichtsinn muß sich rächen.

Auch wenn Derartige dann schließlich Hilfe Anderer bedürfen und erbitten, sobald sie selber durch die Dummheit in Bedrängnis kommend nicht mehr weiter können, so wollen sie als Hilfe dabei immer nur Erfüllung ihrer eigenen Wünsche, nicht aber etwa die Befreiung von dem dunklen Geiste, den sie an sich zogen.

Wenn solchem Kreise nun ein wahrer Helfer käme, der an Stelle der Erfüllung ihrer unrichtigen Wünsche einen Zugehörigen des Dunkels dorthin senden würde, wohin er nach seiner Art gehört, um zu verhindern, daß er leichtgläubige Unwissende ins Verderben zieht, so würden alle dann Befreiten in einheitlicher Feindschaft gegen diesen Helfer stehen, ihn wahrscheinlich Sendboten des Dunkels nennen, wenn ihr „armer“ Geist auf einmal nicht mehr kommen kann. Daß es in Wirklichkeit nur Zorn über Entgangensein so mancher Unterhaltungsstunde ist, in der sie sich „erheben“ konnten, wird ihnen nicht klar.

Die Frommen nennen es ja Härte, unchristlich, wenn ein solcher Geist dahin befördert wird, woher er kommt, da er nur dort und nirgends anders zur Erkenntnis kommen kann. Um einem niederen Geiste wirklich zu helfen, dazu gehören schon ganz andere Dinge, als Teilnehmer und Führer spiritistischer Zirkel bieten können.

Es hat aus diesen und noch vielen anderen Gründen keinen Zweck, derartig Verirrten in ihrem Dünkel auch nur ein Wort zu sagen, trotzdem ich in jeder Sitzung, gleichviel, wo und von wem sie geführt wird, auch in den allerstärksten, bei derartigen Vorkommnissen ohne Weiteres Beweise herbeiführen könnte. Für dort aber, wo es wirklich ernstem Wollen gilt, wird man mich immer bereit finden. Ich stelle mich ohne Zögern jedem spiritistischen Kreise oder deren Geistern, jedem Dämon oder sonstigen Bedrängern gegenüber! -

Nicht anders ist es bei den Okkultisten, die sich im Suchen und zum Teil in Experimenten in Dinge verlieren, die sie nur noch mehr an die niedere, feinstoffliche Umgebung kettet. Die Strömungen, denen sie sich öffnen, binden nur fester und halten zurück. -

Ebenso großen Schaden richten Werke der Mystiker an, die mit ihrem unsicheren Tasten in ein Labyrinth von Verworrenheit führen, und ein Verirren darin als natürliches Geschehen nach sich ziehen. Es ist zum größten Teil Fantasterei und Schwärmerei, in der sie selbst zu schwelgen suchen oder den Anschein wirklichen Wissens erwecken wollen, das aber nur dem vielsagenden Lächeln eines Unwissenden gleicht. Es ist nicht minder nur ein Wahn, in dem sie leben, und der sie manchmal auch dazu verführt, über andere, die weniger gefährlich sind, zu spotten.

Sie sind sich ihrer eigenen Gefährlichkeit gar nicht bewußt, da diese nur auf geistigem Gebiete liegt, das zu erkennen sie nicht fähig sind. Persönlich sind sie auch ganz unschädlich, doch ihre Werke richten ungeheuere Verwirrung an und führen irre, gleichviel, ob sie ihre fantasti-schen Gedanken sorglich in Romane hüllen oder sie in andere Formen gießen. Die Mystik führt noch leichter in die Arme dunkler Strömungen, weil sie gleichzeitig einschläfernde Behaglichkeit oder auch angenehmes Gruseln mit sich führt, scheu aber jede Klarheit meidet. Die Menschengeis-ter sind dabei im ungesunden Leben ohne festen Grund, und werden hin und her gezogen.

Gott aber will, daß man seinen Gesetzen nachlebt, weil man nur darin glücklich werden kann! Zu diesem Nachleben jedoch gehört die volle Kenntnis, keine Unklarheiten. Das ganze Leben und Bewegen in der Schöpfung ist ja den Gesetzen unterworfen, kommt durch sie. Deshalb muß man die Schöpfung bis in alle kleinsten Teile klar und vollbewußt erkennen! Wo bleibt dann Raum für Mystik übrig. Mystik in der Schöpfung ist gegen den göttlichen Willen, sie verträgt sich nicht mit den Geboten Gottes, und muß demnach den Menschen schaden, denen man sie aufzureden sucht.

Die Mystiker sind also mit den Okkultisten und Spiritisten nah verwandt und schädigend durch Folgen ihres Wirkens. Es ist geistig darin kein Unterschied.

Zu bedauern sind dann noch sehr viele religiöse Sekten und Vereini-gungen, welche alle wähnen, daß jede für sich allein die volle Wahrheit hat und allen anderen voran schreitet. Mit diesem Vorurteile treten sie allem entgegen, was ihnen begegnet, denken sich nicht neu prüfend frisch hinein in andere Gedanken, sondern schleppen alles Bisherige dabei mit. Sobald sich dieses Alte nicht vermischen läßt mit Neuem, lehnen sie das Neue ab als falsch. Sie richten ihren Maßstab nach dem Alten, das man ihnen gab, und das sie oft noch nicht einmal richtig erkannten.

Ihr Urteil ist in dieser Einengung stets vorschnell, eigensinnig. Un-sachlich, nicht mit eigenen, sondern mit Worten Anderer, die sie selbst nie richtig verstanden haben, suchen sie alles abzutun als ihrem Wissen gegenüber minderwertig. Dazu verwenden sie salbungsvolle Sätze, die nicht nur geistigen Hochmut sofort zeigen, sondern auch wirkliche innere Leere und unverrückbare Beschränktheit offenbaren.

Es sind die Scharen, welche immer ganz vertraut: „Herr, Herr!“ rufen. Doch der Herr wird sie nicht kennen! Hütet Euch in allererster Linie vor diesen „Gläubigen“, damit Ihr nicht mit ihnen stumpf in das Verderben rennt. -

 

Frage: Ist Abdruschin Gegner der Astrologie?

Antwort: Nein! Ich kenne im Gegenteil den hohen Wert der Astrologie sehr gut. Ebensogut aber auch die Mängel des jetzigen Wissens darüber. Aus diesem Grunde rate ich, solche vielen darin Arbeitenden sehr gut bewußten Mängel den Raterbittenden nie vorzuenthalten. Die größte Gefahr jedoch liegt wieder wie fast in allen derartigen Dingen auf der Seite des ratholenden Publikums! Der größte Teil davon wird derart ängstlich abhängig, daß sie überhaupt keinen freien Entschluß mehr zu lassen wagen und somit einen Geistesaufstieg, Geistesreifen an sich selbst unmöglich machen. Der echten Astrologie würde ich sehr gern den Weg mit bahnen helfen zu der Höhe, die ihr gebührt.

 

Frage: Hält Abdruschin auch bald Vorträge in anderen Städten? Zum Beispiel in Kassel?

Antwort: Nein. Ich habe im Gegenteil meine letzten Vorträge in Stuttgart und Wien als Abschiedsvorträge angesehen für eine Zeit. Erst wenn die Not am größten sein wird, trete ich wieder unter die Menschen, um zu helfen, wo zu helfen geht. Bis dahin erscheinen Vorträge nur in den Gralsblättern und in dem Ruf.

 

Frage: Der Fall Konnersreuth wurde plötzlich der Öffentlichkeit entzogen, nachdem das Interesse des ganzen Volkes dafür wachgeworden ist, ohne daß eine befriedigende Erklärung des doch sicherlich außerge-wöhnlichen Vorganges von den Stellen gegeben wurde, welche diese Ent-ziehung veranlaßten. Ganz richtig hat sich der Fall Konnersreuth zu einer Menschheitsfrage entwickelt, dürfte deshalb nicht nur Studium Einzelner hinter Kulissen bleiben, die sich dazu berufen wähnen. Dies im Jahre 1927, nicht etwa 100 Jahre zurück! Sollte da nicht allgemein Protest erhoben werden?

Antwort: Glauben Sie mit einem Proteste heute viel wertvolle Gefolg-schaft zu erhalten? Ich habe bereits von Anfang an dieses Entzogenwerden kommen sehen, und auch schon Anfang Oktober im „Ruf“ Nr. 3-4, Seite 173, 17. Zeile darauf hingewiesen! Ein Zeichen, das ich recht erkannte, weil Nichtwissen in Verlegenheit kaum anders handeln kann, wenn es nicht den Mut besitzt, Nichtswissen zuzugeben. Warten Sie ruhig das Ende ab, auch wenn es Jahre dauern müßte. Es wird sich die Wahrheit schließlich auch irdisch zeigen, trotz Verbergen. Die bisherigen Aufklärungsversuche so vieler Wissendseinwollenden waren ja meistens nur planloseste Fantasterei, Zusammenstellungen aus gelesenen, aber kaum begriffenen Büchern, und auch die Wissenschaft und Kirche konnte nichts Zufriedenstellendes bekannt geben. Kein Wunder, daß es Unruhe erzeugt, wenn man nun in diesen angerichteten Wirrwarr plötzlich einen solchen deutlichen Rückzug unternimmt. Doch trotzdem ist es gar nicht angebracht, sich aufzuregen. Einmal kommt die Stunde einer Klärung. Ich werde dann an meiner Erklärung über den Fall Konnersreuth in Heft 3 und 4 des „Rufes“ nicht einen Satz zu streichen oder hinzuzufügen haben, trotzdem man heute noch mit wenig Ausnahmen wohl lächelnd nur darüber hinzugehen sucht. Für mich ist der Fall Konnersreuth erledigt.

 

Frage: Was ist Energie? Und was ist Schwerkraft?

Antwort: Diese Fragen sind vorausgegriffen; denn sie werden erst in den kommenden Vorträgen der Gralsblätter ausführlich mit behandelt. Doch ich will sie in aller Kürze wenigstens andeutend beantworten:

Energie ist Geist! Gerade das Kapitel Geist muß ich noch viel behandeln; denn Geist umfaßt so ziemlich alle ungelösten Fragen unserer jetzigen Wissenschaft. Geist hat auch viele Abstufungen, was bisher noch nicht in Betracht gezogen werden konnte, weil es niemand weiß, da „Geist“ von dieser Menschheit überhaupt noch nicht erkannt wurde.

Geist ist so vielseitig in seinen Abstufungen, daß er in diesen vielen Abstufungen alle die Irrtümer erstehen ließ, an denen sich die Menschen immer noch vergeblich ihren Kopf zerbrechen.

Die von der exakten Wissenschaft genannte Energie ist also Geist. Doch nicht solcher Geist, aus dem der sich-bewußte Menschengeist sich bildet, sondern anderer Art. Heute darüber nur kurz: Die Urgeschaffenen in der geistigen Schöpfung, also dem Paradiese, strahlen in ihrem Wollen aus. Diese Ausstrahlungen sind auch geistig, jedoch eine Abstufung nach unten zu; denn sie sind nicht direkte Ausstrahlungen des Heiligen Geistes, des göttlichen Willens, sondern Ausstrahlungen der durch den heiligen Geist Geschaffenen! Diese Ausstrahlungen dringen nun als geistige Abstufung nach unten zu strahlenartig über die Grenze des geistigen Reiches und durchfluten die anderen Teile des Weltalls, tragen aber trotz der Abstufung immer noch als geistigseiend lebendige Kraft in sich, die nicht nur stoßend und drängend, sondern auch magnetartig anziehend auf andersartige, nichtgeistige Umgebung wirkt.

Die magnetartige Anziehungskraft dieser geistigen Strömungen jedoch ist in seiner Stärke nicht so groß, als die des Paradieses, also der geistigen Urschöpfung, die das ganze Weltall hält. So kommt es, daß die aus dem geistigen Reiche hinausgedrängten Strömungen immer nur kleine Teilchen andersartiger Umgebung an sich ziehen können, und dadurch von diesen umhüllt werden, welcher Vorgang die erst einheitlichen Strömungen zerteilt. Ein solcher geistiger Strom wird dadurch in natürlichem Gesche-hen in zahllose Stäubchen zergliedert, da die Umhüllungen des Angezo-genen trennend wirken. Diese Umhüllungen sind nun allerdings nur ganz winzige, dünne Schichten der verschiedenen Umgebungsarten, weil das einzelne kleine geistige Stromstäubchen auch nur seiner Winzigkeit entsprechende kleine magnetische Kraft zum Halten hat. Dadurch entstehen dann nach und nach Elektronen, Atome usw.

Doch der Weg bis dahin ist unendlich weit. Auch diesen will ich heute kurz beschreiben. Stellen Sie sich vor: Die Ausstrahlungen der Urgeschaf-fenen in ihrer Aktivität des Wollens drängen über die Grenze des Paradieses hinaus. Sie kommen in das Reich des Wesenhaften als mag-netisch anziehende Fremdlinge. Das Wesenhafte selbst besteht wieder aus vielen Abstufungen, die ich vorläufig erst nur in drei Grundarten einteilen will: In die feine, die mittlere, und in die grobe Wesenhaftigkeit, ganz abgesehen von den Grundarten der bewußten Wesenhaftigkeit als in dieser Art Höchstes, und der unbewußten Wesenhaftigkeit.

Beim Eintreten des geistigen Stromes in die feine Art der Wesenhaftig-keit geht, durch die magnetische Kraft des Stromes hervorgerufen, sofort die Umhüllung durch diese feine Wesenhaftigkeit vor sich, wodurch gleichzeitig sofort eine emsige Bewegung einsetzt. Dieser Umhüllungsvor-gang sieht aus, als ob sich ein feindliches Heer auf diesen Eindringling, den geistigen Strom, stürzt, während aber in Wirklichkeit nur das Geistige in dieser fremden Art seiner neuen Umgebung die Bewegung durch die ihm eigene magnetische Anziehungskraft hervorruft. Das Wesenhafte eilt ihm, angezogen, in fliegender Hast entgegen. Mit der Umhüllung erfolgt gleichzeitig die Zerstäubung des Stromes. Es gibt kein Vermischen des Geistigen mit dem feinen Wesenhaften, sondern nur ein Umschließen des Geistigen durch das Wesenhafte. Der Kern ist ein geistiges Stäubchen, das rund umhüllt von der feinen Wesenhaftigkeit ist, die durch die magneti-sche Anziehungskraft des geistigen Kernes gehalten wird.

Der geistige Kern behält aber seine magnetische Ausstrahlung trotz der Umhüllung, und durchdringt damit die feine wesenhafte Hülle. Bei diesem Hindurchdringen ersteht aber Wärme, und eine Veränderung geht mit der Strahlung des Geiststäubchens vor. Sie tritt durch die Verbindung anders aus, als sie erst war, und gewinnt in dieser Veränderung Einwirkung auf die mittlere Wesenhaftigkeit.

Gleichzeitig ist durch den Vorgang des Anziehens der feinen Wesen-haftigkeit in der Umhüllung ein Zusammenpressen der einzelnen Teile der feinen Wesenhaftigkeit erfolgt, also ein Anhäufen um jedes Geiststäub-chen; und dieses gepreßte Anhäufen erzeugt Raumverminderung einer bestimmten Masse der anderen noch freischwebenden losen Umgebung der feinen Wesenhaftigkeit gegenüber. Dadurch wird sie von der Anziehungskraft des geistigen Reiches, des Paradieses, nicht mehr auf gleicher Höhe wie die noch lockeren Teile gehalten. Es tritt mit dem Zusammenpressen ein weiteres Entfernen von dem stets gleichmäßig arbeitenden magnetischen Kraftwerke ein, das in der Beschaffenheit der geistigen Schöpfung, des Paradieses, ruht. Und dieser Vorgang ist der Eintritt des Gesetzes der Schwere. Er ist gleichzeitig ein Wendepunkt in dem Antrieb des bis dahin erfolgten Geschehens.

Man muß den Vorgang scharf beobachten: Durch die Tätigkeit des Wollens der Urgeschaffenen entstehen Ausstrahlungen. Doch wohlge-merkt, diese Ausstrahlungen sind nicht das Wollen selbst, sondern nur die Begleiterscheinungen des Wollens, Nebenwirkungen des Hauptstromes eines Wollens. Trotzdem erhalten diese vom Urheber unkontrollierten Nebenwirkungen immer noch soviel Stoßkraft, daß sie über die Grenze des geistigen Reiches hinausgedrängt werden, und dort durch die ihnen in ihrer geistigen Art innewohnende magnetischen Anziehungskraft die Wirkung hervorrufen, die ich eben schilderte. Der Hauptstrom des Wollens der Urgeschaffenen hat damit nichts zu tun, er wirkt sich immer nur direkt an dem gewollten Ziele aus. Viel kraftvoller, bewußter. Darüber spreche ich ein anderes Mal.

Die sofortige Umhüllung der über die Grenze gedrängten geistigen Stäubchen verhindert unmittelbar das selbsttätige Zurückfluten in das Geistige, da sich die Schicht des feinen Wesenhaften dazwischen drängt, oder besser, durch die eigene Anziehungskraft der Geiststäubchen dazwischen gehalten wird. Der erste Vorgang der Entfernung von dem magnetischen Zentrum war also ein Hinaus-gedrängt-werden als Neben-auswirkung irgend eines bewußten Wollens. Mit der ersten Umhüllung jedoch setzt sofort als Urheber der Weiterbewegung Gegenteiliges ein: Das Sich-weiterentfernenmüssen durch die im Anziehen erfolgte Verdichtung der feinen Wesenhaftigkeit im Verhältnis zu der bisherigen Umgebung der anderen noch unverdichteten feinen Wesenhaftigkeit. Von da ab wirken dann stets mehrere Faktoren in dem Bewegungstriebe mit. Bei jeder weiteren Umhüllung tritt ein neuer Faktor dazu bei.

Eingeschaltet muß hier wieder werden, daß jede einzelne Art in der Gesamtschöpfung in ganz besonderem, durch seine Beschaffenheit beding-tem Grade für sich eingestellt ist auf die Anziehungskraft der geistigen Urschöpfung, grundgebend abgestimmt immer auf die lose, unzusammen-hängende, also nicht gepreßte jeweilige Art.

Die Feinstofflichkeit ist also auf einen anderen Grad der Anziehungs-kraft eingestellt als die Grobstofflichkeit. Ebenso aber auch wiederum anders als die Wesenhaftigkeit. So kommt es, daß bei der Umhüllung des Geiststäubchens durch Zusammenpressen feiner Wesenhaftigkeit sofort ein anderer Grad für die Anziehungskraft der geistigen Urschöpfung eintritt, die das umhüllte Geiststäubchen sich weiter von dem Anziehungs-punkte entfernen läßt.

Dieser Vorgang wiederholt sich bei jeder neuen Umhüllung. Er wird das Gesetz der Schwere genannt, das in Wirklichkeit in der jeweiligen Entfernungsmöglichkeit eines jeden Dinges von der natürlichen Anzie-hungskraft der geistigen Urschöpfung verankert ist! Diese Entfernungs-möglichkeit wird durch die jeweilige Beschaffenheit in seinen verschiede-nen Veränderungen bedingt.

Für den weiteren Fortgang kann ich mich kürzer fassen: Die zusam-mengepreßte Hülle der feinen Wesenhaftigkeit bringt das nach unseren Begriffen genannte Sinken mit sich, unter den oben genannten Wirkungen, nähert sich damit der mittleren Wesenhaftigkeit, für welche nunmehr die durch die Hülle veränderte Ausstrahlung des Geistigen genau wieder so anziehend wirkt, als vorher das geistige Stäubchen auf die feine Wesenhaftigkeit. Hier sei wiederum beachtet, daß die direkte Ausstrahlung des Geiststäubchens, also die unveränderte, auf die mittlere Wesenhaftig-keit nicht so stark wirken könnte, als die nunmehr durch die Hülle der feinen Wesenhaftigkeit veränderte Ausstrahlung. Erst diese kann so anziehend auf die mittlere Wesenhaftigkeit wirken, daß sie sich sofort wieder als weitere Hülle über die Hülle der feinen Wesenhaftigkeit legt, und von der veränderten Anziehungskraft des Geiststäubchens gehalten wird.

Der gleiche Vorgang beginnt damit wie in der feinen Wesenhaftigkeit, und auch hier wird dann die Ausstrahlung des Geiststäubchens wiederum verändert, indem es durch die zwei Hüllen beeinflußt ist. So geht es weiter in die grobe Wesenhaftigkeit, von da in die feine, mittlere und grobe Feinstofflichkeit, immer wieder neue Hüllen der verschiedenen Arten aufnehmend, bis es zuletzt dann in die feine Grobstofflichkeit tritt, und damit diese Hülle um sich legt. Von hier aus geht es in die mittlere Grobstofflichkeit, und dann erst in die schwere, also grobe Grobstoff-lichkeit, die in ihrem losen Zustande durchaus der Grobstofflichkeit unseres Körpers und unserer sichtbaren Umgebung entspricht. Erst hierin aber werden sie nun zu Allem dem, was der exakten Wissenschaft von heute bekannt ist, zu Elektronen, Atomen usw.

Die treibende Energie ist jedoch nur der Kern in Allem, das winzige Geiststäubchen, das als niederste Abstufung im Geistigen nur zu den Nebenerscheinungen des Wollens der Urgeschaffenen im sogenannten Paradiese, der Geistzentrale der Schöpfung, gehört.

Die Schilderung ist in dieser Ausführung natürlich noch sehr einseitig; und aus diesem Gesagten kann man nur Nutzanwendung ziehen, sobald auch die Gesetze der Gleichart mit in Anwendung gebracht werden. Dabei muß man in erster Linie auf die Hüllen achten; denn jede Hülle ist nur den Gesetzen seiner Art unterworfen, was gleichbedeutend damit ist, daß sich das Geiststäubchen immer nur dort richtig betätigen kann, wo seine jeweilig äußerste Hülle in ihrer Gleichart ist. Mit der grobstofflichen Hülle also nur in der Grobstofflichkeit, und da auch nur wieder in der ganz bestimmten jeweiligen Art. Mit der feinstofflichen Hülle nur in der Gleichart der Feinstofflichkeit. In der wesenhaften Hülle nur in der jeweiligen Art der Wesenhaftigkeit.

Selbstverständlich ergibt sich dabei, daß sich das von uns bezeichnete Gesetz der Schwere, also der Entfernungsmöglichkeit von der Anziehungs-kraft des geistigen Reiches, auch immer nur vorherrschend an der jeweiligen äußeren Umhüllung auswirkt. Diese also ausschlaggebend für den Aufenthalt und für die Kraft der direkten Betätigung ist. Die Schlüssel zum Öffnen der Eingänge in andere Arten, wie aus der feinen Wesen-haftigkeit in die mittlere und grobe, sowie dann in die Stofflichkeiten, sind stets die durch weitere Umhüllungen stets entstehenden Veränderungen der Ausstrahlungen des Geiststäubchens. Ohne diese Veränderungen wäre weder ein Übergang noch eine Betätigung in der Anziehung möglich. Geistiges müßte also vollkommen unwirksam bleiben, sobald es übergangs-los direkt in die Stofflichkeit käme, da dadurch jede Verbindungsmög-lichkeiten fehlen. -

Zum Schluß noch eins: Aus meiner Erklärung geht demnach hervor, daß Geistiges allein nicht dem Gesetze der Schwere unterworfen ist! Es kennt keine Schwere und wird immer, sobald seine Hüllen gelöst sind, unaufhaltsam nach oben steigen, oder fliegen müssen. In das geistige Reich, was dem Gesetz der uns bekannten Schwere nicht unterliegt.

Um Irrtum zu vermeiden, will ich darauf hinweisen, daß das Geistsamenkorn des Menschen eine ganz andere Art des Geistigen ist als die hier geschilderten Geistströmungen. Es hat auch viel mehr Anzie-hungskraft und übt diese bis zu einem gewissen Grade auch direkt auf die umhüllten Geiststäubchen aus. So mancher Hörer wird sich nun denken können, daß die immerhin große Verteilung geistiger Arten in der Nachschöpfung, also auch unseren Teilen, in ihrem Befreitsein von der Schwere der Umgebung eine ungeheuere Auftriebskraft in sich tragen, nach dem geistigen Ursprung zu, und somit, verbunden mit der von dort kommenden Anziehungskraft, dem ganzen Weltenall den Halt mit geben und die Bahn bedingen helfen, die alles einzuhalten hat.

Das Gebiet ist so gewaltig, daß der kleine Überblick von heute in viele Vorträge verteilt werden muß, um die Hörer und die Leser richtig einzuführen. Aber trotz der anscheinenden Schwierigkeit läuft alles wiederum zuletzt nur auf die größte Einfachheit zurück. Allein die Abzweigung des Menschengeistes in der Unterdrückung seiner geistigen Aufnahmefähigkeit zwingt mich, in jahrelangen Vorträgen die Hörer durch die mühseligen Pfade der Verstandeswege hindurchzuführen, weil sich ein jeder ohne Ausnahme in dem Gestrüpp verlor.

Die Anhäufung der geschilderten Teilchen zu Gestirnen, mit dabei entstehender Ansammlung magnetischer Kraft des darin enthaltenen Geistigen, die außer des auf sie wirkenden großen Kraftzentrums des geistigen Reiches unter sich und in sich wieder eigene, dem geistigen Reiche gegenüber natürlich weit schwächere Anziehungszentralen haben, welche in der großen Entfernung von dem Paradiese als Hauptzentrum auch unter sich besonders wirken können, trotzdem sie immer in dem Banne der Hauptanziehungskraft des geistigen Paradieses hängend verbleiben, wird eine Serie von Vorträgen für sich. Ebenso die Anhäufung zu Menschen-, Tier- und Pflanzenkörpern. -

Wissen ist Macht! Der Ausspruch wird viel angewendet, doch ist damit ein ander Wissen nötig als man heute schon zu haben glaubt. Es ist geistiges Wissen, nicht nur Verstandeswissen! Bisher hat die exakte Wissenschaft noch nichts Besonderes darin erreicht, und alle Anderen verlieren sich mit unsicherem Tasten in das Reich der unzähligen Mängel niederer Gebiete. Nur wer alle Geheimnisse der Schöpfung kennt, der kann die Welt der Stofflichkeit erblühend machen oder sie in Trümmer legen. -

 

Frage: Ist es möglich, daß Menschen an Hand von Fotografien frühere oder spätere Inkarnationen sehen können?

Antwort: Gewiß. Doch nicht ohne gewisse Begrenzungen. Es wird schwer sein bei solchen Personen, die irgendwie direkt in großes Weltgeschehen (also nicht nur irdisch allein gemeint) verwoben sind; denn diese stehen unter besonders starken Strömungen, die einen Seher verwirren oder seinen Blick trüben, vielleicht auch eine Annäherung zu seinem eigenen Besten unmöglich machen. Mir selbst ist eine solche Dame bekannt, die sich damit beschäftigt, von der ich auch überzeugt bin, daß sie es außergewöhnlich ernst nimmt mit dieser ihrer Fähigkeit, unter dauernder Selbstkritik. Wenn Sie besonderes Interesse dafür haben: Frau Käthe Giesert, Berlin N 64, Lothringer Straße 76. Es gibt aber so viele Arten dieser Fähigkeiten, daß ich Gelegenheit nehmen werde, einmal eine besondere Abhandlung davon zu schreiben. -

 

Frage: Ist Abdruschin ein Seher oder schöpft er aus fremden Quellen?

Antwort: Trotzdem diese Frage ja rein persönlich ist, also Neugier, und das Wissen darüber zu geistigem Aufstiege absolut nichts beitragen kann, will ich ausnahmsweise darauf antworten. Ich bin kein Seher in dem bekannten Sinne, schöpfe aber ebensowenig aus fremden Quellen. Beides habe ich nicht nötig. Auch entlehne ich von keiner Seite her, wie manche wähnen. Es ist kein Zusammentragen aus anderen Bestrebungen. Wenn Sie verwandte Klänge in verschiedenen alten und neueren Richtungen finden, so kommt dies lediglich daher, daß diese Wahrheitskörner in sich tragen. Solche müssen sich ja überall gleichbleiben und sich deshalb auch in meinen Vorträgen wiederfinden. Ich schöpfe selbst und stelle nicht zusammen! Wer sich nicht damit begnügen kann, der würde es auch nicht verstehen, wenn ich noch mehr erklären wollte. Ich will, daß man die Worte prüft und in sich aufnimmt, so weit man es kann; denn ohne eigene Überzeugung eines jeden Einzelnen hat es für ihn gar keinen Wert. Die Überzeugung aber darf nicht des Wortbringers halber sein, sondern muß aus der inneren Übereinstimmung mit dem Gesagten kommen! Das erwähnte ich ausdrücklich schon im Anfang meiner Vorträge, noch mehr, das fordere ich. Und dabei sind solche Fragen überflüssig. Wer überdies beim Lesen das Schöpfen nicht schon selbst empfindet, hat auch die Botschaft noch nicht ganz erfaßt. -

 

Frage: Wenn Abdruschin mit solcher Sicherheit das Rätsel von Konnersreuth erklärt wie in dem Ruf Heft 3 und 4, so kann er wohl auch sagen, wer diese Seele früher einmal war? Woraus ihr Karma stammt?

Antwort: Selbstverständlich. Daß ich darüber schwieg, liegt lediglich daran, weil ich bei sachlichen Erklärungen bleibe, und nichts in Persönliches hinüberziehe. Nur was zur Klärung einer öffentlichen Frage unbedingt notwendig ist, berühre ich dabei. -

 

Frage: Kann ein von einem Dämon besessener Mensch geheilt werden?

Antwort: Ein Mensch kann überhaupt nicht von einem Dämon „besessen“ sein! Das geht schon aus ganz natürlichen Gründen nicht; denn der Kern des Menschen ist Geist, ein Dämon aber Wesen, einst harmlos, doch durch Menschengeistwollen zum Dämon großgezogen. Und da Geist höher ist als Wesen in seiner Beschaffenheit, so vermag Wesen den Geist nicht zu verdrängen, auch nicht zeitweise, was bei Besessensein notwendig ist. Der Mensch kann aber dämonisch beeinflußt sein! Das ist ein großer Unterschied; denn zur Beeinflussung gehört ein gewolltes inneres Entge-genkommen des betreffenden Menschen, sei es nun hervorgerufen durch sein Handeln, also einen von außen nach innen wirkenden Vorgang, oder durch sein eigenes Wollen, irgend einem .Hang, den er sich angeeignet, also zur Eigenschaft gemacht hat in diesem Falle öffnet er sich zuerst innerlich diesem üblen Einflusse und wirkt dann beeinflußt nach außen.

Dämonisch beeinflußt sein kann also nicht ohne eigenes Wollen geschehen. Aus diesem Grunde wird auch eine Heilung oder Hilfe sehr erschwert. Der Zustand ist auch viel gefährlicher für den Menschen selbst und für seine Umgebung, da er berechnender, heimtückischer, vollkommen bewußt handelnd wirkt.

Ein Besessener jedoch ist von einem bösartigen, niederen, also dunklen jenseitigen Menschengeiste zeitweise oder dauernd richtiggehend „besessen“. Das heißt, der eigene Geist in ihm ist während des Besessen-seins zur Seite gedrückt und lahm gelegt, während der Eindringling Besitz von dem Körper und dessen Gehirnfunktionen nimmt, wenn auch nur teilweise. Das Tagesgehirn aber ganz. Dieses Verdrängen kann geschehen, weil der Bösartige auch Geist ist, also nicht Wesen, doch immer wieder auch nur dort, wo eine Handhabe dazu von dem eigenen Geiste gegeben wurde. Das kann durch vielerlei Art erfolgen. Entweder durch zu große Schlappheit, also Schlafmützerei des eigenen Geistes, oder bei Spielereien mit den sogenannten Jenseitigen, wie Tischrücken usw., sowie durch eine Menge anderer Geschehnisse, wie Schreck, Furcht, Angst, welcher Zustand für kurze Augenblicke die Kraft des eigenen Geistes lähmt.

Doch auch hierin gibt es wieder so zahlreiche Variationen des Vorganges, daß man dies nicht schematisch oder nur flüchtig beantworten kann. Ich müßte einen besonderen Vortrag darüber schreiben, und bringe heute nur die groben Grundzüge, welche den darum Fragenden ein rechtes Bild geben können.

Besessenheit ist leicht und schnell zu heilen. Natürlich nicht von Spiritisten, nicht von Geistlichen, nicht mit Beschwörungen und allem Ähnlichen, auch nicht von Teilwissenden - alles das hat nichts zu sagen in der Schöpfung -, sondern es muß in der Kraft eines dazu Berufenen liegen, die weit stärker ist als die aller dabei in Betracht kommenden bösartigen Geistern, die oft über riesenhafte Energie verfügen. Wie aber diese Bösartigen Zusatzkräfte aus dem Dunkel erhalten, so erhält ein reiner Geist in reinem Glauben Kräfte ans dem lichten Reinen zu der eigenen, im schlichtesten Gebete vor der Handlung. -

Besessenheit ist also schnell zu heilen, Beeinflussung viel schwerer. Man kann mit Sicherheit annehmen, daß sehr viele Menschen in den Irrenhäusern nur besessen sind, nicht krank. Natürlich gehen sie körperlich dabei mit der Zeit zugrunde; denn der Körper vermag diesen geistigen Überdruck nicht für die Dauer auszuhalten -

 

Frage: Wie kommt es, daß Christus nie etwas von der Wiederinkarnie-rung gesagt hat? Er hat auch nie vom Heiligen Gral gesprochen.

Antwort: Christus hat nur alles das gesagt, was die Menschen zu seiner Zeit wissen mußten, um geistig aufwärts steigen zu können, nicht mehr. Heute aber müssen die Menschen eingehendere Erklärungen haben, da sie sich ja als unfähig erwiesen haben, die Tiefe der Einfachheit in Christi gegebenen Gleichnissen und Bildern zu erfassen. Außerdem aber war das Abendmahl am Ende seiner Erdenzeit eine Gralshandlung. Doch diese Erklärungen sind von einer weitergehenden Art als es jetzt nötig ist. Was die Menschen heute zu dem Aufstiege brauchen, haben sie erhalten. Wer noch mehr wissen will, hat das bisher Gesagte nicht erkannt, ihm würde auch das Weitere nicht helfen können. - -

Abdruschin.

 

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Mitteilungen des Verlages:

 

Auf die verschiedenen Anfragen von Lesern, weshalb der Verlag nicht mit größeren Bekanntmachungen für schnellere Verbreitung der Gralsbotschaft wirkt, da doch sicherlich viele begeisterte Zuschriften darüber eingehen, ebenso durch Verbreitung von Buchbesprechungen, soll der Einfachheit halber hier geantwortet werden:

Die Zuschriften der Leser, welche die Abdruschin’sche Gralsbotschaft verstehen, sind immer an Abdruschin selbst gerichtet und so von ganzem Herzen kommend, daß es eine Profanierung edelster Empfindungen wäre, auch nur einen Satz davon für Verbreitungszwecke zu verwenden. Dieser Jubel erwachender und befreiter Geister gehört in seiner unberührten Reinheit nicht in die Verstandestätigkeit eines Büros zu geschäftlicher Verwendung. -

Besprechungen der Abdruschin’schen Vorträge lehnt der Verlag im Prinzip ab; denn die Vorträge haben die Eigenart, daß sie nur denen etwas geben und sagen, die fähig sind, sich wirklich zu öffnen, nicht denen, die nur glauben, sich öffnen zu können. Die Worte verlangen den ganzen Menschen oder lehnen ihn ab.

So „wohlwollend mitnehmen“ lassen sie sich nicht. Es wäre dies eine Beleidigung des ernsten Inhaltes. Das wird jeder Einzelne verstehen, der den Inhalt erfaßt hat. Andere aber vermögen es mit dem besten Willen nicht. Abdruschins Worte stellen Ansprüche an den „Geist“ des Lesers und des Hörers, deren Verstand kann zum Erleben des Inhaltes nicht genügen, sei er auch noch so groß. Und so ist es gewollt! Darin liegt bereits die Kraft einer unerbittlichen Scheidung.

Wieviel Buchbesprecher würden aber wohl sein, die mit dem Geist zu hören und zu lesen fähig oder gewillt sind?

Denken Sie sich das Buch in Händen, deren Inhaber flüchtig darüber hinweggeht und deshalb auch nicht einzudringen vermag! Oder der dogmatisch eingeengt ist in irgend einer Art, der vielleicht versucht, mit seinem bisherigen Wissen eine Sonde auszustrecken nach dem lebenden Kern der Vorträge. Was würde dabei wohl herauskommen!

Die Anfragenden wissen, welcher Wert darin enthalten ist, sie wissen aber auch, daß er gesucht sein will, zu Vieler Bestem auch gesucht sein muß! Das aber kann nicht Jedermann.

Außerdem will sich ja weder der Verlag noch seine ernsten Leser an einem Favoritenrennen beteiligen. Wir brauchen solches nicht.

Aus diesem Grunde wird der angeregte Weg vermieden. Ernste Schriften werden sich trotz der von hier gepflogenen Zurückhaltung zu rechter Zeit zu nähern und auch anzuschließen wissen. -

 

 

***

 

Die Aufmerksamkeit der Leser wird auf die diesem Hefte beigegebene Beilagen gerichtet: 1. Der Firma Dr. Theinhardts Nährmittelgesellschaft A.-G, Stuttgart-Cannstatt, über deren vorzügliche Erzeugnisse, und 2 über Werke des Herrn Erich Siegfried Müller in Kaiserslautern.

 


 Österreich und die 

Nachfolgestaaten:

 

Es wurde bereits mehrfach an mich das Ersuchen gerichtet, die Anhänger der Abdruschin'schen Gralsbotschaft in Osterreich in einer Organisation zu vereinigen. Bis nun habe ich solche Ansuchen mit Rücksicht auf die Erklärungen in Nummer 1 und 2 von „Der Ruf“ immer abgelehnt. Die Gralsbotschaft wendet sich an den Einzelnen, es muß sie jeder selbst erfassen. In Vereinen kommt es zu leicht dazu, der Versuchung zu unterliegen, die Worte des Verkünders zu interpretieren. Einer solchen Interpretierung bedarf die Gralsbotschaft nicht. Es ist, daher auch Nie-mand dazu berufen oder ermächtigt. Keine wie immer geartete Vereini-gung kann dem Suchenden mehr geben, als er aufzunehmen fähig ist, so weit also sein Erkennen reicht. Und nur er selbst muß seinen Weg aufwärts gehen.

Ebensowenig darf in solchen ernsten Dingen schädigendem Streber-tum Gelegenheit geboten werden, sich zwischen dem Lichtbringer und den ehrlich Suchenden als Mittler zu drängen, wie es in Vereinen meistens mit der Zeit geschieht, sodaß deren Wege zuletzt so verbogen werden, daß sie weit abweichen von dem ursprünglichen Ziele des Verkünders selbst, sich in dem Niederen verlieren, oft sogar in Dunkel führen statt zum Licht. Und alle Mitglieder folgen mit gutem Wollen dann ganz getreulich nach, ohne es zu wissen. -

Anders aber steht es um die persönliche Fühlungnahme der Anhänger der Gralsbotschaft in Österreich. Ich kann nicht leugnen, daß durch ein Näherkommen der Anhänger der Einzelne gefördert werden kann, aus dem gemeinsamen Streben zum Guten reichlich Gewinn und Stärkung zieht.

Nur aus dieser Erwägung heraus habe ich mich entschlossen, die Anhänger der Abdruschin’schen Gralsbotschaft in Österreich in einer losen „Freien Vereinigung zur Pflege der Abdruschin’schen Gralsbotschaft“ zusammenzufassen. Die Anhänger sollen nur in bestimmten Zeitabständen zu Erbauungsstunden zusammenkommen. Im übrigen wird diese „Freie Vereinigung“ gleichzeitig auch die Plattform für das österreichische Sekretariat bilden, das ja nunmehr schon zur dringendsten Notwendigkeit wurde.

Ich bitte daher alle Anhänger in Österreich, ihren Beitritt oder Anfragen bezüglich der Freien Vereinigung, sowie auch alle sonstigen Anfragen und Wünsche an die untenstehende Anschrift richten zu wollen.

Es sei aber nochmals darauf verwiesen, daß ich im Sinne Abdruschin’s jedwede allgemein üblichen Vereinsgebräuche ablehnen muß.

 

Josef Molnar

Leiter des Sekretariats der Abdruschin’schen

Gralsbotschaft

für Österreich und die Nachfolgestaaten
 Wien XVIII/2. Postamt 114.

 


 Mitteilungen aus verschiedenen Städten:

 

Stuttgart: Zu dem Vortrage Abdruschins am 26. September war der Saal im Hause des Deutschtums ausverkauft. Schon lange vor Beginn konnten Besucher keine Karten an der Kasse mehr erhalten. Für diese Vorträge Abdruschins ist es eine zu alltägliche Bezeichnung, wenn man von vollem Erfolge berichten wollte; denn es ist für ernste Menschen jedesmal ein nachhaltiges Erlebnis, seine Worte zu hören, die vollkommen außerhalb des Rahmens aller übrigen Redner stehen, weshalb auch niemals ein Vergleich gezogen werden kann. Noch weniger ist ein derartiger Abend mit den üblichen Ausdrücken zu schildern. Daß von Abdruschin wieder nur die höchsten Religions- und Lebensfragen in neuartigen Erklärungen behandelt wurden, ist man nunmehr gewöhnt, aber nach einem nahezu zweistündigen Vortrage schmerzt doch der Kopf; denn es bedarf der schärfsten Aufmerksamkeit, da dem Hörer kein Satz entgehen darf. Und jeder Satz bedeutet ... Extrakt, welcher erfaßt sein muß, wenn man mit in die höchsten Höhen menschlichen Begreifens folgen will, - Abdruschin macht es seinen Hörern nicht leicht, jedoch mit voller Absicht, wie er auf Befragen sagte, da er die Oberflächlichkeit verwirft.

Wien: Abdruschin spricht noch einmal in Wien! In dieser schlichten Einladung wurde darauf aufmerksam gemacht, daß ernsthaft Suchende den Verkünder der neuen Gralsbotschaft am 4. und 5. Oktober in Wien hören könnten. Und das genügte. Über 1800 Eintrittskarten wurden im Voraus bestellt! Der Saal war beide Abende überfüllt. Aus Steiermark, aus Oberösterreich, aus der Tschechoslowakei kamen Anhänger.

Mit einzigartiger Klarheit und Deutlichkeit zeigte uns Abdruschin am ersten Abend, wohin wir steuern, wenn wir lediglich den Verstand herrschen lassen. Nur wenn wir uns frei machen von der bisher unbe-schränkten Herrschaft des Verstandes - der Sünde wider den Geist - wird uns der Aufstieg möglich.

Den Höhepunkt brachte aber der zweite Abend. In atemloser Span-nung lauschten die Zuhörer den wuchtigen Worten Abdruschins. Hart und scharf räumte er mit mancher Lüge auf, und damit, daß der Kreuzestod Jesu Christus sozusagen programmäßig vorgesehen war, um Gott für alle Schlechtigkeit und Sünde der Menschheit zu versöhnen, und dieser alle Mühe zu ersparen. Eine bequeme Auslegung für Heuchler und Pharisäer! Bald kommt die furchtbare Abrechnung für alle Denkfaulheit der Men-schen in diesen wichtigsten aller Dinge!

Noch ist es Zeit zur Einsicht, klang es verheißend! Doch der letzte Wendepunkt ist da! Es gibt nur eine Wahl. Hier der Weg zum Licht, dort der Weg zur Vernichtung. Unser freier Wille kann darin entscheiden!

Mit festem Griff schleudert Abdruschin die in zwei Jahrtausenden sorgsam und mit viel Mühe errichteten Hindernisse hinweg. Er legt den Weg nach aufwärts für alle frei, die bereit sind, ihn zu gehen.

Nur langsam löste sich die Spannung, als Abdruschin geendet hatte, und aus tiefstem Herzen kommender Jubel brach sich bei Vielen Bahn.

Es war wieder ein Erlebnis für die Zuhörer, unter denen die Wiener alma mater stark vertreten war. Es dämmert doch schon hier in Wien!

J. Molnar.

 

 


 Mitteilungen aus dem Leserkreise

 

Der Komponist Herr Fritz Koenecke in München schreibt seinen Mitlesern:

Stützen

für Suchende, die die Wahrheiten und Lehren Abdruschins in ihrem Inneren und äußeren Leben verwirklichen wollen. -

Prüfet in allem Euerem Denken und Tun, wo der Ausgangspunkt liegt.

Dreifach wandelte Lucifer (oder das falsche Prinzip) Göttliches in sein Gegenteil

1. Den göttlichen Willen - in Eigen-Wollen

2. Die göttliche Wahrheit - in Eigen-Wissen

3. Die göttliche Liebe in Eigen-Liebe.

Wer durch das Wesenhafte hindurchgedrungen ist und den Hauch seiner geistigen Heimat in sich spürt, gewinnt von selbst die Sicherheit des Urteils, worin sein Wünschen, Wollen und Tun wurzelt. Und es gibt nur diese drei Quellen. Auf sie ist alles zurückzuführen. Wer noch nicht so weit ist, wer seinen Ur-Lebensrhythmus (der bei jedem Menschen individuell anders geartet ist, je nach den inneren Forderungen seines Lebens und dem Stand seines geistigen Fortgeschrittenseins) noch nicht ganz gefunden hat, aber strebend sich bemüht, auf die inneren Gesetze seines Seins zu achten, wird bald in sich eine fein reagierende geistige Waage entdecken, die ihm empfindungsgemäß ganz deutlich die Beschaffenheit seines Wollens, seines Wissens und seiner Liebe zeigt- -

Darum ist es nur nötig, besonders auch im alltäglichen Denken und Tun, in seinem Empfindungsleben diese Waage zu errichten und zu beobachten. - Sie reagiert feiner als die Scham. - Scham ist erst das letzte Sicherheitsventil, ein Schutz, den uns die göttliche Fürsorge mit auf die Lebensreise gab. -

Wer in seinem Denken und Handeln erst prüfend stehen bleibt, wenn die Scham in ihm aufsteigt, hat schon viel versäumt und kommt nicht rasch vorwärts. Auch Konzentration, Meditation usw. bringt ihn nicht schnell genug voran. -

Mitten im werktätigen Leben stehen mit dieser feinen Waage in sich, dann sind wir auf dem rechtem Wege. -

Es gibt zu den Wahrheiten, die uns Abdruschin vermittelt, zunächst nur ein Ganzes Ja zu sagen oder Nein. -

Sagt man Ja, dann ist das erste Gebot das Bewußtwerden dieser Waage in sich, die ganz deutlich bei allem Tun und Lassen entweder nach der negativen Seite Luzifers oder der positiven Gottes anschlägt und so uns zeigt, wie es mit der Beschaffenheit unseres Wollens - unseres Wissens - unserer Liebe bestellt ist. -

 

 

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 Buchbesprechungen

 

Von den neuen Denkmitteln der Philosophie. Von Friedrich Kuntze. 68 Seiten, broschiert Rm. 2.-. (Carl Winters Universitätsbuchhandlung, Heidelberg 1927.)

Das erste Heft dieses „in sechs Briefen an den Einzelnen und an die Philosophischen Arbeitsgemeinschaften“ gerichteten Werkes fällt sofort durch eine außergewöhnlich scharfe Systematik in der Anordnung des zu behandelnden Stoffes auf. Aber noch mehr, der bekannte Berliner Philo-soph hat es durch die Art seiner Darstellungsweise verstanden, das Gesamtgebiet der Philosophie. jedem Leser nahe zu bringen, gleichgültig, welche allgemeine oder spezielle Vorbildung er genossen hat. Ein Jeder findet in diesen Briefen gewissermaßen die Klangfarbe seiner eigenen Einfühlung, sodaß er sich nicht in fremder Sphäre, sondern sofort heimisch und angenehm angeregt fühlt.

Der Verfasser geht von der gesetzmäßig erfaßten Theorie des Seins und Geschehens in den exakten Wissenschaften aus, um von dieser über-zeugenden Basis allmählich zur echt philosophischen Betrachtung von „Theorie überhaupt“ überzuleiten. Er kommt so zu der Philosophie des Absoluten, losgelöst von dem Einzelfall im Realen.

Das Buch wendet sich nicht nur an den Schüler höherer Lehran-stalten, sondern an jeden Gebildeten. Es scheint auch, soweit sich dies aus diesem ersten der sechs Hefte erkennen läßt, mehr wie alle anderen bisher erschienenen philosophischen Werke geeignet zu sein, Klarheit und Verständnis in die neuen Denkmittel der Philosophie zu bringen. Denn nur dann, wenn erkenntnistheoretisches Denken in anregender und verständ-nisvoller Form dem Leser vermittelt wird, kann die Philosophie in ihrer Gesamtheit den Menschen näher gebracht werden. Der Erfolg wird aber sein, daß die werdende Generation kräftig aus dem blinden Taumel der Gegenwart herausgerissen wird und sich der emporschwingenden Kraft des Empfindens und Denkens zuwendet zum besten ihrer selbst und ihrer Epoche. Dem Verfasser gebührt daher Dank für seinen schönen Versuch, den er mit seinem neuen Werk unternommen hat. Mit Interesse darf man den weiteren fünf Heften entgegensehen. Es wird dann noch mehr über das Gesamtwerk zu sagen sein.

K. I.

Die Zwei und ihr Gestirn. Von Hans Sterneder. 330 Seiten, geheftet Rm. 4,50 Leinen Rm. 6.50. (L. Staackmann Verlag, Leipzig

Mit Vorsicht, sogar etwas Mißtrauen nahm ich das Buch, jedoch schon nach den ersten Seiten sah ich den großen Ernst, der es durchzieht und folgte sorgsam den darin gesponnenen Fäden. Was ich da fand, ist wert, den Suchenden empfohlen zu werden. Das Buch bringt nicht nur einen spannenden Roman mit glanzvollen Schilderungen interessanter Landstriche, sondern in dem Schicksale dreier Menschen als Mittelpunkt zeigt der Verfasser das große Mitwirken der Gestirneinflüsse für das Geschehen im Erdensein. Sorgfältig und mit großem Geschick und Wissen führt er den Leser durch lebendige Handlung ein in einige Arten des Hellsehens, zeigt dessen Entwickelung mit all seinen Leiden und Freuden so fesselnd und den menschlichen Empfindungen nahebringend, daß es nicht ermüdet, und verwebt unauffällig noch so manchen wertvollen weiteren Ausblick in das vielen Menschen unsichtbare Leben der feinen grobstofflichen Welt.

Besonders interessant wird vielen Lesern auch das Zurückgreifen auf ein früheres Erdenleben der Hauptperson sein, das eine Person des Romanes als Seher enthüllt. Das Beobachten der Schicksalsfäden zwischen einem Erdenleben und dem folgenden wird dadurch sehr erleichtert und muß vertieften Lesern viel zu denken geben.

Wenn die hier und da versuchten weiteren Ausblicke auch die scharfen Linien klarüberschauenden Wissens vermissen lassen, so sind doch die Schilderungen der näheren, vielen Menschen unsichtbaren Umgebung treffend, trotzdem sie nur einen ganz kleinen Teil davon wiedergeben. Aber gerade das macht das Werk in seiner fesselnden und unterhaltenden Art sehr geeignet, herauszuführen aus der Stumpfheit der heutigen Durchschnittsmenschen, erweckend zum Drange nach Mehrwissen. -O. E.

Jugendbücher. (Held Siegfried. Kriemhilds Rache. Deutsche Sagen. Klein Susel. Reinecke Fuchs. Was wir uns von den Pflanzen ergählt haben.) Von Franz Lichtenberger, broschiert je Rm. -.40, geb. je Rm. -.60. (Carl Marhold Verlagsbuchhandlung, Halle S.)

Mit seltenem Einfühlen in die Kinderseele hat der Verfasser diese Bücher geschrieben. Gerade für das Alter, für welches der richtige Ton, sehr schwer zu finden ist, und wofür auch sehr wenig passende Bücher vorhanden sind. Hier spricht nicht einer, der selbst dabei brillieren will, sondern der die Kinderherzen liebevoll belauscht hat und ihnen nun das gibt, was kräftig Wurzel fassen und emporblühen kann. Um das zu erreichen, macht sich der Verfasser im Erzählen selbst zum Kinde und trifft so in ungekünstelter Schlichtheit den rechten Ton, der durch den Gleichklang im Gemüt der Kinder guten Boden findet. Jede ungesunde Fantasie ist hier vermieden. Es geht durch alles eine Frische, die den besten Grund zu einem Neuaufbau der deutschen Jugend bietet, der so dringend nötig ist. - O. E.

Das gegenwärtige Problem der Gotik. Von Konrad Weiß. 52 Seiten, broschiert Rm. 2.40. (Dr. Benno Filser, Verlag, G. m b. H., Augsburg.)

Das 52 Seiten starke Heft ist die Niederschrift eines Vortrages, den der Verfasser vor 5 Jahren vor einem Kreis katholischer Akademiker gehalten hat. Diese zunächst weltanschaulich erscheinende Beschränkung zeigt sich in dem ganzen Buche in keiner Weise. Der Verfasser geht mit tiefem Ernst und eindringlicher Klarheit an ein Problem, das fast im Mittelpunkt unserer kulturellen und künstlerischen Zeitentwicklung steht. Das Problem der Gotik wird aufgerollt als ein entwicklungstechnisches, schöpferisches, als Ausdruck einer suchenden ans dem Innersten heraus gebärenden Zeit. Etwa im Gegensatz zu der Doktrin der vergangenen Zeit die allzuleicht Gotik mit Mittelalter verwechselte. Die Parallelen, die der Verfasser mit dem gegenwärtigen Expressionismus, der die Wurzeln seiner Daseinsberechtigung lange vor dem Kriege geschlagen hat, durch den Krieg aber zu rascher Entfaltung kam, zieht, sind durchaus einleuchtend. Gegenüber der oberflächlichen dekorativen Kunstgestaltung letzter Jahrzehnte mag der Verfasser die Mitwelt wohl aufrütteln, wenn er sagt: „Das Kunstwerk ist eine so schmerzliche und glückliche Ausgebärung aus dem allgemeinen Plane der Menschwerdung, eine Verspannung zwischen Gott und Erde, in deren Schnittpunkt eine heimliche Offenbarung deutlich wird, deren innerster zeitlicher Kern selber die Geburt des Logos aus der Fülle der Zeit als Regelung aller zeitlichen Distanz geworden und geblieben ist“.

Daß der Verfasser alle literarisch tonhaften und überschwenglichen Phraseologien vermeidet, ist ein unbedingter Vorzug dieses Buches. Trotzdem, ganz leicht zu lesen ist es nicht, wer aber sich Zeit nimmt und Nachdenken nicht scheut, wird einen großen Gewinn mitnehmen.

Im Anhang sind Nachgedanken über das bürgerliche Kunstproblem.

A. F.

 

 

Einzelnummer der Monatsschrift „Der Ruf“ 60 Pfennige. Abonnement auf

12 Nummern Mk. 6.-. Porto extra.

Schriftleitung und Verlag:

Oskar Ernst Bernhardt Tutzing / Zentrale der Gralsbotschaft

 

Bis jetzt erschienene Werke Abdruschin’s

Gralsblätter, Serie l, Heft 2-7

Preis pro Heft Rm. -.50

Hauptinhalt:

Heft 2: Verantwortung. Heft 3: Das Geheimnis der Geburt. Heft 4: Die Ehe. Heft 5: Der Mensch und sein freier Wille. Heft 6: Der Tod. Heft 7:  Das Geheimnis Luzifer

Auflage bis 35. Tausend

Im Lichte der Wahrheit

Neue Gralsbotschaft

272 Seiten

Kartoniert Rm. 6.- Ganzleinen Rm. 8.70 Volksausgabe Rm. 4.50

Auflage bis 13. Tausend

(In diesem Buche ist der Inhalt der Hefte Serie I mit enthalten)

________

Gralsblätter, Serie II, Nr. 1 u. 2 (Doppelheft)

72 Seiten stark Preis Rm. 1.50

Inhalt:

Ich bin der Herr, Dein Gott! Der Kreuzestod des Gottessohnes und das Abendmahl, u. a. m.

Auflage bis 6. Tausend

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Gralsblätter, Serie II, Nr. 3, 4 u. 5 (dreifaches Heft).

100 Seiten stark Preis Rm 2.-

Inhalt:

Die Sexualkraft in ihrer Bedeutung zum geistigen Aufstiege. Was trennt so viele Menschen von dem

Licht. Der große Komet. Grobstofflichkeit, Feinstofflichkeit, Strahlungen, Raum und Zeit. Der Irrtum des Hellsehens. Fleischkost oder Pflanzenkost. U. a. m.

Auflage bis 5. Tausend

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„Denkst Du daran?“

Bausteine aus Abdruschins Werken

Zusammengestellt von

Hofrat Professor Alfred Börckel

96 Seiten, geb. Rm. 2.-, brosch. Rm. 1.-

Ein für alle Gelegenheiten passendes Geschenk für Jung und Alt Prachtvolles Taschenbuch als praktischer Wegweiser durch das Leben

Verlag der Gralsblätter :-: Oskar Ernst Bernhardt

Tutzing (Oberbayern)

 



[1] *) Kann man hierbei noch das hohe Wort gebrauchen: „Volkes Stimme ist Gottes Stimme!“? Es wäre wie in vielem anderem Geschehen Gotteslästerung!

[2] *) „Das Gesetz der Wechselwirkung im geistigen und materiellen Geschehen“. „Der Ruf“, 1. Jahrg., Heft 3 und 4, Seite 129 ff. (1927).